ZUM GELEIT
Der unleugbare Aufschwung, den die Volkskunde als Wissenschaft in unsererZeit nimmt und der heute auch vom ärgsten Skeptiker nicht mehr verneint werdenkann, verlangt immer dringender nach einem verläßlichen Apparat für diesenForschungszweig. Eine einzelne Publikation kann dieses Verlangen nicht alleinbefriedigen; sie kann sich nur in die Reihe jener Kräfte wirksam einordnen, die hierschon am Werke sind und denen sich hoffentlich immer mehr und immer gutezugesellen werden.
Die F. F. Communications (Helsinki), die Quellen und Arbeiten der deutsch-böhmischen, schweizerischen und schlesischen Gesellschaften für Volkskunde, diezahlreichen wissenschaftlichen volkskundlichen Zeitschriften und Einzelarbeiten,die volkskundliche Bibliographie und die gleichfalls vom Verband deutscher Volks-kundevereine in Angriff genommene große Ausgabe volkskundlicher Handwörter-bücher, sie alle und noch manches andere stehen in jener geistigen Frontlinie, undsie alle sind Zeichen und Bürgen für das siegreiche Vordringen unserer Wissenschaft.Die hier vorliegende Publikation, die mit diesem Hefte ihren, wie wir hoffen,gesegneten Anfang nimmt, wird sich bestreben, ehrenvoll und nutzbringend injener Reihe zu bestehen. Ihre Notwendigkeit sehen die Herausgeber vor allem indem Bedürfnisse der zahlreichen, in den letzten Jahren an den deutschen Universi-täten errichteten akademischen Lehrstellen für Volkskunde. Es muß Arbeitsstofffür die volkskundlichen Übungen jener Institute bereitgestellt und vermehrt, undes müssen die vielfach noch gar nicht, vielfach aber nur in veralteten Ausgabenvorliegenden Quellen zur deutschen Volkskunde in einwandfreien und zudem leichtgreifbaren Publikationen zugänglich gemacht werden. Vor allem diese Erwägunghat die Unterzeichneten am Erlanger Philologentag im Herbst 1925 zum Entschlußvermocht, die hier beginnende Quellenreihe vorzubereiten. *
Die Hefte werden nun in zwangloser Folge, im Umfange bis zu sechs Bogenerscheinen. Eine zeitliche oder örtliche Beschränkung ist nicht in Aussicht genom-men, wohl aber sollen nur wirklich wertvolle und vor allem für die deutscheVolkskunde belangreiche Quellen aufgenommen und wohl soll deren Bearbeitungnur anerkannten Fachleuten anvertraut werden. Wie ja die Volkskunde überhaupt,so wird auch diese Quellenrcihe nicht bloß der eigenen Disziplin, sondern auchanderen Wissenszweigen, der Germanistik wie der deutschen Geschichte und Kultur-geschichte, der Religionswissenschaft, Soziologie und Völkerpsychologie wie derPhilologie im weitesten Sinne des Wortes, dienlich und wertvoll sein und manchesNeue bringen.
Und so entsenden die Herausgeber diese Qucllenpublikation in der zuversicht-lichen Erwartung, unserer und der deutschen Wissenschaft überhaupt einen rechtenund guten Dienst zu leisten, und knüpfen daran die Bitte um rege Mitarbeit von denVertretern aller einschlägigen Fächer.
Graz und Grcifswald, im März 1927.
Viktor v. Geramb. Lutz Mackensen.