Druckschrift 
Arabische Berichte von Gesandten an germanische Fürstenhöfe aus dem 9. und 10. Jahrhundert : ins Dt. übertragen u. m. Fussnoten versehen von Georg Jacob
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen
 

30 QAZWlNl

|S. 408] KORTONA (Cortona)Al-'Udhn sagt: Es ist eine große Stadt im Frankenlande, welche Leutebewohnen, bei deren jedem einzelnen die eine Gesichtshälfte weiß ist und zwarschneeweiß, während die andere Hälfte die gewöhnliche Farbe hat 1 ).

KERMÄLA (Kermaria)*)

ist ein Kastell im Frankenlande. AI 'Udhri sagt: Die Christen jener Gegend er-zählen, daß an diesem Kastell Schant (Sankt) Martin 3 ) vorbeikam. Da fiel ihnein Weib an, welches die Gattin eines Straßenräubers war; sie und ihr Mann raubtendie Kleider der Vorübergehenden. Da erhob sich das Weib wider den heiligenMartin; der aber gehörte zu denen, deren Segen und Fluch wirksam ist (musta-dschäb ed-da'wa)*). Da zog sie ihm die Kleider aus, indem er sich das von ihr ge-fallen ließ und sie hergab, bis sie ihm schließlich die Hosen nehmen wollte. Dabeiverfluchte er sie, und sie wurde sofort in harten Stein verwandelt. Er pflanzte dannin ihrem Munde eine Weinrebe, und die Rebe trägt Früchte, und jeder, der vonder Wurzel jener Rebe ißt, dem wird niemals ein Sprößling geboren 6 ).

DIE STADT DER FRAUEN«)

ist eine große Stadt mit weitem Territorium auf einer Insel im westlichen Meer.At-Tartüschi sagt: Ihre Bewohner sind Frauen, über welche die Männer keine

') Vielleicht war die obere Gesichtshälfte durch eine Kopfbedeckung vor dem Verbrennengeschützt gewesen.

*) Professor Bernheim (Greifswald):Kermaria, Chäteau im Dcp. Cotes-du-Nord, s. Viviende S. Martin, Nouvcau Dictionnaire de geographie universelle, spätere Form Körimel." BeiJoanne, Bretagne (Paris 1885) finde ich S. 205:La chapelle Kcrmaria-an-Isquit dtait au XIII« s.Tun des buts de pelerinage les plus frequentds de la Bretagne." Der Name bedeutet nach Zimmer:Kastell der Maria, Marienburg; das keltischeKcr", in Ortsnamen häufig, ist vulgärlateinischcastrum. Man beachte nun, daß der Artikel aus al-'Udhri stammt, und dieser sagt:die Christenjener Gegend erzählen". Al-'Udhri muß also von einem, der dort gewesen war, von Kermälaerfahren haben. Die Vermutung liegt nahe, daß dies at-Tartüschi war, dessen Route wir damitvon Rouen noch ein Stück weiter nach Westen verfolgen können. Der Umstand, daß auf andereGewährsmänner zurückgehende derartige Artikel sich nicht bei arabischen Geographen finden,bestätigt unsere Annahme. Die Festlegung einer Station in der Bretagne bietet einen neuen An-haltspunkt dafür, daß at-Tartüschi zur See um Frankreich herum nach Deutschland reiste.

*) So ist natürlich für .wöwo e»u£ (Scth zweimal) der Wüstcnfeldschen Ausgabe zulesen. " '

4 ) Es handelt sich um eine den Arabern ganz geläufige Ansicht, über die man namentlichGoldzihers Abhandlungen zur arabischen Philologie I, S. 27 ff. vergleiche, ferner Qazwini II, S. 73,Z. 2 v. u., Qaljübi ed. Calcutta 1856, S. 44/45 usw. Die Heimat dieses Glaubens ist vermutlichIndien.

6 ) Abendländische Belege für diese Legende habe ich bisher vergeblich gesucht. Vielleichtwerden die Acta Sanctorum der Bollandisten unter dem Martinstag, dem II. November, Einschlä-giges bringen; doch ist das Werk seit Jahrzehnten beim 3. November ins Stocken geraten.

') Vgl. de Goeje, der in den Verslagcn en Mcdedeclingen II, 9, 1880, S. 204, darauf hinweist,daß Otto dem Großen, den Ibn Ja'qüb als Quelle nennt, das Märchen durch seine Gemahlin,eine Großtochter Alfreds des Großen, übermittelt sein könnte. Möglicherweise liegt aber, da esschon in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts den Arabern bekannt war, nur ein Mißverständnisder Gesandten vor; wird doch Magdeburg im 3. Kapitel der Vita des heiligen Adalbert civitasvirginum, griechisch Parthenopolis genannt; vielleicht sprach Otto nur von dieser Stadt, welchedie Gesandten dann vermutlich nicht betraten. Lehrberg vermutete (Untersuchungen zur Er-läuterung der älteren Geschichte Rußlands, hrsg. durch Krug, St. Petersburg 1816, S. 150), daßdie Sage sich durch germanische Volksetymologie aus dem Namen Kwen- oder Quänland (Kainu-laiset) für Finnland entwickelt habe.