DER BRAUN SCHWEIGER LÖWE
Sicher das künstlerisch stärkste unter den uns gebliebenen Werken der Bronze-klasse ist der kolossale Löwe, den mit Anspielung auf seinen Zunamen HerzogHeinrich vor seiner Burg in Braunschweig im Jahre 1166 aufrichten ließ,ebenso merkwürdig durch die sachliche Aufgabe, wie ungewöhnlich durchdie Form ihrer Lösung. Ein rundplastisches Standbild, nach dem wir bisdahin als einzige Form das Relief kennengelernt haben. Von wundervollerAusdruckskraft die Führung des Umrisses, von hinten her aufsteigend unddann steil abfallend. Der romanischen Epoche, alle Kunstgattungen zusammengenommen, war der Löwe ein sehr geläufiges Tier. Man kannte es aus orien-talischen Geweben und orientalischer Kleinplastik und ahmte es in derselbenWeise, zeichnerisch und kleinplastisch, nach. Dem Braunschweiger Löwenstehen im Motiv am nächsten die liturgischen Gießkannen in Löwenform.Die steinernen liegenden Portallöwen tauchen, aus der Lombardei kommend,ein wenig später auf, übrigens in Norddeutschland zum erstenmal auch aneinem unter Heinrich des Löwen Protektorat stehenden Bau, der KlosterkircheKönigslutter. Nichts ist bezeichnender für die romanischen Künstler, alsdaß ihnen die Darstellung dieses in der Natur nie gesehenen, nur in ihrerPhantasie existierenden Wesens nicht das geringste Bedenken machte. DerBraunschweiger Löwe ist zugleich ein Abstraktum und doch strotzend vonLebensgefühl. Dieses ist nicht einem einzigen Modell abgewonnen, sondernder gesamte Niederschlag unendlich vieler Beobachtungen aus der Tierwelt,und zwar der heimischen. Dieser Löwe ist morphologisch kein Löwe, aber erhat den heißen Atem des königlichen Raubtiers; den Kopf erhoben, herrischdrohendes Gebrüll ausstoßend und die Hinterbeine in Sprungbereitschaftaufgestemmt — kein unwürdiger Abkömmling wahrlich des Löwen vonBabylon. Und zugleich hatte der Künstler seinem Herrn, dem Herzog, indie Seele gesehen; der konnte befriedigt sagen: dies bin ich. Seit den Hildes-heimer Bronzetüren war die Kunst doch gewachsen: das Grundbestreben hierwie dort Bewegungsausdruck, aber nicht mehr bloß eine einzelne drastischeGebärde, sondern von dem Zentrum des Bewegungscharakters aus die Formeinheitlich, groß und deutlich empfunden. Was verschlug es, daß der Meisternie einen Löwen gesehen hatte? Er wußte, wie ein Löwe aussehen muß.(Georg Dehio, Geschichte der deutschen Kunst, 1920.)
DAS GRAB KAISER FRIEDRICHS II
Das Merkwürdigste, was der Dom von Palermo enthält, sind die Särge derKönige aus dem Geschlecht der Normannen und der Hohenstaufen, hoch-wichtige Denkmäler der Geschichte Siziliens und zugleich unseres deutschenVaterlandes. Sie stehen in zwei Kapellen des rechten Seitenschiffes, würdigeund ernste Sarkophage aus schwerem blutrotem Porphyr oder aus Marmor,zum Teil unter kleinen porphyrnen Grabtempeln aufgestellt. Ich habe niefürstliche Grabmäler christlicher Zeit gesehen, die so großartig einfach undmächtig, gleichsam für ewige Dauer berechnet wären als diese. Selbst die
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