entwickeln sich beide so mit und durcheinander und bedingen sich so wesent-lich und unaufhörlich, daß jede Scheidung unmöglich wird, zumal bei derSpärlichkeit und Unverständlichkeit der Nachrichten. Für jetzt bemerkenwir bloß soviel: Die Blüte des städtischen Patriziats fällt überall in das drei-zehnte Jahrhundert; in dieser Zeit besetzt es die Schöffenstühle und dieVerwaltung und drängt die landesherrlichen oder kaiserlichen Beamten aufeinen kleinen Rest ihrer ursprünglichen Befugnisse zurück. Nun aber steigteine neue, im Laufe der Zeiten mit Notwendigkeit erwachsene Macht, dieGewerke (besonders die Weber), hinter dem Patriziat empor und stürzt das-selbe in den meisten deutschen Städten während des merkwürdigen vierzehntenJahrhunderts, in welchem alle jene reichen idealen Gebilde, die im dreizehntenJahrhundert ihren Gipfelpunkt fanden, in einem kräftigen, aber zersplittertenRealismus untergehen. Man vergleiche zum Beispiel Kaiser Friedrich II. mitKarl IV., das Rittertum der Kreuzzüge mit dem des vierzehnten Jahrhunderts,die großen hierarchisch-kaiserlichen Weltkämpfe um Ideen mit den deutschenFehden unter den luxemburgischen Königen, endlich den Minnegesang mitdem Meistergesang, die ideale Kunst des dreizehnten Jahrhunderts mit demeindringenden Realismus am Ende des folgenden — überall wendet sich derdeutsche Geist von großen gemeinsamen Bestrebungen zum Besonderen,Handgreiflichen, Verständigen in Staat, Kunst und Leben. (Jacob Burckhardt,Jakob von Hochstaden, 1843.)
DIE HERRSCHAFT DER DEUTSCHEN IN DEN OSTSEELÄNDERN
Ein volles Jahrhundert war seit der Gründung Lübecks durch Heinrich denLöwen verflossen. Festen und sicheren Schrittes hatte sich während dieserZeit die Herrschaft der Deutschen an den südlichen und östlichen Gestade-ländern des baltischen Meeres ausgebreitet. In Wegrien, Mecklenburg undPommern war die slawische Urbevölkerung bezwungen oder ausgerottet;trauernd beugte sich der unterjochte Wende vor seinen neuen Herren, densächsischen Ansiedlern, die scharenweise in seine Wohnsitze eingezogenwaren, um die verödeten Gegenden zu fruchtbaren Landschaften umzu-schaffen. Weiter östlich an den preußischen Küsten entfaltete sich immersiegreicher das schwarzweiße Ordensbanner des deutschen Ritter Staates, dersoeben durch die Einverleibung Livlands einen reichen Zuwachs an Machterhalten hatte und sich bereits zu neuen Kämpfen mit den heidnischen Litauernanschickte. Schon erklang deutsche Rede längs der ganzen baltischen Küsten-linie von der Travemünder Hafenbucht bis hinauf zu den revalschen Ufer-höhen, und während die Herren, Edlen und Ritter aus allen deutschen Gauenan die fernen nordischen Grenzmarken des Reiches zogen, um hier im Glau-benskampfe ihr Leben für die große gemeinschaftliche Sache des Vaterlandeseinzusetzen, entwickelte sich in den dort zahlreich neuerstandenen Städtenals bleibende Grundlage für die Fortgestaltung deutschen Lebens und deutscherGesittung das freie deutsche Bürgertum und städtische Gemeindewesen.Schon erhoben sich an allen Meeresbuchten und Strommündungen jenerbaltischen Uferlande die Städte und Ortschaften der betriebsamen deutschen
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