Druckschrift 
2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
Seite
116
Einzelbild herunterladen
 

veränderte. Scharf trennen sich im weiteren Verlaufe der Entwicklung diebeiden Vereinsgruppen, in deren einer der freie Wille die einzige Basis einerdurch ihn erst hervorgerufenen Verbindung ist, während in der andern dieExistenz oder Nichtexistenz der Verbindung unabhängig vom freien Willender Verbundenen und vielmehr durch etwas außer ihr sei es die natürlicheNotwendigkeit, sei es einen höheren Willen^ bestimmt ist, die besondererechtliche Form aber und damit die Möglichkeit rechtlicher Existenz vomfreien Willen abgeleitet wird. Ursprünglich war die Grenze beider Vereins-gruppen schwankend und blieb es in größerem oder geringerem Grade dasganze Mittelalter hindurch; doch aber gab es von vornherein zwei Genossen-schaftsformen, welche als Prototyp und Bildungsstätte je einer dieser Gruppenbetrachtet werden müssen. Für die einfache Form der gewillkürten Genossen-schaft nimmt diese Stellung zweifellos das altgermanische Gildenwesenein. Die Kombinierung der natürlichen oder gegebenen Grundlage mit derfreigewollten, bewußten Gestaltgebung aber vollzog sich zuerst in den Städtendes ii. und 12. Jahrhunderts, welche durch die Verschmelzung des altenMarkgemeindeprinzips mit dem neuen Einungsprinzip die ältesten deutschenGemeinwesen und damit gleichzeitig die Keime des deutschen Staates undder deutschen Gemeinde wurden. (Otto Gierke, Das deutsche Genossen-schaftsrecht, 1868.)

DEUTSCHE GILDEN

Das deutsche Mittelalter in seinem unendlichen Reichtum an Formen despolitischen und bürgerlichen Lebens gemahnt uns oft an einen Wald kräftigerjunger Stämme. Auf demselben Boden keimen zahllose unabhängige Exi-stenzen empor, die sich in ihren Wurzeln geheimnisvoll verschlingen, umdann auch über der Erde sich mit ihren Ästen und Kronen zu berühren undzu verflechten. Aber endlich steigen die wenigen Stämme von gewaltigererNatur über alles in die Höhe und entziehen den übrigen Luft und Licht.Ebenso ist im germanischen Europa der Staat endlich Meister gewordenüber all jene Independenzen; er bevormundet alles und zieht alles in seinenBereich, aber er sorgt auch für alles. Bisweilen in angstvollen Fieberträumensehnt er sich wieder nach dem frühern, kindlichen Zustande der Dinge zurück,aber es ist zu spät, und der Gang der Zeiten reißt ihn weiter mit Notwendig-keit gegen sein dunkles Ziel.

So hatte sich zur Zeit der Kindheit des germanischen Staates, als er nochnicht imstande war, die persönliche Sicherheit genügend zu schützen, dasVolk selbst eine Garantie derselben geschaffen, die Gilden. Tief im Innerstender Nation liegt der nie erlöschende, durch nichts zu hemmende Drang nachEinigungen und Verbindungen, und darum ist es auch unmöglich, den Zeit-punkt des Entstehens derselben anzugeben. Vom Staate selten aufgemuntert,meist mit Gleichgültigkeit oder als notwendiges Übel betrachtet, hie und daauch angefeindet, beleben sie unter den mannigfaltigsten Formen die Ge-schichte der deutschen Städte.

Von der jetzigen Bedeutung des Wortes Gilde, das heißt Zunft, müssen wir,als von einer abgeleiteten, völlig absehen. Es waren frei zusammengetretene

Il6