Druckschrift 
2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
Seite
66
Einzelbild herunterladen
 

Nationen sich dem altrömischen Kaisertum widersetzt und zu seiner De-struktion beigetragen haben, um jetzt einer neuen Gewalt zu verfallen, dieihren einzigen Impuls von den geistlichen Ideen entnahm? Noch einmalnämlich waren diese zu einer Ausdehnung und Kraft gelangt, daß es nichtanders schien, als ob die Besonderheit der Nationen und die innere Entwick-lung der Religion selbst in Gefahr geraten würden. Auf diesem Wege wärealles nur einer absoluten Priestergewalt unterworfen worden, worin der Be-ruf einer Welt, welche die Elemente und Reliquien des antiken Lebens insich schloß, nicht liegen konnte.

Da nun geschah es, daß aus der Mitte der germanischen Nation heraus einneues Königtum sich erhob, welches von dem unmittelbaren Einfluß desPapsttums und seiner Velleitäten sich losriß und der Idee des Kaisertums, dievöllig absorbiert worden zu sein schien, aufs neue Bahn machte.Dies war das Imperium Ottos des Großen. Es war dem altrömischen nichtzu vergleichen, es erreichte das karolingische bei weitem nicht. Aber es gabdoch der Idee einer höchsten, mit der Autorität verbundenen, in sich selbstunabhängigen Autorität in Germanien einen starken, unwiderruflichen Aus-druck. Es schloß die zivilisatorischen Institutionen des alten Imperiums insich ein und brachte sie zu neuer Geltung. Andererseits gehörte aber auchdas Übergewicht Roms dazu, die öffentliche Ordnung zu behaupten; undwenn deshalb auch zwischen dem Papsttum, das seinen überlieferten An-sprüchen treu blieb, und dem Kaisertum, das sich dem widersetzte, mannig-faltiger Zwiespalt entstand, so gab es doch in der elementaren Zusammen-setzung Momente, in denen beide notwendig zusammentrafen.Die Entstehung des deutschen Kaisertums, das heißt einer auf der innerenEntwicklung der deutschen Stämme beruhenden Ordnung, die durch die Aus-breitung der ottonischen Macht über Italien eine universale Stellung gewann,bildet das Weltereignis des 10. Jahrhunderts.

Man darf einen Augenblick hierbei stehenbleiben, um die Bedeutung diesesEreignisses zu überblicken. Es involviert die innigste Verbindung des deut-schen Gemeinwesens mit den universalen Interessen. Ein Gegensatz gegenByzanz lag darin nicht, vielmehr ein Antrieb zu enger Vereinigung mit dem-selben; denn nur in der Gemeinschaft beider konnten dem immer kecker vor-dringenden Islam Grenzen gesetzt werden.

Dieses germanische Imperium hatte keine durchaus unanfechtbare genea-logische Grundlage, aber insofern doch einen Vorzug vor dem karolingischenKaisertum, als jetzt über den Besitz des Imperiums durch das Erbrecht imdeutschen Königtum selbst entschieden wurde. Zudem hatte es eine andereArt von Oberherrlichkeit über die Nachbarn zu behaupten als das frühere:die Versuche der Christianisierung und Unterwerfung zugleich umfaßtenandere, über die früheren weit hinausreichende Regionen.Es war eine Reaktivierung der Idee des altrömischen Kaisertums, aber keines-wegs seiner Form. Vielmehr hatten sich in steten Kämpfen Verfassungs-formen ausgebildet, von denen die alte Welt noch keinen Begriff hatte. Esist auch hier nicht der Ort, auf das Lehnswesen näher einzugehen, welchesdem öffentlichen Leben überhaupt eine andere Gestalt gab. Aber mit einem

66