Was aber hat den Germanen der vorchristlichen Zeit die Gestaltung einergöttlich-heldischen Welt verwehrt? Warum wurde die Welt der Leiber vomGöttlichen nicht durchdrungen?
Bei den Nordländern stehen beide Welten noch lange nebeneinander, anfangssich nirgends berührend und erst in den Zeiten des ermattenden Götterglaubenssich leise nähernd: Beide Welten gleichermaßen dem Schicksal und seinemgeheimnisvollen Gespinst unterworfen, doch nicht miteinander durchglühtund aneinander gestaltet. Nichts deutet darauf hin, daß es bei den südlichenStämmen anders war.
So war der germanische Held schon in seinem Ursprung nicht Gestaltung undSinnbild oberer Götterkraft, er war nicht nach dem Bilde der Gottheit ge-schaffen: Er war der rein menschliche Kämpfer gegen die abgründige Un-gestalt, der richtungslos schweifende Vollbringer der menschlichen Tat. Nunaber fiel die Stunde seiner Geburt in die Zeit des großen Göttersterbens zwischenNord- und Mittelmeer und bis tief in die Länder Asiens und Afrikas, in dieZeit des Ergrauens und Dämmerns der hohen Fürsten des Alls, das erst diehellen Götter des Olymps hinsinken ließ und mit dem verwesenden, aberrings die Länder durchdringenden römischen Reich auch alle anderen Götterder Erdteile, welcher Stufe immer sie angehörten, ergriff, in die Zeit jenerGötterdämmerung, jenes Fimbulwinters, der die eben damals entstehendeGötterkunde der Germanen durchdrungen und damit dem ganzen Himmeldieser Zeitenwende sein geheimnisvolles Gepräge, seinen Untergangsschauerverliehen hat.
Weniger die neue Religion des Geistes, des unsichtbaren Gottes war es, diedas alte Fühlen brach, als dieses rätselhafte Ergrauen der Götter. Denn keinlebendiger Gott weicht einem fremden: er bekämpft ihn oder wandelt sichim Blute des fremden zu neuer Gestalt. Hier aber starben die Götter, undnur in den schaurigen Nachklängen von Sturm und Feuer, wie in einemletzten Aufruhr der empörten Elemente, geisterte, was einst aus ihnen zur Gott-gestalt gerundet worden war, nun losgebunden über die germanische Erde hin.Wundern wir uns nicht über dieses Schicksal: selbst in den marmornenTempelstätten an den Ufern des Mittelmeeres, wo der Dienst der Götterjahrhundertelang den gleichen heiligen Boden mit Opfern getränkt, mitSpenden geschmückt, die Luft mit Gebeten und Weihrauch erfüllt und ge-schwängert hatte, selbst dort erblaßte das Gold der Olympier, ermatteten dieFeiern, erlahmten die Spiele:
Nichts leugnen will ich hier und nichts erbittenDenn wenn es aus ist und der tag erloschenWohl trifft's den priester erst, doch liebend folgtDer tempel und das bild ihm auch und seine sitteZum dunklen land und keines mag noch scheinen.Nur als von grabesflammen ziehet dannEin goldner rauch, die sage drob hinüberUnd dämmert jetzt uns zweifelnden ums hauptUnd keines weiß wie ihm geschieht.