merkwürdige Wasser, und ließ sie von der Hellen, kristallenen, frischen Fluch einen Trunk thnn,den er mit einem Glase schöpfte. Er zeigte ihr am Tage hinüber die Bäume, die Blumen, ererklärte ihr die Farben, was namentlich ein ganz Neues für sie war, und was sie beim Nach-sagen nicht nur durcheinander warf, sondern auch ganz unrichtig anwendete, insbesondere wennFarben und Klänge zugleich sich in ihrem Haupte drängten. Zwischen den Gräsern waren oftThierchen, die er ihr zeigte, und wenn ein Vogel durch die Luft strich, suchte er ihre Augenans ihn zu lenken. Auch das Gehen mußte er ihr erst beibringen und angewöhnen, wenn sieso von dem Garten weg auf den Anger des öden Thales hinauswandelten; denn sie griff denBoden gleichsam mit den Fühlsädcn ihrer Füße, und getraute sich nicht die Spitze schnell undsicher vor sich in das Gras zu setzen, weil sie nicht wußte, wie groß oder klein der Abgrundzwischen diesem und dem nächsten Tritte sei, wodurch es kam, daß sie jetzt im Sehen weitunsicherer ging, als früher in der Blindheit; denn da hatte sie den Fuß jederzeit im Bewußtseindes festen Bodens, den sie bisher immer gegriffen, vorwärts gestellt, und hatte nicht gewußt,welche ungeheure Menge von Gegenständen auf dem nächsten Schritte liege. Ditha hatte anallem, was sie sah, Freude, schaute immer herum, und bewunderte insbesondere das Haus, indem sie wohnten, .das einzige merkwürdigste Ding dieser Art, das sie auf dem öden Grundedes Grases erblickte. Sie wollte beinahe nicht in die Stube gehen, daß sie das Blau desHimmels, das ihr besonders gefiel, und das lange immer fortgehende Grün des Grundes nichtverliere. Sie' schaute in Einen: fort, und begriff nicht, wie ihr ein Baum, ein Stück Mauerdes Gartens, oder ein flatternder Zipfel des Gewandes ihres Vaters gleich einen so großenTheil der Welt nehmen könne, und wie sie mit der kleinen Hand, wenn sie sie unter die Stirnelege, gleich alles, alles bedecke.
Der Abend kam wie am vorigen Tage mit Erschöpfung in seinem Geleite, und der Vaterschläferte die' Tochter wie gestern ein, um morgen in dem begonnenen Geschäfte fortzufahreu.
Abdias gab nun den Handel, den er die Zeit her so eifrig betrieben hatte, auf, undbeschäftigte sich blos mit Ditha, sie in dem neuen Reiche des Sehens fort zu führen.
Was den andern Eltern weit auseinander gerückt, gleichsam in Millionen Augenblickeverdünnt erscheint, das wurde ihm jetzt gewisser Maßen auf einmal zugetheilt. Eilf Jahrewaren Ditha's Augen zugehüllt gewesen, eilf Jahre war sie aus der Welt gewesen, und hatteauf das Sehen warten müssen, nachdem ihr diese Welt schon auf einer andern Seite, auf derSeite des engen, dunkeln, einsamen Tastens war zugetheilt gewesen: aber wie man von jenerfabelhaften Blume erzählt, die viele Jahre braucht, um im öden grauen Kraute zu wachsen,dann aber in wenigen Tagen einen schlanken Schaft emportreibt, und gleichsam mit Knallenin einem prächtigen Thurm von Blumen aufbricht: — so schien es mit Ditha; seit die zweiBlumen ihres Hauptes anfgegangen waren, schoß ein ganz anderer Frühling rings um sieherum mit Blitzesschnelle empor; aber nicht allein die äußere Welt war ihr gegeben, sondernauch ihre Seele begann sich zu heben. Gleichsam wie die Flatterflügel wachsen, daß man sie
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Stifter, Abdias.