Calvin. 5
und die päpstliche Auslegung unbiblischer Dogmen nicht länger als authentisch zu re-spectiren.
Eben dadurch war er zum Aufsuchen anderer dogmatischer Sätze für die so unentbehr-lich scheinende Rechtfertigung vor Gott durch stellvertretende Genugthuung gedrungen.Und da Luther sich dabei, vermöge seiner Erziehung in einem Augustinerorden, vornehm-lich an des großen antipelagianischen Kirchenvaters Augustinus nicht moralisch, sondernjuridisch modificirteTheorieen von Zurechnung der Erbsünde sowohlals der absoluten Gnade Gottes hielt, so veranlaßte dies auch den Calvin, inAllem, was mit der Prädestinationslehre zusammenhängt, mit dem individuellen Augu-stinismus Luther's rigoroser zusammenzustimmen, als es in der Folge bei den LutheranernDeutschlands symbolisch und kirchlich orthodox geworden ist.
In Frankreich wird nur allzu oft das Religiöse, wenn auch nur zum Schein, in diepolitischen Aufregungen dieses leicht beweglichen Volks gemischt. Geschieht dies, so wird,weil die an äußern Pomp des Cultus als an eine Modesache sich gewöhnende Mehrzahl derNation eine glänzend figurirende Hierarchie gern anstaunt, jeder Versuch einer prunk-loseren Religionsform nur von den sentimentalen Freunden einer einfacheren Gottandäch-tigkeit mit stillerer Begeisterung geliebt, von der unbefriedigten Menge aber nicht blosmisgeachtet, sondern auch allzu oft mit rohem Widerwillen zurückgestoßen. Margarethavon Valois, die einzige Schwester Königs Franz I., bis 1525 an den Herzog vonAlenyon, 1527 aber an den König von Navarra vermählt, war durch ihre Geisteskräfteeine fähige Freundin neuer Forschungen und unbeschränkterer Einsichten. Sie, die Ver-fasserin des Heptaemeron, wurde doch auch eine wißbegierige Leserin der Bibel, ließ sichgern wegen der Räthsel über Gott und Seelenunsterblichkeit in Religionsgespräche ein undbeförderte die für Philosophie und Geschmack förderlichen Studien. Auch der Lehrer desCalvin (und Beza), Volmar^)', welcher insgeheim Lutheraner gewesen sein soll, wardurch sie als Professor der griechischen Sprache nach Bourges gekommen. Und durch die-sen wurde der zur Kirchenreformation geneigte Calvin auch ihr bekannt, während bereitsdie Sorbonne, als pedantische Vertheidigerin hergebrachter Lehrmeinungen, und noch mehrdie mächtige Hofmagnatenpartei der Guisen, nach der Macht, den Regenten zu regie-ren , trachtend, in dem Vorsatz, den der Reformation in Staat und Kirche ergebenenTheil des Adels und der Gelehrten im Namen Gottes zu verfolgen, übereinstimmte.
Schon von Bourges aus hatte Calvin im benachbarten Linerie akatholisch gepre-digt. Nach des Vaters Tode ging er nach Paris und machte für sich tiefere theologischeStudien auch durch das Hebräische und die älteren Kirchenväter. (Kenntniß des Syri-
Reformation aus Wissenschaft und Gemüth, nebst Sammlung der auf Luther's Anwesenheitzu Heidelberg sich beziehenden Urkunden". (Heidelb. >817. 4.) S. 94. No. XU. In dieserDarstellung ist zugleich gezeigt, wie Vieles von dem Wesentlichen seiner Kirchenreformationaus seinem schon vorher glücklich begonnenen Kampf gegen den Scholasticismus her-vorging und wie er deswegen auch in der Geschichte der Philosophie als nega-tiver, praktischer Reformator unvergessen sein sollte.
3)6rusius in Xnnslium 8uevicvrum voäecss IH. (k'rsncok. 1596. kol.) bemerkt1,. IX. p. 508 zum Jahre 1497: „Xstus sst Kotvilse 51 sie KI» r Volmsriu».8tn<iiis stism?arisiis opersin cksckit. Inter centum ms^istros ckesignstos primum locuinobtinuit. Doctor Huris svssit. 6rsece et Istine 1 n d i n § s e üocuit. I'snckem Isnsinprokoctus idi 1561 obiit. Aum Jahre 1556 bemerkt 1,. XII. p. 697: „IVIsIvliiorVolmsrus Hizkus, gui grsecss st Istins» literss pro clucentis korenis per annumliocuerst utiliter, senio morbisgue eonisctus, missionein petsns s 8enstu ilcsckemico, con-secutus est ckscretis lidersliter ei, nt optime äe scdols msrito, ln relignum vi-tse tempu» guotsnn!» centum klorenis." Calvin dedicirt ihm Llensvae, 6sl. Xuxusti >546,seinen Commentar zum 2. Brief an die Eorinthier, als einem, von dem ruäimentis (xrss-cse linguse) kui imdutu«, guss midi msHori postes säHumento korent, mit dem Beisatz, daßV- ihn wohl weiter geführt haben würde, wenn nicht der Tod von Calvin's Vater das Stu-dium unterbrochen hatte. Davon, daß Calvin, wie Moreri behauptet, durch Volmar zuakatholischen Ueberzeugungen veranlaßt worden sei, ist in dem ganzen Ton dieser Dedi-cation keine Spur. Sollte dies nur aus Vorsicht, um Volmar keiner Gefahr auszusetzen, soganz umgangen worden sein?