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Calvin.
schen scheinen seine Lobredner ihm, wie man aus dem Schluß seines Commentars über denersten Brief an die Corinthier^) folgern muß, zu freigebig zuzuschreiben!) Da der nurdurch Tradition und patristische Auctoritäten gegebene Theil der Kirchenlehren durch die ?Früchte, welche sie trugen (durch Herrschsucht des hohen und Genußsucht des niedern Cle-rus, durch Verwandlung der Religiosität in Ceremonienwesen, durch leichte, bezahlbareSündenvergebung u. dgl.), sich allgemein verdächtig machte, so begriffen die Selbstden-kenden wohl, daß sie, um zu dem ursprünglichen Zweck und Inhalt des Christenthumsden Weg zurück zu finden, sich unmittelbar an das Bibel lesen halten müßten. Nochallzu wenig aber konnten auch die Aufgeregtesten bemerken, wie viel der angewohnten, längstgeheiligten Vorurtheile sie zu ihrem Bibellesen mitbrachten. Daß Ablaß, Vertrauen aufHeiligenverdienst, Werkheiligkeitohne Heiligung der Gesinnung, daß eine Oberherrschaft derrömischen Mutterkirche mit all ihrer weltlichen Gestaltung nicht in dem Bibelwort zufinden sei, war leicht klar. Was aber sollte an die Stelle der wegfallenden Lehrmeinun-gen und Kirchengesellschaftsordnungen gesetzt werden? Dieses Aufbauen war weit schwe-rer als alles Wegräumen. Luther nahm meist Augustinus zum Führer. Schlichter,gesunder Verstand und bänglicher Mysterienglaube kämpften in ihm oft mit sehr ungleichemErfolge. Zwingli, der republikanische Schweizer, war mehr Kenner der Menschen,wie sie sind, und praktischkluger Lehrer des Menschlichwahren. Calvin kam zu seinemBibellesen mit absolutistischen Begriffen von Gott nach justinianisch-despotischem Kirchen-recht und mit Vorurtheilen über das Grundverderben aller menschlichen Kräfte, so,daß ersogar Augustin's Theorie von der Gnadenwahl durch unbedingte Reprobation der Gott-misfälliqen erbarmungslos überbieten zu müssen meinte.
Scharfsinn, Beredsamkeit und Eifer machten ihn, den Jüngling, auch zu Parisbald so ausgezeichnet, daß die Verfolger schon jetzt ihn gefährdeten. Gegen diese konntees wenig wirken, daß er, vierundzwanzigjährig, 1533 seines Lieblingsautors, Seneca,Schrift lle Olenienti» geschmackvoll commentirte. Zwischen diesem Jahre und 1536ist er unstätt, bald zu Paris, bald auf der Flucht nach Basel, bald als Familienlehrer aufdem Lande.
Von Straßburg aus wendete er sich durch den ersten (leider! in seiner ersten Gestalt 'nicht mehr bekannten) Entwurf seiner inslitntio ckristiunae relix-ionis als Apologetan den feiner gebildeten, aber entnervten und endlich doch bis zum Ketzerverbrennen pfäfsischbethörten Franz I., um die damals gebrauchte diplomatische Ausflucht, wie wenn man nurWiedertäufer und Schwärmer als Hugenotten verfolgte, dadurch abzuschneiden, daß erin seiner die mittelalterlichen Dogmen kurz und trefflich widerlegenden Präfation unddann durch eine beredte und logicalisch konsequente Darstellung seine im strengsten Sinnantipelagianischen Religionsüberzeugungen den Verfolgern vor Augen stellte.
Wir bemerken diese Lebenserfahrungen, welche Calvin so frühzeitig machen mußte,weil es um so auffallender und fast unbegreiflich wird, wie ein selbst so vielfach verfolgterHeterodoxe bald nachher selbst zum unerbittlichen Verfolger dessen, was ihm ketzerischschien, werden konnte. Dahin führte die unglücklich anmaßliche, durch Temperamentund Dialektik hervorgebrachte Selbstüberredung von alleinseligmachendem Rechthaben überdie subtilsten Lehrgeheimnisse. Beza, Calvin's Geistesvertrauter, meint in dessen Lebens-beschreibung (s. IVIelck. ^klami vitaa tiievlo^or. exterornm. 1653. 8. p. 67): „KönigFranzi., viel besser als seine Nachfolger, ein Gelehrtenfreund und scharfsinniger Beur-theiler, hätte durch Calvin's Zuschrift überzeugt werden müssen, wenn des Königsund der französischen Nation Sünden, denen schon der Zorn Gottes enahe gewesen, es zugelassen hätten, daß er, der König, jene Vorstel-lungen hörte oder las". Nur wer dergleichen absolutistische Prädestinationsbegriffeins Leben überträgt, kann voraussetzen, daß, was seine Verfolger thaten, sie zu ihrem
4) Wer nicht wußte, was Maran atha bedeute, muß vom Svrischen Nichts, und wersich bereden ließ., daß Maharamatha soviel als Maran atha sei, muß vom Hebräischen Wenigverstanden haben. Calvin deutet auch alles orientalisch Gedachte nach vccidentalischer Buch-stäblichkeit.