Dalberg. 655
Sieg endet, der das Gesetz giebt und über das Recht erkennt. Die ruhige Nachwelt ist oftnicht billiger als die bewegte Gegenwart, weil sie die Entscheidung dieser nicht prüfen kann,oder auch nicht prüfen mag. „Die Stellen, welche die Nachwelt anweiset", sagt darumMontesquieu, „hangen wie die übrigen von den Launen des Glücks ab. Wehe demRufe eines Mannes, der einer Partei unterliegt, welche die herrschende wird, oder der esversucht hat, ein Vorurtheil zu zerstören, das ihn überlebt!" — Eine große Wahrheit,durch welche die Geschichte so oft zur Lügnerin geworden ist! Die aber, welche in wahreroder nachgeäffter Begeisterung für Deutschlands Wiedergeburt, wie sie dieselbe erstrebenwollten, Dalberg als einen Abtrünnigen von unserer heiligen Sache verlästert und seinepolitischen Täuschungen zu Verbrechen entstellt haben, mögen ihn nun billiger beurtheilen,nachdem sie ihre Täuschungen erkannt und dieselben auch von Unbilligen als Verbrechengebrandmgrkt sahen, wenn es anders wahr ist, daß eigene Verirrungen uns nachsichtigergegen die Anderer machen.
Die schönsten Züge in Dalberg's edlem Charakter bilden seine Menschenliebe,seine Wohlthätigkeit, seine freundliche Duldung und Nachsicht mit den Schwächen seinesNächsten. Sein religiöser Glaube, dem er mit aufrichtiger Frömmigkeit ergeben war,ließ ihn immer gerecht und mild gegen Andersglaubende, und alle Confessionen hatten sicheiner gleichen Behandlung von ihm zu erfreuen. Er war ein Christ in dem Geiste des wahrenChristenthums, wie es der Erlöser in seinem Leben durch Wort und Thal gelehrt, und zumHeil unseres Geschlechtes verstanden wissen wollte- „Thut Andern nicht, was ihr nicht wollt,daß sie euch thun", war sein erstes und heiligstes Gebot, das sein Jünger Johannes,der ihm am ähnlichsten war, durch die Vorschrift erklärte: „Ihr sollt euch lieben, Einerden Andern." Unter allen schönen Charakteren der Kirche steht Dalberg vielleichtFenelo n am nächsten; wie dieser hatte er das Christenthum mit seiner ganzen freund-lichen Milde, mit seiner ungetheilten Menschenliebe als seinen heiligsten Beruf erkannt.Setzte die Strenge einer dogmatischen Vorschrift ihn in Widerspruch mit dem Wohlwollenseines Gemüths, dann suchte er eine Auslegung, die dieses befriedigte. Mit der Taubevon Cambray, wie man Fenelon nannte, hatte er eine größere Verwandtschaft als mitBossuet, dem Adler von Meaux, und wir ehren und lieben ihn darum nur inniger..Zeitliches Gut hatte für ihn nur Werth, wenn er es zum Beistand Hilfsbedürftiger ver-wenden konnte. In seiner Lage oft selbst arm, unterstützte er die Armen- Wie weniger an die Vergrößerung des eigenen Vermögens dachte, beweiset der Umstand, daß er beiseinem Tode nur 4417 Fl. hinterließ, und der Werth seiner Mobilien, die um einen ho-hen Preis versteigert wurden, nicht über 4428 Fl. betrug.
DaßDalberg seine Schwächen hatte und ihnen menschlich unterlag, bezeugt seinöffentliches Leben, das wir weit entfernt sind, von allem Tadel frei zu sprechen. Da ihmjene durchgreifende Stärke des Charakters fehlte, durch die er sich folgerecht in seinem Be-nehmen geblieben wäre, so suchte er fremden Einfluß von sich abzuweisen, um sich selbstimmer gleich und treu zu sein. Das Gefühl dieser Schwäche machte ihn oft eigensinnigund gerade dadurch zum Opfer dieser Schwäche. Der Einwirkung bedeutender Männerund hoher Stellen, die den Regenten nicht selten misbrauchen, entzog er sich, um sich derversteckten Leitung ihm unverdächtiger, untergeordneter Personen hinzugeben. Die Er-fahrung ist nicht neu, daß ein Fürst dem Ralhe seines Ministers voll Mistrauen wider-strebt und einem Einfalle seines verschmitzten Kammerdieners folgt. Es begegnete Dal-berg, daß man ihm zeigte, wie er bei einem übereilten Entschlüsse zu seinem Nachtheilbeharre, und dann pflegte er zu sagen: „Hat man das Pferd gesattelt, dann muß man esauch reiten." Wies man ihm nach, daß er eine eingeschlagene Bahn verlasse und mit sichin Widerspruch zu kommen Gefahr lause, dann rechtfertigte er sich mit der Bemerkung:„Wie! Sollen wir nicht fortschreiten, eine gemachte Erfahrung benutzen und täglich klügerwerden?" Dalberg war fromm und diese Frömmigkeit, die er bei der Ausübung sei- ,nes Priesteramts zeigte, hatte für den Gläubigen etwas wahrhaft Rührendes. Es gabMenschen, die diesen festen Glauben bei einem Manne nicht begreifen konnten, der an Auf-klärung und Bildung unter den ersten seiner Zeitgenossen stand, und doch als wahrer Ka-tholik dem herrschenden Geiste seiner Zeit nicht angehorte. Hier galt daS für beschränkte