Dalberg. 651
früheres Benehmen, das freundliche Verhältniß, in welchem er, wie man glaubte, mit
i Napoleon stand, besonders die höchst auffallende Ernennung des Eardinals Fesch zuseinem Nachfolger, schienen diesen Verdacht zu rechtfertigen. Der ganze Haß der Deut-schen warf sich auf den Deutschen, der an dem Vaterlande zumVerräther geworden seinsollte. Er war es indessen nicht; es liegen unwidersprechliche Beweise vor, daß die Fre-velthat, das Werk der Finsterniß, auch im Finstern, ohne sein Wissen vollendet wordenwar. Es überraschte ihn, den man so strafbar fand, nicht weniger als seine Richter, dieihn voreilig verdammten. Er zeigte sich sogar entschlossen, der Rheinbundsacte nicht bei-
- zutreten und ihr seine Unterschrift zu versagen. „Was wird Deutschland", ries er schmerz-lich ergriffen, „waS wird die Welt von mir sagen, wenn ich diesem Bunde beitrete, derDeutschlands Verfassung vernichtet!" Man wußte ihm alle Bedenklichkeiten auszuredenund sogar die Pflicht begreiflich zu machen, sich der gebieterischen Nothwendigkeit ohneWiderstand zu fügen, wenn er nicht sich selbst verderben und das Unglück vergrößern wolle.Dalberg gehörte nicht zu den Charakteren, die, nach Römerart, Starkes zu thun undStarkes zu ertragen fähig sind. Und wenn er ein solcher Charakter gewesen wäre, waSkonnte er, wie die Sachen damals standen, zur Rettung Deutschlands thun? Zur Ret-tung Deutschlands, Nichts; zur Rettung seiner Ehre, Alles, ist die leichte Antwort.Schwelgen konnte ec und dulden. Zur Zeit, da vielleicht noch günstige Wechselfälle mög-lich waren, hatte er seine deutschen Mitstände zur Eintracht und Einheit, zum festen Zu-sammenhalten, zur gemeinschaftlichen Anstrengung, einen ehrenvollen Frieden zu erlan-gen , aufgefordert. Wer hat auf ihn gehört? Deutsche hatten Deutschland zerrissen undgetheilt, mit oder ohne fremden Beistand, das alte Band gelöst, das den gebrechlichenReichskörper noch schwach zusammenhielt. Was konnte, was sollte Dalberg thun?Durch erfolglosen Widerstand die Uebermacht reizen und erbittern und, wie der männliche„Namens Stein", landesflüchtig eineFreistätte in der Fremde suchen, oderwie PiusVll.
- und der spanische Thronerbe sich in französische Gefangenschaft begeben? Das konnteer; er that es nicht. Was aber haben Größere und Mächtigere als ergcthan? Wasward von den ersten Staaten Deutschlands zur Rettung Deutschlands versucht ? An wensollte Dalberg sich anschließen, der ihm Beistand verheißen hätte? Wir rechtfertigensein Benehmen nicht; doch wo ist der strenge aber gerechte Richter, der ihn verdammenund Schuldigere als er war freisprechen könnte ? Es sollte endlich dahin kommen, daßPreußen, dem man eine frühere Schuld seines spätem Benehmens wegen gern vergab,sich vor dem Sieger beugte und seine Entwürfe zu begünstigen sich entschließen mußte; daßKaiser Franz den Frieden mit dem eigenen Kinde nicht zu theuer zu kaufen fürchtete; daßselbst Alexander bis nach Erfurt dem Manne zum Besuche entgegenkam, den er keinBedenken trug seinen Freund zu nennen. Und war es so unnatürlich, diesem Manne, dereine große Laufbahn so groß begonnen, für Freiheit und Recht und Völkerglück in den Ge-filden Italiens, auf dem Boden Aegyptens und vor den gesetzgebenden VersammlungenFrankreichs, in den Schlachten so muthig gefochten und in dem Rathe so männlich schöngesprochen hatte, großmüthige Gefühle für die Völker und die Menschheit zuzutrauen?Hat Dalberg, menschenfreundlich und wohlwollend wie er war, sich in den Hoffnungen,die er auf Napoleon für Deutschland gründete, getauscht, dann theilte er die Täuschungwenigstens mit der Mehrzahl seiner Zeitgenossen. Mit Widerwillen sah er die Rhein-bundsacte ins Leben treten; sobald sie aber als Grundgesetz erkannt und angenommen war,
s hielt er es für seine Pflicht, ihren Vorschriften nachzukommen, wie es Gewissen und Ehreihm geboten. Jetzt nahm er den Titel Fürst Primas des rheinischen Bundes an, setztesich in den Besitz der Landestheile, die ihm zugewiesen waren, und machte Frankfurt zu sei-ner Residenz.
Das französische Joch lastete immer drückender auf den Staaten Europas, die Na-poleon mit Waffenmacht erreichen konnte, und die Anstrengungen.und Versuche, sichvon demselben zu befreien, wiederholten sich, doch erfolglos. Im September 1806 er-
? hob sich Preußen und fükrte einen kurzen verderblichen Krieg, der mit der Entkräftungdieses Staates und der Erweiterung und Befestigung des Rheinbundes endete. Im April1809 nahm Oesterreich noch einmal seine ganze Kraft zusammen, um Frankreichs stets