Druckschrift 
3 (1846) [Cal - Deu]
Entstehung
Seite
644
Einzelbild herunterladen
 

644 Dalberg.

sich den Fremden angenehm zu machen. In Mainz kamen erhabene Monarchen zusam-men , und es war kein Geheimniß, daß große Entwürfe daselbst gegen Frankreich verabredetwurden. Welchen Erfolg sie gehabt, sagt die Geschichte. Was von Deutschland, alseiner Gesammthcit, zu erwarten war, zeigten die ersten Anstrengungen gegen das zerrüt-tete, in sich getheilte, allen Erschütterungen einer furchtbaren Umwälzung hingegebeneFrankreich. Mainz und dessen Gebiet auf der linken Rheinseite waren, mit den übrigenLanden, bald in der Gewalt des französischen Heeres, das unter Cu st ine, obgleich inschlechtem Zustande, die gegen dasselbe ausgesandte unbedeutende Macht bei Speier ohnegroße Anstrengung geschlagen und zerstreut hatte. Unter solchen Verhältnissen offenbartesich die ganze bejammernswerthe Lage unseres deutschen Vaterlandes. Im April 1795schloß Preußen zu Basel seinen Separatfrieden mit Frankreich, und diesem Beispiele folg-ten Hessen-Cassel, Baiern, Würtemberg, Baden und die andern deutschen Staaten,die sich, so gut es gehen wollte, mit dem ewigen Reichsfeinde und der Revolution abzusindensuchten. Hätte man an einen ehrenvollen Krieg setzen wollen, was man im schmachvollenFrieden geopfert hat, kein Zweifel, daß Ehre und Vaterland gerettet werden konnten.Aber wo war das Vaterland der Deutschen ? Man bewachte sich in denselben Reihen mitgegenseitiger Eifersucht, fürchtete das Glück seiner Verbündeten fast mehr als das desgemeinschaftlichen Feindes, war nur auf den eigenen Vortheil bedacht, unterhandelte indiesem Geiste, führte den Krieg und schloß Frieden in diesem Geiste, suchte Entschädigungfür erlittenen Verlust im eigenen Lande, säcularisirte, cedirte, acquiricte, gab und nahm,wo und wie es sich finden ließ, nur nicht auf Kosten des Feindes. Die geistlichen Kur-fürstenthümer, Fürstenthümer, Reichsstifter und Körperschaften wurden eingezogen, umsich mit ihren Ländern zu entschädigen und zu bereichern oder auch den Frieden zu erkaufen.Die geistlichen Besitzungen im Großen und Kleinen, wenn sie nur Werth hatten, wurdenden weltlichen Herren zugetheilt, und man setzte Fürsten ein und ab, wechselte Regentenund Einrichtungen ohne Rücksicht auf die Gesinnung, Religion und Gewohnheiten derVölker, so daß manches Land in der Zeit von zwölf Zähren seine Beherrscher vier - bis fünf-mal gewechselt hat. Und man fragt, wie Sitte, Religion, Glaube, Vertrauen und Er-gebung im Volke untergehen konnten; was den Geist des Mistrauens, der Unzufrieden-heit und des Aufstandes erzeugt, von dem sich später Zeichen offenbarten! Man hatte dieRevolution unbedenklich von oben herab gemacht und war sehr erstaunt, als es versuchtward, sie auch von unten herauf zu machen. Wenn das beklagenswerthe Schauspiel, wiewir es in jener Zeit gesehen, das deutsche Herz zerriß, dann klagen wir darum nicht diedeutschen Fürsten, nicht einmal die Cabinete, oder die einflußreichen Staatsmänner an.Den unglücklichen, jammervollen Zustand hatten Jahrhunderte vorbereitet, und die Naturder Dinge, wenn ihr eine weise Vorsicht nicht zur rechten Zeit entgegentritt, wird endlichstärker als die Macht des Menschen.

Dalberg, der sich später als einen Unfreien, Undeutschen und Reichsfeind miß-handelt sah, war wenigstem an diesen Ereignissen ohne Schuld. Bei dem Reichstage zuRegensburg hatte er sich, am 22. März 1797, als Coadjutor von Mainz über die Ge-fahren, die Deutschland drohten, und die Mittel, ihnen zu begegnen, auf eine kräftigeWeise ausgesprochen. Er stellte noch einmal vor, wie dringend es sei, daß die Reichs-stände sich inniger an das Reichsoberhaupt anschlössen, und daß, bei den langen und brei-ten Verhandlungen, die Warnung jenes römischen Senators nicht übersehen würde:Während wir in Rom berathen, geht Sagunt unter" (<Ium cleliberatur Lomse, psrit8aff»nt>i,n).In dem Augenblicke dringender Gefahr, bemerkte er, gilt es weit mehr,sich durch Unternehmungen thätig zu beweisen, als sich mit Berathschlagungen und Unter-handlungen aufzuhalten; in einer solchen Krise kommt Alles darauf an, daß alle Kräftesich dem Willen eines Einzigen unterwerfen. In ähnlichen Umständen gehorchte dierömische Republik einem Diktator, Amerika seinem Washington. Erzherzog Karlsei der Retter Deutschlands; der baierische, schwäbische, fränkische, oberrheinische Kreisstehen unter seinen Befehlen. Alles gehorche ihm. Alle Cassen, alle Fruchtböden seienihm offen. Dies Alles bewirkt man nicht durch langsame Unterhandlung. Die ver-fassungsmäßige Form und der daraus herfließende Geschäftsgang verdienen alle Rücksicht;