Cult. 631
zu machen, daß sie nich? die äußere, wenn gleich geistlose Vielthätigkeit, mit einem Wortden Ceremonieendienst für die Hauptsache in der Religiosität halten,ja wohl lieber abwechselungsweise fasten und sich selbst peinigen, wenn sie nur alsdannwieder ihrem freien Belieben und Gelüsten sich überlaffen zu dürfen glauben können.
Auch der hebräische Cult wurde demnach diesem menschlichen Selbster-ziehungsgang gemäß mehr nur eine ceremoniöse Einkleidung und Umhül-lung des Moralisch göttlichen, besonders da noch durch den unvermeidlichen Mei-nungs-Eindrang von Außen der Sectengeist entstand, welcher in dem Sadducäer dialec-tische, im Pharisäer grobdogmatische, im Effäer mystische (Geheimniß errathende) Ausle-gungen der religiösen Traditionen in Umlauf brachte, nachdem selbst die Propheten nichtmehr weiter geschaut hatten als zur nationalstolzen Erwartung, daß ihr Gott alle Völkerdem Tempelcult zu Jerusalem ihre Reichthümer fußfällig darzubringen nöthigen werde.Jes. 56, 7. 60,10— 16.61,5.
Jetzt aber erhob sich mitten unter den nieder», rathlos seufzenden jüdischen Volks-claffen eine bald auch außer Palästina hörbar werdende Stimme, daß, „weder auf diesemnoch auf jenem Berge, desto mehr aber im wollenddenkenden Geiste eines Jeden nach gei-stig wahren Ueberzeugungen eine allgemeine Gottesverehrung, ein Regiertwerden durchdas, was ein geistiger Gott wollen kann", ein theokratischer Cult in jedemEinzelnen gemüthlich beginnen und dadurch sich zu einem Gesellschaftsbund bil-den könne und solle. Dies war es, was diese nicht mehr durch die Vielgötterei befriedig-ten Heiden und was auch die hebräischen Monotheisten bedurften und daher als eine Heils-ankündigung (---Evangelium) in populärer Einfachheit haufenweise annehmen konn-ten. Denn auch der bloße Gotteinheitsglaube wirkt wenig moralisch Gutes,sobalh.eine Priesterkaste ihn wieder nur für ihre Voctheile anzuwenden gewußt hat. Nurd i e se r g e i st i g e ch r i stl i ch e C u l t, wie er nach jenem so rein idealen Grundsätze des eben des-wegen idealisch wahren Messias oder Unterkönigs der Gottheit werden sollte, kann nunmehr, jeumfassender die Denkfähigen das göttlich Gewollte denken und verwirklichen wollen, Al-les, was zur menschlichen Geistescultur gehört, umfassen und die ins Le-ben getretene Staatseinrichtung rechtfertigen, daß unsere
Cultministerien zur Förderung aller geistigen Culturgegenständeund nicht blos des moralisch religiösen Kirchenwesens aufgestellt und verpflichtetsind. Der wahre Cult, die ächt christliche Gottesverehrung, besteht in der möglich-sten F ör d e r u n g aller geistigenCultur. Diese und nicht ein bloßes Ehregeben undLobpreisen seiner Erhabenheit, muß Gott als der vollkommene Geist in seiner ganzenWeltordnung verbreitet wollen. Eine richtige Idee liegt also zum Grunde, wenn Un-terricht und Erziehung aller Art, von den allgemeinsten Kinder-, Bürger-und Mittelschulen an bis zu den Universitäten hinauf, durch den Begriff Cult vereinigtund auch das christliche Kirchenwesen als eine nöthige Anstalt für fortdau-ernde Belehrung und Erziehung damit in die gleichartigste Verbindung gesetztwird. Nur muß alsdann, weil all dieses geistige Thätigsein ein Cult, eine ächte Verehrung deschristlich geistigen Gottes sein soll, auch die Grundidee festgehalten und durch ächte Cult-ministerien ausgeführt werden, daß alles Materielle dem Geistigen unterge-ordnet und aller geistigen Kräfte Anwendung durch die materiellen Mittel immer mehrmöglich gemacht werde. Der Geist ist das Bleibende und in seinen Wirkungen auch überdie Nachwelt sich Ausdehnende und irdisch Verewigende.
Und dies gerade ist nach den Grundideen des Christenthums sein Vorzug vor allen zurAusübung gekommenen Religionsarten, daß in ihm die Kirchenvereine zwar ein sehrschätzbares, aber immer doch blos ein Mittel und nicht der Zweck sind und daher auchder kirchliche Cultus nebst Allem, was damit zusammenhängt, nur als eines der Mittelzur Erziehung für die Geistescultur von den Cultministerien zu betrachten und zu leiten ist.Die Wahrheit dieser Ansicht von dem innersten Grund der Vorzüglichkeit des christlichenCults hat sich im Großen der Geschichte dadurch erprobt, daß nicht nur die Christenvölkerüberhaupt vergleichungsweise die cultivirtecen geworden sind, sondern daß auch gerade die-jenigen Staaten die cultivirtesten sind, wo der kirchliche Cultus nicht als das einzige oder