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Cult.
inner« und äußern Gottesverehrung nur so viel Moralität gerechnet, als dermächtige Mensch bei Andern gern voraussetzl; nehmlich so viel, daß der Andere zwar sichselbst in allen seinen Kräften so tüchtig wie möglich machen solle, aber nur, um dadurchsich ganz für die gebietende Willensmacht zum Dienst bereit zu halten. Für eine reinmorali sche Bildung der Gemüther konnte demnach der heidnische Machtgötter-cult nichts bleibend Gutes bewirken. Sogar viel Leidenschaftliches von Zorn,Rache, Eifersucht, Wollust rc- mußte dieser Cult aufreizen, weil der Verehrer der Macht-gottheiten die Größe derselben darin fand, daß sie sich der Anwendung aller ihrer Kräfteund Neigungen mit unverwüstlicher Lust und Willkür überlassen könnten. Wohl aberwirkte dieser Cult ästhetisch sehr viel, theils weil er die Phantasie Allerim Volke auf-regte, übermenschliche Gestalten nach unendlich verschiedenen möglichen Erscheinungenvon Talenten und Affecten sich tagtäglich als unsichtbare Umgebungen vorzustellen, theilsaber, weil er die Sinnlicherfinderischen in die Exaltation versetzte, von denUebermenschlichen alles Erstaunenswürdige sinnlich und geschichtartig anschaulich zu ma-chen, indem sie, selbst dadurch begeistert, es durch poetische Rede oder bildende Kunst tau-' sendfach zu vergegenwärtigen suchten.
Eine ganz andere Reihe von menschlich möglichen Vorstellungen über den Cult oderdie äußere Gottesverehrung läßt die älteste Menschen-Geschichte von einem einzelnenManne ausgehen, der als ein uneigennütziger, gerechter, aber doch auch nachgiebig wohl-thätiger Charakter folgerichtig nur einen Gott von gleichen moralischen Ei-genschaften als den Gott aller Volksgötter, gleichsam als den Patriarchen oder Fami-lienfürsten der ganzen unsichtbaren Geisterfamilie verehrungswürdig achtete. So wirddas Beginnen einer mehr moralischen Gottheitslehre bei den He-bräern im Gegensatz gegen die fast blos physikalische Causaltheologie in der ältesten Ge-schichtüberlieferung geschildert. Ich sage: in der ältesten. Denn die älteren Bestand-theile der hebräischen Bibelsammlung sind, selbst wenn sie erst nach der babylonischenWegführung veröffentlicht wurden, älter als Herodot. Der mehr physikalischeCult entstand aus dem Verstände, aus dem Geistesvermögen, welches, weil es Be-griffe denkt, nach Grund und Ursachen fragt. Der althebräische mehr moralische Cultentstand mehr aus der Vernunft und Willenskraft, aus Jdeender Vollkom-menheit, das Rechte zu wollen.
Weil moralische Eigenschaften der Gerechtigkeit und Güte sich am wenigstenbildlich anschaubar machen lassen, so hat Abrahams Heerde von ihrem Gott keinBildniß und in der Folge wird alles Bildermachen von dieser auch die Allmacht demgerechten und wohlthätigen Wollen unterordnenden Gottheit durch Mose streng untersagt;denn jedes Bild kann nur sinnlich anschaubare Eigenschaften auf daSGöttliche überzutragen veranlassen.
Eben dadurch aber war alle ästhetische Kunst der Bildnerei von diesem Cultausgeschlossen. Nur wenn Abraham's Gott erscheinen wollte, nahm er Menschengestaltan. An sich war er nur denkbar (intelligibel) — nur durch idealische Eigenschaften desRechtwollens und Richtigwissens im Innern des Menschengeistes vorstellbar. Auch seinWirken bestand nur in seinem geistigmächtigen Wollen. Sein Dasein wird nur durch dieNaturwirkungen (der Gewitter, des Feuers, der Wasserfluthen u. dgl.) erkennbar. Zueiner mythisch bedeutsamen oder poetisch phantasirenden Geschichte über ihn konnteder Hebräer nicht kommen, weil in seinem Gott keine Willkürlichkeit, kein beliebigesWechseln in der Handlungsweise, sondern ein regelrechtes Ausüben gerechter Strenge undverständiger Güte vorausgesetzt war. Zum dogmatischen Philosophiren aber überdas W ie des göttlichen Wesens und Wirkens hat der Orientale so ganz und gar Nichts von(occidentalisch-dialektischer) Anlage, daß er bekanntlich nur d as Herz als den Sitz seinerGedanken und die Eingeweide (Rachamaim) als den Ort, wo er zärtlich empfindet,nach dem Gefühl körperlicher Bewegungen nennt und kennt. Des Kopfes als des Or-gans für Reflexionen und absolute Ideen wird in den Natursprachen des Orients gar nichtgedacht, ein Beweis, daß die Sprechenden sich keiner dort im Gehirn sich stark äußerndenKrastanstrengung bewußt wurden.