Druckschrift 
5 (1847) [Fou - Gir]
Entstehung
Seite
296
Einzelbild herunterladen
 

296

Gagern, H. W. A. v.

wollen ihn doch nicht hören. Einen Glanzpunkt in seinen Reden bildete die, welcheer am 19. März 1839 in der ersten Kammer in Darmstadt über die hannoverschen Ver-hältnisse hielt. (Landst. Verh. der ersten Kammer der Landstände des GroßherzogthumsHessen in den Jahren 1838 und 1839, Protocolle, 1. Bd. S.219S. 231). Zuwei-len spricht er auch wunderlich. Einen der lebhaftesten Angriffe hatte ec in der letzten Zeitvon seinem Altersgenossen Arndt wegen seiner Lobsprüche auf Talleyrand zu erfahren.

Aus dem Vorstehenden ergiebt sich, daß Hr. v. G- ein System hat, lind daß diesesSystem die Resultate von Freiheit und Unfreiheit, von Vorurtheil und edler menschlicherAnsicht, von einer gewissen Ab sprecherei und von einem umsichtigen, gedankenvollen Wägender Verhältnisse, von Kühnheit und Bedächtigkeit geist- und kenntnißvoll verbindet.Hrn. v. G's. Styl und Art ist jenem Systeme angemessen und dadurch in seiner Wirk-samkeit beschränkt. Denn einfache und unzusammengesetzte Wahrheiten, welche einigenAußenschmuckes dabei nicht zu entbehren brauchen, wirken immer am Sichersten. DasBetrachten von vielen Seiten und von weit her macht Lücken oder Sprünge nöthig, undum so mehr, wenn jene viele Seiten doch das Wahrzeichen einer gewissen Einseitigkeittragen. Hrn. v. G's. geistige Beweglichkeit läßt ihn bisweilen Notizen, und seine Phan-tasie läßt ihn bisweilen Bilder häufen, die sich ersticken oder durch ihren Widerschein, jaman kann häufig sagen, durch ihre Bizarrerie, sich schaden. Seine freie Gesinnung in tim«!grundirt prächtig, ansprechend, überzeugend; er reißt mit sich fort; von Gipfel zu Gipfelsteigt man ihm nach; aber da kommt er in die Region, wo die Gewitter hängen, und wodie Sturmwinde brausen, und wir eilen wieder abwärts. Hr. v- G. hat die Geschichte stu-dirt und die Menschen; er versteht die Sprachen; er könnte Alles ausdrücken, was er denkt,und er könnte Alles denken. Aber er war erst Mensch und Gelehrter und dann Diplomat lex posterior cleroAst priori und dieses macht sich geltend. Nicht im Voraus hat ,er manche Gedanken ganz getödtet, wie die meisten Diplomaten, aber er hat, wie alle Di-plomaten, beständig Gummi elasticum bei der Hand, um an dem noch ungeschriebenen Ge- ^danken zu wischen, und Radirmesser, um ihn, wenn er geschrieben ist, halb wieder auszu-kratzen. Die übrig bleibende Hälfte ist dann immer noch etwas Werthvolles, wie die Bü-cher der Sybille, nachdem zwei Drittel davon verbrannt waren. Als Hälfte ist sie jedochoft unbestimmt und dunkel. Dem deutschen Geschmacke widerstehen die vielen französi-schen Phrasen, die historischen und politischen Alliterationen und Assonanzen, das Perpen-diculiren von Norden nach Süden, von Hundert zu Tausend, und das Abspringen. Demdeutschen Gefühle widersteht die in Hrn. v. G's. Schriften und Reden überall vorwaltendeReflexion auf seine individuellen Benehmungen, Verhältnisse und Verdienste.

Er hat darin Manches mit Hrn. v. Chateaubriand gemein, wie überhaupt zwischen diesemCharakter und dem seinigenszu Beider Ehre) sich Parallelen ziehen ließen. Nur würde Hr. 'v. G. leichter jemals Anhänger des vertriebenen Karl als Prophet der Republik.

Hr. v. G- ist ein wenig hinter seiner Zeit zurückgeblieben, aber nichts desto wenigervor tausend und tausend seiner Standesgenossen voraus. Er war immer deutsch, human,gebildet, eigenthümlich, vielseitig und, obgleich mit aristokratischen Modisicationen, liberal.Was aber insbesondere seine d eutsch en Gesinnungen betrifft, so hat sein Sohn in derSitzung der zweiten hessischen Srändekammer vom 18. Mai 1836 ein Zeugniß darüberabgelegt, was eben so sehr den Vater als den Sohn ehrt. L.

Gagern, Heinrich Wilhelm August, Freiherr v., der Sohn des Vorstehenden, geb. am ,20. Aug. 1799, war für die militärische Laufbahn bestimmt, von 1812 bis 1814 in der Mi- !litärschule zu München; kam zurück nach dem ersten Pariser Frieden, um für den Civildienstsich auszubilden. Seine Familie wohnte damals noch in Weilburg im Nassauischen. Hiernahm er also 1815, bei der Wiedererscheinung Napoleon's, Dienst und wurde mitRücksicht iauf seine militärische Ausbildung Officier. Bei Waterloo wurde er leicht blesstrt. Nach been-digtem Feldzuge kehrte v. G. zu seinen Studien zurück und studirte von 1816 an zu Heidel-berg, Göttingen und Jena. In Heidelberg war er Mitstifter der Burschenschaft; in Göttin-gen gehörte ec zu Denen, welche fruchtlos Aehnliches versuchten. Nach Jena ging v. G. indie Schweiz, wo er 1819 und 1820 fortstudirte. Während seine Brüder theils in Holland!chem oder baierischem Kriegs-, theils in nassauischem Eivildienste Anstellung suchten und ec