292
Gagern, H. CH. E. v.
G.
Gagern, H. CH. E. von. — Hans Christoph Ernst, Freiherr von G-, geb. am25. Jan-1766 auf dem ehemaligen Schlosse zu Kleinniedesheim in der Pfalz, begann seineLaufbahn als Nassau-Weilburgischer Hofrath und wurde, noch sehr jung, Präsident derRegierung in Hachenburg. Nach dem Lüneviller Frieden (1801) begab er sich als nas-sauischer Minister und Gesandter nach Paris. Dort bewirkte er 1802 und 1803 seinemFürsten eine reiche Entschädigung, rettete 1806 den älteren Namen des fürstlichen Hau-ses und bewirkte demselben bei der Mediatistrung einen bedeutenden Zuwachs. Durchdiesen Erfolg angeregt, wandten sich nun auch andere Fürsten, besonders die des nördli-chen Deutschlands an ihn, um, vermöge des nassauischen Präsidialamtes der Fürstenbank, denZweck der Selbstechaltung und des Beitrittes zum rheinischen Bunde zu erreichen. Später-hin legte v. G. seine Aemter plötzlich nieder und zog sich in den Privatstand nach München,dann nach Wien zurück. Hier trat er mit Hormayr und dem Erzherzoge Johann in ge-naue Verbindung, war in den Jahren 1812 —1813 an einem Jnsurrectionsplane fürTyrol, der aber an der Aufhebung eines englischen Couriers in Brünn scheiterte, thätig,wurde nun aus Oesterreich entfernt, ging in das russisch-preußische Hauptquartier unddann nach England. Nach Napoleon's Sturze kehrte er als nassau-oranischer dirigiren-der Minister nach Dillenburg zurück, trat 1815 in niederländische Dienste und nahm alsGesandter an den Geschäften des Wiener Congresses, so wie in Auftrag seines Hofes, nachNapoleon's Rückkehr von der Insel Elba, an der allgemeinen Schilderhebung gegendenselben Antheil. Unter den Unterschriften der deutschen Bundesacte vom 8. Juni 1815findet man auch seinen Namen- Von Wien ging Hr. v. G. zum Congresse nach Paris;1816 wurde er königl. niederländischer Staatsrath und bevollmächtigter Minister am deut-schen Bundestage, welche letztere Stelle er bis 1818 bekleidete. In diesem Jahre zoger sich auf seine Güter in Nassau (Hornau) und Rheinhessen (Monsheim unweitWorms)zurück. 1820 wurde er vom niederländischen Hofe pensionirt und im nehmlichen Jahrevon einem rheinhessischen Wahlbezirke zum Abgeordneten in die zweite Kammer der da-mals eröffneten großherzoglich hessischen Ständeversammlung erwählt. Auf den Land-tagen von 1820—21 und 1823— 24 traf man ihn nun in diesem neuen Geschäftskreisein Darmstadt. Für den Landtag von 1826—27 kam er nicht wieder in die Wahl, wurdeaber 1829, vermöge des dem Großherzoge konstitutionell zustehenden Rechtes, von diesemzum lebenslänglichen Mitglieds der ersten Kammer ernannt. Als solcher war er anwesendauf den Landtagen von 1829—30, 1832-33, 1835—36, 1838—41, 1841—42und 1844 — 47; den Landtag von 1834 hatte er nicht besucht. Seit 1836 lebt Hr. v.G- wieder an der Seite einer verehrten Gattin, von Kindern und blühenden Enkeln um-geben , auf seinem Gute in Hornau. Noch immer ist er rüstig und an den Erscheinungender Zeit lebhaft theilnehmend, was ihn denn auch nach Göttingen im Septbr. 1837 zumhundertjährigen Jubelfeste der dortigen Universität und im Septbr. 1846 zur Germa-nistenversammlung nach Frankfurt a. M. führte. In die letzten Jahre fällt auch die Feiervon v. G-'s goldner Hochzeit.
Als Politiker in weiterem Wirkungskreise war Hr. v. G. ein Gegner, weniger Na-poleon's, als der Napoleonischen Politik, und so folgeweise wieder Napoleon's, dessen gro-ßen Eigenschaften er darum nicht weniger Gerechtigkeit widerfahren ließ; in Paris (1815)drang er, wiewohl vergeblich, auf die Zurückgabe des Elsasses an Deutschland, Halsaderdie Kunstwerke an ihre rechten Eigenthümer wieder befördern; in seinem Briefwechsel mitdem Fürsten Metternich , vor Eröffnung des Bundestages, bezeichnete er stets die Aus-führung solcher Maßregeln als nöthig, welche die politische Einheit der deutschen Nationfeststellen könnten; als Bundestagsgesandter sprach er nachdrucksvoll für die Erörterungder landständischen Verfassung in den deutschen Bundesstaaten und beschäftigte sich mitArbeiten über Auswanderung und Maßregeln wegen der Seeräubereien der Barbareskenin Hinsicht auf Deutschland.