Fruchtsperre. 277
da, wo die Lehren der Volkswirthschaft noch nicht Gemeingut der Bürger geworden sind.Die Furcht spielt eben immerwahrend ihre Rolle, und bei den Unwissendsten die größte;despotische Regierung, Gewaltherrschaft aber ist am ehesten veranlaßt, den Borurtheilennachzugeben. Allein jedesmal zeigt es sich auch, daß diejenigen Staaten, welche den rich-tigen Grundsätzen treu geblieben sind, am besten davon kommen und auch weniger an denNachwehen einer Theuerung zu leiden haben als jene, welche durch Hemmung dernaturgemäßen Verkehrsbewegung unmittelbar der Landwirthschaft und mittelbar den Ge-werben geschadet haben. Nach den Theuerungen wird in der Regel über Verfall derGewerbe und über Verarmung geklagt.
Seit 1842 waren in Europa durchschnittlich nur schwache oder mittlere Ernten, keinebesonders ergiebige. Die Kartoffelkrankheit, welche 1845 eintrat und 1846 wiederkehrte,vergrößerte in vielen Gegenden den Ausfall an Nahrungsmitteln für Menschen und Thiere;es wurden verstärkte Bezüge von Außen nöthig, selbst nach solchen Landern, welche in ge-wöhnlichen Jahren ihren Bedarf selbst erzeugen, wohl auch noch zur Ausfuhr übrighaben. — Für Deutschland war es hierbei ein glücklicher Umstand, daß der Zoll-verein den freien Verkehr unter den ihm angehörigen Staaten hergestellt hatte- Diedrei vorhergehenden Theuerungen hatten in den Jahren 1770 bis 1772, 1791 bis 1793,1816 und 1817 stattgesunden; jedesmal hatten die deutschen Staaten nicht nur gegendas Ausland, sondern auch gegen einander gesperrt und es war bei den früheren an demReichstag, bei der letzten an dem Bundestage über die Sperren geklagt, über Modifikatio-nen nachträglich verhandelt worden. Besonders die südlichen Staaten hatten sich durchSperrmaßregeln ausgezeichnet, und darum waren auch im Süden die Preise höher ge-stiegen als im Norden. Jetzt fallen diese Hemmungen des inneren Verkehrs weg; un-gehindert kauft der Würtemberger in Baiern, der Badener in Preußen, und es geht dieVer-theilung der Vorräthe ihren Gang nach den Gesetzen des Verkehrs; die Vertkeilung aberwird wesentlich befördert und erleichtert durch die seit der letzten Theuerung im Jahre 1817vorgenommenen Verbesserungen der Verkehrswege, der Eisenbahnen, Land- undWasserstraßen, und die Wahrnehmungen in der jetzigen Zeit müssen zur Vervollständigungdes Transportsystems neuen Antrieb geben. Hinsichtlich der Bezugsländer hat sich derGesichtskreis ebenfalls namhaft erweitert; er umfaßt jetzt — man darf es wohl sagen —>die ganze Erde. Mit der größten Schnelligkeit bringt die Dampfschifffahrt die Aufträgezu Fruchtkäufen über den atlantischen Ocean und an die Ufer des schwarzen Meeres.Amerika führt auf trefflichen Verkehrswegen seine unerschöpflichen Vorräthe aus dem tiefenInneren nach den Seehäfen, wahrend der Mangel an fahrbaren Straßen im südlichenRußland, den Donaulandern und Ungarn jetzt doppelt fühlbar und zur Abhilfe ein mäch-tiger Sporn gegeben wird.
Unter den Maßregeln, welche nicht auf die Leitung des Verkehrs Bezug haben,sondern sowohl übertriebenen Besorgnissen entgegenwirken als auch für Verdienst undUnterstützung der ärmeren Classen sorgen sollen, erwähnen wir folgende:
1) Bekanntmachungen über das Ergebniß der Ernte. Solche sindin Baiern von Kreisbehöcden, in Sachsen von der Eentcalregierung erlassen worden.Letztere sagt unter Anderen: „Die diesjährige Ernte ergiebt gegen eine normale Ernte einenMinderertrag von ungefähr 22 Procent beim Winterroggen, 23 Procent beim Sommer-roggen, 8 Procent beim Weizen, 9 Procent bei der Gerste, 6 Procent beim Hafer,23 Procent bei Erbsen und Wicken; dagegen einen Ueberschuß von 23 Procent beim Haide-korn oder Buchweizen. Erwägt man nun aber, daß das Getreide durch Mehlreichthumsich auszeichnet; daß der Rauhfutterertrag den eines Mitteljahres so weit überschritten hat,daß mindestens 30 Pcocent mehr, im Durchschnitt, zur Winterfütterung eingebracht wor-den ; daß die Ernte von Rüben u. s. w. eine ausgezeichnete gewesen ist; daß hierdurch allent-halben Getreide und Kartoffeln zur Viehfütterung erspart werden; daß die Kartoffelkrank-heit, selbst da wo sie in höherem Grade sich gezeigt, doch seit dem Einbringen der Kartoffelnin zweckmäßige Räume nicht oder doch nur in einzelnen Fällen fortgeschritten ist: so folgthieraus — abgesehen davon, ob hier und da noch größere Vorräthe sich befinden — allent-halben ysn selbst, daß der wirkliche Ausfall an Getreide und Kartoffeln zur Nahrung der