Friedrich der Zweite. 257
Frankreich allmächtige Pompadour zu gewinnen wußte. Es bildete sich ein intimes, offen-bar gegen Preußen feindliches Verhältnis! zwischen jenen beiden Mächten.
Friedrich ahnete, was kommen werde. Ec verstärkte aufs Neue sein Heer, das1754 bereits über 150,000 Mann zahlte. Sehr zur gelegenen Zeit kam ihm nun Eng-lands Anerbieten einer Verbindung. Am 16. Jan. 1756 ward zu Westminster ein so-genannter Neutralitatsvertrag zwischen Preußen und Großbritannien unterzeichnet, an-geblich zur Aufrechthaltung des allgemeinen Friedens in Deutschland. —
Allein alle derartigen Conventionen, weil entsernt, wirklich für „Aufrechthaltungdes Friedens" zu wirken, trugen vielmehr im Gegentheile dazu bei, den Ausbruch desKrieges zu beschleunigen. Der englisch-preußische Tractat hatte erbittert. Oesterreichund Frankreich erwiderten ihn unterm 1. Mai durch ein Schutz - und Trutzbündniß. Auchdie Kaiserin von Rußland, auf deren Gesinnungen man englischer Seits mit Zuversichtgerechnet hatte, schloß sich, aus persönlichem Haffe gegen Friedrich, seinen Feinden an.Allerseits Kriegsrüstungen und geheime diplomatische Uebereinkünfte, von denen man sichin Berlin, besonders durch die Verrätherei eines sächsischen geheimen Secretärs, Ab-schriften zu verschaffen wußte.
Friedrich fühlte, daß er seinen Feinden zuvorkommen müsse, ehe diese ihre Rüstungenbeendigt hätten. Schnell wie der Blitz siel er im August 1756 mit 60,000 Mann inSachsen ein. Die Geheimnisse der Dresdener Archive, die Absichten und Pläne der coa-lisirten Mächte beweisend, mußten diesen Schritt in der öffentlichen Meinung rechtfertigen,an die zu appelliren der König keinen Augenblick versäumte.
Die Verbindung, zu welcher man preußischer Seits den Kurfürsten von Sachsen zunöthigen suchte, war nicht zu Stande zu bringen. Ein österreichisches Heer unterBrowne, zog von Böhmen heran, um die mittlerweile im Lager bei Pirna eingeschlossengehaltenen sächsischen Truppen zu entsetzen. Allein die Oesterreicher wurden bei Lowositzgeschlagen, und 17,000 sächsische Soldaten mußten sich kriegsgefangen ergeben und größten-theils in das preußische Heer übertreten.
Während den Winter über die Waffen ruheten, war die Diplomatie desto thätiger.Jetzt erst organisirte sich der Bund wider Friedrich vollständig. Oesterreich, Rußland,Frankreich, das deutsche Reich und Schweden traten gegen Friedrich auf; nur England,Braunschweig und Hessen-Cassel für ihn. Die feindliche Uebermacht war ungeheuer.Was Preußen in den Stand setzte, unter solchen Verhältnissen den Kamps fortzuführen,war vorzüglich: 1) Friedrich's unbestreitbares Feldherrntalent, verbunden mit dem Um-stande, als unumschränkter König Niemandem (wie etwa ein bloßer General) wegen seinerOperationen Rede stehen und Rechenschaft geben zu müssen; 2) die Allgewalt der öffent-lichen Meinung. Diese hatte Friedrich durch seine in jener Zeit ganz ungewöhnliche Libera-lität und Freisinnigkeit in Rede, Schrift und selbst durch das Aeußere der Regierungsweise,eben so durch den Glanz seiner Thaten, ziemlich allgemein gewonnen; 3) die ihm zu Ge-bote stehenden Geldmittel, theils durch eigene Ersparung, theils durch die reichen Sub-sidien Englands (theils auch durch ein sehr übles Mittel, Verschlechterung des Münzfußes)erlangt, während sich die Finanzen der übrigen Mächte meistens in der größten Zerrüttungbefanden; 4) der Besitz einer starken, mit allen Kriegsbedürfniffen wohl versehenen Armee,während die Rüstungen der Feinde erst begonnen hatten; 5) die Uneinigkeit unter den Ver-bündeten, das Krebsübel fast aller Coalitionen.
Indessen wurden auch andere als militärische Mittel gegen den König versucht.Rechtzeitig entdeckte man noch den Vergiflungsanschlag eines Kammerlakais (NamensGlasau), der sogleich in Ketten nach Spandau abgeführt ward und dort nach kurzer Zeit,abgesondert von allen Menschen, sein Leben endigte. Es wird erzählt, dem Könige habe,der in die Sache verwickelten hochstehenden Personen wegen, so sehr an Geheimhaltung desVorganges gelegen, daß er nicht einmal einem Arzte habe erlauben wollen, dem Unglück-lichen in seinen letzten Stunden beizustehen. (Ein Gewebe von Dingen, welche wiederden Geist jener Zeit in schwarzem Lichte charakterisiren! — Meuchelmordanschläge, Ca-binetsjustiz und Einsperren dieser Art — wenigstens dem Zwecke nach der famösen eisernenMaske ähnlich — passen zusammen!)
Staats - Lerikon. V. 17