Friedrich der Zweite. 251
dem Misbrauche der höchsten Gewalt Alles zu befürchten haben, wenn ihr Vermögen derHabsucht des Fürsten, ihre Ruhe seinem Ehrgeize, ihre Sicherheit seiner Treulosigkeit undihr Leben seiner Grausamkeit preisgegeben ist! rc."
Die Aussöhnung zwischen dem Könige und dem Kronprinzen war wirklich aufrichtiggewesen und ward es immer mehr, besonders von Seite des Letzteren. Der Vater hätte aberallerdings gewünscht, daß Friedrich seine ganze Zeit ausschließlich dem Militärwesenwidme, und er glaubte in dessen Gesellschaftern nur Freigeister, Jrrlehrer, Verführer seinesSohnes zu sehen, die er zuweilen Lust bekam allesammt ausheben und nach Spandau brin-gen zu lassen.
Am 31- Mai 1740 starb Friedrich Wilhelm I., und der achtundzwanzigjahrige Philo-soph von Rheinsberg bestieg alsFriedrich der Aweite den preußischen Thron. TausendHoffnungen und Befürchtungen knüpften sich an dieses Ereigniß. Allein es zeigte sichbald, daß es ein „Tag der fehlgeschlagenen Vermuthungen" war. Die alten Gegner Fried-rich's blieben ungekränkt, die Erwartungen seiner Freunde und einer Menge sich herzudrän-gender Franzosen auf persönlichen Glanz und Auszeichnung wurden nur in sehr geringemMaße erfüllt. Keiner erlangte eine Stelle, der er nicht in jeder Beziehung gewachsen war,und Diejenigen mochten sich noch glücklich schätzen, welche, wie der Bacon Bielefeld, sagenkonnten: „Ich gestehe, das heißt einen etwas kleinen Anfang machen".
Der preußische Staat zählte damals 2,240,000 Bewohner. Die Jahreseinkünftebeliefen sich auf 7H Millionen Thaler und das Land hatte nur geringe innere HilfsquellenIndessen fand sich ein Staatsschatz von mindestens 8H Millionen vor, den man der großenSparsamkeit des vorigen Königs verdankte. Das Heer zählte 76,000 Mann — eineenorme Masse für diese geringen Staatskräfte.
Dessen ungeachtet war es eine der ersten Regierungshandlungen Friedrich'S, die Armeenoch zu verstärken; offenbar in der Voraussicht der bald nachher eingetretenen Ereignisse.
Aber auch das geistige Leben sollte auf eine höhere Stufe gebracht werden; dennkein Zweifel, daß Friedrich von der Wahrheit durchdrungen war, Preußen könne bei sei-nen geringen materiellen Mitteln nur dadurch aus der Reihe der unbedeutenden Staatenherauskreten, wenn es seine moralische Kraft über die der anderen Länder emporbringe,wenn es vorleuchte an geistiger Größe, sich auf jene Macht stütze, welche nur der Genius derFreiheit und Intelligenz zu begründen vermag. Schnell nach einander entstanden eine neueAkademie, ein neues Handlungs- und Manufacturdepartement bei der Staatsregierung.Von allen Seiten her suchte der neue König Leute von wirklichem Verdienste für den preu-ßischen Staat zu gewinnen. Seine erste Wahl siel auf Wolf, Maupertuis, Vaucanson,Algarotti, s'Gravesand und Euler. „Ein Mann, der nach Wahrheit forscht", schrieb Fried-rich, „muß dem ganzen Menschengeschlecht« theuer sein, und ich glaube im Reiche derWahrheit eine Eroberung gemacht zu haben, wenn ich Wolf zur Rückkehr (in die preußi-schen Staaten) bewege".
Nachdem er die ersten Regierungsmaßregeln getroffen, wollte Friedrich den Rest desJahres 1740 zu Rheinsberg zubringen; da starb der deutsche Kaiser Karl Vl. Dies warder vermuthlich zum Voraus erwartete günstige Augenblick, Preußen zu vergrößern; dennder König konnte nicht zweifeln, daß Oesterreich jetzt von allen Seiten durch Forderungenund Ansprüche jeder Art werde bedrängt werden. Preußen hatte allerdings wegen gewalt-samer Uebervortheilung von Seiten Oesterreichs bei Erbansprüchen aus einige kleinereTheile Schlesiens, theilweise von Jahrhunderten her, zu klagen- Allein darin konnte keinvernünftiger Mensch den wahren Grund der folgenden Ereignisse sehen. — Der Philosoph,der sich in seinen Briefen an Voltaire so schön gegen die Kriege, gegen die Eroberungssuchtund gegen das von der Mehrzahl der sogenannten Helden über die Menschheit gebrachteUnheil geäußert, nahm seinerseits keinen Anstand, kurzweg eine österreichische Provinz ansich zu reißen, aus keinem anderen Grunde, als weil er gerade in jenem Momente hoffendurfte,sseinen Staat mit der geringsten Schwierigkeit zu vergrößern. Freilich in der Mittedes vorigen Jahrhunderts ein ziemlich gewöhnliches, an sich kaum auffallendes Ereigniß,aber bei Friedrich besonders darum tadelnswerth, weil er sehr wohl das Immoralische einessolchen Verfahrens zu beurtheilen wußte.