Orangelogen» Orangemanner. 123
sondern lediglich ihrer physischen und intellektuellen Ueberlegenheit so wie einer klugenBenutzung der Umstände hatten die Engländer es zu verdanken, daß es ihnen gelungenwar, den größten Theil alles Grundbesitzes in Irland an sich zu bringen, der katholischenKirche ihr Eigenthum zu entreißen und damit eine dem Lande völlig fremde Kirchezu dotiren» die katholischen Iren sogar der anglikanischen Kirche, welcher mit we-nigen Ausnahmen nur die eingewanderten Engländer angehörten, zehntpflichtig zumachen*), die irische Nationalität und Selbstständigkeit unter Englands stolzes Herr-scherjoch zu beugen, das reiche Land eines ganzen stammverschiedenen und ursprüng-lich freien Volks zu einer tributären Provinz zu erniedrigen und dem von seinem Eigen-thume vertriebenen Iren oft nicht das Nölhigste zu lassen, um seinen und der SeinigenHunger zu stillen **). Dazu hatte sich gerade im Jahre 17S5 die Regierung der unver-antwortlichsten Härte gegen die Irländer schuldig gemacht. Der Graf Fitzwi lliam,ein redlicher, wohlmeinender Mann, war zum Vicekönige ernannt und hatte schon nach'wenigen Monaten durch eine strenge Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit in der Ver-waltung Vieles zur Beruhigung des Landes beigetragen. Allein eben Dieses hielt man inLondon, wo man von der Nothwendigkeit einer Schreckensregierung unbedingt überzeugtwar, für gefährlich, die Torypartei am Hofe wußte die Zurückberufung des Grafen Fitz -William und dessen Ersetzung durch den unbeliebten Lord Eamden zu bewirken. MitWuth und Ingrimm vernahmen die Irländer diese Beschlüsse, durch welche ihnen sogardie Hoffnung auf ein günstigeres Schicksal geraubt werden sollte. Es mag schwierigsein, für solche Verhältnisse die leitenden Rechtsnormen aus höheren Principien mit Si-cherheit zu entwickeln, und Jrrthum ist dabei gewiß leicht möglich; wie aber die Theorieauch sprechen möge (wir brauchen nur an das ähnliche Schicksal Polens zu erinnern), dasfortwährende, wenn auch vergebliche Ringen eines unterdrückten Volks nach Wiedererlan-gung seiner verlorenen Freiheit wird nie verfehlen, bei edelfühlenden Männern Theilnahmeund Sympathie zu erwecken, und sie zu schonender Beurtheilung geneigt machen, wenn je-nes Ringen und Streben mit dem historischen Rechte in Widerspruch tritt. Wer aberdas Recht der Gewalt nicht anerkennt, wer in den wiederholten Befreiungsversuchen derIrländer nur fortwährende Protestationen gegen ihre Unterdrückung erblickt, der wirdauch ihre Gewaltthätigkeiten aus dem Gesichtspunkte der Selbstvertheidigung und derNothwehr auffassen.
Die Irländer konnten die Bildung der Orangelogen nicht gleichgültig ansehen.Eben das Uebergewicht der protestantischen Kirche in der Weise, wie man dasselbe bisherzu verfolgen gesucht hatte, war die Wurzel aller Leiden des unglücklichen Landes, und derdaraus hervorgehende Unterdrückungseifer Englands um so heftiger, als es hauptsächlichm ateriel le Interessen waren, welche dadurch sichergestellt werden sollten. Besonders
*) Schon zu jener Zeit war die Zahl der protestantischen Kirchen in Irland eben sogroß als die der katholischen, obgleich die Bevölkerung zu -H, aus Katholiken und ^ ausProtestanten gehörte anderen Secten an) bestand. Die Protestanten hatten allein 424Pfründen in Pfarrgcmeinden von weniger als IVO Einwohnern, und 41, die freilich einenPrediger, aber gar keine Gemeinde hatten. Die irischen Katholiken mußten für die Be-dürfnisse ihrer Kirche auf andere Weise sorgen, also in der Lhat zwei Kirchen unterhalten.
**) Ein Ausländer, welcher im Jahre 1796 Irland bereiste, drückt sich über die Lageder dortigen unteren Volksclassen folgendermaßen aus: „Eine irländische von Erde aufge-worfene Hütte ist das vollständigste Bild des tiefsten Elends. Man sieht hier Nichts alsDüsterheit und Mangel. In diesem Loche kriecht der Irländer umher; sein einziges Haus-geräth ist ein eiserner Topf, ein abscheulicher wollener Lumpen als Schlafdecke und Spin-nengewebe; er hat keinen Kamin, daher der Rauch des in der Mitte angezündctcn FeuersDecke und Wände firnißt und dadurch die schreckende Einförmigkeit vermehrt. Die Thür derHütte ist nicht von Holz, denn auch dieses kann sich der arme Irländer nicht anschaffen,sondern von schlechtgeflochtencm Reisig. Die Eltern in Lumpen gehüllt und die Kinder ganznackend. Ihre einzige Nahrung besteht unausgesetzt in Kartoffeln, vom Januar bis zumDecember; Buttermilch ist bei ihnen eine Leckerer, die nur bei Wenigen und überdies nurselten Statt findet. Man nehme nun noch hinzu, daß das Klima, wo der irländischeLandmann ein so trauriges Schauspiel darbietet, gut und der Boden fruchtbar ist." v.Archenholz, Annalen der britischen Gesch. Bd. 16. S, 219.