O'Connell. 77
Mehrzahl dieser Erfindungen unterstellen in O'Eonnell ein Haschen nach allen Ge-nüssen des Lebens. Jung sollte er gegen die Frauen sehr ausschweifend gewesen sein; altgab er sich, nach diesen Anklagen, dem Luxus und den Tafelfreuden hin. Er sei ein Ver-schwender, ein „boui-k-su (>'r,r<;ent".
Es ist etwas Wahres in diesem Vorwurfe. O'Eonnell hatte zu geringe Ach-tung vor dem Gelde. Er war sich bewußt, daß er nie um des Geldes willen gehan-delt hatte; er hatte das Vertrauen zu sich selbst, daß sein Volk nie von ihm glauben werde,das Geld bestimme sein Benehmen. Er sah im Gelde nur ein Mittel, seine Zweckeals Führer des irländischen Volkes zu erreichen, und warf es, wo er dies für seinem Zweckeangemessen hielt, zum Fenster hinaus. Er irrte wohl, wenn er glaubte, daß zu seinerRolle als „ungekrönter König" von Irland eine Art königlicher Hofstaat, eine Art könig-liche Verachtung des Geldes gehöre. Aber es ist doch wahrscheinlich genug, daß die Bett-ler, die armen hungernden Bauern stolz ihren O'Eonnell-Pfennig hergaben und geradedeswegen nur um so fester an ihrem „Könige" hingen, weil sie in dem Luxus, den er zeigte,sich selbst und ihren Fetzen und zerrissenen Kleidern eine Art Ehre angethan zu sehen glaub-ten. „Das ist unser Mann, und die vier Pferde sind auch unser, und die Kutsche auch,und auch sein Haus auf Marion Square und sein Schloß in den Kerry - Bergen!" Esist möglich, daß gerade in dieser Wechselwirkung ein neues und unzerfprengbares Bandzwischen diesem Könige und seinem Volke bestand. —
Der größte Theil der Gelder, die für O'Eonnell und die Repeal gesammelt wurden,dienten übrigens der Sache Irlands und nicht dem Hauswesen O'Eonnell's. Es magauch dabei oft eine gewisse unberechtigte Großmuth mit untergelaufen sein, aber im Gan-zen sind die Rechnungen der O'Eonnell'schen Regierung sicher eben so gut, ja wahrschein-lich viel besser in Ordnung als das Budget irgend eines Staates, geschweige denn derEivilliste irgend eines „gekrönten" Königs.
O'Eonnell hatte ein zugroßesHerz, war ein zu großmülhiger Mensch, um sich durchsGeld lenken zu lassen. Sein Uebertritt aus dem Privatleben ins öffentliche Leben istallein dafür Beweis genug. Die engherzige Selbstsucht, die nur an sich denkt, ist gleich beider Hand, Diejenigen, die vor Allem an Andere, an das Ganze, «an den Staat, ans Volk,ans Vaterland denken, mit der Elle ihrer eigenen Nichtigkeit zu messen. Wer nicht hin-ter dem Kramtische oder in der Schreibstube sitzt, ist für sie ein „verunglücktes brodlosesGenie" oder auch ein „Advocat ohne Processe". O'Eonnell war ebenfalls Advocat, eh«er Agitator wurde, und in ein paar Jahren hatte er sich zum ersten Advocaten in Dublinhinaufgeschwungen. Seine Schreibstube war eine der besten, und er verdiente bald vieleTausend Pfund Sterling im Jahre.
Wenn er ein Geldmensch gewesen, so hatte er hier sein Ziel erreicht. Es giebt we-nige Stellungen in ganz Irland und England, die einträglicher und sicherer sind als dieeines ausgezeichneten und anerkannten Advocaten. Am Ende seines Lebens würde O'Eon-nell in dieser Bahn als steinreicher Mann auf dem Sitze eines der Hochrichter des Landesin Frieden und allgeachtet ausruhen haben können. Nicht doch — Richter dürfen irlän-dische Katholiken nur sein, weil O'Eonnell es vorzog, mehrere Tausend Pfund Sterlingjährlich zu opfern, seine Stellung und seine Praxis aufzugeben, um die Freiheit, die Ent-fesselung seines Volkes erringen zu helfen.
Bettelbuben. Der Junge ist schön, rüstig und beredt in seiner Bettelei. O'Connell hatseine Freude an ihm, streichelt ihm die Wange und fragt ihn: „Wie heißt Du, meinBursche?" — „Daniel O'Connell", antwortete der Bettelbube — und der Befreier machtein langes Verwunderung und Ironie aussprechendes Gesicht. Er zieht aber augenblicklicheinen Sovereign heraus, giebt ihn dem Jungen und sagt ihm: „Da hast Du was, Daniel,wenn ich Dir wieder begegne, bekommst Du wieder einen Sovereign, mein Bursche!" —Kaum eine Viertelstunde Weges weiter steht der Bursche wieder da. Er hat auf einem Fuß-pfad O'Connell und seine Begleiter überholt. „Guten Tag, da bin ich wieder, und Ihrhabt mir einen Sovereign versprochen, wenn Ihr mir wieder begegnetet!" O'Connell machtein noch längeres Gesicht, zieht den Sovereign heraus, aber sagt: „Nächstens kriegst Dukeinen mehr." — „Bei Gott", setzt alt Dan hinzu, „der Junge schlägt nicht aus der Art."