74
O'bonnell.
Meer nie gesehen, wird es nicht begreifen, wie klar es ihm auch der begeistertste Dichterbeschriebe, wie lebendig es ihm auch der begabteste Maler vorzeichnete. Jede RedeO'Connell's war ein solches Schauspiel. Wer nicht unter dem Einflüsse dieser Wechsel-wirkung zwischen der tiefen Liebe zur „grünen Insel" und dem unauslöschlichen Hassegegen den „Sachsen", die von O'Connell in seine Zuhörer und von seinen Zuhörernwieder zurück in den Redner Überflossen, gestanden hat, mag alle jene Reden lesen; erkann Vieles daraus lernen, aber er wird den Zauber, den sie ausübten, so wenig begreifen,als der Landbewohner die Wunder des Meeres bei dem schönsten Bilde eines Sturmes zuahnen im Stande ist.
Ein paar Einzelheiten haben, auch nur nacherzählt, eine Bedeutung. O'Connellströmte von Liebe zu Irland, von Haß gegen England über. Aber zwischendurch spieltesehr oft die unerschöpfliche irländische gute Laune, Witz und Ironie. Und hier war er wie-der der Mann seines Volkes. Jeder Witz wurde von der Menge aufgefangen und jubelndbegrüßt; oft aber zuckte auch der erste Witzfunke aus der Menge hervor und dann griffO'Connell diesen stets auf und warf die schillernde Seifenblase weiter, bis sie über denKöpfen der Menge platzte. Heute schrie ein Esel, gerade als O'Connell eine der tapferstenPhrasen in die Masse warf. Ein Bauer rief in guter Laune dem Esel ein „oriler! »i-cker!verfluchter Sachsenfreund!" zu. O'Connell antwortete dem Bauer: „Laß ihn schreien,den Esel, ich habe in Westminster ganz andere schreien hören und es geschehen lassenmüssen!" Da wollte der Jubel kein Ende nehmen.
Eine andere Scene war noch bezeichnender. Die Monstremeetings hatten endlichdie englische Regierung dennoch aus der Ruhe ihrer «in-notiiiiiA-Politik aufgescheucht. Eshieß, daß sie denselben nächstens ein Ende machen werde. Es war auch bekannt, daß siemehrere Cavalerieregimenter nach Athlone beordert hatte. Während der Rede O'Con-nell's wurde ein Pferd in der „Repealcavalerie", wie er seine Bauernreiterei nannte, scheu,die Nächsten dem Pferde wichen zurück, die Folgenden drängten ihre Nachbarn, hundert-tausend Holzschuhe kamen in Bewegung, das klang, als ob Cavalerie-Schwadronen ingeschlossenen Reihen anstürmten. „Die blauen Dragoner!" rief eine erschreckte Stimme,und die ganze Masse wogte hin und her, wie wenn der Sturm in, einen Sandhaufenbläst. Der panische Schrecken durchfuhr die Gemüther; schon flohen die Aengstlichen,schon wurden die Muthigsten mit fortgerissen. Noch einen Augenblick und Alles stobvon allen Seiten auseinander.
Da hob sich O'Connell zu seiner ganzen Höhe hinauf, da reckte er seine Hand zumHimmel, da rief er mit Donnerstimme: „Halt! Steht still! — daß Keiner vomFlecke weiche!" Und Alle standen wie festgebannt. Es war ein Wundek, und ich denke,es geschehen selten größere.
Ich hatte kein Auge von ihm gewendet. Mich durchzuckte es, als ob ich einemGottgesandten nahe stände. Ich beugte mich im Gefühle: „das ist ein großer Mensch!"Ich hatte Könige und Kaiser gesehen, die Guizots und die Thiers, die Peels und dieRussell sprechen gehört. Nie war mir ein Gedanke gekommen wie hier: „Nieder in denStaub, vor dir steht der größte Mann der Zeit!"
kV. Während des letzten Theils der Rede war eine lange, hagere, blonde Gestalt hin-terO'Connell getreten, die aber erst jetzt, nachdem O'Connell aufgehört hatte zu sprechen,die Aufmerksamkeit auf sich zog. Das war Tom Steel. Mit dem letzten Worte, dasO'Connell sprach und dem ein neuer Jubelsturm folgte, breitete Tom Steel einengroßen weiten Mantel aus und hing ihn sorgfältig über die Schultern des „Befreiers",damit dieser, von der Rede erhitzt, sich nicht erkälte. Nachdem dies Geschäft vollbracht war,zog Tom Steel eine Pfirsiche — für Irland stets eine Seltenheit und für die Jahreszeiteine Art Wunder — aus der Tasche und reichte sie O'Connell. Dieser nahm sie schmun-zelnd an, biß mit vollem Munde hinein, daß der Saft ihm über das Kinn hinablief. Diestarke, kräftige, volle, gutgenährte Gestalt O'Connell's, das breite, jetzt ruhende undfast gedankenlos lächelnde Gesicht, das kluge Auge, der ironische Mund,— in dem diefeine Pfirsiche schmolz, erinnerten um so mehr an Sancho Pansa, als der „edle Ritter",leibhaftig und lebendig, wie wir ihn hundertmal abgebildet sehen, in Tom Steel neben