738 Flassan.
mit dem französischen Königthum. Ich weiß mir freilich nicht recht vorzustellen, welch'ein Ding ein König ohne Land und Leute sein soll, und finde es leichter, dem Staateeinen Beherrscher, als diesem einen Staat zu geben. Aber, wie gesagt, das verstehenwir nicht, und so sollten wir auch nicht davon reden. So sei es!
Ich habe vor der Diplomatie und vor den Diplomaten eine große Achtung undverkenne das Große und Wichtige nicht, das sie geleistet. Doch genau besehen undgeprüft, bildet nach meiner Meinung die Diplomatie das schreibende Hauptquartier,das sich im Gefolge des fechtenden befindet, um friedlich und mit der Feder in dierechte Form zu bringen, was jenes kriegerisch und mit dem Schwerte, dem Gehaltenach, entschieden hat. Wäre dem nicht so? Wenn Brenn us sein Schwert indie Waagschale wirst mit dem höhnenden Rufe: „Vue victis!" würde Herr vonFlassan, oder auch Herr von Talleyrand, wenn er dabei stände, um die Di-plomatie zu vertreten, dem Uebermüthigen entgegnen: „Vso victor!!" Ich zweifle,und erst wenn ein Camillus sein Schwert in die andere Waagschale gelegt, daß die desrohen Galliers leicht in die Höhe geht, wird die Diplomatie austreten, um zu proto-kolliren, was der Erfolg des Krieges dictirt. So habe ich mir die Sache bisher vor-gestellt und darum auch in dem Kriegs- und Völkerrechte kein rechtes Recht findenkönnen, in welchem Gerechtigkeit zu entdecken wäre, Gerechtigkeit nehmlich, wie wirgemeinen Leute sie verstehen, die an die zehn Gebote glauben.
Aber ich wiederhole es, man darf bei mir auf keine Weise die Absicht vermuthen,die Verdienste, welche die Diplomatie um die Völker und die Menschheit hat, bestrei-ten zu wollen. Nur kann mir es begegnen, daß ich das Verdienstliche nicht immererkenne und darum über dasselbe im Zweifel bin. Die Consiscation von Venedigund Genua, obgleich einige Wortbrüchigkeit mit untergelaufen ist, wie die Einziehungder geistlichen Kurfürstenlhümer, Fücstenthümer, Prälaturen und Abteien ließ sich be-greifen und erklären, besonders wenn man dabei zu gewinnen hoffen durfte. Abermit der Zusammenschmiedung von Schweden und Norwegen, dieser feindlichen Brü-der, wie mit der blutigen Zerreißung Polens, ist es doch wohl ein anderes Ding,dessen Verdienstliches sich nicht sogleich erkennen läßt. Und, darf man auch fragen,worin liegt das Verdienstliche einer gewaltsamen Gestaltung eines Königreichs derNiederlande, dieser Misheirath, die eine schlechte Ehe und endliche Scheidung vorauS-sehen ließ? Welches Verdienstliche findet man in dem bunten Kartenspiele einerdeutschen Verfassung, wo jedes Blatt seine Farbe und seinen Werth hat und einigegroße Mächte Trumpf sind? bei der Restauration in Frankreich und der Wiederher-stellung der Tyrannei Ferdinand's in Spanien durch die Gewalt der Waffen?Was hat die Diplomatie Erfreuliches in Italien geschaffen, dessen Verhältnisse fastso seltsam zusammengewürfelt sind wie die des deutschen Bundes, mit und ohne Land-stände, in und außer dem großen Zollvereine, mit halber oder ganzer Censur? Hatsie sich große Verdienste um Griechenland erworben, dessen schmerzliche Wehen siedurch ihre Hebammenkunst verlängerte, um endlich eine Wiedergeburt herbeizuführen,die eine Fehlgeburt zu werden drohete? Oder wird sich das Verdienstliche später nochoffenbarm, wenn sich das Resultat der Stellung zeigt, die man Rußland gegen dieTürkei und das übrige Europa hat nehmen lassen? Ich frage nur, eben weil ichvon Diplomatie gar Nichts verstehe, mich aber unterrichten möchte und gute Lehrenmit Dankbarkeit anckehme. Und solcher Fragen hätte ich noch manche auf dem Her-zen, das sich erleichtert fühlen würde, wenn man mir sie befriedigend beantwortenwollte. Ueber einen Punkt nur bin ich nicht ungewiß, und zwar über einen sehrwesentlichen und wichtigen, über den Punkt nehmlich, welche Dienste die Diplomatie derMonarchie geleistet hat, indem sie dieselbe gegen revolutionäre Bewegungen und de-magogische Umtriebe zu sichern suchte. Es sind in mancher Hinsicht dieselben Dienste,die der hilfreiche Bär seinem Freunde, dem Eremiten, zu leisten gedachte, als er ihmdie lästigen Fliegen mit einem Steine abwehrte und das Gesicht zerschlug. Mansollte sagen, die Fabel sei gerade für diesen Fall erfunden. Garat — ich nenneeinen Mann von einigem Rufe — sprach sich über die Verdienste der Diplomatie