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Diktator, Diktatur.
der früheren, gesetzlich bestandenen Dictatur vergleichen. Dasselbe gilt von Cäsar, dersich nach seinem Triumpheinzuge in Rom im I. 696 zum Consul auf zehn Jahre und zumDiktator auf Lebenszeit hatte ernennen lassen. Da und dort traten bereits die Symptomedes Unterganges der Republik und des Uebergangcs zur monarchischen Verfassung hervor.Doch schien die diktatorische Würde auch in der Zeit des Verfalls noch so wenig populär, daßAugust, der den Schein der Freiheit so klug zu wahren wußte, um seine Römer destogewisser an die Sklaverei zu gewöhnen, für gerathen hielt, sich mit dem Titel eines Impe-rators zu begnügen, welchen die Truppen in den schönen Tagen des Freistaats ihren Feld-herrn beizulegen pflegten.
Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich die Verfassung des römischen Reichs von einerArt Königthum in einen Freistaat und endlich in eine Jmperatorenherrschaft verwandelt.Wesentlich denselben Cyklus der Ereignisse sahen wir neuerdings in Frankreich in wenigeJahrzehente sich zusammendrängen und endlich Napoleon zugleich die diktatorischeRolle eines Cäsar undAugustus spielen. Und wie überall ähnliche Ursachen ähnlicheWirkungen erzeugen, wie die Noth drängender Verhältnisse das unbedingte Ver-trauen und die rücksichtslose Hingebung in den Willen und die Führung eines Einzelneneinem ganzen Volke zum wohl erkannten Bedürfnisse und zur Pflicht der Selbsterhaltungmachen kann, so hat sich auch im neuesten, amerikanischen Unabhängigkeitskriege die Er-scheinung wiederholt, daß einzelne Feldherren — darunter namentlich Bolivar— imKampfe für die Freiheit und selbst im Interesse derselben für eine Zeit lang eine unbeschränkteund unbestrittene Macht in ihrer Person zu vereinigen wußten. Selbst im Unabhängig-keitskampfe der nordamerikanischen Freistaaten stand die keimende Freiheit auf dem Punkte,sich in der Diktatur eine Stütze zu suchen. Unter schwierigen Umständen war zwei Mal inder volksvertretenden Versammlung Virginiens— im December l776und im Juni 1781— der Vorschlag gemacht worden, einen Diktator zu ernennen und ihn mit der gesetzgeben-den, vollziehenden und richterlichen, mit aller bürgerlichen und militairischen Gewalt zubekleiden, so wie das unumschränkte Recht über Vermögen, Leben und Tod der Bürger inseine Hände zu legen. Nur mit wenigen Stimmen war dieser Vorschlag durchgefallen.Ungeachtet dieser jüngsten Erfahrungen läßt sich behaupten, daß in der neueren Culturge-schichte der civilisirten Völker alle Triebfedern dahin wirken, das Selbstgefühl der Einzelnenzu steigern und durch Verbreitung der äußeren Bedingungen einer allgemeineren Bildungeiner größeren Anzahl wachsender Talente Raum zu verschaffen. Jenes Selbstgefühl magsich aber dem unbeschränkten Willen eines Einzelnen nickt blind unterwerfen, und jedeswachsende Talent wird sich, beschränkend und bedingend, dem in anerkannter Wirksamkeitwaltenden zur Seite stellen. Das Eine und Andere dieser Momente ist aber der Entstehungund Erhaltung diktatorischer Herrschaft keineswegs günstig. Es ist vielmehr der wesentlicheCharakter unserer Zeit, daß die Bedeutung des Einzelnen, neben derjenigen der Massen,immer mehr verschwindet; daß nicht mehr Einzelne, sondern die Völker selbst die Schöpferdes Völkerschicksals werden. Sollten sich also in einem künftigen Kampfe für Begrün-dung oder Erhaltung der Freiheit die Umstände in der Art schürzen, daß sie einen Einzelnenzu vorzüglicher Macht und Gewalt erheben, so läßt sich doch nach der ganzen Bedeusungunserer Zeit voraussehen, daß solche Diktaturen weder dauernd noch von dauerndem Ein-flüsse sein werden.
Dictatur war bei dem ehemaligen deutschen Reichstage eine Versammlung von Ge-sandtschaftssecretairen und Kanzellisten. In Mitte des Zimmers, wo sich dieselben ver-sammelten, war ein Sitz für den Secretair des Kurfürsten von Mainz bestimmt, welcherden Uebrigen die Denkschriften und Aktenstücke dictirte. Daher der Name. Die Reichstags-dictatur war entweder öffentlich, oder partikulär. Letzteres, wenn nur den Secretairen einesbestimmten Collegs, desjenigen der Kurfürsten, Fürsten u. s. w-, die sie besonders betreffen-den Aktenstücke, Beschlüsse u. s. w. dictirt wurden. In einem andern Sinne hieß ckicta-turs psrtiLuIari« diejenige, in welcher entweder nur an die katholischen, oder nur an dieprotestantischen Reichsstände Mittheilung erfolgte. In Erinnerung an den alten Reichstagwird auch jetzt noch das Sekretariat der Bundeskanzlei zu Frankfurt Dictatur genannt.
Wilh. Schulz.