Hessen vom Jahre 1838 an. 785
während im Ausschuß der ersten Kammer ein Mitglied (Freiherr von ArenS) für die allge-meine Eivilehe, eins (Freiherr von Breidenstcin) für das System des Entwurfs, eins(Freiherr von Gagern, der Vater) für eine Combinativn der kirchlichen und bürgerlichenEhe und eins (Kanzler vr. von Linde) für allgemein kirchlichen Abschluß der Ehe oder,wolle man dies nicht, für das rheinhesstsche Princip, jedenfalls aber gegen den im Act. 37liegenden Grundsatz war. Die Berathungen der zweiten Kammer über diese Fragen dauertenmehrere Tage. Eine Erwähnung fanden dabei auch die rheinhesstschen Adressen, welcheam 18. Nvv., also zwei Tage vorm Beginn der Berathung der zweiten Kammer überArt. 33 und 37 des Eherechts, durch Deputirte der Provinz Rheinhessen, unter Beglei-tung vieler dortiger angesehener Bewohner, namentlich aus Mainz, an ihre Abgeordnetennach Darmstadt gebracht worden waren. Stützten sich die Letzteren daraus als Ausdruckder öffentlichen Meinung, so tadelte der Regierungscommissär lebhaft ihren Inhalt undihre Entstehungsweise. Endlich, am vierten Tage der Berathung (24. Nov.), erfolgte dieAbstimckung. Die Kammer nahm mit 29 gegen 18 Stimmen den Art. 33, wie ihn derEntwurf enthielt, und mit 31 gegen 16 Stimmen den Art. 37, wie ihn der Entwurf ent-hielt, an und lehnte mit 30 gegen 17 Stimmen den Antrag des Abg. Kilian ab, dieStaatsregierung zu ersuchen, der Provinz Rheinhessen ihre Einrichtung der allgemeinenEivilehe zu belassen. In der Minorität befanden sich jedesmal die 12 Abgeordneten derProvinz Rheinhessen.
Diese Beschlüsse, obgleich nicht unerwartet, machten doch eine große Sensation-Zunächst erging in Darmstadt von einer großen Anzahl Bürger und Einwohner eine öffent-liche Erklärung. Sie hätten — so bemerkten die Unterschriebenen — in den letzten Tagenin den Kammerverhandlungen durch Abgeordnete der diescheinischen Provinzen die Be-hauptung vernehmen müssen, daß das Institut der Eivilehe in den älteren Provinzen desGroßherzogthums Hessen übel angesehen sei und seine Einführung eine große Aufregunghervbrbringen werde. Zweck dieser Erklärung sei, jener Behauptung zu widersprechen.Das Institut der Eivilehe habe nehmlich in Darmstadt eine große Anzahl Verehrer und dieUnterzeichneten selbst zählten sich dazu. Sie thäten es, weil sie durch das Institut derEivilehe eben so sehr das Recht als die Gewissensfreiheit und die bürgerliche Freiheit über-haupt nach allen Seiten für gesichert hielten, ohne die religiösen Interessen, welchen sieebenfalls alle wohlverdiente Bedeutung beilegten, zu gefährden. Aber sie zweifelten auchnicht daran, daß, wenn die Bekanntschaft mit dem Institut der Eivilehe mehr und mehrin alle Schichten des Volks gedrungen sein werde, man sich mehr und mehr damit befreunde.Denn das jetzige Verhalten der Mehrzahl des Volkes dazu sei nicht sowohl Abneigung alsGleichgültigkeit, beruhend auf größerer oder geringerer, und die Unterzeichneten dürftenwohl hinzusetzen, nicht selten gänzlicher Unkenntniß. Die Unterzeichneten wünschten, daßdas Institut der Eivilehe einen Halt in Deutschland gewinne, und hofften, daß esfrüher oder später geschehen werde. — Eine Adresse ähnlichen Inhalts ging von Offenbachdurch eine Deputation an den Abgeordneten jener Stadt, Otto, einen der wenigen alt-hessischen Abgeordneten, welche für die Eivilehe gestimmt hatten, nach Darmstadt ab.Aber auch in den angränzenden deutschen Provinzen — der baierischen Rheinpfalz und inRheinpreußen — regten sich sehr, entschieden« Sympathieen für die bedrohten rhsinhessischenInstitutionen und wurden insbesondere in Adressen aus Frankenthal, Deidesheim u. s. w-sowie später in einer solchen aus der Gegend von Aachen laut. Die erstgedachte Adressewar gerichtet an das „Mainzer Bürger-Comite zur Erhaltung der rheinhessischen Institu-tionen in Mainz", und alle athmeten eine eben so gesetzliche und deutsch-patriotische als fürdie gemeinsamen Rechtseinrichtungen von Liebe entflammte entschiedene Gesinnung. InMainz selbst aber hatten das Schicksal der Eivilehe in der zweiten Kammer und di« dabeigefallenen, die Entstehung der Adressen schmähenden Aeußerungen eine große Bewegungveranlaßt und es gab die« Anlaß zu einer Erklärung, welche, in einer Bürgerversammlungin Mainz in Vorschlag gebracht und mit Beifall ausgenommen, eine noch größere AnzahlUnterzeichner in der ganzen Provinz fand, als die Adressen selbst gefunden hatten. DieErklärung lautet«: „Rheinhesstsche Bürger haben ihren Deputirten die Wünsche aus-StaatS -Lerikon. VI. 50