Glarus. — Die größeren und kleineren Völker des Alterthums beginnen ihre Ge-schichte gewöhnlich mitThaten und Wundern ihrer Heroen; die des späteren Weltalters,zumal in Europa, mit Wundern und Thaten ihrer Legendmheiligen. Heroen und Heiligemögen der Glorie gleich würdig sein. Der Mensch mußte seine Wohnstätte, den Erdball,erst allen Ungeheuern der Wälder und Wüsten abkämpfen, dann in den eroberten Einödenerst das Erscheinen seinerTriptolemen erwarten.
Das mehr denn zwölf Stunden lange Schweizerthal Glarus, welches sich vomewigen Schnee des mehr denn t 1,000 Fuß hohen Tödibis zum Wallensee wie eine weiteGasse zwischen riesigen Hochgebirgen ausstreckt, war noch im fünften Jahrhunderte unsererZeitrechnung größtentheils entsetzliche Wildniß. Da erschien als Apostel des Christenthumsder heilige Fridolin. Er belehrte die Wilden, welche hier im tiefsten Theile des Thales,wo es sich gegen den Wallensee ausmündet, zerstreuet zwischen Wäldern und verwüstendenBergströmen und gewaltigen Fclstrümmern wohnten, die durch Erdbeben von den Hoch-gebirgen herabgeschüttelt worden waren. Auch noch in neueren Jahrhunderten sind Ver-heerungen dieser wilden Gewässer und Erdbeben keine Seltenheiten des Landes. Fridolin,der auch am Rheine dasFrauenklostrr Seckingen gestiftet hatte, vecgabte diesem das ihmselber in seinem Umfange wenig bekannte Thal nebst dessen einzelnen Anbauern als zinsba-res Gut. Aber noch ein halbes Jahrtausend nachher war die Bevölkerung der Gegend sodünn, daß ein einziges Kirchlein im Orte Glarus für alle Landesbcwohner groß genugwar. Damals bestanden sie nur aus 40 — 50 freien Geschlechtern; die übrigen lebten daals zinsbare Leute und Leibeigene der Abtei am Rheine. Die freien Eigenthümer bildetenihre eigene Gemeinde und wählten zu deren Haupte einen „Landammann" aus eigenerMitte. Die 'Aebtissin zu Seckingen hingegen ließ ihre Zinsen durch einen „Meyer" be-ziehen, der zugleich die niedere Gerichtsbarkeit, vereint mit zwölf ehrbaren Männern desLändchens, verwaltete. Das Blutgericht ließ der Kaiser, als Schirmvvgt der Abtei, durcheinen seiner Grafen und Edeln vor dem Volke halten.
Dieses gesellschaftliche Verhältnis, dem im größeren Theile Europas damals ähnlich,änderte mit dem Wachsthume der Bevölkerung, die sich allmälig bis in den tiefsten Hinter-grund des Hauptthales und in die erhabenen Seitenthäler des Gebirges ausgebreitet hatte;und mehr noch durch die Habsucht der Fürsten aus dem Hause Habsburg-Oesterreich. Gleich-wie dieselben im Anfänge des 14. Jahrhunderts viel anderes Reichsgebiet auf helvetischemBoden an sich zu reißen und in erbeigenes Hausgut zu verwandeln trachteten, so hatten siesich auch der Reichsvogtei von Seckingen bemächtigt und aller Rechte desselben in Glarus.Hier stellten sie eigene Vögte auf; und, weit entfernt, die Freiheiten des Volkes zu ehrenund dessen in Feuersbrünsten vernichtete Urkunden alter Rechtsame zu erneuern, fordertensie unbedingte Unterthänigkeit der Thalleute. Von da an Unruhen, Auswanderungen,Bündnisse mit den Nachbarn im Lands Schwyz, Aufstände; endlich Vertreibung des öster-reichischen Vogtes, abwechselnde Kriege und Waffenstillstände. So das Leben vom Jahre1323 bis zum Jahre 1388. In diesem letzten ward endlich am neunten Tage des Aprilsdi« blutigeSchlacht der Glarner bei N äfels auf den Rautifeldern für die Freiheit geschla-gen und gewonnen. Von da an gehörte sich das tapfere Bergvolk selber an, stand mit denübrigen Staaten der Eidsgenossenschaft in gleichem Range und Bunde und kaufte sich(1395) auf.ehrliche Wrise von Zehnten, Zinsen und Rechten des Gotteshauses Seckingenum große Summen los.
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