Druckschrift 
6 (1847) [Gla - Hes]
Entstehung
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Hesse« vom Jahre 1838 an.

liing der Eisenbahnangelegenheit, bei kund gewordener Corruption, in den Hintergrundgestellt. Nur Eins machte Aufsehen durch alle Marken Deutschlands: es waren die po-litischen Untersuchungen. Im Jahre 1831 war die letzte im Großheczogthume Hessennoch anhängige politische Untersuchung (gegen die Hofgerichtsadvocaten H. K. Hofmannund Rühl in Darmstadt) mit deren völliger Freisprechung beendigt worden. Aber baldnach dem Frankfurter Aprilattentat (1833) erfolgten neue Verhaftungen. Zwar wurdendie Jnhaftirten meist gegen Caution entlassen; allein zu Anfänge des Jahres >834 erschie-nen mehrere ohne Censuc gedruckte Schriften, meist in Form von Zeitungen oder Pam-phlets, insgeheim und theilweise in großer Zahl verbreitet. Sie sprachen sich über Lan-desangelegenheiten, namentlich über die damals noch im Gange befindlichen Landtagswah-len für den Landtag von 1834, mehr oder minder stark und alle im Sinne der entschie-denen Opposition aus. Das meiste Aufsehen erregte eine bei einem Studenten NamensMinnigerode in vielen Exemplaren gefundene revolutionäre Druckschrift: „Der hessischeLandbote " Hierauf erfolgten neue Verhaftungen. Die Reihen der Gefangenen wur-den durch Entlassung Einzelner, auch durch den Tod etwas gelichtet. Namentlich endeteder Pfarrer Wei big (23. Februar 1837) nach bald zweijähriger Haft im Arresthause zuDacmstadt,wi« der bestimmteste Anschein vorliegt, durch Zerschneiden der Adernan Armen,Füßen und zumeist am Halse — aus schauderhaft schmerzvolle Weise — vermittelst Glas-scherben freiwillig sein Leben. Außerdem starb der Apotheker Trapp von Friedberg, derin Großgartach und Heilbronn mit Koseritz die bekannte Zusammenkunft, vier Wochen nachdem Frankfurter Attentat gehabt, im Arresthause zu Gießen, wohin er aus dem Arresthausezu Darmstadt gebracht worden war. Viel«, die sich nicht sicher glaubten, wandelten aus.

Hessen vom Jahre 1838 an*). In dem Artikel: GroßherzogthumHessen der ersten Auflage des Staats-Lexikons fanden zuletzt die politischen Untersuchun-gen von 1835 bis 1837 eine Erwähnung und es wird also geeignet sein, deren Geschichtehier zu vervollständigen sowie die Geschichte noch neuerer solcher Untersuchungen anzufü-gen. Die Untersuchungen von 1835 bis 1837 betrafen hauptsächlich Mitwissen desFrankfurter Attentats vom 3. April 1833 oder Verbreitung staatsgefährlicher Druckschrif-ten und hatten meist in der Provinz Oberhessen ihre Angehörigen. „Darunter Or. Friedr.Ludw. Weidig, geb. 1791 zu Oberkleen im nunmehrigen Nassauischen, seit 1811 Con-rector und dann Rector an der lateinischen Schule zu Butzbach, 1834 gegen seinen Wunschund Willen als Pfarrer nach der armen Gemeinde Obergleen nächst der kurhesssschcnGränze verseht; ein Mann voll Vaterlandsliebe, unermüdlichen Eifers, Einfachheit, Mä-ßigkeit im Lebensgenuß, Wohlthätigkeit; dabei vielfach gebildet, verständig, ein herzlicher

Lehrer und Freund seiner Schüler, ein zärtlicher Gatte und Vater. An Weidig's

Untersuchung und Tod haben sich sowohl im Besondercn als im Allgemeinen diewichtigsten Fragen geknüpft, welche in mehr oder minder ausführlichen Streitschriften fürund wider noch immer verhandelt werden. Die besonderen Fragen harren wohl dabeifür immer umsonst auf ihre feste endliche Erledigung, die Fragen nehmlich der erhal-tenen Schlage, zu welcher Zeit die eigentlich tödtliche Wunde von Weidig sich beigebrachtwurde, welche praktische Folgen die offenbar vorliegende, mit dem stärksten Tadel zu tref-fende Unterlassung der Wegnahme der Glasscherben und Belastung Weidig's in völligerEinsamkeit und ohne Hilfe von 8 bis 10 Uhr Vormittags hatte, u. s. w. Aber um soentschiednere Antwort hat die öffentliche Meinung auf die al lgemeinen hierbei zurSprache gekommenen Fragen ertheilt. Nehmlich: Was das heimliche Gerichtsverfahrenfür einen Werth habe? Und was überhaupt von unserm deutschen Untersuchungsverfah-ren zu halten sei? Die Antworten hierauf lauten, daß eine Reformation an Haupt undGliedern hierbei erforderlich sei, und daß nur Oeffentlichkeit, aufrichtige, wahreOeffentlichkeit, kein scheinbares Liebkosen mit einer Idee, welche zu allgemein und begrün-

*) Als Redacteur des Staats-Lerikons bemerke ich, daß der gegenwärtige Artikel über Hes-sen ebenso wie der vorhergehende in jedem seiner Worte und ohne die geringste Auslassungder Feder eines in seinem Vaterlande hochgeachteten und auch in demselben lebenden groß-herzogl. hessischen Staatsbürgers angehbrt. C. Welcker.