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Guizot's politische Doctrincn.
genheit loszureißen, sie für das Schicksal der Welt verantwortlich zu machen, um sie alleinmit Fluch oder Lob zu überhäufen."
„Es ist indessen an der Zeit, von diesen trügerischen und kindischen Reden sich loszu-sagen. — Weit entfernt, den natürlichen Gang der Begebenheiten in Europa zu unter-brechen, hat weder die englische noch unsere Staatsumwalzung je etwas gewollt, gesagt,gcthan, welches nicht hundert Male vor ihrem Ausbruche schon gewünscht,gesagt, gethan oder versucht worden. Sie haben die Ungesetzlichkeit der unbeschränk-ten Gewalt ausgestellt; aber die freie Einwilligung zu Gesetzen und Besteuerung, das Recht,mit den Waffen in der Hand sich zu widersetzen, waren auch unter der Zahl der verfassungs-mäßigen Grundsätze der Feudalordnung und die Kirche hat oft die Worte des heil. Jsidor'swiederholt, welche wir in den Beschlüssen der vierten Svnode zu Toledo finden: „Der ist j
König, welcher sein Volk mit Gerechtigkeit regiert, handelt er anders, so soll er nicht mehrKönig sein." Sie haben die Bevorrechtungen angegriffen und darauf hingearbeitet, mehrGleichheit in die gesellige Ordnung einzuführcn; dasselbe haben die Könige in ganz Europagethan und bis auf unsere Tage ist die Entwickelung der bürgerlichen Gleichheit auf dieGesetze gegründet worden und hat gleichen Schritt mit der Ausbildung der königlichen Ge-walt gehalten. Sie haben gefordert, daß die öffentlichen Acmtcr allen Bürgern offen stehen,daß sie nach dem Verdienste gegeben und daß die Gewalt mit öffentlicher Bewerbung zuge-theilt werden solle: und dieses ist auch das Grundprincip der inneren Verfassung der Kirche,welches sie nicht allein geübt, sondern auch bestimmt ausgesprochen hat. Man mag aufdie allgemeinen Grundsätze oder auf die Anwendung derselben in beiden Umwälzungen Rück-sicht nehmen, mag von der Regierung des Staats oder von der bürgerlichen Gesetzgebung,von Eigenthum oder Personen, von Freiheit oder von öffentlicher Gewalt die Rede sein, manwird auf Nichts stoßen, dessen Erfindung ihnen angehöre; Nichts, das sich nicht sonst nochfände oder wenigstens in den Zeiten sich ausgebildet hätte, welche wir gewöhnliche nen-nen. — Noch mehr: diese Grundsätze, diese Entwürfe, diese Krastanstrengungen, welche soausschließend der englischen und unserer Staatsumwälzung zugeschrieben werden, sind nichtallein mehrere Jahrhunderte früher als sie dagewesen, sondern ihnen verdankt auch diebürgerliche Gesellschaft in Europa alle ihre Fortschritte. Hat denn die Feudalaristo-kratie durch ihre Unordnungen- ihre Vorrechte, durch ihre rohe Gewalt und die Unter-drückung des Menschen unter ihr Joch an der Entwickelung der Völker Theil genommen?
Das nicht, aber sie hat gegen die Tyrannei des Königthums angekämpft; sie hatihr Recht, zu widerstehen, ausgeübt und die Gesetze der Freiheit erhalten. Warum haben -
die Völker die Könige gesegnet? Geschah dies wegen ihrer Ansprüche auf ein von Gottstammendes Recht, auf eine unbeschränkte Gewalt, ihrer Verschwendung, ihres Hofs wegen?
Rein, aber die Könige haben gegen die Feudalverfassung, gegen die aristokratischen .Bcvorrechtungen gekämpft; sie haben in die Gesetzgebung, in die Verwaltung Einheit ge-bracht; sie haben das Aufstreben nach Gleichheit unterstützt. Und was hat der Geistlich-keit ihre Macht gegeben? Wie hat sie zur Bildung beigetragen? Etwa indem sie sich vondem Volke lossagte, sich vor der Vernunft des Menschen fürchtete, oder indem sie in dem :Namen des Himmels die Tyrannei heiligte? Nein, aber sic hat ohne Unterschied dieNiedern und Hohen, die Armen und Reichen, die Schwachen und die Gewaltigen in 'ihren Kirchen und unter dem Gesetze Gottes vereinigt; sie hat die Wissenschaften geehrtund gepflegt. Schulen gestiftet, die Verbreitung des Lichts und die Lhätigkeit des Geistesbegünstigt. — Man befrage die Geschichte der Herren der Welt; man untersuche den Ein- :fluß der verschiedenen Stände, welche über ihr Schicksal entschieden haben: überall, wo sichetwas Gutes darstellt, wo ein dauernder Dank der Menschen bezeugt, daß ein großer Dienstgeleistet worden, da ist ein annähernder Schritt zu dem Ziele, welches die englische Revolu-tion wie die einstige verfolgt hat; da. wird einer der großen Grundsätze fühlbar, welche sievorherrschend zu machen suchten. — So höre man denn auf, sie als widernatürliche Er-scheinungen in der Geschichte Europas darzustellen; man spreche nicht mehr von ihren uner-^hörten Ansprüchen, von ihren höllischen Ausgeburten: sie haben die Bildung in dem-selben Wege fortgeschoben, auf welchem sie sich schon seit vierzehn Jahr-hunderten befindet; sie haben sich zu Grundsätzen bekannt, sie haben eine Lhätigkeit s
gefördert, welcher der Mensch in allen Zeiten die Entwickelung seines Wesens und die Ver- ß
befferung seines Schicksals verdankt; sie haben gethan, was Geistlichkeit, Adel und Könige 'mit Verdienst und Ruhm gekrönt hat." —
Wir fügen diesem noch eine Mittheilung aus einer der neuesten Reden Guizot's bei.Sowohl für die Theorie des konstitutionellen Lebens oder Repcäsentativsystems als fürdie Pr axis desselben ist bekanntlich die Frage sehr wichtig, ob die Vo lksvertreter sichvon ihren Wählern vorschreiben lassen dürfen oder müssen, in welchem Sinn sie in ge-wissen Fällen zu votiren haben? oder mit einem Worte: das Dogma von den impera-tiven Mandaten oder den bedingten Vollmachten. — Bekanntlich hat man es bisher als