Druckschrift 
6 (1847) [Gla - Hes]
Entstehung
Seite
295
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Guizot's politische Doctrinen.

weil sie Idem nicht fassen u. s. w."). Besonders aber ist, wie gesagt, eine richtige An-sicht jener zwei Hauptrevolutionen unerläßlich und in diesem Sinne theilen wir aus derGuizot'schen Einleitung folgende Hauptstellen mit:

Vor der französischen Staatsumwälzung war die englische das größte Ereig-niß in der Geschichte Europas. Daß man die Größe und die Wichtigkeit desselben verken-nen möchte, fürchte ich nicht; unsere Revolution steht zwar höher, aber sie hat der eng-lischen Nichts von ihrer Bedeutung entzogen. Es ist ein zweifacher Sieg indemselben Kampfe und zum Vortheile derselben Sache: beiden ist derselbeRuhm gemeinschaftlich, sie heben einander wechselseitig und eine verdunkelt nicht die andere.Durch dieselben Ursachen herbeigeführt, durch den Verfall der Feudalaristokratie,der Kirche und der königlichen Gewalt, haben sie auf ein engleichenZweck hingearbei-tet, auf die Oberherrschaft des Volks'in den Staatsverhältniffen; sie haben beide für dieFreiheit gegen die unumschränkte Gewalt gekämpft, für Gleichheit gegen dieBevorrechtungen, für das fortschreitende und allgemeine Interesse gegendas stehende und persönliche. Ihre Verhältnisse sind verschieden gewesen, ihre Kräfteungleich; was die eine bestimmt und klar aufgefaßt, hatte die andere nur dunkel geahnt;die eine hat ihre Bahn bis zum Ende durchlaufen, die andere ist bald stehen geblieben. Dieeine hat auf den Schlachtfeldern Ruhm eingeerntet, die andere nur Niederlagen erlitten;die eine hat in zügelloser Jmmoralität gesündigt, die andere durch Heuchelei; die eine warweiser, die andere mächtiger, aber der Unterschied liegt allein in den Mitteln und in demErfolge, Zweck und Ursprung waren gleich; die Wünsche, die Anstrengungen und das Voran-schreiten waren auf dasselbe Ziel gerichtet; was die eine versucht oder vollendet hat, das hatauch die andere vollendet oder versucht."Einer jetzt unter Vielen verbreiteten Ansichtzufolge möchte es scheinen, als wären diese Umwälzungen seltsame Begebenheiten, aus vor-her unerhörten Grundsätzen hervorgegangen und zu ebenso unerhörten Zwecken aus-gedacht; Begebenheiten, welche die Gesellschaft aus ihren alten und natürlichen Verhältnis-sen herausgeschleudert haben, Stürme, Erderschütterungen, eine jener geheimnißvollen Erschei-nungen, welche, losgebunden von den von Menschen gekannten Gesetzen, unerwartet eintre-tcn, wie das gewaltige Eingreifen der Vorsehung, vielleicht zerstörend, vielleicht auch neugebärend und verjüngend. Freunde und Gegner, Lobpreiste und Tadler sprechen sich hierüberauf dieselbe Weise aus: nach der Meinung der Einen hätten diese ruhmvollen Erschütterun-gen zum ersten Male Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit in die Welt geführt; vor ihnenwäre Nichts als Thorheit, Unbilligkeit und Despotendruck gewesen; ihnen allein verdanke dieMenschheit ihre Rettung; nach den Andern hätten diese beweinenswürdigen Ereignisse ein lan-ges Zeitalter der Weisheit, der Tugend, des Glücks unterbrochen; ihre Urheber hättenGrundsätze aufgestellt, Ansprüche erhoben und Gräuelthaten begangen, welche bis dahin ohneBeispiel waren; in cinem Anfall von Wahnsinn wären die Völker von der gewohnten Bahnabgewichen, ein Abgrund habe sich unter ihren Füßen geöffnet. Auf gleiche Weise, sie prei-send oder tadelnd, sie segnend oder ihnen fluchend, vereinigen sich alle Stimmen, um allesAndere diesen Staatsumwälzungen gegenüber zu übersehen, um sie gänzlich von derVergan-

des leidenschaftlichen Haffes, der sich mit Ungestüm ganz auf das Aeußere und Zufälligewarf- Weil kurz vor der Revolution die Strenge der Hofgebräuche überall nachgelassenhatte und seit derselben eine bequemere Kleidertracht unter den höhern und Mittlern Stän-den der europäischen Gesellschaft die ältern steifen Formen verdrängt hatte, meinte Paul dieKraft der welkverwirrenden Ideen dadurch zu brechen, daß er die knechtischen Ehrenbezei-gungen, die vor Alters der Person und dem Palaste dds russischen Herrschers hatten erwiesenwerden müssen, wiederherstellte, und runde Hüte, zopflose Haare und lange Beinkleider zutragen untersagte!!"

Es ist merkwürdig, daß Paul's Beispiel damals auch von einem deutschen Fürstennachgeahmt ward, nehmlich dem Kurfürsten von Hessen. In der vor zwei Jahren erschiene-nen Bivgraphie des Buchbindermeister Adam Henß in Weimar (Jena bei Frommann 1845 .S. 165 ) steht Folgendes zu lesen:In Kassel, wohin ich nach ein Paar Lagen gelangte,gehörte ich eigentlich zu den Seltenheiten. Das ganze männliche Geschlecht ging dort mitmartialischen Dreimastern auf dem Haupte in der Stadt herum, ich sah nicht eine Person,mir gleich, mit einem Lunden Hute bedeckt und in Pantalons. Der damalige Kurfürstwar ein abgesagter Feind beider Kleidungsstücke. Man erzählte mir, er habe, um diesedamals Mode gewordene Kleidung zu verdrängen, seine sämmtlichen Züchtlinge mit rundenHüten, Pantalons und Halstüchern, in welchen das Kinn halb, versteckt war, bekleiden las-sen. Dieser spaßhafte Kampf mit der Mode konnte sie wohl, da man dem Herrscher mög-lichst nachgab, eine Zcitlang aufhalten, aber nichts weniger als dauernd unterdrückenu. s. w.

6) I. G. Welcker, von ständisch. Verfass. 1831. S IX.