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6 (1847) [Gla - Hes]
Entstehung
Seite
293
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Guizot's politische Doctrtuen. 29Z

dem großen Uebergewicht des Adels, die ständische Vertretung des Volks nur um so gewisserals Illusion erscheinen müsse, so lange nicht durch Gewährung der Preßfreiheit, in Verbin-dung mit der Oeffentlichkeit der Verhandlungen , allen Gebildeten der Nation wenigstensein mittelbarer Antheil an den Art eiten für das Gemeinwohl eingeräumt sei. Man hatendlich mit Recht bemerkt, daß bei der Beschränkung der Befugnisse der preußischen Ständeauf ihr am 3. Febr. 1847 bestimmtes Maß die Kluft zwischen Preußen und den Völkerndes constitutionellen Deutschlands noch größer werden müsse, weil diese zu besorgen hätten,daß man allmälig auch ihre verfassungsmäßigen Rechte aus den in der preußischen Monar-chie festgesetzten Normalstand zurückzuführen versuchen werde. Allein der König diesesStaats hat jaVertrauengezeigt und Vertrauen gefordert; und er, wie dieStände, sind gleichentfernt vom vermessenen Dünkel, die Edicte über den vereinigten Landtag, den vereinigtenständischen Ausschuß und die ständische Deputation für das Staatsschuldenwesen für dasabgeschlossene Werk untrüglicher Weisheit zu halten und die gespannten Erwartungen derdeutschen Nation von vorn herein zu täuschen. Vor Allem werden sich die bald versammel-ten Stände Preußens erinnern, daß auch die Vertreter des Würtembergischen Volksund die des Großherzogthums Hessen, bei dem ersten Anerbieten neuer Verfassungen, ihrenFürsten ein keineswegs in blinde Unterwürfigkeit ausgeartetes Vertrauen gezeigt haben,dessen heilsame Frucht die von Volk und Fürsten mit gleicher Freude aufgenommenen undvertragsmäßig zu Stande gebrachten Grundgesetze waren. In allen Fällen wird aber Preu-ßen nur im aufrichtigen Bunde mit der gesammten deutschen Nation die hohe Friedengebietende Stellung, wozu es berufen ist, behaupten und die volle Reise der blutigen Saatverhindern können, die nach allen Anzeichen auch Guizot über Europa ausgestreut hat.

Wilh. Schulz.

Guizot's politische Doktrinen. Nachträglich zu den in den ArtikelnDok-trin" i) undDoktrinärs", sowieGrundvertrag" undGuizot" gelegentlich bereits ange-führten politischen Ansichten dieses jedenfalls bedeutendsten der jetzigen französischen Staats-männer, Redner und Staatsgelehrten scheinen noch folgende einer besonderen Erwähnungzu verdienen, da sie sich auf einige der wichtigsten Staatssragen der Gegenwart beziehen.

Zunächst Guizot's Ansichten über die eng li sche und französische Revolution,die er in der Einleitung zu seiner ebenso geistvollen als gründlichen und unparteiischen Ge-schichte der englischen Revolution (die leider! noch unvollendet ist) ausgesprochen hat. Eskann kein Zweifel darüber sein, daß heutzutage Jeder, der eine klare Einsicht in den politi-schen Principienkampf unserer Zeit, sowie ein begründetes Urtheil über die zweckmäßigsteLösung der dermaligen politischen Hauptprobleme haben will, zunächst auf das Studiumder englischen Verfassung und Verfassungsgeschichte zurückgehen muß und mit Recht sagtDahlmann (Gesch. d. engl. Revol. Einl.) von jener Periode:Es giebt vielleicht keinenso mannigfach lehrreichen Zeitraum in der ganzen neueren Geschichte, und er bahnt unsden Weg zur eindringenden Beurtheilung des folgenreichsten Ereignisses unserer Tage, dervon Nordamerika und von Frankreich ausgehenden Umgestaltung von zwei Welttheiken."Vor allem aber ist es nöthig und für unsere Entwickelung in Deutschland ganz unerläßlich,daß richtige Ansichten über den allgemeinen Charakter der englischen sowie der französischenRevolution allgemeiner in der öffentlichen Meinung verbreitet werden, als bis jetzt der Fallist. Noch immer kommt vor, daß, wie Arndt schon vor fast einem Menschenalter geklagthat, die reaktionäre Partei den schlechten Advocatenkniff braucht, durch das Schreck-bild der Excesse der französischen Revolution diegute Lehre vom Slaatsvertrag uud Re->pcäsentativsystem" zu bekämpfen ^). Selbst der in so manchen Punkten acht freisinnige

1) Dazu auch Dahlmann's bedeutendes Schlußwort:Dem König Wilhelm ver-dankt England seine Freiheit, soweit Freiheit verliehen werden kann, und Wilhelm hat diegrdßte von allen Staatsfragen, die von der p o litische n Fr ei h ei t d e r V bl ker, somächtig in den ganzen Welttheil mit ihrer scharfen Ecke hineingerückt, daß, wer in ihrerNähe blos schaudernd die Augen zuzudrücken und allenfalls ein- Kreuz zu schlagen weiß, sichfrüher oder später daran den Kopf einrennen muß".

2) Geist der Zeit, Berlin 1818, Bd. IV, S. 105Jene übertreibenden Lobrednerdes Alten und Vergangenen und Tadler und Ankläger des Neuen und Werdenden brauchen