Druckschrift 
6 (1847) [Gla - Hes]
Entstehung
Seite
288
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288 Guizot.

Lebens kein Genüge geschehen ist. Allein stets nur darauf waren die Doktrinärs be-dacht, hinter schwachen und eilig aufgeworfenen Dämmen, welche die nächste Fluth zer-stören muß, sich selbst und ihre kleinen Interessen ins Trockene zu bringen. So meinensie denn wohl, einem zahmen bourbonischen Haushahn ein dauernd bequemes Nest berei-tet zu haben, sehen aber den jungen Adler nicht, dem mit den Flügeln auch die Klauenwachsen. Denn es ist nur ihr kleinster Fehler, daß sie im Besitze der Gewalt stetsvom Genüsse derselben sich berauschen ließen, und daß sie Vorgaben, Grundsätzen zu ge-horchen, wenn sie ihren persönlichen Einfluß auszudehnen suchten. Von größerer Bedeu-tung ist es, daß sie das dauernd Wirkende im großen Lebensprocesse der Völker, dasGesetz der Bewegung, nicht erkennen; daß sie den Geist nicht begreifen, deralle Elemente der Gesellschaft burchdringt und, ihrer willkürlichen Kategvrieen spot-tend, alle Glieder der Gesellschaft enger verbindet. Nur von dem Augenblickehaben sie die ganze Richtung ihrer Bestrebungen abhängen lassen; nur eine Spanneder Gegenwart haben sie mit ihrem Systeme umfaßt und so wird es denn auch demverdammenden Richterspruche einer nicht sehr fernen Zukunft anheimfallen.

Nachtrag. Für längere Zeit als irgend ein anderes französisches Ministerium,seit der Julirevolution, hat sich dasjenige, dessen Seele Guizot geworden, an der Spitzeder Geschäfte zu erhalten gewußt; und sollten die vor Kurzem eingetretenen Verwicklun-gen mit England die Entfernung von seiner einflußreichen Stellung zur Folge haben, sowürde doch schwerlich auch das aus der doktrinären Schule hervocgegangene System fallen,dessen hauptsächlichster Vertreter er ist. Das Wesentliche dieses einseitig konservativenSystems ist die nach willkürlichen, engen Gränzen bemessene Ausscheidung und politischeBevorrechtung eines kleinen Bruchtheils der Nation, gegenüber der Masse mit ihren Mil-lionen von geistig und ökonomisch selbstständigen und unabhängigen Staatsbürgern. MitUnrecht hat man dasselbe euphemistisch als eine Herrschaft der Mittelklassen bezeichnet.Es ist nur eine Aristokratie des Reichthums, so lange nicht wenigstens der Gesammtheitderjenigen Staatsbürger, die als Nationalgarde zur Vertheidigung der inneren Ordnungberufen sind, ein selbstthätiger Antheil an der Entwickelung dieser Ordnung und das volleRecht der Wahlfähigkeit und Wählbarkeit in die Nationalvertretung eingeräumt wird.Wohl hat sich Guizot, als früherer Minister des Unterrichts, unlaugbare Verdiensteum die Verbreitung der Volksbildung erworben, also auch mittelbar um die Entwickelungder Fähigkeit zu einer besonnenen Theilnahme an den Angelegenheiten des Gemeinwesensbei einer wachsenden Zahl der Bewohner Frankreichs. Allein wenn seine Anhänger derMeinung sind, daß er die für politisch reif gehaltenen Staatsbürger in Wahrheit zu jenerTheilnahme zulassen möchte, so trauen sie ihm entweder allzu viel zu, oder müssen dochzugeben, daß ihm der Hochmuth einer doktrinären Schulweisheit zur Abwägung der poli-tischen Fähigkeiten ein eigenthümliches Gewicht in die Hand gespielt hat, wornach selbstTausende der Tüchtigsten als allzu leicht, nicht wenige Unfähige hingegen als schwer genugbefunden werden. Zwar hat man rühmend hervorgehoben, daß das jetzt noch in Frank-reich geltende Wahlsystem eia Eorrectiv seiner Unvollkommenheit in sich selbst trage;daß hiernach in den 1l Jahren von 183142 die Zahl der Wähler von 166,OM auf220,OM, also um ein Drittheil gestiegen sei, während sich die Bevölkerung nur um ^vermehrt habe- Allein schon 1842 bemerkte mit Recht derCourrier sranxais", unterHinweisung auf »ine ähnliche Zunahme und Abnahme der Wähler während der Restau-ration, daß jene Vermehrung nur die Folge einer Steigerung der Ausatzsteuer sei, die wäh-rend des gleichen Zeitraumes in mehreren Departements von 30-40 auf 7580 Zu-satzcentimes erhöht werden mußte. Und wenn im Jahre 1842 doch erst ein Wähler aufje 164 Einwohner kam, so ist dies immerhin ein Misstand, der einer wachsenden Unzu-friedenheit in der Mehrheit der Nation Vorschub thun muß, sollte sich gleich das officielleFrankreich der gegenwärtigen Ordnung der Dinge noch so enge anschließen. Wird manaber mit den herkömmlichen Mitteln der Repression, wofür Guizot und seine Anhän-ger stets so eifrig gestimmt haben, eine Gährung dauernd niederzuhalten vermögen, diesich unter besonderen auf die Volksmasse drückenden Umständen wohl über weit« Kreiseausdehnen dürsten? Guizot scheint es^zu hoffen. Als am 13.Januar 1841 sein