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6 (1847) [Gla - Hes]
Entstehung
Seite
287
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Guizot. 287

viel breitere demokratische Grundlage zugemessen hat, als sie den Machthabern in Frank-reich gut dünkte. Im Eifer, das so oder anders beliebte politische Gleichgewicht zu erhal-ten, war G ui zvl bald geneigt, die monarchische Gewalt zu starken, wenn ihm das demo-kratische Element die willkürlich gezogene Granze zu überfluthen drohte; bald auch denVolksrechten das Eine und Andere einzuräumen, wenn sich die Macht Eingriffe erlaubte,und er selbst nicht gerade im Besitze der Macht sich befand. So hatte er für die Pairs-kammer die Erblichkeit in Anspruch genommen. Als diese im Drange der Ereignisse nichtmehr bestehen konnte, bemühte er sich doch in seiner Neigung für vermittelnde Zwischenge-walten für Unterstützung und Erhaltung eines Instituts, das keine Vergangenheit undkeine Zukunst hat, das ein aristokratisches Element sein soll und weder eine Aristokratiedes Vermögens, noch der Geburt, noch des Talentes ist, das zwischen Volk und Thronmitten inne schwebt, ohne in der Nation zu wurzeln und ohne den Thron zu befestigen.Im Sinne der octroyirten Charte hatGuizot, der seinem Geiste Alles verdankt, aufdaS materielle Vermögen alle politische Gewalt gründen und das frühere Wahl-gesetz, so wie die hierdurch erzeugte Aristokratie drS Grundbesitzes selbst dann noch verthei-digen wollen, als dieZulirevolution diepolitischeBedeu:ung aller Volksclassen erwiesenhatte. Weil dieses Bemühen vergeblich und einige Nachgiebigkeit uuvermeidlich war,wollte er doch nur dieZahl der politischen Monopolisten etwas vergrößert sehen. Nochjetzt wie früher, sollen die wichtigsten staatsbürgerlichen Rechte nach einem hohen Betragedirecter Abgaben bemessen und die Fähigkeitszeugnisse für Ausübung dieser Rechte mit denSteuerzetteln über 200 und 560 Franken ausgestellt werden; noch jetzt, wie srüh.r, sollinnerhalb willkürlich festgesetzter Schranken ein ideeller Mittelstand, eine neue Art vonBürgeraristokratie, abgegränzt werden. Gegenüber dem in Frankreich herrschenden Wahl-systeme für die Nationalvertretung, wie für die Departements, Bezirke und Gemeinden,und gegenüber so manchen schreienden socialen Misständen müssen die Worte Guizvl'sin einer seiner jüngsten Schriften:Die Stellung der Kleinen und Großen, Armen undReichen ist jetzt mit Gerechtigkeit und Liberal tät geordnet; Jeder hat sein Recht, seinenPlatz, seine Zukunft" nur als bitterer Spott erscheinen.

Auch diese jüngst erschienenen Schriften Guizo l's, seine Betrachtungen überKa-tholicismus, Protestantismus und Philosophie", so wieseineDemokratie der neuerenGesellschaft" *), haben es nur auf Verlheidigung des gerade in Frankreich herrschendenSystems abgesehen, wie sehr sie übrigens in den weiten Mantel der Allgemeinheit sichkleiden. Im Hinblicke auf die neue Demokratie ist der Erfinder der Quasilegiumität all-zu verständig, um einzig in der Form der Monarchie die Quelle alles Heils zu erblicken.Er bekämpft nur die Idee einer Souveränetät der Einzelwillen und der Majoritäten imStaate, indem er das Recht zu regieren von der im Volke liegenden Fähigkeit dazuabhängig macht und den Kreis der Verbreitung dieser Fähigkeiten nach den Nationen undCulturstufen als veränderlich schildert. Dagegen läßt sich im Allgemeinen nicht viel ein-wenden. Aber die erste Bedingung der Fähigkeit zu regieren ist im neueren Europa dasVertrauen der Negierten. Und wenn die Deputirtenkammer der französischen Nation,ein abgenütztes Fabrikat politischer Monopolisten, so sehr von allem Vertrauen der Mehr-heit entblöst ist; wenn darum die Ausdehnung der politischen Rechte fast allgemein be-gehrt wird, so liegt schon darin ein Beweis, daß einem wahren Bedürfnisse des öffentlichen

*) Sie erschien auch in einer deutschen Ucbersetzung von I)>. Runkel, Elberfeld,1837. Guizot publicirte sie zuerst in der Form einer Recension von zwei neuere» französi-schen Werken. Das eine dieser Werkelieber die demokratische Organisation Frankreichs"von dem früheren Präfecten Billiard, einen, sehr lebens- und geschäftscrfahrcnen Manne,mußte um so mehr die Beachtung Guizot s in Anspruch nehmen, als hier ein Vertreterder demokratischen Partei, welcher ihre Widersacher mit immer wiederholten bannalen Phra-sen nur den Trieb der Zerstörung, nicht die Kraft des organischen Schaffens zuschrcibenwollen, mit einem bis ins Einzelne entwickelten, alle vorliegenden Verhältnisse beleuchtendenund beachtenden Entwürfe einer demokratischen Organisation Frankreichs hervorgctretenist. Vergleiche übrigens über Guizot's Schrift auch den ArtikelGrundvertrag"Bd. Vt. unter Nr. VI.