284
Guizot.
Guizot, Franxois. — Die politischen Ansichten der doktrinären Coterie be-herrschen noch immer das Frankreich der Julirevvlutivn. Royer-Collard ist der Vater derDoktrin *) und Guizot ist das Haupt der von Cormenin sogenannten „Secte des Ehr-geizes" **)- Schon nach seinem Aeußeren, das an Johann Calvin erinnert, erscheintGuizotals Typus seiner doktrinären Genossenschaft. Eine kleine und schwanke Gestalt,aber ein langes Gesicht mit puritanischem Ausdrucke; tiefliegende, schöne und feurigeAugen; breite und volle Stirn, ein umfassendes Urtheil und treues Gcdächtniß verkündi-gend ; der Kopf ehrgeizig zurückgeworfen. Dazu eine volle und wohlklingende, aber ein-tönige und wenig biegsame Stimme;, eine gedankenreiche, schneidende, aber schleppendeRede, worin er die ganze Exaltation seines Moderantismus aushaucht, wenn er mit Lei-denschaft die Leidenschaften bekämpft. In seinen parlamentarischen Kämpfen greift ernur selten die Persönlichkeit einzelner Gegner, meistens die Opposition in Masse an; dochbegegnet es ihm häufig, von der Frage abzuspringen und sich in moralische und politischeAllgemeinheiten zu verlieren. Steht er indessen auf einem enger gemessenen Felde derpolitischen Praxis, so wird er selbst praktisch und weiß dasselbe in seinem ganzen Umfangezu beherrschen. Sein Vortrag ist dann lichtvoll, alle Verhältnisse beachtend, so daß keinanderer Minister mit gleicher Schärfe und Kennlniß sein Budget zu vertheidigen wußte.In seinen Sitten ist er streng und rein, im häuslichen Leben ein guter Gatte und Vater.
Am 4. Oktober 1787 zu Nismes geboren, machte er zu Genf während mehrererJahre bedeutende philosophische und historische Studien. Schon hier — unter dem Ein-flüsse des daselbst herrschenden Geistes — gewann er Geschmack für jene bürgerliche Ari-stokratie, die er seither in allen Schriften und Reden verkündet hat. Auch mochte schondamals jener Ehrgeiz in ihm geweckt und genährt werden, der zwar gegen den Despotismusder höheren Stände eifert, aber zugleich auf die unteren Classen drückt, da er — nur fürsich selbst und seine Verbündeten eine Ausnahmezulassend — stets bemühet ist, alle An-deren auf d er Stelle, worauf sie gerade stehen, mit Strenge zurückzuhalten. Arm, aberunermüdet lhätig, kam Guizot nach Paris und mußte sich mit einer niedrigen Lehrer-stelle in einer Schweizerfamilie begnügen. Royer-Collard führte ihn in die Gesellschaft derRestauration ein, wo damals die von ihm später vertheidigten Ideen einer gemäßigtenFreiheit noch nicht gekeimt hatten. Seiner Erziehung nach ein Genfer, seinem Glaubennach Protestant, befand er sich in Mitte der Pariser Coterieen und im Herzen des Katho-licismus in eigenthümlicher Lage. Hieraus und aus seinem schriftstellerischen Charakter er-klären sich zum Theile die sonderbaren Widersprüche seines politischen Lebens. Er ist zu-gleich Historiker und Dogmatiker. Eifrig in Sammlung und Beachtung der Thatsachenist er dieses nur, um daraus alsbald «in Lehrgebäude zu entwickeln, um den Gedanken, dernach seiner Ansicht die eine oder andere Epoche der Geschichte beherrscht, hervorspringenzu lassen und sodann alle weiteren Thatsachen der einmal vorgefaßten Meinung despotischzu unterwerfen. Auf diese Weise wollte er die Menschen und die Geschäfte behandeln.Zur Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten oder zu ihrer Leitung berufen, suchteer sich stets ein System zu schaffen, wozu ihm von einem einzigen wahren oder falschenGesichtspunkte aus die gerade vorliegenden Umstände den ausschließenden Stoff gaben-.Darum war es der beständige Gedanke Guizot's, den Umständen gemäß zu organisirenund zu constituiren. Und gleich Jedem, der diese Richtung bis zum Uebermaße verfolgt, wieser Alles zurück, was sich ohne ihn gestaltete. Schon in den ersten Jahren der Restaurationgab er von diesem Organisationseifer einen charakteristischen Beweis, da er unter den Flü-geln Royer-Collard's in einigen tausend Artikeln eine unermeßliche Charte ausgearbeitethatte, gegen welche der erste Einwurf der war, daß man zu ihrer Diskussion einer fünf-jährigen Legislatur bedürfen würde.
Guizot's politische Schicksale und Tendenzen waren bis auf die neuere Zeit wesent-lich dieselben, wie diejenigen seines doktrinären Freundes und Gönners Royer-Collard.
*) Au vergt. die Art. „Doktrin", „Doktrinärs".
**) Siehe dessen „dltuäes sur Io» orsteur, psrismontaire» par Illmon. 5ms ääit.?sris,18L7. Seite 12—27.