Grundgesetz, Grundvertrag. 249
die Reife für dieselbe gekommen ist - nein, dos Beispiel von weiser und großherzigerVerständigung oller Betheiligten — gewiß, donn stünde dos deutsche, dos preußische Volkgrößer und ruhmvoller unter den Notionen. Und welche entsetzlichen Uebel und Gefohrender g-woltsomen Entwickelung wären glücklich beseitigt! Aber an wen geht nun, wennwahre und ganze politische Freiheit, wenn freie Verfassung wenigstens mit ihren wesent-lichsten natürlichen und geschichtlichen Rechten unentbehrlich sind — an wen geht hier diegrößte, die schwerste Zumuthung? Weise, gerecht, treu dem Thron und dennoch mann-haft und unerschütterlich entschlossen und fest — freilich sollen und müssen und werdenhoffentlich die bürgerlichen Abgeordneten, die Vertreter der unendlichen Mehrzahl des preu-ßischen Volkes sein. Aber mit alle dem können sie doch ohne ein freies Nachgeben der Re-gierung und des Adelstandes nimmermehr die wesentlichen Verfassungsrechte friedlicherwerben.
Nie gab es einen günstigeren Moment für den Adel, zugleich alle frühere staatsver-derbl'che Unterdrückung der Volksrechte zu sühnen und für eine lange Zukunft sich die ach-tungsvolle Dankbarkeit und unangefeindeten Besitz der natürlichen und dem Staate wirklichheilsamen und nicht ungerechten Vorzüge zu sichern.
Aber auch bei Voraussetzung gerechter und patriotischer Richtung des Adels bedarf esdoch noch der praktischen Weisheit, der Einsicht, daß das Opfer einiger Vorrechte, die nachdem Bisherigen mit einer wirklich freien zeitgemäßen politischen Verfassung absolut unver-einbar sind, unentbehrlich und daß es durch die erhöhte würdigere Stellung in der aufblü-henden Größe eines freien und mächtigen Staates hundertfach ausgewogen ist. Möge Gottzu der Größe der Gesinnung die praktische Weisheit der richtigen Erwägung unserer Zeit,unserer Nationalehre, unserer Bedürfnisse gesellen !
Endlich zum Schlüsse noch eine Wahrheit! Die politische Freiheit isteben so ein Organismus wie der Despotismus. Jeder Organismus strebtnaturgesetzlich auf Leben und Tod nach Harmonie, Folgerichtigkeit und Vollständigkeit,nach Ausstoßung, Umwandlung oder Vernichtung des Entgegengesetzten. Dieses Strebenist vollends um so unabweisbarer, je vollständiger das Bewußtsein des Volkes über dieNatur dieser Verhältnisse und Rechte erwacht ist. Gebt ihr einzelne wesentliche Stückevon politischer Freiheit und laßt andere des Absolutismus, dann begründet ihr nicht sowie in Belgien, Schweden, Norwegen, England im Wesentlichen Befriedigung undGesundheit mit blos wohlthätigen zur Lebensbewegung nöthigen Kämpfen innerhalbder Gränze des Grundgesetzes. Nein, ihr begründet einen Kampf au fLebenund Tod, Revolutionen, so wie in England vor Wilhelm von Oranien, bis entwederdas System des Absolutismus oder das der politischen Freiheit die gesicherte Herrschafterhält. Wäre es vollends die Absicht, was wir nimmer glauben, den Adel als Schildhalterdes Despotismus der Freiheit entgegenzusetzen, und er ginge auf solche Gedanken ein, dannwürden alle Radikalen und Revolutionairs jubeln. Leidenschaften, die gegen den hochund entfernt stehenden Thron nie entbrannt wären — würden gegen solche empörende Be-drückung zum Ausbruch kommen. Aber hat nicht auch in Preußen bereits ein Kampf be-gonnen? Trotz allen humanen milden Absichten der Regierung, die man bewundernkann, bei dem täglichen Verdruß, der täglichen und stündlichen Mühe und Noth, welchedem Absolutismus die Freiheitsbestcebungen machen, trotz allem gewiß noch außergewöhn-licheren, geduldigen vertrauensvollen Charakter der Bürger — trotz alledem, welche täg-liche ganz unnatürliche Beschränkung aller natürlichen Rechte und Freiheiten. Wir wol-len sie nicht schildern. Zum Theil schildern sie die Schriften über die neuen Gesetze — dieVier Fragen u. s. w. Jeder kennt sie, jede Zeitung giebt neue Kunde von ihnen. Wennaber nun zuletzt unvermeidlich größere Conflicte entstehen, so wird die Regierung bei zu-fälligen äußeren Unterstützungen, so wird auch die Gegenpartei weiter getrieben- „Erwurde despotisch, ohne es zu wollen, in so unnatürlicher Lage," sagt Dahlmann vondem guten Ludwig XVI.
Die Natur der Dinge, sie unterdrückt, sie beherrscht Niemand.
Deshalb also — wenn Ihr könnt, so führt den Organismus der Sklaverei durch —könnt Ihr aber nicht — o dann laßt um Eurer selbst willen den Organismus der Freiheit