248 Grundgesetz, Grundvertrag.
„nehmen ohne seine Einwilligung, so sagt Locke, das sind die Grundsätze des großen Man-„neS, die Eurer ernsten Erwägung werth sind. Seine Grundsätze sind aus dem Herzen„unserer Constitution entnommen, er verstand sie von Grund aus. — Sollte die gegenwär-tige Machtausübung, nehmlich die Besteuerung der Amerikaner ohne ihre Zustimmung„fortwähren, so würden die AmerikanerNichts mehr ihrEigenthum nennen kön-nen, oder um Locke's Worte zu gebrauchen: „Was kann Derjenige sein Ei gen-„,,t hum nennen, dem ein An derer das Recht hat, so oft er will, so viel„„er will, zu nehmen und sich zuzueignen?""
Bekanntlich erneuerte man nach der Zurücknahme der Stempelacte später noch-mals die Verletzung dieses großen Grundsatzes durch einen an sich sehr geringen The ezoll,und aus der Verletzung und Behauptung dieses Ein e n Re chtsgrundsatz es beruhtedie ganze nordamerikanische Revolution und Freiheit, dieses größte Er-eigniß unserer neuern Weltgeschichte.
Aufs N<rue vertheidigten auch damals die größten Staatsmänner den Rechtsgrundsahund jetzt als Mitglied des Oberhauses sagte unter Andern» der unsterbliche LordChatam:
„Es ist kein so erbärmlicher Bettler in den Straßen Londons, der nicht von un seren ame-rikanischen Unterthanen spräche und sich für einen Gesetzgeber Amerikas ansähe. Ueber„Eigenthum aber, Mylords, hat nur der Eigenthümer zu befehlen. Es ist ein Atom, das„Niemand berühren darf als der Eigenthümer ; die fremde Berührung vernichtet es. Re-präsentation, w i r kliche fr e ie v i rt uelleRep r ä sen ta ti o n und Besteuerung müssen„beisammen bleiben."
Ich weiß eS nicht, ob die noch nicht sehr bewährte deutsche Staatsweisheit unsererTage andere Grundsätze und Grundlagen gerechter Staatsverfassungen und großer, mächti-ger, blühender und freier Reicht beliebig machen kann, andere, als die ewige Natur und dieihr huldigende Weisheit aller freien Nationen und ihrer Staatsmänner erschufen. Ichwill hier absehen davon, zu welcher grausamen, vaterlandsverderblichen Unterdrückung undBelastung ihrer Mitbürger, zu welchen ungerechten Privilegien das frühere, damals weniger ^ungerechte, Uebergewicht des Adels in den Ständen führte. Aber Bedenken trage ich doch,ob es gut und befriedigend lauten, ob es dauernd heilsam wirken würde, wenn nicht blos imGegensatz zur englischen Verfassung, die in der Besteuerung auch der badischen zum Mu-ster diente, die Adelskammer mit der zweiten Kammer gleiche Rechte erhält, sondern wennadelige Herren und Ritter mit ihrem nach Verhältniß zwanzigfach überwiegenden Stimm-recht, ja mit ihren Steuerprivilegien,— sagen könnten: „Wir Herren und Adeligen gebenund bewilligen Ew. Majestät — „Was? Unser Eigenthum? Nein! Das Vermögen Ihrer„bürgerlichen, Ihrer nicht, oder nicht genügend, nicht gleich mit uns repräsenlirten Unter-„thanen, wir geben und bewilligen Ihnen das Vermögen Ihrer Gewerbsleute, Fabrikanten,„Gelehrten und Beamten, ihrer Capitalisten, Stadtbürger und Bauern".
Nicht gering scheinen alle in Preußen bereits laut gewordenen, hier zum Theilnäher beleuchteten Bedenken. Wir stellen die Beurtheilung derselben und der Gefahr derVerantwortlichkeit verkehrter Entschlüsse in diesem entscheidenden Augenblicke, billig derbedeutungsvollsten politischen Versammlung, die in der preußischen Monarchie je Stattfand, anheim. Sie kann nicht unehrenvoll vor Europa dastehen.
Ihr König, welche Verschiedenheit der Ansichten und der Standpunkte auch statt-sinden möchte, fordert Wahrheit von ihnen, ihr Vaterland, auch in monarchischem In-teresse, die Wahrung des Rechts und der Ehre der Nation und gerechte Beschlüsse für ihrganzes künftiges Heil, wobei die Bequemlichkeit des Augenblicks sich unterordnen muß den 'Rücksichten auf eine lange Zukunft.
Fast beispiellos ist es, — man blicke in die Geschichte der freien Völker der Erde,man wird es eingestehen — fast beispiellos ist es, daß der Ueber gang zur wahren poli-tischen Freiheit der Völker ohne gewaltsame Revolution von Statten ging. Wäre es demdeutschen, dem preußischen Volke Vorbehalten, dieses Beispiel zu geben — das Beispielnicht von unwürdigstem Verzicht auf di« höchste Bestimmung und Würde, aus die höchsteEhre und Glückseligkeit der Völker, auch nicht das Beispiel von Zaghaftigkeit und von un- fsittlichem und verderblichem Hinausschieben dieser Bestimmung, nachdem die Zeit und