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Katechismus der Stilistik : eine Anweisung zur Ausarbeitung schriftlicher Aufsätze
Entstehung
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Dritter Teil. Komposition.

506. Was ist nach der ersten Regel von dem Inhalte einesBriefes z» verlangen?

Alle Forderungen, welche wir an unsere eigene mündlicheDarstellung machen, müssen wir in demselben Maße an denInhalt unserer Briefe richten.

Wenn unter einem Briefe sogenanntekostsvriptu" oderNachschriften" sich finden, so ist das ebendasselbe, als wenn wirjemandem einen Besuch machten, schon fortgegangen waren und dieThüre geschlossen hatten, dann aber dieselbe wiederum, ohne anzu-klopfen, rasch aufreißen, den Kopf hineinstecken und sagen:Ich ver-gaß noch" rc. Wo sich ein solches Betragen nicht ziemt, da ziemtsich auch ein Postskript in einem Briefe nicht.

507. Worin liegt die große Bedeutung des Briefschreibens?

Briefe" sind diejenigen schriftlichen Aufsätze, welche wir

alle ohne Ausnahme in den verschiedensten Lebensstellungenabzufassen haben, und von deren Ausführung nicht selten diefür unser Leben bedeutendsten Fragen abhängen.

Mancher junge Mann gründete sein Lebensglück durch einenguten Brief oder störte dasselbe durch einen unordentlichen rc.

508. Was sind die besonderen Eigenschaften des Briefstils?

Vor allen Dingen muß der Stil in einem Briefe natür-lich und einfach sein. Denn wenn schon ein unnatürlichesund geziertes persönliches Betragen wenig empfehlend ist, sotritt noch viel mehr der ungünstige Eindruck in einem Briefe,unserem Stellvertreter, hervor. Hier liegt die Geziertheitin bleibender Form vor und wird nicht durch freundlichenTon und Blick des Sprechenden gemildert oder ausgeglichen.

Unter den vielfachen Klagen, die in neuerer Zeit namentlichgegen Mädcheninstitute laut geworden sind, ist oft die, daß dieSchülerinnen zu einem gezierten schriftlichen Ausdrucke, besondersim Briefschreiben, wenn auch nicht angeleitet, so doch veranlaßtwürden, nicht die ungerechteste. Manches junge Mädchen, dessengesunde Natur sie in einem solchenInstitute" vor einem geziertenBetragen bewahrt, glaubt doch einen Brief, damit erschön" werde,geziert schreiben zu müssen und bedenkt nicht, daß der Brief ihreStellvertreterin ist, daß Geziertheit das Gegenteil von Schönheit istund den entgegengesetzten Eindruck hervorruft von dem, welcherbeabsichtigt wurde.