Erstes Kapitel. Allgemeine Regel» der Komposition. 89
263. Weshalb verlangte die Regel nicht mir ei» hiinfiges,sondern auch ein „lautes" Lesen?
Weil eben das Vorwärlskommen auf dem natürlichenWege in Frage steht, weshalb wir uns das Geschriebenewiederum selbst als ein Gesprochenes vorführen müssen, umzu einem vollen und ganzen Erleben desselben zu gelangen.
264. Worin tritt uns die Bedeutung des Lautlescns besondersentgegen?
Darin, daß es jedem sofort klar wird, daß das Lantlesenerst dann, wenn es zum „Vorlesen" wird, d. h. wenn cs mitdem lebendigen und vollen Bewußtsein des mündlichen Vor-trages geschieht, den betreffenden Aufsatz voll und ganz voruns hinführt.
Die bildende Kraft des Vorlesens wird noch lange nicht hochgenug angeschlagen. Ich könnte eine Reihe von Beispielen namhaftmachen, wo Männer sich später durch ihren schönen Stil aus-zeichneten und selbst das Gefühl davon hatten, daß sie hauptsächlichdurch vieles Vorlesen guter Musterstücke während ihrer Jugenddabiugelangt waren.
b) Zweite llcgel.
265. Wie lautet die zweite allgemeine Kompositionsregel?
„Uebe dich im Wiedererzählen, bis du selbst zu erzählen
gelernt hast!"
266. Wie begründet sich diese zweite allgemeine Kompositions-regel?
Es ist der jeder Kunstentwickelung von der Natur vor-geschriebene Weg, daß die natürliche Anlage im Nachbildengegebener Muster zur Fertigkeit sich entwickeln muß, bis sieallmählich zu eigenen Produktionen erstarkt.
Wenn die Befähigung zu eigenen Stilproduktioucn viel schnellererlangt zu werden scheint, als dieselbe Befähigung in anderenKünsten, z. B. in der Malerei, oder in der Musik, so erklärt sichdies einfach daraus, daß die sprachliche Begabung mit dem Denkenso wesentlich verbunden ist ss. Sprachlehre Fr. 3 ff.,, daß ihreNebung von Kindheit an unausgesetzt fortgesetzt wird. Daher zeigtsich, wenn später die mechanische Fertigkeit des Schreibens erlangt