Zweites Kapitel. Innerliches Zurechtlegen des- gesammelten Stoffes. 65
daran erinnern (s. Fr. 4), daß ein schriftlicher Aufsatz imallgemeinen nur die Aufgabe hat, einen mündlichen Vortragkünstlich zu ersetzen. Demgemäß hat jede Einleitung in einemAufsatze die allgemeine Aufgabe, in dem Gcmüte des Lesersdiejenige Stimmung hervorzurufen, welche zur Erreichungdes beabsichtigten Zweckes erforderlich ist.
186. Auf wie vieles kommt es demnach im allgemeinen beider Einleitung an?
Auf zweierlei, nämlich auf den Inhalt des Themas undauf die im Gemüte des Lesers vorauszusetzende Stimmung;aber beides führt sich wiederum auf eins zurück, nämlichauf die Stimmung des Lesers dem im Aufsatze vorgelegtenThema gegenüber.
187. Wonach muß also bei der Disposition zu der Einleitunggefragt werden?
Zuerst: „Von welcher Beschaffenheit ist das Thema?"und zweitens: „Welche Stimmung muß im Leser, oderPublikum, dem Thema gegenüber vorausgesetzt werden?"
188. Wann kann demgemäß bei dem Entwürfe einer Dis-position die Disposition zu der Einleitung vorgenommen werden?
Erst dann, wenn die Disposition im übrigen voll-endet ist, weil man erst dann den Inhalt des Themas sovollständig und klar übersieht, wie es zur Beantwortungder (Fr. 187) gestellten Fragen erforderlich ist.
189. Wie verhält sich in dieser Beziehung die Disposition zuder Komposition?
Bei der Abfassung des Aufsatzes selbst gebührt der Ein-leitung der ihr wesentlich angehörende Platz im Anfängedes Aufsatzes, weil sie eben ein wesentlicher Teil des Auf-satzes ist und der Verfasser nur dann hoffen kann, den Leserdurch die Einleitung in die gewünschte Stimmung hinein-versetzt zu sehen, wenn er sich selbst bei der Abfassung der-selben in jene Stimmung hineinversetzte. Leben erzeugt sichnur aus Leben! Es ist daher ein notwendiges Erfordernis,
Michelsen, Stilistik. S. Aust. s