Zweites Kapitel. Aufgabe der speziellen Invention. 37
107. Welche praktische Regel ergiebt sich daraus?
„Wenn du über irgend ein Thema einen schriftlichenAufsatz ausarbeiten willst, so halte die nötige Inventionnicht für abgeschlossen, bevor du dein Thema mit einem,noch lieber mit zweien oder dreien, gehörig besprochen hast!"
Man sagt oft zur Belobung der Arbeit eines „Gelehrten", daßman an ihr das „Oel", d. h. den auf der Studierstube in die Nächtehinein dauernden Fleiß, erkennen könne. Es thäte aber nicht seltennot, daß der in die Arbeit hineingedrungene und die freie Aussichtdes Verfassers umnebelnde „Dunst des verbranntenOels" zuvor durchdie frische Luft des öffentlichen und geselligen Lebens von der gelobtenArbeit entfernt worden wäre.
108. Woran fühlen wir uns hier wiederum erinnert?
An das über Gedächtnis und Merkbuch (s. Fr. 51—80)Gesagte. Auch hier liegt die Erklärung in dem gegebenenVerhältnisse des Lebens und der Kunst zu einander.
109. Wie hat sich solches historisch bewährt?
Durch mehrfache, höchst bedeutsame und auch den einzelnenbelehrende Wahrnehmungen, nämlich:
a) Daraus, daß die Wissenschaft überall, wo sie sich ausdem öffentlichen Zusammenleben zurückzog, in Einseitigkeitendieser oder jener Art verfiel, die ihr den wahren Wert raubten.
b) Daraus, daß ein Volk, welches in dem weiten Gebieteder Industrie seine „Gelehrten" und seine „Praktiker" ge-trennt voneinander, ohne lebendigen Verkehr und Austausch,einhergehen sieht, notwendig zurückbleibt anderen Völkerngegenüber, unter denen ein gesunderes Zusammenleben beidersich findet, wenn auch jenes Volk mit vollem Rechte behauptenmag, daß seine „Gelehrten" und seine „Praktiker" an sichvorzüglicher sind.
Solange im lieben deutschen Vaterlande „Gelehrte" und „Praktiker"(um von den „Kapitalisten", den notwendigen Dritten im Bunde, hiernichts zu bemerken) noch so vielfach jeder seine Straße gesondertwandeln, werden England, Frankreich und Amerika uns auf den be-treffenden Gebieten überflügeln.