Erster Teil. Invention.
78. Welcher Mißgriff ist dem Merlbuche gegenüber besonderszu vermeiden?
Daß es nicht zum toten und daher auch tötenden Schatzewerde.
79. Wann ist solches zu fürchten?
Wenn der im Merkbuch aufbewahrte Stoffschatz unbeachtetdaliegt, so daß er aus dem Gedächtnisse völlig verschwindet,mithin dem Sammler selbst völlig fremd wird.
Eine lange Reihe sauber geschriebener und sauber eingebundener„Hefte" oder „Kollektaneen" sind kein sicherer Beweis des wirklichenFleißes und des wirklichen geistigen Fortschrittes. Auch im geistigenLeben giebt es geizige Sammler, die das Benutzen und Genießen,d. h. Leben und Fortschritt, vergessen.
80. Weshalb nannten wir aber ein solches „totes" Merkbuch(Fr. 78) zugleich ein „tötendes"?
Unser Gedächtnis führt in gewissem Sinne als unserneben unserem Wollen und Thun fortlebendes „Ich" in unsein selbständiges Leben. Wenn es nun von einem Stoffe,den aufzubewahren seine natürliche Pflicht wäre, erfährt, daßdieser dem Merkbuche übergeben wurde, so kümmert es sichnicht mehr darum und hat ihn bald gänzlich vergessen.Deshalb sagten wir schon (s. Fr. 65), daß Gedächtnis undMerkbuch sich gegenseitig unterstützen, aber daneben in Kampfmiteinander geraten können. Darum erinnerten wir gleich-falls schon (Fr. 65) daran, daß es notwendig sei, dasjenige,was dem Merkbuche übergeben sei, durch „Nachlesen" wieder-um in dem Gedächtnisse aufzufrischen.
Schon in der Schule machen wir die Erfahrung von diesem selb-ständigen Verfahren unseres Gedächtnisses. Eine unmittelbar vorder Schulzeit, und nicht wenigstens am Abende vorher, gelernte Schul-aufgabe verschwindet, sobald sie hergesagt wurde, bald wieder gänzlichaus dem Gedächtnisse, weil dieses nicht genötigt wurde, sie auslängere Zeit sestzuhalteu. Wie der Knabe, um sein Gedächtnis andessen Pflicht zu erinnern, das „Buch" abends unter sein Kopfkissenlegt, so dürfen auch wir nicht vergessen, das Merkbuch häufiger, undwäre es nur blätternd und bineinblickend, zur Hand zu nehmen.