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Katechismus der Stilistik : eine Anweisung zur Ausarbeitung schriftlicher Aufsätze
Entstehung
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Erster Teil. Invention.

sie, getrieben von einem äußerlichen Ordnungssinne, alles und jedesaufschreiben, ein Nichtaufgeschriebenes sofort vergessen. Dem ent-sprechend warnt schon ein alter Aegypterkönig vor der gedächtnis-zerstörenden Kraft des Schreibens. In alten Tagen hieß es:DieGermanen schreiben weniger, wissen aber mehr, während die Galliermehr schreiben, aber weniger wissen!" doch dürfte das jetzt nachbeiden Seiten hin nicht Probe halten.

62. In welchem Verhältnisse müssenAufschreiben" undGedächtnis" nebeneinander hergehen?

Die nächste und einfachste Antwort scheint hier die zusein:Was die natürliche Kraft des Gedächtnisses nicht fest-halten kann, das muß mit Hilfe der Kunst, d. h. der Schrift,festgehalten werden: also muß sich bei der Auswahl jedernach seiner eigenen Gedächtniskraft richten!"

63. Weshalb reicht aber diese Antwort nicht aus?

Weil das Gedächtnis gleich allen körperlichen und geistigenAnlagen erst durch Uebung erstarkt, daher das Festhalten dergenannten Antwort die notwendige Uebung und Anstrengungdes Gedächtnisses verhindern, mithin dieses immer schwächerwürde werden lassen, indem jeder dabei nur den bereits er-reichten Kreis des Könnens festhielte. Außerdem würdeschon aus äußeren, die Zeit u. s. f. betreffenden Gründen, beistrengem Festhalten obiger Antwort, die Summe des für dieZukunft Aufbewahrteu nur eine sehr geringe sein.

64. Wie finden wir denn eine objektive Antwort auf unsereFrage:In welchem Verhältnisse müssen Ausschrcibcn und Ge-dächtnis nebeneinander -ergehen?"

Es kann diese Frage objektiv nur aus der objektiven,also wesentlichen Verschiedenheit der genannten zwei Auf-bewahrungsformen beantwortet werden.

65. Wie Verhalten sich dennAufschreiben" undGedächtnis"objektiv zu einander?

Was in unserem Gedächtnisse liegt, das ist uns stets, auchohne unser Wissen und Wollen, folglich in lebendiger Ein-wirkung gegenwärtig, wenn es vielleicht auch äußerlich, d. h.in seiner bestimmten sprachlichen Form, sich verwischte. Was