Erstes Kapitel. Allgemeine oder stetige Aufgabe der Invention. 21
licher Aufsätze, sei es ohne, sei es mit fernerer Bearbeitung,bedürfen, so geschieht dasselbe mittelbar durch das Lesen,und beide Wege behalten durch das ganze Leben hindurchihre Bedeutung.
59. Welche Anfbewahrungsart ist neben dem Lesen gegeben?«Z. Fr. 54.)
Wie das Gedächtnis die natürliche Aufbewahrungsartdesjenigen ist, was uns die eigene Anschauung zuführt, soist die Schrift das gegebene Ausbewahrungsmittel des-jenigen Stoffes, den uns das Lesen zuführt.
60. Welche Bedeutung hat daneben das Gedächtnis?
Wie überall, wo die Natur eine gesunde und die Kunsteine naturgemäße ist, Natur und Kunst sich gegenseitig nichtausschließen und einengen, sondern unterstützen underweitern, so verhält es sich ebenso mit der Aufbewahrungdes gesammelten Stoffes durch das Gedächtnis und durch dieSchrift. So geschieht es oft, daß wir einen Stoff, den wirder eignen Anschauung verdanken, mit Hilfe der Schrift unsklar zu legen und in bleibender Form aufzubewahren bemühtsind, und umgekehrt, daß wir einen Stoff, den wir demLesen verdanken, um denselben stets gegenwärtig zu haben,vollständig dem Gedächtnisse einprägen.
61. Wie zeigt sich aber die natürliche Kraft des Gedächtnissesder Schrift gegenüber?
Zuerst dadurch, daß das Schreiben selbst ein wirksamesMittel ist, den betreffenden Stoff, wenn auch nicht in fixierterForm, dem Gedächtnisse einzuprägen; aber von der andernSeite auch dadurch, daß die Gedächtniskraft durch dasSchreiben, weil sie ihre Aufgabe durch dasselbe erfülltweiß und die eigene Uebung und Anstrengung leicht vergißt,schwächer wird (vergl. Sprach!. Fr. 646).
Es ist eine bekannte Thatsache, daß manche Menschen, weil siesich die Fertigkeit des Schreibens nicht angeeignet haben, die ver-schiedensten Dinge mit einer uns Schreibenden unglaublichen Sicher-heit im Gedächtnisse festzuhalten vermögen, während andere, weil