Druckschrift 
6 (1845) Gebler bis Heilsordnung
Entstehung
Seite
753
Einzelbild herunterladen
 

I,.

Heilige Familie

Heiliger Geist

7S3

«inen Bund der Fürsten gegen die Völker erklärte, eine vollkommen falsche, so wird mandoch sein allmäliges Entschlummertsein nicht gerade beklagen können und die sanguinischenHoffnungen, die Einzelne von ihm faßten, nicht gerechtfertigt finden. Die Einsichten undGesinnungen Einzelner, wenn auch Mächtiger, sind es nicht und sollen es nicht sein, vondenen die Geschicke der Welt bestimmt werden; undauchhier, wie bei dem Liberalismus, hatcs sich gezeigt, daß man wol für allgemeine Begriffe sich verbinden konnte, daß aber dannAlles darauf ankam, wie man diese Begriffe im Einzelnen auffaßte und fesihielt.

Heilige Familie heißt in der Kunstsprache jede Darstellung des Christuskindcsund seiner Angehörigen. Das frühere Mittelalter, dessen erster Kunstzweck die Erweckungder Andacht war, begnügte sich meist mit der Madonna und dem Kinde; erst als ein epi-sches Interesse in die Kunst eindrang, als die fromme Phantasie sich die ganze Geschichtedes Erlösers von seiner Jugend an vorzustellen strebte, erweiterte sich der Kreis der heiligenFamilie auch auf Joseph, Elisabeth, die heil. Anna (die Mutter der Maria) und Johannesden Täufer. Am ausgedehntesten haben manche altdeutsche Maler die heilige Familie auf-gefaßt, indem sie auch die zwölf Apostel als Kinder und Jugendgespiclcn Christi srmmtden Müttern, welche ihnen die Legende zutheilt, hinzufügten. Die ital. Schule hat in ih-rem großartigen Sinne für Inhalt und Composition der Gruppe zuerst erkannt, wie vieleFiguren dieselbe enthalten kann, wenn das Interesse dennoch ein ungetheiltcs bleiben undauf einer Figur, sei es die Madonna, oder das Kind, sich conccntrircn soll. Zwei Malerbeherrschen diesen ganzen Kreis von Darstellungen, Leonardo da Vinci und Nafacl. Erste-rer hat den Joseph meist weggelassen, aber die heil. Anna und den klemm Johannes mitseinem Lamm oder auch Engelssigurcn bcigegebcn, und sodeu Gegensatz zur höchsten An-muth und Lieblichkeit nicht in eine kräftige MannSgcstalt, sondern etwa in den dunkelnlandschaftlichen Grund verlegt, wie z.B. in der Vierge aux roclwrs und in der Vierge auxbalsnce»; völlig weltlich, aber von der allergrößten Süßigkeit ist seine heil. Anna, auf de-ren Schoos Maria sitzt, das schalkhaft sich umwendende Kind fassend. Nafacl hat vielleichtdie reichste Abstufung; auf der Grenze des bloßen Madonncnbildes stehen seine Lalle jar-<1il,iero und seine Nknlonua «lei Osrllellino, wo außer Maria nur die beiden Kinder Chri-stus und Johannes dargestcllt sind; dann folgt die heilige Familie in der Münchner Pina-kothek, welche wol als der Haupttypus der Gattung gelten mag und in symmctrisch-drei-eckiger Gruppe die beiden Kinder von ihren halb sitzenden, halb knienden Müttern gehal-ten und drüber den auf einen Stab gestützten Joseph darstcllt; endlich hat Nafacl in dergroßen Madonna Franz'sl. (im Louvre) in völlig freier, geistreichster Auffassung vielleichtdas Höchste in diesem AarfiMuigÄMße. DasJttrUuH ebt sn de r Wiege aufrecht

und neigt sich gegen die ausgebreiteten Arme der Maria; Elisabeth halt den kleinen, dasKind anbetenden Johannes; über der Maria breitet ein Engel Blumen aus, während einanderer daneben kniet; denkend steht Joseph daneben. Es ist durchaus bezeichnend für dieganze mittelalterliche Auffassung der Maria, daß Joseph immer als betagter, oft fastgrämlicher Mann neben der hohen jugendlichen Schönheit der Gottesmutter auftritt.

Heiliger Geist. Dieser Ausdruck kommt im Alten Testament nur an drei Stellen(Ps. 51 , 13 und Jes. 63 , io. 11) vor, im Neuen Testament aber sehr häufig. Im AltenTestament ist dafür üblich Geist Gottes oder Geist des Herrir, was auch im Neuen Testa-ment häufig vorkommt. Nach der altjüd. Denk - und Sprachweise, nach welcher man sichGott menschenähnlich vorstellte, sprach man von Augen, Ohren, Füßen, Händen, Fingernund Mund des Herrn, und ebenso auch von dem Geiste Gottes. Man dachte dabei an seinegeistige Kraft, gleichsam seine Seele, oder genauer gesprochen an seine Intelligenz (Weis-heit), seine Willenskraft (Allmacht und Heiligkeit) und an sein Leben (Schöpferkraft).Der Geist des Herrn ist daher nach altjüd. Vorstellung Gott selbst, inwiefern er durch sei-nen Geist auf die Welt und Menschen wirkend, der Urheber allerWeisheit und Erkcnntniß,auch in Kunst und Wissenschaft, und die Quelle aller moralischen Gesinnung und Kraftund alles physischen und geistigen Lebens ist. Denn alles Leben wurde als eine Miklhei-lung des Geistes Gottes betrachtet. Dieser belebende Geist Gottes brütete über dem Chaosund ging in den Menschen als das belebende Princip ein, sowie er auch im Tode zu GottS ouv.-Ler- Neunte Byfi. VI. 48