-i86 Haller (Karl Ludw. von.)
(4 Bde., Bas. 1776—87). Auch fuhr er in Bern fort, die „Oommcntarü roeietalir Fvt-tinFensis", für die er allein über I2000Reccnsioncn lieferte, das „(Commercium noricum",die „Distoire tle 1'ucaciemie lies Sciences <ie Inaris", die „kbilosopliical transuctinns"und andere Zeitschriften mit seinen Abhandlungen, die zum Theil von großer Wichtigkeitsind und sich über die heterogensten Gegenstände verbreiten, zu bereichern. Seit 1773 singseine Gesundheit an auffallend zu wanken, namentlich litt er an einer anhaltenden Schlaf,losigkeit, sodaß er selbst zum Opium seine Zuflucht nehmen mußte. Er starb am 12. Dec.1777, nachdem ihn kurz vorher Kaiser Joseph ll. besucht hatte. Die Medicin verdankt H.Fortschritte in allen zu ihr gehörigen Doctrinen, namentlich sind es die Botanik und diePhysiologie in ihrem ganzen Umfange, welche er mit rastlosem Eifer durchforschte. Inletzterer machte er Epoche durch seine Lehre von der Irritabilität (s. d.) und durch dieAufschlüsse, die er über Erzeugung und Entwickelung des thierischen Keims gab. Außerden bereits angeführten sind hier von seinen großem Werken noch zu erwähnen „lcnr.essnatnmicse" (Gott. 1733, Fol.), „kriinue liiiese pü^siniogiue" (2. Ausl., Gott. 1703),Herrn. Boerhaave's „^letlrnlius stuckii meciici" (2 Bde., Amst. 1751) und „De tnnctin-nibus corporis immsoi praecipimruw partium" (3 Bde., Bern 1777—78). Als Dich-ter ist H. durch den Enthusiasmus mancher seiner Verehrer wol zu hoch gestellt worden;doch läßt sich nicht leugnen, daß er zu dem hohen Aufschwünge, den die deutsche Poesie inder zweiten Hälfte des l8.Jahrh. nahm, bedeutend beigetragen hat. DieUnnatur der wäh-rend seiner Jugendzeit noch vorherrschenden Lohenstein'schen Schule bald erkennend, jedochbei seinem kräftigen Geist den Fesseln der Gottschedischen abgeneigt, bestrebte er sich, seineGedankenfülle mit geläutertem Geschmack zu verbinden. Seine elegischen Gedichte, unterdenen vorzüglich die Elegie auf den Tod seiner ersten Gattin Marianne zu nennen ist, fle-hen am höchsten, während „Die Alpen" und andere Gedichte neben kühnen und feurigenIdeen den Stempel der damaligen Unbiegsamkeit der deutschen Sprache noch unverkenn-bar an sich tragen. Sein Charakter, seine Erfahrungen und seine brit. Vorbilder gaben sei-' nen Gedichten vorzugsweise die didaktische Richtung und ließen ihn besonders in seinenspätem Jahren aus dem höhern Aufschwünge durch die tiefe und ernste Betrachtung injene trübe Schwermuth versinken, deren nur ein großer Mann fähig ist, ein Beiname, denihm seine Zeitgenossen mit Recht gegeben haben- Seine „Gedichte", die zuerst ohne seinenNamen erschienen (12. Ausg. von Wyß, Bern 1828), wurden in fast alle civilisirtcnSprachen übersetzt. Vgl. Zimmermann, „Das Leben des von H." (Zür. 1755); Tschar-s ner, „Lobrede aus H." (Bern 1778); Sennebier, „Klo^e bistorique <i'^. <ie D." (Bas.
» 1778); „Lpnques rsisoimees zur Is vie 0'^. «ie D." (Lpz. 1778) und Haller, „Tagebuch
seiner Beobachtungen über Schriftsteller und über sich selbst" (2 Bde., Bern 1767).
Haller (Karl Ludw. von), der Enkel des Vorigen, geb. zu Bern am 7. Aug. >768,ist der Sohn Gottlieb EmanuelH.'s, der als Mitglied des Großen Raths zu Bern > 788starb. Er wurde 1705 Secretair des täglichen Raths zu Bern, ging dann nach Deutsch-land und kehrte 1806 als Professor der Geschichte an der Universität zu Bern zurück, woer auch 1813 als Mitglied in den Kleinen und Großen Rath kam. Die Revolution ver-trieb ihn, und er faßte nun den Gedanken einer geistigen Bekämpfung der revvlutionairenTheorien. Daß er in jener politisch noch sehr unklaren und unerfahrenen Zeit kein besseresMittel fand, als er in seiner „Restauration der Staatswissenschaft" (6 Bde., Winterthur1816—26) dargelegt hat, die im Wesentlichen auf einer Vermischung eines misverstan-denen Territorialsystems (s. Grundeigenthum), Hobbes'scher Lehren und theokratischerPhantasien beruht, ist weniger zu verwundern, als daß dieses Buch so viel Anklang undEinfluß gewann. Doch mag chm denselben vorzugsweise die kritische Seite verschafft ha-ben, welche die stärkste ist. Später machte sich H. auch bekannt durch seinen Übertritt zurkatholischen Kirche, der besonders dadurch eine sehr gehässige Seite gewann, daß er heim-lich erfolgte, absichtlich geheim gehalten wurde, und zu den Beispielen, wo heimliche Käthe- §liken mit dem Katholicismus unverträgliche Ämter beibchielten, ein neues gesellte. „Erst1821 erklärte er, der seit 1808 im Herzen, seit 1820 förmlich Katholik war, seinen Über-tritt und legte seine Stellen, die ihm auch bereits entzogen waren, nieder. Noch nach sei-nem Übertritt hatte er in seinem Amtseid für die Aufrechthaltung der reformirten Lehre