Druckschrift 
6 (1845) Gebler bis Heilsordnung
Entstehung
Seite
444
Einzelbild herunterladen
 

444 Großbritannien !

und alle Widerspenstigen wurden aus ihren Ämtern entfernt. Das an Despotismus ge- >wohnte Parlament erhielt während dieser Negierung ebensowenig eine Ausbildung. DieKönigin erneuerte die Beschränkungen ihres Vaters und ließ die Deputieren ins Gefäng-niß werfen, die politische und kirchliche Gegenstände zur Sprache brachten. Die strengsteSparsamkeit im Staatshaushalte machte sie auch von dem Parlamente in Hinsicht der ^Finanzen unabhängig; die Subsidien, die während der 45 Jahre geleistet wurden, belie-fen sich kaum auf drei Mill. Pf. St. Eine solche Politik mußte zu den größten Übelständenführen, denn die laufenden Staatseinnahmen betrugen ungefähr eine halbe Million. Eswurden daher vom Volke Darlehen erpreßt, der Handel mit Zöllen beschwert, ungesetzliche ,Leistungen Einzelnen aufgelegt und Dienste mit schädlichen Monopolen auf den Handel !belohnt; der ganze Handel war endlich monopolisirt. Auch die Unabhängigkeit der Rechts- !pflege unterlag bei Elisabeth argen Verletzungen. Die Sternkammer dehnte ihre Gewaltüber Alles aus, was nicht gerade ins bürgerliche Recht schlug; die sogenannte Hohe Com-mission (Uligü Commission) richtete Ketzereien und kirchliche Vergehen, und den Kriegsge-richten wurden selbst Preßvergehen unterworfen. Dessenungeachtet haßte das Volk Elisa-beth's Despotismus weniger als den ihres Vaters, da sie sonst eifrig besorgt war, denWohlstand und die materiellen Kräfte der Nation zu entfalten. Der Aufschwung, de»damals nach der geistigen Krisis das praktische Leben der Engländer nahm, war für dieZukunft entscheidend. Der Ackerbau erhob sich zu hoher Blüte. Das Manufacturwesen,in welchem bisher die Engländer den Deutschen und Niederländern, mit Ausnahme der Ver-fertigung von Wollenzeugen, nachstanden, nahm einen reißenden Fortgang; es beganndie Production in Metall und Seide. Der auswärtige Handel entfaltete sich mit der Schiff-fahrt. Kühne Seemänner, wie Drake (s. d.), Forbisher (s. d.), Davis (s. d.) u. A.,bahnten den Handelsschiffen den Weg durch alle Meere. Nebst dem lebhaftesten Verkehremit Rußland begannen die Verbindungen mit der Levante und mit Ostindien. Im I. l VW ^ertheilte die Königin der Ostindischen Compagnie (s. d.) den ersten Freibrief. Die jengl. Kriegsmarine war bisher ohne Bedeutung gewesen. Erst Elisabeth ließ Schiffe in .einheimischen Hafen bauen und hintcrließ eine Flotte von 34 großen Fahrzeugen mit tüch- stiger Bemannung und "4 Kanonen. Auch die auswärtige Politik befand sich im Ein-klänge mit dem Interesse und der veränderten Richtung der Nation ; alle Bestrebungenwaren gegen Spanien, den Verfechter des Katholicismus und den Beherrscher der Meere,gerichtet. Nach der Zerstörung der span. Armada (s.d.) im 1.1588, gewannen die Eng-länder plötzlich das größte Selbstvertrauen. Zahlreiche Expeditionen gegen die span. Flottenund Häfen in allen Meeren wurden mit Glück unternommen und unermeßliche Schätzeerbeutet. In der traurigsten Lage hingegen befand sich das an England gekettete Irland.Ein engl. Parlamentsbeschluß hatte daselbst die bischöfliche Kirche eingeführt und dasKirchenvermögen zu Gunsten des neuen Klerus confiscirt, während die ganze Bevölke-rung katholisch blieb. Nach mehren vom Papste und Philipp II. angestifteten Empö-rungen erhob >595 Hug O'Niele, Graf von Tyrone, einen allgemeinen Aufstand der Ir-länder, der erst 1602 vom Statthalter Mountjoy blutig unterdrückt wurde. Das span.Hülfscorps unter Aquila mußte die Insel verlassen. Das Verhältniß Englands zu Schott- iland, wo die Politik Elisabeth's und ihre Eingriffe in die Regierung, in die Kirchenrefor- >mation und in die Angelegenheiten der Familie Stuart, die größten Verwirrungen her- svorgerufen, begann sich jetzt zum Vortheile beider Länder auf einmal friedlich zu lösen.

Elisabeth hatte den Urenkel Heinrich's VII., Jakob VI. von Schottland, den Sohn !der Maria Stuart, zum Nachfolger iv England ernannt, und dieser vereinigte nun als IJakob I. (s. d.), >603—25, sämmtliche drei Kronen unter dem Titel eines Königs vonGroßbritannien und Irland auf seinem Haupte. Obschon die Engländer die Thronbestei- ^gung des Hauses Stuart (s. d.) in Rücksicht auf Schottland gern sahen, so verweigertedoch das engl. Parlament 1694 die Verschmelzung beider Reiche zu einer Nationalver- ^tretung und Verwaltung. Jakob I. war kein Tyrann, aber ein pedantischer Gelehrter; erbesaß sehr hohe Begriffe von den königlichen Prärogativen und befand sich deshalb gan;im Gegensätze zu der Stimmung des engl. Volks, das nach so viel Despotismus die könig-liche Gewalt in ihre gesetzlichen Schranken zurückzuweisen gedachte. Die religiösen Wir-