580 Pubertät
Veränderungen im geistigen wie im körperlichen Wesen des Menschen aus. Was zuerst diekörperlichen Erscheinungen anlangt, so tritt im Allgemeinen der Unterschied zwischen beidenGeschlechtern in-der Verschiedenheit der Ausbildung während dieses Übergangs bedeutenderhervor als jemals vorher. Die weiche, zarte, aber offenbar unvollkommene Beschaffenheitdes Körpers schwindet bei beiden Geschlechtern, und ein volleres Ansehen tritt an die Stelledesselben. Beim Knaben jedoch füllt sich die Rundung durch Muskelsubstanz, beim Meid,chcii mehr durch Fett aus, während bei crstcrm zugleich die Haut eine festere Textur bekommt.Ebenso rückt gewöhnlich die Vergrößerung des Körpers in der Richtung seiner Längcnachsebeträchtlich vorwärts, namentlich aber nimmt die.Brusthöhle an Ausdehnung zu, indem dieFunctionen der Brustorgane für einige Zeit das Übergewicht über die der andern gewinnen.Äußerlich wird dieses am meisten beim weiblichen Geschlcchte bemerkbar, indem die Brust-drüsen einen größer» Umfang einzunehmen beginnen. Der eine von der früher» gänzlichverschiedene Richtung cinschlagende Bildungstricb zeigt sich ferner auch dadurch, daß nichtallein im Allgemeinen der Haarwuchs stärker wird, sondern auch an mehren Körxcrstcllm,die vorher davon frei waren, Haare zum Vorschein kommen. Ferner findet eine namhafteVeränderung in der Stimme statt, verursacht durch eine Erweiterung des Kehlkopfs und derbetreffenden Bänder; die vorher hohe, aber dünne Stimme geht bei dem Knaben in dieTiefe, bleibt zwar beim Mädchen hoch, unterscheidet sich aber durch Metall deutlich von duvorherigen Kindcrsiimme. Am bedeutendsten jedoch sind die Vorgänge in den EeschlechkS-theilcn, welche beim Knaben dmch Vergrößerung und Erregung, beim Mädchen durch Ein-tritt der Menstru ation (s. d.) in einen neuen, gegen ihre vorherige Unthätigkcit auffallendcontrastirenden Abschnitt und eigentlich erst in das ihnen zukommende Leben eintretcn. Es istleicht zu begreifen, daß der Bildungstrieb, der in allen diesen Veränderungen neue Bahnen ein-schlägt, nicht selten theils in der Art, theils in der Zeit seiner Wirksamkeit sich verirrt unddeshalb Krankheiten entstehen läßt, welche oft um so gefahrdrohender sind, je stürmischer dieAusbildung vor sich geht. Namentlich ist das rege Blutleben, welches in der Brust beginnt,nicht selten der Grund zu schnell tödtenden oder langsam verzehrenden Krankheiten derBrust-organe, zu Lungenentzündung und Lungenschwindsucht. Mit diesen physiologischen Verän-derungen treten wenigstens ebenso wichtige psychologische ein. Ein neuer Geist scheint in denKörper eingezogen zu sein, die bisherigen kindlichen Beschäftigungen verlieren plötzlich dengewohnten Reiz und nicht selten macht sich erst ein geistiges Ünbehagen bemerkbar, in demAufgcben des früher» und dem Mangel eines neuen Reizes begründet, che die Thakenlnsldes Jünglings erwacht und die Jungfrau sich den süßen, ihre zukünftigen Bestimmungs-pflichten vorbereitenden Gefühlen hingibt, deren eigentliche Objecte sie noch nicht kennt. DüLiebe, die das weibliche Geschlecht zu verschenken, das männliche zu erringen strebt, leuchtetbeiden als ein nur gcahnetes Ideal vor und in kurzer Zeit erweitert sich der Jdeenkrcis zueinem gegen den früher« um so mehr abstechenden Umfange, als der später erst die Herrschaftgewinnende Verstand ihm jetzt noch nicht Grenzen zu stecken im Stande ist. Die immerwäli-rende Wechselwirkung zwischen Körper und Geist und dem doppelseitigenFvrtschreiten des Lr-ganismus spricht sich auch in den geistigen Vorgängen und der mehr geistigen Sphäre desNervensystems durch pathologische Erscheinungen aus, indem nicht selten Nervenkrankheitenmit, jedoch meist vorübergehenden, Geistesstörungen, Melancholie, somnambulistische Zu-stände u. s. w. diese Übergänge des psychischen Organismus begleiten. Sehr verschieden istdas Lebensalter, in welchem diese großartigen Veränderungen im Menschen Vorgehen. Hier-bei scheinen Klima, Lebensart, Stand und selbst auch Abstammung einen bedeutenden Ein-fluß auszuübcn. In den Ländern der nördlichen und der nördlicher» gemäßigten Zone Mder Eintritt der Geschlechtsreife gewöhnlich in den Zeitraum zwischen dem 14. und >6.Lebensjahre beim männlichen und zwischen dem >3. und 15. beim weiblichen Geschlcchte,während er in den andern Ländern desto früher stattfindet, je mehr sich diese dem Äqua-tor nähern. Ferner scheint das naturgemäßere Leben auf dem Lande diese Entwickelungsstufemehr zu verzögern, aber auch leichter über sie hinwegzuführen als die die Geisteskräfte mehr!"Anspruch nehmende und den Körper oft überreizende Erziehung in großen Städten, und ksist vielleicht diesem Einflüsse, da doch in den meisten Fällen die Kinder die Lebensart der Al-fern theilen, zuzuschreibcn, daß bei jenen gewöhnlich die Pubertät in derselben Zeit eintrich