80 List
stand versetzte'und auf den Grund dieser Anklage dessen Ausschließung aus der Stände-versammlung verlangte. In der Nachtsitzung der Kammer am 14. Fcbr. >821 wurde erwirklich durch eine geringe Majorität von seiner landständischen Function suspendirt, denordentlichen Gerichten ausgeliefert und durch den Criminalsenat des Gerichtshofs zu Eß-lingen unterm 6. Apr. 1823 zu einer zehnmonatlichen Festungsstrafe verurtheilt; dochbeschränkte sich Alles, was von Thatsachen vorlag, darauf, daß eine an sich ganz unverfäng-liche Petition lithographirt worden war. Nachdem L. einige Zeit in Festungsarrest geses-sen und während des Arrestes wegen Bekanntmachung der UntersuchungSprotokollc in eineneue Crimineiluntersuchung gekommen war, schiffte er sich plötzlich mit seiner Familie nachPennsylvanien ein, erhielt aber später durch den König von Würtemberg unmittelbar dieErlaubniß, in sein Vaterland zurückzukehren. Doch L. betrachtete sich seit > 82 .', als Ame-rikaner. In Pennsylvanien hatte er durch Privatuntcrnehmungcn wie durch öffentlicheDienste Gelegenheit gefunden, sich auszuzeichnen. Als die in Folge der engl Handelsbe-schränkungen eingetretcne öffentliche Noth in den I. 1826 und 1827 die Discussion überdie Handelspolitik der Union selbst in den gesetzgebenden Körpern auf die Tagesordnungbrachte, schrieb er, von der Gesellschaft für Beförderung der Manufacturen und Gewerbein Philadelphia dazu aufgefodert, die „Outlmes vk a new System os politicul econmu^"(Philad. 1827), worin er dem herrschenden Systeme der politischen Ökonomie in derselbenWeise, die er seitdem unablässig verfolgt hat, gewisse Fundamentalirrthümer nachzuweiscnsuchte. Diese sind nach ihm ein gänzliches Verkennen des nationalen Elements in derVolkswirthschaftslehre und eine irrthümliche Verwechselung zwischen Tauschwerthen undproductiven Kräften. Die Neuheit und Originalität seiner Ansichten machten den grüßtenEindruck in Amerika, und sowol die vorerwähnte Gesellschaft, wie die beiden gesetzgebendenHäuser in Pennsylvanien, faßten den Beschluß: „Friedrich List har sich um das Vaterlandverdient gemacht", den sie öffentlich bekannt machten. Zugleich..foderte die Gesellschaft zuPhiladelphia L. auf, sein natürliches System der politischen Ökonomie zunächst wissen-schaftlich und dann populair in zwei verschiedenen Werken zu bearbeiten, die sie zu honori-ren und drucken zu lassen sich erbot. Privatverhältnisse hinderten L. damals an der Aus-führung; doch hat er. später seinen Vorsatz in dem ersten Bande seines „Nationalen Sy-stems der politischen Ökonomie" (Stuttg. und Tüb. 1841; 2. umgearb. Aust., 1842)ausgeführt. Auf einer Reise nach England hatte er dort 1823 die erste Eisenbahn gesehenund sogleich die nationalökonomische Wichtigkeit und künftige Bestimmung dieses neuenTransportmittels erkannt. Als er 1825 nach Amerika kam, war er mit diesem Gegen-stände schon viel vertrauter als die meisten Amerikaner. Er hatte sich öffentlich zu Gunstender ersten Eisenbahnversuche ausgesprochen, als er in den Blauen Bergen von Pcnnsylva-nien in einer abgelegenen Waldgegend Anzeichen von reichen Anthracitflötzen fand. Erbrachte nun I7tti»n Acker dieser Gegend nebst drei zu Anlegung von Städten und Kanal-häfen vortrefflich gelegenen Lokalitäten an sich und verband sich mit dem reichen Capita-listen Thom. Biddle und Comp, in Philadelphia. Sägemühlen, Eisenbahnen, Minen,Häuser, Kirchen, Schulen, zwei ganze Städte (Port Clinton und Tamaqua) wurden inrascher Folge angelegt. Inmitten dieser Geschäfte wendete sich wiederholt der StaatssecretairLivingston an L-, um Auskunft über europ. Staats- und Handelsverhältniffe zu erhalten.L.'s Mittheilungen und Vorschläge zogen die Aufmerksamkeit der Negierung in der Art aufsich, daß van Buren, der inzwischen Staatssecretair geworden war, ihn im Aufträge des Prä-sidenten Jackson zu einer Conferenz nach Washington einlud, in Folge deren L. in Angele-genheiten der Vereinigten Staaten nach Paris gehen und sodann zur Belohnung zunächstein Consulat in Deutschland sich auswählen sollte. Von Paris nach Philadelphia zurück-gekehrt, schloß er ein Arrangement mit den andern Teilhabern seines Unternehmens, wel-ches eine mehrjährige Abwesenheit zuließ, und erwählte sich 1831 das Consulat zu Ham-burg, das er aber, als er inParis erfuhr, daß auf diesemPostcn ein redlicher, braver Manndurch ihn verdrängt werde, durchaus ablehnte. Seinen Aufenthalt inParis nutzte er dazu,die Herstellung eines allgemeinen franz. Eisenbahnsystems in Vorschlag zu bringen. Baldnach seiner Rückkehr nach Philadelphia faßte er den Entschluß, seinen Aufenthalt inDeutschland zu nehmen und der Einführung von Eisenbahnen seine Kräfte zu widmen