766 Englisches Theater
bedarf eS nur einer zum Bessern wiederkehrenden Richtung dcS Geschmack-, um die ver-welkten Lorberkränze frisch ergrünen zu sehen. Die erste Anerkennung verdient die Schottin,Johanna Baillie, die 1892 eine Folge Trauerspiele lieferte, deren jedes eine bestimmte Leiden-schaft schildert (deutsch „Die Leidenschaften, eine Reihe dramatischer Gemälde", von Cramer,3 Bde., Amst. 1806—7), und dann in ähnlicher Art Lustspiele, von denen ebenfalls einigtin obiger Übersetzung mit ausgenommen sind. Die von solchem Plane unzertrennlichen Be-engungen werden kaum sichtbar, so leicht und anmuthig weiß sie die Fesseln zu tragen. Wen»es aber ein Misgriff war, daß sie die Tragödien im Stile der altengl. Dichter schrieb, so Wal-es einer, der ihr großes Verdienst nur um ein Geringes schmälert. Mehr im Geiste als inder Ausdrucksweise der alten Classiker, zwar hinter ihnen zurückbleibend, doch ehrlich nachErreichung ringend, freilich dem Vorwürfe der Nachahmung verfallend, schrieben für dieBühne Sam. Coleridge (s. d.), 1773—1834, Maturin, am bekanntesten durch „8er>trsm snct blanusi", Barry Cornwall (s. Proctor) und Milman (s. d.). Frei vonNachahmung, wie die freie Seele ihm gebot, schrieb Byron (s. d.). Es ist wahr, er schriebnicht unmittelbar für die Bühne, weil das Bühnenpublicum ihn verletzt; auch fehlt es sei-nen Dramen im Allgemeinen an Effect und richtiger Charakterzeichnung; dennoch ging1836 „Nsntreck" mit stürmischem Beifall über die Breter vonDrurylane, und daß Byronnicht für die Bühne und bühnengemäß geschrieben, daran ist nur zum kleinern Theil seineReizbarkeit, zum größer« das Publicum Schuld. Auch von Walter Scott (s. d.) erhielt dieBühne eine Gabe „Halickon-liili". Nicht die Gabe, aber Das bedeutet viel, daß Walter Scottsie einer Gabe werth achtete. Andere Gaben empfing sie von der geistreichen Maria RuffelMitford („kienri", 1832) und von der gewandten Anna Butler, geb. Kemble, „b'rauei»tim tirst", „Um Star c>k 8eviIIe" (1838), dann die Tragödie „lüe provost oi Lruges",das historische Schauspiel „Um siege ok ^ntuerp", von Kennedy, und die historischenTrauerspiele „Um ckestü okUlarlove", von Horne, und „Vreemeo snck slaves", von Ball,„äon" und „'I'ke atlmnikm captive" bewährten Talfourd'S (s. d.) Talent für die Tra-gödie. Bulwer(s. d.) ist nicht zum wirksamen Dramatiker geboren, und seine Eitelkeithindert ihn, einer zu werden. Dennoch hat Schlechteres längern Beifall gefunden als seine„Ouclmss tle la Valiöre", „l'lm Isck) ot' I^ons", „I>1nne>" u. s.w. Vorzüglicher, ungemeinfruchtbar und als Lustspieldichter eine um so erfreulichere Erscheinung ist Knowles (s. d.).Außerdem sind die Bestrebungen Derjenigen keineswegs zu übersehen, die im Solde der klei-nen Theater Schlag auf Schlag sie mit Neuigkeiten jeder Art versorgen, verhältnißmäßigfreilich weniger aus eigener als aus franz. Erfindung.
Zu den im Vorstehenden dieäußere Geschichte des engl. Theaters berührenden An-deutungen fügen wir nur noch Folgendes. Die ursprünglichen hölzernen Gerüste wurden inden Höfen großer Wirthshäuser erbaut. Der Hof diente als Parterre, die den Hof umge-benden Gänge bildeten die Logen und Galerien. Aufgehangenc Teppiche und Tapeten ver-traten die Couliffen, und Jnigo Jones, geb. 1572, war der erste Dekorationsmaler. Bisdahin belehrte die Aufschrift eines Brets, was die Bühne vorstelle, oder der Acteur sagte esden Zuschauern. In einem der ältesten, 1594 gedruckten, historischen Stücke, „Sslimus,emperor ok tlm Turks", trägt der Held den Leichnam seines Vaters nach Mahommed'sTempel und hat dabei der Versammlung zu bemerken: „Suppose tim tem;>Ie ok ülokam-umcl." Das niedrigste Entree betrug bis 1596 nach jetzigem Gelde I, das höchste 15Ncugroschen. Die Vorstellungen begannen um 3 Uhr Nachmittags und dauerten nicht überzwei Stunden. Dabei wurde nach Belieben Karte gespielt, gegessen, getrunken und geraucht.Die später in London an der Grenze der City errichteten drei Theater hatten sich bis unterJakob 1. auf 17 vermehrte Gegenwärtig zählt London deren 22. In keiner Provinzialstadtdürfte es vor SO Jahren ein eigenes Theatergebäude gegeben haben, und fürs Jahr engagirteGesellschaften gibt es dort so wenig wie in London. Mit der Saison treten sie zusammenund auseinander. In den Universitätsstädten Oxford und Cambridge ist alles Schauspiel»erboten. Unter den Frauen, welche zuerst aufderBühne erschienen, gehören einige zu Eng-lands besten Künstlerinnen, so die Betterton, Barry, Leigh, Butler, Montfort und Brace-girdle. Bis 1708, wo Owen Swiney von den Dichtern Congreve und Vanbrugh die Di-rektion des Drurylane- und Haymarket-Theaters übernahm, hatten weder Akteurs noch