',/T- • * - r V / V ■’ -yty^s : rf:■.■:■*■;'t :^y: : ‘ ä ^* ■ >*» V-vr 9ni$emetne beutfcj^e tical - (ßnq)klopäbtc für bte gebitbeten @tdnbe* Ueunte (Drtginalauflage -SM—fiuiij_ebn SSdttben* Girrtet ©nttii. © wa »■nl I FRiED. KRUPP 9iett> $orF, r ei 28 i l {> e I m 9t a b b e, 322, Praabwap. ßeipjig, bei; 3r. 21. 2$ t o c? b a u $. 1 8 4 5. 's s k / D D. D auch I), aus welchem letzter« Zeichen vielleicht das erstere sich gebildet hat, ist daS röm. Zahlzeichen für 500. Außerdem dient I) als Abkürzung röm. Vor- und Beinamen, wie Decius, Divus u. s. w. ; auch ist es die Abkürzung für Dominus, Dux u s. w. Der Jurist citirt mit D, d. i. Digest;,, die Pandekten; D. 51. heißt Düs 5Ianibus; D.O. 51. Deo optimv msximo; D. D. D. in Dedicationen Dst, tloimt, tlicat oder Dst, llicst, cleckicat; D oder tl, in lat. Briefen, wie das deutsche Gegeben oder Geschrieben, oder auch «lies, daher , s. 0. so viel als ante Oiem; 6. m. beim Clavierspiel clextra manu, d. i. mit der rechten Hand; «1. s. oder D. 8. Dal s egno (s. d.), llt auf Rechnungen lleilit, d. i. bez ahlt. Auß erdem s. Ton und Tonarten. > —---- fla «bge kl ltjl iü k ^M Mer <1. 6., d. h. vom Anfänge, deutet in der Notenschrift an, daß das Stück vom Anfänge an bis dahin, wo kinis oder das Zeichen steht, unverändert wiederholt werden soll. Dach (Simon), ein deutscher Liederdichter des l7.Jahrh., geb. zu Memel am 29. Juli 1605, besuchte die Schulen zu Königsberg, Wittenberg und Magdeburg. Er studirte inKö- " nigsberg, wurde hier 1633 Collaborator an der Domschule, drei Jahre darauf Conrector und > 639, nachdem er sich im Jahre vorher dem Großen Kurfürsten von Brandenburg, Friedrich Wilhelm, durch ein Gedicht empfohlen hatte, Professor der Poesie an der Universität. Von jetzt an pries D. mit vollem Munde, aber auch aus vollem Herzen den Ruhm und die »."'.-'"denl' u ra. Hau ses, und auf feine Bitte in einem Gedichte um ein Stückchen Land und eine kleine HMi! IihUt« « das klei ne Gut K urheim zum Geschenk. Der Tod seines Freundes, des Dichters Nob. Roberthmss7sM^W>>ß«GxK. 1638, der sich seiner früher so liebevoll angenommen hatte, versenkte ihn in tiefe Schwermut?). M«ch Langjährigen körperlichen Leiden starb er zu Königsberg am 15. Apr. 1659, nachdem er 1656 Nccwr der Universität gewesen. Seine zahlreichen geistlichen und weltlichen Lieder und Oden erschienen in verschiedenen Sammlungen und fliegenden Blättern, die meisten in den „Geist- , lichen Arien" seines Freundes, des Organisten Heinrich Albert (Königsb., Fol. ; 3. Aufl., 1652—53; nachgedruckt, Lpz. 1657); die Gelegenheitsgedichte auf das kurbrandenb. Haus wurden gesammelt in seinen „Poetischen Werken" (Königsb. 1696, 3.). Seine weltlichen ^ Lieder sind leichter und inniger Natur, oft bis zum Kindischen naiv und treuherzig, dabei in > der Sprache gefällig und zwanglos; in seinen geistlichen Gesängen, deren mehre in den Gesangbüchern sich erhalten haben, waltet eine stille tiefgefühlte Andacht ohne feurige Erhebung. Eine Auswahl aus seinen und seiner Freunde, Roberthin und Albert, Gedichten enthält Müller's „Bibliothek deutscher Dichter des 17. Jahrh." (Bd. 5, Lpz. 1823). Vgl. Gebauer, „Simon D. und seine Freunde als Kirchenliederdichter" (Tüb. 1828). Dachau, ein freundlich gebauter Ort im bair. Kreise Oberbaiern, auf einer Anhöhe ; an der Ammer, an der Straße von München nach Augsburg und an einem Kanäle, der aus I der Ammer nach dem Lustschlosse Schleisheim führt, hat ein hochgelegenes Schloß mit schü- ^ ' nem Garten und 1250 E., welche sehr betriebsam sind, Bierbrauereien und Branntwein- ^ brennereicn unterhalten und bedeutenden Getreide- und Holzhandel treiben. D. war im Mittelalter der Sitz von Grafen gleiches Namens, welche 1175 ausstarben, woraufcs durch Kauf an Herzog Otto I. von Wittelsbach kam. Im Dreißigjährigen Kriege nahmen es die ^ Conv.-Ler. Neunte Aufl. IV. 1 2 Dächer Schweden 1633 und später abermals nach einer nicht unbedeutenden Schlacht daselbst. Im Westen von D., auf dem rechten Ufer der Ammer, breitet sich das sogenannte Dachauer Moos aus, eine feuchte morastarkige, zum Thcil mit Schilf und Riedgras bedeckte Ebene von fünf Meilen Länge und einer Meile in der Breite, die sich bis gegen die Isar erstreckt und nur wenige Culturstrecken und Colonistendörfer enthalt. Dächer. Das Dach mußte sich hinsichtlich seiner Form nach den klimatischen Einflüssen richten, zu welcher Grundbedingung später noch die ästhetischen Anfoderungen modifici- rend hinzutratcn. Die ersten Dächer waren fast ganz flach und dienten zugleich zum Aufenthalte der Hausbewohner, wenn die Witterung es erlaubte, wie noch gegenwärtig in den südlich gelegenen Ländern. Da aber die ganz flachen Dächer sehr starke Balken oder doch sthr häufige Unterstützungen derselben und im letzter» Falle verhältnißmäßig kleine Zimmer bedingen, so führte dieser Umstand auf die Construction der Pultdächer. Die höhere Form der Dächer wurde verdeckt, indem man die Frontwände der Häuser höher hinaufführte und den Fall der Dächer nach einem inner» Hose ablenkte. So bildete sich die einfachste Form des Dachstuhls. Man führte die Mittclwände höher hinaus und schrägte sie nach der Steigung des Dachs ab, legte auf diese Schräge von einer zur andern die Balken und über diese von einer Frontmauer zur andern die Sparren, auf welche dann die Latten, die das Bcdcckungsmaterial trugen, befestigt wurden. Dergleichen Gebäude finden wir noch jetzt in Pompeji und Herculanum, und für den Privatgcbrauch erhielten sich dieselben durch viele Jahrhunderte. Die Tempel hingegen machten eine andere Construction nothwendig. Sie waren ursprünglich oben offen, später, wie wir dies beim Parthenon finden, in drei Schiffe 'getheilt. Nur di e Seitenschiffe wurden mit Pultdächern versehen, die, da kein innerer Hof da war, nach außen hin^bficlcn; wurde mit einer dreicckia cn Wand, dem Giebel, geschlossen. Daraus bildeten sich, da die kleinern Tempel keine Mittelschiffe hatten, beide schräge Dachflächen also aneinander fielen, die Gieb eldäch er, welche nach beiden Seiten hin abfallcn. Anfangs wurden diese Giebeldächer nur für die Tempel angewendet, und als Cäsar's Haus ein solches bekam, galt dies für eine Vorbedeutung seiner künftigen Vergötterung. Nachdem die Giebeldächer in den Privatgebrauch übcrgegangcn waren, erfand man, um den ganzen bebauten Raum zu überdecken und die Sparren zu unterstützen dennoch jetzt in Anwendung kommenden einfachstes) enden Dachstuhl, in dem man auf den Zwischenmauern und den über dem dazwischen liegenden Raume gestreckten starken Balken Ständer (Stuhlsäulen) aufrichtete, dieselben nach der L änae des Ge- bäudcs an ihrem obern Ende durch Balken (Fetten) verband und über diese hissdreSparren legte, welche unten in den "„ft,,', Balken standen, oben aber sich an die ihnen vond^ut-W^HAtlle entgegenkommenden Sparren anschmiegten. Bei großen Häusiru iegrrlsiän über die Stuhlsäulen auch nach der Tiefe des Gebäudes Dachbalken und stellte auf diese, weiter nach innen, neue Stuhlsäulen, welche mit ihrer Fette den Sparren einen zweiten Unterstützungspunkt boten, und so entstand der doppelt stehende Dachstuhl. Da indeß diese Dachstühle sehr viel Hol; kosten und durch die Menge der Stuhl- säulcn den Raum unter dem Dache zum großen Theil unbrauchbar machten, so ersann man den liegenden Dachstuhl mit schräg liegenden Stuhlsäulen, der eigentlich schon unter die Sprenge werke (s. d.) gehört. Für Gebäude aber, wo sehr große Räume zu überdecken waren, welche im Innern keine Unterstützung der Hauptbalkcn gestatteten, wurden dann die sogenannten Hängewerkc (s. d.) angewendct. Die Giebeldächer, deren Giebel man auf die niannichfaltigste Weise verzierte, hielten sich lange im Gebrauch, bis sie- durch die Walmdächer verdrängt würben, bei welchen man die Giebclflächc fortließ und nach dem First hin, von der Giebelwandaus, ebenfalls schräge Dachflächen (Walme) führte. Erhielten die Walmdächer bei quadratischen oder mehrseitigen, regelmäßigen Grundflächen des Hauses die Gestalt einer Pyramide, so hießen sic Zelt däch er. Da aber durch die Walmdächer viel Raum verloren ging, so näherte man sich wieder der ursprünglichen Dachform, indem man die Giebelseite in der Form eines abgestumpften Dreiecks bis auf zwei Drittel der Dachhöhe aufführtc und den Walm erst dann anfangen ließ. So entstanden halbeWalmdächer, die bei ländlichen und freistehenden Gebäuden jetzt noch häufig Vorkommen. Nachdem man in der Mitte des 16. Jahrh. ange^ Dächer 3 fangen hatte, die Hauser mit der langen Seite nach der Straße zu richten, erfand der statt;. Baumeister Mansard (s. d.), um die nun mehr hcrvortrekendc einförmige Dachfläche zu unterbrechen, die nach ihm benannten Mansard cd ach er. Gleichzeitig mit Mansard brachte der franz. Architekt Philibert de l'Orme die Bohlcndächer in Aufnahme, indem er alle starke Balken und geraden Sparren verwarf und statt derselben bogenförmige Sparren anwendete, welche er aus zwei bis drei Zoll starken Bohlenstückcn zusammensetzte und so ihnen eine Sprengung gab, daß sie, vor dem Seitcnschub gesichert, ohne weitere Unterstützung ihr eigene und die Last des Deckungsmaterials tragen konnten. Durch die Bo- gensparren erhielten diese Bohlcndächer, über welche man oft noch gerade Sparren legte und so die Dachflächen gerade machte, um das Deckungsmaterial besser auflegen zu können, ursprünglich gewölbte Dachflächen, und wenn man dieselben auf kreisrunde oder ovale Grundflächen stellte, so erhielt man Kuppeldächer, die man indeß auch schon früher gekannt hatte. Späterhin kam die Construction der Bohlendächer wieder in Vergessenheit, bis sie 1797 Gilly in Deutschland von neuem einführte, wo sie dann mehrfach in Anwendung kam. Jene Zeit, welche den sogenannten Nococostil auch in die Baukunst brachte, äußerte auch ihren Einfluß auf die Dachformen, namentlich der sogenannten Staatsgcbände, und von dorther schreiben sich die sogenannten Haubendächer, deren schräge Flächen in mannichfach geschwungenen Linien gebildet sind und die wir noch heute an manchen Thurm dächern vorfinden. Die in der neuesten Zeit mehrfach in Anwendung gekommenen eisernen Dachstühle gründen sich ganz auf die Holzconstructionen der Hängewerke und der Bogcn- sparren und gewähren große Leichtigkeit, Raumersparniß und ^eue rflckierheit. — Die Formen der fledurch die Hölü 9ks D üh?ÜNVcryaltnlp zu dessen Tiefe oder Breite bestimmt werden, so machten sich auch hier die klimatischen Verhältnisse so lange geltend, bis der Fortschritt der Kunst und neuere Erfindungen sich denselben siegreich cntgcgcnstelltcn. Den platten oder Alcandächern, den ältesten, stehen zunächst die griechischen, deren Höhe '/r —'4 ihrer Grundfläche beträgt, und dieser die italienischen Dächer, deren Höhe'/r ihrer Grundlinie ausmacht. Die altfranzösischen Dächer haben etwas über die Hälfte der Haustiefe zur Höhe, während die altdeutschen Dächer ein gleichseitiges Dreieck bilden, also beinahe "/>o der Tiefe zur Höhe haben, welche bei den Kirch endächern bis zur vollcnTiefe des Gebäudes steigt. Gegenwärtig haben die gewöhnlichen sogenannten Winkeldächer 7 /.. In neuerer Zeit hat man den Dachconstructioncn große Aufmerksamkeit geschenkt/ und Illllluniuch-habe n in Deutsch land Mollcr's Bemühungen in dieser Art viel Erfolg gehabt. Eine cigenthünssl!!-! VöstfkkMM« aber stellen die nach ihrem Erfinder, dem Fabrikencommissionsrath Dorn in Berlin genannten DorVßH-en Dächer dar, welche die Möglichkeit einer sehr flachen Böschung gewähren, ohne daß man zu Meflav- cindeckungen seine Zuflucht nehmen müßte. Man legt bei diesen Dächern die Sparren mit einer solchen Neigung gegeneinander, daß die Höhe des Dachs etwa '/s der Tieft oder selbst noch weniger beträgt. Auf diese Sparren werden Latten etwa Zoll weit voneinander genagelt und auf und zwischen denselben die Deckungsmasse, aus '4 geschlämmtem Lehm und */- Lohe gut durcheinander gemengt und mit Wasser zu einem ziemlich derben Teig gemacht, etwa Zoll dick aufgctragen und mit einem Streichbret gleich gestrichen. Ist dieser Estrich trocken, so wird er mit heißem Steinkohlentheer zwei bis dreimal übergossen und verstrichen, wodurch nach dem Erkalten sich eine steinartige Masse bildet, welche dem Regen und Schnee undurchdringlich ist. Mit dem letzten Aufgusse vereinigt man Erdprch oder sonstige harzige Substanzen und überstreut das Ganze dick mit grobkörnigem Sande, welcher sich mit dir Masse verbindet und ihm noch größere Festigkeit gibt. Man hat diese Dächer an vielen Orten angcwendet und ist auch in den ersten Jahren vollkommen damit zufrieden gewesen, doch ist man später zu der Einsicht gelangt, daß sich diese Art Dächer nur für kleinere Flächen eignen. Die Erleuchtung des Dachraums geschieht durch Dachfenster, welche entweder senkrecht gestellt und deshalb ausgebaut, oder in die Dachfläche selbst gelegt werden. Beide Arten haben den Nachtheil, daß sie sehr bald nicht mehr wasserdicht halten und dann den Ruin der anliegenden Theile des Dachs herbeiführen. Deshalb ist man meist davon abge- ' 4 DachS Dacier (Andre) kommen und bediene sich starker Glasplatten (Glaspfannen), welche mit den Ziegeln in derselben Flucht verlegt werden und ihrem Zwecke vollkommen entsprechen. Die Dachdeckungsmaterialien sind sehr verschieden und richten sich einerseits nach den verschiedenen Ländern, andererseits nach der Dachconstruction. In früher Zeit wurden Steinplatten, bei Tempeln Marmorplatten dazu verwendet, bis spater die Ziegel- dächer (s. Ziegel) aufkamen. Auch der Schieferplatten bediente man sich früher häufig und noch jetzt zum Dachdecken; doch haben die Schieferdächer den Nachtheil, daß sie leicht verwittern und abspringen und daß bei Feuersgefahr der Schiefer glühend wird, springt und weit umherfliegend, das Feuer weitewerpflanzt. Die früher sehr gewöhnlichen S chindel-, Stroh- und Rohr d ach er sind jetzt ihrer Feuergefährlichkeit wegen in vielen Ländern verboten. Eine Abart der letztem sind die Lehmschindeldächer, wo das Stroh mit Lehm gemischt auf das Dach geschlagen wird. Um Leichtigkeit, Eleganz und Feuerficherheit zu erlangen und zugleich die Dächer möglichst flach halten zu können, verfiel man auf die Metalldächer. Zuerst bediente man sich dazu des Bleis, das aber zu stark au der Luft oxydirte und überdies das Dach zu sehr belastete; dann des Kupfers, das aber zu kostspielig war, und deshalb später des Eisenblechs, indem man das Oxydiren desselben durch einen Ölanstrich zu verhüten wußte. Auch Gußeisenplatten hat man hier und da mit Erfolg zur Eindeckung der Dächer verwendet. In der neuesten Zeit ist der Zink vielfach zum Dachdecken verwendet worden und hat die vortheilhaftesten Resultate geliefert. Der Zink ist nicht zu schwer, vxydirt an der Luft wenig und widersteht den klimatischen Einflüssen sehr gut, doch muß er sorgfältig bearbeitet werden, da er kalt brüchig ist; auch müssen die Nagelköpfe wohl verwahrt werden, da beim Zutritt von FeuchtiükLil.Zr.o rt, wo beide Metalle fick berühren, eine galvanische Wirkung entsteht, welche den Zink zersetzt. , Dachs, ein Säugthier aus der Familie der Bären, ist von oben aschgrauer, von unten schwarzer Färbung und von nächtlichen, ungeselligen Gewohnheiten. Im Mittlern Europa und Nordasien viel verbreitet, bewohnt der Dachs sehr künstlich angelegte unterirdische Baue, die er nur des Nachts verläßt, um auf kleine Thiere Jagd zu machen. Früchte und angebaute Wurzeln frißt er blos im Nothfalle, richtet aber durch Ausgrabung der letztem vielen Schaden an. Den Winter verbringt er schlafend. Sein Fleisch ist süßlich, aber eßbar, sein Fett zu Pomaden brauchbar und sein Fell geschätzt; das lange Nückenhaar desselben wird zu Malerpinseln verarbeitet. Dacien (vscis) begriff als röm. Provinz das Land zwischen der Theiß, Dvmm,1srm Pruth, obern Dnjester unddenKarx>-ittn. al so da s - ölilicke ttn aarn. Siebenbürgen, die Walachei, die westliche Molda u- und wie Bükowinain sich. Die Bewohner dieses Landes, die D -ie ssr t^ E^ble in mekre Völkerschaften zerfielen, gehörten ebenso wie die Geten (s. d.) zu dem thrazischen Völkerstamme und waren vom Süden der Donau her schon vor Alexanders Zeit cingewandert. AuS den Ebenen zwischen der Theiß und Donau, die sie anfänglich auch inne hatten, wurden sie durch die Jazygen gedrängt. Durch häufige Einfälle in das Gebiet der Römer, namentlich unter Decebalus (s. d.), machten sie sich diesen gefährlich, bis sie von Trajan in zwei Kriegen lOI —IW n.Chr. unterworfen wurden, der ihre Haupt- stadt Sarmizegethusa eroberte und in das zur röm. Provinz umgebildete Land zahlreiche röm. Kolonisten einführte. Nur in den nördlichen Gebirgen erhielten sich freie Dacier. Im 3. Jahrh. wurde D. von Germanen überflutet; Aurelianus gab daher im I. 274 die Provinz auf und versetzte die röm. Colonisten über die Donau nach Mösien, das von ihm vacis rsi,en8is genannt ward. Im 4. Jahrh. hatten den östlichen Theil D.s di« Gothen und Noxolanen, den westlichen die Sarmaten erobert. Die beiden letztem'blieben unter den alten Einwohnern des Landes, den Dauern, welchen die Römer die lat. Sprache aufgedrun- gen hatten, und aus der Mischung dieser Völker, sind die heutigen Wlachcn, deren Sprache eine romanische ist, entstanden. Datier (Andre), franz. Philolog, geb. zuCastres in Oberlanguedoc am V.Apr. 1651, von protestantischen Altern, studirte zu Saumur unter dem berühmten Tannegui Lefevre. Nach dem Tode desselben, 1672, ging er nach Paris, wo er vom Herzoge von Montanster den Auftrag erhielt, den Festus (Par. 1681, 4.) zum Gebrauch des Dauphins (in umm l)e>i>bin>) herauszugeben. Gleiche Neigung zu den Wissenschaften knüpfte zwischen ihm und Darier (Anna) Darier (Bon Jos.) 5 der Tochter seines Lehrers, Anna Lefevre, 1683 das Band der Ehe. Zwei Jahre darauf traten Beide zur katholischen Kirche über und zogen sich, um den Schein zu vermeiden, als sei cs aus Interesse geschehen, für einige Zeit nach Castrcs zurück. Nach der Rückkehr nach Paris wurde D. Bibliothekar des Königs und 1695 Mitglied der Akademie der Inschriften und der Akademie, welche letztere ihn in der Folge zu ihrem beständigen Secretair wählte. Er starb am 18. Sept. 1722. Außer der Ausgabe des Festus und der „Oeuvres ck'Horsce en Iritin et eil Iranyaiss/ (Iv Bde., Par. 1681—89, 12.) sind bekannt seine Ausgabe des Valerius Flaccus, die Übersetzung des Marcus Antoninus, des Epiktet, der Poetik des Aristoteles, welche ,eine seiner besten Arbeiten ist, der Lebensbeschreibungen des Plutarch, deS Sophokleischen Ödipus und der Elektra, der Werke des Hippokratcs und mehrer Dialogen des Platon. Seine Übersetzungen sind zumeist höchst mittelmäßig und seine Erklärungen der alten Schriftsteller sehr seicht. Bei dem lebhaften Streite der franz. Gelehrten über die Vorzüge der Alten vor den Neuern verthcidigte er die Alten, aber mit so wenig Einsicht, daß Boilcau sagte, sie hatten über ihren Übersetzer D. mehr als über ihren Verleumder Perrault zu klagen. Datier (Anna), geborene Lefevre, die Gattin des Vorhergehenden, geb. 1651 zu Saumur, begab sich nach dem Tode ihres gelehrten Vaters, der ihr Talent gebildet hatte, nach Paris, wo sic durch eine Ausgabe des Kallimachus (1674, 4.), welche sie Huet, dem damaligen Unterhofmeister des Dauphin, zueignete, einen solchen Ruf erlangte, daß ihr der Herzog von Montanster die Bearbeitung mehrer Ausgaben alter Schriftsteller zum Gebrauche des Dauphin übertrug. Auch nach ihrer Vcrheirathuna setzte sie ihre a elebrte n Arbeiten fort. Besonders ma chte ihre, obsch on ckUueswegii ainMQllMeks Übersetzung des Homer (Amst. 1708°; VleMAUsi., 8 Bbc., Par. 1756, 12.) Aufsehen, die sie mit Houdart de Lamotte in einen Streit verwickelte. In den „Oonsiclerations sur le» eauses tle In corruption <1u goüt" (Par. 1714, 12.) verthcidigte sie den Homer mit dem Scharfsinne eines gründlichen Com- mentators, Lamotte aber antwortete ihr mit den Waffen des Witzes und der Sanftmuth, weshalb man damals sagte, Lamotte habe wie eine geistreiche Frau, sie dagegen wie ein gelehrter Mann geschrieben. In ihrem „Homere ilst'entlu" (Par. 1716, 12.) griff sie den Jesuiten Hardouin an, der eine spöttelnde Lobrede dieses Dichters geschrieben hatte. Auch übersetzte sie den Tercnz (3 Bde., Par. 1688, 12.), den Amphitruo, Epidicus und Rudens des Plautus (3 Bde., Par. 1683, 12.), welche letztere sie mit einer Vorrede begleitete, in der sie sich mit Einff-lu über dm I1,'ssi,u»!i dil Ausbildung und die Veränderungen der dramatischen Poesie aussprach; den AnäkrkM vnd die Sappho (Par. 1681, 12.) und den Plutus und die Wolken des Aristophanes (Par. 1684, 12.), biederste kränz. Übersetzung dieses Dichters, die darum auch billige Nachsicht verdient. Gleich achtungswerth siürch ihren Charakter und durch ihre Talente, gewann sie ebenso viel Bewunderer durch ihre Tugend, ihre Standhaftigkeit und ihren Gleichmuth als durch ihre Schriften. Sie starb am 17.Apr. 1720. Datier (Bon Jos.), franz. Historiker, geb. am l. Apr. 1742 zu Valognes im Departement Manche, machte seine ersten Studien in Paris im College d'Harcourt als Mitschüler Talleyrand's und Choiseul-Gouffier's, mit denen er auch später in nahen Beziehungen blieb. Von seinen Altern zum geistlichen Stande bestimmt, erhielt er die erste Weihe, verließ aber diese Laufbahn, um sich dem Studium der Geschichte zu widmen. Er kam in das Haus von Foncemagne und als dieser Erzieher des Herzogs von Chartres wurde, mit ihm ins Palais royal, wo er Mitschüler des Herzogs von Orleans, des nachmaligen Oito^en Lgslits war. Jm J. 1772 wurde er Mitglied der Akademie der Inschriften und 1782 zu deren beständigem Secretair erwählt. Als solcher stiftete er dasComite der Handschriften, welches die „Kotices et ertritits" aus den ungedruckten Werken der pariser Bibliotheken herausgab. Im 1.1784 wurde er vom Grafen Provence (Ludwig XVIII.) zum Historiographen der Orden St.- Lazarus, Jerusalem und Karmel ernannt. Nachher erhielt er den Auftrag, eine vollständige Ausgabe der Chronik von Froissart zu veranstalten; schon war der erste Band seiner Voll- endung nahe, als der Druck unterbrochen wurde- Seine handschriftlichen Sammlungen für diese Arbeit benutzte später Buchen bei seiner Ausgabe dieses Schriftstellers. Im I. 1790 hatte D. als Mitglied der Municipalität der Stadt Paris die neue Vertheilung der Steuern zn besorgen. Das Finanzministerium, welches ihm kurze Zeit nachher Ludwig XVI. anbot, 6 Dädalns DaendelS schlug er aus. Um den Verfolgungen in der Schrcckenszeit zu entgehen, lebte er in der Provinz in der Zurückgezogenheit; erst 1795 bei der Stiftung des Nationalinstituts erschien er wieder in Paris. Jm J. 1800 wurde er zum ersten Vorsteher der Nationalbibliothck ernannt, 1892 Mitglied des Tribunals und 182.8 in die Akademie ausgenommen. Außer seiner Ausgabe der „Cyropädie" Lcnophon's (3 Bde., Par. 1777) und die zahlreichen Biographien verstorbener Akademiker, z. B. Choiseul-Goufficr's (Par. 1819), gedenken wir seiner „blistoire tie in den „Keinoires" derselben und des „11->I>I>ort zur lospro- j-res cke5 scienceZ üistoricjuea et cke la litteratnre ancienne, uis I 789"(Par. 1819, 4.). Dädälus stammte dem gricch. Mythus zufolge aus dem alten Geschlechts der athenischen Erechthiden und war ein Zeitgenosse des Theseus und Minos. Er erscheint, worauf schon die Ableitung seines Namens von d. h. künstlich ansarbeiten, hinweist, als der Träger und Repräsentant der bildenden Kunst in einem langen Zeiträume der gricch. Kunstgeschichte, zugleich auch als Vater der kretischen Kunst. Die alte Welt schreibt ihm die Bildung vieler heiligen Eöttcrstatucn zu, sowie die Erfindung mehrcr zur Holzschnitzerei nothwcndi- gen Instrumente. Schon Homer gedenkt eines Kunstwerks, eines Chorrcigens, das D. für Ariadne gearbeitet. Seine Statuen, deren mehre noch Pausanias kannte, schienen bei aller ihrer dem Auge ungefälligen Form etwas Göttliches zurückzustrahlcn und erinnerten durch ihre Stellung an ägypt. Vorbilder; doch wurde Letzteres in neuerer Zeit lebhaft von Otfr. Müller bestritten. Dagegen suchte Thiersch nachzuweisen, daß unter dem Gesammtnamen des D. und seiner Söhne, der D ädali dcn, die Künstler zu verstehen seien, welche ägypt. Knn tlsH^ki-ft übertrugen und zu einer griechischen umbildeten, noch lange ' am überkommenen Typst? festhalkend. Später müu nen cchzesn e Künüler, wie a uch Meist er automatischer Spielereien diesen Namen an, und die wandelnden Gestalten dcs'D. gingen, wie wir aus Platon's „Euthydem" ersehen, förmlich ins Sprüchwort über. Die von Ovid bearbeitete Sage machte ihn zum Vater des Ikarus, mit dem er, von Minos in Kreta, wo er das Labyrinth erbaute, gefangen gehalten, durch die Lust zu entkommen suchte. Er fertigte dem Sohne Flügel und befestigte sie mit Wachs; dieser aber stürzte, weil er der Sonne zu nahe kam, die das Wachs schmolz, in das nach ihm benannte Jkarische Meer. Däda- l isch nennt man daher im weitern Sinne alles Das, was geschickt oder kunstreich verfertigt ist. — Bei den Böotern zu Platää wurden alle sieben Jahre kleine und alle 90 Jahre größere Dädala gefeiert, Feste, von denen uns nichts weiter bekannt ist. Daendels (Herm. Wilh.), niederländ. General, geb. 1762 zu HaktenrAn Geldri- schcn, wo sein Vater Büraerm eistcr wq p, in den Niederlanden 1787 ausge- brochenen ,'n> sooen-imiten Patrioten einen so bedeutenden Antheil, daß er^ ftlL MerMkkmFrankreich suchen mußte. Als Oberst in einem Freicorps leistete er 1793 Dumouriez bei dessen Zuge gegen Holland bedeutende Dienste und wurde zum Brigadegeneral befördert. Nachdem Pichegru 1794 Meister von ganz Holland geworden, trat D. als Generallicutenant in die Dienste der Batavischen Republik, in der er bei den Rc- gierungs- und Verfassungsverändcrungen einen bedeutenden Einfluß hatte. Er befehligte 1799 eine der zwei batavischen Divisionen, die mit einer dritten, unter dem Oberbefehl des Generals Brune, die Engländer und Russen, als sie in Holland gelandet waren, zurückschlugen und zur Capitulation zwangen. In Folge vielfacher Anfeindungen nahm er 1893 seine Entlassung und beschäftigte sich mit Landbau in der Nähe seiner Vaterstadt. Beim Ausbruche des Kriegs im I. 1806 bot er dem Könige von Holland seine Dienste an, der ihn mit seinem vorigen Range wieder anstellte. Er eroberte im Oct. 1806 Ostfriesland und wurde Generalgouverneur von Münster. Noch gegen Ende des I. ernannte ihn der König zum Colonelgeneral der Holland. Cavaleric und im Fcbr. 1807 zum Marschall von Holland und Generalgouverneur der ostind. Besitzungen, die er 1898— I I mit Umsicht und Mäßigkeit verwaltete. Dem Werke, welches er über seine Verwaltung in Java herausgab (4 Bde., Fol.), verdanken wir wichtige Aufschlüsse über die Statistik und den Zustand dieses Landes. Nach seiner Rückkehr aus Ostindien stellte ihn Napoleon 1812 bei der Großen Armee an, wodurch er wieder vielfache Gelegenheit fand, sich militairisch auszuzeichnen. Als Gouverneur von Modlin wußte er sich zu halten, bis Alles verloren war. Znrückgekehrt ins Vaterland ward er im Herbst 1814 vom König der Niederlande Wilhelm I. beauftragt, die wieder- Daghesiau Daguerreotypie 7 erworbenen Besitzungen auf der afrik. Küste in Besitz zu nehmen und ihre Verwaltung neu einzurichkcn. Auch hier bewies er sich sehr energisch; er machte den Friedensvermittler zwischen den benachbarten Negerstaatcn, beförderte die Anlegung neuer Pflanzungen nach westind. Muster und hinderte den Sklavenhandel, so weit er es nur vermochte, bis ihn der Tod ereilte. Daghestan, d. h. Gcbirgsland, ist der Ostabfall des Gebirgslandes Kaukaflen uud begreift als Provinz des aflat. Rußlands das Land, welches sich vom östlichen Abhange des Kaukasus bis zu dem Gestade des Kaspischen Meers hin erstreckt, im Norden vom Terek- Flusse und im Süden von Trusten und Schirwan begrenzt. Es umfaßt das Land der Ku- > mückcn, das Gebiet des Schamchal von Tarkhu, das Gebiet von Derbent, das Gebiet des Usmei von Ckaitak, die Provinz Thabasseran, das Gebiet von Ckurah, das Khanat Ckuba, das Gebiet Kura-Khamutai und andere kleine lesghische Gebiete. Es ist in seinem westlichen Theile gebirgiges Hochland, in seinen übrigen Thcilen flaches, sandiges und zum Theil dürreä Steppenland. Der Kaspische See mit seinen größtcnthcils niedrigen Gestaden nimmt mehre kleine Flüsse, wie Sulak, Turturkali und Sumanga auf. Das Land ist, wo es nicht an Bewässerung fehlt, fruchtbar und ziemlich gut angebaut. Der Ackerbau liefert Weizen, Reis, Korn und Hirse, Gemüse und Safran; der Gartenbau Obst; außerdem werden Wein und Bauholz gewonnen. Die Viehzucht bringt reichen Ertrag, Pferde, Kameele, Esel und das fetkschwänzige Schaf sind in großer Menge vorhanden; jagdbares Wild und einzelneNaub- thicrc finden sich in den waldreichen Gebirgsgegenden. Der Bergbau auf Blei, Eisen und Schwefel ist noch in seiner völligen Ki ndbeit. Die Bewobne r des Lembe^.-stm-Allstkstcelnen Daghcstaner genamrt^stnd-che^s GlMkWcMhmcr, die zu den Lesghicrn gehören und größ- tenthcils unabhängig von der russ. Herrschaft und in größter Feindschaft mit den Russen leben, theils Türken oder Tataren, zu welchen die Kumücken, Truchmenen oder Turkoma- ncn und die Nogaier gehören; daghestanischc Araber, welche, wie die Türken, sämmtlich Moslcmen find, Armenier und Juden. Die Kumücken bewohnen die fruchtbare Niederung im Nordosten des Kaukasus, die sich bis zum Terck und Kaspischen See hinabzieht, und treiben theils Ackerbau, theils Fischerei und Viehzucht, theils Baumwoll- und Seidenbau Die Nogaier sind Nomaden; sie haben zwar mongolische Gesichtsbildung, sprechen aber eine dem Turkomanischen verwandte Sprache. Die Turkomanen, welche türkisch sprechen, bewohnen d as Gebiet von Ku ba, und die daghestanischen Araber leben als Nomaden im Sommer im Gebirge, im LVMUc Ebene an den Flüssen und Seen. Die Zahl sämmt- lichcr Bewohner beläuft sich auf 2,0000017. DMLAstst stehe seil 1812 unter der Oberherrschaft des russ. Kaisers, von welchem die verschiedenen Khane abhänWststd; früher gehörte cs dem persischen Reiche an und bildete eine der nördlichsten Ercnzprovinzen desselben'. Die wichtigsten Orte sind Derbent (s. d.), Tarkhu, eine feste Stadt mit 10000 E. im Khanat des Schamchal, Barschly im Khanat des Usmei, Jarssi in dem Gebiete Thabasseran und Ckurah in Lcsghicn. Dagobert 1-, unter den fränkischen Königen aus merowingischen Stamme der letzte von einiger Bedeutung, wurde wegen seiner Kriege gegen die Slawen sowie wegen seiner Thätigkeit für Verbesserung der Gesetze wol auch der Große genannt. Seinem Vater Chlotar II., der ihm nach der Wiedervereinigung der fränkischen Reiche im I. 622 Austrasien abgetreten hatte, folgte er im 1.628 auch in Neustricn und Burgund. Sein Major Domus Pipin von Landen und Arnulph der Bischof von Metz leiteten seine Regierung, doch versank auch er in den letzten Jahren seines Lebens in Trägheit und Wollust; 32 Jahre alt starb er im I. 638 und wurde in der Kapelle zu Saint-Denys, die er sechs Jahre vorher reichlich ausgestattet hatte, begraben. Außer ihm tragen noch zwei fränkische Könige, deren einer 672—678 in Austrasien, der andere von 711 — 715 regierte, den Namen Dagobert. Daguerreotypie ist der nach dem Erfinder, dem Franzosen Louis Jacq. Mande Dagucrre (gcb. 1789 zu Cormeilles, der sich aus Noth in Paris zum Decorationsmaler bildete und früher für das 'IKeLtrg Oes varietös sehr thätig war), höchst unglücklich gebildete Name für eine Methode, Abbildungen durch directe Einwirkung des LichtS selbst zu erzeugen. Die Daguerreotypie bildet also eigentlich nur einen Zweig der gesammten Photographie oder Lichtmalerei; doch pflegt man gewöhnlich Daguerreotypie gleichbedeutend 8 Daguerreotypie mit Lichtbild überhaupt zu brauchen. Daß das Licht auf eine große Anzahl Stoffe chemisch cinwirkt und sie dabei, am häufigsten zunächst in Bezug aufdie Farbe, verändert, ist eine längst bekannte Thatsache; die auffallendsten Beispiele davon liefern einerseits die am Lichte blei- chcnden Pflanzenfarbstoffe, andererseits gewisse leicht reducirbare Verbindungen mehrer Me- tallc, insbesondere des Silbers. So färben sich die Silbersalzc, ursprünglich weiß oder gelb, im Lichte alle dunkel, und man hat diese Färbung bis auf die neueste Zeit allgemein einer chemischen Zersetzung zugeschriebcn. Eine ziemlich vollständige Übersicht der durch das Licht veränderlichen Körper gibt Landgreb» in der Schrift „Über die chemischen Wirkungen des Lichts" (Mark, l 83-1). Hängen nun jene Wirkungen wirklich allein von dem Lichte ab, so müssen sie auch der Intensität des Lichts proportional sein. Denkt man sich also eine mit irgend einer durch das Licht verändcrlichen'Substanz überzogene Fläche an die Stelle des Papiers in die OiulierÄ obscur» gebracht, oder mit einem an verschiedenen Stellen in verschiedenem Grade durchsichtigen Körper bedeckt, so müssen die auf jener Fläche, der Lichtwirkung proportional, eintrctenden Veränderungen ein Bild des in der 6->moru aufgenommenen oder auf der Bedeckung befindlichen Gegenstandes darstellen, natürlich nicht in Farben sondern nur in Ver- thcilung von Schatten und Licht. Diese Betrachtungen führten zu der ältern photographischen Methode, welche man nach Dem, der sich am meisten damit beschäftigt hat, die Talbot sche nennen kann. Außer Talbot haben noch Kobell, Steinheil, Enzmann, Petzholdt, Fyfe, Biot u. A. Versuche über diese Methode angcstellt. Alle bedienten sich dabei des mit einem Silbersalze getränkten Papiers; nur Mungo Ponton hat das chromsaure Kali in Vorschlag gebracht. Es kommt bei dieser Methode zuerst darauf an, das geeignetste Silber- salz aufzufinden. Früher bediente mau sichpMtLHliL§hlorsilbers, welches man aber, da cS unauflöslich ist, in dem Papiere selbst erzeugen mußte, indem man dasselbe erst mir salpeter- saurem Silber tränkte und dann mit Kochsalzauflösung behandelte. Später kam man ans das phosphorsaure Silber und nach Talbot auf das Jodsilber, beide auf ähnliche Art durch Tränkung des Papiers mit salpetersaurcm Silber und nachherige Behandlung mit phosphorsaurem Natron oder Jodkalium in dem Papier selbst erzeugt. Ganz neuerdings ist man nun zu der Überzeugung gekommen, daß Säuren organischen Ursprungs die Emfindlichkeit, nämlich die Reducirbarkeit des Silbersalzes, besonders erhöhen. Man hat zu dem Ende hauptsächlich gallussaures und citronensaures Silber empfohlen. Das kapier esic>t)pe von Talbot, welches man meist als den Culminationspunkt dieser Methode ansieht, wird nun so bereitet, daß man feinstes Postpapier gleichmäßig mittels einer Bürste mit salpetersaurer Silberauflösung tränkt, nach dem Tr ocknen mil ^eü^-Auflösung von Jodkalium wäscht und im Dunkeln aiisbem.i hrk—L i»»- um ^Anwendung wäscht man es mit einer Auflösung von salpeteffgur««, Silber, der etwas Gallussäure und Essigsäure zugrseht ist, zieht es durch dcstillirtes Wasser und bringt eS in die Oamera «bsoira, oder bedeckt cS mit dem zu copi- rendcn Kupferstiche u. s.w.; hat dasLicht lange genug eingewirkt, so nimmt man es heraus, wäscht es wieder mit der genannten Auflösung und läßt eS schnell trocknen, worauf das Bild erscheint. Alle Bilder nach diesen Methoden erscheinen natürlich ursprünglich widersinnig (negatip), d.h. wo im Original Schatten ist, zeigt sich das Bild hell, und umgekehrt; um richtige (positive) Bilder zu haben, muß man also das erste nochmals copiren. Nur Herschel hat kürzlich unter dem Namen derChrysotypie eine Methode angegeben, sogleich richtige Lichtbilder auf Papier zu erhalten. Er tränkt Papier mit citroncnsaurem Eisenoxydammo- niak, läßt dasLicht einwirken, behandelt dann mit einer neutralen verdünnten Goldauflösung, wäscht mit Wasser und firirt durch Jodkaliumlösung. Die Bilder erscheinen in Gold aus weißem Grunde. Das hervorgebrachte Bild ist nun aber auch zu firiren, d. h. man muß das Silbersalz von den Stellen, wo es unverändert geblieben ist, wieder wegschaffkn, weil sonst die ganze Fläche mit der Zeit am Lichte schwarz wird. Dazu können Ätzammoniak, Auf- lchungen von Kochsalz und von unterschwefligsaurem Kali, Jodkalium und Bromkalium dienen. Talbot firirt neuerdings seine Bilder mit Bromkaliumauflösung. Je nach der Natur des angewendcten Silbersalzes und Fixationsmittels lassen sich solche Lichtbilder in sehr verschiedenen Tönen von braun, violett, grau und schwarz erzeugen; die mit chromsaurem Kali erscheinen weiß auf gelbem Grunde, oder umgekehrt. Dergleichen Bilder halten sich sehr gut; sie stehen aber an Vollkommenheit den eigentlichen Daguerreorypen weit nach. Daguerreotypie 9 Die zweite Methode, deren Anfänge durch Niepce sich bis 1813 zurückführen lassen, wurde seit 1826 von diesem Niepce, der 1833 starb, aber einen Sohn als Nachfolger hinter ließ, in Verbindung mitDaguerre im Stillen ausgcbildet und erst 1838, nachdem auf Verwendung der Akademie die franz. Kammern ihm eine Pension bewilligt hatten, trat Daguerre damit in einer Form hervor, welche bereits die ersten Anfänge weit hinter sich ließ. Seit dieser Zeit hat man sich so vielfach mit Ausbildung dieser Methode beschäftigt, daß cs nicht möglich ist, alle Namen zu nennen, welche in der Geschichte dieser Erfindung genannt zu werden verdienten. Was die Talbot'sche Methode auf zubereitetem Papier erzeugt, das führt die Daguerreotypie auf blanken Silbcrplatten aus, und es lassen sich hier wesentlich dieselben Stadien verfolgen, wie dort. Zuerst muß die Silbcrplattc (auch reichen stark mit Silber plattirtc Kupferplatten hin, wie sie jetzt in allen Formaten, besonders von Paris aus, in den Handel kommen) sehr sorgfältig in der Art gereinigt werden, daß man eine absolut ebene und in allen Punkten vollkommene reinmetallische Silberfläche hat. Man hat vielleicht die dctaillirten Vorschriften, wie dieses Putzen der Platten mit verdünnter Salpetersäure, Öl, Tripel und Baumwolle in einer bestimmten Reihenfolge geschehen soll, etwas übertrieben, indessen ist es immer besser, in diesem Punkte eher etwas zu genau zu sein. Die gereinigte Silberplatte muß mit einer gegen die Lichteinwirkung empfindlichen unendlich dünnen Schicht überzogen werden. Ursprünglich setzte man zu dem Ende die Platte nur den Joddämpfen aus, um einen Überzug von Jodsilbcr, von blaßgelber Farbe, zu erzeugen; cs geschah dies in besonder« neuerdings sehr vereinfachten Apparaten. Jetzt weiß man, daß Chlorjod und Bromjod noch weit empfindlichere Überzüge bilden und setzt daher die Platten die erfoderliche Zeit über einer mit den Dämpfen dieser Substanzen bei gewöhnlicher Temperatur geschwängerten Atmosphäre aus/ oder wäscht ste stwl äüch^anut. Diese so zubereiteten Platten müssen dann in einem dunkeln Kasten aufbewahrt werden. Will man nun ein Bild irgend eines Gegenstands aufnchmen, so stellt man die Camera ohscurs, welche mit der die Lichtmenge außerordentlich vergrößernden Voigtländer'schcn Objectivcinrichtung versehen sein muß, auf die bekannte Weise so ein, daß auf einer cingespanntcn matten Glastafel das vollkommenste Bild erscheint, bringt dann die Silberplatte an die Stelle der Glastafcl und läßt sie die gehörige Zeit darin. Früher waren zum Erscheinen des Bildes mehre Minuten nöthig, mit den jetzigen vervollkommneten optischen Apparaten und empfindlichen Platten reichen oft einige Secunden schon hin. Die Platte wird dann herausgcnommen; man sicht noch keine Spur eines Bildes; Ke avird hierau f in einem geschlossenen Apparate der Einwirkung von Quecksilberdämpfen ausgefttztusi^lese condensueli sich nun in so verschiedener Weise auf den vom Lichte mehr, weniger oder gar nicht veränderten Stellen, daß dadurch ein positives Bild des Gegenstands hervortritt. Ist dies geschehen, so fixirt man das Bulb, entweder einfach durch Abwaschen mit Kochsalzlösung oder unterschwcfligsaurem Kali, oder zu Erzeugung eines bräunlichen, für manche Gegenstände vortrefflich paffenden Tons, nach Fizcau, durch Waschen mit einer verdünnten Auflösung von Goldchlorid. Die Bilder erscheinen bei der Da- guerrc'schcn Methode, sobald die Lichteinwirkung nicht über den gehörigen Grad ausgedehnt wird, stets positiv, da sich das Quecksilber, welches die Hellen Stellen bildet, an den Punkten abseßt, welche durch das Licht verändert waren; unter dem Mikroskop sieht man alle Lichtstellen nach Maßgabe ihrer Helligkeit mehr oder weniger dicht mit außerordentlich klei- neu, ziemlich fest adhärirenden Quecksilbertröpfchen bedeckt, während die tiefsten Schatten durch die reine Silberfläche gebildet werden. Diese Beschaffenheit des Bildes hat erstens den Nachtheil des Spiegelns der Schatten zur Folge, den man jedoch durch die Fixation mit Gold, wodurch die Schatten matter werden, ziemlich beseitigen kann, und zweitens sind die Bilder natürlich vergänglich. Letzteres ist jedoch nicht in einem so hohen Grade der Fall, als man früher glaubte, und cs hat sich gezeigt, daß man solche Bilder recht wol mit Firnissen überziehen, ja selbst coloriren kann, welche letztere Verbesserung namentlich für das Portrai- tiren bereits sehr glücklich ausgebeutet worden ist. Denn, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß die Einwirkung des gefärbten Lichts eine verschiedene und in der That erfahrungs- mäßig das Colorit der abzubildcnden Gegenstände von großem Einfluß auf das Gelingen ist, so hat man doch bis jetzt noch keine unmittelbar gefärbten Lichtbilder erzeugen können, und nur hier und da einmal sind zufällig einige Localtöne zum Vorschein gekommen. Neuerdings 10 D'Aguesseau ist man nun auch dahin gelangt, chic Lichtbilder thcils durch galvanoplastische Copirung in Kupfer (Steinheil), theils durch Atzung mittels Salpetersäure (Berres) für die unmittel- bare Vervielfältigung durch Druck zu benutzen, ein Fortschritt, der, namentlich zusammen- gehaltcn mit dem Umstand, daß auch künstlich stark beleuchtete mikroskopische Bilder sich abbilden lassen, besonders für naturwissenschaftliche Anwendung der Methode wichtig werden kann. Die schwierigsten Gegenstände für die Abbildung bleiben immer belebte Körper, welche entweder steif auSfallen, wenn man sie zur Ruhe zwingt, oder undeutlich, wenn sie sich während der Lichteinwirkung bewegen. Hier kommt es also darauf an, die Lichteinwir- kung bis zu einer solchen Schnelligkeit zu steigern, daß man die Bilder so zu sagen im Fluge erhaschen kann. Durch Verbesserung der (Xmiera und Anwendung von Chlor- und Bromjod statt des Jodes ist hierin schon sehr viel geschehen; neuerdings soll Daguerre durch Anwendung elektrischer Funken die Empfindlichkeit so erhöht haben, daß ein Moment der Lichteinwirkung hinrcicht. Da indessen ersahrungsmäßig bekannt ist, daß eine zu lange fortgesetzte Lichteinwirkung die Bilder wieder zerstört und zuletzt in negative umwandelt, so wächst mit der Schnelligkeit des Verfahrens natürlich auch die Schwierigkeit, die günstigste Dauer der Lichtwirkung, die sich nach der Stärke der Beleuchtung u. s.w. abändcrt, in jedem Falle genau zu treffen. Was die theoretische Erklärung anlangt, so suchte man früher allgemein das Erscheinen der Dagucrre'schen Lichtbilder durch Quecksilberdämpfe auf die Weise zu erklären, daß die oberflächliche Jodsilbcrschicht stellenweise durch das Licht reducirt werde, nachher also nur an der Stelle das Quecksilber anziehcn könne, wo auf diese Art Silber bloßgelegt sei, während die unzersctzten Stellen frei bleiben. Man hat jedochchci genauerer Untersuchung aller Vorgänge neuerdings gefunden, daß die Daguerre'sche Methode von der Talbot'schen darin wesentlich verschieden sei, daß cs hier auf eine chemische Zersetzung nicht ankomme, sondern blos auf eine verschiedene Fähigkeit der Oberflächen, Dämpfe zu condensircn, also auf einen rein mechanischen Act. Diese mechanische Veränderung der Oberflächen schreibt Moser einer besonder!! neuentdcckten Classe der Lichtstrahlen, dem unsichtbaren Lichte, zu, während Knorr und Hunt sic auf strahlende Wärme zurückführcn, und nach Waidelc nur adhärirende Schichten von Gasarten im Spiele sind. Diese theoretische Frage ist jedoch noch keineswegs zum Abschlüsse gediehen. (S. Licht.) Sowie die Daguerrcotypic, so jung sie ist, schon zu Bildung eines ganz neuen Erwerbzweiges und zu Entstehung des Standes der Dagucrreotypistcn geführt und manchen unter diesen Leuten viel eingebracht hat, so sind auch bereits unzählige Broschüren über diesen Gegenstand erschiene n, tz ialedock zum größten Theile sehr empirische und fehlerhafte Anleitung^ geben. Vollständige halbjährige Übersichten über die Fortschritte der Photographie gibt seit 1839 da§ „Polytechnische Centralblatt". D'Aguesseau (Henri Franc.), ein in den Jahrbüchern der franz. Gesetzgebung der Beredtsamkeit ausgezeichneter Mann, gcb. zu Limoges am 7 . Nov. 1608 , erhielt durch seinen Vater, welcher Intendant von Languedoc war, den ersten Unterricht und zeigte schon früh die glücklichsten Anlagen. Der Umgang mit Racine und Boileau bildete sein Talent zur Dichtkunst. Er widmete sich dem Studium der Rechte, ward 1690 Eencraladvocat in Paris und in einem Alter von 22 Jahren Generalprocurator des Parlaments. Als solcher bewirkte er viele Verbesserungen der Gesetze und Rechtspflege und nahm sich besonders der Verwaltung der Hospitäler an. Vorzüglich wohlthätig zeigte er sich bei einer Hungcrsnoth im Winker 1709 , wo er alle ihm zu Gebote stehende Mittel anwandte, um das Elend zu mildern. Als standhafter Vcrtheidiger der Rechte des Volks und der gallicanischen Kirche verwarf er die Beschlüsse Ludwig's XI V. und des Kanzlers Voisin zu Gunsten der päpstlichen Bulle läuij-Lnitus. Während der Regentschaft des Herzogs von Orleans wurde er 1717 Kanzler, fiel aber, weil er sich Law's (s. d.) unheilbringendem Finanzsysteme widersetztc, im folgenden Jahre in Ungnade und zog sich auf sein Landgut zu Frcsncs zurück. Als indeß schon nach zwei Jahren Law das Misvergnügcn ganz Frankreichs erregt hatte, wurde D., der die Liebe des Volks besaß, um das allgemeine Murren zu stillen, in seine vorige Würde wieder eingesetzt. Doch er war nicht mehr der Vorige; er gab seine Einwilligung zu unhalt- baren und verderblichen Planen und sogar dazu, daß das Parlament, als es diese Plane verwarf, nach Pontoise verwiesen wurde. Dessenungeachtet wurde er, weil er sich dem Car- Dahl Dahlmann ll dinalDubais widcrsctzt hatte, 1722 zum zweitcnMal verwiese». Zwar erhielt er l 727 vom Cardinal Flcury die Erlaubnis, zurückzukchrcn; doch in sein Amt als Kanzler ward er erst 1737 wieder eingesetzt. Im I. 1750 legte er die Kanzlcrstellc nieder und starb am 9. Fcbr. 1751. Seine Schriften (13 Bde., Par. 1759 — 89, -1.; neueste Ausg., 13Bde., Par. 1818), meist,,juridischen Inhalts, sind einfach und prunklos geschrieben und tragen den Stempel der Überzeugung. Dahl (Joh. Christian), Landschaftsmaler, geb. am 24. Febr. 1788 zu Bergen in Norwegen, sollte anfangs Theologie studircn, entschloß sich aber, da es ihm sowol an Neigung als an den Mitteln fehlte, Maler zu werden. Doch der Unterricht, den er zu diesem Behuf in seiner Vaterstadt bei einem Maler genoß, war so mangelhaft, daß er nur wenig lernte. Nachdem er sich seit 1809 nach eigener Lust und Laune mit Portraitiren und Land- schaftsmalerci beschäftigt hatte, kam er 1811 in die Kunstakademie zu Kopenhagen, wo er nun seine Anlage für die heroische Landschaftsmalcrci durch die Darstellung vorweg. Natnr- scencn und durch eigene Compositionen zu technischer Fertigkeit ausbildete. Mehre Bilder bei den Ausstellungen in Kopenhagen 1814 und 1815 fanden Beifall. Im I. >818 ginger nach Dresden, wo er gleich durch sein erstes großes Bild, eine vorweg. Fclsenlandschaft mit einem Wasserfalle, das er > 819 ausstcllte, die Aufmerksamkeit der Kenner erregte. Im folgenden Jahre wurde er in Dresden Mitglied der Akademie, und nachdem er hierauf ein Jahr in Neapel, meist im Gefolge des jetzigen Königs von Dänemark, Christian >'!!>., und in Rom, wo ihm Thorwaldsen, Brönsted und der prcuß. Gcncralconsul Bartholdy mehre Arbeiten auftrugen, zugebracht hatte, 1821 als Profess or an der Ak ademie angcstcllt. Nächst kleinern Ausflügen besuchte er auch dreimal,-18W,18 mst> l^4l, sein Vaterland. Seine Bilder haben meist nicht blos das Verdienst der Wahrheit nach der Natur, sondern auch das der dichterischen Veredelung des individuellen Charakters der Gegenden, die ihm den Stoff zu seinen Compositionen darboten. Nicht minder glücklich hat D. seine Künstlcrkraft in Erfindungen geübt. Unter seinen größer» Gemälden erwähnen wir Neapels Küste unweit Castellamare, eine große Wintcrlandschaft auf Seeland zwischen Prcstöe und Wordinborg in der Abendbeleuchtung und eine Küstcnansicht unweit Bergen. In neuerer Zeit erwarb er sich noch ein besonderes nicht geringes Verdienst durch die Herausgabe der „Denkmale einer sehr ausgebildeten Holzbaukunst aus den frühesten Jahrhunderten in den innern Landschaften Korwegens^sHeft I — 3, Dresd. 1837 , Fol.), enthaltend die Abbildungen der Kirche» zu Vorgund, UMrs nndHiddc zdal, deren eine vom Könige von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., erkauft und in Schlesien Dr Benutzung für eine arme Kirchcngemeindc wieder aufgestellt wurde. Dahlstren (Karl Joh.), schweb. Dichter, geb. in Ostgothland am M Juni 1791, erhielt seine Bildung in Upsala. Er studirte Theologie und wurde l 824 bei der Kirche Hedwig Eleonore zu Stockholm und 1829 bei der dortigen Eroßkirche als Comminister eingestellt. Als erwählter Deputirtcr wohnte er den Reichstagen von 1829, 1834 und 1840 bei, wo er fortwährend zur Opposition gehörte, obschon er sich auf dem letzten Reichstage in den wichtigsten Fragen der gemäßigten Partei mehr näherte. Als Schriftsteller trat er zuerst in Atterbom's „Lostiok killender" für 1813 auf; seitdem hat er fast jährlich das Publicum, welches sich ihm immer mehr zuwandte, mit Gedichten bald in dieser, bald in jener Form beschenkt. Schon im Jahre 1818 erhielt er von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften und der schönen Literatur zu Gothenburg einen Preis, und später crtheilte ihm die schweb. Akademie den Lundblad'schen Preis. Das Gelungenste aus seinen Schriften enthalten die beiden Sammlungen „vnAÜomskrifter" (2 Bde., Stockh. 1829) und „Samlacke skrikter" (Bd. I, Stockh. 1834). Daneben hat er fast jährlich unter verschiedenen Namen Musenalmanache herausgegeben, die auch Novellen und komische Erzählungen enthalten. Als Dichter bewegt sich D. immer mit außerordentlicher Leichtigkeit; doch übereilt er sich auch nicht selten bei der großen Hast, welche die cigenthümliche Natur seines Talents auszu- machen scheint. Seine stärkste Seite ist die Darstellung idyllisch - burlesker Scenen in der Manier Bellman's, in welcher Gattung er einige Gedichte hervorgebracht hat, die den best«« seines in Schweden so beliebten Vorbildes gleichgestellt werden. Dahlmann (Friedr. Christoph), ordentlicher Professor der Geschichte und Staats- 12 Dahomeh Wissenschaften an der Universität zu Bonn, geb. in einer aus Schweden stammenden Familie zu Wismar am 17. Mai >787, widmete sich, bei seinen Studien zu Kopenhagen und Halle, anfangs vorzüglich den Alterthumswisscnschaften, wie er sich denn auch zuerst zu Kopenhagen durch eine Schrift „krimarcli» et successus veteris comoeUiso ^tlieniensiiiin" habilitirte, und seine ersten Vorlesungen lateinisch über den Aristophanes hielt. Als er aber 181.7 als außerordentlicher Professor der Geschichte nach Kiel berufen, 1815 Secrctair der fortwährenden Deputation der schleswig - holsteinschen Prälaten und Ritterschaft ward, sah er sich bald in einen Verfassungsstreit zwischen den Resten der alten Stände und der Negierung verflochten, dessen Durchführung in politischen Streitschriften, wobei er immer auf den Boden der Geschichte und des concrcten Rechts fußte, ihn zum gründlichen Studium des positiven Staatsrechts veranlaßte. Überdies hatte sich überhaupt seine Aufmerksamkeit von den Alten mehr auf das Mittelalter gelenkt, und mit welcher Gründlichkeit er es studirte, bewiesen sein „Vita Lnsgarü", in den „kiloiiuments 6erm. bistorica", seine „Forschungen auf dem Gebiete der deutschen Geschichte" (2 Bde-, Altona 1822—23), seine Herausgabe der „Chronik von Dithmarsen" (2 Bde., Kiel 1827) und Anderes. Im 1.1829 nahm er, ohnedies verstimmt, daß die dän. Negierung seine Theilnahme an der Opposition der Ritterschaft durch Nichtverleihung einer ordentlichen Professur strafte, den Ruf als Professor der Staatswissenschaften in Güttingen an. Hier pflegte er, zunächst in Vorlesungen, die Staatswissenschaften in allen ihren Theilen, ohne jedoch der Geschichte untreu zu werden, der er vielmehr noch 1830 durch seine meisterhafte „Quellenkunde der deutschen Geschichte" (Gott. 1830) einen wesentlichen Dienst erwies. Hier wirkte er mit Kraft und Eifer im öffentlichen Leben, als die Stürme des I. 1831 für ihn die rechte Bahn boten, der in der Weise des echten Conscrvativen zugleich die Freiheit und die Ordnung, einen Vorschritt in wahrer Weisheit und eine Entwickelung auf geschichtlicher Basis wollte. Er wirkte wesentlich für das Zustandekommen des Grundgesetzes von >833 und ebenso gegen reactionaire und revolutionaire Bestrebungen. Hohe Achtung seiner Mitbürger und großes Zutrauen der da- maligen Regierung belohnten ihn und machten ihn zu einer sehr wichtigen und einflußreichen Person des damaligen göttinger Universitäts- und hannoverschen Staatslebens. Seine praktischen Bestrebungen rechtfertigte er auch theoretisch durch den ersten Band seiner „Politik auf den Grund und das Maß der gegebenen Zustande zurückgcsührt" (Bd. I, Gott. 1835), worin er ebenso scharf gegen die Theorien der Volkssouverainetät, wie für eine edle, würdige Freiheit stritt. Die Ereignisse des I. 1837 konnten bei D.'s Charakter und Ante- ccdcnzcn keine andere Folge haben, als daß er gegen Zumuthungen, denen er nur mit Verleugnung seiner Grundsätze nachgeben konnte, protestirte. Die Folge war das Exil, welches die muthigen und, überzcugungstreuen göttinger Sieben traf. D. ward gastlich in Leipzig ausgenommen, wendete sich aber später nach Jena, wo er in seiner Geschichte Dänemarks" (2 Bde., Hamb. 1840—41) ein historisches Meisterwerk ausarbeitete. In der hannöv. Sache ließ er ein Schriftchcn „Zur Verständigung" (Bas. 1838) erscheinen; auch gab er die von einem Ungenannten (Stüve) verfaßte „Vertheidigung des Staatsgrundgesctzcs für das Königreich Hannover" (Jena 1840) heraus. Endlich im I. 1842 gab ihn der König vor, Preußen, durch die Berufung nach Bonn, der akademischen Wirksamkeit zurück. Dahömeh, ein mächtiges, jetzt von denAschanti (s. d.) abhängiges Königreich an der Küste von Guinea, war früher den Europäern nur durch den Sklavenhandel bekannt. Genauere Nachrichten darüber verdanken wir erst Leod in seiner „Vo^sge to ^kricu" (Lond. 1820), Clapperton in dem „äournal ns areconck expsckition iiito tbe interior «s ^sricrc" (Lond. 1830) und Hutton in seiner „Reise nach D.". Das Land ist außerordentlich fruchtbar ; Zuckerrohr, tropische Früchte und alle Gewächse gedeihen hier auf das Üppigste. Viele Bäume sind so groß, daß man aus ihnen Canots verfertigt, in welchen 70—100 Personen Platz haben. Eine ganz eigcnthümliche Frucht ist die Oerssiw »x^gl^ois, die wie eine reife Kaffeebohne aussieht. Sie scheint anfänglich keine besondere Süßigkeit zu haben, läßt aber auf der Zunge so viel von diesem Eindrücke zurück, daß ein Glas Essig darauf wie süßer Wein und die sauerste Citrone wie eine reife Orange schmecken. Die Negierung ist völlig despotisch. Der König hat 3—4000 Weiber, die zum Theil bewaffnet und eingeübt sind und seine Leibwache bilden. Auf den Gräbern der Ahnen des Königs wird jährlich eine Menge Dairi Daktylologie 13 Menschen, meist Gefangene, geopfert, wie dies im ganzen Aschantireichc Gebrauch ist, und man achtet es für eine Ehre, wenn der König selbst bei solchen Gelegenheiten den Scharf, richter abgibt. So wurden bei einem Königsfcstc im J. >836 5—660 Unterthancn zur Feier des Tages geschlachtet, einige enthauptet, andere, die man von einer hohen Mauer her- abstürzte, unten auf Bayonnetten aufgefangcn. Die Dahomicr kennen keine Buchstaben- schrift, und ihre Sprache hat nicht so viel Nasen - und Kehltöne wie die der weiter westwärts wohnenden Nationen. Dairi oder Daira heißt der geistliche Herrscher in Japan (s. d.). Daktylioglyphik oder Daktyliographik, s. Steinschneidekunst. Daktyliothek nennt man eine Sammlung von geschnittenen Steinen, wie Cameen, Gemmen und Ningstcinen. Als früheste Sammlungen dieser Art darf man die Tempel- schätze ansehen, aus Weihgeschenken gesammelt, unter denen, wie Urkunden darthun, auch Ringe vorkamen. Als in Alexanders Zeitalter die Kunst, Edelsteine zu bearbeiten, große Vollkommenheit erreicht hatte, mag die Liebe, sie zu sammeln, sich entschiedener entwickelt haben. Einer Daktyliothek des Mithridatcs wird ausdrücklich gedacht, und vorzugsweise war es dieser Schmuck, der die Raubsucht der Römer reizte. Pompejus, von seinen Schmeichlern der Große genannt, brachte des Mithridatcs Sammlung nach Rom, stellte sie im Capitol auf und weihte sie dem Jupiter; eine ungleich größere veranstalteten Cäsar als Diktator im Tempel der Venus Genitrix und unter August M. Marcellus im Tempel des palati- nischen Apollon. Als im verfallenden röm. Reiche neben vielen andern Zweigen der Sculptur auch die Glyptik außer Übung kam, rettete fromme Prunksucht bedeutende Werke dieser Art, um damit Kleinodienkästen, Heiligenschreine und KirckskWssaffe zu schmücken. Petrarca's Begeisterung ssir Überreste alter Kunst machte zuerst in Italien auch auf jene als selbständig werthvolle Kunstproducte des Alterthums aufmerksam. Die Mediceer, namentlich Lo- renzo de' Medici, waren es unstreitig, die die erste Daktyliothek im neuen Europa sammelten. Seitdem gehörten aber geschnittene Steine zu dem Schmucke jeder bedeutenden Antikensammlung, und Florenz, Rom, Neapel, Mailand, Mantua, Pesth und das Schloß Ambras hatten werthvollc Schätze dieser Art aufzuweisen, die indeß zum Theil wieder zerstreut worden sind. Gegenwärtig sind die wichtigsten öffentlichen Sammlungen geschnittener Steine die zu Wien, die reichste an sehr großen Cameen von unschätzbarem Werthe, die zu Paris, zu Petersburg, im Haag, in Florenz und Neapel, letztere insbesondere bereichert durch das ehemals Borgia'sch? CLbMt. Unter den Sammlungen gcringern Umfangs, wohin auch die kasfeler und die gothaische gehören, verdient kM Museum in Berlin besondere Erwähnung wegen der mit demselben vereinigten Stosch'schen Sammlung. Der umfassendste Katalog gescheut- tener Steine ist der von Raspe, über eine vomPastenhändlerTassie (nichtPassie) verkauften Sammlung (2 Bde., Lond. 1701, 4). In Kupferstich wurden abgebildet die florcntiner Sammlung von Gori in dem „Nuseum llnrentinum", sowie von Wicar und Mongez; die früher» pariser von Mariette, die des Herzogs von Orleans von Leblond und Lachaux und die wiener von Eckhel in Abbildungen herausgegeben. Nächstdem sind noch zu erwähnen die Abbildungen der Sammlungen von Odescalchi, Gravelle, Stosch, Bossi und dem Herzoge von Marlborough. Bellori stellte im Kupferstich Bildnisse von Philosophen und andern Gelehrten, Chifflet Abraxassteine, Eori Steine mit Sternen, Ficoroni Steine mit Inschriften, Stosch Steine mit dem Namen der Künstler zusammen. Wie schön aber auch mehre dieser Abbildungen sind, so gebührt doch den Abdrücken oder Pasten (s. d.) der Vorzug, die das wichtigste Hülfsmittel für das Studium dieses Zweigs der Antike abgeben. Unter den Sammlungen solcher Abdrücke, die man ebenfalls Daktyliotheken nennt, ist die von Lippe r t (s. d.) die berühmteste. Daktylolögie vderDaktylonomie ist die Kunst, an den Fingern zu rechnen, of- fenbar die älteste Art des Rechnens, deren man sich nicht nur beim Erlernen sondern auch im gewöhnlichen Leben bediente. Man gebrauchte hierzu die Finger an beiden Händen, um durch Bildung verschiedener Figuren Zahlen auszudrücken und zwar auf diese Weise, daß die linke Hand die Zahl von I — 100, die rechte dagegen die Hunderte u. s. w. articulirte. Durch diese künstliche Fingerrechnung ward das dekadische Rechensystem zuerst begründet. Wollten die Alten aber genauer rechnen, so wendeten sie die Rechentafel mit den Rechen» Daktylus Dalberg (Geschlecht) steinen an. Im weitern Sinne versteht man unter Daktylologic die Fingersprache ober die Kunst, durch die Finger seine Gedanken auszudrückcn, und in diesem Sinne ist sie verwandt mit der Chirologic, einer Kunst, welche die Alten in der Gesellschaft und auf der Bühne fleißig übten. Vgl. Böttiger, „Über die Rechentafeln der Alten" in den „Kleinen Schriften" (Bd. 3) und in der „Sabina" (Bd. l). Daktylus, eigentlich der Fingcrschlag, ist ein aus einer langen und zwei kurzen Silben zusammengesetzter Versfuß (—^^), der im Allgemeinen Ruhe und Würde zum Grundcharakter hat. Die Verbindung desselben zur rhythmischen Reihe bildet die daktylische Versart. Als die bekannteste gehört hierher der Hexameter (s. d.), der schon von den ältesten Griechen und Römern, namentlich für das Epos oder die Erzählung, häufig angewendet und deshalb am frühesten ausgebildct wurde, und nächst diesem der Pentameter (s. d.). Außerdem finden wir besonders in der lyrischen Poesie Beimischungen daktylischer Rhythmen, wie in der Sapphischcn, Alkäischen und Alsklepiadeischen Strophe. (S. Adonisch und Alkman.) Die neuern Dichter, wie Klopstock und Voß, haben mit Zuziehung des daktylischen Verses ganz neue Versacten gebildet. Den vielfachen Gebrauch aber und das Wesen der daktylischen Rhythmen in den dramatischen Werken der Griechen und Römer sowie der neuern Zeit zu bestimmen, ist eine specielle Aufgabe der Metrik. Dalagoa (die Bai von), eine der geräumigem und wichtiger» Baien an der Ostküste Afrikas unter dem 26° 4^ südl. B. und 50° 35^ östl. L., wird vom Indischen Occan gebildet und trennt das Küstenland der Kaffem von dem von Sofala oder dessen südlichen Theile Jnhambane. In dieselbe münden mehre Flüsse, z. B. der Espiritu-santo, der Lorenzo u. s. w., und vor ihr liegen einige kleine Inseln,^. B. die Insel Santa-Maria und die Elefanteninsel. Dalai-Lama oder Talai-Laina^ s. Lama. Dalarnc, s. Dalekarlien. Dalayrac (Nikolas), franz. Componist, gcb. zu Muret in Languedoc am 13. Apr. 1753, aus einer adeligen Familie, nahm 1774 in Paris bei der Garde Dienste, wurde aber hier sehr bald durch die Opern, die er besuchte, der Musik und dramatischen Kunst zugeführt. Er studirte hierauf die Composition unter Langte und machte sich zuerst 1778 durch die Musik zu dem von einer Freimaurerloge dem berühmten Franklin gegebenen Feste bekannt. Den Hoffnungen, die er durch solche erregt, entsprach besonders seine Oper „kdix>8e totale" (1782). Seitdem lieferte er mehr als 50 Opern für das lIieLtr« Realem,, unter denen nicht allein in Frankreich sondern auch auf deutschen Bühnen „Riimerose", „Lro»»»", „Res cleux petits Luvo^srcls", „Csmille", „Aluiz^a ü venölre" und „Ranul 806 als bad. Staatsminister zu Manheim starb, und Joh. Friedr. Hugo, Freiherr v ou D., Domcapitular zu Trier, Worms und Speier, gest. 1813, welche beide Freunde und Beschützerder Wissenschaften und Künstewaren. Letzterer zeichnete sich noch insbesondere als Componist und Schriftsteller über Musik sowie als Alterthumsforscher aus und an Er- stern sind Schiller's „Briefe an den Freiherrn F. von D." (Karlsr. 1819) gerichtet. Dalberg (Karl Thcod. Ant. Maria, Neichsfreiherr von), Kämmerer von Worms, letzter Kurfürst zu Mainz und Erzkanzler, später Fürst Primas des Rheinbunds und Groß- hcrzog von Frankfurt, endlich Erzbischof zu Negensburg und Bischof zu Worms und Konstanz, geb. am 8. Fcbr. 1711 zu H e riM eim, war der Sobn FrcMVHMr. Von D.'s, kurfürstlich mainstschen GehekmrkW^ SNtthalters von Worms und Burggrafen zu Fricdbcrg. D. erhielt im väterlichen Hause eine treffliche Erziehung, ging schon im 15. Jahre auf die Universität zu ELllingen, von da nach Heidelberg, wo er 1761 als Doctor der Rechte pro- movirte, und unternahm hierauf zu seiner weitern Ausbildung mehre Reisen. Nach seiner Rückkehr widmete er sich dem geistlichen Stande und studirte hierauf Theologie und besonders das kanonische Recht in Worms, Manheim und Mainz. Bald ward er Capitularherr bei dem Erzstifte Mainz und Domherr in den Hochstiften Würzburg und Worms. Im I. 1772 ernannte ihn der Kurfürst zum Wirklichen Geh. Rath und Statthalter zu Erfurt. Während seines vicljährigen Aufenthalts daselbst zeigte er, bei musterhaftem Fleißc und strenger OrdnunasliellL-i u seinem Berufe, so Helle Ansichten, so strenge Handhabung des Rechts und so liberale und menschenfreundliche Negierungsmaximen, daß der kleine Staat unter seiner segensreichen Thätigkeit sichtbar aufblühtc üstd den Beweis gab für D.'s Tüchtigkeit zur Leitung wichtiger Angelegenheiten. Dabei war D. unermüdet im Wohlthun und ein eifriger Beförderer der Wissenschaften, Künste und Gewerbe. Er trat mit Gelehr- tcn und ausgezeichneten Schriftstellern in Umgang, zog Künstler und Handwerker in seine Nähe, unterstützte aufstrebende Talente und hielt zu dem Ende in seinem cigcpcn Hause Versammlungen, an denen jeder Gebildete Theil nehmen konnte. Die Akademie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt, deren Präsident er wurde, erhielt durch ihn neues Leben und eine zeitgemäßere Umgestaltung, zugleich erwies er sich selbst durch Mittheilung seiner gelehrten Forschungen und interessanten Vorträge als eins der thätigsten Mitglieder. Durch diese ehrenvolle Wirksamkeit zog D. die Aufmerksamkeit Kaiser Joseph's und Friedrich des Großen auf sich, und ihrem Wohlwollen und ihrer Verwendung verdankte er es vorzüglich, daß er 1787 zum Coadjrttor des Erzstifts und Kurfürstenthums Mainz erwählt wurde. Bald darauf ward er auch Coadjutor im Hochstifte Worms, 1788 Coadjrttor von Konstanz und Erzbischof von Tarsus. JmJ. 1800 gelangte er zur Negierung des Hochstifts Konstanz und nach dem Tode Friedrich Karl's am 25. Juli 1802 wurde er Kurfürst zu Mainz und Erzkanzler des Deutschen Reichs. Da in Folge des luneviller Friedens die Besitzungen des Kurfürstenthums jenseit des Rhein an Frankreich abgetreten worden waren und bei der neuen politischen Gestaltung Deutschlands im J. 1803 die diesseitigen sacularisirt wurden, so behielt D. die Würde als Reichserzkanzler und ward für Konstanz, Main; und Worms, die an Frankreich abgetreten werden mußten, mit Negensburg, Aschaffenburg und Wetzlar entschädigt. Um mit Papst Pius VII. über die Angelegenheiten der deutsch-katholischen 16 Dalberg (Emmerich Jos., Herzog von) .Kirche zu verhandeln und dabei zugleich von Napoleon in Betreff mchrer streitiger Punkte billige Bedingungen für Deutschland zu erhalten, ging er 1894 nach Paris, wo er mitvielcr Zuvorkommenheit behandelt und unter Anderm auch an Klopstock's Stelle zum correspon- dircnden Mitgliede der Akademie ernannt wurde. Diese Ncise und die Ernennung des Kardinals Fesch zu seinem Nachfolger, sowie die allgemein verbreitete Meinung, er habe an der Stiftung des Rheinbunds vorzüglich Antheil gehabt, brachten ihn um diese Zeit in den Verdacht undeutscher Gesinnung. Mit Errichtung des Rheinbunds erlosch die Rcichserzkanzler- wür§e, und D. erhielt, unter Beibehaltung des ErzbisthumS Negensburg, den Rang und Titel als souverainer Fürst Primas des Rheinbunds mit dem Vorsitze in der Bundesversammlung. Zugleich wurden seinen bisherigen Besitzungen noch die Reichsstadt Frank- surt am Main, das Gebiet der Fürsten und Grafen von Löwenstein-Werthheim und die Grafschaft Rheineck einverleibt. Für das Fürstenthum Regensburg, das er 1819 an Baiern abtrat, erhielt er einen beträchtlichen Theil der Fürstenthümer Fulda und Hanau, auch ward er in Folge dessen von Napoleon zum Großherzog von Frankfurt ernannt, doch mußte er Napoleon's Stiefsohn, den Prinzen Eugen, statt des Cardinals Fesch zu seinem Regierungs- nachfolgcr annehmcn. Im I. >813 sah er sich genöthigt, auf alle diese Besitzungen als Lam desherr zu verzichten und zog sich in den Stand des Privatmanns zurück, indem er nur seine geistlichen Gerechtsame als Erzbischof von Negensburg, wo er von nun an wohnte, sich vor- bchielt. Dort starb er auch am I9. Febr. 1817. Sein Neffe, der Herzog von Dalberg, ließ ihm 1824 im Dom zu Negensburg, wo er beerdigt liegt, ein Denkmal aus carrarischem Marmor setzen. D. war als Gelehrter, als Regent und als Mensch gleich achtungswerth. In allen Besitzungen und Orten, die je unter ihm als Fürsten standen, ließ er Spuren seiner fürsorglichen Thätigkeit zurück, besonders unterstützte er allenthalben dre Armen, verbesserte die Armenanstalten und begründete und erweiterte die Schul- und Lehranstalten; die wissenschaftliche Thätigkeit der Geistlichen ermunterte er durch Aussetzung von Preisen für die besten Arbeiten, die in ihr Fach einschlugen. Noch als Privatmann zu Negensburg, wo ihm selbst oft beinahe Mangel drohte, war er gegen Arme und Hülfsbedürftige wohlthätig. Frankfurt verdankt ihm die schönen Anlagen um die Stadt und auch Aschaffenburg und Wetzlar besitzen in dieser Hinsicht bleibende Erinnerungen an ihn. Dem Hochstifte Konstanz nützte er durch einen Schuldentilgungsplan, durch Unterstützung der milden Stiftungen sowie durch Anordnung zu bessern: Feld- und Weinbau. Selbst das Personal deS ehemaligen RcichskammergerichtS ließ er seiner Fürsorge empfohlen sein. Als Erzbischof verrichtete er an Festtagen den Gottesdienst in der Hauptkirche zu Regensburg, seines hohen Alters ungeachtet, persönlich, sowie er jedes andere Geschäft seines Amts mit strenger Gewissenhaftigkeit versah und seinen Untergebenen stets als Muster der Frömmigkeit und Sittenreinheit vorleuchtete, ohne deshalb hart oder unduldsam zu sein. Als Gelehrter und Schriftsteller gehörte er unter die ausgezeichnetsten Männer seiner Zeit. Ohne einer bestimmten Partei zu huldigen, nahm er an allen Bestrebungen in der gelehrten Welt Antheil. Sein Umgang mit Herder, Goethe, Wieland, Schiller u. A. befruchtete seinen Geist immer mit neuen Ideen und Ansichten. Seine Schriften betreffen meist Gegenstände der angewandten Moral und Ästhetik und empfehlen sich durch Gründlichkeit der Forschung und durch eine gewinnende Beredtsamkeit. Wir nennen darunter die „Betrachtung über das Universum" (Franks. 1777; Aust , 1819); die „Grundsätze der Ästhetik" (Franks. 1791); „Von dem Bewußtsein, als allgemeinem Grunde der Weltweisheit" (Erf. 1793); „Von dem Einstusse der Wissen- schäften und Künste in Beziehung auf öffentliche Ruhe" (Erf. 1793) und „Perikles, über den Einfluß der schönen Künste aufdas öffentliche Glück" (Erf. 1896). Mehre seiner Schrift tcn sind in franz. Sprache abgefaßt. Auch der „Deutsche Merkur", das „Deutsche Museum", „Die Horen" enthalten manchen schätzbaren Aufsatz von ihm. Obgleich er als ein kräftiger Denker sich gern mit theoretischen Untersuchungen beschäftigte, so zogihn doch dar Praktische, unmittelbar ins Leben Eingreifende noch mehr an; daher waren seine Lieblingswissenschaft ten, außer der Kunstphilosophie, die Mathematik, Physik, Chemie, Botanik, Mineralogie und technologische Landwirthschaft. Vgl. Krämer, „Karl Theod. von D." (Lpz. 1821 ). Dalberg (Emmerich Jos., Herzog von), Pair von Frankreich, Neffe des ehemaligen Fürsten PrimaS und Sohn Wolfgang Heribert's, Freiherrn von D., gcb. am 39. Mai 1773 Dalekarlien Dalin 17 zu Mainz, begann zein öffentliches Leben unter seines Oheims Augen zu Erfurt, trat dann in bad. Staatsdienste und ging als bad. Gesandter nach Paris, wo er mit Talleyrand näher bekannt wurde und sich später mit Pelina, Marquise de Brignoles aus Genua, Ehrendame der Kaiserin, vermählte. Während des Feldzugs von l 8VS übernahm er die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten in Baden, unter Beibehaltung seines gesandtschaftlichen Postens in Paris. Nach dem Frieden verließ er die bad. Dienste, ging nach Paris und vertauschte wegen seiner Stammgüter, die auf dem linken Rheinufer, mithin in dem damaligen Frankreich lagen, das deutsche Slaatsbürgerrecht mit dem stanz, und wurde von Napoleon 1810 zum Herzog und Staatsrath erhoben. Nach Napolcon's Vermählung mit der Erzherzogin Marie Luise, bei welcher Gelegenheit D. die vorläufigen Unterhandlungen mit dem 'Fürsten Schwarzenberg eröffnet haben soll, erhielt er eine Dotation von 4 Mill. Francs auf das Fürstenthum Baireuth, worüber Frankreich nach den Bedingungen des wiener Friedens zu verfügen hatte, eine Summe, die ihm der König von Baiern beinahe ganz auszahlte. Als Talbeyrand in Ungnade fiel, zog sich D. mit seinem Gönner zurück und trat in die Reihen der Misvergnügten. Nachdem dieser aber im April 1814 an die Spitze der provisorischen Regierung getreten, ernannte er D. zu einem der fünf Regierungsglieder, welche die Restauration des Hauses Bourbon beförderten. Als bevollmächtigter Minister Frankreichs wohnte D. dem wiener Congrcffe bei und Unterzeichnete 1815 auch die Achtserklärung gegen seinen ehemaligen Wohlthäter; dagegen setzte Napoleon nach seiner Rückkehr ihn unter die zwölf Verbannten, deren Güter eingezogen wurden. Nach der zweiten Wiederherstellung der Bourbons erhielt D. das Verlorene zurück, wurde Staatsminister und Pair und erhielt den Gesandtschaftsposten am tu riner Hofe. - Svätee U'bkk W ist Lärl^ und die letzten Jahre seinesLeben? auf seinem Schlöffe Hernsheim, wohin ihn seine Liebe für Deutschland, dem Muttcrboden seiner berühmten Familie, zurückgeführt hatte. Er starb hier am 27. Apr. 1833. Dalekarlien oder Dalarne, d. i. Thailand, hieß nach der stühern, noch jetzt im Munde des Volks gewöhnlichen Eintheilung das rauhe, aber auch an herrlichen Landschaften reiche Gebirgsland Schwedens an den beiden Dalelfen und dem Siljansce, welches jetzt Falun-Län bildet, das auf530 lUM. gegen 150000E. zählt. Die Dalekarlier, ein äußerst biederes und freiheitliebcndes Volk, haben in Sprache, Sitten und Gewohnheiten etwas Eigenthümliches und genießen mancher Vorrechte. An ihrer Tapferkeit brachen sich mehrmals die gegen Schwedens Freiheit und Unabhängigkeit gerichteten Angriffe, so namentlich MS EHEnm l4--vou Dänemark den schweb. Thron bestiegen hatte. (S. Gustav I. von Schweden.) Da der ärmliche Bodden seine Bewohner nur spärlich nährt, so wandern die Dalekarlier häufig nach fruchtbarer» Gegenden Schwedens aus. , - ^ Dülelf, der Hauptfluß Dalekarliens in Schweden, entsteht aus dem Osterdalelf und dem Westerdalclf. Letzterer bildet sich aus der Vereinigung der Flüsse Löra und Fulu, von denen jener an der norweg. Grenze, dieser in den Fuluseen seinen Ursprung hat. Der Oster- dalelf kommt aus der Alpe Salfjallet ebenfalls an der norweg. Grenze, sowie aus dem See Gröfvelsjö; er bildet dann den reizenden, fünf Meilen langen und drei Meilen breiten Sil- .jansce bei Mora, verläßt jedoch denselben wieder bei Leksand und vereinigt sich bei Djursas mit dem breiten und reißenden Westerdalclf. Der Dalelf durchfließt stdann das südwestliche Dalekarlien, bildet mehre Wasserfälle, weshalb er für die Schiffahrt sich nicht eignet, und fällt unterhalb Geste bei Elfkarleby, nachdem er noch einen großartigen Wasserfall gebildet, in den Bottnischen Meerbusen des Baltischen Meers. Dalemiuzien war ein ansehnlicher, von Sorben bewohnter Landstrich, der zwischen Elbe und Mulde eingefchlossen sich ungefähr von Meißen bis in die Gegend von Dahlen erstreckte und nur bei Meißen über die Elbe reichte. Der Name rührt nach Dietmar von den Deutschen her und ist ohne Zweifel eine Korruption von Dalmatien; die Slawen selbst nannten den Gau Glomaci (erhalten im Namen der Stadt Lommatzsch). Jm J. 92 7 wurde D. von König Heinrich I. nach Eroberung der Feste Gana oder Gruna unterjocht. Dalin (Olof von), der Vater der neuern schweb. Literatur, geb. 1708 auf der Pfarrei Winberga in Halland, widmete sich anfangs dem Studium der Medicin, das er nachher mit dem der Rechte vertauschte. Im I. >731 trat er beim Reichsarchiv und dem Kanzlei- Conv.-Lex. Neunte Äufl. IV 2 18 Dalmatica Dalmatien collegium ein. Nachdem er 1743 Mitglied der Akademie der Wissenschaften geworden, wurde er >747 königlicher Bibliothekar und 1740 Erzieher des Kronprinzen, l75I in den Adelstand erhoben, 1755 Reichshistoriograph, 1750 Kanzlcirath und starb >763 als Hofkanzler. Seinen Ruf begründete er 1733 durch die Zeitschrift „Der schwedische Argus", im Geiste des Addison'schen „8,>edator", deren schnelles Aufhörcn damals fast wie ein Reichsunglück betrachtet wurde. Mehren Satiren, Fabeln, Epigrammen, Liedern, Tragödien und einer Komödie, die er demnächst herausgab, folgte 1742 das epische Gedicht „Die schwedische Freiheit", das ungemeines Aufsehen erregte, und in welchem er allerdings in s Sprache und Versbau eine bis dahin nicht gcahnete Gewandtheit zeigte. Nach seiner Anstellung bei Hofe vergeudete er sein Talent mit werthlosen Gelegenheitsgedichten. Seine kleinern Schriften erschienen unter dem Titel „Vittorkets ardeten" (0 Bde., Stockh. 1761 — 67) und besser redigirt, unter dem Titel „koetisüa srlmten" (Stockh. 1782). Auch erwarb er sich einen großen Namen als Geschichtschreiber durch seine ,,8ve» rikeo bistorm" (4 Bde., Stockh. 1747—62; deutsch, Wism. 1756—63, 4.), die weniger wegen tiefer Forschung und eines gründlichen Quellenstudiums als wegen der gefälligen Darstellung und edlen Sprache mit Beifall ausgenommen wurde. Als Dichter ist D. jetzt völlig veraltet, als Geschichtschreiber aber noch immer geschätzt. Mehr als Prosaiker denn als Dichter hat er auf die Entwickelung der Sprache gewirkt. Dalmatica hieß das röm., ursprünglich in Dalmatien gewöhnliche, lange, weiße Oberkleid mit weiten Ärmeln, das bei feierlichen Gelegenheiten getragen wurde. Im 2. und 3. Jahrh. war es noch wenig gebräuchlich, denn die Kaiser Commodus und Heliogabal werden noch getadelt, daß sie es öffentlich trugen. Seit Papst Sylvester 1. wurde die Dal- matica Amtstracht der Diakonen der röm. Kirche und über der Alba und Stola getragen. Sie reicht bis ans Knie und ist jetzt an den Seiten getrennt, während sie früher ganz ge- » schlossen war. Auch der deutsche Kaiser trug bei seiner Krönung eine Dalmatica, die nebst andern Kleinodien in Nürnberg aufbewahrt wurde. Dalmatien, das Königreich, ein Küstenstrich am Adriatischen Meere mit den anliegenden Inseln, die südlichste, an das osmanischc Gebiet reichende Provinz der östr. Monarchie, nördlich vom karlstädter Kreise der illyrischen Provinz Triest und westlich von Kroatien und Bosnien begrenzt. Die Küste durchschneiden viele, vortreffliche Landungsplätze bildende Buchten; hinter diesen steigen Zweige der Dinarischen und Julischen Alpen, wie das hohe furchtbar gestaltete Vellebit-Gebirge empor, von welchem herab die Küstenflüssc Kerka, Cettina und Narenta dem Meere Zustrom«,. Die höchsten Spitzen desselben sind der Monte-santo und Plechewizz», d«ide über 5666 F. hoch. Die Landseen, mit Äusnahme jenes von Wrana, sind periodisch, d. h. sie vertrocknen im Sommer und füllen sich erst im Spätherbst mit Wasser. Ein großer Theil des ganzen Flächenraums besteht aus Moor und Sumpf. Dessenungeachtet ist D. ein wasserarmes Land, in welchem zur Sommerzeit oft großer Wassermangel eintritt. Zwar mögm ohne Zweifel die dalmatischen Gebirge in ihrem Innern große Wasserbehälter bergen; allein der Kalkstein gestattet nicht das Hervortreten des Wassers auf die Erdoberfläche, weshalb es wahrscheinlich in unterirdischen Kanälen dem Meere zufließt. D. zählt auf 228 OM., 365666 E. in 17 Städten, 34 Flecken und 865 , Dörfern. Die vorzüglichsten Ursachen, weshalb die Bevölkerung dieses fruchtbaren, jedoch wenig angebauten Landes so schwach ist, sind der übermäßige Genuß hitziger Getränke, die schädlichen Ausdünstungen der Sümpfe, häufige Auswanderungen und die in das dritte und vierte Glied fortdauernde Blutrache. Die Dalmatier oder Dalmatiner sind übrigens ein schöner Menschenschlag, kühne Seeleute und, gut angeführt, tapfere Soldaten. Venedigs ehemalige militairische Kraft beruhte vorzugsweise und fast allein auf ihnen. Wol nicht mit Unrecht schildert man sie indeß als hinterlistig und raubgierig; Streben nach Unabhängigkeit ist fast allgemein. Die Landessprache ist die illyrisch-serbische, von Stepha- nowitsch der herzegowinische Dialekt genannt, die Amtssprache dagegen, zumal in Spa- ^ latro, die italienische. Die Morlackenoder Morlachen, welche in dem Innern des Landes und in den Gebirgsgegenden, auch im türk. Sandschak Herseck, wohnen, sind ebenfalls vortreffliche Soldaten, haben aber auch ebenfalls einen entschiedenen Hang zu Räubereien und zum Trünke; doch sind sie gastfrei, wohlthätig und gewissenhaft in Erfüllung ihrer Ver» MI seZno Dalton 19 sprechen. Bei ihrer Abneigung gegen jede Unterwürfigkeit leben fie in einer Art Natur;»- stand und sind deshalb stets eine gute Schutzwehr gegen die Angriffe der Türken von dieser Seite getvesen. Die Bewohner des festen Landes treiben Viehzucht oder widmen sich dem Sceleben, das sie dem bei ihnen wenig geachteten Handel, Ackerbau und den Gewerben vorziehen. Die Bewohner der Inseln treiben vorzüglich Fischerei und gehen als Knechte auf dem festen Lande oder als Matrosen auf Kauffahrteischiffen in Dienste. Die Inseln sind nicht sehr fruchtbar; doch haben einige von ihnen gute Häfen; auch liefern mehre treffliches Schiffbauholz, weshalb daselbst viele Schiffe gebaut werden. Das Festland führt aus Un- schlitt, Hasenfelle, welche letztere erst aus Bosnien bezogen werden, etwas Öl, Feigen, Wein, Branntwein, Wachs und eingesalzenc Fische; eingeführt werden Leinwand, Tücher, Kaffee und Zucker, aber nur in geringen Quantitäten, sodaß der Vortheil des Tauschhandels auf Seite der Dalmatier ist. Die Gold-, Eisen- und Steinkohlengruben des Landes liegen unbenutzt. Politisch ist das Land eingetheilt in die vier Kreise Zara, Spalatro oder Spalato, Nagusa und Cattaro. Die vorzüglichsten Städte sind Zara mit 650» E. und einem Hasen, der Sitz des Statthalters, wo sich mehre röm. Ruinen finden; Spalatro mit 8000 E., das an der Stelle des prächtigen, noch in seinen Ruinen sehr großartigen Palastes des röm. Kaisers Diocletian steht und in dessen Nähe die zur Zeit der Römer so bedeutende Stadt Sa- lona sich befand; ferner Nagusa (s. d.) und Cattaro (s. d.). Der türkische Theil D-s, welcher sich von Bosnien bis Albanien erstreckt und zu Bosnien gehört, enthält die Landschaft Herzegowina und die Städte Scardona und Trevigno. Vgl. Lavallce, pittorvsque et lüstoire »s I'lstrie «t üe in !>., röüh-^L./ä'api'ö- l itineraire ,le klassus" (Par. 1802, mit Kupf.), Germar'S kSMMfflffnamrhlstörischer Hinsicht lehrreiche „Reise nach D. und Nagusa" (Lpz. 1817) und Dejean's Prachtwerk über den Jnscktenreichthum D.s (Par. 1825). D., ehemals ein ansehnliches Reich, wurde von den Römern, nach vielen vergeblichen Versuchen, erst unter Augustus unterworfen und bildete hierauf den südlichsten Theil der röm. Provinz Jllyricum. Nach dem Verfall des abendländischen Kaiscr- thums ward es durch die Gothen erobert, denen es, bei ihrem Zuge nach Italien, 490 die Avarcn entrissen, welche um 620 von den Slawen verdrängt wurden. Der von denselben gestiftete Staat dauerte bis zu Anfänge des 11. Jahrh., worauf der König von Ungarn, Ladislaus der Heilige, den einen Theil als Königreich mit Kroatien und hierdurch mit seinem Reiche verein igte, weshalb die Könige von Ungarn auch den Titel als Könige von D. führen, während cher" ander?' Hey nmer den Schu tz der da mals mächtigen Republik Venedig begab, um gegen die Anfälle der Türken gesichert?» fein, und eine Zeit lang Herzogthum hieß. Dessenungeachtet wurde ein Theil dieses Herzogthums den MMM'crn durch die Türken entrissen. Durch den Frieden zu Campo-Formio kam der venet. Theil von D., wie Venedig selbst, 1797 unter östr. Herrschaft, und als Ostreich in Folge des presburger Friedens 1805 seinen Theil an D. an Napoleon abgetreten, ward derselbe zum Königreich Italien und seit 1810 zu Jllyrien geschlagen, jedoch durch einen Proveditore generale regiert. Seit 1814 ist D., mit Ausnahme des türk. Antheils, wieder ganz mit Ostreich vereinigt. MI 86LN0, abgekürzt v. 8. oder ä. s., d. h. vom Zeichen an, deutet in der Notenschrift an, daß ein Stück von der Stelle an wiederholt werden soll, wo das nämliche Zeichen steht. Dalton (John), einer der bedeutendsten engl. Chemiker und Physiker, geb. 1766 zu Eaglcsfield bei Cockermouth in Cumberland, der Sohn eines kleinen Lehngutsbcsitzers, er- hielt seine erste Ausbildung in der Schule seines Wohnorts, von 1781 aber zu Kcndal in Westmoreland in der Kostschule eines Vetters. Hier bildete sich seine besondere Neigung zu mathematischen und physikalischen Studien aus; er schrieb bereits mehres Mathematische und unternahm eigene Beobachtungen. Im I. 1793 kam er als Lehrer der Mathematik und der Naturwissenschaften ans Collegium zu Manchester, in welcher Stadt er auch nach Verlegung des Collegiums sich stets wesentlich aufgehalten hat, obgleich er von 1804 an abwechselnd in den meisten größern Städten Großbritanniens Vorlesungen über Chemie hielt. Das Einkommen, welches ihm diese Lehrcrthätigkeil verschaffte, hat stets die mäßigen Ansprüche des äußerst bescheidenen, von wahrem wissenschaftlichen Eifer und philosophischem Geiste durchdrungenen Mannes befriedigt. Im I. 1817 wurde er Präsident der Läterar/ 20 Damafceims Damas (Geschlecht) »Nil jiliilasnplliol Society zu Manchester, außerdem ist er Mitglied der Rozsl «ocist^zu London und der pariser Akademie und genießt seit 1833 auch eine kleine königliche Pension. Seine vorzüglichsten physikalischen Arbeiten beziehen sich auf die Ausdehnung und Mischung der Gase und die Elasticität der Dämpfe; in der Chemie hat er sich durch Aufstellung der atomistischen Theorie und wesentliche Förderung der Lehre von den festen Proportionen, durch Untersuchungen über die Absorption der Gase durch das Wasser, über Kohlenoxyd, Kohlenwasserstoff, die Sauerstoffverbindungen des Stickstoffs u. s. w. verdient gemacht. Seine Abhandlungen stehen meist in den „Nemoirs ok tlle literarx sinl püiiosopiiicsl soviel)? ok Nsncbesler"; ferner in den „kllilvsopliicsl trsnsactions", in Nicholson's „?in- losopliicul jvurnsl" und Thvmson's „Xnnsls ok pliilosoplix". Selbständige Werke von ihm sind „Neteorological esssxs snck obrervstisns" (Lond. 1793; 2. Aust-, 1834) und das „New System ok cbemical pililosopliz" (3 Bde., Lond. 1808 — 27; deutsch, aber nicht vollständig, von Wolf, 2 Bde., Berl. 1812—14). Damascenus (Johannes), s. Johannes Chrysorrhoas. Damas, eines der ältesten und berühmtesten Geschlechter Frankreichs, das sich schon im 13. und 14. Jahrh. durch reiche Besitzthümer, Verbindungen und öffentliche Stellung auszeichnete, theilte sich seit Ende des 16. Jahrh. in die Linien Damas und Damas - Crux, welche noch gegenwärtig fortbestehen. Auch in neuerer Zeit haben sich mehre Glieder dieses Geschlechts berühmt gemacht. — Charles, Graf, dann Herzog von D-, geb. am 28. Oct. 1758, nahm als Adjutant des Grafen von Rochambeau 1780 und 1781 an dem nordamerik. Kriege Theil und erhielt den Grad eines Oberst. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich ward er Befehlshaber eines Draavnerreai ments und, da er ungeachtet s einer Theilnahme am Freiheitskampfe die Ergebenheit für den absoluten Thrönvcwcchrh vom Marquis von Bouillö beauftragt, an der Spitze seines Regiments die beabsichtigte Flucht Ludwig's XVI. zu decken, was am 21. Juni 1791 seine Verhaftung zu Varennes zur Folge hatte. Nachdem er durch die bei Annahme der Constitution ertheilte Amnestie befreit worden, verließ er noch zu Ende desselben Jahres sein Vaterland und machte die Feldzüge von 1792 und 1793 in der Armee der Prinzen mit. Hierauf begleitete er den Grafen von Provence nach Italien und begab sich 1794 mit demselben nach England, um daselbst die Expedition nach Quiberon bewerkstelligen zu helfen. Zu diesem Zwecke sollte er sich im Oct. >795 mit Briefen zu dem Grafen Puisaye begeben, allein das Schiff scheiterte bei Calais, und D. fiel mit dem Herzoge von Choiseul-Stainville in die Hände der Republikaner. Nach einer kurzen Gefangenschaft, aus der , ihn eine abermalige Amnestie rettete, begab er sich wieder zu dem G rafen von Anols, erschien mit demselben an den Küsten der Bretagne und kämpfte dann in der Armee Conde"s in allen Feldzügen. Nach der Restauration der Bourbons wurde seine Anhänglichkeit glänzend belohnt und er Befehlshaber der pariser Nationalgarde zu Pferd, Pair von Frankreich und Generallieutenant. Bei Napoleon's Rückkehr folgte er dem Könige nach Gent; nach der zweiten Restauration wurde er zum Befehlshaber der 18. Militairdivision, 1827 zum Herzoge erhoben und starb im I. 1829.— Roger, Grafvon D-, des Vorigen Bruder, geb. 1769, führte ein noch bewegteres und thaten- rcicheres Leben. Im Alter von 1 4 Jahren war er Lieutenant in der franz. Armee, ging aber dann aus Drang nach Thaten und Ehre nach Rußland, um daselbst im Kriege gegen die Türken mitzukämpfen. Durch Muth und Kühnheit zeichnete er sich aus während der Belagerung von Otschakow und beim Sturme auf Ismail und wurde zum Obersten befördert. Nach der Auswanderung der franz. Prinzen begleitete er zwei Jahre hindurch den Grafen von Artois und nahm hierauf in der Armee Conde"s, der ihm von 1795 an denjBefehl über die Legion Mirabeau anvertraute, an allen Feldzügen gegen die Republik Theil. Als der Krieg zwischen Frankreich und Neapel ausbrach, stellte er sich mit dem General Mack an die Spitze der neapolit. Armee und führte, nachdem sich die Neapolitaner ergeben und er allein eine günstigere Capitulation vom franz. General erhalten hatte, mit den Trümmern seiner Division einen meisterhaften Rückzug nach Calabrien aus. Verwundet ging er nun nach Sici- lien, später nach Wien und 1814 nach Paris zurück, wo ihn Ludwig XVIII. zum Generallieutenant erhob und mit Ehren überhäufte. Bei der Rückkehr Napoleon's war er Befehlshaber der neunten Militairdivision. Als sich in Lyon die Truppen und das Volk für Damas (Ange Hyacinthe Maxence, Baron von) Damas-Crux 21 den Kaiser erklärten, eilte er mit dem Herzoge von Provence nach Paris zum Könige und floh mit demselben nach Gent. Nach der zweiten Restauration erhielt er eine Sendung in die Schweiz und wurde 1815 in die Deputirtenkammer gewählt. Als Befehlshaber der 19. Militairdivision zeigte er bei den Unruhen zu Grenoble einen außerordentlichen Eifer für die Sache des Royalismus, doch war er seiner Partei noch immer nicht fanatisch genug, weshalb er Canuel Platz machen mußte. Er starb im Sept. 1823. Damas (Ange Hyacinthe Maxence, Baron von), gehört, obschon aus Burgund stammend, dem alten Geschlechte der Damas an und wurde am 3V. Sept. 1785 zu Paris geboren. Er folgte seiner auswandernden Familie nach Deutschland, dann nach Rußland, wo er 17 95 eine Cadettenstelle in der Artillerieschule zu Petersburg erhielt. Seit 1805 machte er als Offizier der ruff. Armee alle Feldzüge gegen die Franzosen in Deutschland, Rußland und Frankreich mit und erwarb sich durch seine Tapferkeit die Gunst des Kaisers Alexander. Nach der Restauration der Bourbons wurde er zum Mare'chal de Camp erhoben und trat in die franz. Armee. Als Generallieutcnant ward er hierauf dem Herzoge von Angouleme bcigegeben, begleitete denselben bei der Rückkehr Napvleon's nach Spanien und erhielt nach der Schlacht von Waterloo denBefehl über die 8. Militairdivifion in Marseille, wo ihm, obschon er den blutigen Ausschweifungen des Ultraroyalismus keinen Vo'rschub leistete, doch ein hartes und unwürdiges Verfahren zur Last fällt. Im 1.1823 befehligte er unter dem Marschall Mon- cey eine Division im span. Feldzuge, worauf er 1824 das Portefeuille des Kriegsministeriums übernahm. Seinem rechtschaffenen Charakter widerstrebten jedoch besonders die ungerechten Maßregeln gegen die Offiziere des Kaiserreichs, daher ihm Villele im Oct. 1824 das Departement der auswärtigen Angelegenheiten überrmstrlM kr^Uzum 4. Jan. 1828 behielt. Die Politik, kiö'Mker seiner Verwaltung verfolgt wurde und das Gefühl der gemäßigten und patriotischen Franzosen so sehr verletzte, kommt indeß weniger auf seine Rechnung als auf die Villele's, dessen Plane und Gedanken er nur vollzog. Kurze Zeit nachher wurde er an des verstorbenen Herzogs von Riviere Stelle zum Gouverneur des Herzogs von Bordeaux ernannt, dem er 1830 in die Verbannung folgte. In Prag mit dem Cardinal Latil und dem Herzoge von Blacas eng verbunden und ein Freund der Jesuiten, bewirkte er 1833 die Entlassung Barande's, des Untererziehers des Herzogs von Bordeaux, weil dieser seinem Zögling liberale Ansichten einflöße, worauf Blacas von Rom zwei Jesuiten kommen ließ, welche die Lehrer des Prinzen wurden. Später kehrte er nach Frankreich zurück, wo er jetzt vom öffentlichen Leben zurückgezogen auf dem Lande den Wissenschaften und seiner zahlreichen FMMe lebt. , Damas-Crux (Etienne Charl., Chevalier, dann Herzog von), Expair von Frankreich und Generallieutenant, geb. am 10. Febr. 1754 auf dem Schlosse Crux in Nivernais, machte als Hauptmann die letzten Kämpfe der Franzosen gegen die Engländer in Ostindien mit, wurde hier gefangen und erst nach dem Frieden ausgewechselt. Nach seiner Rückkehr erhielt er den Befehl über ein Infanterieregiment, wanderte aber mit seinen Offizieren aus und nahm in der royalistischen Armee an dem Feldzuge von 1792 Theil. Im I. 1794 gelang es ihm, in England und Holland eine Legion zu bilden, deren Trümmer er, nachdem sie bei Quiberon vernichtet worden war, im folgenden Jahre dem Prinzen von Conde zuführte. Von Ludwig XVIII. zum Mare'chal de Camp erhoben, begleitete er hierauf den Herzog von Angouleme als Kammerherr nach Mitau, Warschau und später nach England. Nach der ersten Restauration erhielt er den Grad eines Generallieutenants. Im Aug. 1815 schickte ihn der Herzog von Angouleme mit dem Baron von Vitrolles als königlichen Com- missar nach Toulouse, wo er aber in Folge seines unklugen Benehmens auf Befehl des Generals Laborde aufgehoben und über die span. Grenze gebracht wurde. Nachher wurde seine Anhänglichkeit mit dem Befehl über die 28. Militairdivision, der Pairswürde. und dem Herzogstitel belohnt. In Folge der Julirevolution, weil er der neuen Dynastie den Eid verweigerte, von der Pairsliste gestrichen, lebt er zurückgezogen auf seinem Schlosse in der Gegend von Menou. — Alexandre, Grafvon D., geb. 1755, hatte in Folge der Ereig- nisse fast die nämlichen Schicksale wie die Vorhergehenden und spielte auch dieselbe Rolle. — Dem adeligen Geschlechte gehört nicht an Franx. .Etienne D., Generallieutenant der franz. Republik und des Kaiserreichs, von bürgerlichen Altern zu Paris am 22 . Juni 1769 -- - 7 ^' ' 22 Damasciren Damascirt geboren Er nahm von 1792 an unter Meunier, Jourdan und Kleber an allen Kämpfen der republikanischen Armee am Rhein Theil, zeichnete sich bald au der Spitze seiner Brigade durch Tapferkeit, bald im Stabe durch seine Geschicklichkeit aus und machte dann die Expedition nach Ägypten mit, wo er sich unter allen Verhältnissen als einen ausgezeichneten Offizier bewährte, sodaß ihn sein Freund Kleber nach Bonaparkc's Abgänge zum Divisionsgeneral und Chef des Generalstabs erhob. Dies hatte zur Folge, daß ihn Bonaparte mehre Jahre hindurch nicht anstellte; allein seit 1808 wurde er wieder in allen Feldzügen des Kaiserreichs verwendet. Jm J. 1814 lieferte D. als der letzte franz. General am linken Rheinufer den Verbündeten Mainz aus und unterwarf sich den Bourbons. Nach der zweiten Restauration vrganisirte er die königliche Gendarmerie und erhielt das Amt eines Generali»- specteurs dieses Corps. Er starb in Paris 1828. Damasciren. Durch die Kreuzzüge kam eine große Menge vortrefflicher Stahlarbeiten, welche zu jener Zeit in Damaskus gefertigt wurden, nach Europa, wo in jener Zeit der Kriege man bald bemüht sein mußte, auch dem einheimischen Fabrikate die Güte des ausländischen zu geben. Man bewunderte an den aus Damaskus eingebrachten Dolch- und Degenklingen eine große Elasticität, verbunden mit einer solchen Härte, daß die Klingen harte und weiche Körper fast mit gleicher Leichtigkeit durchschnitten und dabei eine solche Zähigkeit besaßen, daß selbst beim Abhauen eines Nagels die Schneide keine bedeutende Beschädigung erlitt. Außerdem fiel aber auch das schöne Ansehen jener Klingen auf, indem sic durchaus mit einem Gewinde dunkler Linien auf Hellem Grunde, oder umgekehrt, versehe» waren, welche meist regelmäßig wiederkchrcnde, sehr nette Zeichnungen bildeten. Oft waren auch diese Klingen mit Gyld snsgHHhHgs sich auf dem blauen Grunde trefflich hervorhob. Wenn cs nun auch damals nicht gelang, alle" dle genannten Eiaenschaf W Wpestzk. M Ulsss.« Mahlarbeiten zu verpflanzen, so äußerten doch jene Bemühungen den günstigsten Einfluß; denn noch jetzt bewundern wir die Rüstungen aus dem Mittelalter ihrer Festigkeit und Eleganz wegen, und unter den trefflichen Klingcnschmieden jener Zeit steht der Name Peter Siminel- guß obenan. Die meisten Versuche jener und der spätem Zeit haben indessen kein anderes Resultat hervorgebracht, als allerdings vorzügliche Klingen, welche jedoch mit den Damas- cenem immer noch nicht in Vergleich zu stellen waren. Vor Allem mangelte denselben der Damast, das sogenannte Wasser (6icluu), wenn wir darunter die regelmäßig wiederkehrenden, fast symmetrischen Figuren verstehen. Allerdings zeige» verschiedene Stahlartcn in einfacher Bearbeitung schon einen gewissen Damast, derselbe ist jedoch durchaus unregelmäßig und findet seinen Grund theils in der Krystallisation des Stahles selbst, theils in der oft natürlichen Legirung desselben. Dupcd di ele Ersckeinüna 'wurden in neuerer Zeit, wo man mit Eifer die M ckbitduna des damascirten Stahls versuchte, mehre Gelehrte, z.B. Brc'ant undHchicourt de Thury zu der Meinung veranlaßt, daß dieser Stahl nichts Anderes als eine Legirung sei. Dem ist aber nicht so, im Gegentheil weiß man jetzt mit Bestimmtheit, daß die damascener Klingen aus einer mechanischen Verbindung von Stahl bestehen, mit dem man weiches Eisen durch Schmieden verbindet. Bei den echten damascener Klingen geht der Damast über die ganze Klinge und ist selbst auf dem Rücken derselben deutlich bemerkbar; dabei nehmen sie, mehrfach hin und her gebogen, ihre ursprüngliche gerade Lage freiwillig nicht wieder an und haben einen eigenthümlichen ambraartigen Duft; auch geht das Wasser durch das Schleifen nicht verloren, sondern reicht bis auf den Kern der Klinge. Nach mehrfachen erfolglosen Versuchen in neuerer Zeit von Clouet, Nicholson, Wilde in Sheffield und O'Reilly gelang es erst in der neuesten dem Professor Crivelli in Mailand, die damascener Klingen vollkommen nachzuahmen. Aus dasmascener Stahl kann man auch Gewehrläufe schmieden, welche bei großer Haltbarkeit ein vortreffliches Ansehen haben. Damascirt nennt man in der Heraldik einen Platz oder eine Figur, welche nach Art des damascirten Stahls geadert oder gewässert ist. Die Entstehung des Damascirens gehört in die neuere Zeit und wird von den Wappenmalern zur Verschönerung größerer Plätze oder Figuren angewendet. Damascirt erscheint immer der Regalienschild. Die Damascirung geschieht stets mit einer andern Tinctur als der Platz selbst hat, so ;. B. der schwarze Platz mit Gold oder Silber, der goldene mit Silber u. s. w. Bei den Metalltincturcn ist es von vorzüglicher Wirkung, wenn die Damascirung mit derselben Tinctur, abermatt bewirkt wird. Damask 33 Damask(vsm»sc»s), die Hauptstadt des Paschaliks -leiche» Namens, in der türk. Provinz Soristan oder Syrien, welche» den südlichsten Theil de» alten Syrien, Phönizier, und ganz Palästina umfaßt und auf etwa 1200 kHM. höchstens 901)000 E. zählt, liegt am Baradi, welcher dieselbe in sieben Armen durchströmt, in einer herrlichen, fruchtbaren Ebene, die Abulfeda, der in D. geboren wurde, für das erste der vier irdischen Paradiese hält, und hat noch jetzt mehr als 200000 E., darunter gegen 20000 Christen und viele Juden. Unter den 200 Moscheen zeichnet sich au» durch ihre sieben Thürme und ihren Umfang die der Omajjidcn, die vom Kaiser Heraklius dem heil. Johanne» erbaut wurde, und in welcher das Exemplar des Korans aufbcwahrt wird, welches im Besitz des Khalifen Othman gewesen. Merkwürdig ist auch das mit Thürmen versehene Schloß, das aus den Zeiten der Kreuzzüge stammen soll und als Citadelle benutzt wird. Mehre andere Gebäude werden mit dem Apostel Paulus in Beziehung gebracht, der auf der Straße gen D. durch eine übernatürliche Erscheinung erblindet, durch Ananias geheilt und zum Christenthum bekehrt wurde. Auch die Christen haben in D. mehre Kirchen und zwei katholische Klöster. Berühmt sind ferner mehre Bazars und unter den Khan», d. i. Versammlungshäuser, der Kaufleute besonders einer, der in einem großartigen Gebäude mit sechs Kuppeln besteht. Die Straßen sind ungepflastert und schmuzig; die von St.-Paul ist die größte, geradeste und schönste. Der Pascha von D. ist der Verlheidiger der heiligen Karavane, die unter seiner Bedeckung jährlich von hier nach Mekka geht. Die Einwohner unterhielten sonst berühmte Manufacturen, besonders in Messer- und Säbelklingen; noch gegenwärtig verfertigen sie seidene und baumwollene Zeuge und eingelegte Arbeiten, Glas und Leder; auch treiben sie beträchtlichen Handel mit den genannten Fabrikaten, vorzüglich aber mit getrockneten und eingemachten Südfrüchten, mit Baumwolle, Wein, Olivenöl u. s w. Berühmt sind vorzüglich die große D a - mascenerpflaume, welche jetzt durch das ganze mittägliche Europa verbreitet ist, die Damascencrrose auf einem 8—10 F. hohen Stock«, von sehr angenehmem Gerüche, aus welcher Rosenöl bereitet wird, und die Damasccncrtrauben, die am Stocke getrocknet die besten Rosinen geben. Die Geschichte von D. geht in die älteste Zeit zurück; wenigstens war es schon zu David'S Zeiten politisch wichtig als die Residenz eines der kleinen Reiche, in welche Syrien damals zerfiel. Von David wurde D., weil dessen Beherrscher dem Könige von Zoba Hülfe geleistet, unterjocht; doch schon unter Salomo machte es sich vom Reiche Juda unabhängig, dem es aber später im Kampfe gegen Israel beistand, so namentlich um 90H.P. Chr . Der König Hosael hob D. auf den höchsten Gipfel seines Glanzes und seiner politischen GröHel Cr war glücklich im Kampfe gegen die Könige von Israel und Juda; doch schon sein Sohn Benhadad III. wurde Israel tributpflichtig. Noch einmal suchte es sich um 800 v. Chr. zu heben, was den völligen Untergang des damasce»ischen Reichs zur Folge hatte. Die Stadt behielt indeß auch unter der Herrschaft Assyriens, Babyloniens und Persiens fortwährend nicht geringe Bedeutung durch ihren Handel. Nach dem Siege Alexander des Großen bei Jssus gcrirth es mit Syrien in dessen Gewalt und nach seinem Tode unter die Herrschaft der Seleuciden, welche aber ihre Residenz nach Antiochien verlegten. Um Ill v. Chr. bei der Theilung des seleucidisch-syrischen Königreichs wurde es wieder eine Zeit lang der Sitz des Königs Antiochus Kyzikenus. Nach mancherlei Verwirrungen, Thronstrcitigkeiten und Kriegen unter den Herrschern Syriens kam D. im 1.64 unter Pom- pejus in die Gewalt der Römer, die es durch einen eigenen König regieren ließen und unter denen die Stadt von neuem aufblühte und Einfluß gewann. Später wurde sie der Sitz eines Bischofs und dem oström. Reiche einverleibt; im J. 635 aber von dem Khalif Omar nach zweimonatlicher Belagerung erobert, der nun hier und zu Mekka abwechselnd residirte. In D. wurde auch dessen Nachfolger Othman beim Zusammentragen des Korans ermordet. Moawijah, der Stammvater der Omajjiden, verlegte seinen Sitz hierher, und seine Nachkommen, sowie die erstenAbbassiden, residirte» von 660—753 daselbst, bis Almanzur Bagdad zu seiner Residenz machte. D. wurde nun durch Statthalter verwaltet, von denen mehre ein eigenes Sultanat begründeten. So wurde cs der Sitz der Thulunidcn im 9. Zahrh., der Fatimiden im 10. und der Seldschukidcn im 11. Jahrh. Heftige Kämpfe wurden auch während der Kreuzzüge um den Besitz der Stadt geführt; im I. >154 von Nu- reddin erobert und mit Aleppo und Ägypten vereinigt kam sie nach Nurcddin's Tode in di« 24 Damast Dambray Gewalt Maladin's, der nicht minder als jener das christliche Königreich zu Jerusalem bekämpfte. Nach Saladin's Tode theilte sie meist gleiches Loos mit Haleb und Ägypten. Im Z. 1401 wurde sie von den Mongolen unter Timur erobert und verbrannt; wegen ihrer wichtigen Lage für.den Handel, des Orients aber von neuem aufgebaut. Später waren die Mamluken als Herrscher Ägyptens auch Herren von D>, bis es im Herbst >516 dem türk. Sultan Selim I. gelang, Stadt und Gebiet denselben zu entreißen und dem oSmamMeiche hinzuzufügen. Seit dieser Zeit war D. als Sitz eines türk. Statthalters ein wichtiger Bc- standtheiktdieses Reichs. Im I. 1832 eroberte es der Vicekönig Mehemed Mi von Ägypten durch seinen Sohn Ibrahim Pascha und erhielt es 1833 sammt Syrien und Palästina von der Pforte abgetreten. Dieser Besitz dauerte jedoch nicht lange; denn schon im 1.1840 nö- thigten die europ. Großmächte, besonders England und Ostreich, durch Unterstützung der Pforte, denselben, Syrien und Palästina der Pforte zurückzugeben. Damast nennt man ein gezogenes, mit Figuren künstlich durchwirktes, auf damascencr oder Ätlasart gewebtes Zeug, welches, anfangs nur aus Seide und einfarbig, jetzt auch aus Leinen und selbst aus Baumwolle verfertigt wird. Nach Einigen soll diese Art zu weben schon von den Babyloniern, nach Andern aber von den Einwohnern zu Damask erfunden worden sein. Was insbesondere den Seidendamast betrifft, so unterscheidet er sich von andern Stoffrn und Zeugen dieses Materials dadurch, daß der Grund ein glänzender, atlasartiger Boden ist, in welchen Blumen, Ranken und andere Figuren eingewebt sind. Italiener und Holländer waren in Europa die Ersten, die dieses ursprünglich asiat. Zeug zu fertigen unternahmen, und noch im 17. Zahrh. erhielt man es nur aus Italien, besonders von Genua. Die Franzosen fügten jedoch bald nach und übertreffen gegenwärtig die Italiener. Auch in Ostindien und England wird guter Seidendamast verfertigt, und Deutschland, z. B. Berlin, Krefeld, Lechhausen u.s.w., liefert ihn in großer Menge und von vorzüglicher Güte. Der Leinendamast oder das Bildzeug ist gewöhnlich durchaus weiß und hat eingewirkte Figuren, die auf der rechten Seite weißer und glänzend auf mattem Grunde, aus der linken aber dunkel auf weißem glänzenden Grunde erscheinen. In Deutschland blüht die Damastleinweberei besonders zu Schmiedeberg in Schlesien; zu Großschönau, Löbau, Zittau u.s.w. in Sachsen; zu Wanrsdorf und Hayda in Böhmen; zu Waarendorf, Bielefeld und Salzwedel in Preußen; zu Ncuhaus und Sommerhausen in Baiern; zu Mühlberg in Baden u. s. w. Allen voraus stehen die Leistungen der sächs. Damastwebcr. Wollen- und Baumwollendamast oder damascirte Wollen- und Baumwollenzeuge sind mit damastartigen Mustern versehene Köpergewebe, welche in den verschiedenartigsten Formen Vorkommen und vorzüglich in Sachsen und E ngland, verfertigt werden. Mit dem Baumwollendamast ist aber der jetzig häuflg statt des'leinenen vorkommende baumwollene Damast nicht zu verwechseln. Dambray (Charl.), Kanzler Frankreichs und Präsident der Pairskammer zur Zeit der Restauration, geb. in der Normandie >760, wurde durch den Einfluß seiner Familie schon in seinem 20. Jahre Generaladvocat beim pariser Parlament. Beim Beginn seiner Laufbahn hatte er He'rault de Sechelles zum Mitbewerber, der nachher zu den eifrigsten Anhängern der Revolution gehörte, während D. zu deren heftigsten Gegnern zählte. In dem berühmten Kornmann'schen Proccsse fand D. die erste Gelegenheit, sein Nednertalent und seinen Eifer gegen die neuen Ideen an den Tag zu legen. Als die Revolution ausbrach, war er einer der Ersten, welche Frankreich verließen. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland lebte er unangefochten aufseinen Gütern in der Normandie. Unter dem Kaiser konnte er, so große Ergebenheit er auch zeigte, gleichwol keine höhere Stufe erreichen als die eines Mitglieds des Generalconseils im Seinedepartement. Napoleon soll ihn und seinen Schwiegervater Barentin als Ägenten der Bourbons angesehen haben, und es scheint solches in der That stattgefunden zu haben, da Beide nach der Restauration mit Gunstbezeigungen überhäuft wurden; Barentin wurde Ehrenkanzler, D. Kanzler von Frankreich. Zugleich erhielt D. die Leitung des Büchcrwesens und die Oberaufsicht über die Journale, und kurz darauf machte ihn Ludwig X VIII. zum Justizminister, Pair und Commandeur des Heiligengeistordens. Nach Napoleon's Rückkehr von Elba und Ludwig s XVIII. Abreise begab er sich in die Normandie, dgnn nach England und yon da nach Gent. Bei der zweiten Restauration trug die Rrgie- Damenfriede DamienS 25 ' rung Bedenken, D., der nicht beliebt war, in seine vorige Stellung wieder einzusetzen; doch blieb ec Präsident der Pairskammer. Als solcher leitete er die Debatten beim Proteste dcS Marschalls Ney. Im Anfänge des I. l 816 wurde er nochmals Justizminister und in demselben Jahre Mitglied der Akademie der Inschriften. Er starb am 1 v. Jan. 1830 auf seinem Gute Montigny bei Dieppe. — Sein Sohn, Emanuel Graf D., wurde nach der ersten Restauration zum Requetenmeister ernannt, folgte dann Ludwig XVIII. nach Gent und erhielt zum Lohne dafür die Pairswürde, die er nach der Julirevolution niederlegte. Damenfriede, s. Cambray. ) Damenisation, s. Solmisation. Damiani (Petrus), als Freund Hildebrand's und rigoristischer Astet bekannt, stammte aus einer armen, aber edeln Familie und wurde ums I. 990 geboren. Aus der knechtischen Dienstbarkeit, in welcher er anfangs bei einem seiner Brüder als Schweinehirt stand, befreite ihn ein anderer Bruder, Namens Damianus, und ließ ihn zu Florenz und Parma erziehen. Ebendeshalb nannte er sich Petrus Damiani, d. h. Bruder des Damian. In Parma gründete er später eine Schule, trat dann als Mönch in das Kloster zu Fonte- Avellana und wurde 1041 Abt. Jm J. 1051 gegen seine Neigung zum Cardinalbischof von Ostia erwählt, wirkte er als Legat bei den Maßregeln mit, durch welche die Päpste Leo lX., Victor II. und Nikolaus II. die Kirchenreform Gregor's VII. vorbereiteten, legte jedoch trotz der Vorstellungen Hildebrand's, den er scherzweise seinen heiligen Satan nannte, sein Bisthum 1061 nieder und zog sich in sein Kloster zurück. Jndeß benutzte ihn Papst Alexander II. noch mehre Male zu speciellen Sendungen; so ging er 1069 als Legat zu Kaiser Heinrich IV., um auf einer Synode in Mainz dessen Ehescheidung zu Hintertreiben, und 1071 nach Ravenna,- um das Verfahren des dortigen Erzbischofs zu untersuchen. Im I. 1072 starb er zu Florenz. Bei aller Verehrung, die D. dem überlegenen Geiste Hildebrand's zollte, scheint er doch den geistlichen Despoten in demselben geahnet zu haben. Achtungswerth ist der Eifer, mit welchem er die unnatürlichen Laster des ital. Klerus in dem „lüber koinnrrliisnus" ans Licht zog und bekämpfte; seine Schilderung war so treu, daß Alexander II. das Buch zu unterdrücken suchte. Weniger vortheilhaft sorgte D. für die Sittlichkeit durch die von ihm empfohlene Geißelbuße. (S. Flagellanten.) Er stellte für dieselbe einen förmlichen Tarif auf, nach welchem z. B. 3000 Eeißelhiebe nebst Absingung von 30 Psalmen für ein Jahr Buße galten und Bußzeiten von 100 Jahren aufcrlegt werden - konnten und wurden. Ebenso excentrisch war D. in der Verehrung der Maria, denn durch ihn kam, zunächst in den Klöstern, das Okücium 8. 5l»ri»e oder das heilige Amt am Sonnabende zu Ehren der Maria auf. Seine Werke, die in Briefen, Reden, Biographien von Mönchsheiligen und Tractatcn bestehen, sind vom Cardinal Cajetan gesammelt und mehrmals (am besten Par. 1642 und 1663) herausgegeben worden. Eine Lebensbeschreibung D.'s, der später kanonisirt wurde, hat Laderchio (3 Bdc., Rom 1702) geliefert. — Damianus hieß ein monophysttischer Bischof von Alexandria im 6. Jahrh., der die drei Personen der Trinität für drei Eigenschaften der Einen Gottheit erklärte und somit der Ansicht des Sabcllius (s. d.) sich näherte. Seine Anhänger nannten sich Damianiten.— Damianistinncn, s. Clarissinnen. e Damiens (Rob. Franc.), bekannt durch den Mordversuch an Ludwig XV., wurde 1714 im Dorfe Tieulloy bei Arras von armen Altern geboren und bewies schon in seiner Jugend ein so boshaftes, aber zugleich selbständiges Naturell, daß man ihm den Zunamen Rodert le llisble gab. Nachdem er mehrfach bald als Soldat, bald als Bedienter in der Hauptstadt gedient, einen seiner Herrn vergiftet, einen andern bestohlen hatte, flüchtete er 1756 nach Arras und von da über Dünkirchen nach Belgien, wo er überall politischen Fanatismus und auch den Entschluß zu seiner blutigen That an den Tag legte. Schon zu Ende des Jahres kehrte er unter ftemdem Namen nach Paris zurück. Die Maßregeln des Hofs gegen das Parlament machten besonders tiefen Eindruck auf ihn, sodaß er einen Anschlag gegen das Leben des Königs völlig beschloß und sich dazu durch den Genuß von Opium vorbereitete. Am 3. Jan. 1757 begab er sich deshalb nach Versailles, war aber so aufgeregt, daß er, wiewol vergeblich, einen Aderlaß verlangte. Am andern Morgen verfügte er sich vor den Palast, wartete auf den König den ganzen Tag hindurch und versetzte demselben, 26 Damiette Damm als er au-fahren wollte, inmitten der Höflinge in die rechte Seite einen Messerstich. Er hätte entspringen können, allein ruhig ließ er sich verhaften. Um weitere Aufklärungen und das Geständniß über etwaige Mitschuldige zu erhalten, leitete der Siegelbewahrer Ma- chault ein Verfahren gegen den Verbrecher ein, das ebenso furchtbar und wild wie die blutige That selbst war. Obschon es den Richtern nicht gelang, auf den unzweifelhaften Grund des Verbrechens zu kommen, so bildete sich doch allgemein die Ansicht, daß die Jesuiten, vielleicht sogar ihr Freund und Beschützer, der Dauphin, D. zu diesem Mordversuche angefeuert. Am 28. März wurde D. vom Parlamente zum qualvollen Tode vcrur- thcilt, worauf sofort die Hinrichtung auf dem Greveplatze begann. Nachdem er auf alle er- sinnliche Weise gemartert worden war, riß man ihn mit vier Pferden in Stücken, doch mußten zuvor die Sehnen durchschnitten werden. Die Stücke des Körpers wurden verbrannt, das Haus, in welchem D. geboren, niedergerissen und dieFamilie desselben unter Androhung des Todes aus Frankreich verbannt. Vgl. Samson, ,Memoires" (2 Bde., Par. 183»). Damiette oderDamiat, eine bedeutende Handelsstadt inNiedcrägypten am östlichen Ausflusse des Nil und am See Menzaleh, in einer fruchtbaren Gegend, der Sitz eines koptischen Bischofs, ist zwar klein und meist schlecht gebaut, indem nur die großen Kaufleute am Ufer schönere Häuser bewohnen, doch zählt sie gegen 20000 E. Sie hat wichtigen Reis- und Zuckerbau und in der Umgegend baut man ausgezeichneten Flachs, der zu geschätzter Leinwand verarbeitet wird. Obschon etwas herabgekommcn, treibt sie noch immer einen ansehnlichen Activhandel mit halbseidenen Zeugen, Leinwand, Baumwolle, syrischer Seide, NciS, Kaffee, Salmiak und Getreide; auch ist daselbst die Hauptniedcrlage aller zur See aus Syrien kommenden Waaren. Mehre Male in den I. 738—868 von den Griechen erobert und wieder an die Sarazenen verloren, ward sie wiederholt von den Kreuzfahrern 1155—69 belagert und leistete hartnäckigen Widerstand, besonders 1218 , wo die Sarazenen die Einfahrt des Nilarms durch eine starke Kette und einen dabei erbauten Thurm verschlossen hatten, bis es endlich den Christen gelang, nach 18monatlichcr Belagerung sie mit Sturm zu erobern. Beim Abschluß des Friedens wurde sie indeß dem Sultan von Ägypten 1222 zurückgcgeben. Bei der Landung Ludwig des Heiligen im I. 1239 kam sie von neuem in die Hände der Kreuzfahrer, fiel aber nach Ludwig's Gesangennehmung an ihren vorigen Besitzer zurück. Den Franzosen, die sie 1798 nahmen und hier am I. Nov. 1799 unter Kleber einen wichtigen Sieg über die Türken erfochten, wurde sie durch die Engländer unter Sidney Smith wieder entrissen und den Türken zurückgcgeben, unter deren Botmäßigkeit sie nun verblieb, bis sie 1833 dem Vicekönig von Ägypten übergeben wurde. Damiron (Jean Philibert), ein bekannter stanz. Philosoph, geb. am 10. Mai 1793 zu Bellcville im Nhonedcparccmcnt, kam stütz nach Paris, wo er in der Normalschule studirtc, und wurde dann am College Bourbon als Lehrer der Philosophie angestellt. Nach der Juli- revolution erhielt er eine Professur an der Normalschule und später auch am College de France. Als Schriftsteller trat er zuerst im „t7Iobe" auf, wo er in einzelnen Aufsätzen die Lehren der neuern stanz. Philosophen beleuchtete. Diese Artikel wurden später von ihm gesammelt in der „öistoire »1e Is jchilosopliie en krsnce SU 1 9ine siede" (Par. 1828). Trotz des Beifalls, den dieses Werk gefunden, fehlte esD., der sich zum EklekticismuS Cousin's bekennt, an selbständiger Kritik, um etwas Genügendes zu geben. Sein „6ours 6e;>Ki!ns<,- pbie", dessen erste Abtheilung die „?szdlo>ogie" (Par. 1831) und dessen zweite die „M.rsie" (Par. 1833; 2. Aufl., 1832) umfaßt, geben einen schlechten Begriff von seinen Vorlesungen. D. ist ein unklarer Kopf und verdankt seine gegenwärtige Stellung nur dem Einflüsse Cousin's. In der Ausgabe der „i>louvesux mdsnges" des zu früh verstorbenen Th. Jouffroy (Par. 1832) erlaubte er sich sehr willkürliche Veränderungen. Damm nennt man eine künstliche Terrainerhöhung, welche im Verhältniß zu ihrer Breite eine bedeutende Länge hat und zu verschiedenen Zwecken, wie aus verschiedenem Material erbaut werden kann. Entweder dienen die Dämme dazu, Überschwemmungen abzuwehren oder auf ihren Rücken Wege über Gewässer, Vertiefungen oder Morastboden zu führen, wornach sich dann auch die Großartigkeit ihrer Anlage und die Auswahl des Baumaterials richtet. Je nachdem die Ausschüttungen aus Steinen, Erde, mit solchen Schichten abwechselnden Faschinenlagen und ganz oder nur auf der Oberfläche aus dicht anein- Damm (Stadt) Dämmerang 27 ander gereihetcn Baumstämmen bestehen, heißen die Dämme Stein-, Erd-, Faschinen- oder Knüppeldämme. Damm, eine kleine, alte Stadt des pommerschen Regierungsbezirks Stettin, am Südcnde des Dammschcn Sees beim Einfluß der Pläne, mit 2600 E., hat nicht unbedeutende Lcinwandmärkte und starke Festungswerke, welche letztere sie zu den am rechten Oderufer liegenden Brückenkopf von Stettin machen. Dammarharz oder Katzenaugcnharz (kesins «laminar, Natao-cocdin) ist ein Harz, welches in Ostindien aus der vammara orientalis, in Neuholland aus der vammara austraiis (Cowdin-Fichte) ausfließt und mit Spiritus und Tcrpenthinöl ganz vorzügliche, farblose, schnell trocknende Firnisse gibt, die neuerdings häufig statt des Kopallacks, Mastix- firniffcs u. s. w. Anwendung finden. Dämmerung nennt man die Helligkeit, welche die Sonne schon einige Zeit vor ihrem Aufgange und noch einige Zeit nach ihrem Untergange verbreitet. Sie entsteht dadurch, daß die Lust, insbesondere aber die in ihr schwebenden Dünste und festen Theilchen, sowie die Wolken einen Theil des auf sie fallenden Lichts zurückwerfen und dadurch die von der Sonne nicht unmittelbar getroffenen oder beleuchteten Theile der Erdoberfläche erhellen. Unstreitig ist es eine sehr wohlthätige Einrichtung der Natur, daß der Übergang von der Nächtlichen Dunkelheit zur Tagcshelle und umgekehrt nicht plötzlich und sprungweise, sondern allmälig und durch die Dämmerung vermittelt stattfindet, wodurch dieNacht abgekürzt und einer nach- thciligcn Einwirkung auf das Gesichtsorgan vorgebengt wird. Diesen doppelten Vortheil würden wir entbehren, wenn die Erde von keiner Atmosphäre umgeben wäre. Man unterscheidet die bürgerliche und astronomische Dämmerung. Während der erster», die wir immer dann meinen, wenn wir im gewöhnlichen Leben von der Dämmerung sprechen, ist es so hell, daß wir ohne Licht lesen und die gewöhnlichen Geschäfte verrichten können; während der letzter« aber sind nicht alle Sterne sichtbar, die wir bei vollkommener Dunkelheit mit bloßem Auge erkennen können. Der Zeit nach unterscheiden wir Morgen- undAbend- dämmerung; der Anfang jener heißt Tagesanbruch. Im astronomischen Sinne fängt die Morgendämmerung an und hört die Abenddämmerung auf, wenn die Sonne eine Tiefe von 18° unter dem Horizonte erreicht hat; die bürgerliche Dämmerung dagegen fängt an und hört auf, wenn die Sonne 6°—6'/,° unter dem Horizonte steht. Derjenige Parallelkrcis des Horizonts, welcher 18° unter dem Horizonte liegt, heißt der Dämmerungskreis. Zuweilen bezeichnet mau jedoch mit diesem Ausdrucke auch die beinahe kreisförmige, immersehr verwaschene und undeutliche Begrenzung der Dämmerung gegen den völlig dunkeln Theil des Himmels. Die astronomische Dämmerüng dauert nach dem Gesagten beträchtlich länger als die bürgerliche; aber die Dauer dieser wie jener hängt von der Lage des Orts und dem Stande der Sonne ab. Unter dem Äquator dauert die astronomische Dämmerung nie länger als I St. 10 Min.; in der Nähe der Pole dagegen und in allen Gegenden, die vom Äquator mehr als 48'/? nach Norden oder Süden entfernt sind, dauert die Dämmerung im Sommer die ganze Nacht hindurch. Diese Hellen Nächte dauern desto länger, je weiter man sich vom Äquator entfernt; unter 49° der Breite vom 10. Juni — 2. Juli, unter 52° vom 20. Mai — 23.Juli, unter 54° vom 12. Mai — I.Aug., unter 60° vom 22. Apr. — 22. Aug., unter 70° vom 26. März—18.Scpt., unter 80°vom28. Febr.—I4.Oct., am Pole selbst vom 29. Jan. — 13. Nov. Im Allgemeinen dauert die astronomische Dämmerung an einem bestimmten Orte die ganze Nacht hindurch, sobald die Deklination oder Abweichung der Sonne iddirt zur Polhöhe oder geographischen Breite 72° oder mehr beträgt. Hieraus erhellt, daß für die dem Pole nahen Gegenden die Dämmerung während eines großen Theils der Zeit, wo die Sonne ihnen gar nicht aufgeht, immerfort dauert und daher die Abwesenheit der Sonne wenig fühlbar macht. Was den übrigen Theil dieser Zeit betrifft, so findet auch in diesem vor und nach Mittag eine Dämmerung statt, sobald die Sonne dann dem Horizonte bis auf 18° oder weniger nahe kommt, ja in dem größten Theile der kalten Zone tritt eine solche mittägliche Dämmerung sogar im tiefsten Winter oder am Tage des Wintersolstitiums ein, da die Sonne an diesem Tage um Mittag unter 68°, 70°, 75°, 80", 84'/? Breite nach der Reihe >'/?, 3'/?, 8'/?, 13'/?, 18° unter dem Horizonte und nur zwischen 84'/? und dem Pole tiefer als 18° unter dem Horizonte steht. Die kürzeste Dauer .^-'.'»7. ^ 'W-" '"^^WWWMSWM 28 Dammzieher Dämonen der Dämmerung findet auf der nördlichen Halbkugel bei einer südlichen, auf der südlichen bei einer nördlichen Abweichung der Sonne statt, die desto größer ist, je größer die Pvlhöhe oder geographische Breite, z. B. für 50° Breite bei 6° 58' südlicher Abweichung, d. i. am 3. Mär; und l l.Oct.; für 80° Breite bei 7° 53'südlicher Abweichung, d.i. am letzten Febr. und !3.Oct. Unter dem Äquator findet die kürzest« Dämmerung dann statt, wenn die Sonne im Äquator steht oder gar keine Abweichung hat, also-an den Tagen der Äquinoctien um den 21. März und 23. Sept.; sie dauert dann nur l St. l2 Min. Schon der arab. Astronom Alhazen hat die Tiefe der Sonne, bei welcher die Morgendämmerung anfängt und die Abenddämmerung aufhört, ziemlich richtig bestimmt, Nunnez (Nonius) aber die Tage der kürzesten Dämmerung. Der Letztere hat auch nebst andern Schriftstellern die Höhe der Atmosphäre aus der Dauer der Dämmerung zu bestimmen gesucht, was jedoch zu keinem genügenden Resultate führen konnte. Dammzieher heißt in der Artillerie eine Schraube, mit welcher man die Patrone (Cartouche) aus dem Geschützrohre wieder herauszieht, wenn man dasselbe entladen will. Der Dammzieher, der an einer langen Stange sich befindet, ist also für das Geschütz, was der Krätzer für das Kleingewehr und hat auch die nämliche Form. Damökleö, einer der Höflinge und Schmeichler des ältern Dionysius, des Tyrannen von Syrakus, pries zu wiederholten Malen die Pracht und das Glück eines Tyrannen gegen seinen Gebieter mit so glänzenden Farben, daß dieser sich versucht fand, ihn dieses Glück auf einige Zeit kosten zu lassen. Er ließ ihn in einen mit königlichem Aufwand verzierten Speisesaal führen, an einer reichbcsetzten Tafel den königlichen Sitz einnehmen und von Edelpagen bedienen. Allein nicht wenig erstaunte D., als er in vollem Genüsse dieser scheinbaren Herrlichkeit aufblickte,' denn gerade über seinem Haupte hing ein scharfgeschliffencs Schwert, welches an einem Pferdehaar befestigt war. Gerti verzichtete D. von jetzt an auf das von ihm so hochgepriesene Glück, als Dionysius mit den Worten sich an ihn wendete: „Glaubst du wol, daß Derjenige glücklich zu nennen sei, dem jeden Augenblick Schrecken und Gefahren drohen?" Cicero erzählt diesen Vorfall in seinen „Tusculancn" auf eine sehr anziehende Weise und Geliert hat ihn in einer besondern Fabel behandelt. Dämon und Phintias, nicht Pythias, wie er fälschlich fast immer genannt wird, zwei edle Pythagoreer aus Syrakus, sind berühmt als seltene Muster unerschütterlicher Freundschaft. Ihre Geschichte, die Schiller den Stoff zu der Ballade, „Die Bürgschaft" gab, erzählt ausführlich Cicero in den „Tusculancn" und in dem Werke „Über die Pflichten". Dämonen (senn), Geister, welche Einfluß auf die Schicksale der Menschen haben sollen, finden wir schon bei Homer erwähnt. Vorzugsweise nennt er die Götter Dämonen, und dämonisch ist ihm gleichbedeutend mit göttlich, sodaß die Ableitung des Worts Dämon von Daemon, d. i.' höchst einsichtig, Bestätigung erhält. Hesiod zählt schon 30000 in der Luft schwebende Dämonen oder Schutzgeister, welches die Seelen der Menschen aus dem goldenen Zeitalter sind. Eine eigentliche Classification derselben findet sich aber erst in der Pythagoräischen und neuplatonischen Lehre. ÄristoteleS unterscheidet die Unsterblichen in Götter und Dämonen, die Sterblichen in Heroen und gewöhnliche Menschen. In Platon's „Symposion" heißtjes von den Dämonen: „In der Mitte zwischen Gott und Mensch ist das Dämonische, also die Ergänzung, damit das Ganze in sich selbst verbunden sei. Denn Gott verkehrt nicht mit Menschen, sondern aller Umgang und Gespräch der Götter mit den Men- schen geschieht durch die Dämonen, sowol im Wachen als im Schlafe. Solcher Dämonen oder Geister gibt es viele und vielerlei." An andern Stellen berichtet Platon von ihnen, sie seien in Lust gekleidet, wandeln über dem Himmel, schweben über den Sternen und verweilen auf der Erde; sie schauen unverhüllt in die Geheimnisse der Zukunft und verwalten sie nach Gefallen; jeder Sterbliche erhalte mit dem Leben einen eigenthümlichen Dämon, der ihn bis ans Ende begleite und seine Seele zu dem Orte der Reinigung und Strafe führe. Im Allgemeinen dachte sich das Volk unter ihnen die Gottheit, sofern sic die menschlichen Schicksale lenkt, und man theilte sie, in Beziehung auf die Wirkungen, die ihnen zugeschrieben wurden, in gute und böse Geister, in Agathodämonen und Kakodämonen. Die Römer verstanden unter Dämonen vorzugsweise die abgeschiedenen Geister. Der Ursprung der Dämonenlehre oder Dämonologie ist im Orient zu suchen. In der Lehre der Dampf 29 Hindu, Welche außer dem höchsten Wesen, dem Parabrahma oder Brahma (s. d.) 33000 Götter und eine unaussprechliche Zahl Götterdiener annehmen, heißen die Dämonen Deit- jas. Systematischer ausgebildet finden wir die Dämonologie im Parsismus, der Religion Zoroaster's. Diese und das Judenthum sind es auch in der alten Welt allein, welche die Vorstellung böser Geister mit der von einem Oberhaupte derselben, einem Satan, verbanden. Den Genien im Reiche des Ormuzd oder des Lichts, Jzeds genannt, stehen die nieder» Dews, die Genien im Reiche des Ahriman oder derFinsterniß, entgegen. Nach derMeinung derÄgyp. ter waren der Kreis des Mondes, Wasser, Erde und Lust mit Dämonen angefüllt; sie standen den Elementen und Körpern vor, übten ihren Einfluß auf Steine, Metalle und Pflan- zen und hatten die Seelen der Menschen in ihrer Macht. Ob Ägypten seine Dämonenlehre aus dem Parsismus entlehnt, ist zweifelhaft; beide berührten sich aber später in einem Punkte, um gemeinschaftlich eine neue zu gestalten. Obschon nämlich die Dämonenlehre auf verschiedenen Wegen über Vorderasien nach Griechenland kam, so war doch Ägypten die Hauptquelle für die höhere Dämonologie der Griechen, unter denen sie sich durch die Orphiker und die Mysterien verbreitet hatte. Die Juden schöpften sie zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft unmittelbar aus dem Parsismus, und wenn sie auch früher Engel (s. d.) gekannt haben sollten, so wurde doch die Lehre von ihnen erst in und nach der.babylonischen Gefangenschaft ausgebildet. Derselbe Dualismus, den wir in Zoroaster's System bemerken, thut sich auch hier hervor; es gibt sieben gute Dämonen, welche den Staatsrath Jehovah's ausmachen und immer vor seinem Throne stehen (Tob. >2, l 5.), und dagegen böse, mit dem Satan oder Asmodi an der Spitze. Nachdem unter den Seleuciden und Ptolemäern die Juden mit Ägyptern und den Griechen, besonders in Alexandrien, in lebhafter« Verkehr getreten, gesellten sich zu den aus dem Parsismus aufgenommenen Vorstellungsarten ägyptisch-griechische. Äls Christus austrat, hatte sich der Ausdruck Dämon im Sinne eines bösen plagenden Geistes schon bestimmter ausgebildet. So bildeten sich nun die Begriffe von Dämonen, die von dem Leibe der Menscben Besitz nehmen (s. Besessene) und sie plagen, und von den Mitteln dagegen, z. B. von Wunderkräutern. Ändererseits war ein Äusspruch Christi, bei Matth. 28, 10., Veranlassung zur Annahme des Satzes, daß jedem Menschen ein Engel als Schutzgcist beigegeben sei. Die christlichen Schriftsteller machten jene böse Bedeutung von Dämonen zur herrschenden und bezeichncten mit diesem Namen besonders die Götter der Heiden. Die Lehren der alten Kirche über den Fall der Dämonen, angeknüpst , an l Mos. 6, 2., und über ihre Wirksamkeit sind ein Gemisch jüdischer und platonischer Vorstellungen ; dennoch dachte sie die letztere immer bedingt durch Gottes Rath und Zulassung. In den germanischen Völkern steigerte sich die Idee einer Besitznahme durch Dämonen bis zu der eines Bündnisses mit dem Teufel (s. d.). Dampf nennt man die elastische, luftsörmige Flüssigkeit, welche sich bildet, sobald ein fester oder tropfbarer Körper mit einer gewissen Menge Wärme dergestalt in Verbindung tritt, daß eine Veränderung seines Zustandes herbeigeführt wird.. Der Dampfchat die Eigenschaft, daß er, wenn man ihm alle oder doch einen Theil der Wärme entzieht, welche zu seiner Bildung gebunden wurde, ganz oder theilweise sich condensirt, d. h. wieder in den tropfbar flüssigen Zustand zurückkehrt. Dadurch unterscheidet er sich von dem Gas (s. d.), welches, wenn es abgesperrt, einem bedeutenden Drucke oder einer sehr erniedrigten Temperatur ausgcsetzt wird, dem Volumen nach abnimmt, aber seine erpansible Gestalt behält. Dämpfe und Gase, wie Einige gethan, für identisch zu halten, scheit zu weit gegangen zu sein. Füllt man ein Gefäß mit Dampf, so bleibt dieser vollkommen durchsichtig, so lange die Temperatur auf der gehörigen Höhe gehalten wird, sobald sich jedoch die Wärme vermindert, bilden sich kleinehohle Kugeln, Dampfbläschen, welche den Lichtstrahlen den Durchgang wehren, und diesen Nebel, der schon einen Theil der verdampften Flüssigkeit als Niederschlag enthält, nennt man D unst (s. d.). Die Menge der Wärme, welche zur Dampfbildung nöthig ist, die latente Wärme, richtet sich nach der Beschaffenheit der Körper. Für Wasser z. D. beträgt sie etwa 5'/- mal so viel als nöthig wäre, um die Temperatur desselben von 0° auf 80° R. zu erhöhen oder um dieselbe auf 520° N. zu bringen, wenn anders das Wasser diese Wärmemenge aufnchmen könnte, ohne in der Form geändert zu werden. Das Wasser verwandelt sich bei allen bekannten Temperaturen in Dampf, dessen Dichtigkeit jedoch von den- 30 Dampfbad selben abhängig ist und zwar dergestalt, daß die Dämpfe um so schwerer sind, je höher die Temperatur ist, unter welcher der Dampf gebildet wird; doch müssen dabei die Dämpfe immer noch mit dem Wasser, aus welchem sie gebildet werden, in Berührung bleiben. Wäre dies nicht der Fall, so würden sie nach Verhältniß der steigenden Temperatur sich ausdehnen und an Dichtigkeit verlieren oder, wenn das Gefäß geschlossen ist, ihre Elasticität vermehren. Ein Cubikzoll Wasser §. B. in einem dichten, luftleeren Gefäß von 1700 Cubikzoll Inhalt würde bei 80° R. verdampft sein. Wollte man das Gefäß auf 90° R. erhitzen, so würde sich dieser Dampf nach demselben Gesetze wie die Luft und zwar um so viel ausdehnen als die Temperatur Erhöhung von 10° R. bedingt; es würde die Elasticität und damit auch der Druck auf die Wände des Gefäßes vermehrt werden, und in dieser Erscheinung liegt der Grund so mancher Unglücksfälle bei Dampfkesseln. Die Elasticität der Dämpfe, d. h. die Kraft, mit welcher sie gegen die ihrer Ausdehnung entgegenstehenden Gegenstände drücken, wächst mit ihrer Dichtigkeit, jedoch in einem sehr rasch zunehmenden Verhältnisse und hängt nur von der Temperatur ab, bei welcher die Entwickelung vor sich geht. Man mißt diese Elasticität nach Atmosphären oder Zollen der Quecksilbersäule in einer Rohre. Sagt man z. B., der Dampf äußert einen Druck von 28 Zoll, so heißt dies, jeder Theil der einschließendcn Wand wird von dem Dampfe so gedrückt, als läge dieser Theil horizontal und es lastete auf demselben als Grundfläche eine Quecksilbersäule von 28 Zoll Höhe. Da nun dieser Druck dem Drucke der Atmosphäre, welcher 14 Pfd. auf den Quadratzoll beträgt, gleich kommt, so sagt man statt dessen auch, der Dampf übe hier den Druck einer Atmosphäre und die Elasticität des Dampfes komme einer Atmosphäre gleich. Da nun die Elasticität des Dam- vses bei gleicher Temperatur schneller wächst als die Dichtigkeit, so muß man z. B- bei Dampfmaschinen, wo die Elasticität die treibende Kraft ist, stets mit Dämpfen vön'hoherer Temperatur arbeiten. Versuche haben gelehrt, daß bei 80° R. der Wasserdampf einen beinahe 2000 mal so großen Raum einnimmt als das Wasser, aus dem er gebildet ward, wenn dasselbe beim Anfänge der Operation eine Temperatur von 3° N. hatte. Wie groß übrigens die Elasticität der eingeschloffenen Wasserdämpfe sein müsse, geht aus der Thatsache hervor, daß 130 Pfd. Wasser in Dämpfe verwandelt eine Explosion Hervorbringen, mittels deren man ein Gewicht von 77000 Pfd. fortbewegen kann, während das aus 130 Pfd. Schießpulver entwickelte Gas nur einen Effect von 30000 Pfd. hervorbringt. Im Allgemeinen nimmt man an, daß ein Cubikzoll Wasser einen Cubikfuß Dampf von einer Atmosphäre oder 28 Zoll Quecksilber liefere, und daß, um dies Wasser in Dämpfe zu verwandeln, bei gleichförmiger Hitze das Sechsfache der Z,eis erfvdcrt werde, dessen es bedarf, um die Temperatur des Wassers tzgn.02 bis auf 80° N. zu steigern. Auch über andere Dämpfe sind, ob- wol nicht so umfassende, Versuche angestellt worden als über die Wasserdämpfe. So beträgt z. B- nach Schmidt die Dichtigkeit der Alkoholdämpfe nur 0,0001 >23 von der des Wassers bei 17° R. und 0,00162 bei 63,5° N. dem Siedepunkte des Alkohols. Über die Expansivkraft der Schwefelätherdämpfe wurden ebenfalls von van Marum, Gay- Lussac, Dalton und Despretz Versuche angestellt, die jedoch große Differenzen ergaben. Tredgold stellte viele Beobachtungen an, aus denen er dann eine allgemeingültige Formel entwickelte, die sehr gute Resultate lieferte. Nach derselben hat z. B. bei >80° N. der Dampf eine berechnete Elasticität von 108,10 Zoll, während die beobachtete 108,30 betrug. Die Dichtigkeit dagegen beträgt nach Munke 0,002913 von der des Wassers.> Die Dichtigkeit des S chwefelkohlenstoffdampfes ist nach Gay-Luffac 2,6337 von der Dichtigkeit der atmosphärischen Luft und seine Elasticität bei 12° R. 7,6 Zoll, und die Dichtigkeit des Terpen thinöldampfes nach Gay-Lussac 5,013 von der Dichtigkeit der atmosphärischen Luft, seine Expansivkraft aber nach Tredgold bei 310° F. 33,5 engl. Zoll, bei 330° F. 37,30 engl. Zoll und bei 362° F. 62,3 engl. Zoll. Dampfbad nennen wir das Umgeben des ganzen Körpers oder einzelner Thcile desselben mit heißen Wasserdämpfen. Den alten Griechen und Römern scheint das Dampfbad unbekannt gewesen zu sein; sie hatten in ihren Schwitzbädern zwar Bassins mit heißem Wasser gefüllt, allein die Quantität der sich daraus entwickelnden Dämpfe war zu gering, um ein Dampfbad darstellen zu können, auch war die ganze Einrichtung ihrer Bäder nur auf ein Bad in heißer Luft und heißem Wasser berechnet. Nach Deutschland sind die Dampf- Dampfbleiche 31 bäder aus Rußland gekommen; die Russen aber haben sie in sehr früher Zeit wahrscheinlich aus dem Orient erhalten, obgleich die jetzigen oriental. Bader keineswegs auf den Namen Dampfbäder Anspruch machen können. In Deutschland wurden sie durch die russ. Truppen während des Kriegs mit Frankreich bekannter und ihr Mangel fühlbar, was zuerst den Stifter des Mariannenbads in Berlin bewog, 1818 seiner Anstalt ein russ. Dampfbad beizufügen. Seitdem sind in sehr vielen Städten Deutschlands derartige Anstalten ins Leben getreten; doch hat das russ. Dampfbad (s. Bad) in Deutschland mit Rücksicht auf Bequemlichkeit und auf Verhältnisse der Körperconstitution und Nationalgewohnheiten manche Modisication erfahren. Das Wesentliche des deutschen Dampfbades besteht in Folgendem. Der Badcraum ist ein geschlossenes Zimmer, an dessen Seiten sich mehre übercinanderlie- gende terrassenförmige Erhöhungen befinden, um dem Badenden Gelegenheit zu geben, sich bald in einer höhern, bald in einer gemäßigten Temperatur aufzuhaltcn. Die Wasserdämpfe werden durch Aufgießen von Wasser auf glühende Steine erzeugt, auch wol zuweilen mittels eines Dampfkessels; doch scheint die erste Art den Vorzug zu verdienen. Außerdem befinden sich im Baderaume noch Gefäße mit kaltem, lauem und warmem Wasser, Vorrichtungen zu kalten und lauen Regenbädern und Begießungen und zur Douchc. Die Temperatur steigt auf jeder der Estraden um S'/? R. und in den meisten Badeanstalten kann man aus einer Wärme von 3V" am Boden des Zimmers bis in eine von 50" hinaufsteigen. Der Körper wird dabei öfter mit lauem oder kaltem Wasser übergosscn und dann aufs neue der Einwirkung der Dämpfe ausgesetzt, welche man durch sanftes Peitschen und Reiben mit Birkenreisig und Seifenschaum unterstützt. Die Länge der Zeit, welche man im Bade zubringt, wird durch den besonder« Zustand des Badenden und sein Wohlbehagen dabei bestimmt. Das Dampfbad ist nicht nur als diätetisches Mittel sehr zu empfehlen, auch leistet es in Krankheiten außerordentliche Dienste, besonders in solchen, die ihren Sitz im Hautorgane haben; doch sollte das Dampfbad nie anders als nach genommener Rücksprache mit einem Arzte angewendet werden, da viele Zustände den Gebrauch desselben als eines energisch in den GesammtorganismuS eingreifenden Mittels thcils einschränken, theils gänzlich verbieten, so namentlich Krankheiten, die sich auf eine gestörte Blutbcrcitung gründen. Außerdem allgemeinen Dampfbade werden Wasserdämpfe noch partiell angewendet, entweder auf den ganzen Körper, mit Ausnahme des Kopfes, um die Nespirationsorgane frei zu halten, in eigenen dazu verfertigten Kästen, oder auf einzelne Körpertheile, was ebenfalls in Kästen oder in Form der Dampfdouche geschieht, einer Vorrichtung, mittels welcher ein Damps- strahl auf einen einzelnen Punkt des KörverS geleitet wird. Auch können mit den Dämpfen flüchtige Stoffe, wie Gase, ätherische Öle, spirituöse Substanzen u. s. w. zur Einwirkung auf den Körper gelangen, die nach Maßgabe ihrer Eigenschaften zu allgemeinen oder zu partiellen Dampfbädern verwendet werden. — Vom Dampfbade ist das Rau chbad zu unterscheiden, welches auch aus Dämpfen, aber nicht von flüssigen sondern von trockenen, durch Hitze verkohlten Substanzen besteht. Ein solches Bad sollen nach Herodot schon die Scythcn gehabt haben, wobei die Dämpfe aus Hanfsamen, den man auf heiße Steine warf, entwickelt wurden. Dampfbleiche. Das langwierige und überdies kostspielige Verfahren der gewöhn- liehen Rasenbleiche ist durch die von Chaptal cingeführte Dampfbleiche bedeutend abgekürzt worden. Hierbei werden nämlich die mit Natron oder Kalilauge gehörig gesättigten Gewebe in einem geschloffenen Raume den Wasserdämpfen von ziemlich hoher Spannung ausgesetzt, welche, mit dem vorhandenen Kali vereint, die Auflösung des Pflanzenpigments in sehr kurzer Zeit bewirken. Der Apparat ist kürzlich folgender: Über einem flachen Kessel ist eine Dampfkammer von Sandstein aufgeführt, welche oben geschlossen und mit einem Sicherheitsventil versehen ist und eine Thür zum Einbringen der Gewebe hat. Über der Wasserfläche befindet sich ein hölzerner Rost, auf welchem die Gewebe aufgeschichtct werden. Ist nun der Kessel mit Wasser gefüllt und der Rost beschickt, so wird gefeuert und die Operation geht vor sich, die alkalische, mit dem Pigmente gemischte Flüssigkeit,, welche sich aus den condensirten Dämpfen bildet, wird unter dem Roste aufgefangen. Übrigens kann man mittels eines Dampfrohrs aus einem und demselben Kessel mehre Apparate speisen, wo man dann die Gewebe nicht so hoch übereinander zu schichten braucht, was die Operation 32 Dämpfer Dampfgeschoß hindert, da durch zu hoch gepackte Gewebe die Dämpfe nur ungleichmäßig dringen. Zum Einbrüchen muß man sich concentrirter Lauge bedienen und das Dämpfen abwechselnd mit dem Auslegen auf dem Bleichplane wiederholen, bis die Gewebe völlig weiß sind. Die ganze Operation dauert, wenn man Lauge von 5" B. anwendet, etwa drei Stunden. Dämpfer (franz. sourcline, ital. sorclina oder sorciino) nennt man eine Vorrichtung an den musikalischen Instrumenten, besonders an den Saiteninstrumenten, theils um den Ton sanfter und schwächer zu machen (zu dämpfen), theils um das Fortklingen der Saite zu hindern. Bei den Geigeninstrumenten besteht diese Vorrichtung am zweckmäßigsten aus einem buxbaumenen, elfenbeinernen oder metallenen Kamme, von dessen Zacken der Steg fest umklammert wird. Außerdem hat man Dämpfer an Hörnern, Pauken, Trompeten und Pianoforten. Das Auffetzen der Dämpfer wird durch con sorcüni, das Wegnehmen derselben durch senr» i sortlini, abgekürzt 8. 8., bezeichnet. Dampfgeschoß. Die genaue Verwandtschaft der Wirkung des durch die Verbrennung des Schießpulvers entwickelten Gases mit der der eingeschlosscncn Wasserdämpfe mußte sehr bald die Aufmerksamkeit auf die Frage hinlenken, ob cs nicht möglich sei, den Dampf aus die Forttreibung von Projectilcn anzuwenden. Die Ersten, welche diese.Jdce wirklich in Ausführung brachten, waren Perkins in London und der General Girard in Paris. Sobald sich nämlich in einem Rohre ein Geschoß befindet, welches dasselbe vollständig ausfüllt, und es tritt hinter dieses Geschoß Dampf von hoher Elasticität in das Rohr, so wird dieser das Geschoß vor sich Hertreiben und dieses mit einer Geschwindigkeit aus dem Rohre treten, welche mit der Elasticität des Dampfes in einem gewissen Verhältnisse steht. Die Application der Triebkraft auf die Kugel kann nun zweierlei sein, entweder sie wirkt stoßweise, wie das Pulvergas, auf die Kugel, oder schiebend, wie der Damvf auf den Kolben im Dampf- cylinder. Nach Rumford's, Nobin's und in neuerer Zeit nach Rommershausen's Versuchen steht der Stoß, welchen das Pulvergas im Augenblicke der Entzündung auf das Geschoß äußert, dem Drucke von 2666 Atmosphären gleich. Wollte man also den Dampf (s. d.) auf dieselbe Art wirken lassen, so müßte man, um Dampf von so hoher Elasticität zu erzeugen, eine Temperatur von etwa 685" N. (Rothglühhitzc) anwenden, und selbst noch für , eine Elasticität von 1666 Atmosphären müßte die Temperatur 536" R. betragen. Nun aber bedingt nur das Pulvergas diesen enormen Stoß, da es sich hinter der Kugel her ausdehnt und dabei seine Triebkraft verliert, was sich bei Wasserdämpfcn anders verhält. Man kann hier die Triebkraft gleichförmig durch die ganze Länge des Rohrs wirken lassen, wodurch die Bewegung der Kugel nach und nach immer mehr beschleunigt wird. Berechnung und Versuche haben gelehrt, daß bei einem Dampfdrücke von etwa 66 Atmosphären eine zweilöthige bleierne Kugel ein Rohr von vier Fuß Länge mit einer Geschwindigkeit von 1266 F. in der Secunde, wie bei der Anwendung des Schießpulvers, verläßt. Nun aber ver hält sich die nöthige Elasticität des Dampfes umgekehrt wie die Länge des Rohrs, und man wird daher für ein sechs Fuß langes Rohr nur einen Dampfdruck von 40 Atmosphären brauchen, welcher in compendiösen Generatoren erzeugt werden kann. Man kann dann mit einem Dampferzeuger, dessen Dampffläche 36 OF. beträgt, so viel Dampf bereiten, als nothwendig ist, um 126 Schüsse in der Minute zu thun, während man für 66 Schüsse nur 15 LlF. Dampffläche braucht. Mit dem wachsenden Kaliber wachsen aber auch die Schwierigkeiten und eine sechs Fuß lange Dampfkanone, welche einpfündige Kugeln mit einer Geschwindigkeit von 1666 F. in der Secunde, wie beim Pulvergase, schießen sollte, würde einen Dampfdruck von 139'/-Atmosphären bedürfen, einen Druck, den man durch eine Länge des Rohrs von 12 F. auf 7 0 Atmosphären reduciren könnte. Ein solches Geschütz aber erfodert, wenn es in der Minute nur acht Schüsse thun soll, eine Dampfmaschine von neun Pferdekräften und eine Dampsfläche von 96 mF., welcher Apparat nicht mehr transportabel ist und das Geschütz also nur auf den Festungsgebrauch beschränkt, wo der Vortheil des Schnellschießens kaum mehr in Betracht kommt. Wollte man mit einer solchen Kanone 61 Schüsse in der Minute thun, wodurch man den Effect von zwölf gewöhnlichen Geschützen, nicht aber eine so genaue Richtung u. s. w. erhielte, so bedürfte man dazu einer Dampfmaschine von 72 Pferdekräften. Demnach dürften Dampfkanoncn in der Praxis Dampfheizung x r« » 33 wol kaum anwendbar sein, und man wird sich auf die von Per?ms ausgeführte Dampf- slinte beschränken müssen, welche in der Adelaidcgalcrie in London ausgestellt ist. Die- selbe ruht auf einem Wagen, welcher zugleich den Dampfapparat enthält, und besteht aus einem Flintenrohre, das jede beliebige Richtung annchmen kann und auf dessen hinterm Ende ein zweites trichterförmiges Rohr steht, das mit Kugeln gefüllt ist, welche in das Hauptrohr rollen und von dort aus durch den mittels eines Ventils hincingeleiteten Dampf fortgetrieben werden. Aus dieser Flinte kann man in vier Secunden 7 v Schüsse, jeden einzeln, thun, was, den zum Laden erfoderlichcn Zeitaufwand abgerechnet, -12V Schüsse in der Minute beträgt. Durch mehre nacheinander aufgebrachte Trichter kann man die Schnelligkeit bis auf l vvv Schüsse in der Minute steigern. Die vom General Girard 1813 erfundene sogenannte Dampfb atterie, welche l8v Schüsse in der Minute that, bestand aus sechs Flintenröhren, in welche die Kugeln mit dem Dampfe zugleich eintraten. Bei der Einnahme von Paris im 1.1811 wurde sic von den Fran-osen zerstört. Dampfheizung. Die vielseitig technische Anwendbarkeit des Wasserdampfcs mußte sehr bald auf die Idee führen, denselben auch zur Heizung zu benutzen, wozu ihn der bedeutend hohe Tcmperaturgrad, welchen die Dämpfe in geschloffenen Räumen, selbst bei geringer Pressung, annchmen, vorzüglich geeignet erscheinen ließen. Die Anwendung selbst stellte sich höchst einfach dar, indem cs nur nöthig war, die in einem abgesonderten Raume erzeugten Dämpfe in die zur Heizung bestimmten Räume zu führen und dort, mit guten Wärmeleitern umgeben, circuliren zu lassen, wo sie dann ihren überschüssigen Wärmegrad an die umgebende Luft abgeben, dadurch aber in Wassergestalt roüdshsirk sich ivieber'abfüh- ren lassen würden. Auf diese einfache Theorie hin baute Tredgold sein System der Dampfheizung, und die Erfahrung hat dasselbe als vollkommen praktisch erwiesen. In irgend einem Raume wird nämlich ein Dampfkessel von angemessener Größe und mit Sicherheitsventilen und Nachfüllungsapparat versehen, ausgestellt. Von ihm aus geht das Hauptdampfrohr, das sich nachher in mehre, mit Drosselventilen versehene Nebenröhren theilt, welche die Dämpfe nach den einzelnen Zimmern führen, wo sic durch Wärmebehälter von beliebiger Form aus Gußeisen oder Eisenblech geleitet, ihre Wärme abgeben, und als Condensations- waffer wieder in den Nachfüllungsbehälter zurückfließen. Wo man keine besonder» Wärmebehälter aufstellen will, kann man die Dampfröhren selbst dicht am Zimmerboden herumführen und das Condensationswasser ableiten. Alle Dampfröhren, in denen Condensirung eintrcten kann, müssen so gelegt werden, daß sic einen Fall von etwa '/,»o haben, und zwar in der Richtung des Dampsstrvms, weil sonst in den Röhren das durch den Dampfdruck auf- gchaltene Condensationswasser Verstopfungen herbeiführen würde. Wo' die Röhren nicht zur Wärmeausströmung bestimmt sind, werden sie mit schlechten Wärmeleitern umgeben, um eine Abkühlung der Dämpfe und Condcnsation zu verhindern. Ein Pfund Dampf, dessen Temperatur 80° R. hält, gibt so viel Wärme ab als nöthig ist, um ein Pfund Wasser von 0° auf 52V" zu erhöhen; condensirt sich also dieser Dampf zu Wasser von 8V" R-, so kann er noch an die ihn umgebenden Flächen 410° Wärme abgeben, und da die Anzahl der Cubikfuß Luft von 0° für ein Pfund 13,6 ist, so bedürfte man für ein Zimmer von 300 Cu- bikfuß Rauminhalt in jeder Minute der Beheizung Pfund Dampf. Wenn man nun, um ein Pfund Dampf in der Minute zu erzeugen, 10 lUF. Beheizungsfläche bedarf, so würde eine Beheizungsfläche von 2'/, n>F. für diesen Bedarf hinreichen. Da jedoch durch die Leitungen und andere nachtheilig wirkenden Umstände der Temperaturgrad des Dampfes, ehe er in die zu beheizenden Räume kommt, vermindert wird, so muß man für diesen Verlust die Beheizungsfläche auf mindestens 3 lüF. annehmen. Die Ausstrahlungsflache der Wärme, sie sei auf Wärmebehälter oder Röhrenlagen vertheilt, richtet sich der Größe nach ebenso wol nach der Temperatur der Dämpfe als nach dem Drucke, unter welchem dieselben erzeugt werden, und nach der Temperaturdiffcrenz, welche durch die Heizung ausgeglichen werden soll- So kann der oben angenommene Raum von 300 Cubikfuß mit Dämpfen, welche bei 75 R. Temperatur unter einem Drucke von drei bis vier Pfund auf den lUZoll erzeugt werden, von — 5°R. auf-j- ,5° R. mit einer Ausstrahlungsfläche von 107,7 mF. gebracht werden. Für die Ausstrahlungsröhren ist der Durchmesser von vier Zoll der geeignetste. Horizon« Sonv.. Sex. Neunte Ausl. IV. 3 34 Dampfkochen tale Röhren wärmen besser als senkrecht stehende. Das Condensationswasser wird in eigenen Röhren von den Endpunkten der verschiedenen Ausstrahlungsröhren nach dem Nach- süllungsapparat zurückgeführt und kommt noch warm in den Dampfkessel zurück. Am Ende der Ausstrahlungsröhren ist ein Lufthahn angebracht, um bei der Anheizung die kalte Luft aus den Röhren ausströmen zu lassen, da außerdem dieselbe dort comprimirt werden und jener Theil der Röhren kalt bleiben würde. Ebenso muß man nach Beendigung der Heizung dort wieder Luft einströmen lafftti, da sonst hier nach Condenstrung des Wassers ei» luftleerer Raum entstehen und der Druck der äußern Lust, namentlich bei Blechröhrcn, dieselben zusammenpreffen würde. Abgesehen von der Ersparung der Brennmaterialien und der gleichförmigen Wärme, ist die Dampfheizung schon darum vortheilhafter, weil sie bei weni- germ Aufwande an Mauerwerk und Raum kleinere Heizungsflächen zuläßt, da der Wärmeverlust in den Leitungsröhren durch zweckmäßige Anstalten bis auf das Minimum sich bringen läßt. Hauptsächlich ist die Dampfheizung dort anwendbar, wo von Einem Feuerungsraume die Wärme für sehr viele Locale permanent bestritten werden soll, z. B. in Fabriken, Gefangenhäusern u. s. w., da man mit mäßigem Drucke und geringem Wärmeverlust die Dämpfe sehr weit hin und namentlich sehr hoch hinauf verführen unddieLei- kungsröhren zwischen Gebälken durch und unter hölzernen Fußböden hin ohne Feuersgcfahr leiten kann. Dampfkochen nennt man das Verfahren, bei welchem der Dampf entweder als ein Mittel, Wärme mitzutheilen, oder als Auflösungsmittel betrachtet wird. In der zuerst genannten Wirksamkeit wird der Dampf hauptsächlich bei Erwärmung des Wassers und anderer Flüssigkeiten angewendet. Für eine Erhitzung.hepseMn unter dem Siedepunkte, wie z. B. bei Bädern, beim Abdampfen, Trocknen der Leinen- und Baumwollenzeuge u.'s. w., bedient man sich Metallplatten oder Röhren, welche mit den zu verdampfenden Flüssigkeiten in Berührung kommen; für den Fall aber, daß man höhere Tempcraturgrade verlangt, muß man die Wasserdämpft in dieselben unmittelbar eintreten lassen, und will man einen Tcm- peraturzrad über 80 ° R. erlangen, so müssen die Siedgefäße geschlossen und mit einem Sicherheitsventil versehen sein, dessen Belastung sich nach dem zu erreichenden Temperatur- grade richtet. Zum Sieden der Flüssigkeiten mittels Wasserdampf wendet man hölzerne Bottiche an, da einerseits das Holz ein schlechterer Wärmeleiter ist als Metall und andererseits Metalle in Fällen, wo die Flüssigkeit Salze enthält, leicht schädlich einwirken oder doch angegriffen werden könnten. Übrigens ist dieses Verfahren nur bei solchen Flüssigkeiten anzuwenden, bei denen die durch die Condei fl lru u über Dämpfe hinzutretende Wasscrmenge nicht schädlich ist. In dftBgllicho-läßi^nM, möglichst nahe am Boden, weil sonst die untere SchWIalt bleibts-ÄleDämpfe durch ein Rohr eintreten, das nach innen hin trichterförmig gebildet ist, weil ohne diese Vorsichtsmaßregel die Dämpfe sich stoßweise condensiren und Schaden anrichten würden. Es hat diese Art der Dampfkochung die Vorthcile, daß sie das Anbrcnnen verhindert, jeden Hitzegrad gewährt, daß man die Operation der Kochung in vom Feuerraume entfernten, beliebig großen Gefäßen vornehmen und daß man mehre Kochapparate von einem und demselben Dampfkessel aus Heizen kann. Eine modisicirte Neben- anwendung dieses Verfahrens ist das Kochen der Speisen für den Hausbedarf und das Dämpfen des Viehfutters für Landwirthschaften, Verfahrungsarten, welche, in England schon länger bekannt, auch in Deutschland mehr und mehr in Aufnahme kommen. Hier nämlich treten die Wasserdämpfc, statt in die zu erwärmenden Flüssigkeiten, gleich in die zu kochenden, oder vielmehr zu dämpfenden Gegenstände. Wahrscheinlich gab zu denselben der Papin'sche Topf Veranlassung. (S. Papin.) Der Wasserdampf nimmt nämlich, wenn man seiner Ausbreitung Schranken seht, eine sehr heftige Hitze an und dringt in verschlossenen Räumen, vermöge seiner großen ausdehnendcn Kraft, viel leichter in die Zwischenräume der thierischen und vegetabilischen Körper ein, die man seiner Einwirkung unterwirft, vermindert den Zusammenhang ihrer Theile und löst ihre Säfte besser und schneller auf als kochendes Wasser vermag, indem der Dampf nicht allein durch seine größere Wärme sondern auch durch den Druck, den er auf die einzelnen Theile des Körpers gleichmäßig von allen Seiten ausübt, auf ähnliche Art wirkt, als wenn der Körper in möglichst feiner Zertheilnng bei gleicher Wärme im Wasser behandelt würde. Auf diese Erfahrungen Dampfkugel Dampfmaschinen 35 nun gründet sich das Kochen der Speisen im Wafferdampfe. So kocht man die Kartoffeln in einem Topfe, der auf dem Boden nur wenig Wasser enthält, dessen übriger Raum über einer ArtRost mit trocknen Kartoffeln gefüllt und der oben mit einem genau passendenDeckel geschloffen ist. Die in der neuesten Zeit sehr vervollkommneten Dampfkochtöpfe oder Digestoren haben folgende Einrichtung. Ein beliebig geformtes Gefäß von Gußeisen innen emaillirt oder auch von starkem, verzinnten Eisenblech hat an seiner Innern Wand, etwa auf der Höhe einen hervorstehenden Rand, auf welchen ein kleiner Rost von dünnen Stäben gelegt werden kann. Oben hat das Gefäß einen Falz, in welchen ein Deckel genau schließt und mittels Schrauben luftdicht befestigt werden kann. Die Mitte dieses Deckels ist durchbohrt und das Loch mit einer genau deckenden Platte verschlossen, welche durch eine starke Feder angepreßt, durch allzuhoch gespannte Dämpfe aber gehoben wird, wodurch den Dämpfen, welche sonst das Gefäß sprengen würden, ein Ausgang gestattet ist. In dieses Gefäß wird nun, bis etwa auf einen Zoll unter dem Roste, Wasser gefüllt, und dann die zu dämpfenden Gegenstände, wenn sie trocken sind, unmittelbar auf den Rost gelegt; sind sie dagegen so beschaffen, daß sie durch den Rost fallen würden, oder daß man ihren Saft erhalten will, so legt man sie auf Teller und stellt diese auf den Rost; dann schließt man den Apparat und setzt ihn so lange der Hitze aus, bis die Gegenstände den gewünschten Kochungsgrad erlangt haben, oder gahr sind. Saftlose und getrocknete Gegenstände, z. B. trockene Hülsenfrüchte u. s. w., lassen sich nur dann mit Dampf kochen, wenn man sie zuvor eine Zeit lang im Wasser hat weichen lassen. „ _ ^ Dampfkugel. Die Erscheinung, daß Wasser,- in eiüd Ni ls Ml er eng en Ausstußröhre versehene, außerdem verschlossene metallene Kugel gefüllt, sich, wenn letztere stark erhitzt wird, in Dämpfe verwandelt, welche mit großer Gewalt aus der Röhre strömen, war schon den Alten bekannt. Sie bauten darauf, wie Vitruv erzählt, eine Theorie für die Entstehung der Winde und nannten die Kugel selbst deshalb /Veollpila, unter welchem Namen dieselbe noch jetzt bekannt ist. Die alten Ägypter sollen darin noch weiter gegangen sein und sich des Dampfstroms zu Hcrvorbringung einiger Bewegungen bedient haben, gewiß aber ist es, daß Hers von Alexandrien Vorschläge zur Benutzung dieses Dampfstroms gemacht hat, indem er darthat, daß, sobald der Dampf aus derÄolipile strömt, nach deren entgegengesetzter Seite ein Druck entsteht, welchem folgend die Dampfkugel, wenn sie nicht unterstützt ist, eine Bewegung? der Richtung de s Dam pfstroms entgegen, annimmt. Sobald man daher an der Kugel, diametral einanberffkMiüber,- Röhren anbringt und deren Enden, in entgegengesetzter Richtung winkelrecht horizontal umbiegt, so wirbdke Mit Wasser gefüllte, erhitzte Kugel in eine rotirende Bewegung gesetzt werden, welche man dann zu paffcndkn Zwecken transmittiren kann. Diese Anwendung jedoch ist als mechanisches und physikalisches Exve- riment, nie aber in der Praxis im Großen anwendbar, da der Bedarf an Feuerung den Nutzeffekt bedeutend überwiegt. — Im Minenkriege und bei dem Angriffe der Tranche'en einer belagerten Festung bediente man sich sonst einer Art Dampfkugeln, welche eine große Masse Dampf oder vielmehr Rauch entwickelten, der den Aufenthalt in den Minengängen unerträglich machte und die Bewegung gegen die Tranche'en verbarg. Sie wurden, mit einem Zünder versehen, mit der Hand oder aus leichten Mörsern geworfen, und um das Löschen zu verwehren, mit Mordschläg en, d. h. mit Stücken geladener Flintenläufe, versehen In neuerer Zeit bedient man sich dafür der Quetschminen, mittels deren man den feindlichen Minengang aus einer Contrcmine zusammendrückt. (S. Minen.) Dampfmaschinen werden diejenigen Maschinen genannt, bei welchen die Expan- sivnskrast der Wasserdämpfe „als bewegendes Princip angcwendet wird. Ihre Erfindung hat in der Technik eine neue Ära hervorgerufen, und die Umwälzung, welche sie in der gesummten Industrie hcrvorgebracht haben, sowie der Einfluß, den sie aus die allgemeine Civi- lisation hatten und bei ihrer täglich steigenden Vervollkommnung noch ferner haben müssen, läßt sich gar nicht berechnen. Die Erfindung selbst eignen verschiedene Nationen sich an; ihre erste umfassende Anwendung aber und die meisten Verbesserungen an den Dampfmaschinen verdanken wir unbestritten den Engländern und Nordamerikanern. Nach Rob. Stuart in der „Geschichte der Dampfmaschinen" und Arago im „Lxsmen cke la qnvstwn >W pr^rit,; 3 * 36 Dampfmaschinen relstiv- s I'inventian irx ok inventions", deren Originalmanuscript von 1655 im Britischen Museum aufbewahrt wird, gedenkt einer Dampfmaschine, mittels deren er selbst einen Wasserstrahl auf -tv F. Höhe emportrieb, und Sir Sam. Morland übergab 1683 Ludwig XIV. ein Project zur Wasserhcbung durch Dampf, welches er mit den scharfsinnigsten Berechnungen und Tabellen versah, die großen- theils noch gegenwärtig ihre vollkommene Gültigkeit haben. Am 25. Juli 1698 erhielt der Capitain Thom. Savary das erste Patent auf Anwendung der Dampfkraft für verschiedene Maschinen und stellte 1699 der socieh ein arbeitendes Modell vor; doch fand dieser Versuch noch keine ausgebreitete Anwendung und diente nur zu künstlichen Wasserwerken in Gärten. Papin, der durch Leibnitz von Savary's Unternehmungen Kenntniß erhalten hatte, stellte 1707 eine vollständige Theorie der Dampfmaschine auf, welcher er zugleich die Zeichnung einer Maschine nach seiner eigenen Erfindung beigab. Savary benutzte in seiner Maschine nicht allein die große Expansivkraft des comprimirten Dampfs, sondern er machte auch von dem luftleeren Raume Gebrauch, welcher sich nach der Condensation der Wasser- dämpse bildet. Savary's Maschine erhielt durch den Schmidt Thom. Newcomen, welcher den Niederschlag der Dämpfe sehr schnell bewirkte, eine viel wirksamere und ausgebreitetere Anwendung und auch die Deutschen, namentlich Weidler, Sturm, Leupold, welcher letztere 1720 die erste Idee zu einer Hochdruckdampfmaschine hatte, machten sich durch bedeutende Verbesserungen um die Dampfmaschine verdient, kfis endlich mit Watt und Boulton eine ganz neue Ära für das DamvfmaMvemvrsen eintrat, das von da ab mit Riesenschritten bis zu der Stuke de r Vollkommenheit emporstieg, auf welcher es sich gegenwärtig befindet. Der Dampf(s. d.) besitzt, in bedeutendem Hitzegrade und unter einem gewissen Drucke entwickelt, eine sehr große Expansionskraft, und es kam bei Erfindung der Dampfmaschine nur darauf an, diese Expansionskraft zweckmäßig wirken zu lassen. Die Versuche der ersten Erfinder, dieses zu bewerkstelligen, mußten jedoch so lange einen mangelhaften Erfolg haben, als man nicht das Kolbensystem in Anwendung brachte, und neuere Versuche, andere Systeme zu adoptiren, haben durch ihre beschränkte Anwendbarkeit und ihre Mangelhaftigkeit darge- than, daß das Kolbensystem unstreitig das zweckmäßigste sei. Denken wir uns einen hohlen, unten geschlossenen Cylinder (Dampfcylinder), in welchem sich eine Platte (Kolben) luftdicht auf- und abschieben läßt und an dieserPlatte, mittels einer über eine Rolle geführten Schnur, ein außer dem Cylinder befindliches Gewicht so angebracht, daß es steigt, wenn der Kolben sinkt, und umgekehrt, und dieses Gewicht so schwer, als der Druck der Atmosphäre auf den Kolben ist, also 14 mal so viel Pfunde haltend als der Kolben lUZoll Oberfläche hat, so wird, sobald durch eine Öffnung am Boden des Cylinders Dampf unter den Kolben tritt, derselbe den letztem in die Höhe treiben und somit das Gewicht herabsinken, bei der Dampfabsperrung aber stehen bleiben. Wen» man nun in den mit Dampf gefüllten Cylinder kaltes Wasser einspritzt, so werden sich die Dämpfe condensiren, und es wird unter dem Kolben ein luftleerer Raum entstehen, in welchen durch den Druck der atmosphärischen Luft der Kolben hinabgedrückt und auf diese Weise das angehängte Gewicht gehoben wird. Wäre der Cylinder auch oben geschlossen und hätte dort ein Dampfzuflußrohr, stände aber unten mit einem auf irgend eine Weise luftleer gemachten Raume in Verbindung, so würde obe* Dampfmaschinen 37 einströmender Dampf, dessen Elasticität nur dem Drucke der Atmosphäre gleich wäre, eben- falls den Kolben Hinabdrücken und das Gewicht heben. Dies ist das Gruudprincip, auf welchem die ganze Dampfmasihinenconstruction gebaut ist. Durch ein Pfund Dampf von 8t>' N , der also den Druck der Atmosphäre hat, wird auf einen Kolben von einem lüF. Oberfläche, ohne auf Nebenumstände Rücksicht zu nehmen, eine Wirkung hervorgebracht, welche 55237 Pfd. auf einen Fuß Höhe gehoben gleich ist. Bei den Dampfmaschinen in der einfachsten Form findet sich am Fuße des oben offenen Dampfcylinders, in welchem sich der Kolben an seiner Kolbenstange luftdicht auf- und abbewegen kann, das Dampfzuflußrohr, welches mit dem Steuerungscylinder in Verbindung steht. Unter Steuerung versteht man diejenige mechanische Vorrichtung, mittels deren der Dampfzufluß in den Dampfcylinder entweder gestattet oder abgesperrt wird. Früher mußte diese Steuerung durch einen Mann bewerkstelligt werden, bis man auf die Idee kam, die Steuecungshähne durch die Maschine selbst bewegen zu lassen. Die Steuerung befindet sich in einem besonder« Cylinder, der mit dem Dampfkessel durch ein Rohr derge- stalt^in Verbindung steht, daß der Dampf, um in den Dampfcylinder zu kommen, durch den Steuerungscylinder streichen muß. In letzterm befinden sich zwei Kolben übereinander an derselben Stange, welche so stehen, daß, wenn der untere mit seiner Unterkante über dem Einflußrohre in den Dampfcylinder steht, er den Dampf, der in den Steuerungscylinder tritt, abspcrrt. Tritt aber dieser untere Kolben tiefer herab, so öffnet er den Dampfzufluß so lange, bis der obere Kolben das Dampfrohr aus dem Dampfkessel absperrt. Während dieses Zuflusses wird durch den eintretenden Dampf der Kolben im Dampfcylinder gehoben, und mit ihm steigt die Kolbenstange empör. Nun aber fleht neben dem Dampfcylinder ein Gestell aus zwei Wänden, welche oben ein Zapfenlager tragen, in welchem die Welle eines langen Wagebalkens (Balanciers) ruht, an dessen einem Ende die Kolbenstange befestigt ist, die also, wenn sie steigt, das zugehörige Ende des Balanciers hebt, wodurch das entgegengesetzte Ende sinken muß, und umgekehrt. Hängt man an das letztere die Kolbenstange einer Pumpe, so wird das abwechselnde Heben und Steigen des Dampfkolbens das Geschäft der Wasserhebung vollbringen. Das Wiederhinabtreiben des Dampskolbens von seinem höchsten Standpunkte wird durch Condensation der Dämpfe bewirkt. Zu diesem Zwecke reicht der Steuerungscylinder noch unter das Zuflußrohr des Dampfcylinders in den Condensator, ein Gefäß, welches mit kaltem Wasser gefüllt ist. Hier ist derselbe abgeschlossen und mit einem Ventil versehen, welches sich nach innen öffnet. Unter einem rechten Winkel stößt an sein unteres Ende ein zweites Rohr, welches den Cylinder einer Luftpumpe durchstreicht und an jeder Seite des letztern ein Klappventil hat, das sich vom Steuerungscylinder abwärts öffnet. Der Kolben der Luftpumpe ist massiv und letztere oben geschloffen. Über dem Kolben steht eine kleine Wasserschicht, um ihn luftdicht zu halten. Die Kolbenstangen des Steucrungscylinders und der Luftpumpe hängen am großen Balancier und folgen dessen Bewegungen, und die Kolben beider sind so regulirt, daß, wenn der Kolben im Dampfcylinder seinen höchsten Stand erreicht hat, der untere Kolben des Steucrungscylinders den Dampfzufluß absperrt, dagegen dem Wasserstrom, der aus dem Condensator durch einen Jnjcctionshahn eingespritzt wird, den Zutritt zum Dampfcylinder freiläßt. Der Kolben der Luftpumpe hat dann seinen höchsten Stand erreicht. Sobald das kalte Wasser einströmt, condensirt sich der Dampf im Hauptcylinder, es bildet sich dort ein leerer Raum und der Druck der atmosphärischen Luft zwingt den Kolben, abwärts zu gehen. Mit ihm zugleich senkt sich der untere Kolben im Steuerungscylinder und sperrt den Wafferzufluß ab, treibt aber auch zugleich das Condensationswaffer, das sich aus dem Dampfe bildete, in den untern rechtwinkligen Fortsatz des Steucrungscylinders und durch dessen erste- Ventil in den Stiefel der Luftpumpe, deren Kolben dann ebenfalls seinen niedrigsten Stand erreicht. Sobald der Kolben im Dampfcylinder auf seinem tiefsten Stande angckommcn ist, befindet sich der untere Kolben im Steuerungscylinder unter dem Dampfzuflußrohre und läßt den Zugang desselben frei, sodaß neuer Dampf unter den Dampfkolbcn tritt und diesen in die Höhe treibt. Ihm folgt natürlich der Kolben des Steucrungscylinders und sperrt endlich den Dampf ab, worauf sich das ftüher angegebene Spiel wiederholt. Mit den beiden erstgenannten Kolben zugleich ist aber auch der Kolben in der Luftpumpe gestiegen und hat W Dampfmaschinen die über ihm befindliche Luft und das Condensationswafftr zur zweiten Klappe des Fortsatzes am Stcuerungscylinder hinaus in ein besonderes Bchältnifi getrieben, von wo aus es wieder zum Nachfüllen im Dampfkessel gebraucht wird. Dem soeben erklärten Dampfmaschinensysteme zunächst steht das Watt'sche, bei welchem der Dampf allein ohne den Zutritt der atmosphärischen Luft wirkt, daher die Maschinen auch mit Dämpfen arbeiten können, deren Temperatur unter 8ü° R. ist. Die Watt'schen Maschinen, bei welchen Druck und Conden- sirung des Dampfs zugleich wirken, zerfallen in einfach- und doppeltwirkende. Beiden einfachwirkenden Watt'schen Dampfmaschinen ist der Dampftylinder oben geschloffen, der Dampf tritt oben über den Kolben und treibt denselben abwärts; bei den doppeltwirkenden Watt'schen Dampfmaschinen tritt der Dampf abwechselnd über und unter den Kolben und wird ebenso abwechselnd condenfirt. Durch eine kleine Veränderung im Ventilkastcn kann man auch den Zutritt des Dampfs absperren, wenn der Kolben noch nicht seinen höchsten oder tiefsten Stand erreicht hat, und dann wirkt der bis zum Augenblicke der Absperrung in den Dampftylinder getretene Dampf durch seine Expansion und treibt den Kolben, obschon mit etwas geringerer Kraft, vor sich her. Die auf diese Art wirkenden Dampfmaschinen nennt man Expansionsmaschinen, die Hornblower und Woolff auf verschiedene Weise construirt haben. Insofern die bis hierher erwähnten Dampfmaschinen mit Dampf arbeiten, dessen Druck den der atmosphärischen Lust nicht übertrifft, oft sogar nicht einmal erreicht, so heißen sie atmosphärische oderDampfmaschinen mit niedrigem Drucke, im Gegensätze der Hochdruckmaschinen, die mit Dämpfen von Hähern Temperaturen arbeiten. Vorzüglich verdient machten sich um das Hoch- druckjystem, Las intzbMntzere hsi tzen Expansionsmaschinen vortheilhafte Anwendung findet, der Deutsche Leupold und nach ihm der Engländer Perkins, doch Haben mancherlei Unglücksfälle Vorurtheile gegen dasselbe erregt und sich der umfassenden Anwendung desselben hier und da, wiewol nicht ganz mit Recht, hemmend in den Weg gestellt. Die einzelnen Theile der Dampfmaschine anlangend, so haben wir zunächst des Dampfer zeug ungsapparats oder des Generators zu gedenken. Der Haupttheil desselben ist der Dampfkessel, welcher die Bestimmung hat, den Wafferdampf zu erzeugen und in den Dampftylinder zu befördern. Nachdem andere Materialien sich untauglich erwiesen, fertigt man dieselben gegenwärtig ausschließlich aus Eisen- oder Kupferblech. Ihrer Form nach sind sic viereckig oder cylindrisch, oder auch aus lauter kleinen Röhren bestehend, welche letztere Art, die Röhrenkeffel, vorzüglich bei dem Dämpfwagen (s.d.) Anwendung findet. Die Große der Kessel richtet sich nach d^r erfodcrlichen Dampfmenge für eine gewisse Zeit, und eben darauf axsindetstch. auch die Große der Fläche, welche mit der Feuerung in Berükruna kommt* NäHWatt sind 8 iüF. Feüerungsflächc erfoderlich, um einen Elchikfuß WaMm einer Stunde zu verdampfen oder l 0 mF. für 417 Pf. Dampf in einer Minute, wobei eine Hitze von 135° R. entwickelt wird. Das Springen der Kessel zu vermeiden, versieht man sie mit einem Sicherheitsventile, das von dem überflüssigen Dampft entweder gehoben wird oder so eingerichtet ist, daß cs bei einem gewissen Hitzegrade schmilzt, worauf der Dampf entweicht. Von dem Druck der Dämpft im Kessel überzeugt man sich durch den Dampfmesser (s.d.). Außerdem bedarf der Dampfkessel einer Speisungsvorrichtung. Da nämlich das Wasser allmälig verdampft, so muß man auf dessen Ersatz bedacht sein. Dieser kann entweder mittelbar oder unmittelbar durch eine Pumpe bewirkt werden, welche von dem Balancier der Maschine.selbst bewegt wird. Gern bedient man sich zum Nachfüllen des Condensationswaffers, weil dasselbe, erwärmt, keinen allzugroßen Temperaturwechsel im Kessel herbciführt. Von der Oberfläche des Kessels aus geht das Dampfrohr nach dem Dampftylinder der Maschine, in welchem der Dampf durch die Steuerung in bestimmter Zeit und Menge vertheilt wird. Das Dampftohr hat im Innern ein sogenanntes Drosselventil, mittels dessen der Dampfzufluß regulirt wer- den kann. In dem Dampfcylinder erfolgt das Kolbenspiel der Dampfmaschine. Derselbe ist von Gußeisen und ganz genau ausgedreht, damit der Kolben in demselben möglichst genau schließe. Die Höhe des Dampftylinders richtet sich nach der Höhe des Kolbenspiels und beträgt gewöhnlich das Doppelte des Durchmessers. Um die Abkühlung zu vermindern, Wird der Cylinder mit einem hölzernen Mantel umgeben und der Zwischenraum mit schlech- Dampfmaschinen 39 ten Wärmeleitern ausgefüllt. Die beiden Böden sind auf den Körper des Cylinders luftdicht aufgeschraubt, der obere Boden ist durchbohrt, um der Kolbenstange den Durchgang zu gestatten und, um nicht eine Menge Dampf unbenutzt entweichen zu lassen, die Öffnung desselben mit einer sogenannten Stopfbüchse versehen. Der Kolben ist ein Gegenstand von großer Wichtigkeit, da von seinem genauen Anschlüsse an die Wand des Cylinders der ganze Effect der Maschine abhängt. Bei den Dampfmaschinen mit niederm Drucke besteht er aus einer Platte, welche etwa '/«Zoll weniger Durchmesser hat als der Cylinder und anderthalb Zoll dick ist. Bei den Maschinen mit hohem Drucke wendet man häufig Me- t-allkolben an, doch sind auch die Hanfkolbcn im Gebrauch. Da die Kolbenstange am Balancier hängt, welcher sich um die Achse in seinem Mittel bewegt, so würde, da dev Aufhängungspunkt ein Bogenstück um den Drehungspunkt macht, die Kolbenstange nicht senkrecht auf- und absteigcn. Um diesem Übelstande vorzubeugen, hat man die Kolbenstange mit einem Gewerbe versehen und bewirkt nun durch eine Gegenlenlkung (Parallelogramm) den senkrechten Gang derselben. Solche Gegenlenkungcn befinden sich an allen Kolbenstangen der Maschine.. Der Dampfzufluß zum Cylinder wird durch die Steuerung regulirt, deren Hauptthcile die Ventile sind, die in Klappventile, conische oder sogenannte DVentile, Schubventile, Kolbenventile und rotirende Scheiben- v e n t i l e zerfallen, oder auch, wie gegenwärtig sehr häufig, Hähne bilden, die jedoch anders gebohrt sind als die gewöhnlichen. Das Öffnen und Schließen der Ventile, die Steuerung, geschieht durch die an den Balancer gehängte Schubstange, welche mit den Ventilen in Verbindung steht, und wenn die Maschine ein Schwungrad (s. d.) hat, von diesem aus. ^ Zur Negulirung der Bewegung und da, woös'sich um Umwandlung der auf- und absteigenden Bewegung des Kolbens in eine rotirende handelt, dient das Schwungrad mit dem Krummzapfen. Da durch Zufälligkeit der erzeugte Dampf einen höhern oder geringern Hitzegrad, also mehr oder mindere Spannung erhalten kann, wo dann im ersten Kalle die Maschine zu viel, im andern zu wenig arbeiten würde, so muß man einen Regulator haben, der im ersten Falle weniger, im letztem mehr Dampf in den Cylinder führt, und diesen Regulator muß die Maschine selbst in Wirksamkeit setzen. Der bis jetzt gebräuchlichste Regulator ist das conische Pendel oder der CentrifugalModerator. (S. Regulator.) Zu den Dampfmaschinen, welche nicht nach dem Kolbenprincip gebaut sind, werden zunächst die rotirendenDamv km asck inen gerechnet. Man hat bei denselben die Umwandlung der auf- und angehenden Bewegung in eine rotirende umgehen wollen und deshalb den Kolben durch eine Fläche ersetzt, welche'sich in einem Cylinder um ihre Achse dreht, an deren Verlängerung man dann die Triebräder anbrachtc. Es haben jedoch diese Maschinen, namentlich wegen des dampfdichtcn Schlusses dieser Fläche und der Schwierigkeit den Dampf ohne Verlust cintretcn zu lassen, wenig praktische Anwendung gesunden. Außerdem hat man noch Dampfmaschinen ohne Kolben vorgeschlagen, in welchen der Dampf auf viererlei Weise angewendet werden kann. Es kann nämlich der Dampf >) auf eine Flüssigkeit drücken und dieselbe auf diese Weise heben; er kann 2) das Aufsteigcn einer Flüssigkeit durch Hervorbringung eines leeren Raums mittels Condensation des Dampfs bewirken; er kann 3) durch die bewegende Kraft, welche er gleich jeder Gakart ausübt, wirken, indem er in einer Flüssigkeit in die Höhe steigt; es kann 4) Dampf mittels des Stoßes auf eine bewegliche Fläche entweder direct oder mittels der Reaction wirken. In diese vier Elasten gehören die von Savary, Kcir, Nancarrow, Congreve, Masterman und Bernhard vorgeschlagencn Maschinen, die aber bis jetzt bei der höchst beschränkten Anwendung derselben praktisch sich noch nicht bewährt haben. Wie bedeutend übrigens die Dampfmaschinen die physischen Kräfte des Menschen in dem Gebiete der Industrie verdrängten, mag folgender Überblick auf dü Dampfmaschincnstatistik Frankreichs lehren, wobei wir bemerken, daß England und.Deutsch- land in dieser Hinsicht Frankreich beinahe noch übcrtreffcn. Am I. Febr. 1842 zählte Frankreich 5605 Dampfkessel 2 807 Dampfmaschinen und 160 Locomotiven. Von obigen 5605 Dampfkesseln lieferten 1747 Dämvfc zu verschievcnem industriellen Gebrauche, die übrigen 3858 dienten zur Versorgung der 2807 Dampfmaschinen, von denen 584 mit niederm Drucke die Kraft von l1114 Pferden repräsentirten, während 2223 Hochdruckmaschinen mit der Kraft von 26182 Pferden arbeiteten und alle zusammen die Kraft von 783000 40 Dampfmesser Dampfschiff ohne Unterlaß arbeitenden Menschen erschien. Wie sehr dieser Industriezweig im Steigen ist, geht daraus hervor, daß allein im I. 18-11 285 Dampfmaschinen mit der Kraft von 2946 Pferden neu angelegt wurden. Vgl.Trcdgold, „On tim 8to-»m Lngiiie" (Lond. 1827), Bernonlli, „Handbuch der Dampfmaschincnlehre" (Stuttg. 183.9), Lardncr, „DieDampfmaschine" (aus dem Englischen, Lp;. 1837) und die Abhandlungen der königlich technischen Deputation für Gewerbe in Berlin, in welchem ein sehr umfassender Aufsatz über Dampfmaschinen von Severin enthalten ist (Berl. 1826). Dampfmesser. Da es ebensowol zur Berechnung des Nutzeffects des Dampfes als auch, um Unglücksfällen am Dampfkessel zuvorzukommen, von großer Wichtigkeit sein muß, sich jeden Augenblick von der Expansionskraft und dem Stande der Condensation der Dämpfe zu überzeugen, suchte man zeitig einen Dampfmesser zu erfinden. Die erste Idee dazu gab Ziegler mit seinem Elaterometer, aus welchem Betancourt um 1790 feinen Dampfmesser bildete. Auch mehre Deutsche vervollkommnetcn das Instrument, unter ihnen vorzüglich Schmidt und Arzberger. Jetzt befinden sich an den Dampfmaschinen meist zwei Dampfmesser, einer, das Quecksilbcrvisir am Dampfkessel, der andere, der Indicatoram Dampfcylinder. Mittels derselben kann man jeden Augenblick den Druck der Dämpfe und mittels Berechnung den Gang der Maschine und die Wirkung des Dampfes, der Condensation und das richtige Spiel der Ventile beobachten und mit dem Nutzeffekt der Maschine vergleichen. Der Christian'schc Dampfmesser ist nur dazu bestimmt, den absoluten Dampfdruck zu bestimmen. Dampfschiff. Schon lange zuvor, ehe die Dampfmaschinen (s. d.) zu einem gewissen Grade systematisch begründeter Vollkommenheit gelangt waren, gerieth man auf die Idee, Schiffe durch die Kraft der Dämpfe zu bewegen; ja cs war sogar die erste Anwendung der Dampfkraft, die Blasco de Garay 1543 in Vorschlag brachte, dahin gerichtet. Auch Savary stellte ein Projcct zur Damvfschiffahrt auf und Jonathan Hüll nahm 1736 ein Patent auf ein Dampfschiff mit atmosphärischer Dampfmaschine, das jedoch nicht zur Ausführung kam. Ebenso ging es mit den Vorschlägen des Herzogs von Bridgewater und Eautiers. Nach Wakt's Verbesserungen der Dampfmaschine führte 1775 Perrier das erste Dampfschiff in Frankreich aus, das aber nicht stromaufwärts fahren konnte. Glücklicher als in Europa fielen die Versuche in Amerika aus, wo Jonathan Fitch, ein Uhrmacher in Philadelphia, 1783 ein Patent auf ein Dampfschiff nahm und ein solches 1788 vom Stapel ließ, das aber nur bis Burlington fuhr, wo der Kessel sprang. Auch bei spätem Versuchen hatte Fitch viel Unglück und starb am Ohio in großen Schulden. Seine Geheimnisse hinterlicß er versiegelt mit der Bedingung, daß sic erst 30 Jahre nach seinem Tode eröffnet werden sollten. Auep Patrick Miller baute 1788 ein Dampfschiff, das alle Erwartungen übertraf, abev ibennoch nicht benutzt wurde. Ebenso misglückten die Versuche Livingston's, Kinsley's, Roosevell's u. A. Erst Fulton gelang es, 1807 zu Neuyork den Clermont von 160 Tonnen mit einer Boulton-Watt'schen Maschine von 20 Pserdekräften herzustellen, mit welchem er den Weg von Neuyork bis Albany, 120 Seemeilen stromaufwärts, in 32 Stunden zurücklegte. Von nun an machte die Dampfschiffahrt in Nordamerika reißende Fortschritte, und schon 1815 lief die Dampffregatte Fulton von 32 Kanonen vom Stapel. Sie war ein Doppelschiff von 152 F. Länge und 57 F. Breite, mit einem Wasserrade, das von einer Dampfmaschine von 120 Pferdekräften in Bewegung gesetzt wurde und sich zwischen beiden Schiffen befand und hatte zwei Masten, zwei Bugspriete und vier Steuerruder, um vor- und rückwärts zu fahren, ohne zu wenden. Diese glücklichen Erfolge reizten zur Nachahmung und kn wenigen Jahren schon hatten auch England, Frankreich und Deutschland Dampfschiffe in Menge. Das erste Dampfschiff, welches den Atlantischen Dcean befuhr, war der Savanna von 350 Tonnen, der in 20 Tagen, fast allein mit Dampfkrafl, von Neuyork nach Liverpool kam. Der Great-Western hat aber schon einmal den Weg von Neuyork nach England in sieben Tagen zurückgelegt. Gegenwärtig finden wir Dampfschiffe auf allen Meeren und selbst auf allen größern schiffbaren Strömen und Flüssen, da man sie so zu bauen imStande ist, daß sie nur eines geringenWasserstands bedürfen, um fahren zu können. Die Anwendung des Dampfmaschincnprincips auf die Schiffahrt ist ziemlich einfach. Der vordere und Hintere Theil des Schiffs dienen zur Aufnahme der Ladung und der Pasta- Dampfschiff 41 giere j in dem mittler» Raume wird der Dampferzeugungsapparat erbaut, bestehend aus einem oder, wenn viel Dampf gebraucht wird, aus zwei gewöhnlichen Dampfkesseln und dem Fcuerungsraume, dessen Schornstein, aus Eisenblech, sich über das Verdeck erhebt und bei kleiner» Dampfschiffen oft als Mastbaum benutzt wird. Neben dem Dampferzeuger stehr eine der Größe des Schiffs angemessene Dampfmaschine von niedcrm oder von hohem Drucke, welche letztere man gegenwärtig der Raum- und Feuerungsersparniß wegen vorzieht, nachdem die Vorurthcile und die Furcht vor vermehrten Unglücksfällen nach und nach geschwunden sind. Diese Dampfmaschine, welche, zu Verwandlung der auf- und abgehcnde» Kol- benbcwegung in eine rotirende, mit einem Krummzapfen und mit einem Schwungrade versehen ist, treibt zwei Wasserräder, die sich in besonder» Gehäusen an beiden Seilen des Schiffs befinden und durch deren Bewegung das Schiff fortgetrieben wird. Auch hat man statt der beiden Räder nur eins in der Mitte des Schiffs angebracht. Da es bei den Dampfmaschinen für die Schiffahrt auf Naumersparniß, namentlich in der Höhe, ankommt, so liegt bei solchen Maschinen der Balancier nicht über dem Dampfcylinder und folglich hängt der Kolben nicht an demselben, sondern man hat den Balancier auf der halben Höhe des Dampf- cylinders angebracht. Es befindet sich nämlich neben dem Dampfcylinder ein niedriges Gestell, welches die Welle des Balanciers trägt, der nun aber nicht aus einem Stücke besteht, sondern einen vierseitigen Rahmen bildet, der so angebracht ist, daß die Aufhängungspunkte des Dampfkolbens mit der verticalen Achse des Dampfcylinders in einer und derselben senkrechten Ebene liegen. Der Kolben erhält oben ein sogenanntes Querhaupt, von welchem zwei Zugstangen, eine auf jeder Seite des Cylinders, zu dem Balancier hinabreichen und mit diesem dergestalt verbunden sind, daß durch eine Gegenlenkung der senkrechte Gang des Kolbens gesichert ist. Vom Lastarme des Balancierrahmens geht eine kurze Bläuelstange zum Krummzapfen des Schwungrads und Überträgt die Kolbenbewegung auf dieses wie bei den gewöhnlichen Dampfmaschinen. An die beiden Arme des Balancierrahmens werden nach Umständen die übrigen Kolben gehängt. Auch wenn die Maschine eine Expansionsmaschine ist, oder wenn mehre Dampfcylinder zusammen arbeiten, ist die Zusammenstellung einfach. Die zur Bewegung des Schiffs angebrachten Schaufel- oder Nuderräder sind ganz nach Art der gewöhnlichen unterschlächtigen Wasserräder construirt. Sie haben an von der Welle ausgehenden Armen, deren Zahl von 8—15 steigt, viereckige Schaufeln, die bei ihrem Eintritt in das Wasser, sich gegen dieses anstemmend, das Schiff forttreiben. Die Räder werden so gehängt, daß immer drei bis vier Schaufeln zugleich mit dem Wasser in Berührung treten. Um das Getöse beim Eintritte der Schaufeln in das Wasser zu vermeiden, gibt man ihnen eine schräge Stellung gegen die Achse, sodaß sie in das Wasser mehr schneidend als schlagend eintretcn. Von den theilweise sehr künstlichen Constructionen, welche man den Schaufelrädern nach und nach ohne Noth gegeben, ist man auf die ursprüngliche einfache Form zurückgckommcn. Die Ruderräder durch andere Mechanismen zu ersetzen, wollte lange nicht gelingen, bis in der neuesten Zeit die Anbringung der Archimedischen Schraube allen gemachten Ansprüchen vollkommen Genüge leistete. Bei den Nuderräder» tritt nämlich, abgesehen von der Zerbrechlichkeit derselben und von der dann und wann bei zwei Nädern nicht gleichmäßigen Bewegung, noch ein anderer Übelstand ein, welcher namentlich die Anwendung der Dampfkraft auf Kriegsfahrzeugen nicht rathsam erscheinen ließ. Die Gehäuse dieser Räder nämlich nehmen an den Schiffswänden einen nicht unbedeutenden Raum ein, welcher nun nicht mit Geschütz besetzt werden kann, außerdem aber bieten sie auch dem feindlichen Feuer eine große Zielfläche dar, und bei der Wichtigkeit der Ruderräder kann ein einziger Streifschuß das ganze Fahrzeug außer Gefecht setzen und in die Gewalt des Feindes bringen. Es gehörte daher zu den größten Aufgaben, ein Bewegungsprincip anzuwenden, das sich in einen möglichst kleinen Raum zusammendrängen ließ, wenig zerbrechlich war und dem feindlichen Feuer entzogen werden konnte, dabei aber doch die volle Kraft der Ruderräder entwickelte. Hierzu bietet die Archimedische Schraube die besten Mittel dar. Sie besteht m einer Fläche, welche sich schraubenförmig um einen Cylinder wickelt und fand früher nur bei Wasserhebungen, später auch bei Mühlen, aber immer blos eine beschränkte Anwendung. Paucton, ein franz. Mathematiker, schlug zwar schon 1793 die Anwendung der Archimedischen Schraube zur Forrtreibung von Schiffen vor, und Delisle und Savage stellten 1813 zwei verschiedene 42 Dampfwagen Constructionen derselben dar, von welchen aber nicht eher Anwendung gemacht wurde, als bis die Engländer Smith und Ericson auf dieselben ein Patent nahmen und sie als ihre Erfindung ausgaben. Die bei der Dampfschiffahrt angcwendete Archimedische Schraube hat einen zu der Größe des Schiffs und der hervorzubringendcn Schnelligkeit proportionirten Durchmesser von 6—18 F. und bildet nur einen beinahe vollständigen Umgang, da mehre die Wirkung nicht steigern würden. Die Schraube selbst liegt in der Mittellinie des Schiffs dicht am Hintersteven über einer Fortsetzung des Kiels und erhält ihre Umdrehung durch einen langen, von der Dampfmaschine in Notation gesetzten Wellbaum. Sie ist von Kupfer, damit das Seewasser auf dieselbe keine corrosive Wirkung äußern kann. Die durch dieselbe hervorgebrachte Geschwindigkeit beträgt zehn bis zwölf Seemeilen in der Stunde und sie arbeitet selbst im sturmbewegten Meere. Frankreich und England haben fast gleichzeitig damit Versuche im Großen engestellt, die von dem besten Erfolge gekrönt wurden. Während in England an den Dampfschiffen Archimedcs, Royal-Princcß und Great-Britain die Schraube angebracht wurde, ließ Frankreich die Goclette Napoleon mit derselben ausrüsten, die außer derselben noch die ihr zugehörige volle Segelfläche trägt und nur durch den Dampfschornstein sich als Dampfschiff auszeichnet. Das größte Schiff mit Archimedischer Schraube und überhaupt wol das größte bis jetzt gebaute Schiff ist der Great-Britain, der in den Docks von Bristol erbaut am 18. Zuli 1843 vom Stapel lief. Dies Schiff ist 320 F. vom Stern zum Steven lang, 51 F. im Verdeck breit und geht beladen 16 F. im Wasser. Es ist auf 3500 Tonnen gebohrt und für 380 Personen verproviantirt. Seine Dampfmaschinen haben 1000 Pferdekräfte und jeder der vier Cylindcr hat einen Durchmesser von 7 F. 4 Zoll. Der Dampffchornstein, mit einem Durchmesser von 8 F., hat 45 F. Höhe und das Schiff drängt beladen 3000 Tonnen Wasser aus der Stelle. Die Schraube hat einen Durchmesser von 13 F. 2 Zoll und macht 80 Umdrehungen 4n der Minute, wodurch eineGeschwin- digkeit von zwölf Seemeilen in der Stunde bewirkt wird. Das Innere des Schiffs ist mit höchster Pracht ausgestattet und enthält außer den Gesellschaft- und Speisesalons in seinen Räumen Unterkommen für 360 Passagiere und außerdem mehre große Packräume und einen Süßwasserbehältcr von Gußeisen von 7—10 F. Breite, 40 F. Länge und 6F.Tiefe, Die Dampfmaschinen stehen in der Mitte, und das Ganze ist durch wasserdichte Verschläge von Gußeisen in fünf besondere Räume gethcilt, sodaß ein Leck in dem einen Theile denselben mit Wasser füllen kann, ohne daß das Schiff darum sinkt. Er trägt fast die ganze Segelfläche einer Fregatte von 75 Kanonen, gleichtauch, bis auf den Dampfschornstein, ganz einer solchen, und wurde mit dem Kostenauswandr von 570000 Thlrn. erbaut. Dampfwageu. Mit der weiter fortschreitenden Ausbildung des Damp fmaschi- n e n (s. d.) mußte sich sehr bald die Idee erzeugen, den Dampf auch zur Fortbewegung der Lasten auf den Landstraßen zu benutzen, und schon 1755 machte Gauticr dazu einen Vorschlag, und auch Nobison gab 1759 Watt eine solche Idee an. Die ersten Dampfwagen, im I. 1773 von Cugnot erbaut, mislangen; ebenso hatten die Arbeiten von Oliver Evans im I. 1786 und die neuen Arbeiten von Robison im J.I795 sehr wenig Erfolg. Erst im Z. 1802 trat die Erfindung durch Trevithik und Mvian, welche das Hochdruckprincip dabei in Anwendung brachten, wirklich ins Leben. Indessen hatte man die Sache insofern beim falschen Ende angefangen, daß man gleich damals Dampfwagen für gewöhnliche Straßen zu bauen versuchte. Jm Z. 1811 gelang der erste Versuch, den Blekinsop anstelltc, indem er auf einem gewöhnlichen Schienenwege die eine Schicnenreihe durch eine Zahnstange ersetzen und in diese ein Triebrad am Dampfwagen eingrcifen ließ. Erst im I. 1814 wagte Stephenson in Newcastle den Dampfwagen allein durch die Reibung der Radfelgen auf der glatten Schiene von der Stelle zu bewegen, und sein Locomotiv, die Rocket, erhielt in dem Dampfwagenwetttennen im Z. 1829 den Preis von 500 Pf. St., indem es eine Last von etwa 250 Ctr. mit einer Schnelligkeit von 11 engl. M. in der Stunde fortbewcgte. In der neuesten Zeit sind die Locomotiven durch Stephenson in Newcastle, Cockerill in Seraing, Schwarz in Berlin und William Norris in Philadelphia dergestalt verbessert worden, daß auf den engl. Eisenbahnen jetzt eine Schnelligkeit von 21—36 engl. M. in der Stunde erreicht wird, welchen die auf amerik., deutschen, franz. u. s. w. erreichte Schnelligkeit meist nicht nachsteht. Es bewegen sich die gegenwärtigen Locomotiven nur durch die Reibung dev Lampfwagen 43 Radkränze auf den Schienen der Eisenbahn und haben keine Triebräder und Zahnstangen wie früher, dagegen aber den Wasser- und Kohlcnvvrrath auf einem besondern, mit dem Locomotiv verbundenen Wagen, dem Tender. Letzterer trägt einen großen Waffcr- kasten, welcher dkei Seiten desselben umgibt und in der Mitte einen freien Raum für den Kohlenvorrath hat. Aus dem Wasserkasten geht eine ZuleitungSröhrc nach dem Locomotiv hinüber und steht dort mit der Speisepumpe in Verbindung, sodaß diese das nö- thige Nachfüllwasser in den Dampfkessel fördert. Die auf dem Locomotiv befindliche Dampfmaschine besteht aus dem Dampferzeuger, der eigentlichen Maschine und dem Apparate zur Umwandlung der Bewegung. Der Dampferzeuger besteht aus dem Fcue- rungsraume und dem Dampfkessel. Ersterer hat von den gewöhnlichen Feuerungsräumen wenig Abweichendes, zu den Kesseln aber bedient man sich jetzt allgemein der Röhrenkessel. Da cs nämlich darauf ankommt, eine möglichst große Feuerungsfläche in den kleinsten Raum zusammenzudrängcn und auf das zu verdampfende Wasser wirken zu lassen, so hat man durch den Feuerungsraum eine große Anzahl Röhren von Eisen oder Kupferblech geführt, welche nur einen bis zwei Zoll Durchmesser haben und aus dem Nachfüller stets mit Wasser gespeist werden. Aus diesem entwickeln sich die Dämpfe und sammeln sich im Dampfkasten, von wo aus sie durch die Steuerungsvcntile den Dampfcylindern zugeführt werden. Diese Kessel gewähren auch den Vortheil, daß bei ihnen die Gefahr des Springens beseitigt ist, denn erstlich brennen solche Röhren, beständig mit Wasser gefüllt, nicht leicht aus und zweitens, wenn dieser Fall wirklich cintritt, so springt nur eine Röhre mit einer durchaus unschädlichen Explosion und es läßt sich dieselbe sehr leicht durch eine neue ersetzen. Was die Dampfmaschinen selbst betrifft, so kann man, bei dem großen Kraftbcdarf, welcher in verhältnißmäßig kleinen Maschinen erzeugt werden muß, sich nur der Hochdruckmaschi- nen bedienen, und wendet gewöhnlich zwei Cylinder an, welche gleichzeitig arbeiten. Die Stellung der Cylinder ist mannichfaltig geändert worden; man hat dieselben horizontal oder in geneigter Lage unter den Kessel zwischen die Näder gelegt und die Kolbenstangen unmittelbar an die in Form eines Krummzapfens gebogene Hauptachse gehängt und auf diese Weise die hin- und hergehende Bewegung der Kolben in eine rotirende verwandelt, welche den fest an der Achse befindlichen Haupträdcrn mitgetheilt wird. Norris und einige deutsche Maschinenbauer legen die Cylinder außen an den Wagen und lenken die Kolbenstangen an einem Zapfen, der auf der Fläche der Haupträder sitzt, sodaß die Kolbenstangen den Rädern selbst die Bewegung mittheilen. Bei den Dampfwagen fällt der Balancier fort, da die Kolbenstangen unmittelbar in die Krummzapfen gelenkt sind, ebenso bedarf man bei denselben keines Schwungrads, da das Beharrungsvermögen des Wagens selbst dasselbe erseht. Auch den Kondensator, welcher sehr viel Raum fortnehmen würde, läßt man bei den Dampfmaschinen für Locomotiven weg und dafür die Dämpfe, sobald sic ihre Wirkung gemacht haben, in die freie Luft ausstreichen. Was die Fortpflanzung der Bewegung betrifft, so wird dieselbe unmittelbar durch die Kolbenstangen bewirkt. Diebeiden Haupträdcr mit cylindrischen Kränzen, d. h. mit solchen, wo die Ebene des Felgenkranzes mit der Achse parallel ist, sind von Schmiedeeisen und sitzen an den in aus hartgcgoffenem Gußeisen bestehenden Zapfenlagern ruhenden Achsen fest, sodaß sie durch deren Umdrehung mit umlaufen. Außer den Haupträdern, welche gewöhnlich 5 F. im Durchmesser haben, hat jedes Locomotiv noch zwei, ebenfalls 5 F. im Durchmeffr haltende Hülfsräder mit cylindrischen Radkränzen, welche zur Beförderung des sichern Laufs, zur Unterstützung und zur Vermehrung der Reibung auf den Schienen bestimmt sind. Auch diese Näder sind an den Achsen fest und drehen sich mit diesen zugleich. Früher, als man nur vierrädrige Locomotiven hatte, setzte man die Ne- benrädcr durch eine Lenkstange, welche in Zapfen auf der Ebene beider Räder griff, von den Haupträdern aus in Bewegung, man bemerkte aber bald, daß namentlich in Krümmungen die Umläufe der gleich hohen Näder dennoch ungleich werden mußten. Man kam also davon zurück, machte die Nebenräder niedriger und gab den Locomotiven statt zweier HülfSräder deren vier, wodurch man verhinderte, daß >ene selbst in kleinen Krümmungen aus den Schienen kamen. Der Amerikaner Norris wollte dieser Gefahr noch umfassender Vorbeugen und legte allemal zwei Hülfsräder auf Lcnkschemel, sodaß die Locomotiven selbst die kleinsten Bogen ausfahren konnten, was in Amerika, wo die Eisenbahnen in den Straßen der Städte 44 Dampfwäsche Dampier oft sehr kurze Krümmungen machen, nothwendig war. Dergleichen Locomotiven sind auf östr. Eisenbahnen gefahren worden, haben aber in dieser Hinsicht, abgesehen von ihrem übrigen Vorzügen, nicht dem Zwecke entsprochen. Natürlich können die Locomotiven nicht um- gewendet werden, sondern es muß der Übergang aus einer einmal angenommenen Richtung in die entgegengesetzte dadurch bewirkt werden, daß man mittels der Steuerung die Dämpft augenblicklich absperren und die Einströmung der Dämpft so reguliren kann, daß sie die Kolben in entgegengesetzter Richtung bewegen und daß also auch die Näder in dieser Richtung gedreht werden. Was die Anwendung der Dampfwagen auf gewöhnlichen Wegembetrifft, so treten dieser so große Schwierigkeiten entgegen, daß man bis jetzt nur zu Versuchen gelangt ist. Besonders verdient machte sich um diesen Zweig der Technik der engl. Arzt Goldsworthy Gurncy, der auch die ersten Dampfkutschen, wie er die Personendampfwagen auf Landstraßen nannte, einrichtete; ferner Burstell und Hill. Vgl. Gordon, „Historische und praktische Abhandlung über Fortbewegung ohne Thierkraft mittels Dampfwagen auf gewöhnlichen Wegen" (Weim. 18-33). Dampfwäsche ist mit der Dampfbleiche (s. d.) und dem D ampfkochen (s. d.) nahe verwandt und auf denselben Grundsätzen beruhend. Obgleich ein solches Verfahren schon längere Zeit bekannt und hier und da, namentlich in Paris, bereits zu Ende des vorigen Jahrh. in Gebrauch war, so hat es doch erst der franz. Chemiker Chaptal auf denjenigen Grad der Vollkommenheit, auf dem es jetzt steht, gebracht. Man erspart bei demselben nicht allein mehr als die Hälfte des sonst erfoderlichen Brennmaterials, sondern auch den größten Theil der außerdem nüthigen Seife und der Handarbeit und schont noch überdies die Wäsche, welche durch das bis dahin gebräuchliche Bürsten, Reibe» und Klopfen und die Anwendung scharfer Laugen bedeutend angegriffen wurde. Das Verfahren selbst beruht auf der Eigenschaft der Wasserdämpft selbst unter einem geringen Drucke einen bedeutend höher» Hitzegrad als das kochende Wasser anzunehmen, und in diesem Zustande die Körper bis in ihre engsten Poren zu durchdringen und dadurch die denselben anhängenden animalischen und vegetabilischen Stoffe aufzulösen oder doch zu erweichen. Die bei dieser Manipulation anzuwendenden Apparate kommen im Allgemeinen ganz mit denen bei der Dampfbleiche überein. Vgl. „Die Dampswäsche" (deutsch von Schmidt, Weim. 1840). Dampier (William), der kühnste Seefahrer des 17. Jahrh., der durch seine lange nautische Laufbahn, durch seine Schicksale und Entdeckungen alle seine Landsleute verdunkelte, war der Sohn armer Altern, geb. 1652 zu East-Coker in der Grafschaft Somerset. Frühzeitig verwaist, geschah für seine Erziehung äußerst wenig. Als Schiffsjunge machte er namentlich auch eine Seereise nach Labrador. Die große Kälte, die er auf dieser Fahrt ausgestanden und die seine Gesundheit sehr angegriffen hatte, erregte in ihm die Lust, südlichere Länder zu sehen, wozu ihm der in Indien ausgebrochene Krieg Gelegenheit bot. Er nahm als gemeiner Soldat Dienste, wurde aber verwundet und in das Hospital nach Greenwich gebracht. Wieder genesen, erhielt er eine Anstellung als Plantagcnaufscher in Jamaica. Doch das unthätige Leben war zu sehr gegen seine Natur, als daß er lange in diesem Amte hätte aushalten können. Nach sechs Monaten schiffte er sich aufs Gerathewohl ein und trafzu Kingstons ein Fahrzeug, welches ihn mit nach der Bai von Campeche nahm. Dort lebte er drei Jahre als Handarbeiter und Packknecht, bis er 1683 nach London zurückkam. Im Begriffe nach Campeche zurückzukehren, fiel er unfern Jamaica in dieHände der Flibustier, welchen er sich auf die Bedingung eines Antheils an der Beute zugesellte. In ihrer Gesellschaft zog er über die Landenge von Panama und wohnte den Raubzügcn bei, welche die Flotte der Flibustier, zum Theil mit schlechtem Erfolge, gegen die Küstenorte Perus unternahm. Nachher trennte er sich von denselben, gelangte nach Virginien, trat dort mit andern Flibustiern in Verbindung und erschien endlich im Großen Ocean, wo er anfangs bei Manilla der Acapulcogallion auflauerte, später auf chines. Küstenfahrer Jagd machte und bei dieser Gelegenheit manche Inseln, z. B. 1687 die Gruppe der Ba-Schi, entdeckte. Der Verwilderung seiner Genossen schon lange müde, glaubte er in der Nähe der Nikobaren seine Flucht auf einem lecken Boote bewerkstelligen zu können, wurde aber verschlagen und halbtodt an die Küste Sumatras geworfen. Nach Herstellung seiner Kräfte begann er abenteuernd in Südasien herumzuziehen, trat in engl. Dienste, war bald Seemann, bald Kanonier, bald Schreiber, besuchte Madras, Dampierre 45 Benkulcn, Tunkin, Malakka und schiffte sich endlich heimlich nach England ein, wo er >691 ankam. Die Beschreibung seiner fast unglaublichen Abenteuer in der „iXen vn)«,g8 ro»n<; vvorkl" (3Bde., Lond. >697 — >767, mit Kpfrn.; deutsch von Kind, 3Bde., Lp;. >783), die er hier in Druck gab, erregte gleich nach dem Erscheinen des ersten Bandes ungemeines Aufsehen. Durch Charles Montague, dem Vorsteher der Königlichen Gesellschaft, dem Lord der Admiralität, Grafen von Oxford, vorgestellt, wurde er nun beauftragt, eine Entdeckungsreise nach Neuholland zu machen, indem das Schiff Noebuk unter seinen Oberbefehl gestellt wurde. Am 6. Jan. >699 segelte er aus den Dünen ab. Er berührte Ncuhvlland zuerst an der sterilen Küste von Eintrachtland, ging von da nach Timor und entdeckte, in östlicher Richtung vordringend, Neubritannien, die nach ihm genannte Dampierstraße, und eine Menge kleiner Inseln und Häfen, die seit seiner Zeit kaum alle wieder besucht worden sind. Man verdankt ihm die erste Kenntniß jener sehr gefährlichen Meere und manche von vielem Scharfsinn und guter Beobachtungsgabe zeugende Nachrichten über die natürliche Beschaffenheit der genannten Länder; indessen haben seine Werke gegenwärtig den Werth verloren, den sie für die Zeitgenossen haben mußten. Nach Europa zurückkehrend erlitt er bei der Insel Ascension Schiffbruch und kam >761 nach London. In denJ. >764 und 1768—I > unternahm er wieder als gewöhnlicher Steuermann Reisen nach dem Großen Ocean. Sein Todesjahr ist unbekannt., Eine von R. Brown ausgestellte Pflanzengattung, Dampiera, und mehre nach ihm benannte Punkte Neuhollands und Australiens erhalten sein Andenken. Dampierre (Auguste Henri Marie Picot, Marquis de), Obergeneral der franz. Republik, geb. am >9. Aug. >756 zu Paris, hatte von Natur einen unwiderstehlichen Hang zu kühnen und gefahrvollen Thaten und widmete sich deshalb früh der militairischcn Laufbahn. Beim Ausbruche des nordamerik. Freiheitskriegs stand er als Offizier in der franz. Garde und brannte an dem Kampfe in der neuen Welt Theil zu nehmen, was ihm jedoch weder die Regierung noch seine Altern gestatteten. Als hierauf unter dem Grafen Artois die Expedition gegen Gibraltar unternommen wurde, ging er, um sich dabei zu betheiligen, heimlich nach Spanien, wurde aber zu Barcelona verhaftet und zu seinem Regiment«: zurückgebracht. Um wenigstens ein kühnes Abenteuer zu bestehen, machte er mit dem Herzog von Orleans eine Luftreise; als er indeß kurz darauf ohne Urlaub in Lyon dieses Schauspiel wiederholte und unter den Festlichkeiten die Rückkehr vergaß, wurde er verhaftet und mußte Arrest erdulden. Er reichte deshalb seine Entlassung ein, die aber der Minister nicht annahm, sondern in Urlaub zu einer Reise nach England und Deutschland verwandelte. Auf dieser Reise lernte D. in Berlin daS preuß. Militairwesen kennen und wurde damit ein so eifriger Bewunderer Fried- rich's >l. und der preuß. Sitten, daß er mit einem preuß. Hute und Zopfe zu seinem Regiment nach Frankreich zurückkehrte. Ludwig XVI. nannte ihn dafür bei einer Musterung einen Narren, sodaß er seine Entlassung nehmen mußte. Der Ausbruch der Revolution, deren Grundsätze er billigte, eröffnet ihm jedoch bald eine neue Laufbahn. Er wurde >790 vom Departement der Aube zum Präsidenten erwählt, wo er bei den revolutionären Ausbrüchen nicht selten Gelegenheit hatte, Muth und Geistesgegenwart zu beweisen. Mit Beginn des Kriegs wählte ihn der Marschall Nochambeau zu seinen Adjutanten und machte ihn zum Oberst eines Cavalerieregiments, in welcher Eigenschaft er >792 dem für die Franzosen unglücklichen Einfall in Brabant beiwohnte. Nach dem Einfalle der Preußen in der Champagne wurde er an der Spitze seines Regiments und mit 4060 M. Infanterie dem General Dumouriez zu Hülfe geschickt und nahm ehrenvollen Theil an der Schlacht von Valmn. Am 6.Nov. >792 machte er an der Spitze einer Division in der Schlacht von Jemappes das von den Astreichern hart bedrängte Corps des Generals Bournonville frei, sodaß seiner Tapferkeit die Erfolge des Tages von dem Heere zugeschriebcn wurden. Hiermit war aber auch sein Glücksstern untergegangen. Von Dumouriez, der sich nach den Niederlanden wendete, am Rhein mit > 5000M. gegen die dreimal stärkern Östreicher zurückgelassen, wurden seine Streitkräfte, die er auf eine weite Linie zerstreut, während er selbst sich sorglos nach Aachen begeben, von den Östreichern am I.März >793 plötzlich zersprengt und er auf Lüttich zurückgeworfen. In dem für die Franzosen ebenfalls unglücklichen Treffen bei Neuwied am >6. März befehligte D. mit ungestümer Tapferkeit das Centrum. Die hierauf zwischen ihm und Dumouriez sich entspinnende heftige Feindschaft rettete vielleicht die franz. ist Dannemont Danaus Armee vor gänzlicher Auflösung. Nach dem Abfalle Dumouriez's übernahm er am l^.Apr. den Oberbefehl über das demoralisirte 39999 M. starke Heer und verschanzte sich bei Fa- mars. Von den Commissairen des Convents gedrängt, griff er am 6. Mai die Osirei- cher an, die Valenciennes und Conde belagerten. Bei der Fortsetzung des für die Franzosen fortwährend unglücklichen Kampfes am andern Tage riß ihm gegen Abend eine Kanonenkugel den rechten Schenkel weg. Er starb an dieser Verwundung am nächsten Tage, den 8. Mai 1793. Obgleich ihm die Ehre des Pantheon decretirt wurde, so zweifelte doch der mistrauische Convent an seiner Ergebenheit und hatte ihm das Schafot schon zugedacht. — Der älteste Sohn D.'s versah bei seinem Vater den Dienst als Adjutant und wurde l 892 bei der Expedition nach Domingo verwandt, wo er auch starb.— Ein anderer Sohn, Charl. Marquis Picot d e D-, erwarb sich in der Armee des Kaiserreichs den Grad eines Obersten und blieb auch nach der Restauration in der Armee. — Der MarquisdeD. aber, der 1819 zum Pair von Frankreich erhoben wurde und noch gegenwärtig in der Pairs- kammer sitzt, gehört der vorstehenden Familie nicht an. Damremont (Charl. Marie, Graf Denys de), franz. General, geb. am 8. Febr. 1783 zu Chaumont im Departement der obern Marne, wohnte seit >894 fast allen Feldzügen des Kaiserreichs bei. In den Z. 1896 und 1899 war er bei dem Heere in Dalmatien, 1811 und 1812 in Spanien und Portugal und seit l 813 bei der Großen Armee. Als ein ausgezeichneter Offizier wurde er kurz vor der Abdankung Napoleon's zum Oberst befördert; sein Gönner, der Marschall Marmont, verschaffte ihm auch nach der Restauration eine neue Stellung im Heere. Im I. 1821 ward er Marcchal de Camp und nach Beendigung des span. Kriegs, den er 1823 mitMachte, Inspekteur der Infanterie und 1827 Großoffizier der Ehrenlegion. Im I. 1839 commandirte er eine Jnsantcriebrigade im Expeditionskorps gegen Algier und eroberte Bona. Die Ereignisse der Julirevolution näthig- ten ihn jedoch, diese Stadt wieder aufzugeben und nach Algier zurückzukehrcn, wo er sich für die neue Dynastie erklärte und am 31.Dec. 1839 zum Generallieutenant erhoben wurde. Im I. >832 nach Frankreich zurückgerufen, erhielt er das Commando der achten Militair- division in Marseille. Seine Mäßigung und Entschiedenheit, die er in dieser Stellung bei Unterdrückung der karlistischen Bewegungen und 1833 bei den Unruhen wegen der Cholera bewies, erwarben ihm die Pairswürde. Im Febr. 1837 wurde er an Clauzel's Stelle zum Generalgouverneur in Algier ernannt. Dort knüpfte er sofort nach seiner Ankunft mit Achmet Bei von Konstantine Unterhandlungen -zu dessen friedlicher Unterwerfung an, hielt die eingebornc Bevölkerung durch kluge Behandlung im Zaume und eröffnete endlich, da die Unterhandlungen mit Achmet Bei ohne genügendes Resultat blieben, wohlgerüstet einen zweiten Feldzug gegen Konstantine (s. d). Bei Untersuchung der Bresche am 12. Oct. 1837 fiel er hier, tödtlich von einer Kanonenkugel getroffen, worauf am folgenden Tage die Stadt unter dem General Vale'e (s. d.) mit Sturm genommen wurde. Die Leiche wurde nach Frankreich gebracht und mit großer Feierlichkeit im Dome der Invaliden beigesetzt. Seine Familie erhielt eine jährliche Pension von 19999 Francs. Damwild, s. Hirsch. Danäe, die Mutter des Perseus vom Jupiter, war die Tochter des Akrisius (s. d.) und der Eurydice. Danäus, der Sohn des Bclus und der Anchinoe, Zwillingsbruder des Ägyptus, bekam für seinen Theil die Herrschaft von Libyen, floh aber in Folge einer Entzweiung mit seinem Bruder in Begleitung seiner 59 Töchter, derDanaiden, nach Argos, wo er nach Vertreibung des letzten Jnachiden, Gelanor, König wurde. Die 59 Söhne des Ägyptus folgten ihm dahin, und verlangten unter Versicherung der Freundschaft seine Töchter zur Ehe. D. versprach ihnen dieses, gab jedoch jeder Tochter einen Dolch, um den Bräutigam in der Brautnacht zu ermorden und so Rache an seinem Bruder zu nehmen. Alle thaten dies, ausgenommen Hypermncstra, welche ihren Verlobten, Lynkeus, rettete, weil er ihre jungfräuliche Ehre geschont hatte. Um seine Töchter wieder zu vermählen, stellte D. Wettkämpfe an, wobei sie den Siegern als Preis zufielen. Zur Strafe für ihre Verbrechen mußten dir Danaiden in der Unterwelt beständig Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpfen. Wahr« scheinlich hat dieser Mythus einer Sage bei Strab», wornach sie Argos mit Wasser versahen DaricarviÜe Dandolo 47 seinen Ursprung zu danken. Das Grabmal des D., der nach Einigen durch Lynkeus ermordet wurde, zeigte man in Argos. Nach ihm nannten sich die Argiver Danaer. Dancarville (PierreFranc. Hugues), fälschlich d'Hancarville geschrieben, ein gelehrter Abenteurer, war der Sohn eines Kaufmanns zu Marseille, geb. am I.Jan. 1729. Voll Verstand und Kenntnisse, dabei aber unstät, kam er in Berlin, wo er eine Zeit lang den Grafen spielte, wegen Schulden ins Gefängniß. Später gewann er das Vertrauen des Herzogs Ludwig von Würtemderg und von ihm unterstützt, ging er nun nach Nom, wo er als Baron du Hau lebte, und dann nach Neapel, wo er die Herausgabe des Hamilton'schen Werks über die etruskischen Vasen besorgte, deren Sammlung der König von England kaufte, und das jetzt seltene Werk ,,^nti0. Nov. 1725, war sowol ihrer Schönheit wie ihres Talents als Schauspielerin wegen bekannt. Dandölo, eine berühmte venetian. Familie, welche der Republik Venedig vier Dogen gegeben hat. Der berühmteste darunter war Enrico D., geb. um 11 lOoder 1115. Durch Bildung, Beredtsamkeit und Geschäftskenntniß ausgezeichnet, stieg er von Stufe zu Stufe, war 1173 Gesandter in Konstantinopel und wurde 1192 zum Doge erwählt. Als solcher stellte er die Herrschaft der Republik in Istrien und Dalmatien wieder her, schlug die Pisaner und trat 1201 an die Spitze der Kreuzfahrer. Er eroberte Triest und Zara, die albanische Küste, die Ionischen Inseln und Konstantinopel am 17. Juli 1203. Als der von ihm auf den griech. Thron erhobene Kaiser Alexius von seinen Unterthanen ermordet worden, belagerte er Konstantinopel und nahm es mit Sturm am 13. Apr. 1204. Hierauf errichtete er das lat. Kaiserthum daselbst und ließ den Grafen Balduin von Flandern zum Kaiser wählen. Durch den Theilungsvertrag, den er mit den übrigen Heerführern des Krcuzzugs schloß, erhielt Venedig einige Inseln des Jonischen Meers und des Archipels, mehreHäfcn und Landstriche am Hellesponk, in Phrygien, Morea und Eplrus, e>» ganzes Quartier von Konstan- 48 Dandy Dänemark (Geogr. u. Statist.) tinopkl und durch Kauf die Insel Kandia. Bald nachher starb D. am I. Juni 1205, zu Konstantinopel und wurde in der Sophienkirche begraben. Sein Grabmal zerstörten die Türken bei der Eroberung Konstantinopels im I. >453.— Giovanni D. war von >280—89 Doge, FrancescoD. von >328—39 undAndreaD. von >342—54. — Dieser Familie gehört nicht an Vincent D-, geb. zu Venedig 1769, gest. >819, derPro- veditore generale von Dalmatien war und sich durch die „8torin «Ii baobi clo seta" (3 Bde., Mail. 1818 — 19) einen berühmten Namen gemacht hat. Seine Memoiren gab Com- pagnoni (Mail. 1820) heraus. Dandy ist ein engl. Wort, dessen Begriff durch das deutsche Wort Stutzer nicht vollständig bezeichnet wird. Der echte Dandy gehört eigentlich nur der vornehmen Welt an; derselbe befleißigt sich aus Eitelkeit und Sucht nach Originalität des Ungewöhnlichen und Auffallenden in Kleidung und Betragen und unterscheidet sich von dem Fashionable insofern, als er erfinderisch auftritt, während Letzterer nur die Mode befolgt. Frankreich, das Land der Moden und geselligen Manieren, ist auch die eigentliche Heimat dieser leeren Originalität. Im 17. Jahrh. waren es hier die sogenannten Leaux, im 18. die ketits-msitres und gegenwärtig sind es die kile^snts, Inero^sbles, modernes u. s. w., die der Engländer mit Dandy bezeichnen würde. Ist schon der Dandy der vornehmen Welt eine lächerliche Figur, so wird dies der bürgerliche Dandy um so mehr sein, der gewöhnlich die Abgeschmacktheiten des Erstem nur nachzuahmen sucht. Danebrogorden oder Dannebrogorden, im Range der zweite der dän. Orden, soll im I. 1219 vom Könige Waldemar gestiftet worden sein. Das Wort Brog bedeutet un Altdänischen so viel wie Luch, Gewand, Danebrog also so viel als Tuch, d. h. Panier der Dänen, und es ist demnach dieser Orden nichts Anderes als eine Verherrlichung der alten dän. Reichsfahne, die lange, gleich der franz.Oriflamme, an der Spitze der dän. Heere getragen wurde, bis sie im J. 1500 an die Dithmarschen verloren ging. Im 15. Jahrh. gericth der Orden in Verfall, erlosch dann und ward erst bei der Salbung Christian's V. am 12. Oct. 1671 wieder erneuert und 1693 mit neuen Statuten begabt, die bis 1808 in Kraft blieben, wo Friedrich VI. am 28. Juni dem Orden eine durchaus veränderte Verfassung gab. Nach derselben besteht er jetzt aus vier Elasten, zu deren Besitz jeder dän. Unterthan gelangen kann, den Großcommandeuren, welche das Ordenscapitel bilden, den Großkreuzen, den Comman- deuren und den Rittern. Außerdem wird das Kreuz vierter Elaste als Ehrenzeichen in Silber auch an Solche vergeben, die sich nicht zur Aufnahme in den eigentlichen Orden eignen; die Besitzer dieses Ehrenzeichens heißcnDanebrogsmänncr und bilden gewissermaßen eine fünfte Classe des Ordens. Die beiden ersten Elasten tragen zugleich mit dem Orden einen Ordensstern und sind bei festlichen Gelegenheiten in eine eigene alterthümliche Ordenstracht gekleidet. Dänemark, das kleinste der drei nordischen oder skandinavischen Reiche, fast überall durch natürliche Grenzen abgeschlossen, umfaßt bereits seit den ältesten historischen Erinnerungen, abgesehen von dem zum Deutschen Bunde gehörigen Herzogthümern Holstein (s.d.) und Lauenburg (s.d.), welches letztere es von Preußen 1816 gegen Schwedisch-Pom- mern eintauschte, die gegenwärtigen Vestandtheilc, nämlich das eigentliche Königreich D., d. h. die Inseln Seeland (s. d.), Fünen (s. d.), Langeland (s. d.), Laaland (s d.), Falster (s. d.), Bornholm (s. d.) und Möen (s. d.); die Halbinsel Jütland (s. d.) und deren südliche Hälfte, das Herzogthum Schleswig (s. d.); ferner die Färöer (s. d.) und Island (s.d.). An außereurop.Colonien besitzt es Niederlassungen in Grönland (s. d.), in Westindien die Antillen St.-Croix, St.-Thomas und St.-Jean, in Afrika ein Stück auf der Küste von Guinea und in Asien Tranquebar, einige Factoreien auf Malabar und drei der Nikobarischen Inseln. Die Hauptinsel Seeland wird durch den Sund (s. d.) von Schweden, die Insel Fünen durch den Großen Belt von Seeland und durch den Kleinen Belt (s.d.) von Jütland getrennt. Der Flächeninhalt des gesammten dän. Staats beträgt ungefähr 2700 IHM., wovon freilich über drei Fünftel, Island und den Färöern zugehürend, für die innere Kraft des Staats keinen Zufluß gewähren. Das eigentliche Königreich umfaßt 847mM.; die Herzogthümer Holstein und Lauenburg 172 OM.; Island wird nach ziemlich unsicherer Berechnung zu 1406 OM-, die 25 felsigen Färöer nach noch unsicherer zu >0 Dänemark (Geogr. u. Statist.) 49 IHM. und die Besitzungen in Grönland zu 200 IHM. angegeben; die westind. Besitzungen betragen 8/-, die afrikanischen I > und die asiatischen l0 IHM. Das eigentliche D. nebst de» deutschen Herzogthümern ist bis auf einen mäßigen Rücken, welcher durch die Herzog- thümer läuft, ziemlich eben; die Küsten sind flach, doch bedarf nur die Westküste zum Schutze gegen das Eindringen des Meers künstlicher Deiche; der Boden besteht theils aus fruchtbaren Marschen theils aus Geest, d i. Boden von mittlerer Fruchtbarkeit. Nur strichweise finden sich Moräste und Waldungen. Durch unvorsichtiges Ausrotten der letztem, welche früher den nördlichen und nordwestlichen Küsten Jütlands Schutz gewährten, sind große, vorher urbare Strecken zu öden Sandwüstcn geworden, sodaß man in neuerer Zeit zu Anpflanzungen seine Zuflucht genommen hat, wodurch cs auch gelungen ist, einen Theil jener Flugsandstrecken wieder in urbaren Stand zu versehen. Außer dem Grenzstrome, der Elbe, mit welcher sich bei Lauenburg die Delvenau verbindet, die durch den Steckenitzkanal mit der in die Lrave fließenden Steckcnitz in Verbindung steht, sind die Küstenflüsse Eider und Gudensar, unter den vielen Binnenseen der Ratzeburgersec im Lauenburgischen und der Plöner- und Westensee im Holsteinschen, unter den Meerbusen das Kattegat (s. d-.) zwischen der jütländ. und schweb. Küste, das durch die drei Meerengen, den Sund und die beiden Belte mit dem Baltischen Meere oder der Ostsee zusammenhängt, und der Lymfiord in Nordjütland die bedeutendsten. Das Klima ist gemäßigt, aber sehr feucht. Die Bevölkerung steht nur auf den dän. Inseln und dem benachbarten Festlande und in den westind. und asiat. Colonien in angemessenem Verhältnisse mit dem Umfange; sie gehört durchschnittlich zu der Mittlern und erreicht nur in Holstein die Stufe der starken. Die erste Volkszählung in D. und Jütland fand im I. 1769 statt; damals zählte es 786000, im I. 1787 8-10000 und im 1.1801 924974 E- Island und die Färöer hatten im letztgenannten Jahre 52000 und Schleswig und Holstein im 1.1803 604000 E. Darauf erfolgte keine weitere Zählung bis zum 18. Febr. 1834, wo D. und Jütland 1,223807, d. i. auf eine OM. durchschnittlich 1790 E., besaßen, und zwar die dän. Inseln 697855 und Jütland 525952, sodaß der jährliche Zuwachs durchschnittlich fast genau ein Procent betrug. Grönland zählte >834 7552, die Färöer 6928, die Westindischen Inseln 43178, Island im 1.1835 56035 E. D. und Jütland hatten bei der letzten Zählung imJ. 1840 1,283027, Schleswig 348526, Holstein 455093 und LaUenburg 45342 E. Gegenwärtig dürfte sich die Gesammtbevölkeruug des dän. Staats auf 2,244600 E. belaufen. Een- tralpunkte der Bevölkerung in großen Städten finden sich verhältnißmäßig nur sehr wenige. Kopenhagens, d.), mit fast >21000 E.; ist die einzige Stadt, welche über 30000 E. zählt, zugleich die größte Handels- und Fabrikstadt; ihr zunächst steht Altona (s. d.), mit jetzt 28100 E-, die zweite Handelsstadt. Zwischen 20000 und I V00V E. finden sich drei Städte, Flcn §burg (s. d.), Sch leswig (s. d.) und Kiel (s. d.). Außerdem gibt es 105 Städte, 45 Marktflecken und 5232 Dörfer. Die Stammverschiedenheit der Bevölkerung des dän. Staats läßt sich, die Colonien ausgenommen, auf den deutschen Volksstamm zurückführen, da der Däne demselben angehört und Island und die Färöer seit der Mitte des 9. Jahrh. von D- und Norwegen aus bevölkert wurden und der slawische Volksstamm sich nicht weiter als bis in das Herzogthum Laucnburg ausgebreitet hat, hier aber durch Vermischung mit den Deutschen ganz erloschen ist. Nur die Juden sind eingewandert, die auf dem dän. Festlande und den Inseln fast ausschließlich in den größer« Städten wohnen. Die physische Cultur des dän. Staats ist bei seiner gegenwärtigen Beschaffenheit vorzugsweise auf den Ackerbau und die Viehzucht hingewiesen, demnächst auf die Fischerei, während einige Zweige derselben, wie der Bergbau nach dem Verluste Norwegens, hier gänzlich fehlen. Jene liefern auch in Ermangelung jedes höher« Aufschwungs der technischen Cultur die Hauptgegenstände des Handelsverkehrs in der Ausfuhr und vermitteln den Austausch für den starken Bedarf an rohen Producten und Manufacturwaaren. Bei der durchschnittlich jährlichen Ausfuhr von ungefähr 12 Mill. Rbthlr. kommt fast die Hälfte des Werthbetrags auf die Korn-, ein Fünftel aus die Butter-, ein Achtel auf die Käseausfuhr und ein Fünftel auf die jährliche Ausfuhr an Rindvieh, Pferden, Fellen cmd Häuten und eingesalzenen Fischen. Der Gesammtbestand der dän. Handelsflotte betrug im Conv.-Lex. Neunte Aufl. IV. ^ so Dänemark (Geogr. n. Statist.) 1.1835 3876 größere und kleinere Handelsschiffe mit 57853 Tonnenlasten Tragbarkeit, wovon die dän. Inseln 668 größere Schiffe über lO Last und 913 kleinere, Schleswig 393 größere und 791 kleinere, Holstein 213 größere und 896 kleinere besaßen. Der bedeutendste Handelshafen ist Kopenhagen, welches über ein Drittel des gesammtcn dän. Han- dels allein umfaßt und namentlich mit Altona vorzugsweise den ausländischen Verkehr ver- mittelt. In Kopenhagen laufen jährlich 800-1175 Schiffe auS und ein, um ihre Ladung abzusetzen und einzunchmen, und außerdem kommen noch 256—350 aus der Rhede an, ohne zu lootsen. Zm 1.1833, einem der stärksten Handelsjahre für Kopenhagen, liefen hier 1336 Schiffe ein und 1175 aus; dagegen 1833 nur 1319 eni und 1937 aus. Altona sieht jährlich 579—8VÜ Seeschiffe in seinem Handel beschäftigt und sendet alljährlich über 30 Heringsjäger aus, bisweilen auch einige Schiffe auf den Walfisch- und Robbenfang. Kiel hat jährlich zwischen 759—1089 ein- und auslaufende Schiffe. Nächstdcm zeigen sich am regsamsten Flensburg und Aalborg, fast in gleicher Anzahl der im Handel beschäftigten Schiffe, aber doch vorzüglich auf den Binnenhandel und kleinere Schiffe beschränkt, wie dies zum größten Theil auch bei Kiel der Fall ist. In Hinsicht der intellektuellen Cultur darfD. mit vollem Rechte auf den Ruhm Anspruch machen, mit am frühesten von Seiten der Regierung zur vielseitigern Förderung derselben unterstützt worden zu sein, obscho» die Unterrichtsanstalten nicht überall mit gleicher Theilnahme von dem Volke benutzt worden sind. An der Spitze derselben erscheinen die beiden Universitäten zu Kopenhagen und Kiel. Nächst denselben wirken 30 Gelehrten- schulcn für den höher« Unterricht, davon 19 auf den dän. Inseln und in Jütland (Kopenhagen, Roeskilde, Helsingör, Hilleröd, Slagelse, Herlufsholm, Wordingborg, Rönne auf Bornholm, Odense auf Fünen, Nykiöping auf Laaland, N-rkskov auf Falster, Aalborg, Viborg, Aarhuus, Randers, Horscns, Ripcn und Colding), 10 in den Herzogtümern Schleswig und Holstein (Altona, Flensburg, Glückstadt, Haderslcben, Kiel, Mcldorf, Plön, Rendsburg und Schleswig) und eine zu Baffestad auf Island. Zur Ausbildung der Elemcntarschullchrer wirken fünf Seminare, und der Nolksunlcrricht ist bereits so weit gediehen, daß fast ohne Ausnahme auf den dän. Inseln und dem Festlande in jedem Kirchspiele zwei Schulen angctroffen werden. Die herrschende Landeskirche, die protestantische, umfaßt dergestalt die Hauptmasse des dän. Volks, daß nicht über 13000 Andersgläubige im ganzen Staate gefunden werden. Sie steht, mit Ausschluß der Colonicn, unter der Leitung von neun Bischöfen (Seeland, Laaland, Fünen, Ripen, Aarhuus, Viborg, Alsen, Aalborg und Skalholt auf Island), 62 Pröpsten und 1677 Predigern in 1907 Kirchspielen, die Filiale mit inbegriffen. Außerdem leben in den dän. Staaten >250 Reformirte, davon die Hälfte in den Herzogthümern; dasselbe Verhältnis findet bei den 2000 Katholiken statt. Die 900 Mennoniten befinden sich ausschließlich in den Herzogthümern, wo auch die Mehrzahl der 1500 Herrnhuter lebt. Von den 6900 Juden leben 2350 in den Herzogthümern. In politischer Hinsicht ist das eigentliche D. in sieben Stifter getheilt: Seeland, welches die Inseln Seeland, Amak, Bornholm, Samsöe und Möen begreift; Fünen mit den Inseln Fünen, Langeland und Taasinge; Laaland mit den Inseln Laaland und Falster, und die vier nordjütländischen Stifter Aalborg, Viborg, Aarhuus und Ribe. Südjütland oder das Herzogthum Schleswig sowie Holstein werden durch Statthalter und Lauenburg von einem Landdrosten verwaltet; die Färöer stehen unter einem Amtmann und Island unter einem Stiftsamtmann. Die Verfassung ist nach dem Staatsgrundgeseß vom 15. Mai 1833 monarchisch mit Provinzialständen, für die dän. Inseln, für Jütland, für Schleswig und für Holstein. Der König führt seit dem 1. Jan. 1820 den Titel König von D-, der Wenden und Gothen, Herzog von Schleswig, Holstein, Stormarn, der Dithmarschen, zu Oldenburg und Lauenburg; der präsumtive Thronfolger heißt Kronprinz. Die Krone ist in D. in der männlichen wie in der weiblichen Linie erblich; in den Herzogthümern Schleswig, Holstein und Lauenburg folgt aber nach dem Erlöschen des Mannstamms der königlichen Linie der Mannstamm der altern Nebenlinie, folglich das Haus Hol- stein-Sonderburg-Augustenburg. Ritterorden hat D. zwei, den Elcfantcnorden, gestiftet zu Anfänge des 15. Jahrh., erneuert imJ. 1358, und den Danebrogorden (s. d.). Die oberste Landesbehörde ist der 1660 errichtete Geh. Staatsrath, in welchem der König den Dänemark (Geschichte) 51 Vorsitz führt. Die Staatseinkünfte waren im Budget für 1842 zu 15,287000, die Ausgaben zu >4,953000 Rbthlr. veranschlagt. Das königliche Haus bezog nach dem Budget von >810 an ordentlichen Ausgaben 1,553600 und an außerordentlichen 1,386200 Rbthlr., zusammen 2,939800 Rbthlr. Die Staatsschuld bestand am l.Jan. >841 in I I6,572VNV Rbthlr., nämlich 63,288000 Rbthlr. inländische Schuld und 53,284NVV ausländische Schuld. Die bewaffnete Macht besteht im Friedensetat aus 24150 M., die Reserve beträgt ungefähr 27500 M. Die Marine bestand im Jan. 1836 aus sechs Linienschiffen mit 84—66 Kanonen, acht Fregatten mit 46 — 4V Kanonen, fünf Korvetten mit 26 —20 Kanonen, fünf Briggs mit >8— 12 Kanonen, drei Schooner mit acht bis sechs Kanonen, drei Kutter und einer Nuder-Flotillc von 56 Kanonenbooten, zwei Kanonen-Jollen und vier Mörser-Schaluppen. Vgl. Thaarup, „Udförlig vejledning til det danske monarkies statistik" (6Bde., Kopenh. 1812—IS), Desselben „Statistisk udsigt over den danske staat" (Kopenh. 1825), Petersen, „Das Königreich D. nebst allen dazu gehörenden Ländern" (3. Ausl., Schlesw. >829), ^Nathanson, „Beiträge zur Handelsgcschichte D,s" (Kopenh. 1833) und Abrahamson und Gliemann, „Ämteratlas von D." (Kopenh. 1824—32). Die ältesten Bewohner D.s waren deutschen Stammes, muthvolle, kühne Menschen, die sich auf und von dem Meere nährten und die hohe Kraft ihres Geschlechts bis auf späte Zeiten bewahrten. Die Kimbern, auf der jütländ. Halbinsel, wurden den Römern zuerst durch den großen Heerszug furchtbar, den sie mit den Teutonen in die Provinzen Galliens unternahmen. Später drängten sich unter Anführung des sagenhaften Odin (s. d.) die Gothen in die skandinavischen Länder und gaben sowol D. als Norwegen und Schweden Regenten aus ihrem Volke. Skiold soll der Erste gewesen sein, der über D. herrschte, und nach ihm wurden die Dänenkönige Skiold-Unger, d. i. Nachkommen des Skiold, genannt; doch ist seine und seiner Nachkommen Geschichte mit vielen Fabeln vermischt. Nur so viel weiß man, daß D. damals in mehre kleine Staaten zerstückelt war und daß deren Bewohner ihren vorzüglichsten Erwerb in der Seeräuberei suchten und allgemein gefürchtet waren. Als Noms Macht sank, ward der Name der Normannen (s. d.), worunter man Dänen und Norweger begriff, bekannter. Mit dem 0. Jahrh. endet die dän. Sagengeschichtc, für welche Snorro's und Saxo's Werke Quellen sind. Normannen landeten 832 in England und stifteten daselbst zwei Reiche; Normannen ließen sich unter Rollo 911 auf der sranz. Küste in der Normandie nieder, bevölkerten die Färöer, die Orkaden, die Shetlands, Island und einen Theil Irlands und zogen nach Spanien, Italien und Sicilien. Wohin sie kamen, ging ihnen der Ruhm ihrer Waffen voraus, aber auch die Furcht vor ihrer Wildheit und ihren Räubereien. In ihrer Nationalverfassung änderte sich durch diese Streifzüge wenig; sie blieb ein Föderativsystcm mehrer Clane oder Stämme, deren jeder sein eigenes Haupt hatte. Erst als die deutschen Könige aus dem Stamme der Karolinger sich in die einheimischen Angelegenheiten der Normannen zu mischen suchten, zogen sich die Stämme enger zusammen, und cs schieden sich Norweger und Dänen in zwei abgesonderte Staaten. Dan Mykillati, d. i. der Prächtige, vereinigte Seeland und die übrigen dän. Inseln mit Schonen (Skaane) und gab dem Reiche zuerst den Namen Dänemark. Gorm der Alte unterwarf 863 Jütland und vereinigte bis 920 alle kleine dän. Staaten unter seinem Scepter. Sein Enkel Sven, ein kriegerischer Fürst, bezwang im J. 1000 einen Theil Norwegens und 1014 auch England; sein berühmter Sohn Knud(s. d.) vollendete 1016 nicht nur die Eroberung Englands, sondern unterwarf sich auch einen Theil Schottlands und 1030 ganz Norwegen. Unter ihm erreichte die Macht D.s ihren höchsten Gipfel. Staatsklugheit bewog ihn zur Annahme der christlichen Religion und zur Einführung des Christenthums in D-, nachdem die Bekeh- rungsvcrsuche Ansgar's (s. d.) im 9. Jahrh. keinen dauernden Erfolg gehabt hatten. Unter Knud's Nachfolgern seit 1036 verfiel das mächtige Reich, durch innere Unruhen entkräftet, sehr bald in tiefe Ohnmacht; schon >042 ging England und 1047 auch Norwegen scrloren. Auch Knud's Dynastie erlosch im letztgedachten Jahre, und mit Sven Magnus Estritson bestieg nun eine neue Dynastie den Thron. Doch das in Folge der vorhergegangenen Kriege gegründete Lehnwesen entkräftete das Reich mehr und mehr auch unter dieser Dynastie, die, außer dem Großen Waldemar, der von 1 > 57—82 regierte, und dessen beiden Söh» 5S Danemar? (Geschichte) MN und Nachfolgern, Knud VI., gest. 1202, und Waldemar II., gest. 1241, der bis 122.1 die ga-^e Südküste des Baltischen Meers von Holstein bisEsthland beherrschte, dem Throne keinen würdigen Regenten gab. In einer besondern Capitulation mußten die Könige beim Regierungsantritte seit >120 die Rechte derAristokratie ausdrücklich anerkennen. MitWal- demar III. erlosch l 176 die männliche Nachkommenschaft der Estritsiden. Seine staatskluge Tochter Margarethe faßte nach ihres Sohns Olav's I V. Tode im Z. > 187 das Ruder des dän. Staats, schwang sich auf die Throne von Schweden und Norwegen und brachte > 107 die Kalmarische Union zu Stande, durch welche sie die ewige Vereinigung der drei nordischen Reiche bezweckte. Nach dem Absterben der Regenten aus Skiöld's Stamme wählten die Stände den mütterlicherseits aus dem alten dän. Königsgeschlechte abstammende» Grafe» von Oldenburg, Christian I., >118 zum Könige, der der Ahnherr des seitdem in ununterbrochener Erbfolge regierenden königlichen Hauses ist. Er vereinigte Norwegen, das sich getrennt hatte, wieder mit der dän. Krone und wurde durch freie Wahl zum Regenten der Hec- zogthümer Schleswig und Holstein erwählt; dagegen verpfändete er dieorkadischen und die shetländischcn Inseln anSchottland. Durch seine Capitulation war er indeß so gefesselt, daßer mehr das Haupt des Reichsrakhs als der König eines freien Volks zu sein schien. Eine noch härtere Capitulation mußte sein Sohn, Johann, I-18I in D. beschwören, während auch in Norwegen seine Macht mehr und mehr beschränkt wurde. Holstein und Schleswig thciltc er mit seinem Bruder Friedrich. Johannas Sohn, König Christian >1. (s.d.), suchte die Abhängigkeit, worin er von den Ständen gehalten wurde, abzuwerfcn, verlor aber darüber Schweden, welches 1521 die Kalmarische Union vernichtete, und bald nachher auch seine beiden andern Kronen, die durch die Wahl derStände seines Vaters Bruder, Friedrich I., erhielt, unter dem die Aristokratie die völlige Oberhand erlangte und die Leibeigenschaft gesetzlich wurde. Die Reformation führteer 1527 ohncZwang blosdurch bewilligte Glaubensfreiheit ein. Christian III., sein ältester Sohn und Nachfolger, kheilte Schleswig und Holstein mit seinen Brüdern Johann und Adolf, welcher Letztere der Stifter des Hauses Holstein-Gottorp wurde. Ihm folgte 1559 König Friedrich >>., der die Dithmarschen bezwang und wegen Lieflands in einen Krieg mit Schweden verwickelt wurde, den der stettiner Friede im I. > 570 endigte. Durch die Dotirung seines jünger» Bruders Johann, der die Linie Holstein-Sonderburg stiftete, legte er den Grund zu langwierigen Familicnstreitigkeiten. Sein ältester Sohn, Christian IV. (s. d.), der ihm 1588 folgte, ist unstreitig der ausgezeichnetste aller dän. Regenten, obschon er im Dreißigjährigen Krieg wenig Ruhm erntete und der Bruch mit Schweden von so schlechtem Erfolg war, daß D. im brömscbroer Frieden >015 Jämptland, Herjedalen jenseir des Gebirgs, Gothland und Ösel, Provinzen, welche es zum Theil noch seit der Union behalten hatte, ganz, Holland aber auf 10 Jahre an Schwede» abkreten mußte. Die Fehler der dän. Negierungsform und die Gebundenheit der Krone waren die Hauptursachen dieses Unglücks der dän. Waffen. Dieses Unglück dauerte auch fort unter Chri- stian's l V. Nachfolger Friedrich III., der, nachdem er 1657 eine» neuen Krieg mit den Schweden begonnen, in dem roeskildcr und kopcnhagenerFrieden von >658 und >660 Schonen, Blekingen, Bahus und das Eigenlhum an Holland verlor. Die Folge davon war die Aufhebung der reichsständischen Verfassung und die Begründung der Staatsverfassung durch das Königsgesetz von 1 660 . Dieses Gesetz, das dem Könige und seinen Nachfolgern auf ewige Zeiten die souveraine Macht übertrug, auch das Schrankenlose derselben durch weiter nichts begrenzte als die nicht zu ändernde Confession, war nicht etwa durch einen Staatsstreich herbcigeführt, sondern ein Ergebniß der dringenden Zeitverhältnisse. Eine mächtige Aristokratie batte nicht nur alle Hebel der Staatsgewalt in den Händen, sondern schrieb dem Könige bei seinem Regierungsantritte eine Capitulation vor, durch welche wohl die Rechte des Adels, aber keine der andern Staatsbürger gewahrt warm; Handel, Ackerbau, Gewerbe litten unter des Adels ausschließlichen Vorrechten; die ganze Rechtspflege war in seinen Händen; er allein bildete den Reichsrath und hatte die Rechte der übrigen Stände verschlungen, sowie er auch allein die Lehen der Krone, und zwar für eine geringe Abgabe, inne hatte. Die Noch der Umstände vereinigte die Bürgerschaft und die Geistlichkeit aus dem Reichstage zu Kopenhagen am 8. Dänemark (Geschichte) üZ Sept. 16 «»-, das Interesse der Regierung war durch den gemeinsamen Gegensatz gegen di- Aristokratie mit dem ihrigen verschmolzen; indem die klugen Führer der zwei Stände, der Bischof Svane und der Bürgermeister Nansen, dem Könige die Souverainetät Übertruge», erwarteten sie, daß die politische Freiheit unter dem Schatten derselben sich entwickeln werde, sowie der Bürgerstand unter Andern, namentlich gleiche Berechtigung zu den höchsten Staato- ämtern, Nachweis über die Verwendung der Einkünfte des Landes, Aufhebung der Leibeigenschaft, Gemeindewahl bei Besetzung der geistlichen Ämter u. s. w. verlangte. Indem aber alle Foderungen gewährt wurden, erstarb allmälig unter der souvcraincn Negierung ganz der Gemeingeist und bald vermißte man jegliches Zusammenwirken zwischen Volk und Regierung, welches die unerläßliche Bedingung der fortschreitenden Entwickelung des Staats- lebcns ist. Zwar läßt sich nicht verkennen, daß unter dem Nachfolger Friedrichs lll., Christian V., 167» — !»!», ein reges Leben in der Rechts- und Civilverwaltung durch die Einführung des dänischen (1683) und norwegischen Gesetzbuchs (>687), welches das Werk des berühmten Peter Griffinfcld war, sich kundthat; daß unter Friedrich IV., 1699 — 173», die eigentliche Leibeigenschaft I7»2 aufgehoben wurde, während die Form derselben, wodurch der Bauer an die Scholle gebunden war und die Aushebung zum Kriegsdienste darnach bestimmt wurde (Stavnsbaand), fast noch drei Menschcnalter hindurch sich erhielt; daß endlich die Könige die souveraine Macht meist in einem volksthümlichen Geiste üblen und, wie der sehr populaire Friedrich V., >746—66, der Nachfolger Christian s VI., >736— 16 , eine Selbstbeschränkung eintreten ließen, die unter jenen Voraussetzungen noch ehrenvollere Anerkennung verdient; allein ebenso wenig läßt sich leugnen, daß das vollkräftige Staats- lcbcn, welches den Gliedern wie dem Haupte gleiche Berechtigung widerfahren läßt, noch keine Anerkennung gefunden hatte. So standen die Sachen, als unter König Christi an VII. (s. d.), nach dem Sturze des Ministeriums Strucnsee (s.d.) im Z. 1772, welches, obschon es >77» dieCensur aufhob, sich nicht zu halten vermochte, und der Auflösung des Guldberg'schen im I. 1783, das sich durch liebevolle Förderung der Nationalsprache und Wissenschaft auszeichnete, der Krön- Prinz, der am I3.Apr. 1783 für majorenn und zru» Mitregenten seines gcmüthskranken Vaters, Christian's VI1., dem er 1898 als König Friedrich VI. (s. d.) in der Regierung folgte, selbst Sitz im Staatsrathe nahm. Von diesem Zeitpunkte an datirt sich die politische Regeneration des dän. Staats, die in dem ersten Stadium (> 783—97) namentlich an dem durch Verwaltungsblick und Verwaltungskraft sowie durch liberale Grundsätze gleich ausgezeichneten Minister Andr. Peter Graf von Bernstorff(s. d.) die mächtigste Stütze fand. An der Entwickelung des neuern curop. Volkslebens Theil nehmend, machte D. bald Riesenschritte zu diesem Ziele, die mit um so größerm Rechte die Bewunderung Europas weckten, als sie von großer Besonnenheit und Klarheit, zugleich aber ohne alles mistrauische Um- herblicken, geleitet wurden. Die erste Frucht dieses erleuchteten, mit wahrer Liebe das Volk als ein Ganzes umfassenden Strebens war die Verordnung vom 2». Juli 1788, wodurch dem Bauernstand die persönliche Freiheit vollends zugesichert und jener schmachvolle Rest der Leibeigenschaft aufgehoben ward. Der Kriegsdienst wurde hinfort eine unmittelbar persönliche Last, die auf der ganzen Landbevölkerung ruhte; die Frohne in eine bestimmte Arbeitslast verwandelt, und zugleich die Ablösung theils auf gegenseitige Übereinkunft der Betheiligten theils auf Erkenntniß einer Commission festgesetzt; doch konnten in Seeland und auf den Inseln überhaupt die wenigsten Bauern wegen Mangels an Vermögen sich dieses Rechts bedienen. Das ganze Ablösungsgeschäft ward später durch eine Verordnung vom 8. Jan. 181» regulirt. In den Herzogthümern, besonders in dem östlichen Thcile derselben, wo die Nachkommen der eingewanderten und unterjochten wendischen Volkssiämme wohnten, herrschte noch die Leibeigenschaft; durch Bernstorff's edeln Eifer wurde die Aufhebung derselben beschlossen und mittels dcrVerordnung vom 19. Dec. 1893, die 2»»»" Familien Freiheit und Eigenthum schenkte, zur Ausführung gebracht. Der humane Geist, der diese Veränderungen bezeichnete, fand Anerkennung beim Volke; die Opposition der juiländischen Gutsbesitzer (179») schlug der Kronprinz durch seinen festen Willen nieder; die Errichtung der sogenannten Freiheitssäule in der westlichen Vorstadt Kopenhagens (>>92) sprach die Dankbarkeit des Volks gegen die liberalen Veranstaltungen der Negierung aus. Ü4 Dänemark (Geschichte) Auf einem andcm'Punkte arbeitete die Negierung auf eine größere Gleichstellung derStänd« vor dem Gesetz hin. Durch ein Gesetz vom 3. Juni 1809 wurden die Patronatsgcrechtsame des Adels und der privilcgirten Gutsbesitzer in ein Borschlagsrecht unter bedcntcndcn Modi- sicationcn verwandelt» ebenso wurden die Steuerexemtionen schon 1802 sehr beschränkt und nach und nach das ganze Besteuerungssystem zu einer größer» Gleichheit gebracht. Auch die Verbesserung der bürgerlichen Stellung der Juden wurde von der Staatsverwaltung nicht außer Acht gelassen. Schon 1788 wurde ihnen der Zutritt zu den Zünften gestattet; der wichtigste Schritt geschah durch das Gesetz vom 29. März 1814, wodurch sic gleiche Berechtigung mit allen übrigen Unterthanen zu jedem gesetzmäßigen Erwerb erhielten; zugleich wurden neue zweckmäßige Bestimmungen für den Unterricht und die Erziehung der jüdischen Kinder getroffen und die Juden allmälig in die staatsbürgerliche Bildung hinübergenonnneu, sodaß ihnen später auch das Recht zur Thcilnahme an der Municipalverwaltung in den Landstädten und an der Ständewahl zugcstandcn werden konnten; doch sind sie noch gegenwärtig vom Sitz in der Ständcversammlung ausgeschlossen. Eine Frucht derselben humanen Regierungsmaximen war die Abschaffung des Negcrsklavcnhandcls durch Verordnung vom 16. März 1792, die vom Anfänge des I. 1803 an auf den dän.-westind. Insel» zur voll ständigen Ausführung kam. Zugleich aber ward durch Mittheilung christlichen Unterrichts an die Neger, durch Förderung gesetzlicher Ehen unter ihnen und das Verbot, die Kinder von den Altern zu trennen, bevor die erster» wenigstens ein Alter von sechs Jahren erreicht hatten, auf die innere Verbesserung ihres traurige» Looses Bedacht genommen. D. war der erste Staat, dsr dieses ehrende Beispiel einer von der Menschenliebe durchdrungenen Politik gab; auch ließ die Regierung sich durch den thcilweisen lauten Widerspruch, den diese Veranstaltung fand, nicht irre machen. Auch die Rechtspflege ging in diesem Zeiträume einer gedeihlichem Gestalt entgegen. Im 1.1795 wurden die Vcrgleichscommissionen cingesührt, um die unnöthigcn und kostspieligen Processc über kleinere Rechtssachen zu vermindern. Das von Ehr. Colbiörnscn entworfene Gesetz über schnelle und gebührende Rechtspflege vom I. >796 stellte die nieder» Gerichte unter eine Cvntrole, die vielfache» bisher staltg» hakten Misbräuchcn für die Zukunst wehrte. Die Criminalgcsehgebung erhielt 17 89 eine wichtige Verbesserung durch das neue Gesetz über den Diebstahl; spätere Bestimmungen faßten den Grund der Sache, das rationelle Verhältniß zwischen Verbrechen und Strafe, noch angemessener auf. Bei der Vereinigung des herzoglichen Anthcils von Holstein mit D. wurde die dort gebräuchliche Tortur abgeschaffl, und die Aufhebung des geschärften Verhörs, des Brandmarkcns und der Spicßruthenstrafe in späterer Zeit gaben neue Beweise des aufgeklärten Geistes der Negierung. Das Heer, welches bis tief in die zweite Hälfte des 18. Jahrh. hinein zum Theil aus deutschen Söldlingen bestand, wurde vielfach in einen bessern Stand gesetzt, die Werbung abgeschafft, die Dienstzeit der Verpflichteten herabgesetzt bis auf drei Jahre; die militairischen Unterrichtsanstaltcn wurden erweitert und ihrem Zwecke näher gebracht, bis in den letzten Jahren die Errichtung einer militairischen Hochschule ein stehendes Bildungsmittcl für die Offiziere darbot. Das Grundlegende für alle wahre Volksbildung, die Schulen, war fortwährend ein Gegenstand der unausgesetzten Auf-, merksamkcit der Negierung. Eine Commission hatte seit 1789 diesen wichtigen Gegenstand zu bcrathcn. Man errichtete Schullehrerscminarien, die zuletzt auf fünf beschränkt worden sind (Jonstrup, Skaarup, Snedsted, Lyngbyc und Jellingc) und neue Schulen, wo das Bcdürfniß sich herausstcllte; Katecheten mit festem Gehalt wurde» in den Mittelstädten angcstellt, um dem Unterrichte an der Seite mchrcr Lehrer vorzustchen; auch suchte man die Lehrgegenstände in den Schulen zu erweitern; Anhalt bot hier das Gesetz über das Volks- schulwcsen vom 29. Juli 1814. Ein glänzendes Resultat versprach die mehre Jahre später besonders auf den Betrieb des Oberstlieutcnants Abrahamson empfohlene gegenseitige Unterrichtsmethode, eine modisicirte Bcll-Lancaster'schc, die aber später wieder aufgcgcben wurde, indeß blieben als Normalschulen für den gegenseitigen Unterricht eine in Kopenhagen und eine andere in Eckernfördc stehen, deren Leistungen fortwährend Anerkennung gefunden haben. Die Errichtung von Sonntagsschulen, als deren Stifter der deutsche Prediger Maßmann anzuschcn ist, fällt in einen frühem Zeitraum (1800); in ihrer fortgehendcn Ausbreitung gewannen sie immer mehr Consistenz und nahmen außer technischen Kenntnissen, Dänemark (Geschichte) 55 Schreiben und Rechnen, zuletzt auch Geographie und Geschichte in den Kreis des Unterrichts mit auf. Die 1830 errichtete polytechnische Lehranstalt hat in den Jahren ihres Bestehens kräftig gewirkt zur Ausbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse und ihrer Anwendung aufs Leben; namentlich haben auch die mit derselben verbundenen Gewcrbschulen und das Institut für Metallarbeiter vielfach dazu beigetragen, einen bessern Geschmack, grössere Kunst, fertigkeit und gründlichere Einsichten im Handwerksstande zu verbreiten. Die gelehrten Schulen gingen, seitdem unter dem Vorsitze des Herzogs Friedrich Christian von Augusten- burg eine Commission zu diesem Zwecke niedergesetzt war (1790), einer erneuerten Orga. nisation entgegen. Die Verordnung vom 7. Nov. 1809 erkannte die humanistische Grund, läge vollkommen an, verbannte aber mehre Misbriuche, die theils noch aus den Klostcrschu- len, theils von der Überschätzung und einseitigen Anwendung jenes Princips herrührten, und führte mehre neue Lehrfächer in die Gymnasien ein. Nachdem das philologische Seminar (1799) eine Bildungsanstalt für zukünftige Gymnasiallehrer aus Mangel an Thcilnahme nach einigen Jahren eingegangen, wurde 1818 eine eigene Prüfung für Diejenigen angeord- net, welche ;u solchen höher» Lehrstellen adspiriren. Die Abiturientenprüfungen, welche bei der Universität vorgenommen werden, sowie die Prüfungen pro iminere, wurden 1805 geschärft und eine eigene Direktion für das gelehrte Schulwesen errichtet.' Die frühere Ritterakadcmie zu Soröe trat, nachdem die Hauptgebäude 1815 abgebrannt waren, 1822 in erneuerte Wirksamkeit. Die 1785 errichtete chirurgische Akademie ward in nähere organische Verbin- düng mit der medicinischen Facultät gebracht. In der Reihe der wissenschaftlichen Anstalten verdienen außerdem besondere Erwähnung das Museum für nordische Alterthümer (bc- gründet 1807), welches später unter des Kanzlerraths Thomson Verwaltung zum Centraldepot für dieselben sich erhob; die Königliche Gesellschaft für nordische Alterthumskunde, deren Leiter und Seele der EtatSrath Rafn ist und die Gesellschaft für Ausbreitung der Na- turlehre. Viele wissenschaftliche Unternehmungen wurden unterstützt durch die liberale Verwendung des Fonds »et usu« publicos; namentlich empfingen hieraus manche jüngere Gelehrte und Künstler Mittel, um durch Reisen sich eine freiere und höhere Bildung zu er- werben. Die Verhältnisse der Presse waren in diesem Zeiträume manchem Wechsel unterworfen. Die Grundsätze des Guldberg'schen Ministeriums,' unter welchem eine durchaus willkürliche Ccnsur in die Hände der höchsten Policeibeamten gelegt war, mußten unter Bcrnstorsse Ministerium einer frciern Ansicht weichen. Durch das Rescript vom 3. Dec. 1790 wurde die Presse von den Banden befreit, unter welchen sie seit 1773 niedergehal- tcn gewesen war, indcm-alle Preßsachen von Nun an vor den allgemeinen Gcrichten-behan- delt und nach den Gesetzen des Landes beurtheilt werden sollten. D. genoss hierauf eine Zeit lang eines hohen Grades von Preßfreiheit; allein die politische und religiöse Gährung im letzten Decennium des 18. Jahrh., die sich auch in der Literatur stark ausprägte, machte die Regierung bedenklich und bewog sie zum Versuche, die drohende Krise durch schärfere Maßregeln gegen die Presse abzuwcnden. Zuerst erfolgte eine Reihe von Preßprocessen gegen Schriften, deren Inhalt oder Ton die Regierung als verletzend oder verbrecherisch anerkannte; dann erschien zwei Jahre nach dem Tode BernstorfftS, dieVcrordnung vom27. Sept. 1799, durch welche die Anonymität aufgehoben und die Censur für alle Verfasser, welche wegen Misbrauchs der Presse vcrurtheilt waren, festgesetzt wurde. Die merkwürdigsten jener Proteste waren die gegen P. A. Hciberg (s. d.) undMaltcbrun (s. d.), die beide des Landes verwiesen wurden. Nachher wurde die gedachte Verordnung mehrmals geschärft, namentlich wurden auch alle politische Blätter der Censur unterworfen, und nicht selten griff diese auf eine ebenso irrationelle als störende Weise in das natürliche Recht der Schriftsteller ein, sodaß einer der letztem gewiß nicht mit Unrecht bemerkt hat: „Der Rest von Preßfreiheit, den jene beschränkenden Anordnungen unS übrig lassen, ist nur klein, und selbst dieser geringen Freiheit genießt man nur unangefochten, so lange man sich ihrer nicht bedient." Doch nahm die periodische Presse seit 1831 und namentlich seit 1834 wieder einen bedeutenden Aufschwung. Man kehrte zu dem früher» Grundsätze der Verantwortlichkeit der Schriftsteller vor den Landesgesetzen und gerichtlicher Behandlung aller Preßvergehen zurück; auch zeigten die Ge- richte, wie in dem Preßproceß des Professors David (s. d.) und späterHage s (s d.), ihre Unabhängigkeit; gemildert wurden durch Bestimmungen der Regierung selbst, welche immer 56 Dänemark (Geschichte) mehr ihr volksthümliches Wesen und stetes Beharren auf den Rechtsgrund entfaltete, die frühern Maßregeln gegen Schriftsteller, welche, wegen Preßvergehcn vcrurtheilt, der Ccnsur unterworfen wurden. Die Journalistik, keck geleitet, führte bald eine neue und stärkere moralische Verantwortlichkeit der Beamteten ein; die Reibung selbst gab dem Gemcingciste einen mächtigen Anstoß; man lernte den unschätzbaren Werth der Preßfreiheit reckt verstehen. Gerüchte von neuen Beschränkungen, welche dieser drohten, vcranlaßten die Errichtung der Gesellschaft zur Förderung des rechten Gebrauchs der Presse, die als ihre erklärte Aufgabe hinstellte, durch moralischen Einfluß auf die Mitbürger dem Misbrauch der Presse zu steuern. Tausendstimmigen Anklang fand dieser Verein, an dessen Spitze die Häupter der gemäßigten liberalen Partei, die Professoren Schouw und David, der Obergcrichtsas- sessür Algreen-Using und andere hervorragende Persönlichkeiten, sich stellten; bald erweiterte er sich durch Filialvereine so weit die dän. Zunge reicht; doch ist nicht zu verkennen, daß derselbe, wie viel Gute- er auch in anderer Rücksicht durch Forderung der Volksaufklärung mittels Herausgabe darauf hinziclender Schriften stiftete, sein eigentliches Ziel nur unvollkommen erreichte' und deshalb auch der Negierung die bcabzweckte Garantie wider den Misbrauch der Presse nicht zu geben vermochte. (S. auch Dänische Sprache, Literatur und Kunst.) Beim Ausgange des 18. Jahrh. belief sich die dän. Staatsschuld auf 28 Mill. Nthlr. Courant und die Zcddelschuld auf IN'/? Mill.; in Folge des Kriegs von >801 und der Rüstungen zu Lande und zu Wasser in den folgenden sechs Jahren, welche die Kriegsunruhen in den Nachbarlanden nothwendig machten, stieg jene zu 4 l, diese zu 26 Mill. Als in dem unglücklichen siebenjährigen Kriege, welcher darauf ausbrach, die Bedürfnisse des Staats in demselben Grade zunahmcn , in welchem die Kräfte des Volks, neue Steuern zu wagen, abnahmen und folglich Staatsanleihen im Auslande nicht zu ermitteln waren, er- griff man den Ausweg, der auch früher öfter, seitdem die Bank aufhörte ein Privatinstitut zu sein (1773), benutzt worden war, nämlich Papiergeld zu creiren, ohne daß man im Besitz eines demselben entsprechenden reellen Werths war. Die Herzogthümer hatten l 7 88 ihr eigenes Münzwesen durch die Errichtung der Speciesbank in Altona erhalten und wurden dadurch von den Calamitätcn befreit, welche in D. durch die Courantbank herbeigeführt wurden. Die Masse der dän. Courantzcddel stieg zuletzt auf 132 Mill., während die Staatsschuld am I. Jan. 1814 bis auf 100 Mill. Nthlr. angewachsen war. Diese ward nachher durch mehre bedeutende Anleihen vermehrt und belief sich am I. Jan. 1841 bis gegen IIO /2 Mill. Rthlr. Als eine Folge der außerordentlichen Zeddelmasse sank das Papiergeld tief unter den Werth, den cs verrreten sollte. So griff man, um der stets wachsenden Verwirrung zu steuern, zu dem traurigen, aber unumgänglichen Mittel, den Werth des Geldes selbst herabzusctzen. Nach der Verordnung vom 5. Jan. 1813, die auf lange Zeit allen öffentlichen Credit vernichtete, ward ein neues Geld, das Reichsbankgeld, erschaffen, mit der Neduction von sechs Rthlr. Nominal- auf einen Rrhlr. reellen Werth, und weil der letztere nicht vorhanden, ward die Reichsbank auf allen liegenden Gründen des Landes ba- sirt, sodaß von einem jeden Grundstücke, von den Zehnten u. s. w. 6 Procent an die Bank bezahlt, und diese Summe mit 6'/, Proc. verzinst werden mußte, bis die Bankhaft durch die Einzahlung des betreffenden Belaufs erlöschen würde. Doch übernahmen die Finanzen fünf Sechstel der Zinsen für die Haftung an Grundstücken und Zehnten in D., weil der Land- mann nicht mehr im Stande war, diese neue Last zu tragen. Um noch mehr das Geldwesen sicher zu stellen, ward die königliche Bank unter dem 4. Juli 1818m eine Privatbank (die Nationalbank) verwandelt, welche eine von der Regierung unabhängige Verwaltung erhielt und bald durch kluge und gewissenhafte Geschäftsführung dahin gelangte, daß die früher so entwerthcten Zeddel zu einem Paricurs mit baarem Silber sich hoben. Auch ward in der neuesten Zeit die unter dem Namen der Zwölfmillionen-Frage bekannte Differenz mit der Finanzadministration, welche letztere in Folge einer verschiedenen Auslegung eines Paragraphen der Bankoctroi von 1818 den Betrag einer octroimäßig übernommenen Zahlung an die Bank ungefähr um 12 Mill. Rbthlr. geringer berechnete als die Bankadministration, durch einen Vergleich glücklich erledigt. Nach der Übereinkunft entrichtet die Finanzadmi- mstration der Bank 9,300000 Rthlr., womit alle das Zeddelgeld betreffende Differenzen Dänemark (Geschichte) 57 beseitigt sind. Eine der unglücklichsten Folgen des Kriegs von 18V8—15 war die völlige Hemmung des Handels und der Untergang vieler betriebsamen Handelshäuser durch das Ausbringen einer großen Anzahl von Kauffahrteischiffen. Am meisten litt der Handel Kopenhagens ; von dem früher so blühenden ostindischen Handel ist kaum ein Schatten zurück und auch der Frachthandel aufs Mittclmeer und der Handel auf Amerika und Westindien ist bedeutend verringert. Dahingegen ist der Handel der Mittelstädte im Zunehmen, gleich dem Ausfuhrhandel mit Landesproducten. Der jährlichen officiellen Kundmachung zufolge hat sich die Ausfuhr des Getreides, als Hauptproduct der dän. Staaten, nach der Fremde in den letzten zehn Jahren verdoppelt, sodaß mehr als 2 Mill. Tonnen Getreides jährlich ausgeführt worden sind. Bedeutend ist auch der Handel mit Ochsen aus Jütland, Schleswig und Holstein nach Hamburg; die Ausfuhr von Butter hat sich, wie die Kornausfuhr, auch meist zum Doppelten vermehrt. Der Pferdehandel, welcher vor einigen Jahren in Abnahme war, steigert sich jetzt wieder einigermaßen, sowie die Bemühungen der Regierung und der Einwohner sich wieder begegnen, um der sehr in Verfall gerathenen Pferdezucht ihre alte Vorzüglichkeit und den vormaligen Ruhm wicderzugeb'en. Privatvcreine in verschiedenen Theilen des Reichs suchen diesen Zweck mittels Anstellung jährlicher Pferdeschau, jährlicher Wettrennen und vorzüglich durch Verbreitung der besten Pferderacen zu erreichen. Der patriotisch gesinnte Herzog von Augustenburg ist hierin mit einem glänzenden Beispiele voran- gegangen, und seine Bemühungen sind vielfach mit einem glücklichen Erfolge gekrönt. Durch die Zollverordnung von 1797 ward der erste Schritt gethan, de» bis dahin geltenden Grund- sah aufzugeben, den Handel und die Industrie des Landes durch hohe Zollabgaben oder Prohibitionen der Einfuhr fremder Waaren zu fördern; ein in der letzten Zeit erschienenes Zollgesetz ist in demselben Geiste weiter fortgeschritten. Unter mehren die Förderung des in- uird ausländischen Verkehrs beabzweckcnden Veranstaltungen sind noch zu erwähnen die 1839 angelegte Kunststraße zwischen Kiel und Hamburg, die 1829 vollendete Hafenanlage bei Helsingör, der neue Hasen der kleinen Seestadt Frederikshavn auf der gefahrvollen Nordostküste Jütlands, seit 1839, die Unterhaltung eines Leuchtfeuerschiffs, seit 1827, zur Warnung vor dem Trindel, der gefährlichsten Untiefe des Kattegats, und in neuester Zeit die Anlegung einer Eisenbahn von Altona nach Kiel. Die dän. Regierung war im Anfänge der Periode seit 1783 bis ins 19. Jahrh. hinein offenbar dem Volke vorangeeilt und suchte es zu sich hinanzuziehen; allein ein echtes Volksleben kann weder in einer Schule erlernt noch von einem Vormund hervorgelockt werden, es kann nur durch sich selbst, durch unmittelbare Theilnahme des Volks an den öffentlichen Anlagen ausgebildct werden. Eine stärkere Schwingung des erwachenden Volksbewußt, seins zeigte sich jedoch bei den Neactionen gegen die Folgen der franz. Revolution und die durch dieselbe hcrvorgcbrachte Erschütterung; in der neunjährigen Periode von Vernstorfffs Tode bis zur Errichtung des Continentalsystems (1896) sehen wir neben einer fühlbaren wachsenden Unsicherheit in der äußern und inner» Politik der Regierung die ersten Funken des allgemeinem vaterländischen Interesses erwachen. Die Schlacht auf der Rhede Kopenhagens am 2. Apr. 1891 war ebenso unglücklich als ehrenvoll; ein Sieg war jedoch unleugbar gewonnen, der Sieg über eigene Trägheit und Gleichgültigkeit gegen die allgemeine Sache des Vaterlandes. Der darauf folgende Zustand, wo man genöthigt war, auf die curop. Anliegen ein wachsames Auge zu haben und sich auf bevorstehende Angriffe bereit zu halten, spannte die Kraft der Nation, und die Regierung, welche den erwachten Enthusiasmus theilte, verstand es, die Gefühle des Volks mit seinen eigenen zu verschmelzen und sie zu energischer Wirksamkeit für die Ehre und das Heil des Volks zu leiten. Die Zeit von 1896 — l 5 ist zu kennbar in der Geschichte D.s als die Periode des Staatsunglücks bezeichnet. Die Regierung verlor den festen vorausschaucnden Blick, welcher sich für den Staatsmann eignet, und die Entschlossenheit zum Handeln, welche gefahrvolle Zeiten fodern; das Interesse des Volks dagegen erweiterte sich zu einem größcrn Kreise, und unabhängiger von dem ersten Impuls zog es immer mehr öffentliche Verhältnisse unter seine Beurtheilung. Große Veränderungen gingen in diesen neun schicksalsvollcn Jahren im Charakter deS Volks vor. Während die allgemeine Theilnahme früher fast allein an den äußern Erregungen sich «bmaß, unsicher und wechselnd wie diese, so öffnete sich im Laufe dieser Periode unter einer 58 Dänemark (Geschichte) größer», mannichfaltigern Abwechselung erschütternder Begebenheiten der Blick des Volks weiter, und eine scharfe, obgleich noch negative Kritik der äußern und inner« Verhältnisse ergriff Platz. Die frühere Billigung des Systems der Regierung hatte einen Stoß erhalten; die vermeintliche Umüchtigkeit und Todesangst der Befehlshaber im entscheidenden Augenblicke (>801) ward in Schmähliedern bloßgestellk. Von der andern Seite konnte der verzweifelte Zustand der Finanzen den Gebildeter» nicht verborgen bleiben, sondern ward ein Gegenstand ihrer angestrengtesten Aufmerksamkeit; auch dem Volke ward das Gehcimniß jeht ein offenes, da es die alte Silbermünze schwinden sah und mit Begriffen sich bekannt machen mußte, von welchen cs bis dahin keine Ahnung hatte. Die Gefahr des Vaterlandes weckte einen kraftvoller«, chrliebendern Geist; der Seekrieg wurde fast zu einer Art Guerillakrieg; die Küstenbcwohncr lernten unter den häufigen kleinern Angriffen, daß die großen feindlichen Nangschiffe nicht Alles ausrichtcn konnten. Derselbe Geist verbreitete sich in den gebildetem Kreisen und sprach sich auf verschiedene Weise nach der Individualität Derer aus, die ihn leiteten. Da faßten einige ältere besonnenc-re Männer den Entschluß, den Feind zu bekämpfen durch Verzichtleistung auf die Luxuswaarcn, die großentheils seinen Reichthum und seine Kraft ausmachten, während die begeisterte Jugend sich zu dem Gefühle erhob, das jeder wenigstens ein Leben dreinzuschen habe, und mit der edelsten Warme dem König und Vaterland ihren Arm, ihr Leben und Blut anbot. Die neuere dänische, echt nationale Poesie, welche von Öhlenschläger's Muse auS- ging, weckte Frische, Kraft und Ernst und ward eine mächtige Stühe des erwachten Volkslebens. Auch verkannte der König nicht den Standpunkt, wozu das Volk sich erhoben hatte, sondern strebte, wie stets, das Nationalgefühl zu unterstützen, wo er darin eine wirklich volks- thümliche Regung erkannte. Zeugen davon waren die Erweiterung des Danebrogsordcns, der nun einem jeden Manne von Verdienst offen stand, die Errichtung der Fredcriks-Univcr- sität in Norwegen (>8I I), wodurch ein heißer Wunsch dieses Volks erfüllt ward, und der Befehl, daß ein jährlicher Finanzetat durch den Druck veröffentlicht werden sollte. Allein das Dancbrogskreuz schien bald blvs ein Ehrenzeichen für einen gewissen Rang, eine gewisse Stellung oder gewisse Amtsjahre zu werden; Norwegen ging 1815 verloren, und das Finanzgesetz gerieth in Vergessenheit oder wurde anders ausgelegt. Der vorherrschende Geist nach dem Frieden und in den darauf folgenden 15 Jahren (1816—-66) war beim Volke ein gewisses glimmendes, mitunter niedergeschlagenes, selten lautes Gefühl. In Deutschland war der Gcmeingeist unter dem Freiheitskriege mit einem so edel», enthusiastischen, heiligen Gepräge hervorgetreten, daß die Fürsten demselben ihre Hochachtung nicht versagen mochten. Er hatte sich im Kampfe bewährt und das Vaterland errettet; nun federte er auch laut das Recht, an der Sorge für das errettete Vaterland Thcil nehmen zu dürfen, und cs ward ihm zugestandcn. Der wiener Congreß gab allen deutschen Staaten das Versprechen einer ssändischen Verfassung, folglich auch Holstein. Der König bestätigte die Privilegien der Ritterschaft in Holstein, wie seine Vorgänger es gethan, wiederholte das Versprechen einer ständischen Verfassung und löste die Verbindung beider Herzogthümcr mit der Bank auf. Allein da man hiermit nicht zufrieden war, da Schleswig dieselben Wünsche wie Holstein nährte, da erneuerte Petitionen die Sache ihrer Entscheidung nicht näher brachten, so wandte sich die holsteinische Ritterschaft an den Deutschen Bundestag, während die Presse für die Rechte des Volks sprach. Inzwischen sing der unruhige Geist im Volke nach und nach an, sich zu verlieren, und cs trat ein Zustand äußerer Ruhe ein, während der Geist Kraft und Reife sammelte, um eine neue Bahn mit vollerm Bewußtsein anzufangen. Auch die Negierung brauchte Ruhe, um den Mitteln nachzudcnken, wodurch dem vom Kriege so schwer mitgenommenen Reiche wieder aufgeholfen werden konnte. Wiederholte Steuererlasse trugen nicht wenig zur materiellen Verbesserung des Zustands des ackerbauenden Theils der Nation bei; die Interessen der Städte wurden durch eine Reihe vonHandclstractatcn mit fremden Staaten gefördert, und den Mangel einer freien Staatsversassung suchte die Regierung durch eine durchgängig liberale Staatsverwaltung zu ersetzen. Allein so besonnen und mäßig auch die öffentliche Meinung geworden war, so erhielt sich doch beim Volke die Überzeugung, daß tiefer eingreifende Reformen der Staatsverwaltung nothwendig, daß die Ncgierungscollegien zu sehr mit den laufenden mechanischst' Dänemark (Geschichte) 59 Geschäften verwickelt seien, als daß sic für eigentliche Fortschritte ei» offenes Auge haben könnten, daß die Provinzialadminisiiration zu hemmenden Eingriffen in die freie Entwickelung des Volkslebens gemisbraucht werden könne, daß das troh der bedeutenden Verminderung des Staats vermehrte Beamtcnpcrsonal einen großen Thcil der Einkünfte des Staats verzehre, und daß namentlich die Diplomatie nach einem Maßstabe angelegt sei, der weder den wahren Bedürfnissen des Staats noch der ökonomischen Lage desselben entspreche. Besonders beunruhigte das Echcimniß, welches auf der Finanzverwaltung schwebte. So kam das Jahr 183» heran; zum zweiten Male ging der gewaltige Anstoß von Frankreich aus. An Jens Uvc Lornsen fanden die liberalen Ideen einen lauten Anwalt, und der Anklang, welchen seine Rede im ganzen Reich fand, war ein Beweis, daß er im Wesentlichen Dasjenige getroffen, was tief im Volke sich regte. Der König kam wiederum den Wünschen des Volks entgegen und erklärte in der Verordnung vom 28.Mai >83l seinen Entschluß, inD.und den Herzogthümcrn bcrathende Provinzialstände einzuführcn, „um sich und seine Nachkommen desto vollkommener in den Stand zu setzen, eine zuverlässige Kcnntniß von Allem zu erhalten, waS das Beste seines lieben und treuen Volks fördern konnte, sowie um die Bande zwischen dem Königshausc und dem Volke desto fester zu knüpfe» und zur Belebung des Gcmeingcistes bcizutragen." Nachdem im Sommer >832 das Gutachten der „aufgeklärten und erfahrenen Männer", einer Versammlung von Notabcln, die der König eigens zu diesem Zweck ernannte, vernommen worden war, erschien am > 3. Mai 1833 das Gesetz, welches durch mehre Verordnungen die ganze Verfassung näher bestimmte und ins Leben einführte. Hiernach will der König die Entwürfe aller solchen allgemeinen Gesetze, welche Veränderungen in Personen- und Eigenthumsrechtcn und in den Steuer» und öffentlichen Lasten zum Gegenstände haben, bevor sie gesetzgebende Kraft erhalten, den Provinzialständen zur Berathung vorlegen lassen, auch Communalangelegcnhciten unter königlicher Genehmigung ihren Beschlüssen unterlegen und Anträge, Bitten und Beschwerden über Landesangelcgenheitcn von ihnen vernehmen. Die Stände, welche regelmäßig jedes zweite Jahr Zusammenkommen sollen, versammeln sich für die Inseln in Roeskilde, für Jütland in Viborg. Die roeskilder Versammlung besteht aus 7», die viborger aus 55 Mitgliedern; von jenen ernennt der König I», von diesen 7; die übrigen werden von den Grundbesitzern der verschiedenen Wahl- districte direct gewählt. Mit Begierde ergriff das Volk überall diese königliche Gabe. Eine Gesellschaft von Vatcrlandsfrennde» halte gleich beim erste» Versprechen der neuern Institution sich in der Hauptstadt versammelt, um durch ein jährliches Fest dies Ereigniß zu begehen ; staatskundige Gelehrte behandelten die bezüglichen wichtigsten Fragen in eigenen Schriften; die Journalisten erhielten einen bis dahin im Lande ungckannten Einfluß auf die politische Bildung des Volks; die Presse ward eine Macht, die sich nicht übersehen ließ. Der Tod König Fricdrich's VI. am 3. Dcc. >839 brachte wenig Veränderung. Sein Nachfolger, Christian Vlll. (s. d.), hielt mit Energie, aller liberalenÄnstrcbungen ungeachtet, das conservative Princip aufrecht. Die Übersicht über die Verhandlungen der Stände- vcrsammlungcn ergibt, welch wichtige Fragen seit Ectheilung der Constitution theils angeregt, thcils durch Gesetze erledigt wurden. Dahin gehören namentlich die neue Städtcord- nung, das Connnunalgesetz für Kopenhagen, das neue Zollgesctz, das Gesetz gegen die Nachmachung von Kunstarbeiten, eine nähere Bestimmung der Grenzen der Preßfreiheit, wodurch wenigstens alle Preßanlicgcn, die in Streit kommen, an die Gerichtshöfe verwiesen werden; ein vollkommen bestimmtes AblösungSgcseh, wodurch die Ablösung der Frohnen durch gütliche Übereinkunft zwischen Berechtigten und Verpflichteten zu Stande kommen kann; mehre Verfügungen betreffend das Strafverfahren, die directe Empfehlung der hül)eru Bürgerschule», vor Allem aber die seit >8>> eingcführte jährliche? nicht mehr blos suuiinarische, sondern ausführliche, Vorlage des gesammten Finanzetats des Staats. Die von Mehren beantragte, aber von Andern angefochtenc, Vereinigung der Doppelprovinzial- siände hat bei der Negierung bis dahin keinen Anklang gefunden. In den Herzogthümcrn ward die ständische Institution zum Theil nicht mit der Teilnahme empfangen wie in D.; ja es bildete sich sogar eine Partei, die nicht nur Holstein sondern auch Schleswig als einen eigenen Staat unter dem Namen Schleswig-Holstein oder Nordalbingien Von D. getrennt und in ein Vcrhältniß zum letztem wie das Königreich 6t) Danemora Daniel (der Prophet) Ha,mover zu England gebracht wissen wollte, und es hat die dadurch hervorgerufenc Reibung einen immer ernstern Charakter von beiden Seiten angenommen. (S. Holstein und Schleswig.) Vgl.Holberg, „Dän. Neichshistorie" (deutschvon Neichard; Altona 1783); Mallet, „klistoirs I tert"(2 Bde., Erl. ,866-8). Daniel (Gabriel), franz. Geschichtschreiber, geb. zu Nonen am8.Febr. 1649, machte unter den Jesuiten seine Studien, war dann Professor der Theologie zu Cacn und zuletzt königlicher Bibliothekar zu Paris, wo er am 26. Juni 1128 starb. In seiner ziemlich werth- losen „IIi>«c>i,c > b'ninee", am vollständigsten von Griffet (17 Bde., Par. 1755, 4.) und von Lombard (24 Bde.. Amst. 1765, 12.; deutsch l6 Bde., Nürnb. 1756—65,4.) heraus- gegcben, suchte er den Hof, die Großen und die Geistlichkeit mit der Kunst und den Pflichten des Geschichtschreibers auszusöhnen, indem er mit der Miene der Unparteilichkeit die Geschichte so erzählte, wie es dem Interesse des Hofs und der Geistlichkeit gemäß war. Man vermißt bei ihm Quellenstudium und historische Treue, und die höhere Kunst historischer Darstellung ist ihm fremd. Bekannt ist noch seine „llistnire cko lu inilics trimpaise" (2 Bde., Par. 172,1,4., und >773), weniger sein „Itccneil ., gewann als historischer Dichter durch seine „klistorz „f tlie civil »:ir> keNveen tlie I>n»«es nk Vorlc ai>718(2 Bde., 12.) und seine „(7»I- leclinn nk tke liiütorv »sLnglsiuI" zu London 1621 (5. Ausl., 1685). Daniele (San-), ein mit Villanova verbundener, großer und schöner Marktflecken in der venet. Delegation Udine oder Friaul, mit einem Schlosse, das den Grafen Con- cina gehört, und 3666 E., welche lebhaften Getreidehandel treiben, ist historisch merkwürdig durch die Niederlage, welche hier am 11. Mai 1869 die Ostreiches unter Erzherzog Johann durch die Franzosen erlitte». Danischmend, d. h. Gelehrter, ist der Titel der türk. Geistlichen Medern Ranges, die in einer Dschami (Moschee) den Dienst verrichten. Dänische Sprache, Literatur und Kunst. Die dän. Sprache war ursprünglich eine Mundart der später nur auf Island in ihrer Reinheit bewahrten und daselbst noch ge- gemvärtig gesprochenen und geschriebenen skandinav. Ursprache, welche, früher in den drei skandinav. Ländern allgemein, damals dönsk Tonga, d. i. die dänische Zunge, genannt wurde. Die jetzige dän. Sprache hat sich durch Vcrschwifterung mit der german. und besonders der angelsächs. Mundart selbständig ausgebildet und ist gegenwärtig die cultivirte Schrift - und Mundsprache der gesammten Bewohner der beiden Reiche Dänemark und Norwegen, während sich die schweb. Sprache etwas abweichend entwickelte, jedoch so, daß Norweger, Dänen und Schweden ohne bedeutende Schwierigkeit sich gegenseitig verstehen und verständigen können. Die ältesten eigentlich dän. Sprachdenkmäler gehen nicht höher als bis in das 12. Jahrh. und bestehen in Gesehen der alten Könige ; denn die isländ. Sagas und das angelsächs. Epos von den Thaten Beowulf's gehören der allgemeinen Skandinavischen Li, 62 Dänische Sprache, Literatur und Kunst teratur (s. d.) an. Demnächst folgen das angeblich aus dem 13. Jahrh. stammende „Arzneibuch" von Henrik Harpestreng (herausgeg. von Molbech, 1826) und die im 17. Jahrh. gesammelten und vonAbrahamson dem Altern, Nyerup und Nahbek mit kritisch-historischem Apparat herausgegebencn „Udvalgte danske Viscr fra Middelaldcren u. s. w." (5 Bde., 1812 —I I), welche W. L. Grimm unter dem Titel „Altdän. Heldenlieder, Ballade» und Märchen" (Heidelb. 1811) verdeutscht hat; ferner die „Neimchronik" aus der zweite» Hälfte des 15. Jahrh. (herausgeg. von Molbech, >825). Die ersten Historiker sind SvendAagesen um 1188, dessen Werk unter dem Titel „Suenonis, lilii, tjune exstnnt (Soroe >632) herausgegeben wurde, undSaxo Grammaticus (s. d.), die Beide ans Veranlassung des Erzbischofs van Lund, Axel (s. d.), die Geschichte Dänemarks schrieben Erst im >6., mehr noch im 17. Jahrh. bildete sich die dän. Sprachözur Büchersprache und zeichnete sich durch melodische Sanftheit und Wohllaut ebenso wie durch kräftige und entsprechende Bezeichnung des Abstrakten aus. Doch scheint auch gegenwärtig die poetische Sprache die Prosa noch etwas hinter sich zu lassen. Die erste dän. Sprachlehre wurde von Erich Pontoppidan (Kopenh. 1668) abgefaßt; ihr folgten die von Pedcr Syv (1685) und vonHoysgard (17-13 und 17-17), und später die von Jak. Baden, Lange, Tode, Tobiescn (2. Ausl., 1813), Nissen (Kopenh. >868) und S. N. I. Bloch (1818), dessen Sprachlehre unter den dänischen allein mit Auszeichnung genannt werden kann, gleichwie P. Hjert's „Deutsche Grammatik für dänisch Redende" (Elücksb. 1836). Auch gab cs schon im 16. Jahrh. einige dän.-lat. Wörterbücher, denen später die brauchbarer» von Ap>hclen, I. Baden, Neisler, G. H. Müller (1860; bearbeitet von Guldberg,-1 Bde., Kiel 1807) und von Molbech (2 Bde., Kopenh. 1833) sich anschlossen. Ein regeres Leben in der Sprachforschung war erst seit Anfang dieses Jahrhunderts sichtbar, obschon die Zahl der Arbeiter vcrhältnißmäßig nicht sehr groß war; vorzugsweise sind hier die Namen Grundtvig, Nafn, Nyerup und P. E- Müller zu nennen. Eine neue selbständige Bearbeitung der dän. Metrik gab C. A. Thortsen (2 Bde., 1833 — 34). Bereits 1478 wurde auch schon die Universität zu Kopenhagen gestiftet. Die ersten Schriftdenkmalc im 16. Jahrh. waren Pcder Lolle's Sprüchwörter (Kopenh. 1508, 4.), die Übersetzung des Alten Testaments (herausgcgeben von Molbech, 1829) und die der Lutherischen nachgebildete Übersetzung des Neuen Testaments von Mikkel vom I. 1524. Eine größere dichterische Thätigkeit regte üch im >7. Jahrh., namentlich durch Anders Christensen Arrcboc, geb. 1587, gest. 1637, Anders Bording, geb. 1619, gest. 1677, den hochbegabten lyrischen Dichter Thom. Kingo, geb. >664, gest. 1723, den patriotischen Wilh. Helk, gest. 1724, und den heitern Satiriker Töger Neenberg, geb. 1656, gest. 1742. Auch zählte Dänemark bereits in dieser Periode ausgezeichnete Männer in allen Fächern der Wissenschaften, in der Theologie Hemmingius, gest. > 600, H. Resen und I. Brochman, und in der Jurisprudenz Theophilus und Seave- nius ; als Mediciner und Physiologen C. T.Morsing, gest. 1560, O. Worin, Simon Pauli, Thom. Bartholin (s. d.) und Olaf Borrich (s. d.), in den philosophischen Wissenschaften A. Krag, gest. 1600 und Petrus Scvcrinus, als Astronomen Tycho de Brahe (s. d., und Longo montan (s. d.), als Mathematiker O. Römer, als Philologen Er. Winding und Joh. Rhode, als Historiker und Literatoren A. Huitfeldt, gest. 1609, P. Resen, Arnas Magnäus u. A. Unter den Frauen zeichnete sich besonders aus Brigitta Thott, gest. 1662 eiche unter Andcrm die Schriften Seneca's und Epikret's ins Dänische übersetzte. Eine neue Periode der dän. Literatur begann mit dem genialen Ludw. von Hoi derg(s. d.), geb. 1685, gest. 1754, der sowol als Historiker und populair-philosophischcr Schri'tsteller, wie insbesondere als Dichter sich bleibenden Ruhm erwarb. Seit Holbcrg wurde die wissenschaftliche dän. Literatur mehr und mehr und zum Thcil mit cnt- tchiedencm Erfolge angebaut. Von politischen Blättern und besonders von einem Charakter derselben war allerdings in Dänemark bis aus die Grenzen der nettesten Zeit kaum die Rede. Erst in Folge des seit Errichtung der Provinzialständc im I. 1834 sich entwickelten politischen Lebens entstand das „Faedrelandet" mit bestimmt ausgedrücklem Charakter. Weil ausgebreiteter waren schon früher die allgemeinen Ünterhaltungsblätter, die oft auch ins politische Gebiet hinüberstreiften, und unter welchen das „Skildcrie af Kjöbenhavn" lange Zeit den ersten Platz behauptete, worauf dann „Kjöbenhavnspost" sich das meiste An- Dänische Sprache, Literatur und Kunst 63 sehe» verschaffte; doch nur wenige erfüllen ein mehr als ephemeres Bedürfniß. Bildend suchte zuerst die l 831 gegründete „Danske Ugeskrift" in die Zeit einzugreifen. Seitdem singen an auch in Dänemark die Zeitungen und Wochenblätter gleich den Zeitschriften sich bedeutend zu mehren. Als Zeitschriften behauptete» die 1785 entstandene „Minerva" und „Danske Tilskuer", beide von Nahbck herausgegcben, die ersten Stellen, bis sie zu Anfänge dieses Jahrhunderts fast alles Ansehen verloren. Die übrige Zeitschriftenliteratur hatte zumeist den Charakter einer oberflächlichen Unterhaltung. Dagegen wußten die „Schriften der Gesellschaft der Wissenschaften" sich fortwährend den Ruhm gründlicher Gediegenheit zu sichern. Das 1788gegründete„SkandinavistMuseum" nahm später Alles in seinen Umkreis auf, waS auf nordische Alterthümer, Sitten und Lebensverhältnissc Bezug hatte, und die Sammlung unter dem Titel „Skandinavisk Literatur-Selskabs Skrifter" zeigt den gegenwärtigen Höhepunkt der nordischen Literatur. Dasselbe Gepräge mit vorwiegend historisch-literarischer Tendenz hat die von Molbech begründete „Nordist Tidsskrist forHistorie, Literatur og Kunst" (-1 Bde.); in noch cngerm Kreise bewegte sich die „Nordist Tidsskrist for Oldkyndighed" (3 Bde., 1832—33), die in den „Annaler for nordisk Oldkyndighed" (3 Bde., 1837—32) eine Fortsetzung fand. Rühmliche Erwähnung verdienen auch das „Danske Magazin", die „Historist Tidsskrist" und das „Genealogist-biographisk Archiv". Am reichlichsten war von jeher die Theologie mit Zeitschriften bedacht; dahin gehören die von Fallesen bis l 808 hcr- ausgegebene „Theologisk Maanedsstrift", die von I. Möller mit sichtbarem Fleiß gepflegte „Theologist Bibliothek" (33 Bde., 1810—33), die neuerdings von den Professoren Scharling und Engelstost fortgesetzt wurde, und die von Grundtvig und Nudelbach herausgegcbene „Theologisk Maanedsstrift" (13 Bde., 1825—28). Auch die Kirchenzeitungen fanden auf dän. Boden Eingang; cs erschienen eine „Christelig Kirketidcnde" (3 Jahrgänge) und die „Nordist Kirketidcnde", von Lindberg redigirt. Für philosophische Nechtslehre, Criminali- stik und das positive dän. Recht ist die früher von A. S. Örsted herausgegebene und von Rosenvinge, Bang und Holm fortgesetzte „Juridisk Tidsskrist" eine ergiebige Quelle. Die Arzneiwissenschast entbehrt, abgesehen von der „Bibliothek for Läger, udgivct af dct Clas- lenski Literaturselstab" (31 Bde., 1821—38), eines Organs. Die Naturwissenschaften haben ein solches in H. Kröyer's „Naturhistorisk Tidsskrist", zum Theil auch in „Blandingcr fra Soroe", herausgegeben von Hauch und Brcdsdorff. Zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse aus der Mechanik, Statik, Chemie u. s. w. war das von Ursin herausgegebene „Magazin for Kunstnere og Haandvärkere" sehr geeignet. Die Monatsschrift „Athene" suchte seit 1813 in der ästhetischen Kritik einen neuen Weg zu bahnen. Mehr der eigcnthüm- lichen Richtung des Verfassers diente die von J.L.Heiberg herausgegebene „Kjöbenhavns fly- vende Post". Die allgemeine literarische Übersicht förderte die 1720 begründete und seitdem vielfach umgestaltcte „Dansk Literaturtidende". Eine höhere Aufgabe stellte sich die „Maa- nedsskrift for Literatur" (seit 1829), die an der „Tidsskrist for Literatur" bis 1831 eine Fortsetzung fand. Schließlich sind noch zu erwähnen die „Univcrsitäts Annaler" (seit > 807), „Akadcmiskc Tidender" (seit l 833) und „Kjöbenhavns Universitets Aarbog" (1837—30). Auch die Dänen waren im 18. Jahrh. bemüht, das Gut der Väter in Liedern, Sagen und Chroniken zu retten und für die Nachwelt zu bewahren. Langenbek's, Schöning's, Suhm's (s.d.)und Thorkelin's (s.d.) historische Quellensammlungen am Ende des 18. Jahrh. verschafften der nordischen Geschichtsforschung eine köstliche Unterlage. Gleichzeitig fing man an, kritische Ausgaben der isländ.Sagas (s.d.) zu besorgen. Nicht minder machten sich um die Erforschung nordischen Alterthums rühmlichst verdient Thorlacius (s. d.) undWerlauff (s. d.) durch Herausgabe des Sn orro Sturleson (s. d.), Pet. Eraem. Müller (s. d.), ferner Finn Magnusen (s. d.),Rask (s.d.), Rafn (s.d.), die imVerein mit Werlauff 1825 die Gesellschaft für nordische Alterthumskundc stifteten, die es sich zum Zwecke setzte, alle Sagas in kritischen Handausgaben, mit einer lat. Übertragung, erscheinen zu lassen, und auch andere historische Denkmäler in den Kreis zog. Vollendet sind von ihr die „^utiguitstes smericsnae", eine Urkundensammlung aus altnordischen historischen Quellenschriften zur Geschichte des transatlantischen Welttheils vom 10.—13. Jahrh., und von „Grünlands historische Denkmäler" erschienen zwei Bände. Der reiche Schatz der dän. Heldenlieder wurde nicht vergessen; obgleich die Ausgabe derselben von Nyerup, Rahbek 64 Dänische Sprache, Literatur und Kunst und Abrahamson (5 Bde Kopcnh. >812—14) in kritischer Rücksicht viel zu wünschen übrig läßt. Die „Licderweisen aus dem Munde des Volks", meist von Landpredigcrn ge- sammelt, sind schätzbar, und die Fortsetzung dieser Sammlung, welche Lieder aus dem I «>. und >7. Jahrh. enthält (2 Bde., Kopenh. 1816), nicht ohne Interesse. Von einem richtigen Gefühle geleitet, hat I. M. Thiele in seiner Sammlung „Dänische Volkssagen" (l Bde., Kopenh. 1816—26; 2. Auss., 2 Bde., 1843) diese ohne alle moderne Zuthat in ihrer treuherzigen Naivetät wiedergegeben. Rühmlich theilte diese Bestrebungen Chr. Molbech (s. d.) durch die Herausgabe mehrer alter dän. Sprachdenkmäler, die er theils literarhistorisch, theilS durch Glossarien erläuterte. In der Theologie war es die polemische und neben ihr die asketische Literatur, die nicht nur die größte Ausbreitung gewannen, sondern auch die gediegenste Kraft beurkundeten. Im ersten Decennium standen Naturalismus und Atheismus dem Christcnthunie entgegen; im dritten wurden von H. N. Clausen in der Schrift „Kirchenverfassung, Lehre und Ritus des Protestantismus und Katholicismus" (1825) die cigenthümlichen Grundsätze des Protestantismus angegriffen; neuerdings gaben die Fragen über Religionsfreiheit und Lösung des Parochialnexus sowie über Agendenvcränderung den Stoff der hauptsächlichsten Verhandlungen. In asketischer Hinsichtbezeichnen Grund tvig's (s d.) Predigten die höchste Blüte der geistlichen Beredtsamkeit in Dänemark. Die fromme Reflexion fand in den Vorträgen I. P. Mynster's (s. d.) einen angemessenen Ausdruck. Die Versuche, das System der Moral und Dogmatik darzustcllen, von P. E. Müller, sind ohne wissenschaftliche Bedeutung ; dagegen war seine „Apologetik" ( 1816 ) ein schätzbarer Beitrag zur Wissenschaft, und seine „Darstellung der drei ältesten Symbole" (1817) ein recht lehrreicher Überblick. Geistvolle und scharfsinnige Arbeiten sind Kierkegaard's Abhandlung „Von der Lüge" (Gött. I83V) und P. G. Brammer's „Entwickelung des ethischen Begriffs der Freundschaft" (1836). W. Nothe's „Versuch zur speculativen Darstellung der Drcicinigkcirslchre" (1836) ist nach Daub'schen Grundsätzen gearbeitet. In neuester Zeit erregte H. Martensen durch seine Schriften „Über den Mystiker Eckart" (1841) und „Über die christliche Taufe in Beziehung auf die baptistische Frage" (1843) ungewöhnliches Aufsehen. Um die Kirchen- geschichte und kirchliche Archäologie machte sich vor Allen Fr. Müntcr (s.d.) verdient; außerdem erschienen nur einzelne tüchtige und fleißige kirchengcschichtliche Abhandlungen von I. Möller, F. Fcnger, F. Silfverberg, P. F. Hammcrich, B. Münter, Engelstoft u, A. Für die kirchliche Biographie hat man reiche Sammlungen von I. Möller, einem fleißigen, wenn auch nicht immer scharfsinnigen Arbeiter. Patristische Monographien lieferten H. N. Clausen, I. C. Rördam und E. Clausen. In der Exegese und der damit verbundenen biblischen Kritik und Apologetik haben die letzten Dccennien des vorigen Jahrh. gute Arbeiten aufzuweisen. Aller Beachtung werth sind die exegetischen Schriften von I. P. Mynster und I. M. Herh (s. d.), und nicht ohne Verdienst die populairen Einleitungen ins Alte und Neue Testament von N. Möller. Den vielen Übersehungsversuchen meist einzelner Bücher des Alten und des Neuen Testaments von R. Möller, I. Möller, P. V. Frost u.A. stellt sich das Unternehmen Lindberg's an die Seite, der die ganze Bibel aus dem Grundiere aufs neue überseht und zugleich historisch und archäologisch erläutert. Zn Beziehung auf oriental. Literatur haben neben F. Münter und W. F. Engelbrcth, der 1811 die Fragmente der basmurisch-koptischen Version herausgab, I. L. Nasmussen durch seine Untersuchungen über die ältere arab. Geschichte, L. N. Bossen durch seine „Arabische Sprachlehre" (1831) und die „Morgenländische Blumen" (1834) und besonders Lindb erg (s.d.) Tüchtiges geleistet. Eine noch blühende Schule der Nechtsgelehrsamkeit wurde in Dänemark von dem berühmten Kofod Ancher gegründet und von Andern fortgesetzt. In neuerer Zeit haben sich hierin zwei Richtungen mehr und mehr entwickelt, die eine mit vorwiegend philosophischer Tendenz, die aufgestellten Principien auch der Nechtsauslegung anpasscnd, mit A. S. Orsted (s. d.) an der Spitze; die andere das historische Element der Rechtswissenschaft vorzüglich mit Liebe umfassend und pflegend, deshalb auch die Alterthumsforschung in ihr Gebiet hineinziehend. Als die vornehmsten Repräsentanten der historischen Schule können I. F. W. Schlegel und Jolderup-Roscnvinge bettachtet werden; ihnen schließt sich unter den Jüngern I. E. Lar- 65 Dänische Sprache, Literatur und Kunst ! sen an. Aus Algren-Ussing's (s. d.) Schriften leuchtet ein selbständiges Studium und eine tüchtige Dialektik hervor. Das positive dän. Recht, in seiner Gesammtheil sowie in seinen einzelnen Fächern, fand immer tüchtige Bearbeiter. Das röm. Recht, das früher an den mächtigen Fortschritten, die es in Deutschland durch Savigny u. A. machte, in Dänemark weniger Theil nahm, hat hier neuerdings an P. G. Bang einen Bearbeiter gefunden, dessen „Lehrbuch der zum röm. privaten Recht gehörigen Disciplinen" (1833) in der Lite- > ratur der Jurisprudenz in Dänemark Epoche macht. Obschon Dänemark des alten aus ; dem 16. Jahrh. herüberleuchtcnden Ruhms der mcdicinischen Kunst und Wissenschaft genießt und berühmte Namen, wie I. C. Tode, M. Saxtorph u. s. w. auszuweisen hat, io t fehlte doch bisher eine selbständigere Literatur der Arzneiwissenschaft; indessen sind m der . letzten Zeit Spuren eines regern wissenschaftlichen Lebens wahrzunehmen in Gundelach- ; Möller's „Chirurgischem Jahrbuch des Friedrichshospitals", Eschricht's „Vorlesungen über . Physiologie" (1836), Stein's ,,1'ilbulae rin-ttomicae" und in dessen ,,Handbuch der Ana- z tomies, Dreier s „Medicinischer Botanik", Levy's Abhandlungen „Über die Perforation" . und „Über den Kaiserschnitt", und Calliscn's (s. d.) „Medicinisches Schriftstellerlexikon" , ist ein Werk umfassenden Fleißes und großer Ausdauer. Dagegen hat Dänemark in Hin- e sicht der Naturwissenschaften seinen alten Ruhm nicht nur behauptet sondern weit vermehrt. . I. W. Hornemann (s. d.), als Botaniker, H. C. Örsted (s. d.), als Physiker, I. F. , Schouw (s. d.), als Meteorolog und Pflanzengeograph ausgezeichnet, sind Namen, die . Europa mit Achtung nennt; neben ihnen verdienen noch besonders genannt zu werden , Reinhardt als Zoolog; Forchhammer wegen seiner vortrefflichen Abhandlungen über Däne- !. marks gcognostische Verhältnisse und seines „Lehrbuchs der Chemie"; Zeise, der ein Haupt- " werk über die Chemie geliefert und viele interessante Entdeckungen in dieser Wissenschaft gemacht hat; Lund, der gegenwärtig in Brasilien lebt; Wich, ein ausgezeichneter Schrift- " steiler über Vcterinärkundc; H. Kröyer wegen seiner „Nalurhistorischen Zeitschrift" und n seiner Untersuchungen über die Fischereien und Austerbänke Dänemarks, und Stenstrup, a der Island bereist und eine treffliche Arbeit über die Waldmoore im nördlichen Seeland ge- l> liefert hat. Die Entdeckung der Galvanographie durch den CapitainHvffmann gehört zu den ; wichtigsten und folgereichsten in der Gegenwart. Unter den theoretischen Mathematikern n stehen Ramus und Chr. Jürgensen obenan; als Astronom genießt Schumacher (s. d.), st der in Altona lebt, eines europ. Rufs. Noch gedenken wir Urb. Jürgensen's, der nicht nur n durch seine Chronometer sondern auch durch sei» Werk „Über die Messung derZeit" rühm- >. lichst bekannt ist. Der Philosophie hat cs in Dänemark von jeher nicht an Theilnahme ge- fehlt; doch von eigentlichen Schulen oder einer im höhern Sinne originellen Literatur auf ke diesem Gebiete kann nicht die Rede sein. Niels Treschow (s. d.), der zu Anfänge des 19. >. Jahrh. viel zur Ausbreitung der philosophischen Bildung in Dänemark und Norwegen bei- s trug, war ein lichtvoller und scharfsinniger Denker. F. C. Sibbern (s. d.) hat als Reli- r gionsphilosoph und scharfsinniger Ästhetiker Vieles geleistet. I. L. Heiberg (s. d.) trug l. besonders dazu bei, die Hegel'sche Philosophie in Dänemark einzuführen, oder wenigstens -e eine ordentliche Bekanntschaft damit zu vermitteln. Unter den Vertretern der speculativen ,f > Richtung verdient neben H. Martensen in seinem „Grundriß der Moral", R. Nielsen wegen seiner „Logik" genannt zu werden. i- Die Philologie im ausgedehntesten Sinne wurde vonR. C. Rask (s.d.) bearbeitet, der " sich in dieser Beziehung unsterbliche Verdienste erworben hat. Neben ihm fand die vergleichende si Sprachkunde fleißige Bearbeiter in Finn Magnusen (s. d.), Petersen (s. d.), N. Outzen, dessen „Glossarium der nordfriesischen Sprache" von Engelstost und Molbech (1837) e- herausgegeben wurde, und in dem geistreichen I. N. Madvig (s. d.). Die elastische Phi- in lologie und Alterthumswissenschaft hatte selbst noch im Anfänge des 19. Jahrh. wenig für z, die eigentliche Bildung der Philologie Bedeutsames aufzuweisen. Zu der früher» Bildung .) - gehört, seiner ganzen Richtung nach, S. N. I. Bloch, durch die Herausgabe mehrer Gramme matiken verdient. Große Verdienste um die griech. Archäologie erwarb sich P. O. Brönd- d. sted (s. d.). Von vielem Fleiße zeugt F. C. Petersen's „Handbuch der griech. Literarge- >d schichte" (1830; deutsch, Hamb. 1834), sowie dessen „Einleitung zur Archäologie" (1825). Conv.-Lrr. Neunte Aufl. IV 5 66 Dänische Sprache, Literatur und Kunst Bei den jungem dän. Philologen bemerkt man ein tiefer eingehendes Streben; hierher gehören O. Kellermann mit seinem Werke über lat. Epigraphik; I. N. Madvig, der mehre Schriften des Cicero, den Lucrctius und Juvenalis kritisch bearbeitete; L. F. W. Hen- richsen, bekannt durch seine gründliche Bearbeitung des Cicero „De nrutore" und seine „Beleuchtung der neugriechischen Aussprache der hellenischen Sprache" (1836); C. W. Elbcr- ling, der wichtige Beiträge zur Textkritik des Cäsar und eine tüchtige Ausgabe des Terenz mit antiquarischem Commentar geliefert hat, und E. F. Boysen, ein gründlicher Kenner der antiken Musik und bekannt durch seine Ausgabe des Sallust (1837). Jngerslev's Ausgabe der „Jliade" (1836) enthält die Hauptresuitate der neuern Forschungen über die Homerischen Gedichte seit Heyne. Lange's „Griech. Schulgrammatik" (2. Ausg-, 1836) und Arne- sen's „Griech.-dän. Lexikon" (2 Bde., 1836), meist auf dem Grunde von Passow, sind verdienstvolle Arbeiten. Das Übersetzen der Alten hat sich in Dänemark erst in diesem Zahrh. zu einer Kunst ausgebildet, wozu theilS die Biegsamkeit und der Wohllaut der Sprache, theils die vielen darauf gerichteten Bestrebungen mächtig beigetragen haben. F. H. Guld- berg's Übersetzungen des Tibull und Martial sind in metrischer Beziehung meisterhaft zu nennen und in seiner Übersetzung des Plautus (4 Bde., 1869 fg.) kämpft er mannhaft mit der vielverzweigten Aufgabe. Auch S. Meisling's zahlreiche Arbeiten in diesem Fache zeichnen sich durch große Fertigkeit in der technischen Behandlung der Verse und poetisches Talent aus. Die fleißige Fibiger'sche Übersetzung des Sophokles ist nicht ohne große Härten. Dagegen ist Paul Möller's Übersetzung eines Theils der „Odyssee" eine höchst gelungene Arbeit, und mit wahrem künstlerischen Streben ist die Übersetzung der „Jliade" und „Odyssee" von F. C. Wilster ausgeführt. Unter den Übersetzungen der Prosaiker sind die des Livius und einiger Neben des Cicero von N.Möller besonders hervorzuheben. Für die Erforschung der griech. und rüm. Mythe wurde nur gelegentlich Einiges geleistet. Grundtvig's ^Nordische Mythologie" (2. Ausl., 1832) ist das Hauptwerk in dieser Gattung. Eine spätere Untersuchung von M. Hammcrich über den Ragnaroksmythus (1836) zeugt von Fleiß und Talent. Reich ist auch das in Magnusen's Eddalehre (4 Bde., 182-1—26) aufgeschichtete Material. Auf astronomisch-kalendarischer Grundlage stehen Knud Henneberg's tiefgehende Untcrsuchungen.übcr die Bedeutung der Edda (1812). Mit der Öffnung und Bearbeitung der historischen Quellen ging die Geschichtsforschung Hand inHand, und auch die Geschichtschreibung blieb nicht unangebaut. P.E. Müller half durch seine „Sagabibliothek" einem tiefgefühlten Bedürfnisse auf die befriedigendste Weise ab. Seine „Untersuchungen über die Sagengeschichte Dänemarks und Norwegens oder über die Glaubwürdigkeit der Quellen Saxo's und Snorro'ö" (1823) gehören zu dem Trefflichsten, was die historische Kritik geleistet hat. Verschiedene Beiträge zur historischen Forschung lieferten auch L. Engelstoft und I. Möller in dem „Historischen Kalender" (3 Bde., 1814—17) und Letzterer in der „Mnemosyne" (4 Bde., 1836—33). Chr. Mol- bcch's Monographien aus der dän. Geschichte zeugen von Forschungs- und Darstellungsgabe. Vedel Simonsen erörterte in seiner Schrift „Über die ältesten und wichtigsten Perioden der Nationalgeschichte" (3 Bde., 1813—16) einige interessante Punkte des Mittelalters mit Geist und Gelehrsamkeit; seine „Borgruiner" (1813) lassen nur bedauern, daß sie so schnell abgebrochen wurden. Ein Historiker im vorzüglichsten Sinne ist Grundtvig, mächtig in der Bewältigung des Stoffs sowol der Geschichte als der damit verbundenen Literatur, hinreißend in der Darstellung, voll glühender Liebe zum nordischen Vaterlande. Der ins Einzelne gehende Fleiß ist in E. C. Werlauff's Untersuchungen über einzelne Gegenstände der dän. Geschichte so unverkennbar als verdienstlich. G. L. B aden' s (s. d.) „Dan- marks Niges Historie" (5 Bde., 1829—32) ist das Ergebniß ernster Studien; allein des Verfassers Ungerechtigkeit gegen Alles, was ihm nicht behagt, hat das Werk zum Theil ungenießbar gemacht; dagegen wurde von ihm in einzelnen Untersuchungen („SamledeAf- handlinger", 5 Bde.) Bedeutendes geleistet. Ein herrlicher Geist verblühte früh in F. L. Jahn, dessen umfassende Studien der Kriegsgeschichte ihn zum Geschichtschreiber überhaupt bildeten; eine reife Frucht seines Strebens liegt vor in der „Politisch-militairischen Geschichte Dänemarks unter den Unionskönigen" (1835). Tiefgehende Forschungen über die ältere Geschichte des Nordens enthalten N. M. Petersen's „Sagengeschichte Dänemarks" 67 Dänische Sprache, Literatur und Kunst (1834—36); eine gelungene Erzählung der dän. Geschichte im Sagentone, aber ohne eigentliche Forschung, ist L. C. Müller's „Danmarks Historie" (2 Bde., 1835—36). Das dän. Klosterwesen im Mittelalter beschrieb Daugaard (1830) mit großem Fleiße, und Estrüp's Monographie über Absalon (Soroe 1826) behauptet den Rang neben den besten Arbeiten in diesem Fache. In seinen „Genealogischen Tabellen der dän. Königshäuser" (1833) hat Königsfeldt einen wichtigen Beitrag zur Geschichte geliefert; später dehnteer seine Untersuchungen über die Fürsten- und königlichen Häuser des Mittelalters überhaupt aus. Die Geographie und Statistik des dän. Mittelalters gewannen in H.Knudsen einen gelehrten und umsichtigen Bearbeiter. Eine Menge einzelner historischer Untersuchungen verdanken wir Collin, Velschov, Zacobsen, Flcmmer und C. F. Wegener. Verdiente Achtung gewann Allen's „Handbuch der Vaterlandsgeschichtc" (1841). Als Meisterwerk über die Statistik der Gegenwart in einem durchgreifenden Zweige ist zu bezeichnen M. Nathanson's Schrift „Über die Geschichte des Handels, der Schiffahrt, des Geld - und Finanzwesens Dänemarks von 1730—1830" (3Bde., 1832—33). Die Geographie, die bisher in Dänemark an der durch K. Ritter's u. A. Arbeiten herbeigcführtcn Umgestaltung wenig oder keinen Antheil genommen hatte, wurde endlich durch I. F. Schouw's (s. d.) gediegene Arbeiten in diesem Fache auf den rechten Weg gewiesen. Wie die neuere dän. Literatur überhaupt, so hat auch die neuere sdän. Poesie Holberg zu ihrem Anfangspunkte. Neben ihm und durch ihn angeregt, traten als Dichter auf Christian Falster, geb. 1600, gest. 1752, in beißenden Satiren, und Braumann Tullin geb. 1728, gest. 1765, in Elegien und Lehrgedichten. Johannes Ewald (s. d.), geb. >743,, gest. 1781, machte als Lyriker und Dramatiker Epoche in der schönen Literatur. Joh. Herm. Wessel, geb. 1742, gest. 1785, gewann durch ein einziges, aber meisterhaftes komisches Drama, „Liebe ohne Strümpfe", eine hohe, dauernde Celebrität. Mit andern vortrefflichen Arbeiten bereicherten das Fach des Dramas Thom. Thaarup (s. d.), geb. 1749, gest. 1821, und Peder Andr. Heibcrg (s. d.). Als lyrische Dichter thaten sich hervor I. Nordahl Bruun, geb. 1745, gest. 1816, Claus Frimann, geb. 1746, und Jens Zctlitz, geb. 1761; doch sie alle stehen Jens B aggesen (s. d.), geb. 1764, gest. 1826, an Ruhm und Fruchtbarkeit beiwcitem nach. Einen neuen Schwung nahm die poetische Literatur durch Adam Öhlenschläger (s. d.), geb. 1779, dessen nationale Tragödien und epische Gedichte nur in der Ursprache nach ihrem vollen Werthe und eigenthümlichem Geiste sich beurtheilen lassen. Neben ihm stand als Lyriker im ersten Range Adolf Wilh. Stack Staffeldt, geb. 1770, gest. 1826. Im1.1311 trat zuerst Beruh. Severin Ingemann (s. d.) als Lyriker auf, der sich nachher dem Drama und später dem historischen Nationalromane zuwendete. Als geistlicher Liederdichter schließt sich ihm zunächst Grundtvig (s. d.) an. Ein freies und kühnes dichterisches Streben offenbarte sich vom Anfänge an bei Joh. Ludw. Heiberg (s. d.), der vom romantischen Schauspiele zum Vaudeville überging, welches er zuerst in der dän. Poesie einführte und mit allem Zauber der wahren Poesie ausstattetc. In letzteren steht ihm Over- skou am nächsten. Die Kunstnovelle, welche bisher, wenn wir von Knud Lyne Rahbck's und L. Kruse's Erzählungen absehen, der dän. Literatur ganz gefehlt hatte, wurde von einem Ungenannten, den J.L.Heiberg einführte, angebaut, zunächst durch „Eine Alltagsgeschichte", der dann „Novellen" (3 Bde., 2. Aust., 1836) und „Neue Erzählungen" (2 Bde., 1836 —37) folgten, und es werden diese Produktionen nach der ungetheilten Ansicht aller hierin Stimmfähigen zu den Schätzen der Nationallitcratur gerechnet. Auch in Sten Stensen Blich er's (s. d.) Novellen legt sich ein eigenthümliches Talent zu Tage. Des pseudonymen Karl Bernhard Arbeiten („Ein Jahr in der Hauptstadt", 2 Bde., 1835; „Novellen", 4 Bde., 1836—37) zeichnen sich durch reiche Erfindungsgabe und entsprechende Darstellung aus. Ein edles poetisches Talent, das mit den größten Aufgaben rühmlich kämpft, ist in Johann Carsten von Hauch'S (s. d.) Tragödien unverkennbar, dem sich der von Shakspeare'schem Genius berührte Darsteller, Chr. Bredahl („Dramatiske Scener", 5 Bde., 1819—32)anschließt. Durchseine „Gjengangerbreve" zog Henrik Hertz 1831 schnell Aller Augen auf sich, und mit dem wahren Charakter des Lustspiels vertraut, führte er dieses 1832 wieder in die dän. Literatur ein. Neben Hertz sind unter den andern dän. 68 Dank Dünnecker Dichtern noch zu nennen Chr. Winter („Digt", 1834) und F.Paludan-Müller; nicht ohne Poetischen Werth sind auch die Gedichte von Andersen (s. d.), Möller, Acrestrup, Holst und Ioh. Kasp. Boyc (s. d.). Was die Künste anlangt, so besaß Dänemark unter Andern ausgezeichnete Componi- sten an I. A. P. Schulze (s.d.), Kunzen (s.d.) und Kuhlau, und später an Weise und Schall. Für den Ruhm der bildenden Künste wirkten Ioh. Wiedewelt, gest. l 802, und der Stolz seines Vaterlandes, A. Th orwaldsen (s. d.), unter dessen Leitung in Rom Freund sich bildete. Auch Bissen erwarb sich großen Ruhm. Unter den dän. Malern sind die berühmtesten Namen Lund, Eckersberg und Dahl (s.d.), ein Norweger, die, gleich Thorwaldsen, der königlichen Kunstakademie zu Kopenhagen ihre erste Bildung verdanken, unter deren Lehrern Nicolai Abr. Abildgaard (s. d.) besonders zu erwähnen ist. Unter den äl° tern Malern erwähnen wir Krock und Jsmael Mengs, geb. 1090, den Vater des berühmten Anton Rafael Meugs, und als Zeitgenossen Abildgaard's Juel und Pauelscn. Kleve, Clemens, Heuer sind als Kupferstecher rühmlich bekannt. Die Schauspielkunst, die ihr Erblühen in Dänemark Holberg's Meisterwerken verdankt, hat Gram, Lindorf, Wegner, Mad. Montagu, Rose, Londemann, Schwarß, Rösing, Mad. Rösing, Lindgreen, Forsom, Fryden» dahl, Rüge, C. Wenoläv und Nielsen als ihre ersten Namen aufzuweiscn. Dank, abgesehen von der gewöhnlichen Bedeutung, nannte man im Mittelalter dir Belohnung, welche die in den Turnieren siegenden Ritter und die Sänger gewöhnlich aus den Händen der Damen empfingen. Die den Rittern, nach dem Ausspruche der Kampfrichter, ertheilten Belohnungen bestanden gewöhnlich in goldenen Ketten, Wehrgehenken, Schärpen, Schwertern u. s. w.; die Dichter und Sänger, welche sich durch Erfindung neuer Gesänge im öffentlichenWettstreit auszeichneten, empfingen als Dank ein Kleid, eine goldene Blume u.s. w. Dannecker (Ioh. Hcinr. von), einer der berühmtesten neuern Bildhauer, geb. zu Waldenbuch im Oberamte Stuttgart am 15. Oct. 1758 von unbemittelten Altern, wurde seit 1771 durch die Gunst des Herzogs Karl von Würtemberg in der Militairakademie ge- bildet, wo er sich für die Bildhauerkunst entschied und mit Schiller die innigste Freundschaft schloß. Als er 1780 die Akademie verließ, erhielt er vom Herzog die Bestallung als Hosbild- haucr und drei Jahre später die Vergünstigung, nach Paris zu reisen, wo er an Pajou einen treuen Lehrer fand, jedoch mehr mit dem Studium der Natur als dem der antiken Formen sich beschäftigte. Im I. 1785 ging er nach Nom, wo ihn Canova in seinen Studien vielfach unterstützte und wo er mit Goethe und Herder in persönliche Berührung kam. Die von ihm in Marmor ausgeführtcn »Statuen der Ceres und des Bacchus veranlaßten seine Aufnahme in die Akademien von Bologna und Mailand. Nach seiner Rückkehr ins Vaterland im I. 1790 ernannte ihn der Herzog Karl zum Professor der bildenden Künste an der Karlsakademie. Das erste Werk, das er hier im Modell ausführte, war ein Mädchen, das um einen Vogel weint. Meist fertigte er indcß Skizzen und Entwürfe für den Herzog Karl. Erst 1796 begann er wieder in Marmor zu arbeiten, unter Ander« eine Sappho (jetzt in Monrepos) und zwei Opferdicnerinmn in Gyps (in der Favorite zu Ludwigsburg). Nachdem er 1804 das Grabmal des Grasen Zeppelin in Marmor ausgeführt (im Park zu Ludwigsburg) trat er besonders als Portraiteur auf. Schon früher halte er die Büsten des Herzogs Friedrich Eugen und seiner Gemahlin gefertigt. Jetzt arbeitete er eine Büste des Erzherzogs Karl in carrarischem Marmor nach dem Leben. Von Schiller lieferte er drei Büsten: die erste in Stuttgart 1797 nach der Natur, in Lebensgröße; eine zweite kolossale, in carrarischem Marmor, zur Zierde für sein Atelier; die dritte fürden damaligen Kronprinzen Ludwig von Baiern. Für denselben arbeitete er später die Büsten Gluck's und Friedrich des Siegreichen, und für den Eroßherzog Ludwig von Baden die Büste seines Vorgängers und Großvaters, des Herzogs Karl. Nach mancherlei Zwischenbeschäftigungen begann er 1809 seineAriadne, als Bacchusbraut auf dem Panther reitend (im Besitze Bcthmann's in Frankfurt). Gleichzeitig fertigte er das Modell zu der Wasser- und Wiesennymphe am Bassin des obern Sees der stuttgarter Anlagen. Für den König Friedrich von Würtemberg bildete er eine Statue des Amor mit gesenktem Pfeil und Bogen. Der Wunsch des engl. Generals Murray, eine Wiederholung dieses Werks zu besitzen, veranlaßte ihn 1814 zur Darstellung der Psyche, die er später ficr den König Wilhelm 1. von Würtemberg wiederholte. Außerdem gehören zu seinen gelun- Dannenberg Dantan 69 gensten Arbeiten die beiden Büsten des Königs Friedrich von Würtemberg, die sprechend ähnliche Büste Lavater's, die des Prinzen Paul von Würtemberg, ein echter Antikenkopf, die der Großherzogin Stephanie von Baden, die drei Büsten der Königin Katharina von Würtemberg, sowie die des Königs Wilhelm von Würtemberg und des russ. Generals Frei« Herrn von Benkendorf. Sein Hauptwerk aber, das acht Jahre lang ausschließend das Herz, die Phantasie und das Studium des Künstlers in Anspruch nahm und dessen Urbild er einem begeisterten Traumgesichte verdankte, ist sein Christus. In Marmor wurde dieses Werk für die Kaiserin Maria Feodorowna gearbeitet und 1824 vollendet, ein zweites Exemplar für den Fürsten von Thurn und Taxis gefertigt. D. suchte hier den Begriff des göttlichen Mittleramts, in der ganzen geistigen Bedeutung, zu verkörpern; man vermißt aber dabei eine gewisse körperliche Energie. Wirkungsreicher tritt diese in seiner Statue des Johannes hervor, die er 1826 für die Begräbnißkapellc auf dem Rothenberg arbeitete. Nachdem D. seine letzten Jahre mit geschwächten Geisteskräften, aber in milder freundlicher Ruhe verlebt hatte, starb er am 8. Dec. 1841. Zur Orientirung über den eigentlichen Standpunkt, welchen D. in seiner Zeit als Bildhauer einnimmt, dient am besten, daß er, zwischen Canova und Thorwaldsen mitten inne stehend, zuerst und am glücklichsten die von jenem ausgegangene Anregung aufnahm und in sinniger Weise, mit zartem Naturverständniß und liebevollem technischen Fleiß fortbildete, während der jüngere Zeitgenosse, noch fruchtbarer als selbst Canova, Beide durch Tiefe, Reichthum und Originalität der Erfindung, wie zugleich durch ein treueres Anschlüßen an den Geist und die Typen elastischer und christlicher Kunstbildung früherer Jahrhunderte übertraf. D. ist aber, namentlich im anatomischen Studium, in der Jndividualisirung, deshalb auch im Portrait, im feinen Ausdruck und in gemächlicher Wahrheit seinem Vorgänger überlegen und verdient daher den großen Namen, den er bald nach seinem Auftreten erhielt, für immer zu behaupten. Seine Darstellungen der griech. Mythe gehören dem früher» Zeitraum, die christlichen einem spätem an. Unter jenen dürfte die Ariadne, unter diesen der Johannes, wie unter den Büsten das kolossale Bild- niß Schiller's den Preis der Vollendung haben. Vgl. „D.'s Werke in einer Auswahl; mit einem Lebensabriß dcsMeisters herausgegcben von Grüneisen und Wagner" (Hamb. 1841). Dannenberg, eine alterthümliche, mit Mauern umgebene Stadt in der hannöv. Landdrostei Lünebuig, auf einer Anhöhe an der schiffbaren Zeetze, mit einem alten Schloß, hat etwa 1500 E-, welche sich hauptsächlich von Frachtschiffahrt und Handel nähren. DaS gleichnamige Amt, dessen Sitz D. ist, bildete ehemals die kleine Grafschaft gleiches Namens. In der alten Burg zu D. wurde König Waldemar II. von Dänemark durch den Grafen Heinrich von Schwerin, der ihn 1223 bei der Jagd überfallen und gefangen genommen hatte, in strenger Hast gehalten. Herzog Albrecht von Lüneburg baute, nachdem die alte Burg als Naubschloß 1377 zerstört worden war, an deren Stelle die Stadt D- und das jetzige Schloß. Später kam D- an Braunschweig und 1672 an den Herzog Georg Wilhelm von Lüneburg. Danov (Ernst Jak.), protestantischer Theolog, geb. am 12. März 1741 zu Redlru bei Danzig, erhielt seine Jugendbildung auf dem Gymnasium zu Danzig und studirte seit 1760 in Helmstedt und seit 1763 in Göttingcn, wo er namentlich bei Michaelis Vorlesungen hörte. Im I. 1766 zum Rector der Johannisschule in Danzig erwählt, gerieth er schon hier durch sein cholerisches Temperament in manche Verdrießlichkeiten. Zwei Jahre darauf wurde ihm eine außerordentliche und später eine ordentliche Professur der Theologie in Jena übertragen, in welchem Amte er durch seine klaren, lebendigen Vorträge über Dogmatik, Moral, Symbolik und Exegese des Neuen Testaments die Studirenden fesselte und sich eine Gehaltszulage sowie den Titel eines Kirchenraths erwarb. Desto mehr wurde er betrauert, als ihn finstere Schwermuth, die ihn manchmal vorübergehend erfaßte, am 18. März 1782 antrieb, seinem Leben in der Saale ein Ende zu machen. D. war ein denkender Theolog, wie schon seine Vorliebe für Ernesti und Seniler bezeugt, ein Freund der Klarheit und Bestimmtheit in theologischen Dingen, aber freilich nicht immer Herr der Leidenschaft. Seine Hauptschrist sind die „Institution«:.? tbeologßse llogmsticae" (2 Bde., Jena 1772—76). Dantan (Jean Pierre), einer der originellsten Künstler des gegenwärtigen Frankreichs, der in seinen Portrait-Statuetten zuerst und mit großem Erfolge die Caricatur in r- 7b Dante Alighieri das Gebiet der Sculptur gezogen hat, wurde zu Paris am 25. Dec. 1800 geboren. Er hatte Bosio zum Lehrer, machte bei der Akademie in Paris seine ersten Studien und ging dann nach Italien, wo er sich ganz dem Portrait zuwendete. Sein erstes großes Werk in Rom war die Büste Papst Pius' VIII., der 1829 die Büste Boycldieu'S folgte. Schon in Italien fing er an, Statuetten zu liefern, in denen er das physisch Lächerliche in einer Physiognomie oder in einer Gestalt auffaßte, aber nur so weit, als die physiognomische Ähnlichkeit nicht verwischt wird, sondern im Eegcntheile mehr hervortritt, und diese Statuetten, gewöhnlich Chargen genannt, waren es, die ihm bald nach seiner Rückkehr nach Frankreich im I. 1839 einen ausgebreitcten Ruf erwarben. Namentlich gab England, das er wiederholt besuchte, ihm reichen Stoff für dieses Genre. Dabei vernachlässigte er keineswegs die ideale und ernste Sculptur; fast von allen Notabilitäten Frankreichs fertigte er portraitircnde kleine Eypsbüsten > auch lieferte er die großen Büsten Jean Baert's für das Museum der Marine. Ludwig Philipp's für das Museum zu Versailles, eine zweite Boyeldieu's für die Stadt Rouen (1835), der Erisi, Bcllini's, Lekain's für das Peristyl des 'I'üeätrs lrsn^uis, der Malibran, Nourrit's, Lamennais' und die Statue und Büste Demidow's in Lebensgröße. Unter seinen überaus zahlreichen Chargen sind die Talleyrand's, Wellington's, Broug- ham's, Dorset's, O'Conncll's, des Herzogs von Cumberland, König Wilhelm's IV., Lord Grey's und unter den Künstlern Nossini's, Victor Hugo's, Soulie's und Liszt's am bekanntesten. Zur Ehre D.'s ist noch zu erwähnen, daß er sein gefährliches und bis jetzt einziges Talent bei der ihm inwohnenden Herzensgüte und Ehrenhaftigkeit nie gemisbraucht, daß er nie Chargen berühmter Damen gemacht und daß er das Gebiet der Politik gemieden hat. Sein reiches, höchst interessantes Atelier in Paris ist eins der besuchtesten. — Auch sein älterer Binder, Antoine Laurent D., geb. zu Saint-Cloud am 8. Dec. 1198 und ebenfalls gebildet in Rom, genießt eines verdienten Rufs als Bildhauer. Neben mehren größer« allegorischen und andern Arbeiten lieferte er namentlich eine ausgezeichnete Büste des Marschalls Villars' für das Museum zu Versailles. Dante Alighieri wurde am 27. Mai 1265 zu Florenz geboren und hieß eigentlich mit seinem Vornamen Dur ante, was die Florentiner in Dante abkürzten. Als neunjähriger Knabe sah er im Hause des Folco Portinari, wohin ihn seine Mutter zur Feier eines Frühlingsfestes mitgenommen hatte, dessen Tochter, die achtjährige Bcatrice, die seine Einbildungskraft entflammte, ihn zu seinen frühesten Gedichten begeisterte und, auch nachdem sie den Simone de' Bardi geheirathet und endlich in ihrem 25. Jahre gestorben war, sich ihm stets als seine Muse darstellte. Nach dem Tode dieser nur geistig Geliebten stellte er seine reine Liebe zu ihr in der „Vitu iniova" dar und widmete ihr später das Gedicht „Vaiwroso eonvito"; auch verherrlichte er sie in seiner „Oiviaa coinmeüia". übrigens wissen wir von seiner frühesten Erziehung wenig mehr, als daß er ein Schüler des Brunctto Latini, eines als Dichter, Gelehrter und Staatsmann berühmten Florentiners, war. Er studirte zu Florenz, Bologna und Padua Philosophie, später zu Paris djc Theologie und war in der lat. Literatur ziemlich bewandert. Im Dienste seines Vaterlandes focht er 1289 bei Campaldino gegen die Aretincr, 1299 bei Caprona gegen die Pisaner und war dann Gesandter der Republik in Rom und an mehren andern Höfen. Seine Ehe mit Gemma, der Tochter des Manetto Donati, die er um 1291 schloß, war nicht glücklich; seine Gattin trennte sich später von ihm. Im I. 1399 wurde er zum Prior, einer der höchsten Magistratsstcllen, seiner Vaterstadt, erhoben, jedoch zu seinem Unglück. Florenz war damals durch die Parteien der Bianchi und Neri entzweit. Die erstcre, als die schwächere, suchte Hülfe bei dem Papst Bo- nifaz VIII., und dieser beschloß, den sich damals in Rom aufhaltenden Bruder Philipp's IV. von Frankreich, Karl von Valois, nach Florenz zu schicken, um die Unruhen beizulegen. D. widersctzte sich als Prior diesem Vorhaben, weil er davon gefährliche Folgen für die Freiheit des Staats fürchtete, und ward dafür 1392 sammt den Häuptern derBianchi verwiesen und seiner Güter beraubt, da er die ihm auferlegte Geldstrafe von 8999 Lire nicht bezahlen konnte. Sein Leben war nun eine fast ununterbrochene Kette von Widerwärtigkeiten. Zunächst lebte er einige Zeit in Arezzo; im 1.1394 nahm er seine Zuflucht zu Alboin della Scala in Verona, der sich durch die Unterstützung, welche Talent und Verdienst bei ihm fanden, den Beinamen des Großen erworben hatte. Unstät, finster, zürnend über den Zer- 71 Dante Alighieri fall des Vaterlandes und über die Schlechtigkeit und Selbstsucht der Menschen, irrte er umher. Da drängte sich ihm der Gedanke der politischen Einheit auf, den er auch in seiner Schrift „De mmmrclüi»" entwickelte, und es scheint, daß er, diesen zu verwirklichen, endlich keine andere Möglichkeit sah, als mit Hülfe der starken kaiserlichen Macht. So mochte es geschehen, daß er sich zu den Ghibcllinen stellte. In Lunigiana fand er Zuflucht bei Morellv Malaspina, der ihm eines Tags die Handschrift der sieben ersten Gesänge eines Gedichts zeigte, welches D. schon im Vaterlande begonnen hatte, Blätter, die zufällig in Morcllo's Hände gekommen waren. Don jetzt an erwachte in D.'s Seele die Lust, das Gedicht, die „vivina commellia", fortzusetzen, und er machte es zu einem großen, gewaltigen Gericht über seine Zeit und Alle, die handelnd und bcmerkenswerth in ihr aufgetreten waren. Die Benennung „6ommeäia" gründet sich auf eine Vorstellung D.'s von den Formen der Wohl- redenheit, welche ihm, wie er in seinem zuerst wahrscheinlich lat. geschriebenen Werke „veiia volxsre eloquenra" angibt, tragisch, komisch und elegisch war, sodaß, was er Tragödie nannte, anfangs wunderbar und ruhig, zuletzt aber grausend und schrecklich wird, was ihm Komödie hieß, von einem rauhen Beginn zu einem glücklichen Ausgang fortschreitet. Das Beiwort clivina aber wurde später vonAndern hinzugefügk, wie denn D. in den ältesten Ausgaben selbst mit dem Beiworte „il tlivino" oder „il teologo" belegt wird. Bei seinem Werke soll er die Vision Alberico's, eines Mönchs, in der ersten Hälfte des 12. Jahrh. im Kloster Monte Casino in Neapel benutzt haben, die Cancellieri in den „0886rvsLioni intvrno slla e snpra la origiuslitä Uella Diviaa cvinineciia c!i O." (Rom 1814) mit Anmerkungen ab- drucken ließ. Seine letzten Jahre verlebte D. zu Ravenna bei Guido Novelle da Polenta, der als ein Freund der Musen ihm gern Schutz gewährte. Hier starb er am 14. Sept. 1321 und wurde in der Kirche der Minoriten begraben, wo ihm der venet. Patricier, Bernardo Bembo, der Vater des Cardinals, 1483 ein prächtiges Denkmal errichten ließ. Die Florentiner, die ihren großen Mitbürger ausgestoßen und verfolgt hatten, beeifertcn sich nach seinem Tode, ihr Unrecht zu sühnen, indem sie seinem Andenken die Verehrung erwiesen, die sie ihm selbst versagt hatten. Sie stellten sein von Giotto gemaltes Bild öffentlich auf, foderten, wicwol vergeblich, seine Asche von den Navennatcn und besoldeten einen Gelehrten, um öffentliche Vorlesungen über sein Gedicht zu halten. Auch ein Kenotaph in der Kirche Sta.° Croce zu Florenz feiert seit 1829 sein Andenken. Von den sechs Kindern, die D. hinterlicß, haben seine beiden ältesten Söhne, Pietro und Jacopo, sich als Gelehrte bekannt gemacht und unter Anderm einen Commentar über die „Divina commeäia" ihres Vaters geschrieben, der jedoch nicht ans Licht getreten ist. Mit Recht betrachten die Italiener D. als den Schöpfer ihrer poetischen Sprache und den Vater ihrer Poesie; denn von seinem bildenden Geiste behandelt, gewann jene zuerst eine reinere und würdigere Gestalt. Die Terzine erscheint zuerst bei ihm in ihrer Vollkommenheit, weshalb man ihn irrigerweise sogar für den Erfinder derselben angesehen hat Unter den wol 60 Ausgaben der „viviira comwsclia", welche seit 1472 erschienen, sind die besten die von Lombard! (3Bde., Rom 1791; 2. Aufl., 4 Bde., 1815—17, 4.), die mailändische (3 Bde., 1809, Fol.) und die florentiner (3 Bde., 1817). Von großem Einflüsse auf die Textesanordnung war die Bekanntmachung der von Boccaccio herstammenden Handschrift (Rovato 1820) und die von Quirico Viviani besorgte Ausgabe „6ru8ta lalerioiis Usl cocl. Laitoliuiano" (3 Bde., Udinc 1823 — 28), sowie die Ausgabe der als der besten gerühmten Erklärung „I/ottiilio commentv Uella vivioa c»m- mellia." (3 Bde., Pisa 1827—29). Die Literatur über die „Viviim commeclia" ist ungeheuer groß. Zahllose Commcntare behandeln bald den ästhetischen Werth des Gedichts, bald die darin auftrctende Theologie und Philosophie, bald die geschichtlichen Thatsachen, bald die offenbaren oder geheimen, politischen oder religiösen Tendenzen des Dichters; viele Com- mentare sind zu einzelnen Versen erschienen, oder über einzelne Allegorien und Anspielungen, so mehre über das Veltro. Besonders ausgezeichnet ist der Commentar von Arrivabene „U secoio <0 1). etc.", der zuerst mit dem Bartolin'schen Text erschien und dann besonders zu Florenz (1830), und merkwürdig der Commentar von Ugo Foseolo (Lond. 1825). Von andern Werken D.'s sind verschiedene Einzelausgaben vorhanden; die „kro-e" wurde her- ausgezebcn von Torri (2 Bde., Pisa 1839); die „Vita nuovs" von Trivulzio (Mail. 1827) und nach einer Handschrift aus dem 15. Jahrh. zu Pesaro 1829; der „eouvito" ^2 Dantiscus Danton (Padua 1827) und mit Anmerkungen von Cavazzoni u. A. (Mod. 1831); die „Lpi- »tolse, guae exlant" mit Anmerkungen von Karl Witte (Padua 1827). Die beste Ge» sammtausgabe der Werke D.'s erschien zu Venedig bei Zatta (5 Bde., 1757—58, -1.). „Die göttliche Komödie" ward zuerst von Bachenschwanz (3 Bde., Lpz. 1767—69) in Prosa und, nachdem A. W. Schlegel einige Proben einer metrischen Übersetzung geliescrt hatte, von Kannegießer (3 Bde., Lpz. 1811—21; 1 . Aust., 1813), von Streckfuß (3 Bde., Halle >821 — 27; 3. Ausl., 1819—11), vom Prinzen Johann von Sachsen unter dem Namen Philalethes (2 Bde., Dresd. 1839—19, i.) mit kritischen und historischen Erläuterungen und von Kopisch (Berl. 1819) metrisch übersetzt. Ganz in D.'s Leben verflochten und des Dichters nicht minder würdig sind seine herrlichen „Lyrischen Gedichte" (deutsch von Kannegießer und Witte, Lpz. 1826; 2. verm. und verb. Aust., 1812); seine „Vits nuova" übersetzte Oeynhausen (Wien 1821), später Karl Förster (Leipz. 1842). Erwähnung verdienen noch Flaxman's Zeichnungen zss der „Divma cnmmeüia", die von Pistrucci (nach Piroli) gestochen, unter dem Titel „Vtlante Dantescn" erschienen (Mail. 1822). Ein Bildniß D.'s auf einer Medaille fand Melchiorri Misserini >832 auf. Das Leben D.'s von Boccaccio ist besonvers erschienen in mehren Ausgaben (von Gamba, Ven. 1824); die neueste Lebensbeschreibung ist die „Vita 792 versteckt hielten, führte D. mit kaltblütigem Muthc und unter donnernden Anreden die bewaffneten Massen gegen die Tuilerien und warf durch seine zwingende Persönlichkeit den Thron vollends in den Staub. Hierauf wurde er zum Justizminister erhoben, um ihm Gelegenheit zu geben, die sogenannte Volksjustiz auch von oben herab zu üben. Schon waren die fremden Heere über die Grenze gedrungen, und Paris stand in der höchsten Verwirrung, als D. in der Nationalversammlung erklärte, daß Blut und Schrecken nur allein das Vaterland retten könnten. Er rief einen Vertheidigungsrath zusammen, ließ die Waffen wegnehmen, ordnete die Verhaftung aller Royalisten und widerspenstigen Priester an und gab der Versammlung in glühenden und furchtbaren Worten am I.Sept. die Nachricht, daß die Anstalten zur Rettung des Vaterlandes getroffen seien. Am folgenden Tage begannen hierauf bezahlte Rotten in den Gefängnissen zu Paris, später zu Orleans und Versailles, die Ermordung Aller, die das Unglück gehabt hatten, als Verdächtige eingezvgen worden zu sein. Die Blutschuld dieser sogenannten Septembergreuel wird nur dadurch gemildert, daß D. hier und überall zur Rettung der Revolution gegen die Massen, nicht gegen Persönlichkeiten, wüthete; für Einzelne war im Gegentheil sein Herz dem Mitleiden nicht verschlossen, wie er denn z. B. Duport, Barnave, Lamcth und den Abbe Barthelemy rettete. Von der pariser Gemeinde in den Convent erwählt, legte er das Ministerium nieder und betrieb, nachdem er die ewige Verbannung aller Emigranten erlangt, mit glühendem Eifer die Verurtheilung des Königs, für dessen Tod er, als abwesend, schriftlich und fast ohne Bedingung stimmte. „In derThat, wir werden ihn nicht richten, sondern lödten", antwortete er Denen, welche die Umwandlung des Convents in ein Tribunal unrechtmäßig fanden. Als die Armee Dumouriez's siegreich in Belgien vordrang, begab sich D. mitLacroix zu Anfänge des I. 1793 dahin, um das revolutionairc Regiment auszubreiten und zu befestigen; Staats- und Kirchengüter wurden von ihm zu diesem Zwecke confiscirt und verschleudert, die entgegenstrebenden Parteien verfolgt, persönliche Rechte und Bitten aber auch hier geachtet. Die Beschuldigung, daß sich D. und sein Genosse durch diese Confiscationen bereichert, ist nicht ohne Grund, wenigstens zeigten sich jetzt seine Privatvcrhältnisse glücklicher. Um nach dem Abfalle Dumouriez's und der Zerrüttung der Armee die Anklage auf Einverständniß von seinem Haupte zu wälzen, trat er im Convent mit grausenhaster Wuth auf. Auf seinen Vorschlag wurden nicht allein 380808 M. für das Heer auSgehoben; er schlug auch vor, die Provinzen im Falle einer Invasion völlig zu verheeren. Endlich wurde am 18. März durch ihn ein außerordentlicher Gerichtshof ins Leben gerufen, das spätere Nevolutions- tribunal, vor dem er bald selbst erscheinen sollte. D. war den gemäßigten Girondisten persönlich nicht abgeneigt; allein der wiederholte Antrag derselben auf Bestrafung der blutigen Metzeleien, zwang ihn, sich völlig mit der wüthenden Bergpartei zum Sturze der Gironde zu verbinden und die Jnsurrection vom 31. Mai hervorzurufen. Gegen seinen Willen mußten die ausgestoßenen Convcntsglieder das Schafot besteigen. DieserZug der Mäßigung brachte ihn um die Gunst des fanatischen Volks und der Jakobiner, und obschon er das Gesetz des Maximum sowie die Besoldung der Sansculotten durchsetzte, sank sein Ansehen täglich in den Scctionen, im Convent und im Wohlfahrtsausschüsse, besonders da er sich auch gegen die Feste der Vernunft erklärte. D., der mit Desmoulins und andern Gemäßigtem den Strom dämmen wollte, in den hauptsächlich er das Volk von Paris gestürzt hatte, mußte darin selbst unter- gehcn. Nachdem er die Partei He'bert'S hatte auf das Schafft bringen helfen, wurde von dem eifersüchtigen und die Volksmacht unterdrückenden RobeSpierre, nach einem fruchtlosen Ver- rinigungsversuche, sein Sturz beschlossen. Man hatte D. vor der bedrohenden Gefahr viel- 74 D'Anville Danz fach gewarnt; allein im Gefühle seiner geistigen Überlegenheit und in dem Bewußtsein seines großen Einflusses aus die Gemeinde von Paris, vielleicht auch aus Anhänglichkeit für Frank- reich, verschmähte er die Rettung durch die Flucht. In der Nacht vom 31. März 1794 wurde er mit Lacroix auf Befehl Robespierre's verhaftet. Der Convent erschrak über diese Maßregel; es entspann sich eine Debatte, in welcher Nobcspierre und Saint-Just besonders auf das ausschweifende Privatleben D.'s hinwiesen, und im Namen der Tugend wurde die Anklage, so viel Stimmen auch kurz vorher für den Angeklagten sich erhoben hatten, cinmüthig beschlossen. D. erschien zugleich mit seinem verhafteten Freunde am 3. Apr. vor dem Revolutionstribunal, das ihn beschuldigte, er habe den Herzog von Orleans auf den Thron setzen wollen. Er behandelte die Richter mit Stolz und Verachtung und ging von seiner Vertheidigung zu den härtesten Anklagen seiner Verfolger über. Vor der Thüre des Saals befand sich die schöne, junge Frau Desmoulins', die das Volk bearbeitete. Schon zögerte das Gericht, als der beängstigte Robespierre schnell im Convent ein Decret durchgehen ließ, daß alle Angeklagten, die die Untersuchung stören würden, ohne Verhör gerichtet sein sollten; unmittelbar darauf wurde das Todesurtheil ausgesprochen. „Man opfert uns einigen feigen Räubern", schrie D., „aber sie werden ihren Sieg nicht lange genießen; ich ziehe Robespierre nach. Der Feige! Ich allein besaß die Macht, ihn zu retten." Am 5. Apr. bestieg D. das Schacht mit den Conventsdeputirten Desmoulins, Lacroix, d'Eglan- tine, He'rault de Se'chelles, Philippeaux, Delaunay d'Angers, Cbabot und Baziro; dem General Westermann, einem Spanier, einem Dänen und zwei Östreichern. D. behielt seine Standhaftigkeit bis zum letzten Augenblick, nur bei dem Andenken an seine Frau, die er zärtlich liebte, vergoß er am Fuße des Schafots einige Thränen. In seinem Privatleben war D. mild und freundlich; seine äußere Erscheinung entsprach der Kühnheit und dem Riesenhaften seiner Gedanken; wenn er sprach, erregten sein heftig bewegtes Gesicht, sein drohender Blick und das Betäubende seiner rauhen Stimme Furcht, Schrecken und Überwältigung. DÄNville, s. Anvillc (Jean Bapt. Bourguignon d'). Danz (Joh. Traug. Leber.), Geh. Consistorialrath und Professor der Theologie zu Jena, wurde am 31. Mai 1769 zu Weimar geboren, wo sein Vater Lehrer am Gymnasium war. Durch den frühen Umgang mit Herder wohlthätig angeregt, ging er 1787 nach Jena und von da 1791 nach Eöttingen, um unter der Leitung Eichhorn's, Schlözer's, Heyne's und Spittler's sich weiter auszubilden. Sechs Jahre lebte er dann wieder in seiner Vaterstadt, wo er sehr bald als Lehrer am Gymnasium und am Landschullehrerseminar angc- stellt wurde. Jm J. 1798 wurde er Rector der Stadtschule zu Jena, habilitirte sich aber auch bei der Universität, hielt philologische, pädagogische und bald auch theologische Vorlesungen und wurde 1897 außerordentlicher und 1899 ordentlicher Professor der Theologie. Von dieser Zeit an hat er besonders über Kirchengeschichte, Moral, theologische Literarge- schichte und Encyklopädie sowie über die praktisch-theologischen Wissenschaften Vorlesungen gehalten, auch eine Reihe von Jahren das katcchetische Seminar geleitet. Seiner theologischen Richtung nach gehörte er jederzeit zu den entschiedenen Rationalisten. Unter seinen Schriften ist besonders sein „Lehrbuch der Kirchengeschichte" (2 Bdc., Jena 1818—22) zu nennen, das sich durch beigegebene Auszüge aus den Quellen empfiehlt; ferner der „Grundriß der Wissenschaften des geistlichen Berufs" (Jena 1824), die „Theologische Encyklopädie" (Weim. 1832), die „Imtis Uoctrinae pati-istieae" (Jena 1839) und vor Allem das „Uni- versalwörtcrbuch der theologischen, kirchen- und religionsgeschichtlichen Literatur" (Lpz. 1837 — 43; nebst Supplement I, Lpz. 1843), an welchem er in seiner Zurückgezogenheit, nachdem er 1837 pcnsionirk worden, arbeitet. — Sein Sohn, Aug. Heinr. Emil D., Ober- appellationsgcrichtsrath und ordentlicher Professor der Rechte zu Jena, geb. daselbst amI > - Dec. 1896, wendete sich, besonders durch Savigny's Vorträge begeistert, mit Vorliebe dem Studium des rüm. Rechts zu. Er habilitirte sich 1839 zu Jena und hielt seitdem dort mit großem Beifall und in stets anregender Weise Vorlesungen über das röm. Recht nach allen seinen Entwickelungen in dogmatischer und historischer Hinsicht. Sein bedeutendstes Werk ist das „Lehrbuch der Geschichte des röm. Rechts" (Lpz. 1849), das eine klare Übersicht des bereits sicher ermittelten Stoffs gibt, dabei aber auch viele neue Ansichten und eigen- hümliche Ideen entwickelt. 75 Danzig Danzig, eine wichtige Handelsstadt und Festung am westlichen Ufer der Weichsel, eine Meile von der Ostsee, die Hauptstadt des Regierungsbezirks gleiches Namens in der Provinz Preußen, vormals Westpreußen, mit dem Hafenorte Neufahrwasser, welchen die Forts Westerschanze und Weichselmänd'e vertheidigen, hat eine höchst anmuthige Lage in einer schönen Gegend und wird von den Flüssen Nadaune und Motlau umflossen, doch ist sie weder regelmäßig noch schön gebaut. Sie zerfällt in die Alt-, Recht-, Nieder- und Vorstadt, in den Langgartcn und die Spcicherinscl und hat ohne die neun Vorstädte etwas über eine halbe Meile im Umfange. Als Festung ersten Rangs ist D. von einem Hauptwall mit nassen Gräben umgeben und theils nach altdeutscher theils nach altholländ. Weise befestigt. Außer den eigentlichen Werken schützen die Stadt die Citadellen des Bischofs-, Hagels- und Zigankabergs. Sie ist der Sitz mehrer Behörden, eines Oberlandesgerichts sowie eines Admiralitätscollegiums, unter welchem eine Navigationsschule steht. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus die Oberpfarrkirche zu St.-Maricn, eine der größten Kirchen Europas, mit dem jüngsten Gerichte und mehren andern Gemälden der Brüder van Eyk, die Katharinenkirche mit dem Grabmal des Astronomen Hevel, das große Nachhalls, das Regierungsgebäude, das alte Zeughaus, das Gouvcrnementshaus, die Synagoge, der Junker-oder Arthurhof und die Börse. Überhaupt hat D. zwölf protestantische, sieben katholische und zwei rcformirte Kirchen; außerdem ein akademisches Gymnasium, eine Handelsakademie (seit 1832), zwei höhere Bürgerschulen und mehre wissenschaftliche Sammlungen und Anstalten der Wohlthätigkeit und des Gcmeinsinns. Auch besteht daselbst seit 1742 eine Naturforschende Gesellschaft. .Die Zahl der Einwohner in der Stadt und den Vorstädten beläuft sich, einschließlich von 15700 Katholiken, 2600 Juden und 600 Men- nonitcn, auf 63000. Neben nicht unbedeutenden Manufacturen in goldenen und silbernen Borden, Tuch, wollenen Zeugen und Corduan unterhalten sie beträchtliche Färbereien, Zuckersiedereien, Waid- und Pottaschenfabrikcn. Ein Haupthandelszweig für D., früher noch mehr als gegenwärtig, ist dcrVerkehr mitGetreide und Holz, welches aus Polen auf der Weichsel zugeführt wird. Wegen seiner bedeutenden Wcizenausfuhr nach England, Holland und den Hansestädten ward es auch sonst die Kornkammer des Nordens genannt. Andere Ausfuhrgcgenstände sind Holz, Leder, Wolle, Pelzwerk, Butter, Talg, Wachs, Pech, Pottasche, Hanf, Flachs, Federn, ein berühmtes Bier und Liqueur, das sogenannte Goldwasser. Der schöne Hafen und die vortheilhafte Lage geben der Stadt einen großen Einfluß auf den Land - und Seehandel, sodaß sie, wie sie sonst ein bedeutendes Glied im Bunde der alten Hansa war, gegenwärtig eine der wichtigsten Seehandelsstädte des preuß. Staats ist. Doch hat in neuester Zeit in Folge des ruff. Absperrungssystems auch der Handel in D. verloren. Im Süden der Stadt zwischen der Weichsel und Nogat liegt der fruchtbare Werder, eine Insel. Vgl. Löschin, „D. und seine Umgebungen" (Danz. 1836). Unter dem Namen 6eclanuw, vantisciun, poln. Lclanslc, kommt die Stadt schon im 10. Jahrh. vor. Lange stritten sich Dänen und Schweden, Pommern und die Deutschen Ritter um ihren Besitz und öfters wechselten ihre Herrscher. Nachdem sie 1310 unter die Herrschaft des Deutschen Ordens gekommen, stellte die Thätigkcit der Einwohner den durch öftere Kriege verminderten Wohlstand bald wieder her und gab der Bürgerschaft ein Kraft- gcfühl, sodaß sie sich 1454 für unabhängig vom Deutschen Orden erklärte und von der Republik Polen als selbständig anerkannt wurde. Die Stadt hatte ihr eigenes Gesetzbuch, die Danziger Willkür, und erweiterte bald bedeutend ihr Gebiet. Die Oberhoheit des Kö- nigs von Polen repräsentirte ein Glied des Stadtraths, welches den Titel Burggraf führte. Die Stadt schlug ihre eigene Münze mit des Königs von Polen Bildnisse, hielt in Warschau ihren Secretair und stimmte auf Reichstagen und bei Königswahlen. Nach der Weichsel zu durch Wälder und Moräste beinahe unzugänglich, während die Niederung leicht unter Wasser zu setzen war, nach der Landseite vielfach, wenn auch sehr schwerfällig befestigt, im Besitze eines Gebiets mit 33 sehr wohlhabenden Dörfern und der Danziger Höhe, einer sandigen Erdzunge mit dem Städtchen Hela, die den Meerbusen, das Pauzkerwieck, bildet, hatte sie damals eine politische und militairische Bedeutung. Jene verlor sie, als Preußens Grenzen ihr näher rückten; diese wurde ihr später um so gefährlicher. Seit 1772 gleichsam vom preuß. Gebiet umschlossen, während auch die Weichsel und das Fahrwasser in preuß. 76 . Danzig Gewalt waren, sank sie sehr bald von ihrer Höhe herab. Nachdem König Stanislaw von Polen erklärt hatte, daß er die Stadt ihrem Schicksal überlassen müsse, und nun Preußen deren Unterwerfung »erlangte, kam es zu einem Vertrage, in Folge dessen die Preußen am 28. Mai 1793 die Außenwerke besetzten; allein das Volk griff zu den Waffen, und es entspannsich ein Kamps, der jedoch nach wenigen Tagen mit der Unterwerfung der Stadt endete. Unter PreußensHerrschaft begann die Stadt wieder aufzublühen, doch nach dem Ausbruche des franz. Kriegs im I. I8V6 trafen sie neue harte Schläge. Am7.März 1897 von dem Corps unter dem Marschall Lefebvre umringt, wurde ihre Einschließung auf der Landseite durch Wegnahme der großen Landzunge, Frische Nehrung, am 2V. März vollendet. Obwol die Besatzung bei den Ausfällen vom 21. und 26. großen Muth bewies so konnten diese Anstrengungen doch nicht verhindern, daß sich die Belagerer am I. Apr. auf dem Zigankaberge sestsetzten. In der Nacht vom 23. zum 2-1. Apr. begann das Bombardement der Stadt und dauerte mit Zwischenräumen bis zum 21. Mai fort. Vergebens versuchte der General Ka- mcnskoi sich mit 5999 M. Verstärkung in die Stadt zu werfen; auch eine engl. Corvette, welche auf der Weichsel die nöthigen Kriegsvorräthe, Geld u. s. w. zuführen sollte, gerieth auf den Grund und wurde von den Belagerern genommen. Der Mangel an Munition und der. vom Feinde beabsichtigte Hauptsturm, der bei der Überlegenheit desselben in seinem Ergebnisse nicht zweifelhaft sein konnte, bestimmte endlich den Gouverneur, Grafen von Kalck- reuth, am 24. Mai zur Capitulation auf dieselben Bedingungen, die er dem General d'Oyre am 22. Juli 1793 bei der Übergabe von Mainz bewilligt hatte. Die Besatzung verließ am 27. Mai die Festung mit Kriegsehren und der Verpflichtung, ein Jahr lang nicht gegen Frankreich zu dienen, den Einwohnern aber ward eine Kriegssteuer von 29 Mill. Francs mit der Bewilligung allmäliger Bezahlung auserlcgt. Der Marschall Lefebvre (s. d.) erhielt zur Belohnung für die Einnahme der Stadt den Titel eines Herzogs von Danzig. Durch den tilsiter Frieden wurde D. als freie Stadt mit einem Gebiete von zwei Lieues, die durch die willkürliche Erklärung Napvleon's auf zwei deutsche Meilen ausgedehnt wurden, unter Frankreichs, Preußens und Sachsens Schutz anerkannt; doch konnte cs, als sranz. Waffenplatz, seiner Unabhängigkeit niemals froh werden, da fortwährend ein franz. Gouverneur, General Rapp, in Garnison daselbst blieb, und durch das Continentalsystem der Hauptnahrungszweig, der Handel mit England, zerstört war. In Folge des russ. Kriegs wurde D. am 31. Dec. 1812 in Belagerungsstand erklärt. Inzwischen gelang cs doch den franz. und poln. Truppen des zehnten Armeecorps, sich beim Rückzuge in die Stadt zu werfen, ebenso langten noch Verstärkungen aus Spandau und Magdeburg an, sodaß die Garnison 39999 M. betrug, als gegen Ende Jan. 1813 das russ. Einschiicßungscorps, aus 6999 M. Kosacken bestehend, erschien, welches jedoch bald durch ein Corps von 7999 M. Infanterie und 2599 M. Cavalerie mit 69 Feldgeschützen, unter dem Generallieutenant von Loewis, abgelöst wurde. Die blutigsten Ausfälle und Angriffe fanden am 4. Febr., 5. März, 27. Apr. und, nachdem am 1. Juni die Belagerer durch 8999 M. preuß. Landwehren unter dem Obersten Grasen Dohna verstärkt w»rden waren, am 9. Juli statt. Nach dem Waffenstillstände vom 24. Aug. übernahm der Herzog von Würtemberg den Oberbefehl der Belagerungsarmee, der nun am 28. und 29. Aug., am 1., 7. und 17. Sept. und am 1. Nov. den Belagerten bei Ausfällen und durch Angriffe die hitzigsten Gefechte lieferte. Erst als ein engl. Geschwader sich von der Seeseite derStadt genaht und dieselbe gemeinschaftlich mit den Landbattcrien vom I. Sept. an, auch mit Congreve'schen Raketen beschossen hatte und die zweite Parallele eröffnet worden war, kam am 17. Nov. eine Capitulation zu Stande, nach welcher die Garnison am l. Jan. 1814 die Waffen strecken und mit der Verpflichtung, binnen einem Jahre nicht gegen die Verbündeten zu dienen, nach Frankreich geschickt werden sollte. Doch diese Bedingungen erhielten die Genehmigung des Kaisers Alexander nicht, und der Gouverneur, General Rapp, der wahrscheinlich viele Geräthe und Kriegsbedürfniffe heimlich hatte vernichten lassen und deshalb zu einer längern Vertheidigung keine hinreichenden Mittel besaß, mußte sich bequemen, die Festung so zu übergeben, daß am I. Jan. alle Polen und Deutsche in ihr Vaterland entlassen wurden, am 2. aber alle Franzosen ausrückten, um als Kriegsgefangene in das Innere Rußlands geführt zu werden. Während dieser elfmonatlichen Einschließung und Belagerung waren in der Stadt 399 Häuser und Speicher niedergebrannt, Daphnäa Dardanellen 77 III5 Gebäude beschädigt worden und eine Menge Menschen verhungert. Mit dem 3. Febr. 1811 kehrte D. unter Preußens Oberherrschaft zurück. Großen Schaden erlitt die Stadt am 6. Dec. 1815 durch das Ausstiegen eines Pulverthurms, sowie 1829 durch einen Durchbruch der Weichsel und 1831 durch die astatische Cholera. Vgl. Löschin, „Geschichte D-s" (2 Bde., Dan;. 1822); Blech, „Geschichte der siebenjährigen Leiden der Stadt D." (2 Bde., Danz. 1816); Döring, „Danziger Bilder" (Danz. 184V) und „Münzen und Siegel der Stadt D., Elbing und Thorn" (Berl. 1841). Daphnäa, eigentlich die Lorberbekränzte, ist ein Beiname der Diana, welche als solche einen Tempel zu Sparta hatte. Daphne, die Tochter des arkadischen Flußgottes Ladon und der Gäa oder des thessalischen Flußgottes Peneus, wurde von Apollon, zugleich aber auch von Leucippus, dem Sohne des Königs Onomaus, geliebt. Leucippus verkleidete sich, um der Geliebten eher folgen zu können, als Jungfrau und mischte sich so unter die Nymphen, die Gespielinnen Jener, wurde aber auf Veranstaltung des Apollon beim Baden erkannt und sogleich von den Nymphen getödtet. Hierauf verfolgte Apollon die D., war aber in seiner Liebe nicht glücklicher. D. nämlich floh ihn und in dem Augenblicke, als er sie umarmen wollte, ward dieselbe von ihrer Mutter Gäa in den Schoos derselben ausgenommen, oder nach Andern auf ihr Flehen in den immergrünenden Lorberbaum verwandelt. — Daphne, die Tochter des Tiresias, eine berühmte Wahrsagerin, sonst Manko genannt, wurde im Kriege der Epigonen gefangen 835). Darfur oder dasLandFur, eine der größten Oasen der libyschen Wüste oder des östlichen Theils der Sahara in Afrika, die letzte, südliche Oasengruppe, hat weder einen Fluß, noch Quellen, weshalb Menschen und Thiere verschmachten müssen, wenn der Regen ausbleibt. Löwen, Rhinocerosse und Elefanten machen durch ihre Raublust und Wildheit das Land sehr unsicher. Die Bewohner, von schwarzer Hautfarbe, gehören nicht der Negerrace sondern einem der Berberstämmc an. Sie sind Moslcmen, treiben Ackerbau und nähren sich außerdem vom Handel. Große Karavanen gehen von hier nach Sudan, Ägypten und Nubien, wo sie hauptsächlich Negersklaven, Elfenbein, Gummi, Straußfcdern, Tamarinden und Nashörner verhandeln. Übrigens ist D. durch Einwanderung der westlichen Stämme zum Stapelplatz des Sudan geworden. Die Zahl der Bewohner beläuft sich auf 200000 , nach Andern, wohl übertrieben, auf I'/- Mill. Sie stehen unter einem erblichen Sultan mit unumschränkter Gewalt, der den großartigen Titel „Büffel der Büffel, Stier der Stiere, starker Elefant" führt. Das Heer besteht aus ungefähr 30000 M., theils Freien, welche Ländereien als Sold bekommen, theils Sklaven. Jährlich wird eine Nazzie oder Sklavenjagd nach Südwesten und in die nahen Oasenstriche unternommen. Die Residenz des Sultan und der Hauptplatz desKaravanenhandels aus dem Westen her istKobbc, mit 6000 E.; ferner sind zu bemerken Swaini, der Sammelplatz der Karavanen nach Ägypten, und Kubka- bia, der Schlüssel der Weststraße, mit beträchtlichem Handel, besonders in Baumwollenzeugcn. Darren, s. Panama (Landenge von). Darius ist der Name mehrer pers. Könige. Darius I., der Sohn des HystaspcS, des Statthalters von Persis, verband sich im I. 521 mit sechs andern edlen Persern zur Ermordung des falschen Smerdis, der sich nach des Kambyses Tode des Throns bemächtigt hatte. Die Verschworenen hatten verabredet, daß sie am Morgen nach der Thal zu Pferd zusammenkommen wollten und daß Derjenige König sein sollte, dessen Pferd die ausgehende Sonne zuerst durch Gewieher begrüßen werde. Der Stallmeister des D. führte in der Nacht das Pferd seines Herrn an dem bestimmten Orte mit einer Stute zusammen und durch diese List geschah es, daß am nächsten Morgen des D. Pferd zuerst wieherte. So gelangte er zur Herrschaft, deren er sich durch Thatkraft würdig zeigte und in der er sich durch die Vermählung mit einer Tochter des Otancs, des Haupts der Verschwörung, und mit zwei Töchtern des Cyrus, von denen besonders Atossa Einfluß auf ihn gewann, befestigte. Die Stadt Babylon, die sich empört hatte, belagerte er zwei Jahre ohne Erfolg, bis sie ihm durch die Selbstaufopferung seines Feldherrn Zopyrus gewonnen ward. Dieser ging, nachdem er selbst seinen Körper grausam verstümmelt hatte, zu den Babyloniern über und täuschte sie durch das Vorgeben, daß er von D. so gcmishandelt worden sei und daß er nach Rache dürste. Sie gaben ihm eine Bcfehlshaberstelle und vertrauten ihm endlich die ganze Stadt an, die er 517 dem D. überlieferte. Im1.513 zog D. mit 700000 M. über eine Brücke, die über den Bosporus und eine andere, die über die Donau geschlagen ward, gegen die Scythcn, die ihn durch verstellte Flucht tief in ihr unwirthbares Land bis an den Oarus (die Wolga) verlockten, sodaß er nur mit großem Verlust den Rückzug bewerkstelligte. Megabyzus, den er mit 80000 M. in Thrazien zurückließ, unterwarf dieses Land; D. selbst aber ging nach Asien zurück, wo er seine Herrschaft im Osten bis an den Indus ausdchnte. Die Unterstützung, welche die Athener und Eretricr den ionischen Städten gewährten, als diese das pers. Joch im I. 501 abwarfen, und ihre Theilnahme an der Verbrennung von Sardes veran- laßte den D., der auch durch den vertriebenen Athener Hippias aufgercizt ward, zu seinen Unternehmungen gegen Griechenland. Nach der Eroberung von Milet und der Unterwerfung der Ionier, sendete er 495 den Mardonius mit einem Heer durch Thrazien und Mace» K. ^ 80 Darlehn borsten gegen Griechenland, zugleich wurde eine Flotte ausgeschickt. Aber diese ward bei dem Borgebirge Athos durch den Sturm zerstört und zerstreut, und Mardonius durch den Verlust, den er im Kampfe mit den Brygen, einem thracischen Stamme, erlitten hatte, zur Rückkehr nach Asien bewogen. Als hierauf die Herolde, durch die D. die Griechen zur Unterwerfung auffodern ließ, von den Athenern und Spartanern schmählich zurückgewicsen worden waren, sandte D. 400 ein neues Heer unter Datis und Artaphernes mit 600 Schiffen aus. Naxos wurde erobert, die übrigen Cykladen unterwarfen sich, Delos, die heilige Insel, wurde verschont, Eretria auf Euböa, nachdem es durch Vcrrath gefallen, zerstört; doch durch den Sieg, den die Athener bei Marathvr, von Miltiades angeführt, über das pers.Heer erfochten, ward des D. Unternehmen vernichtet. Bei den Rüstungen zu einem neuen Zuge, den er selbst anführen wollte, ereilte ihn im I. -185 der Tod. In der Regierung des pers. Reichs, das er in 20 Satrapien eingetheilt und in welchem er ein geregeltes Steuersystem eingeführt hatte, folgte ihm sein Sohn Lerxes (s. d.). — Darius II., vor seiner Thronbesteigung Och us genannt, einer der Bastarde (daher sein Beiname Nothos) des Königs Artaxerxesl. Longimanus, gelangte nach der Besiegung seines Bruders Sogdianus, der den echten Thronerben -kerxes ll. gemordet hatte, im Z. 423 zur Regierung, in welcher er sich von Parysatis, seiner hinterlistigen und grausamen Schwester und Gemahlin, abhängig zeigte. Mehre Empörungen verschiedener Satrapen wurden glücklich unterdrückt, doch behauptete sich Amyrtäus im unabhängigen Besitz Ägyptens, den er 414 durch Abfall erworben hatte. Unter D. übten die Perser besonders durch Tifsaphernes, den Satrapen Vorderasiens, und dessen Nachfolger, den jüngern Cyrus, einen Sohn des Königs, bedeutenden Einfluß auf die griech. Verhältnisse während der letzten Zeiten des peloponnes. Kriegs aus. D. l>. starb 405, ihm folgte sein ältester Sohn Artaxerxes ll. — Eine Tochter dieses Letztem war Sisygambis, die Mutter des letzten pers. Königs Darius lll., vor seiner Thronbesteigung Kodomannus genannt, der auck durch seinen Vater Arsames, den Sohn des Ofanes, eines jüngern Sohns Darius' ll., von diesem abstammte, und durch Bagoas im I. 336 zur Herrschaft gelangte, nachdem dieser den Arfts, einen Sohn Art ax erx e s HI. (s.d.), der von ihm selbst nach des Letztem Ermordung auf den Thron gehoben worden war, ebenfalls ermordet hatte. Als Bagoas auch D. nach dem Leben trachtete, ließ ihn dieser tödten. D. hat den Ruhm eines milden und gerechten Fürsten erworben, auch kriegerische Tapferkeit hatte er schon früher im Kriege gegen die Cadusier gezeigt, aber den Ängriff Alexander des Großen vermochte er und sein Reich, das schon unter seinen Vorgängern durch die Üppigkeit derselben und durch Satrapenherrschaft entkräftet war, nicht zu widerstehen. Nachdem am Granikus 334 Mithridatcs, der Eidam des Königs, besiegt worden war, verlor D. selbst im I. 333 die Schlacht bei Jssus; seine Mutter, seine Gemahlin und drei seiner Kinder fielen in Alexander's Gewalt, den D. vergeblich zum Frieden zu bewegen suchte. Die entscheidende Schlacht bei Gaugamela unweit Arbela im I. 33 l öffnete dem siegreichen Alexander den Weg nach Susiana und in das eigentliche Persien. D. floh nach Ekbatana in Medien, und als ihn Alexander verfolgte, nach den nordöstlichen Provinzen. Auf dem Wege bemächtigte sich Bessus, der Satrap von Baktricn, seiner Person. Alexander selbst eilte, den König zu retten, als aber D. sich weigerte, dem Bessus auf der Flucht zu folgen, verwundete ihn dieser tödtlich und ließ ihn hülflos auf seinem Wagen liegen. Sterbend fanden ihn die Reiter Alexander's; ein Macedonier reichte ihm den letzten Labetrunk und erhielt von ihm den Auftrag, dem Alexander für die Großmuth zu danken, die er an seiner Familie bewiesen. Alexander, der gleich darauf hinzukam, fand D. schon verschieden (330); er beweinte ihn und sendete den tobten Körper der Sisygambis, um ihn in dem Begräbnisse der pers. Könige beizusetzen. (S. Al exander der Große.) Darlehn (mutuum) nennt man einen Vertrag, wodurch der eine Theil, der Darleiher (creilitor), eine bestimmte Quantität verbrauchbarer Dinge (res lunxibiles), z.B. Getreide, gemünztes Geld u. s. w., einem andern, dem Schuldner (stebitnr), als Eigenthum überläßt, um solche beliebig zu gebrauchen, zu bestimmter Zeit aber ebenso viel von derselben Art zu- rückzugeben. Es gehört dieser Vertrag zu den Nealverträgen, d. h. er wird vollständig durch den wirklichen Empfang der dargeliehencn Sachen, und es unterscheidet sich derselbe sowol von dem Vertrage über ein künftig zu gebendes Darlehn, als auch von dem Leihvertraqe Darlingtou Darm 81 (commockstum), bei welchem letztem die geliehene Sache nicht zu verbrauchen sonbern nur zu gebrauchen und in Natur zurückzugebcn ist. Wer nicht die freie Verwaltung seines Vermögens hat, kann weder ein gültiges Darlchn geben, denn das Gegebene wird für ihn sogleich in nsturn zurückgefodert, noch empfangen, du, sobald er das Dargeliehcne verbraucht, keine Verpflichtung zum Ersatz vorhanden ist. Die röm. Gesetze, wie das Ssnstuscvnsultum liluceilonisaum aus den Zeiten des Kaisers Claudius, erklären ein Darlehn, welches einem in väterlicher Gewalt stehenden jungen Manne gegeben wird, für unverbindlich, d. h. der Darleiher hat kein Zurückfoderungsrecht gegen den Schuldner, obwol er Das, was ihm darauf wirklich gezahlt wird, auch nicht wieder herauszugeben schuldig ist, und die Schuld durch eine spätere Anerkennung gültig werden kann. Aus dem Darlehnsverkrage an sich folgt nur die Verbindlichkeit zur Zurückgabe des Empfangenen in gleicher Art und Zahl; doch können mancherlei Nebenbestimmungen hinzugefügt werden, wie z. B. die Entrichtung von Zinsen (s. d.), die Sicherheitsleistung durch Pfand und Bürgschaft und die schriftliche Form des Vertrags. (S. Schuldschein.) Darlington., ein ansehnlicher und gewerbreicher Marktflecken in der engl. Grafschaft Durham unweit des Tees am Skern, hat eine schöne, im 12. Jahrh. erbaute gothische Kirche mit einem >80 F. hohen Thurme und zählt 7200 E-, welche Leinwand-, Damast-, Band-, Leder- und Wollenfabriken unterhalten. Auch befindet sich hier eine Mühle zur Schleifung optischer Gläser, eine vielfach benutzte Mineralquelle und zwei merkwürdige Erdfälle, von denen der eine 30 Parks im Durchmesser hält. Seit >825 ist D. mit Stockton durch eine Eisenbahn verbunden. Darm, Darmkanal oder die Gedärme nennen wir denjenigen Theil des menschlichen oder thierischen Körpers, welcher die im Magen verarbeiteten Stoffe aus diesem aufnimmt, dieselben durch eine eigenthümliche, den Windungen eines kriechenden Wurms nicht ganz unähnliche Bewegung, die peristaltische genannt, nach und nach weiter drängt und nach einer Reihe von Processen, welche das zur Ernährung des Körpers Taugliche von dem dazu Untauglichen abscheiden, crsteres zu weiterm Gebrauche abgibt, letzteres aber ausstößt. Der Darm beginnt mit dem sogenannten Pförtner (pchorus), einem wulstigen Mus- kclring, in den sich der Magen an seinem rechten Ende öffnet, und man unterscheidet zwei Hauptpartien, den Dünndarm (intestinum tenue) und den Dickdarm (intestinum crassum). Elfterer zerfällt wieder in den Zwölffingerdarm (ckuoclenuin), den Lccr- darm (jejunum) und den Krummdarm (ileum), welche, in ihrem Bau wenig von-, einander verschieden, das Gekröse'fmdsonterinm) bilden. Der Dickdarm beginnt am Ende des Krummdarms mit dem Blinddarm (intestinum cnscum), welchem der wurmförmige Anhang (processus vermiformis) angefügt ist, geht dann in den Grimmdarm (colon) über, von dessen drei Abtheilungen die erste (cvlon ascenäens) an der rechten Seite des Unterleibs gerade hinaufsteigt, die zweite (colon tr-msversum) aus die linke Seite hinübergeht und die dritte (volon ckescenckens) auf derselben Seite sich wieder herabsenkt, und endigt sich im Mastdarme (intestinum rectum). Der Darm besteht aus der inncrn Schleimhaut und der äußern Muskclhaut, welche durch eine Zwischenlage von Zellgewebe verbunden sind. Außerdem wird noch der größte Theil von der Bauchhaut cingeschlosscn, welche die Lage desselben erhält. Der Dünndarm hat dünnere Wände und ist enger als der Dickdarm. Die Drüsen im Darmkanal, welche nach dem Mastdarm zu immer größer und gedrängter werden, sondern den Darmschleim ab, und die einsaugenden Gefäße, die in der Schleimhaut befindlich sind, nehmen den Nahrungsstoff in sich auf. Die Länge des ganzen Darms beträgt das Fünf- bis Sechsfache des Körpers, dem er angehört. In der langen Reihe organischer Wesen von dem Menschen hinab bis zu den Anfängen der Thicrwclt, den Jnfufionsthierchen, bietet natürlich auch die Einrichtung des Darmkanals eine unendliche Verschiedenheit dar. Zeigen auch die Säugthicre eine schon sehr abweichende Formation der Verdauungswerkzeuge vom Munde bis zum Ausgange des Magens, so ist doch die Einrichtung des Darmkanals selbst von der des Menschen nicht mehr verschieden als durch die Größenverhältnisse des Thiers bedingt wird. Schon bei den Vögeln ändert sich diese Einrichtung insofern, als hier auch die Urinwerkzeugc ihr Product in den Darmkanal ergießen, sodaß die- Conv.-Lex. Neunte Aust. IV. 6 82 Darmsaiten Darmstadt ser der einzige Ausfühnmgsgang bleibt. Bis zu den Insekte» hinab bleibt der Darm gewunden und läßt noch Abgrenzungen zwischen Dünn- und Dickdarm unterscheiden. Die größten Abweichungen folgen bei den niedrigem Thierclaffen. Bald ist der Darm noch gewunden, bald geht er vom Magen bis zum Aster in einer geraden Linie. Bisweilen besteht der ganze Darmkanal oder vielmehr der ganze Vcrdauungsapparat aus einem runden oder länglichen Schlauch, dessen einzige Öffnung die Functionen von Mund und Aster in sich vereinigt, doch lassen sich immer noch selbst bei vielen Arten der Jnfusionsthiere zwei Öffnungen, die eine zur Aufnahme des Nahrungsstoffs, die andere zur Absonderung des Unbrauchbaren, mit einem dazwischen liegenden Verdauungskanale, wahrnchmen. Unter den Krankheiten der Gedärme ist die Darmentzündung, die in Folge von Erkältung, äußern Verletzungen, Einklemmung bei Brüchen, Darmeinschiebungen u. s. w. entsteht und immer sehr gefährlich ist wegen des leicht hinzutrctenden Brandes, die am häufigsten vorkommende. Die Darmverengerung,wo eine verengerte Stelle im Darmkanal den Durchgang des Speisedreis hindert, ist meist eine Folge chronischer Unterleibslciden und geht zuweilen in Darmverhärtung und Darm Verschließung über, die zumeist tödtlichcn Ausgang haben. Darmsaiten, zum Beziehen der Geigcninstrumente, Harfen, Lauten, Guitarren u. s. w., werden von den Darmsaitenmachern oder in besondern Fabriken aus den dünnsten und elastischsten Gedärmen der Lämmer, jungen Gemsen, Nehe, Ziegen und Katzen durch Zusammendrehen mittels des Darmhaspels und Seilerrads verfertigt. Die Zurichtung derselben zu diesem Zwecke ist höchst mühsam. Zu den feinsten Violinsaiten (Quinten) werden drei, zu den stärksten (Quarten) sieben, zu den gröbsten Baßsaiten 120 Därme genommen. Das erste Erfoderniß einer guten Darmsaite ist vollkommene Gleichheit der Stärke in ihrer ganzen Länge, die aber durch sorgfältiges Gespinnst, nicht durch Glättung mittels Bimssteins hergcstellt sein darf. Die besten Darmsaiten, gewöhnlich romanische Saiten genannt, welche sich durch Feinheit, klare Durchsichtigkeit, Elasticität und Dauer empfehlen, liefert Italien, namentlich Neapel. In Deutschland werden zu Nürnberg, Augsburg, Ne- gensburg, München, Kallmünz und Mittenwalde in Baiern, zu Adorf und Neukirchen im sächs. Voigtlande, zu Hanau, Öffenbach, Aschaffenburg, Wien, Prag und Schönbach in Böhmen viele und gute Darmsaiten verfertigt, die zwar den besten italienischen nachfiehcn, die französischen dagegen übertreffen. Darmstadt, die Haupt- und Residenzstadt des Eroßherzogthums Hessen (s. d.), in der Provinz Starkcnburg, liegt am kleinen Flusse Darm, der sie in Alt- und Neustadt scheidet, und ist der Sitz der obersten Behörde des Landes und der Provinz sowie eines Oberappellationsgerichts, das zugleich das Cassationsgericht bildet. Die Altstadt ist finster und unregelmäßig gebaut; die Neustadt dagegen hat sehr regelmäßig angelegte breite Straßen, wie die Rhein- und Neckarstraße, große freie Plätze, z. B. den Luisenplatz, ein regelmäßiges Achteck, auf welchen vier Straßen münden, mit dem Denkmale des Großherzogs Ludwig's I., und schöne Gebäude. Unter den vier Kirchen ist nur die neue katholische Kirche, die 1822—27 erbaut wurde und eine Rotunde bildet, zu erwähnen. Zn der Altstadt sind nächst dem im alten franz. Stile seit 1717 erbauten großherzoglicheu Residcnzschloffe, welches die Gemälde-, Antiken-, Waffen-, Münz-, Naturalien- und Korkmodellsammlung, die Bibliothek von 90000 Bänden, das physikalische und mathematische Cabinet enthält, als vorzügliche Gebäude zu erwähnen das umfangreiche Prinzenpalais, das prachtvolle von Möller 1819 erbaute Hofoperntheater, welches 2000 Zuschauer faßt, und das Zeughaus, eins der geräumigsten in ganz Deutschland, welches ftüher als Exercierhaus gebraucht wurde, jetzt aber zum Artilleriedepot dient. In der Neustadt sind außer der neuen katholischen Kirche das Palais des Erbgroßherzogs, das landgräfliche Palais, das Casinogebäude, die beiden Colle- gienhäuser, der Marstall und die Casernen die hervorragendsten Gebäude. Die Zahl der Einwohner beläuft sich mit Einschluß des Dorfes Bessungen, welches 2000 E. zählt, jedoch ohne das Militair, auf 29000, darunter 2500 Katholiken und etwa 600 Juden; im 1.179-1 zählte die Stadt nicht viel über 7 000 E. D. hat ein Gymnasium, ein Pädagogium, eine Artillerie- und Militairschule, eine Realschule und viele andere treffliche und wohlthätige Anstalten, wie z. B. die 1827 gemachte Wilhelminenstiftung, eine Töchtervrrsorgungsan- stalt- Die Bewohner sind sehr gewerbthätig und fertigen Leinen- und Wollenwaaren, Tape- Darre Darstellung 83 ten, Buntpapier, Kutschen, Gold- und Silberwaaren, Wachslichte, Starke, Taback u. s. w.; auch gibt cs in D. vier Buchhandlungen und elf Buchdruckereicn. In der Nähe liegt das Jagdschloß Kranichstein und eine Viertelstunde von D., bei Bessungcn, beginnt die romantische Bergstraße (s. d.), welche nach Heidelberg führt. Vgl. „D. und seine Umgebungen" (Darmst. 1836). D. wird zuerst in Urkunden des l l.Jahrh. erwähnt und noch zu Anfänge des 14. Jahrh. war es Dorf im Besitze der Grafen von Kahenellnbogen, die jedoch 1380 für dasselbe Stadt- und Festungsrecht vom Kaiser erlangten. Allmälig hob es sich nun, sodaß daselbst 1403 der rheinländische Adel ein großes Turnier halten konnte. Nach dem Erlöschen der männlichen Linie der Grafen von Katzenellnbogen mit Philipp's Tode im I. 1479 kam D. an Hessen. Im Schmalkaldischen Kriege ward cs durch das kaiserliche Heer eingenommen und das alte Schloß in die Luft gesprengt. Nach Philipp des Großmü- thigen Tode im J. 1567 siel die Stadt bei dcr Theilung an dessen jüngsten Sohn Georg, der sie zu seiner Residenz wählte und Stifter der hcsscn-darmstädtischcn Linie wurde. Mehr noch als er thaten für die Erweiterung der Stadt die Landgrafen Ludwig V. und VI.; doch ihren höchsten Glanzpunkt erreichte sie unter dem Großhcrzog Ludwig l. In D. wurde 1820—22 der sogenannte Darmstädter Handelscongreß von den Bevollmächtigten mehrer süddeutschen Staaten gehalten, der damals allerdings zu keinem Ergebnisse führte, der aber die Grundlage des 1828 zwischen Hessen-Darmstadt und Preußen abgeschlossenen Zollvereins bildet. Vgl. Dieffenbach, „Geschichte von D." (Darmst. 1836). Darre nennt man eine Vorrichtung zum Trocknen des Obstes, Flachses und Malzes. Die Obst- und Flachsdarren bilden ein längliches Viereck in der Höhe eines gewöhnlichen Backofens, und sehr vortheilhaft ist es, sie mit den Gemeindebacköfen zu verbinden, in denen sämmtliche Gemeindeglieder mit namhafter Ersparung an Brennmaterial backen. Unter den verschiedenen Arten der Malzdarre sind namentlich die englische und die Rauchdarre anzuführen; erste« eignet sich besonders bei Stein- und Braunkohlenfeuerung, letztere bei Holzfeuerung. Eine neue Malzdarre, die sich durch Zweckmäßigkeit empfiehlt, hat Nietsch erfunden. — Darrhaus nennt man die besonders in den russ.'Ostseeprovinzen vorkom menden Gebäude zum Trocknen des Getreides im Strohe und zum Ausdreschcn desselben. Darrsucht bezeichnet eine Anzahl Krankheiten, die in ihren Ursachen zwar sehr verschieden, in ihren sichtbaren Symptomen jedoch untereinander sehr ähnlich sind. Während bei den Schwindsüchten ein wichtiges Organ des Körpers durch Vereiterung, also durch Übergang in einen flüssigen Zustand verloren geht, erscheinen die Darrsuchten als allgemeine Vertrocknung, deren Ursache darin liegt, daß die erkrankten Organe der Ernährung nicht so viel Ersah an Stoffen und Kräften liefern, als der naturgemäße Verbrauch crfodert. Die Darrsucht kommt in jedem Lebensalter vor;'bei Kindern ist sie beiden Geschlechtern gleich gefährlich, unter den Erwachsenen trifft sie hauptsächlich die Männer. (S. Atrophie.) Darstellung heißt überhaupt die Handlung, durch welche man etwas zu einem Gegenstände der äußern Anschauung macht. Das, was dargcstellt wird, kann entweder ein Wirkliches sein, welches im Bilde der sinnlichen Auffassung dargeboten wird, oder ein innerlich Gedachtes und Vorgebildetes, für welches die Darstellung einen sinnlich-anschaulichen Ausdruck sucht. So versteht man namentlich unter ästhetischer Darstellung diejenige Behandlung eines ästhetischen Stoffs, wodurch er eine ihm entsprechende, durch sich selbst gefallende Form für die Anschauung erhält. Dieser Stoff ist immer eine ästhetische Idee, und in dem Maße, wie der Künstler diese Idee behandelt, erreicht oder verliert er seinen Zweck, nämlich die Darstellung derselben. Sie ist nicht mit der bloßen mechanischen Behandlung, mit der Ausarbeitung zu verwechseln, die nur das Mittel zur Darstellung ist. Ein sinnlich Anschaubares soll eine bestimmte Idee des Geistes ausdrücken und einen dieser Idee gemäßen Gefühlszustand Hervorbringen. In dieser Foderung liegen Anschaulichkeit, Objektivität und Vollständigkeit als die Bedingungen, unter denen dieses allein bewirkt werden kann. Am meisten und im engsten Sinne sind es die bildenden Künste, und unter diesen vornehmlich die Plastik, welche darstellen können, indem sie das künstlerisch Gedachte als wirklichen, raum- erfüllenden Gegenstand den dafür empfänglichen äußern Sinnen hinstellen; sie bringen Gestalten im eigentlichen Sinne hervor. Wo andere Künste, namentlich die Poesie, darstellen, 84 Dar« Darwin ist dies nur dadurch möglich, daß sie in dem Auffassenden durch das Mittel der Darstellung, die Sprache, diejenigen Vorstellungen und Gefühle erregen, die der Gegenstand, wenn er selbst vor das Auge hinträte, erregen würde. Auf dieser Täuschung beruht gleichwol die poetische Wahrheit der Darstellung. Unter den durch die Poesie darstellbaren Gegenständen behaupten die den ersten Rang, welche Handlung in sich begreifen; daher man darstellende Dichtungsarten vorzugsweise diejenigen nennt, welche Handlungen oder Ereignisse zum Gegenstände haben. (S. Poesie.) Der Schauspieler hat die darstellende Poesie, und zwar durch seine ganze Persönlichkeit, zu versinnlichen. Die handelnde Person, die er aus dem Drama des Dichters vorstcllt, soll er nicht blos verstellen, d. h. er soll nicht blos einen Schein haben, als ob er jene Person sei, sondern soll sie darstcllcn, d. h. er soll jenen Schein bis zur Täuschung erheben, als sehe man wirklich jene Person. Daher hat man wegen der vollkommenen persönlichen Vergegenwärtigung oft auch die mimischen Künste vorzugsweise die darstellenden Künste genannt. Daru (Pierre Antoine Bruno, Graf), einer der bedeutendsten Staatsmänner Frankreichs aus der Schule der Revolution und Napoleon's, geb. zu Montpellier 1767, betrat im l 6. Jahre die militairische Laufbahn, nachdem er eine ausgezeichnete Schulbildung erhalten hatte. Beim Ausbruche der Revolution gab er sich, wie alle junge Männer von Geist, den Grundsätzen derselben völlig hin, weil sie ihm zugleich eine glänzende Laufbahn eröffnete. Poesie und Literatur blieben indcß seine Lieblingsbeschäftigungen; für sie wußte er selbst im Lager und bei den fremdartigsten Arbeiten Zeit zu gewinnen. Seinen Ruf als Dichter gründete er durch die ,,'Bradiictinn an vers des poösies d'llorace" (Par. 1806; 6. Aust., 2 Bdc., 1823), die neben manchen prosaischen Stellen einzelne vollendete Partien enthält. Um dieselbe Zeit erschien seine „(lldopedie, on In tlieorie des reznitstions en litterature" (Par. 1800), ein Gedicht voll Geist und feiner Wendungen. Napoleon war ihm ganz besonders gewogen, D. aber auch dafür demselben mit unbegrenztem Eifer ergeben. Die ihm anver- trantcn wichtigen Verwaltungsgeschäftc vollzog er stets im Interesse Frankreichs und seines Kaisers mit der größten Genauigkeit, wodurch er sich freilich von andern Seiten einen ebenso großen Haß als eiüe ans der Verkennung seines Standpunktes hcrvorgegangene unrichtige Bezirtheilung zuzog. Dies gilt insbesondere von seiner Verwaltung als Generalintendant in Ostreich und in Preußen in den I. 1805, 1806 und 1800. Als Mitglied des Staatsraths erwarb er sich den Ruhm, mit dem Kaiser der fleißigste und thätigste Arbeiter desselben zu sein, und es gibt fast keinen Posten in der höhcrn Verwaltung, den D. nicht bekleidet hätte., Zur Zeit der ersten Restauration hatte er das Portefeuille der allgemeinen Kriegsverwaltung. Blücher ließ in seinem HasscD.'s Besitzungen sequcstriren; doch diese unbillige Maßregel ward aufgehoben, sobald sic zur Kenntniß der verbündeten Monarchen gekommen. Im I. 1818 wurde D. zum Pair ernannt und 1828, nachdem er schon seit 1805 Mitglied des Nationalinstituts gewesen, in die Akademie der Wissenschaften ausgenommen. Von Staats- äpttern seit der Restauration entfernt, widmete er seine Muße vorzüglich geschichtlichen Studien und war als Mitglied der Pairskammcr einer der eifrigsten Vertheidiger der liberalen Grundsätze. Er starb auf seinem Landsitze Becheville bei Meulan am 5. Sept. 1820. Sein Hauptwerk, die „Bistoire de I» republiczue de Venise" (7 Bde., Par. 1819—21; -i. Aufl., 8 Bde., 1828), machte Epoche im Gebiete der historischen Literatur und wird stets ihren Werth behaupten. Einen deutschen Auszug daraus lieferte Bolzenthal (3 Bde., Lpz. 1825 — 27). Seine „klistoire de la Bretagne" (3 Bde., Par. 1826) ist zwar minder anziehend als die Geschichte Venedigs, aber wie diese den gründlichen Forscher und den kräftigen Darsteller bewährend. Seine „Notions statisticzues sur In librsiris, pour servir » la discussion des lois snr la presse" (Par. 1827, 3.) haben ein allgemeines staatswirthschaft- liches Interesse. Ein nachgelassenes didaktisches Gedicht „B'sstronomis" (Par. 1830) ist eine seiner besten poetischen Leistungen. Darwin (Erasmus), engl. Arzt, Naturforscher und didaktischer Dichter, geb. am 12. Dcc. 1731 zu Elston bei Newark in der Grafschaft Nottingham, studirte in Cambridge und Edinburg und lebte später in Derby, wo er am lO.Apr. > 802 starb. Er stand eine Zeit lang wegen seines medicinischcn Systems im Rufe, bis man das Unhaltbare, Folgewidrige und Ungründlichc desselben erkannte. Unter seinen Werken sind zu erwähnen „Lovuoin? Daschkow Dati 85 vr tlia lavrs vk organiclife" (Land. 178-1, -t., und öfter; deutsch von Brandis, 5 Bde., Hannov. 1795—99), „kli^tnnomm, or tüc z>I>!Iosoz>I>^ »k agriciilture snck gurtlening" (Land. 1889, -1.; deutsch vonHebenstrcit, 2 Bde., Lpz. 1881), „Tko Kotunic gurtlen etc." (Lond. 1788; Aufl., 2 Bde., Lond. 1799), ein Gedicht voll philosophischer Ideen und glühender Einbildungskraft, und das nicht minder originelle Lehrgedicht ,,1'be tcmz>l« os naturo, or tke origin ok societ)" (Lond. 1803, 3.; deutsch von Kraus, Braunschw. 1888), welche beide lehtern Gedichte auch unter dem Titel „koeticul rvvrks" (3 Bde., Lond. 1886) erschienen. Vgl.Cromc, „Abhandlungen und Bemerkungen über verschiedene naturwissenschaftliche Gegenstände aus D.'s vot-mic garcken" (Hannov. 1810). D.'s Namen verewigte Nudge durch die Aufstellung der Pflanzengattung Darwiiüa, und sein Leben beschrieb Miß Seward 1804. Daschkow (Katharina Romanowna, Fürstin), geborene Gräfin Woronzow, eine edle und berühmte Frau, gcb. 1744, hatte von frühester Jugend an eine wissenschaftliche Bildung erhalten und suchte vornehmlich durch fortgesetztes Studium der Griechen und Römer den Geist des Alterthums zu erfassen. Sic wurde schon im 18. Jahre Witwe, war eine vertrante Freundin der Kaiserin Katharina 1l. und bezeugte sich außerordentlich thätig bei der Thronbesteigung derselben. Als eines der Häupter der Verschwörung gegen Peter 111. führte sic in Uniform und zu Pferde einen Theil der Truppen der Kaiserin entgegen, die sich hierauf selbst an die Spitze derselben stellte. Da aber die Kaiserin ihrem Verlangen, als Oberster im kaiserlichen Gardercgiment zu commandiren, nicht willfahrte, entfernte sie sich aus deren Nähe und widmete sich ganz wissenschaftlichen Arbeiten. Erst nach längerer Abwesenheit kehrte sie nach Petersburg zurück und wurde 1782 zum Director der Akademie der Wissenschaften und 1783 zum Präsidenten der neucrrichteten russ. Akademie erwählt. Im I. 1796 gab sic ihre Ämter auf. Sie starb zu Moskau 1810. Außer mehren Lustspielen und andern kleinen Schriften in russ. Sprache, welche sie herausgab, beförderte sic auch sehr thätig das Erscheinen des Wörterbuchs der russ. Akademie. Ihre sehr interessanten Memoiren wurden nach dem Original von ihrer Freundin, der Mistreß W. Bradford, hcrausgcgc- ben (2 Bde., Lond. 1840). Dassel (die Grafen von), ein berühmtes deutsches Grafcngeschlccht, die, weil ihre Grafschaft in dem rauhen Sollingerwaldc lag, auch Naugrafcn genannt wurden, erbauten schon in frühester Zeit die Stadt und die Burg Dassel, die jetzt zum hannöo. Fürstenthum Hildesheim gehört. Das Geschlecht erlosch mit Graf Simon von D. im J. 1329, der die Stadt Dassel und das Schloß Hundesrück noch bei Lebzeiten an das Hochstift Hildesheim verkaufte. Unter den frühem Grafen sind am berühmtesten Walth er (ums I. 780), den die Chroniken als ersten Grafen erwähnen, dessen Sohn Bernhard 1., der bei seiner Ver- heirathung mitHasela, der Tochter Wittekind's von Sachsen, das Christenthum annahm und 795 starb, und Adolf der Kühne, der zu Anfang des 12. Jahrh. das Stift Nordheim verbrannte, weshalb er in die Acht kam und den größten Theil seiner Besitzungen verlor. Data, d. i. das Gegebene, heißen in der Mathematik die gegebenen Stücke einer Aufgabe, aus denen man die unbekannten Stücke finden soll. Die „Data" des griech. Mathematikers EuklideS (s. d.) sind eine Sammlung von Lehrsätzen, welche zeigen, wie aus gewissen gegebenen Größen oder Verhältnissen andere folgen. Dataria heißt diejenige Abtheilung der 6uris Aratiue oder päpstlichen Verwaltungsbehörde, von welcher die kirchlichen Gnadensachen expedirt werden. An ihrer Spitze steht ein Cardinal, gegenwärtig Pacca, der den Titel Pro da tarius führt; vor ihr Forum gehören namentlich die Besetzung kleinerer kirchlicher Pfründen, die dem Papste reservirt sind, und die Dispensationen in solchen Fällen, welche nicht geheim gehalten werden müssen, z. B. in Ehesachen, bei Gelübden und Eiden. Dati (Carlo), ital. Sprachgelehrter und Schriftsteller, geb. in Florenz 1619, in seiner Jugend von Galilei unterrichtet, beschäftigte sich mit mathematischen und physikalischen, auch astronomischen Untersuchungen, deren Frucht jedoch nur in wenigen Bruchstücken und kleinen Abhandlungen aufbehalten ist. Seinen Nus, der in seiner Zeit so bedeutend war, daß ausgezeichnete Gelehrte seine Bekanntschaft zu suchen pflegten, daß die Königin Christine ihn zu sich nach Nom und Ludwig XIV. nach Paris einlud, erwarb er als Forscher im 86 Datteln Datum Gebiete der toscanischen Sprache und als Verfasser der Lebensbeschreibungen gricch. Künstler. Den Berufungen fremder Mächtigen zog er den Aufenthalt im Vatcrlande vor, wo er 1617 den Lehrstuhl der griech. und lat. Sprache und Altcrthumskunde erhielt, Mitglied der Akademie der Crusca wurde und im Jan. >675 starb. Er unternahm die Sammlung von Sprrch- mustern, „kross üorentine", für die er aber nur den ersten Band der ersten Abtheilung, „OrsÄoni di varj autori" enthaltend (Flok. l66l), lieferte; Andere setzten später das Werk fort, das auf 17 Bände anwuchs. In Gemeinschaft mit dem Marchese Capponi und Franc. Nedi arbeitete er unablässig an der Vermehrung und Berichtigung des Wörterbuchs der Crusca. Durch seine Kenntnisse und Arbeiten auf diesem Felde erwarb er den Beinamen des toscanischen Varro. Seine „Vite de (guattro) pittori anticki" (Zeuxis, Parrhasius, Apelles und Protogenes), Ludwig XIV. 1667 zugeeignct, sind in verschiedenen Ausgaben erschienen, auch in die „Biblioteca enciclop." (Bd. II, Mail.^183l) ausgenommen. Briefe von ihm gab Dom. Moroni heraus (Flor. 1825). — Übrigens ist der Name D ati schon alt bekannt in der ital. Literatur. Ein Goro D. verfaßte im 15. Jahrh. ein astronomisches Gedicht; dessen Bruder, der Dominicaner Leonardo D., lat. Gedichte. — Zu den ersten rohen Versuchen dramatischer Dichtung in ital. Sprache gehört die „Leidensgeschichte und Auferstehung Christi" von Giuliano D-, die im Colosseum zu Rom um II5V aufgeführt wurde. — Agostino D., dessen Leben Alessand. Bandiera beschrieben hat (Nom 1733), ist Verfasser einer Geschichte von Siena in lat. Sprache, die dessen Sohn NiccoloD. 1503 herausgab. Desselben Agostino „bllegantiae" erschienen in der ersten Zeit des ital. Bücherdrucks 1170 und wurden so oft aufgelegt, wie damals wenige Bücher. Datteln, s. Palmen. Datum, d.h. Gegeben, nennt man dieBemerkung derZeit, in welcher Urkunden ausgestellt sind, während durch et um, d. h. Geschehen, der Zeitpunkt, in welchem über den Inhalt derselben verhandelt wurde, angegeben wird. Es haben daher die nämlichen Urkun» den oft ein früheres ^ctum und ein späteres Dutum, andere wieder Beides vereinigt, ^ctum st datum. Mit Angabe der Zeit, des Jahrs und Tags, zuweilen auch der Stunde, ist in der Regel auch Angabe des Orts verbunden, an welchem die Urkunde ausgefertigt wurde. Die Art der Bezeichnung des Jahrs und Tags war in verschiedenen Ländern und Zeiten sehr abweichend; die Alten datirten gewöhnlich nach ihren Königen und obern Magistratspersonen. Die Völker des Abendlandes im Mittelalter setzten die Regierungsjahre ihrer Kaiser und Könige, fingen aber schon sehr frühzeitig an, nebenher oder ganz allein das Jahr nach der Geburt Christi in ihren Urkunden anzugeben, häufig auch die Jndictionen (s. d.), der Römer Zinszahl, beizufügen. Was die Angabe des Tags betrifft, so pflegte man den Monatstag entweder nach der Zahlordnung oder nach dem Namen eines Heiligen oder Festes zu bezeichnen- Die in alten Urkunden am häufigsten vorkommenden Datumsbezeichnungen sind folgende: Xbsolutionis dies oder Loena domini hieß der Gründonnerstag, Vniina- rum dies der 2. Nov., Vpparitio domini der 6. Jan., Benedicta der Dreisaltigkeits- sonntag, Laodelstio, testuin candelarnm oder pacikcatio lUarise der 2. Febr., Varistia der 22. Febr., Oarnisprivium die ersten Tage der Fasten, Larnivnra der Fastnachtsdienstag, (llausum psscba der erste Sonntag nach Ostern, Daewoo mutus der dritte Sonntag der Fasten, Dies bursrum der erste Fastensonntag, Dies ma^nus der Ostersonntag, Dies pingues die drei Tage vor Aschermittwoch, Dominica duplex der Dreifaltigkeitssonntag, bixaltatio ssuctae crncis der 11. Sept-, ksria prima, secunda u. s. w. Sonntag, Montag u. s. w., kestum apostoioruw der I. Mai, kestuw ssiooruw der 25. Dec., kestum Odristi Weihnachten, kestum stellae der 6. Jan., äobannes albus das Fest Johannis des Täufers der 24. Juni, lUensis novsrum der Monat April, blensis purgatorius der Monat Februar, lXstale sanctse Nsrise der I-Jan., Kox «acra die Nacht vor Ostersonntag, ksscds priwuw der 22. März, kascba ultimum der 25. April, kasclia rosarum der Pfingstsonntag, dnsceptio anctae crucis der erste Sonntag im Aug., Vransüguratio der zweite Fastensonntag, Vigilia Lorewii der s. Aug. Bei den beweglichen Festen des Kalenders entstehen oft viele Schwierigkeiten in der Entzifferung der Daten alter Schriften, nicht nur weil in den früher» Zeiten das Osterfest, von welchem alle bewegliche Feste abhängen, in den verschiedenen Gegenden verschieden bestimmt wurde, sondern auch weil der Anfang des Jahrs selbst nicht überall Daub 87 gleich angenommen wurde. Zm frühen Mittelalter fing man in einigen Ländern da- Jahr mit dem I. Marz an, in andern mit dem Jan., wieder in andern mit dem 25. Dec. oder mit Weihnachten, oder auch mit dem Ostersonntage selbst. Daub (Karl), einer der wichtigsten Repräsentanten der neuern speculativen Theologie, gcb. am 20. Mär; 1765 zu Kassel von armen Älter», verlebte seine Jugend unter beschränkten Verhältnissen. Schon frühzeitig indeß entwickelte sich seine Liebe zu den Wissen- schäften, und auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt weckten die Schriften des Plato« in ihm ein tiefes Bedürfnis philosophischen Denkens. Er studirte seit 1786 in Marburg, wo er Tiedemann's Aufmerksamkeit auf sich lenkte, und wurde dann hier Mitaufscher der königlichen Stipendiaten und 1791 akademischer Docent. Persönliche Unannehmlichkeiten scheinen ihn bewogen zu haben, schon 1794 die Stelle eines Lehrers der Philosophie an der hohen Landesschule zu Hanau anzunehmen, welche mit einer ordentlichen Professur der Theologie zu Heidelberg zu vertauschen sich ihm noch in demselben Jahre Gelegenheit bot. Hiermit hatte D. einen ihm angemessenen Wirkungskreis gewonnen, den er an derselben Univer- sität mit unausgesehtem Eifer bis an seinen den 22. Nov. 1836 plötzlich erfolgten Tod aus- füllte. Für das Verhältnis zwischen Philosophie und Theologie sind D.'s Schriften deshalb so wichtig, weil sich in ihnen der Einfluß, den der Wechsel der neuern philosophischen Systeme seit Kant auf die Theologie ausübte, abspiegelt. D.'s früheste Schriften, z. B. das „Lehrbuch der Katechetik" (Heidelb. 1801), stehen noch auf dem Standpunkte des Kant'- schen Kriticismus; bald darauf bemächtigte sich seiner die Schelling'sche JdentitätSphilo- sophie, und unter ihrem Einflüsse entstanden schon der Aufsatz „Über Theologie und ihre Encyklopädie" in den „Heidelberger Studien" (Bd. 2) und die Darstellung der Dogmatik Unter dem Titel „Ikeologumena sivs lloctrinae lle religions ckristisna ex natura Del perspects repeteixlae cspita potivra" (Heidelb. 1806) nebst den erläuternden „Vorlesungen" darüber in den „Heidelberger Studien" (> 808). Das mystische Element, welches sich in ihnen geltend macht, trat sehr stark hervor in der wol vorzugsweise unter den Einfluß der Schelling'sche« Abhandlung über die menschliche Freiheit entstandenen Schrift „Judas Jscharioth oder Betrachtungen über das Böse im Verhältnisse zum Guten" (Heidelb. 1816; 2. Aufl., 1818), in welcher allen Ernstes der Satan, als „sein eigener Schöpfer", als das „wundervollste Scheusal der Natur", den Gott gleichwol aus „Liebe" dulde, für dir Ursache des Bösen erklärt wird. Nachdem Hegel namentlich durch D.'s Einfluß nach Heidelberg berufen worden war, verdrängte die Hegel'sche Dialektik dieses mystische Element, und D. zeigte sich in mehren Recensionen und Abhandlungen in den berliner „Jahrbücher" und den von Ullmann und Umbreit herausgegebenen „Studien und Kritiken" (z.B. „Über den Logos, ein Beitrag zur Logik der göttlichen Namen", 1832) als einen der einflußreichsten Vertreter der damals mit der Theologie noch nicht zerfallenen Hegel'sche» Schule. Sein Hauptwerk in dieser Beziehung war „Die dogmatische Theologie jetziger Zeit oder die Selbstsucht in der Wissenschaft des Glaubens" (Heidclb. 1833). Wegen seines Übergang« von Kant zu Schilling und von Schilling zu Hegel hat man ihn den Talleyrand der Theologie genannt; die Veränderungen seines Standpunkts gründeten sich aber vielmehr auf die subjektive Überzeugung nothwendiger wissenschaftlicher Fortschritte. Seine persönliche Ehrenhaftigkeit und sein strenger wissenschaftlicher Ernst leben in dem Andenken seiner Schüler und Freunde fort. Bis zu seinem Tode, der ihn auf dem Katheder überraschte, erfüllte er die Pflichten seines Berufs. Bald nachher begannen Marhcineke und Dittenberger eine Sammlung seiner „Theologischen und philosophischen Vorlesungen" (Bd. I — 6, Berl. 1836—43) herauszugeben, enthaltend dir „Vorlesungen über die philosophische Anthropologie" (1838), „Vorlesungen über die Prolegomena zur Dogmatik und über die Kritik der Beweise für das Dasein GotteS" (1839), „Vorlesungen über die Prolegomena zur theologischen Moral und über die Principien der Ethik" (1839), „System der theologischen Moral" (1840 — 43) und „System der christlichen Dogmatik" (Berl. 1841). Noch bei Lebzeiten D.'s war erschienen „vr. Karl D.; Darstellung und Beurtheilung der Hypothesen in Betreff der Willensfreiheit", hcrausgegeben von Kröger (Altona 1834). Vgl. außerdem Rosenkranz, „Erinnerungen an Karl D." (Berl. 1837) und di« schöne und lebendige Charakteristik D. - in Strauß's „Charakteristiken und Kritiken" (Lpj. 1839) 88 Daubenton Dann Daubenton (Jean Louis Marie), stanz. Naturforscher und Arzt, geb. am 20. Mai l 716 zu Montbar, wurde 1744 Mitglied der Akademie und im folgenden Jahre Director des Cabinets der Naturgeschichte zu Paris, welches er im Verein mit seinem Jugend- freunde Buffon zu einer der merkwürdigsten Anstalten der Hauptstadt erhob. Während der Schreckenszeit konnte er ruhig seine Studien fortsehen, da man, als ein Zeugnis seines Bürgersinns gefedert wurde, ihn seiner Section als Schafhirten vorstellte, der sich damit beschäftige, die span. Schafe in Frankreich einzuführcn. Obschon von Natur sehr schwächlich, erreichte er dach durch Mäßigkeit ein sehr hohes Alter. Er wohnte am 31. Dec. 1799 zum ersten Male der Sitzung des Senats bei, als ihn ein Schlagfluß traf und er bewußtlos in die Arme seiner Freunde sank. Den größtenNuf erwarb er sich durch seinen Ankheil anBuffon's „Naturgeschichte der vierfüßigen Thiere", welche ihm den mit bewundernswürdiger Genauigkeit, Klarheit und Scharfsinn ausgearbeiteten anatomischen Theil verdankt. In der Folge nahm er jedoch keinen Theil mehr an dem Werke, indem er sich beleidigt fühlte, daß Buffon eine Ausgabe mit Hinweglassung des anatomischen Theils veranstaltet hatte. Die „bleiuoi- res" der Akademie bereicherte er durch eine Menge anatomischer Entdeckungen und durch Untersuchungen über die ThiergattuNgen und ihre Unterschiede, über die Veredelung der Wolle und die Behandlung der Thierkrankheiten. Er war der treueste Beobachter derNatur und wußte sich stets von Buffon's Hypothesen frei zu halten. Auch die Mineralogie, die Pflanzenkunde und die Ökonomie verdanken ihm vieles Licht. In der „Lncxclopeciie" bearbeitete er den naturhistorischen Theil. Außerdem ist er Verfasser einer Menge gemeinnütziger Schriften, z. B. der „Instruction pour les Kerkers" (3. Ausl., Par. 1790; deutsch von Wichmann, Liegn. 1799); der „lllemoirs sur les iulligestions" (Par. 1798; deutsch, 5. Ausl., Wien 1842). Daulatabad oderDowlatabad, die Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks in der Provinz Aurungabad (s. d.), der größtenteils dem Nizam von Hyderabad gehört, ehemals unter mongol. Herrschaft groß und blühend, jetzt aber verödet und herabgekommcn, ist als eine gewaltige Felsenfeste merkwürdig. Das Castell liegt auf einem etwa 569 F. hohen, beinahe senkrechten Granitfelsen, umgeben von einem 36 F. breiten Wassergraben und hat ein langes, 12 F. hohes, durch Felsen gehauenes Gewölbe als einzigen Zugang. In der Nähe vonD. beim Dorfe Ellora (s. d.) finden sich merkwürdigeFclsengrotten undTempel. Die Stadt hieß ursprünglich Jagara und war die Residenz eines mächtigen Hindufürsten/ bis sie 1293 von den Moslemen erobert und ausgeplündert wurde. Später erstürmte sie 1595 Nizam Schah von Ahmednuggur, nach dessen Tode sie Malik Amber in Besitz nahm, dessen Familie sich bis zum J. 1654 behauptete, wo D. vonien Mongolen genommen wurde, die nun den Sitz der Regierung nach Aurungabad verlegten. Im 18. Jahrh. fiel D. mit Au- rungabad in die Hände Nizam cl Mulk's, dessen Nachkommen, die Nizam von Hyderabad sich im Besitz des Gebiets und der Stadt behauptet haben. Däumling, ähnlich von Daum, wie d. h. Fäustling, Zwerg, von nry'zty gebildet, ist ein bekannte^Held im Kindermärchen, der nach vielen drolligen Abenteuern zuletzt mit Hülfe der Siebenmeilenstiefeln die Königstochter sich gewinnt. Vgl. die große Ausgabe der „Kindermärchen" der Gebrüder Grimm. Das Märchen veranschaulicht dem Kindesalter, wie der Geist im kleinen Körper über die rohe ungebildete Körperkraft siegreich sich zu erheben und den höchsten Preis zu erstreben befähigt ist. In manchen Stücken berührt sich das Märchen vom Däumling mit dem vomDüm mling, d.h. dem Einfältigen im guten Sinne, der ohne Erfahrung mitten in das Treiben der Welt gestoßen manche Fährlichkeit bestehen muß, woraus er zuletzt, klüger geworden, aber seines Herzens Einfalt bewahrend, siegreich hervorgeht und belohnt wird. Daun (Lcop. Jos. Maria, Reichsgraf von), oberster Anführer der kaiserlichen Truppen während des Siebenjährigen Kriegs, wurde zu Wien am 25. Sept. 1765 geboren. Schon sein Großvater Wilh. Joh. Ant. von D-, gest. 1766, und sein Vater Wirich Phil. Lor. von D-, gest. 1741, der sich im span. Erbfolgekriege auszeichnete, waren kaiserliche Feldmarschällc gewesen. Auch der junge D., obgleich anfangs dem geistlichen Stande bestimmt, trat bald aus vorherrschender Neigung zur militairisihen Laufbahn über und wurde in das Regiment seines Äaters eingestellt. Nachdem er die gewöhnlichen Dienst' Damwu 89 grade schnell durchlaufen, erwarb er seine ersten Lorbern als Generalmajor i» dem Tür- kenkricge von 1737 — 39 unter dem Grafen Seckendorf. Hierauf 1739 zum Fcldmar- schalllieutenant ernannt, nahm er an den beiden ersten schlcs. Kriegen sowie im östr. Erbfolgekriege an der Belagerung Prags, der Eroberung Baicrns und der Vertreibung der Franzosen bis über den Rhein rühmlichen Antheil. Der Ruf seiner Tapferkeit und Vorsicht, den er sich bereits erworben, und seine Vcrheirathung mit der Gräfin von Fux, einer Günstlingin der Maria Theresia, setzten ihn in dem Vertrauen seiner Kaiserin unerschüttcr- lich fest. Nach dem Frieden mit Preußen im Z. 1745 ward er Generalfeldzcugmeister, kämpfte hierauf 1746—48 in den Niederlanden gegen die Franzosen und erhielt 1754 die Würde eines Feldmarschalls. Beim Beginn des Siebenjährigen Kriegs commandirte er 1757 die zweite große Hauptarmee in Mähren, rückte, nachdem die Schlacht bei Prag für die Ostreicher unter Browne verloren gegangen war, Friedrich 11., welcher Prag belagerte, bis Kollin (s. d.) entgegen Und lieferte hier am >8. Juni die Schlacht, durch welche er nach langem angestrengten Kampfe den König zwang, die Belagerung aufzuhebcn und Böhmen zu räumen. Als Maria Theresia zum Andenken dieser Schlacht den nach ihr genannten Orden stiftete, ward D. der zweite Ritter desselben. Einen andern bedeutenden Sieg trug er in dem Überfalle bei H o chkirch (s. d.) in der Nacht vom 14. Oct. 1758 über Friedrich II. davon, der sich nach diesem Schlage aus der Lausitz zurückzichen mußte. Hier würde er ohne Zweifel das ganze preuß. Heer vernichtet haben, wenn nicht der Prinz von Baden-Durlach mit seinem Corps zu spät angekommcn wäre. Ebenso zwang er den preuß. General Fink am 21. Nov. 1759 bei Maxen sich mit 11990 M. zu ergeben. Dagegen trug er durch sein Zögern die Schuld, daß Laudon bei Liegnitz geschlagen wurde, und auch bei Torgau am 3. Nov. 1769 ward ihm der gehoffte Sieg in Folge seiner Verwundung und durch Zicthen's kühn erneuerten Angriff entrissen. Wegen seiner Wunden begab er sich einige Zeit nach Wien, kehrte aber schon 1761 auf den Kampfplatz zurück, wo er zuerst in Sachsen dem Prinzen Heinrich, dann in Schlesien dem König gegcnübcrstand, ohne jedoch von jetzt an etwas Entscheidendes zu wagen. Man hat D.'s zögernde, jedes Wagniß vermeidende Art,,Krieg zu führen, vielfach getadelt; allein sie hatte weder Unkunde noch Unentschlossenheit zum Grunde, sondern entsprang aus der richtigen Bcurtheilung seines großen Gegners. Einen Feldhcrrn, wie Friedrich ll., der, ohne einem Höher» zur Rechenschaft verpflichtet zu sein, die kühnsten Unternehmungen, bei denen sein Geist nur die Möglichkeit eines glücklichen Erfolgs erkannte, wagen durste, dem die Kühnheit gewissermaßen abgenöthigt wurde durch die Menge seiner Feinde, denen er nur durch Vereinzelung und rasch aufeinander folgende Siege zu widerstehen vermochte, konnte der in seinem Wirkungskreise abhängige D. keinen lähmender» Widerstand leisten, als wenn er sich gleich einem zweiten Fabius Cunctator gegen ihn benahm. Friedrich 11. selbst erkannte sehr wohl, welchen gefährlichen Gegner er an D. habe. Gegründeter ist der Tadel, daßD. nicht die erfochtenen Vortheile in ihrem ganzen Umfange zu benutzen und den Feind nach gewonnener Schlacht durch Verfolgung zu vernichten verstand. Von Charakter war D'. höchst rechtschaffen, in seinen Berufsgeschäften unermüdct thätig, dabei sehr religiös und in seinen letzten Lebensjahren sogar übertrieben ängstlich in Beobachtung der in der katholischen Kirche üblichen Gebräuche. Er starb am 5. Febr. 1776. Daunou (Pierre Claude Franz.), ein durch Kenntnisse und Charakter ausgezeichneter stanz. Gelehrter, Publicist und Staatsmann, geb. am 18. Aug. 17 61zu Boulogne-sur-Mer, trat, nachdem er sich tüchtige Kenntnisse erworben, in die Congrcgativn des Oratoriums. Obschon hiermit dem geistlichen Stande angehörig, warf er sich doch in die Strudel der Revolution und wurde 1792 als Abgeordneter des Depärtements Pas de Calais in den Nationalconvent berufen, wo er muthig uüd beharrlich mit seinem Landsmannc, dem berühmten Thomas Payne, die Cvmpetcnz der Versammlung als Gerichtshof im Proceffe Lud- wig's XVI. bestritt und auf Gefangenschaft des Königs während des Kriegs, dann auf Verbannung antrug. Dies und seine Verteidigung der Girondisten gegen die Partei des Bergs brachten auch ihn ins Gefängniß. Durch den Sturz Robespierre's am 9. Thermidor ward er vom gewissen Tode errettet und trat nun die einflußreichste Wirksamkeit im Convente an, indem er sich lebhaft bei allen Gesetzesentwürfen betheiligte, die eine neue Organisation des der Auflösung nahen Staats bezweckten. So entwarf er namentlich die Constitution vom so DaunuS Dauphine I. UI. Im Rathe der Fünfhundert setzte er seine Thätigkcit fort, wurde dann von der Regierung mit der Organisation der röm. Republik beauftragt und half nach dem 18. Brumaire die Constitution vomI. VIII entwerfen. Später trat er, nachdem crdic Erhebung zum Staats- rath ausgcschlagen, in das Tribunal, aus dem ihn aber der erste Consul entfernte, weil er dessen Plane für die Monarchie unablässig bekämpfte. Demnächst wurde er Bibliothekar des Pantheons, >804 Director des Archivs des Gesetzgebenden Körpers und 1807 des Rcichs- archivs, welche Stelle er bei der Restauration verlor. Erst die Julirevolution gab ihm dieselbe zurück, woraufcr die Professur der Geschichte nicdcrlcgte, die er seit 18 lSam College de France bekleidet hatte. ImI. l 8 l 8 war er Mitglied der Dcputirtcnkammer, in der er zur freisinnigen Opposition gehörte und sich kräftig für den öffentlichen Unterricht verwandte. Erst nach der Julirevolution wurde er wieder in dieselbe gewählt, doch zog er sich 1834 von dieser öffentlichen Wirksamkeit für immer zurück und starb am 20. Juni l 840. Er war Mitglied und beständiger Secrctair der Akademie der Inschriften und schönen Künste, sowie, von ihrer Stiftung an, Mitglied der Akademie der moralischeii und politischen Wissenschaften. Von seinen zahlreichen Schriften, mit denen er gewöhnlich in die Ereignisse seiner Zeit eingriff, erwähnen wir den „lär-ui -me lin-truction publique" (Par. 1793), „Lass, sur Is Constitution, etc." (Par. 1793). worin er die Grundznge des Gesellschaftsstaats entwickelte; „.^Iwstse lies opinions tliverses s»r l'origine tie i'imprimsrie" (Par. 1802) und „Lrsai liistorigns sur puissance temjiorelle ries pupes" (Par. 1810), eine durch Freisinnigkeit und Forschung ausgezeichnete Schrift, die >813 auf höher« Befehl vernichtet, erst 1818, freilich mit Abänderung, und zuletzt 1828 (Par., 4 Bdc.) wieder abgedruckt wurde. Auch verdanken wir ihm eine vollständige Ausgabe von Rulhiere's „llistoire cie I'anarckie 6s ?ol»^ne" (4 Bde., Par. 1807) und die beste Ausgabe der Werke Boileau's, wie der Schriften Che'nier's und Laharpe's. Überdies war er seit der Restauration Hauptrcdacteur des „.Inucnsl «iss s-tvoots", und in der letzten Zeit beschäftigte er sich mit der Herausgabe franz. Geschichtschreiber in der Sammlung von Bouquet, wie er denn auch lebhaften Antheil an dem Vereine für die Literaturgeschichte Frankreichs nahm. Daunus, der Bruder des Japyx und Peucetius, kam mit diesen aus Arkadien nach Apulien. — Ein anderer Daunus, der Sohn des Pilumnus und der Danae (s. d.), war der Vater oder Ahnherr des Turnus. — Daunus hieß auch ein apulischer König, der Vater der Evippe, zu dem Diomedes (s. d.) kam. Dauphin (vslpkinus), der frühere Titel des ältesten Sohns der Könige von Frankreich, war ursprünglich der Herrschertitel der souverainen Herren der gleichbenannten franz. Provinz, der Dauphine (s. d.). Der kinderlose Humbert II. vermachte nämlich l 349 die Dauphins an Karl von Valois, den Enkel Philipp'- VI. von Frankreich unter der Bedingung, daß der jedesmalige stanz. Thronerbe den Titel Dauphin von ViennviS führen und die Dauphine beherrschen sollte. Noch Ludwig XI. gestand dem Dauphin bedeutende, fast souveraine Rechte zu; seitdem aber verlor die Provinz ihr eigenthümliches Staatsrecht, und es sank nun die Würde zum bloßen Titel des präsumtiven Thronfolgers aus der unmittelbaren Dcscendcnz des regierenden Königs herab, bis nach der Julirevolution auch dieser abgeschafft wurde. In der Auvergne muß sonst ein ähnliches Verhältniß stattgefunden haben, wenigstens vom Grafen Wilhelm VIII. an; in den Dichtungen jener Zeit führt sogar schon der Sohn Wilhelm's VII. den Namen Dauphin d'Auvergne. Dauphins d'Auvergne heißt gegenwärtig ein kleiner Canton des Departements Puy-de-Döme, dessen Hauptort Vaudables ist. — Zum Gebrauche für den Unterricht des Dauphin ließ Ludwig XIV. unter der Aufsicht des Gouverneurs desselben, des Herzogs von Montausier, von den beiden Lehrern des Dauphin, Bossuet und Huet, eine Ausgabe der röm. und griech. Classiker „in usum velpkmi" besorgen, die mit Ausnahme des Ovid, der zu Lyon gedruckt wurdx, in 64 Quartbänden zu Paris 1674—1730 erschien, aber freilich dem Standpunkte der heutigen Kritik zum großen Theile nicht mehr genügen kann. Dauphine (velpdioutus), eine der ehemaligen Provinzen Frankreichs, die bei der neuen Landeseintheilung in die Departements der Jsere, Dröme und der Oberalpcn zerfiel, im Osten durch die Alpen, im Süden durch die Provence, im Norden und Westen von der Rhone begrenzt und von drei Nebenflüssen derselben, der Jscre, Dröme und Durance durchströmt, Dauphine 91 ist gegen die Rhone hin flach (Niederdauphine), im Osten aber durch die Cottischen Alpen gebirgig (Oberdauphine'). In der Oberdauphine hat sich manche alte Volks- eigenthümlichkeit erhalten, welche sich noch gegenwärtig, wenn auch mehr und mehr vcr- wischt, in besonder» Sitten, Gebräuchen und in phantastischen Sagen ausspricht. In der Volkssprache ist, was die Hochlande anlangt, das keltische Element vorherrschend, wogegen das Flachland sich mehrzu dem romanischen Idiom hinncigt; doch sind in beiden verschiedene Unterdialekte bemerkbar, eine Erscheinung, welche man aus der Verschiedenheit der Volks- zweige, die das Land zur Zeit des Eindringens der Römer in Gallien inne hatten, sowie aus der nachmaligen verschiedenmäßigcn Beimischung fremder Volkselemcnte zu erklären sucht. Nach Verfall der Nömerhcrrschaft, welche hier und besonders zu Vienne viele Spuren ihres großartigen Daseins zurückgelassen hat, bildete das Land den südlichsten Theil des bis zur Durance sich erstreckenden Reichs der Burgunder. Mit diesem kam es.unter die Botmäßigkeit der Franken und seit der Zerstückelung der karolingischen Monarchie gehörte es zu dem neuen burgundischen Reiche von Arles, mit welchem es durch Vermächtniß 1032 in den Besitz des deutschen Kaisers überging und so bis in die Mitte des 14. Zahrh. in Verbindung mit Deutschland blieb. Schon seit Besitzergreifung der Burgunder war dieser Theil des röm. Galliens nach german. Weise in Gaue getheilt, welche so ziemlich die geographische Grundlage für die nach Verfall der Gauverfaffung hier sich bildenden dynastischen Herrschaften abgaben, aus deren allmaligcm Zusammcnwachscn die Gesammtherrschaft und nachmalige franz. Provinz Dauphine entstand. Bereits in der Mitte des 11. Jahrh. wird ein Graf von Albon, Guigo I. erwähnt, dessen Sohn, Guigo 1l. sich Graf von Grenoble oder Graesi- vaudan nannte, aber erst der Enkel dieses Letztem, Guigo IV., nm die Mitte des 12. Jahrh., führte den seitdem auch auf die Landschaft übertragenen Beinamen Dauphin (s. d.), über dessen dunkeln Ursprung und Verhältnis zu dem erst später zum Vorschein kommendcnWappen- bilde (dem Delphin) viel gefabelt worden ist. Mit Guigv's IV. Sohne, GuigoV., der sich Graf und Dauphin von VicnnoiS nannte, starb gegen Ende des 12. Jahrh. diese erste Dynastie aus. Der Sohn, welchen Guigo's VI. Erbtochter Beatrix mit Hugo von Burgund erzeugt hatte, Guigo VI. Andreas, eröffnete zu Anfang des 13. Jahrh. die zweite Reihe. Guigo VI. veräußerte seine burgundischen Stammgütcr, verband aber dafür mit seinem mütterlichen Erbe das Heirathsgut seiner Gemahlin und andere Districte. Das Bestreben der Dauphins, ihr Gebiet zu schließen und die Landeshoheit zu erringen, welches namentlich in den auch hier im 13. Jahrh. sich äußernden Parteikämpfen der Guelfen und Ghibellinen hervortrat, gelang ihnen zwar, wegen der unbeugsamen Macht der fünf Bischöfe des Landes, nicht vollständig, doch erstellten sie sich fast durchgehend, insbesondere bei den Händeln mit ihrem gefährlichen provenzalischen Nachbar, Karl von Anjou, der Gunst der deutschenKai- ser, bei welchen sie das Seneschallamt des arelatischen Reichs bekleideten. Mit Johann, dem dritten Dauphin aus dem burgundischen Hause, starb diese Dynastie 1281 wieder aus, und seine Schwester Anna, die Gemahlin des Grafen Humbcrt I. von Latour du Pin, vererbte, ungeachtet der von dem nächsten Agnaten, dem Herzog Robert von Burgund, dagegen erhobenen Einsprüche, das Land auf ihren Sohn Johann II., den Stifter der dritten Dynastie, der nun auch die Herrschaft Latour du Pin, wegen welcher er lange mit dem savoyischen Hause in Streit gelegen, sowie mehre Baronien damit vereinigte und das wachsende Ansehen des delphinatischen Herrscherthums dergestalt steigerte, daß sein Sohn GuigoVIIl. von Ludwig dem Baier mit dem Königstitel beehrt ward, den dieser aber nicht eher annehmen wollte, als bis Ludwig selbst vom Papst die Kaiserkrone empfangen habe, worüber er inzwischen 1333 starb. Ihm folgte sein Bruder Humbert II., der 1335 das Unglück hatte, seinen einzigen ehelichen Sohn (seine uneheliche Nachkommenschaft hat sich bis auf die Gegenwart in den Herren von Vienne erhalten) zu verlieren, weshalb er vorläufig 1343 und dann definitiv I34S sein Land gegen eine Jahresrente an Karl von Valois, den ältesten Sohn des Königs Philipp Vl. von Frankreich, abtrat, unter der Bedingung, daß der jedesmalige franz. Thronerbe den Titel Dauphin de Viennois, nebst dem dazu gehörigen Wappen', führen, daß das Land seine Integrität und seine zu dem Ende von dem abtretenden Herrscher noch besonders bekräftigten Freiheiten und Privilegien bewahren und daß dasselbe, was der Kaiser, als Oberlchnsherr, ausdrücklich verlangte, nie dem franz. Reiche völlig einverleibt f - Daurieu Davenant j«' werden solle. Diese Bedingungen des Vertrags kflieben denn auch im Allgemeinen bis zum I. >790 in Kraft, nur daß schon 1355 Faucigny und im Utrecht» Frieden von 1713 auch die übrigen, im Osten der Alpen gelegenen Gebictstheile an Savoyen abgetreten wurden, wogegen aber die Krone Frankreich nicht nur allmälig alle Hoheitsrechtc, welche die deutschen Kaiser noch bis Mitte des 14. Jahrh. in der Dauphine ausgeübt hatten, an sich riß, sondern auch 1446 die nachmals an verschiedene Personen als standcshcrrlichcs Hcrzogthum verliehene Grafschaft ValentinoiS damit vereinigte. Daunen, ein bedeutendes Alpenland, welches vom Baikalsce und von der Lena sowie von der Mongolei begrenzt ist, bildet den südlichsten Thcil, namentlich den Kreis Nertschinsk des rufs. Gouvernements Zrkuzk. Es hat seinen Namen von dem tungusischcn Volksstamme der Dauri, welche ehemals hier wohnten und die Bergwerke auf Silber bearbeiteten. Das Land besteht aus mehren Gebirgsmasscn, namentlich dem mongolischen Grenzgcbirge, Khan Oola genannt, im Süden, und dem bäurischen Gebirge im Innern. Zahlreiche Berge wechseln mit kalten Hochsteppen, Wäldern, Morastland und Thälern. Die erster» sind steil nach Norden abstürzcnde Granitlager, auf den Abhängen mit Fels- trümmcrn bedeckt, und schauerliche Wildnisse. Ungeheure Granitblöcke lagern sich auf den Berg- und Steppenflächen, und die Bergkuppen, schneebedeckt, verlieren sich in den Wol- kcn. Felsen, welche Festungswerken und Ruinen gleichen, krönen die Berge und rauchen vom Nebel gleich Vulkanen. Die Gewässer sind zahlreich und die Gcbirgsquellen geben hauptsächlich den Zuflüssen des Amur ihren Wasserreichthum; außerdem eilen zahlreiche Waldbäche und.Wildgcwässer zur Lena hinab. Das Klima des Landes ist sehr rauh; daher Viehzucht, Holzbenutzung, Jagd, Bergbau und Hüttcnbcrrieb, sowie Fracht und Transtto- handcl nach den nördlichen Provinzen des chines. Reichs und des russ. Asiens die Hauptbeschäftigung der ziemlich wohlhabenden russ. Landleutc bilden. Außer den Russen wohnen hier Buräten als Ackerleute und Hirten, Tunguscn, die mit ihren Pferden, Rindern, Ka- mcclen, Schafen und Ziegen in den Gebirgen umhcrziehen, und Mongole». Der bedeutendste Ort ist die Kreisstadt Nertschinsk (s. d.), außerdem sind noch zu erwähnen Strc- tinsk an der Schilka, Doroninsk an der Jngoda und die Grcnzfeste Zuruchaitu, letztere als Zoll und Handelsplatz an der Straße, welche durch die Mandschurei nach China führt. Dauth (Joh. Maxim.), ein Schwärmer und Chiliast des 18. Jahrh., geb. zu Nieder- rhodcn, kündigte um >710 m Frankfurt am Main, wo er als Schuhmachergesell lebte, den nahen Eintritt des Jüngsten Gerichts an und weissagte allen Staaten und Städten, die ihm nicht glauben würden, den Untergang. Als Ruhestörer verwiesen, fuhr er eine Zeit lang fort, in den Niederlanden und im Wittgensteinischcn sein Wesen zu treiben, und verleitete besonders in der Gegend von Ulm mehre Bauern zum Abfalle von der protestantischen Kirche, deren Glieder er Heuchelchristcn. und scheinheilige Pietisten nannte. Später verschwand er. Von ihm erschien die „Helle Donnerposaune von den bevorstehenden Gerichten Gottes über das röm. Reich" (Franks. 1709). Davenant (Sir William), ein fruchtbarer engl. Dramatiker, dessen Schauspiele jedoch nicht mehr auf dem Theater, sondern nur in der Literaturgeschichte einen Namen haben, war zu Oxford 1605 geboren und kam schon früh in Verbindung mit dem Hofe. Nachdem er mehre dramatische Festspiele (Masken) für den letztem geschrieben, wurde er 1637 nach Ben Jonson's Tode Hofdichtcr. Als eifriger Royalist verdächtig geworden, rettete er sich 1641 durch die Flucht nach Frankreich. Nach einigen Jahren zurückgckehrt, mußte er zum zweiten Mal dahin flüchten und ward dort katholisch. Auf der Fahrt nach Amerika im I. 1650 von einem engl. Kreuzer gefangen, schwebte schon das Todcsurthcil über seinen' Haupte; nur Milton's Vermittelung soll ihn gerettet haben. Nach zweijährig» Haft erhielt er seine Freiheit; man gestattete ihm, in London dramatische Unterhaltungen zu geben, welche Declamation mit Musik verbanden und woraus eine Art Darstellung hervorging, die sich der Oper näherte. Er starb am 17. Apr. 1668. Seine Dramen zeichnen sich vor den übrigen seiner Zeit durch Lebhaftigkeit und Correctheit aus, ohne durch eigenthü nlichcs Feuer einen Anspruch auf Dauer zu machen. Er selbst hoffte größer» Ruhm durch sein unvollendet gebliebenes episches Gedicht „Oumlibert," (in Anderson'S „Lritisb poets" abgedruckt) zu erwerben. Eine Sammlung seiner Werke erschien zu London (1673, Fol.). David (König) David (Christian Georg Nathan) 93 David, König i» Israel, der jüngste Sohn Jsai's, eines angesehenen Mannes zu Bethlehem, vom Stamme Juda, war wahrscheinlich in einer Prophetenschule gebildet und zeichnete sich durch Talente, Muth und Tapferkeit, z. B. im Kampfe mit Goliath, so aus, daß Samuel, der Hohepriester, ihn noch bei Lebzeiten Saul's durch die Salbung zum künftigen König weihte. Saul, der ihn als seinen Gegner betrachtete, verfolgte ihn, woraus ein Bürgerkrieg entstand, der bis zu Saul's Tode dauerte. Hierauf bestieg D. den Thron von Juda; die übrigen Stämme hatten Saul's Sohn, Jsboseth, zu ihrem Könige erwählt, nach dessen Ermordung erst D. zum Besitze des ganzen Reichs gelangte, das er von 1055—15 v. Ehr. regierte. Seine erste Unternehmung war ein Krieg gegen die Jebusitcr, mitten in Palästina. Er eroberte die Burg Zion, machte Jerusalem zur Residenz und die Burg zum Sitze des Ccntralgottesdienstes. Hierauf unterjochte er die Philister, Amalckiter, Edomiter, Moabiter, Ammoniter und nach einem langen Kriege mit Hadadisar von Zoba das damas- cenische Syrien. Sein Reich erstreckte sich vom Euphrat bis an das Mittclmeer und von Phönizien bis an den Arabischen Meerbusen und zählte mehr als 5 Mill. Bewohner. Er beförderte Schiffahrt und Handel, besonders mit Tyrus, und suchte sein Volk durch die Künste, namentlich die Baukunst, zu bilden. Außerdem sorgte er für den Cultus durch Ein- theilung der Priester und Leviten in bestimmte Elasten, sowie durch Anstellung heiliger Sänger und Dichter, für die Justiz durch Einführung von Ober - und Unterrichtern, für das Kriegswesen durch Gründung eines stehenden Heers. Seinen Dichtergeist lehren uns manche von ihm aufbewahrte Gesänge kennen, das Klagelied um Jonathan, das um Abner und manche Psalmen. Jndeß verleiteten ihn seine Ausschweifungen in der Liebe zu manchen Grausamkeiten; die Eifersucht aber unter den Söhnen der verschiedenen Mütter gab endlich znr Empörung in seiner eigenen Familie Veranlassung. Sein Sohn Absalon suchte ihn vom Throne zu stürzen und kam in dem darüber entstandenen Kriege um. Auch die spätere Empörung Adonia s, des ältesten Sohns D.'s, ward glücklich unterdrückt. Auf dem Todbette übergab er die Negierung seinem Sohne Salomo. Vgl. Chandler, „Kritische Lebensgeschichte D.'s" (deutsch von Dicderichs, 2 Bde., Brem. >777 — 80); Nicmeyer, „Charakteristik der Bibel" (Bd. i), und Hasse, „Jdiognomik D.'s" (Jena 1781). David (Christian Georg Nathan), dän. Journalist und Staatswirthschastslehrcr, geb. am I». Jan. 1793 in Kopenhagen, wo sein Vater ein angesehener jüd. Großhändler war, erhielt eine wissenschaftliche Jugcndbildung. Nachdem er zur christlichen Religion über- getreten, bezog er 1809 die Universität zu Kopenhagen, wo er vorzugsweise philosophische und politische Wissenschaften studirte. Von Kopenhagen ging er 1815 ins Ausland und hielt sich längere Zeit in Göttingen auf, wo er zum Doctor der Philosophie promovirt wurde. Nach seiner Rückkehr nach Kopenhagen lehrte er an der dasigcn Universität und gewann sich als fleißiger Schriftsteller durch die praktische Tendenz der meisten seiner staatswiffcnschaft- lichen Arbeiten einen ansehnlichen Kreis von Lesern. Er gab ein staatsökonomisches „Archiv" (2 Bde., 1826—29) heraus und suchte jeden Fortschritt, jede Erfahrung des Auslandes seinem Vaterlande möglichst nutzbar zu machen. Jm J. 1830 zum Professor der Staatswirthschaft ernannt, nahm er in den nächsten Jahren eine Stellung ein, die ihm bei seinen Talenten einen nicht unbedeutenden Einfluß auf die politische Entwickelung seines Volks sicherte. Nach Einführung der Provinzialstände im I. 183-1 begründete er das Journal „Fädrelandet", welches der innern Politik und namentlich der Fortentwickelung der neuen politischen Institutionen geweiht sein sollte. Schon indeß nach wenigen Monaten wurden der Regierung die Tendenz, der Ton und die Farbe des Blattes verdächtig und D. auf den Grund einiger stärkern, aus dem Zusammenhänge gerissenen Stellen angeklagt, die Verfassung des Reichs geschmäht und Unzufriedenheit mit der Regierung des Königs gezeigt, sowie auch die absolute monarchische Negierung überhaupt getadelt zu haben. Zwar wurde er von der Anklage freigesprochen, jedoch in die Kosten verurtheilt, auch von dem Höchstengerichte, an welches die Regierung appellirte, seine Freisprechung bestätigt; allein seine Feinde wußten doch seine Entfernung vom Lehrstuhle an der Universität zu bewirken, noch ehe er aus Paris, wohin er sich im Sommer 1835 begeben, zurückgekehrt war. Nach der Rückkehr ins Vaterland setzte er seine Zeitschrift, die inzwischen sein Freund Hage redi- girt hatte, wieder fort, und es wirkt dieselbe noch immer viel Gutes. Auch sonst war D. viel» 94 David (Jacq. LouiS) faltig in öffentlichen Geschäften thätig, so namentlich lange Zeit als Bankrepräsentant. Im I. I83S unternahm er eine wissenschaftliche Neisc nach England; >8-10 wurde er zum Bürgerrepräsentanten in Kopenhagen und zum Dcputirtcn der ständischen Versammlung in Noeskilde ernannt, 184 l Mitglied des Raths in Kopenhagen und der Commission für das Gefängnißwescn. In den I. 1841 und > 842 unternahm er auf königliche Kosten eine Reise nach England, Belgien, Frankreich, der Schweiz und Deutschland, um dasEefängniß- wesen dieser Staaten zu untersuchen. David (Jacq. Louis), der Stifter der neuern franz. Malerschule, gcb. zu Paris am 30. Aug. >748, hatte namentlich Vien zum Lehrer, welcher die Regeneration der damals in Manier versunkenen Historienmalerei in Frankreich begann. Im I. 1775 gewann er den großen Preis an der pariser Akademie und folgte Vien nach Rom, der zum Director der'franz. Akademie daselbst ernannt worden war. Durch unermüdliche Studien suchte er sich mit der Formenschönheit der antiken Bildwerke vertraut zu machen; doch co- pirte er auch ein Abendmahlstück nach Valentin, und selbst in seinem Belisar, welchen er, nach Paris zurückgekehrt, im I. 1781 zum Behuf der Aufnahme in die Akademie malte, ist noch nicht das entschiedene Bestreben sichtbar, die Formen der Antike in die Malerei überzutragen, welches nachmals der vorstechende Charakter seiner Werke und seiner Schule wurde. Diese Richtung entwickelte sich vielmehr erst, als er 1784 abermals nach Nom kam und das große Bild, den Schwur der Horatier, ausführte, welches ihm Ludwig XVI. aufgetragcn hatte, und das man als den Anfang einer neuen Kunstepoche betrachten kann. JmJ. 1787 malte er Paris und Helena und dann den Tod des Sokrates, welche seinen Ruf ungemein steigerten, zumal da er auch als Portraitmaler Aufsehen zu machen anfing. Vom Feuereifer für die Revolution hingerissen, führte er 17 89 einen Brutus aus, der seine Söhne zum Tode verurtheilt. Auch gab er meist die Ideen zu den zahlreichen Denkmälern und republikanischen Festen jener Zeit an. Unter Andern: schlug er vor, aus den Trümmern der Königsstatuen ein Denkmal auf dem Pontneuf zu errichten, welches das Volk als Riesen darstelle. JmJ. 1792 wurde er Wähler von Paris, darauf Dcputirter beim Natioualconvent, dem er im Jan. 1794 präsidirte, und Mitglied des Sicherhcitsausschusses. Im Processc Lud- wig's XVI. stimmte er für dessen Tod. Während der Schreckensregicrung war er einer der wüthendsten Jakobiner und Robespierre ganz ergeben. Nach Nobespierre's Sturze in großer Gefahr, rettete ihn nur sein Ruf als Maler vom Blutgerüste. Zu den Nevo- lutionsscenen, welche er durch seinen Pinsel zu verewigen suchte, gehören die Ermordung Marat's und Pclletier's, vorzüglich aber der Schwur im Ballhause und Ludwig's Eintritt in die Nationalversammlung am 4. Febr., welches letztere Gemälde er 1790 dem Gesetzgebenden Körper verehrte. Den Culminationspunkt seines Talents zeigen seine Sabinerinnen, die er seit 1799 öffentlich ausstellte, was ihm gegen 100000 Francs eingebracht haben soll. Napoleon ernannte ihn 1804 zu seinem ersten Maler und gab ihm den Auftrag zu vier Gemälden, unter denen die Darstellung der Kaiserkrönung sich auszeichnet. Auch gehören zu seinen berühmtesten Werken aus dieser Zeit mehre Darstellungen des Kaisers, besonders wie er als Consul auf dem Bernhardsberge zu Pferde den Truppen die Bahn zum Ruhme zeigt. Sein letztes Gemälde in Paris war Leonidas im I. 1814. Mit diesem Bilde entfernte er sich schon einigermaßen von seiner früher:: Manier, indem er die Zeichnung mit mehr Freiheit, aber geringerer Eleganz, und die Färbung mit mehr Wärme, aber weniger Transparenz behandelte. Als ihn 1814 der Herzog Wellington, begleitet von vielen engl. Offizieren, in seinem Atelier besuchte und den Wunsch äußerte, von ihn: gemalt zu werden, antwortete er ihm kalt: „Ich male niemals Engländer", und kehrte dem Herzog den Rücken, der schnell sich entfernte. Nach Napoleon's Rückkehr von Elba, wurde er zum Commandeur der Ehrenlegion ernannt, nach der zweiten Restauration aber zufolge des Decrets von 1816 als Ne- gicide aus Frankreich verbannt, worauf er sich in Brüssel niederließ. Unter den Gemälden, die er hier ausführte, fanden der Amor, welcher Psyche's Armen entschlüpft, und MarS, welchen Venus, Amor und die Grazien entwaffnen, ungeteilten Beifall. Er starb zu Brüssel in der Verbannung am 29. Dec. 1825. Die Urtheile der Franzosen über D. sind sehr verschieden von denen der Ausländer; jene finden ihn correct, edel, erhaben, diese kalt und theatralisch; einstimmig aber wird ihm das Verdienst zuerkannt, eine sorgfältige Zeichnung David (Pierre Jean) Davids 95 und edlere Auffassung in die franz. Malerei gebracht zu haben. Die Nachahmung der Antike, welche er auf die Bahn brachte, wurde von mehren seiner Schüler ins Affectirte getrieben, und dies bewirkte, daß seiner Schule, aus welcher die ausgezeichnetsten Meister hervorgegangen sind, sich endlich die der Romantiker entgegenstellte, die jedoch nur durch entgegengesetzte Fehler zu imponiren suchte. Die vorzüglichsten seiner Gemälde, wie der Schwur der Horatier, die Sabinerinnen, wurden von der franz. Negierung angekauft. David (Pierre Jean), einer der ausgezeichnetsten und gefeiertsten Bildhauer der Ge- genwart, geb. 1789, nach Andern 1792, zu Angers in Frankreich, erhielt den ersten Unterricht im Zeichnen in seiner Vaterstadt. Später begab er sich zur weitern Ausbildung nach Paris, wo er anfangs, aus Mangel an den nöthigsten Mitteln zum Unterhalt, sehr kümmerlich lebte, bis er das Glück hatte, die Aufmerksamkeit des berühmten Malers David (s. d.) auf sich zu ziehen und von demselben unentgeltlich in sein Lehratelier ausgenommen zu werden, worauf dann auch seine Vaterstadt ihm einen Jahrgehalt von SO» Francs bis zum Ende seiner Künstlerlehrjahre aussetzte. Im I. 1811 erwarb er mit dem Basrelief, welches den Tod des Epaminondas darstellt, den ersten Preis der Bildhauerei in der Kunstschule und hiermit eine Pension, die ihn in den Stand setzte, seine künstlerische Bildung in Italien zu vollenden. Den Aufenthalt in Rom benutzte er vorzüglich dazu, die Meisterwerke der alten Kunst zu studiren und Canova's Atelier zu besuchen. Erst 1816 kehrte er nach Paris zurück; bald nachher ging er nach London, um die von Lord Elgin aus Griechenland mitgebrachten Bildwerke vom Parthenon zu sehen. In London wurde ihm der Antrag gemacht, eine Denksäule zum Andenken an die Schlacht von Waterloo auszuführen, den er jedoch mit Verachtung von sich wies. Nach seiner Rückkehr nach Paris gingen zahlreiche Werke der trefflichsten Art, Büsten, Reliefs und Statuen, in rascher Folge aus seiner Hand hervor, wobei seine technische Gewandtheit von der Lebhaftigkeit seiner Phantasie und Auffassungsgabe aufs glücklichste unterstützt wurde. Schnell gewann er einen begründeten Ruf und in Folge davon auch eine unabhängige Lage. Im I. 1822 vollendete er die kolossale Statue des Königs Nene (gegenwärtig zu Aix), sowie eine heilige Cacilia, zwei Jahre nachher das Monument Bonchamp's für die Kirche St.-Florent; im folgenden Jahre die Statue Fene- lon's für die Kathedralkirche zu Cambray. Jm J. 1826 wurde er Mitglied der Akademie der schönen Künste und Professor an der Kunstschule in Paris. Nachdem er 1827 die kolossale Statue des Prinzen Conde vollendet, ging er 1829, um Goethe's Büste zu modelliren, nach Weimar. Kolossal in Marmor ausgeführt, wurde diese Büste 1831 in der Bibliothek zu Weimar ausgestellt. So gerühmt indeß diese Arbeit ist, so ist sie doch von einem sehr übertriebenen Streben, geistreich sein zu wollen, keineswegs frei zu sprechen. Nachdem er in dieser Zeit und den nächstfolgenden Jahren in Paris eine Menge ausgezeichneter Arbeiten, namentlich Statuen vollendet, unternahm er 1834 eine neue Reise durch Deutschland, wo er in Stuttgart Dannecker, in München Schelling, in Dresden L. Tieck und in Berlin Rauch sämmtlich in kolossaler Größe modellirte und viele andere Portraitsbildnisse fertigte. Im folgenden Jahre beschäftigte ihn die Ausschmückung des Giebelfeldes am Pantheon, wo- mit er bald nach der Julirevolution beauftragt ward, und die er 1837 beendigte. Nächst, dem arbeitete er die berühmte Reihe sämmtlicher tragischer und komischer Dichter, jeder von dreien seiner personificirten Werke begleitet, zur Verzierung des Schauspielsaals im Odeon. Die von ihm gefertigten Büsten und Reliefportraits bilden eine höchst interessante Galerie von mehr als 300 Bildnissen der berühmtesten Zeitgenossen. D. ist als Mensch ebenso liebenswürdig und achtungswerth, wie als Künstler ausgezeichnet. Seine Behandlung des Thons und Marmors beim Modelliren und Ausführen unterscheidet sich bedeutend von der in Deutschland allgemein herrschenden Weise. Er liebt nicht das Glatte, ebenso wenig das streng Stilistische der Antike; er hat eine überaus kräftige, wirksame und daher besonders für kolossale Bildwerke geeignete Manier, und mit Wärme der Begeisterung, mit kühnem Schwünge der Hand führt er seine Gedanken aus. In der Portraitbildnerei, der er sich von Jugend auf mit Vorliebe gewidmet, ist er Meister. Davids (Asher Lumley), ein jüd. Gelehrter, in der engl. Grafschaft Hamp am 28. Aug. 1811 geboren, war der einzige Sohn einer unbemitteltenFamilie. Nach des Vaters Tode zog die Mutter, Sarah, nach London; dort'widmete sich D. mit ausgezeichnetem Erfolge den L 96 Davidson Davis oriental. Sprachstudien, wiewol er als Broterwerb den Advocatcnstand gewählt hatte. Noch nicht 20 Jahre alt, trat er in öffentlichen Blättern mit tüchtigen Aufsätzen zu Gunsten der Emancipation der Juden auf und erregte Aufmerksamkeit durch eine Abhandlung über hebr. Literatur und Philosophie, die er in einem wissenschaftlichen Vereine vortrug. Im I. 1832 gab er seine große engl.-türk. Grammatik heraus, seit 1709 das erste Werk dieser Art, das zugleich an Gediegenheit und Gelehrsamkeit fast alle seine Vorgänger übertras. Aber sein schwacher Körper erlag den Anstrengungen, die der Druck nöthig machte; ein Choleraanfall endigte sein Leben am 20. Juli 1832. Eine stanz. Übersetzung der erwähnten Grammatik, von der Mutter veranstaltet, erschien >830 in London. Davidson (Lucretia Maria), eine nordamerik. Dichterin, deren Name erst nach ihrem frühen Tode bekannt wurde, war im Sept. 1808 am See Champlain im Dorfe Plattsburh von unbemittelten gebildeten Altern geboren und entwickelte schon früh ein fast übergeistig zu nennendes Streben. Die Kinderspiele fliehend, dichtete sie in einer selbst erfundenen Hieroglyphenschrift bereits im vierten Jahre, verging aber in Thränen, als ihr Gchcimniß entdeckt war, und verbrannte selbst ihre Skizzenbücher. Einige in ihrem elften Jahre auf Washingtons Gedächtnißseicr gedichtete Verse, voll tiefster Empfindung und Begeisterung, erregten bei den Ihrigen zuerst die Aufmerksamkeit auf ihr Talent, zugleich aber den Argwohn, daß sie nur von dem Gedächtniß des Kindes herrührten. Dieser Argwohn spornte Lucretia zu neuen Dichtungen an, durch welche sie ihn siegreich widerlegte; aber das unaufhörlich regsame, geistige Feuer ihres Wesens verzehrte schnell ihr durchaus innerliches, in Sehnsucht und Poesie ganz aufgelöstes Gemüth. Auch durch seltene äußere Schönheit ausgezeichnet, starb sie am 27. Aug. 1825. Ihre Gedichte gab S. F. B. Morse unter dem Titel „Lmir Klein nn(1 otber pnems, Ille remains of Imcretia Alaria I)., ivitb » biogra- pliic-,1 sketcli" (Neuyork 1829), in gleicher Weise Miß Sedgwick (Lond. 1813) heraus, ' und es erheben sich dieselben in der Mehrzahl trotz der Ungenügcndheit der Form weit über das Gewöhnliche. — Ihre Schwester, Margaret MillerD., geb.am 26.März 1823, ward ebenso früh wie Maria zur Dichterin; doch auch sie verzehrte sich, eine hektische Schönheit, früh durch die Übergewakt geistiger Anstrengungen über den schwachen Körper. Sie starb am 25. Nov. 1838. Ihre Biographie nach den Notizen der Mutter hat Washington Irving herausgegeben (deutsch, Lpz. 1813). Davila (Enrico Caterino), ital. Staatsmann und Geschichtschreiber, der Sohn eines Cypriers von angesehener Familie, der, nach der Eroberung der Insel Cypern durch die Türken, 1571 nach Venedig flüchtete, wurde am 30. Oct. 1576 zu Pieve di Sacco in Italien geboren und erhielt seine Vornamen in Folge der hohen Achtung, welche sein Vater dem Könige Heinrich III. von Frankreich und der Katharina von Medici zollte. D. ward sehr jung nach Frankreich gebracht und bei einem Verwandten in der Normandie erzogen, kam dann als Page an den franz. Hof und trat 1591 in franz. Kriegsdienste. Auf Verlangen seines Vaters kehrte er jedoch 1599 nach Italien zurück und nahm venet. Dienste. Schnell stieg er von einer Stufe zur andern und wurde endlich Gouverneur in Dalmatien, Friaul und auf der Insel Kandia, während er in Venedig selbst für den ersten Mann nach dem Doge galt. Auf einer seiner Berufsreisen ward er 1631 im Verlauf eines unbedeutenden Streits mcuchelmörderisch zu San-Michele bei Verona erschossen. Seine „8torw «lello j;uerre civil, cki Kraucis" (1559 — 98) ist eine der besten Quellen für die Geschichte jenes Zeitraums, doch darf man nicht übersehen, daß der Verfasser sich zur katholischen Kirche bekannte und der Katharina von Medici viel zu verdanken hatte. Sein Werk (Ven. 1630, 1., und öfter, beste Ausg-, 2 Bde., Ven. 1733, Fol.) wurde nicht allein ins Lateinische von Cornazzano (3 Bde., Nom 1735 —15, Fol.), sondern auch in mehre lebende Sprachen (deutsch mit Zusätzen und Erläuterungen von Reith,. 5 Bde., Lpz. 1792—95) überseht. Davis (John), ein berühmter engl. Seefahrer, geb. zu Sandbridge unweit Dart- mouth, wurde 1585 mit zwei Fahrzeugen abgeschickt, die nordwestliche Durchfahrt zu entdecken. Da er an der Spitze Grönlands vor Eise nicht landen konnte, wendete er sich nordwestlich und fand unter 61" 15^ nördl. B. im Nordosten ein mit grünenden Inseln umgebenes Land, dessen-Einwohner ihm zu erkennen gaben, daß im Norden und Westen ein großes Meer sei. Unter 66" E nördl. B. erreichte er sodann ein Land, das ganz von Eis frei war, und Davoust 97 an dessen Küste er bis zur südlichsten Spihe, die er das Vorgebirge des Erbarmens nannte, hinfuhr. Hierauf kam er in eine 20 Stunden breite Meerenge, wo er eine Durchfahrt ver- muthete; doch widrige Winde nöthigten ihn zur Rückkehr nach England. Ihm zu Ehren erhielt später jene Meerenge, zwischen der südwestlichen Küste von Grönland und der südöstlichen Küste des Basfinlandes, den NamcnDavisstraße. Nachher machte er noch zwei Reisen in gleicher Absicht, wurde aber beide Mal durch das Eis an der Erreichung seines Ziels, durch dessen Verfolgung sich Baffin so berühmt machte, verhindert. Auf einer Reise nach Ostindien ward er am 27. Dec. 1605 in der Nähe der Küste von Malakka in einem Gefechte mit japanischen Seeräubern erschlagen. Davoust (Louis Nicolas), Herzog von Auerstädt und Fürst v on Eckmüh l, stanz. Marschall und Pair, geb. 1770 zu Annou im ehemaligen Burgund, aus einer angesehenen Familie, war zu gleicher Zeit mit Bonaparte auf der Militairschule zu Brienne und wurde 1785 Unterlieutenant im Cavalerieregiment tlliampaxne und 1790 Chef des dritten Freiwilligenbataillons der Nonne. Zn den Schlachten von Zemappe und Neerwinden zeichnete er sich unter Dumouriez durch kühne Tapferkeit aus. Als Dumouriez nach der letzten Schlacht mit dem Prinzen von Koburg unterhandelte, entwarf D. den Plan, sich des Erstem, in der Mitte seiner Armee, zu bemächtigen, und es fehlte wenig, daß er es ausführte. Zm Juni 1793 ward er zum General ernannt, durch das Decret aber, welches alle ehemalige Adelige außer Thätigkeit setzte, genöthigt, seine Entlassung zu nehmen.. Der 9. Thermidor rief ihn wieder zu den Fahnen; tapfer focht er in der Moselarmee bei der Belagerung von Luxemburg, dann unter Pichegru bei der Rheinarmee. Nachdem er in Man- heim gefangen, bald aber wieder ausgewechselt worden war, zeichnete er sich bei dem Uber- gange über den Rhein 1797 durch kluge Anführung sowol als durch persönliche Tapferkeit aus. In den ital. Feldzügen unter Bonaparte fesselte ihn sein Eifer an diesen mit unauflöslichen Banden. Er begleitete ihn nach Ägypten und zeichnete sich auch hier durch Muth und Kühnheit aus. Er war es, der nach dem Treffen von Abukir das Dorf angriff und eroberte. Nach der Convention von El-Arisch schiffte er sich mit Desaix in Alexandrien ein, um nach Frankreich zurückzukehren. Sie erblickten schon die Hierischen Inseln, als sie von einer engl. Fregatte aufgebracht und nach Livorno zum Admiral Keith geführt wurden. Dieser behandelte sie als Kriegsgefangene, und erst nach einem Monate erhielten sie die Erlaubniß zur Abreise nach Toulon. Bonaparte ernannte D. hierauf zum Divisionsgeneral und Oberbefehlshaber der Cavale.rie der ital. Armee und nach der Schlacht von Marengo zum Chef der Grenadiere der Consulargarden, die in dieser Schlacht den Namen der Granitsäulen sich er- worben hakten. Nach der Thronbesteigung Napoleon's zum Reichsmarschall und Großkreuz der Ehrenlegion, auch zum Generaloberst der kaiserlichen Grenadiergarde ernannt, rechtfertigte D. seine Erhebung, die er nicht sowol seinem Range in der Armee als der Gunst des Kaisers und seiner unwandelbaren Änhänglichkeit an dessen Person verdankte, im Feldzuge von 1805, namentlich in der Schlacht von Austerlitz, wo er den rechten Flügel des Heers befehligte. Nach dem presburger Frieden blieb er mit seinem Corps in Deutschland stehen. Der im Oct. 1806 ausgebrochene Krieg mit Preußen versetzte dasselbe nach Sachsen auf das Schlachtfeld bei Auerstädt, wo er mit dem rechten Flügel des Heers bedeutend zur Entscheidung des Tags beitrug. Da er die vom Schlachtfelde bei Jena ganz getrennte Schlacht von Auerstädt durch seine geschickten Maßregeln allein gewann, so erhob ihn Napoleon nach dem tilsiter Frieden zum Herzog von Auerstädt. Er blieb hierauf in Warschau, ging dann nach Breslau und ward, da die>Große Armee aufgelöst wurde, zum Oberbefehlshaber der Rheinarmee ernannt. Bei dem Wiederausbruche des Kriegs mit Ostreich im 1.1809 waren seine Märsche durch die Oberpfalz an die Donau und die Tage von Regensburg eine sehr gefährliche Aufgabe. Wesentlichen Ankheil hatte er an dem Siege bei Eckmühl. An der Schlacht von Aspern konnte nur eine seiner vier Divisionen Antheil nehmen, deren General, Saint-Hilaire, mit dem größten Theile seiner Truppen an dem linken Donauufer umkam. In der Schlacht von Wagram befehligte D. den rechten Flügel, dessen Bewegun- gen hauptsächlich den Rückzug der Östreicher bewirkten. Nach dem Frieden erhob ihn Napoleon zum Fürsten von Eckmühl und 1811 zum Generalgouverneur des hanseatischen Cenv.-Lex. .Neunte Aufl. IV. 7 68 Davy Departements. Nachdem sein Armeecorps auf dem Rückzüge von Moskau 1812 bedeutend gelitten hatte, zog er sich nach Sachsen, sprengte hier im März 1813 die Elbbrücken zu Meißen und Dresden und rückte dann mit 50000 M. Franzosen und Dänen nach Mecklen- bürg. Obschon hier nur geringe Strcitkräfte unter dem General Walmoden ihm entgegcnstan- den, so ging er doch nur bis Schwerin vor und zog sich dann hinter die Stcckenitz zurück. Als Gcncralgouverncur in den Hansestädten bewies er sich in Hamburg, nachdem er am 31. Mai I8i 3 in die bis dahin von dem General Tettenborn besetzte Stadt eingerückt war, höchst grausam. Zur Züchtigung der Einwohner für ihre Bereitwilligkeit, gegen Frankreich die Waffen zu tragen, wurde denselben sogleich eine Geldbuße von 48 Mill. Francs auferlegt und zum großen Theil eingetriebcn. Auch ließ er seit dem 5. Nov. die Bank mit einem Kassenbestande von 7,489343 Mk. Banco in Beschlag nehmen, gegen Ende des Jahres mehr als 30000 Menschen aus der Stadt treiben und die Wohnungen von mehr als 8000 niedcrbrenncn. Auf Befehl Ludwig's XVIII. verließ er Hamburg erst am 31. Mai 1814, nachdem er durch Krankheiten und Mangel viele Mannschaft verloren. Er blieb hierauf unangestellt, nach Na- poleon's Rückkehr von Elba aber wurde er Kriegsminister. Als die Verbündeten nach dem Siege bei Waterloo gegen Paris vorrückten', schloß D., als Commandant en Chef, am 3. Juli eine Militairconvcntion mit Blücher und Wellington ab, nach welcher er die franz. Armee hinter die Loire führte. Er unterwarf sich dem Könige Ludwig XVIII., foderte auch die Arnüe dazu auf und überließ auf des Königs Befehl das Commando dieser Armee, die noch aus 45000 M. bestand, dem Marschall Macdonald. Dieser Dienst, den er den Bourbons geleistet hatte, wurde später anerkannt, indem er wieder angestellt und 1819 zum Pair von Frankreich erhoben wurde. Seine in 180000 Francs jährlicher Renten bestehende Dotation wurde durch die pariser Friedensschlüsse auf 100000 Francs Renten vermindert. D. starb am 1. Juni 1823. Festigkeit des Charakters und persönliche Herzhaftigkeit waren D.'S Haupteigenschaften; seine militairische Strenge ging oft in Härte, wo nicht in Grausamkeit über. Davy (Sir Humphry), einer der berühmtesten Chemiker der neuern Zeit, geb. am 17. Dec. 1778 zu Penzance in der Grafschaft Cornwall, war der Sohn eines Landmanns. Als Lehrling bei einem Landwundarzt, der zugleich Apotheker war, sing er frühzeitig selbständige Naturbeobachtungen an, die ihn aber von seinen eigentlichen Arbeiten so sehr abzogen, daß er nach einiger Zeit aus der Lehre kam. In seinem 15. Jahre kam er zu einem andern Wundarzt in die Lehre. Von jetzt an studirte er nun eifrig die Naturwissenschaften, und sehr bald wendete er sich ganz der Chemie zu. Sein erster chemischer Versuch war die Untersuchung der Luft in den Blasen des Seetangs. Seine Bekanntschaft mit Gilbert, der später Präsident der Gesellschaft der Wissenschaften ward, führte zu einer Verbindung mit dem Naturforscher Beddoes, der den 19jährigen D. als Gehülfen in sein Laboratorium zu Bristol ausnahm. Aus der Dunkelheit hervorgezogcn und mit allen Hülfsmitteln zu selbständigen Untersuchungen versehen, machte er schnelle Fortschritte in seiner Wissenschaft. Auf Empfehlung des Grafen Numford ward er zum Lehrer der Chemie an der neuerrich- tcten Anstalt, Institution ok 6real vritain, ernannt und gewann bald durch seinen glänzenden Vortrag außerordentlichen Beifall. Jm J. 1802 veranlaßte ihn der Ackerbauverein, Loar«! nf sFricnIture, den Mitgliedern Vorlesungen über die Chemie zu halten, die er zehn Jahre lang fortsctzte. Schon 1803 zum Mitgliedc der Gesellschaft der Wissenschaften zu London ernannt, ward er später Secretair und 1820 Präsident derselben und war 25 Jahre lang eines der fleißigsten Mitglieder, wie seine Beiträge zu den „?I>iI»80jiIücsI Iransactinns" beweisen. Seine hauptsächlichsten Entdeckungen betreffen die Erklärung des Vorgangs in der galvanischen Säule und die richtige Würdigung der chemischen Wirkungen des Galvanismus, die in Folge dieser Untersuchungen geschehene Entdeckung der Metalle der Alkalien und Erden; ferner die Methode, Metalle gegen Einwirkung des Seewassers durch Berührung mit andern zu schützen, die nach ihm benannte Sicherh eitslamp e für Kohlenbergwerke u. s. w. Zu wissenschaftlichen Zwecken bereiste er mehre Länder Europas. In Italien beschäftigte er sich mit chemischen Untersuchungen der von den Alten gebrauchten Malerfarben; in Neapel untersuchte er 1818 —19 die herculanischen Handschriften und gab ein Mittel an, sie aufzurollen, konnte aber unter 1265 Rollen nur 100 finden, bei welchen sein Verfahren anwendbar schien. Im 1.1827 legte er seine Stelle als Präsident der Dawydolv Deak 99 Gesellschaft der Wissenschaften nieder und begab sich auf das Festland, um seine geschwächte Gesundheit herzustellen. Nachdem er während des Sommers >828 sich in Laibach aufgehalten hatte, ging er nach Rom. Auf der Rückreise von Rom starb er zu Genf am 29. Mai >829. Seine wichtigsten naturwissenschaftlichen Schriften sind seine „(Lemical :,ml z,I>i- losoplücsl researclies, cbietl)' concerning nitrons oxiei :>» 899) und die beiden ausgezeichneten Lehrbücher „bllements okeliemical pliilssopb; " (Lond. >812; deutsch von Wolf, Berl. >829) und „Llsnienta okaAriouItiirsl cl>omistr>", (Lond. >813). Die vielseitige Bildung seines Geistes, der sich schon in seinen Jugendjahrcn auch der Dichtkunst zugewendet hatte, zeigte sich sowol in der anziehenden Form seiner wissenschaftlichen Leistungen, als in zwei Erzeugnissen seines spätem Lebens, den anonym erschienenen geistreichen Dialogen „8slmonia, or ok tl^-Iisliiiig" (2. Ausg-, Lond. 1 829 ; deutsch von Neubert, Lpz. >849), worin er seinen Lieblingszeitvertreib, das Angeln, nach Isaak Walton s Vorbilde beschreibt, und die nach seinem Tode erschienenen anziehenden „0?i,8»Iatious in trsvel, or tbo last els)8 vk u pbilosopliar" (3. Aust., Lond. > 83>; deutsch von Martins, Nürnb. >833). Vgl. Paris, „Um >>ts ob 8!r blumpbrx II." (2 Bdc., Lond. >831) und die von seinem Bruder JohnD. herausgegebenen „lVlemoirs ok tim lila ok 8ir IImnp!» ) v." (2 Bde., Lond. >836; deutsch von Neubert, 4 Bdchn., Lp;. >849). Dawydow (Denis Wasiljewitsch), Generalmajor, einer der besten Kriegsschriftsteller und militairischen Dichter Rußlands, gcb. >784 zu Moskau, trat bereits >891 in das Gardecavalerieregiment. Sein Vater commandirte ein leichtes Cavalericregiment. Im I. >898 machte er den sinnländ. Feldzug mit, >899 diente er an der Donau unter Bagration und >8 >9 wieder in Finnland. Im Feldzuge von >8>2 errichtete er zuerst ein Corps von Parteigängern und führte mit 739 Kosacken manchen kühnen Handstreich aus, die er später in Swinin's „Vaterländischen Denkwürdigkeiten" beschrieb. Bei den spätem Ereignissen in Deutschland, namentlich bei Dresden, und in Frankreich zeichnete er sich höchst vortheilhast aus. Ununterbrochen blieb er dabei, durch Karamsin's „Äoniden" angeregt, mit Vorliebe der Poesie zugethan, und seine Episteln, Elegien und Lieder sowie besonders seine kleinern Gedichte verrathen, bei einem geläuterten Geschmack und tiefem Gefühle, ein schönes poetisches Talent. Im Z. >8 >4 wurde er Oberst, im folgenden Generalmajor. Deäk (Franz), der bisherige Führer der Opposition auf dem Ungar. Reichstage, geb. ums I. > 893 auf dem Stammgute seiner Familie, Kehida, studirte die Rechte und wurde dann bei der Munici-palbehörde verwendet. Da die Neigung zur vaterländischen Politik ein allgemeines Moment in dem Lebenslaufe eines adeligen Ungar bildet, so kommt es nur auf die Fähigkeit an, welche er dazu mitbringt, und man muß gestehen, daß sich D. in dieser Hinsicht auf das vorkheilhafteste auszeichnet. Auf dem Reichstage des I. >832 —36 schwang er sich zum Führer der Opposition empor, wobei er nicht selten sänftigend und mäßigend cinwirkte und manche Rede zu Gunsten des gedrückten Standes der Landleute hielt, der in Ungarn noch gar keine Stellung gefunden hat. Auch auf dem Reichstage >839—49 behauptete sich D. in seiner ehrenvollen Sphäre, als leitender Geist der Opposition, und seine Vorzüge wurden von der aristokratischen sowie von der Regierungspartei bereitwillig anerkannt. Seine Vorträge interessircn nicht sowol durch jene blitzende, impromptüartige, mitunter wahrhaft hin- reißende Manier, wodurch Nagy Pal aus den früher» Reichstagen so außerordentliche Wirkungen hervorbrachte, sondern durch einen stillern, jedoch ticfern Gedankenfluß und durch ein wohlthuendcs Element innerer Gefühlswärme. Auch D. scheint aber den Jrrthum seiner Landsleute, als könne nur die allmälige Magyarisirung des Landes zum Heile führen, wesentlich zu theilen. Auf dem vorigen Reichstage ward er zum Berichterstatter über die Fortschritte der magyarischen Sprache ernannt, und der seiner Relation zum Grunde liegende Gedanke war, daß die magyarische Sprache allerdings noch ein weites Feld der Entwickelung vor sich habe, daß indessen Rückschritte in dieser Beziehung schwerlich zu befürchten, hingegen moralisch nothwendige Entwickelungen zu gewärtigen seien. Er ward ferner zum Beisitzer jener Reichsdeputation ernannt, welche sich mit der Abfassung des Strafgesetzbuchs beschäftigte, und hielt sich zu diesem Behufe längere Zeit hindurch in Pcsth auf. Bei der Wahl für den Reichstag von >843 war er bereit, das zalader Comitat zu vertreten; w- - > 4 . 100 Debatten Debreczin nur hatte er sich mit dem von Kossuth vorzugsweise angeregten Princip der Besteuerung deS Adels so zu sagen idcntisicirt und ward daher der Gegenstand des Hasses von Seiten der sogenannten conservrtiven Partei. Die Gewaltthätigkeiten, die hierauf stattfanden, veran- laßten alle Ehrenmänner des Comitats, die angetragene» Deputirtenstellen abzulehnen und die Sitze für Zala blieben lange nach der Eröffnung des Reichstags offen. Mehre politische Freunde D.'s begannen nunmehr eine förmliche Agitation zu Gunsten seiner Sache, die jedoch keineswegs mit bloßen Gründen der Überredung, sondern mit so verwerflichen Hülfs- mitteln bewerkstelligt wurde, daß D., ungeachtet das Besteuerungsprincip durchgesetzt worden war, doch vorher schon auf die Erwählung zum Deputaten Verzicht leistete. Wenn cs Mangel an Combinationsgeschick war, der ihn nicht schon von vorn herein die Mängel -cner Agitationsmethode crrathcn und erkennen ließ, so zeigt es doch von mannhafter Charakterfestigkeit, daß er die zu seinen Gunsten vollzogene Wahl nicht annahm. Debatten nennt man Wortgefechte, Diskussionen oder Disputationen, bei denen es sich nicht uni die Ermittelung einer theoretischen Wahrheit, oder ,um den bloßen Triumph des Rechtbehaltens, sondern um die Erweckung einer praktischen Überzeugung und die dadurch vermittelte Herbeiführung eines Beschlusses handelt. Es gehört nämlich zu dem parlamentarischen Gebrauche, daß bei gestellten Anträgen zuvorderst, unter dem Namen einer allgemeinen Discussion, ein Theil der Mitglieder seine Meinung über das Grundprincip aus» spricht, um das es sich bei der Frage handelt, dann aber mit der speciellen Debatte auf das Einzelne in einem Für und Wider und unter lebhafter»» Wettkampfe eingegangen wird. Hier pflegen gewöhnlich die Formen etwas freier und die ganze Haltung weniger solenn zu sein, weshalb auch das engl. Unterhaus sich dazu in ein Comite des ganzen Hauses verwandelt, woniit eben gesagt ist, daß eS eine mehr vertrauliche Besprechung annimmt. In der Debatte vielmehr als in der feierlichen Rede zeigt sich die parlamentarische Kunst. Sie ist auch der wichtigste Theil des Geschäfts, vorausgesetzt, daß die Mitglieder nicht mit einem unabänderlichen Willen hereinkamen, welchenfalls die ganze Verhandlung nutzlos wäre, sondern unbefangen genug sind, guten Gründen Gehör zu geben und ihre Meinung einer bessern Überzeugung zu opfern. Debonale, s. Bonald. Debörah, eine hebr. Prophetin und Heldin in der Periode der sogenannten Richter, war die Gattin Lapidoth's und wohnte auf dem Gebirge Ephraim zwischen Bethel und Rama, wo sie unter einem Zelte von Palmzweigen Recht sprach. Um ihr Vaterland von der 20jährigen Bedrängniß durch den König der Kananiter Jabin und seinen Feldherrn Sissera zu erlösen, ließ sie durch Barak in den Stämmen Naphthali und Sebulon ein Heer sammeln und zog selbst mit in den Krieg. Am Fuße des Thabor wurde Sissera geschlagen und auf der Flucht, wie D. vorhergesagt hatte, von einem Weibe heimtückisch ermordet. Diesen Sieg, der den Israeliten 40 Jahre Ruhe verschaffte, besangen D. und Barak in dem Liede, das uns im „Buche der Richter" (Cap. 5) aufbewahrt worden ist. Man kann sie mit der Velleda der alten Germanen vergleichen, welche Tacitus erwähnt. Dkbouche heißt der Ausgang aus einem De'file oder Engpässe, und debouchiren nennt man daher, aus dem Engpässe in das Freie marschiren. Hält der Feind das De- bouche besetzt, oder hat sich derselbe auf entsprechende Entfernung dahinter zweckmäßig ausgestellt, sodaß das Debouchiren unter seinem Feuer erfolgen muß, so pflegt es mit großen Opfern verbunden zu sein und viel Menschen zu kosten, wie z. B. das Debouchiren der Russen aus dem Urner Loch in der Schweiz unter Suworow. Debreczin, eine der bedeutendsten und volkreichsten Ungar. Städte im biharer Comi- tate des Kreises jenseit der Theiß, seit 1715 eine königliche Freistadt, nach Pesth die größte Stadt in Ungarn, in einer sandigen, wasserarmen Ebene, ist weitläufig und dorfähnlich gebaut und hat den reinen Typus und Charakter einer Ungar. Stadt. Die langen, allmälig ohne bestimmte Abgrenzung sich verlaufenden Gassen, mit kleinen und niedrigen Hütten sind '»»gepflastert, staubig oder kothig. Die Vorstädte sind von der eigentlichen Stadt oft nur durch Nciserwerk getrennt und laufen in eine unabsehbare Haide aus. Jedoch enthält die Stadt einige schöne Gebäude, von denen die prachtvolle refvrmirte und die Franciscanek- kirche, das refvrmirte Collegium, das Piaristenkloster, das Rathhaus u. a. m. der Er- Deca Decandolle 101 Mahnung werth sind. Die Stadt ist der Sitz eines reformirten Superintendenten und hat außerdem ci» rcformirtes Collegium, ein Piaristencollegium mit einem Gymnasium, eine katholische Hauptschule und mehre wohlthätige Anstalten. Die Einwohner, ungefähr 46000, meist Magyaren, die die Ungar. Sprache in ihrer höchsten Reinheit sprechen, bekennen sich größtenteils zur reformirten Kirche und zeichnen sich durch großen Gewerbfleiß aus. Sie verfertigen namentlich wollene Zeuge, Mäntel, Leder, Schuhe, Kämme, Drechsler-, Holz- und Kürschnerwaaren, Knöpfe, namentlich aber sogenannte Debrecziner Seife sowie rothe und schwarze thönerne Pfeifenköpfe (jährlich an I I Mill.) und Taback, auch backen sie ausgezeichnetes Weizcnbrot und Lebkuchen. Außer den genannten Fabrikaten treiben sie auf den vier großen jährlichen Märkten starken Handel mit Hornvieh, Pferden, Schweinen, Speck, Wachs und Honig. Endlich gibt es beträchtliche Salpetersiedereien, Bierbrauereien und Branntweinbrennereien. Die Stadt hatte sowol in den Kämpfen zwischen den Türken und Ungarn, wie später des Glaubens wegen, nachdem sich die Bewohner 1567 auf einer hier gehaltenen Synode dem reformirten Glaubensbckenntniß zugewendet, viel zu leiden, so namentlich 1686 durch den kaiserlichen General Graf Caraffa. Auf dem hier 1711 gehaltenen Congreß unterwarfen sich die Ungarn dem habsburgischen Hause. Deca bedeutet im neufranz. Maßsysteme, vor der Benennung eines Maßes oder Gewichts stehend und mit derselben zu einem Worte verbunden, das Zehnfache dieses Maßes oder Gewichts; demnach ist ein Decametre soviel als lOMetrcs, eine Decare so viel als 10 Ares, ein Decagramm so siel als 10 Grammes u. s. w. Ganz ebenso bedeutet das Vorsehwort Deci den zehnten Theil des darauf folgenden Maßes oder Gewichts, z. B. Decimetre, Decilitre, Decigramm bedeuten '/,» Metre, V,» Litre, '/,<> Gramm. Decade, vom griech. Worte ckercäp, d. h. eine Zahlengröße von zehn, wurde die zehntägige Woche im republikanischen Kalender der Franzosen genannt, der nach dieser Einthei- lung vecaelrier hieß. (S. Kalender.) Jeder der 12 Monate, die 30 Tage zählten, zerfiel in drei Decades. Die einzelnen Tage der Decade hießen primicki, ckuocki, tricki, qusr- tilü, guiliticli, sextilli, septilli, octicki, nonicli und ckkcacii. Der «iecacki oder zehnte Tag war, wie der christliche Sonntag, der Ruhe, und da )>ie Republik keine bestimmte Religion anerkannte, der Übung und Anregung zur Tugend gewidmet. Das republikanische Jahr, das 36 Decaden zählte, hatte sonach nur 360 Tage; die fünf fehlenden Tage des Sonnenjahrs (im Schaltjahre sechs) wurden am Schluffe des Jahrs, also vor dem 22. Sept., wo das Jahr anfing, ohne besonders gezählt zu werden, zu Festtagen verwendet. — Decade nannte sich auch in der Revolutionszeit ein politisch-wissenschaftliches, vielgelesenes Wochenblatt, das vom Jahre II (1794) an zu Paris erschien, im Jahre XIII den Titel „Revue" annahm und 1817 mit dem „Ulercure" verschmolzen ward. Decandolle (Augustin Pyrame), der berühmte Naturforscher, stammt von einer altadeligen Familie der Provence, die der Glaubensverfolgungen wegen 1558 nach Genf aus- wandcrte, wo D. am 4.Febr. 1778, wenige Tage nach Linnens Tode (10. Jan.), geboren wurde. In das Gymnasium seiner Vaterstadt ausgenommen, zeichnete er sich durch poetisches Talent und umfängliche Kenntniß der elastischen Dichter aus; später fand er so großen Genuß in geschichtlichen Studien, daß er den Entschluß faßte, sich zum Historiker zu bilden. Sein Vater, Syndikus zu Genf, war durch die Revolution gezwungen worden, sich auf ein Landgut bei Pverdon zurückzuziehen. Theils das Leben in der Natur, vorzüglich'aber die anregenden Vorlesungen, welche Vaucher (s. d.) 1796 in Genf hielt, gaben ihm eine andere Richtung. Er ging nach Paris, brachte den Winter 1796—97 im Hause seines väterlichen Freundes Dolomieu zu, besuchte die Vorlesungen der großen Chemiker und Physiker jener Zeit, Vauquelin, Fourcroy und Charl. Portal und wurde mit Lamarck und DcsfontaineS genau bekannt. In allen seinen spätern Schriften findet man in Folge dieser Studien das Streben, Botanik mit Chemie und Physik in Verbindung zu bringen, besonders aber in dem vortrefflichen Werke „Rsssi surlesproprietes möckieales lies pliintes" (Par. 1804; 2. Ausl., 1816; deutsch von Perleb mit werthvollen Zusätzen, Aarau 1818). Die Vereinigung Genfs mit der sranz. Republik (1798) zerstörte D.'s Aussichten auf eine Anstellung in seiner Vaterstadt; er vertauschte daher das Studium der Rechte mit demjenigen der Medicin und ging wieder nach Paris, wo er durch Artikel in der „Lucxdopeäie mötbockigue", durch den 102 Decatiren Decaux Text zu Redoutc's „klantes girassv«" (Par. 1799—1803, 3.) eine'„^;trsxaIaAia" (Par. 1802) und viele kleine Arbeiten Ruf erwarb. Seit >802 zum Professor an der genfer Akademie ernannt, zog er vor, in Paris z» bleiben, wo er am College de France seine ersten botanischen Vorlesungen hielt und l 801 durch die ersten Bände seiner „klore kraa^säse", welche, ungeachtet Lamarck's Namen auf dem Titel, allein sein Werk ist, sich unvergängliches Verdienst erwarb. Von der Regierung beauftragt, bereiste er von 1806—12 alle Provinzen Frankreichs und das Königreich Italien, um botanische und agronomische Forschungen an- zustellen, und wurde an der Herstellung eines großen statistischen Werks über den Ackerbau > Frankreichs durch die Katastrophe von >811 gehindert. Die ihm 1807 übertragene Professur zu Montpellier trat er l 810 wirklich an; in kurzer Zeit machte er den dortigen botanischen Garten zu einem der bedeutendsten und wirkte mächtig auf die Studirenden durch seinen ebenso gründlichen als anziehenden Unterricht. Als erste Frucht seiner akademischen Arbeiten erschien ,,'I'lleorie elementaire cle Is botonigue" (1813; 2. Aust., 1816), die eine Menge neuer und tüchtiger Ansichten in Umlauf brachte, von welchen einige, z. B. die Lehre von Verwachsung oder regelmäßiger Verkümmerung gewisser Organe, kanonisches Ansehen erhalten haben. Der Fall Napolcon's änderte D.'s Stellung, denn als Schützling desselben lief er Gefahr, ein Opfer der blutigen Reackion zu werden, welche im südlichen Frankreich die Rückkehr der Bourbons 'bezeichnen. Er ging nach dem unabhängig gewordenen Gens zurück, wo der Staatsrath für ihn eine Professur erschuf, die er am 8. Nov. 1816 antrat und bis zu seinem Tode bekleidete. Seine außerordentliche, von einer seltenen Gewalt über die Sprache und einer einnehmenden Persönlichkeit unterstützte Lchrgabc veranlaßte, daß er seine Thätigkeit weit über den gewöhnlichen akademischen Kreis ausdehnen konnte, und vor zahlreichen Kreisen der höher» Gesellschaft sowie der Fremden, die seinetwillen in Genf verweilten, Vorlesungen zu halten gcnöthigt wurde. In diese Zeit fällt eines der umfassendsten ' Unternehmen der neuern Botanik, welches D. durch rastlosen Verkehr mit fast allen namhaften Botanikern der Welk zwar seit geraumer Zeit vorbereitet hatte, mit dem er aber erst 1818 hervortrat, und das er bis zu seinem Tode mit beispiellosem Enthusiasmus fortführte, der „UrvckrnmuL s^stemstii, naturalis regni vegctsbilis" (Bd. 1—9, Par. 1821 sg.), dem ein „liegin ve^etabilis sxstema naturale" (2 Bdc., Par. 1818—21) vorausging. Der Tod eines Sohns hatte schon 1825 D.'s Gesundheit untergraben; körperliche Leiden traten 1835 hinzu und verbitterten seine letzten Lebensjahre durch ununterbrochene Kränklichkeit. Er starb in Folge einer Wassersucht am 9. Sept. 1811. Seine Sammlungen, worunter sein wohlgeordnetes Herbarium von mehr als 70000 Pflanzenarten, vermachte er seinem Sohne Alphonse D., jedoch unter der Bedingung, dieselben dem öffentlichen Gebrauche frei zu geben und den „krackromus" fortzusetzen. Die Verdienste D.'s um die > Botanik sind ungemein groß, denn seiner geistreichen und eigenthümlichen Behandlung iß * es zuzuschreiben, wenn das sogenannte natürliche System überall sich ausbrcitcte und seine Grundlagen immer fester wurden; er bleibt auch dann noch ein tiefblickender, mit glücklichster Combinationsgabe ausgerüsteter Systematiker, wo er in seinen Beobachtungen nicht glücklich oder gründlich genug war. Nob. Brown urtheilte von ihm, „daß sein Kopf noch > besser sei als sein Auge". Jede Vergleichung D.'s mit Linne ist als unstatthaft zu betrach- - ten, da die Richtung beider Gelehrten eine ganz verschiedene war, Jeder von Grundgedanken beherrscht wurde, die mit denjenigen des Andern nichts gemein hatten, Beide in Auffassung und Ausführung sich nicht entfernt glichen, äußere Schicksale und individueller Charakter eine ganz unähnliche Entwickelung bedingten, und der gerechte Bcurtheiler in beiden eine Gleichheit nur dann erblicken kann, daß Jeder für seineZcit und nach Maßgabe des Standes der Wissenschaft das Größte gewirkt hat. Decatiren nennt man das in Frankreich erfundene, jetzt allgemein angewandte technische Verfahren, zufolge dessen das Tuch, nachdem cs völlig zubereitct ist und eine scharfe Presse erhalten hat, der Einwirkung von Wasserdämpfcn ausgesetzt wird, um demselben, nach nochmals erfolgter Pressung, einen dauerhafter» als den früher gewöhnlichen Preß- glanz zu geben. Mannichfache Apparate für diesen Zweck sind neuerdings angegeben worden. Decaux (Louis Victor Blacquetot, Vicomte), Gcnerallieutenant und Pair von Frankreich, geb. 1775 zu Douai von einer angesehenen, dem Kriegsdienste gewidmeten Farm- ros Decazes lie, trat 1793 als Lieutenant in das franz. Gcniccorps und wohnte den Feldzügen am Rhein und der Mosel bei. Im I. l799 bediente sich der General Moreau des jungen Bataillons- chofs bei Abschließung des Waffenstillstands mit dem östr. Grafen Bubna. Im J. >896 wurde D. Chef des Generalstabes bei der Großen Armee; das folgende Jahr aber ins Kriegsministerium gerufen, wo er durch seine Thätigkeit und Umsicht in der Verwaltung des Kriegsmaterials viel zur Niederlage der Engländer auf Walcheren beitrug und dafür 1810 zum Oberst und 1812 zum Baron ernannt wurde. Während der Occupatio» Frankreichs durch die Verbündeten leistete er seinem Vatcrlande große Dienste, indem er mit dem Herzog von Wellington unterhandelte, die Einquartierung der Truppen regelte und durch seine Anordnungen bei Erhebung der Contribution öffentliches wie Privatvermögen vor Verschleuderung und Zerrüttung sicherte. Ludwig XVIIl. machte ihn deshalb zum Marcchal de Camp, zum Ludwigsritter und ernannte ihn 1817 zum Mitglied des Staatsraths. Im I. 1821 trat D. aus dem Ministerialdienst; aber schon 1823 ward er wieder zum Generaldirektor der Verwaltung im Kriegsministerium, zum Generallieutenant und Großossizicr der Ehrenlegion ernannt. Im I. 1827 erwählte ihn das Departement du Nord in die zweite Kammer, wo er so viel gründliche Kenntnisse in seinem Fache entwickelte, jdaß er 1828 das Kriegsministerium und wesentlichen Antheil an den höchsten Negierungsgeschäftcn unter Martignac erhielt. Eine Menge praktischer Verbesserungen im franz. Heerwesen rühren von ihm her. In Folge der sich schon entwickelnden Ereignisse von 1830 mußte D. 1829 das Ministerium an den General Bourmont abkreten und wurde mit dem,Titel eines Staatsministers abgefundcn. Nach der Julirevolution lehnte er die ihm zugedachte Wahl in diezweite Kammer ab, erhielt aber als Belohnung seiner Verdienste um den Staat 1832 die Pairswürde. Im I. 1836 dachte man ihm nochmals das Portefeuille des Kriegs zu; allein er zog es vor, diese Auszeichnung in Folge seines Alters und körperlichen Gebrechlichkeit abzulehnen und starb 1839. Decazes (Elie), Herzog und Pair von Frankreich, Herzog von Glücksburg in Dänemark, geb. am 28. Sept. 1780 zu St.-Martin-de-Laye bei Libourne, studirte auf dem College zu Vendöme die Rechte und machte nicht weniger durch Talent und Thätigkeit wie durch Glück und einnehmende Persönlichkeit eine schnelle amtliche Laufbahn. Im I. 1805 ward er bei dem Tribunal der Seine angestcllt und darauf zum Rathe der Kaiserin-Mutter, dann des Königs Ludwig von Holland und 1810 am kaiserlichen Hof ernannt. Die Ungnade Na- pvleon's, die sich D. durch entschiedene Vertheidigung der Interessen Ludwig's zugezogen, schien ihm jede fernere Aussicht auf Beförderung abzuschneiden, als die Restauration der Bourbons cintrat, denen ersieh ungesäumtzuwandtc. Als sich 1815 die Nachricht von der Landung des Kaisers verbreitete, raffte D. zur Vertheidigung des königlichen Throns in Paris einen Trupp Nationalgarde zusammen; auch weigerte er sich, den Kaiser zu beglückwünschen, und wurde deshalb noch an demselben Tage aus Paris verwiesen. Ludwig XVIII. machte ihn dafür zum Policeipräfecten von Paris und im Sept. 1815 an Fouche s Stelle zum Policeiminister, auch erhob er ihn zum Grafen. Gleichzeitig vermählte sich D. mit der reichen Erbin de St.-Aulaire, der Schwesterenkelin des vorletzten Fürsten von Nassau-Saarbrücken, was seine Ernennung zum Herzoge von Glücksburg durch den König von Dänemark zur Folge hatte. Durch sein anziehendes Wesen gewann er in dem Grade die Liebe und das Vertrauen des Königs, daß ihn derselbe wie seinen Sohn behandelte und vor allen andern Ministern auszeichnete. Nach Eröffnung der Kammer im Herbste 1815 (s. bre introii Vkbl e) erkannte D. zuerst das Schwierige seiner Stellung inmitten der politischen Leidenschaften. Die Ausnahmegesetze gegen die politisch Verdächtigen, die er der Kammer vorlegte, fanden zwar wenig Widerstand, allein der überwiegende Noyalismus fand die Maßregel zu gclind, die Freisinnigen sahen sic als Verfassungsverletzung an und beide Parteien entzogen dem Minister ihr Vertrauen. D. schwankte; er ließ sich sogar bei der Vertagung der Kammer im Apr. 1816 herab, den guten Geist derselben zu loben. In den Aufständen, Meutereien und Unordnungen, welche die zügellosen Royalisten, niedere Beamten und bestochener Pöbel in Paris, Grenoble und Marseille hervorriefcn, mußte er als Policeiminister seinen Namen zu einer Regierung des Schreckens und der Gesetzlosigkeit hcr- geben. In Einstimmung mit dem Könige löste er am 5. Sept. 1817 die Kammer auf und 104 Decazes versetzte damit dem wüthenden Noyalismus einen Schlag, der ihm nie verziehen wurde. Bei Eröffnung der Sitzung der neuen Kammer vertheidigte er sich mit großer Geschicklichkeit nicht nur gegen die Angriffe der Ultras, sondern gab auch einen ziemlich frcimüthigen Rechenschaftsbericht über die Anwendung des.Ausnahmegesetzes; dann legte er mehre Ent- würfe vor, welche den Prcßzwang und die Policeigewalt milderten und stimmte für das cingebrachte, von den Doctrinaires (s. d.) verfaßte Wahlgesetz, das der Mittelclaffe in der Kammer die Oberhand verschaffen und die Extreme ausschließcn mußte. Eigentlich hatte er aber ein anderes Wahlsystem im Sinne, nach dem allerdings die Interessen gleichmäßiger vertreten worden wären; allein die Umstände gcbotm ihm Nachgiebigkeit, besonders gegen die Ansicht des Königs. Hatte schon bei den ersten Ergänzungswahlen, die der Sitzung von >817—18 vorangingen, der Liberalismus in der Kammer ein großes Übergewicht erhalten, so verschafften die von 1818—19 demselben den vollständigen Sieg, obschon die erzürnten Ultraroyalisten Alles aufboten, das Wahlgesetz bei den Pairs, dem Könige, selbst dem Volke sowie die Politik und die Mäßigung des Policeiministers zu vcr- dächtigen. Endlich ließ der König das Wahlgesetz fallen, da der zu Ende des 1.1818 vom Kongresse zu Aachen zurückkehrcnde Herzog von Richelieu auf die Abschaffung desselben drang, und beauftragte den letztem mit der Bildung eines neuen Ministeriums, das aber nicht zu Stande kam. Hierauf mußte wieder D. mit der Bildung eines Ministeriums beauftragt werden, in das er den Marquis Dessollcs als Premierminister, den Grafen Eou- vion St.-Cyr, den Baron Louis, den Grafen Portal und den Deputaten Deserre berief, und in welchem er selbst sich das Portefeuille des Innern vorbchielt, mit dem die Policciver- waltung verschmolzen ward. Noch in derselben Sitzung von 1819 wurden nun von dem Ministerium die Presse freigegcben, die Ausnahmegesetze gegen die persönliche Freiheit abgeschafft und auf den Rath D.'s die Majorität für das angcfochtene Wahlgesetz in der Pairs- kammer durch die Ernennung von 6N neuen, der Regierung ergebenen Mitgliedern hergestellt. Diese letztere Maßregel, die wichtigste wol, die D. ausführte, erzürnte die nun allenthalben ihres gesetzlichen Einflusses beraubten Ultraroyalisten. Man redete dem Könige vor, daß D. den Thron aufs neue dem revolutionairen Abgrunde zuführe, und der schwache Monarch entschloß sich, nach dem KamMerschlusse von 1819 die Abänderung des Wahlgesetzes durch ein anderes Ministerium cinzuleitcn. Dessollcs, St.-Cyr und Louis, die ohne dieses Gesetz nicht regieren wollten, traten ab; D. aber blieb und berief am 19. Nov. 1819 ein neues Cabinet, in das der Marquis de Latour-Maubourg, der Graf Roy und der Baron Pasquier eintraten, und in dem er sich selbst die Präsidentschaft und das Portefeuille des Innern vorbehielt. Dieses Schaukelsystem, zu dem sick D., wie es scheint, aus persönlicher Rücksicht für den König hinrcißcn ließ, mußte ihn bei allen Parteien, die er nacheinander hatte fallen lassen, in gänzlichen Verruf bringen. Als die Parteien von der bevorstehenden Veränderung des Wahlgesetzes hörten, erhoben sich von neuem die Umtriebe. Jeder suchte die Gelegenheit in seinem Interesse auszubeuten, besonders war aber der Ultraroyalismus bemüht, jeden Rest constitutioneller Gesinnung, die dem Ministerium bei dieser neuen Com- bination geblieben, zu erdrücken. Die Ermordung dos Herzogs von Bern am 13. Febr. 1820 wurde von den Ultras zu einer Anklage gegen D. benutzt, dessen revolutionaire Politik den Mörder bewaffnet haben sollte. Als hierauf D-, über die Folgen und den Zusammenhang des Attentats ungewiß, vor der Kammer neue Ausnahmegesetze verlangte, verließen ihn nicht allein die Anhänger der konstitutionellen Regierung, sondern auch die Royalisten, er wurde sogar persönlich beleidigt und von einem wüthenden Deputirten der Theil- nahme am Morde geziehen, sodaß er sich genöthigt sah, am 17. Febr. das Portefeuille abzugeben. D. war weder ein Staatsmann von großen Ideen noch ein bedeutender Redner, dessenungeachtet muß man bedauern, daß ein Talent wie das seinige sich in diesen Parteistürmen so fruchtlos abnutzte. Ein bleibendes Denkmal hat er sich während seiner kurzen Verwaltung des Innern dadurch gesetzt, daß er so viel als möglich den hühern Unterricht Frankreichs reorganisirte, Gewerbe und Wissenschaften aufmunterte und eine Menge Anstalten, z. B. die franz. Industrieausstellung, Ackerbauschulen u. s. w., ins Leben rief. Vgl. Guizot, „Du guuveincment <1s Io krsnee ciepuis Is restsnrstion ei ein Ministers seine!" (Par. 1820) und „Des mo^ens cke gauvernement et li'Opposition cksns I'etst sctuel cke Decebalus Decemviri 105 I» Trance" (Par. 1821). Nach seinem Austritte aus dem Ministerium ernannte ihn der König, um ihm ein Zeichen seiner fortdauernden Freundschaft zu geben, zum erblichen Her- zog und schickte ihn als Gesandten nach London, von wo er aber in Folge eines Misverständ- niffcs mit Lord Castlereagh im Mai 1821 nach Paris zurückkehrtc. Bereits seit 1818 Mitglied der Pairskammer, gehörte er in derselben während der Restauration stets zur Opposition. jNach der Julirevolution schloß er sich der jungem Dynastie der Bourbons an und wurde 1831 zum Eroßreftrendar der Kammer ernannt. Im Departement der Gironde hat er eine Menge industrieller Anstalten hervorgerufcn, Eisenminen, die Jahrhunderte ruhten, eröffnet und den Ackerbau auf eine höhere Stufe gehoben. — Sein Sohn, derHerzogvon E lü ck s- burg, der die diplomatische Laufbahn erwählt, ist gegenwärtig Charge d'Affaires in Madrid. Dccebälus, König von Dacien (s. d.), hatte diese Würde dadurch erlangt, daß der König Duras aus Achtung vor seiner Tapferkeit freiwillig zu seinen Gunsten abdankte. D. ist berühmt durch seine Kriege mit den Römern, die er unter Domitian mit einem Einfalle in Mösien cröffncte, dessen Statthalter Oppius Sabinus von ihm geschlagen und getödtet ward. Domitian zog hierauf selbst gegen ihn, überließ aber die Führung des Kriegs dem Cornelius Fuscus, der zwar in Dacien selbst cindrang, aber in dem feindlichen Lande bald seinen Untergang fand. Glücklicher war bei dem zweiten Zuge Domitian's Feldherr Julian, doch sah sich der Kaiser, der sich selbst gegen die Markomannen gewendet hatte und von ihnen geschlagen worden war, genöthigt, den D. um Frieden zu bitten und für denselben ihm einen jährlichen Tribut zu bewilligen. Trajan duldete diese Schmach nicht, er erneuerte den Krieg und erfocht in den I. 10 l —103 n. Ehr, in Dacien selbst mehre Siege; D. bat um Frieden und erhielt ihn, brach ihn aber, als Trajan abgezogen war, schon im I. 101. Hierauf führte Trajan sein Heer über eine (in der Gegend des jetzigen Czernetz in der Walachei erbaute) steinerne Brücke über die Donau von neuem nach Dacien, schlug den D-, eroberte seine Hauptstadt und bedrängte ihn so, daß er im J. 106, zur Verzweiflung gebracht, sich selbst tödtete, worauf sein Land zur röm. Provinz gemacht wurde. December» der zwölfte und letzte Monat im Jahre, war bei den alten Römern (vor Julius Cäsar), die ihr Jahr mit dem März anfingen, der zehnte, daher der Name des Monats (vom lat. tlecem, d. i. zehn). Der altdeutsche, von Karl dem Großen vorgeschlagene Name des Monats ist Hcilmond und bezieht sich auf die in demselben fallende Geburt des Heilands. Vor Julius Cäsar hatte dieser Monat, gleich dem Jan. und Aug., nur 29 Tage, Cäsar aber legte jedem derselben noch zwei zu. Decemviri, d. i. Zehnmänner, hießen im alten Rom mehre obrigkeitliche Collegien, die sämmtlich aus zehn Personen bestanden und deren Bestimmung durch einen Zusatz näher angegeben wird. Die berühmtesten sind die Decemviri legibus scribendis, eine in Folge des Antrags des Tribun Terentillus Arsa zur Abfassung von Gesehen für das 1.151 erwählte und mit der höchsten obrigkeitlichen Gewalt, sodaß die übrigen Magistrate aufhor- ten, bekleidete Behörde. (S. Zwölftafelgesehgcbung.) Auch für das 1.150 wurden, da die im Jahre zuvor gegebenen, auf zehn Tafeln vcrzcichneten Gesetze nicht völlig genügend erschienen, wieder Deccmvirn erwählt, die hoch zwei Tafeln hinzufügten und ihr Amt ungesetzlich auch im 1.119 fortführtcn, bis ihr Ubermuth und namentlich der Frevel, den Appius Claudius (s. d.), ihr Haupt, an Virginia versuchte, ihre Aufhebung und die Wiedereinführung der alten Magistrate bewirkte. — Die Decemviri Iitibus', oder nach alter Schreibung stlitibns, judicandis waren eine richterliche Behörde, die vermuthlich unter Servius Tullius an die Stelle der Pontifices als Richter in Sachen, die das Caput (die Persönlichkeit) eines Bürgers und sein steuerbares Eigenthum betrafen, in dem sogenannten judicium dsstae traten und wahrscheinlich mit dem Senat gewählt wurden. Unter Augustus wurden sie Vorsitzer des Centumviralgerichts und erhielten sich als solche lange in der Kaiserzeit, nur aus dem Ritterstande gewählt. — Die Decemviri sacrorum oder 8->cris ssciundis, ein priesterlichcs Collegium, für die Auslegung der sibyllinischen Bücher bestimmt, trat im I. 368, da auch den Plebejern der Zutritt eröffnet ward, an die Stelle der frühem', für denselben Zweck angeordneten, nur patricischen Zweimänner, Duumviri. Sulla erhöhte im 1.89 die Zahl auf 15 Männer, die nunmehr demgemäß Huindecim- viri genannt.wurdcn. Decimalbruch 106 Dechant Dechant, s. Dekan. Dechiffriren heißt irgend eine G eh eimschrist (s.b.) entziffern und in gewöhnlicher Schrift darstcllen. Decimalbruch heißt ein Bruch, dessen Nenner eine der Zahlen 10 , 100 , l 0 vvu.s.w., allgemein also eine aus l und angehängten Nullen bestehende Zahl (eine Potenz von l v) ist. Man läßt beim Schreiben den Nenner weg, muß aber darauf sehen, daß der Zähler ebenso viel Ziffern hat als der Nenner Nullen, was man, wenn der Zähler an und für sich weniger Ziffern haben sollte, durch Vorgesetzte Nullen bewirkt. Zur Erkennung eines Dccimalbruchs dient das den Stellen des Zählers (Decimalste,llen) vorangehende Dccimalzeichen, gewöhnlich ein Komma, zuweilen auch ein Punkt, vor welchem links eine ganze Zahl oder in deren Ermangelung eineNull steht. Demnach werden dieBrüche 5"/,»o, °/,<>, "7>so°, "/io»»!, nach der Reihe so geschrieben: 5,73; 0,9; 0,137; 0,0043. Einen bereits geschriebenen De- cimalbruch richtig auszusprechen, ist nach dem Gesagten sehr leicht, da man aus dem Zähler sofort den Nenner erkennen kann. Man sicht ferner, daß eine und dieselbe Ziffer Zehntel, Hundertel, Tausendtel, Zehntausendtel u. s. w. bedeutet, je nachdem sie in der ersten, zweiten, dritten, vierten u. s. w. Stelle hinter dem Dccimalzeichen steht. Demnach ist z. B. 0,37149 ("'"/issoos), nach den einzelnen Ziffern zerlegt, so viel als 3 Zehntel, 7 Hundertel, 1 Tausendtel, 4 Zehntausendtel, 9 Hundcrttausendtel. Hieraus erhellt auch sofort, daß der Werth eines Dccimalbruchs völlig »«geändert bleibt, wenn man am Ende desselben rechts Nullen anhängt, oder Nullen, die daselbst stehen, wegläßt, während er sich wesentlich verändert, wenn man am Anfänge desselben unmittelbar hinter dem Dccimalzeichen Nullen setzt oder wegläßt. Um einen gewöhnlichen Bruch in einen Decimalbruch zu verwandeln, dividirt man mit dem Nenner in den Zähler, dem man zuvor eine oder mehre Nullen angehängt hat; jede bei der Division gebrauchte Null gibt eineDecimalstelle. So erhält man:gleich 0,5, '/«gleich 0,75, ^ gleich 0,87 5 u. s. w. In den meisten Fällen wird die Division nie aufgehen; dann läßt sich auch der gegebene gewöhnliche Bruch nicht völlig genau in einen Decimalbruch vcr wandeln, aber je weiter man die Division fortsctzt, desto weniger ist der gefundene Dreimal, bruch von dem gewöhnlichen Bruche verschieden. Im Verlauf der Division wird bei solchen Brüchen immer endlich einmal, oft schon sehr bald, der Fall eintretcn, daß ein schon früher dagewesener Rest wiedcrkchrt, oder ein Rest erhalten wird, der dem Zähler des gewöhnlichen Bruchs, wenn dieser ein echter war, gleich ist; dann kehren auch dieselben Ziffern des Quotienten, die von jenem Rest an erhalten wurden, wieder und wiederholen sich unaushür- lich; man kann daher die Division sofort abbrechen, wenn ein Rest sich wiederholt. Z. B. -/, --- 0,6666 ..., 7„ -- 0,727272 ..., 7 , --- 0,571428 ... Eine solche Folge wieder- kehrender Decimalstellen heißt eine Periode; sie enthält höchstens so viel Stellen, weniger eine, als der Divisor (Nenner des gewöhnlichen Bruchs, der vorher auf seine kleinste Benennung gebracht sein muß) Einheiten enthält; daß sie auch weniger Stellen haben kann, erhellt aus den beiden ersten der vorigen Beispiele. DieRechnung mit Decimalbrüchen ist viel leichter als die mit gewöhnlichen Brüchen und im Wesentlichen von der mit ganzen Zahlen gar nicht verschieden. Bei der Addition und Subtraktion muß man die zu addircnden und zu subtrahircnden Brüche, falls sie nicht schon von selbst glcichviele Decimalstellen Haben, durch angehängte Nullen auf eine gleiche Anzahl von Decimalstellen bringen oder ge- bracht denken, dann aber wie ganze Zahlen addiren oder subtrahiren; im Resultate erhält das Dccimalzeichen dieselbe Stelle, wie in den Zahlen, welche man addir-t oder subtrahir* hat. Bei der Multiplication nimmt man auf das Dccimalzeichen keine Rücksicht, bis man die Rechnung beendigt hat; dann setzt man im Producte das Dccimalzeichen so, daß jenes ebenso viele Decimalstellen enthält, als beide Factoren zusammengenommen haben. Sollte das Product nur gerade so viele Ziffern haben, so muß man eine Null vor das Decimalzei- chen setzen; hat das Product sogar weniger Ziffern, so muß man dieselben durch Vorgesetzte Nullen ergänzen und außerdem eine vor das Dccimalzeichen setzen. Bei der Division dividirl man ebenfalls ohne Rücksicht auf das Decimalzeichen und schneidet zuletzt von Quotienten rechts so viele Decimalstellen ab, als der Dividcndus im Vergleich zum Divisor weniger hat; wenn aber beide gleich viele Decimalstellen haben, so ist der Quotient eine ganze Zahl Sollte der Dividendus weniger Decimalstellen haben oder eine ganze Zahl sein, so muß mar Decimalmaß Decius 107 ihm vor der Rechnung so viel Nullen anhängen, daß er mindestens gleich viele Decimalstcllen mit dem Divisor hat. Ebenso müssen dem Dividendus vor der Division Nullen angehängt werden, wenn die Division sonst wegen seiner Kleinheit in Vergleich zum Divisor, beide als ganze Zahlen gedacht, gar nicht stattfindcn kann. Hat der Quotient gerade so viele Stellen, als abgeschnitten werden sollen, oder noch weniger, so verfährt man wie bei der Multiplication gezeigt wurde. Hat man dem Decimalzeichen seine Stelle angewiesen, und ist die Divi- sion nicht aufgegangen, so kann man sie durch Anhängen von Nullen an den Rest weiter fortsetzen und dadurch den Quotienten noch genauer bestimmen. Decimalmaß, die Eintheilung der Maße in zehn Theilc, wurde in der neuen ftanz. Maß - und Gewichteintheilung durchgängig angenommen und sollte, da sie von allen für das Rechnen die bequemste ist, auch von allen andern Nationen angenommen werden, ohne deswegen den Metre und das ganze metrische System anzunehmen, was vielleicht bei dem Übergänge in den Volksverkehr unübcrsteigliche Schwierigkeiten haben würde. Auch in denjenigen Ländern, wo das Duodecimalmaß eingeführt ist, pflegen sich die Feldmesser beim Längenmaße der Decimaleintheilung zu bedienen, weshalb man zuweilen das Feldmaß, bei welchem die Ruthe 16 Fuß, der Fuß l O Zoll, der Zoll l v Linien hat, von dem Werkmaß, bei welchem der Fuß in 12 Zoll, der Zoll in 12 Linien getheilt ist, unterscheidet. Decimalsystem, s. Zahlensystem. Decime nannte man eine aus Glockengut geprägte Scheidemünze der stanz. Republik. Dieselbe trat 1793 an die Stelle der Zweisousstücke, denen sie noch jetzt gleich gilt. Eine Decime ist gleich zehn Centimes und zehn Dccimcs machen einen Franc aus, woher die Münze den Namen erhalten hat. Decimrren heißt eigentlich den Decem oder Zehnten (s. d.) erheben, und Deci- mation diese Erhebung oder Einrichtung selbst. In etwas veränderter Bedeutung ist daS Wort auch in die Kriegsgerichtssprache übergegangcn. Wenn nämlich eine Anzahl Menschen sich eines Verbrechens, z. B- der Empörung, des Aufruhrs u. s. w., schuldig gemacht hat, die Schuldigen aber nicht herausgefundcn, öder ihrer großen Zahl wegen nicht alle be- straft werden können, so wird decimirt, d.h. am dritten, vierten oder zehnten Mann die Strafe vollzogen. Daß hierbei kein Princip der Gerechtigkeit zu Grunde liegt, ist von selbst einleuchtend, und nur die höchste Gefahr und Noch kann die Dccimation einigermaßen entschuldigen. Decision heißt überhauptEntscheidung, sie sei richterlich oder gesetzgebend. So nannte man in Sachsen früher mehre über eine Anzahl zweifelhafter Rechtsfragen gegebene gesetzliche Entscheidungen Decisionen, deren 1661 zuerst 91 (die älternDecisionen) und I746wiedcr40(die neuern Decisionen) ertheilt wurden. — Dccisivrescript ist ein in demselben Sinne, zur Entscheidung einer Rechtscontroverse, ertheiltes königlichesRescript, das zunächst durch einen einzelnen Fall hervorgerufcn, dann allgemeine Gültigkeit erhält.— Dccisum, dem Worte nach gleichbedeutend mit Decision, bezeichnet im prägnantem Sinne eine richterliche Entscheidung ohne Beifügung von besonders extendirten Entscheidungsgründen, wie sie in minder wichtigen Sachen ertheilt zu werden pflegt. — Decisivstimme (vo- tum llec>8ivum) bedeutet im Gegensätze der blos berathenden Stimme (votum consults- tivum) eine solche, welche bei dem Beschlüsse nach Stimmenmehrheit mitgczählt wird; dann versteht man darunter das Recht, bei Stimmengleichheit die Entscheidung zu geben, welches zuweilen dem Referenten, meist aber dem Vorsitzenden der Versammlung beigelegt ist, wenn nicht, wie dies auch vorkommt, die mildere Meinung in einem solchen Falle vorgezogen wird. Nach einigen Verfassungen hat der Präsident der landständischen Versammlungen lediglich eine Decisivstimme; er stimmt gar nicht mit und gibt nur bei eintretender Stimmengleichheit durch seine Stimme den Ausschlag; nach Andern wird seine Stimme stets mitgezählt und gilt in dem Falle, daß Stimmengleichheit cintritt, doppelt. Decms, der Name eines röm.-plebejischen Geschlechts, das namentlich durch die Hel- denmüthige Aufopferung zweier seiner Glieder berühmt ist. — P. Decius Mus hatte als Kriegstribun im 1.343 v. Chr. durch seine Einsicht und Tapferkeit das von den Sammlern eingeschlossene Heer des Konsul A. Cornelius Cossus gerettet. Im I. 346 war er mit T Manlius Torquatus Konsul und zog mit ihm gegen die Latiner, mit welchen der Krieg in diesem Jahre ausbrach. Schon vor dem Beginn der Schlacht am Vesuv, waren beide Con- 108 Deck Decker suln übereingekommen, daß Der, dessen Flügel weichen würde, durch seinen freiwilligen Opfcrtod den Sieg für Rom gewinnen solle. Als nun D. wahrnahm, daß seine Scharen wankten, weihte er sich und seine Feinde feierlich den unterirdischen Göttern und stürzte sich zu Roß mitten unter die Feinde; hier fand er den Tod, aber der Sieg ward den Römern zu Theil. — Sein Sohn gleiches Namens, nicht minder ausgezeichnet durch Tapferkeit und Kriegskunst, die er gegen die Samniter und Etrusker bewährte, als durch seine Thätigkeit im inner» Staatswesen, ward mit Q. Fabius, mit dem er schon früher, im J. 315, zum zweiten Mal Consul und 304 Censor gewesen war, im I. 297 zum dritten Mal Consul. Als solcher schlug er bei Maleventum die Apulier, die den Samnitern zu Hülfe kommen wollten, und verheerte hierauf mit jenem das Land der letztern. In seinem vierten Consulat, im I. 295, in welchem er wieder College des Fabius war, hatte Rom mit den verbündeten Samnitern, Etruskern, Galliern und Umbrcrn zugleich zu kämpfen. D. führte in der Schlacht bei Scntinum den linken Flügel, der den Galliern gegenüberstand, und weihte sich, da er sah, wie die Seinen durch die gallischen Streitwagen in Verwirrung kamen, dem Beispiel seines Vaters folgend, dem Tode, durch den er, wie jener, seinem Vaterlande den Sieg gewann. — Auch von dem gleichnamigen S o hn des Letztem erzählte die Sage, aber irrig, daß er sich in der Schlacht bei Asculum im I. 279, in welcher er mit P. Sulpicius Longus dem Pyrrhus lange den Sieg streitig machte, geopfert habe. — Unter den röm. Kaisern trägt ebenfalls einer den Namen Deciuö. Er hieß vollständig C. Messius Quintus Trajanus D., war von Geburt cinPannonier und Senator unter dem Kaiser Philippus, der ihn im Z. 249 nach Mösien sendete, um daselbst einen Aufstand der Legionen zu unterdrücken. Doch diese nöthigten ihn selbst, den Purpur anzunehmen, und Philippus verlor bei Verona gegen ihn Schlacht und Leben. In seiner Regierung, während der er die Christen grausam verfolgte, zeigte er sich kräftig und für die innere Verwaltung besorgt; aber schon imJ. 25l fiel er nebst seinem Sohne in einer Schlacht gegen die Gothen, die Philippopolis eingenommen hatten, durch den Vcrrath des Gallus, der nach ihm Kaiser ward. Deck oder Verdeck nennt man die verschiedenenUnterabthcilungen im inncrn Raume eines Schiffs zur Unterbringung und zum Schutze derLadung und der Passagiere. Während man früher nur ein Deck hatte, hat man später, als die Schiffe größer wurden, der Tiefe nach, zwei, sogar drei Verdecke übereinander angebracht, wornach die Schiffe Zweidecker und Dreidecker genannt werden. Zu unterst liegt im Schiffe der sogenannte Raum, in welchem sich die Ladung befindet, dann folgt das erste Deck, auch Zwischendeck genannt, welches theils zur Bergung der Ladung, theils für die Passagiere niederer Classcn dient und auf Kriegsschiffen Geschütze enthält. Das zweite Deck, etwa 7 F. höher liegend, ist bestimmt zur Aufnahme besserer Waaren und der Passagiere, welche mehr zahlen, und bei Kriegsschiffen sind auch hier Geschütze aufgestellt. Derselbe Fall findet bei dem dritten Deck statt. Das Verdeck hat stets nach der Mitte zu eine Erhöhung, welche dazu dient, das Wasser abzuleiten und den Rücklauf der Geschütze nach dem Abfeuern zu hemmen. Öfter hat auch noch das Verdeck eine Steigung nach vorn und hinten, und dann sagt man „das Deck springt". Auf dem Verdeck ist der Sammelplatz der Passagiere, der Schiffsmannschaft und der Besatzung, wenn das Schiff ein Kriegsschiff ist, und zugleich der Kampfplatz beim Entern. In neuerer Zeit hat man größere Schiffe der Höhe nach durch gußeiserne wasserdichte Wände in verschiedene Verschläge getheilt, welche durch die Verdecke ununterbrochen hindurch reichen, und man bezweckt dadurch, daß, wenn in irgend einem dieser Verschläge ein Leck springt, derselbe ganz mit Wasser gefüllt werden kann, ohne daß darum das Schiff sinkt, was bei der frühem Anordnung, wo die Decke ununterbrochen durch den ganzen Schiffsraum liefen, nothwendig der Fall war, wenn es nicht gelang, das Leck zeitig zu verstopfen. Deckenmalerei, s. Plafond. Decker (Karl von), prcuß. Generalmajor, bekannt als militairischer und belletristischer Schriftsteller, geb. zu Berlin 1784, wurde bereits im I. 1800 zum Lieutenant ernannt, worauf er nach Warschau zur Reitenden Artillerie in die Compagnie seines Vaters kam, mit der erden Feldzügen von 1806 und 1807 beiwohnte. Unzufriedenheit über das damalige Mi- litairverhältniß veranlaßte ihn 1809 als Rittmeister in das Corps des Herzogs von Braun- schweig-Ols zu treten, dem er nach England folgte. Ausgenommen eine kurze Urlaubsreise Deckfarben Deklamation 109 nach Deutschland, blieb er bis 1813 in England, worauf er als Hauptmann im Gcncral- stabe wieder in prcuß. Dienste trat. Während des Kriegs von 1813 und 1814 nahm er in dem zweiten Kleist'schen Armeecorps sowol an den Schlachten bei Dresden, Kulm und Leipzig, als an den Gefechten in Frankreich Theil, und 1815 bei einer Brigade des ersten Armeecorps angestellt, an dem blutigen und hartnäckigen Kampfe um St.-Amand, an denSchlach- tcn von Ligny und Waterloo. Nach dem Frieden blieb er im großen Gencralstabe; im I. 1817 wurde er Major, 1818 Lehrer an der Artillerie- und Ingenieurschule und 1821 Dirigent einer Abtheilung des Topographischen Bureaus, nachdem ihm im Jahre zuvor der Erbadel verliehen worden war. Ein durch eine persönlich gewordene literarische Streitigkeit ver- anlaßter Zweikamps am 25. Nov. 1822 mit dem Hauptmann Bachoff von Echt, der diesem das Leben kostete, brachte D. die Strafe eines Fcstungsarrests zu Spandau. Später war er mehre Jahre als einer der Examinatoren bei der Obermilitairexaminations-Commission an- gcstellt. JmJ. 1827 wurde er der Gardeartillerie, 1829 als interimistischer Brigadier beider achten Artilleriebrigade aggregirt und 1831 als wirklicher Brigadier zu der ersten versetzt, 1833 Oberstlieutenant und 1835 Oberst, 1841 aber in Disposition gestellt und 1842 zum Generalmajor erhoben. Von seinen zahlreichen militairischen Schriften heben wir als die vorzüglichsten hervor „Die Artillerie für alle Waffen" (3 Bde., Berl. 1816), „Das mili- tairische Aufnehmen" (Berl. 1816), „Ansichten über die Kriegführung im Geiste der Zeit" (Berl. 1817), nach den „(ivnsitierstiono 8ur I'srt cke gnerre" von Rogniat bearbeitet; ferner „Die Gefechtslehre der beiden verbundenen Waffen: Cavalerie und reitende Artillerie" (Berl. 1819), „Versuch einer Geschichte des Geschützwesens und der Artillerie in Europa" (Berl. 1819), „Lesebuch für Unteroffiziere und Soldaten des preuß. Heers" (4. Ausl., Berl. 1836), „Der kleine Krieg im Geiste der neuern Kriegführung" (Berl. 1822), „Bona- partc's Feldzug in Italien" (Berl. 1825), die „Ergänzungstaktik der Feldartillerie" (Berl. 1834), die „Taktik der drei Waffen: Infanterie, Cavalerie und Artillerie" (Berl. 1834) und die „Schlachten und Hauptgefechte des Siebenjährigen Kriegs" (Berl. 1837). Mit Rühle von Lilienstern begründete er 1816 das „Militair-Wochenblatt", welches 1824 dem Großen Generalstab überwiesen wurde, wogegen D. die Erlaubniß erhielt, mit Ciriacy und Blesson die „Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Kriegs" herauszugeben. Auch gab er 1824 in Berlin eine militairisch-topographische Karte des Landes zwischen dem Rhein und der Maas heraus. Seine belletristischen Arbeiten erschienen unter dem Namen Adalbert vom Thale; dahin gehören „Freie Handzcichnungcn" (Berl. 1818), „Geburtstagsspiele" (2 Bde., Berl. 1821—23) u. s. w. Über seine Reise durch die südlichen deutschen Staaten und die Schweiz nach Italien im I. 1839 hat er in den „Mittheilungen einer Reise" (Berl. I84V) ausführlich berichtet. Auch ist er Verfasser mehrer guter Lustspiele, z. B. „Das Vorlegeschloß", „Guten Morgen, Vielliebchen" u. s. w. Deckfarben heißen solche Farben, welche die Fläche des Bildes auf eine Weise decken, daß die bereits vorhandene Färbung dieser Fläche an den Stellen, wo die Deckfarbe aufgc- tragen ist, völlig verschwindet, und es ist demnach für sie ein entschieden körperhaftes Material nöthig. Die Deckfarben stehen den durchscheinenden oder Lasurfarben gegenüber, welche, aus dünnerm Material bereitet, die Grundfarbe oder eine andere bereits ausgetragene Färbung durchblicken lassen. Die verschiedenen Effecte, welche von dem Maler erstrebt werden, bedingen die Wahl der verschiedenen Gattungen der Farben. Deklamation nennt man die kunstgemäße mündliche Darstellung eines in Worte gefaßten Gedankenganzen, und declamiren heißt demnach ein Redeganzes vollendet schön vortragen. Diese Kunst begreift das Recitiren, d. h. den blos verständlichen Vor- trag, als ein Moment in sich; aber es gilt für gewöhnlich der Unterschied, daß bei der Neci- tation etwas als Fremdes mitgetheilt, bei der Declamation aber das Vorgetragene ganz in die Persönlichkeit des Vortragenden ausgenommen wird. Die Foderungen, die an eine wahre Declamation gemacht werden, sind nicht unbedeutend, und namentlich ward schon im Alter- thume, vorzüglich unter den Griechen und Römern, bei denen die Redekunst in so hohem Ansehen stand, auf die Ausbildung derselben die größte Sorgfalt verwendet, und die Declamation machte hier in Verbindung mit der Mimik einen wesentlichen Theil der Musik aus und gehörte so zu den Hauptstücken der Erziehung im Allgemeinen. Die Alten hatten für 5 ^ r . HO Declaration Decompofition die Lehre dieser Wissenschaft eigene K.anggcschlcchter oder Betonungszeichen der Sylben, eine Art unter oder über den Text geschriebener Noten, über deren Umfang und Verhältniß wir etwas Näheres nicht wissen. So viel aber ist zuverlässig, daß der Vortrag , der Redner im Alterthume sich mehr dem Gesänge oder dem heutigen Recitativ näherte. Öfters ließen sie während des Vortrags einen Andern hinter sich treten, der auf einem musikalischen Instrumente von Zeit zu Zeit den Erundton und die vorzüglichsten Abweichungen der Töne angebcn mußte. Auf diese Artbeglcitete der Aulos die Declamation auf der Bühne (s. Cho r), und bei der Aufführung der röm. Lustspiele finden wir für gleichen Zweck tibise llextrue und «inistrue angewendet. Bei der Declamation nun beruht Alles auf den verschiedenen Tonarten oder Grundtönen, deren Wahl durch den Charakter des zu declamirenden Stücks bestimmt wird, und für die man seit Schocher, dem Begründer dcrDeclamatorik, gest. zu Naumburg 1810, gewöhnlich eine oratorische Scala annimmt, welche durch die Vocale u, o, a, e, i bezeichnet wird. Auch hier wird, wie in der Musik, die Stimme in die Büttel-, hohe und tiefe Stimme eingetheilt, um die verschiedenen Tonarten für den jedesmaligen Ausdruck der Gemüthsbewegungen und Leidenschaften zu bestimmen. Außerdem muß auch das Tempo beim Vortrage sorgfältig gewählt werden, womit zugleich die nähere Kenntniß derpoetischenRhythmen in Verbindung steht. Eine Hauptsache aber und offenbar der schwierigste Punkt in der Declamation ist die zu verhältnißmäßiger Auf- und Abstufung erfoderliche Jntension der Stimme, wodurch die tobten Wörter erst Leben erhalten, der Accent (s. d.). Endlich gehört auch die Lehre von derGesticulation (s. d.) hierher, obgleich die Declamation, je reiner ihre Wirkung sein soll und je mehr sie sich in ihrer eigenen Größe zeigen will, desto mehr derselben entbehren kann. Nach der Verschiedenheit der Poesie theilt man übrigens die poetische Declamation in die epische oder erzählende, die dramatische oder darstellende, und die lyrische. An die poetische grenzt die oratorische. Außer Seckendorf's „Vorlesungen über Declamation und Mimik" (2 Bde., Braunschw. 1815—16) ist Falkmann's „Decla- matorik oder vollständiges Lehrbuch der deutschen Vortragskunst" (2 Bde., Hannov. 1836 — 39) das vorzüglichste theoretische Lehrbuch. Declaration, im Allgemeinen Darlegung, nennt man in der Logik gewöhnlich eine vorläufige Angabe der Merkmale eines Begriffs, also eine die Definition vorbereitende Erläuterung desselben. (S. Definiren.) — In der Handelswissenschaft versteht man unter Declaration und Dcclariren das Angeben der Waaren beim Zoll, welchem Zweck<> die DeclarationSscheine dienen. Deklination, d. i. Abweichung, nennt man in der Sprachlehre die Abänderung der Nenn-, Bei-, Für- und theilweise Zahlwörter durch die verschiedenen Casus, um die verschiedenen Verhältnisse der Begriffe, in denen sie stehen, auszudrücken. Es bildet mithin die Declination eine von den vier Arten der Flexion oder Abwandlung, deren die Wertformen überhaupt fähig sind. — In der Naturlehre bezeichnet Declination die Abweichung der Magnetnadel (s. d.)von der Mittagslinie, in der Astronomie die Abweichung (s. d.) der Gestirne von dem Äquator. Decoct, Absud, Abkochung ist der Name einer sehr gebräuchlichen Arznciform, indem man diejenigen Stoffe, die zu hart und fest sind, um auf einem andern Wege ihre medicinisch wirksamen Theile abgeben zu können, dem Processe der Abkochung mit Wasser unterwirft. Solches geschieht mit vielen Pflanzen und auch mit einigen thierischen Stoffen ; seltener mit mineralischen Substanzen, wie z. B. mit dem bekannten Ziltmann'schen Decoct, weil sie in Wasser unauflöslich sind. Will man aus einem Arzneistoffe das ihm inwohnende ätherische Princip durch Wasser Ausziehen, so geschieht dies durch Aufguß oder durch die Infusion (s. d.). Oft werden jedoch beide Processe auch miteinander verbunden, indem man ein fertiges Decoct noch heiß über einen Stoff ausgießt, dessen flüchtige Bestandtheile man dem Wasser einverleiben will, und dann entsteht das sogenannte Jnfuso-Decoct. Die thierischen Substanzen werden der Abkochung unterworfen, um eine Gallerte zu bereiten, welcher man dann oft auch noch andere Arzneimittel zusetzt. Decompofition heißt in der Sprachlehre die Zusammensetzung oder Verbindung von zwei ooer mehren selbständigen Wörtern mit einem einfachen Worte zu einem Begriffe, z.B. Oberhofprediger, wiederaufbaucn u. s. w. Ein so zusammengesetztes Wort nennt man Dekoration Decretalen 111 ein Dekompositum, und die griech. und deutsche Sprache ist vorzugsweise reich an sol- chen Verbindungen.— In der Chemie bezeichnet man mit dem AusdruckDccomposi- tion die Zersetzung oder Auslösung eines Körpers in seine ersten Grundbestandtheile. Dekoration heißt überhaupt jede Ausschmückung, Anordnung und Verzierung irgend eines Gegenstands, z. B- eines Zimmers, eines Concert- oder Ballsaals u. s. w., um ihm ein gefälligeres und zugleich dem besondern Zweck, wozu das Zimmer bestimmt ist, entsprechendes Aussehen zu geben; auch spricht man in diesem Sinne von Ordensdecorationen. Die Decorationskunst hat daher die Aufgabe, die Verzierung in eine geschmackvolle, sinn- und beziehungsreichc Übereinstimmung mit der Bestimmung und der Verzierung des auszuschmückenden Gebäudes zu bringen, eine Aufgabe, die dem Dekorateur, d. h. dem ausführenden Künstler, um so mehr gelingen wird, je mehr Geschmack, technisches Geschick und Jdeenreichthum er besitzt. Im engern Sinne versteht man darunter die Theatermalerei oder vielmehr die Gesammtheit der materiellen auf die Vergegenwärtigung des Örtlichen abzweckcnden Hülfsmittel der Bühne, soweit sie der Malerei unterliegen. Hierzu gehören die Coulifsen, der Grund oder die Gardine, besser Courtine oder Cortine, wodurch am Ende der Bühne die Aussicht geschlossen wird, die Vor- und Ansätze und die Soffiten, welche die Decken bilden. Der Dekorationsmaler muß, um die örtliche Täuschung hervorzubringen, vorzüglich die Linear- und Luftperspective verstehen und die Wirkung des Lichts, namentlich des Lampenlichts, wie die Länge der auftrctendcn Figuren richtig berechnen können. Luxus und Pracht in der Dekorationsmalerei sollten billig nur auf die Oper beschränkt bleiben, da sie im recitirenden Schauspiele den Zuschauer leicht von der Handlung und dem Gedankeninhalt des ausgeführten Drama abzichcn und seine Aufmerksamkeit zerstreuen. Selbst der Schauspieler gewinnt bei einer geschmackvoll einfachen Dekoration, indem er gegen dieselbe in seiner reichen Kleidung desto selbständiger und hcrvortre- tender absticht. Leider hat sich aber, besonders seit Schillcr's „Jungfrau von Orleans" und „Wilhelm Teil", auch in die Darstellung des recitirenden Schauspiels eine Decorations- pracht cingedrängt, welche seinen Gedichten eher hinderlich als förderlich gewesen ist. Ilkvrk8eenlla, rliminuenclo, morencko, smorraittio ist der Gegensatz von Leere e n tl o (s. d.). Dekret, eine Entscheidung oder obrigkeitliche Verordnung, nennt man im engern Sinne eine richterliche oder überhaupt obrigkeitliche Verfügung, welche auf einseitiges Ansuchen der Parteien ergeht, im Gegensätze der Entscheidung nach rechtlichem Gehör beider Theile, dem Bescheide (Erkenntniß, Sentenz oder Urtheil). Das Decret in diesem Sinne wird nicht rechtskräftig, und es sind dagegen also auch eigentliche Rechtsmittel weder nüthig noch zulässig, wol aber einfache Beschwerden (Recurse und Extrajudicalappellationen) nach den Umständen bei den höhern Gerichten oder bei den Vorgesetzte» Regierungsbehörden (den Justizministerien, dem Staatsrathe u. /. w.). — Auch nennt man Decrete solche Befehle der höchsten Staatsgewalt, welche an einzelne Personen und Behörden ergehen, ohne der Form nach Resolutionen auf Anträge und Bitten derselben zu sein, wieAnstellungs-, Entlassungsdecrete u. s. w. Im deutschen Staatsrechte wurden die Erlasse des Kaisers an die versammelten Reichsstände Decrete genannt, und zwar kaiserlich eHofde- rretc , wenn sie aus dem kaiserlichen Cabinet an dieselben ergingen, Eommissionsde- crete, wenn sie vom kaiserlichen Principalcommissarius bei der Reichsversammlung übergeben wurden. Im franz. Rechte pflegt man die königlichen Decrcte mit dem Worte Ordonnanz (s. d.) zu bezeichnen.— Im kanonischen Rechte ist das vecretnm 6 ratisni bekannt. (S. Gratian.) Decretalen (literae äecretales) nennt man päpstliche Entscheidungen vorkommender Fälle, allgemeine Anordnungen, Antworten auf Anfragen u. s. w. Da diese Decretalen in der christlichen Kirche nach und nach großes und zuletzt sogar gesetzliches Ansehen bekamen, so fing man an, sie zu sammeln, und unter vielen solchen bekannt gewordenen ältern Sammlungen sind vorzüglich wichtig geworden: l) Die Sammlung dcsDionysius Lxigmis (s-d.) zu Ende des 5. Jahrh.; 2) die des heil. Isidor (s. d.) von Sevilla, gest. 636; 3) eine mit vielen unechten Stücken erweiterte Sammlung, welche in der ersten Hälfte des S. Jahrh. aus der Gegend von Mainz in Umlauf kam, auf Erweiterung der päpstlichen Rechte berech- ^ e . 112 Decubitus Decurio net war und nach ihrem angeblichen Verfasser, Zsidorus Mercator oder Peccator, die Benennung der Pseudo-Jsidorischen erhalten hat, während ihr wahrer Verfasser noch unbekannt ist, obgleich ihn Eichhorn und nach ihm Thenier in der Schrift f„ve k8cucko- i8nlorisna cgnonmn Collection«" (Bresl. 1827) in Rom suchen, Andere auf den Mainzer Diakonus Benedictus Levita rächen, welcher in seiner Sammlung der fränk. Capitularien diese verfälschte Decretalcnsammlung benutzt hat; 1) die systematische Zusammenstellung Gratian's (s. d.) im 12. Jahrh., das vecretum genannt; 5) die von Gregor lX. veranstaltete Sammlung der päpstlichen Decrctalen von Gregor I. an, gest. 60-1, verfaßt durch Raimund von Pcnnaforte, gest. 1275, welche 1251 zu Paris und 1235 zu Bologna bekannt gemacht wurde; 6) die Sammlung der Decrctalen bis auf Bonifaz VlII., gest. 1303 („läber sextus ckecretalium"); 7) die von Clemens V., gest 1311, erlassenen Decrctalen, welche mit den Schlüssen des Conciliums von Vienne, in der Sammlung der sogenannten Clement inen (s.d.) vereinigt sind; 8) die unter dem Namen der Extra Vaganten (s.d.) zusammengestelltcn Decretalen. Die letzten fünf Sammlungen, in welche aber theilweise auch Concilienschlüffe u. s. w. ausgenommen sind, bilden das Oor;,u8 juri8 canonici (s. d.). Decubitus, Aufliegen oder Durchliefen entsteht, wenn die Stellen des Körpers, wo die Knochen von Natur oder in Folge von Abmagerung nur von der Haut bedeckt sind, einen anhaltenden Druck erleiden. Selten indeß entsteht Decubitus, wenn nicht eine innere, das Leben langsam zerstörende Krankheit vorhanden ist, und man hat ihn daher in der Regel als Zeichen eines allgemein verdorbenen Zustandes anzusehen. Diesem Übel vorzubeugen, ist bei jedem langwierigen Krankenlager die größte Reinlichkeit, öfterer Wechsel der Bettwäsche u. s. w. nöthig; das zweckmäßigste Lager bildet eine Matratze von Roßhaaren und darüber ein Rehfell, die Haarseite nach oben gekehrt. Die verdächtigsten Stellen kann man mit kaltem Wasser waschen und mit Citrone betupfen. Auch ist es von Nutzen, ein Gefäß mit kaltem Wasser, das öfter erneuert wird, unter das Bett zu stellen. Decumatlsche Acker (ckecumates !>gri). Mit diesem Namen, der auf einer Stelle des Tacitus, in der „Oermama" (Cap. 30) beruht und durch zehentpflichtiges Land erklärt wird, bezeichnet man das Land östlich vom Rhein und nördlich von der Donau, welches im I. Jahrh. n. Chr. von den deutschen Stämmen geräumt, von den Römern in Besitz genommen und gegen die Abgabe des Zehnten Einwanderern, namentlich aus Gallien, dann auch röm. Veteranen überlassen wurde. Seine Grenze ward gegen das freie Germanien durch eine Befestigungslinie gesichert, die sich westlich von Regensburg gegen Lorch in Würtcm- berg, von da nördlich über den Neckar und Main bis zum Taunus, dann westlich gegen die Rheinecke bei Bingen und von da auf dem rechten Rheinufer nördlich bis in die Gegend von Köln hinzog. Über die Spuren dieser theils aus Mauer, theils aus Wall und Pfahlgraben bestehenden Befestigung s. Teufelsmaucr. Innerhalb derselben, wo mannichfaltigc Alterthümer, die häufig gefunden werden, noch an die einstige Anwesenheit röm. Einwohner erinnern, gehörte das Land nördlich von der Donau zur Provinz Vindelicien oder Rhätia sccunda, das Land östlich vom Rhein wurde zu Germania superior und inferior geschlagen; im Laufe deS 3. und 1. Jahrh. aber ging es an deutsche Stämme, im Norden an die Franken, im Süden an dieAlemannen (s. d.) verloren. Decurio hieß bei den Römern zunächst der Vorsteher einerD e curie, d. h. einer Abtheilung von zehn Personen; in zehn solche Decurien, nach Niebuhr gleich den gente8, zerfiel in den ältesten Zeiten Roms jede der zehn Curiä, in welche jede der drei alten Tribu s (s. d.) getheilt war; ihr Vorstand führte auch im Kriege die zehn eguit«8 (Reiter), die eine solche Decurie zu stellen hatte, und mit dem Worte Decurio wurde dann später der Anführer einer aus mehr als zehn bestehenden Abtheilung der Reiterei bezeichnet. Auch auf die Richter und auf andere Vereinigungen ward die Eintheilung in Decuriä, die demgemäß ihre Decu- riones hatten, übertragen. Ferner wurden bei den Römern die Mitglieder der Senate in den Municipalstädtcn so genannt, weil jene Senate ursprünglich in Decurien zerfielen. Diesen Decurionen war die innere städtische Verwaltung übertragen, und ihr Amt in der Zeit der Republik und ersten Kaiser mit mancherlei Ehren und Vortheilcn verbunden. Unter deck spätern Kaisern, namentlich seit Konstantin, ward aber ein solches Amt eine drückende Bürde, indem die Decurionen als die Vorsteher der städtischen Gemeinden, für die Erfüllung der Dedicatiott Defenders 113 r n >S n- ch e- >3 », en -) ch r- ckt ne icr >el sct ^a- cn m, lle irt im Lasten, die denselben auferlegt wurde», so z. B. für die Zahlung der Steuern, hasten mußten, und deshalb sogar in der freien Verfügung über ihr eigenes Vermögen beschränkt waren. Daher kam es, daß die Decurionen sich diesem Amte zu entziehen suchten und daß von den Kaisern hinwieder gegen solche Versuche strenge Strafen angeordnet wurden. Dedication (dedicstio) hieß bei den Römern der feierliche Act der Einweihung eines öffentlichen Gebäudes, durch den es dem Schuhe und der Obhut einer Gottheit übergeben wurde. Wir brauchen das Wort jetzt für Zueignung und Widmung von Schriften, Kunst- sachen u. s. w., was früher durch vorangestellte Vorreden und Briefe, wol erst seit dem 18 . Jahrh. durch nach röm. Mustern gebildete Aufschriften geschah. Man beabsichtigt dadurch entweder seinen Dank oder die Hochachtung gegen Jemand auszusprechen oder sich der Beförderung und Unterstützung einer hochgestellten Person zu empfehlen. Deduktion, vom lat. deducere, d. h. herleiten, ableiten, darthun, eigentlich jede Beweisführung, vorzüglich eine ausführliche Darstellung der Gründe einer Sache, weil man dabei die Gewißheit des einen von dem andern ableitet, ist in der Logik eine besondere Art des Beweises; doch weichen die Philosophen in dem Gebrauche dieses Ausdrucks voneinander ab. Einige verstehen darunter einen systematischen Beweis, welcher Etwas aus den höchsten Grundsätzen der Vernunft überhaupt oder wenigstens einer besonder» Wissenschaft ableitet und als in der Grundidee enthalten darstellt; Andere dagegen einen weniger strengen Beweis, oder einen solchen, der einen geringer» Grad der Beweiskraft hat als die eigentliche Demonstration (s. d.). FrieS z.B. nenntDeduction den Beweis aus der Theorie, den Nachweis aus unmittelbaren Thatsachen des Bewußtseins; Demonstration aber den Beweis aus der Anschauung. — In der Jurisprudenz versteht man unter Dcduction die Auseinandersetzung eines RechtspunkteS, welche zwar auch eine mündliche sein kann, aber doch meist in einer Schrift geschieht. Die Deduktionen sind deductioaes iscti, inwiefern sie die Wahrheit einer Thatsache zum Gegenstände haben; deduotiones juria aber, wenn sie das Dasein eines Rechtes betreffen. Im preuß. Proceß werden die Schriften Deduktionen genannt, welche nach aufgenommenem Beweise den Parteien verstattet sind, um theils die Resultate' des Beweises auseinanderzusehen, theils die rechtlichen Folgerungen zu entwickeln (das Hauptverfahren des gemeinen Protestes), was im franz. Proceffc durch das Plaidiren im Endtermin erseht ist. In Staatssachen, selbst in wichtigen Privatangelegenheiten, ist es gewöhnlich, durch ausführliche, oft auch dem Druck übergebene Schriften die Gerechtigkeit seiner Sache der Welt vorzulegen, und diese Deductionen, in welchen oft wichtige historische Punkte mit großer Genauigkeit und Gründlichkeit behandelt sind, machen einen ansehnlichen Theil der juristisch-staatsrechtlichen Literatur aus. Vieles davon ist durch die Auflösung der deutschen Neichsverfaffung zur Antiquität geworden, aber sie enthalten auch häufig interessante Forschungen und Urkunden, welche ohne eine solche Veranlassung vielleicht nie bekannt geworden wären. Defenders nannte sich eine politische Verbindung in Irland, die bis zum Siege Wik- helm's III. über die Irländer am Boynefluß, am 30 . Juni 1688 , zurückgeht und die Aufrechthaltung und Erlangung politischer und religiöser Freiheit in Irland zum Zwecke hatte. Anfangs waren es nur die Häupter der presbyterianischen Partei, welche die Verbindung cingingen; nach jener Schlacht aber traten hauptsächlich die irischen, selbst die gedrückten engl. Katholiken hinzu, um hier Schutz gegen die politische Verfolgung zu suchen. Erst indeß zu Ende des vorigen Jahrh. scheint die Verbindung den obigen Namen und den bestimmten Zweck, Irland vom engl. Joche zu befreien, angenommen zu haben. Sic bildete in dem großen „Vereine der gesammten Irländer" gleichsam den leitenden Ausschuß und hatte an den Aufständen von 1797 —98 den wesentlichsten Antheil. Ein gewisser Reynolds verrieth damals die Häupter des Aufstands, was die Hinrichtung des Lords Fitzgerald zur Folge hatte. Nach dem unglücklichen letzten Versuch, die brit. Regierung zu politischen Concessionen zu zwingen, im I. 1803 , löste sich die Verbindung gleich den übrigen auf, und es ist selbst der Name in Vergessenheit gekommen. Der Geist jedoch und die Zwecke jener Verbindung sind nicht erloschen, sie haben sich von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt und bilden die Elemente, welche O'Connell (s. d.) in die Repealassociation zusammengefaßt hat. Cvnv>-??x, Neunte Ausl. iv. 8 Destniren N-1 Defenflon Defcnsion, s. Verthcidigung. . . Defenssöner hießen zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs in Sachstn die aus Eingeborenen, hauptsächlich zur Vcrthcidigung der Städte, ausgestellten Mannschaften, eine Art Landwehr, die nur zur inncrn Vcrthcidigung des Landes verwendet wurde. Die Defensiv- ncr bestanden aus zwei Regimentern zu Fuß, jedes zu acht Compagnien, und aus zwei Com- vagnien Ritterpferden, anfangs zusammen etwa 16666 M-, und bildeten das stehende Heer des Kurfürsten, vermochten aber, obwol sie im 1.1635 bis auf 56660 M. angcwachfcn waren, selbst in dieser Stärke, unter ihren ungeschickten Führern, nicht, den das Land verheerenden Schweden Widerstand zu leisten. I)eken8vr siulöi, d. h. Beschützer des Glaubens, ist ein Titel der Könige von England, den Heinrich VIII. vom Papst Leo X. für seine Schrift gegen Luther erhielt, in welcher er die päpstliche Gewalt, den Ablaß und die sieben Sacramentc vcrthcidigtc. Dcferiren heißt sowol so viel als bewilligen, z. D. einem Gesuche dcftrircn, als auch so viel als antragcn. In letzterer Beziehung wird cs hauptsächlich von dem Anträgen oder Zuschicken des Eides im Civilproceß gebraucht, daher Eidcödclativn. (S. auch Delator cs.) Deficit, d. h. cs fehlt, ist ein Ausdruck, der besonders bei dem Staatshaushalte Bedeutsamkeit gewinnt, wo er den Ausfall zwischen der Einnahme und Ausgabe des Staats bezeichnet, um dessen Betrag die crstere zu gering ist, und der daher in der Regel durch Anleihen oder sonstige außerordentliche Maßregeln gedeckt werden muß. Dcflle oder Engpaß nennt man einen schmalen Weg, der von den Truppen nur mit kleiner Fronte durchzogen werden kann, wie z. B. Bcrgschluchten, dicht verwachsene Waldungen, Dämme zwischen Teichen und Sümpfen, Brücken über breitere Flüsse, Dörfer, die nicht zu umgehen sind, u. s. w. Je länger ein solcher Weg ist, um so schwieriger wird es, den Durchgang zu erzwingen, den jenseit mit Geschütz und Truppen stehenden Feind zu aertreibcn, der durch eine zweckmäßige Aufstellung des erstcrn das Herauskommen verwehren kann. In engen Gebirgsthälern ist cs aber nicht hinreichend, die Dc'file's durch Verschan- zungen abzuschneiden, man muß auch die anliegenden Berge bewahren, damit keine Umgehung stattfinden kann, denn das Umgehen ist oft das einzige Mittel, den Durchgang ohne übermäßigen Verlust zu erzwingen. — De'file'gefechte spielen weniger im Schlachten- als im Postenkricge eine wichtige Nolle. Es gibt dreierlei Arten, ein De'file zu verthcidigen, indem man sich entweder vor, hinter oder in demselben aufstellt. Eine Ausstellung hinter dem De'file in angemessener Entfernung, sodaß man den Ausgang oder das Dc'bouchc unter wirksamem Feuer hat, ist die üblichste. Eine Aufstellung >m De'file selbst findet statt, wenn dasselbe sehr lang und sonst geräumig ist. Vor das De'file stellt man sich nur, wenn keine andere Aufstellung möglich ist und der Kricgszwcck durchaus die Festhaltung des Dc- file'S erheischt, wie z. B. 1814 bei Montercau. Aber auch der Angriff von De'file'en, wenn er in der Front geschehen muß, ist eine der blutigsten Aufgaben im Kriege. Defilörnent nennt man die Bestimmung der Wallhöhe und Lage einer Verschm- zung, um ihren inncrn Raum gegen die feindliche Bestreichung zu sichern. Dieses Verfahren, das Defiliren genannt, war zwar.schon den alten deutschen Kriegsbaumeistern bekannt, fand aber erst in der neuern Zeit durch franz. Ingenieurs eine theoretische Bearbeitung. Defiliren heißt in schmaler Front vor einer hohen Person in Parade Vorbeimarsch!- ren, und es kann solches sowol in geschlossener wie in offener Colonne geschehen. Dcfimren heißt im weitern Sinne erklären, de» Inhalt eines Begriffs klar machen (s. Erklärung), dann insbesondere die Grenzen eines Begriffs genau bestimmen oder die wesentlichen Merkmale desselben deutlich angeben (Definition). Der Gegenstand, welcher auf diese Weise deutlicher gemacht werden soll, heißt dasDefinitum. Die Merkmale Dessen, was definirt wird, sind theils solche, die cs mit andern Gegenständen gemein hat, theils eigen- thümliche. Soll dieDefinition eine genaue Angabe der Grenzen eines Begriffs sein, so muß sie nicht nur die Gattung, unter welcher derselbe steht, oder das gemeinschaftliche Geschlechtsmerkmal, sondern auch das eigenthümliche Merkmal, welches den Begriff von andern seiner Gattung unterscheidet, genau und deutlich angeben. Eine richtige Definition darf daher weder zu weit noch zu eng sein, d.h. weder einen großem noch einen kleinern Umfang bezeichnen, als Deflexion des Lichts Deformitäten a15 dem zu dcsinicenden Begriff zukommt; auch nicht das zu Definirendc unmittelbar oder mittelbar wiederholen. Dieser Fehler heißt Cirkcl oder Diallelc. (S. Beweis.) Die Definition wird analytisch genannt, wenn ein vorhandener Begriff durch dieselbe nur in seine Merkmale aufgelöst und vollständig dargestellt wird, und synthetisch, wenn durch Verbindung jener Arten von Merkmalen ein deutlicher Begriff erst erzeugt wird. Synthetische Definitionen können zugleich genetisch, eigentliche Sacherklärungen (ciellnition«, reales) sein, wenn sie einen Begriff in seinem Zusammenhänge mit der Erkenntnißquelle zeigen, aus welcher er entspringt und in Beziehung aus welche er seine Gültigkeit hat, während Namcnerklarungen (ckellmtinnes nominales) streng genommen bloße Gleichsehungen verschiedener Ausdrücke sind. Die bloße Beschrei bung (s. d.) eines Begriffs unterscheidet sich dadurch von der Definition, daß in ihr nur einige Merkmale angegeben werden, die aber noch nicht hinreichend sind, den Gegenstand von allen andern Dingen derselben Gattung zu unterscheiden, oder daß der Begriff an einem coucreten Falle dargestellt wird. Deffexion des Lichts, s. Jnslexion des Lichts. Defoe (Daniel), als politischer Schriftsteller seiner Zeit von Bedeutung und von nachdauerndem europ. Nus als Verfasser des Robinson (s. d.), geb. 1663 in London, der Sohn eines Fleischers und eifrigen Dissenters, trat bereits in seinem 21. Jahre mit seinem „'I'reatise sgsinst tbe 'I'urks" als Schriftsteller auf, obschon er sich eigentlich für den Handel bestimmt hatte. Bald in die politischen Parteien seiner Zeit und in den Aufstand des Herzogs von Monmouth verwickelt, entging er doch glücklich der Gefahr und betrieb darauf in London schriftstellerische Arbeiten und Handelsgeschäfte. Aber unglücklich erst als Noßhandler, dann al§ Ziegelsabrikant, mußte er einen Vergleich mit seinen Gläubigern treffen ; doch leistete er denselben später volle Zahlung. Seine Satire ,,1'lie trne dorn Rng- iisliman" (17ÜI), worin er bewies, wie thöricht es sei, wenn ein Volk, das selbst eine Mischung verschiedener Stämme sei, König Wilhelm als einen Fremden verwerfen wolle, fand großen Beifall. Als er aber 1702, wo die bischöfliche Kirche feindliche Gesinnungen gegen die Dissenters ankündigtc, in der Schrift ,/I'ire sllertest vra^ rvitlr rl>e rlissenters" gegen jene auftrat, ward er vom Parlament als Aufwiegler zu Prangerausstcllung, Geldstrafe und Ge- fängniß verurtheilt. Er ertrug die Schmach mit Gleichmuth und schrieb eine Hymne auf den Pranger. Sein Werk „De jure üivino" (1706) war eine Satire gegen die Lehre vom göttlichen Herrscherrecht. Unter der Königin Anna bei den Unterhandlungen über die Union zwischen Schottland und England gebraucht, deren Geschichte er spater schrieb, ward er nach der Thronbesteigung des Hauses Hannover, dessen Ansprüche er verfochten hatte, der politischen Schriftstellern müde und trat, nachdem er 1714 eine moralische Schrift, „Tke kllinil)'instructor", die er später, 1722, in der „Religion» courlslnp" fortsetzte, her- ausgegebcn hakte, 1719 mit seinem bekanntesten Werke, „Hie lile and stränge »urprisinz Sllventure, okRobinson Lrusoe ok Vorlr", hervor, ein Werk, das fast in alle europ. Sprachen überseht ist. Ermuntert, ließ er mehre ähnliche Abenteurergeschichten folgen, z. B. „Oaptain 8ingleton"„ Roxolsnu", die aber längst vergessen sind. Außer vielen andern Schriften, namentlich auch über Handel, ist noch seines witzigen Buches „Rolitiosl bistorx oktbe tievil" (1726) zu gedenken. Er starb im Apr. 1731 zu Londbn. Deformitäten entstehen durch Krankheiten des Bildungstriebs im organischen Körper. Es hat dieser Thcil der organischen Thätigkeit, wenn eine Deformität sich zeigt, entweder das zu seinen Verrichtungen Erfodcrliche unregelmäßig vertheilt, oder er ist nicht genug unterstützt worden, um seine Aufgabe, die Bildung eines ganzen Körpers oder eines einzelnen Organs, lösen zu können. Deformitäten können also nur bei organischen Körpern Vorkommen und sind ebenso nothwendige Erzeugnisse bestimmter Naturgesetze als die Kry- stallisationcn der anorganischen Welt. Sie sind thcils angeboren theils im spätem Leben erworben. Die erste Elaste bilden die sogenannten Misgcburten (s. d.); die der zweiten Elaste entstehen in Folge innerer Krankheiten, wie Knochenverkrümmungen durch Nha- chitis, oder durch mechanische Verletzungen und die diesen folgenden Heilbestrebungen der Natur. Manche Deformitäten beeinträchtigen das Leben durch Hemmung vitaler Functionen, andere machen nur mehr oder weniger leichte Beschwerden, noch andere verhalten sich in 116 Defraudation Degerando Hinsicht auf das Wohlbefinden des Organismus, in welchem sie sich finden, gänzlich indifferent. JmPflanzenreiche finden ganz dieselben Verhältnisse der Deformitäten statt wie un Thicrreiche. Defraudation, wörtlich so viel als Betrug, pflegt man sowol die Veruntreuung der Beamten in Bezug aus fiscalische Gelder zu nennen, als auch die Hinterziehung von in- directen Steuern, daher z. B. Zolldefraudation. Desterdar, der Titel des Finanzministcrs der Pforte, kommt von dem im Persischen und Türkischen gebräuchlichen Worte De ft er her, welches das öffentliche Steuerregister bezeichnet, und für welches eine von der gewöhnlichen türk. Kanzleischrist verschiedene Schriftart sowie andere' als gewöhnliche Zahlzeichen im Gebrauch lind. Der Desterdar, im Persischen Defterbed, ist einer der türk. Großwürdenträger, dem, mit Ausnahme bcs kai- serlichen Privatschatzes, der unter dem Kasnadar-Baschi steht, das ganze Finanzwesen des vsman. Reichs, die Erhebung aller Gefälle und Steuern, die Auszahlung aller Besoldungen und Ausgaben, die Verwaltung aller Lehen und Staatsgüter untergeben sind. Die Kanzlei des Defterdars, dem zwei Unterdefterdars zur Seite stehen, wird Defterchan genannt und ist in mehre Bureaus eingetheilt, an deren Spitze die Chodschagans stehen. Degarmren heißt eine ausgerüstete Festung ihres Geschützes und ihres Mund- und KriegsvorrathS entledigen, um sie dem Feinde zu übergeben, oder aus Mangel hinreichender Vertheidigungsmittel zu verlassen, in welchem Falle man auch bisweilen die Wälle und Vertheidigungswerkc zerstört. Degenfeld, ein altes sreiherrliches Geschlecht, welches aus der Schweiz stammte und bei- seiner Übersiedelung nach Schwaben um 1280 von der Herrschaft Degenfeld an der Lauter unweit Schwäbisch-Gmünd seinen Namen erhielt. Historisch merkwürdig aus diesem Geschlechts ist Christoph Mart. vonD., der im Dreißigjährigen Kriege unter Wallenstein und Tilly, dann in den Niederlanden unter Spinola, hierauf unter Gustav Adolf kämpfte und seine- Eifers und seiner Treue wegen, womit er Schweden und Frankreich diente, zuletzt zum Generalobersten der ausländischen Truppen ernannt wurde. Im I. > 643 ging er jedoch in den Dienst der Republik Venedig über, stritt hier als General der Cavalerie rapfer gegen Papst Urban VM. und die Türken und zog sich endlich auf seine Güter in Schwaben zurück, wo er 1653 starb. — Seine Tochter, Maria SusannaLoysa,Nau- gräfinvonD., kam noch sehr jung an den Hof des Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz und ward Hoffräulein bei dessen Gemahlin Charlotte, einer geborenen Landgräfin von Hessen-Kassel. Die Ehe des kurfürstlichen Paars war nicht glücklich. In demselben Grade, als die Kurfürstin durch kaltes, stolzes Benehmen das Herz ihres Gemahls von sich entfernte, fühlte der Kurfürst von der Schönheit, dem Geiste und der Anmurh des Fräuleins sich angezogen. Es entspann sich zwischen beiden Liebenden ein lat. Briefwechsel, der, nach verschiedenen heftigen Scenen zwischen der Kurfürstin und ihrem Gemahle, bei welcher Gelegenheit die Kurfürstin sogar den Versuch machte, das Fräulein zu erschießen, mit der Trennung (wiewol nicht förmlichen Scheidung) des kurfürstlichen Paars endigte. Am 15. Apr. 1657 ließ sich der Kurfürst die Freiin öffentlich an die linke Hand antrauen. Später erhielt sie mit Zustimmung aller Agnaten und kaiserlicher Bestätigung den Titel einer Rau- gräsin. Sie lebte mit ihrem Gemahle in der glücklichsten Ehe, starb im Wochenbette mit dem vierzehnten Kinde am 18. März 1677 und wurde mit großer Pracht zu Manheim bestattet. Vgl.Lipowsky, „Karl Ludwig, Kurfürst von der Pfalz und Maria Susanna Loysa, Raugräfin von D." (Sulzb. 1824) und „Frcdegunde oder Denkwürdigkeiten zur geheimen Geschichte des hannöv. Hofs" (Berl. 1825). Degerando (Jos. Marie, Baron von), bekannt als philosophischer Schriftsteller sowie als Stifter vieler nützlicher Anstalten, wurde am 29. Febr. 1772 zu Lyon geboren, wo sein Vater Baumeister war. Nachdem er seine Studien vollendet hatte, ging er 1797 mit seinem Jugendfreunde Camille Jordan nach Paris und, als dieser nach dem 18. Fructidor geächtet wurde, nach Deutschland, wo er als gemeiner Soldar in die Armee Maffena'S trat. Während dieses Feldzugs schrieb er seine erste von der Akademie gekrönte Abhandlung, welche er später in seiner Schrift „Des siFnes et urs norinsl lies instituteurs prinmires" (Par. 1832). Unter seinen übrigen Schriften erwähnen wir noch seiner Schrift „Du perlectionnement morul eu Oe i'e- llncstion lle soi-meme" (2 Bde., Par. 1823 und öfter; deutsch von Schelle, 2 Bde., Halle 1829), seiner „Institution? llu llroit sliministrstis" (2 Bde., Par. 1835; 2. Aust., 1832), der „Lllucstion lies «onrüs muets 6e müssgnce" (2 Bde., Par. 1827) und seiner Abhandlung „Oes proper lle I'inllustrie" (Par. 1831). Seine großen Verdienste blieben auch nach der Restauration nicht ohne Anerkennung von Seiten der Negierung. Er wurde zum Pair erhoben und starb am 12. Nov. 1832 als Vicepräsident des Staatsraths. Deggendorf, eine Stadt im bair. Kreise Nicderbaiern, in der Nähe der Einmündung der Isar in die Donau, über welche eine hölzerne Brücke führt, hat mehre Kirchen und Hospitäler und zählt etwa 2600 E-, welche Töpferei und Leinweberei, Obst- und Gartenbau und lebhaften Handel mit Leinwand, Garn, Töpfergeschirr, Garten- und Hülsenfrüchtcn sowie mit Vieh treiben. Besonders merkwürdig ist sie als Wallfahrtsort, indem die Kirche zur Gnade oft von mehr als 30000 Pilgern besucht wird. In der Nähe liegt das Bcrg- schloß Natternberg, welches eine reizende Aussicht über die benachbarten Gegenden darbictet. Dego, ein Dorf an derBormida in der Piemont. Provinz Acqui des Königreichs Sardinien, mit etwa 1700 E., ist historisch merkwürdig durch den Sieg, welchen hier Bonaparte, als Obergencral des ziemlich desorganisirten sranz. Heers, am 13. und 13. März >796 über die vereinigte östr. und sard. Armee unter Beaulieu und Colli erfocht. Degradation bezeichnet die Entsetzung von einer Würde, besonders im Kirchenrcchtc die gänzliche Entsetzung von dem geistlichen Amte. Daß die Degradation die sogenannte Reduction des Geistlichen zum Laienstande in sich schließe, also die Aufhebung der ertheilten Weihe sei, bezweifeln einige Kanonisiere mit Beziehung auf den unauslöschlichen Charakter, den die Ordination (s. d.) eindrückc. Katholische wie evangelische Geistliche könnendem weltlichen Gerichte nicht eher zu crimineller Bestrafung übergeben werden, bis sie degradirt sind. Die Degradation erfolgt unter gewissen Feierlichkeiten, welche damit schließen, daß dem Schuldigen die Amtskleidung Stück vor Stück abgenommen wird. Auch ohne daß ein criminelles Verbrechen vorliegt, kann Degradation erfolgen, um ein unwürdiges Mitglied vom Lehramte zu entfernen; doch wird sie dann gewöhnlich nicht durch einen öffentlicher Act vollzogen. — In dem Kriegsrechte versteht man unter Degradation die Strafe, durch welche ein Soldat, der ein Verbrechen begangen, von einem höher» auf einen niedere' Gra^ herabgesetzt wird. Die Degradation fand im Dreißigjährigen Kriege und einige Zeit nachher auch bei den Offizieren statt, wie noch gegenwärtig bei dem ruff. Heere theils aus bestimmte kurze Zeit, theils auf unbestimmte Zeit. Bei allen andern europ. Truppen ist sie als eine den Offizier zu sehr herabsetzende Strafe abgeschafft und nur noch für Unteroffiziere beibehalten. In Preußen werden gemeine Soldaten wegen grober Vergehungen in die zweite Classe degradirt, des Nationalzeichens und der Kriegsdenkmünzc beraubt, der Bestrafung durch Stockschläge unterworfen, und nur mit ausdrücklicher Bewilligung des Kö nigs können sie wieder in die erste Classe rücken. Ähnliche Einrichtungen finden auch in mehren andern Staaten statt. Dehnbarkeit nennt man die Eigenschaft fester Körper, ohne Aufhebung des Zusam rnenhangs eine bleibende Verlängerung in der Richtung einer Hauptdimension zu gestatten, wobei sich natürlich die übrigen Dimensionen entsprechend verjüngen und häufig auch die ganze Masse eine Verdichtung erfährt. Sie ist durchaus nicht zu verwechseln mit derEla - sticität (s. d.), da es bei Bestimmung der Dehnbarkeit auf bleibende Dehnung ankommt, 118 Dei Deich also eigentlich die Dehnbarkeit erst da angeht, wo die Elasticität aufhört. Sehr elastische Körper können wenig oder gar nicht dehnbar sein, und umgekehrt. Andererseits ist es auch nicht richtig, wenn man die Dehnbarkeit dadurch messen will, daß man die größte Verlängerung bestimmt, wclchsein Körper auShalten kann, ohne zu zerreißen, da dies schon ein mit der Festigkeit oder Cohäsi on (s. d.) zusammenhängendes Verhältniß ist. Die eigentlichen Maße der Dehnbarkeit sind einestheils die Dünne der Drähte, Fäden oder Bleche und Blätter, zu welchen man einen Körper auszudehnen im Stande ist, unbekümmert, ob dies noch so allmälig und langsam geschieht, und zweitens kommt cs auf den Widerstand an, welchen man hierbei erfährt. Vorzüglich wichtig ist die Eigenschaft der Dehnbarkeit bei Metallen, da zwar Glas, Harz u. s. w. in der Wärme auch dehnbar sind, aber doch nur bei den Metallen davon technische Anwendung gemacht wird. Die Dehnbarkeit gesponnener Fäden ist diesen nur als Aggregat einzelner Haare oder Fädchen eigen, nicht ihrer Substanz an sich. Übrigens unterscheidet man bei den Metallen die eigentliche Dehnbarkeit, d.h. das Vermögen, sich zu feinen Drähten ziehen zu lassen, von der Streckbarkeit oder dem Vermögen, sich unter dem Hammer und zwischen Walzen zuSchienen undBlechen strecken zu lassen. Jncrsie- rer Beziehung folgen sich die technisch wichtigen Metalle so: Platin, Silber, Eisen, Kupfer, Gold, Zinn, Blei; in der zweiten aber so: Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Blei, Platin, Eisen. Dei hieß seit 1600—1830 das Oberhaupt der den Naubstaat Algier beherrschenden Janitscharenmiliz, neben dem anfangs noch ein von der Pforte ernannter Pascha die eigentliche Regierung des Landes zu besorgen hatte. Seit 1710 hörte jedoch die Pforte auf, einen besondern Pascha zu ernennen und ertheilte diese Würde dem jedesmaligen Dei, dessen Bestätigung ihr zukam. (S. Algier.) Die Deis wurden durch die Wahl der algicrer Janit- scharcnmili; ernannt, bei der eS sehr tumultuarisch hcrging, indem der ganze Wahlmodns darin bestand, daß Jeder der vor dem Palaste versammelten Janitscharen den Namen eines ihm beliebigen Candidaten nannte, und in diesem Schreien, den Namen beibchaltend oder wechselnd, fortfuhr, bis sich eine Mehrheit für einen der Bewerber entschieden hatte. Wollte sich die Minderkeit nicht unterwerfen, so kam es häufig zu Blutvergießen, und nicht selten ward der Gewählte bald wieder von der Gegenpartei ermordet; ja einmal geschah es, daß sieben Deis hintereinander gewählt und gleich wieder ermordet wurden. Der Neugewählte, der, wenn ihm sein Leben lieb, zur Annahme der Würde gezwungen war, wurde auf den Thron gesetzt, mit dem Ehrenkaftan bekleidet und mußte dann den Eid leisten, indem er vorzüglich beschwor, für die regelmäßige Bezahlung der Janitscharen zu sorgen, worauf ihm sämmtliche Offiziere der Miliz und Beamten die Hand küßten. Ein solcher Regierungswechsel war gewöhnlich mit vielen Hinrichtungen verbunden,»durch welche der Ncugewählte seine Gegenpartei zu schwächen suchte. Trotzdem waren die Negierungen der Deis selten von langer Dauer, und die Mehrzahl starb keines natürlichen Todes. Denn vbschon der Dei durch kein Gesetz am grausamsten Despotismus gehindert war, so war er doch der Sklave seiner oanirscharen, in deren Willen er sich fügen mußte, und die in ruhigen Zeiten durch eine» ihm zur Seite stehenden Divan, sonst aber durch Aufruhr und Mord seine Macht beschränkten. Der Name Dei wird auf verschiedene Weise erklärt. Sich selbst nannten die Deis Mali (Gouverneur), Beglerbeg (Fürst der Fürsten) und Seriasker (Oberbefehlshaber). ' Deich, im Holländischen äijk, wird ein wohlverwahrter Erdwall oder Erdaufwurf genannt, welcher zur Sicherheit des hinter ihm liegenden Landes angelegt ist, um das über das gewöhnliche Gestade des Meers oder der Flüsse hinaufsteigende Wasser abzuhalten und damit Überschwemmung oder Wegreißcn des Landes zu verhüten. Die Böschung der Deiche nach der Landseite zu wird die Landabdachung, die nach der Wasserseite zu die Wasserab- dachung, das Land vor jener Binnenland, das vor dieser Butenland genannt. Nach der Lag« am Meere oder am Flusse unterscheidet man See- und Flußdeiche; letztere zerfallen in Winter- und Sommerdeichc. Jene sollen das höchste, diese das hohe Sommerwasser von dem Binnenlande zurückhaltcn. Zuweilen wird vor dem Deiche so viel Butenland angcsetzt, vaß man auf demselben einen zweiten Deich erbauen kann, worauf dann der ältere den Na- menSchlaf-, Sturm- oder Ruckdeich erhält. Binnen-oder Landdeiche werden angelegt, um den Hauptdcich vor Überschwemmung von der Landseite her oder das Binnenland beim möglichen Durchbruch desselben zu schützen. Da in Beziehung auf die Deiche Deidarnia Deimatt 119 wichtige Rechte und Verbindlichkeiten Vorkommen- so gibt es ein besonderes Deichrecht, welches über die rechtlichen Verhältnisse, die in Hinsicht der Deiche eintreten, handelt. Die Hauptquellen desselben sind die Dcichordnungcn oder Deichgesehe der Länder, wo große Deiche angelegt sind,sie gingen großcntheilS aus altem Gewohnheitsrechte hervor und dieses bildete sich schon früh, vorzüglich in den Gegenden der Ost- und Nordsee; auch der Sachsenspiegel gedenkt scharr desselben. Als Hauptgrundsatz des Deichrcchts gilt: Zeder ist zur Erhaltung eines Deichs verbunden, dessen Grundstück durch die Überschwemmung eines austreten- dcn Wassers leiden würde, mithin auch nokhwendiges Mitglied eines Dcichbandcs, d. i. der Verbindung, welche unter Gemeinden und Einzelnen besteht, die zur Erhaltung der Deiche und Sichten verpflichtet sind, sobald eine Genossenschaft der Art vorhanden ist, und der Landesherr kann befehlen, daß sich eine solche bilde. Dieselbe wird zwar gewöhnlich als bloße Gesellschaft (snciotas) behandelt, doch erscheint sie richtiger als eine deutsch rechtliche Corporation. Die Dcichlast oder die Verbindlichkeit, den Deich zu erhalten, welche den Deichgenosscn oder Deichbandsgcnossen obliegt, ist eine Neallast, was schon das alteSprüch- wort: Wer nicht will deichen, der muß weichen, andeutet. Von der Deichlast findet keine Ausnahme statt, wenn sic nicht durch anerkannte Privilegien bestätigt wird. Grobe Nachlässigkeit in der Abtragung der Deichlast begründet das Spadenrecht, nach welchem in solchem Falle ein Grundstück, auf welchem die Deichlast haftet, nach einem gewissen Termin sub basta verkauft werden kann. Bei außerordentlichen Fällen tritt die außerordentliche Deichlast oder Nothhülfe ein, welche darin besteht, daß alle fähige Bewohner eines Bezirks zu Hülfe aufgefodert werden können, damit das Wasser nicht durchbreche. Nicht immer liegt nach den Dcichrechten Denjenigen eine Entschädigung ob, die durch Aufopferung eines speciellen Eigenthums oder durch dessen Beschädigung gewinnen. Die Ver- thcilung der Deichlast aber geschieht entweder so, daß jedem Bundesgenossen ein bestimmter Deichanthcil (Gabel) zur Erhaltung angewiesen, oder daß der Deichbau als gemeinschaft- liehe Sache betrieben wird; Letzteres nennt man den Communfuß, nach welchem überhaupt größere Unternehmungen betrieben werden. Auf den Fall, daß der Deich wegen Gewalt des Wass»s weiter landeinwärts angelegt wird, sind die Eigenthümer, auf deren Ländereien der neue Deich angelegt wird, berechtigt, Schadenersatz zu fodern. Alle Anleihen, die zur Erhaltung des Deichbaus gemacht werden, sind bevorrechtet und werden nach Particular- rechten in Concurs in die erste Elaste gesetzt. Streitigkeiten, die über Deichangelegenheiten entstehen, werden vor einem besonderii Gericht, dem des Deichgrafen oder obersten Aufsehers und Richters in Sache» des Deichbaus, und den Deichgeschworenen, die ihm als Schöppen beigcordnet sind, entschieden. Von diesen Personen wird auch von Zeit zu Zeit, namentlich im Frühjahr und Herbst (Vor- und Nachschau) eine Untersuchung des Deichs, Dcichschau genannt, angestcllt. Vgl. Dämmert, „Deich - und Strombaurecht" (Hannvv. I8l6). Detdamia hieß die Tochter des Königs Lykomedes von der Insel Skyros, mit welcher Achilles (s. d.), während er sich bei ihrem Vater in Frauenklcidern verborgen hielt, den Pyrchus (Neoptolemus) zeugte. — Deidamia, die Tochter des Bellerophonles, war die Gemahlin des Evander und Mutter des Sarpcdon. Lei Arstitt, d. h. von Gottes Gnaden, fügten aus mehren apostolischen Äußerungen, z. B. I Kor. IS, lv, zuerst die Bischöfe auf der Kirchenversammlung zu Ephesus im J. 431, später auch Äbte und Äbtissinnen, ja sogar Mönche und Kaplane, als ein demüthigcs Bckenntniß der Abhängigkeit vom höchsten Wesen, ihren Titeln in Briefen und Urkunden bei. Nach der Mitte des l 3. Jahrh., als der Papst allmälig für den Statthalter Christi auf Erden zu gelten ansing, schrieb sich die hohe Geistlichkeit „Von Gottes und des apostolischen Stuhls Gnaden" (Ilei et spostolicae seelis gratia). Seit den Zeiten der Karolinger bedienten auch weltliche Fürsten sich der Formel I)ei geatia, doch erst im 15. Jahrh. betrachtete man sie als nur Denjenigen zugehörig, welchen unumschränkte Gewalt über ihre Un- terthanen zustand. Während noch im vorigen Jahrh. kleine Fürsten vom Kaiser die Erlaubnis nachsuchten, sich dieser Formel bedienen zu dürfen, haben sie in neuerer Zeit mehre größere Staaten fallen lassen. Deiman (Jan Diederich), ein gelehrter Holland. Tbeoloa und ausgezeichneter Prediger, 120 Deinhordstein dcr erste Begründer einer freier» theologischen Lehrart in der protestantischen Kirche Hollands, geb. zu Hagen in Ostfriesland am9.Apr. >732, studirte zu Halle bis >753 und lebte dann längere Zeit als Candidat in seiner Heimat, indem die dichterischen Versuche, die er herausgab, ihm nicht zur Empfehlung bei einer Anstellung gedient' zu haben scheinen. Nachdem er aber 1763 die Prcdigerstclle zu Zierikzee erhalten und man sein Prcdigertalcnt kennen gelernt hatte, ward er schon im nächsten Jahre als Prediger nach Zwoll, >776 nach Utrecht und >776 nach Amsterdam berufen. Ungeachtet dcr Anfechtungen und Verketzerungen, die er von seinen altern Amtsgenossen erdulden mußte, ging er unbefangen auf dcr einmal betretenen Bahn fort und predigte die freiern Ansichten vom Christenthum, die er in Halle sich zu eigen gemacht hatte. Thätig in seinem Amte bis wenige Tage vor seinem Tode, starb er am 6. Apr. >783. Außer mehren Holland. Übersetzungen berühmter Werke deutscher Theologen schrieb er auch eine „Xatecketisclie ganlenIinA tot Oe keriniz Oer ckristelislce leere" (Utr. 1772; 3. Ausl., Amst. >783).— Sein Bruder, I a n R u d. D-, als Arzt, Chemiker und Physiker von großen Verdiensten, geb. zu Hage, einem Dorfe in Ostfriesland, am 29. Aug. 1713, erlernte mit Unterstützung seiner zwei altern Brüder zunächst die Apothekerkunst und studirte dann ebenfalls zu Halle Medicin. Nach Erlangung der Doktorwürde begab auch er sich nach Holland und ließ sich 1770 zu Amsterdam als praktischer Arzt nieder, wo er sich allmälig einen wohlbegründeten und allgemeinen Ruf erwarb. Seine tiefen Einsichten, seine scharfe Diagnose und seine naturgemäße Methode ließen ihm die schwierigsten Euren gelingen. Trotz seiner überhäuften Geschäfte trieb er auch die verwandten Zweige seiner Wissenschaft mit großem Erfolg. In der Gesellschaft 6<>nc»r0is et libertste, deren Mitglied er war, hielt er eine Menge interessanter Vorträge, die auch in Zeitschriften gedruckt wurden. Deine „Medicinischen Versuche und Beobachtungen über die günstige Wirkung der Elektricität bei verschiedenen Krankheiten" (>779; deutsch von Kühn, Kopenh. >793), die Preisschrift „Über den Nutzen der Bäume und Pflanzen zur Reinigung der Luft" (>780) und „Über den Nutzen und Schaden der Chinarinde" (>785), welcher die Königliche Gesellschaft für Medicin zu Paris den Preis zuerkannte, gründeten seinen literarischen Ruf. Außerdem bereicherte er die Physik und Chemie mit vielen neuen Entdeckungen, die ihm einen ehrenvollen Platz unter den größten Physikern sichern. Nicht minder erwarb er sich dadurch, ein nicht geringes Verdienst, daß er zuerst Holland mit der Kant'schen Philosophie bekannt machte. König Ludwig von Holland wählte ihn zu seinem Leibärzte und schätzte ihn außerordentlich hoch. Er starb am 25. Jan. >808. Deinhardstcin (Ludw. Franz), als Bühnendichter bekannt und beliebt, wurde >789 zu Wien geboren, wo er seine Studien machte, sodann an der Theresianischen Ritterakademie, nachher an der Universität ästhetisch-literarische Vorlesungen hielt und >832 an die Stelle des Dramaturgen Schreyvogel das Amt als Hoftheatersecretair übernahm. Später wurde er Censvr und Vicedirector am Hofburgtheater. Seine Stücke, meist wenig umfangreich, gefielen durch ihre Herzlichkeit, gebildete Sprache und ihr geschicktes, ganz auf die Bühne berechnetes Arrangement. Obgleich sie auf eine tiefere poetische Auffassung des Stoffs und originelle Erfindung wenig Anspruch haben, so zeichnen sich doch einzelne durch sinnreiche Wendung und Durchführung aus. Auch steht ihm im Verse eine große Gewandtheit zu Gebote. Bereits > 828 erschienen von ihm „Dramatische Dichtungen" (Wien), die wenig Bedeutendes, unter Anderm auch dar matt sentimentale dramatische Gedicht „Boccaccio" enthalten. Besser schon sind die in seinem „Theater" (Wien >827) enthaltenen kleinen Stücke, darunter das anmuthig launige kleine Lustspiel „Die verschleierte Dame", „Floretta" und das Künstlerdrama „Das Bild der Danae". Einzeln erschienen das Lustspiel „Ehestands- quälen" (Wien >820) und „Erzherzog Maximilian'- Brautzug", ein dramatische- Gedicht nach dem Theucrdank (Wien >832). Am meisten gefielen auf der Bühne „Hans Sachs" (Wien >829), welches in zweiter Auflage mit noch andern Stücken vereint den zweiten Theil seines „Theater" (Wien >833) bildet, und das auch in das Englische übersetzte Lustspiel „Garrick in Bristol" (Wien >831). Als lyrischer Dichter ist D. anmuthig; etwas oberflächlich dagegen als Reiseschriftstcller in seinen „Skizzen einer Reise" (Wien >831), die er durch Deutschland unternahm, um für die seit 1829 von ihm mit Geschick und kriti- schem Takt rcdigirten „Jahrbücher der Literatur" Belletristen als Mitarbeiter zu gewinnen. Deiort Deismus 121 Deron, der Sohn des Äolus und der Enarete, war König von Phokis und Gemahl der Diomede (s. d.), mit welcher er die Asteropcia, den Aktor, Kephalos u. A. zeugte. Deioneus, der Vater der Dia, der Gemahlin des Zxi on (s. d.), wurde von diesem hinterlistig umgebracht. Derphöbe, die Tochter des GlaukuS, war Priesterin des Apollon und der Trivia in einer Höhle bei Kumä, wo sie denÄneas in die Unterwelt führte. Nach Servius soll sie Dieselbe sein, welche dem TarquiniuS die Sibyllimschen Bücher verkaufte. (S. Sibyll a.) Ihrer Liebschaft wegen mit dem Apollon lebte sie 700 Jahre. .Sie hatte nämlich für ihre Gunstbezeigung so viele Jahre zu leben verlangt, als sie gerade Sandkörner in der Hand hielt, aber dabei zugleich um ewige Jugend zu bitten vergessen. Daher ward sie im Alter ganz kraftlos und schwand wie ein Schatten dahin. Derphöbus, der Sohn des Priamus und der Hekuba, war nach Hektor einer der tapfersten Trojaner, ein Gegner der Auslieferung der Helena (s. d.) und nach dem Tode des Paris Gatte derselben. Deshalb nach der Eroberung Trojas ein besonderer Gegenstand des Hasses der Griechen, wurde sein Haus zuerst erstürmt und er selbst von dem Menelaus grausam verstümmelt, wie ihn auch Äneas in der Unterwelt antraf. Letzterer errichtete ihm ein Denkmal auf dem rhöteischcn Vorgebirge. — Deiphobus,der Sohn des Hippolytus in Amyklä, reinigte den Hcrrules vom Mord des JphituS. De'lphontes, der Sohn des Antimachus, Gemahl der Hyrnetho, der Tochter des Herakliden Temenos, wurde nach dessen Ermordung durch die eigenen Söhne König von Argolis. Nach Pausanias bestieg der älteste Sohn Cisos den Thron; D. aber wendete sich nachEpidaurus. Hier suchten ihm seine Schwäger durch List und Gewalt die Gattin zu rauben; D. aber holte sie auf der Flucht ein, wobei Hyrnetho das Leben verlor. De'iphyle, die Tochter des Königs Adrastus und der Amphithea, wurde die Gemahlin des Tydeus und Mutter des Diomcdes. Deipylus hieß nicht nur ein Genosse des DiomedeS vor Troja, sondern auch ein Sohn des Jason, den er mit der Hypsipyle auf Lemnos zeugte. Deipnon nannten die Griechen die Hauptmahlzeit, die gewöhnlich gegen Sonnenuntergang gehalten wurde und selbst in den reichsten und angesehensten Familien in Vergleich mit den Römern durch große Einfachheit sich auszeichnete, da außer einer Mehlspeise Fleisch und besonders Fische die Hauptbcstandtheile ausmachten. Während des Essens selbst trank man nicht, sondern ging erst nach Beendigung desselben zum Genuß des Weins über, indem der erste Becher mit ungemischtem Weine zum feierlichen Trankopfer dargereicht und der feierliche Lobgcsang angestimmt wurde, worauf das eigentliche Symposion (s. d.) erfolgte. Letzteres wurde namentlich durch heitere Gespräche, durch muntern Scherz, durch allerhand Spiele, Musik und Tanz, durch Aufgabe und Lösung von Näthseln u.s.w. belebt und gewürzt, da die Griechen auch hier in der bessern Zeit einen weit Hähern Werth auf den geistigen als auf den sinnlichen Genuß legten. Daher haben selbst Platon und Lenophon einen ihrer schönsten Dialogen das „Symposion", in Form von Gesprächen, wie sie bei Tafel geführt wurden, eingekleidet, und Deipnosophisten nannte man diejenigen gebildeten Männer, die bei Tische gelehrte Gespräche führten, wie wir dies noch in späterer Zeit bei den Mitgliedern des Museums in Alexandria finden. Athenäu § (s. d.) schrieb ein Werk unter diesem Titel, worin über Gegenstände und Gebräuche bei der Tafel u. s. w. vorzugsweise gehandelt wird. Deistdämonra bezeichnet zunächst Gottesfurcht, dann aber auch sowol die echte Frömmigkeit als den Aberglauben (s. d.), insbesondere die abergläubige Furcht vor Geistern, Dämonen (s. d.) und Gespenstern (s. d.). Mit großer Lehrweisheit schrieb Paulus (Apostelgesch. 17, 22), als er in Athen auftrat, den Atheniensern nur Deisidämonie zu, um sie nicht von vorn herein zu erbittern, und mit demselben doppelsinnigen Ausdrucke bezeichnete der röm. Procurator FestuS (Apostelgesch. 25, 19) in Gegenwart des Königs Agrippa den jüdischen Glauben. — Die Deisidämonia als Furcht vor Geistererschei- nu ng e n (s. d.), vor Geistern der Wüste, der Wälder und Berge, die man zum Theil als schadende Mächte dachte, zieht sich durch alle Zeiten und Völker. Deismus oder Theismus, im Gegensätze des Atheismus, heißt der Eottesglaube »der auch das System, nach welchem Gott als der oberste und letzte Grund aller Dinge an- 122 Defanira Dejean genommen wird. Zuweilen seht man dem Deismus den Offenbarungsglauben entgegen und versteht unter einem Deisten Denjenigen, welcher zwar an das Dasein und an die Weltrc- gieruug Gottes glaubt, aber die Offenbarung verwirft oder doch seinen Glauben an Gott und die göttlichen Dinge blos auf Gründe der Vernunft, nicht auf das Zcugniß der Offenbarung baut. Kant unterschied ganz willkürlich zwischen Deismus und Theismus so, daß der crstere zwar eine höchste und letzte Ursache kller Dinge, die er Gott nenne, nicht aber ein freies und vernünftiges Wesen als den Urheber aller Dinge annehme, der letztere aber das Dasein eines lebendigen Gottes, eines mit Verstand und Freiheit begabten Wesens, welches der Schöpfer und Regierer der Welt sei, behaupte. — Deisten oder Freidenker nannte man im 17. und 18. Jahrh. eine Reihe Männer, welche auf dem Grunde freier Prüfung die natürliche Religion zur Norm und Regel aller positiven Religion erheben wollten und somit die Vorläufer des Nationalismus waren. Die, von welchen man den obigen Namen vorzugsweise gebraucht, waren meist Engländer. Es gehören zu ihnen Herbert von Cher- bury (s. d ), Eharl. Blonnt, geb. 1654; John Toland, gcb. >670, dessen Schrift „Cbristia- »itp not m^steri-uis" (Lond. >702) die Richtung der Deisten sehr bestimmt aussprach; Anthony Ashley Coopcr, Graf von Shaftesbury (s. d.); Anthony Collins, geb. 1676, der persönliche Freund Locke's; Thom. Wo olston ls. d.), Matthews Tindal, gcb. >656, der Verfasser der Schrift „(7ür!sti<>nitp as viel ss tbe creution: or tbe gnspel r> re>>„b!i- Ciition of tbe religinn ok Iiature" (Lond. 17 30), der Viscount Bolingbro ke (s. d.) u. A. Vgl. Lechler, „Geschichte des engl. Deismus" (Stuttg. und Tüb. 1841). Dejanira, die Tochter des Öneus, Königs von Kalydonien in Ätolien, nach Hygin des Dionysos und der Althäa, die Schwester des Meleager, wurde von Hercules dem Ä ch c- lous (s. d.), dem sie verlobt war, nach einem heftigen Kampfe genommen. Als er auf dem Wege mit ihr durch den Fluß Evenus, dessen Flute» angeschwollen waren, aufgchalten wurde, erbot sich der Centaur Ncssus, die D. auf seinem Nucken über den Fluß zu tragen. Hercules nahm das Anerbieten an und ging zuerst durch den Fluß; da er aber am andern Ufer angclangt war, sah er, daß der Centaur, weit entfernt, die D. über den Fluß zu tragen, vielmehr Alles anwandte, sie zur Untreue gegen ihn zu bewegen. Von Zorn entbrannt schoß er einen vom Blute der Lern äischen Schlange (s. d.) vergifteten Pfeil nach ihm ab. Nessus, der seinen herannahenden Tod fühlte, gab der D. sein blutiges Gewand mit der Bedeutung, daß, wenn sie ihren Gemahl überreden könne, es zu tragen, dieses das sicherste Mittel sei, ihn stets an sich zu fesseln. Die D. nahm das Geschenk, das nach Andern in einem Liebestrank bestand, leichtgläubig an, sandte es später, wegen der Jole von Eifersucht geplagt, ihrem Gemahl und bereitete ihm so, ohne es zu wollen, einen schrecklichen Tod (s. Her c u l e s)', worauf sie einen Strick ergriff und sich erhing. Dejean (Pierre Franc. Aime Aug., Graf), Pair von Frankreich und Gcnerallieute- nant, einer der berühmtesten Entomologen der neuesten Zeit, wurde zu Amiens 1780 geboren und stndirte anfangs Medicin. Noch sehr jung trat er indcß in den Militairdienst, begleitete seinen Vater, der im holländ. Feldzüge das Geniecorps commandirte, und zeichnete sich später aus als Commandant eines gegen Spanien fechtenden Dragonerregiments. Der Großen Armee zugesellt, focht er in fast allen Schlachten des ruff. Feldzugs; bei Waterloo wurde er Adjutant Napolcon's. Fouche, den er beleidigt hatte, setzte ihn 1815 auf die Pro- scriptionslistcn. Im I. 1818 aus dem Exil zurückgekehrt, blieb er bis 1830 Generallieutenant außer Dienst. Nach seinem Wiedereintritte machte er den Feldzug in Belgien mit. Berühmter noch als durch seine militairischen Leistungen ist D. durch seine Verdienste um die Entomologie, insbesondere die Käfcrkunde. Bon Jugend auf dieser Wissenschaft geneigt, benutzte er sogar seine Feldzüge zur Vermehrung seiner Sammlungen und brachte namentlich aus dem entomologisch kaum gekannten Spanien außerordentlich Vieles und Neues mit. Durch eine während seines Exils nach Jllyrien-unternommene Reise und durch Verbindung mit fast allen namhaften Entomologen Europas erhob er seine Sammlung zur größten des Contincnts. Er machte sie nützlich durch einen 1821 erschienenen, die Käfer umfassenden systematischen Katalog (2. Aust., 1833—37), der allen Sammlern unentbehrlich ist, ferner durch sein System der.Käfer („8pecie» generales 6e« colöoptöres", 5 Bde., Par Dei'otarus Dekan !23 1825—37; Bd. 6 fügte Aube hinzu), welches unvollendet gebliei-en, aber als große Autorität gilt und durch eine „lcorwgroz>Iiie lies cnlenpteros »i'Lurnpe" (46 Hefte) erläutert wird. Seine Arbeit.» sind gründlich; die Entomologen haben daher nicht angestanden, die Mehr- zahl seiner neuen Species und seine Abänderungen im System anzucrkcnnen. Dennoch scheint D. der täglich wachsenden Schwierigkeiten dieses Studiums müde geworden und ihm vor kurzem entsagt zu haben, indem er seine an 25000 Arten zählende Käfersammlung partienweise veräußert hat. Dejotärus, einer der Tetrarchen oder Vierfürsten von Ealaticn, erhielt wegen der wichtigen Dienste, die er den röm. Feldherren in den asiat. Kriegen geleistet hatte, vom röm. Senate den Königstitel und die Herrschaft über Kleinarmcnicn. Im bürgerlichen Kriege nahm er Partei für Pompcjus, unterwarf sich aber nach der Schlacht bei Pharsalus, an welcher er selbst mit 600 Reitern Theil genommen hatte, dem Cäsar. Dieser verzieh ihm, als er nach dem alexandrinischen Kriege nach Asien kam, um selbst gegen PharnaceS zu kämpfen, gegen welchen sein Feldherr Cn. Domitius CalvinuS, von D. unterstützt, nichts ausgcrichtet hatte. Doch gab er ihm nach der Besiegung des PharnaceS das von diesem eroberte Klcinarmenien nicht zurück und entzog ihm auch die Tetrarchie der Trocener, die D. in widerrechtlichem Besitz hatte. Zwei Jahre nachher, 45 v.Chr., ward D. von seinem Enkel Castor vor Cäsar eines Versuchs gegen dessen Leben angeklagt und von Cicero in einer noch erhaltenen Rede verthcidigt. Nach Cäsar's Tode, 44 v. Chr., nahm D. wieder die früher besessenen Länder, ein und wurde in ihrem Besitz durch Antonius, den er bestochen hatte, bestätigt. Doch verband er sich bald darauf mit Brutus; seine Truppen fochten mit in der Schlacht bei Philipps gingen aber nach des Cassius Tode zu Antonius und Octavian über. D. starb imJ. 40. — Ein anderer, vermuthlich dcrUrenkel jenes altern, ist der DejotaruS, der als König von Paphlagonien Antonius gegen Octavian unterstützte, aber nach der Schlacht bei Actium von ihm abfiel. Dekadtk oder Dekadisches Zahlensystem nennt man das allgemein übliche Zahlensystem (s. d.), nach welchem die Zahlen in Classcn von zehn Einheiten getheilt sind und zehn Einheiten einer Classe eine Einheit der nächst höher« Classe ausmachcn. Dekästvll oder Z'e hneck heißt in der geradlinigenGcomctrie eineFigur von zehnSeiten. Dekagonalzahlen heißen die Zahlen l, 10, 27, 52, 85, 126, I75u. s. w-, deren zweite Differenzen 8 sind; dahin gehören alle solche ganze Zahlen, die man erhält, wenn man irgend cinc ganze Zahkmit ihrem um drei verminderten Vierfachen multiplicirt; z. B. 85---»5X>7. (S. Figurirtc Zahlen.) Dc'kamkron (Decnmerorm) nannte nach griech. Ableitung Boccaccio (s. d.) seine Sammlung von Novellen wegen der Eintheilung derselben, indem von zehn Personen, die sich an zehn verschiedenen Tagen versammeln, jedesmal eine Novelle erzählt wird. Dibdin'S „irwAi'-izibicg! ciecomernn" verbreitet sich in derselben Eintheilung von zehn Tagen über das ganze Gebiet der Bibliographie. Dekan, indisch Dakschina, d. h. derSüden, wird ««Allgemeinen der südlicheTheil derHalbinsel von Vorderindien genannt, welcher im Norden von Hindostan, im Osten, Süden und Westen vom Indischen Ocean begrenzt wird. (S. Ostindien.) D. bildet größtentheils ein Hoch- und Tafelland; die Hauptgebirge sind am Nordrande das Vindhyagebirge, gegen 2000 F. hoch, und am Westrande die 3—4000 F. hohen Westghats, die sich bis zur Südspitze der Halbinsel, dem Vorgebirge Komorin hinabziehen. Die größten Flüsse sind der Ner- budda und Tapti, der Godavery und Mahanuddi. Die Vegetation ist ungemein üppig und mannichfaltig, und nirgend stößt man auf Steppen- oder Wüstenbodcn. Das Land hat das glücklichste Culturklima; es fehlt die tropische Glut des hindostanischen Ticstandes und der Küstenebenen, aber auch der Schnee und das EiS; nur die höchsten Spitzen der EhatS bedecken sich dann und wann mit Schnee. Thau und Regen erfrischen die Luft; es herrscht rin ewiger Frühling, wie in den Küstenlandschaften Klcinasiens. Eine merkwürdige Erscheinung sind die Mouffons, Winde, welche hier regelmäßig von Südwcst während unserer Sommermonate, dagegen von Nordost zur Zeit unsers Winters wehen und einen auffallenden Wechsel der Witterung veranlassen. Der Ncichthum der Halbinsel an Producten der drei Naturreiche ist ungemein groß und bedentend. Die Bewohner sind theils Eingeborene, 124 Dekan Deken Hindus, thcils Eingewandcrte. Zu den erstern gehören die durch ihre kriegerische Tapferkeit und Liebe zur Unabhängigkeit berühmten Mahratten (s. d.). Eingcwandcrt sind Afghanen, Araber, Parsen, Juden, Siamesen, Malaien, Chinesen, Perser und Europäer, namentlich Briten, Holländer und Portugiesen. Der Flächeninhalt D.'s wird ans 25000 UM., die Zahl der Bewohner zu 50 Mill. angegeben. Der größte Thcil des Landes, mit Ausnahme des Staats der Mahratten, bildet theils unmittelbares, den Briten unterworfenes Gebiet, theils Vasallenstaaten, welche von den Engländern fast völlig abhängig sind. JeneS zerfällt in die Provinzen Gundwana, Orissa, die nördlichen Circarcn, Khandesch, Berar, Beedcr, Aurungabad, Bedschapur, Canara, Malabar, Balaghant, Coimbatur, Salem und Karnatik, welche größtentheilS unter den Präsidentschaften von Bombay und Madras stehen, diese sind hauptsächlich der Staat des Nizam von Heiderabad, Mysore, Travankore, Cochin u. s. w. Die Geschichte D.'s ist größtentheilS in die des ganzen Vorderindiens und Indiens im Allgemeinen verflochten. Nachdem die Ghaznaviden von Ghasniaus Hindostan erobert hatten, trat im 9. Jahrh. n. Chr. eine Dynastie aus dem Nadsputcn- stamme der Silara als Herrscherin der Halbinsel D. auf und behauptete sich bis zum Ende des I >. Jahrh., wo die Gangavansa znrHerrschast gelangten. DieGangavansa wurden am Ende des 13. Jahrh. den moslemischen Ehuriden von Delhi zinsbar, die einen großen Thcil des Landes sich unterwarfen. Nach der Ermordung Noma Dcva's imJ. 1312 hörte D. auf, ein selbständiger Staat zu sein. Ein mohammedan. Vicekönig wurde in D. eingesetzt, das Land bis an das Meer von den Moslemen bezwungen, woraufderghuridischeKönigMoham- med von Delhi 1338 seineRcsidenz nach Devagiri verlegte, das er Daulatabad nannte. Sehr bald wurden indeß die Moslemen aus D. wieder durch Ala Eddin vertrieben, der die Dynastie Bahmany stiftete, welche unter mancherlei Kämpfen und Empörungen einzelner indischer Fürsten bis zum I. 1556 regierte. Während der Zeit der Herrschaft dieser Dynastie kamen 1498 die ersten Portugiesen in das Land. Die Ohnmacht der Bahmany-Dynastie und die fortwährenden innern Zerwürfnisse unter den unabhängig gewordenen Fürsten benutzte der Großmogul von Delhi und eroberte das ganze Land. Unter dem Großmogul Aureng-Zcyb erhoben sich die Mahratten unter Anführung eines ihrer Fürsten Seraji, machten sich unabhängig und wurden nun das herrschende Volk. Die Kämpfe zwischen ihnen und dem Reiche Delhi gaben den Briten und den Franzosen Veranlassung, sich in die innernAngelegenheiten des Landes zu mischen, worauf die Erstern, nachdem sie den franz. Einfluß geschwächt und zuletzt ganz beseitigt hatten, sich theils durch Vertrag, theils durch glückliche Kriege des ganzen Küstenlandes nebst großen Gebieten des Innern bemächtigten. Dekan (Oecsnur) bezeichnte bei den röm. Heeren der spätern Zeit einen Führer von zehn Mann und in den Klöstern einen Aufseher von je zehn Mönchen. Der Ausdruck ist noch in geistlichen Collegien üblich und von da aus die Universitäten übergcgangen. Der Dekan oder Dechant in den Domcapiteln und Collegiatstiftern ist der Regel nach der zweite der Hähern Dignitarien und hat die innern Angelegenheiten des Collegiums zu beaufsichtigen und zu leiten. In dem Cardinalcollegium des Papstes führt diesen Titel der älteste der Cardinalbischöfe. Bei der Landgeistlichkeit sind die Landdechanten Aufseher und Vorsteher ihres Bezirks; auch führen in einigen Ländern die Superintendenten den Titel Dekan. Auf den Universitäten sind die Dekane die Vorsteher der einzelnen Facultäten, deren Würde und Amt theils beständig ist, theils wechselt entweder nach der Reihe oder nach der Wahl der Mitglieder. Dekanei oder Dechanei heißen die Güter und Gebäude zum Unterhalte des Dechanten, sein Kirchsprengel und endlich auch seine Wohnung. Dekaö hieß bei den Griechen ein Trupp von zehn Mann und der Anführer desselben Dekadarch. Dekastlchon nannten die Griechen ein aus zehn Versen bestehendes Gedicht, dergleichen ein gewisser Haynon zuerst verfertigt haben soll. Deken (Agatha), Holland. Dichterin, geb. in der Gegend von Amstelvecn am l O.Dec. 1741, war die Tochter ziemlich wohlhabender Landleuke, die aber, durch Unfälle mancherlei Art heimgesucht, ihr Vermögen cinbüßten und sie verwaist und verarmt zurückließen, als sie kaum ihr drittes Lebensjahr erreicht hatte. Die Vorsteher des Waisenhauses der Collegian- ten zu Amsterdam nahmen sich ihrer an und sorgten für ihre Erziehung. Durch ihr sitt- Dekker Delaborde (Henri Frans.) 125 sames Wesen sicherte sie sich die Gunst ihrer Versorger, und ihr klarer Verstand begann rasch sich zu entwickeln. Schon früh erwachte in ihr die Neigung zur Poesie, die besonders durch ihre Freundin Elisabeth Bekker (s. d.), mit welcher sie seit 1777 bis zu ihrem Tode unzer- trcnnlich zusammen lebte, gefördert und genährt wurde. Beide Freundinnen arbeiteten meist gemeinschaftlich, verließen nach den Ereignissen im J. 1787 auf einige Zeit ihr Vaterland und weilten in Burgund. Sie schufen fürHolland den Originalroman, welche Dichtgattung bis dahin nur aus mittelmäßigen Übersetzungen franz. und engl. Romane bekannt war. Meisterhaft verstanden sie es, den holländ. Volkscharakter, wie er in den verschiedensten Gestalten im Leben hervortrat, darzustellen, und ihre Charakterschilderungen können fast durchweg für musterhaft gelten. Dahin gehören besonders „Historie vsn 8->rs Lurßerbsrt" (2 Bde., 1782); „Historie vsn 5ViIIein I.evend" (8 Bde., 178-1—85; deutsch, 6 Bde., Hamb. 1798—1821); „Drieven vsn ^brsksm Llsnlesert" (3 Bde., 1787) und „Historie vsn Oornelis VViidscbut" (6 Bde., 1793). Als lyrische Dichterin ist D. nicht ohne vielfaches Verdienst, besonders in der Gattung des religiösen Liedes. Ihre Lieder athmen durchgehend eine sanfte Stimmung zu Ernst und herzliche, werkthätige Frömmigkeit, und viele derselben sind in kirchliche Gesangbücher übergegangen. Auch ihre „Niederen vovr den boeenstsnd" (1804) und „Niederen voor Minderen" werden hochgeschätzt, obgleich letztere denen van Alphen's weit nachstehen. Sie starb am > 4. Nov. 1804. Dekker (Jeremias de), holländ. Dichter, wurde 1609 oder 1610 zu Dordrecht geboren. Sein Vater Abraham D., aus Antwerpen herstammend, hatte sich dem Kriegsdienste gewidmet, den rcformirten Glauben angenommen und drei Jahre lang Ostende gegen den Erzherzog Albert aufs muthigste vertheidigen helfen. Nach der Übergabe von Ostende verließ er die svan. Niederlande und zugleich den Kriegsdienst und ließ sich erst zu Dordrecht und später zu Amsterdam nieder. Der Sohn zeigte schon früh einen scharfen, mit lebhafter Phantasie verbundenen Verstand und ein gesundes Urtheil, und ein eifriges Studium der alten und neuern Literatur bildete seinen Geschmack. Poesie war und blieb seine Lieblingsbeschäftigung, und seine Geistesproducte zeichneten sich durch reine Sprache und kernigen Aus- druck vorzüglich aus. Das erste von ihm herausgegebene poetische 8Herk war „De KissA- lieileron vsn äeremiss", denen bald mehre andere, namentlich auch Übersetzungen folgten. Viele seiner Gedichte verdanken ihre Ertkstehung seinem warmen Gefühle für Liebe und Freundschaft, und gerade diese gehören zu den ausgezeichnetsten Früchten seiner Muse. Sein „k.ok der ^oldruciit", eine treffende Satire, der „6oode vrijdsg", Gedichte auf das Leiden Christi, stehen, gleich seinen lyrischen Gedichten, noch in wohlverdientem Ansehen, und seine Epigramme (puntdickten) gehören unbedingt zum Besten, waS die Literatur jener Zeit in dieser Gattung aufzuweisen hat. Er starb 1666. Die beste Ausgabe seiner Gedichte mit beigefügter Biographie besorgte Brouerius van Nideck (2 Bde., Amst. >726, 4.); eine Auswahl seiner gelungensten lyrischen Gedichte findet sich in Siegenbeek'S „kroeven vsn nederduitsclis dicktkunds" (Leyd. 1823) und eine Auswahl seiner Epigramme in Ecys- beek's „Epigrammatische Anthologie" (Amst. 1821). Delaborde (Henri Frans., Graf), franz. General, wurde am 21. Dec. 1764 zu Dijon geboren, wo sein Vater Bäcker war. Die Revolution veranlaßte ihn, die Wissenschaften mit dem Kriegsdienste zu vertauschen. Nachdem er sich im republikanischen Heere vielfach ausgezeichnet und alle Grade durchlaufen hatte, ward er in Folge dessen, daß er am 24. Aug. 1793 ein Corps Marseiller zurückwarf, zum Brigadegeneral und bald darauf zum Chef des Eeneralstabs bei der Armee vor Toulon ernannt. Während der Belagerung der Stadt von Dugommier an die Spitze einer Division gestellt, trug er wesentlich zur Eroberung bei. Im folgenden Jahre focht er mit Auszeichnung in der Armee der Wcstpyrenäen in Spanien und 1796, nach dem Frieden auf der Halbinsel, ward er mit einer Division an den Rhein geschickt, wo er den Breisgau besetzte, während der Obcrfeldherr Moreau in Baiern vordrang. In Deutschland fand er weniger Gelegenheit, sich durch kriegerische Thaten, als während seines langen Aufenthalts daselbst, durch strenge Mannszucht und rechtliches Betragen gegen die Bevölkerung ein bleibendes Andenken zu sichern. Nach dem Frieden bon Luneville wurde er 1802 «im Gouverneur der 13. Militairdivision ernannt und 1804 hum Offizier der Ehrenlegion. Im I. 1807 ging er unter Junot nach Portugal und im fol« ^ 15 -, 126 Delaborde (Jean Ioj.) Delaroche gcndcn Jahre nach Spanien, wo ihn Napoleon zum Grafen erhob. Dem russ. Feldzüge von 1812 wohnte er unter Mortier bei; nachher wurde er zum Gouverneur des Schlosses von Compicgnc ernannt. Nach der Nestauration verlor er zwar diese Stelle; dagegen erhielt er eine Pension von 15000 Francs, den Ludwigsorden und den Befehl über einen Theil der Truppen zu Toulouse. Allein diese Auszeichnungen konnten seine Anhänglichkeit für den rückkehrenden Kaiser nicht unterdrücken. Am 4. Apr. 1815 erklärte er in einer hinreißenden Adresse ans Volk, daß der Held seines Jahrhunderts angekommen sei, um die Ehre Frankreichs herzustellen, und ließ sofort die Commissare der Bourbons verhaften. Napoleon machte ihn hieraus zum Gouverneur mehccr Divisionen des Westens, zum Kammerherrn und Pair von Frankreich. Nach der zweiten Rückkehr der Bourbons wurde D. auf die Liste derjenigen Offiziere gesetzt, die criminell verfolgt werden sollten. Er erschien auch im Scpt. 1816 in Paris vor dem Kriegsgericht, das sich indeß für incompetcnt erklärte, weil der Name De- laborde's in der Anklageacte „de Laborde" lautete, mithin die Identität der Person angeblich zweifelhaft war. Unter den vielen Verfolgungen blieb die Sache D.'s liegen, und er lebte seitdem unangefochten in großer Zurückgezogenheit. Ec starb am 20. Oct. 1812. Delaborde (Jean Jos.), s. Laborde (Jcan Jos.de). Delambre (Jean Jos.), franz. Astronom, geb. am IS. Sept. 171S zu Amiens, erhielt seine erste wissenschaftliche Bildung durch Delisle, der damals zu Amiens lebte, und ging hierauf nach Paris, um, wie man cs danials nannte, philosophische Studien zu treiben. Da seine Altern ihn nicht unterstützen konnten, so hatte er bis in sein 20. Jahr mitNahrungs- sorgen zu kämpfen. Um diese Zeit wendete er sich zu den mathematischen und aus Lalande's Rath, der ihn auf einer Privatsternwartc unterbcachte, wo er wenigstens sorgenfrei leben konnte, zu den-astronomischen Studien. Im I. 1781 gab ihm die Entdeckung des Uranus durch Herschel Gelegenheit, sich bekannt zu machen; er fand nämlich mehre ältere Beobachtungen dieses Planeten, den man früher für einen Fixstern gehalten hatte, auf und construirte die ersten Tafeln desselben. Bald darauf fing er auch an, neue Sonnentafcln zu arbeiten, die er später gänzlich umarbeiteke. Ebenso beschäftigten ihn später Tafeln des Jupiter und Saturn, denen er, sowie jenen des Uranus, eine größere Vollkommenheit geben konnte, weil zu derselben Zeit Laplace ihre Störungen mit besonderer Sorgfalt neu berechnet hakte, und es werden seine Tafeln der JupiterSsatellitcn als die besten ihrer Art anerkannt. Nachher unternahm er mit Mcchain die große Eradvermessung von Dünkirchen bis Barcelona, die er in seiner „Lose ein Systeme metricjiie, etr." (5 Bde., Par. 1800 — I I, 1.) beschrieb. Sie sollte zur Bestimmung des Urmaßcs, des Metre, dimen; es war dies jedoch nur ein Vorwand, um die Hauptsache, die Vermessung selbst, durchzuschen. Während der Schreckensherrschaft wurden auch diese Vermessungen unterbrochen, und D. gleich Borda, Laplace, Lavoisier u. A. seiner gemäßigten Gesinnungen wegen von der Commission der neuen Maße ausgeschlossen. Nach zwei Jahren steter Besorgnis, und ängstlicher Zurückgezogenheit wurde D. indeß wieder an- gestcllt und ihm die Fortsetzung jener Messung erlaubt, die er 17SS, nicht ohne viele Beschwerden und selbst Gefahren, vollendete. Hierauf wurde er zum Mitglied der Akademie, 1802 zum Generalinspector der Studien und > 803 zum beständigen Sccretair des Instituts ernannt. Als solcher hat er in seinen sogenannten „Lloges" auf eine Weise, die nicht recht gebilligt werden kann, gegen mehre seiner ehemaligen Collegen, wie Delisle, Bossut u. A., einen Tadel ausgesprochen, der weniger die Wissenschaft als den Charakter dieser Männer betraf. An Lalande's Stelle zum Professor der Astronomie ernannt, überließ er sich seitdem einer Schreibsucht, wie sie besonders unter den Mathematikern wol nur selten Vorkommen mag. Sein ,,'Lrsite (I'nstronomie" (3 Bde., Par. 1811; neue Aust, von Mathieu, 1827, 1.) enthält viel Gutes, ist aber viel zu weitläufig; seine „Histoirs de I'sstronomis ancienne" (2 Bde., Par. 1817, 1.), „Histoire de I'astronomie du Maxell Lgs" (Par. I8IS, 1.), „üistnire de l'sstronomie moderne" (2 Bde., Par. 1821,1.)'und „Histoirs de I'iistrnno- mie du 18ieme siecle" (herausgeg. von Mathieu, 2 Bde., Par. 1823, 1.) haben keinen be- sondern Werth. Er starb zu Paris am IS. Aug. 1822. Delaroche (Paul), einer der vorzüglichsten Maler der gegenwärtigen franz. Schule, ist zu Paris am 27. Juli 17S7 geboren. Sein Talent entwickelte sich frühzeitig, und schon seine Arbeiten aus früher Zeit ließen die Bedeutsamkeit desselben erkennen. In seinem 20 . Delaiores 127 Zahrc trat cr in das Atelier des berühmten Malers Baron Gros. Ec hatte sich in dieser Zeit mit VorlicbedemFachc der Landschaft zugewandt und bewarb sich um den landschaftlichen Preis, den er jedoch nicht erlangte. Er war damals, sei cs aus Blödigkeit oder aus Entmuthigung, an sich selbst irre geworden; er zweifelte an seinem Talente und dachte schon, sich dem Kanz- lciwesen zu widmen. Nur mit Widerwillen verfolgte cr die eingcschlagene Bahn. Indes sollte cr bald, nachdem cr das Fach der Landschaft ganz verlassen und in der Historienmalerei seinen eigentlichen Beruf erkannt hatte, zu glänzenden Erfolgen gelangen. Das'erste bedeutende Bild, mit welchem er aufkrat, war die Darstellung des Joas, der als Kind von der Josabath dem Tode entrissen wird ( 1822 ). Dieses Bild, von großer dramatischer Wirkung, ließ bereits deutlich die individualisirende Richtung des Künstlers, die aber noch im Kampf mit den Grundsätzen der altern Schule stand, erkennen. Später wendete cr sich vorzugsweise der Darstellung nationalhistorischer Semen, namentlich aus der franz. und engl. Geschichte, und zwar solchen Semen zu, in denen Stimmungen, Gefühle und Ansichten der bewegten Gegenwart ihren Ausdruck sinken. D. wußte in diesen Bildern die feinste psychologische Charakteristik mit der glücklichsten und kräftigsten Realität, der frischesten Objektivität zu verbinden; er hat sich hierbei des Elements der Farbe und des Helldunkels, überhaupt Dessen, was den Maler eigentlich in seiner technischen Größe zeigt, in einem Grade bemächtigt, daß er den Besten, die sich in solcher Weise vor Zeiten ausgezeichnet, nicht gar fern steht; seine Bilder haben die ansprechendste und wirksamste Wärme des Lebens. So ist D., gleich vorzüglich in der Ausfassung wie in der Darstellung, als einer der größten Meister zu nennen, die seither überhaupt nationalhistorische Momente zu Gegenständen der künstlerischen Darstellung erwählt haben. Dm Übergang zu dieser Richtung machten seine Jcannc d'Arc, sein Tod des Annibale Caracci, sein heil. Vincenz von Paula, vor dem Hofe Lndwig's XIII predigend. Höchst vollendet erschienen sodann die beiden kleinen hgurenreichen Bilder des Cardinals Richelieu, der, dem Tode nahe, zwei blühende Jünglinge, Cina-Macs und de Thon, zum Tode führt, und des Cardinals Mazarin, der, ebenfalls schon dem Tode verfallen, noch von dem luftigen Geflirre und Geflüster seiner Hofschranzen umgeben ist. Ähnliches Verdienst zeigen die beiden großen Bilder der Söhne Eduard's im Kerker und des Cromwell, der die Leiche König Karl's I. betrachtet. Dann gehören hierher noch die Ermordung des Herzogs von Euise, eine Scene der Bartholomäusnacht und der Tod der Königin Elisabeth von England. Für die gediegensten Meisterwerke dieser Richtung des Künstlers gelten jedoch der Tod der Jane Gray und des Lords Strassord, der auf dem Gange zu seiner Hinrichtung den Segen des Erzbischofs Land empfängt. Im I. 1833 erhielt D. den Auftrag, die Kirche der heil. Magdalena zu Paris mit einer Reihe großer Frescogcmälde aus der Legende dieser Heiligen zu schmücken. Er begab sich nach Italien, um von den Fresken der alten Meister Studien für die Auffassung und Behandlung des Stils der religiösen Malerei zu machen. Die Ausführung jener Fresken zerschlug sich, aber die Studien, welche D. in Italien gemacht hatte, blieben nichtsdestoweniger von größtem Einfluß auf sein künstlerisches Streben. Er suchte sich von der Idealität jener alten Meister, besonders des Fiesole, einen Thcil zu eigen zu machen und die Einfalt und Strenge ihrer Richtung mit den Erfahrungen einer gereiftem Kunst zu verschmelzen; in wie merkwürdigem Grade er dies möglich machte, bezeugte er durch mehre neuere Leistungen, die von seinen frühem Arbeiten beträchtlich verschieden sind, aber noch vielmehr von der affectirten und äußerlichen Weise, in welcher einige andere Franzose» der Gegenwart die Religiosität der alten Italiener zu copiren-suchcn. Als Bilder der Art sind namentlich seine Darstellungen der heil. Ama- lia, Königin von Ungarn, und der heil. Cäcilia^u nennen. Die Mehrzahl von D.'k Werken ist durch die vorzüglichsten Kupferstecher Frankreichs gestochen und in dieser Weise allgemein verbreitet. D. ist mit einer Tochter des berühmten Malers Horace Vernet verheirathet und seit 1832 Mitglied des Instituts. Delatöres hießen in der röm. Kaiserzeit !M Gegensatz zu den eigentlichen Accusa- tores diejenigen Ankläger, die aus unlauter« Absichten, namentlich um ihres Privatvor- theils willen auftraten, sowie Diejenigen, welche falsche Beschuldigungen verbrachten, oder überhaupt aus der Erhebung von Anklagen ein förmliches Gewerbe machten. Von den tyrannischen Kaisern, namentlich auch der frühem Zeit, Mrden die Delatores begünstigt; 128 Delavigne Delbrück die bessern, die das Verderben, welches durch sie in die gesellschaftlichen Verhältnisse kam, erkannten, verfuhren mit harten Strafen gegen sie, und auch die Gesetzgebung der spätern Kaiserzeit suchte sie hinwegzuschaffen. Delavigne (Jean Fran;. Casimir), einer der unter dem franz. Mittelstände beliebtesten Dichter, wurde zu Havre am 16. März 1794 geboren und vollendete seine Studien in Paris. Nachdem er schon mit einigen früher» poetischen Versuchen aufgetreten war, auch für seine „Decouvsrte tle la vsccine"(Par. 1815, 4.) von der franz. Akademie ein Acccssit erhalten hatte, wandte er sich der dramatischen Poesie zu. Gleich an seiner ersten Arbeit auf diesem Gebiete, „ves vepres riciliennos", bewunderte man eine gewählteDiction, durch die D., der sehr fleißig arbeitet, nicht selten den Mangel an poetischem Gehalte zu übertünchen sucht. Sein „Varia" (1820; deutsch von Mosel, Lpz. 1823) fügte zu seinem Ruhm nichts hinzu; desto günstiger aber wurden „I-ouis XI", sein bestes Stück, und „vtzs eniants ck'Lckouarll" ausgenommen, obschon das letztere Stück als dramatische Conccption keinen Werth hat. Auch in seinen übrigen historischen Dramen „Marino valieri" (1829) und „von äuan ck'Xutrielle" (1836) zeigte sich D. als ungenügenden Charakterzeichner. Trotzdem hat er seine zahlreichen Bewunderer, namentlich in der Bourgeoisie, weil er in einer ansprechenden Form Gedanken gibt, die zu fassen es keines tiefen Denkens bedarf. Außerdem schmeichelt er der Nationaleitelkeit, wie er dies namentlich in seinen Volkshymnen, denen ei den Namen „iUesseniemres" (2 Bde., Par. 1824 und öfter) beilegte und in seinem „Retour cie I'empereur" in auffallender Weise gethan hat. Als Lustspieldichtcr hat er nur mit seiner „Rcole 6es vieillarcks" (1823) einiges Glück gemacht, seine Komödie „Ra po;»,Iaritö* (1839) sprach keineswegs an. Im Z. 1824 wurde er Mitglied der franz. Akademie und vom König Ludwig Philipp, mit dem er schon früher in Verbindung gestanden, erhielt er, nachdem er während der Restauration eine königliche Pension ausgcschlagen hatte, eine einträgliche Anstellung als Jnspector am Conservatorium zu Paris. Neuerdings ist er auch in Gemeinschaft mit seinem Bruder GermainD., einem gewandten Vaudevillisten, zum ersten Male mit seinem „(llisrles VI", componirt von Hale'vy (1843), als Verfasser eines Operntextes ausgetreten. Delaware, der kleinste der Staaten der nordamerik. Union, grenzt nördlich an Penn- sylvanien, westlich an Maryland, südlich an denselben Staat, von dem er durch eine im 38" 27^ nördl. B. gezogene Parallele getrennt ist, östlich an den Atlantischen Occan bis zum Cap Henlopen und nordöstlich an die Bucht von Delaware und den Fluß gleiches NamenS. Sein ganzer Flächeninhalt beträgt nicht mehr als ungefähr IOO OM. Das Klima ist mild und gesund, der Boden reich an allen curop. Feld - und Gartenfrüchten. Die Colonie von D., wie die von Neujersey, wurde von Schweden gegründet, und in Newcastle, einer ebenfalls von Schweden gegründeten Niederlassung, steht jetzt noch die alte von den gottesfürchti- gen Cslonisten gebaute Schwcdenkirche. Die Schweden traten die Colonie an die Holländer und diese dieselbe an die Engländer ab. Jm J. 1682 wurde D. sammt Pennsylvanien von Karl II. an Will. Penn verschenkt und 1761 D. wiederum von Pennsylvanien getrennt. Mit der Unabhängigkeitscrklärung von 1776 erhielt auch D. eine neue Verfassung, welche jedoch im 1.1792 noch einmal abgeändert wurde. Die Gesetzgebende Versammlung besteht . aus einem Senat von neun und einem Repräsentantenhause von 21 Gliedern. Der Gouverneur hat eine Besoldung von 1333'/, Dollars. Der Staat ist in drei Grafschaften ein- getheilt, welche zusammen im J. 1816 72674, im I. 1826 72749, im J. 1830 7673S , und im I. 1846 78085 E. zählten. Die Bevölkerung wächst daher nicht schneller, ja kaum so schnell als in vielen europ. Staaten. Der Schulfonds beträgt 183606 Dollars. Übrigens hat der Staat keine Schulden. Die Negersklaverei besteht noch, obwol in einem sehr gemilderten Grade; imI. 1846 zählte man nur 1371 männliche und 1234 weibliche Sklaven. Der Staat besitzt ein Gymnasium zu Newark, 20 Normal - und 152 öffentliche Schulen, dessenungeachtet befanden sich bei der Zählung von 1840 noch 4832 Personen über 26 - Jahre alt, welche weder lesen noch schreiben konnten. Die zwei bedeutendsten Städte sind Wilmington mit 8367 und Newcastle mit 2737 E- Delbrück (Zoh. Friedr. Gottlieb), Erzieher des jetzigen Königs Friedrich Wilhelm IV. und des Prinzen von Preußen, geh, am 22, Aug. 176S zu Magdeburg, nw 129 Del ckeilere sein Vater Nathsmann ,787 zu Halle Theologie, wo er vorzüglich im Hause Niemeyer's liebevolle Aufnahme fand. Im I. 1790 wurde er Lehrer an dem damaligen Altstädtcr Gymnasium seiner Vaterstadt und 1792 Rector am Pädagogium Unserer lieben Frauen, wo er alle die Hindernisse, welche ihm die Widerspenstigkeit de: altern Lehrer entgegen stellte, die sich seinen Anordnungen, als denen eines jungen Mannes, nicht fügen wollten, glücklich besiegte. Im Aug. 1800 vom Könige von Preußen, Friedrich Wilhelm Hl., zum Erzieher seiner beiden ältesten Prinzen erwählt, genoß er in diesem neuen überaus wichtigen Wirkungskreise bald des vollen Vertrauens der königlichen Altern, sodaß ihm gestattet wurde, die Erziehung der Prinzen ganz nach seiner Ansicht zu leiten und zu vollenden. Als der König 1809 das Ziel erreicht glaubte, zu welchem D. die Prinzen führen sollte, ward er seines Verhältnisses entbunden und erhielt den Titel eines Geh. Negierungsraths nebst einer bedeutenden lebenslänglichen Pension. Er besuchte nachher das südliche Deutschland, die Schweiz, Italien und Frankreich, und nachdem er 18 l3 nach Deutschland zurückgckehrt, war er besonders thätig als einer der Vorsteher der Luisenstistung zu Berlin. Im I. 1815 vermählte er sich mit einem ganz jungen Mädchen; nichtsdestoweniger war die Ehe bis zu dem Tode der jungen Frau, im I. 1823, eine sehr glückliche. Er hatte bereits mehre Anstellungen im Staatsdienste abgclehnt, als er 1817 das Pastorat an der Michaels- kirchc zu Zeih und die damit verbundene Superintendentur übernahm. Hier brachten ihn sein Eifer bei der Einführung der berliner Hofkirchcnagende und sein Streben, statt der allgemeinen wieder die Privatbcichte einzuführen, in manche Unannehmlichkeiten. Nachdem er die letzten Jahre sehr leidend gewesen, starb er am -1. Juli 1830. Die königliche Familie, und namentlich der jetzige König von Preußen, welche fortwährend an D.'s Verhältnissen den lebhaftesten Antheil genommen hatten, bezeugten denselben auch bei seinem Tode. Als Schriftsteller hat D. nichts Bedeutendes geleistet, desto mehr wirkte er durch seine gediegene Persönlichkeit. — Sein jüngerer Bruder, Joh. Friedr. Fcrd. D., Professor an der Universität zu Bonn, gcb. am 12. Apr. 1772 zu Magdeburg, erhielt seine erste Bildung auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt, studirte dann von 1790—94 zu Halle vorzugsweise Philologie und hatte bald darauf daß besondere Glück, zu Hamburg, wohin er als Hauslehrer gegangen war, in ein näheres Vcrhältniß zu Klopstock zu treten. Schon im 1.17 97 erhielt er eine Anstellung als Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin; im I. 1809 wurde er als Negicrungs- und Schulrath nach Königsberg versetzt, wo er zugleich die Professur der Bercdtsamkeit an dastger Universität übernahm, in erster Eigenschaft im I. 1816 nach Düsseldorf, und 1818 als Professor nach Bonn. Seine Schriften zeichnen sich durch die ernste Richtung eines durchaus dem Edlen zugewendcten Geistes und den auf die schöne Form verwendeten Fleiß vorthcilhaft aus. Wir erwähnen hier nur „ikenophon, zur Rettung seiner durch Nicbuhrgefährdeten Ehre" (Bonn 1829) und „Der verewigte Schleier- machcr; ein Beitrag zur gerechten Würdigung desselben" (Bonn 1837). — Der jüngste Bruder, Gottlicb D., gcst. am 2. Nov. 1842 als Geh. Oberrcgierungsrath und Negic- rungsbcvollmächtigtcr der Universität zuHalle, gcb. zu Magdeburg am2. Sept. 1777, hakte ebenfalls zu Halle die Rechte studirt und hier als Auscultator bei dem damaligen Univcr- sttätsgerichte seine amtliche Laufbahn begonnen. Im I. 1800 wurde erbe! dem Obergerichte der Provinz zu Magdeburg als Justizcommissarius und 1802 zugleich als Criminal- rath angestellt. Während der westfälischen Regierung fungirte er als Nechtsanwaj) bei dem Civiltribunal erster Instanz in Magdeburg, auch zugleich seit 1807 als Syndicus des Dvm- capitels daselbst, nach dessen Aufhebung er die Verwaltung der Güter der sämmtlichcn aufgehobenen Stifter zu Magdeburg zu besorgen hatte. Im I. 1816 wurde er Regierungsrath bei der neuerrichteten Negierung zu Magdeburg und 1826 zugleich Mitglied und Ju- stitiarius des Consistoriums und Provinzialschulcollegiums der Provinz Sachsen mit dem Titel eines Geh. Regierungsraths. In Halle, wohin er 1830 zunächst als Commissar zu- rückkchrte, worauf er 1631 Curator wurde, erfüllte er mit strenger Rechtlichkeit und ängstlicher Gewissenhaftigkeit die Pflichten seines schwierigen Amtes, zugleich sorgfältig die seiner hohen Stellung gebührenden Rechte überwachend. Del ereäere nennt man in der Kaufmannssprache die Gewährleistung für eine über- Evnv.-Ler. Neunte Aufl. IV. 9 130 Delegation Drlsico nommene Bürgschaft undOel creilere stehen die Übernahme einer solchen Bürgschaft. Das Del cretlere stehen findet gewöhnlich statt von Seiten der Banquicrs, Commissionairs und Mäkler, wenn die Käufer den Verkäufern nicht genugsam bekannt sind. Delegation ist diejenige Form der Änderung eines bestehenden Schuldverhältnisses, wobei entweder der bisherige Gläubiger seinem Schuldner, den er der Verbindlichkeit gegen sich entläßt, einen andern Gläubiger anweist, an den er Zahlung leisten soll, oder der bisherige Schuldner seinem Gläubiger, der ihn dafür seiner Verbindlichkeit entläßt, einen andern Schuldner stellt. Der überweisende Schuldner oder Gläubiger heißt der Delegant, der überwiesene Schuldner Destegat, der Gläubiger,, und zwar im erster» Falle der neue Gläubiger, Delegatar. Es versteht sich, daß diese Überweisung nur unter Zustimmung aller drei Betheiligten geschehen kann; sie bewirkt aber auch gänzliches Aufhören des bisherigen Verhältnisses Seiten des Deleganten und unterscheidet dadurch hauptsächlich das Geschäft sowol von der Cession (s. d.) als von der Assignation oder Anweisung (s. d.), die beide nur dem angewiesenen Gläubiger und dem angewiesenen Schuldner das Recht geben, die Zahlung der bisherigen Verbindlichkeit gültig anzunchmen und zu leisten, aber im Übrigen das Rechtsverhältniß an sich nicht verändern, sodaß der Schuldner auch gegen den Cessionar alle Einreden brauchen kann, welche ihm gegen den Ccdenten zustanden. Der Delegat kann dagegen gegen den Delegatar nichts geltend machen, was er nur dem Deleganten entgegensetzen konnte. — In Italien ist Delegation (veleAs-üone) der Titel der Regierungsbehörden, deren im lombard.-venet. Königreiche unter der Regierung zn Mailand neun und unter der zu Venedig acht bestehen, aus einem Delegaten, Vicedclc- gaten und Adjuncten zusammengesetzt. Delcssert (Benjamin, Baron), Banquier, früher Mitglied der franz. Deputirtenkam- mer, geb.17 6 3 zu Genf, diente zu Anfänge der franz. Revolution in der Artillerie, mußte aber nach dem > 0. Aug. als Anhänger Lafayette's aus der Armee treten und errichtete darauf zu Paris ein Banquiergeschäft, das er durch Thätigkeit und Rechtschaffenheit zu großem Ansehen brachte. Als die große pariser Bank errichtet ward, trat er ins Direktorium. Während der Kontinentalsperre ließ er sich sehr angelegen sein, Nunkclrübenzucker zu fabriciren. Napoleon ernannte ihn zum Mitglieds der Ehrenlegion und gab ihm 1813 das Commando einer Legion der pariser Nationalgarde. Nach der Restauration wurde er, da er sich für philanthropische Zwecke sehr interessirte, zur Commission für die Verbesserung der Gefängnisse gezogen. Obschon ihn Ludwig XVIII. zum Offizier der Ehrenlegion ernannt hatte, blieb er doch seiner Partei treu und protestirte am 6. Juli 1815 mit den andern Häuptern der Na- rionalgarde gegen die Occupation Frankreichs, was nach der zweiten Rückkehr der Bourbons seine Absetzung zur Folge hatte. Wie er der Kammer von 1815 angehört hatte, so wurde er auch 1817 in die Kammer gewählt, der er mit Ausnahme der von 1824 ununterbrochen angehörte, erst alsDeputirter von Paris, seit 1827 von Sarimur gewählt. Er hatte seinen Platz im linken Centrum und sprach sich mit großer Unparteilichkeit gegen verschwenderische Ausgaben, gegen Ausnahmegesetze und die Veränderung des Wahlsystems aus; er protestirte gegen die Ausstoßung Manuel's und gehörte 183Vzu den 221. Nach der Julirevolution war er 1831 und 1834 Vicepräsident der Kammer, in der er sich mm den Anhängern des Widerstandsshstems anschloß. Er stimmte für die Dotation des Herzogs von Nemours, aber gegen die Befestigung von Paris. In die Kammer von 1843 wurhe er nicht wieder gewählt. Fortwährend bewies er sich als einen Freund, Beschützer und thätigen Verehrer der Künste und Wissenschaften, und eifrig dem Studium der Botanik ergeben, ließ er das Prachtwcrk, die „Icones selectse plaotarum guas in sz-stemots universell,, ex berbsrüs psrisiensibus, zirsesertim ex I,essertisno »lescrizisit Vecanllolle" (3 Bde., Par. 1820— 37, 4.) aufseine Kosten erscheinen. Delfkco (Melchiorre), ein um sein Vaterland durch Wort und That hochverdienter Mann, geb. 1744 zu Leognano, wohin sich seine Altern zur Zeit des östr. Kriegs aus Anhänglichkeit an den König Karl von Neapel zurückgezogen hatten, stammte aus einer alten Familie, Namens Decivitella, von Teramo in den Abruzzen und genoß in seiner Jugend den Unterricht der ausgezeichnetsten Lehrer. Seine literarische Laufbahn «öffnete er 1774 131 Delft mkt einem philosophischen Versuch über die Ehe. Zm I. >78-1 war er Militairrffcssor in der Provinz von Tcramo, welche Stelle er aber sehr bald wieder niedcrlcgte. Mißbräuche, die er allerwärts traf, gaben nun seinem patriotischen Eifer vielfache Gelegenheit, sich als Anwalt des öffentlichen Wohls thätig zu zeigen; doch die Neuerungen, die durch ihn herbeigeführt wurden, erweckten ihm Feinde, die mächtig genug waren, ihn zu stürzen. Aus dem Gefängnisse befreite ihn die Ankunft der Franzosen, und als er 1799 sah, daß das alte Regiment wieder zurückkehrcn und zu Privatrache vielfache Veranlassung nehmen würde, wählte er freiwillig das Exil und begab sich in die Republik San-Marino, wo er ein ehrenvolles Asyl fand. Aus Erkenntlichkeit gegen die daselbst empfangenen Wohlthaten, arbeitete er hier die „Nemorie storicbe iloila reppoblicu cli 8an-IVIsriiio" (1804); auch schrieb er hier die geistreiche ,Momorie «ullu libertü c»mmercio"(l803). Nach der Rückkehr der Franzosen in das Königreich Neapel im I. 1806, wurde D. zurückbcrufcn und Staatsrath. Jm J. 1813, wo er das Unglück hatte, eine starke Körperverletzung zu erleiden, nahm er seine Entlassung. Die einzige Schrift von ihm in dieser Zeit sind die „Vensieri so^ra ulciini urticoli relativ, all' organisarinae l»ove riclierclis sol bello" (Neap. 1818). Von neuem wurde er seiner ruhigen Zurückgezogenheit im I. >820 entrissen, indem ihn der König zum Präsidenten der 6i»nts provviroria
  • s' iniuistri". Auch erhielten viele Beamte durch seine Vermittelung ihre verlorenen Stellen zurück. In Neapel, das er 1823 zum letzten Male besuchte, ließ er seine berühmte Sammlung von Werken aus dem ersten Jahrhundert der Buchdruckcrkunst zurück, die später der bourbonischcn Bibliothek cinvcrlcibt wurde. Seine letzte Schrift war die „Veil' autica numismatica tlella cittä nel Vicerio con UN liiseorso preliminare solle origini italicke" (Teramo 1823; neue Verb. Ausl., Neap. 1826). Bis in die letzten Jahre seines Alters für das Gemeinwohl thätig, starb er, einige Wochen vorher vom Schlage getroffen, am 21. Juni 1835. Delft, eine freundliche, aber jetzt ziemlich öde und tobte Stadt im Bezirke Rotterdam des nieder!. Gouvernements Südholland an dem Flüßchen Schic, von vielen Kanälen durchschnitten, ist ziemlich regelmäßig in Form eines Vierecks gebaut und hat 16000 E. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus der Prinzenhof, worin 1583 Wilhelm I. von Oranien durch Balthasar Gerard erschossen wurde, das große 1618 erbaute Stadthaus mit vielen ausgezeichneten Gemälden, das Zeughaus, die alte Kirche mit den Denkmälern der Admirale Tromp und Peter Hein und des Naturforschers Leeuwenhoek, die neue Kirche mit einem berühmten aus etwa 500 Glocken bestehenden Glockenspiele und einem 300 F. hohen Thurme, in welcher die Mausoleen des'Hugo Grotius und des Prinzen Wilhelm die vorzüglichsten sind, und endlich die Kirche der Jesuiten. Zu den wissenschaftlichen Anstalten gehören eine Artillerie-, Ingenieur- und Marineschule. Die Stadt hat mehre Fayence- und Steingutfabriken, welche das bekannte Delfter Porzellan liefern, das nebst Seife, Tuch, Tapeten, Decken und Branntwein einen Haupthandelsartikel ausmacht. Auch die hier gefertigten mathematischen und physikalischen Instrumente stehen in Ruf. Die Umgebungen der Stadt sind äußerst freundlich, und nette Gartenhäuser und zahlreiche Windmühlen zieren dieselben. D. wurde im l l. Jahrh. von dem lothringischen Herzog Gottfried dem Buckeligen erbaut und kam dann in den Besitz der Grafen von Holland, die es durch Kastellane verwalten ließen. Später wurde es mehrmals durch große Brände heimgesucht, so in den 1.1536, 1653 und 1732, nach welchen es stets schöner und regelmäßiger wieder aufgebaut wurde. Als die franz. Republik sich Hollands bemächtigte und eine Batavische Republik schuf, wurde D. die Hauptstadt eines Departements gleiches Namens. Mit D. ist durch 9 * 132 Delhi einen Kanal Delfts hauen verbunden, ein Marktflecken an der Maas, mit 3000 welche ansehnlichen Herings- und Stockfischfang betreiben. Delhi, nach ihrem Erbauer, dem Schah Dschchan, auch Schah-Dschehanabad genannt, in Hindostan in der zur Präsidentschaft Kalkutta gehörigen Provinz gleiches Namens (>670 UlM. mit8Mill. E.), einst dicHauptstadt des großen mongol. Reichs in Indien, noch jetzt der Sitz der alten Hcrrscherfamilie, wie auch eines brit. Residenten, liegt auf einer felsige» Hügelkette und an der Dschumna, über welche hier eine steinerne Brücke führt. Sie hat, inbegriffen die vielen Ruinen, einen Umfang von sieben Meilen und theilt sich in die Hindu- und in die Mongolenstadt. Die Straßen sind meist krumm, winkelig und sehr eng. Unter der großen Anzahl von Moscheen mit hohen Minarets und vergoldeten Kuppeln ragt die Dschumna-Moschee über alle hervor, dcrschönstcmohammed. Tempel in Ostindien, durchgehend aus rothem Granit erbaut und mit weißem Marmor ausgelcgt. Dauri-Serai, der Kaiserpalast, an der Dschumna, ist ein Gebäude von ungeheuerm Umfange, welches große Gärten, Moscheen und Bäder umschließt und von den auf viele Tausende sich belaufenden Nachkommen des Großmoguls bewohnt wird. Die Citadelle und viele ehedem weltberühmte Paläste von NabobS und Khans, welche hier residirten, sind zerfallen. Die Einwohnerzahl wird noch immer auf 200000 geschätzt. Wäs glaubwürdige Schriftsteller von der ehemaligen Pracht und den NeichthümernD.'s berichten, grenzt an das Fabelhafte. In neucsterZeit hat ein lebhafter Handel mit Kaschmir, Kandahar, Kabul, Bengalen und andern Ländern den Wohlstand und die Blüte der Stadt wieder einigermaßen gehoben. D. soll nach den indischen Sagen von dem Radscha «Dehlitz gegründet worden sein; in dem „Mahabharata" wird es Zndraprostha, die Residenz der Pandus oder Sonnenkinder genannt, deren Reich als das Hauptreich Indiens geschildert wird. Die Straßen waren mit Gold gepflastert, wie die Sage erzählt, mit den köstlichsten Essenzen benetzt, die Bazars voll Kostbarkeiten und der Palast der Pandus strahlte von Diamanten und andern Edelsteinen. Die Pandus aber und ihre Herrlichkeit erloschen und mit ihnen die Größe und der Glanz des alten D., auf dessen Ruinen später das heutige D. entstand, das zur Residenz erhoben wurde. Lange Zeit beherrschten indische Könige dasselbe und galten als Schußherrcn des hochheiligen Wallfahrtsorts Jahne- sur. JmJ. 1011 wurde D. vom Sultan Mahmud von Ghisni erstürmt und geplündert und das Land eine Provinz des Easnaüidenreichs unter eigenen Nadschas, die sich allmälig von demselben losrissen. Daher drang 1191 der ghuridische Sultan Mohammed abermals nach D. vor, besiegte nach hartnäckigem Kampfe den Fürsten von D. und eroberte die Hauptstadt, über welche er einen ihm zinsbaren Radscha setzte. Aber bald nachdem er Indien wieder verlassen, stürzte der ghuridische Gouverneur Kulbud Eddin Aibek den eingesetzten Fürsten, mewhte D. zum Mittelpunkt eines noch mächtiger« Reichs und wurde Gründer der ersten afghanischen Dynastie, deren Herrscher alles Land vom Pcndschab bis Bengalen sich unterwarfen und deren Hof der glänzendste und prächtigste in Asien wurde. Nachdem diese Dynastie mit Kei Kobad 1288 untergegangen, kam die zweite afghanische Dynastie, die Ghuriden, in den Besitz des Reichs. Allah Eddin, 1295—I3IK, vertheidigtc dasselbe siegreich gegen die wiederholten Angriffe der Mongolen. Bald nach dessen Tode gelangte die dritte afghanische Dynastie unter Toghluk auf den Thron von D., welcher aber durch den meist mit Blutvergießen begleiteten Sturz der einzelnen Herrscher oft erschüttert wurde. Als endlich völlige Anarchie eintrat, zog Timur 1398 vor D., besiegte die Mohammedaner, eroberte die Stadt, plünderte sie und machte sich zum Kaiser. Nach Timur's Tode entstanden neue Zerrüttungen und blutige Kriege um Stadt und Reich, bis 1450 die Dynastie Lody den Thron bestieg. Allein schon 1526 wurde dieselbe durch Timur's Enkel, Sultan Babur, nach der Schlacht bei Paniput gestürzt, woraufBabur als erster Großmogul den eroberten Thron bestieg. Babur wählte abwechselnd D. und Agra zu seinen Residenzen. Das neue D. wurde 1632 am westlichen Ufer der Dschumna vom Schah Dschchan erbaut. In furchtbarer Weise wurde'D. nach dem Siege Nadir Schah's über den Großmogul im Z. 1738 geplündert und verwüstet; ebenso 1755 durch die Perser unter Abdalli und von den MahraUen 1772. Durch diese Plünderungen und Verwüstungen verlor D. seinen weltberühmten Rcichthum und Glanz und sank in Ruinen. Als dieEngländer im Z. 1802 über Sindia siegten, besetzten sie auch D., ließen zwar dem Großmogul dasselbe als Residenz, stellten ihn aber unter die Delille Delirium 133 Aufsicht und den Schutz eines von ihnen eingesetzte» Residenten. Seil dieser Zeit gehört D. zu den brit. Besitzungen in Indien und hat sich durch die Bemühungen der Engländer um bessern Anbau des Landes und ourch Beförderung des Handels und der Industrie zu einigermaßen bedeutendem Wohlstand und Glanz wicdererhobcn. Delille (Jacq.) auch Delislc, der berühmteste didaktische Dichter der Franzosen, war der natürliche Sohn eines Advocatcn Montanicr, weshalb er sich auch Montanicr- Delille nannte, gcb. am 22. Juni >738 zu Aigue-Persc in Auvergne. Nachdem er im College Lisieux und später im College zu Amiens seine Bildung vollendet hatte, trat er zuerst mit seiner Übersetzung der „Georgien" Virgil's auf (Par. I77V, 4.). Dem Aufsehen, das diese freie Nachdichtung machte, verdankte D. eine Anstellung am College de France; später begleitete er den Herzog von Choiseul-Gouffier, der als franz. Gesandter nach Konstantinopel ging. Seine erste selbständige Dichtung „Des jnrckins v,i I'srt ck'embellir pu)s<,j;es" (Par. 1782; verm.Aufl., 1801) fand zwar anfangs den Beifall nicht, der seiner Übersetzung Virgil's, die er später noch durch Bearbeitung der „Äncide" (1803) vermehrte, geworden war, gilt aber wol mit Recht für eins der bessern Lehrgedichte, welche die Franzosen aufzuweiscn haben. Beim Beginn der Revolution verlorD. fast sein ganzes Vcr- mögen, lehnte aber, weil er dem alten Regime treu bleiben wollte, nichtsdestoweniger eine Stelle im Institut, die man ihm anbot, ab, bis er sie später, als man sie ihm wiederholt antrug, annahm. Seit 179a lebte er von Paris entfernt und dichtete während seines Aufenthalts in der Schweiz seinen „klömme <1es cimmps NU les genrgicpies frsnysises" (Strasb. 1802, 4.; deutsch von Müller, Lp;. 1801), mit dessen Entwurf er sich 20 Jahre beschäftigt hatte. Der Anblick der Leiden seines Vaterlandes erzeugte das Gedicht „Da pitie" (Par. 1802; Lond. 1805, 4.), durch eine Reihe lieblicher und rührender Gemälde anziehend. Von Basel begab sich D..nach London, wo er indessen nicht zu den Emigranten gezählt wurde. Nachdem er seine Übertragung des „Verlorenen Paradieses" (Lond. 1805) vollendet hatte, kehrte er in sein Vaterland zurück und ließ seine „Trois reines cks In imtine" (2 Bde., Par. 1808, 4.), zu denen Cuvier Anmerkungen schrieb, und sein Gedicht „Du con- versiun" (Par. 1812) erscheinen. D. ist ein Dichter, dem die beschreibenden Partien besonders gelangen; wo er begeistert werden will, wird er rhetorisch, und die schone, ausgefeilte Form, von der seine Zeitgenossen besonders zur Bewunderung hingerissen wurden, läßt uns kalt und entschädigt nicht für die Prosa, welche mehr oder weniger aller didaktischen Poesie anhaftct. Als Eigenthümlichkcit erzählt man, daß D., wie ehemals Tasso, seine Verse, bevor er sie niedcrschricb, im Kopfe ausarbeitete und im Stande war, sic vollständig im Gedächtnisse zu bewahren. Er starb am 1. Mai 1813, nachdem er einige Zeit vorher das Gesicht verloren hatte. Nach seinem Tode erschien „De ckepsrt 799 gab er eine Weltkarte, Karten voy Europa, Asien und Afrika, einen Himmels- und einen Erdglobus von einem Fuß im Durchmesser heraus. Dabei legte er, was seine Vorgänger, meist blindlings den Längenbestimmungen des Ptolemäus folgend, vernachlässigt hatten, die bis zu seiner Zeit gemachten astronomischen Beobachtungen zum Grunde, die er aber mit de» Delmenhorst 135 von Lltern und neuern Reisenden angegebenen Ortsrntfcrnungen und den vorhandenen Rei- ftbeschreibungen sorgfältig verglich. Die Anzahl seiner Karten zur Geographie der alten und neuen Welt beläuft sich auf 134; unter ihnen zeigt besonders die letzte Ausgabe seiner Welt- karte von 1724 die Fortschritte, welche die Geographie bis dahin gemacht hatte. D. war der Lehrer Ludwig's XV. in der Geographie und erhielt dafür den früher nicht üblichen Titel eines königlichen Geographen. Er starb am 5.>Jan. 1726. Am geschätztesten ist die Ausgabe seines „Vtlss geogrspliigue", welche Phil. Buache (1789) besorgte. — Ein zweiter Sohn des Vorigen, Jos. Nicolas D., geb. zu Paris am 4.Apr. 1688, widmete sich von früher Jugend an der Astronomie und hatte Lieutaud und Cassini zu Lehrern. Im I. >726 berief die Kaiserin Katharina I. ihn nach Petersburg, um durch ihn eine Schule für Astronomie anlcgcn zu lassen, die dann auch durch seine Bemühungen bald berühmt wurde. Aus verschiedenen Reisen sammelte er in Rußland viele schätzbare Nachrichten für Naturkunde und Geographie. Nach seiner Rückkehr ins Vaterland >747 kaufte ihm der König seine reichhaltigen Sammlungen für Astronomie und Geographie ab und bestellte ihn zum Aufseher derselben. Insbesondere beschäftigte sich D. mit der Construction, durch welche man die Sonnenfinsternisse darzustcllen pflegt, und mit der verwandten Lehre von den Parallaxe». Auch stellte er vielfache Untersuchungen über die lichten Farbenstrcifcn an, die häufig den Schatten der Körper begrenzen (s. J n flcxion), aber ohne viel Erhebliches zu finden. Das von ihm vorgeschlagcne Thermometer, dessen Theorie er 1733 der Akademie zu Petersburg vorlegte, hat unverdient eine gewisse Berühmtheit erlangt, wicwol das Princip desselben im Grunde ganz verkehrt war. Nach demselben sollte der Nullpunkt bei der Wärme des siedenden Wassers liegen und die Wärmegrade sollten mit abnehmender Wärme wachsen, also über vcr Siedehitze desWassers negativ sein; die Zchntausendtel der Zusammenziehung des Quecksilbers sollten die einzelnen Wärmegrade angcbcn; beim Gefrierpunkt des Wassers sollte 156" stehen. In Gebrauch ist dieses Thermometer übrigens nie gekommen. Sonderbar benahm sich D. bei der Wiedererscheinung des Halley'schen Kometen im 1.1758. Er ließ ihn durch seinen Gehülfen Messier ein ganzes Jahr hindurch suchen, ohne sich selbst um ihn zu bemühen, und als Messier ihn am 21. Jan. 1759 gefunden, mußte er seine Entdeckung auf D.'s Befehl bis zum April geheim halten und durfte sie erst veröffentlichen, als es in Frankreich bekannt wurde, daß der sächs. Landmann, Palitsch, den Kometen schon am 26. Dcc. 1758 mit bloßen Augen gesehen habe, und daß er seitdem in ganz Deutschland beobachtet werde. In seinen letzten Jahren lebte D. ganz der Frömmigkeit, besuchte täglich mehre Kirchen, ging alle Sonntage zur Beichte und starb am 11. Scpt. 1768, ganz vergessen und so arm, daß man ihm nicht einmal ein anständiges Begräbniß hätte geben können, wenn nicht Messier und Buache die Kosten desselben bestritten hätten. Nächst Messier sind unter seinen Schülern besonders Delambrc und Lalande zu erwähnen. Sein wichtigstes geographisches Werk, das „51emoir« sur les nouvelles decouvertes SU IXortl ds Is mvr du 8ud" (Par. 1752; 2. Ausl., 1753), enthält das Ergebniß der Bemühungen der Russen zur Entdeckung eines Weges aus dem Südmeer in die Gewässer im Norden von Amerika. Seine „lUeuiui- res z,»»r servir s I'ilistoire et au prs^res de I'sstronvinis, tle la geograzibie et de la 8!738, 4.) blieben unvollendet; sein „Xvertisseiuent sux sstrouomss sur I'eclchse annulsir« du solei! <;ue I'oo sttend le 25 juiu" (Par. 1 748) ist eine vollständige Übersicht aller ringförmigen Sonnenfinsternisse. — Zwei andere Brüder, Simon Claude D., geb. 1675, gest. 1768, und Louis D., bekannter unter dem Namen Delisle de Lacroyere, der als Astronom seinem Bruder Jos. Nicol, nach Petersburg folgte, gest. auf der amerik. Insel Avatscha am 22. Oct. >741, machten sich ebenfalls bekannt, jener als Historiker, dieser durch seine Reisen nach Sibcrien und Kamtschatka, sowie als Begleiter Bering's im 1.1741. Delmenhorst, eine Stadt im Großhcrzogthum Oldenburg, an der Delme, mit I766 E., welche sich neben einigen Gewerben meist von Landwirthschaft nähren und sehr besuchte Pfcrdemärkte Hallen, bildete nebst der Umgegend im Mittelalter eine Grafschaft. Als sich nämlich Otto ll., der jüngere Brudc-r des Grafen Christian's III. von Oldenburg, mit seinen Verwandten entzweit, Oldenburg verlassen hatte, kaufte er von einem Vasallen des Erzbic-thnms Bremen ansehnliche Güter an der Delme und erbaute >247 zwischen der r- 136 Delolme Delorme (Marion) j»' Delme und dcr Horst das Schloß Delmenhorst. Nach seinem Tode erbte sein Neffe Otto UI. Schloß und Herrschaft D., die somit an Oldenburg kam, und erhob den um das Schloß gebildeten Ort zu einer Stadt. Bei der Theilung Oldenburgs im 14. Jahrh. unter Johann XI. und Christian IV. kam die Grafschaft an den lehtcrn, nachher pfandweise an Bremen, später an Oldenburg zurück, im 15. Jahrh. aber durch gewaltsame Wegnahme an das Bisthum Münster. Erst Graf Anton I. von Oldenburg eroberte 1547 D. wieder, weshalb Münster mit Oldenburg einen langwierigen Proceß führte, der noch sortwährte, als die Grafen von Oldenburg 1667 ausstarbcn und ihr Land nebst D. durch Erbschaft an Holstein überging, welches es denn auch nach entschiedenem Processe behielt und mit Dänemark vereinigte. Im 1.1772 vertauschte lehteres die Grafschaft an die Holstein-Eottorpische Linie Oldenburgs, und so kam dieselbe wieder zu Oldenburg. Delolme (Jean Louis), bekannt als Staatsrechtslehrer, geb.'zu Genf 1740, war Advocat in seiner Vaterstadt, als die innern Unruhen derselben, an welchen er durch eine Schrift „bixnmen ckvs trois points lle ckroit" Thcil nahm, ihn veranlaßten, sich nach England zu begeben, wo er einige Jahre, ungeachtet seiner schriftstellerischen Thätigkeit, in großer Dürftigkeit zubrachte. Sein Stolz gefiel sich in dieser niedrigen Unabhängigkeit und verschmähte jede Unterstützung, die er zuletzt nur von der Gesellschaft zur Unterstützung armer Gelehrten annahm, um, etwa gegen das I. 1775, in sein Vaterland zurückkehren zu können. Er starb am 16. Juli I8V6 in einem Dorfe in der Schweiz. Als er nach England kam, hatte die aristokratische Anarchie in Schweden und Polen ihren Culminationspunkt erreicht, und in England fürchtete man, auf dem Wege zu einem ähnlichen Ziele zu sein. Dies gab ihm Veranlassung, in seinem berühmten Buche „Konstitution will, lünglsntl" (Lond. 1796, 4.) Erwähnung. Delorme (Marion), die man mit der Phryne verglichen hat, wie man ihre Freundin, die Ninon de l'Enclos, mit der Aspasia verglich, war um 1612 in einem Dorfe beiChalons- sur-Marne geboren und kam sehr jung nach Paris, wo sie, mit einem bedeutenden Erbtheilc und großer Schönheit ausgestattet, sich würde haben vcrheirathcn können, wenn sie cs nichl vorgczogen, ein abenteuerliches und wildes Leben zu führen. Ihr erster Liebhaber war der durch seine Zweiselsucht bekannte Dichter Desbarrcaux; demselben folgte eine große Menge Anderer, darunter dcr Herzog von Buckingham, der Großstallmcister Cinq-Mars, der Uii- terintcndant der Finanzen, d'Eme'ry, nach dem sie sich ,Ma 57 v oder 1577. Er hinterließ mehre Schriften über die Architektur, von denen besonders die „Nouvelles inventions p»»r Kien katir et Ä petits frais" (Par. 1561) berühmt sind. Dieses Werk enthält nämlich die Erfindung des sogenannten Bohlendaches, die von D. hcrrührt und zu ihrer Zeit sehr großes Aufsehen machte.— Pierre Claude Frans. D., geb. 1783, einer der namhaftesten Maler der neuern classisch-franz. Malerschule, welche erst in jüngster Zeit durch die romantische Schule verdrängt wurde, war ein Schüler Girodet's und zeichnete sich durch edle, geschmackvolle Zeichnung und ein angenehmes Colorit aus. Die Gegenstände seiner Darstellung gehören größerntheils dem Kreise der antiken Mythe an. Einige der bedeutendsten findet man in der Galerie des Luxembourg. Delos, jetzt Dili, von den Alten auch Kynthia, Asteria und Ortygia genannt, eine der Cykladischcn Inseln imÄgeischcn Meere, von 1'/- lüM. Flächcnraum, gegenwärtig wegen ihres ungesunden Klimas unbewohnt, war einer uralten Sage nach durch den Schlag des Dreizacks des Neptun aus dem Meere cmporgestiegen und schwamm unstät auf demselben umher, bis Jupiter sie mit diamantnen Ketten an den Meersgrund fesselte. Hier fand die flüchtige Lato na (s. d.) eine sichere Ruhestätte für ihre Entbindung; siegebar auf einem wüsten Felsen unter einem schattigen Baume die Götterkinder Apollon und Diana, die daher D e l i o s und D e l i a genannt werden, und gelobte zugleich, daß ein Tempel hier errichtet werden solle, zu welchem alle Völker die kostbarsten Geschenke bringen würden. Von jetzt an galt D. als ein geweihter und heiliger Ort, sodaß man nicht einmal die Tobten hier bestattete, sondern auf die benachbarte Insel Rhema brachte. Die Städte waren offen, nicht mit Mauern umgeben; ihre unermeßlichen Schätze wurden nur durch die Heiligkeit des Orts geschützt, und selbst die Perser ließen sie unangetastet. In früherer Zeit hatte die Insel eigene Könige, die zugleich das Pricsteramt verwalteten; nachher trat sie, wie die übrigen Inseln, in ein Abhängigkcitsvcrhältniß zu Athen. Durch ausgebrciteten Handel hatte sich hier ein Wohlstand gebildet, der sich selbst noch zu den Zeiten des gesunkenen Griechenlands erhielt, da nach der Zerstörung Korinths die reichen korinthischen Kauflcute hierher sich flüchteten und dem Handel neuen Aufschwung gaben. Später erneuerten zwar die Römer den Athenern diesen Besitz; allein Stadt und Tempel fanden einen schimpflichen Untergang durch Mcnophanes, den Fcldhcrrn des Königs Mithridatcs von Pontus, der nach allgemeiner Plünderung die Stadt völlig zerstörte und Weiber und Kinder als Sklaven nach Pontus führte. Außer geschätzten Erzarbeitcn verdienen der Tempel und das Orakel des Apollon, als die größten Merkwürdigkeiten, der Erwähnung. Der Tempel, von Eri- ^chthon, dem Sohn des Cekrops, gegründet und im Verlaufe der Zeit außerordentlich vcr- jchöncrt, war aus parischcm Marmor erbaut und enthielt außer der Bildsäule des Gottes einen merkwürdigen Altar, der dem Delischen Problem (s. d.) den Namen gegeAii Haber- soll. Die Orakel, welche Apollon hier während des Sommers erlheilte (denn im Winter geschah dies zu Patara in Lycien), hielt man für die deutlichsten und zuverlässigsten von allen. Auch feierten auf D. die Hellenen alle fünf Jahre das Delischc Fest, wobei gymnischc und musische Spiele stattfandcn, und die Athener jährlich die schöne, von Thejeus gestiftete Wallfahrt, Theorie genannt, mit Chören und Tänzen. Vgl. Schwenk, „v.llinca" (Bd. 1; Franks. 1825). Delpech (Jacg. Mathicu), ein berühmter franz. Chirurg und Operateur, geb. am 138 D-elphi 2. Ort. 1777 zu Toulouse, genoß eine sehr mittelmäßige Erziehung, da sein Vater in be- schränkten Umständen lebte, bis Larrey, ein Onkel des berühmten Arztes gleiches Namens, das in dem Knaben schlummernde Talent erkannte und ihn unter seiner Anleitung im Hospital zu Toulouse zum Arzte bildete. Nachdem D. 1811 in Montpellier promovirt, wendete er sich nach Paris, wo er sich Boyer's Gunst erwarb und durch seine Vorträge über Chirurgie vorzüglich die Studirenden aus dem südlichen Frankreich an sich zog. Im I. 1812 folgte er dem Rufe als Professor der chirurgischen Klinik nach Montpellier, in welcher Stellung er sich als Lehrer und als Operateur einen solchen Ruhm erwarb, daß man ihn als den Wiederhcrsteller der Chirurgie im südlichen Frankreich bezeichnet. Später erhielt er den Titel als Leibarzt des Königs und des Herzogs von Angouleme. SeineVorträge fesselten durch Lebendigkeit das Interesse der Zuhörer; seine Operationen verrichtete er mit außerordentlicher Geschicklichkeit; besonders entwickelte er in der Anlegung von Verbänden eine eigcnthüm- liche Fertigkeit. Geliebt und geehrt von seinen Mitbürgern, seinen Kranken und skinen Schülern, wollte es ihm doch nicht gelingen, sich die Zuneigung seiner Collegen in gleichem Grade zu sichern, was wol seinem etwas zu großen Ehrgeize zuzuschreiben war. Ein tragischer Tod endete sein Leben am 29. Oct. 1832; ein früherer Patient von ihm, der schon wegen eines Mordversuchs in Haft gewesen war, tödtete ihn durch einen Flintenschuß, wie man sagt, aus Rache. Seine hauptsächlichsten Schriften sind „krecis ele- wentsiro ckss mslackies reputees cinriirgicales" (3 Bde., Par. 1816), „(Hui-gie clini- ljue 6« Älolitpellier ou observstions et rellexions tirees 7 66 auf Seiten des Volks den Anhängern des Raths gegenüber und wurde, da man ihn seiner Einsicht und Gewandtheit wegen sehr hoch achtete, 1768 nach Paris gesendet und 1770 zum Mitglied des Großen Raths ernannt. Um seine Studien fortzusetzen, verließ er bald darauf Genf und ging nach London, wo er >773 Vorleser der Königin von England wurde. Seit 1798 Professor der Philosophie zu Göttingen, lebte er, ohne dahin zu kommen, bis 1806 in Berlin, Hannover und Braunschweig, worauf er nach England zurückkchrtc. Hier starb er zu Windsor am 8. Nov. >817. D.churchreiste zu verschiedenen Malen die Schweiz, das Harzgebirge und die Nheingcgcnden. Bedeutende Verdienste erwarb er sich durch die Verbesserung des täst Demadcs Dcmarcakionslinie Barometers und durch seine Untersuchungen über das Thermometer. Die Hypothesen in seinem geologischen Systeme, die er zum Thcil mit der Heiligen Schrift in Übereinstimmung zu bringen suchte, fanden viele und bedeutende Gegner. Unter seinen zahlreichen Schriften erwähnen wir die „Rscberclies snr los modilications lou- velles itlees sur In Meteorologie" (2 Bde., Land. 1786; deutsch von Wittckopp, Berl. 17 88), „li-ettres ^liz-sigues et mornles sur l'lüstoire pli^sigue Ue In terre" (5 Bde., Par. 1798), „Introtluctiou ä In pll^sigue terrestre ;>srles tluieies ex^snsibles" (2 Bde., Par. 1803), „Llementsr^ trestise on geolog)'" (Lond. 1809), in welchen letztem Schriften er sein geologisches System darlegte, und endlich „6oologicsl truxels in som« ^nrts okkrunce, 8vritrerInu,I und Oerman)-" (2 Bde., Lond. 1813). Demädes, ein Staatsmann und Redner in Athen, der Zeitgenosse und Gegner des Demosthenes, gelangte, obgleich von ganz niederer Herkunft, schon frühzeitig durch sein Nednertalent zu Ehrenstcllen und Ansehen, das er jedoch, als er sich nach der Schlacht bei Chäronea zur Partei des macedonischcn Königs Philipp schlug, von dem er reichliche Geschenke zog, nicht zum Wohl seines Vaterlands verwendete. Später suchte er sich auf gleiche Weise bei Alexander cinzuschmeicheln, dessen Freigebigkeit er zur Deckung seiner durch Luxus und Ausschweifung angehäuften Schulden ausbeutcte. Zuletzt wurde er von den Athenern als Gesandter an Antipater geschickt und auf dessen Befehl, da er sich eines verrätherischcn Anschlags aufAntipater's Leben verdächtig gemacht hatte, nebst seinem Sohne Derneas hingerichtet. Von seinen Reden hat sich, mit Ausnahme eines Bruchstücks, nichts erhalten. Vgl. Lhardy, „I)s itemsds orators atlrenieiisi" (Berl. 1833). Demagog, Führer des Demos, d. h. der Masse des Volks, nennt man einen Mann, welcher cs versteht und unternimmt, durch Redekunst den versammelten Haufek zu bewegen und zu leiten. In der reinen Demokratie, wo die Landgemeinde oder gemeine Bürgerschaft unmittelbar regiert, ist der Demagog ein unentbehrlicher Mann, der Fürst und Liebling des Volks, dessen Macht unbeschränkt ist, so lange er den Sinn der Menge beherrscht, der aber in den Staub getreten wird, wenn er cs wagt, den Leidenschaften undVorurtheilcn derselben cntgcgenzutreten, oder wenn ihn ein Anderer durch größere Nachgiebigkeit und Schmeichelei übcrbietet. Nur bei einem so hochgebildeten Volke, wie die Athener, konnte ein Mann wie Perikles lange Jahre sich an der Spitze des Staats behaupten; wenige Andere haben sich in der leicht gewonnenen, aber auch leicht verlorenen Volksgunst länger als kurze Augenblicke erhalten. Sie sind gefallen, entweder indem ihre Nachgiebigkeit gegen die Launen der Menge sie verächtlich, oder ihr Versuch, wirklich zu regieren, sie verhaßt machte. Der Aristokratie ist der Demagog ein gefährlicher Mann, welchen die eigennützige Faction der Machthaber nicht bald genug vernichten kann, was der röm. Senat an den edlen Gracchen verübte. Statt der Gesetzesherrschast und Erhebung des Volks, welche die Gracchen herzustellen unternahmen, sielen Senat und Volk unter die Herrschaft der Imperatoren. In der Monarchie ist die Demagogie ein Verbrechen, weil sie den regelmäßigen Gang der Volkslcitung von oben in ein verfassungswidriges Wirken von unten verändert. (S. Umtriebe, demagogische.) Es ist ein Symptom großen Verderbens, wenn Das, was zum Wohl der Gc- sammtheit nöthig ist, wenn heilsame und gerechte Verbesserungen nicht durch die Kraft der Vernunft, sondern durch Volksgewalt und Furcht vor derselben errungen werden müssen. Einer Regierung, welche weiß, was sie will, und noch mehr, was sie soll, kann dieses Unglück nie begegnen. Der durch die Gunst des Volks auch noch so hoch Erhobene tritt, wenn er klug, von selbst zurück, sobald ihm die Sonne des Glücks am höchsten steht. Nur Washington (s. d.) begleitete sie bis ans Ende seines Lebens, weil er Feldherrnruhm und Bürgertugend mit der seltensten Selbstbeherrschung vereinte. Demanteliren, s. Schleifen. Demarkationslinie nennt man in der Kriegswlsscnschast die von zwei oder mehren streitenden Parteien vertragsmäßig sestgcstellte Grenzlinie, welche während einer bestimmten Zeit, z. B eines Waffenstillstandes, von keinem Theile überschritten werden darf. Sie hat Dcmarara Dcmbinski 141 gewöhnlich natürliche Gegenstände des Terrains zu ihrer Grundlage und wird durch Flüsse, Wege, Wälder u. dgl. bestimmt. Nach dem Frieden zu Basel wurde am 17. Mai 1795 durch Vertrag eine solche Linie zwischen der franz. und preuß.-sächs.-hess. Armee gezogen und durch dieselbe der Kriegsschauplatz vom nördlichen Deutschland entfernt gehalten; eine andere ward im pläßwitzcr Waffenstillstände am 4. Juni > 8 > 3 zwilchen der franz. und preuß.-ruff. Armee in Schlesien festgesetzt, welche die streitenden Heere bis zu Ende des Waffenstillstands am 17. Aug. trennte. Als im I 5. Jahrh. die Portugiesen und Spanier um die Herrschaft der Meere und die neuentdeckten Länder stritten, zog der Papst Alexander VI. (s.d.) gleichfalls eine Demarcationslinie durchs Weltmeer, welche die Herrschaft beider Völker in bestimmte Grenzen weisen sollte. Dcmarara, früher eine holländ., seit 1803 eine brit. Niederlassung in Südamerika, bildet mit Essequibo und Berbice das jetzige brit. Guiana (s. d.). Dembinski(Henryk), poln.General, geb. 1791, ein Sohn Ignaz D.'s, der als Landbotc dem Reichstage 1788—91 beiwohnte, wurde nach dem Tode des Vaters, der in seinem letzten Willen seinen Söhnen die Pflicht auferlcgte, jederzeit aus allen Kräften die Constitution vom 3. Mai 1791 zu unterstützen und ihre Arme der Vertheidigung des Vaterlands zu widmen, durch seine Mutter, eine Tochter des sächs. Obersthofmeisters, Grafen Moszynski, trefflich gebildet. D. zeichnete sich früh durch Gewandtheit in körperlichen Übungen sowol als in seinen Studien aus. Nebst zweien seiner Brüder kam er 1807 in die Jn- genicurakademic zu Wien. Als 1809 die östr.Negierung den poln. Zöglingen Osfizierstcllen beim Heere anbot, schlug D. solches aus und begab sich nach Polen, um seinem Vaterlande Beistand zu leisten. Als gemeiner Soldat trat er in das fünfte reitende Jägerregiment, indem er den Offizicrgrad, den man ihm anbot, nur auf dem Schlachtfelde verdienen wollte. Er war Lieutenant, als der Feldzug gegen Rußland eröffnet wurde. In der Schlacht bei Smolensk zeichnete er sich so aus, daß Napoleon selbst ihn zum Hauptmann ernannte. Zwei stincr Brüder fielen in jenem Feldzuge, aber dieser Verlust feuerte ihn desto mehr an, der Ermahnung seines Vaters nachzukommen. Unter den Befehlen des Generals Sokolnicki lernte er eine schwache Heeresabtheilung mit Vortheil gegen überlegene Streitkräfte gebrauchen, und die wichtige Kunst, das Terrain zu benutzen. Während des Feldzugs in Deutschland, wo er noch einen Bruder verlor, ward er dem General Wielohorski beigcgeben, der zu jener Zeit bis zu Napalcon's Abdankung die Geschäfte als Kricgsministcr des Herzogthums Warschau zu Paris besorgte. Darauf nahm er seinen Abschied und kehrte in sein Vaterland zurück. Bald nachher verheirathete er sich, verlebte fünf Jahre in gänzlicher Zurückgezogenheit auf einem kleinen Landgute und gelangte durch »»ermüdete Anstrengungen aus einer fast dürftigen Lage zum Besitze eines sehr bedeutenden Vermögens. Als die Revolution im 1.1830 in Polen ausbrach, eilte er, seinem Vaterlande beizustehen. Er wurde Major eines Regiments, das sich in der Woiwodschaft Krakau bildete; bald nachher aber erhielt er den Oberbefehl über die mobile Nationalgarde dieses Gebiets und widmete sich der Ausbildung derselben mit so großer Thätigkeit, daß dieses Corps sich bald vor allen andern auszeichnete. Nachdem er mit demselben an dem Tage der Schlacht bei Grochow in Warschau angelangt, übergab ihm bald nachher der Obcrfeldherr Skrzynecki den Befehl über eine Cavaleriebrigade, mit welcher D. in dem Gefechte bei Kuflew dem Heere des Feldmarscyalls Dicbitsch sich cntgcgenstellte und an der Spitze von ungefähr 4000 M. einen ganzen Tag lang eine Macht von 90000 M. aufhielt. Diese glänzende Waffenthat verschaffte ihm die Würde eines Bri- gadegcncrals. Als Skrzynecki gegen die ruff. Garden vorrückte, erhielt D. den Befehl, die Brücke bei Ostrolenka anzugreifen, die von den Russen besetzt war und die man bis dahin für eine unbezwingliche Stellung gehalten hatte. Er begann den Angriff in der Nacht an der Spitze neuausgehobener Truppen, und nach einem vierzchnstündigen hartnäckigen Kampfe Vertrieb er die Feinde. Darauf kam er mit seinem Corps zu der Hceresabthcilung des Generals Gielgud. Nach der Schlacht bei Ostrolenka, an welcher er nicht Theil nehmen konnte, mußte er fortan das Schicksal der Division Gielgud theilen. Als die zu dieser Heeresabtheilung gehörenden Generale sich entschlossen, auf das prcuß. Gebiet überzugehen, wollte D. lieber ehrenvoll fallen als ohne Schwertstreich die Vertheidigung seines Vaterlandes aufgeben und faßte den kühnen Plan, mitten durch ein Land, das von einem seinen Streitkräf- 142 Demeter Demeter (Ignaz Anton) ten zwanzigfach überlegenen Heere besetzt war, nach Warschau vorzudringen. Er mußte dazu einen Umweg von 30V Stunden machen und zu den Quellen der Wilia und des Riemen hinaufgehen. Am Ende des Juli 183 l erschien er plötzlich mit der kleinen Schar seiner Tapsern vor Warschaus Thoren. Seine Ankunft glich einem Triumphe; er wurde mit vcm frohen Zurufe eines Volks empfangen, das dieses letzten Trostes in dem Augenblicke bedurfte, wo sich Alles zu seinem Verderben verschworen zu haben schien. D. ward alsbald zum Gouverneur der Stadt ernannt und erhielt darauf die Oberbefehlshaberwürde, die er jedoch nur wenige Tage behauptete. Sein Plan, den er am Tage nach der Nacht vom i ö. Aug. gefaßt haben soll, sich zum Diktator zu erheben und die gesammte öffentliche Gewalt in sich zu vereinigen, um alle Kräfte gegen den gemeinschaftlichen Feind zu richten und auf diese Weise vielleicht noch einmal die Unabhängigkeit ,eines Vaterlandes zu retten, wurde vereitelt, und D. zerfiel wegen der Heftigkeit seines Charakters noch vor dem Falle Warschaus mit vielen seiner Landsleute. Mit Rybinski's Corps ging er hierauf nach Preuße» und von hier nach Frankreich. Um sich als Soldat einen neuen Wirkungskreis zu verschaffen, trat er 1833 in die Dienste des Pascha von Ägypten, der ihn nach Syrien sendete, ui» die Reorganisation der ägypt. Armee zu betreiben; doch kehrte er bald wieder nach Paris zurück. Nachdem vorher ein Bruchstück seiner Denkwürdigkeiten nach mündlichen Dictatcr von Spazier unter dem Titel „Mein Feldzug nach und in Lithauen und mein Rückzug von Kurszany nach Warschau" (Lpz. 1832) herausgegebcn worden war, erschienen seine mil vieler Schärfe geschriebenen ,Memoires" (Par. 1833), die er jedoch, um seinen Landsleuten einen Beweis seiner Versöhnlichkeit zu geben, später zu unterdrücken sich bemühte. Demeter ist der griech. Name der Ceres (s. d.). Demeter (Ignaz Anton), Erzbischof von Freiburg, geb. am 1. Aug. 1773 zu Augsburg, wo sein Vater Bürger und Bäcker war, studirte zu Dillingen unter dem würdigen Ignaz Mich. Sailer die Theologie und erhielt 1786 die priesterliche Weihe. Von dem Grafen Schenk zu Stauffenberg im I. 1801 auf die Pfarrei Lautlingen in Würtemberg berufen, widmete er sich, angeregt durch den als verdienten und fruchtbaren Kindcrschriststeller bekannten und ihm befreundeten Christoph Schmid (s. d.), mit vielem Eifer dem Erziehungsfache. Er errichtete in seiner Pfarre eine Privatbildungsanstalt für Schullehrer und schrieb mehre für die damalige Zeit nicht unverdienstlichc pädagogische Schriften, wodurch er die Aufmerksamkeit des Kirchenraths Werkmeister in Stuttgart und des Gencralvicars von Wesscnberg in Konstanz auf sich zog. Diese beiden edlen Kämpfer für Licht und christliche Wahrheit in der katholischen Kirche empfahlen D., der indessen bereits zum Oberschul- commissar ernannt worden war, der bad. Regierung, als diese im J. 1808 einen tüchtigen Vorstand für das mit dem Lyceum von Baden nach Rastatt verlegte Schullchrcrscminar suchte. D. wurde im Jan. 1809 Direktor des letztem Instituts und zugleich Professor der Pädagogik am Lyceum und Rector der Stadtpfarrei. In diesem vielseitigen Wirkungskreise erwarb er sich große Verdienste und allgemeine Achtung. Im I. 1818 zog er sich jedoch auf die reiche Pfarrei Sasbach bei Achern zurück, die er auch nicht aufgab, als er, wiewol nur auf kurze Zeit, als Ministerialrath und Mitglied der katholischen Kirchensection nach Karlsruhe berufen wurde. Im I. 18Z3 durch den Erzbischof Bernard Voll zum Domkapitular an der Mctropolitankirche zu Freiburg ernannt, wurde er nach dessen Tode, wiewol er der .jüngste Capitular, der gelehrte Hug sein Mitbewerber war und die allgemeine Stimme den Freihcrrn von Wesscnberg federte, unter mancherlei begünstigenden Umständen am 1 l.Mai 1836 zum Erzbischof erwählt, und nachdem die Wahl die päpstliche Bestätigung erhalten, am 29. Jan. 1837 in der Metropolitankirche zu Freiburg feierlich consecrirt. Er starb am 21. März 1842. D. gehörte der gemäßigten Episkopalpartei in der katholischen Kirche an; seine früher« freisinnigen Ansichten hatte er freilich in späterer Zeit, wie so viele Andere, aufgegeben; aber der gegen ihn erhobene Vo.wurf ultramontaner Bestrebungen war zu hart, obschon auch er im Oct. 1838 erklärte, in Bezug auf die gemischten Ehen dem päpstlichen Breve, gleich den preuß. Bischöfen, sich anschließen zu müssen. Von D.'s Schriften, meist erbaulichen und pädagogischen Inhalts, sind zu nennen „Grundsätze sstr die Bildung der Schullehrer" (3. Aust., Strasb. >821), „Vollständiges Handbuch zur Bildung angc- Demetrius Poliorketes Demetrius Phalereus 143 hei,der Schullehrer" (3 Bde., Mainz ,821-23; Bd. I, 5. Aufl., 1830; Bd. 2, 2.Aufl., 1834) und die „Zeitschrift zur Bildung katholischer Schullehrer" (4 Hefte, Freib. 1809). Demetrius Poliorketes, d. i. der Städteeroberer, der Sohn desAntigonus (s. d.), war unter den macedon. und syr. Königen dieses Namens durch seine Talente, seine Thaten und den Wechsel seiner Schicksale der bedeutendste. Geboren im 1.337 zeichnete er sich schon frühzeitig durch Tapferkeit und Kriegskunst in den Kriegen seines Vaters gegen Eumenes, Seleucus und Ptolemäus aus, obwol er von diesem bei Gaza im I. 312 geschlagen ward. Im I. 3V7 sendete ihn Antigonus nach Griechenland, um dort die macedon. Herrschaft des Kassander zu zerstören; er eroberte Megara und nahm Athen ein, dessen Bewohner ihn als ihrem Befreier mit Ehren überhäuften. In Cypern schlug er im I. 306 Menelaus, den Bruder des Ptolemäus, und die Flotte des Letztem, die zum Entsatz der Stadt Salamis herbcigeeilt war, bei deren Belagerung und Eroberung D. namentlich die Kunst zeigte, die ihm seinen Beinamen erwarb. Antigonus nahm nun den Königstitel an und ertheilte ihn auch seinem Sohne. Nhodus ward von diesem 304 vergeblich angegriffen, dagegen entsetzte er Athen, das Kassander belagerte, und vertrieb dessen Truppen aus Hellas und dem Peloponnes. Als nun Kassander, LysimachuS, Seleucus und Ptolemäus sich gegen ihn und Antigonus verbanden, eilte er dem Letztem zu Hülfe nach Asien, eroberte Ephesus, ward aber nach der Schlacht bei Jpsus im I. 301, in der Antigonus selbst fiel, zur Flucht gezwungen. Die Athener, die sich früher in den widrigsten Schmeicheleien gegen ihn überbotcn hatten, ließen ihn jetzt nicht ein, bald aber gewann er, da Seleucus, der mit seinen frühem Bundesgenossen zerfallen war, seine Tochter Stratonike heirathete und ihm Cilicien, Cypern und Phönizien überließ, von neuem Macht, mit der er Griechenland wieder zu gewinnen suchte Die Athener ergaben sich ihm 297 und erhielten Verzeihung; im Peloponnes schlug er den spartan. König Archidamus und war nahe daran, Sparta selbst einzunehmen, als er sich plötzlich nach Macedonien wendete, um sich in den Streit, der dort zwischen den Brüdern Antipater und Alexander ausgebrochen war, zu mischen. Nachdem er den Letztem 294 hatte ermorden lassen, ward er selbst von den Macedoniern zum König ausgerufen, unterwarf die abtrünnigen Böotier nach der Einnahme von Theben, 290, und versöhnte sich mit Pyr- rhus ss. d.) von Epirus, der mit den Ätoliern gegen ihn kämpfte, um seines Vaters Reich und seine eigenen Besitzungen in Asien, die indessen verloren gegangen waren, wieder zu gewinnen. Noch ehe er jedoch seine Ungeheuern Rüstungen vollendet hatte, ward er durch den Einfall des LysimachuS, der sich mit Seleucus und Ptolemäus verbunden hatte, in Mace- donicn beschäftigt; er zog gegen ihn, aber die Macedonier, bei denen er sich durch Schwelgerei und Hochmuts, verhaßt gemacht hatte, verließen ihn 287 und wählten den Pyrrhus, der sich dem Bündnisse seiner Gegner angeschlossen hatte. Er floh nach Griechenland, wo sein Sohn Antigonus Gonatas seine Herrschaft behauptete; nur Athen hatte sich befreit und ward von D. vergeblich angegriffen, der nach Asien eilte, um hier den LysimachuS anzugreifen. Anfangs glücklich, ward er durch Agathokles, den Sohn des Lysimachus, bald so bedrängt, daß er sich nach Cilicien auf das Gebiet des Seleucus flüchten mußte. Ihm ergab er sich, nachdem ihn seine Soldaten verlassen hatten, im I. 286. Er starb im I. 285 zu Apamea am Orontcs, wohin ihn Seleucus, der ebenso die Auffoderungcn des Lysimachus, ihn zu tödten, als die Bitten des Antigonus, ihn frei zu lassen, zurückwies, hatte bringen lassen. Demetrius Phalereus, so genannt von seinem Geburtsort Phalerum, einer der Hafenstädte Athens, ein Zeitgenosse des Vorigen, war von niederer Herkunft, geb. um 345. Er schloß sich dem Theophrast als Schüler an und gewann als Redner bald bedeutenden Einfluß in Athen, sodaß ihn Kassander im I. 317 an die Spitze der Verwaltung der Stadt stellte. Zehn Jahre leitete er diese auf das tüchtigste, die Athener erwiesen ihm die größten Ehren, wie sie ihm denn so viel Statuen als Tage im Jahre errichteten. Als er aber im I. 307 beim Anzug des D. Poliorketes die Stadt verlassen mußte, warf das wankelmüthige Volk jene Statuen um, ja es ward sogar ein Todesurtheil gegen ihn erlassen. Er flüchtete zu Ptolemäus Lagi nach Ägypten, der sich seiner als Rathgeber bediente und durch seine Anregung zum Sammeln von Büchern bewogen ward, wodurch der erste Grund, auf dem sich die Alexandrinische Bibliothek bildete, gelegt wurde, ohne-daß deshalb D. als der erste Ausseher dieser Bibliothek betrachtet werden dürfte. Bei Ptolemäus Philadelphus fiel er 144 Demetrius m Ungnade und starb, nach 283 v. Ehr., in der Verbannung in Obcragyptcn. D. war als Redner ausgezeichnet, obwol er sich von der strengen Weise des Demosthenes entfernte, und gehörte zu den gelehrtesten Peripatelikcrn; Diogenes von Laerte führt gegen 50 Schriften historischen, politischen, philosophischen, rhetorischen und grammatischen Inhalts auf, die ihn zum Verfasser hatten; die Schrift über den rednerischen Vortrag, die sich unter seinem Namen auf unsere Zeit erhalten hat, gehört einem später« Zeitalter an; sie ist von Schneider (Altenb. 1779), von Göller (Lpz. 1837), am besten im neunten Theile der „Rbet»res griieci" von Walz (Stutlg. 1836) hcrausgcgcbcn. Demetrius ist der Name mehrer russ. Großfürsten. — D. I-, ein Sohn des Großfürsten Alexander Newski, lebte mit seinem Bruder Andreas nach des Vaters Tode in fortwährendem Kriege und abwechselnd vom Glück begünstigt, bis er 1291 starb. — D. >l. ein Sohn des Großfürsten Michael, gelangte nach des Vaters Ermordung, durch die Unterstützung der Tataren, 1320 in den Besitz des Fürstenthums Nowogrod, wurde aber durch Georg III. entthront und sah sich genöthigt, zu den Tataren seine Zuflucht zu nehmen. Als er hier Georg III., der, nachdem er ebenfalls in Folge einer Revolution zu den Tataren geflüchtet war, ermordete, ward er 1325 hingcrichtet. — D. III., ein Sohn Konstantin's, 1360 durch die Tataren als Großfürst von Moskau eingesetzt, wurde 1363 entthront und starb 1383. — Ihm folgte D. IV., mit dem Beinamen Don sky, ein SohnJwan's, der schon als unmündiges Kind im Besitze des Großfürstcnthums Moskau gewesen, durch D.IU. aber verjagt worden war und erst nach dessen Entthronung im J. 1363 von neuem den Thron bestiegen und sich mit Jenes Tochter vermählt hatte. Er verlegte seine Residenz von Kiew nach Moskau, erbaute den Kreml von Stein und war sehr glücklich im Kriege gegen die Fürsten von Twer, die Lithaucr, die Fürsten von Rjäsan und selbst gegen die Tataren. Wegen der siegreichen Schlacht gegen die letztem am Don erhielt er den Beinamen Donsky. Im erneuerten Kampfe aber gegen dieselben unterlag er; es wurde Moskau niedergcbrannt, und die Russen sahen sich genöthigt, unter die Zinspflichtigkeit der Tataren zurückzukch- rcn. Erstarb 1389. — D. V., ein Sohn Jwan's 11. des Schrecklichen, geb. 1582, ward durch Boris Fedorowitsch, Mitregentcn des Zar Fcdor Jwanowitsch, nach des Letzter» Tode mit seiner Mutter Marta verwiesen und auf Befehl des Großfürsten von Moskau, Boris Godunow, wahrscheinlich 1591, ermordet. — Im I. 1603 trat der erste der sogenannten falschen Demetrier auf. Er gab sich für den Sohn Jwan's aus und behauptete den Mördern entkommen zu sein; soll aber ein Mönch aus dem Kloster Tschudow, Namens Grischka Otrcpiew gewesen sein. Er entdeckte sich zuerst dem Fürsten Wisnicwski in Lithaucn, bei dem er in Diensten stand, und dann dem Wojewoden von Sandomir, Mni- szek, durch den er dem poln. Könige Sigismund III. vorgcstcllt wurde. Die Polen erkannten in ihm ein willkommenes Werkzeug, um Einfluß auf Rußland zu gewinnen; von ihnen unterstützt, begann er gegen Boris den Krieg. Dieser starb, nachdem er wiederholt geschlagen worden war, sehr schnell, wie Einige meinen an Gift, und sein Sohn Feodor, der ihm folgte, gericth in Gefangenschaft. Hieraus zog D. 1605 in Moskau ein, bestieg den Thron und ließ Feodor erdrosseln. Er regierte mit Kraft und Umsicht, doch brachte er das Volk gegen sich auf, als seine Braut, die katholische Marina Mniszek, die Tochter des Wojewoden von Sandomir, mit 2000 Polen in Moskau erschien. Während der Hochzcitsfeier entstand ein Aufstand in Moskau; das Volk, von dem Fürsten Wasili Schuiski, dem D. großmülhig schon vorher verziehen hatte, als er eines Plans, ihn vom Thron zu stürzen, überführt worden war, geleitet, brach in dem Kreml. D. und viele Polen wurden ermordet, Marina, die mit Mühe dem Tode entging, ward ins Gefängniß geworfen. — Schon 1607, nachdem Wa- stli Schuiski den Thron bestiegen, trat derzweitefalscheD. auf. Er gab sich für eine Person mit dem ersten aus, behauptete, sich aus Moskau gerettet zu haben, war aber nach einer Angabe ein Jude, nach einer andern der Sohn des Fürsten Andrei Kurbski. Er fand besonders Anhang, als die herrschfüchtige Marina nach ihrer Befreiung ihn für ihren Gemahl anerkannte. Die Polen unterstützten ihn ebenfalls, verließen ihn aber nachher. Der poln. Hetman Zolkjewski nahm nach Wasili's Sturze die russ. Hauptstadt für Sigis- mund's III. Sohn, Wladyslaw in Besitz, ohne sie lange behaupten zu können. D. hatte sieb nach Kaluga geflüchtet und ward ermordet. — Ein dritter falscher D. war der angebliche Demidow Demrurg 145 Sohn des Otrepiew. Er fand Unterstützung bei Wladyslaw IV. von Polen, flüchtete, als dieser gestorben, zuerst nach Schweden und dann nach Holstein, wo ihn der Herzog an den Zar von Rußland auslieferte, der ihn erdrosseln ließ. — Ein vierter falscher D., der sich für den Sohn Demetrius' V. ausgab, war der Diakon Sidore. Er bemächtigte sich der Stadt Pleskow, wurde aber seines Übermuths wegen von den Bewohnern vertrieben, von Kosacken nach Moskau gebracht und dort 1613 hingerichtet. Demidow, eins der größten Handelshäuser in Moskau, welches auf Industrie und Geldumlauf noch gegenwärtig den größten Einfluß übt, gelangte zu seinem Ansehen durch Nikita D-, der unter Peter dem Großen in Sibirien die erste Eisenhütte anlegte, mit welcher 1702 der Kaiser ihn beschenkte. — Durch seinen Sohn Akimfi D-, der kaiserlicher Staatsrath war, wurde 1725 am Fuße des Magnetbcrgs in Sibirien das Eisenwerk Nisch- neitagilsk angelegt, das noch jetzt die bedeutendste unter den sibir. Hütten ist. — Basili D,, seit 1741 Obersecretair des Senats und später Staatsrath, sowie Iwan D., seit 1764 Contreadmiral, verbreiteten ihren wohlthätig«i Einfluß über alle Theile des Reichs. — Paul GregoriewitschD. legte zu Moskau bei seinemPalaste einen an exotischen Holzarten reichen botanischen Garten an, sammelte ein herrliches Kunst- und Naturaliencabinet und begründete eine reich dotirte Handelsschule. — Nikolaji, Graf vonD., geb. 1774 zu Petersburg, ein Sohn des am 31. Jan. 1826 verstorbenen Geh. Raths Peter Gre- goriewitsch vonD., trat früh in Militairdienste und zeichnete sich als Adjutant Potem- kin's im Türkenkriege aus. Später vermählte er sich mit einer Gräfin Stroganow, und nachdem er den Abschied als Oberst bekommen, ward er Geh. Rath und Kammerherr des Kaisers. Als Freund der Naturkunde und der Künste, voll Eifer, die Bildung in seinem Vaterlande immer mehr zu verbreiten, unternahm er zu seiner eigenen Belehrung eine Reise nach Deutschland, Italien, Frankreich und England und sendete mehre seiner Berg- und Hüttenmänner nach Steiermark, um geübte Lehrer des Bergbaus heranzubilden. Jedem Russen erlaubte er in seinen trefflich eingerichteten Werken und Fabriken zu lernen. Im I. 1812 errichtete er auf seine Kosten ein ganzes Regiment und führte dasselbe so lange gegen den Feind, bis Rußland gänzlich befreit war. Er ist im Besitz einer reichen Gemäldegalerie und vieler andern Kunstschätze; sein ausgezeichnetes naturhistorisches Cabinet schenkte er der durch den Brand verarmten Universität zu Moskau. Jm J. 1826 gab er zu Petersburg und Moskau einige kleine Schriften über Industrie, Capitalvermögen und Handel in franz. Sprache in Druck. — Sein Bruder, ber ruff. Kammerherr, Anatoli D., machte, um das Andenken seines Vaters zu ehren, eine Schenkung von 5Ü«NN« Rubeln zur Gründung einer Anstalt in Petersburg, in welcher arme Leute die Mittel zu ihrem Unterhalte finden. Um die russ. Literatur zu heben, wies er der Petersburger Akademie der Wissenschaften sehr Le- deutende Fonds zu, aus welchen diese seit 1831 alljährlich die Demidow'schen Preise von 5666 Rubel Assignaten für die besten russ. Werke ertheilt. Einen Theil der großen Reisen, die er gemacht, beschrieb er in Verbindung mit Sainson und Duponceau in dem Werke „Vo^age äans I» kussie meriliionale et Is Oime pur Is Longrie, 1» Valaclne et la Vlol- üklvie" (Par. 1839). Im I. 1846 vermählte er sich in Florenz mit der Prinzessin Mathilde de Montfort, der Tochter des ehemaligen Königs von Westfalen, Hieronymus Napoleon. Da er hierbei als ein Bekenner der griech. Kirche das Versprechen gegeben hatte, alle aus dieser Ehe entspringenden Kinder röm.-katholisch erziehen zu lassen, ein solches aber den russ. Gesetzen zuwiderläuft, so veranlaßte dies mehrfache Differenzen zwischen dem russ. Hofe und der röm. Curie; D. aber wurde aus dem russ. Staatsdienste entlassen und nach Petersburg zur Verantwortung gerufen. Hier gelang es ihm jedoch sehr bald wieder, die Gunst des Kaiser« zu gewinnen; er wurde seiner frühern Stellung im Staatsdienste zu- rückgegeben und erhielt demnächst die Erlaubnis, sich wieder nach Paris zu begeben. Demilune oder HalbmVNdist in der Fortification der franz. Ausdruck für Ra vc- l in (s. d.), besonders wenn dieses vor der Courtine liegende Außenwerk mit kurzen, abgestutz- tm Flanken versehen ist, wie dies bei einigen Festungen nach Vauban's Manier vorkommt. Demiura, d. i. Werkmeister, Bildner, bezeichnet in der Kosmologie der Gnosti- k er (s. d.) den Schöpfer der Sinnenwelt. Sie dachten ihn als den Vorsteher (Archon) der Conv.-Lex. Neunte Au fl. IV. 10 1-16 Demme Demokratie untersten Stuft der plervmatischen Geister, der mit dem Chaos in Berührung kam und in dieftm eine beseelte Körperwelt schuf. Er vermochte den von ihm geschaffenen Menschen nur sein eigenes schwaches Princip, die Psyche, mitzuthcilen, daher legte Gott in die Menschen- natur zugleich das göttliche Vernunftvermögcn, das Pneuma. Allein die Macht des Bösen in den materiellen Leibern sowie die Gegenwirkung des nur psychischen Demiurgcn selbst ließ jenes höhere Element nicht zur Entwickelung kommen. Sich selbst für den höchsten Gott haltend, konnte er auch die Seinigen nicht zur Erkenntniß der wahrhaften Gottheit hinfüh- ren, gab ihnen das unvollkommene mosaische Gesetz (daher der Judengott), das nur sinnliches, nicht einmal erreichbares Glück verheißt, und sandte gegen die Geißer der Hyle bles einen psychischen, also unkräftigen Messias, den Menschen Jesus. — Bei den Kirchenvätern heißtDemiurg zuweilen auch der Logos, sofern er als Organ Gottes bei der Weltschöpfung gedacht wurde. Demme (Herrn. Christoph Gottfr.), einer der bessern geistlichen Liederdichter der Deutschen, auch im Fache der schönen Literatur bemerkenswerth, geb. zu Mühlhausen am 7. Sept. 1760, wurde nach vollendeten Studien Subconrector am Gymnasium und 1796 Superintendent daselbst. Seit 1801 führte er als Gcneralsuperintendent und Consistorialrath die oberste Leitung der Kirchen- und Schulangelegenheiten des Herzogthums Sachsen-Altenburg und starb am 26. Dec. 1822. Unter dem Namen Karl Stille trat er mit seinem „Pächter Martin und sein Vater" (2 Bde., Lpz. 1792—93; 3. Aust., 3 Bde., Lpz. 1802) auf, worin Wieland einen echt Sokratischen Geist erkannte. Gleichzeitig erschienen die mit - gleichem Beifall aufgenommenen „Erzählungen" (2 Bde., Riga 1792 — 93; 2. Aust., ^ 1797). Unter seinen übrigen Schriften erwähnen wir „Sechs Jahre aus Karl Burgftld's , Leben" (Lpz. 1793), „Abendstunden im Kreise gebildeter und guter Menschen" (2 Bde-, s Gorha 1804), „Predigten für häusliche Andacht" (Gotha 1808), „Gebete" (Gotha 1818) > und die nach seinem Tode erschienenen „Predigten bei besonder« Veranlassungen" (Neust, an > der O. 1823). In Mühlhausen führte er 1799, in Altenburg 1807 ein neues Gesangbuch ein, welches auch mehre Lieder von ihm enthält. Durch Herzlichkeit, edle einfache Sprache, geschicktes Jndividualisiren, vernünftige und lebenswarme Frömmigkeit und ^ durch sein Streben, echte Lebensweisheit und frommen praktischen Sinn zu verbreiten, ver- . dient D. unter denjenigen Schriftstellern seiner Zeit, welche eine gleiche Tendenz verfolgten, ^ ausgezeichnet zu werden. - Demmin, eine alterthümliche Stadt im Regierungsbezirk Stettin der preuß. Pro- 2 vinz Pommern, liegt auf einem Hügel in dem von niedrigen Höhen umgebenen Thale der ^ Peene, welche bis hierher für kleine Seeschiffe fahrbar ist und hier die Tollense und Trebel ^ aufnimmt. Sie zählt 5200 E-, welcheWeberei, Gerberei, Fischfang und beträchtlichen Han- ^ del mit Getreide und Hol; treiben. D., im Mittelalter Timin oder Dymin, auch Dammm genannt, ist eine der ältesten von den Slawen erbauten Städte Pommerns; schon zu Karl des ^ Großen Zeiten geschieht ihrer Erwähnung als eines wichtigen Handelsplatzes. Herzog Heinrich der Löwe von Sachsen erstürmte und verheerte sic 1164, nachdem er den slawischen Für- ,, sten Pribislaw besiegt hatte. Nach ihrer Wiederherstellung wurde sie von dem König Walde- ^ mar ll. von Dänemark erobert, der sich in ihrem Besitze bis zu seiner Niederlage bei Born- ^ hövede 1227 behauptete. Seit dieser Zeit hatte D. gleiches Schicksal mit Pommern; im ^ Dreißigjährigen Kriege stritten sich die Schweden und Kaiserlichen vielfach um ihren Besitz, ^ und noch nachdem sie im westfälischen Frieden mit Vorpommern an Schweden gekommen, ^ hatte sie vielfache Kricgsdrangsale, besonders in den Kriegen zwischen dem Großen Kurfür- ^ sten und den Schweden, zu erdulden. Im stockholmer Frieden von 1720 mußte sie nebst dem ^ am reckten Ufer der Peene gelegenen Theile Vorpommerns an Preußen abgetreten werden. F Demodökus heißt im Homer jener Sänger der Phaaken, der bei einem Festmahle ^ des Königs Alkinous in Anwesenheit des Odysseus die Liebe des Ares und der Aphrodite h, sowie die Schicksale der nach Troja gezogenen Griechen und die Eroberung Trojas besang- ^ Daher stellen ihn spätere Schriftsteller als Musiker und Dichter dar, der schon vor Homer eine g Einnahme Trojas und ein Gedicht über die Liebe des Ares und der Aphrodite verfaßt habe- g, Demokratie, Volksherrschaft, Herrschaft des Demos. Faßt man das Volk als Das aus, b, waS es in der Wirklichkeit ist, als die Totalität eines dauernden und gegliederten Organis« Demokratie L47 n >r u !II st tt h' lies rn >ö> at- pt. in- die w- em . 2 ) mit >si. d's de, l8) ,LV ng- rche und eer< ten, )r°- der ebel >an- min ldes >ein- ;ür° lldc- orn< im esttz, men, :für> dem en- ,ahle odite äng- einr pbe. laust tNlv' tttus, welcher die Gesammtheit der unter derselben Staatsgewalt stehenden und in der Regel durch gemeinsame Abstammung, Geschichte, Sprache und Sitte verbundenen Menschen umfaßt, so kann die Herrschaft dieses Volks sowol Monarchie und Aristokratie als Demokratie in sich fasten, sofern die Monarchie und die Aristokratie ebenfalls aus dem Volke sind und dem Volke gehören. In diesem Sinne hat in neuester Zeit Lamartine mit dem demokratischen Princip kokettirt, ohne ihm in Wahrheit zu huldigen. Er hat von einer demokratischen Verfassung gesprochen, in der er doch für Königthum, Adel und alle sonstige Aristokratie vollkommen Platz zu finden wußte. Gewöhnlich aber versteht man unter Demokratie diejenige Regierungsform, worin, im Gegensätze zur Monarchie und Aristokratie, welche beide Formen sie ausschließt, die rechtliche Souverainetat der Masse der Activbürger des Staats, diese Kopf für Kopf genommen und nur mit Ausschluß der Frauen, äußerlich Unfreien, Unmündigen und Bescholtenen zusteht, und die Mehrheit der Stimmen unter ihnen die Endentscheidung über alle wichtige Fragen gibt. Diese Regierungsfvrm in ihrer Reinheit ist eigentlich nur in sehr kleinen Staaten, bei sehr einfachen Staatsaufgaben und großer Gleichheit der Bildung, Gesinnung und Verhältnisse möglich. In den Staaten des Alterthums ist sie nur dem Scheine nach dagewesen, weil da die Masse der nieder» Stände im Sklaventhume lebte. Um dieselbe auch auf größere Reiche und zusammengesetztere Zustände anzuwenden, wählte man die Form der repräsentativen Demokratie. Die Erfahrung jedoch hat gelehrt, daß dieser Versuch nur ein zweifaches Resultat haben konnte, entweder man wußte die Volksherrschaft zu einem bloßen Schatten und Namen zu machen, in Wahrheit aber die Herrschaft einer reichen und angesehenen Minderzahl zu begründen, welche die Mehrzahl durch einige Formen und Phrasen täuschte, oder man sah das Wirken des Staats sich ganz in den Kampf um die Führung der Geschäfte verlieren, die Masse des Volks aber factisch darnach trachten, die repräsentative Demokratie so viel als möglich in eine reine zu verwandeln. In Amerika, wo die Demokratie ihr durch Geschichte und Verhältnisse angewiesenes Feld hat, zeigen sich diese Wendungen zwar bereits stark, werden aber doch noch durch die große Leichtigkeit des materiellen Erwerbs und das weite Feld, welches dort das Privatleben noch der Kraft und dem Unternehmungsgeiste öffnet, sowie durch die relative Einfachheit und Sicherheit der dortigen Staatsgcschäfte in ihrer Schädlichkeit gemildert. Niemand aber kann behaupten, daß das dortige Staatswesen jenen idealen Schimmer um sich verbreitete, jene Kräfte und Tugenden entfaltete, die den Namen der Republik aus den Tagen der Alten so glorreich machen. Der Grundfehler aller solcher Demokratie liegt in der Nichtberücksichtigung der ewigen, auch der Zukunft verpflichteten Bestimmung des Staats, der organischen Gliederung des Volks, der von der Natur selbst begründeten und mit der steigenden Entwickelung zunehmenden Verschiedenheiten unter den Menschen, des großen Einflusses, den die Verhältnisse auf den Menschen haben und des sichern Umstandes, daß Bildung und Tugend sich nicht nach der Kopfzahl unter die Menschen vertheilcn. Fragen wir, welche Stelle dem demokratischen Princip in jener gemischten Verfassung zufalle, die von allen Staatsweisen als die beste gepriesen wird, so wird cs auch hier die Einflüsse und Rechte umfassen, die von Allen in Gleichheit geltend gemacht werden können. Diese sind den verschiedenen bestehenden Einrichtungen nach verschieden. Die Vernunft aber, auf Erfahrung und Menschenkenntniß gestützt, kann eine solche Gleichheit des Urtheils und der Gesinnung nur bei denjenigen Angelegenheiten annehmcn, zu deren Behandlung der Gesichtspunkt und die Kraft des gewöhnlichen guten Hausvaters ausrcichen. Das demokratische Princip in dem gemischten Staate, z. B. in England, zeigt sich daher zuvördcrst in dem Gegensätze zu dem Vielregieren und dem Volksbevormunden, in der persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung der Individuen, in dem eigenen Besorgen der eigenen Angelegenheiten. Je höher die Menschheit sich entwickelt, desto freier wird dieser Spielraum, desto weiter vertheilt die Kraft zur richtigen Behandlung der Angelegenheiten der Einzelnen und der innern Kreise des Volks sein. Das Negieren aber wird stets ein aristokratisches Geschäft bleiben, d. h. es wird stets einer umsichtigen Berücksichtigung der Kräfte, Richtungen und Verhältnisse bedürfen, um jede öffentliche Angelegenheit in die Hände Derer zu bringen, die für sie die Geeignetsten sind, und diese Befähigung wird sich niemals in Gleich» 10 * 148 Demokrit heit über die Menschen vertheilen. Wol aber soll auch dieses aristokratische Regiment, um nicht in Einseitigkeit und Kastengeist zu verfallen, unter demokratischen Einflüssen stehen, d. h. es soll ein reges politisches Bewußtsein im Volke leben und jegliche Kraft soll sich geltend zu machen suchen, um mit dem Gewicht der öffentlichen Meinung auf das Ganze zu wirken. Dieses Gewicht selbst aber ist ein organisches und siegt nicht durch irgend eine mechanische Vorschrift, die da gebietet, sich den meisten oder den lautesten Stimmen zu unterwerfen, sondern indem es sich in den Überzeugungen zur Herrschaft erhebt. Endlich versteht es sich von selbst, daß alles Regiment insofern ein demokratisches sein muß, als das Gedeihen des Volks das Ziel aller Regierung ist. Demökrit, griech.Philosoph, aus Adders, geb. gegen 470 v. Ehr., wurde, einer Sage zufolge, durch Magier und Chaldäer, welche Terxes bei seinem Durchzuge durch Adders zu- rückgelasscn, für das Studium der Philosophie gewonnen. Nach seines Vaters Tode reiste er nach Ägypten, wo er Geometrie studirtc, und nach Asien, um seine Kenntnisse der Natur zu erweitern. Sein Werk von der großen Naturordnung brachte ihm, nachdem er es seinen Mitbürgern vorgelesen hatte, bei diesen reiche Belohnung und hohes Ansehen, und die Zahl seiner Schriften und der Ruhm, welchen dieselben ihm im Alterthume erwarben, beweisen, daß er sich mit ganzem Eifer der wissenschaftlichen Forschung gewidmet haben muß. Unter die verschiedenen Märchen, mit denen sich die spätere Zeit über ihn trug, gehört auch, das er beständig über die Thorheiten der Menschen gelacht habe, weshalb man ihn als Gegenstück des Heraklit (s. d.) angesehen hat. In seinem System hat er die mechanische oder atomistische Erklärungsart der Natur, welche sein Vorgänger Leucipp (s.d.) unter de» Griechen zuerst aufstcllte, weiter ausgebildet. Die Entstehung der Welt erklärte er durch die ewige Bewegung einer unendlichen Menge untheilbarer, aber nicht wahrnehmbarer Körperchen (s. Atom e), die sich nach Figur, Lage und Ordnung voneinander unterschieden und durch die Bewegung in dem unendlichen Raume bald getrennt, bald wieder zusammengeseh! würden. So entstand das Weltall zufällig, ohne Beihülfe einer ersten Ursache; aber es gib! zahllose Welten, welche immerfort entstehen, bald wieder untergehen. Die Ewigkeit der Atome bewies er daraus, daß man die Zeit sich nicht anders als ewig und ohne Anfang verstellen könne; ihre Einfachheit aber auf folgende Weise. Wenn Körper auch unendlich Heilbar sind, so muß man doch zugeben, daß die Theilung müsse wahrgenommen werden könne». Nach geschehener Theilung bliebe nun entweder noch etwas Ausgedehntes, oder Punkte ohne alle Ausdehnung, oder nichts übrig. Zm ersten Falle wäre die Theilung noch nicht vollendet, im zweiten könnte die Zusammensetzung von Punkten ohne Ausdehnung nie etwas Ausgedehntes geben; und wäre nichts übrig, so könnte auch die Körperwelt nicht sein; also müsse« einfach? Grundkörpcr oder Atome existiren. Den Atomen legte er außer Figur, Größe und Undurchdringlichkeit auch Schwere bei. Alle Dinge haben die Atome zu ihren Bestandthci- len, und ihre Verschiedenheit rührt blos her von der Verschiedenheit der Figur, Ordnung und Lage der Atome, woraus jedes Ding besteht. Diese Verschiedenheit der Atome ist unendlich, sowie ihre Anzahl, daher auch die Verschiedenheit der Dinge selbst unendlich groß ist. Alles Wirken und Leiden ist Bewegung durch Berührung, weil nur ähnliche Dinge aufeinander wirken. Auch die Qualitäten, z. B. Härte, Weichheit, Farbe, Ton, Geruch, entstehen erst auf abgeleitete Weise aus dem Zusammentreten der Atome und ihrer Wirkung auf unsere Organe. Die ursprüngliche Bewegung der Atome ist eine wirbelnde, kreisförmige in welcher der Grund aller andern Bewegungen in der Welt liegt. Diese Kreisbewegung nannte daher D. auch die Nothwendigkeit. Das Feuer besteht nach ihm aus runden Atomen, während die übrigen Elemente sich nur durch Größe und Kleinheit ihrer Atome unterschei' den. Die Seele besteht, insofern sie bewegende Kraft ist, vorherrschend aus den feinsten Frueratomen. In allen Körpern aber sind auch Feueratome, denn in allen ist etwas von Seele. Menschen und Thiere athmen sic mit der Luft ein, daher auch mit Äufhören des Athemholens das Leben aufhört. Der Tod wird bereitet durch Übermaß in der Ausscheidung der feiner» Atome. Die menschliche Seele besteht im höhern Grade aus Feueratomen, da sie aber auch die übrigen Elemente erkennt, und etwas doch nur durch das ihm Gleiche erkannt werden kann, so muß sie auch aus den übrigen Elementen zusammengesetzt sein. Das Gefühl (Betastung) ist der Grundsinn und unter allen der untrüglichste) denn nur Das kau« Demoleon Demolitionssystem 149 objektiv wahr an den Dingen sein, was den Atomen selbst zukommt, und dies erfahren wir am sichersten durch das Gefühl. Die übrigen Sinne zeigen mehr das Zufällige der Dinge, und find also weniger zuverlässig. Die Äußerungen der fünf Sinne werden theils durch die verschiedene Zusammensetzung der Atome in den Sinncnwerkzeugen, theils durch die verschiedene Art der Einwirkung der äußern Körper bewirkt. Wenn wir sehen, so sondern sich von dem äußern Körper Theile ab (Ausflüsse), die sich in der Luft verdichten und als Bilder von dem Auge aufgefaßt werden. Die strömenden Luftthcile gelangen zum Ohre und verursachen das Gehör; durch die Stimme werden sie wieder herausgeschlcudert. Auf ähnliche Weise entstehen die Empfindungen des Geschmacks und Geruchs. Die vom Auge empfangenen Bilder der Gegenstände berühren durch dasselbe die Seele und erwecken die Vorstellungen in uns. Können daher durch das Auge keine Vorstellungen zur Seele gelangen, so Hört die Thätigkeit derselben auf, wie im Schlafe. Träume erklärte D. in sinnreicher Consequcnz durch die fortdauernden Bewegungen der Gesichts- und Gehörwerkzeuge, welche wegen der größer» Ruhe und Stille der Nacht lebhafter wahrgenommen werden. Die Sinnenerkennt- niß ist, insofern sie subjcctiv ist, dunkel, trüglich und stellt blos Bewegungen der äußern Körper dar. Wahr sind nur die nicht sichtbaren Atome und das Leere, welche als Grund- principien allen Erscheinungen unterliegen. Zn der Seele, deren Fortdauer er leugnen mußte, da sie nach ihm ebenfalls aus trennbaren Atomen besteht, scheint er den vernünftigen Theil, der seinen Sitz in der Brust hat, und den unvernünftigen, der im ganzen Körper ver- thcilt ist, unterschieden zu haben. Beide aber machen nur ein Wesen aus. Sein praktischer Grundsatz war Wohlsein durch Gleichmuts). Übrigens war D. bei den Alten auch durch seine mathematischen und astronomischen Kenntnisse berühmt, wie er überhaupt für die indivi- duelle Bestimmtheit der Erscheinungen eine scharfe Auffassungsgabe gehabt haben muß. Er soll viele schöne Theoreme über die Berührung der Kreise und Kugeln und über die irrationalen Größen ausgestellt, auch Perspective und Optik cultivirt haben, wie Vitruv erzählt, der mehre seiner verloren gegangenen Werke anführt. Er soll erkannt haben, daß der leere Raum zur Bewegung nothwendig ist, daß im leeren Raume alle Körper mit derselben Geschwindigkeit fallen, daß das Licht in der Emanation leuchtender Elemente aus den Körpern besteht, daß die Atome der Körper verschiedenes Gewicht untereinander haben, daß die Milchstraße ihren Glanz nur einer Menge kleiner gedrängter und sehr entfernter Sterne verdanke u. s. w. Die Lehre von den Göttern verflocht er, vielleicht nur aus Anhänglichkeit an den Volksglauben, in sein System. Auch sie erklärt er durch Bilder, welche von der,Natur ausgehen, zum Theil wohlthätige, zum Theil schädliche, aber vergänglich, wie alles Übrige. So wenig nun D.'s System des Atomismus auch nur für die bloße Naturerklärung ausreicht, was in den wichtigsten Punkten schon Platon und Aristoteles gezeigt haben, so verdient doch D. einen der ersten Plätze unter den Naturforschern, auch hat die von ihm zuerst in größerin Umfange versuchte mechanische Naturauffassung bis auf die neuesten Zeiten herab, wenn auch in verfeinerter Gestalt, auf die empirische Naturforschung den größten Einfluß ausgeübt. Vgl. Papencordt, „De »tomicorum Oootrina" (Berl. 1832), Eessers, „tzuse- stiones Democritese" (Gött. 1829, 3.), Burchard, „Democriti Lbckeritae tle sen- sibus plnlosoxiküi»" (Minden I83V, 3.) und Desselben „Fragmente der Moral des D." (Minden 183-1). Am vollständigsten hat die Fragmente der zahlreichen Schriften des D. gesammelt F. G. A. Mullach, „Democriti ^büeritas operum trsAinenta" (Berl. 1843). D. starb um 370 v. Ehr. in einem Alter von 104 Jahren. Seine Schule wurde von Epi- kur (s. d.) verdrängt, der jedoch dieses System nicht scharfsinniger entwickelte, sondern nur den physischen Theil desselben seiner Ethik zur Grundlage gab. DemolkvN, ein Trojaner, der Sohn des Antenor, wurde von Achilles getödtet; Demoleon, ein Centaur, auf der Hochzeit des Pirithous von Theseus erlegt. Demolitionssystem nennt man ein solches Befestigungssystcm, wo gleich bei Erbauung der Festungswerke zur theilweisen Selbstzerstörung derselben die nöthigen Einrichtungen getroffen werden. Die zu diesem Zwecke angelegten Minen, die man später nur mit Pulver zu füllen braucht, heißen Demolitionsminen. In der neuern Befestigung, Wie bei Koblenz, Köln, Ingolstadt u. s. w. sind die detaschirten Werke mit solchen Minen versehen, um, wenn sie aufgegeben werden müssen, dieselben in die Luft sprengen zu können. 150 Demonstration Demosthenes :n^«dllcl>»r»lk k,»,» / Demonstration ist in der philosophischen Sprache gleichbedeutend mitÄtkstis und namentlich versteht man darunter einen logischen Beweis, d. h. einen solchen, aus welchem die Unmöglichkeit des Gegentheils erhellt, während Andere, wie Kant, damit nur den mathematischen Beweis, d.i. die Begründung eines Urtheils aus der Anschauung, bezeichnet wissen wollen.— In der Jurisprudenz heißt Demonstration eine weniger förmliche Beweisführung, welche in schleunigen und andern summarischen Sachen Anwendung findet. — In der Kriegssprache bezeichnet-man mit Demonstration eine Bewegung gegen einen Ort, welche man macht, um den Feind irre zu leiten und ihm den wahren Plan zu verbergen. Demontiren heißt feindliche Geschütze in Festungen oder im freien Felde zerstören oder wenigstens für den Augenblick außer Gefecht setzen, wozu man sich im Allgemeinen der Kanonenkugeln bedient. Auch gebraucht man das Wort vom Zerstören der feindlichen Brustwehren, was nicht sowol durch Kanonenkugeln geschieht, als durch Kanonengranaten, d. h. durch Granaten, welche aus Kanonen mit mittlerer Ladung in.den feindlichen Wall hin- eingeschossen werden und in demselben crepiren. Demöphon, auch Deinophoon, des Sohn des Thescus und der Phädra, befreite vor Troja seine Großmutter Äthra aus dem Sklavcndienst der Helena. Auf der Rückkehr von Troja ward er nach Thrazien verschlagen, wo sich die Phyllis, die Tochter des Königs Sithon, in ihn verliebte, die, als D. von Athen, wohin er gereist war, nicht zur bestimmten Zeit zurückkehrte', sich selbst tödtcte. Von Diomedcs, welcher auf der Rückkehr nach Attika verschlagen wurde und dieses Land plünderte, erbeutete D. das Palladium. Nach Antoninus Libcralis verthcidigte er die Heraklidcn gegen den Eurystheus, wobei deieser Reich und Leben verlor. Auch Orestes soll nach dem Muttermord sich zu ihm geflüchtet haben. Demos, gewöhnlich im Plural D emen, war die gricch.Benennung für die ei»zelncn Gemeinden oder Ortschaften, in welche Zanz Attika, mit Einschluß der Hauptstadt Athen, auf die Weise cinzctheilt war, daß auf jede Phylc (s. d.) zehn Deinen kamen, daher die Zahl derselben ursprünglich auf l Ott sich belief, die jedoch später, etwa in der Mitte des 3. Jahrh. v. Ehr., auf 174 ausgedehnt wurde. Diese Abänderung der frühem Solonischcn Verfassung nahm der Athener Klisthenes (s. d,), ein Freund und Förderer der Demokratie, um 5Itt v. Ehr. vor, um eine genauere Übersicht der Bewohner und des Grundbesitzes bei der Besteuerung zu erlangen, ohne daß man dabei den örtlichen Zusammenhang der einzelnen Demen mit ihrer Phyle streng beobachtete. Übrigens erscheinen die Demen in mehrfacher Beziehung als selbständige Korporationen, mit eigenen religiösen Gebräuchen, Behörden und Versammlungen. Ebenso hatte jeder Demos seinen Vorsteher, Dcmarcd genannt, der das Interesse seiner Gemeinde vertreten mußte, die Versammlungen berief, die Beschlüsse vollzog, die Gemeindegüter zugleich mit den Schatzmeistern verwaltete und in einzelnen Fällen eine Art policcilicher Gewalt handhabte. Vgl. Leake, „Die Demen von Attika" (deutsch von Westermann, Braunschw. 184tt). Dernosthknes, der ausgezeichnetste Redner des Alterthums, wurde 384 v. Ehr. zu Athen geboren. Sein Vater, ein Waffenschmied daselbst, hinterließ bei seinem Tode ihm, dem damals siebenjährigen Knaben, ein sehr bedeutendes Vermögen und hatte die Verwaltung desselben drei Vormündern übertragen, die jedoch, obgleich zwei von ihnen nahe Verwandte waren, das anvertraute Gut größtentheils gewissenlos verschwendeten. Dieser Umstand wirkte nicht nur auf die frühzeitige ernste Ansicht vom Leben und das strenge Gefühl von Rechtlichkeit, sondern auch auf den spätem Beruf des D. entschieden ein; denn er selbst führte, obgleich erst 17 Jahre alt, den Proccß gegen seine Vormünder und gewann ihn. Zn der weitern Ausbildung der Bcredtsamkeit verdankte er Vieles dem Jsäus (s-d.), das Meiste aber wol seiner wahrhaft bewundernswerthen Anstrengung und Ausdauer. Die Natur hatte ihm große Hindernisse entgegengestellt, eine sehr schwache Brust und eine stotternde Stimme, die ihn namentlich an der deutlichen Aussprache des R hinderte, sodaß er bei seinem ersten öffentlichen Auftreten verhöhnt wurde. Diese natürlichen Mängel beseitigte er dadurch, daß er auf Anrathen des Schauspielers Satyros kleine Kiesel in den Mund nahm und so mehre Verse hintereinander, selbst auf den beschwerlichsten Wegen, hersagte und amMecres- strande beim Tosen der Wellen im lauten Sprechen sich übte. Mehre Monate verschloß er sich in einem unterirdischen Gemach, nachdem er, um jeder Versuchung zum Ausgehen vor- Demosthenes !51 zubeugen, den Kopf zur Hälfte sich hatte scheeren lassen. Vor dem Spiegel studirte er längere Zeit Anstand und Geberdenspiel. Nach solchen mühevollen Vorbereitungen verfaßte und hielt er seine meisterhaften Reden, von denen seine Neider zwar sagten, daß sie nach der Lampe röchen, welchen aber die Nachwelt den ersten Platz unter den Werken der Beredt- samkeit angewiesen hat, Reden, in denen erden thörichten Wünschen der Menge laut widersprach, die Athener wegen ihrer Fehler offen tadelte und sic zu Muth, Ehrgefühl und Vaterlandsliebe entflammte. Er donnerte wider Philipp von Makedonien und hauchte seinen Mitbürgern den Haß ein, von dem er selbst beseelt war. Die erste dieser berühmten, unter dem Namen der Philippischen bekannten Reden verfertigte er, als Philipp sich des Passes bei Thermopylä bemächtigt hatte. Er drang darauf, sogleich eine Flotte und ein Heer auszurüsten, den Krieg selbst anzufangcn, den Schauplatz desselben nach Makedonien zu verlegen und ihn nicht eher als durch einen vorthcilhaften Vergleich oder entscheidenden Sieg zu enden. Die Athener billigten zwar seine Plane, allein sie. führten sie nicht aus; der berühmte Phocion (s. d.), der die Schwäche Athens kannte, rieth unablässig zum Frieden. D. ging inzwischen zweimal als Gesandter an den Hof Philipp's, ohne den Zweck seiner Unterhandlungen zu erreichen; jedes Mal rieth er bei seiner Rückkehr zum Kriege, ja er suchte nicht nur Athen sondern ganz Griechenland unter die Waffen zu bringen. Endlich als Philipp mit einem Heere durch den Paß von Thermopylä in Phocis cingedrungen war und sich zum Schrecken Athens der Stadt Elatea bemächtigt hatte, bewirkte er einen Volksbeschluß, sogleich eine Flotte von 200 Schiffen auszurüsten, das Heer nach Eleusis zu führen und Gesandte an alle Städte Griechenlands zu schicken, um ein allgemeines Bündniß gegen Philipp zu bewirken. Er selbst befand sich unter den Gesandten und bewog die Thcbaner, ein athen. Heer in ihre Mauern aufzunehmen. Gleiche Thätigkeit, wie in Theben, entwickelte er in Böoticn. Durch seinen Eifer wurde eine zahlreiche Kriegsmacht gegen Philipp zusammengebracht; bei Chäronca (s. d.) kam es zur Schlacht, und die Griechen unterlagen. D. wurde nun zwar von seinen Gegnern, an deren Spitze der von Philipp bestochene Aschines (s. d.) stand, der Feigheit in der Schlacht beschuldigt; allein unmittelbar nach der Schlacht der ehrenvolle Auftrag ihm vom Staate ertheilt, die Leichenrede zum Andenken an die bei Chäronca Gefallenen zu halten. Später erkannte ihm Athen, auf den Antrag des Ktcsiphon, die Bürgerfronc zu. Dagegen erhob Äschines eine öffentliche Anklage, und dieser Streit zwischen beiden Rednern war der Gegenstand der Rede „De corona", welche des D. Triumph war und seinem Gegner die Verbannung zuzog. Als Philipp bald nachher ermordet wurde, glaubte D., daß Athen setzt leichter seine Freiheit werde behaupten können; aber Alexandcr's schreckliche Rache an Theben setzte die Athener so in Schrecken, daß sie um Gnade flehten. Nur mit Mühe war Alexander zu bewegen, von seinen Verlangen abzustehen, daß ihm der von den Macedonicrn vielgefürchtcte D. und einige andere Redner ausgelicfert würden. Kurz nachher beschuldigt, vom Harpalos bestochen worden zu sein, wurde er zu einer Geldstrafe von 50 Talenten vcrurtheilt, und da er sie nicht gleich bezahlte, ins Gefängniß geworfen, aus dem er jedoch entkam und nach Ägina floh, wo er bis nach Alexandcr's Tode blieb. Beim Ausbruche des Kriegs mit Antipater zeigte sich D. wieder öffentlich, suchte die kleinen gricch. Staaten zu einem Bunde gegen Makedonien zu bereden und wurde von den Athenern ehrenvoll zurückberufen. Als aber der Krieg eine für Athen unglückliche Wendung nahm und Antipater auf seine Auslieferung bestand, floh er in den Tempel des Poseidon auf der Insel Kalauria, an der Küste von Argolis, und tödtetc sich hier, wo er von den Schergen des Antipater ergriffen werden sollte, im I. 322 v. Ehr. durch Gift, welches er stets bei sich trug. Obgleich sein Charakter nicht ganz rein zu sprechen ist von Eitelkeit und Ehrgeiz, so haben ihn doch schon die Alten als das vollendetste Muster der Bc- redtsamkeit ausgestellt. Immer sprach er, wie cs die Zeiten, die Umstände und die Zuhörer crfoderten, bald sanft, bald heftig, bald erhaben. Der rednerische Ausdruck wurde durch ibn zu einer vorher nie geahnctcn Vollkommenheit ausgcbildct. An Nachdruck und Überzeugungskraft, an Scharfsinn und Feinheit in Auffindung und Aufstellung der Gründe übcr- trisft er den Cicero, an Harmonie aller Theile zum Ganzen, Schönheit und Ptärkc des Ausdrucks, Kraft und Wohlklang der Sprache alle seiner Vorgänger. Natürlichkeit, Kraft und Gedrängtheit in Sprache und Gedanken sind die hervorstechendsten Eigenschaften seiner 152 Deuroustier Denar Reden, durch die er einen so großen Einfluß auf seine Zeitgenossen übte. Wir besitzen unter seinem Namen noch 61 Reden, 65 Eingänge und 6 Briefe, welche letztere die Kritik jedoch längst als unecht bezeichnet hat. Die erster« zerfallen in Staats-, Gerichts- und Prunkreden. Unter den Gesammtausgaben erwähnen wir außer der ersten Ausgabe bei Aldus (Ven. 1504, Fol.) die von Felicianus (3 Bde., Ven. 1543), Hieron. Wolf mitUlpian's griech. Commentar und lat. Übersetzung (Bas. 1549, 4.; 1572, Fol.), Taylor (3 -Bde., Cambr. 1748; 1757, 4.), Reiske in den „Orstorss, xrseci" (Lpz. 1770), Schäfer mit einem kritischen und exegetischen Apparat, Wölfls Übersetzung und Inäics8 (9 Bde., Lond. und Lpz. 1822—26) und W. Dindorf (3 Bde., Lpz. 1825); die in den Samm- lungen der „Orstores sttici" von Bekker (Berl. 1825) und von Sauppe und Baiter (Zur. 1842 fg.) und die von Vömel (Par. 1843). Unter den Ausgaben einzelner Reden heben wir hervor die „Orutiones select-ee" von Brenn (Gotha 1829) und von Reuter (2 Bde., Augsb. 1833); „Vs coroim" von Dissen (Gött. 1337); „In veptinem" von F. A. Wvl- (Halle 1789; 2. Ausl, von Bremi, Zur. 1831); „In Llickiom" von Buttmann (Berl. 1823; 3. Aufl., 1841), Blume (Strass. 1828) und Meyer (Halle 1832); „Io ^Ntlrn- tionem" von Funkhänel (Lpz. 1832); „vkilixpisse" von Vömel (3 Bde., Franks. I82S — 33) und Franke (Lpz. 1842) und „Ostntkiese" von Frotscher und Funkhänel (Lpz 1834). Eine deutsche, durch auffallende Eigenthümlichkeiten merkwürdige Übersetzung lieferte Reiske (5 Bde., Lemgo 1764—68); die Staatsreden nebst der Rede für die Krön, übersetzte F. Jacobs (2. Aufl., Lpz. 1833), die Rede für die Krone F. von Raumer (Berl. 1811), die Philippischen Reden A. G. Becker (Halle 1823—25), und die erste Philippi- sche Rede im Auszuge G. Nicbuhr (Hamb. 1831). Eine stanz. Übersetzung gab Augn (6 Bde., Par. 1777 ; neue Aufl. von Planche, 1819 — 21) und eine engl. Leland (2 Bde., 1756—70; neueste Aufl. 1814). Vgl. A. G. Becker, „D. als Staatsmann und Redner«. (Halle 1816; 2. Aufl., 1830), Wcstcrmann, „tzusestiones vewostbemcse" (4 Abtheil., Lpz. 1830 — 37), Schölten, „Vs vemostkenese elnc>uentise clmrsctere" (ütr. 1835), vorzüglich aber Böhnecke, „Forschungen auf dem Gebiete der attischen Redner" (Bd. I, Berl. 1843). Demoustier (Charl. Alb.), stanz. Dichter, geb. zu Villers-Coterets am I I. Mär, 1760, ein Nachkomme Racine's, übte anfangs mit Erfolg das Geschäft eines Advocatcr, das er aber bald aufgab, um sich ganz der Dichtkunst zu widmen. Er schrieb Schauspiele, z. B. „Vs consilisteur" und „ves lenimss", die nicht ohne Witz sind, aber an Leere dn Handlung leiden, Opern und Gedichte. Vorzugsweise aber haben seine „Vetter s Lmik sur lu M) tbolo^ie" (6 Bde., Par. 1786; neueste Aufl., 1841; deutsch von Nosiitz und Jäe- ckendorf, 6 Bde., Dresd. 1803—4) ihm einen Namen gemacht, denen man zwar mit Rechl. Oberflächlichkeit, Ziererei und Paradoxiensucht zum Vorwurf macht, die aber doch mit Geiß, Feinheit und Leichtigkeit geschrieben sind. Er starb am 9. März 1801. Mehre seiner hin- terlassenen Schriften erschienen als „Onn-s cks morsie, opuscnle, sn vers et en prose, et tbsütre" (5 Bde., Par. 1804; neue Aufl., 1809). — Sein Onkel, Pierre Ant. D.,geb. am I. Aug. 1735 zu Lassigny, gest. 1803, war ein geschickter Ingenieur, der sich durch mehlt bedeutende Bauten berühmt gemacht hat. Denar (Vevarius) hieß in der röm. Republik eine anfangs nur in Silber ausgeprägte Münze. Dieselbe wurde zuerst im I. 269 v. Ehr. im Werthe von zehn Assen ausgeprägt. Als durch die vei vspiris das A s (s. d.) verringert wurde, erhielt sie den Werth von >0 Assen, und erst Augustus stellte den alten Werth von zehn Assen wiederher. Als Silbermünze bestand der Denar bis zur Zeit Konstantin des Großen. Golddenare, im Werthe tM zehn Silberdenaren, wurden seit 207 v. Ehr. eingeführt und erhielten sich weit länger als die Silberdenare, bis in das späte Mittelalter. Von den Römern ging der Denar, wenigstens dem Namen nach, zu andern Völkern und in andere Länder über. In Frankreich und Deutsch' land findet er sich unter den Karolingern, wo er damals den zwölften Theil eines Solidus (s. d.) bildete. Frankreich schlug in der neuern Zeit den D enier als kupferne Scheidemünze und nachher auch doppelte Denicrs. Im Z. 1758 wurden von den Franzosen auch Deniers als braunschweig. Landesmünze cingeführt. Dem stanz. Denier ist der Denar» in den Staaten Oberitaliens nachgebildet, der ursprünglich so ausgeprägt wurde, daß der« Dendera 153 zwölf einen Solds ausmachten, nach und nach aber vielfache Reductionen erfuhr. In Nuß. land ist die Denga an die Stelle des Denar getreten, die den Werth einer halben Kopeke hat, ursprünglich in Silber ausgeprägt wurde und seit 1655 kupferne Scheidemünze ist. Den röm. Golddenar nahmen von den Byzantinern die Araber an und nannten ihn Dinar. Der älteste bekannte arab. Dinar ist vom I. 77 der Hegira. Von den Arabern ging der Dinar zu den meisten Völkern des Morgenlands über. Noch gegenwärtig wird er, wenigstens dem Namen nach, von den Holländern für Java geprägt. Dendera, ein Dorf in Oberägypten, am westlichen Ufer des Nil, von den Arabern Berbe genannt, hat seinen Namen vom alten Tentyris oder Tentyra, dessen Tempelruinen sich drei Viertelstunden davon in der Wüste befinden. Noch erkennt man vom alten Tentyris, das sich bis in die Zeiten Theodostus des Großen erhalten haben mag, eine große rechteckige Umwallung von Backsteinen, in die zwei reichgeschmückte Thorc führen, und die außer einigen Bauten von geringerer Bedeutung, zum Theil aus der Römerzeit, ein jetzt fast ganz in Schutt vergrabenes Typhonium und den berühmten, wahrscheinlich der Isis gewidmeten, Haupttcmpcl umschließt. Der letztere, ein Meisterstück der ägypt. Baukunst, das selbst aus die rohen Eemüther der Soldaten Bonapartc'S im ägypt. Feldzüge einen wunderbaren Eindruck machte, ist eines der besterhaltencn Denkmäler des alten Ägyptens und zeichnet sich ebenso sehr durch die Großartigkeit und Reinheit der Architektur wie durch die Ianderste Ausführung und einen unabsehbaren Reichthum von Hieroglyphen aus. Vorzüglich berühmt ist dieser Tempel durch die beiden in demselben befindlichen Thierkreise, die von den Franzosen bei ihrer Expedition nach Ägypten entdeckt und zuerst bekannt gemacht wurden. Der größere derselben befindet sich in der Decke des Porticus des Tempels, an deren beiden äußersten Abtheilungen die Zeichen in zwei Streifen vertheilt erscheinen; verkleinere, welcher die Thierzeichen in einer Spirallinie zeigt, befand sich an der Decke eines im zweiten Stockwerk am hintern Theil des Tempels befindlichen Zimmers und wurde im Sommer 1826 von einem Franzosen aufsehr barbarische Weise zum größten Theil herausgesägt, nach Frankreich geschafft und da der Regierung, die ihn dem ägypt. Museum einverleibte, für 156066 Francs verkauft. Auf beiden Thierkrciscn folgen sich die Zeichen in der noch üblichen Ordnung, und merkwürdig ist nur, daß der Krebs als im Solstitium befindlich darauf verzeichnet erscheint. Aus dieser Abweichung vom gegenwärtigen Stande der Sonne glaubte man auf das Alter dieser Thicrkreise zurückschließen zu können, und nur Das machte eine Differenz, ob man jenes Solstitium als Winter- oder als Sommersolstitium betrachtete. Nahm man jenes an, wie Rhode in dem „Versuch über das Alter des Thierkreises und den Ursprung der Sternbilder" (Bresl. > 869, 1.), so ergab sich, da zur Zurück- legung eines einzigen Thierzeichcns 2152 Jahre nöthig sind, daß die Thicrkreise über 15666 Jahre alt,seien; nahm man dieses an, wic Littrow, so kam ein Alter von 3228 Jahren heraus. Über diese Differenz und über das Alter der Denkmäler entspann sich deshalb unter den Gelehrten ein langer und weitläufiger Streit, der die verschiedensten Resultate hervorrief, wie denn Fourier die Entstehung der Denkmäler zwischen 2566 und 2166, Dupuis um 1366, Lalande um 1366 oder 1266, Saint-Martin zwischen 966 und 569, Leprince um 824, Lenoir um 776, Bist nicht vor 716, Visconti nicht vor 328, Testa nicht vor 360 v. Ehr. und Paravey nicht vor den Zeiten der Ptolemäer setzte. Letronne in seinen „Observationg critignes et nrebeologßgue» «ur l'objet ckes representations roäiacales glü NON8 restent äe l'antiquite" (Par. 1824) suchte aus der Vergleichung des im Mumien- kästen des Petemenon gemalten Zodiakus, der nur eine astrologische Bedeutung hat, zu er- weisen, daß auch die Thierkrcisc von D. nur eine solche Bedeutung hätten, nicht aber eine astronomische, indem sie nichts als eine Art Horoskop der röm. Kaiser Augustus und Tibe- rius darstellten. Champollion endlich in der „lettre ü lVlr. vacier" (Par. 1822) fand in der Nähe des runden Thierkrcises den Titel Autokrator in phonetischer Schrift, bezog ihn auf den röm. Kaiser Claudius oder auf Nero und schloß daraus, daß die Thierkreise sowie der ganze Tempel aus der röm. Kaiserzeit stamme. Goulianof in seinen „Bemerkungen über den Thierkreis von D."(Dresd. 1832) will gar den Namen des Kaisers Tiberius in der Abkürzung 1' 6 neben dem Titel Autokrator angedeutet finden. Gegen die Schlüsse, welche man aus dieser Inschrift gezogen, macht jedoch Parthey in seinen „Wanderungen durch St- ^ »- . ^ >.' 154 Dendermonde Denham (Sir John) cilien und die Levante" (Bd. 2, Berl. 18-10) mit Recht zwei Umstände geltend, einmal den rein altägypt. Stil des ganzen Gebäudes, den man in der RLmerzcit unmöglich weder so treu habe nachahmen können noch wollen, wie die ganz in der Nähe liegenden Ruinen eines Gebäudes in röm. Baustil beweisen, und dann, daß sich in dem Tempel einige dem Auge Champollion's entgangene Pharaonenringe mit den Namen Thutmosis lll. und Rham- ses lll. und IV. befinden, welche den Beweis liefern, daß jene und noch andere am Tempel befindliche Inschriften mit den Namen von Ptolemäern und röm. Kaisern nichts anderes als gewöhnliche Proskynemata sind. Der Streit über die Bedeutung und das Alter der Thierkrcise wird indeß auch hierdurch noch nicht völlig gelöst, da daraus nur so viel hervorgeht, daß der Tempel zur Zeit der gedachten Pharaonen gestanden haben, muß. Vgl. außerdem L. Jdeler, „Über das Alter des Thierkreises" (1838), A- W. von Schlegel, „De -odi-ici untiyuitstv et origine" (1839) und Letronne, „8ur I'origine du roclls^iis grsc" (18-10). Dendermonde oder Termonde, Stadt und Festung in der belg. Provinz Ostflan- dern, am rechten Ufer der Schelde zu beiden Seiten der hier in dieselbe einmündenden Denker, zählt über 7500 E-, die mit Leindwandbleichen, Brauerei, Hut-, Chlor-, Taback-, Papier- und Tüllfabrikation sich beschäftigen. Auch befinden sich in D. eine Baumwollenspin- nerci und eine Salzraffinerie; in der Umgegend wird der feinste Flachs Flanderns gezogen. Namentlich die genannten Fabrikate sind die Hauptgegenstände eines sehr lebhaften Handels. Übrigens bestehen in D. mehre wissenschaftliche Institute, z. B- eine Akademie der Zeichen- und Baukunst, und sehr ansehnliche Anstalten der Wohlthätigkeit. Dendriten heißen Steine mit bäum-, strauch- und moosarligeu Zeichnungen. Am gewöhnlichsten finden sich solche Zeichnungen im Kalk- und Mergelstein. Manche Dendriten lassen sich schleifen und werden zu Kunstsachen verarbeitet. Dendrollthen, versteinerte Baumstämme oder Stücke derselben, kommen in allen Erdgegenden in den sogenannten secundairen Formationen, zumal im Kohlengebirgc, vor, und sind sonach Reste einer untergegangenen Schöpfung. Ihre Größenverhältnisse sind sehr verschieden, denn während an einigen Orten wahrhaft riesige Stämme sich finden, an welchen oft sogar Äste erhalten sind, Früchte und selbst Blätter (diese als Abdrücke) beobochtct werden, entdeckt man anderwärts nur Splitter, die aber von Bäumen hcrrühren, die mir solchen, welche gegenwärtig an denselben Orten wachsen, nichts gemein haben, z. B. die schönen Palmenstämme an der Chemnitz in Sachsen u. s. w. Gemeiniglich sind solche Hölzer in Achat verwandelt, oder auch in Pechflein, wenn sic in alten, durch vulkanisches Feuer veränderten Schichten Vorkommen. Über den Hergang ihrer Entstehung sind die Meinungen noch immer gethcilt. Mehre sind so hart und schönfarbig, daß man sie zu allerlei Kunstsachen verarbeitet. Sehr dünngeschliffene Blättchen derselben lassen unter dem Mikroskop die Stcuckur des Holzes erkennen, svdaß es den Botanikern, die durch anatomische Kenntniß jetzt lebender Hölzer unterstützt rmirden, möglich gewesen ist, viele, wenigstens in Bezug auf die botanischen Familien, zu deuten, welchen sie angehört haben. Brongniart war einer der ersten Forscher in diesem Gebiete. Ihm sind viele Andere gefolgt, unter welchen gegenwärtig besonders Un- ger sich auszcichnet. Die älter» Botaniker und Geognosten haben sich nicht, oderwenigstens ohne Erfolg, bemüht, systematische Kennzeichen jener verweltlichen Vegetabilienzu entdecken. Dendrometer, d. i. Baummesser, heißt ein Instrument behufs der Schätzung der Höhe eines Baums, des Durchmessers seines Stamms und seiner Holzmasse. Mittels des Dendrometers kann man auch die Höhe und die Entfernung von Gegenständen, z< B. von Bergen oder Thürmen, zu denen man, z. B. eines Flusses wegen, mit ziemlicher Genauigkeit messen. Mit Verbesserung des Dendrometers beschäftigten sich besonders die Engländer Whittel und Duncombe und die Deutschen Jung, Burgsdorf, Hösch, Späth, Busch und Kielmann. Letzterer erfand den Baummcßeirkel, der sich von dem Dendrometer insofern unterscheidet, als mittels desselben jede beliebige Stelle bei jeder Lage eines Baumstamms gemessen und der Durchmesser genau gefunden werden kann. Denham (Sir John), unter den beschreibenden Dichtern der Engländer durch sein „(looper's kill" ausgezeichnet, ein Gedicht, womit er eigentlich den Ton anschlug für die Landschafts- und Naturmalcrei, die später den engl. Parnaß überwucherte, war zu Dublin 1615 geboren. Er führte auf der Universität zu Oxford ein sehr ungeregeltes Leben und-ließ Dercham (Dixon) Dmina 155 sich später in London durch leidenschaftlichen Hang zum Spiele von seinen juristischen Studien abzichen. Seinen erzürnten Vater zu versöhnen, schrieb er gegen die Spielsucht sein „blssay upon gaming". Einiges Aufsehen machte sein Trauerspiel „IKs 8oz»ii^", obwol es sich nicht über das Mittelmäßige erhob. Jeder dramatische Dichter war in der Rebellion gegen König Karl Stuart von selbst Royalist. Auch D. wurde im königlichen Heere angestellt; da ihm aber das Kriegsleben nicht gefiel, ging er mit dem Hofe nach Oxford, wo er 1643 sein Gedicht „6ooper's lull" herausgab, das aber trotz der geistreichen Zierlichkeit, Lebhaftigkeit der Schilderungen und des trefflichen Versbaus so wenig als andere Dichtungen dieser Art einen selbständigen Charakter hat und sein inneres Interesse nur durch die didaktischen Stellen erhält, mit welchen die Beschreibung durchwebt ist. Später wurde D. zu mehren Geschäften gebraucht und seine Anhänglichkeit an das Haus Stuart durchMürden und Ämter belohnt. Eine unglückliche zweite Heirath, die er in höherm Alter cinging, brachte ihn auf einige Zeit zum Wahnsinn. Nach seiner Genesung dichtete er die in England sehr geschätzte Elegie auf den Tod des Dichters Cowley. Er starb am 19. März 1668 und wurde in der Westmin- sterabtei neben Chaucer, Spencer und Cowley begraben. Seine Werke wurden zuerst 1684 gesammelt (neue Aust., Lond. 1704). Dcnhcun (Dixon), berühmt durch seine Reisen in Afrika, denen die Erdkunde manche Aufschlüffe verdankt, gcb. 1785, erhielt seine Bildung in der königlichen Kriegsschule zu London und diente dann in dem span. Kriege gegen Napoleon. Erst im I. 1821 sctzt!:- er seinen längst gehegten Wunsch, eine Reise nach Timbuktu in Afrika zu unternehmen, ins Werk. Mit Geist entwarf er hierzu einen Plan, der später Gordon Laing (s. d.) zum Wegweiser diente. Ällein die Regierung hatte bereits einen andern Plan entworfen und dessen Ausführung Oudney und Clapperton übertragen, denen sich anzuschließcn er die Ev> laubniß erhielt. Schon am 21. Nov. 1821 traf er mit seinen Reisegefährten zu Tripolis zusammen. Im Febr. 1822 brachen sie nach Murzuk inFezzan auf und am 4. Nov. erreichten sie Lari, die nördlichste Grenzstadt des Königreichs Bornu am Tsadsee. D. besuchte von hier aus den letzter», dessen geographische Lage er bestimmte, und begab sich dann nach Kuka, der Residenz des Beherrschers von Bornu, wo er einem Kriegszuge gegen die Fella- tahs beiwohnte. Hierbei verwundet und gefangen genommen, gelang es ihm doch durch seine Geistesgegenwart zu entkommen und nach namenlosem Ungemach mit de» Trümmer» des Heers Bornu wieder zu erreichen, von wo aus er dann eine Reise den südlich in den Tsadsee einmündcnden Scharyfluß aufwärts unternahm. Tiefere von ihm beabsichtigte Fälschungen in dem Reiche Borru vereitelten das Mistrauen und die Wildheit der Bewohner. Mit Clapperton unternahm er dann, als Oudney am 12. Jan. 1824 gestorben war, die Reise nach Sakkatu im Reiche der Fellatahs und kehrte mit ihm im Apr. 1825 über Tripolis, Italien und Frankreich nach seinem Vaterlande zurück. Zu Ende des nächsten Jahrs ging er, inzwischen zum Oberstlieutcnant befördert, nach Sicrra-Leone, um den Zustand der dortigen Negercolonie zu untersuchen und eine Verbindung mit dem innern Afrika zu eröffnen. Nach dem Tode des Capitain Owen wurde er zum Statthalter der Colonie ernannt, wodurch sich ihm Mittel und Wege zu neuen Entdeckungen im Innern Afrikas eröffneten; allein schon im Juni 1828 starb er in Sierra-Lcone. Seinen Reisebericht enthält die von Narrow herausgegebene „Narrative ok travsls ancl ckiscoveries in norlbern sack central ^lrica in tbe )esrs 1822, 1823 and 1824 etc." (Lond. 1826, 4.). Denina (Giacommaria Carlo), ital. Literator und Geschichtschreiber, geb. am 2 8. Febr. 1731 zu Revel in Piemont, fludirte zu Turin die schönen Wissenschaften und erhielt 1754 die Professur der Humaniora zu Pignerol, der er aber wegen einer der Geistlichkeit misfälli- gen Komödie, die er verfaßt hatte und nach damaliger Sitte durch seine Schüler aufführcn ließ, verlustig wurde. Schon nach wenigen Jahren wurde er indeß wieder als Professor der Rhetorik an dem Collegium und der Universität zu Turin angestellt. Allein die Mönche waren ihm einmal feind; sein Fall war beschlossrn, obschon der König D. selbst unterstützte. Wegen des heimlichen Abdrucks seiner Schrift „veil' impie^o ckelle persone" (2 Bdc., Flor. 1777; neue Aust., Tur. 1803), worin er namentlich nachzuweisen suchte, wie man die Mönche in nützliche Glieder des Staats umwandeln könne, wurde er seiner Stelle wieder entsetzt, auf einige Zeit in das Seminarium zu Vercelli geschickt, dann nach seiner Heimat verwiesen 156 Denis und erst 1781 ihm erlaubt, nach Turin zurückzukehren. Im Sept. 1782 folgte er einem Rufe Friedrich des Großen nach Berlin, wo er in die Akademie ausgenommen wurde. Nach der Schlacht von Marengo ernannte ihn der Verwaltungsrath von Piemont zum Bi- bliothekar der Universität zu Turin, doch noch ehe er dieses Amt angetreten, übertrug ihm Napoleon in Folge der Dedication seines „Olekdes langues" (3 Bde., Berl. 1804) die Stelle eines kaiserlichen Bibliothekars zu Paris. Hier starb er am 5. Dec. 1813. Eine seiner ersten größer» Arbeiten war der „Viscorso sopra le vicende della letterstura" (2 Bde., Tue. 1761; 4 Bde., Tur. und Carmagnola 1792—1811 ; deutsch von Seeben, 2 Bde., Berl. 1785—87). Sein Werk „Veile revoluräoni d'Itslia" (3 Bde., Tur. 1769—70, 4.; deutsch von Volkmann, 3 Bde., Lpz. 1771—73), welches er in später» Ausgaben (5 Bde., Ven. 1800) fortsetzte, zog ihm vielfache Anfeindungen von Seiten der Vertheidiger der geistlichen Freiheiten zu. Seine „8torin politica e lettersria della 6recia likera" (4 Bde., Tur. >781 — 82; deutsch von Dau, 2 Bde., Flensb. 1783—85), ein für jene Zeit schätzbares Werk, arbeitete er während seiner Verbannung. Unter seinen übrigen meist franz- Werken, die er zum größten Theile in Berlin schrieb, erwähnen wir den „Lsssi sur la vie et le regne de b'rederic II" (Berl. 1788), „Vs Vriisse litteraire sous le regne de k'rede- ric II" (3 Bde., Berl. 1790—9l), „kuide littersire" (3 Bde., Berl. 1794—96), die Resultate seiner 1791 nach Piemont unternommenen Reise; „Vn Vnssisde" (Berl. 1799 — >800), ein Heldengedicht zur Verherrlichung Peter des Großen, angeblich aus einem ungedruckten griech. Originale, die „Geschichte Piemonts und der übrigen Staaten des Königs von Sardinien", nach D.'s ital. Handschrift ins Deutsche übersetzt von Straß (3 Bde., Berl. 1800—3) und „kivolurnoni dells (ilermnnm" (8 Bde., Flor. 1804); ferner das „'I'skienu bist., stalist. et moral de Is kaute Italic et des Xlpes ljui I'entourent" (Tur. 1805) und die „8toria dell' Italia occidentale" (6 Bde., Tur. 1809—10). Der Einfluß franz. Denkweise ist in seinen Schriften unverkennbar, und seine sonst leichte und gefällige Darstellung von franz. Geschwätzigkeit nicht ganz freizusprechen. DeniS (Joh. Michael Kosmus), einer der vorzüglichsten Bibliographen Deutschlands, der sich um die Bücherkunde in einer Zeit verdient machte, wo dieselbe noch keinen bedeutenden Aufschwung genommen hatte, war am 27. Sept. 1729 in der damals bair. Stadt Schärding am Inn geboren. Von seinem Vater Ioh. Rud. D-, einem Rechtsgelehrten, hatte er jene große Liebe zu den Büchern geerbt, die ihn sein ganzes Leben hindurch aus- zeichnele, doch entwickelten sich auch sehr bald bei seiner lebhaften Phantasie und bei einer gewissen Weichheit des Gemüths seine poetischen Anlagen und eine Vorliebe für Beschäftigung mit der Naturgeschichte. Im zehnten Jahre dem Gymnasium der Jesuiten zu Passau zuge- führt, betrieb er mit Eifer die klassischen Studien. So mangelhaft der Unterricht in der deutschen Sprache damals war, so bildete er doch namentlich seine poetischen Anlagen nach den dürftigen Vorbildern jener Zeit nicht ohne Glück aus. So vorbereitet trat er 1747 in den Jesuitenorden, dem er, während seines Noviziats fast von allen ästhetischen und klassischen Studien ferngehalten, mit Eifer sich hingab und für welchen er bei der seltensten Duldsamkeit, die ihm eigen war, die entschiedenste Vorliebe bis in das höchste Lebensalter, namentlich aus dem Grunde behielt, weil er die wissenschaftlichen Leistungen desselben schätzte. Nachdem er nachher als Repetent der hebr. Sprache in dem akademischen Collegium zu Wien sowie als Lehrer in Gräz, Klagenfurt und Judenburg fungirt hatte, wurde er zwar 1756 zum Priester geweiht, auch bald nachher zu einer geistlichen Wirksamkeit in Presburg berufen, 1759 aber wegen Kränklichkeit als Lehrer an das Collegium Theresianum zu Wien versetzt. Im 1.17 7 3 erhielt er unter dem Titel eines Vorstehers die Aufsicht über die jener Lehranstalt vermachte, später nach Lemberg gebrachte Garelli'sche Bibliothek. Dieses Amt führte ihn zu einem gründlichen Studium der Bibliographie und als Frucht ausdauernder Beschäftigung mit der ihm untergebenen Büchersammlung erschienen seine „Merkwürdigkeiten der Ga- relli'schen Bibliothek" (Wien 17 80, 4.). Bei der Aufhebung des Theresianum im 1.17 84 wurde D. vom Kaiser Joseph zum zweiten, 1791 aber zum ersten Custos bei der Hofbibliothek, zugleich mit dem Titel eines Wirklichen Hofraths, ernannt. In dieser Stellung wirkteer mit allgemeiner Anerkennung und galt für weite Kreise in bibliothekarischen und bibliographischen Beziehungen als Auctorität. Er starb am 29. Sept. 1800. Durchaus liebenswürdig in Denkart Denken 157 seinem Charakter, hat er nicht allein uni die Hebung der Bibliographie unbestreitbare Ver- dicnste sich erworben, sondern es gebührt ihm namentlich auch die Anerkennung, daß er viel zur Bildung des Geschmacks und Veredelung der deutschen Sprache in Ostreich beigetragen hat. Er wagte in dieser Beziehung manchen für seine Zeit und für die Umstände, unter denen er lebte, bedenklichen Schritt, wie ihn ein weniger beliebter und in Bezug auf Gelehrsamkeit minder geachteter Mann kaum hätte wagen dürfen. Dahin gehört namentlich, daß er protestantische Dichter, wie den von ihm hochverehrten Klopstock, mit dem er im Allgemeinen auch den Haß des Reims theilte, Gellert, auf dessen Tod er ein schönes Gedicht verfertigte, den gegen Ostreich dichtenden Gleim und andere Dichter unbedenklich in seinem Vaterlandc empfahl und sogar Auszüge aus ihren Schriften zu pädagogischen Zwecken veranstaltete. Sein Studium des Ossian, von dessen Werken er zuerst in Deutschland eine Übersetzung, zugleich mit seinem eigenen unter dem anagrammatischen Namen des Barden Sined gedichteten Liedern, herausgab („Ossian's und Sined's Lieder", 5 Bdc., Wien 1784; 2. Ausl., 6 Bde., >791 fg.), wirkte auf seine dichterischen Erzeugnisse wesentlich ein, in denen er, ohne hervorstechende Eigenthümlichkeit, der durch Klopstock eingeführten Bardenpoesic huldigte. Seine vielen in guter Sprache verfaßten lat. Gedichte erschienen gesammelt unter dem Titel „(^srlliiua guaeckuin Denisii" (Wien 1794, 4.). Von seinen übrigen zahlreichen Schriften, welche, soweit sie Bibliographie betreffen, sich durch die größte Zuverlässigkeit und Sorgfalt auszeichnen, sind noch folgende zu nennen: „Grundriß der Bibliographie und Bücherkunde" (Wien 1774), „Grundriß der Literargeschichte" (Wien 1776), „Einleitung in die Bücherkunde" (Wien 1777, 4.; 2. verb. Aust., 1795 — 96), „Wiens Buchdruckergeschichte bis blOI^X" (Wien 1782, 4.; nebst „Nachtrag", 1793, 4.), ,„4nnalium Iz-poAra- pl,worum Nicli. ülaittaire supplementum" (2 Bde., Wien 1789, 4.), „(üockices msuu- scripti tüeoloAici bidliotkecse palatmae viixlobonensis ialiui sliurunx^ue Occickeutis lin- gusriim" (2 Bde., Wien >794 —1802, Fol.) und „Lesefrüchte" (2 Bde., Wien 1797). Denkart heißt im Allgemeinen die Beschaffenheit der Gedanken, sofern sie durch rechten oder falschen Gebrauch der Seelenkräfke selbst bestimmt wird; so ist z. B. beim Wahnsinn die Denkart gestört. Denkungsart ist die Art und Weise, sittliche Dinge nach gewissen Grundsätzen zu beurtheilen, und es fällt daher Denkungsart fast ganz mit Dem zusammen, was man sonst den Charakter (s. d.) nennt. So beruhte z. B. Sancho Pansa's Denkungsart auf dem Grundsätze: Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Die Denkungsart eines Menschen offenbart sich in seinen Handlungen, die eines Volks oder einer Volksclasse großentheils in den Sprüchwörtern und sprüchwörtlichen Redensarten. Denken, in der weitesten Bedeutung, bezeichnet die Thätigkeit dev Kräfte eines vernünftigen Geistes; unter Denken im engcrn Sinne versteht man da» nicht unmittelbar von außen angeregte Vorstellen des Geistes, und unter Denkvermögen oder Intelligenz, im gemeinen Leben Vernunft, oder Verstand im Gegensatz der Sinnlichkeit genannt, das Vermögen der nicht sinnlichen Erkenntniß. In einem noch engcrn Sinne unterscheidet man das Denken, auch das formale logische Denken genannt, von dem Erkennen im eigentlichen Sinne, insofern dieses auf wirkliche Gegenstände gerichtet ist, während bloße Gedanken auch leere Gedanken sein können. In diesem Sinne genommen, gehört zu dem Denken das Begreifen und Bilden der Begriffe, nach der ältern Terminologie Verstand im engsten Sinne, das Urtheilen und das Schließen oder die Vernunft im logischen Sinne. Die Gesetze, welche das Denken beiweitem nicht immer befolgt, da es auch verkehrte, widersprechende, unzusammenhängende Gedanken und Gedankenreihcn gibt, sondern befolgen soll, wenn es wenigstens auf formelle Richtigkeit Anspruch machen will, nennt man gewöhnlich Denkgesetze (logische Gesetze), die sich auf den Grundsatz der Identität (s. d.) oder des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten (exclusi meckii S8U tertü ioter ckuo contrackictvris) und das Princip des (zureichenden) Grundes oder der Dependenz zurückführen lassen. In Beziehung auf diese Gesetze sind die Vorzüge des Denkens Einheit oder Widerspruchlosigkeit, Bestimmtheit oder Deutlichkeit, Zusammenhang und Consequenz. Das Denken ist so verschieden, wie die geistige Bildung der Menschen überhaupt. Im Allgemeinen unterscheidet man das gemeine und das methodische gebildete (s. Logik), ferner das abstrakte und con- 1k . 158 Denkfteihelt Denkmale crete und seit Hegel da» abstraete uird spekulative Denken. (S. Abstrakt, Coneret, Dialektik und Specuckation.) Denkfreiheil. Da das Denken eine innere, durch äußern Zwang gar nicht bestimm- bare Thätigkeit des Menschen ist, so kann die Denkfreiheit Niemandem genommen werden und unmittelbar gar kein Gegenstand des äußern Rechts und Gesetzes sein. Indessen ist ein indirekter Zwang von außen doch auch hier insofern denkbar, als von den Staaten zuweilen eidliche Erklärungen über die innere Überzeugung oder Versicherungen, daß man sich von irgend einer Regel des Glaubens nicht entfernen wolle (Glaubensbekenntnisse, Widerruf angeblicher Irrlehren, Testeid in England u. s. w.), gefedert und die Weigerungen als Verbrechen bestraft wurden, und dann insofern, als in frevelhafter Weise die Erziehung zum eigenen richtigen Denken durch Beschränkung der Lehrer, Anstellung unbefähigter Subjekte an den Lehranstalten und Anordnung einer den Geist erlahmenden Lehrmethode gehindert wurde. Denkmale oder Monumente nennt man im Allgemeinen Alles, was als Zeichen der Vergangenheit gewisse Erinnerungen an dieselbe erweckt, wie die Gräber der Huhne n (s. d.) in Deutschland, vorzüglich aber Gegenstände der menschlichen Kunst; im enger» Sinne die artistischen oder eigentlichen Kunstdenkmale. Von letzter» haben viele einen inner» Gehalt, indem sie an sich als Werke der schönen Kunst gefallen (s. Alterthum, Antike und Archäologie), andere (Denkmale im engsten.und gebräuchlichen Sinne) nur einen äußern, sofern sie das Andenken merkwürdiger Personen oder Begebenheiten der Nachwelt überliefern. Zu den Denkmalen bestimmter Personen, die man Ehrendenkmale nennt, gehören auch die Trauermonumente und Grabmälcr. Dergleichen Denkmale finden wir aus allen Zeiten und bei allen Nationen, vom ersten rohen Versuche der Kunst bis zur höchsten Vollendung., Die ältesten, die wir kennen, sind die Pyramiden (s. d.) und Obelisken (s. d ) Ägyptens, die riesenhaften Pagoden (s. d.) des alten Indiens und die pers. Königsgräber in den Trümmern von P ersepoliS (s. d.), welche alle durch ihre kolossale Größe und erhabene Einfachheit Ehrfurcht gebieten. Durch Schönheit und Geschmack in der Äusführuntz zeichnete sich aber Griechenland in dieser Hinsicht vor allen andern Ländern aus, wo man den Siegern in den feierlichen Spielen ebenso wie den Helden in der Schlacht und andern um Staat und Wissenschaft verdienten Männern prachtvolle Ehrendenkmale errichtete. Daher erwuchs allmälig die große Menge von Tropäen und Statuen, die noch jetzt in dürftigen Überresten uns zur Bewunderung Hinreißen. Als die Römer mit den Griechen in der Kunst zu wetteifern begannen, blieben sie hinter diesen auch in der Errichtung von Denkmalen nicht zurück, und eine ganz eigenthümliche Gattung bildeten bei ihnen die Triumphbogen (s. d.). Die frühesten Denkmale bei den Griechen und Römern waren unstreitig die Grabmale zur Aufbewahrung der Asche oder die zur Ehre des Verstorbenen errichteten Kenotaphien(s.d.). Das berühmteste Denkmal bieserArt war das sogenannte M a usol eu m(s. d.). Auch das neuere Europa hat Denkmale aller Art und in ziemlicher Menge aufzuweisen, die in ihrem Stile ebenso verschieden sind wie in ihrem künstlerischen Werthe. Namentlich hat man auch seit der Mitte des vorigen Jahrh. auf Pflege, Beschreibung und Zeichnung der vorzüglichsten Denkmale große Sorgfalt verwendet, und vorzüglich verdanken wir den Franzosen und Engländern die nähere Kenntniß der alten Denkmäler Ägypten-, Griechenlands und Algeriens. Die Westminsterabtei in London, Santa- Croce in Florenz, sowie Paris, München, Berlin und Petersburg bieten jetzt schöne Muster des Zweckmäßigen und Nachahmungswerthen dar. Eine ziemlich gute Sammlung gab de Lubersac heraus unter dem Titel „Viscouls zur Iss monuinents publics cie tous Iss sges et cke ton. Iss xeuples" (Par. 1776, Fol.). Nach den verschiedenen Mythenkreisen stellte Naoul Nochette die auf seinen Reisen in Italien und Sicilien im 1.182b gesammelten Monumente zusammen in den „ülonuweuts iueciits «I'aotiguite li^uree grecgue, etrusgue et ro- maiye" (Par. 1828 fg., Fol.). Besonders wichtig für die Skulptur vom l3. Jahrh. an bis aufCanova herab sind die „üiouumenti sepolcrsli ckella loscana, ckissAnsti cka Vinc. Llor- rini e incisi v. kaolo I-asmio, sotto Is ckireräone «lei 8i^n. ?. kenvenati e I.. »le '6»mKrax-viFnx" (Flor. 1819, Fol.), worin die Werke von Ghiberti, Donatello, Michel Angela u. A., die Grabmälcr der Mediceer u. s. w. beschrieben sind. Vieles erwartet man vvn der für die Aufzeichnung der alten Monumente in Griechenland von Seiten der griech Denkmale l5d Regierung eingesetzten Commission (s.-Athen), wie denn auch Frarckreich für Erhaltung' Abzeichnung und Beschreibung der alten Denkmale des jetzigen Algeriens Sorge trägt. Einen besonder« Abschnitt in der Geschichte der Denkmale bildet die neueste Zeit, in- dem das letzte Jahrzehnd sich ganz besonders bemüht, verdienten und hervorragenden Männern eine Auszeichnung durch Aufstellung eines Ehrendenkmals, häufig in einem sehr bescheidenen Maßstabe, zukommen zu lassen. Nur einige der wichtigsten heben wir hier nach den verschiedenen Ländern heraus. In England zunächst erinnern wir an die Statuen Hus- kisson's in Liverpool, Canning's in Westminster in der Nähe des Parlamentshauses, Erey's in Newcastle, Wilberforce's in Hüll (1833), des Herzogs von Sutherland zu Beauvraggie in Schottland, James Watl's zu Greenock in Südschottland (1838) und des Herzogs von Bridgewater in Manchester; die bronzene Kolossalstatue des Herzogs von Aork (1834) und die bronzene Reiterstatue Georg's UI. (seit 1836); ferner an die Denkmale des Herzogs von Wellington in Greenwich, Shakspeare's auf einer Höhe nahe am Thcmse- ausfluß und W. Scott's in Edinburg und Glasgow. Frankreich, das sich besonders seit der Julirevolution beeiferte, die Anerkennung des Verdienstes auch durch die . Kunst der Nachwelt zu überliefern, besitzt namentlich in Paris (s. d.) eine Masse großartiger Denkmale, unter denen wir nur an die Vendömesäule, die wieder mit der Statue Napoleon's geziert ist, sowie überhaupt an Das, was zum Andenken an den Kaiser, den man von Helena wieder nach Paris geführt, gethan, desgleichen an den Triumphbogen, an Lafayette's, Casimir Pe'rier's, Dampierre's und Hoche's Statuen erinnern. Eins der großartigsten Monumente ist die Boulogner Säule zum Andenken an die von Napoleon eigenhändig vorgenommene Aus- theilung der Ehrenlegionskreuze im J. 18V4. Bessieres und Murat erhielten zu Cahors, Kleber zu Strasburg, Mortier zu Lille, ebenso Corneille zu Rouen, Montaigne und Montesquieu zu Bordeaux, Fe'nelon zu Cambray, Rabelais zu Meudvn, Cuvier zu Montbeillard, Boyeldicu zu Rouen, Jacquard in Lyon, Gutenberg in Strasburg Ehrendenkmale. Auch Belgien und Holland blieben nicht ganz zurück, namentlich sind zu erwähnen das Denkmal au? der Place des Martyrs in Brüssel und die Statuen van Eyck's zu Brügge, Rubens' zu Anr- werpen undEre'try's zu Lüttich. In Deutschland erhoben sich seit den Jahren der Befreiung treffliche Monumente zu Berlin und München. Das Andenken Schill's wurde 1835 durch ein Denkmal verherrlicht, der Schwedenstein bei Lützen erhielt eine künstliche Überdachung von Gußeisen und dem Fürsten von Schwarzenberg errichtete kindliche Liebe bei Leipzig 1838 ein Andenken. Außerdem gehören hierher die Denkmale für Schiller zu Stuttgart, für Gutenberg zu Mainz, im I. 1837 enthüllt, für Peter Scheffer zu Gernsheim, für Mozart zu Salzburg, für Goethe zu Frankfurt am Main, für Beethoven zu Bonn, für Hebel zu Karlsruhe, für Jean Paul Richter zu Wunsiedel, für Thaer in Leipzig, wozu 1843 der Grundstein gelegt wurde, und besonders das kolossale Hermannsdenkmal auf einer Höhe des Teutoburger Waldes; ferner die Denkmale für Friedrich II. zu Ruppin, für Schwerin zu Prag, für den Herzog Eugen von Leuchtenbcrg in der Michaeliskirche.zu München, 1830 errichtet, die Ottosäule zwischen Hohenbrunnen und Perlach vom I. 1833, die Wal- halla (s. d.) und andere vom König Ludwig von Baiern ausgcführte Prachtmonumente, das Denkmal des Königs Friedrich August zu Dresden, enthüllt 1843. In den östr. Staaten bezeichnete man in Mähren zwischen Brünn und Rauschnitz die Stelle, wo Kaiser Joseph II. im I. 1769 den Pflug selbst führte, durch einen Obelisk; zu Innsbruck in der Schloßkirche erhielt I834Andr. Hofer und inErätz Kaiser Franzi, ein Denkmal. Preußen, Ostreich und Rußland errichteten bei Arbisau, zwischen Teplitz und Dresden, den dort gefallenen Kriegern drei Monumente. In Schweden, das schon früher Karl XII. und Linne durch Denkmale ehrte, wurde zu Upsala Gustav Adolf, dem Helden der protestantischen Freiheit, ein Obelisk, Gustav Erikson Wasa ein Denkstein und dem Botaniker Thunberg ein Denkmal errichtet. In Dänemark begann mit Thorwaldsen eine neue Ära des monumentalen Schmuckes. In Rußland erhielten mehre blutgedüngte Schlachtfelder, wie das von Borodino, Tarutino u. s. w. großartige Monumente, die aber durch den Triumphbogen, der in Petersburg vor dem Rigaer Thore sich erhebt, und durch die riesenhafte Alexanders- Mile (1834) noch weit übertroffen werden. Erzstatuen wurden daselbst auch Kutusow und Barclay de Tvlly errichtet; nicht minder erhielten Karamsin zu Simbirsk und DerHawin zu 160 Denkmünze Kasan Ehrenmonumente. Auch die Schweiz bewies ihre Dankbarkeit für Rousseau durch eine Bronzestatue auf-der Rousseauinsel (1837) und für Zwingli durch ein Monument zu Kappel im Canton Zürich (l 838). Selbst das neue Griechenland hat bereits mehren Helden des Freiheitskampfes Denkmale errichtet. In Kalkutta erhielt Lord Bentinck, in Bombay Sir Thomas Moore und in der Ebene von Quebeck der General Wolfe Denkmale. Denkmünze, Schaumünze oder Medaille nennt man eine zum Andenken an berühmte Männer, merkwürdige Begebenheiten u. s. w. geschlagene Münze. Jm Alterthume war der Gebrauch der Denkmünzen bei Griechen und Römern üblich, und ihre Medaillons sind noch gegenwärtig eine Zierde der Münzsammlungen. Diese numi muximi woduli (me- cl-tAlioni) pflanzten sich von Rom nach Byzanz fort, und hier haben wir eine der schönste» Medaillen von Konstantin XIV., dem letzten Kaiser von Byzanz. Auch Mahomed II. verewigte die Eroberung von Konstantinopel durch eine Medaille. Nach der Eroberung Konstantinopels verbreitete sich der Gebrauch der Denkmünzen zunächst in Italien, wohin sich die vorzüglichsten Künstler aus Konstantinopel gewendet. Früher wurden dieselben einseitig gegossen und mit dem Griffel überarbeitet, wie z. B. die Medaille aus Johannes Pico, Herr» zu Mirandola, gest. 1494; zweiseitige Denkmünzen kamen erst später auf. In letztem zeichneten sich ganz besonders folgende bewährte Künstler des 15. Jahrh. aus: Victor Pisa »o (s. d.), auch Pisanello genannt, Mattheus du Pastis, Andreas di Cremona und Paulus da Ragusio. Einer der schönsten Medaillons dieser Periode ist der von Pisano, auf Philipp Maria Visconti, Herzog von Mailand, in Silber. Vgl. Töchon Tanneci, „Xo- tics sur une med-dlle de kliilijipe-Alarie Visconti" (Par. 1816, 4.). Später begann MM die Stempel in Stahl zu schneiden und die Medaillen zu prägen. In dieser Gattung erwarben sich den größten Ruf Jo. Cavicnus oder Cavinius, Vict. Camelius, Benvenul« Cellini (s. d.), Jo. Bernhardus e Castro Bononiensi, Alex. Carsari und Nicolo Pisa n o (s. d.). Cavinius ist insbesondere bekannt durch die Nachbildung röm. Muster, worin ihm Alex. Bassianus treu zur Seite stand. Von Italien aus ging der Gebrauch da Denkmünzen nach Frankreich, England und Holland über; in Deutschland wurden sie erst unter Kaiser Maximilian I. verbreitet. War es einmal gewöhnlich, durch Schaumünzen das Andenken vergangener Zeiten zu erhalten, so konnte es nicht fehlen, daß auch ganze Folger von Medaillen mit Bildnissen gefertigt wurden, um in Verbindung mit den allegorische« Darstellungen der Rückseiten das Andenken an die betreffende Person und die damit verknüpften Begebenheiten bleibend zu erhalten. So arbeitete Christian Wermuth in Goth« die röm.-deutschen Kaiser in 225 Stücken, desgleichen die Päpste in 25V Medaillen; Tob. Wost die franz. Könige von Pharamund bis auf Heinrich IV. und die Päpste von Urban VI. bis Gregor VIII.; Jean Dassier die Könige von Frankreich bis auf Ludwig XIV.i» 66 Medaillen, sowie die von England in 34 Stücken von Wilhelm dem Eroberer bis Georg II. und 25 Medaillen auf berühmte Männer; Arwed Karlsteen die Medaillen brr schweb. Könige von Gustav I. bis Karl XII., und dieselbe Reihe, aber in größerer Ausdehnung, Joh. Karl Hedling er (s.d.), der, als einer der fruchtbarsten und ausgezeichnetste« Medailleurs, auch außerdem eine große Anzahl sehr schöner Medaillen lieferte. Wigani Schäfer entwarf die Reihe der Kurfürsten von der Pfalz (vollendet von seinem Sohn« 1758), Urbani die der Herzoge von Lothringen, die der Päpste in 110 Medaillen so«« mehre einzelne Stücke für Spanien, die Pfalz u. s. w. Nic. Chevalier zeichnete sich durch satirische Denkmünzen aus; auch arbeitete er eine Reihe Medaillen zur Geschick)« Wilhelm'S III. von England. Zahlreiche Denkmünzen auf die Regierung Ludwig's XIV und Ludwig's XV. lieferten Mauger, Rottier, Bernard, Fleurimont u. A.; Kraft, Best»" Wirth und Widemann widmeten ihre Kunst der Lebensgeschichte der Kaiserin Maria Theresia In der neuesten Zeit zeichneten sich Frankreich unter Napoleon und England durch ihre Mt' daillen aus. Vgl. Millin, „liistoire metrdliczue de In revolution tranysise" (Par. 1806 , mit 26 Kpfrn.), Hennin, „liistoire metslli^u« de la revolution trauyrdse" (Par. 1826,4., mit S5Taf.), Millingen, „liistoire ioetgliic;ue de X»;,oIeon" (Lond. 1819, 4., mit6vTaf>, und Supplement, Lond. 1821, 4., mit 14 Taf.) und Mudie, „Kstionsl wedsls" (Lond. 1820, 4.). Für die Geschichte Preußens sind die Medaillen unter der Regierung Friedrich Wilhelm'S III nicht ohne Interesse. In Baiern hat man neuerdings den Gebrauch der Men, Denkübungen DennewiH- k61 die Denkmünzen auch als Geld zu prägen, wieder ausgenommen. Geld und Denkmünze zugleich sind die bair. Geschichtsthaler. Die schönsten Medaillen in der neuesten Zeit verdankt Deutschland dem berliner Hofmedailleur L o o s (s. d.); neben ihm sind zu nennen Abram- so n (s. d.), Krüger und König. . - Denkübungen oder reineVerstandesübungen nenntman dieinbesondernStunden, nach einem bestimmten Plane angestellten Übungen in Elementarschulen, wodurch die Erkenntnißkräste, insbesondere der Verstand, angeregt und entwickelt werden. Sie wurden in dem letzten Drittel des vorigen Jahrh., im Gegensatz gegen das bis dahin übliche mechanische Einlernen positiver Kenntnisse, hauptsächlich durch Basedow (s.d.) und Rochow (s. d.) in den Elementarunterricht eingeführt, um dadurch die Aufklärung des Volks zu befördern. Sie fanden bald in den bessern Schulen Eingang und haben allerdings ihrer Zeit Gutes bewirkt, aber auch vielfach geschadet, weil sie die hauptsächlichste Veranlassung wurden, daß die einseitig formale Bildung des Verstandes auf Kosten der Gesammtbildung des Geistes das Übergewicht erhielt und die Erwerbung positiver Kenntnisse zu sehr vernachlässigt wurde. Den nachtheiligsten Einfluß hat die durch sie hervorgerufene Richtung auf den Religionsunterricht gehabt, welcher, seines positiven Charakters entkleidet, bald in Begriffszersplitterung und flaches Raisonnement ausartete. Zn neuester Zeit ist man, wenigstens in den höhern Kreisen der Pädagogik, allgemein der Ansicht geworden, daß in besondern Stunden betriebene Denkübungen für Schulen unnöthig sind, da jeder Unterrichtsgegenstand so gehalten werden kann und soll, daß er in seiner Art die Denkkrast des Schülers weckt und entwickelt, und nur wenige mit der Zeit nicht fortgeschrittene Pädagogen reden jenen Denkübungen noch das Wort, wie denn dieselben auch noch in manchen zurückgebliebenen Schulen eine traurige Rolle spielen. Mit diesen formalen, durch Krause's „Versuch planmäßiger und naturgemäßer unmittelbarer Denkübungen" (3 Bde., 3. Aufl., Halle I826-.34) auf die Spitze getriebenen Denkübungen dürfen übrigens die für die untern Classen der Schulen nothwendigen A'nsch au ungsüb un gen (s. d.) nicht verwechselt werden. Denner (Balthasar), einer der ausgezeichnetsten Portraitmaler seiner Zeit, geb. zu Hamburg am 15. Nov. 1685, lernte die Kunst bei untergeordneten Malern, anfangs zu Altona, hernach zu Danzig; bessere Lehre und gediegenere Vorbilder fand er in der Natur. Neigung und äußere Verhältnisse trieben ihn der Portraitmalerei zu; mit seinem 24. Jahre ward sein Name berühmt, und die Fürsten, die Vornehmen und Neichen in Norddeutschland, in Dänemark, Holland und England überhäuften ihn mit Aufträgen. Es war sein Stolz, möglichst getreue Spiegelbilder der Natur zu liefern; einzelne Köpfe von alten Männern und Bauern hat er mit unsäglicher technischer Vollendung, bis auf-die feinsten Poren, Äderchen und Lineamente des Gesichts, durchzuführen gewußt, und es werden diese Bilder, die Perlen seiner Kunst, in den Galerien als seltene Schätze aufbewahrt. Wenn die unendliche Ausführung derselben, Sie zugleich mit einer guten Totalwirkung verbunden ist, bewundert wird, so ist doch hinzuzufügen, daß ihnen das Höhere, der großartigere Puls des Lebens, der geistigere Gehalt, fehlt. Dennoch haben diese Bilder ihre große kunsthistorische Bedeutung. Sie gehören einer Zeit an, in welcher die Kunst fast überall, nach damaliger franz. Art, in oberflächlichen Manierismus versunken war; D. dagegen führte den Blick wieder auf die reine Natur zurück, und gerade, daß er bis in deren feinste Einzelheiten hin- abstieg, daß er auch das Geringfügigste nicht verschmähte, mußte ausidie Bestrebungen einer spätem Folgezeit wohlthätig einwirken. Er starb zu Hamburg am 14. Apr. 1747. Denner (Zvh. Christian), der Erfinder der Clarinette, geb. zu Leipzig 1655, kam acht Jahre alt mit seinen Altern nach Nümberg, wo er nachher Instrumentenbauer wurde und 1707 starb. Auf die Erfindung der Clarinette wurde er durch Verbesserungsversuchc der Schalmei geleitet. Außerdem fertigte er viele damals sehr gesuchte Flöten. Dorf im preuß. Regierungsbezirke Potsdam, eine Stund, südwestlich von Juterbogk gelegen, erhielt historische Merkwürdigkeit durch die Schlacht am 6. Sept. 1813 Was den Marschall Oudinot bei Großbeeren (f d.) nicht gelungen war, sollte nach der Absicht Napoleon's Ney, unter ihm Oudinot, Bertrand und Reynier (das zwölfte, vierte und siebente Armeecorps), mit 7V0VV Franzosen, Sachsen und Polen voll- Ton».-Lex. Neunte Aufl. IV 11 162 . DermewiH bringen, nämlich Berlin erobern. Die Nordarmce der Verbündeten, unter dem Oberbefehle des Kronprinzen von Schweden, schien am Sept. über Zahna weiter nach Roßlau vorrücken und dort über die Elbe gehen zu wollen. Ney zog daher, nach seiner Ankunft, das franz. Heer im befestigten Lager bei Thiesen unweit Wittenberg zusammen, verstärkte dasselbe möglichst durch frische Truppen und rückte am 5. Sept. auf der Straße nach Züter- bogk gegen Zahna los. Hier stand, unter dem preuß. Generalmajor von Dobschütz, die Vorhut der Heerschar von Tauentzien. Heftig von der bedeutenden Übermacht der Franzosen angegriffen, mußte Dobschütz, nach tapferer Gegenwehr, auf Zalmsdorf sich zurückziehen und endlich auch die hier eingenommene Stellung verlassen, jedoch erst, nachdem er den von Ga- degast über Seyda zurückkehrenden Truppen des Generals Tauenh.ien die nothwendige Zeit zum Rückzüge verschafft hatte., Beide Kolonnen, wieder vereinigt, bezogen am Abend vor Jüterbogk ein Bivouac. Sobald der General Bülow Nachricht von der ernsten Angriffsbewegung der Franzosen erhielt, eilte er dem General Tauentzien zu Hülfe. Zu dem Ende marschirte er, um dem Feinde in die Flanken und in den Rücken zu fallen, um die fünft! Nachmittagsstunde nach Kurzlipsdorf und Kaltenborn ab, wo seine Truppen in der Nacht, eine halbe Meile von den feindlichen Vorposten entfernt, eine verdeckte Stellung einnahmen. Am Morgen des 6. Sept. begann die Schlacht. Marschall Ney ließ zunächst den General Bertrand die Brücke über die Aa passiren und das etwa lOOOO M. starke Corps des Generals Tauentzien mit einer doppelt überlegenen Truppcnzahl angreifen. Vier Stunden lang halt! sich Tauentzien in seiner gutgewählten Stellung vertheidigt, als er endlich der immer heftiger andrängenden Übermacht zu weichen begann. Doch jetzt, gerade zu gelegener Zeit, erschien endlich Bülow bei Niedergersdorf in der linken Flanke des Feindes und eröffnete ein Heftigei Geschüßfeuer. Die Franzosen stutzten, und diesen Augenblick des ersten Schreckens benutzte Tauentzien geschickt, um auf den Feind aufs neue einen gutausgeführten Cavalerieangriff zu machen, der die Verwirrung noch vermehrte. Als Ney die veränderte Lage der Dinge bemerkte, entsendete er das Armeecorps des Generals Reynicr von Nohrbeck nach Niedergersdorf, um sich dem General Bülow entgegenzustellen, wo nun, namentlich zwischen der Division Durutte und den Truppen des Generals Thümen, ein heftiger Kampf entbrannte, der sich nach und nach immer mehr nach D. und später nach Gölsdorf hinzog. Schon begann auch hier, trotz der Anstrengung der daselbst kämpfenden Sachsen, die franz. Schlachtordnung zu weichen, als unerwartet der von Öhna nach D. berufene Marschall Oudinot mit dem zwölften franz. Armeecorps und der Cavalerie des Herzogs von Padua (30 franz. Bataillons unter Deckung einer schweren Batterie) heranrückte. Dieser Übermacht mußten nach verzweifelter blutiger Gegenwehr die Preußen weichen und Gölsdorf den Franzosen überlassen. Jndeß traf aber auch auf der preuß. Seite General Borstell, der wegen des späten Erscheinens der Schweden erst um l l Uhr aus seiner Stellung von Krop städt hatte aufbrechen können, mit der fünften Brigade auf dem Schlachtfelde ein, worauf sich der Kampf um Gölsdorf aufs heftigste erneuerte. Zugleich war die Hauptmacht der Schweden und Russen unter dem Kronprinzen näher herangerückt und hatte im Hintergründe zwischen Kurzlipsdorf und Eckmannsdorf Stellung genommen; schweb. Geschütz wurde gegen Gölsdorf angefahren und schweb, und russ. Cavalerie näherten sich; das den Generalen Thümen und Tauentzien gegenüberstehende vierte franz. Armeecorps vermochte sich «ich! mehr zu halten. Demgemäß entschloß sich Ney, die Schlacht aufzugeben und den Rückzug anzuordnen. Zur Deckung desselben rief er den Marschall Oudinot von Gölsdorf ab, damit er zwischen D. und Rohrbeck mit seinem Heertheil den geschlagenen rechten Flügel aufnähme ; die Vertheidigung von Gölsdorf aber wurde den Sachsen überlassen, die nach einem kurzen blutigen Kampfe sich gleichfalls zum Rückzuge gcnöthigt sahen. Bald sah das zwölfte franz. Armeecorps sich selbst mit in die Flucht des vierten verwickelt, und da auch die franz. Cavalerie, die noch einmal zur Unterstützung des Rückzugs Vorgehen mußte, mit leichter M>'che zurückgeworfen wurde, so war die Flucht allgemein. Man verfolgte den Feind, der sich nach der Gegend von Dahme und Torgau zurückzog, an demselben Tage noch bis Körditz und Wölsigkendorf. Alle Wege waren mit Tobten und Verwundeten und mit Waffen aller Art bedeckt. Aus der Wahlstatt fielen 5000 Gefangene, drei Fahnen, 30 Kanonen und über 200 Pulverwagen in die Hände der Sieger. Als die Verfolgung vor Torga« Denominatton De«Hel 163 aufhörte, betrug der Gesammtverlust der Franzosen gegen 2VV0V M., wovon die Hälfte Gefangene waren, 80 Kanonen und 400 Kriegswagen. Die Preußen zählten gegen 9000 Tobte und Verwundete. Zn Folge dieses Siegs ließ der Kronprinz Wittenberg durch Thü- men, Torgau durch Wobeser und Magdeburg durch Puttlitz beobachten; er selbst ging mit dem Heere bei Roßlau über die Elbe und vereinigte sich im Anfänge des Oct. mit Blücher. Denomination, d. h. Benennung, wird sowol von der Ernennung zu einem Amte als von der Namhaftmachung der Zeugen in einem Proteste gebraucht. Devon (Dominique Vivant, Baron), stanz. Künstler und Kunstkenner, geb. am 4. Jan. 1747 zu Chalsns-sur-Saöne, wurde in Paris, wohin er sich in der Absicht begeben, die Rechte zu studiren, durch Talente und Neigung dem Studium der bildenden Künste zu- geführt. Er machteGlück in der Gesellschaft und schrieb ein Lustspiel „I.« bou pere" (1769), das insbesondere den Damen gefiel. Ludwig XV., der ihn liebgcwonnen hatte, ernannte ihn zum (üentilllowme ordinsire du roi und gab ihn der Gesandtschaft zu Petersburg bei. Nachher erhielt er eine Sendung in die Schweiz, wo er Voltaire's Portrait und das bekannte dejeuncr de zeichnete; hierauf bekleidete er sieben Jahre hindurch eine Stelle bei der stanz. Gesandtschaft zu Neapel. Während seines Aufenthalts in Süditalien verband er sich mit dem Abbe Saint-Non zur Herausgabe der „Voxsge pittoresizue de Kaples et de 8icile" (Par. 1788, Fol.) und schrieb noch eine besondere „VovaZe en8icile" (Par. 1788). Nachdem er die diplomatische Laufbahn verlassen, lebte er eine Zeit lang in Venedig, wo er namentlich in den Kreisen der geistreichen Gräfin Albrizzi glänzte. Die Aufmerksamkeit, welche die Revolution überall auf die Franzosen lenkte, vertrieb ihn aus Venedig sowie später auch aus Florenz und der Schweiz, sodaß er sich genöthigt sah, nach Frankreich zurückzukehren. Von dem berühmten David beschützt, konnte er sich ungestört der Kunst und namentlich der Kupferstecherei widmen. Als Bonaparte, dessen eifriger Bewunderer er geworden war, nach Italien und später nach Ägypten ging, begleitete er ihn uno bearbeitete, nach Frankreich zurückgekehrt, das Werk, das seinen Ruhm begründete, die „Vo^age dsus la Lasse-et la Haute-Lgxpte" (2 Bde., Par. 1802, Fol. und 3 Bde., 12. mit einem Atlas in Fol.; nachgedruckt in London mit verbessertem Text, 2 Bde., 4.). Die Kupferstiche, die er diesem Werke beigegeben hat, sind sehr treu und vcrrathen einen geschickten Zeichner. Auch hatte er als Mitglied des Ägypt. Instituts den bedeutendsten Anthcil an der von diesem her- ausgegebencn „vescription de I'Lgxpte". Von Bonaparte zum Generalinspector der Museen ernannt, entwickelte er in dieser Stellung eine große Thätigkeit. Während er den Kaiser auf seinen Feldzügen begleitete, hatte er besonders das Geschäft, in den eroberten Ländern die Kunstschätze auszuwählen, welche als Siegestrophäen nach Paris geführt werden sollten. Nach der ersten Restauration behielt er seine Ämter, die er erst nach der zweiten verlor, weil er sich 1815 dem zurückkehrenden Kaiser wieder genähert hatte; doch blieb er Mitglied des Instituts. Seitdem lebte er zurückgezogen und beschäftigte sich mit der Her- ausgabe seiner reichen Kunstsammlung, die durch Kupferstich und Steindruck vervielfältigt werden sollte und mit Vorarbeiten zu; einer Geschichte der Kunst. Beendet wurde das Werk von Amaury Duval und herausgcgeben unter dem Titel , Monuments des art» «In dessiu cber les peuples taut sucieus «zue modernes, recueillis par Vivant v., ponr servir L l'bistoire des arts" (4 Bde., Fol.). D. starb zu Paris am 27. Apr. 1825. Nach seinem Tode wurden seine Sammlungen, die zu seinen Lebzeiten jedem Kunstfreunde offen gestanden hatten, versteigert. Vgl. die „vescription des objets d'art cownossnt le cabinet de len bl. le baron l>." (3 Bde., Par. 1826). Dentätus (Marcus Curius), s. Curius Dentatus. DenHrl (Georg Friedr., Baron), stanz. Brigadegeneral, geb. am 25. Juli 1 755 zu Türkheim von protestantischen Ältern, studirte zu Jena Theologie und ging 1772 mit einem Regimente von Pfalzzweibrücken als Feldprediger nach Nordamerika. Nach seiner Rück- kehr ums I. 1783 wurde er Pastor zu Landau und hcirathete die Tochter des dasigen Bürgermeisters. Vom Departement des Unterrhein in den Convent gewählt, erhielt er eine Sendung zur Rheinarmee, wodurch er der Abstimmung im Proceffe Ludwig's XVI. entging. Aus seinen Betrieb wurde die Vereinigung mehrer deutschen Städre an den Eren- 11 * 164 Denunciation Denzel zen des Elsaß mit der Republik decretirt. Seines strengen und willkürlichen Verfahrens wegen denuncirt und zurückberufen, klagte er vor dem Convent nicht nur dem General Harambure des Royalismus an, sondern foderte auch die Absetzung des Generals Delmas. Als 1793 Landau in Folge eines angezettelten Verraths, in den man ihn selbst zu ziehen versucht hatte, an die Preußen übergeben werden sollte, Hintertrieb er solches; er setzte den Gouverneur Laubadiere ab, ließ mehre Offiziere verhaften, cassirte die Civilbehörden und vereinigte fünfMonate hindurch bis zur Entsetzung der Stadt durch Hoche alle Gewalt in seinen Händen. Vor dem Convente namentlich durch einen der verhafteten Offiziere der Gewalt- thätigkeit beschuldigt, kam er, ungeachtet der Verwendung der Bürgerschaft von Landau, in Haft, die erst mit dem Sturze der Schreckensherrschaft endete. Hierauf trat er wieder in den Convent und wurde dann in das Departement Lamanche gesendet, um den Terrorismus vollends zu unterdrücken. Im 1.1796 kam er in den Rath der Alten, in welchem er die Bildung der republikanischen Legionen betrieb und gegen die royalistischen Umtriebe auftrat. Noch in demselben Jahre wurde er Eeneraladjutant; als solcher wohnte er 1896 demKriegt gegen Preußen bei und trat dann in den Generalstab. Sein menschenfreundliches Benehmen bei Auswechselung der Kriegsgefangenen brachte ihm mehre fremde Orden ein, und du Bürgerschaft zu Wien, wo er die Gouverneurstelle bekleidete, ließ eine Denkmünze aus ihr schlagen. Nachher wurde er nach Spanien gesendet; imJ. 1812 folgte er der Großen Arm« nach Rußland. Jm Aug. 1813 erhob ihn Napoleon zum Brigadier, Offizier der Ehrenlegion und Baron und am 3. Apr. 1814 zum Mare'chal de Camp. Während der Hundert Tage wendete er sich wieder Napoleon zu und nahm Theil an der Schlacht bei Waterloo. Nach der zweiten Restauration blieb er im Dienste, bis er 1824 den Abschied erhielt, woraus er bald nachher starb. — Sein Sohn, franz. Cavalerie-Oberst, suchte 1822 mehre einn Verschwörung gegen die Bourbons beschuldigte, zum Tode verurtheilte Unteroffiziere durch Bestechung des Gefängnißwärters zu befreien und wurde dafür cassirt und zu dreimonatlicher Eesängniß verurtheilt. Ein ausgezeichneter Offizier, schlug man ihn 1829 zum Obergenerol des griech. Heers vor. Denunciation bezeichnet sowol die dem Gerichte ohne dessen Auffoderung gemacht! Anzeige (s. d.) eines verübten Vergehens, als auch die noch jetzt übliche Abart des Ankla- geprocesses (s. Anklage), wo Jemand wegen ihm widerfahrener Rechtsverletzung gegen den Verletzenden den Antrag auf Strafe bei Gericht stellt. Die Humanität der Strafgesetz' gebung zeigte sich unter Anderm auch darin, daß eine Anzahl theils geringfügiger, theA solcher Rechtsverletzungen, bei denen der Nutzen unbedingten, officiellen Einschreitens mit d«i Störung von Familienverhältnissen zu theuer erkauft sein würde, z.B. Ehebruch, Familie»- diebstahl u. s. w., nur auf Antrag des Verletzten zur Untersuchung und Bestrafung gezogen werden. Die Zurücknahme der Denunciation kann in der Regel, gegen Erstattung da Kosten, bis zum Schluß der Untersuchung erfolgen. Die wissentlich falsche Denunciation wegen eines Vergehens bildet in den neuern Strafgesetzgebungen ein besonderes Verbreche». Denzel (Bernh. Gottlicb), ein geachteter Pädagog, geb. am 29.Dec. 1773 zu Stuttgart, wo sein Vater Kaufmann war, erhielt in den Seminarien zu Denkendorf, Maulbronn und Tübingen feine theologische Bildung, auf welche der Professor Storr den bedeutendsten Einfluß hatte, und kam dann als Erzieher in das Haus eines angesehenen Kaufmanns in Frankfurt am Main. Im 1.1896 wurde er zum Pfarrer in Pleidelsheim befördert, nachdem er einige Zeit Pfarrvicar gewesen war. Hier entwickelte sich seine Neigung zur Pädagogik. Seit 1811 als Inspektor des neuerrichteten Schullehrerseminars und zugleich all dritter Diakonus nach Eßlingen vorsetzt, erhielt er 1817 von der nassauischen Regierung den Auftrag, das Schulwesen ihres Landes zu organisiren, den er auch vollführte. Noch in demselben Jahre wurde er zum Director und ersten Lehrer des Seminars zu Eßlingen befördert und gleichzeitig erhielt er von seiner Regierung den Charakter als Professor, von der nassauischen den eines Oberschulraths. Im I- 1822 bekam er den Titel als Rector und 1832 den Titel und Rang als Prälat. Erstarb am 13.Aug. 1838. Rühmlichst hat D. all praktischer Pädagog gewirkt; in wissenschaftlicher Hinsicht sind seine Leistungen unbedeutend. Unter seinen Schriften ist zu nennen die jetzt bereits zum Theil nicht mehr genügende „Einleitung in die Elementarschulkunde und Schulpraxis" (3Bde., 3.Aufl., Sluttg. 1825—35). Deodant Deportation 165 Deodant bezeichnet im engl. Rechte Alles, was als Veranlassung zum Tode eines Menschen dem Staate verfällt. (S. Coroner.) In der cngern Bedeutung, blos auf Thicre beschränkt, ist das Deodant in dem mosaischen Gesetze begründet, die Ausdehnung desselben aber auf leblose Gegenstände scheint aus dem german. Rechte geflossen zu sein. Da indeß das Deodant öfters in gar zu weiter Ausdehnung in Anspruch genommen wurde, so sind hierüber in neuerer Zeit einschränkende Bestimmungen eingetreten. Als Deodant verfallen auch alle bewegliche und unbewegliche Güter der Selbstmörder. Departement heißt zunächst die Vertheilung einer Sache auf Mehre; so sagt man im Französischen le Departement 30 sich vermehrten, nach dem Frieden von 1814 aber auf 86 wieder verminderten. Das Departement zerfällt in Frankreich wieder in Arrondissements, diese in Cantons, und diese in Gemeinden. Depeschen nennt man die Korrespondenz, die zwischen dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten und den von ihm abhängigen diplomatischen Agenten gewechselt wird. Fremden diplomatischen Agenten stellt man nicht Depeschen sondern Noten zu. Die Depeschen sind eigentlich von der einen Seite die fortlaufenden Ergänzungen der Instructionen und von der andern sind sic Berichte. Den Namen haben sie von der Nothwendigkeit ihrer schleunigen Besorgung. Deployement, d. h. Entwickelung, Ausbreitung oder Entfaltung, bezeichnet in der Kriegssprache die Bewegung, wenn die Züge einer geschlossenen Colonne, welche wegen mangelnden Zwischenraums nicht durch schräges Herausziehen in Linie sormirt werden können, sich zuvörderst durch den Marsch auf Linien, die mit der zu erreichenden Aufstellung gleich laufen, dem ihnen bestimmten Platze nähern und dann durch rechts- oder linksum in denselben rücken. Indeß wird dieser Begriff nicht überall so streng festgehaltcn, und es werden namentlich beim franz. Heere Entwickelungen geöffneter Kolonnen, welche durch schräges Herausziehen der Züge erfolgen, ebenfalls Deployements genannt. Das Deployircn geschieht, um eine längere Feuerlinie zu erlangen, namentlich nach gelungenen Bayonnett- angriffen, doch muß cs stets im Eeschwindschritt und bei der Reiterei im Trabe ausgeführt werden. Bei dem preuß. Heere wurde es 1748 cingeführt. Deponens heißt in der lat. Sprachlehre ein Zeitwort, welches zwar passive Form, aber transitive oder intransitive, im Allgemeinen also active Bedeutung hat. Der Name stammt von ckepsnsre, d. i. ablegen, weil diese Verba gleichsam ihre der passiven Form entsprechende Bedeutung abgelegt haben. Vgl. „Muthmaßungen über den Ursprung der Deponentia in der lat. Sprache" (Münst. 1832). Deportation, d. h. die Verbannung an einen bestimmten entfernten Ort, verbunden mit der Hinschaffung an denselben, kam als eine Strafe unter den röm. Kaisern statt der alten ^nterdiction, durch die Einem Wasser und Feuer verboten wurden, in Anwendung. In England wurde die Deportation unter der Königin Elisabeth gesetzlich eingeführt gegen Va- gabunden und Gauner und hat hier sehr gute Wirkungen gehabt. (S. Botanybai.) Nachdem Frankreich sie in das Strafgesetzbuch von 1791 ausgenommen, wurde sie zur Zeit der Nepublik vorzüglich gegen Geistliche, welche den bürgerlichen Verfassungseid verweigerten, und später wegen politischer Vergehen, z.B. 1797 bei Barthe'lemy und Pichegru, in Anwendung gebracht. Auch in den später» Gesetzbüchern Frankreichs wurde die Deportation veibehaltcn und noch gegenwärtig wird darauf erkannt. Da cs aber Frankreich an einem 66 Depositenbank Depping zweckmäßigen Orte zu einer Strascolonie fehlt, indem das franz. Guiana allzu ungesund ist, so tritt an ihre Stelle lebenslängliche Einsperrung. Die Deportation zieht den bürgerlichen Tod nach sich, d. h. der Verurtheilte wird aller bürgerlichen Rechte verlustig, seine Ehe wird aufgelöst, seine Kinder sind Waisen, sein Vermögen fällt an seine natürlichen Erben, er kann nichts mehr erwerben und besitzen. Depositenbank, s. Banken. Deposttion bezeichnet den zwischen Zweien abgeschlossenen Vertrag über verwahrliche . Niederlegung einer beweglichen Sache, zufolge dessen der eine Theil, der Dep ositar, das - Niedergelegte des andern Theils, des Deponenten, zu bewahren und ihm auf Verlan- ^ gen zurückzugeben übernimmt. Die Deposition gehört zu den Realcontracten der Römer, ^ well die gegenseitigen Pflichten nur erst durch die wirkliche Übergabe der Sache zur Verwahrung begründet werden. Der Depositar haftet für getreue und sorgfältige Aufbewah- , rung und muß dem Deponenten die Sache, das Depositum, zurückgeben, wenn auch , dessen Recht an derselben streitig gemacht werden könnte. Er muß den Schaden an derselben ( tragen, welchen er durch grobes Versehen oder vorsätzlich veranlaßt; der Deponent hingegen ^ muß ihm die darauf gewandten Auslagen ersehen. Gebrauchen darf der Depositar die Sache z nicht. — Die Deposition bei Gericht erfolgt, wenn sich Jemand von gewissen Verbind- ( lichkeiten befreien will. Wollte der Gläubiger sich widerrechtlich weigern, den schuldigen Ge- ^ genstand (die Zahlung) anzunehmen (d. h. in mors accipiencki ist), so kann sich der Schuldner h von seiner Verbindlichkeit und zugleich von der Gefahr der Aufbewahrung, vom weitem Zinsenlauf u. s. w. befreien, wenn er die Schuld in gerichtliche Verwahrung gibt. Zuweil« x aber ist die Deposition bei Gericht auch ein Sicherheitsmittel, wenn man nämlich Einwe«- p düngen nicht hat sofort erweislich machen können oder sie noch nicht fällig sind, der Gläubi- ? ger aber, welchem man einstweilen zahlen muß, unsicher ist. Endlich bezeichnet Depo- g sitionjauch so viel als Aussage. Depot heißt in der Kriegssprache im Allgemeinen eine Niederlage von materiell« n oder personellen Streitmitteln, daher die Ausdrücke Artillerie-Depot, Batterie-, Z Baumaterialien - Depot, Ersatz- oder Ergänzungs-Depot, worunter me» p nicht nur die zum Nachschub der Armee bestimmten Ersatzmannschaften sondern auch dii xj Orte versteht, woselbst sie für den Kriegsdienst ausgebildet werden. I Depping (Georg Bernh.), ein durch seine schriftstellerischen Leistungen in franz. wie >» ei deutscher Sprache rühmlich bekannter Literator in Paris, geb. 1784 zu Münster in Westfalen, verließ sein Vaterland im J. 1803, nach der Besitznahme desselben durch die Preußen, und begleitete einen franz. Emigranten nach Frankreich, wo er seitdem geblieben ist. In Pari- p anfangs als Lehrer an einigen Erziehungsanstalten angestellt, studirte er die neuern Spm- n chen und nahm dann an mehren Zeitschriften sowol Frankreichs als Deutschlands Antheil. Z Seine 18 l 1 begonnene „üistoirs generale 6e l'Lspagne" wurde wegen Censurhindernisß b nicht fortgesetzt. Später gab er eine „Sammlung der besten alten span, historischen Ritter- g! und maurischen Romanzen" (Lpz. 1817) heraus. Mit Maltebrun besorgte er eine neue g, Auflage von Levesque's „Üistoire 6e Russie" (8 Bde., Par. 1812) und mit Villenave die ft bei Belin erschienenen Auflagen von Rousseau, Fontenelle, Montesquieu, Larochefou- v, cauld, Hamilton und Diderot; er arbeitete Mentelle's „6eogrspliie 6s la kraue« " »in H und lieferte die geographischen Werke „k>a Suisse" (4 Bde., 2. Aufl., Par. 1824), „l-s V Orece" (4 Bde., Par. 1823) und „V«>age 6'un etuckiant 6ans Iss sing Parties 6n molule" hl (2 Bde., Par. 1822), auch viele Beiträge zur „Liograpbie universelle" und zur Fort- d> setzung der „I/srt 6e vöriüer les 6ates". Seine Schrift für die Jugend „k>es soirett Ul 6'invsr" (3. Aufl., Par. 1833) und die „Nervsilles et beautes 6e la nature en krauce" UI (2 Bde., 8. Aufl.^ Par. 1836) erfreuen sich fortwährenden Beifalls. Seine „Nistoire äe» E expeckitions maritimes «les l^vrmancls et 6e lenr etablissement en Kranes au X siecle^ A (2 Bde., Par. 1826; 2. Aufl., 1843; deutsch, Hamb. 1820) wurde von der Akademie der V Inschriften 1822, und seine „üistoire 6e commerce entre I'Lurope et le k-evant äepuir te les eroisackes susiju's la tonckation 6es colouies 6'^merique" (2 Bde., Par. 1832) i 828 de mit dem Preise gekrönt. Außerdem erhielten noch für zwei andere Schriften „Die Jude» - ke im Mittelalter" (Stuttg. 1834) und „Über die Sekten und Lehren der Gnostiker", an derlei' ri Depressionsschuß Derbend !67 ben Akademie das Accessit. Seine Geschichte der Normänner führte er in der Fortsetzung zu Liquet's „Geschichte der Normandie" (2 Bde., Rouen 1835) fort. Für die auf Staatskosten gedruckte Sammlung historischer Documente bearbeitete er die ältesten Statute der Handwerke der Stadt Paris (Par. 1837, 3.) und eine Zusammenstellung der wichtigsten auf die Staatsverwaltung Ludwig's XIV. bezüglichen Aktenstücke. Die von ihm im Archiv des Kriegsdepots zu Paris angestellten Nachforschungen setzten ihn in Stand, eine „Geschichte des Kriegs der Münsterer und Kölner im Bündniß mit Frankreich gegen Holland in den Z. 1672—73" (Münst. 1836) zu schreiben. In seinen „Erinnerungen aus dem Leben eines Deutschen in Paris" (Lpz. 1832) hat er interessante Nachrichten über seinen Aufenthalt in dieser Stadt und über seine literarischen Verbindungen mitgetheilt. Depressionsschuß, Senk- oder Plongir schuß heißt ein jeder unter der Hori- zontallinie gerichtete Schuß. Den Winkel, unter welchem der Schuß gerichtet ist, nennt man alsdann den Depressionswinkel, auch wol den Znclinations-als Gegensatz vom Elevationswinkel. Lasteten, welche so eingerichtet sind, daß man sehr tiefgerichtetc Senkschüsse thun kann, heißen Depressionslaffeten. Sie kommen in sehr hoch gelegenen Bergfestungen zur Anwendung, wie z. B. auf dem Königpein bei Dresden, um das tiefe Elbthal beschießen zu können, was mit keiner andern Lastete möglich wäre. Die erste De- pressionslaffete erfand der engl. Artillerielieutenant Köhler bei der Vertheidigung von Gibraltar im 1.1782. Deputation nennt man zuvörderst die Absendung von Beauftragten aus dem Mittel einer Corporation, die das Gesandtschaftsrecht nicht hat, an irgend einen Höhern. Von daher ist es überhaupt auf jede Abordnung aus einer Corporation, einem Stande u. s. w-, endlich sogar auf eine Auswahl aus einer größern Vereinigung von Individuen übergetragen worden, weshalb auch die?lusschüffe häufig Deputationen genannt werden. Deputatwirthschaft nennt man eine solche Ökonomie, in der statt unverhciratheter, nur auf einen gewissen Zeitraum gemietheter Dienstboten, verheirathete Dienstleute auf Lebenszeit und unter Gewährung des nöthigen Unterhalts angenommen sind. Die Vortheile der Deputatwirthschaft bestehen darin, daß die innere Wirthschafi sehr erleichtert und ver- einfacht und an Kosten nicht wenig gespart wird; doch läßt sich nicht leugnen, daß durch die Ansiedelung verheiratheter Leute, die ein Heimatsrecht an dem Ansiedelungsorte erhalten, einem Gute große Lasten aufgebürdet werden können. Deputirtenkammer, s. Kammern. Derbend, nach pers. Ableitung so viel als enges, festes Thor, ein Gebiet am Kaspischen Meere, in der kaukasischen Provinz Dhagestan, bildete früher ein eigenes Khanat, welches durch Peter den Großen erobert und durch Alexander I. 1866 aufgehoben wurde. Die Einwohner, meist Turkomanen, etwa aus 3666 Familien bestehend, fertigen viele baumwollene Zeuge und treiben mit diesen sowie mit Safran und Wein Handel. — Die gleichnamige Hauptstadt des Gebiets, die einzige unmittelbare Besitzung der Russen in Dhagestan, bildet ein terrassenförmig erbautes Viereck und zählt etwa 3666 E. Die alte ver- fallene Festung wurde von den Russen wiedcrhergestellt und hat russ. Besatzung. Nördlich von D. ist das seiner mehrenthcils arab. Inschriften wegen berühmte Denkmal der vierzig Helden, welche im Kampfe gegen die Araber bei Dhagestans Eroberung fielen. In der Nähe von D. beginnt die große durch die dhagestanische Landschaft Tabafferan sich hinziehende Mauer. Dieselbe wird dieDerbendscheMauer oder Sedd Eskender, d. i. Alexan- der's Mauer, genannt. Sie war ursprünglich 36 F. hoch und 16 F. dick und lief über Berge und Thäler gegen Westen bis an das Schwarze Meer. Mit eisernen Thoren, Wachtthürmen und Castellen versehen, diente sie zum Schutze Persiens gegen die nördlichen Volksstämme. Es ist unbekannt, wer die Stadt und die Mauer erbaut hat; genannt werden als Erbauer Alexander der Große, Eskender Dulkarnain und Nuschirvan, welcher Letztere wol nur der Wiederhersteller der Stadt und Mauer gewesen ist und auch das Khanat im 6. Zahrh. stiftete. Um 1226 wurde D. von den Mongolen erstürmt und ihnen so der Weg zur Eroberung des russ. Tieflandes im Norden des Kaukasus eröffnet. Später bemächtigten sich die Tür- ren eines Theils der Stadt, doch wurden ste wieder daraus vertrieben. JmZ. 1722 ent* rissen die Russen D. den Persern, behielten es im Frieden von 1723, gaben es aber > 3 Jahre 188 Derby Dereser später wieder an Persien zurück, bis es dann endlich l 806 abermals von Rußland weggenvm- men und durch Alexander I. dem rufs. Kaukasien einverleibt wurde. Derby, eine engl. Grafschaft von 47*/r IHM., ist im Nordwesten gebirgig, weshalb dieser Theil High-Peak genannt wird, dagegen im Osten und Süden eben, fruchtbar und trefflich angcbaut. Wegen der zahlreichen Schluchten, Klüfte und Höhlen ihrer Berge gehört die Grafschaft zu den anmuthigsten und romantischsten Gegenden Englands. Merkwürdig sind besonders die Peakshöhle, welche von einem Bache durchströmt wird und im Middletonthale unweit des Blcibergbau treibenden, kleinen Fleckens Castleton liegt, ferner die Eldon- und die Pooleshöhle bei Buxton, in welcher sich die mannichfalkigsten und schönsten Tropfsteinbildungen abgelagert haben und ein Strom durch Felsen gewaltsam seinen Lauf bricht und einen Wasserfall bildet, und endlich die Tropfsteinhöhle Bradwell-Cavern, sowie das Thal des Dove durch seine wunderbargeformtcn Felsen und übereinandergestürzten Felstrümmer und der Knowleshill mit reizendem Panorama. Wildbäche aller Art durchrauschen das Bergland und eilen hinab in die wiesenreichen und fruchtbaren Thäler, welche von mehren Flüssen bewässert sind. Zu den,größer« derselben gehören der Trent, welcher den Dove und Derwent ausnimmt, der Wye, Rolher und Dee. Zahlreiche Kanäle verbinden die Flüsse untereinander, vermehren die Fruchtbarkeit des Bodens, unterstützen den Bergbau und beleben den Handel und Verkehr der Bewohner. Wichtig und zahlreich sind die Mineralquellen und Gesundbrunnen, z. B. zu Buxton, Maslak und Kcddlestone, sowie die intermittirende Quelle Tideswell. Auch ist die Gegend reich an Mineralien > es werde« Eisen, Blei, Steinkohlen, Antimon, Galmei und Kupfer zu Tage gefördert; auch fehlt cs nick an Marmor, Flußspath, Mühlsteinen, Alabaster, Alaun, Krystall und elastischem SteinL Die Grafschaft ist daher ziemlich stark bevölkert und zählt gegen 205000 E-, die sich theüs mit Viehzucht, Ackerbau und Bergbau, theils in Fabriken auf Wolle, Seide und Baum wolle, theils mit lebhaftem Ausfuhrhandel beschäftigen. — Der Hauptort der Grafschaft ii Derby, in einer romantischen Gegend am westlichen Ufer des Derwent, eine hübschgebau» Stadt mit mehren Kirchen und Bethäusern, unter denen die Allerheiligcnkirche wegen ihm gothischcn Bauart ausgezeichnet und mit einem 173 F. hohen Thurme versehen ist. And!» ansehnliche Gebäude sind das Grafschastsgefängniß, das Hospital und das Stadthaus. Stadt zählt 35000 E., welche sehr betriebsam sind. Die hauptsächlichsten Gegenstände de Fabrikation sind Baumwolle, die Seidengarn-, Porzellan-, Marmor- und Flußspathw«- ren, Schrot, Bleiwciß und Bleiröhren, mit denen sowie mit den in der Umgegend gewonnen« Mineralien, namentlich mit Steinkohlen und Marmor bedeutender Handel getrieben wird In der Nähe von D. liegt der herrliche Landsitz Keddlcstonhouse mit einem großen Park Dereser (Ant. Thaddäus), ein katholischer Theolog von wissenschaftlich sreierm Gcißl wurde zu Fahr im Würzburgischen am ll. März 1757 geboren. Als Jüngling trat« in den Orden der Karmeliterobservanten, die ihm den Namen Thaddäus von Stilldan« beilegten. Im I. 1783 ging er als katholischer Professor der Hermeneutik und orient.ss teratur nach Bonn, wo er die „Sendungsgeschichte Jesu" (Bonn 1789) erscheinen lies und 1791 wurde ^bischöflicher Vicar und Professor der Theologie zu Strasburg. DieVei- Weigerung des Eides auf die Constitution von 1791 büßte er im Gefängniß, aus dem er er? 1796 entlassen wurde. Nach Deutschland zurückgekehrt, erhielt er 1797 eine außerordentliche und zwei Jahre später eine ordentliche theologische Professur zu Heidelberg, die er iE mit dem Stadtpfarramte in Freiburg vertauschte, worauf er 1810 Stadtpfarrer in Karlsruhe wurde. In der Stellung, die er seit 1811 als Professor der Theologie am Lyceum und als Regens des Priestcrseminars in Luzern einnahm, blieb er nur drei Jahre, weil ihn sei« freiere Exegese in Zwistigkeiten verwickelte. Nachdem er hierauf einige Zeit als Privatmann wieder in Heidelberg verlebt hatte, wurde er 1816 als geistlicher Rath und zweiter Präses' zor der Theologie und Philosophie nach Breslau berufen. Hier starb er am 16. Juni 182'- Den meisten Anklang haben D.'s Erbauungsschriften gefunden, namentlich das „Deutsche Brevier für Stistsdamcn, Klosterfrauen und gute Christen" (4 Bde., Augsb. > 792 ; b. Aufl., 1820) und das „Katholische Gebetbuch" (Heilbr. 1808; 5. Aust., 1837). Auß«' vem schrieb er ein „Großes biblisches Erbauungsbuch aus alle Tage,des KirchenjahrS" t Derfflinger DenvationSrechnung l69 m. Bde., Heilbr. 1810; im Auszuge, 8. Aufl., Heilbr. 1838); auch übersetzte er theilweise das Alte Testament (1786—1815). üb Derfflinger (Georg, Reichsfreiherr von), eigentlichDörfling, brandend. Eeneral- >nd feldmarschall, einer der ersten Helden des von dem Großen Kurfürsten gegründeten preuß. rge Militairstaats, geb. im März 1606, ist nach einigen Angaben aus dem östr. Dorfe Neuhofen !rk- im Lande ob der Enns, nach andern der Sohn eines protestantischen Landmanns in Böhmen, im Für das Schneiderhandwerk erzogen, wollte er, um sich den Religionsbedrückungen nach ner der Schlacht am Weißen Berge zu entziehen, nach Berlin wandern; als man aber, weil er sim kein Geld hatte, ihn über die Elbe zu setzen verweigerte, warf er sein Bündel in den Strom auf und wurde Soldat. Er diente eine Zeit lang als Reiter entweder bei den Sachsen oder wie unter dem General von Thurn; allein da er sich schon damals mit dem Gedanke» verfolgte, chn wie er General werden könnte, so trat er, bereits Offizier, in schweb. Kriegsdienste, wo er rch- unter Gustav Adolfs, hierauf unter Baner's und Torstenson's Fahnen focht. Als Übersicht brmger der Botschaft von dem Siege bei Leipzig im 1.1642, zu welchem er als Oberster an chn der Spitze seines Reiterregiments viel beigetragen hatte, ward er von der Königin Christine bin- zum Generalmajor ernannt. Nach dem Frieden als Fremder aus dem schweb. Heere entlassen, im wendete er sich nach Brandenburg und trat 1654 als Generalmajor der Cavalerie in die sind Dienste des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, der seine Talente und seinen Muth zu belohnen mit vielfache Gelegenheit fand, indem er sich in allen Feldzügen der Preußen gegen die Polen, rim Schweden und Franzosen durch Klugheit, Schnelligkeit, Thatkraft und Tapferkeit aus- M zeichnete. Er wurde 1656, nach der Schlacht bei Warschau, Generallieutenant, 1657 Wirkli- imd cher Geh. Kriegsrath, 16 58 Generalfeldzeugmeister, 1670 Generalfeldmarschall, 1677 Ober- heüi gouverneur aller pommcrschen Festungen und 1678 Statthalter von Hinterpommern und mni dem Fürstenthume Camin. Auch brauchte ihn der Kurfürst bei mehren Gelegenheiten zu st ix Gesandtschaften; t-rr Kaiser Leopold aber erhob ihn am 10. März 1674, auf Ansuchen des >» Kurfürsten, in den Reichsfreiherrnstand. Zu seinen glänzendsten Waffenthaten gehören der ihm Überfall der Schweden an der Havel und die Wegnahme von Rathenau am 15. Juni 1675, wodurch er dem Kurfürsten den Sieg bei Fehrbellin (s. d.), am l 8. Juni, vorbereitete, an N, welchem Tage er selbst den Oberbefehl unter dem Kurfürsten hatte. Nicht minder ruhmvoll e ltt waren für ihn di« Eroberung Stralsunds im 1.1678 und der Winterseldzug gegen die war Schweden im 1.1678—79, indem er mit 9000 M. und 30 Kanonen auf Schlitten über Mi das Frische und das Kurische Haff setzte und die Schweden unter Horn bei Tilsit 1679 M schlug. D. war in seinem Betragen stets einfach, bescheiden und behielt auch als Greis noch pail siinen muntern, thätigcn Geist und sein frisches, kräftiges Herz. Seine Sprache war offen >cißk. nnd gerade, nicht selten derb und treffend. So erwiderte er dem Herzoge von Holstein-Beck, ai« als dieser ihn eines Tages auf unzarte Weise an seine Abkunft erinnerte: „Es ist wahr, daß -am« weine Altern mich für die Elle bestimmten; doch die Vorsehung hatte mich für den Degen t, st bestimmt, und mit diesem verstehe ich alle Diejenigen zu messen, die mich etwa beleidigen lief möchten." Er starb am 4. Febr. 1695 und wurde in der schönen Kirche zu Gusow beerdigt. Del Der König Friedrich 1. ehrte seinen Tod durch eine Gedächtnißmünze, deren Hauptseite das r er? wohlgetroffene Bildniß D.'s zeigt, während auf der Rückseite Mars und Hercules als die -dem Ahnherren des östr. Plebejers dargestellt sind. Sein Geschlecht erlosch mit seinem Sohne, ,M der als preuß. Generallieutenant 1740 zu Berlin starb. Vgl. König, „Authentische Nach- richten von dem Leben D.'s" (Stendal 1786) und Varnhagen von Ense, „Biographische Denkmale" (Bd. 2). sei« Derivationsrechnung nennt man denjenigen Theil der mathematischen Analysis, nav» welcher dir Function einer oder mehrer Größen auf eine solche Art in Reihen entwickeln lehrt, rofis- daß man die Glieder derselben nach einem bestimmten Gesetze auseinander herleiten und so- 8^7 mit den Fortgang dieser Reihen leicht übersehen kann. Die ersten Versuche in dieser Rech- utscht """3 wurden von Segner in der Mitte des l 8. Jahrh. gemacht; allein erst Arbogast durch 2 ; s. si»n Werk „Du calcul Oes ckerivstions" (Strasb. 1800) wurde der Begründer derselben ,uß«' Das von ihm angewendete Verfahren hat Ähnlichkeit mit der combinatorischen Analysis, die Hindenburg zuerst aufstellte; aber die Derivationsrechnung nimmt ihren Weg durch die ^ ^ . Derivatum Derzatvin Differentialrechnung, was die combinatorische Analysis nicht thut. Es lassen sich durch diese Methode die schwierigsten und interessantesten Aufgaben lösen, die ohne dieses Hülfsmittel kaum zu behandeln sein würden. Hindenburg selbst stellte in der Schrift „Über combinato- rische Analysis und Derivationscalcul" (Lpz. 1803) eine Vergleichung beider Methoden an. Derivatum heißt in der Sprachlehre ein abgeleitetes Wort, welches dadurch entsteht, daß man an die Anfänge oder Endungen der Wurzelformcn Laute oder Sylben fügt, um auf diese Weise neue Wörter zu bilden. Das Verfahren bei dieser Ableitung nennt man Derivation, vom lat. üerivsrs, d. i. ableiten, und das dem abgeleiteten zu Grunde liegende ursprüngliche Wort das Primitivum (s. d.) oder Stammwort. Im Allgemeinen unterscheidet man wieder Denominativ«, d. h. von NominibuS, und Verbalia, d. h. von Verbis abgeleitete Worte, z. B. Blümchen von Blume, besprechen von sprechen u. s. w- Derköto, eine syr. Göttin, vorzugsweise in Joppe und Askalon verehrt, wurde bis an die Hüften als Weib, unterwärts aber als Fisch dargestellt. In ihr symbolisirte sich jene weibliche Naturkraft, die Alles gebiert und das männliche Princip durch Liebreiz an sich fesselt, die Anfang und Ende alles Lebens begreift. Sie ist daher identisch mit der in Helio- polis verehrten Des 8^ria und der Atergatis (nur eine andere Form ihres Namens) und vielfach verwandt mit der Astarte und Isis. Von den Griechen wurde sie durch verschiedene Göttinnen, besonders aber durch Here, Cybcle und Aphrodite wiedergegeben. Hauptsächlich verehrte man sie unter dem Symbol des Fisches, der in ihrem Mythus eine große Rolle spielt. Der letztere, durch die ihn uns überliefernden Griechen sehr mit griechischen mythischen Elementen gemischt, macht sie zur Mutter der Scmiramis. Ihre Verehrung war or< giastischer Art, wie die häufig dabei vorkommenden blutigen Selbstgcißelungen und Ent- mannungen, ihre fanatische Verehrung durch rasende Weiber und Gallen (Entmannte) und die in ihren Tempeln befindlichen Phallen beweisen. Derwisch ist ein pers. Wort, welches arm bedeutet und wie der entsprechende arab. Ausdruck Fakir (s. d.) gebraucht wird, um eineClassePersonen in denmohammed. Ländern zu bezeichnen, die in vieler Hinsicht mit den Mönchsorden der christlichen Welt überein- stimmen. Die Derwische zerfallen in viele verschiedene Brüderschaften und Orden. Die meisten wohnen in reich versorgten Klöstern, Tekkije oder Changah, und stehen unter einem Vorgesetzten, welcher den Titel Scheikh oder Pir, d. i. Alter, führt. Einige der Mönche sind auch verheirathet und dürfen dann außer dem Kloster wohnen, müssen aber wöchentlich einige Nächte im Kloster schlafen. Ihre Andachtsübungen bestehen in gottesdienstlichen Versammlungen, Gebeten, religiösen Tänzen und Kasteiungen. Da das Kloster ihnen keine Kleidung gewährt und sie, mitAusnahme derBektaschis, auch nicht betteln dürfen, so müssen sie durch Handarbeit sich etwas zu verdienen suchen. Es ist schwer, genau die Zeit zu bestimmen, wann diese religiösen Orden entstanden sind. Schon von den ältesten Zeiten her hielten es fromme Männer im Oriente für verdienstvoll, den Genüssen irdischer Freuden zu entsagen, sich von den Fesseln des häuslichen und geselligen Lebens zu befreien, und in Armuth und Zurückgezogenheit ihre Gedanken ausschließlich der Betrachtung der Gottheit zuzuwenden. In diesem Sinne empfahl auch schon Mohammed im Koran die Armuth. Die Sage leitet diese Orden aus den ersten Zeiten des Islam ab, indem schon die Khalifen Abubekr und Ali dergleichen fromme Brüderschaften gestiftet haben sollen; allein sie mögen wol etwas spater entstanden sein. Viele mohammed. Fürsten, auch türk. Sultane achteten sie sehr hoch und beschenkten ihre Klöster reichlich; noch jetzt stehen sie beim Volke in hohem Ansehen. Die Orden sind meist nach den Namen ihrer Stifter benannt, und die bekanntesten unter ihnen die Bestamis seit 873, die Kadris seit 1165, die Rusajis seit 1182, dieMewlewis seit 1273, die Nakschibendis seit 1319, die Bektaschis seit 1357, die Ruschenis seit 1533, die Schemssis seit 1601 und die Dschemalis seit 1750. Derzäwin (Gabr. Romanowicz), einer der vorzüglichsten lyrischen Dichter Rußlands, geb. zu Kasan am 3. Juli 1733, diente, nachdem er das Gymnasium seiner Vaterstadt besucht hatte, seit 1762 als gemeiner Soldat und zeichnete sich besonders 1773 gegen den Rebellen Pugaczcw aus. Die Kaiserin Katharina lernte frühzeitig sein Talent würdigen und beförderte ihn später sehr schnell zu höhern Staatsämtern. Er wurde im 1 .1800 Neichs- schatzmeistcr und 1802 Justizministcr, zog sich jedoch schon un nächsten Jahre von allen öf- 171 Desaix de Voygoux ftntlichen Geschäften zurück, um ganz den Musen zu leben. Früh schon entwickelte sich sein selbständiges dichterisches Talent und jedenfalls ist er als der hervorragendste Dichter aus der Zeit Katharinas anzusehen. Ein überschwenglicher Bewunderer dieser Fürstin feierte er sie in seinen glänzendsten Oden. Von diesen ist die „An Gott", obgleich nicht die schönste, doch am weitesten bekannt, und in die meisten Sprachen übersetzt. Der chines. Kaiser ließ sie sogar ins Chinesische übersetzen und, auf Seide in Gold gedruckt, in seinem Palaste aufhängen. Im Allgemeinen sind D.'s Dichtungen nicht selten reich an wahren dichterischen Schönheiten; doch artet in einigen die orient. Bildersprache bisweilen in Bildcrprunk aus. Seine dramatischen und prosaischen Arbeiten mochten zu ihrer Zeit manches Verdienstliche haben. D. starb am 6. Juli 1816 auf seinem Landgute Swanka im Nowgorodischen. Seine sämmt- lichcn Schriften erschienen in Petersburg (5 Bde., 1810— l 5). Desaix de Voygoux (Louis Charl. Ant.), Divisionsgeneral der stanz. Republik, geb. von altadeligen Ältern am 17. Aug. l 768 zu Saint-Hilaire d'Ayat in Auvergne, trat, auf der Militairschule zu Efsiat vorbereitet, im Alter von > 5 Jahren in ein Infanterieregiment und wurde beim Ausbruche des Revolutionskriegs als Adjutant des Generals Victor zur Rheinarmee versetzt. Reich an Kenntnissen und Muth, den neuen Ideen aufrichtig ergeben, stieg er schnell empor und war bereits 1793 bei der Moselarmec Brigadegeneral. Bei Räumung der Weißenburger Linien durch die Franzosen am 3V.! Oct. deckte er den Rückzug und verließ das Heer selbst dann nicht, als er bei Lautcrburg durch die Wangen geschossen wurde. Die Mäßigung und Rechtschaffenheit, dieD. als wahrer Republikaner überall bewies, und die Federung, daß man seine Mutter und Schwester, die man als Adelige ins Gefängniß geworfen, fteilaffen sollte, bestimmten die Volksdeputirten Saint-Just und Lebas, ihm das Schicksal Custinc's zu bereiten. Als jedoch die Soldaten diesen Anschlag erfuhren, drohten sie die Commissare zu erschießen, und D. blieb bei dem Heere. Beim Vorrücken der Franzosen in die Pfalz befehligte er unter Pichegru die Avantgarde und lieferte am 23. Mai 1794 den Östreichern bei Schifferstadt ein heftiges Treffen. Nach den Erfolgen bei Platzberg am 14. Juli und Trippstadt am 2. Sept. ward er zum Divisionsgeneral erhoben. Gleich ausgezeichnet focht er hierauf bei Kaiserslautern, Frankenthal und Weißenau. Im 1.1795 befehligte er unter Jourdan den rechten Flügel der Sambrcr und Maasarmee, 1796 aber unter Moreau das Centrum des Rhein- und Moselheers. Nach dem Waffenstillstände drang er am 14. Juli unter fortwährenden Gefechten über Neuhofen, Ruhbach, Dannstadt in die Ebene von Mutterstadt vor und bewerkstelligte dann am 14. mit großem Geschick den Übergang der Franzosen über den Rhein bei Kehl, aus welchem Platze er hieraus die Ostreicher verdrängte. Im Sept., nach einer Menge kleiner Gefechte unterstützte er als Befehlshaber des linken Flügels den berühmten Rückzug des republikanischen Heers unter Moreau (s. d.), worauf ihm die Vertheidigung des Brückenkopfs zu Kehl übertragen wurde, den er nach anhaltendem Kampfe mit dem Erzherzoge Karl am 9. Jan. 1797 endlich den Ostreichern übergeben mußte. Als das republikanische Heer hierauf den Befehl erhielt, unter Moreau den Rhein nochmals zu überschreiten, bewerkstelligte er in der Nacht vom 19. zum 20. Jan. im Angesichte des Feindes diesen Übergang, wurde aber in Folge seiner persönlichen Kühnheit dabei in den Schenkel verwundet. Nach dem Vertrage von Leoben ging er nach Italien, um Bonaparte kennen zu lernen, und begleitete sodann denselben nach Ägypten. Hier bedeckte er sich in der Schlacht bei Schabreiß, an den Pyramiden, in den Gefechten mit Murat Bei und den Mamluken mit neuem Ruhm, sodaß er sich die ganz besondere Gewogenheit Bonaparte's erwarb. Nach der Landung der Engländer und Türken bei Abukir wurde er von Kleber beauftragt, die Convention von El-Arisch, am 24. 1800, zu vollziehen. Demzufolge schiffte er sich, mit Pässen versehen, nach Frankreich ein, wurde aber von einer engl. Fregatte aufgebracht und zu Livorno von dem Admiral Keith einen Monat hindurch gefangen gehalten. Nach seiner Befreiung eilte er nach Italien, wo er von Bonaparte zwei Divisionen im Centrum der Armee erhielt. Am 14. Juli 1800, als er gegen Abend an der Spitze seiner Truppen in die schon wankende Schlachtlinie Bonaparte's bei Marengo (s. d.) cinrückte, um ein 5000 M. starkes Corps Astreicher aufzuhalteu, durchbohrte ihm eine Kugel die Brust, sodaß er kurze Zeit darauf starb. Ihren Anführer zu rächen, stürzten sich die Soldaten wüthend aus die Ostreicher, zwangen die« X->'. 172 Desarmiren Default selben, die Waffen zu strecken und sicherten hiermit den Erfolg des Tags. Bonaparkc ließ den jugendlichen Helden in der Kapelle des Klosters auf dem Saint-Bernhard beisetzen und ihm auch zu Paris eine eherne Bildsäule errichten. Desarmiren heißt im Gegensätze von Armiren (s. d.) eine Festung oder einem, zelnes Festungswerk oder eine Batterie von den Geschützen, die sich darauf befinden, em- kleidcn und diese in die Verwahrungsorte zurückbringen. Desätir, d. i. Vorschriften, nennt man mit einem neupers. Worte eine angeblich uralte, neuerdings wieder entdeckte Sammlung von 16 heiligen Schriften der 15 altpers. Propheten, mit Einschluß eines Buchs von Zoroaster. Diese Sammlung ist in einer jetzt unbekannten Sprache geschrieben, die sich ebenso vom Zend als vom Pehlwi und dem Neupersischen unterscheidet. Der letzte jener 15 Propheten, Sasan, der zur Zeit des Falles der Saffaniden lebte, als die Araber sich des Reichs bemächtigten, hat den Desätir wörtlich ins Neupersische übersetzt und mit einem Commentar in derselben Sprache begleitet. Nachdem angeblich dieses Werk bis ins 17. Jahrh. eine Hauptquelle der altpers. mit Astrologie und Dämonologie untermischten Religionslehre gewesen, hierauf aber fast anderthalbhundcr! Jahre lang vergessen war, entdeckte dasselbe zu Jspahan ein gelehrter Parse, dessen Sohn, Molla Firuz, von dem Marquis Hastings dazu veranlaßt, eine Ausgabe desselben unter dem Titel „Desätir, or sscreck vritinFs ok tks sncient^persisn propbets" (2 Bde., Bombay 1818) veranstaltete, welche Erskine mit einer engl. Übersetzung begleitete. Erskine hält jedoch die Sammlung für unecht; auch Sylvestre de Sacy glaubte, daß der Desätir das Wer! eines Parsen im 4. Jahrh. der Hegira sei, der die Sprache absichtlich erfunden habe, um der Sammlung, welche an sich alte Traditionen und sinnreiche Mysterien enthalte, das Ansehen der Glaubwürdigkeit zu geben; Hammer dagegen hält den Desätir für echt und führt ihn auf den pers. Propheten Mehabat zurück. Default (Pierre Jos.), einer der berühmtesten Wundärzte Frankreichs, geb. am 6. Febr. 17 44 zu Magny-Vernais in der ehemaligen Franche-Comte, erlernte anfangs die Chirurgie bei einem Bader, bis er in das Kriegshospital zu Befort kam, wo er die Gelegenheit benutzte, sich namentlich in der Behandlung der Schußwunden zu üben. Im 1.1764 kam er nach Paris, hörte hier den berühmten Petit und erhielt schon zwei Jahre nachher den Lehrstuhl der Anatomie selbst. Obgleich es ihm an der Gabe des Vortrags fehlte und Neider ihr anfeindeten, so war er doch bald einer der besuchtesten Lehrer, da er in der Behandlung der Anatomie eine neue Bahn brach und besonders die chirurgische Anatomie vervollkommnete. Er wurde Professor an der Kcols prstique, 1782 erster Chirurg an der Charite und 17 88 am Hötel-Dieu, wo er bis an seinen Tod am I.Jan. 17 95 mit ebenso viel Fleiß als Erfolg wirkte. D. ist der Stifter einer neuen chirurgischen Schule, in welcher sich viele der vorzüglichsten Wundärzte Europas mittelbar oder unmittelbar gebildet haben. Sein Verdienst besteht vorzüglich darin, daß er Genauigkeit und Methode in das Studium der Chirurgie brachte, die Behandlung der Knochenbrüche durch Angabe verbesserter Verbandarten vervollkommnete, zuerst die klinische Behandlung der Wundarzneikunst in Frankreich einführte und seinen Schülern eine edle Begeisterung für ihre Kunst einflößte. In seinen Operationen zeichnete er sich durch Kühnheit und Vereinfachung der Handgriffe aus und war selbst da originell, wo er schon bekannten Methoden folgte. Diese glänzende Naturgabe, die ihn in den schwierigsten Fällen sicher leitete, ersetzte zum Theil den Mangel gelehrter Kenntnisse, die ihm so gleichgültig waren, daß er in spätern Jahren gar nichts mehr las, wie er denn auch der Kenntniß innerer Krankheiten völlig ermangelte und sehr unwillig wurde, cüs man in den ersten Jahren der Revolution bei der Stiftung der Lcole <1e ssnte, wo er Lehrer der chirurgischen Klinik ward, das Studium der Medicin und daß der Chirurgie in dienothwendige Verbindung brachte, welche der Geist der Wissenschaftlichkeit foderte. Die Behandlung des Dauphins, der im Tcmple starb, war ihm übertragen. Außer zwei kleinen Abhandlungen hat er nichts Schriftliches hinterlassen; seine Lehre findet sich aber in den von seinen Schülern im Hötel-Dieu gemachten und im „äournsl 787 zu Douai, wo ihr Vater Wappenmaler war, lernte als Kind tiefes Elend kennen. Auf einer Reise nach San-Domingo, wo sie reiche Verwandte hatte, verlor sie ihre Mutter und verdankte es nur der Barmherzigkeit der Seeleute, daß sie wieder nach Frankreich zurückkehren konnte. In ihrem l6. Jahre kam sie an das Theätre Feydeau; da sie aber hier bei der geringen Einnahme, die sie anfangs hatte, ihren Vater nicht genugsam unterstützen konnte, so ging sie in die Provinz, wo sie mehr zu verdienen hoffte. Kaum 2V Jahre alt, mußte sie indeß der Bühne entsagen und fing nun ganz unbewußt an, Trost und Beruhigung in der Poesie zu suchen. Später verheirathete sie sich an einen gewissen Valmore. Ihre lyrischen Gedichte, die in verschiedenen kleinern Sammlungen erschienen und späterin einer Gesammt- ausgabe („kossies", Par. 1841) vereinigt wurden, sind die Ergüsse eines innigen Gemüths. Sie ist überall rein subjectiv und strömt sogar in ihren kleinen Novellen, z. B. „I-es veilless lies ^litilles" (2 Bde., Par. 1820, 12.), „I/iitelier «i'uii peintrs" (Par. 1833) u. s. w., ihre eigenen melancholischen Gefühle aus. Abwechselnd lebte sie später in Lyon und Paris, fortwährend au vielen literarischen Unternehmungen Theil nehmend. Was sie indeß seit Jahren für den Tag geschrieben, ist mit dem Tage wieder vergessen worden; ihre Elegien aber werden auf die Nachwelt kommen. Descartes (Rene), gewöhnlich Renatug Oartesiiis genannt, der Reformator der Philosophie, mit welchem man oft die neuere Philosophie anfangen läßt, der einzige streng systematische Philosoph der Franzosen, geb. am 31. März 1596 zu Lahaye in Touraine, zeigte schon in der Jesuitenschule zu Lafleche, wo er Philologie, Mathematik und Astronomie stu- dirte, ungemeinen Scharfsinn. Nachdem er einige Zeit auf Reisen zugebracht, um seine Kenntnisse und Erfahrungen zu erweitern, trat er als Freiwilliger in das Heer, war hierauf bei der Belagerung von Larochelle und focht dann unter dem Prinzen Moritz in Holland. Aus Holland ging er nach Deutschland und trat in bair. Dienste unter General Tilly; da er jedoch als Soldat wenig Gewinn für seinen Zweck sah, nahm er 1621 seinen Abschied. Nach verschiedenen Reisen kehrte er endlich nach Holland zurück, wo er seine meisten Schriften ausarbeitete, viele Schüler an sich zog, aber auch in mehre gelehrte Streitigkeiten, besonders mit Len Theologen, verwickelt wurde. Obschon er die Unabhängigkeit liebte, so ließ ersich dennoch in seinem hohen Alter bereden, 1649 nach Stockholm zu gehen, wo die Königin Christine seinen gelehrten Umgang und Unterricht wünschte. Wenige Monate nach seiner Ankunft starb er daselbst am 11. Febr. 1650. Sechzehn Jahre später wurde sein Leichnam nach Paris gebracht und in der Kirche der heil. Genevieve-du-Mont beigesetzt. D. war nie ver- heirathet; über den Tod einer natürlichen Tochter, welche noch als Kind starb, war er untröstlich. Eine feste philosophische Überzeugung war bei D. der Zielpunkt seines Strebens auch während seines militairischen Lebens geblieben. Das Resultat seiner Forschungen stellte er besonders in den „iUeclitationes «je prima pkilosopiiis" (Amst. 1641, 4.) und „krincipia pbilosopiüse" (Amst. 1644, 4.) auf. In seinem Systeme ging er vom vorbereitenden Zweifel zur Gewißheit, die er einzig im deutlichen Denken fand, und legte den Gedanken der Un- trennbarkeit des Seins von dem Denken oder dem Bewußtsein in dem Satze: „Ich denke, also bin ich" (coAito, ergo suw) seinem Raisonnement zum Grunde. Das denkende Wesen oder die Seele, lehrte er weiter, ist von den Körpern, deren Wesen in der Ausdehnung besteht, wesentlich verschieden durch ihre Einfachheit, Jmmaterialität, woraus auch ihre Unsterblichkeit hervvrgeht, und durch die Freiheit, welche der Seele zukommt, weil sie sich frei denkt. Die Seele aber denkt nicht Alles deutlich, in Vielem ist sie dem Zweifel unterworfen, und insofern nur ein unvollkommenes, endliches Wesen. Diese eigene Unvollkommenheit führt auf die Idee eines vollkommensten Wesens, zu dessen Vollkommenheit auch das Dasein ge- hört. Er bediente sich demnach des sogenannten ontologischen Beweises für das Dasein Gottes, nur auf eine andere Weise, als sich desselben früher schon Anselm von Canter- b ury (s. d.) bedient hatte, weshalb dieser Beweis nach ihm auch der Cartesianisch e genannt wurde. Die Idee eines absolut vollkommenen Wesens, welche er für eine angeborene Idee hielt, stellte er an die Spitze seines Systems und leitete von ihr die Gültigkeit des Satzes ab, daß Das, was vollkommen klar und deutlich gedacht werde, nie Jrrthum sein könne, weil sonst das vollkommenste Wesen für einen Betrüger erklärt werden müßte. We- 174 Defcendenten Deseente gen des Gegensatzes, den er zwischen Seele und Leib annahm, behauptete er, Seele und Leib könnten sich nicht einander zur Wirksamkeit bestimmen ohne göttliche Mitwirkung, durch welches System der Assistenz einige seiner Schüler auf den Occasionalismus (s. d.) kamen. Wegen jener Bestimmung der Seele sprach er auch dieselbe den Thieren ab und hielt sie für belebte Maschinen. Ungeachtet solcher seltsamen Ansichten hat doch sein System durch den Geist des Selbstdenkens, welcher in demselben herrscht, große Wirkung in der Philosophie hervorgebracht. Es hat auf Jahrhunderte dem philosophirenden Geiste eine neue Richtung gegeben und vorzüglich in Frankreich unter den Zanscnisten und den Mitgliedern der Congregation des Oratoriums, ferner in Holland und Deutschland viele Anhänger gefunden. Als Gegner desselben aber traten Hobbes, Gassendi, Huet, Daniel u. A. auf, von den« . einige diesen Rationalismus als gefährlich verfolgten. Des D. Untersuchungen erstreckten sich aber nur auf die theoretische Philosophie, namentlich Logik und Metaphysik, welche von ihm nicht genau unterschieden wurden. Für die obersten Begriffe der leßtern erklärte er die Substantialität und Kausalität. Um die physiologische und psychologische Anthropologie hat er manche Verdienste; doch größere und dauerndere erwarb er sich um die Mathematik, , und diese sind es, denen er seinen Einfluß auf sein Zeitalter vorzugsweise verdankte. Er war , der Schöpfer der analytischen Geometrie; er erkannte zuerst die wahre Bedeutung der nega- , nven Wurzeln der Gleichungen; er fand die Anzahl der positiven und der negativen Wur- ^ zcln in den Abwechselungen der Zeichen für die Glieder jeder Gleichung; er gab eine nein § und sinnreiche Auflösung der Gleichungen des vierten Grades; er führte zuerst die Exp«- ; ncnten ein und legte dadurch den Grund zu den Rechnungen mit Potenzen; er lehrte, M « man an jeden Punkt einer geometrischen Curve, mit Ausnahme der mechanischen oder kraus ^ scendenten, Tangenten und Normalen ziehen soll, und, was vielleicht sein Hauptverdienst iß s er zeigte, wie man die Natur und die Eigenschaften jeder Curve durch eine Gleichung zwischer x zwei veränderlichen Coordinaten ausdrücken kann, wodurch er eine neue Bahn brach, die z« <, den herrlichsten Entdeckungen führte. Dieses sinnreiche und in seinen Folgen äußerst wiö Z tige Verfahren gab ihm nicht nur ein Mittel, alle algebraischen Curven nach ihren Gleichun- ^ gen in Claffen zu theilen, sondern auch dieselben Betrachtungen aufkrumme Linien von dor- t pelter Krümmung fortzusetzen, von welchen er die Projectionen derselben auf drei unter siä ri senkrechten Ebenen untersuchte. Seine „Keometrie" (1637), welche Schooten mit eine« fl trefflichen Commentar begleitete (Leyd. 1649), und seine „vioptrigue" (1639) werden ei» g immerwährendes Denkmal seines hohen Talents und des großen Verdienstes bleiben, wel- v ches er sich um die mathematischen Wissenschaften erworben hat. Weniger glücklich war« e in seinen kosmologischen Bemühungen, in welchen er, gleich Demo krit (s. d.), die Be«!- ^ gung der Himmelskörper durch Wirbel (touibillons) erklären wollte, welche in Strömu» li gen des das Weltall erfüllenden Äthers bestehen sollten, eine Theorie, die wol damals und x selbst noch lange nach Ncwton's Entdeckungen viel Aufsehen gemacht und viele Anhänger g gefunden hat, die aber schon längst der Vergessenheit übergeben worden ist. Seine machen»' I tischen und philosophischen Werke, welche in lat. Sprache abgefaßt sind, wurden zu Amster- « dam (9 Bde., 1692—1701, 4.; franz. 13 Bde., Par. 1722—29, 12.) und später vor d Cousin (11 Bde., Par. 1824—26) herausgegeben. Sein Leben beschrieben Thomas (Par. n 1761), Gaillard (Par. 1765), Mercier (Genfund Par. 1765), Tcpelius (Nürnb. 167-t), st Bayle (Amst. 1681), Baillet (Par. 1690; 2. Aufl. 1692) und Huet (Par. 1692). Unter seiner n Schülern und Anhängern sind vorzüglich zu nennen der Arzt Louis dela Forge, der Heraus- n geber seiner nachgelassenen Schriften Claude de Clerselier, gest. l 686, Pierre Sylvain Re> r gis, 1632—1707, der seine Ansichten in systematischer Form darzustellen suchte, Joh. Clau- berg, 1625—69, und die Jansenisten von Portroyal, Arnauld, Pascal (s. d.) und Nicole, n Descendenten heißen die Nachkommen einer Person, Kinder, Enkel u. s. w., gleich« b wie Ascendenten die Vorfahren, Altern, Großältern u.s.w. Die Reihenfolge der erster», a Vater, Sohn, Enkel u. s. w. nennt man die absteigende, die umgekehrte Reihenfolge der 3 letzter» die aufsteigende Linie. I Descente, d. h. Absteigung. Wenn eine Belagerung so weit vorgeschritten ist, daß fl die Brcsch- und Contrebatterien etablirt, die feindlichen Flsnkengeschütze demontirt und der p Wall durch Breschelegung geöffnet worden ist, so führt der Belagerer von der Contrescarpe Leid urch d.) hielt urch loso- iich> > der fun> enm. ckteri VW rdie l°gu atis w« >ega- Lm- neui ixpe- , M an- st ist scher iez« «ich hun dvr- rsili ine» nci» wel- ara >e«e nu» und inger em»' rster- vo« Par >7-!), einen aus- Re- ilau- icole. leichtern, eder dder »rxe Deserre Desertion 175 einen bedeckten Sappengang bis auf die Sohle des trockenen oder bis auf den Wasserspiegel des nassen Grabens, in welchem letztem Falle der Gang in einen festen Damm ausgeht, der bis zur Bresche reicht. Diese ganze Arbeit nennt man die Descente; sie ist also nichts weiter als ein künstlicher, aber sicherer Übergang über den Festungsgraben, um mit den Sturm- eolonnen zur Bresche gelangen zu können. Deserre (Hercule, Graf), franz. Staatsminister, ein durch Talente und Energie ausgezeichneter Staatsmann und Redner, geb. zu Metz 1774, stammte aus einer adeligen Familie Lothringens. Nachdem er in Folge der Revolution 1791 ausgewandert, machteer mehre Feldzüge in der Armee des Prinzen Conde mit, erhielt aber später die Erlaubniß, nach Frankreich zurückzukehren, und bildete sich hierauf zum Sachwalter. Napoleon ernannte ihn zum Generaladvocaten beim Appellhofe zu Metz, dann zum Präsidenten desAppell- hofes zu Hamburg, wo er sich durch Rechtlichkeit, Mäßigung und Thätigkeit Achtung erwarb. Er verließ Hamburg kurz vor der Einschließung im1.1813. Nach der Rückkehr der Bourbons ward er 1814 als erster Präsident des Appellhofs zu Kalmar angestellt. Während der Hundert Tage folgte er dem Könige nach Gent. Als Abgeordneter bei der Kammer im I. 1815 vom Departement des Obcrrhein gewählt, machte er sich durch die Kraft, mit welcher er die ultraroyalistische Mehrheit bekämpfte, dem Ministerium ebenso bemerkbar, als er das Vertrauen der Nation gewann. Mit Würde und Unparteilichkeit bekleidete er I8IV—18 die Stelle eines Präsidenten der Kammer; auch war er während dieser Zeit Mitglied des Staatsraths in dem Ausschüsse für die Gesetzgebung. Jm Dec. 1818 ernannte ihn der König zum Großsiegelbewahrer und Justizminister. Als solcher schloß er sich an das System von Decazes (s. d.) an; insbesondere zeichnete er sich >819 durch seine Verthei- digung der drei Gesetzvorschläge über die Presse aus, welche an die Stelle der bisherigen Cen- sur traten. Auch widcrsetzte er sich mit Nachdruck der Abänderung des Wahlgesetzes. Heftig klagte er in seiner Rede am 23. März 1819 die Parteisucht der Ultras als die Ursache an, daß die 1815 im Süden Frankreichs begangenen Verbrechen unbestraft geblieben wären. Das ungestüme Verlangen der Liberalen aber, daß alle Re'gicides zurückgerufen werden möchten, wies er am 17. Mai 1819 durch sein berühmtes Uuwais zurück. In der Folge trennte er sich von den Doctrinaires, deren Grundsätze auch die seinigen gewesen waren, und unterstützte Decazes, als dieser im Febr. 1829 das Wahlgesetz von 1817 abzuändern vorschlug. Als hierauf in dem parlamentarischen Kampfe über die drei Gesetzvorschläge des ab- gcgangenen Premierministers die Erbitterung der Parteien aus das höchste gestiegen war, vollendete er, durch die Annahme der vorgeschlagenen Abänderungen des neuen Wahlgesetz- entwurfs am 9. Juni 1820, den Sieg der gemäßigten rechten Seite und des Ministeriums. Indem er so der Haupturheber des neuen Wahlgesetzes von 1829 wurde, leistete erdenRoya- listen die größten Dienste, machte sich aber die Liberalen gänzlich zu Feinden. Der König erhob ihn in den Grafenstand und ertheilte dem Sohne desselben, da D. selbst kein Vermögen besaß, ein Majorat von 29999 Francs jährlicher Einkünfte. Als die neuen Wahlen von 1829 und 1821 eine große Zahl Ulkraroyalisten in die Deputirtenkammer brachten und sich auf diese Weise eine mächtige Opposition der rechten Seite gegen das Ministerium bildete, deren Wortführer, Corbiere und Villele, selbst in das Ministerium zu kommen strebten, wurde nach der Ministerialveränderung am 14. Dec. 1821 Peyronnet an D.'s Stelle Justizminister und Siegelbewahrer. Obgleich D. dem Gesetzentwürfe des neuen Ministeriums, welches die Jury bei Beurtheilung der Preßvergehen aufgehoben wissen wollte, entgegen war, so trat er doch in der Kammer nicht auf die Seite der Opposition. Im Mai 1822 ging er als Gesandter nach Neapel, wo er am 21. Juli 1824 starb. Desertion, d. h. Verlassung, wird in der Rechtssprache sowol von demFalle gebraucht, wenn ein Soldat (Deserteur) sein Regiment ohne Urlaub verläßt, was immer als Eid- bruch, unter gewissen Umständen, z. B. im Kriege, oder beim Übergehen zum Feinde, aber auch noch schärfer zu bestrafen ist, als wenn ein Ehegatte heimlich von dem andern entweicht. Der hierauf von dem Verlassenen anzustellende Proceß heißt derDesertionsproceß. — In dem Sinne von Vcrsäumniß braucht man den Ausdruck Desertion auch vom Versäumen am Beweise im Civilprocesse, oder auch an andern an eine gewisse Frist gebundenen proceffualischen Handlungen. 176 Deservlte» Desfontaines (Rene Lourche) Desertzitm heißen dieGebühren einesAdvocatenfürseineadvocatorischenBemühungen. Deseze (Raymond, Graf), einer der Vertheidlger Ludwig's XVI. vor den Schranken des Nationalconvents, geb. 175V zu Bordeaux, wo sein Vater Parlamentsadvocat war, widmete sich aus angestammter Neigung der Advocatur, wofür er sehr bald ungewöhnliche Talente entwickelte. Durch die Vertheidigung der Marquise d'Anglure ward er dem Minister Vergennes bekannt und durch diesen nach Paris gezogen. Sein Ruhm war schon gegründet, als ihm das schwere Geschäft übertragen wurde, die Vertheidigung Ludwig's XVI. mit zu übernehmen, da die beiden andern Bertheidiger des Königs, Malesherbes und Tron- chet, die Unmöglichkeit erkannten, dieselbe allein zu besorgen. Für die Verfertigung der eigentlichen Schutzschrift blieben ihm nur vier Nächte, da die Tageszeit zur Durchsetzung der Acten- stücke und zu den nöthigen Unterredungen mit seinen Collegen gebraucht wurde. Dessenungeachtet lieferte er in seiner Vertheidigungsrede, welche er am 26. Dec. 1792 vor den Schranken des Convents hielt, ein Meisterstück, welchem allein der Vorwurf zu machen ist, daß er darin zu sehr als bloßer Advocat sprach und sich nicht auf den höher» Standpunkt des Staatsmanns erhob. Zn der Folge wurde D. als verdächtig verhaftet, der 9. Thermidor bracht» ihn aber wieder in Freiheit. Nach der Zurückkehr derBourbons überhäufte ihn Ludwig XVIII. mit Ehrenbezeigungen; er wurde 1814 zum ersten Präsidenten des Cassationshofs uni zum Großschatzmeister der königlichen Orden, und nachdem er während der Hundert Tagt dem Hofe nach Gent gefolgt war, nach dessen Zurückkunft zum Grafen, Pair von Franl- reich und Mitglied der Akademie ernannt. Er starb zu Paris am 2. Mai 1828. Deßfontainrs (Pierre Franc. Guyot), franz. Literator, geb. zu Rouen 1685, wurk in seinem 15. Jahre in den Jesuitenorden ausgenommen und durch diesen zum Professor de Rhetorik zu Bourges befördert. Zn seinem 30. Jahre verließ er den Orden, um sich ga»j den schönen Wissenschaften zu widmen, und arbeitete dann am „äournal a viorgo ,lo la maison 6'XIbe, die Madonna aus dem Hause Tempi, die heil. Katharina von Alexandrien und die Heimsuchung der Elisabeth. Andere berühmte Kupferstiche von ihm sind die heilige Familie nach Leonardo da Vinci, die Magdalena nach Correggio, Phädra undHippolyt nach Gue'rin, Belisar nach Gstard u. s. w. D. wurde 1816 Mitglied des Instituts, 1825 erster Kupferstecher des Königs und 1828 zum Baron ernannt. In der neuern Zeit hat er wenig mehr geleistet. Despotie ist die Übertragung des Verhältnisses des Herrn zum Sklaven auf den Staat, und Despotismus findet da statt, wo nicht Gesetze, sondern Willkür und Gewalt herrschen und nicht das Beste des Volks sondern lediglich der Vorthcil des Gewalthabers die Richtschnur der Negierung ist. — Das griech. Wort Despot bedeutet übrigens einfach Herr, weshalb es unter den griech. Kaisern zum Ehrentitel und theilweise zur Bezeichnung ihrer und der türk. Vasallenfürsten wurde. Dessalines (Jvh. Jak.), unter dem Namen Jakob I. Kaiser von Haiti, war ein Neger von der Goldküste und der Sklave eines freien schwarzen Pflanzers in dem stanz. Antheile von San-Domingo (Haiti). Als mit dem 1.1700 die blutigen Unabhängigkeits- kämpfe auf der Insel begannen, trat D. wegen seiner überwiegenden Persönlichkeit, obschon er aller Bildung entbehrte, bald hervor und wurde Adjutant des Negergenerals, Jean Francois, der sich mit den Spaniern gegen die Franzosen verbündet hakte. Als Toussaint l' Ouverture (s. d.) die Sache Francois' verlassen und unter Zugeständnissen für die Schwär- zen zur stanz. Partei übergetreten war, folgte auch D. diesem talentvollsten der Neger- Häuptlinge und wurde von demselben zum Divisionsgeneral erhoben. Bei den nun folgenden grauenhaften Kämpfen der Schwarzen gegen die Farbigen besiegte D. vollständig durch strenges und thätiges Verfahren den Mulattenchef, Rigaud, und erwarb sich dadurch das Vertrauen Toussaint's, der ihm alle Aufträge gab, welche blutige Strenge erheischten. Viele Tausend Farbige wurden nun durch D., der einem blutigen Tiger glich, hi'ngcschlachtet. Als nach dem Frieden von Amiens der General Leclcrc zur Wiedereroberung der Insel erschien, erhob sich auch D. aus seinem wüsten und wollüstigen Leben und begann unter Toussaint 180 . Dessau gegen die Franzoseri einen kleinen Krieg, in welchem er Proben von Ausdauer, Kühnheit und Schnelligkeit an den Tag legte, wie sie die Geschichte kaum anderwärts kennt. Besonders merkwürdig war seine Verteidigung von Saint-Marc gegen den General Boudet, indem er bald den Ort hartnäckig vertheidigte, bald floh und auf der Flucht die Zeichen blutiger Verwüstung hinterließ. Als die Stadt nicht mehr zu halten war, zündete er dieselbe, namentlich seinen prächtigen Palast, mit eigenen Händen an, ließ von den Weißen so viele als möglich ermorden, die übrigen aber mitnehmen und nach und nach auf der Flucht morden. Nach dem Frieden, den am I. Mai 1802 Leckere durch ihn und Christoph zu Stande brachte, ward er General in franz. Diensten und erhielt das Gouvernement im Süden der Insel. Er hatte unermeßliche Schätze zusammengerafft und ergab sich nun wieder der Wollust. Äls sich nach der Entfernung Touffaint's, zu der er aus Eifersucht beigelra- gen haben soll, dessen Neffe, Belair, gegen die stanz. Tyrannei erhob, nahm er ihn gefangen und ließ die schwarzen Anhänger desselben, 300 an der Zahl, niederhaucn, wie er et früher mit den Weißen gethan. Mittlerweile war Rochambeau an des gestorbenen Lcclerc Stelle getreten und verwaltete sein Amt mit unerhörtem Frevel. Er ließ unter Anderm den geachteten und Frankreich ergebenen Negergeneral, Maurepas, zu sich laden und ermordete ihn mit seiner ganzen Familie auf martervolle Weise. D. verband sich hierauf mit Christoph und sammelte seine schwarzen Scharen; seine erste Thal war furchtbare Rache. Er lies 500 Galgen errichten und hing daran ein ganzes Corps Franzosen, das er durch eine» schnellen Marsch gefangen genommen. Hierauf belagerte er die Franzosen in der Capstadt und brachte es im Verein mit einer engl. Flotille, die die Stadt von der Seeseite cinschlos dahin, daß Rochambeau mit seinen Truppen die Insel im Nov. > 803 verlassen mußte. D„ an der Spitze der Armee, proclamirte nun die Sicherheit der Person und des Eigenthums und die Unabhängigkeit des alten H aiti (s.d.). Im Jan. 1 80-1 ernannte ihn eine von allk« Offizieren unterschriebene Erklärung zum Generalgouverneur der neuen Republik, mit dm Rechte der Gesetzgebung und der Ernennung seines Nachfolgers. Die ersten Schritte seinec Regierung, auf welche die Engländer mannichfachen Einfluß übten, verriethen Maß u»! guten Willen; besonders suchte er die Bevölkerung zu heben und ließ darum sogar die Einfuhr neuer Sklaven zu. Kaum aber waren die ersten Einrichtungen getroffen, als er dil Verfolgung der zurückgebliebenen Weißen begann. Da weder das Volk noch die Gericht! die Ermordung derselben beginnen mochten, so überfiel er mit Militairabtheilungen die Ortschaften und hieb die weißen Einwohner nieder; die dem Blutbade Entflohenen aber lockt! er unter dem Versprechen, denselben Sicherheitsbriefe zu ertheilen, auf Cap Francais und ließ sie erschießen. Gleich nach dieser Greuelthat brach er im Apr. 1804 in den span. Thcil dn Insel auf, um auch diesen, namentlich die Stadt Domingo, zu unterwerfen, was jedoch m!§- glückte. Dafür führte er einen andern langgenährten Plan nach seiner Rückkehr aus; er ließ sich am 8. Dec. 1804 auf dem Marsfelde zu Port-au-Prince als Kaiser des haitische« Reichs krönen. Zugleich ward eine neue Verfassung eingeführt, die anscheinend freisimu- war, im Grunde aber alle Gewalt in seine Hände legte. Es erschien nun eine Reche Anordnungen, welche die Organisation des Reichs in allen Zweigen bezweckten; allein sei« Despotismus und seine zügellosen Leidenschaften verdarben und verkümmerten alle Entwürfe. Eitel und verschwenderisch, umgab er sich mit einer Pracht, die das Aufkommen dcS Staats hinderte; das Heer, die Stütze seiner Macht, befand sich deshalb in unglaublicher Entblößung. Neben seiner zweiten Gemahlin, der schönsten und gebildetsten Negerin, der cs oft gelang, seine Wuth zu mäßigen, hielt er sich 20 Beischläferinnen, die aus dm Staatsschätze besoldet wurden. Dabei war seine Erscheinung auf das kostbarste und lächerlichste herausgeputzt, und ein Tanzmeister mußte ihn fortwährend begleiten, um ihn « Stunden der Muße Unterricht zu geben. Unerträglicher als sein Geiz, seine Wollust und Verschwendung drückte aber seine Grausamkeit, die nun die Schwarzen traf. Vor seine« Argwohn, der immer den Tod brachte, war im ganzen Reiche Niemand sicher; selbst die hohen Beamten und Offiziere ließ er ohne Untersuchung hinrichken. Um dem Wüthen dieses Unmenschen Einhalt zu thun, verschworen sich endlich die Großen des Heers und hiebe» ihn am 17. Oct. 1806 nieder. Dessau, dir Haupt- und Residenzstadt desHerzogthmns Anhalt-Dessau (s.Anhalt) Dessert Dessolles 18t und der Sitz der höchsten Landesbehörden, an der Mulde, die eine halbe Stunde unterhalb der Stadt sich in die Elbe ergießt, über die hier seit 1836 eine hölzerne Brücke mit steinernen Pfeilern führt, besteht aus der Altstadt, der Neustadt und dem Sande, der Vorstadt vor dem Muldenthore und der jenseit der Mulde liegenden Wasserstadt, welche durch eine Brücke mit jenen Stadttheilen in Verbindung steht. Eine sehr schöne und die regelmäßigste Straße ist die Cavalierstraße. Die vorzüglichsten Gebäude sind das sehr ansehnliche herzogliche Schloß, der Erbprinzenpalast und das Theater. Unter den Kirchen zeichnet sich die re- formirte Schloß - und Stadtkirche aus, mit der herzoglichen Gruft und Gemälden von Lucas Kranach dem Jüngern. Außerdem hat die Stadt noch eine reformirte, eine protestantische und eine katholische Kirche und eine Synagoge. Sie ist reich an wissenschaftlichen und Kunst - sowie an wohlthätigen Anstalten und Vereinen. Unter den erstem verdienen besondere Erwähnung die 1837 neuorganisirte Hauptschule, das 1779 gestiftete Schullehrerseminar, die mit einer Handelsschule verbundene jüdische Franzschule und die 1822 begründete Erziehungsanstalt für Töchter aus den höher» Ständen; die herzogliche seit 1820 öffentliche Bibliothek, die l 787 gegründete Pastoralgcsellschaft, die seit 1836 bestehende Bibelgesellschaft und der gleichzeitig gestiftete Gartcnbauverein, der seit 1838 eine „Gartenbau- zcitung" herausgibt; ferner die herzogliche Kapelle und das Theater, die Singakademie, die Liedertafel und die durch Fr. Schneider in großem Nufe stehende musikalische Lehranstalt; unter den wohlthätigen Anstalten erwähnen wir das gymnastische mit einer orthopädischen Heilanstalt in Verbindung stehende Institut, das Waisenhaus und das 1749 von dem Fürsten Leopold erbaute und Lcopoldsdank genannte Armenhaus. Die Stadt zählt gegen 12000 E-, darunter 750 Juden. Sie sind sehr gcwerbthätig, fabriciren Tuch, Strümpfe, Hüte und Taback, treiben Branntweinbrennerei und Gerberei und nicht unbedeutenden Handel, den der 1834 eingerichtete Wollmarkt wie ein sehr bedeutender Getrcidemarkt, gute Kunststraßen und die vorbeigeführte Berlin-Anhaltische Eisenbahn unterstützen. Durch schöne Häuser, Anlagen und Parks hat die Stadt ein sehr freundliches Ansehen, und selbst der Gottesacker ist in einen angenehmen Garten umgeschaffen. In der Nähe befinden sich zwei herzogliche Landhäuser, das Georgium und Luisium mit schönen Gärten, und die ganze Umgebung von D. und die Gegend, durch welche die Straße nach W örlitz (s. d.) führt, bilden gleichsam einen einzigen, großen Park. D. wurde wahrscheinlich unter Älbrecht dem Bären von den hierher einwandernden Flamländern gegründet; erst 1213 wird eS indcß urkundlich als Stadt erwähnt. Schon vor dem1.1313 bestand hier eine von der Kirche unabhängige Schule. Später erlitt D. hurch mehre Feuersbrünste beträchtlichen Schaden; im !6.Jahrh. fing es an, sich mehr zu erweitern. Jm J. 1525 wurde hier zwischen den Kurfürsten Älbrecht von Mainz, Joachim 1. von Brandenburg und dem Herzog Heinrich von Vraunschweig ein Bund zur Aufrcchthaltung der röm.-katholischen Kirche geschlossen. Im Dreißigjährigen Kriege traf Kciegsnoth mancherlei Art die Stadt; Graf Ernst von Mansfeld suchte vom 1.— II.Apr. 1626 mehrmals den Übergang über die Elbe bei D. zu erzwingen, wurde aber endlich durch Wallenstcin vollständig zurückge- schlagen. Von neuem erhob sich die Stadt unter dem Fürsten Leopold I., als Protestanten und Juden der Cultus gestattet wurde; große Berühmtheit erlangte sie am Ende des 18. Jahrh. durch das hier vonBased ° w (s. d.) gegründete Philanthropin. Am meisten geschah aber zur Verschönerung und Vergrößerung der Stadt unter dem Fürsten Leopold Friedrich Franz und unter dem gegenwärtigen Herzoge, Leopold Friedrich. Dessert oder Nachtisch heißt Alles, was, auf Gaumenkitzel und Augenweide berechnet, zum Schlüsse eines Mahls aufgctragen wird. Das Dessert besteht hauptsächlich aus Confituren aller Art, Torten und Zuckerwerk; Blumen, Vasen und Krystalle dienen dazu, den Glanz desselben zu erhöhen. In frühem Zeiten behaupteten die Italiener in Aufstellung der Desserts den Vorrang vor allen ändern Völkern; später und bis auf die neueste Zeit gebührt aber den Franzosen der Preis. Dessolles (Jean Jos. Paul Augustin, Marquis), franz. Generallieutenant, Pair und Staatsminister, geb. am 3. Oct. 1767 in einer altadeligen Familie zu Auch im Gersdepar- tement, erhielt durch seinen Onkel, den spätem Bischof von Chambe'ry, eine vortreffliche Erziehung. Im 1.1792 trat er in die Freiwilligenlcgion in den Westpyrcnäcn und wurde Ca- 182 Destillation ! pitain, Adjutant des Generals Rcynicr und Mitglied des Generalstabs. Als Adeliger ward er hierauf kurze Zeit aus der Armee verwiesen, am 2. Oct. >793 aber als Gcncralad- jutant wieder angenommen, worauf er unter Bonapartc in der ital. Armee diente. Im I. 1797 überbrachtc er die Urkunde des Vertrags von Leoben dem Direktorium. Bald darauf > zum Brigadegeneral ernannt, erhielt er das Kommando gegen die Östrcicher im Vcltlin und , schlug dieselben bei Santa-Maria am 13. Apr. 1798. Nach diesem Siege trat er als Divi- z sionsgeneral und Stabschef in die ital. Armee unter Scherer, wo er sich besonders im bluti- ' gen Treffen bei Novi, am 16. Juli, mit seinem Freunde Gouvion Saint-Cyr auszeichnete > und sich die Freundschaft Moreau's erwarb. Als Moreau im Frühjahre 18vü den Oberbefehl über die Rheinarmee erhielt, wählte er D. zym Chef seines Generalstabs, der nun besonders in der Schlacht von Hohenlinden, beim Übergänge über den Inn und bei der Einnahme von Linz einen bleibenden Kricgsruhm sich erwarb- Nach dem Frieden von Lunevillc wurde D. zum Staatsrath im Kricgsministerium ernannt, welche Stellung er jedoch ablehnte. Im Z. 1803 schickte ihn der erste Konsul, dem alle Freunde Moreau's verdächtig waren, nach Hannover, um daselbst den General Morticr als Oberbefehlshaber provisorisch zu ersetzen; allein D. ließ sich sehr bald zurückrufcn und zog sich, jede Anstellung ausschlagend, auf sein Landgut nach Auch zurück. Dennoch ernannte ihn Napoleon 1804 zum Großoffizier der Ehrenlegion, gab ihm 1805 das Gouvernement von Versailles und schickte ihn 1808 als Divisionsgcneral nach Spanien, wo er sich durch seine Menschlichkeit und Mäßigung selbst die Zuneigung der feindlichen Bevölkerung erwarb. D. hatte wiederum längere Zeit auf seinem Landgutc zugcbracht, als er 1812 als Chef des Ecncralstabs der Armee des Vicekönigs von Italien im russ. Feldzüge beigegcben wurde; doch verließ er, weil seine Ansichten über den Feldzug mit denen des Kaisers nicht stimmten, bei Smolensk das Heer und kehrte nach Paris zurück. Im März 1814 wurde er hier in Rücksicht auf seine Abneigung ? gegen den kaiserlichen Despotismus zum Oberbefehlshaber der Nationalgardc ernannt, und in der Nacht vom 5. zum 6. Apr. soll er es gewesen sein, der den Kaiser Alexander zur Ver- ^ werfung der Dynastie Napolcon's und zur Restauration der Bourbons durch Vorstellungen bestimmte. - Bald darauf wurde er zum Staatsrathe und Staatsminister, Pair, Eene- rallicutenant und Kommandanten aller franz. Nationalgardcn unter dem Grafen Artois erhoben. Während der Hundert Tage lebte er ruhig auf seinem Gute und bald nach der zweiten Restauration legte er das Kommando der Nationalgarde nieder, weil er das neue despotische Regiment, das jetzt begann, gleich dem Napolcon's verabscheute. Zn der Pairskam- rner gehörte er der Opposition und den Vcrtheidigern der Charte an. Am 28. Dcc. 1818 trat er in das von De cazes (s.d.) gebildete Ministerium als Präsident und Minister des Auswärtigen, zog sich aber mit Saint-Cyr und Louis nach zwei Monaten schon wieder zurück, weil er das Wahlgesetz vom 5. Febr. 1817 aufrecht erhalten wissen wollte. Der König hatte ihn während dieser Zeit zum Marquis erhoben. Ein abgesagter Feind der Politik des Ultraroyalismus zeigte er sich in der Pairskammer unausgesetzt als einen unbestechlichen Vertheidiger der öffentlichen Freiheit. Er starb zu Paris am 3. Nov. 1828. Destillation heißt das Verfahren, nach welchem man Flüssigkeiten mit Hülse der . Wärme in einem verschlossenen Gefäße in Dämpfe verwandelt und diese dann in einen zwei- r ten kühl gehaltenen Apparat überführt, in welchem sie sich wieder zu einer Flüssigkeit (das Destillat) verdichten. Behandelt man feste Körper auf gleiche Art und läßt sie sich wieder in fester Gestalt absctzen, so heißt dies Sublimation (s. d.). Hat man es bei der Destillation mit Flüssigkeiten zu thun, welche bei dem angewendeten Wärmegrade unzersetzt flüchtig ! sind, so ist dies die Destillation im engern Sinne, die in der Regel angewendet wird, um flüchtige Körper von nicht flüchtigen oder weniger flüchtigen, mit denen sic vermengt sind, ! zu trennen. So wird der Weingeist durch Destillation von dem weniger flüchtigen Was- ^ ser und anfangs von den Beflandtheilen der Maische befreit, so die Äthcrarten von den bei ^ ihrer Darstellung angewcndeten Säuren und Salzen, die ätherischen Öle von Harz und Farbstoffen; so wird das Zink, wie es durch Kohle aus den Erzen ausgeschmolzen worden ist, durch Destillation leicht aus diesem Gemenge abgeschieden und dabei zugleich, indem man die zuerst übergehenden Theile wegthut, von einem begleitenden flüchtigen Metalle, dem Cadmium, getrennt; kurz es wird nicht leicht einen flüchtigen Körper geben, zu dessen Rein- Destillation iS3 barstellung min sich nicht der Destillation bediente, ja selbst das Wasser wird durch Destillation von den ihm beigcmengten Salzen gereinigt (destillirtes Wasser), ein Mittel, wodurch man auch Mccrwasser trinkbar macht. Manche Körper, welche für sich erst bei ziemlich hoher Temperatur flüchtig sind, lassen sich in Verbindung mit andern Dämpfen, besonders mit Wasserdämpfcn, leichter verflüchtigen. Dieses erschwert zwar einerseits oft die scharfe Trennung gemengter Flüssigkeiten durch bloße Destillation, daher man z.B. Weingeist durch bloße Destillation nicht vollkommen entwässern kann, aber man kann diesen Umstand auch wieder benutzen, wie man denn z. B. die flüchtigen Öle der Pflanzen durch Destillation oer Pflanzenthcile mit Wasser gewinnt, indem das Öl mit den Wasserdämpfen übergeht und sich aus dem Wasser nach dem Erkalten von selbst, oder nachdem man das Wasser mit Kochsalz gesättigt hat, abscheidet. Die Destillation wird in besonders dazu bestimmte» Apparaten ausgeführt. Der erste Haupttheil dieser Apparate, in welchem die Substanzen erhitzt werden, besteht meist aus verzinntem Kupfer, wir die Destillir blasen der Branntweinbrennereien, der Apotheker u. s. w., oder aus Glas, wie die Retorten zu chemischen Zwecken, zu Darstellung von Säuren und andern das Kupfer und Zinn angreifendcn Metallen, seltener aus gebranntem Thon, wie bei Darstellung der nordhäuser Schwefelsäure, aus Platin, wie die Säurcretorten größerer Fabriken, aus Gußeisen z. B. für Zink, Quecksilber u. s. W. Dieser Thcil ist der Hauptform nach weit und bauchig und läuft entweder unmittelbar, wie die Retorten und Kolben, in einen gebogenen oder geraden Hals aus, oder ist, wie die Dcstillirbla- sen, mit einem besonders aufgesetzten Helm, der sich in einem Schnabel fortsetzt, versetzen. Die Erwärmung geschieht bei Glasrctorten über Kohlenfeucr, oder im Wasserbadc, Sandbade, Ölbade, je nach der crfoderlichen Temperatur, auf einem Ofen; kupferne Blasen werden entweder wie Kessel über einer Feuerung eingcmauert und von außen erhitzt, oder die Erhitzung geschieht durch Wasserdämpfe (Dampfdestillation). Dieser erste Haupttheil wird nun mit dem Thcile, welcher das Destillat aufnehmen soll, der sogenannten Vorlage, die entweder aus Glaskolben oder Flaschen, welche reihenweise durch Tubulaturen und Röhren verbunden werden (Woulfsche Flaschen), oder nur aus gewöhnlichen Fässern bestehen kann, entweder unmittelbar oder mittels kurzer Glasröhren, oder mittels eines sogenannten Kühlapparatt verbunden. Im erstem Falle muß die Vorlage selbst und das Vcrbindungsrohr durch kaltes Wasser, nasse Tücher, Kältemischungen u. s. w. abgckühlt werden, im zweiten geschieht die Verdichtung in dem Kühlapparate oder Refrigerator. Der älteste Refrigerator ist ein einfaches Schlangcnrohr, in einem Fasse stehend, welches stets kaltes Wasser enthält; in neuerer Zeit hat man mannichfache andere Formen ausgedacht, deren Zweck ist, eine möglichst große Oberfläche in kleinem Raume darzubieten. Da das Kühlwasser durch die Condensation der Dämpfe warm wird, so muß es immer erneuert werden, und man kann sich auch zur ersten Abkühlung solcher Flüssigkeiten bedienen, die erwärmt oder zum Thcil verdampft werden müssen. Hierauf beruhen die Vorthcile der Vorwärmer bei der Branntweinbrennerei (s. d.) und einige Abdampfapparate für Zuckerfabriken. Das Gelingen der Destillation beruht vorzüglich darauf, daß man möglichst constint die Hitze auf dem Grade erhält, welcher gerade für Verflüchtigung des beabsichtigten Products hinrcicht, daher der Vortheil der Dampfdestillation, der Destillation im Sand-und Wasserbade, und daß die Abkühlung möglichst vollständig geschehe. Ein mechanisches Über- spritzen von Flüssigkeit in die Vorlage ist häufig nur dadurch zu verhüten, daß man die Blase nur zum Thcil füllt und, was bei Glas- und Thongefäßen ohnehin nöthig ist, sehr vorsichtig erhitzt. Um endlich de» Unfällen vorzubeugen, welche durch die Spannung der Dämpfe im Innern des Apparats und umgekehrt dadurch entstehen können, daß zu Ende der Operation der innere Raum luftleer wird, bringt man sogenannte Sicherheitsröhren, bei metallenen Apparaten Ventile an. Unter trockener Destillation versteht man die Zerstörung, welche organische Producte, Knochen, Holz, Steinkohlen u. s. w., erleiden, indem man sic in verschlossenen Gefäßen, gewöhnlich eisernen Retorten, erhitzt. Allgemeine Producte dieses Processcs, der bei Erzeugung der Knochenkohle, der Holzkohle für Pulverfabriken u. s. w., des Leuchtgases Anwendung findet, sind brennbare Gase, ölige und wässerige Flüssigkeiten, z. B. Theer, Essigsäure beim Holz, Ammoniak bei Steinkohlen und animalische Substanzen sowie Kohle z. B. Knochenkohle, Coaks. Je nachdem man nun die rückständige Kohle oder 184 DestoucheS Detail die flüssigen Destillationsproducte oder die Gase benutzen will, muß der Proceß der trockenen Destillation etwas anders geleitet werden. Destouches (Philippe Nericault), franz. Lustspieldichter, geb. zu Tours am 22. Aug. 1680 und in Paris erzogen, diente in seiner Jugend als Freiwilliger im Heere, nahm aber dann seine Entlassung und wurde der Gesandtschaft in der Schweiz beigege- bcn, die der Marquis de Puisieux bekleidete. In der Schweiz fand er Muße, sein Ta- I lent dem Theater zuzuwenden. Mehre Schauspiele, die er hier schrieb, fanden großen Bei- * fall. Zugleich erwarb er sich durch seine diplomatische Gewandtheit die Gunst des Regenten, z des Herzogs von Orleans, der ihn 1717 mit dem Abbe Dubois nach England sandte, um diesen bei seinen Geck »ästen zu unterstützen. Als DuboiS nach Frankreich zurückkchrte, blieb D. an seiner Stelle in London, wo er eine geheime Ehe einging, die ihm nachher zu dem Lust- > spiele „1,8 pbilosopbe msrie" (1727) den Stoff gab. Im I. 172!) wurde er Mitglied der Akademie. Durch ausgezeichnete Geschäftsführung erwarb er sich das volle Vertrauen des Regenten und die Hoffnung auf glänzende Beförderung; doch der Tod seines Beschützers vernichtete diese Hoffnung. Im Besitz eines ansehnlichen Vermögens zog er sich auf sein Landgut bei Melun zurück, wo er sich mit Landbau und Philosophie beschäftigte und sehr Vieles für das Theater schrieb. Der Cardinal Fleury wollte ihn später als Gesandten nach Petersburg senden; D. schlug jedoch diesen Antrag aus. Er starb am 1. Juli 175-1. Sein Sohn besorgte auf Befehl Ludwig's XV eine Ausgabe der Werke des Vaters (-1 Bde., Par. 1757, 4.); eme andere Salgues (6 Bde., Par. 1811; 4 Bde., Par. 1820); eine passende Auswahl erschien 1841. Die Stücke von D. sind in einem einfachen und reinen Stile geschrieben ; rndeß verdanken sie den Beifall, den sie gefunden haben, mehr ihrem Reichthume an interessanten Situationen, als einer richtigen Charakterzeichnung. ( Destutt de Tracy (Antoine Louis Claude, Graf), franz. philosophischer Schrift- k steiler, geb. 1754, war, als die Revolution ausbrach, Oberst der Infanterie und Deputirtcr ^ bei den Gcneralstaaten für den Adel von Bourbvnnais. Er zeigte sich als Freund der libera- len Ideen, wollte die katholische Religion nicht mehr Staatsreligion genannt wissen und stimmte für die Abschaffung der Adclsprivilegicn. Als Lafayette nach dem 10. Aug. 17 02 Frankreich verließ, begleitete er denselben und theiltc auch dessen Gefangenschaft bis 1795. Während der ganzen Dauer der Herrschaft Napolcon's war D. Senator, obschon er keineswegs zu den Schmeichlern des Kaisers gehörte. Nach der Rückkehr der Bourbons wurde er 1814 zum Pair ernannt; während der Hundert Tage nahm er kein Amt an. Seit der Gründung des Nationalinstituts Mitglied desselben, behielt er auch 1816 seinen Sitz in der franz. Akademie. Er starb am 8. März 1836. Von den Franzosen wird er als einer ihrer besten Metaphysikcr geachtet, doch bekennt er sich noch zum Sensualismus (s. d.). Neben seinem Hauptwerke, den „Äöments e" (6 Bde., Par. 1801—23), ist sein „Oommentsire »ur I'esprit kies lois cle Montesquieu" (Par. 1819; deutsch Von Mörstadt, 2 Bde., Heidelb. 1820—21) zu erwähnen, der besonders in den nordamerik. Freistaaten, wo er auf mehren Universitäten als Compendium dient, in Ansehen steht. Desultörisch, eigentlich aus- und abspringend, wie ein röm. elesultor, der beim Wett- > reiten in der Rennbahn ohne Unterbrechung des Laufes von einem Pferde auf das andere ? sprang, wird theils von der ungenauen Behandlung eines Gegenstands gesagt, wobei man immer von der Hauptsache wieder abspringt, theils von Sachen selbst, die flüchtig und nur obenhin betrieben werden. So spricht man von einer desultorischenLccture, wenn Jemand ohne Plan und Ordnung allerhand Schriften durcheinander liest. Detachömellt heißt eine von dem Hauptcvrps abgesendete Truppenabtheilung. Detachiere Werke nennt man die Außenwerke einer Festung, welche in der Entfernung von - 200 und mehr Schritten jcnseit des Glacis vorgerückt liegen und zurFesthaltrmg eines wich- > tigen Punkts dienen. Sie haben die Form der Bastionen, Sternschanzen, Redouten, Fle- ^ scheu und werden jetzt häufig durch die Montalembert'schen Thürme (s. d.) vertreten. > Detail heißen die einzelnen Theilc eines größer» Ganzen, die genauer» Umstände einer Sache, daher ins Detail gehen oder detail lircn von der Erörterung kleinerer Umstände gesagt wird. Dem D e t a il ist in der Kaufmannssprache der Handel en gros entgegengesetzt, weshalb man einen Klein- oder AtKschuitthSndler Detailhändler oderDe- Determination Determinismus 185 tailleur nennt. Zn der Kunst versteht 'man darunter einzelne Partien und Theilc eines Ganzen. Ein Künstler kann z. D. die bloße Form einer Hand angeben; er detaillier aber, wenn er nachher die Gelenke, Nägel u. s. w. im Einzelnen bestimmter ausführt. Wie weit in dieser Ausführung gegangen werden dürfe, ohne die Darstellung des Ganzen zu bcein- trächtigen, ist stets ein Gegenstand des Streits gewesen. Während Diejenigen, welche von dem Begriffe der Kunstwahrheit ausgehen, hierin nicht weit genug gehen zu können meinen, wie dies z. B. der Portraitist Den ner (s. d.) in fast unübertroffener Weise that, suchen dagegen die Undulisten (von uackulatus, d. i. wellenförmig) den Mangel an Bestimmt« heit der Zeichnung und an genügender Ausführung ihrer Werke durch den Hogarth'schen Grundsatz, daß alle Schönheit auf wellenförmigen Linien beruhe, zu entschuldigen. Nicht alle alte Künstler haben das Detail vernachlässigt; im Gegcntheil zeigt sich in einigen ihrer Werke ein fleißigeres, geschmack- und kunstvolleres Talent, als in irgend einem Werke der neuern Plastik. Im Allgemeinen könnte man behaupten, der Künstler solle danach streben, die Wahrheit als schönen Schein darzustellen, und dies wird ihm vorzüglich dann gelingen, wenn er die Gegenstände so bildet, wie sic aus mäßiger Entfernung sich als Ganzes darstellen. WaS von den bildenden Künsten gilt, läßt sich auch auf die Poesie anwenden. Wer das Detail ganz vernachlässigt, wird leicht in den Fehler der Trockenheit und Kalte verfallen; wer aber allzu sehr ins Detail geht und überall dieses recht geflissentlich ausmalt, verliert sich ins Breite und wird schwerlich einen rechten Gesammteindruck Hervorbringen. — In der Kriegswissenschaft heißt cnDetailschlagendie getrennten Corps der feindlichen Armee einzeln schlagen. Determination, d. i. Bestimmung, heißt in der Logik die der Abstraktion (s. Ab' str a et) entgegengesetzte logische Operation, vermöge deren einem Ällgemcinbcgriffe bestimmende Merkmale hinzugefügt werden, wodurch man zu einem dem Inhalte nach reichern, dem Umfange nach jenem untergeordneten Begriffe gelangt. Daß ein durch ein bestimmtes Merkmal schon determinirter Begriff ohne Widerspruch nicht auch durch das entgegengesetzte Merkmal bestimmt werden kann, drückt die Logik durch den Satz des ausgeschlossenen Dritten (principimn excluri meilii inter 989 durch Kaiser Friedrich III. Wegen der Bctheiligung der Bewohner am Bauernaufstände im 1.1525 hielt nach Unterdrückung desselben der Bischof daselbst ein furchtbares Blutgcricht. Deukalron, der mythische, dem Homer und Hesiod unbekannte Vater des Hellen und der Stammvater der Hellenen, der Sohn des Prometheus, ein Enkel des Japctos und Gemahl der Pyrrha, verfertigte, als Zeus das Menschengeschlecht durch Wasser zu vertilgen beschlossen hatte, auf den Rath seines Vaters einen hölzernen Kasten, in welchem er niit seiner Gemahlin während der neuntägigcn Flut auf dein Gewässer umhergckriebcn, endlich aus dem Parnaß, als sich das Wasser verlief, landete. Hier bildete er mit der Pyrrha auf den Rath der Themis oder des Zeus Phyxios (Fluchtbefördcrcr) Menschen, sodaß er Stammvater des neuen Menschengeschlechts wurde. Auf seine Frage nämlich, wie er die Erde wieder bevölkern könne, erhielt er die Antwort, sie sollten die Gebeine ihrer Mutter hinter sich Heus ex nmclmir» Deutsch 187 werfen. Diesen dunkeln Ausspruch deuteten sic also, daß ihre Mutter die Erde, deren Gebeine aber die Steine seien. Sic thatcn demnach, wie das Orakel befohlen, und aus den von D. geworfenen Steinen wurden Männer, aus denen von Pyrrha geworfenen aber Weiber. Die Kinder, welche er mit Pyrrha zeugte, waren Helle», Amphiktyon und Protogenia. Zn Bezug auf den Ort weicht die Sage mannichfach ab. Hygin nennt den Ätna, auf dem «sich zuerst niedergelassen, Servius den Athos; doch stimmen die Meisten im Par- naß überein. Nach Pindar baute er seine erste Wohnung in Opus. Auch die Gründung des alten Heiligthums des olympischen Zeus in Athen wird ihm zugcschricbcn und daselbst sein Grabmas gezeigt. Nach der parischen Marmorchronik regierte D. zu Lykoneia 157-1 v.Chr., und die Überschwemmung fand l 5 l-1 oder 1529 v. Chr. statt. Von Einigen wird die Deu- kalionische Flut für ein und dieselbe mit dcrNoah'schcn Sündflut (s.d.)gehaltcn.— Dcu- kalion heißt ferner ein Sohn des Minos und der Pasiphae oder Kretc, einer der kalydoni- schen Jager und Argonauten, der Vater des Jdomencus; dann ein Sohn des Hercules und einer Tochter des Thcspius und endlich ein Trojaner, den Achilles tödtete. I1eiI8 6X mueli mu ist der oft gebrauchte Äusdruck für die durch plötzliches Dazwischen- treten einer Person oder eines Zufalls bewirkte und unerwartet günstige Lösung eines tragisch geschürzten Knotens im Drama. Zn der antiken Tragödie geschah es nämlich häufig, daß die Katastrophe durch einen mittels der Maschinen hcrabgelasscncn helfenden Gott zur Befriedigung der Zuschauer plötzlich gelöst wurde; dahin gehört;. B. die Erscheinung des Hercules im „Philoktet" und der Diana in der „Jphigcnia in Tauris". Zm modernen Lustspiel kann man jeden reichen Onkel, der wie aus den Wolken fällt, um den Conflict zu lösen, einen Deus ex macliina nennen. Gegenwärtig bedient man sich dieses Ausdrucks meist im lächerlichen oder tadelnden Sinne und hat ihn wol auch auf den Roman und plötzliche Ereignisse im gewöhnlichen Leben übertragen. I)vU8 killill8 ist entweder der Gott der Treue (Kries), oder der umbrisch-sabinische ki- riius 8u)-t) ist der Name einer holländ. Scheidemünze von Kupfer in der Größe eines Pfennigs. Acht Deut (vuz-t) galten einen Stüber. Deuts wurden nicht nur in Holland als Landesmünze sondern auch von den einzelnen Provinzen, z. B. Geldern, Utrecht, Seeland, Oberyssel u. s. w., ausgeprägt und von den Holländern für Ostindien und die Capstadt geschlagen. Die allgemeine Verbreitung und die Menge dieser Münzen gab Veranlassung, daß man auch Deut bildlich für eine Sache gebraucht, die wenig oder gar keinen Werth hat. Deuteronomwu, d. i. Wiederholung des Gesetzes, wird von den griech. Übersetzern das fünfte Buch Mosis genannt, weil cs eine Übersicht der gcsammtcn mosaischen Gesetzgebung, mit Ausnahme Dessen, was für die Priester allein gehört, enthält, auch die Eeschichks- crzählung der frühem Bücher zum Thcil wiederholt. Nur der Abschnitt (Cap. 31 — 33) über das Lebensende des Moses ist neu. Gegen die mosaische oder überhaupt frühe Abfassung entscheiden die mehrfachen Beziehungen auföcn Tempel zu Jerusalem, auf Königthum und Prophetenthum und Anderes. Nach den neuesten Untersuchungen von Stähclin, der in den Büchern deS Pentateuchs eine Grundschrift und eine Ergänzungsschrift nachweist, ist das Deuteronomion von dem Ergänzer der vier ersten Bücher Mosis verfaßt. Deutsch und Deutsch. Nicht allein über des Wortes Etymologie sondern auch über die Orthographie, ob man deutsch oder teutsch schreiben soll, ist bis auf die neueste Zeit hartnäckig gestritten worden.- Das Wort heißt im Althochdeutschen diutisk, im Mittelhochdeutschen tiutsch. Dic Tenuis t im Mittelhochdeutschen hat sich nun imNeuhochdeutschcn theils in die Media d abgcwandelt (wie z. B. in tach, Dach; krache, Drache; tumbe, dumm u.s.w.), theils ist sie geblieben (z.B. tac, Tag; triben, treiben u. s. w.). Demnach wäre teutsch zu schreiben ebenso richtig als dcutsch. Beachtet man dagegen den Gebrauch, so wird man sich für deutsch entscheiden; denn diese Schreibung war schon im IK.Zahrh. überwiegend und blieb cs bis auf die neueste Zeit, trotz aller Reklamationen. Auch über die Etymologie des Wortes ist man jetzt im Klaren. Nach der Untersuchung von Jak. Grimm in seiner „Grammatik" ist das Wort von dem gothischcn thiuda, vulgus, Volk, hcrzuleiten und das gothische thiudisk, althochdeutsch diutisk, mittelhochdeutsch tiutsch, neuhochdeutsch deutsch bedeutet also vulgaris, populär!?, dem Volke cigenthümlich, angehörig; deutsche 188 Deutschbrot Deutschland (Geogr. u. Statist.) Sprache heißt demnach genau genommen ursprünglich Sprache des Volks, Vulgärsprache, im Gegensätze hauptsächlich der lateinischen und romanischen. Deutschbrot oder Niemeczkybrot, d. i. Deutsch-Furth, eine königliche Stadt im czaslauer Kreise des Königreichs Böhmen, am rechten Ufer der Sazawa, welche hier die Schlapanka aufnimmt, ist ziemlich gut gebaut und hat mehre ansehnliche öffentliche Gebäude, darunter namentlich die Dechantkirche. Auch ist dieselbe im Besitze eines Gymnasiums und eines Mineralbads. Die -1000 Einwohner nähren sich namentlich mit Decken- und Tuchweberei. D. ist eine der ältesten Städte Böhmens und soll um 792 von deutschen Bergleuten gegründet worden sein, als in der Nachbarschaft die reichen Silberbcrgwerke entdeckt wurden. Bei D. wurde am l. Jan. 1422 Kaiser Sigismund von den Hussiten unter Ziska geschlagen und 1469 König Matthias Corvinus von Ungarn durch die Böhmen eingeschlossen. Deutschland, ein fruchtbarer, alle Klimate der gemäßigten Zone in sich einschlicßcn- der Länderstrich im Herzen Europas, grenzt im Osten an Westpreußen, Posen, das russ. Polen, den poln. Freistaat Krakau, Galizien und Ungarn, im Süden an das Adriatische Meer und Oberitalien (Lombardei), im Westen an die Schweiz, Frankreich, Belgien, Holland und im Norden an die Nordsee, Schleswig und die Ostsee. Es liegt vom 22° 30^ — 36° 40^ östl. L. und zwischen 14° — 55° nördl. B. Seine größte Länge von Norde» nach Süden beträgt l 50, die größte Breite von Westen nach Osten l 30 Meilen. Der geognostischcn Beschaffenheit nach zerfälltD. in Nord-, Mittel- und Süddeutschland oder in Nieder-, Mittel- und Oberdeutschland. Zu Nord- oder Niederdeutschland, welches die Gestalt eines gleichschenkligen Dreiecks hat, gehören Preußen, Holstein, Hannover, Braunschweig, Oldenburg, die lippeschen Fürsienthümer und die drei freien Städte Hamburg, Lübeck und Bremen. Diese Länder bilden eine große Ebene, sandig und moorig, die nur allmälig in südlicher Richtung ansieigt und deren höchste Hügel, mit Ausnahme des Harzgebirgs mit dem 3500F. hohen Brocken, kaum über 500 F. sich erheben. Mitteldeutschland umfaßt Luxemburg, Hessen, Sachsen, Nassau, Anhalt, Schwarzburg, Reuß, Waldcck und die freie Reichsstadt Frankfurt am Main und ist im Süden vom Jura, im Osten durch einen Zweig der Karpaten begrenzt. Im Innern ziehen sich zwei Gebirgszüge von Osten nach Westen. Der eine ist von geringer Breite und dacht sich schnell ab; er geht vom Harz aus, umfaßt das Wesergebirge, das Siebengcbirge, den Westerwald und die Eifel und verliert sich in den Nic- rungen Norddeutschlands; der andere beginnt mit dcmRieseNgcbirgc in Schlesien, findet seine Fortsetzung im Erzgebirge in Sachsen, derst Fichtelgebirge in Baiern und dem Thüringerwald und endigt im Rhön-, Spessart-, Taunus- und Vogelsgebirge und über dem Rhein in dem Hundsrück. Diese Höhcnzüge stehen einerseits durch den Hundsrück mit den Vogesen, andererseits durch den Schwarzwald und Böhmerwald mit den Alpen, endlich durch die Sudeten und Mährischen Gebirge mit den Karpaten in Verbindung. Süd- over Oberdeutschland begreift die Länder zwischen den Alpen und dem mitteldeutschen Gebirge, Ostreich, Baiern, Würtemberg, Baden, Hohenzollern und Liechtenstein. Hier sind die Nhä- tischen, die Tiroler, Salzburger und Steierschcn, ferner die Kärntner und Krainer Alpen (s. d.), mit Höhenspitzen von 6—14000 F. und Gletschern, die sich bis über 3000 F. herab erstrecken. Von den 500 Flüssen D.s, unter ihnen 60 schiffbare, .sind die bedeutendsten die Donau, der Rhein, die Elbe, die Weser und die Oder, welche sämmtlich, mit Ausnahme der Donau, die in das Schwarze Meer fließt, in die Nord- oder Ostsee münden. Zum Flußgebiete der Donau, welche auf dem Schwarzwalde entspringt und von Westen nach Osten fließt, gehören die Iller, der Lech, die Altmühl, die Nab, der Regen, die Isar, der Inn, die Enns und March; zum Gebiete des Rhein, welcher auf dem St.-Gotthard entspringt, die Elz, Kinzig, Murg, Pfinz, der Neckar mit den Scitenflüffen Jaxt und Kocher, der Main mit der Rednitz und Nidda, die Nahe, Lahn, Mosel, Wipper, Ruhr und Lippe; zum Gebiete der Elbe, welche auf demRiesengcbirge entspringt, die Moldau, Eger, Mulde, Saale, Havel mit der Spree; zum Gebiete der Weser, nach der Vereinigung der Werra und Fulda bei Münden so genannt, gehören die Aller mit der Leine und Ocker, die Wüm- mer und Hunte; zum Gebiete der Oder, welche auf den mährischen Sudeten entspringt, die schlesische Neiße, die Katzbach, der Bober, die lausitzer Neiße, die Wartha mit der Netze. Von den Küstenflüffen sind wichtig die Eider, der Grenzfluß D.s gegen Schleswig, die Ems, die 189 Deutschland (Geogr. u. Statist.) Jahde, welche in die Nordsee, die Trave, Warnow, Persante, Wipper und Stolpe, deren Mündungen in die Ostsee gehen. Die Etsch, in Tirol entspringmd, und die Weichsel, welche ebenfalls ihre Quellen in D. hat, verlassen das Land nach kurzem Laufe. Unter den wenigen Kanälen, die Deutschland hat, sind zu erwähnen der schleswig-holsteinsche Kanal, welcher die Eider mit der Ostsee, der Mühlroser Kanal, der die Spree mit der Oder verbindet, der Finowkanal zwischen der Havel und Oder und der Große Kanal an der Havel; im Süden D. s der Wiener Kanal und der Ludwigskanal. Seen finden sich vorzüglich in Süd- und Norddeutschland; die vorzüglichsten im Süden find der Boden-, Chiem-, Würm-(Starnberger), Ammer-, Feder-, Atter- und Traunsee; im Norden das Steinhudermcer, der Dümmersee, ferner der Schweriner-, Ratzeburgcr-, Malchower-, Ruppiner-, Plauersee u. a. Auch Böhmen und Schlesien haben kleine Seen. Meerbusen bilden die Mündungen der Elbe, Weser, der Ems und der Trave; in Süddeutschland das Adriatische Meer bei Triest und Quarnero. In dem Stettiner Haff, einem Meerbusen, den die Mündung der Oder bildet, liegen die beiden Inseln Usedom und Wollin; etwas nördlicher davon die Insel Rügen, merkwürdig durch ihre Kreidefelsen. Die ostsriefischcn und oldenburgischen Inseln in der Nordsee'sind unbedeutend. Das Klima in D. ist gemäßigt und mit wenig Ausnahmen gesund. Im Norden, besonders an den Küsten, ist dasselbe feucht undunbeständig, in den Gebirgsgegenden zum Theil rauh und kalt, im Süden dagegen mild und trocken. Tirol erzeugt schon Südfrüchte und hat ital. Luft, doch gedeihen im Norden noch alle curop. Obstarten. Der Produkte nr ei ch- thum ist groß und mannichfaltig. Treffliche Pferde finden sich in Mecklenburg und Holstein, großes, nutzbares, kräftiges Rindvieh in den Marschländern der Ostsee, besonders in Ostftiesland, und in der Schweiz, veredelte Schafe, besonders in Mitteldeutschland, nament- lich in Sachsen und Schlesien, Schweine, besonders in Westfalen, der preuß. Provinz Sachsen und in Baiern. Von Wildpret finden sich Edel- und Damhirsche (letztere in Holstein), Rehe, Gemsen, wilde Schweine und Hasen, von Raubthieren der Wolf hier und da in der preuß. Rheinprovinz, der Luchs im Böhmcrwalde und der Bär hin und wieder in den Alpen. An der nördlichen Seeküste lebt der Seehund, die Fischotter in fast allen Theilen D.s. Von Federvieh finden sich Reb-, Birk- und Auerhühner, auch, wiewol seltener, Schnee-, Haselhühner und Trappen; Fasanen vorzüglich in Böhmen und Geier und Adler besonders in den Alpen. Die Gänse- und Bienenzucht ist in Norddeutschland, der Lerchenfang in Sachsen, der Vogelfang auf dem Thüringerwalde sehr bedeutend. Die Flüsse sind reich an Fischen mancherlei Art (Rhein- und Elblachs und Lüneburger Bricken), die Nordseeküsten an Au- stern. Von Pflanzenproducten gedeihen vorzüglich Getreide, Wein, Gartengemüse, Obst, Flachs, Hanf, Raps- und Rübsamcn, Hopfen, Taback, Kümmel, Anis, Fenchel. Große Kiefer- und Fichtenwaldungen gibt es im Norden, Eichenwälder in der Mitte, Laubholz und edlere Nadelhölzer, wie Lärchentanne, Zirbelnußkiefer und Weißtanne im Süden D.s. Ebenso ergiebig ist das Mineralreich an Porzellanerde, Kobalt, Schwefel, Bernstein, Braunstein, Kalk, Marmor, Gyps, Alabaster, Schiefer, Steinkohlen, Torf, Salz; ferner an Quecksilber, Zink, Kupfer, Zinn, Silber und vorzüglich an Eisen und Blei. An Mineralquellen zählt es gegen lVOO. Die Gesammtzahl der Einwohner D.s schätzt man auf 38 Mill., die auf 11600 lüM. wohnen. Von ihnen sind 30 Mill. deutscher und 6 Mill. slawischer Abkunft; zu den letzter» gehören die Czechen oder Böhmen, die Kassubcn in Pommern, die Wenden in der Lausitz und die Slowaken und Kroaten. Außerdem wohnen in D. zerstreut etwa Svovoo Juden, in Jllyrien und Tirol 250000 Italiener, im Westen des Rhein und sonst zerstreut eine halbe Mill. Franzosen und Wallonen, in Ostreich 6000 Griechen und Armenier und außerdem eine kleine Anzahl nomadisirender Zigeuner. Abgesehen von den Juden bekennen sich gegen 21 Mill. zur katholischen, 16 Mill. zur protestantischen Kirche; außerdem gibt es noch etwa 10000 Herrnhuter und einige Tausend Mennoniten, Wiedertäufer und Mitglieder anderer christlichen Sekten. Die Hauptnahrungszweige sind Landwirthschast, Bergbau, Fabriken, Han- del und Gewerbe. Die Landwirthschast ist von großer Bedeutung und hateinen so hohe« Grad der Vollkommenheit erreicht, daß der Ackerbau vielleicht nur dem englischen, die Viehzucht nur der in der Schweiz nachstehen dürfte. Hinsichtlich des Bergbaus übrrtteffen dir ^ »- . , ^Il Mi»-'- - vl?«/- IW Deutschland (Geogr. u. Statist.) Deutschen alle andern Nationen, und hinsichtlich der Fabriken kommen sie den Franzosen - und Engländern, wenn auch nicht in Großartigkeit der Unternehmungen, doch in Trefflich- ! keit und Solidität der Waaren gleich. (S. Deutsche Manufactur- und Fabrikindustrie.) Zn Leinwand- und Damastwebereien zeichnen sich Schlesien und die Lausitz, in Tuchfabriken Sachsen, Böhmen, Mähren und Preußen, besonders Rheinländer, in Spitzen- und Blondenarbeiten Neufchatel und das Erzgebirge vortheilhaft aus. Ferner liefern Preußen und Sachsen Baumwoll- und Seidenwaaren in vorzüglicher Güte, und elberfclder Seidenstoffe und erzgebirgische Kattune wandern jährlich in großer Anzahl nach Amerika und nach dem Orient. In der Verfertigung von Uhren zeichnet sich Neuf- chatcl aus, in Galanterie-, Tischlerwaaren und Flügeln Wien, in Eisen- und Stahlwaa- ren Steiermark, Tirol, Böhmen, die Harzgegend, Westfalen und die Rheinprovinz, in ! Glaswaaren aller Art Böhmen. Messing verarbeitet man in vorzüglicher Güte am Niederrhein, und Gold und Silber zu Schmuck- und Luxusartikeln in Wien, Augsburg, Berlin, Dresden, Prag und Pforzheim. Das sächs. Porzellan übertrifft noch jetzt alle Porzellane anderer Länder an innerm Gehalt, und das berliner steht in Hinsicht der Malerei selbst dem besten französischen nicht nach. Das sächs. Erzgebirge liefert aus'den zöb- litzer Brüchen die besten Serpentinwaaren und versieht einen großen Theil Europas mit Apothekergeschirren aus diesem Steine. Die besten Schmelztiegel fertigt man in Passau und Großalmerode; Holzschmtzwerk und Spielsachen werden zu Nürnberg, in Tirol, dem sächs. Erzgebirgen»!» Voigtlande gefertigt. Der Deutsch e Handel (s. d.), durch die Tätigkeit der Einwohner und den Reichthum an Naturerzeugniffen, namentlich seit Gründung des Zollvereins zu einem lebhaften Verkehre gesteigert, wird imZnlande noch besonders durch schiffbare Flüsse, gute, zahlreiche Straßen, treffliche Postverbindung, Eisenbahnen, Messen, Handelsgesellschaften und Assccuranzen gefördert. Er erstreckt sich selbst bis über das Meer, > erleidet jedoch hier durch Mangel an einer Flotte, an guten Häfen und überseeischen Colo- nien mancherlei Hemmungen. Die wichtigsten.Seehandelsstädte D.s sind Hamburg und Triest, nächstdem Bremen, Lübeck, Altona, Emden, Kiel, Stettin, Stralsund, Rostock und Wismar. Jndirccten See- und wichtigen Landhandel treiben besonders Leipzig, Köln, Magdeburg, Berlin, Wien, Elberfeld, Frankfurt am Main, Frankfurt an der Oder, Breslau, Prag, Augsburg, Botzen, Laibach u. s. w. Die wichtigsten Ausfuhrartikel sind Getreide, Holz, Wolle, Leinwand, Eiscnwaaren, Blei, Zink, Quecksilber, Glas, Salz, Wvll- und Baumwollenwaaren, Rinder und Pferde. In Wissenschaft und Kunst stehen hie Deutschen auf einer hohen Stufe und brauchen eine Vergleichung mit andern gebildeten Nationen nicht zu scheuen. (S. Deutsche Literatur und W issenschaft und Deutsche Kunst.) Mit Fleiß und glücklichem Erfolg haben sie besonders die gelehrten Studien und die speculative Philosophie angebaut. Um die Förderung der theologischen Wissenschaften, des röm. Rechts, der altclassischen Philologie und der gelehrten Medicin haben sie bedeutende, selbst im Auslande anerkannte Verdienste. Es ist ein Charakterzüg der Deutschen, alle irgendwie bedeutenden Productionen fremder Nationen alsbald in die Heimat zu verpflanzen. Größer als in irgend einem andern Lande ist in D. die Zahl der Bildungsanstalten aller Art; 23 Universitäten, an 400 Gymnasien t und Lyceen, zahlreiche Schullehrersemmarien, eine Menge Handels-, Real- und höhere Bürgerschulen, viele Akademien, unzählige gelehrte Gesellschaften und Künstlervereine, eine große Anzahl Bibliotheken dienen dazu, die Leistungen der Kunst und Wissenschaft, nicht wie in Frankreich und England blos in die Hauptstädte sondern bis in die kleinsten Orte und entferntesten Theile des Landes zu verbreiten. Zu Gunsten dieser universellen Bildung, die das deutsche Volk vor allen andern Staaten auszeichnet, wirkt auch der bis lief ins unterste Volksleben eingreifende, zu einem früher nie erreichten Grade gesteigerte Schulunterricht in den Städten und zum Theil selbst auf dem Lande. Die Gemäldesammlungen in Dresden, Wien, München, Berlin, Kassel u. s. w., sowie die Bibliotheken zu ^ München, Wien, Berlin, Dresden, Leipzig, Stuttgart, Göttingen, Hamburg, Wolfenbüttel, Prag, Weimar, Gotha, Darmstadt, Kassel, Frankfurt, Breslau zählen zum Theil mit unter den ersten und ausgezeichnetsten in Europa. Außerdem gibt esin Dresden, Wien, München und Berlin Antikensämmlungenz in Wien, Berlin, Prag, München, Breslau, Deutschland (Terrttorialverhältnisse) 191 Leipzig, Lilienthai bei Göttingcn und auf dem Seeberg bei Gotha Sternwarten; in Wien, Berlin, Göttingcn, München, Hamburg, Neuwied Naturaliensammlunge». Für den Bergbau ist durch die Bergakademie zu Freibcrg, für die Forstwissenschaft durch die Akademien zu Tharand, Drcißigacker, Mariabrunn, Eisenach u. s. w., für rationelle Landwirthschaft durch die Institute zu Mögelin in der Mark, zu Eldena bei Greifswald, zu Schleishcim in Baiern, zu Hohenheim in Würtcmberg, zu Tharand in Sachsen, zu Rügcnwalde in Hinterpommern u. s. w. gesorgt. Auch in der deutschen schönen Literatur zeigt sich fortdauernd auf allen Gebieten, selbst dem der politischen Literatur, ein reges, geistiges Leben, das im Entwickelungsproccsse begriffen, von den herrlichen Kräften, die sich hier bethätigen, mit der Zeit einen bedeutenden Aufschwung erwarten läßt. Erfreulich ist es, daß die deutsche Literatur, nicht blos die wissenschaftliche, seit lange bereits auch im Auslande, England, Frankreich, selbst in Italien so lebhafte Theilnahme und gerechte Anerkennung findet. (S. Deutsche Literatur im Aus lande.) Was endlich die politische Eintheilung D.s anbetrifft, so war diese in verschiedenen Zeiten sehr verschieden. Die alte ethnographisch-geographische Eintheilung D.s in kleine, meist von natürlichen Grenzen cingeschlossenc und bald nach einem Flusse, einem Berge, nach der Beschaffenheit des Bodens, bald nach der daselbst angesessenen Völkerschaft oder nach einem verdienten Manne benannte, Districte, welche G a u e (psgi) hießen, bildete die Grundlage der unter den mcrovingischen und karolingischen Königen der Franken bewerkstelligten, politischen Eintheilung des Landes. Es setzten nämlich dieselben, als sie die im innern D. wohnenden gcrman. Völkerschaften unter ihre Botmäßigkeit brachten, über jene Vorgefundenen volks- thümlichen Bezirke Beamtete, welche in ihren Namen Recht zu sprechen, für Eintreibung ihrer Einkünfte Sorge zu tragen, die Heerbannspflichtigen in den Krieg zu führen und die Angelegenheiten der Gaugemeinde in herkömmlicher Weise zu besorgen hatten, und solche Beamtete nannte man Grafen und ihren Amtsbezirk Grafschaft. Es waren aber jene Gaue sowol ihrem Umfange als ihrer Einwohnerzahl nach sehr verschieden, je nach der großem oder geringer» Ertragsfähigkeit des Bodens und nach der jedesmaligen Größe des auf demselben angesiedeltcn Volksstamms, daher auch Gau und Grafschaft nicht immer zusammentrafen, sondern zuweilen entweder mehre kleinere Gaue Einem Grafen untergeben, oder ein größerer, der dann gewöhnlich mehre Untergaue hatte, in mehre Grafschaften getheilt war. Bei topographischen Angaben pflegte man nun dem Namen des Gaues, in welchem ein Ort lag, auch den Namen des Grafen beizufügen, zu dessen Amtsbezirke derselbe gehörte. Hand in Hand mit dieser politischen Organisation des Landes ging die kirchliche, welche, da sie erstere beiwcitem überdauert hat und deshalb uns vollständiger bekannt geworden ist, das sicherste Mittel abgibt, zur Kenntnis jener zu gelangen. Aufdiesem Wege haben, seit Milte des vorigen Zahrh., nach dem Vorgänge des göttweicher Abts Befiel in dem „6broi,,c»n ß«ttvvicei>8e" mehre Gelehrte den Um-sang der Gau-und Grafensprengel einzelner Landschaften aus den alten Diöcesangrcnzen genauer nachzuweisen und geographisch darzustellcn gesucht, wie Schöpflin für den Elsaß, Kremer für Nheinfranken, Wenck für Hessen, Eensler und Schultes für das Grabfeld, Dümbcck für Alemannien und Schwaben, Lang für Baiern, Leutsch für Thüringen und die Ostmark, Wersebe für Niedersachsen und Thüringen, Ledebur für Westfalen. Eine andere ckllgemeincre, politische Eintheilung D.s inHerzogthü- m er entstand, als bei Ausgang der Völkerwanderung die vielen kleinen german. Volksstämme sich in mehre große Völkerhausen, wie Franken, Sachsen, Friesen, Thüringer, Baiern und Alemannen mit Schwaben scharten und je einen Häuptling oder Herzog an ihre Spitze stellten. Diese Volksherzogthümer wurden zwar durch die fränk. Könige vernichtet, doch ward damit die Sonderung der einzelnen Völkermaffen nicht ausgehoben, vielmehr schloffen sich an diese die durch Karl den Großen eingerichteten größer» Verwaltungs- oder sogenannten Sendbezirke an, deren Oberaufsicht einem weltlichen (Sendgraf) und einem geistlichen Herrn anvcrkraut war, und auch außerdem blieben die Sachsen oder das ganze nördliche Deutschland, hinsichtlich ihres Rechts von den übrigen Deutschen, welche fränk. Recht hatten, gesondert. Mit denMetropolitansprengeln konnten jene Scndbezirke nicht Zusammentreffen, weil Mainz durch Bonifacius sich zur Mutterkirche über das ganze Austra- sien, f» weit es damals im Osten reichte, erhob, und auch in der Folge den alten Niederer; -fi 192 Deutschland (Territorralversiältmsse) standenen Metropolen Bisanz, der nun die Kirchen von Lausanne und Basel, und Trier, der die Kirchen von Metz, Toul und Verdun übergeben waren, die Bisthümer Konstanz und Strasburg nicht zurückgab, dagegen aber genöthigt wurde, der zu neuer Selbständig, keit gelangten ripuarischen Kirche Köln, der Utrecht und Lüttich zugehörten, die zu Ende des 8. Jahrh. errichteten sächs. Bisthümer Münster, Osnabrück, Minden und Bremen, welches letztere jedoch bald sich als Metropole für Ratzeburg, Schwerin und Lübeck erhob, zu überlassen und auch zu dulden, daß für die bair. Bisthümer Regensburg, Passau, Freisingen und Brixen ein eigener Metropolit zu Salzburg installirt ward. So erstreckte sich denn das Mainzer Erzbisthum seit Anfang des S. Jahrh. über ganz Alemgnnien (Strasburg, Konstanz, Augsburg, Neuburg, sowie auch Chur), Ostsranken lSpeier, Worms, Würzburg, Eichstädt, während jedoch Bamberg unmittelbar unter dem p.äpstlichcn Stuhle stand).' und das südliche Sachsen (Paderborn, Hildesheim, Halberstadt, Verden) nebst den dazu gehört- gen zinsbaren slawischen Grcnzländern. Was aber die letztern betrifft, so wurden für dieselben in der Folge, bei fortschreitender Germanisirung, eigene Metropolen zu Magdeburg, wozu Meißen, Merseburg, Naumburg-Zeitz, Brandenburg und Havelberg gehörte», Prag und Ol- mütz errichtet. Auch die Eintheilung in Gaue ward hier, jedoch auf Grund der denselben entsprechenden flämischen Zupanien, nachgebildet, und eine Anzahl solcher Bezirke zusammengenommen unter die Aufsicht von Markgrafen gestellt. Diese, auch Iliioos genannt, gelangten bald, wegen ihrer ausgebreiteten Wirksamkeit, zu hohem Ansehen, sodaß sic unter den letzten Karolingern im Stande waren, in den Grenzprovinzen Sachsen, Thüringen, Baiern und Kärnten, wie dies auch in Ostfranken und Alemannien durch die Sendgrafen und in Lothringen durch königliche Machtvollkommenheit geschah, die alten Herzogthümer zu erneuern. Vergebens suchten die Ottvnen die auf solche Weise gefährdete Einheit des Reichs dadurch zu sichern, daß sie die Herzogthümer an Glieder ihrer Familie verliehen; vergebens war auch. König Heinrich lll. bemüht, dieselben mit seiner Krone zu vereinigen; vielmehr gelang cS ihrenJn- habern während der stürmischen Negierung Heinrich'S IV. die Erblichkeit ihres Amtes fesizu- stellcn. In dieselbe Periode fällt auch die Einführung der Erblichkeit der Grafschaften, welche die vorzüglichste Ursache zum Verfall der Gaueintheilung wurde. Durch die Erblichkeit nämlich mußte cs, zumal unter einem schwachen Regenten, bald bei den Reichsbeamteten Gewohnheit werden, Das, was sie bisher nur im Namen des Königs verwaltet hatten, als Eigenthum anzusehen, weshalb dann viele Begüterte sich der Gerichtsbarkeit derselben zu entziehen und unter die unmittelbare Obhut des Reichsoberhaupts zu begeben suchten, während andere Freie sich unter den Schuh der Städte oder der geistlichen und weltlichen Herren stellten. Zudem waren viele Städte schon aus dem Gauverbande gelöst, besonders aber war es der Geistlichkeit frühzeitig gelungen, ihre großen Güter, ja ganze Grafschaften, welche sie der Freigebigkeit der Fürsten und Könige verdankte, von der weltlichen Gerichtsbarkeit zu befreien, und so hörten die Gaue auf, eine politische Eintheilung zu bilden. Neue Namen wurden für die Unterabtheilungen der neugebildeten Territorialherrschaften erfunden, und die Grafen nannten sich gleich den Dynasten und Andern von Adel nach ihren Hauptschlössern oder sonstigen Allodialbesitzungen. Dies zeigt sich zuerst im II. Jahrh. in Niederlothringen; seit Mitte des 12. aber kamen auch inrübrigen D. die Gaue in Vergessenheit; ja selbst die wenigen Districte, welche noch die Kaiser aus dem allgemeinen Schiffbruch gerettet und unter die Aufsicht neuer Reichsbeamteter, der Landgrafen und Landvögte, gestellt hatten, z. B. Hessen, die Wetterau, Elsaß u. s. w., wurden nicht mehr psgi, sondern provinciae genannt und mit der Zeit ebenfalls in Territorialherrschasten umgestaltet. Die größten weltlichen Territorialherrschaften bildeten diejenigen Geschlechter, welche, wie die herzoglichen, pfalzgräflichen und markgräflichen, zur Zeit des Verfalls der Gauverfassung den größten Amtsbezirk und innerhalb desselben nicht nur viele Allodial- und Besoldungsgüter besaßen, sondern auch mehre Grafschaften unter ihrer Aufsicht hatten, wie die Brabanter in Niederlothringen, die Etichonen in Oberlvthringen, die Zähringer in Alemannien und Kleinburgund, die von Meran in Baiern und Franken, die Octenburger in Kärnten, die Babenberge in Ostreich, die Wettiner in den Ostmarken, die Salier in Thüringen und Hessen, die Askanier in der Nordmark, die Welsen in Baiern, Schwaben und Deutschland (Territorialbilbung) 193 Sachsen und die Hohenstaufen in Alcmannien, Franken und Burgund. Der Kampf dieser beiden letzter« mächtigsten Geschlechter bewirkte die Auflösung zweier Herzogthümer, von denen das eine, Sachsen, in das welsische Allodialbcsitzthum, das an Kurköln ertheilte sogenannte Herzogthum Westfalen und eine Menge kleiner Stücke zerfallend, nur dem Namen nach an einen Manischen Theilfürsten verliehen wurde, das andere, Baiern, aber in ziemlicher Vollständigkeit in Besitz des Hauses Wittelsbach kam. Mit dem Untergang desHo- henstaufischen Geschlechts wurden dann auch die beiden andern bedeutendsten Herzogthümer, Schwaben und Franken, zerstückelt, und so erscheint D. in der Mitte des 13. Jahrh. i» nne unzählige Menge kleinerer oder größerer Territorien getheilt, deren geistliche oder weltliche Besitzer kurz zuvor durch die Privilegien Kaiser Friedrich's ll. vom Z. 1220 und 1232 den Grund zu ihrer Landeshoheit gelegt sahen, und in dem bald darauf cintretenden Zwischenreich die erwünschte Gelegenheit fanden, dieselbe noch weiter auszubilden. Wenn nun seit jener Zeit eine große Zahl dieser Territorien durch Erlöschen vieler Geschlechter, namentlich auch der meisten der obgenannten mächtigen Fürstenhäuser, mittels Lehnsconsolidatio- nen, Anwartschaften, Vermählungen, Erbverbrüderungen u. s. w. mit andern verbunden, und somit einerseits die persönliche Anzahl der weltlichen Reichsstände merklich verringert, andererseits aber auch der Umfang einzelner Territorien beträchtlich erweitert wurde, einige Geschlechter auch, wie die Habsburger, Wittelsbacher und Luxemburger, aus denen deutsche Könige hcrvorgingen, im Stande waren, ihre Hausmacht ganz besonders zu stärken, so konnte doch, so lange nicht die Untheilbarkeit der Territorien und die Primogenitur, deren Mangel nur einigermaßen durch den Eintritt vieler Familiengliedcr in den geistlichen Stand ersetzt ward, eingeführt, ja selbst noch Todtheilungen nicht selten waren, keine dauernde, überwiegende Tcrritorialmacht sich gestalten, und oft waren die fürstlichen Theil- erben eines bedeutenden Ländervereins minder mächtig als Grafen, welche zufällig in den Alleinbesitz ihrer Hausgüter gekommen. Als aber durch die Goldene Bulle Karl's I V. die Erbfolge nach dem Rechte der Erstgeburt in denjenigen Gebieten, auf welchen die Kurwürde haftete, festgesetzt war, fingen allmälig auch einzelne Häuser an, und zwar geschah dies zuerst 1373 in der Mark Brandenburg, diesesBeispiel in ihren Stammbcsitzungen nachzuahmen, wogegen dann die kleinern Reichsstände durch Zusammentreten in Corporationen ein Gegengewicht gegen die Übermacht Jener zu bilden suchten. Indessen beharrten noch mehre Jahrhunderte lang manche Fürstenhäuser hartnäckig bei dem herkömmlichenErbtheilungsgrundsatz, in derMeinung, ihren Glanz dadurch zu erhöhen, daß sie durch möglichst viele regierende und stimmfähige Glieder repräsentier würden, und waren durch solche Schwächung ihrerTerritorialmacht außerStande, die günstigen Umstände zu benutzen, durch welche im Laufe der letzten drei Jahrh. andere, ungetheilte Häuser durch Säkularisation geistlicher Güter, Mediatisationen, nachdrückliche- Handeln bei Successionsstreitigkeiten, wie überhaupt bei jeglicher zur Vergrößerung gebotenen Gelegenheit, zu ihrer jetzigen Höhe sich emporschwangen. Die solchergestalt herbeigeführte politische Zerrissenheit D.s hätte vielleicht durch die Kreisverfassung einen neuen Halt gewinnen können, wäre nicht in den Territorialstaaten der Keim zu ihrer künftigen Unabhängigkeit, wie in dem Reiche der zu seiner völligen Auflösung bereits so weit entwickelt gewesen, daß dieselbe nie zu der hohen Bedeutung gelangen konnte, welche ihrem Urheber vorgeschwebt haben mag. König Albrecht II. beabsichtigte nämlich schon, angeblich zur Abschaffung des Faustrechts und zur Begründung einer tüchtigen Gerichtsverfassung, D., das man sich damals aus vier Theilen bestehend, jedoch ohne Rücksicht auf die ursprünglich in den Volksherzogthümern rcpräsentirten Nationalverschiedenheiten, oder auf den Unterschied der Länder sächs. und fränk. Rechts dachte, eine naturgemäßere Eintheilung zu geben, und es kamen, da er an der Ausführung durch den Tod verhindert ward, unter seinem Nachfolger mehre Entwürfe hierzu in Vorschlag; doch gelang es erst dem Kaiser Maximilian l. im I. l Stin, behufs der Handhabung des Landfriedens und der Vollstreckung reichskammergerichtlicher Erkenntnisse, einen Ausschuß von Reichsständen (Reichsregiment) zu errichten, der unter dem Vorsitze des Kaisers oder seines Statthalters aus 13 speciell bestimmten Ständen, namentlich sämmtlichen Kurfürsten, und aus sechs Abgeordneten bestehen sollte, die von den Reichsständen nach sechs zu dem Ende angeordneten Kreisen gewählt Eon».-Sex. Neunte Ausl. IV. 13 194 Deutschland (Geschichte) werden sollten. Dadurch entstanden die sechs sogenannten alten Kreise, der bairische« schwäbische, fränkische, rheinische (nachher oberrheinische), westfälische und sächsische (nachher nicdersächsische), welche alle damals aus eine wirksame Weise im Ncichsvcrbande begriffenen Stände, daher weder Böhmen, Savoyen, die Sckweiz noch Preußen, Liefland u. s. w. um- faßten, mit Ausnahme der Länder des Hauses Ostreich und der Kurfürstenthümer, weil diese bei der Wahl jener sechs Abgeordneten nicht concurrirtcn. Hierauf wurden im I. 1512 auch für die letzter« Länder noch vier neue Kreise geschaffen, nämlich der östrcichischc und burgundische, für die in zwei Bcsitzthümer vcrthcilten damaligen östr. Länder; ein zweiter rheinischer, der niederrheinische oder kurrheinische, für die vier rhein. Kurfürsten und ein zweiter sächsischer, der obersächsische, für Knrsachsen und Kurbrandenburg nebst einigen von dem bisherigen sächsischen, dem niedersächsischen, Kreise abgctrennten Ländern. Die auf Grund dieser in ethnographischer Rücksicht immer noch sehr unvollkommenen Eintheilung durch Kaiser Karl V. weiter ausgebrldcte und namentlich auf militairische und policciliche Gegenstände ausgedehnte Krcisverfaffung kam indeß unter seinen Nachfolgern mehr und mehr in Verfall, bis sie endlich bei Aufhebung des Ncichsverbandcs völlig verschwand, und es stchi nun dahin, ob in der Folge ein ähnliches, aber den Foderungcn der Zeit angemesseneres auf historisch-ethnographischer Grundlage ruhendes Institut geschaffen und somit Deutschland ans einem Staatenbundc naturgemäß zu einem organischen Bundesstaate sich heran- bilden werde. (S. Deutscher Bund.) Vgl. Brunn, „D. in geographischer, statistiscbn und politischer Hinsicht" (3 Bde., 2. Aust., Verl. 1819), Hörschelmann, „Erd-, Volksund Staatenkunde von D." (Berl. 1829), Hoffmann, „D. und seine Bewohner" (4 Bde., Stuttg. 1834—36), Büchele, „Deutsche Vaterlandskunde" (Bd. 1, Stnttg. >838), Hofs, „D. in seiner natürlichen Beschaffenheit, seinem frühem und jetzigen politischen Verhält- niß" (Gotha l838), Hoffmann, „Das Vaterland der Deutschen" (Nürnb. >839) und Weber, D- oder Briefe eines in D. reisenden Deutschen" (4 Bde., Stuttg. 1826; neues» umgcarb. Aufl., 6 Bde., Stuttg. 1843). Unter den Karten von D. sind die vorzüglichste« und ausführlichsten die von Neimann (Berl. 1825 fg.), welche rn 342 Blättern die vollständigste Topographie enthält, und die von Weiß und von Wörl in 85 Blättern (Frcilr 1829); ferner sind zu erwähnen die „Specialkarte von D." von F. Fried (Wien 18>Zj und die „Wandkarte von D." von I. Montoux (Karlsr. 1842). Die Römer nannten D. mit Inbegriff Dänemarks, Norwegens, Schwedens, Füm- lands, Licflands und Preußens Germanien (s. d.). Die Völkerwanderung zerstör» dieses alte Germanien, von welchem das gegenwärtige Norddeutschland einen geringen Thal bildete. Slawische Stämme, aus dem hohen Osten kommend, drängten die Gcrmam« bis an die Elbe, die Saale und das Gebirge zurück, das auf der einen Seite Böhmen, M der andern Franken und Baicrn voneinander scheidet. Die Germanen wurden wieder durch daS Hereinbrechen der Slawen (s. d.) genöthigt, sich auf die Provinzen des weströmisch» Reichs zu werfen und dieses selbst zu zerstören. In diesen Bewegungen entstand das gegrii- wärtige Süddcutschland, besonders die Theike desselben, welche jenseit der Donau und de« Rhein gelegen waren. Das röm. Leben, welches hier heimisch geworden, wurde durch die cinbrechendcn Germanen schnell und völlig vernichtet. Indeß beschränkte sich dieses mm Germanien auf die Gebiete im Osten des Rhein; der Strich im Westen dieses Flusses, du nachmals zu D. kam, wurde noch lange zu Gallien gerechnet. Dieses neue Germania entstand am Ende des 5. Jahrh., aber de» Namen Deutschlanh hatte es noch nicht. Sechs verschiedene Völker machten die Hauptbewohner desselben aus, nämlich die Friesen (s. d.). Sachsen (s. d.), Thüringer (s. d.), Franken (s. d.), Alemannen (s. d.) unk Baiern (s.d.). Merkwürdigerweise wurden die Schicksale dieser Stämme nicht durch diese selbst, sondern durch eine fremde, wenn auch ursprünglich ebenfalls german. Macht durch die sogenannten salischen Franken, in der nächsten Zeit bestimmt. Zuerst nämlick erzwangen die lehtern, indem sie die german. Stämme im Osten des Rhein allmälig ihr». Herrschaft unterwarfen, eine äußerliche Vereinigung derselben und ketteten so die Germane«! zu einer Nation, zu einer Einheit zusammen, die früher nur in der Idee, niemals aber ir Wirklichkeit vorhanden gewesen war. Die Unterwerfung aber der Germanen durch die salischen Franken erfolgte höchst langsam und allmälig. Sie begann im Anfänge deh Deutschland (deutsches Reich) 195 6. Zahrh. und endete am Anfänge des 0. Jahrh. Die Sachsen, als die lehten, wurden erst in den I. 772 — 804 durch die Franken unter Karl dem Großen (s. d.) besiegt. Hierauf waren alle Germanen, aus denen die deutsche Nation hervorgegangen, insofern ver- einigt, als das fränkische Reich sie alle umschloß. Die Franken brachten aber auch ein Zweites nach D., die feudalistische Aristokratie. Sie herrschte bei den seelischen Franken in Gallien selbst und wurde von ihnen unter die german. Völker im Osten des Rhein gebracht, sowie sie sich dieselben allmälig unterwarfen. Auf den großen Grundbesitz gebaut, wirkte diese feudalistische Aristokratie insbesondere nach zwei Seiten hin. Zuerst wurde das Königthum durch sic sehr bedeutend eingeschränkt. Schon unter Karl dem Großen war sie so mächtig, daß, wie es scheint, der König, oder wie er seit dem I. 8l>0 sich nannte, der Kaiser, ohne Zustimmung derselben nichts Bedeutendes unternehmen konnte. Unter den schwachen Nachfolgern Karl deS Großen stieg die Macht der Aristokratie schnell so sehr, daß sie, nicht das Königthnm, als die eigentliche Staatsgewalt anzuschen war. Das Dritte, was die salischen Franken über den Rhein brachten und hier fest begründeten, hing mit dem Zweiten zusammen und war eigentlich nur eine Seite desselben, nämlich die weltliche Macht des hohen Klerus) namentlich der Erzbischöfe und Bischöfe. In dem Reiche der Franken in Gallien waren schon vom 6. Jahrh. an die Bischöfe in den Besitz großer Lehen gekommen und dadurch Glieder der herrschenden Aristokratie geworden. Die Frankenherrscher, besonders Karl der Große, scheinen bei Gründung der röm. Kirche in D. von der Ansicht ausgegangen zu sein, daß zur Erhaltung derselben unter den rohen, kaum aus dem Hcidenthum herausge- rissencn Germanen, weltliche Mittel nöthig seien. Die neuaufgcrichtetcn Bischofssitze wurden daher gerade mit dem größten und bedeutendsten Lehen begabt, und so ist es gekommen, daß im Deutschen Reiche die Prälaten, indem für sie noch weitere Begünstigungen hinzukamen, in der mächtigen Aristokratie beinahe die Mächtigsten wurden. Ais die Enkel Karl des Großen das Frankenreich unter sich theilten, empfing durch den Vertrag von Verdun im I. 843 Ludwig, gewöhnlich der Deutsche genannt, Alles, was im Osten des Rhein gelegen war, und auf dem linken Ufer des Stroms nur die Städte Mainz, Worms und Spcier. Dieser Besitz, der schon als ein deutsches Reich betrachtet werden konnte, obwol noch lange nachher der Name Ostfranken dafür vorkommt, lag im Ganzen genommen zwischen dem Rhein, der Elbe, Saale und dem Böhmerwaldgebirge. In den Donaugegendcn aber war dieser Besitz durch die Eroberungen Karl des Großen über die Avarcn sehr weit, bis an den Naabfluß, ausgedehnt worden. Won dem weiten Gebiete ans dieser Seite D.s ist indcß am Ende des 0. Jahrh. durch den Einbruch der Magyaren (Ungarn) viel wieder verloren gegangen, viel aber doch auch bei D. geblieben. Es sind die nachmaligen Länder Ostreich, Steiermark, Kärnten und Krain. Die Karolinger, welche im Osten des Rhein herrschten, gewannen nun auch noch das sogenannte Lothringen, das Oberrheinische Deutschland, welches ein Stück des alten Gallien war. Leider führten sie ihr Stammgcschlecht, dessen Sprossen gegen das Aussterben hin immer kraftloser wurden, nicht lange über die Theilung von Verdun hinaus. Ludwig der Deutsche starb 876. Nach seinem Tode entstanden auf kurze Zeit drei besondere Reiche in D., nämlichsSachscn, Ale- mamnen und Baicrn für seine Sohne Ludwig, Karlmann und Karl. Schon 882 vereinigte der zuletzt erwähnte Karl, der Dicke genannt, nach dem Tode seiner Brüder, D. und 884 selbst das ganze Frankreich wieder. Doch bestand diese Vereinigung mehr zum Scheine als in der Wirklichkeit. Die Aristokratie setzte Karl den Dicken 887 auf dem Reichstage zu Tribur ab, und es entstanden nun eigentlich zwei deutsche Reiche, ein kleineres und ein größeres. Das kleinere lag in der gegenwärtigen deutschen Schweiz, wo die Mächtigen Einen aus ihrer Mitte, einen Grafen Rudolf erwählten. In dem größer» Theile, dem Hauptreichc, wurde Arnulf, Karlmann's unehelicher Sohn, zum König gewählt. Nach einem ziemlich unbedeutenden Leben, in welchem nur etwa sein siegreicher Kampf gegen die Normannen im 1.80 t als Lichtpunkt erscheint, starb Arnulf 800. Sein noch ganz junger Sohn, Ludwig das Kind, führte den königlichen Namen bis in die Mitte desI. 011, wo mit seinem Tode der karolingische Stamm in D. erlosch. Um diese Zeit neigte die Aristokratie, an deren Spitze jetzt gewissermaßen die Herzoge 13* ^ »- 196 Deutschland (deutsches Reich) standen, in ihrer Majorität zu dem Plane hin, das Königthum und das Reich fallen zu lassen. Es kam zu keiner allgemeinen Königswahl; nur die Großen der Provinz Franken traten zusammen und wählten Einen aus ihrer Mitte zum König, Konradl. (s. d.), der jedoch nicht in allen Theilen D.s Anerkennung fand. Nach seinem Tode im I. 919 wählten die fränk. und die sächs. Großen Heinrich, den Herzog von Sachsen, zum König. Heinrich I. (s. d.) stellte das Reich wieder so her, wie es unter den letzten Karolingern ge- wesen war. Dieses Reich stand auf dem Boden des karolingischen und war gewissermaßen eine Fortsetzung desselben. Es hätte eine große Staatsklugheit und die consequente Arbeit mehrer Jahrhunderte bedurft, um das Wesen dieses karolingischen Reichs, die aristokratische Verfassung, zu vernichten, und ein wirkliches Reich, ein nationales Einheitsreich an die Stelle zu setzen. Keiner der Könige aus dem Hause Sachsen scheint dieKraft und die Umsicht besessen zu haben, welche dazu erfoderlich war. Heinrich's Tod im I. 936 pflanzte das Reich auf seinen Sohn Otto I. (s. d.) fort, der S62 die Kaiserkrone gewann. Außerdem, daß er 955 bei Augsburg einen entscheidenden Sieg über die Ungarn erfocht, wodurch er D. für immer von diesen lästigen Gästen befreite, ward unter ihm das Reich, zunächst das Herzogthum Sachsen, an der Saale und Elbe durch kräftige Fortsetzung der schon unter Heinrich I. begonnenen Kriege gegen die Slawen bedeutend erweitert. Otto l. starb 973. Seine beiden Nachfolger Otto ll. (s. d.) bis 983 und Otto Ul. (s. d.) bis 1992 sind geschichtlich unbedeutend und bestätigen nur die stets sich wiederholende historische Erfahrung, daß große Fürstcngeschlechter in ihren letzten Sprößliugen gewöhnlich der Schwäche und Kraftlosigkeit anheimfallen. Ein Seitenverwandter des Hauses Sachsen kam nachOtto's UI. Tode auf den Thron, König Heinrich U., der sich durch weiter nichts auszeichnete als durch mönchische und völlig unkönigliche Gesinnung, sowie durch die unverständigste Begünstigung des höhern Klerus und die Erhöhung der weltlichen Macht desselben. Mit ihm erlosch 192 t das Haus Sachsen, um dem fränkischen oder salischen Königsstamme Platz zu machen. Vgl. Ranke, „Jahrbücher des Deutschen Reichs unter dem sächs. Hause" (Bd. l — 3, Abth. I, Berl. 1837 —49). König Konrad II. (s. d.) war der Erste aus dem salischen Geschlechtc, das ein volles , Jahrh. den Thron einnahm. Nachdem bereits unter Otto I. Italien mit D. verbunden worden war, vereinigte Konrad U. Burgund damit, das nur einen kleinen deutschen Bestandtheil hatte. Die hierdurch über ital. und franz. Landschaften gewonnene Herrschaft der deutschen Könige war indeß, vorzüglich was die letztere anlangt, selten mehr als ein bloßer Name. Übrigens zeigte Konrad I I. wenigstens den Willen, jeden weitern Fortgang der Macht der Aristokratie zu hemmen, freilich, ohne es darin bis zu seinem Tode im I. 1039 zu einem irgendwie bedeutenden Resultate zu bringen. Sein Sohn und Nachfolger Heinrich III. (s. d.) ließ seine Gesinnungen gegen die Aristokratie deutlichersehen, aber selbst seine eiserne Strenge und entschiedene Energie vermochten in den zu tief eingewurzelten Verhältnissen nur wenig zu ändern. Heinrich III. starb 1956, und die Krone ging aus seinen damals noch sehr jungen Sohn Hei nrich IV. (s. d.) über. Unter ihm kam seit 1975 ein gewaltiger und entscheidender Kampf zwischen dem Königthume und der Aristokratie zum Ausbruch, da Heinrich IV. entweder wahrhaft den Willen hatte, die Aristokratie zu unterwerfen, oder wenigstens die Aristokratie solche Entwürfe bei dem Könige vermuthete. Papst G r e g o r VII. (s. d.) war es, der das Feuer dieses Kampfes anblies, indem er hoffte, das Jnvestiturdccret während desselben in dem Reiche zur Anerkennung und Geltung zu bringen. Der furchtbare, entsetzliche Kampf wurde selbst durch Heinrich's Tod u„ I. 1196 nur «auf kurze Zeit Unterbrochen; er brach noch einmal unter seinem Sohn und Nachfolger Hei n- ri ch V. (s. d.), wenn auch mit verminderter Kraft, aus und wurde erst kurz vor dem Tod, des Lehtern beigelegt. Mit Heinrich V. starb l >25 der Stamm der fränk. Königsfamilie aus. Der Plan, welchen dieses Haus besonders seit Heinrich III. verfolgt zu haben scheint, die Aristokratie in der Gestalt, in welcher sie da war, zu vernichten, war vollständig gescheitert; ja es stand dieselbe vielmehr beim Aussterben des salischen Stammes ^n ihren Hauptrepräsentanten, den Herzogen, Markgrafen, Grafen, Erzbischöfen und Bischöfen, mächtige, als je zuvor da. Sie hatte, was sonst königliches Amt war, bereits zu ihrem Erbe und Eigenthum gemacht, die königlichen Domainen, die königlichen Einkünfte zum Theil an sich ge- 167 Deutschland (deutsches Reich) rissen. Zugleich hatte sich neben der großen Aristokratie eine kleinere gebildet, welche von ihren Bargen aus die Einwohner des flachen Landes bedrückte; nur in de» jetzt emporblühenden Städten fand die Freiheit noch einen Zufluchtsort. Vgl. Stenzel, „Geschichte D.s unter den fränk. Kaisern" (2 Bde., Lpz. 1827 —28) und Gervais, „Politische Geschichte D.s unter der Negierung der Kaiser Heinrich'- V. und Lothar's lll." (2 Bde., Lpz. 18-11 — 42). Seit dem Aussterben der fränk. König« kann das Deutsche Reich als ein wirkliches Wahlrcich, dessen Vergebung in den Händen der hohen Aristokratie lag, betrachtet werden. König Lothar (s. d.) aus dem Hause Suplinburg, vorher Herzog von Sachsen, war, da er schon 1139 wieder starb, eine flüchtige und auch sonst ziemlich unbedeutende Erscheinung auf dem deutschen Königsstuhle. Die folgenden 125 Jahre aber waren für dieGestaltung der Dinge in D. wieder von großer Wichtigkeit. Das berühmte Haus der Hohenstaufen (s. d.) gelangte mit Konrad III. (s. d.) auf den Thron. Wenn Konrad mehr als Stammherr des Geschlechts und als der erste Kaiser, der zu einem Kreuzzuge sich entschloß, merkwürdig war, seist dagegen Kaiser Friedrich Roth bart (s. d.), seit 1152, eine um so interessantere Erscheinung. Die Familie der Hohenstaufen scheint sehr bald die Begründung einer wirklichen Herrschaft inD., wie eine solche damals bereits indem benachbarten Frankreich sich zu gestalten begann, als viel zu schwierig erkannt zu haben, sic wendete sich daher nach Italien, und Kaiser Friedrich ließ, um ein wahres Reich zu schaffen, sich in einen schweren Kampf mit den lombard. Städten ein. D. wurde von jetzt an von seinen Königen und Kaisern sich selbst überlassen und der hohen Aristokratie, welche nach einer eigenen, fürstlichen Gewalt zu streben begann, gar nicht mehr entgegengearbeitet. Kaiser Friedrich, der auch in Italien nichts vollenden konnte, fand 1190 auf einem Krcuzzugc in Cilicien den Tod. Sein Sohn, Heinrich VI. erlangte für sich und seine Familie das Erbkönigreich Apulien (Neapel) und starb 1197. Philipp von Schwaben, sein Bruder, gewann zwar die Stimmen einiger Großen für sich, andere Fürsten aber wählten Otto IV. (s. d.) aus dem Hause Welf zum König. Der Kampf zwischen diesen beiden Königen wurde durch Philipp's Ermordung im J. 1208 geendigt; doch behauptete auch Otto IV. nur kurze Zeit den Thron, indem er schon 1212 durch Friedrich II. (s. d.), den Sohn Hcinrich's VI., verdrängt wurde. Noch weit mehr als seine Vorfahren hatte Friedrich II. seine Blicke'auf Italien gerichtet. Wahrscheinlich weil er an der Möglichkeit der Bildung einer wirklichen Königsmacht in D. verzweifelte, erhöhte er selbst, um nur einige Hülfe für seine Kämpfe in Italien zu gewinnen, die Macht der großen Aristokratie so sehr, daß ihre Glieder nun allmälig anfingcn, zu wirklichen Fürsten zu werden. Nur selten und nur kurze Zeit war Friedrich II. in D. Er hatte einen seiner Söhne als Mit- vder Unterkönig bei den Deutschen zurückgelassen/ erst den ältesten Heinrich, und nachdem dieser von ihm abgefallen, gestürzt und gefangen gesetzt worden, seit 1236 den jüngern, den sogenannten König Konrad IV. (s. d.). Diese Söhne aber waren außer Stand, in D. etwas für die Begründung eines wahren Neichszusammenhangs zu thun; auch scheinen sie kaum die Absicht gehabt zu haben. Friedrich selbst wurde durch sein Streben nach einer festen Königsmacht in Italien nicht nur mit dem Guelfen, sondern auch mit dem apostolischen Stuhle in einen furchtbaren Kampf verwickelt, weil das Papstthum die Bildung eines starken Reichs in Italien am allerwenigsten dulden wollte. Papst Jnnocenz IV. sprach auf der Synode zu Lyon im I. >2-16 den Bann über ihn aus und ließ in D. und in Italien den Aufstand gegen die Hohenstaufen als eine heilige Pflicht gegen die Kirche predigen. Hierdurch entstand in D. sowol als in Italien ein ungeheures Gcwirre, in dessen Mitte Friedrich II. 1250 in Italien starb. Da Konrad IV. in D. sich nicht länger behaupten konnte, eilte er 1251 nach Italien, um sich und seiner Familie wenigstens das Erbkönigrcich Neapel zu retten, dessen sich zu bemeistern der päpstliche Stuhl im Begriffe stand. Allein Konrad IV. starb dort schon 125-1, und auch sein Sohn Konrad in (s. d.), Herzog von Schwaben, der 1268 ebenfalls aus D. nach Italien fortzog, um sein Erbreich in Besitz zu nehmen, fand dort bald nachher seinen Tod. Mit ihm endete das Geschlech« der Hohenstaufen, das zuletzt mehr ein ital. als ein deutsches gewesen war. Die Zeit, welche von den letzten Jahren Friedrich'- II. bis zur Thronbesteigung Ru dolsis von Habsburg verlief, war für D. eine Periode deS Übergangs, in welcher die IW Deutschland (deutsches Reich) Königsmacht, die, obwol von Zahrzehnd zu Jahrzehnt» sich verringernd, im Ganzen doch noch die karolingische gewesen war, diesen Charakter vollends aufgab, um der neuern Macht, die künftig in dem Neichb herrschen sollte, der Fürstenmacht, die überhaupt nur langsam sich ausbildete, Platz zu machen, und man hat diese Zeit, weil die Könige, die in derselben er- scheinen, völlig Null waren, das Interregnum genannt. Diese Könige waren Heinrich Raspe, Landgraf von Thüringen, der 1246 Friedrich II. von den geistlichen Fürsten entgegen- gestellt wurde; Wilhelm von Holland bis 1256 und zuletzt Alfons X. (s. d.), König von Castilien, welchen der eine Thcil der Fürsten, und Richard, Graf von Cornwallis, welchen der andere Theil nach Wilhelm's Tode gewählt hatte. Aus der Verwirrung dieser Übergangsperiode erklären sich mehre Erscheinungen, z. B. das Entstehen der Femgerichte (s.d.), der Hansa (s. d.) und des Rheinischen Städtebunds. Besonder»; fühlbar wurde jetzt der Mangel eines allgemeinen Rechts und allgemeiner Gerichte, obwol von Friedrich II. ein sogenannter Hofrichter zu fester Handhabung der obersten kaiserlichen Gerichtsbarkeit aufgestellt worden war. Diese Unsicherheit und Ordnungslosigkcit der Gerichte führte herbei, daß gerade jetzt die alte german. Sitte der Fehde mit verdoppelter Wuth aufwachte. Zwei Jahrhunderte lang wurde das Reich mit Fehden, Gewalt, Raub, Mord und Brand von einem Ende bis zum andern erfüllt und selbst das kräftige, persönliche Auftreten einzelner Kaiser, namentlich Rudolfs 1., konnte darin nur einen vorübergehenden Stillstand herbeiführen. Das Interregnum endigte mit dem Regierungsantritt Rudolfs I. (s. d.),' Grafen von Habsburg, der 1273 nach dem Tode Richärd's zum König und Kaiser der Deutschen gewählt wnrde. Unverkennbar begann mit demselben eine neue Zeit, die man sich indeß nicht durch eine sehr scharfe Linie von der vorhergegangencn Periode getrennt denken darf. Die kaiserliche Macht war von jetzt an mehr ein Schatten, eine große Erinnerung, und der Kaiser, obwol die damalige Zeit keine bestimmten Vorstellungen darüber hatte, eigentlich nur noch das Haupt der großen Reichsaristokratie, die wesentlich aus den weltlichen und geistlichen Fürsten, zum Theil aber auch aus einer Anzahl großer Städte oder vielmehr der Magistrate derselben, welche allmälig das Recht, auf dem Reichstage mit zu erscheinen und mit zu stimmen, erhalten hatten, bestand. In den Territorien der Fürsten hatten schon zur Zeit der Hohenstaufen die Landstände sich zu bilden begonnen. Durch sie wurde die Gewalt der Fürsten in chren Territorien ebenso eingeschränkt wie die Gewalt des Kaisers auf den Reichstagen durch die Fürsten. Die Vielheit des Herrcnthums war mit dem Eintritte dieser Zeit in D. entschieden. Die Nation wurde in allen Angelegenheiten nicht von einem Punkte, sondern stets von mehren Punkten aus, ja in vielen Fällen wirklich durch sich selbst bestimmt. Die Folge davon war eine kräftige Entwickelung des Einzelnen, die sich in dem Aufblühen der vielen Städte und in der Eroberung Preußens zeigte, die in der Hohenstaufischen Periode von den Deutschen Rittern (s. d.) begonnen und vollendet wurde, während es freilich andererseits an der Entwickelung des Allgemeinen, der Nationalität, fehlte. Kaiser Rudolf war vor allen Dingen bestrebt, das verderbliche Raub- und Fch- dewesen abzustellen, zugleich aber auch den Besitz des Kaiserthums zur Begründung einer möglichst großen Hausmacht zu benutzen. In dcr That bot sich ihm hierzu durch seinen Sieg über Ottokar, den König von Böhmen, im J. 1278, die günstigste Gelegenheit, indem er hierdurch 1282 Ostreich, Steiermark und Kram für sein Haus erwarb, wozu einige Jahr- zehnde später auch noch Kärnten und Tirol kamen. Rudolf I. starb 1291. Die Kurfürsten, in deren Händen allein das Recht, den Kaiser zu wählen, allmälig gefallen, hatten keinen Gefallen an der offenbar gewordenen Politik des Hauses Habsburg, den Besitz des Königsthrones nur zum Gewinn der Familiengrößc auszubeulen. Sie ernannten daher keinen Habsburger wieder, sondern den Grafen Adolfs on Nassau (s. d.). Da cs Adolf genau so wie Rudolf machen wollte, stellten die Fürsten ihm Rudolfs Sohn, Albrecht I. (s. d.), gegenüber, vor dem auch Adolf 1298 zu Grunde ging. Albrecht 1. zeigte sich noch gewinn- und läadersüchtiger als sein Vater und gab durch sein gewaltsames Auftreten die erste Veranlassung zum Entstehen der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Als er 1368 von seinem Neffen, Johann von Schwaben, ermordet worden, gingen die Kurfürsten abermals von dem Hause Habsburg ab und wählten Heinrich, Grafen von Luxemburg. Heijnrich VII. (s. d.) gewann für seinen Sohn Johann und sein Haus die böhm. Königskrone, zog darauf nach Deutschland (deutsches Reich) 199 Italien, um noch einmal Das, was den Hohenstaufen mißlungen, zu versuchen, fand aber, vielleicht durch ital. Gift, dort 1313 den Tod. Bei der Wahl spalteten sich die Stimmen der Kurfürsten. Ein Theil ernannte Ludwig, Herzog von Oberbaiern, der andere Friedrich den Schönen, Herzog von Ostreich, zum Kaiser. Ein langer Kampf entschied endlich für Ludwig den Baierss. d.). Unter seiner Negierung machte der röm. Stuhl, welcher damals seinen Sitz zu Avignon hatte, den letzten Versuch von Bedeutung, eine unmittelbare weltliche Macht in dem Deutschen Reiche zu gewinnen, indem er die Oberlehnsherrlichkeit über dasselbe in Anspruch nahm. Ludwig der Baier, der sich einem solchen Ansinnen widersetzte, wurde allerdings durch den Papst erst gebannt, dann abgesetzt; doch in Folge davon im I. 1338 die Erklärung der Kurfürsten und der Ncichsstände zu Nense herbei- geführt, daß der Papst in die Königswahl der Deutschen sich nicht zu mischen habe und daß das Reich in jeder weltlichen Beziehung von dem päpstlichen Stuhle völlig unabhängig sei. Zwar gelang es dessenungeachtet dem Papste im I. 1346 einige Fürsten zu bewegen, Karl von Mähren, der auch noch in demselben Jahre durch den Tod seines Vaters, Johann, König von Böhmen wurde, zum Kaiser zu ernennen, aber che der Kampf zwischen ihm und Ludwig noch recht zum Ausbruch kommen konnte, starb Letzterer im I. 1347. Nicht sogleich jedoch kamKarl IV. (s. d.) zum Allcinbcsiße des Throns; denn dieSöhneLudwig's stellten einen kleinen Fürsten, den Grafen Günther von Schwarzburg (s. d.) als Gegenkönig auf. Von Karl IV. aber gewonnen, verließen sie denselben sehr bald selbst. Der wackere Günther trat 1349 ab und starb bald darauf. Noch kein Kaiser hatte den deutschen Königsthron so ausschließlich für die Zwecke seines Hauses benutzt, als cs von Karl IV. geschah. Sein böhm. Reich, zu dem jetzt Mähren, Schlesien und die Lausitz gehörten, zu vergrößern und blühend zu machen, hielt er nächst jenem Zwecke für die Hauptaufgabe seines Lebens. Um das übrige D. kümmerte er sich nur soweit cs unabweisbar nothwcndig war oder seine Familienentwürfe cs federten. Darum gab er auch 1356 die berühmte Goldene Bulle (s. d.), welche den sieben Kurfürsten Mainz, Trier, Köln, Böhmen, Pfalz, Sachsen und Brandenburg das Recht der ausschließlichen Königswahl, der Mitregieruug des Reichs und das jus tls uou Uj>pellui>lio crthcilte. Diese Maßregel war besonders für den Fall be, rechnet, daß das Haus Luxemburg den Kaiscrthron wieder verlieren sollte, wo alsdann dieses Haus, daß sich in dem Besitze zweier Kurfürstenthümcr, Böhmens und Brandenburgs, befand, nach Möglichkeit unabhängig dastand. Bei Karl's IV. Tode im I. 1378 ging das Reich auf seinen Sohn W enzel ss. d.) über. Wenzel ward theils durch die Schlaffheit seines Wesens, thcilS durch die in Böhmen durch Huß (s.d.) beginnenden religiös-kirchlichen Bewegungen, theils durch den unruhigen Geist des böhm. Adels gehindert, sich um das Deutsche Reich zu kümmern. D. stand damals auf dem Punkte, in eine Kette besonderer Föderationen und Eidgenossenschaften auseinander zu gehen. Ein mächtiger Gegensatz, der sich zwischen den Föderationen der Städte im Süden und in der Mitte des Reichs (Rheinischer und Schwäbischer Städtcbund) und den Föderationen der Fürsten ebendaselbst bildete, führte einen Kampf zwischen beiden herbei, der 1382 für die Städte einen unglücklichen Ausgang nahm und so den völligen Auscinandcrbruch des Reichs noch verhinderte. Wenzel wurde 1400 von einigen Fürsten des Reichs für abgesetzt erklärt, führte aber nichtsdestoweniger bis an seinen Tod im1.1419 den Titel eines deutschen Königs fort. Ruprecht von der Pfalz, der an seine Stelle gewählt wurde, war völlig unbedeutend. Nach Nuprecht's Tode im I. 1410 wählte ein Theil der Fürsten Sigismund (s. d.), Wcnzel's Bruder und König von Ungarn, zum Kaiser, während ein anderer Jobst von Mähren, Wcnzel's Vetter, ernannte. Es war daS letzte Mal, daß zwei Könige zugleich gewählt wurden. Jobst starb schon 1411 und Sigismund blieb thatsächlich allein König. Sigismund's Zeit aber war von den heftigsten Stürmen erschüttert. Die Synode zu Kostnitz und der Papst hatten Huß verbrennen lassen, seine Lehre für verdammenswcrth und seine Anhänger für Ketzer erklärt. Sigismund, der nach Wcnzel's Tode auf den böhm. Thron Anspruch machte, wurde von den erbitterten Hussiten zurückgcstoßen, und cs ließ nun der Papst 1420 förmlich das Kreuz gegen die Hussiten predigen. Das Deutsche Reich wurde einerseits durch die Kirche, andererseits durch Sigismund in einen Krieg gegen die böhm. Hussiten verwickelt, der um so blutiger war ^ mehr er besonders um des Glaubens willen geführt ward. In diesem Kriege wurde 20tt Deutschland (deutsches Reich) die Schwäche der Deutschen, wo sie als Gesammtmacht auftreten wollten, da für einen i solchen Zweck das Reich gar nicht organisirt war, so recht sichtbar. Es gelang indessen noch, zwar nicht durch deutsche Kräfte sondern durch andere Mittel, die böhni. Reformation größ- tentheils zu vernichten und Sigismund zum König von Böhmen zu machen. Mit Sigismund starb 1437 das Haus Luxemburg aus Zuerst kamAlb recht Ii.(s. d.), Herzog von Ostreich, auf den Thron, der jedoch schon >439 starb. Ihm folgte ein anderer Habsburger, Kaiser Friedrichill. (s.d.), unter welchem der Reichstag in die drei sogenannten Bänke der Kurfürsten, der Fürsten und der Städte gctheilt und die Vorbereitungen und . Vorberathungen wegen gänzlicher Abstellung des Fchdewesens und wegen Einführung eines cwigens Landfriedens getroffen wurden. Auch erlangte das Haus Habsburg bei Friedrichs ; Lebzeiten noch durch die Heirath seines Sohns Maximilian mit der burgundischcn Maria den Besitz der niederländ. Provinzen, eine Vergrößerung, die nicht ohne Einfluß auf die Verhältnisse des Reichs blieb. Nach langer Regierung überließ > 493 Friedrich den Kaiser- thron seinem Sohn Maximilian I. (s.d.). Unter ihm wurde endlich >495 zu Worms nach langen Debatten der Beschluß gefaßt, daß das Fehdewesen völlig aufhören, daß die Nichtrcichsunmittelbaren vor ihren gewöhnlichen Gerichten, die Neichsunmittelbarcn aber, d. h. die Fürsten und Stände, vor einem zu errichtenden Reichskammergericht Recht nehmen sollen. Zugleich fanden auf den Reichstagen wiederholte Verhandlungen zur Errichtung eines sogenannten Reichsregiments statt. Der Gedanke der Fürsten und Stände hierbei war offenbar, dem Kaiserthume die Macht, welche es noch besaß, vollends zu entreißm und eine Art ständisches Gouvernement einzuführen, weshalb auch Maximilian den gethanen Vorschlägen stets zuwider war. Das Rcichsregimcnt wurde wirklich erst 1520, nach Maximilians Tode, aufgerichtct, doch war es auch nur einige Jahre wirksam. Das wichtigste Ereigniß unter Maximilians Regierung war, daß in den letzten Jahren derselben Luther (s. d.) austrat. Kai- , ser Maximilian starb zu Anfänge des 1.1519; im Juli wurde sein Enkel, Karl I. von Castilien, <ä§ Karl V. (s. d.) zum Kaiser der Deutschen erwählt. Besonders der Umstand, daß man gegen die immer mächtiger werdenden Türken auch einen mächtigen Schutz nöthig hatte, führte seine Wahl herbei, die übrigens deshalb wieder von den Fürsten und Ständen des Reicks mit Recht als bedenklich angesehen werden mußte, weil Karl ein so länderreicher Fürst war, daß er seine große Macht leicht auch zur Erhöhung der Kaisergewalt und Unterwerfung der Fürsten und Stände verwenden konnte. Diese suchten sich daher durch Bedingungen und Schwüre festzustellen, und so geschah es, daß man Karl V. die erste Wahlcapitula- tio n (s. d.) vorlegte. Von den vielen Ländern, die, er ererbte, behielt Karl nur die span., die ital. und die niederländ. für sich; die deutschen, Ostreich, Steiermark, Kram, Kärnten, Tirol und Vorderöstrcich trat er 1522 an seinen jüngern Bruder Ferdinand ab. Wider die Reformation (s. d.), die immer mehr sich auszubreiten und festzusetzen drohte, trat er sehr bald als entschiedener Gegner auf und hätte sie gern unterdrückt, wenn nur die vielen Kriege, die er bald gegen Frankreich, bald gegen die Türken zu führen hatte, ihm hinlänglich Zeit und Kraft dazu gelassen hätten. Die Protestanten, des Kaisers Absichten ahnend, schlossen > 530 zu ihrem Schutze denSchmalkaldischcnBundss. d.). Zwar sprengte der Kaiser durch feine Siege in den I. 1546 und 1547 denselben und versuchte hierauf durch das sogenannte Interim (s. d.) die Protestanten zum Rücktritt in den Schoos der röm. Kirche vorzubereiten; doch durch Moritz von Sachsen (s. d.) lind dessen Bundesgenossen, die sich mit Frankreich, des Kaisers geschworenem Feind, vereinigt hatten, wurde er unerwarteterweise gezwungen, alle gefaßten Entwürfe fallen zu lassen und den Abschluß eines vorläufigen Friedens- tractats zu Passau 1552 zu gestatten. Seitdem zog sich Karl V. von den Geschäften des Deutschen Reichs zurück und überwies diese gänzlich an seinen Bruder Ferdinand, der bereits 1532 den Titel eines röm. Königs empfangen hatte. Bei dem Abschlüsse des Rcligions- friedcns (f d.) im I. 1555 war Karl V. schon gar nicht mehr thätig. Gerade in dem Augenblicke, wo er abgeschlossen ward, langte seine Entsagungsurkunde in dem Reiche an, und sein Bruder, Ferdinand I. (s. d.), kam nun auf den Kaiserthron. Durch den Abschluß des Rcligionsfriedens von 1555 war gewissermaßen der erste Act der Vorgänge, welche durch die Reformation über D. gebracht wurden, geschloffen. Die Reformation soll, wie oft behauptet worden ist, die Schwäche D.s erzeugt haben, indem durch sic die Nation Dentfchland (deutsches Reich) 201 i» zwei einander fremd cntgegcnstchcnde Theile, Protestanten und Katholiken, auseinander gerissen worden sei. Diese Behauptung ist aber insofern grundfalsch, als die Spaltung nicht durch die Reformation sondern durch den Widerstand, den sie fand, und durch ihre gewaltsame Wiederuntcrdrückung, die in einem großen Theilc D. im Fortgange der Zeiten cin- trat, herbeigeführt wurde; denn in der Mitte des 16. Jahrh. hatte der beiweitem größte Thcil der Nation ohne allen Zwang und ohne alle Gewalt die Reformation angenommen. Die Einheit der Nation in dem Glauben und der Kirche war insoweit da, als die unzweifelhafte Majorität der Nation sich zur Reformation gewendet. Die Minorität, welche katholisch geblieben und zum Theil sogar nur deshalb geblieben war, weil sie von der Für- stcngcwalt dazu gezwungen ward, würde der Majorität bald gefolgt sein, wenn der röm.Ka- tholicismus nicht dadurch eine große Macht im Reiche behalten hätte, daß die Majorität der Fürsten katholisch blieb. Zwar hielten zuletzt von den großen weltlichen Fürsten nur zwei, Ostreich und Baiern, am Katholicismus fest; dagegen waren die Erzbischöfe und Bischöfe fast alle bei der röm. Kirche geblieben, was, da sie zugleich weltliche Fürsten waren, eine Sache von außerordentlicher Wichtigkeit war. Zn dem Religionsfrieden hatte man durch einen Punkt, durch das sogenannte lleservatum ecclesiusticum (s. d.) dafür gesorgt, daß die katholisch-geistlichen Fürsten, so lange sie ihr weltliches Fürstenthum nicht verlieren wollten, nicht zum Protestantismus übertreten konnten. Zugleich drangen, als kaum der Religionsfriede geschlossen, die Jesuiten in Deutschland ein, durch welche angcspornt, vorzüglich die katholisch-geistlichen Fürsten alle Macht anwcndeten, die sogenannte Gegenreformation durchzusührcn, d. h. die Menschen zu zwingen, wieder katholisch zu werden. Überdies war cs ein Unglück, daß nicht nur innerhalb der protestantischen Kirche vielfache Streitigkeiten ausbrachen, sondern daß neben der lutherischen, d. h. eigentlich deutsch-nationalen Reformation auch die schweiz.-franz. Reformation in das Reich eindrang und sich in demselben viele Anhänger verschaffte, weil dadurch die Gcsammtkraft des ganzen Werks geschwächt wurde. Die neuen Verhältnisse singen an sich zu gestalten, als Kaiser Ferdinand I. 1564 starb. Nach seinem Tode sielen die Besitzungen des Hauses Habsburg an seine Söhne, wodurch mehre Linien dieses Hauses entstanden, die erst unter KaiserLeopold alle wieder vereinigt wurden. Kaiser Maximilian II. (s. d.) scheint persönlich den Protestanten sehr geneigt gewesen zu sein; auch gab er den Protestanten in Böhmen und in dem eigentlichen Ostreich fast völlige Religionsfreiheit, wodurch sich der Protestantismus in allen üstr. Besitzungen überhaupt mit überraschender Schnelligkeit ausbreitete. Maximilian starb indeß schon I57H. Sein Sohn und Nachfolger Nudolf 11. (s. d.) schlug den entgegengesetzten Weg ein. Die antireformatorischen Bemühungen des Kaisers, an dessen Hofe die Jesuitcnpartei wieder ein entschiedenes Übergewicht erlangte, führte indeß auf der einen Seite nur herbei, daß der Kaiser 1609 in dem sogenannten Majestätsbriefe den Böhmen diese Freiheiten erst recht feierlich bestätigen mußte; im Deutschen Reiche aber erregten sie bei den Protestanten den Argwohn, daß sic von den Katholischen, sowieZeit und Gelegenheit günstig seien, angegriffen werden würden. An mehren Vorgängen, besonders aber an der Art, wie gegen die kleine ReichsstadtDonauwerth verfahren wurde, ließ sich Das erkennen. Mehre Fürsten und Stände schlossen daher 1608 eine Union, welcher die Katholischen ihrerseits eine sogenannte Liga oder Liguc (s. d.) entgegensetzten. Der Ausbruch des Kampfes ward besonders durch die Ermordung Heinrich's IV. von Frankreich, welcher bereits mit der Union in Verbindung getreten war, noch einige Zeit aufgehalten. Ünterdcssen starb Kaiser Rudolf II. 1612, und stin Bruder Matthias (s. d.) ward gewählt. Die Spannung der Verhältnisse in dem cigent- lichenReiche dauerte unter demselben fort. Es war aber nicht allein eine Spannung zwischen Katholicismus und Protestantismus, sondern auch im Protestantismus selbst, wo Lutherische und Calvinische das Gemeinsame ihrer Interessen dem röm. Katholicismus gegenüber zu verkennen fortfuhren. Die Böhmen erhoben sich gegen das Haus Habsburg, aus Be- , sorgniß, dasselbe wolle den Majestätsbrief nicht auf die Dauer gelten lassen. Kaiser Matthias starb 1619, als diese Bewegung bereits ausgebrochen war, und es gelang demjenigen Mitglieds des Hauses Habsburg, in welchem der röm. Katholicismus mit dem feurigsten Eifer lebte und der alle Grundsätze der Jesuiten zu den scinigen gemacht hatte, die Wahl zum deutschen Kaiser und König auf sich zu lenken. 202 Deutschland (deutsches Reich) Kaiser Ferdinand II. (s. d.) hatte kaum, durch die Liga unterstützt, 1620 den Aufstand der Böhmen unterdrückt, als er mit einem doppelten Plane hcrvortrak. Die Reforma- tion sollte gewaltsam vernichtet und die Vernichtung derselben zur Erhöhung und Erweiterung der Macht der Habsburger benutzt werden. Was das Erstere anlangt, so wurde cS in den östr. Erblandcn, besonders zwischen den I. 1622 — 28, mit den gewaltsamsten Mitteln durchgesetzt, sodaß die Reformation fast gänzlich wieder verschwand; in dem übrigen D. entzündete sich der furchtbare Dreißigjährige Krieg (s. d.), durch den der größte Theil des Reichs verödete Und fast dieHälstc seiner Bewohner vernichtet wurde. Die benach- barten Mächte konnten der großen Umgestaltung, welche Ferdinand il. mit dem Reiche vorhatte, nicht ruhig zusehen; Frankreich faßte die politische, Schweden die kirchlich-religiöse Seite ins Auge, obwol Gustav Adolf (s. d.), der 1630 in D. erschien, wenigstens später, auch politische Entwürfe gehabt zu haben scheint. Gustav Adolfs Tod im J. 1632 befreite Ferdinand II. aus einer ersten großen Gefahr, Wallen stein's (s. d.) Ermordung im 1 . 1634 aus der zweiten, nämlich der durch seinen eigenen Feldherrn, durch das Werkzeug, dessen er sich zur Ausführung seiner Plane bedient, von seiner Höhe herabgestürzt zu werden. Nachdem sich Frankreich und Schweden einmal cingemischt, war cs schwer, diese Mächte aus dem Reiche wieder los zu werden; doch hätte nach Ferdinand's Sieg in der Schlacht bei Nördlingen im Z. 1634 wenigstens mit Schweden leicht ein Friede erlangt werden können. Der Kaiser schloß zwar 1635 mit Sachsen die Prager Convention, durch welche die Entwürfe gegen den Protestantismus und auf das Reich anscheinend aufgegcbcn wurden; allein da ein Theil der Protestanten dem Kaiser zu mistrauen fortfuhr und Frankreich aus selbstsüchtigen Gründen die Fortsetzung des Kriegs wollte, so kam es zu keinem allgemeinen Frieden. Ferdinand II. starb 1637, und es folgte sein Sohn Fcrdinandlll.ss. d.) unter dem endlich der W estfäli sehe Friede (s. d.) zu Stande kam, durch welchen der Neligionsfricde von 1555 erneuert und auch auf die Calvinisten ausgedehnt wurde. Mit dem Abschlüsse dieses Friedens hört eigentlich die Geschichte D.s als einer Einheit auf. Von dem Reiche war nicht viel mehr als der Name übrig geblieben, und nur in seltenen Fällen noch trat eine wirkliche Thätigkcit desselben hervor. Die Reichstage waren schon seit der Reformation wegen der Feindschaft und Spannung zwischen Katholiken und Protestanten nicht mehr regelmäßig von den Fürsten besucht worden. Im I. 1663 wurde der pcrpctuirliche Reichstag zuNegcnsburg errichtet, und die Fürsten, welche durch ihre Abgeordneten sich vertreten ließen, erschienen nicht mehr persönlich. D. in seiner Zerrissenheit, die selbst auf die nationalen Gefühle seiner Bewohner so cinwirktc, daß diese fast verschwanden, wurde nun ein Tummelplatz, auf welchem man einen guten Theil der eurvp. Angelegenheiten auskämpste. Hierzu trug vor Allem der Umstand nicht wenig bei, daß so viele große deutsche Fürstengeschlechter zugleich fremde Throne besaßen oder empfingen. So bestieg Kursachsen 1697 den poln. Königsthron, während Brandenburg für Preußen 1761 den königlichen Titel annahm und Braunschwcig-Lüneburg, das 1692 auch die Kurwürde erworben, im I. 1714 auf den Thron Englands berufen wurde. Die Ruhe D.S nach dem verheerenden Dreißigjährigen Kriege währte nur kurze Zeit. Kaiser Ferdinand III. starb 1657, und sein Nachfolger LeopoldI. (s. d.) hatte, außer seinen Kämpfen gegen die Türken, mit Frankreich den span. Erbfolgekrieg zu führen, in welchem das Reich für den Kaiser, Barem und Köln aber für Frankreich auftraten. Dieser abermals blutige und verheerend- Krieg dauerte auf der einen Seite noch, als auf der andern, durch die nord. Angelegcichcitcn herbcigezogen, 1706 die Schweden in Sachsen erschienen. Leopold!., gest. 1705, erlebte den AuSgang des span. Erbfolgekriegs nicht, ebenso wenig sein Sohn Joseph I. (s. d.), und erst sein Bruder Karl VI. (s. d.) endigte ihn durch den badenerFrieden imJ. 1714. Die Zeit, welche von da bis zum Auftreten Friedrich des Großen verläuft, ist wol alt diejenige anzusehcn, in welcher Deutschland politisch am niedrigsten stand; auch ist sie durch keine bedeutenden Ereignisse wichtig. Karl VI. starb 17-10. Da er keinen Sohn sondere nur eine Tochter, Maria The resia (s. d.), hintcrlicß, so hatte er eine sogenannte Prag matische Sanktion (s. d.) ausgestellt, durch welche diese Tochter zur alleinigen Erbin der ungcthcilten östr. Monarchie erklärt wurde. Es begann nun die Zeit dcs Eegensatzet zwischen Ostreich und Preußen, der von D. ebenfalls sehr thcucr hat bezahlt werden müs 203 Deutschland (deutsches Reich) sc». Karl Albert von Baiern, August von Sachsen und Friedrich ll., König von Preußen, erhoben Ansprüche auf einzelne Theile des östr. Staats; auch glaubte Frankreich die Gelegenheit benuhcn zu müssen, um D„ besonders Ostreich zu schwachen, sich selbst aber zu ver- größer». Schon 1740 brach der Krieg aus, während dessen, besonders auf Betrieb Frankreichs, Karl Albert von Baiern, der zu einer solchen Rolle durchaus nicht befähigt war, unter dem Namen Karl V I I. (s. d.) zum deutschen Kaiser erwählt ward. Er starb indcß schon 1745. Maria Theresia konnte den Kampf endigen, ohne an Baiern und Sachsen Opfer bringen zu müssen; an Preußen aber verlor sie Schlesien. Mit Frankreich ward 1748, ohne bedeutenden Länderverlust für Ostreich, der Friede zu Aachen geschlossen. Franzi, (s. d.), Maria Theresia's Gemahl, war unterdcß >715 Kaiser geworden und der Gegensatz zwischen der alten Macht Ostreichs und der neuen Macht Preußens noch keineswegs hinlänglich durch- gearbeitet. Er kostete den deutschen Landen noch den furchtbaren Siebenjährigen Krieg (s. d.), 1756—63. Allerdings kann nicht in Abrede gestellt werden, daß das Em- porkommcn Preußens wesentlich zur Zerstörung der alten Neichsvcrhältnisse beitrug. Ebenso wenig aber darf man leugnen, daß eine solche Zerstörung absolut nothwendig war, wenn in D. ein frisches und kräftiges politisches Leben gedeihen sollte. Es war natürlich, daß auch.nach,der Beendigung des Siebenjährigen Kriegs noch lange eine feindselige Spannung zwischen Ostreich und Preußen blieb. Untcrdeß hatte Franz l. 1765 seinem großen Sohne, Kaiser Joseph I I. (s. d.), nach einem ziemlich unbedeutenden Leben Platz gemacht. Aus dem Kaiserthume an sich konnte jetzt sehr wenig noch geschöpft und gemacht werden. Das Leben Joseph's II. ist daher auch weniger in Beziehung auf das Reich als vielmehr in Beziehung aus die Länder, die seiner unmittelbaren Herrschaft unterworfen waren, bedeutend. In diesen suchte er durch Aufhebung einer großen Anzahl von Klöstern, durch Abschaffung unnützer Ceremonien, durch Aufhebung der Leibeigenschaft, durch Verbesserung der Justizpflege, durch Befreiung der Landeskirche von Rom, durch verbesserten Schul- und Juge:.o- unterricht, durch die den Protestanten bewilligte Toleranz, durch Belebung der allgemeinen materiellen Kräfte ein neues Leben zu begründen. In Beziehung auf das Reich aber.ist Io- seph II. kaum durch etwas Anderes als durch die Versuche wichtig, welche er machte, Ostreich auf Kosten Baierns zu vergrößern. Diese Versuche aber wurden durch Friedrich II. in dem sogenannten Einjährigen Kriege, 1778—79 und durch die Stiftung des deutschen Fürste n- bundes (s. d.) 1785 vereitelt. Die allgemeine Lage der europ. Staaten war durch mehre Verhältnisse, besonders aber durch die Anfänge der franz. Nevelution, ungemein verworren, als Joseph II. am 2tt.Fcbr. 1790 starb. Sein Bruder und Nachfolger, Leopold 11. (s-d.), hätte gern den Ausbruch eines Kriegs mit Frankreich vermieden, aber dieses Ungewittcr war bei seinem Tode, am I. März 1792, schon so mächtig herausgezvgcn, daß Kaiser Franz I I. (s. d.), sein Sohn und Nachfolger, mit dem die Reihe der deutschen Kaiser enden sollte, de« Sturm nicht mehr beschwören konnte. Obwol Preußen und Ostreich am Anfänge des nun entbrennenden Kampfes zusammen standen, trat doch crstercs dürch den 1795 zu Basel mit Frankreich geschlossenen Frieden von diesem Kampfplätze ab, worin das übrige, nördliche Deutschland ihm bald folgte. Ostreich und der südliche Thcil hatte den Krieg nun allein zu bestehen. Er endigte damit, daß im Frieden zu Campo-Formio im I. 1797 und dann 1801 im Frieden zu Luneville das ganze linke Nheinufer an Frankreich abgetreten werden mußte. Der franz. Einfluß, besonders der Einfluß Bonaparte's auf Deutschland, trat nun immer entschiedener hervor. Durch die sogenannte Säkularisation (s. d.) im I. 1803 hörten die geistlichen Fürstenthümer auf zu cxistiren, indem die weltlichen Fürsten, die auf dem linken Rheinufer Länder verloren hatten, damit entschädigt werden sollten. Neben andern Ursachen war es bereits das Gefühl des unvermeidlichen Untergangs des alten Reichs, welches Franz II. bewog, am >1. Aug. 1804 neben dem Titel eines deutschen Kaisers auch noch den Namen eines Erbkaisers von Ostreich anzunchmen. Mit dem Untergange des Reichs ging cs von nun an schnell vorwärts. Baden, Würtcmbcrg und Baiern trennten sich factijch schon 1805 von demselben, indem sie als Bundesgenossen Frankreichs Ostreich mitbekämpften. Die Stiftung des Rheinbunds (s. d.) am 12. Juli 1806 führte die Vollendung des Sturzes für das alte Reich herbei. Kaiser Franz II. legte den Titel eines deutschen Kaisers nieder, und so hatte endlich auch der Name des Deutschen Reichs nun aufgchört. Aber nicht 204 Deutschland (deutsches Reich) dadurch allein ist der Rheinbund von Wichtigkeit, daß er die Veranlassung zur Auflösung * des Reichs gegeben, sondern auch um deswillen, weil durch ihn eine Zahl kleiner Reichsfürsten mittels der Mediatisirung (s. d.) verschlungen und viele andere Stände ihrer Selbständigkeit beraubt und andern größern Staatskörpcrn einvcrlcibt wurden; ferner, weil durch ihn manche Grundsätze, die in der franz. Revolution gereift, sich nun auch nach D. verbreiteten. So ward durch den Rheinbund ein neues Leben in D. vorbereitet. In Folge des unglücklichen Kriegs Preußens gegen Frankreich, den der Friede zu Tilsit am 8. und 9. Juli - endete, verbreitete sich derselbe auch nach dem Norden D.s. Der Rheinbund hatte die Bestimmung, in D. die künftige unmittelbare Herrschaft Frankreichs anzubahncn, und diese trat bereits ein in den von Napoleon ncugegründcten Staaten, dem Königreiche Westfalen, gebildet aus preuß., kurheff., hannöv. und braunschw. Landen, und dem Großherzogthum Berg. Auch der Krieg, der 1809 zwischen Frankreich und Ostreich ausbrach, endigte nach hartnäckigem, blutigem Kampfe mit dem Opfer bedeutender Abtretungen, welche das letztere im Frieden zu Wien am 1-1. Oct. 1809 behufs der Gründung eines neuen franz. Staats, der Jllyrischcn Provinzen, und zur Vergrößerung einiger Rheinbundsfürsten machen mußte. Im nächsten Jahre errichtete Napoleon das Großherzvgthum Frankfurt und bald nachher vereinigte er zur bessern Handhabung seines gegen England gerichteten Continentalsystcms die Besitzungen der zeitherigen Rheinbundsfürsten von Oldenburg, Arenberg und Salm und alles Land bis an die Travemündung unmittelbar mit Frankreich. Doch der Krieg im I. >812 gegen Rußland brach Napoleon's Macht; mit echt nationaler Begeisterung erhoben sich Preußen, Ostreich und nach der Reihe fast alle deutsche Staaten zum Freiheitskriege, und in einem zweimaligen Feldzuge (1813 und 1815) wurde Napoleon völlig besiegt. (S. R ussisch-Deutscher Krieg von 181 2 — I 5.) Frankreich mußte im Frieden zu Paris die seit 1790 von D. nach der Reihe gemachten Abtretungen zurückgcben, die Großhcr- ' zogthümer Berg und Frankfurt, das Königreich Westfalen und die Jllyrischcn Provinzen, Napoleon's Schöpfungen, verschwanden wieder und die deutschen Fürsten traten auf dem Congreß zu Wien am 8. Juni 1815 in einen Staatenbund zusammen, der Deutsche Bund (s. d.) genannt. Durch diesen Congreß wurden die von Napoleon vertriebenen Für- sten in ihre Länder wieder eingesetzt; Preußen erhielt wieder seine frühcrn Besitzungen oder an deren Stelle Entschädigungen, z. B. Schwedisch-Pommern und die Rheinland!, Hannover wurde an England zurückgegeben, Lauenburg fiel an Dänemark, das zum Großher- zogthum ernannte Luxemburg an die Niederlande, Baiern ward für Tirol, Salzburg und Vorarlberg, das an Ostreich zurückkam, durch die Fürstenthümer Würzburg undAschaffen- burg entschädigt, Würtemberg und Baden wurden arrondirt, Oldenburg und Weimar durch kleine Gebietstheile vergrößert; nur der gefangene König von Sachsen verlor die Hälfte jei- nes Landes an Preußen. Zugleich wurden die beiden Mecklenburg, Weimar und Oldenburg zu Großherzogthümern und die Städte Frankfurt, Bremen, Lübeck und Hamburg zu Freistaaten erhoben. D. bedurfte jetzt der Ruhe und des Friedens, um nach so heftigen Erschütterungen und verheerenden Kriegen wieder Kräfte sammeln und sein materielles Wohl neu begründen zu können. Aber die Nachwchcn des Kriegs, Handclsstockungen, welche ^ durch Preußens 1818 neu eingeführtcs Zoll-und Sperrsystem noch empfindlicher wurden, l unbefriedigte Hoffnungen Einzelner nach dem Kriege und getäuschte politische Erwartungen § überhaupt erhielten noch fortwährend die Gemüther in mismuthiger Aufregung. Dieser Mismuth, mit einer unbestimmten Sehnsucht nach Freiheit gepaart, trat zunächst in der . Burschenschaft (s. d.) auf den Universitäten offenkundig ans Licht, aber die Regierungen eilten alsbald, durch energische Maßregeln, namentlich durch die Karlsbader Beschlüsse (s. d.) vom 20. Sept. 1819 und die Centraluntersuchungscommifsion ru Mainz, die in jenen Verbindungen geargwöhnten demagogischen Umtriebe gewaltsam zu unterdrücken (S. G ehcime politische Verbindungen.) Außerdem aber ereignete sich in der nächstfolgenden Zeit nach dem Frieden, außer dem Aussterben des Hauses Sachsen- t Gotha-Altenburg im I. 1825 und dem Religionsweehsel des Herzogs von Anhalt-Köthen, der 1825 zum Katholicismus übertrat, fast nichts Merkwürdiges, als daß mehre deutsche Staaten, wie Nassau (1815), Sachsen-Weimar(l8>6), Baiern(1818), Baden und Wür- tembe g (1819) und das Großherzogthum Hessen (1820) freiere constitutionelle Versos- Deutsche Alterthumskunds 2N5 sungen erhielten, während in Preußen Provinzialständc ins Leben traten, und daß rasch nacheinander auf fast allen deutschen Thronen die Regenten durch den Tod wechselten. Die Julirevolution in Frankreich 1830 erregte auch in D., namentlich in Kurhcssen, Hannover, Braunschweig und Sachsen, ernste Bewegungen, die sehr schnell auf die kleinern deutschen Staaten sich fortpstanzten und kheils in dem Verlangen nach Volksvertretung, theils in dem Haß gegen Beamtenanmaßung ihren Grund hatten. Die genannten Staaten und nach dem Vorgänge derselben mehre andere erhielten sämmtlich Ncpräsentativvcrfassungen, welche noch jetzt in anerkannter Wirksamkeit bestehen, bis auf Hannover, wo der König, Ernst August unmittelbar nach seiner Thronbesteigung 1837 das von seinem Vorgänger bestätigte Staatsgrundgesetz wieder aufhob und eine Verfassung, der von 1819 ähnlich, an dessen Stelle setzte, was einen fortwährend schwankenden Zustand der Dinge in diesem Lande zur Folge hatce. Auch in dem übrigen D. wurde die Ruhe noch einige Male unterbrochen. Der exaltirt politische Geist, der früher in der Burschenschaft hervorgetretcn, tauchte, durch politische Flugblätter uud Journale genährt und von Studirenden weiter verbreitet, noch einmal bei der Feier des hambacher Festes >832 und zum zweiten Male mit noch heftiger« Symptomen in dem Frankfurter Attentat (s. d.) >833 auf. Vermehrte Reactions- maßregeln und Verbote waren die Folge davon, Maßregeln, wie sie der Bundestag später auch gegen die unter dem Namen des Jungen Deutschland (s. d.) begriffenen politischen Schriftsteller in Anwendung brachte. Zu gleicher Zeit hatten die Negierungen in Vaiern, Würtemberg und Baden mit der Opposition in den Kammern harte Kämpfe zu bestehen, und Preußen sah noch in den letzten Tagen Friedrich Wilhelm's lll. im J. >837 durch den hartnäckigen Widerstand der Erzbischöfe zu Köln und Posen gegen die Regierung in die katholischen Wirren sich verwickelt. Noch jetzt dauern in vielen deutschen Ländern diese Übergriffe des Katholicismus fort, scheinen aber das Gute zu haben, den angegriffenen Protestantismus mit neuem Feuer und frischem Eifer (s. Gustav-Adolfstiftung) zu erfüllen. Einen mächtigen, allgemeinen, wenn auch nicht sehr nachhaltigen Aufschwung nahm die nationale Gesinnung in D. in Folge der Provokationen Frankreichs unter dem Ministerium Thiers im 1.183», und im Volke wie bei den Fürsten ist die Nothwendigkeit eines einigen D. lebendiger erkannt worden. Von wichtigem Vortheil für den Handel und mächtig wirkend auch für die Einheit D.s war die dem Versuche eines mitteldeutschen Handelsvereins (1828) gefolgte Einigung der meisten deutschen Staaten zu einem mit Preußen (1833) geschlossenen Deutschen Zollverein (s. d.), der bereits die wohlthätigsten Folgen gehabt hat. Nicht mindet wurden Industrie und Handel durch die zahlreichen Eisenbahnen, die D. i» neuester Zeit erhielt, sowie durch die für diese und für Unternehmungen anderer Art an allen Orten ins Leben tretenden Aktiengesellschaften gefördert und verbreitet. Überhaupt traten die materiellen Interessen in neuester Zeit in den Vordergrund und nahmen, von den Negierungen zum Theil aus Staatsklugheit gefördert, einen raschen und gewaltigen Umschwung, sodaß nicht ohne Grund zu befürchten ist, es werde die sich fortwährend steigernde Richtung auf das Materielle allmälig den Geist beeinträchtigen, wo nicht crtödten. Vgl. Luden, „Geschichte des deutschen Volks" (12 Bde., Gotha 1825—39), Pfister, „Geschichte der Deutschen" (5 Bde., Hamb. 1829—35), Ranke, „Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation" (5 Bde., Bcrl. 1839—43), Menzel, „Neuere Geschichte der Deutschen von der Reformation bis zur Bundesacte" (10 Bde., Bresl. 1826 — 43) und Dullcr, „Ge- schichte des deutschen Volks" (Lpz. 1840, 8.; 2. Aust., 2 Bde., Lpz. 1841, 16.). Deutsche Alterthumskunde. Für deutsche Alterthumskunde ist man in neuerer Zeit sehr thätig gewesen und hat auch im Einzelnen Gutes geleistet; andere Thcile der Wissenschaft liegen dagegen noch sehr im Argen, und das Ganze derselben ist bis jetzt nur unter schwachen Händen gewesen. Schon über die Grenzen, bis zu welchen herab die deutsche Alterthumsforschung auSzudehnen ist, hat man sich nicht verständigt; Einige haben sie!m 8. oder 12., Andere im 15. Jahrh. gesteckt. Betrachtet man die deutschen Alterthümer als Object einer wissenschaftlichen Darstellung, so wird man eine Unterscheidung zwischen vorchristlichen und christlichen oder germanischen und eigentlich deutschen Alterthü- mern eintretcn lassen; denn die christliche Religion verdrängte nicht allein den alten heidnischen Cultus, sondern brachte zugleich eine gesteigerte, aber fremde Cultur mit sich, durch 206 Deutsche Alterthumskunde die viele Verhältnisse im öffentlichen und häuslichen Leben der alten Deutschen gänzliche Umgestaltung erlitten. Die erste germanische Periode wird man dann mit dem 6. — 7., die deutsche mit dem Ausgange des Mittelalters, dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrh. beschließen. Betrachtet man dagegen die deutschen Altcrthümcr als Gegenstände einer Sammlung, so kann man die Grenzen weiter stecken und etwa bis zur Mitte des 17. Jahrh., von wo sich die neuern Zustände des deutschen Volks und Landes datircn, vorrücken. Die germanische Alterthumskunde ist ihrem größern Thcilc nach noch dunkel und unaufgeklärt, woran theils die nicht ausreichende Anzahl der erhaltenen Denkmäler, hauptsächlich aber der Mangel schriftlicher Nachrichten Schuld ist. So schätzbar auch des Tacitus und einiger Spätern Berichte über Deutschland sind, so vermissen wir doch Vieles, was das innere, häusliche Leben der Bewohner desselben aufzuklären im Stande wäre, und über eine Menge Gegenstände, die seit einer Reihe von Jahren ans dem Schoost der Erde gefördert worden sind, haben wir nicht allein hinsichtlich ihrer Bestimmung und Benutzung keim lkcnntniß, sondern bleiben sogar oft genug in Ungewißheit, ob sie den Germanen oder andern Völkern, namentlich den Kelten und Slawen, augchörten. Gleich ungewiß bleibt es, ob viele Gcräthschaftcu, wenn sie auch von den Germanen benutzt wurden, ihnen auch ihre Verfertigung verdanken und somit als Zeugnisse für die errungene Culturstufe dienen dürfen ; oder ob sie ihnen, was nicht ohne Wahrscheinlichkeit ist, von andern Völkern, zunächst von den Römern, durch Handel zugeführt wurden. Dies sind Hauptpunkte, vor deren Erledigung sich keine zuverlässige Darstellung einer gcrman. Alterthumskunde denken läßt. Glcichwol ist nicht zu bezweifeln, daß sich durch sorgfältige Vergleichung und Erwägung der in verschiedenen Gegenden Deutschlands meist durch Ausgrabungen erhaltenen Ergebnisse in den obigen Fällen bestimmte und sichere Resultate gewinnen lassen, und ist man erst über Abstammung, Bestimmung und Zweck der in so vielen öffentlichen und Privatsammlungc» aufgcspcichcrten Altcrthümcr im Reinen, dann ist es Zeit, mit Benutzung der überlieferte» ' schriftlichen Nachrichten und mit steter Berücksichtigung alles Dessen, was sich aus alter heidnischer Zeit noch bis tief ins Mittelalter hinein erhalten hat, eine gründliche, kritische gcrman. Alterthumskunde zu schreiben, wie wir sie noch nicht haben. Von allen den Schriften, die vom 17. Jahrh. an bis auf die neueste Zeit hauptsächlich über durch Ausgrabungen entdeckte Altcrthümcr erschienen sind und in denen neben den wunderlichsten Meinungen und Ansichten, die sich hier hervorwagen, für den Forscher meist nur das Material Werth hat, nennen wir das „^rillerico-lsrsncisceiim" erläutert und herausgegeben von Lisch (Lpz. 1337, 3. und Fol.) als ein Werk, in dem zuerst ein ernsterer Weg der Forschung cm- geschlagen wurde, der auch schon zu manchen wichtigen Ergebnissen geführt hat. Als Wissenschaft behandelten die german. Alterthumskunde in ihrem ganzen Umfange systematisch Joh. Ulr. Trcsenreuter in den „^ntignilates Oexmuniae" (Gott. 1761), nicht ohne Verdienst Beruh. Fr. Hummel in dem „Compendium deutscher Altcrthümcr" (Nürnb. 17 88) und K. G. Nössig, „Die Alterthümer der Deutschen" (Lpz. 1797; 2. Aust., 1861); Eust. Klemm's „Handbuch der german. Altcrthümcr" (Dresd. 1836) läßt bedauern, daß der Verfasser zur Erläuterung der gcrman. Altcrthümcr auf die des Mittelalters fast gar keim Rücksicht genommen. Als vortreffliche Werke über einzelne Fächer und Gegenstände der german. Alterthümer sind zu nennen Wilh. Grimm, „Über deutsche Runen" (Gott. 182i) Jak. Grimm, „Deutsche Mythologie" (Gött. 1835; 2. Ausl., Abth. I, >8-13) und KaSp> Zeuß, „Die deutschen und die Nachbarstämme" (Münch. 1837). Die Alterthumskunde des deutschen Mittelalters oder die eigentlich deutsche Al- terthumSkundc, wie wir sie vorher nannten, ist von so großer Ausdehnung, daß es fast unniöglich fällt, sic in ihrer Gesammthcit umfassend und ausführlich zu behandeln. Was früher in der german. Zeit noch vereinzelt und unvollständig dastand, oas liegt jetzt in zahlreich erhaltenen Denkmälern uns vor Augen, und die besonder» Theilc der^llterthumskundc in dieser Zeit bieten mehr als hinreichenden Stoff dar zur Bildung einer abgesonderten Wissenschaft Aus diesen Gründen mag cs sich auch erklären lassen, daß man bis jetzt noch nicht versucht hat, ' eine Altcrthumskunde des Mitjclalters zu schreiben; ein compendiös abgefaßtes Handbuch txäre wenigstens zu wünschen, um über das Ganze der Wissenschaft eine klare und bestimm« Übersicht zu gewinnen. Sowie für die german. Altetthumskunde haben auch für die deutsch« 207 Deutscher Bund des Mittelalters die seit einigen Jahrzehnden in fast allen Theilcn Deutschlands gebildeten historischen Vereine (s. d.) mit großem Eifer reiches Material zu Tage gefördert und der vom Freiherr» von Aufscß l8?,2 begonnene und bis 1839 von F. I. Mone fortgcsehte „Anzeiger für Kunde des deutschen Mittelalters" verfolgte hauptsächlich den Zweck, alle neue Entdeckungen und Erscheinungen im Bereiche der mittelalterlichen deutschen Altcr- thümer zur Kenntniß zu bringen. In einzelnen Zweigen ist auch hier sehr Tüchtiges geleistet worden; vor Allem sind die Bemühungen um Herausgabe und Erläuterung aller sprachlicher Denkmäler von dem glücklichsten Erfolge gewesen, die von Männern wie Jak. und Wilh. Grimm, Docen, Lachmann, Bencckc, Haupt, sowie von Graff, von der Hagen, Mone, Maßmann, Hoffmaun, Lcyscr u. A. ausgingen. Die „Zeitschrift für deutsches Al- tcrthum", herausgcgcben von Haupt (Bd. > —3, Lp;. 1831 —33), sucht Alles, was sich auf deutsche Sprache undLitcratur bezieht, in sich zu vereinigen und enthält höchst schätzbare Mitthcilungen und Abhandlungen. Mit gleich regem Eifer hat man die Denkmäler, der altdeutschen Baukunst erforscht und bekannt gemacht und die Werke von Sulpiz Bois- screc, Costcnoble, G. Möller, Stieglitz, Quaglio, Müller in Darmstadt, LepsiuS, Puktrich u. A. haben manchen neuen und richtigem Ansichten in diesem Fache Bahn gebrochen. Weniger ist, die Arbeiten von Schorn, Grüneisen u. A. ausgenommen, in wissenschaftlicher Hinsicht für die altdeutsche Malerei und Sculptur geschehen, obgleich man für Erhaltung und Wiederherstellung der Kunstdenkmäler überall sehr thätig war. Auch die Münzkunde des Mittelalters, für welche die „Blätter für Münzkunde", hcrauSgcg. von E. Grote (3 Vde. Hannov. 1833 — 39, 3.) und die „Numismatische Zeitung", rcdigirt von I. Lcitzmann (Jahrh. I—7, Weißcnsce 1833—30) nicht Unerhebliches bcigctragcn haben, erwartet noch ihre gründliche Bearbeitung; für andere Zweige der Ältcrthumskunde, wie Heraldik, Sphragistik, Genealogie, ist mit Ausnahme von früher» ungenügenden und unkritischen Versuchen in neuerer Zeit so viel als nichts gcthan worden. Deutscher Bund. Seitdem die Souverainctät der deutschen Neichsstände durch den wcstfäl. Frieden unwiderruflich geworden war, lag in dcrRcichsverfassung ein großer innerer Widerspruch zwischen der gesetzlichen Unterordnung der Neichsstände unter die Ncichsgcwalt und ihrem obersten Inhaber, den, Kaiser, einerseits und dem naturgemäßen Streben der einzelnen Staaten nach Selbständigkeit und ungehinderter Entwickelung ihrer Kräfte andererseits. Die einzige Vermittelung zwischen diesen sich entgcgcnstchendcn Principicn lag in der Volkseinheit der Deutschen, der Gemeinschaftlichkeit der Sprache und Literatur, der Sitten und ihrer Geschichte. Besonders seit dem westfäl. Frieden 1038 war das alte Reich eigent- lich nur dem Namen nach noch vorhanden. Die größer» und bedeutendem unter den Fürsten und Ständen bewegten seit dieser Zeit sich als unabhängige, als souveraine Herren. Endlich erkannte dieses Herrenthum selbst, daß im Vcrhältuiß gegen das Ausland eine andere Einheit Deutschlands, als sie in dem sogenannten Reiche lag, geschaffen werden müsse. Dieser Gedanke, diese Überzeugung ward den deutschen Fürsten fast aufgedrängt, als Napoleon l 800 das alte Reich vernichtet und den Rheinbund, wenigstens in einemThcile Deutschlands, an dessen Stelle gesetzt hatte. Denn obwol derselbe die Staaten, die ihn bildeten, in strenger Abhängigkeit von Frankreich hielt, so bahnte er doch und gerade dadurch den Weg zu der Ansicht, daß eine für die Zukunft innerc Friedensstörung in Deutschland verhütet, seine Kraftzur Vertheidignng uach außen vereinigt wid was Alle gemeinschaftlich berührte, auch gemeinschaftlich erledigt werden müsse. Als Mittel für dicleZwecke sollte derDeutsche Bund dienen. Die Begründung und Anordnung dieses Gcsammtverhältnisscs der deutschen Staaten geschah auf dem wiener Congressc im Nov. 1813 zunächst durch eine Berathung Ostreichs, Preußens, Baiems, Hannovers und Würtembcrgs, zu welcher jedoch später (vom 25. Mai 1815 an) auch die übrigen souvcraincn deutschen Staaten hinzugezogen wurden. Der anfangs von mehren deutschen Fürsten und Staaten gemachte Antrag auf Wiederherstellung der Kaiscrwürde wurde sehr bald theils durch Ostreichs eigene standhafte Weigerung thcils aus andern Ursachen abgcwiescn. Ein anderer Vorschlag, den gesammlen Bund in sieben Kreise, mit einem oder zwei der gräßern Staaten an der Spitze, zu thcilen, dabei einen Bundestag mit doppelter Rathsvcrsammlung, von welchen die eine aus den Kreisobersten, die andere aus allen souverainen und den größer« mcdiatisirten Fürsten, sowie aus den vier freien 2<)8 Deutscher Bund Städten zusammengesetzt sein sollte, cinzusetzen und zugleich ein allgemeines Bundesgerichl ! damit zu verbinden, fand gleichfalls vielfachen Widerspruch. Borzugsweise machten Baiern und Würtemberg, wie cs schien aus Furcht vor Beschränkung ihrer Souverainetätsrechte, gegen die Errichtung des Bundes überhaupt sehr nachdrückliche Einwendungen, ja letzteres zog sich endlich sogar von den Berathungen ganz zurück und trat erst später (am l.Sept. >815) dem Bunde bei. Es ist kein Zweifel, daß der größere Thcil der Machthaber und Staatsmänner, in deren Hände das große Geschäft gelegt war, eine neue Formel der Verbindung für die deutschen Staaten aufzustellen, den aufrichtigen Willen besaß, diese Verbindung so innig und stark zu machen als möglich, und selbst für die inner» Angelegenheiten der einzelnen Staaten wo nicht eine kraftvoll eingreifende Centralregierung, doch eine fesibestimmte gemeinschaftliche Gesetzgebung zu gründen und die Schranken wegzuräumen, welche die Deutschen in so mancher Beziehung voneinander trennten. Allein man überzeugte sich bald, daß der Charakter der Selbständigkeit bereits zu tiefe und allgemeine Wurzeln geschlagen habe, als daß man bei aller Geneigtheit zum Nachgeben und selbst zu Aufopferungen hoffen durfte, auf diesem Wege das Ziel zu erreichen. Man mußte sich also begnügen, nur die allgemeinen Grundlagen einer festen Staatenverbindung gegen das übrige Europa zu legen, für die inner« Zwistigkeiten einen friedlichen Weg der Entscheidung zu bahnen und im Übrigen nur die Möglichkeit künftiger engerer Verbindung frei zu halten. Auf diese Weise ward nach langen Verhandlungen über diese Angelegenheit am 8. Juni >815 zu Wien die deutsche Bundesacte, bestehend aus 2» Artikeln, von welchen die ersten elf wörtlich in die wiener Congrcß- acte vom 9. Juni 1815 ausgenommen und dadurch unter die Garantie der europ. Hauptmächte gestellt wurden, unterzeichnet und damit der unauflösliche Deutsche Bund geschaffen. Dieser besteht, wie ursprünglich, gegenwärtig aus 33 unabhängigen Staaten und aus vier freien Städten nebst ihrem Gebiete. Nachdem l8I7 noch Hessen-Homburg in den- ' selben ausgenommen worden war, ward 1825 durch das Erlöschen dos herzoglichen Hauses Sachsen-Gotha die ursprüngliche Zahl der Staaten wiederhcrgestellt. Der Deutsche Bund ist keine Union, kein Bundesstaat, wie z. B. die Vereinigten Staaten von Nordamerika, sondern eine bloße Föderation, ein Staatcnbund, d. h. ein völkerrechtlicher Verein der deutschen souverainen Fürsten und freien Städte, in welchem demnach alle Bundesglicder als solche gleiche Rechte haben. Diese sind: l) Ostreich (aber nur mit folgenden Staaten: Erzherzogthum Ostreich, Herzogthum Steiermark, Königreich Jllyrien, Grafschaft Tirol, Königreich Böhmen, Markgrafschaft Mähren mit östr. Schlesien und Hcrzogthümern Auschwitz und Zator in Galizien, zusammen 3687 UM. mit etwa > 2 Mill. E.), 2) Preußen (aber nur mit den Provinzen Brandenburg, Pommern, Schlesien, Sachsen, Westfalen, Rheinland, zusammen 33«» UM. mit 16'/- Mill. E.), 3) Baiern, 3) Sachsen, 5) Hannover, 6) Würtemberg, 7) Baden, 8) Kurhessen, 9) Hessen-Darmstadt, I <>) Holstein und Lauenburg, im Besitze des Königs von Dänemark, I l) Luxemburg, im Besitze des Königs der Niederlande, 12) Sachsen-Weimar, 13) Sachsen-Meiningen, l-l) Sachsen-Altenburg, 15) Sachsen-Koburg-Gotha, 16) Braunschweig, l7) Nassau, l 8) Mecklenburg-Schwerin, * l9)Mecklenburg-Strelitz,26)Oldenburg, 2I)Anhalt-Dessau, 22)Anhalt-Bcrnburg,23)An- halt-Köthen, 23) Schwarzburg-Sondershausen, 25) Schwarzburg-Nudolstadt, 26)Hohen- zollern-Hechingen, 27) Hohenzollern-Sigmaringen, 28) Waldeck, 29) Reuß ältere Linie, 39) Neuß jüngere Linie, 31) Lippe-Schaumburg, 32) Lippe-Detmold, 33) Liechtenstein, 33) Hessen-Homburg, und die freien Städte: 35) Lübeck, 36) Frankfurt, 37) Bremen und 38) Hamburg. Der Zweck des Deutschen Bundes ist die Erhaltung der äußern und inner» Sicherheit Deutschlands und der Unabhängigkeit und Unverletzbarkeit der einzelnen deutschen Staaten (Art. 2). Demgemäß versprachen laut Art. l I alle Mitglieder des Bundes, sowol ganz Deutschland als den einzelnen Bundesstaat gegen jeden Angriff in Schuh zu nehmen, und garantirten sich gegenseitig ihre sämmtlichen unter dem Bunde begriffenen Besitzungen. Bei einmal erklärtem Bundeskriege darf kein Mitglied einseitige Unterhandlungen mit dem Feinde eingehen, noch einseitig Waffenstillstand oder Frieden schließen. Die Bundesglieder behalten zwar das Recht der Bündnisse aller Art, verpflichten sich jedoch, in keine Verbindungen einzugehen, welche gegen die Sicherheit des Bundes oder einzelner Bundesstaaten Deutscher Bund 209 gerichtet sind. Auch machen sie sich verbindlich, einander unter keinerlei Vorwand zu bekriegen und ihre Streitigkeiten nicht mit Gewalt zu verfolgen. In den nächstfolgenden Artikeln der Bundesacte sind die nothwendigsten und allgemeinsten Grundlagen der öffentlichen Ordnung in den Bundesstaaten gelegt. So bestimmt dieselbe im Art. >2 Trennung der gerichtlichen Gewalt von der regierenden und Nothwendigkeit einer dreifachen Instanz, und nach Art. 13 sollen alle Bundesstaaten eine landständische Verfassung erhalten. Der Art. l-t verfügte Sicherstellung eines festen Nechtszustands für die mediatisirten, vormals reichsständischen Fürsten und Grafen. Der Art. 16 sicherte die bürgerliche Gleichstellung allen christlichen Confessionsverwandten in den deutschen Bundesländern zu. Der Art. 18 gestattete die Freizügigkeit innerhalb des Bundes und versprach gleichförmige Verfügungen über die Preßfreiheit. DerArt. I!» versprach eine künftige Berathung über die Befreiung des Verkehrs innerhalb des Deutschen Bundes. Zu Frankfurt am Main sollte ein immerwährender Bundestag seinen Sih haben, bestehend aus den bevollmächtigten Gesandten der 38 Staaten. Ostreich erhielt das immerwährende Präsidium und am 5. Nov. >816 wurde die Bundesversammlung eröffnet. Diese Bundesversammlung besteht in doppelter Form, I) als allgemeine Versammlung, voller Rath oder Plenum genannt, in welcher jedes Mitglied wenigstens eine, die größer« Staaten aber mehre Stimmen haben, nämlich Ostreich und die fünf Königreiche jedes vier (24), Baden, Kurhessen, Hessen-Darmstadt, Holstein und Lu- remburg jedes drei (15), Braunschweig, Mecklenburg-Schwerin und Nassau jedes zwei (6), die übrigen einzelnen Mitglieder jedes eine.Stimme, sodaß mit ihren 25 Stimmen, indem die drei Speciallinien des Hauses Sachsen die Stimme des erloschenen Hauses Sachsen-Gotha fortführen, das Plenum 7 V Stimmen zählt; 2) als engerer Rath, Bundesregierung genannt, bei welcher die Stimmen der 38 Bundesmitglieder auf 17 reducirt sind. Ostreich, Preußen, Baiern, Sachsen, Hannover, Würtemberg, Baden, Kurhessen, Hessen-Darmstadt nebst Hessen-Homburg, Holstein und Luxemburg führen jedes eine Einzelstimme (II), die übrigen haben Gesammt- oder Curiatstimmen, und zwar wird die 12. von dem Hause Sachsen ernestinischer Linie, die 13. von Braunschweig und Nassau, die 14. von Mecklenburg- Schwerin und Mecklenburg-Strelitz, die >5. von Oldenburg, den drei anhaltischen und den zwei schwarzburgischen Häusern, die 16. von Hohenzollern-Hechingen, Hohenzollern-Sig- maringen, Reuß, Liechtenstein, Lippe und Waldeck und die 17. von dewvier freien Städten gemeinschaftlich geführt (Art. 4). Das Plenum findet statt, wo es auf Abfassung und Abänderung von Grundgesetzen des Bundes, auf Beschlüsse, welche die Bundesacte selbst betreffen, auf organische Bundeseinrichtungen und auf gemeinnützige Anordnungen sonstiger Art ankvmmt, ferner, wie die wiener Schlußakte hinzusügte, wo es sich um eine Kriegserklärung oder Friedensbestätigung oder die Aufnahme eines neuen Mitglieds in den Bund handelt. Übrigens darf im Plenum keine Berathung und Erörterung, sondern nur Abstimmung stattfinden und ein gültiger Beschluß setzt hier eine Mehrheit von zwei Drittheilen voraus. Die engere Versammlung dagegen entscheidet, inwiefern gewisse Gegenstände für das Plenum geeignet seien; sie werden in dieser enger» Versammlung vorbereitet und bis zur Annahme oder Verwerfung zur Reife gebracht. Die Beschlußnahme in diesem engern Rathe, wo die absolute Stimmenmehrheit gilt, soll die Regel sein, das Plenum aber nur in den von der Bundcsacte ausdrücklich bezeichncten Fällen eintreten. Übrigens ist, wo es auf Annahme oder Abänderung der Grundgesetze, auf organische Bundeseinrichtungen, auf jura ->ii,g„Io- rum oder Neligionsangclegenheiten ankommt, in beiden Versammlungen Stimmeneinhelligkeit erfoderlich. Das Heer des Deutschen Staatenbundes besteht aus den Contingenten der 34 einzelnen Bundesstaaten und der vier freien Städte Hamburg, Bremen, Lübeck und Frankfurt zusammen und ist in zehn Armeecorps nebst einer Reserve-Infanteriedivision getheilt. Von diesen zehn Corps stellt Ostreich drei, jedes zu zwei Divisionen; Preußen drei, ebenfalls zu zwei Divisionen; Baiern das siebente Corps, zu zwei Divisionen; Würtemberg, Baden und Rheinhessen bilden das achte Corps, zu welchem jeder dieser Staaten eine Division stellt; Sachsen und Kurhessen bilden die erste Division des neunten Corps und Nassau mit Luxem- bürg die zweite Division desselben; das zehnte Corps ist in zwei Divisionen getheilt, di« Conv.-kex. Neunte Aufl. IV. ülO Deutscher Bund erste bilden Hannover, Braunschweig, Holstein und beide Mecklenburg, die zweite aber Oldenburg mit den drei Hansestädten. Die Reserve-Infanteriedivision, bestehend in I > > 16 M., ohne Cavalerie und ohne Geschütz, ist aus den Contingenten der 18 kleinern Staaten und der freien Stadt Frankftrrt zusammengesetzt. Die Stärke der einzelnen Armeecorps ist nicht überall gleich, das bairische ist das stärkste, das neunte Corps das schwächste. DieGesamnil- stärke de«Bundesheers beträgt 303483M., nämlich 238871 Infanterie, 40721 Cavalerie, 20979 Artillerie, mit 580 Geschützen, und 2912 Pioniere. Zum Schutze gegen Angriffe von außen dienen die Bundesfestungen. Zu solchen wurden zunächst die drei Festungen Mainz, Landau und Luxemburg erhoben und zugleich beschlossen, sie auf gemeinschaftliche Kosten herzustellen, zu verstärken, zu erhalten und mit Truppen verschiedener Buudesstaa- ten zu besetzen. La nd au.(s. d.) in Rheinbaiern hat keine gemischte, sondern blos bair. Besatzung. Diese Festung wurde früher durch die Germersheimer Linien, welche 2°/l> Meilen weit bis an den Rhein gingen, verstärkt und hat in neuester Zeit durch die neu angelegte bair. Festung Germersheim noch an Wichtigkeit gewonnen. Sie hat die Bestimmung, den östlichen Zugang aus dem Elsaß nach dem Oberrhein zu decken. Mainz (s. d.) ist die stärkste der drei Bundessestungen. Sie liegt auf dem Hauptzugangc aus dem Elsaß und beherrscht die Einmündung des Main in den Rhein. In neuerer Zeit wurde sie durch mehre Additionalwerke ansehnlich verstärkt und hat im Frieden gegen 8000 M. Besatzung, zur Hälfte aus östr., zur Hälfte aus preuß. Truppen bestehend. Gouvernement und Commandantur alter- niren unter beiden Staaten in jährlichem Wechsel, sodaß wenn Ostreich die eine dieser Behörden installirt, es preußischerseits mit der andern geschieht. Luxemburgs, d.) ist schon aus früher» Zeiten als eine der stärksten, aber auch zugleich weitläufigsten Festungen bekannt, welche in neuester Zeit noch dadurch an Stärke gewonnen hat, daß mehre unnütze Werke eingegangen sind und bei andern eine den Grundsätzen der neuern Fortification ent- sprechendeUmformung stattgefunden hat. Luxemburg hat einen preuß. Gouverneur und eine starke, ausschließlich aus preuß. Truppen bestehende Besatzung. Während die genannten drei Festungen hauptsächlich den Schutz des Mittelrhein bezwecken, befand sich der deutsche Oberrhein ohne denselben, da man sich über die zweckmäßigsten Punkte zur Anlage neuer Bundesfestungen nicht einigen konnte. Die Wahl schwankte zwischen Ulm, Rastatt und andern Punkten, und die desfallS ausgeworfenen Summen (namentlich wurde dazu ein Theil der franz. Contribution von 1815 bestimmt) blieben gegen sehr mäßige Zinsen über 2 0 Iah« lang deponirt. Die Epoche des franz. Ministeriums Thiers im Z. 1840 brachte endlich die dringliche Frage zur Entscheidung, und der Deutsche Bund einigte sich dahin, mit dem Bau von Rastatt (s. d.) als vierter Bundesfestung unverzüglich vorzuschreiten und demnächst die Befestigung von Ulm (s. d.) als fünftem Bundesplatz folgen zu lassen. Im Interesse des Deutschen Bundes, wenn auch nicht als eigentliche Bundesfestung, ist hier noch die starke bair. Festung Ingolstadt (s. d.) zu erwähnen, deren Bau, nach einem großartigen Plane, als vollendet anzusehen ist und wodurch dieser Ort einen der wichtigsten Waffenplätze deS südlichen Deutschlands bildet. Im Falle eines Kriegs wird vom Bunde ein Obcrfeldherr gewählt, der in dessen Eid und Pflicht steht, von ihm seine Instructionen erhält, ihm allein verantwortlich und selbständig den Operationsplan des Feldzugs zu entwerfen befugt ist. Der Kanzleiaufwand beim Bundestage, im Durchschnitt jährlich 22330 Fl., ist nach der Stimmenzahl im enger» Rache, alle übrigen Geldleistungen und die Mannschaftsstellung ('/> »i> der Bevölkerung) sind nach einer auf die Bolkszahl gegründeten Matrikel vertheilt. Die Gesandten der Bundesmitglieder haben die Eigenschaften volkerrechtlichcrAbgeordneten und sind nur ihren Regierungen verantwortlich, daher auch stets nur an die Instructionen ihrer Höfe, nicht an ihre Überzeugung gewiesen. Eine Ausnahme hiervon machen jedoch die Fälle, wo die Gesandten als Commissarien der Bundesversammlung oder als Referenten derselben zu handeln haben. Auch fremde Gesandtschaften sind bei der Bundesversammlung accreditirt und angestellt, namentlich von Frankreich, Großbritannien, Rußland, Schweden und Belgien. Uber die zu ihrem Wirkungskreise gehörigen Gegenstände beginnen ihre Berathschlo- gungen theils von Amtswegen, theils werden sie durch Mittheilungen fremder Regierungen oder Anträge der Bundesmitglicder eingeleitet. Auch Privatpersonen können sich an di e Bundesversammlung wenden und erhalten Resolution durch Protokollextracte. Die Sitzun- Deutscher Bund SIL ge» der Bundesversammlungen sind thcils vertrauliche, in welchen vorläufige Besprechungen stattsinden, und worin kein Protokoll ausgenommen wird, theils förmliche. Die letzter« wurden bis zur Mitte des I. 182-1 mit wenigen Ausnahmen der Öffentlichkeit übergeben; seitdem aber ist das Publicum in Betreff derselben meist an Vermuthungen gewiesen. Über Gegenstände, welche nicht zur allgemeinen Bekanntmachung sich eignen, werden Separatprotokolle ausgenommen, und diese nur als Handschrift (loco clietsturue) gedruckt und an die Gesandten und Ministerien vertheilt. Die Streitigkeiten der Bundesglieder unter sich sucht die Bundesversammlung zuvörderst durch eine Commission in Güte beizulegen; wenn jedoch der Vermittelungsversuch fehlschlagt, wird ein rechtliches Verfahren cingeleitct, und von den Parteien das oberste Gericht eines Bundesstaats erwählt, welches den Streit nach gemeinem deutschen Recht und nach den von dem Reichsgerichten befolgte» Normen als Aerst rägal in stanz (s. d.) zu entscheiden hat. Der erwählte Austrägalgerichtshof spricht im Namen und Aufträge des Deutschen Bundes, und es sind auf diese Weise schon mehre Streitigkeiten geschlichtet worden. Dem engern Nathe liegt auch nach der Executionsordnung vom 3. Aug. 1820 ob, dieBundcsbeschlüffe nöthigenfalls durch Gewalt zurExecution zu bringen. Alles dieses ist zuerst in der Stiftsurkunde vom 8. Juni 1815 bestimmt, sodann in der Schlußacte der wiener Ministerialconferenzen vom 15. Mai 1820, welche als Bundes- geseh am 8. Juni > 820 angenommen wurden. Die Thätigkeit, welche nächstdem der Bund entwickelte, war meist nach innen gerichtet und durch die Ereignisse veranlaßt, welche im Laufe der Zeit sich aufdrangen. So hatten die politischen Umtriebe, die zunächst durch die Ncstaurationsversuche einzelner Regierungen kleinerer Staaten und durch das Verlangen nach Volksvertretern hervorgerufen, besonders in der Burschenschaft zur Erscheinung kamen, 1810 die Karlsbader Beschlüsse zur Folffe, durch welche mittels Einsetzung einer Central- untcrsuchungscommission zu Mainz, mittels Schärfung der Censur und mittels strenger Überwachung der Universitäten durch Regierungscommissarien dem Überhandnehmen dieses politischen Geistes entgegengewirkt werden sollte. Prohibitive Maßnehmungen ähnlicher Art erfolgten, als das Beispiel der Zulirevolution in Frankreich mehrfach ernstere Unruhen in einzelnen deutschen Staaten entzündete. An sie schlossen sich am 28.Zuni 1832, gewissermaßen als Antwort auf die Anträge, die Welckcr 1831 in der badischen Ständcversamm- ung auf Reform des Deutschen Bundes gestellt hatte und auf die mancherlei Angriffe, die in andern Ständcversammlungcn gegen das Verfahren des Bundes gemacht waren, sechs neue Beschlüsse an, welche vorzugsweise in den konstitutionellen Staaten das monarchische Element gegen das ständische zu erheben bestimmt waren. Zn denselben wurde aufgestellt, daß die deutschen Souveraine berechtigt und verpflichtet seien, Anträge der Stände, welche die in der Hand des Monarchen befindliche Staatsgewalt irgendwie schwächen könnten, zu verwerfen, daß die Stände kein Recht hätten, mittelbar oder unmittelbar die Bewilligung der Steuern an die Erfüllung andcrweiter Bedingungen zu knüpfen, daß die innere Gesetzgebung der Bundesstaaten weder dem Zwecke des Bundes noch der Erfüllung bundesverfassungsmäßiger Pflichten Eintrag thun dürfe, daß eine Commission nicdergesetzt werden solle, vor der Hand auf sechs Jahre, welche etwaige Versuche von Eingriffen der Stände in die Rechte der Regierungen zu überwachen habe u. s. w. In ähnlicher Weise wurde auch die Feier des hambacher Festes und später das frankfurter Attentat Veranlassung, die Beaufsichtigung der periodischen Presse zu schärfen, politische Vereine zu verbieten und für die Universitäten strengere Controlmaßregeln anzuordnen. Wenn diese Art Thätigkeit der Bundesversammlung im Volke weniger Anklang fand, so wurde dagegen die Begründung eines Bundesschiedsgerichts (30. Oct. 1834), welches in Folge der 1834 zu Wien gehaltenen Ministerialconferenzen ins Leben trat, als Garantie für Sicherung des allseitigen Rcchts- zustands, mit Freude ausgenommen. Seiner Bestimmung nach soll dieses Gericht für den Fall dienen, daß in einem Bundesstaate zwischen der Regierung und den Ständen über die Auslegung der Verfassung oder über die Grenzen der bei Ausübung bestimmter Rechte des Regenten den Ständen eingeräumten Mitwirkung, namentlich durch Verweigerung der zur Erfüllung der Bundespflichten und deS Staatszwecks ersoderlichen Mittel, Irrungen entständen, und alle verfassungsmäßigen und mit dm Gesetzen vereinbarlichen Wege zu 14 * 212 Deutsche Geschichtskunve deren genügender Beseitigung bereits vergebens eingeschlagen jeien. Dieses Gericht ist gebildet aus 34 Männern, welche immer auf drei Jahre von den 17 Stimmen des engern Raths ernannt werden, sodaß von jeder Stimme ein im juridischen und ein im administrativen Fache ausgezeichneter Geschäftsmann bestellt wird. In Betreff der Differenzen, welche die Staaten untereinander oder die Fürsten betrafen, deren Schlichtung dem Bunde übertragen worden war, trat derselbe zuerst 1817 mit demKurfürsten von Hessen, gegen den von einem Domainenkäufer eine Reclamation cingereicht worden war, in Conflict. Der Kurfürst nahm aber den Beschluß, welchen die Bundesversammlung an ihn erließ, höchst misfällig auf. I» der Sache der Holsteiner Stände (1822), die für Wiederherstellung der Landstände, welche der Landesfürst.angeblich versprochen, die Hülfe der Bundesversammlung nachsuchten, >owie in der hannöv. Verfassungsfrage, enthielt sich dieselbe einer directen, zwingenden Entscheidung. Ebenso führten die wiederholten Verhandlungen über minder drückende Zvlleinrichtungcn und eine nach und nach für ganz Deutschland zu begründende Handelsfreiheit, sowie über die mit dieser Angelegenheit eng zusammenhängende anhaltiner Enclavensache zu keinem Resultate. Dagegen trat der Bund in der Streitsache des Herzogs Karl von Äraunschweig mit seinen Ständen und Georg IV. von England, wo es fast zur Vollstreckung der Execution kam, und in der bei Gelegenheit der belg. Unruhen streitig gewordenen luxemburger Sache mit Festigkeit und kraftvoller Haltung auf. Außer der „Sammlung der Protokolle der Bundesversammlung" (16 Bde., Franks. 1816 — 24, 4.) sind die Bundesgesttze auf sehr zweckmäßige Weise zusammengestcllt in Meyer's „Staatsacten für Geschichte und öffentliches Recht des Deutschen Bundes" (2 Bde., Franks. 1822—24; 2. Aust., 1833); Michaelis' „<7or;iu8 juris publici geinmnici scruleniiciun" (Tüb. 1825); Klüber's „Quellensamm- lung zu dem öffentlichen Rechte des Deutschen Bundes" (3. Aust., Erl. > 83V) und Desselben „Öffentliches Recht des Deutschen Bundes und der Bundesstaaten" (Franks. 1818; 4. Aust., von Morstedt, I84V). Vgl. auch Crome, „Geographisch-statistische Darstellung der Staatskräfte von sämmtlichen zum Deutschen Bunde gehörigen Ländern" (4 Bde., Lpz. 1820—28). Deutsche Geschichtskunde. Die deutsche Geschichtskunde oder Quellenkunde der deutschen Geschichte hat cs mit Erforschung und Beurtheilung der Schriften zu thun, aus denen eine zuverlässige authentische Geschichte des deutsche» Volks geschöpft werden kann. Sic wird schon mit den Überlieferungen beginnen, die auswärtige Völker, vornehmlich Griechen und Römer, über Deutschland aufbewahrt haben, und mit demjenigen Zeitpunkte schließen, in welchem die deutsche Geschichtsforschung entschieden auftritt, d. h. mit dem Schlüsse des 15. Jahrh. Die frühesten Nachrichten über Deutschland finden sich nur beiläufig und vereinzelt bei Griechen und Römern, bei Cäsar, Vellejus und Dio Cassius; in des Tacitus „6ermsnm" wird uns jedoch dieser Mangel reichlich ersetzt durch eine ausführliche und treffliche Schilderung unserer Vorfahren und des von ihnen bewohnten Landes. Uber einzelne deutsche Völkerstämme im frühen Mittelalter sind dann reichhaltige Quellen Jordanes (s. d.) in seiner „Geschichte der Gothen", einem Auszuge aus des Cassiodorus verlorenem ausführlichen Werke; Gregor von Tours (s.d.), gest. 5!«5, in seiner „Geschichte der Franken" und Paulus Diaconus (s. d.), gest. vor 8VV, in seiner „Geschichte der Langobarden". Die Reihe der eigentlich deutschen Quellenschriftsteller beginnt unter Karl dem Großen, der die Hauptvölker deutschen Stamms unter einem Scepter vereinigte. In den Geschichtswerken dieser Zeit bis zum 1 v. Jahrh. treten vornehmlich zwei Richtungen in de» Vordergrund, nämlich die annalistische und chronikenartige und die biographische. Die an- nalistische Aufzeichnung besteht in einer kunstlosen und trockenen Aufführung der Begebenheiten nach den Jahren, die sich, außer in den Annalen Einhard's (s. d.), nie zu einer wahrhaft historischen Auffassung und Darstellung erhob. Die Anfänge derselben liegen noch vor der karolingischen Zeit und fallen gewöhnlich mit der Gründung der Klöster zusammen, in denen sic angelegt wurden. Neben den Annalen haben wir mehre Chroniken, die nach dem Muster von Beda's „Lbronieon cke sex setatibus inumli" von Erschaffung der Welt anfangend, später das Gleichzeitige in der Weise der Annalen anreihen und erst von diesem Zeitpunkte an für die Geschichte brauchbar werden. In beiden Arten der Aufzeichnung, der annalistischen und chronikartigen, ist wie von historischer Auffassung, so auch von Deutsche Geschichtskunde 213 einer bestimmten Form der Darstellung nicht die Rede, vornehmlich schon aus dem Grunde, weil die Annalen sowol als die Chroniken ihre Entstehung und Weiterführung mehren auf- einanderfolgenden Verfassern verdankten. Unter der ansehnlichen Menge von Annalen verdienen besonders bemerkt zu werden die „Vnnsles I^sureslmmensss" oder Lorscher Annalen von 703 — 803, die llünliarlii", auch genannt „^nnalsr roA,nn bVsncnrum, Lippini, 6»roli 5lagni, 1lliises" von 640 — 873. Hierher gehören auch die „<7k,8„8 8aacti dkllli" wn Ratpert, gest. um 000, und seinem trefflichen Fortsetzer Eckehard lV. Von den Chroniken nennen wir das von Andern im Mittelalter stark benutzte „Cliromcon" des Regino (s. d.), Abts von Prüm, gest. 015, das aber erst im zweiten Theile, der den Zeitraum von 741 — 006 umfaßt und besonders von 870 an als gleichzeitige Quelle höchst schätzbar ist. Auch die Anfänge der Biographie fallen noch vor Karl dem Großen, doch erhob sie sich unter ihm vorzüglich durch Einhard zu seltener Höhe und gewann von diesem Zeitpunkte Geltung und weite Ausbreitung. Sie nahm zwei Richtungen, eine kirchliche und eine politische. Die kirchliche Biographie, die die frühere ist, hat in dieser Zeit fast durchgängig wenigstens special- und culturgeschichtliches Interesse, da sie nur selten einen panegyrischen oder ascetischen Charakter annimmt und sich gewöhnlich noch auf historischem Boden fortbewegt. Die politische Biographie gewann weniger Ausbreitung und Umfang als die kirchliche, erreichte aber nach Inhalt und Form eine höhere Stufe, von der sie aber kurz nachher wieder herabsank. Den Mittelpunkt bildet Einhard's „Vitu Csroli Vlsgni", beendigt vor 820, das vollendetste geschichtliche Werk dieser Art im Mittelalter, sowol was Anlage und Behandlung als was Sprache und Ausdruck betrifft; den Nachfolgenden diente es als Muster,^was aber Niemand erreichte, viel weniger übcrtraf. Thegan, Chorbischof von Trier, schrieb eine „Vite, lliulluvvici bis 835 in annalistischer Form; er steht aber einem Unbekannten nach, der das Leben desselben Kaisers in einfacherer, aber vollständigerer und unparteiischer Weise verfaßte. Näher kommen Einhard's Werke die vier Bücher „Geschichten über die Streitigkeiten der Söhne Ludwig des Frommen" bis 843, die Nithard, ein Enkel Karl des Großen, im Aufträge Karl des Kahlen schrieb, an deren Überarbeitung und größerer Vollendung ihn wahrscheinlich der Tod hinderte. Unter den Werken der kirchlichen Biographie steht die „Vita Uonitncii" vom Presbyter Wilibald, bald nach dem Tode des Märtyrers (754) in etwas schwerfälligem Stile verfaßt, den übrigen an Alter voran; fast von gleichem Alter i-st die der Sprache und Darstellung nach rohe, aber interessante „Vita 8. Oalli" (um 771); historisch wcrthvoll sind ferner die „Vita 8t„rmi" vom Mönch Eigil, gest. 822, in Fulda, die „Vita l.iullgeri", Bischofs von Münster, gest. 809, gleich nach seinem Tode von Altfrid, die „Vita 8. Willeiialli", Bischofs von Bremen, von Anskar, gest. 865, und die „Vita 8. Xliskarü" von Rimbert, gest. 888, verfaßt. Am Ende dieses Abschnitts können noch einige Werke in metrischer Abfassung, wie des Poeta Saxo Werk „De gestis Osroli Vlagni" und des Ermoldus Nigellus „Csrmon elo^. in konnrem Klullorrici Imp." erwähnt werden, da ihr geschichtlicher Gehalt den dichterischen überwiegt. Vom 10. Jahrh. ab tritt die im vorhergehenden so beliebte kirchliche Biographie in den Hintergrund und die wenigen Werke dieser Gattung nehmen mit nur einzelnen Ausnahmen von nun an mehr einen paränetisch-ascetischen Charakter an und bieten somit für die Geschichtsforschung vermindertes Interesse; auch die Annalen, obgleich in manchen Klöstern noch fortgeführt, haben von diesem Zeitpunkte an sehr an Bedeutung verloren, da an ihre Stelle Geschichtswcrke meist unter dem Namen von Chroniken traten, von denen viele an Reichthum des historischen Stoffs und vollkommener Bewältigung und Durchdringung desselben, wozu sich bei einzelnen auch eine kunstgemäße Darstellung gesellt, die Werke der vorhergehenden Periode noch übertreffen. Mit dem 12. Zahrh. erscheinen auch Chroniken in deutscher Sprache und sämmtlich gereimt, bei denen jedoch, da ihr historischer Gehalt gering ist, mehr ihre poetische Geltung in Frage kommt. Aus der Zeit der sächs. Kaiser haben wir drei Schriftsteller als vorzüglich wichtig her- 214 Deutsche GefchichtSkuude vorzuheben, Liutprand, Widukind und Dietmar. Liutprand (s. d.), Bischof von Cre- mona, gest. um 972, war vielfach in Angelegmheiten Kaiser Otto's 1. beschäftigt und machte namentlich mehre Gesandtschaftsreisen nach Konstantinopel, wodurch er sich Kenntniß der griech. Sprache erwarb. Er schrieb in einer lebendigen, etwas incorrecten Sprache „Oe re- bus gestis Ottonis ülsgui Imp.", eine „üelatia «io leAstione constsntinopolitsna" und sechs Bücher über die Begebenheiten seiner Zeit, die er „^nlspoclosis" nannte. Ihn übertrifft beiweitem durch Correctheit der Sprache, lichtvolle und ruhige Darstellung Widukind (s. d.) von Korvei, gest. vor 100t, der in drei Büchern, denen er eine Einleitung über den Ursprung der Sachsen vorausschickte, die Thaten Heinrich's l. und Otto's I. bis zum I. S73 verfolgte. Eine Hauptquelle für die Geschichte des gegenwärtigen Königreichs Sachsen und der slawischen Gegenden über der Elbe ist Dietmar's (s. d.) von Merseburg, gest. 1018, „6Kronicon", das bei seinem Reichthum und der glücklichen Auswahl des historischen Stoffs gern übersehen läßt, daß der Verfasser in einer oft dunkeln und schwülstigen Sprache schrieb und überdies etwas wundergläubig war. Von den wenigen Biographien verdienen aufgeführt zu werden die „Vita Lrnnvuis", Erzbischofs von Köln, von Ruotger 867 abgefaßt; das Leben eines andern Bruno, Bischofs von Bamberg, gest. 1008, welches in die älteste Geschichte der Ostseeküste Licht bringt, und die poetische „kaa«g>ris" der Otto- nen von der Nonne Hrotsuita (s. d.). Unter den salischen Kaisern ist Lambert von Aschaffenburg (s.d.) Derjenige, welcher in seinem mit richtigem Blicke und scharfem Ur- theil, dabei in correcter Sprache abgefaßten „6bromc«u" von 1050—77 seine Vorgänger noch hinter sich ließ und neben Einhard als daS beste Muster der Geschichtschreibung im Mittelalter gelten kann. Nicht unwürdige Nachfolger von ihm waren Hermann Con- tractus (s. d.), derPreßhafte oder Gebrechliche, gest. 1054, in seinem „6iiromcou »0 orde conöl. aä sun. 1054" mit Fortsetzung bis 1066; Adam von Bremen (s.d.) in seiner „Oistoria ecclesise llamwsbiirß." von 788— 107 2, der erste und trefflichste Eeschichtschkki- ber des nördlichen Deutschlands, Cosmas von Prag (s. d.), gest. 1125, in seinem „Oiro- uicon Lobemomw" und der Verfasser des ersten Theils vom „Lbronican Orszrergeuse" bis 1126. Einen gleich glücklichen Fortgang hatte die Geschichtschreibung unter der kraftvollen und thatenreichen Regierung der Hohenstaufen. Unter den Historikern dieser Periode stehen voranOtto von Freisingen (s.d.) mit seinem „(Lronicou" bis 1153, Helmold (s. d.) mit seinem „(ldronieon 8Iavorum" bis 1170, fortgesetzt von Arnold von Lübeck, Albert von Stade, gest. nach 1260, und der petersberger Mönch in dem „Oeronicvn moutis sereni", 1124—1225. Mehre schrieben das Leben Kaiser Friedrich's l.; das von Otto von Freisingen verfaßte und von Radewic fortgesetzte ist den andern vorzuziehen. Poetisch behandelte die Thaten desselben Günther in seinem „Oigurinus s«-u «1« rebus gestü Inäerici I." mit Geschick und Talent. Nach dem Untergange der Hohenstaufen, in den wirrenvollcn Zeiten des Interregnums, sank auch die Geschichtschreibung von ihrem Höhenpunkte immer tiefer hinab; von allgemeinem Geschichtswerken dieser Periode bis zum Ausgange des 15. Zahrh. gibt es nur wenige, die außer in Bezug auf ihren Inhalt noch in anderer Hinsicht genannt zu werden verdienten; den meisten Werth haben noch einige Special- und Städtechroniken, welche seit dem Anfänge des 14. Jahrh. meist in deutscher Sprache abgefaßk zum Vorschein kamen und zum Theil von allgemeiner»! historischen Interesse sind, da sie gewöhnlich über die gesteckten Grenzen hinausgehen. Werke der erstem Gattung sind Heinrich's von Rebdorf „^kronieon" von 1285—1363, Heinrich's von Hervord, gest. 1370, Schrift „Oe tempu- rilms meworabilibus", des Gobelinus Persona, gest. 1420, „eoswoäromium", Herm. Corner'S „6krouieon" bis 1435 und Werner Rolevink's „basciculus temporum". Von den Specialchroniken erwähnen wir nur Ottokar'S von Homeck „Östreichisch-steirische Chronik", kurz vor und nach 1300 in deutschen Reimen, Jak. Twinger's von Königshofen „Elsassische Chronik" um 1386 und Johannes Rothe's um 1442 abgefaßte „Thüringische Chronik". Bon dm Städtechroniken zeichnen sich aus die „Limburger Chronik" des Zoh. Gensbein, gest. 1402, die 1385 vom Minoritenlesemeister Detmar begonnene „Lübische Chronik" und die noch ungedruckte, 1451 im Aufträge des Raths von Pet. Becker geschriebene „Chronik von Zerbst", letztere beide in plattdeutscher Sprache. Deutsche Geschichtskunde 2l!r Schon im 16. Jahrh. begann man Sammlungen verschiedener Qucllenschriftsteller der deutschen Geschichte zusammenzustellen und zu veröffentlichen; doch bediente man sich dabei nicht derjenigen Kritik, welcbe untersucht, ob die Quelle ursprünglich oder abgeleitet, ob sie rein und verläßlich jeder getrübt, ob das Ganze bloßes Compilat oder Auszug aus altern Werken ist. Fast der neuesten Zeit und vor Allen den Herausgebern der,Monument» Qer- maniiie bistorics" blieb cs aufbehalten, mit gesundem, kritischem Urtheil die einzelnen Quel- lenschriftstcller der deutschen Geschichte zu untersuchen, zu sichten und dadurch über die Quel- lenkunde der ältesten deutschen Geschichte ein Licht zu verbreiten, das auf die Geschichtsforschung bereits die erfreulichste Rückwirkung geäußert hat. Die Sammlungen begannen mit der Ausgabe Widukind's u. s. w. von Martin Frecht (Bas. > 532, Fol.); dann folgten die „Oermsn. rer. qnstuor cbrouoFrspbi" von Sim. Schardius (Franks. 1566, Fol.); die „Script, rer. Ferm." von Pet. Pithöus (Bas. 1569, Fol.); das „Ristoricorum Opus" von Sim. Schardius (Bas. 1574; 2. Aust., Gieß. 1673, Fol.); die „Script, rer. germ." von Reiner Reineccius (Franks. >577 — 81, Fol.); die „Illustres veterss scriptorcs etc." von Joh. Pistorius (3 Bde., Franks. 1583 — 1607; 3. Aust., von B. G. Struve, Re- gensb. 1726, Fol.); dic„Vetere8 seriptorss etc." von Reuber (Franks. 1584; 3. Aust-, Franks. 1726, Fol.); die „6erm»m»e kistorici illustres von Chr. Urstistus (2 Bde., Franks. 1585; 2. Aust., 1670,Fol.); die „Kerum Ferm, script.»liquot insiFues" vonMarq.Freher (3 Bde., Franks. 1600 — 1 1; 3. Aust., von B. G. Struve, Strasb. 1717, Fol.); die „Kerum »Ismsnnicsr. script. aliquot vetusti" von Melch. Goldast (3 Bde., Franks. 1606 ; 3.Aust., von H.C. Senckenberg, Franks. 1730, Fol.); des ÄneasSylvius „Ristori» rerum krillerici III. Imp." und Anderes von I. G. Kulpis (Strasb. 1685; unter neuem Titel „Script, rer. Ferm." von Joh. Schilter, Strasb. 1702, Fol.); die „Script, rer. Ferm." von H. Meibaum (3 Bde., Helmst. 1688, Fol.); die „Script, rer. Ferm." von J.M.Heineccius und I. G. Leuckfeld (Franks. 1707, Fol.); die „Öorpus bist, meck» »evi" von H. I. Geo. Eccard (2 Bde., Lpz. 1723, Fol.) und die „Vm-Iemiss litersrise seu vet. monumeutorum collectio" von I. F. Schannat (2 Bde., Fulda 1723—24, Fol ). Hierzu kommen noch einige Sammlungen mit speciellem Titel, wie die „Script, rer. Ferm, septsutrionsl." von Erp. Lindenbrog (Franks. 1609; 2. Aust., von I. Alb. Fabricius, Hamb. 1706, Fol.); die „Script, rer. bruusvic." von G. W. von Leibnitz (3 Bde., Hannov. 1707 — II, Fol.) und dessen Mccessinues bistoricae" (2 Bde., Lpz., 1698, 4.; 2. Aust., unter dem Titel „Script, rer. Ferm.", Hannov. 1700, Fol.) und die „Script, rer. Ferm, prsecipue saxoni- carum" von Joch. Durch. Mencke (3 Bde., Lpz. 1728—30, Fol.). Nachdem schon Männer wie Rösler, Krause, Joh. von Müller u. A. den Plan zur Veranstaltung einer allgemeinen und kritischen Sammlung der deutschen Quellenschriftstel- lcr gefaßt hatten, aber immer an der Ausführung derselben gehindert worden waren, bildete sich auf Anregung des preuß. Staatsministers von Stein (s. d.), unterstützt von der Bun- desversammlung zu Frankfurt am Main, am 20. Jan. 1819 zu Frankfurt eine Gesellschaft für Deutschlands ältere Geschichtskunde, die nach Überwindung von mancherlei Hindernissen das frühere Vorhaben endlich glücklich ins Werk setzte. Nach dem festgesetzten Plane wird das Werk fünf Hauptabtheilungen haben: I) Scriptores, 2) ke- Fes, 4) Diplomat», 4) kpistolae und 5) Vutiquitstes. Die Redaction des Werks wurde G. H. Pertz (s. d.) übertragen, der seine Aufgabe trefflich gelöst hat. Bis jetzt erschienen sechs Bände der ,Monuments 6srmsnise bistorics inlis ab so. Lbr. 500 usque »2. Jahrh. trat Süddcutschland in Handelsverbin- ^ düngen mit dem Orient, die durch die Kreuzzüge nicht wenig befördert wurden. Die Eroberung Preußens und Lieflands im 13. Jahrh. belebte sehr bedeutend den Handel der deutschen Ostseehäfen, die durch Räubereien zu Lande und zur See gezwungen wurden, sich nebst mehren andern Städten zu deren Abwehr zu verbinden und die Hansa (s. d.) zu gründen. Mit der steigenden Bevölkerung nahm der innere Handel zu, sodaß die Jahrmärkte im >4. und >5. Jahrh. in mehren Städten, namentlich in Leipzig und Frankfurt am Main, sich zu Messen ausbildeten. Viel trug auch zur Entwickelung des Handels der Landfriede vomJ. 1495 bei. Nürnberg gewann durch seine Emsigkeit und Geschicklichkeit einen ausgebreiteten Nus, Augsburg, wo die Wclser (s. d.) und Fugger (s. d.) blühten, vermittelte den bedeutenden Verkehr Venedigs mit Deutschland und den Niederlanden. Durch die Entdeckung des Wegs um das Vorgebirge der guten Hoffnung nach Ostindien ging aber dieser Verkehr verloren und in Folge der Eroberung Konstantinopels durch die Türken litt der Handel nach dem Osten. Durch die Entdeckung Amerikas änderten sich im >6. Jahrh. nicht nur alle Verhältnisse des Handels im Allgemeinen, von jetzt an zeigten sich auch dieVor- ihcile der Lage eines Staats am Ocean. Der Handel Deutschlands sank immer mehr, bis ihn im i 7. Jahrh. der Dreißigjährige Krieg vollends vernichtete. Nachher hob sich zuerst wieder die Lcinenfabrikation, deren Erzeugnisse gleichwie Getreide einen Ausfuhrartikel bildeten, während Colonialwaaren cingeführt wurden; die übrigen Industrien litten aber fortwährend. Hamburg und Bremen traten nun an die Stelle der Städte, welche bisher die indischen Erzeugnisse von Venedig bezogen und Deutschland damit versorgt hatten. Viel trugen zur Hebung des deutschen Handels die durch Widerrufung des Edicts von Nantes aus Frankreich vertriebenen protestantischen Kauslente bei, die sich besonders in Frankfurt am Main, Sachsen und Preußen niederließen und hier neue Handels - und Gewerbzweige gründete». In der ersten Hälfte des 18. Jahrh. wurde dem deutschen Handel keine Gelegenheit gegeben, sich zu entwickeln, da die Anwesenheit der Schweden in Deutschland, dann die schlesischen Kriege und zuletzt der Siebenjährige Krieg sehr störend auf ihn einwirkten. Nach demselben , hob er sich wieder, und besonders wurden die Verhältnisse mit Rußland und Polen belebter. Preußen und Ostreich führten das Mercantilsystem (s. d.) ein, in den übrigen deutschen «Staaten wurden mäßige, nur den finanziellen Punkt berücksichtigende Zölle erhoben, welche den Verkehr sehr frei ließen. Durch den Ausbruch der sranz. Revolution und die durch Deutscher Handel 217 sic herbcigeführten Kriege wurde der Gang des deutschen Handels sehr geändert und er selbst vom Rhein nach den Hansestädten, besonders nach Hamburg gedrängt, dem dadurch ungeheure Geschäfte zufielen, sodaß es freilich auch bei der gegen Ende des >8. Jahrh. eintretcn- den Handelskrisis um so mehr zu leiden hatte. Von dieser Zeit an bis zum I. 1806 war Deutschlands Handel in sehr blühendem Zustande; wegen Miswachs in England fand eine große Ausfuhr an Getreide dahin statt und dafür eine große Einfuhr an Waaren. in Deutschland, die hier besonders auf den leipziger Messen nach Rußland und Polen verhandelt wurden, mit welchen beiden Ländern der Handelsverkehr ungehindert und sehr lebhaft war. Die Schlacht bei Jena änderte schnell alle Verhältnisse. Das Decret Napoleon's vom 21. Nov. >800 aus Berlin begründete das Continentalsystem (s. d.), welches durch die engl. Geheimrathsverordnung vom 7. Jan. 1807, eine fernere vom I l. Nov. > 807 und die franz. Decrete aus Mailand vom 17. Dec. > 807 und auS Paris vom I l. Jan. 1808 seine fernere Ausbildung erhielt, und durch den Tarif von Trianon und das Decret von Fontainebleau im I. 1810 ergänzt wurde. Alle überseeische Erzeugnisse mußten nun theils über Salonichi, Bosnien und Wien, theils über Petersburg und Brody bezogen werden, daher das Pfund Kaffee in Deutschland selbst bis auf 1Thlr. stieg. Gewannen auch einige Kaufleute und die Schmuggler an der oldenburgischen und pommerschen Küste hierbei sehr bedeutend, so litt doch der Handel im Allgemeinen unendlich, was schon damit hinlänglich belegt sein dürste, daß in den I. 1812,und 1813 von Hamburg gar nichts auf der Obcrelbc versendet wurde, während im I. 1841 bei Wittenberge 4,843348 Ctr. niederwärts und 2,887146 Etr. aufwärts gingen. Die Schlacht bei Leipzig machte diesem furchtbaren Drucke ein Ende, und der deutsche Handel ward wieder frei. Durch das Ver- svrechen der Bundesacte, die gemeinschaftlichen deutschen Handelsverhältnissc zu ordnen, wurde er zu großen Hoffnungen berechtigt. Allein es geschah nichts; Ostreich beharrte bei seinem zeitherigen Abschließungssystemc, und Preußen führte 1818 ein Zollsystem ein, an dessen Spitze allerdings gestellt wurde, daß kein Zollsatz mehr als 10 Procent vom Werth betragen sollte. Als indeß sehr bald theils die der Fabrikindustrie nöthigen Rohproducte im Preise fielen, theils neue Erfindungen namhafte Ersparniß der Verfertigungskosten bewirkten , die betreffenden Zollsätze aber nichtsdestoweniger unverändert beibehalten wurden, so hatte manches ausländische Fabrikat statt der zeitherigen 10 Procent nun 20, 40, KO und mehr Procente vom Werthe zu erlegen. Die übrigen Staaten blieben im Allgemeinen bei ihren frühem Zollgesetzgebungen. Vier Jahre waren verflossen, ohne daß irgend etwas zur Erfüllung des durch die Bundesacte gegebenen Versprechens gethan worden wäre, als sich im I. > 819 in Frankfurt am Main ein Verein bildete, welcher Deputationen an verschiedene Höfe sendete, um an das Versprechen zu erinnern und etwaige Vorschläge zu machen. Diese Maßregel hatte in der That den Erfolg, daß im Sept. 1820 ein Congreß zu Darmstadt sich versammelte, zu dem Baiern, Würtemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Kuehcssen, Nassau, Waldcck, die herzoglich-sächsischen, hohenzollernschen, schwarzburgi- schcn und reußischen Fürstenhäuser Commissare sandten, die aber, ohne etwas ausgerichtet zu haben, auseinandergingcn. Auch fand dieser Verein unter dem deutschen Handelsstande sehr wenig Anklang, weil er dieselben Ansichten verlauten ließ, welche gegenwärtig das nationale System der politischen Ökonomie predigt, und die man sich unter der von der Bundesacte versvrochenen Regulirung der gemeinschaftlichen deutschen Handelsverhältnisse allerdings nicht gedacht hatte. Nichtsdestoweniger führte die Wiederaufnahme der Idee dieses Vereins und die weitere Ausbildung derselben endlich zum Deutschen Zollverein (s. d.). Bis zum Eintritt des Zollvereins nahm der deutsche Handel nämlich keineswegs zu, besonders da Rußland und Polen ihm immer mehr verschlossen wurden, weshalb sich die Ansicht mehr und mehr verbreitete, daß der Umsatz im Innern erweitert und unter zwei Übeln, dem Verkümmern und den hohen Zollsätzen des preuß. Tarifs, das kleinere gewählt werden müsse. Man wählte endlich da« letztere und hat wohlgethan, weil, wenn auch viele Sätze des Tarifs zu tadeln sind, doch das Zollsystem an und für sich gut ist; Hannover, Oldenburg und Braunschweig dagegen bildeten einen Steuerverein. Bis in die neuere Zeit war cs nicht möglich, sich ein Bild von dem deutschen Handel zu machen, weil er in einige dreißig Theile gethcilt war, auch keine amtlichen Nachrichten 218 Deutscher Handel darüber gegeben wurden. Gegenwärtig ist dies leichter, da der letzter« mehr gewährt wer den und nur sechs Abtheilungen des deutschen Handels bestehen. Die erste Abtheilung bilden die Hansestädte, unter welchen Bremen sich besonders durch Thätigkeit und Unter- nehmungsgeist auszeichnct, wodurch es ersetzt, was seiner nicht sehr günstigen Lage abgeht. Im I. >841 wurden, ausschließlich der von Vegesack und Bremerhaven ausclarirten Waa- rcn, von Bremen sowol zu Lande als zu Wasser ausgeführt: 28263 Oxhoft Wein und geistige Getränke, 1,325310 Stück Häute und Flaschen, 506 Kisten Citronen, 32666 Tonnen Heringe, Leinsamen, braune Seife und Theer, für 2,533811 Thlr. Droguerien, Farbwsaren, Glaswaaren, Dielen, Mahagony, Kram- und Manufacturwaaren und Cigarren, 10692 Lasten Getreide und Nübsamen, 110460 Bund Walfischbarden und 78,852065 Pf. andere Waaren. Der Gesammtwerth wurde auf 15 Mill. Thlr. geschätzt; doch ist hierunter nicht blos der Propre- sondern auch der Speditionshandel begriffen. Die Ausfuhr an Leinenwaaren, welche unter der Gewichtsabtheilung sich befinden, betrug 2,457835 Thlr. Überhaupt trafen 1528 Schiffe ein. Die brcmer Handelsmarine bestand am l.Jan. 1843 aus 215 größer« Seeschiffen von 31526 Last zu 4000 Ps.; außerdem hatte Bremen ungefähr >00 kleinere Fahrzeuge von 20—36 Last. Auch die bremer Handelsmarine zeichnet sich in natürlicher Folge des in Bremen herrschenden Unternehmungsgeistes in jeder Hinsicht und besonders beim Walfischfang in der Südsee aus. Hamburg bei seiner äußerst günstigen Lage wurde zur ersten Handelsstadt Deutschlands. Im I. > 842 kamen daselbst 3330 Seeschiffe an, darunter >990 große Schiffe mit Lootsen, und >340 kleine ohne Lootsen. Die Rhederei bestand am Ende des I. 1842 aus 221 Schiffen von 26781 Last zu 4000 Pf. Nach den obcrländischen Staaten gingen imI. 1841 1 l 7269 Lasten Waaren, darunter 89817 auf der Elbe. Der Walfischfang wird von Hamburg aus nur unbedeutend betrieben. Die Einfuhr ausländischer Handelsartikel in Hamburg betrug 1840 ungefähr 177 Mill. Mark Banco, und die Ausfuhr inländischer roher Produkte und' Fabrikate 105 Mill. Mark Banco, sodaß der Gesammthandel einschließlich des Speditionshandels auf 282 Mill. Mark Banco sich belief, worunter der Speditionshandel sich allerdings auch befand. Der Handel in Lübeck besteht zum kleinern Theile aus eigenem und zum größern aus Speditionshandel, besonders nach Rußland. Im I. 1842 kamen daselbst 960 Schiffe an, und die Nhederei bestand am Ende des I. 1842 aus 75 Schiffen mit einer Tragfähigkeit von 7637 Lasten. — Die zweite Abtheilung des deutschenHandels bildet Holstein mit der Haupthandelsstadt Altona. Außer dem Verkehr dieser Stadt mit derS« und dem Innern Deutschlands, welcher ganz gleicher Ratur, wie der Hamburgs ist, besteht der Handel Holsteins nur in dem Austausche seiner landwirthschaftlichen Erzeugnisse gegen seine Bedürfnisse an ausländischen Waaren. Holsteins Nhederei bestand im I. 1840 auf der Westküste aus > 132 Schiffen von 14072 Lasten zu 5200 Pf. und auf der Ostküste aus 205 Schiffen von 3772 Lasten. — Die dritte Abtheilung umfaßt Mecklenburgs Handel, der allein in dem Austausche seiner landwirthschaftlichen Erzeugnisse besteht, untei denen Getreide und Wolle die ersten Stellen behaupten. Die Mecklenburg. Handelsmarine bestand am I. Jan. 1842 aus 327 Schiffen von 23630 Lasten. — Ostreichs Handel bildet die vierte Abtheilung des deutschen. Im I. 1840 betrug die Eesammteinfuhr zu Lande 64,793124 Fl., zur See 40,976266 Fl., in Dalmatien 3,570099 Fl., zusammen 109,339489 Fl. Conv.-Geld; die Gesammtausfuhr dagegen zu Lairde 83,976331 Fl., zm See 19,864200 Fl., aus Dalmatien 5,004792 Fl., zusammen 108,845323 Fl. Conv.-Geld Die Einfuhr vertheilte sich folgendermaßen: mittels der östr. Seehäfen 40,976260, über die Grenzen von Italien 16,389875, von Sachsen 15,650491, der Türkei 12,955435, von Süddeutschland 7,953965, von Preußen 6,467060, der Schwei) 1,761288, von Polen, Krakau und Rußland 3,615010 Fl. Conv.-Geld. Die Ausfuhr betrug mittels der östr. Seehäfen 19,864200, über die Grenzen der Schweiz 17,706609, Sachsens 1 7,360570, Italiens >4,781148, Süddeutschlands 14,609422, der Türkei 7,513157, Preußens 6,184328, Polens, Krakaus und Rußlands 5,821097 Fl. An Lebensbedürfnissen wur-^ den eingeführt für28,240>87 Fl. und ausgeführtsür 19,435932; an Rohstoffen und Gegenständen für die Industrie eingeführt für 43,773072 und ausgeführt für 54,511014; an halb fabricirten Stoffen und Fabrikaten eingeführt für 14,895909 und ausgcsührt für, 219 ver mg ter- eht. aa- and >66 ien, und und ge- fen. trug and dem )ai>- »gs- ; bei 8-12 6-10 von 269 auS truz UNd' ons- lller- und elbsi mit -ildit S« > be- -niss- 8-10 küstt rg§ intei irinl uldel >r zu imeil Feld. über 135, von «der 516, lßens wur-' > Ge- 11 - 1 ; 3 sm Deutscher Handel 28,7224-1-1; Taback wurde eingeführt für 88135V und ousgeführt für 1,111780 Fl. Davor wurde in den deutschen Provinzen Ostreichs verzollt: in Ostreich unter der Enns 17,791070 Fl. Einfuhr und 13,909165 Fl. Ausfuhr; in Böhmen 17,717376 Fl. Ein- fuhr und 19,068673 Fl. Ausfuhr; in Tirol 5,035191 Fl. Einfuhr und 3,329612 Fl. Ausfuhr; in Mähren und Schlesien 1,059577 Fl. Einfuhr und 1,923102 Fl. Ausfuhr; im Küstenland 3,058389 Fl. Einfuhr und 6,67786V Fl. Ausfuhr; in Steiermark und Jllyrien 2,751213 Fl. Einfuhr und 281136 Fl. Ausfuhren Ostreich ob der Enns 2,600871 Fl. Einfuhr und 3,197839 Fl. Ausfuhr, zusammen 53,022023 Fl. Conv.-Geld Einfuhr und 18,390987 Fl. Conv.-Geld Ausfuhr. Da man in der Regel die fremden Waaren nach den Zollämtern zur Versteuerung gehen läßt, in deren Umgegend sie verkauft werden sollen, so ist anzunehmen, daß die beiden Summen den Antheil zeigen, welchen die deutschen Provinzen an dem Gesammtaus- und Einfuhrhandcl Ostreichs nahmen. Triests Handel, die Ausfuhr inländischer Waaren und den Spedikionshandel mit inbegriffen, belief sich im I. 1811 auf 63,175000 Fl. Conv.-Geld. Ostreichs Handelsmarine bestand am 1. Jan. 1810 aus 1590 Schiffen von 176696 Tonnen. — Die fünfte Abtheilung des deutschen Handels bilden Hannover und Oldenburg. Über den Verkehr derselben mit dem Auslande ist wenig bekannt; ungefähr 800—900000 Ctr. erlegen die Eingangsabgabe. Hannovers Nhederei besteht an der Unterwcser in 15 Schiffen von 1138 Lasten, die Ostfrieslands aus 516 Schiffen von 26103 Lasten; Oldenburg hat an der Unterweser l 01 Schiffe von 6611 Lasten; die Rhederei der Seeküste ist unbekannt. — Die sechste und größte Abtheilung des deutschen Handels bildet der Z ollverein. Der Verkehr desselben hat seit 1837, von wo an erst Vergleichungen angestellt werden können, weil seitdem sein Areal sich unbedeutend vermehrt hat, mit jedem Jahre zugenommen. Im 1.1837 betrug die Einfuhr 1,069011 Scheffel, 53226 Klaftern, 69796 Schiffslasten, 237913 Tonnen, 8,751640 Ctr.; die Ausfuhr 1,961091 Scheffel, 67106 Klaftern, 19079 Schiffslasten, 170799 Tonnen, 9,810767 Ctr., und die Durchfuhr 2,352260 Scheffel, 72862 Klaftern, 55689 Schiffs- lastcn, 186965 Tonnen, 10,651816 Ctr. Im I. 1811 dagegen die Einfuhr 821588 Scheffel, 81918 Klaftern, 76710 Schiffslasteu, 295782 Tonnen, 11,383815 Ctr., oder, den Scheffel zu 75 Pf., die Schiffslast zu 37 Ctr. und die Tonne zu 3 Ctr. angenommen, 19,062063 Ctr. und 81918 Klaftern Holz, außerdem noch 628199 Stück Balken und 568208 Stück Vieh; die Ausfuhr 13,818132 Scheffel, 58133 Klaftern, 178058 Schiffslasten, 16773 Tonnen, 13,317723 Ctr., oder nach obiger Reduction 30,535572 Ctr. und 58133 Klaftern Holz nebst 279208 Stück Balken und 215973 Stück Vieh, und die Durchfuhr 1,870762 Scheffel, 362 Klaftern, 9088 Schiffslasten, 80162 Tonnen, 1,533951 Ctr., oder 3,513319 Ctr. und 362 Klaftern Holz, nebst 8266 Stück Vieh. Sehr schwierig und unsicher ist jede Ermittelung und Vergleichung des Handelsverkehrs nach dem lGeldwerthe, weil die Preise durch Conjuncturen und Transportkosten bestimmt werden, daher der Verkehr höher oder niedriger erscheinen kann, obgleich er der Quantität nach derselbe geblieben ist. Da indessen in vielen Ländern die Höhe des Handelsverkehrs nach dem Werthe, statt nach dem sichern Gewichte angegeben wird, so ist eine Ermittelung des Werthes der verzollten Einfuhr im Zollvereine im I. 181l veranstaltet worden , wonach derselbe gegen l 80 Mill. Thlr. betragen hat. Verzehrungsgegenstände, bei welchen eine Concurrenz gleichartiger vereinsländischer Erzeugnisse nicht oder nur in geringem Maße eintritt, wurden 9 Procent der gesammten Gewichtseinfuhr eingeführt, Procent der gesammten Gcwichtsausfuhr ausgeführt, und 8 Procent der gesammten Gewichtsdurchfuhr durchgeführt; bei den Verzehrungs - und Verbrauchsgegenständen, bei Welchen vereinsländische, gleichartige Erzeugnisse mit den ausländischen concurriren, betrug die Einfuhr 16 Procent, die Ausfuhr 39^ Prvcent und die Durchfuhr 51 Procenl der beziehendlichen Gesammtheiten; von Fabriksmaterialien und Halbfabrikaten, zur weitern Verarbeitung dienend, belief sich die Einfuhr auf 67 Procent, die Ausfuhr auf 58 Procent und die Durchfuhr auf 30 Procent der beziehendlichen Gesammtheiten; Fabri- kate wurden eingeführt 8 Procent, ausgeführt 2 Procent, durchgeführt 8 Procent der Ge- sammtheiten. Da Preußen zur Zeit der einzige Staat des Vereins ist, welcher Seeküsten besitzt, so kann auch nur von der preuß. Rhedcrei gesprochen werden, welche am 1. Jan. 22 « Deutsche Kirche 1843 in 21 Häfen 835 Seeschiffe von 111047 Lasten und 18 Dampfschiffe besaß. Im I. 1841 kamen in den preuß. Häfen an:5677 Schiffe von 443S0I Lasten, darunter 2810 preuß. Schiffe von 206715 Lasten, und gingen aus: 5761 Schiffe von 464362 Lasten, darunter 2002 preuß. Schiffe von 270915 Lasten. Die Zahl der sämmtlichen deutschen Seeschiffe beläuft sich auf 5236 mit einer Tragfähigkeit von 681336 Tonnen, die Last zu 2 Tonnen gerechnet. Englands Seeschiffe hatten 1842 eine Tragfähigkeit von 2,700000 Tonnen, die der Vereinigten Staaten von Nordamerika eine von 945000 Tonnen, und die Frankreichs, einschließlich der Küstenfahrer, eine von 590262 Tonnen. Es nimmt sonach die deutsche Handelsmarine schon gegenwärtig ungeachtet der Lücken in den Angaben der hannöv. und oldcnburg. Rhedcrei den dritten Rang ein, und welchen Zuwachs würde sic gewinnen, wenn Deutschland nur einem Handelssysteme huldigte. Vgl. Diederici, „Statistische Übersicht der wichtigsten Gegenstände des Verkehrs und Verbrauchs im Zollvereine in dem Zeitraum von 1837—39" (Berl. 1842). Deutsche Kirche. Die Geschichte der deutschen christlichen Kirche tritt in drei deutlich sich scheidende Perioden auseinander; die erste geht von der Einführung des Christenthums bis zur Reformation, die zweite von der Reformation bis zum Jahre 1803, die dritte von da an bis auf die Gegenwart. In die deutschen Länder kam das Christenthum zuerst von Gallien aus. Es war zu Ende des 2. und zu Anfang des 3. Jahrh. in den Städten am Rhein verbreitet, und es gab im 3. Jahrh. bereits in Mainz, Trier und Köln christliche Bischöfe. Durch wen diese erste Verbreitung des Christenthums in Deutschland erfolgt sei, wissen wir nicht. In das Innere Deutschlands drang es später ein. Gallus brachte es 603 nach der Schweiz (Sanct-Gallen), Columban nach Schwaben und Baiern; Kilian lehrte es 692 im Würzburgischen; Rupert wurde erster Bischof von Juvavien (Salzburg); Willibrod, der erste Bischof von Utrecht, verbreitete es unter Batavern, Friesen und Angelsachsen. Besonders aber war es Boni- facius (s. d.), der in der ersten Hälfte des 8. Jahrh. den christlichen Glauben in Franken, Thüringen und Hessen verbreitete, und daher den Namen eines Apostels der Deutschen erhielt. Er stiftete 740 die Abtei Fulda, wo ihm > 842 ein Denkmal gesetzt worden ist. Karl der Große zwang die Sachsen mit dem Schwert zuerst im I. 785, vollständig aber erst im I. 803, sich taufen zu lassen, und stiftete in ihren Landen die Bisthümer Münster, Osnabrück, Bremen, Verden, Paderborn und Minden. Der Kaiser Otto der Große verbreitete das Christenthum in der ersten Hälfte des 10. Jahrh. an der Elbe, und ihm verdanken die Bisthümer Meißen, Zeitz, Merseburg, Magdeburg, Brandenburg und Havelberg ihre Entstehung. Nach Mähren kam das Christenthum zuerst durch bair. Missionare, dann aber besonders durch die gricch. Mönche Methodius und Cyrillus. Von Mähren aus verbreitete es sich nach Böhmen und Oberschlesien. Die Pommern bekehrte 1131 Otto, Bischof von Bamberg, den Wenden ward es 1148 von Heinrich dem Löwen aufgcdrungcn. Da sonach Deutschland fast ausschließlich von Missionaren aus dem lat. Römerreiche christlich wurde, so war es natürlich, daß die deutschen Gemeinden auch ganz die Form des Kirchenthums und des Cultus des abendländ. oder lat. Christenthums annahmen. Wohl hätte Deutschland, besonders nachdem seine Beherrscher die Kaiserwürde erhalten hatten, einen eigenen Patriarchen haben können, aber Bonifaclus hatte aus Dankbarkeit für die erhaltene Unterstützung von den Bsichöfen von Rom, die deutschen Kirchen unter das röm. Patriarchat gestellt. Der Charakter der deutschen Kirche entwickelte sich daher ganz nach dem allgemeinen Charakter der röm. - lat. oder der päpstlichen Kirche. Als eine Eigenthümlichkeit der deutschen Kirche ist aber herauszuheben, daß die Geistlichkeit nicht nur wie in andern Ländern zu großem Ländcrbesitz als Lehen des Kaisers kam, sondern daß ein großer Theil der Geistlichen über seine Länder auch die Landeshoheit oder die Regalien erwarb, und daß die deutsche Kirche in eine größere Abhängigkeit von den Päpsten kam als beinahe irgend eine andere. Untei den Rcichsständen, welche mit eigentlichen Regierungsrechten begabt waren, wie die Kurfürsten, Herzoge, Landgrafen, Markgrafen, war auch eine große Anzahl geistlicher Herren mit gleichen Rechten und Ehren ausgestattet. Die deutsche Kirche hatte drei geistliche Kurfürsten, die den Königen an Rang gleich geachtet wurden, die Erzbischöfe zu Mainz/Trier und Köln, von denxn der zu Mainz zugleich Kanzler des Reichs war. Zu den Reichssürster Deutsche Kirche 22l mit großen Ländergebieten gehörten ferner der Erzbischof von Salzburg, die Bischöfe von Passau, Freisingcn, Brixen, Trient, Eichstädt, Regensburg, Augsburg, Konstanz, Basel, Strasburg, Speier, Lüttich, Münster, Osnabrück, Fulda, Paderborn, Hildesheim, Bamberg, Würzburg, und eine nicht geringe Anzahl Abteien und Propsteien, welche mit Einschluß der deutschen Ritterorden einen großen Theii Deutschlands in Besitz hatten. Zu solcher Herrlichkeit hat sich die röm.-katholische Geistlichkeit in keinem andern christlichen Reiche erhoben. Durch ihre Macht und Ncichthümer und durch ihre zahlreichen Stimmen aus den Reichstagen sicherte sie ihrem geistlichen Oberhaupte, dem Papste, einen Einfluß in Deutschland, wie er ihn sonst nirgend hatte. Dieser Einfluß wurde noch dadurch gesteigert, daß Deutschland aufhörte eine Erbmonarchie zu sein und ein Wahlreich wurde, wodurch die Kaiser allmälig ihre Macht verloren und die Päpste ein leichtes Spiel fanden, besonders so lange man ihre Salbung für die kaiserliche Würde als ein wesentliches Erfoderniß hielt, die Päpste aber den Anspruch geltend zu machen suchten, daß die Kaiserwürde von ihnen verliehen werde und von ihnen zurückgenommen werden könne. Dieses führte im Mittel- alter zu den traurigen Kämpfen zwischen den Kaisern und den Päpsten, wodurch Deutschland nicht blos zerrüttet wurde, sondern auch in politischer Bedeutung so tief herabkam. Zu Erlangung einer völligen Mitherrschaft über Deutschland neben dem Kaiser fehlte nichts, als daß die Päpste die Besetzung aller Stühle der geistlichen Reichsstände in -ihre Hand nahmen und die kaiserliche Lehnsverleihung der geistlichen Reichslande aufhoben und zu einer päpstlichen machten. Dies versuchte der Papst Gregor VII. (s. d.), der die bisher von den Kaisern geübte Investitur (s. d.) der geistlichen Rcichsstände durch Überreichung eines Ringes und eines Hirtcnstabes verbot und den Päpsten das Jnvestiturrccht ausschließlich beilegte. Der darüber entstandene Jnvestiturstreit wurde erst im I. l 122 zwischen dem Kaiser Heinrich V. und dem Papst Calixtus I I. durch das Wormser Concordat dahin beigelegt, daß die Wahl der Bischöfe und Äbte durch die Capitel, in Gegenwart kaiserlicher Com- missarien'erfolgen, der gewählte aber dann vom Papste mit Ring und Stab (also als geistlicher Functionair), von dem Kaiser aber mit dem Scepter (als Inhaber des Reichslehns und der Regalien) investirt werden solle, und dabei blieb es in Deutschland bis zur Auflösung des Reichs. Dafür wurden aber auch die deutschen Bischöfe abhängiger von Rom als die anderer Länder, und nirgend brachte man den Grundsatz, daß der Papst der einzige Bischof der Kirche sei, die andern Bischöfe aber nur seine Vicarien vorstellten, mehr in Ausübung als in Deutschkdnd. Auch wurde hier die Folgerung daraus, daß der Papst der eigentliche Eigenthümer und Nutznießer der Kirchcngüter sei, für die päpstliche Schatzkammer sehr einträglich gemacht. Die Summen waren enorm, welche die Päpste als Pallien- geldcr, für Dispensationen, als Annaten und unter andern Titeln aus Deutschland bezogen. Das sogenannte aschaffenburger oder wiener Concordat (s. d.) im J. 1448 sollte zwar diesen Erpressungen Schranken setzen, aber die Päpste beobachteten es nicht, und es blieb Alles beim Alten. Alle Versuche, welche die Kaiser und Fürsten machten, eine Reformation an Haupt und Gliedern, d. i. an Papst und Klerus, zu machen, blieben ebenso fruchtlos, als es das Concilium zu B asel (s. d.) blieb, das zwar herzhafte Beschlüsse faßte, aber sie nicht ausführe» konnte, weil die Fürsten, besonders Ostreich und Baicrn, ihre Hülfe versag- tcn. So schien die Macht des Papstes und der Hierarchie nirgend unerschütterlicher zu sein als in Deutschland, und nirgend schien ein ernstlicher Aufstand gegen das Papstlhum weniger zu fürchten zu sein als hier. Man betrachtete daher auch zu Rom alle Regungen der Reformation anfangs mit Gleichgültigkeit und Verachtung, und doch war unter allen katholischen Reichen des Abendlandes keines so sehr geeignet zu einer Reformation als Deutsch, land. Je mehr cs den Päpsten gelungen war, die Macht der Kaiser zu schwächen, desto we- Niger konnten diese das Amt eines Schutzherrn der päpstlichen Kirche wirksam erfüllen. Je getheiltcr in Deutschland die Landeshoheit war, desto schwieriger war es, eine entstandene Bewegung mit einem Schlage zu vernichten, desto leichter war die Opposition gegen den Kaiser und den Papst. Je reicher der deutsche Klerus mit Ländern und Regalien ausgestaltet war, desto mehr erregte er den Neid, oder auch das Verlangen, sich seiner Güter zu bemächtigen. Je größer und drückender die Abgaben waren, welche aus Deutschland nach Rom gingen, desto weniger konnte dieser Zustand forldauern, als nacH geschlossenem Land- 222 Deutsche Kirche stieben der Finanzhaushalt der deutschen Fürsten anfing sich zu ordnen. Die Hauptsache aber war doch der cigenthümliche Geist der deutschen Nation. Mehr als alle andere Nationen des Abendlandes hat die deutsche ein tiefes Gefühl für den unbedingten Werth alles Idealen, mithin auch der Religion. Während in Italien Unglaube, Freigeistern, ja Atheismus um sich griff, der mit dem Heiligen oft stechen Spott trieb, verehrte man in Deutschland den Papst und die Kirche als verkörperte Ideale aufs höchste. Während Italiener und Franzosen das Kirchenwescn vorwiegend als politische Sache betrachteten und behandelten, war es in Deutschland Sache des Gemüths. Darum aber wurde auch der Geist der Deutschen durch den Kontrast zwischen Ideal und Wirklichkeit so mächtig aufgeregt und erbittert. Die Macht, die Reichthümer, die Üppigkeit, das politische Treiben und die leichten Sitten, welche der Italiener an den Geistlichen natürlich fand, oder doch leicht verzieh, gereichten dem Sinne der Deutschen Hum größten Ärgerniß. Darum fand der Versuch, die Geistlichkeit zu reformiren, d. i., sie aus ihrem Zustande der Verweltlichung heraus-und zu ihrem geistigen Beruf zurückzuführen, in Deutschland so allgemeinen Anklang, daß sich die Reformation unfehlbar über ganz Deutschland verbreitet haben würde, wenn nicht die Fürsten Ostreichs und Baierns, unterstützt von der ganzen Macht der geistlichen Reichsstände, den alten Zustand der Kirche mit den Waffen in der Hand auftecht erhalten hätten. Die Absicht Luther's und der die Reformation beschützenden Fürsteil ging auf keim Weise dahin, sich von der deutschen katholischen Kirche zu trennen und ein eigenes Kirchenwesen zu errichten, sondern nur die Kirche von eingeschlichenen groben Misbräuchen zu reinigen. Da jedoch die Päpste auch nicht die geringste Verbesserung bewilligen wollten, sondern die Reformatoren und ihre Anhänger in den Bann thaten und aus der katholischen Gemeinschaft ausstießen, auch die Reformation durch die Gewalt der Waffen zu vernichten strebten, so sahen sich endlich die Protestanten genöthigt, ein eigenes Kirchenwesen zu bstden,, dessen Existenz mit dem ersten Religionsfrieden zu Augsburg im I. 1554 begann und dessen politische Bestätigung im westfälischen Frieden 1648 erfolgte. Dieser Friede war dir' politische Urkunde der Trennung der deutschen Kirche in zwei Theile, die katholische und die protestantische. Es schieden sich nun beide Theile so streng voneinander, daß in katholi- ^ schen Provinzen kein protestantischer Gottesdienst geduldet wurde und kein Protestant das ^ Bürgerrecht erhalten konnte, und daß in protestantischen Reichstheilen auf gleiche Weise der Katholiken die freie Religionsübung und das Bürgerrecht versagt waren. Von dieser Zeit an gab es keine deutsche Reichskirche mehr, sondern in der nördlichen Hälfte Deutschlands, in Sachsen, Brandenburg, Pommern, Mecklenburg, Holstein, Braunschweig, Lüneburg, Hessen u. s. w. war der Sitz des Protestantismus, der auch in Würtemberg, Baden, Baireuth, Ansbach und vielen Reichsstädten herrschte, und in Schweden, Dänemark, Norwegen, England und Schottland und dem Herzogthum Preußen zur Reichskirche wurde; in Ostreich, Böhmen; Mähren, Baiern u. s. w. und in den Gebieten der geistlichen Kurfürsten, der Bischöfe und Äbte blieb der Katholicismns unverändert. In dem protestantischen Deutschland wurden die katholischen Bisthümer, Abteien, Klöster aufgehoben, und die Besitzungen derselben entweder für den Staat, oder für das Kirchen - und Schulwesen verwendet. Dadurch hörten die Bisthümer Bremen, Verden, Minden, Lübeck, Natzeburg, Schlcs- - wig, Schwerin, Halberstadt, Magdeburg, Merseburg, Naumburg, Meißen, Brandenburg, Havelbcrg, Camin, Lebus, sowie viele Abteien und Klöster, deren es in den sächs. Landen allein über I5V gab, auf zu sein, oder schieden wenigstens aus der Verbindung mit der katholischen Kirche. Zwar traten die protestantischen Kirchen nicht in eine völlige Einheit der Glaubensbekenntnisse und der Kirchengebräuche zusammen, und der Unterschied zwischen Protestanten und Reformirten blieb; aber doch bildeten die protestantischen Stände auf den Reichstagen in Kirchensachen Ein Ganzes, das Ovrznw Lvangelicorum, an dessen Spitze die Kurfürsten von Sachsen standen, und Protestanten und Neformirte waren einig theils in ihrem Hauptgrundsatze, daß die Heilige Schrift allein die Norm des Glaubens und s Lebens der Christen sein, und aus sich selbst, nicht aus den Kirchenvätern erklärt werden müsse, sowie daß die Lehren und Entscheidungen der Kirchenväter, Päpste und Concilien der Schrift zu unterwerfen seien, theils auch in Verwerfung der angemaßten Oberherrschaft ; der Päpste über die Kirche, und in der Abstellung von mancherlei Misbräuchen und Irr- t 223 Deutsche Kirche ber thum, wie der Zndulgenzen und Ablässe, der Anrufung der Engel und Heiligen, der Seelen» des messen und stillen Messen, des Fegfeuers, des Kelchraubes, der letzten Ölung, des Cölibats en, der Geistlichen, der Mönchsgelübde und des Klosterlebens, der Glockcntause, der Trans- am substantiation, der Adoration der geweihten Hostie, der Ohrenbeichte und der Verdienstlichen keit der sogenannten guten Werke zur Begnadigung des Sünders bei Gott. Eine höchst ljo- wohlthätige Folge dieser Grundsätze war, daß die Messe aufhörte, das Hauptstück des öffent- c es lichen Gottesdienstes zu sein, und die Predigt an ihre Stelle trat, und daß die nun nothwen- hen dige wissenschaftliche Schrifterklärung das Studium der oriental, und der griech. und lat. Oie Sprachen sowie des ganzen Alterthums und der Geschichte mächtig belebte, die Volksschu- lche len aber zu Ausbreitung des biblischen Unterrichts überall vermehrt und zu hoher Blüte >em gebracht wurden. Das protestantische Deutschland zeichnete sich bald aus durch die Blüte ! zu seiner Universitäten, Gymnasien und Volksschulen, und durch den mächtigen Aufschwung, ist>- den alle Wissenschaften, und die Erforschung der Wahrheit nach allen Seiten nahmen. Werna- sentlich trug dazu bei, daß die protestantische Geistlichkeit keine bürgerliche Gewalt hatte, )st- sondern daß das Staatsoberhaupt zugleich die oberste Kirchengewalt in die Hände bekam, lten wiewol manche Fürsten davon auch keinen für die Kirche nützlichen Gebrauch machten. Das mächtige Fortschreiten der deutschen Protestanten in allen Wissenschaften nöthigte auch end- eine lich die Theologen zum Umbau der von den Reformatoren aufgestellten Theologie, die mit M- dem frühern mangelhaften Zustande der Wissenschaften nicht in Conflict gewesen war, nun rei- aber sich nicht mehr mit der Weltwissenschaft vereinigen ließ. So entstand die neuere Theo- son- logie, die man Rationalismus (s. d.) nennt. chen Je größer der Verlust war, den die Päpste durch den Aufstand so vieler Länder gegen )tm ihre Kirchengewalt erlitten, desto eifriger strebten sie, die noch katholisch gebliebenen Länder den, in strenger Abhängigkeit zu erhalten. Auch nicht Eine Concefsion wurde dem Protestantis- des- mus gemacht, nicht Ein von den Protestanten gerügterMisbrauch abgestellt, vielmehrAlles ' dir was zeither noch nicht Gesetz sondern nur Gewohnheit gewesen war, bestätigt und fcstgestellt. l die Für diesen Zweck hielten die Päpste im l 6 . Jahrh. die ganz von ihnen abhängige Kirchen- >oli- Versammlung zu Trident (s. d.), wo Alles von den Protestanten Angegriffene bestätigt, das der Lehrtypus der päpstlichen Kirche für immer festgestellt, und die Protestanten mit Bann den und Fluch belegt wurden. Durch die Beschlüsse dieser im I. 156Z geschlossenen Synode Zeit sind Papstthum und Protestantismus für immer getrennt, und alle Versuche einer Vereins, nigung so entgegengesetzter Systeme, die man machte, mußten fruchtlos bleiben. Eine mäch- mg, tige Hülfe für die Päpste wurde der 1340 bestätigte Jesuitenorden (s. d.), der sich die Sai- Zerstörung des Protestantismus und die Vertheidigung des Papstthums zur Aufgabe setzte M- und sehr bald des Unterrichtswesens und des Beichtvateramts bei den Fürsten sich zu bemäch- ; i» tigen wußte, und dadurch großen Einfluß gewann, besonders in Ostreich und Baiern. ftm, Der von den Lstr., bair. und katholischen Fürsten gemachte Versuch, den Protestantismus chm mit Waffengewalt zu zerstören, wodurch der Deutschland furchtbar verheerende Dreißig- Be- jährige Krieg (s.d.), 1618—48 , entstand, war zwar erfolglos, aber doch wurde baren- durch die in Böhmen, Mähren und Ostreich schon weit vorgeschrittene Reformation unteres- - drückt, die weitere Verbreitung derselben in deutsch-katholische Länder unmöglich gemacht, mg, und der Besitzstand der katholischen Kirche, wie er 1648 war, für immer gesichert. Die >dm päpstliche Kirche in Deutschland behielt daher immer noch ihre drei geistlichen Kurfürsten und tho- viele Bischöfe, Abte und Prälaten mit ansehnlichem Länderbesitz und der Landcshoheit,ausge- dei stattet, welche in Verbindung mit Ostreich und Baiern auf den Reichstagen eine große Macht chm bildeten. Doch, obgleich die Päpste nicht das Geringste von ihren angemaßten Rechten fallen auf ließen, so waren sie doch nicht im Stande, den Einfluß der mächtig aufblühenden Wissen- ssen schäften auf die deutschen Katholiken zu hindern. Nicht nur nahmen auch die Katholiken inig . Antheil an der Erforschung der Wissenschaften, an Verbesserung der Volksschulen, an der und Cultur 'der geistlichen Redekunst, sondern sie lernten auch allmälig erkennen, daß Papstthum chm und Christenkhum zwei verschiedene Dinge sein, und daß es eine katholische Kirche gegeben lim habe, ehe die Bischöfe von Rom Päpste wurden. Der Unterschied zwischen PapMum und Haft christlichem Bischofthum, oder zwischen ssurial - und Episcopalsystem, den mart-pi Franken- reich immer festgehalten hatte, wurde durch Hontheim' s (s- d) berühmtes Buch auch 22t Deutsche Kirche in Deutschland zurAnerkenntniß gebracht, sodaß auch die deutschen Erzbischöfe 1786 an der Ems er Punctation (s. d.) den Versuch machten, den Eingriffen der römischen Curie in ihre Rechte zu wehren. Obgleich aber weder diese Punctationen noch die Grundsätze Hont- heim's ins Leben traten, so blieben doch die Folgen dieses aufgegangenen Lichts, um so mehr, da Kaiser Joseph die päpstliche Macht in den östr. Staaten mit Erfolg beschränkte, viel! Klöster aufhob und für die Protestanten das Toleranzedict (s. d.) erließ. So war der Zustand der deutschen Kirche als die franz. Revolution ausbrach, die ans die deutsche Kirche, besonders die katholische, so einflußreich wurde. Die im lüneviller Frieden 1801 nothwendig gewordene Abtretung des linken Nheinufers an Frankreich führte 1803 zur Säkularisation (s.d.) aller mit Landeshoheit versehenen Erzbisthümer, Bis- thümer, Abteien u s. w. auf dem rechten Rheinufer, um damit die weltlichen Fürsten zu entschädigen und zu verstärken. Nur der Coadjutor des Erzbischofs von Mainz, Karl von Dalberg (s. d.), behielt die auf dem rechten Rheinufer liegenden mainzischen Länder, bekam das Bisthum Regensburg und wurde Primas des Reichs; doch traf später, nach der Auflösung des Reichs, auch diese Lande die Säkularisation. Damit war die katholisch Hierarchie in Deutschland aller Landeshoheit für immer beraubt, und auch die Klöster, Abteien, welche nicht reichsunmittelbar waren, wurden größtentheilS aufgehoben. Der Papst protestirte zwar gegen alle Säkularisationen, aber er konnte sie nicht hindern und wurdi endlich Napoleon's Gefangener. Noch wichtiger aber war es, daß ein großer Theil vormalt geistlicher Besitzungen mit katholischen Unterthanen unter protestantische Fürsten kam, und daß schon im Rheinbünde, noch mehr aber in der deutschen Bundesacte beide Konfessionen, du katholische und die protestantische, gleiche Rechte in ganz Deutschland erhielten. Dadurch war die im westfälischen Frieden aufgerichtete Scheidewand zwischen beiden Kirchen ga»> niedergelegt, und der Begriff einer herrschenden Landeskirche aufgehoben. Obgleich dm durch den wiener Kongreß wiederhergestellte Papst dagegen protestirte, so bot ec doch du Hand zu einem provisorischen Übereinkommen mit den deutschen Fürsten in Kicchenange- legenheiten. Mit Ostreich konnte der Papst ganz zufrieden sein, denn die Protestanten bc- kamen da die durch die Bundesacte bestimmten Rechte nicht, sondern wurden fortwährend nach dem Toleranzedict des Kaisers Joseph behandelt; ja die evangelischen Zillerthaler wurden genöthigt, Tirol, ein deutsches Land, zu verlassen, weil das Toleranzedict Joseph's dort nie Gültigkeit gehabt habe. Mit Baicrn schloß der Papst schon 1817 ein für ihn vortheilhaf- kes Concordat und mit Preußen 1821 eine gleichfalls ihm günstige Übereinkunft. (S. Konkordat.) Nach langen Unterhandlungen ordnete der Papst auch imJ. >827 durch dieBull- ^»1 tlomiliiei gregis custockism die Diöcesen, und cs wurden nun Bischöfe angestellt zu Rotenburg (im Würtembergischen), Mainz, Limburg an der Lahn, Fulda und Hildcshcini, welche insgesammt dem Erzbischof von Freiburg in Baden untcrgestellt sind. Dennoch abcr fuhren die Päpste fort, alle ihre Ansprüche aus dem Mittelalter in der Theorie fcstzuhaltc» und in ihren Bullen auszusprechen und die Protestanten als Ketzer zu betrachten und zu behandeln, wobei ihnen die wiederhergestellten Jesuiten die besten Dienste thaten, sodaß cs zu den ärgerlichen Streitigkeiten mit dem Erzbischof von Köln, Droste von Vikchc- ring(s. d.) und über die gemischten E h e n (s. d.) kam, welche nicht wenig dazu beitrugen, den alten Sektenhaß, der früher so blutige Früchte getragen hatte, aufs neue zu wecken. Die protestantische Kirche Deutschlands wurde in ihrem Wesen durch die franz. Revolution nicht gestört; vielmehr schien diese Revolution ihr günstig werden zu müssen, denn ft vernichtete auf längere Zeit die politische Gewalt des Papstes und seiner Hierarchie, stellte eine große Anzahl katholischer Districte unter protestantische Landesherren, z. B. in Preuße», Hessen, Würtemberg, Baden, Nassau, Hannover, und gab auch in den Ländern den Protestanten rechtliche Existenz und kirchliche Rechte, in denen sie vormals nicht einmal geduldet wurden. Dagegen aber entstand für die Protestanten auch der Nachthcil, daß die sehr wirksame katholische Proselytenmacherei, nachdem die Katholiken in protestantischen Ländern kirchliche Freiheit bekommen hatten, freies Feld fand, und die katholische Priesterschaft, angefeuert durch päpstliche Bullen und durch jesuitische Ümtriebe in protestantischen Ländern mit Ansprüchen hervortrat, welche den Rechten der Protestanten Eintrag zu thun drohten. Ei» Hauptnachtheil entstand aber für die Protestanten dadurch, daß es den Jesuiten gelang, in > der ie in ont- >ehr, »ick ans srie- lhrtt Vis- n zu von , bell ach iscbe Al>- lapst urde natt und !, die »urch gan- ! dkl! h di! l i>! reni >vm- der! Ihas- on- Zulli N°- abci alttu n be- ß cd che- lgcn, !evo- nlsi- ielitt lße>'/ Pr°- uldct virk- dein mge- , mit Ein S,'N Deutsche Kunst 225 de» höher» Ständen dieMeinung zu verbreiten, daß die Reformation und die protestantische Aufklärung die Revolution erzeugt habe, und daß es zu Bändigung des revolutionaircn Geistes kein anderes Mittel gebe, als Wiederherstellung der Fürstenmacht und der Zustände des Mittelalters. Dadurch wurde in katholischen und protestantischen Ländern die Reaction für veraltete Zustände geweckt und der Kampfzwischen dem Alten und Neuen erweckt, welcher die Geschichte der Gegenwart ist. Die mit dem Reformationsjubiläum im I. l 817 in Anregung gebrachte und in vielen deutschen Ländern, z.B. in Baden, Nassau, Rheinbaiern und Preußen vollzogene Union (s. d.) der Ncformirten und Protestanten, so höchst wünschens- wcrth an sich sie war, konnte doch bei diesen reactionaircn Bestrebungen die gehofften Früchte nicht tragen, sondern wurde namentlich in Preußen die Ursache zur Entstehung der Altlutheraner. Deutsche Kunst. Unter den Völkern, die im Laufe des christlichen Zeitalters mit schöpferischer Kunstthätigkcit aufgetreten sind, nimmt das deutsche Volk einen der ersten Ehrenplätze ein. In der langen Zeit des Mittelalters, von der Feststellung und Scheidung der neuern curop. Nationalitäten ab bis in das > 6. Jahrh. hinein, ist zunächst nur Italien als eigentlicher Nebenbuhler Deutschlands im Bereiche der Kunst aufzuführen. Italien errang in den Fächern der bildenden Künste, in der Malerei und Sculptur, die sich zwar auch in Deutschland der mannichfachsten Pflege erfreuten, die höhere Vollendung, aber in der Ausbildung der Architektur blieb es beträchtlich hinter Deutschland zurück. Frankreich und England, auch die Niederlande, lieferten glänzende architektonische Werke, ohne doch auch von ihrer Seite die Durchbildung derDeutschen zu erreichen; was von franz. und engl. Künstlern im Mittelalter in den Fächern der Malerei und Sculptur geleistet ward, kommt für die Auffassung des Ganzen wenig in Betracht; nur die Niederlande übten hierin einen theilweise bedeutenden Einfluß aus. Für das 17. Jahrh., in welchem die künstlerische Tätigkeit der Niederländer und der Spanier, mehr noch als der Italiener, die vorzüglichsten Erscheinungen in sich faßte, traten die Deutschen von dem Schauplatze zurück, überließen dann auch im Zeitalter Ludwig's XIV. willig den Franzosen die Ehre der glänzendsten Stellung. Bald aber machten sie wieder ihre Rechte geltend. Der neue Aufschwung der Kunst seit Winckelmann ist von den Deutschen in ernstlichster, sinnvollster und gehaltenster Weise ein« geleitet worden; die Stadien einer organischen Entwickelung haben sich hier am gesetzlichsten ausgebildet, und wenn gleichzeitig auch die Franzosen, sowie in deren Nachfolge die Niederländer, lebhafte Schritte vorwärts gemacht und manche sehr glänzende Erfolge errungen haben, so steht Das, was in der deutschen Kunst sich regt und wirksam ist, in seiner Ganzheit betrachtet doch der franz. gewiß auf keine Weise nach. Deutschland empfing die ersten künstlerischen Typen, in einer Form, die in gewissem Betracht schon festgestellt war, aus den südlichen Kulturländern, vornehmlich aus Italien. Es war jene Umbildung der antiken Be« handlungs- und Darstellungsweise, welche sich zunächst hier für die Zwecke der christlichen Lehre, für die christliche Anschauungs- und Gefühlsweise entwickelt hatte. Es lag in diesen Typen, in diesen Formen, diesen Bildern jedoch ein innerer Widerspruch; der christliche Geist konnte in den antiken Elementen nimmer seinen vollkommen angemessenen, seinen zureichenden Ausdruck finden, zudem waren diese Elemente, als sie aufdas Christcnthum übergingen, schon in sich entartet und verdorben. Eine tiefere Lösung des Widerspruchs, eine erneute Belebung konnte nur durch die Kraft jugendlicher Völker möglich gemacht werden; der Einfluß der german. Volksstämme, die überhaupt so wesentlich zur Regeneration Europas beitrugen, zeigte sich auch Hierin. Durch die Aufnahme jener altchristlichen Kunstweise in das Bewußtsein des german. Volksgeistes bildete sich zunächst eine neue künstlerische Richtung aus, die des romanischen Stils, den man unpassend als den byzantinischen bezeichnet hat, dann die noch freiere, noch selbständigere Richtung des germanischen Stils, und Deutschland hatte hieran den wesentlichsten Antheil. Was die Architektur anlangt, so nahm Deutschland mit fester Innigkeit vorerst die altchristliche Form der Basiliken auf; aber cs befreite sich bald von der einseitigen Nachahmung antiker Einzelheiten, die in dieser Bauweise bei den Italienern fast das ganze Mittel- alter hindurch wahrzunehmen ist; es schuf das Bauwerk- zu einem fester in sich zusammen« Cvnv.-Lex. Neunte Aufl. IV. 15 226 Deutsche Kunst hängenden, zu einem aus congrucntern Theilcn gebildeten Ganzen um. Die große Glanzzeit der Herrschaft der sächs. Kaiser, welche das Nationalgefühl mächtig weckte und zugleich dessen Ausdruck war, übte hierauf einen unverkennbaren Einfluß. Sachsen und Thüringen waren auch die wichtigsten Lande für die Ausbildung der Architektur des romanischen Stils, obgleich derselbe aller Orten sich geltend machte. Mit der Basilika wurde dann die Anwendung des Gewölbes verbunden, die wiederum eine sehr bedeutende Umwandlung der Anlage zur Folge hatte, und in der später« Zeit des l2. und im Anfänge des 13. Jahrh. entstand ein- beträchtliche Anzahl solcher gewölbten Basiliken^ nicht nur in den genannten Gegenden sondern namentlich auch in den Rheinlanden und an andern Orten, an denen man zugleich die glanzvollste, zum Phantastischen sich neigende Ausbildung des Stils bemerkt. Im nord- lichen Frankreich war inzwischen durch die Benutzung und eigenthümliche Anwendung oriental. Motiven zu der Entwickelung des germanischen (gothischcn) Baustils der Grund gelegt worden. Dies traf aufs entschiedenste ein geistiges Bedürfniß der Zeit, welche du vollste Belebung der architektonischen Form, die reichste Entwickelung der architektonischen Theile, die rastloseste Erhebung von den Banden der Erde und des körperlich lastenden Materials erstrebte. In rascher Folge nahmen die europ. Nationen jene Elemente zur selbständigen und eigenthümlichen Ausbildung auf; die deutschen Meister aber erkannten am sichersten das Gesetz, welches in ihnen lag, und wußten dasselbe zur klarsten harmonischen Entwickelung hindurchzuführen. Im zweiten Viertel des 13. Jahrh. begann man in Deutschland in dieser Weise zu bauen und im Laufe von etwa hundert Jahren hatte man bereits dik wunderwürdigste Blüte der Architektur zur Entfaltung gebracht. Der Dom zu Köln, l 218 gegründet, ist ohne Zweifel als das edelste Werk mittelalterlicher Architektur zu nennen; d« großartig klare Entwurf dieses Gebäudes bildete sich bei jedem neuen Abschnitt in der Ballführung immer reicher, in immer mehr geläuterter Weise aus. In den verschiedenen Theilni^ Deutschlands gestaltete sich, der german. Baustil in verschiedenen Formen, fast durchnuj jedoch auf jener klaren, organischen Basis, die ungleich höher zu stellen ist, als der bum Schmuck und die überladenden Verzierungen, wodurch die german. Bauten anderer Land« oft einen imponircnden Eindruck erstreben. Selbst die kühle, aber ernste und verständig! Weise, in welcher in den deutschen Küstenländern des Baltischen Meers bis zum Finnische« Meerbusen hin gebaut wurde, ist nicht ohne gutes Anrecht auf künstlerische Geltung. All- mälig jedoch verlor sich das Gefühl für die Bedeutung dieser Formen; sie wurden theil- «üchtern, theils willkürlich spielend gebildet und verschwanden dann im Laufe des 16. Jahrh, vor der aus Italien neu hereindringenden Nachahmung der antiken Architektur. Die bildnerische Thätigkeit zur Seite dieser architektonischen war ebenfalls in Deutschland keineswegs unbedeutend- Mit dem Beginn des II. Jahrh. treten uns hier schon merkwürdige Bestrebungen entgegen. BischofBernward (s. d.) von HildcSheim, gest. 1622, ließ in HildeS- heim ansehnliche Bronzewerkr ausführen, die, wenn auch noch durchaus kein freies künstlerisches Gefühl an ihnen wahrzunehmen ist, doch schon durch das Wollen und durch die technische Übung als denkwürdige Zeichen der Zeit betrachtet werden müssen. In demselben und in dem folgenden Jahrh. wurden in Deutschland, vornehmlich ebenfalls in Sachsen, noch andere merkwürdige große Bronzearbeiten geliefert. Die Sculptur in Stein scheinksich erst später entwickelt zu haben und auch für diese Arbeit sehen wir die erste erhebliche Blüte in Sachsen. Die Sculpturen von Wechselburg und Freibcrg, am Ende der Periode des romanischen Stils, d. h. etwa am Ende des 12. Jahrh. gefertigt, lassen bereits einen sehr hohe« Adel des Gefühls und einen lebhaft erregten Naturfilm erkennen. Italien hat in jener Zeit noch durchaus nichts Ähnliches aufzuweisen. Den genannten rechen sich dann, als ebenfalls sehr bemerkenswerthr Arbeiren, die Sculpturen im westlichen Chore des Doms zu Naumburg, aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. u. s. w. an. Die Malerei, die immer erst der Sculptur nachzusolgen pflegt, hatte bis dahin noch keine höhere Ausbildung erlangt. Doch sind in der Zeit des romanischen Stils, besonders in dessen späterer Zeit, viele große Wandmalereien ausgeführt worden, freilich durchweg nur einfach colorirte starre Umrißzeichnungen. Die Reste solcher, später zumeist übertünchten Werke findet der aufmerksame Beschauer häufig genug; bemerkenswerth sind namentlich die großen Gewölbemalereien in dem Capi> telsaalr zu Brauweiler bei .Bsr-,. Eine sehr wichtige Erfindung war in Deutschland bereits Deutsche Kunst 227 im 1 6. Jahrh. gemacht worden, die der Glasmalerei, die von Oberbaicrn ansgegangen zu sein scheint. Anfangs mehr oder weniger sparsam angewendet, fand diese Kunst in den Ge- bäuden des german. Stils, wo die Wandflächcn verschwinden und statt ihrer weite Fenster eintreten, die reichste, glänzendste und eigenthümlichste Anwendung. Die erste Malerschule von selbständiger Bedeutung erscheint im 14. Jahrh. in Prag, unter Kaiser Karl IV. Ihr gegenüber steht die Schule von Köln, die am Ende des 14. und im Anfänge des 15. Jahrh. sich zu ihrer anmnthvollsten Blüte ausbildete. Die Werke dieser Schule vereinen in sich das Gepräge der reinsten kindlichen Unschuld und der anmuthvollsten Grazie, und die Bilder haben eine Schönheit und Klarheit der Farben, einen Schmelz und eine Weichheit des Vortrags, die mit keinen andern künstlerischen Erscheinungen verglichen werden können. Das Meisterwerk dieser Schule ist das sogenannte Kölner Dombild, welches, die Stadtpatroncn Kölns darstellend, ursprünglich für die im I. 1426 gebaute Rathhauskapelle bestimmt war. Zu ähnlichen Vorzügen entwickelte sich gleichzeitig auch die Bildhauerkunst in Köln, wie aus manchen, dort noch erhaltenen vortrefflichen Grabmonumenten zu ersehen ist. Die kleinen Figuren an der Tumba des Erzbischofs Friedrich von Sarwardcn, gcst. >414, im kölner Dom, weichen an Schönheit und Anmuth nicht den gefeiertsten Malereien der Schule. Bald nach dieser Zeit, und während die german. Architektur in Deutschland noch volle Geltung hatte, machten sich in der deutschen Malerei und Sculptur neue Elemente geltend, erzeugt durch jenes Streben nach scharfer Jndividualisirung, nach möglichst treuer und verständiger Nachbildung der natürlichen Erscheinungen, welches als das Zeugniß eines neuen Zeitgeistes damals aller Orten wahrzunehmen ist. Für den Norden überhaupt ist in diesem Betracht vorzugsweise das glanzende Auftreten der flandrischen Schule, unter Hubert und insbesondere unter Johann van Eyck, von Bedeutung. Diese Schule ist auch ausDeutschland nicht ohne Einwirkung gewesen; doch gabsiewiederum eigentlich nur die erste Anregung; in entschieden nationellcr, obschon mannichfach verschiedenartiger Weise wurde dann die bezeichnete Bahn weiter verfolgt. Zahlreiche und mehr oder weniger bcachtenswerthe Malcrschulen, in denen allen, den localen Verschiedenheiten zum Trotz, jenes naturalistische Streben mit deutscher Gemüthlichkcit und Ernsthaftigkeit befolgt wurde, treten uns im Laufe des > 5. und im Anfänge des 16. Jahrh. entgegen. So eine kölner Schule, in der noch manche Reminiscenzen an die frühere Blüte dieser Schule bewahrt bleiben, und eine Abzweigung derselben in Westfalen; eine oberdeutsche Schule, die sich durch die innige Durchbildung meist einfacher Aufgaben auszeichnet und in der zahlreiche Meister, wie Mart. Schön (s. d.), Barth. Zeitblom, Mart. Schaffner, Hans Holbein (s. d.), der ältere und jüngere, blühten; eine fränk. Schule, die auf energischere Charakteristik bedacht war, die ihren Hauptsitz in Nürnberg hatte und als deren Häupter Mich. Wohlg einuth (s. d.) und dann dessen großer Schüler Albr. Dürer (s.d.) zu nennen sind, welchem Letztem zahlreiche Nachfolger sich anreihten. Auch Lukas Kranach (s. d.), der in Sachsen thätig war, stammt aus der fränk. Schule her. Die Bildhauerkunst zählte kaum minder zahlreiche und bedeutende Erscheinungen; auch in diesem Fache treten uns charakteristisch ausgebildete Meister, nach Schulen und Persönlichkeit verschieden, entgegen. Für manche treffliche Sculpturen, die wir in den Rheingegenden finden, fehlen uns nur zur Zeit noch die Namen der Meister. In Oberdeutschland sind besonders der Elsässer NiklaS Lerch und die beiden Schwaben, die den Namen Georg Syrlin führen, Vater und Sohn, von Bedeutung; in Franken Tilmann Riemenschneider von Würzburg und die Nürnberger Adam K r a ft (s. d.), Veit S toß (s. k>.) und Peter V i - sch er (s.d.) nebst seinen Söhnen, die letztem in Bronzewerken und zum Thcil durch eine vorzüglich ausgebildete Läuterung der Form ausgezeichnet. Eine höchst vollendete Meisterschaft entwickelte sich im Anfänge des 16. Jahrh. in dem Fache kleiner Portraitmedaillons. Nürnberg und Augsburg waren die Hauptstättcn dieses Kunstfachs und an letzter-m Orte zeichnete sich darin besonders Hans Schwach aus. Als eine ganz eigenthümliche Kunstgattung, die namentlich in Italien gar nicht vvrkvmmt, bildete sich in Deutschland das Fach der polychromen Sculptur, deren Werke häufig mehr nach malerischen als nach bildnerischen Gesehen angeordnet wurden, aus; doch hat man diese Arbeiten, von denen wenigstens die vorzüglichem keineswegs an den Mängeln einer Zwittergattung leide», erst in jüngster Zeit 228 Deutsche Kunst zu würdigen angefangen. Es sind größtentheils Schnihaltäre, oft von überaus reicher Com- Position, Bilderschreine mit zierlichen architektonischen Einrahmungen und mit figürlichen Sculpturen ausgefüllt, die letztem naturgemäß bemalt und, je nach den Bedingungen des Gegenstandes, vergoldet; die Flügel der Schreine gewöhnlich mit wirklichen Gemälden versehen. Die Art und Weise der Bemalung und der Anwendung des Goldes hält sich an diesen Schnitzwerken fern von aller einseitig illusorischen Wirkung, die allerdings mit den Gesetzen der Plastik in Widerspruch stehen würde. In ganz Deutschland wurden solche Werke > gefertigt. In Nürnberg waren dafür besonders die Werkstätten von Mich. Wohlgcmuth und Veit Stoß thätig. Norddeutschland steht in dieser Kunstgattung dem Süden Deutsch, lands aus keine Weise nach; der Schnitzaltar der Kirche von Tribsees in Pommern, ein noch alterthümliches Werk voll zarter Idealität, etwa aus dem Beginn des 15. Zahrh., und die Arbeiten des Hans Brüggcmann, aus dem Anfänge des 16. Jabrh., in Schleswig sind hier besöndcrs hervorzuhcben. Endlich zeichnete sich Deutschland in dieser Periode noch, wenn nicht durch die Erfindung, wie cs zwar allen Anschein hat, so doch gewiß durch die erste und die vielseitigst verbreitete Ausbildung zweier Kunstgattungen aus, die jm Laufe der Zeit auf das gesammte künstlerische Schaffen und gegenseitige Verhalten den wichtigsten Einfluß ausüben sollten; es sind der Holzschnitt und der Kupferstich. In der Behandlung des letztem erscheint, während die Italiener sich darin noch keineswegs mit gleicher Sicherheit bewegten, Martin Schön bereits höchst entwickelt, und in der nürnberger Schule, besonders durch Albrecht Dürer, fanden beide Gattungen der Kunsttechnik die vollendetste Ausbildung. So treffliche Meister indeß Deutschland in den ersten Jahrzehnden des l 6. Zahrh zählte, so erreichten diese doch nicht die gediegene Classicität, zu der sich gleichzeitig die große« Maler und Bildner Italiens emporschwangen. Die geistige Entwickelung der Zeit war i« zwei verschiedenartigen Richtungen auscinandergegangen; die Italiener waren ruhig aufs der Bahn der Anschauungen fortgeschritten, die Deutschen hatten sich mit größerer Energie dem Bereiche des Gedankens zugewendet. Die einseitige Thätigkeit des Gedankens mußte die künstlerische Naivetät auflösen, aber sie brach zugleich der Entwickelung eines neuen Zeit- alters Bahn. Der große Kampf der Geister begann; die kirchliche Reformation mit ihren laugen Nachwehen trat ins Leben. Der Kunst war in Deutschland auf geraume Zeit der ge- deihliche Boden geraubt; sie konnte sich zumeist nur passiv verhalten, nur etwa aufnehmcn, was ihr aus der Fremde an zeitgemäßen Formen und Darstellungsweisen dargeboten wurde Rur eine kleine Nachblütc ist für Deutschland noch in der zweiten Hälfte des >6. Jahrh. a«> zuführen, die eines zierlichen, auf allerhand ornamentistische Dinge gerichteten Kunsthandwerkes. Augsburg war die Hauptstätte solcher Arbeiten. Jm Übrigen gingen die vorzüglichen künstlerischen Talente, an denen es auch in dieser Zeit in Deutschland keineswegs fehlte, meist zu fremdländischen Schulen über und werden gewöhnlich bei diesen mit aufgeführt, wie z. B. Adrian van Ostade ss. d.), der berühmte Genremaler, der aus Lübeck gebürtig war, den Holländern zugezählt wird und wie Pierre Neximont oder Raymond, der ausgezeichnetste unter den Emaillemalern von Limoges, dessen eigentlicher Name aber Peter Rermann war, insgemein als Franzose gilt. So währte es das ganze 17., so die größere Zeit, des l 8. Jahrh. hindurch. Nur ein Künstler von vorzüglich hoher Bedeutung macht sich i« r dieser Zeit, d. h. am Schluffe des 17. und im Anfänge des 18. Jahrh., auf selbständigere Weise geltend. Dies ist Andr. Schlüter (s. d.) aus Danzig, der unter König Friedrich I. von Preußen in Berlin als Bildhauer und Baumeister thätig war. Der französirt ital. Geschmacksrichtung seiner Zeitgenossen zwar folgend, erhob er sich über die letzter« doch im aller- bedeutendsten Maße durch den ernsten Adel seines Gefühls, durch die Energie seiner Auffassung und durch die Treue seiner Durchbildung. Ein gemeinsamer Aufschwung der deutschen Kunst beginnt erst wieder in der spätem Zeit des 18. Jahrh., gleichzeitig mit der neuen Blüte der deutschen Literatur und hervorgerufen durch deren Ausschwung. Zunächst sind zwei verschiedene Richtungen, in denen sich f dieser Aufschwung kund gab, zu bemerken. Auf der einen Seite nämlich flüchtete sich der künstlerische Geist aus der affectirt franz. Weise des Geschmacks in eine einfach klare Auffassung und Wiedergabe der natürlichen Erscheinungen. Berlin bildete den wichtigsten Punkt fllk birst Weist der künstlerischen Thätigkeit. Dort war durch Friedrich II. allerdings vier Deutsche Kunst 229 franz. Element gepflanzt und nicht ohne Einwirkung geblieben; aber um so entschiedener wußte dort auch das durch den großen König gleichzeitig hervorgerufene Nationalgefühl sich geltend zu machen suchen. Die radirten Kupferblätter von Dan. Chodowiecki (s. d.), in ihrer unübertrefflichen Naivetät, sind die ersten Zeugnisse dieses nationell künstlerischen Aufschwungs; andere Arbeiten folgten ihnen und namentlich bewegen sich die vorzüglichsten Sculpturwerke Schadow' s (s. d.), meist Portraitstatuen historisch ausgezeichneter Personen, ganz in dieser Richtung. Auf der andern Seite erstrebten die Deutschen eine Regeneration der Kunst durch das Studium der reinen und geläuterten Weise, in welcher die Natur in den Werken des klassischen Alterthums ausgebildet erscheint. Es lag in der Natur der Sache, daß dieses Studium vorerst besonders auf ital. Boden begonnen ward. Joh. Winckelmann (s. d.), der große Reformator der Kunstwissenschaft, war der Erste, welcher dort die hohe Bedeutung der antiken Kunst aufs neue entwickelte. Von seinen Zeitgenossen nicht durchweg verstanden, fiel sein Wort erst bei den Jüngern auf wahrhaft fruchtbaren Boden. Carstens (s. d.), der Maler, lieferte Compositionen, die von einer wahrhaft classi- schen Auffassung durchleuchtet und in wunderbarer Formenreinheit ausgeführt sind. Andere schlossen sich ihm an, und unter ihnen ist besonders der leider zu jung verstorbene G. Schick (s.d.) hcrvorzuheben. Die andern Nationen folgten diesen Schritten; in der Sculptur waren der Italiener Canova, der freilich von französirender Affectation noch nicht frei blieb, und der große Däne B. Thorwaldsen von vorzüglicher Bedeutung; zwischen Beiden in der Mitte, doch mehr Canova verwandt, stand der WürtembergcrH.Dann ecke r (s.d.). In manchen mehr oder weniger bedeutenden Erscheinungen zieht sich diese elastische Kunstrichtung bis in die Gegenwart herab. Ihr vorzüglichster Repräsentant für die neueste Zeit war Schinkel (s. d.) zu Berlin, der, besonders als Architekt thätig, das Princip der modernen Architektur wieder aufseinen ursprünglichen Ausgangs- und Lebcnspunkt, aus die reine griech. Form zurückzu- führen und diese doch mit geistvoller Freiheit zu behandeln wußte; der aber auch in der selbständig bildenden Kunst der classischen Richtung einen weitern Inhalt zu geben vermochte, wie dies besonders in seinen genialen Entwürfen für Frescomalereien in der Vorhalle des berliner Museums der Fall ist. Inzwischen waren aber wieder neue künstlerische Richtungen erwacht. Der Realismus jener einfachen Naturtreue genügte den Bedürfnissen der vorschrei- tendcn Zeit so wenig wie die formale Reinigung, welche durch die classischen Studien erstrebt wurde. Man ward darauf hingewiesen, in das Innere der Gemüthswelt einzukchren, für die künstlerische Schöpfung vorzugsweise nur nach dem innern Bedürfniß, nach der inner» Stimmung zu fragen. Die Zeitumstände standen hiermit im unmittelbarsten Einklänge, indem die Gewaltherrschaft Napoleon's, die das deutsche Volk äußerlich darnicderdrückte, die nothwendige Folge hatte, daß man im Innern Heil für das äußere'Leiden suchte, daß man sich innerlich sammelte, um dem äußern Drucke nicht zu erliegen. Zugleich führten dieselben Umstände den Blick aus der trüben Gegenwart in die glücklichen Zeiten der Vergangenheit zurück, man lernte das Mittelalter, das lange misachtet worden war, wieder kennen und wieder lieben. Man ging auf die Kunsterzeugnisse des Mittelalters wieder ein, und man fand in diesen, wozu man selbst schon getrieben ward, jenen Ausdruck des innerlich begeistigten Lebens, des vorherrschend gemüthlichen Daseins. Man fing demgemäß an, die Kunstwerke des Mittelalters als wichtige Förderungsmittcl, selbst als Vorbilder zu betrachten, und man gründete eine romantische Kunstrichtung. Zufällige Umstände ließen dieselbe zunächst aufröm. Boden entstehen. Von den Künstlern, die dort eine solche Richtung einschlugen, ist als einer der bedeutendsten Ov erbeck (s. d.) in Rom verblieben und hat sich eng in den Kreis deraltital. Kunst eingeschloffen. Für Andere, wie Corn elius (s. d.), Jul. Schnorr (s.d.), Heinr. Heß (s. d.), eröffnete sich ein reiches Feld der Thätigkeit und mannichfach verschiedener individueller Ausbildung in München, wo durch König Ludwig von Baicrn die großartigsten und umfassendsten künstlerischen Werke unternommen wurden, die zugleich auch die mannich- fachste Ausbildung der verschiedenen Gattungen der Kunsttechnik, wie z. B. der so lang« vernachlässigten Glasmalerei, zur Folge hatten. Jüngere Künstler haben sich aus den besonder« Eigenthümlichkeiten dieser münchener Schule zu freierer Selbständigkeit entwickelt; wenig- stens ist das beiW. Kaulbach (s. d.) auf glänzende Weise der Fall. Andere Meister der romantischen Richtung haben in mehr isolirter Stellung ihre Bahn verfolgt, wie z. B. PH- 23V Deutsche Literatur und Wissenschaft Beit (s. d.) in Frankfurt am Main, oder auch wieder andere Pfade ausgesucht. Die noch, wendige Einseitigkeit der romantischen Richtung, die immer geneigt ist, das Kunstwerk mehr oder weniger nur als Symbol, als abhängig von dem Gedanken und nicht als untrennbar eins mit diesem, zu betrachten, mußte jedoch wiederum, zumal da die Zeitverhältnisse sich wieder so wesentlich verändert hatten, neue Gegensätze Hervorrufen. Die reale Naturaufsas. sung verlangte wieder ihr Recht; man suchte dies zu erringen, aber von hohem Standpunkten aus als vorher. In Berlin, wo die verschiedenen Zeitrichtungen etwas bunt durcheinander gespielt hatten, entwickelte sich die Sculptur, besonders die Behandlung der historischen Monumente, durch Chr. Rauch (s.d.) zu einer hohen Läuterung jener ältern Bestrebungen; unter den übrigen Bildhauern Berlins steht ihm, mehr vielleicht zu idealer Ruhe geneigt, F. Dracke zur Seite. Auch in der Malerei zeigt Berlin einzelne Bestrebungen verwandter Richtung, wohin besonders die Werke von K. Begas (s. d.), sowie die höchst meisterlichen Landschaften des leider zu früh geschiedenen Blechen zu rechnen sind. Besonders einflußreich aber hat sich in solchem Streben die düsseldorfer Malerschule gezeigt, die unter Wilh. Scha- dow's Leitung schnell einen großen Rcichthum von Talenten entwickelt hat. Als ihre vorzüglichsten Repräsentanten mögen, neben vielen Andern, K.F. Lessing (s.d.), gleich bemer- kenswerth im sogenannten romantischen Genre wie in der Landschaft, A. Schrödter (s. d.), der große Humorist, und der Landschaftsmaler W. Schirmer (s. d.) genannt werden. Die düsseldorfer Schule sucht mit Emsigkeit auf das Detail der Erstheinungen einzugehen und dieselben durch den Hauch subjectiver Empfindung poetisch zu verklären; sic ist dabei jedoch, wenigstens in der großem Mehrzahl ihrer Erscheinung««:, in eine einseitig elegische Sentimentalität, die mit der realen Kraft der Erscheinungen im entschiedenen Widerspruche steht, hineingerathcn. Außer diesen Hauptrichtungcn der gegenwärtigen deutschen Kunst sind noch gar mancherlei vereinzelte Bestrebungen, besonders in den verschiedenen Fächern der Cabinets- malcrei, Genre, Landschaft, Stillleben, zu bemerken. Die aller Orten thätigen Kunstvcr - eine (s. d.) haben für eine reichliche Production von Kunstwerken kleinern Maßstabes wesentlich mitgewirkt; sie haben dadurch allerdings, was man ihnen sehr zum Vorwürfe gemacht, den Sinn der Künstler von der Richtung auf das Große und Monumentale, das aber nicht immer das Rechte und Schöne ist, abgclenkt, haben sich aberWgleich für die Erweckung eines lebhafter» Kunstsinns im Volke unleugbare Verdienste erworben. Das vielverbreitete Bcdürfniß nach künstlerischen Darstellungen bezeugt auch der lebhafte und im Ganzen sehr erfreuliche Betrieb des Kupferstichs, Steindrucks und Holzschnitts, welcher letztere durch die jüngst beliebt gewordenen illustrirten Druckwerke einen raschen Aufschwung genommen hat. Werfen wir schließlich noch einen Blick auf das künstlerische Bedürfniß, welches gegenwärtig das deutsche Volk oder doch die Gebildeten desselben, Diejenigen, welche eine humanere Gestaltung deSLebens erstreben, zu erfüllen scheint, so können wir nicht ganz ohneZuversicht aussprechen, daß wir wiederum in einem neuen Abschnitt, in einer neuen Krisis der Entwickelung stehen, die wiederum neue Resultate hoffen läßt. Die einseitigen Richtungen, wie solche zuletzt namentlich in der münchener und düsseldorfer Schule auseinander getreten waren, genügen nicht mehr; ein neuer Zustand der Gährung hat begonnen und die Anschauung fremdländischen Kuttststrebens, wie z.B. des französischen und belgischen, ist als nicht ganz ungünstiges Ferment in diesen Gährungsproceß eingetreten. Man verlangt nach einer künstlerischen Dar- stellungs- und Behandlungsweise, welche unser ganzes Dasein, in der Fülle und Energie seiner Erscheinung und zugleich in dem geistigen Streben, welches die Gegenwart bewegt, auszudrücken im Stande sei. Die Architektur sucht mit Lebhaftigkeit nach denjenigen Formen, die, von aller willkürlichen Nachahmung ftei, den Stempel unscrs Gefühlsvcrmö- gens trage; die Sculptur und die Malerei haben mehr oder weniger auch schon die Dämme der einseitig abgeschlossenen Schule durchbrochen. Ohne Ernst und nachhaltige Trene wird freilich das noch unbekannte Ziel nicht zu erreichen sein; doch dürfen wir auch in dem Gebiete der Kunst vielleicht nicht mit Unrecht dem «rationellen Aufschwünge vertrauen, der in Deutjchland neuerdings auf so erfreuliche Weise sichtbar geworden ist. Deutsche literarische Zeitschrift««» s.Deutschc poetische Kritik. Deutsche Literatur und Wissenschaft. Immer mehr hat man sich daran gewohnt, die Literatur eines Volks als den innigsten und zartesten Abdruck der geistigen Thä- Deutsche Literatur und Wissenschaft 231 tigkcit desselben zu betrachten, gleichsam als einen Spiegel, worin sich die jedesmalige Physiognomie des Volks am reinsten darstellt. Denn der Geist, der Charakter, der Fortschritt einer Nation drücken sich am treusten und wahrsten in den nationalliterarischcn Producten der edelsten Geister aus, welche die Nation und den Geist der Nation am würdigsten vertreten-, ebenso ist aber auch der Stillstand oder Rückschritt einer Nation an der jedesmaligen Physiognomie der gleichzeitigen nationalliterarischen Producte zu erkennen und nachzuweisen. Daher wird der Begriff einer Literatur als der einer zusammenhängenden nationalen Wissenschaft zu fassen sein und demnach die Geschichte der Nationalliteratur eines Volks als Darlegung der geistigen Geschichte dieses Volks selbst gelten können. So ist auch die Geschichte der Literatur der deutschen Nation die Geschichte ihres geistigen Lebens, ihrer innern Entwickelungen, ihres politischen und socialen Zustandes. Die mehr subjective Seite einer Nation spiegelt sich aber in ihrer Poesie (s. Deutsch c Poesie), die mehr objective in ihrer Prosa (s. D eu tsche Prosa); hier gilt cs, eine gedrängte Übersicht des Ganzen der deutschen Literatur zu geben. Trotz des bunten, gemischten, eklektischen Anstriches der deutsche» Literatur läßt sich in ihr ein durchgehender, nur ihr eigenthümlicherZug nicht verkennen, und cs ist ebenso hart als ungerecht, wenn A. W. von Schlegel bemerkt, daß die Deutschen allerdings eine Literatur hätten, wenn man unter Literatur einen ungeordneten Wust, ein rohes Aggregat von Büchern verstehe, die kein gemeinschaftlicher Geist beseele und unter denen nicht einmal der Zusammenhang einer einseitigen Nationalrichtung bemerkbar sei. Inzwischen hat hiermit Schlegel auch schon einen eigenthümlichen Vorzug der deutschen Literatur zugegeben, nämlich den, daß in ihr nichts Einseitiges sei. Die deutsche Literatur gewährt das anziehende und merkwürdige Schauspiel, daß in ihr das von allen gebildeten Völkern empfundene und gedachte Beste, Schönste und Tiefste, in einer nur ihr eigenthümlichen Mischung, zur Erscheinung kommt, daß sich in ihr die edelsten Säfte aller Literaturen ebensowol condensirt als sublimirt haben, daß sie universeller ist als jede andere und in und an sich jene Weltliteratur darstellt, welche Goethe als die der Zeit gemäßeste betrachtete. Sie ist die Brücke zwischen der alten und neuen Welt, zwischen dem Mittelalter und der Modernität, die denkkräftige Vermittlerin zwischen den Literaturen aller Nationen, und wie Deutschland ganz eigentlich berufen ist, den Weltfrieden zu erhalten, so hat die deutsche Literatur das Amt, den europäischen Literaturfricden und das literarische Gleichgewicht aufrecht zu halten. Diese Universalität, zu der sie sich emporgehoben hat, beweist, daß sie von keiner Einzelliteratur abhängig ist, was sie höchstens nur in kurzen, bald vorübergehenden Zeitfristen war, daß sie vielmehr alle übrigen Literaturen nur in sich aufnahm als Stoff, um ihn mit dem deutschen Gedanken und der deutschen Philosophie zu verarbeiten und zu befruchten. Dadurch, daß die Deutschen, wie das gesammte Ausland zugibt, das denkendste und philosophischste Volk der Welt sind, daß sie keine Entwickelung des Auslandes von sich weisen, sondern in den Kreis ihrer philosophischen Betrachtung aufnehmen und zu ihrem wie der Welt Besten verarbeiten, ist cs ihnen möglich geworden, trotz ihrer für den Ausländer schwierigen Sprache, eine literarische Großmacht zu werden. Diese Stellung zu erringen, würde ihnen ohne alle und jede Ei- genthümlichkcit unmöglich gewesen sein. In der philosophischen Forschung und Durchdringung der verschiedensten Lebenserscheinungen, in der systematischen Ausbildung aller und jeder Wissenschaft, in der selbst die poetische Production mehr oder weniger bedingenden, durchaus reformatorischen Kritik, welche mit selbständiger, von jeder einseitig nationalen Richtung, von jeder Botmäßigkeit gegen,das Ausland freier Willenskraft geübt wird, beruht die Eigenthüm- lichkeit der deutschen Literatur. Wenn auch einzelne mit der Literatur zusammenhängende Anstalten, z.B. die Bühne, wenn einzelne Branchen, z.B. der historische Roman, vom Auslande, wenn diePublicistik von fremdländischer Terminologie mehr als billig abhängig sind, und die kosmopolitische Richtung der deutschen Literatur häufig den nationalen Kern zu sehr vcr- wischte und zur Verkennung der volkstümlich deutschen Tugenden und Vorzüge verführte, so hat sich doch jener kritische und philosophische, ebenso sehr auflösende als zusammensetzrnde und organisirende Geist die Deutschen in den höher« Kreisen der Literatur mächtig und selbständig fortentwickelt und wie in früherer Zeit die Reformation so jetzt jene gewaltigen philosophischen Systeme und auf dem Gebiete des philosophischen Denkens überhaupt Revolutionen 232 Deutsche Literatur und Wissenschaft hervorgebracht, welche in Wissenschaft und Religion, in Politik und socialer Durchbildung sür die Zukunft noch die reichsten Früchte versprechen. Bei allem den Deutschen ebenfalls eigcnthümlichen Sinne für die Auffassung des gegenständlichen Natur- und Menschenlebens bis zum kleinsten Detail herab, ist doch jener philosophische Gedanke die Hauptbasis, worauf die edelsten deutschen Dichtungen und Kunstwerke, besonders der neuern Zeit, beruhen. Hier- durch erheben sich aber die deutschen poetischen und künstlerischen Schöpfungen weit über die des Auslandes, wenn auch die überwiegende philosophisch-kritische Speculation der realen und praktisch-wirksamen Auffassung, wie sie dem Auslande zu Gebote steht, nur zu häufig in zu starkem Maße Abbruch thut und die schöne objective Form schon im Werden in Stücke schlägt. Auf diese philosophische Speculation hat die Deutschen ihre Stellung innerhalb des europ. Volkerlebens von selbst angewiesen, indem sie in die Mitte Europas als ein Bin- nenvolk gestellt, in politischer Hinsicht in Particularintercssen zerthcilt, nur das Zünglein an der Wage Europas sind und auf das Ausland, von dem sie sich auf allen Seiten in verschiedenster Weise berührt fühlen, mehr philosophisch rcproducircnd als thätig und handelnd eingreifend wirken können. Wie aber der deutsche Charakter sich weniger durch eine auftval> lende und schnellkräftige Energie, als durch eine zähe Willenskraft und Stetigkeit auszeichnet, so hat das deutsche Volk wol für Zeitfristen unterdrückt, aber nie für die Dauer erdrückt und botmäßig gemacht werden können. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich auch in der deutschen Literatur. Hier wie dort erblicken wir oft gänzliche Abhängigkeit vom Auslande, allgemeine Erschlaffung und scheinbaren Stillstand, sodann aber plötzlichen Aufschwung und Ermannung zur Selbständigkeit und Rückkehr zu den ursprünglichen und frischen Quellen deutschen Volksthums. Erst nach den Stürmen der großen Völkerwanderung wurden die Verhältnisse der deutschen Stämme dauernder; einige der mächtigsten unter ihnen begründeten sich feste Sitze und brachten dadurch und durch ihr Ansehen das Wogen der übrigen Stämme zum Stillstand. Gesetze, wol von frühen Zeiten her überliefert und im Gebrauche, wurden jetzt zusammcngestellt, erweitert und in lat. Sprache ausgezeichnet, und diese Sammlungen, wie sie sich bei den Gothen, Langobarden, Burgundern, Baiern, Thüringern und Sachsen finden, sind die ersten Urkunden deutscher Bildung. Als sich das Christenthum durch eifrige Bekehrer und Gründungen von Klöstern und Bisthümern in den deutschen Ländern immer mehr ausbreitete, wurden die Geistlichen die ersten Lehrer und zugleich Bewahrer der Bildung unter den Deutschen; sie machten zuerst Versuche, die noch rohe, für wissenschaftliche Begriffe unausgebildete Sprache zu handhaben und zu schreiben, indem sie kirchliche Formeln, Gebete u. s. w. für das Volk aus dem Lateinischen, oft sehr unbeholfen, übersetzten. Das älteste, umfänglichste und wichtigste Denkmal dieser Art ist des Bischofs Ulsila (s.d.) gothische Bibelübersetzung zwischen den I. 360—380. Denkmäler der Poesie, die für uns unendlich wichtiger sein müßten, jene alten Lieder nämlich aus dem umfänglichen Kreise der deutschen Heldensage, die schon Tacitus erwähnt und die noch in dieser Zeit lebendig von Mund zr: Mund gingen, sind uns in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht erhalten, obgleich von Karl dem Großen berichtet wird, daß er sich mit Sammlung und Aufzeichnung derselben beschäftigte. Was davon in späterer Zeit, im 12.—l-t. Jahrh., wieder auftaucht, ist durch Umarbeitung und Erweiterung seinem Inhalte und Charakter nach verändert und zum Theil verunstaltet. Der erste Zeitraum der deutschen Literatur beginnt mit Karl dem Großen 768 und kann mit dem Anfänge des >2. Jahrh., der Zeit der schwäb. Kaiser, geschlossen werden. Karl der Große ließ viele Klosterschulen, wie in Fulda, Korvei u. s. w. errichten, denen er tüchtige Lehrex vorsetzte; aus diesen Schulen gingen nicht allein gelehrte Geistliche sondern unter diesen auch Geschästsmänner hervor, die auf die damaligen Staatsangelegenheiten bedeutenden Einfluß ausübten. Selbst an seinem Hofe stiftete Karl der Große auf Alcuin's Rath eine gelehrte Gesellschaft, an deren Beschäftigungen er selbst Theil nahm; außerdem war er eifrig bemüht, durch zweckmäßige Verordnungen auf Verbreitung allseitigcr Cultur unter den ihm unterworfenen Völkern einzuwirken. Unter seinen nächsten Nachfolger» wurde zwar weniger für die Förderung der Wissenschaften gethan, doch war es für die selbständige und freie Entwickelung deutscher Sprache und Bildung ein glückliches Ereigniß 233 Deutsche Literatur und Wissenschaft daß im I. 8-13 Deutschland sich von Frankreich schied. Nachdem Heinrrcy i. Deutschland von den verheerenden Einfällen der Hunnen befreit, im Innern durch gute Einrichtungen be- festigt und das Volk zum Bewußtsein seiner Kraft gebracht hatte, erhob sich unter Heinrich's I. Sohn, Otto I., das deutsche Volk, vornehmlich die Sachsen, zu Macht und Ansehen; wissenschaftliche Studien, die durch die Ausartung der Klöster kur; vorher darnieder gelegen hatten, nahmen von neuem einen nachhaltigen Aufschwung und betätigten sich vorzüglich in der Geschichtschreibung. Als Geschichtschreiber zeichneten sich in dieser Periode aus Einhard, Nithard, Widukind von Korvei, Dietmar von Merseburg, Lambert von Aschaffenburg (s. Deutsche Gcschichtskundc), als Polyhistoren und philosophische Schriftsteller Alcuin us (s. d.) und Hrab anus Maurus (s. d.) in Fulda, als lat. Dichter Walafrid Strabo, Eckehard I., als theologische Schriftsteller Haymo (s. d.), Bischof von Halberstadt, Hinkmar von Rheims u. Ä. Außer den Übersetzungen und Erläuterungen biblischer Bücher und philosophischerSchriftenvon demSanct-GallerAbt Notker (s.d.), gest. 1022, und Williram, Abt zu Ebersberg in Baiern, sind von Denkmälern in deutscher Sprache vor Allem die zwei Evangelienharmonien zu nennen, deren eine von Otfrid (s. d.) von Weißenburg um 87N in ftänk. oder althochdeutscher, die andere unter dem Namen „Heljand" von einem nichtgenannten Dichter auf Befehl Ludwig des Frommen in altsächs. Sprache abgefaßt wurde. Nächstdcm gibt das Bruchstück des „Hildebrandliedes" einen Begriff, wie Vieles und Großes der deutschen Literatur durch den Untergang der alten Volkspoesie aus dieser Zeit verloren gegangen ist. Ein neuer und glänzender Zeitraum der deutschen Literatur, der zweite, begann unter den Hohenstaufen und dauerte, obgleich sich nur einer kurzen Blüte erfreuend, bis gegen das Ende des 15. Jahrh. Der vermehrte Verkehr mit Italien und andern in der Cultur vorgeschrittenen romanischen Ländern durch die Römerzüge, wie die mit religiöser Begeisterung unternommenen Kreuzzügc nach dem Morgenland, aus dem die Rückkehrenden neue Ansichten und Kenntnisse mitbrachkcn, waren ganz geeignet, eine heilsame Umgestaltung in dem Gemüthe der Deutschen hervorzubringen. Das von den romanischen Völkern höchst ausgebildete Ritterwesen, dem die Poesie die Folie lieh, wurde jetzt auch den Deutschen zu Theil und übte sowol auf die Milderung und Verfeinerung der Sitten als auf die Gestaltung der Literatur und Sprache einen entscheidenden Einfluß, der nur insofern, als er die Einführung und Bearbeitung ausländischer Stoffe in der Poesie begünstigte, dagegen der freier» Entwickelung und Hebung der Volkspoesic hindernd cntgegentrat, schädlich genannt werden kann. Daß der kaiserliche Hof auf die Entfaltung der Literatur dieses Zeitraums einflußreich wirkte, zeigt schon der Umstand, daß der schwäb. Dialekt fast allein in den poetischen Erzeugnissen dieser Zeit sich geltend machte und selbst von denjenigen Dichtern gebraucht wurde, in deren Vaterland ein anderer Dialekt die Oberhand hatte. Nächst dem kaiserlichen Hofe wurde auch an andern Höfen deutscher Fürsten die Poesie gepflegt, und unter allen ist der Hof des Landgrafen Hermann von Thüringen (s. d.) der gefeiertste. Das poetische Element war in diesem Zeitalter so vorherrschend und volksthümlich, daß man selbst bei Behandlung wissenschaftlicher Gegenstände neben der althergebrachten lat. Sprache sich der metrischen Einkleidung bediente. Die hervorragendsten und vollendetsten poetischen Denkmäler dieser Periode sind in der epischen Volkspoesie die „Nibelungen" und das seinem Sagenstoff nach noch dunkle Gedicht „Gudrun"; in der Kunstpoesie dagegen, die fast durchgängig nur ausländische Stoffe zur Bearbeitung wählte, leisteten Wolfram von Eschenbach in seinem „Parcival", Hartmann von der Aue in seinem „Jwein" und Gottfried von Strasburg in seinem „Tristan" das Ausgezeichnetste. Unter ihnen stehen in ihren Leistungen Wirnt von Grafenberg, Konrad von Würzburg, Rudolf von Ems u. A. Unter der großen Anzahl der Minnesänger nimmt Walther von der Vogelweide als der tiefste und vielseitigste unbedingt den ersten Rang ein. Diese Blüte der deutschen Poesie war indeß von kurzer Dauer; schon nach dem ersten Viertel des 13. Zahrh. sank sie sichtlich und machte stit der Mitte desselben Jahrh. der Prosa Platz. Man fing von dieser Zeit an, Urkunden, Land - und Stadtrechte, auch Chroniken deutsch abzufassen und einzelne Dialekte, die zeither niedergedrückt waren, machten sich von da an in der Literatur wieder geltend. Der „Sachsenspiegel" von Eike von Repgowe und der „Schwabenspiegel" fallm als die bedeutendsten 234 Deutsche Literatur und Wissenschaft Sammlungen traditionell fortgcpflanzter Rechtssahungen und Rechtssprüche in diese Zeit, in welcher man schon angefangen hatte, das röm. Recht bei öffcntlicheu gerichtlichen Ver- Handlungen in Anwendung zu bringen. (S. D e u t s ch e s R e ch t.) Die Geschichte hat in dieser Zeit außer Otto von Freifingcn, der eine Chronik und die Geschichte Kaiser Fried- rich's i. in lat. Sprache schrieb, nicht so namhafte Repräsentanten als die vorige Periode aufzuweisen; indessen sind einige Specialchroniken, wie Jansen des Enenkels Fürstenbuch von Steier und Ostreich, um 1250, die östr.-stcicrische Chronik Ottokar's von Horneck, Jakob Twinger's von Königshofen clsassische und Detmar's kubische Chronik, sämmtlich in deutscher Sprache, nicht blos in sprachlicher sondern auch in historischer Hinsicht beachtenswerth. In der Philosophie waren die Deutschen während dieses Zeitraums vorzüglich thätig und übersetzten und commentirten nicht nur die Werke der Alten, besonders des Aristoteles, und der Araber ausführlich, sondern traten auch productiv auf; doch wurde die Philosophie fast nur als Dienerin der Theologie betrachtet und war mit ihr gleichsam in Eins verwachsen. Den größten Ruf unter den deutschen scholastischen Philosophen erlangte Albert der Großess. d.), gest. 1280, der auch außerdem aüsgebreiteteKenntnisse, namentlich in den Naturwissenschaften, besaß. In der Theologie, die sich nicht minder eifriger Bestrebungen zu erfreuen hatte, sind vorzüglich bemcrkenswerth die gelungenen Leistungen des Dominicanermönchs Berthold (s. d.) von Regensburg, gest. 1272, in der Kanzelberedtsamkeit, denen sich bis jetzt nichts Gleiches der Art an die Seite stellen läßt, sowie die Joh. Taute r's (s. d.), gest. 1361, der noch überdies .einige theologische Tractate abfaßte. Die Stiftungen deutscher Universitäten und sonstiger von Klöstern unabhängiger Lehranstalten im 13. und 15. Jahrh., wodurch Mönche und Geistliche nicht mehr die alleinigen Inhaber gelehrter Bildung blieben; das Erwachen einer neuen durch das Studium der alten Classiker geläuterten Bildung in Italien, wozu die aus Konstantinvpcl >353 geflüchteten Griechen den ersten Anstoß gaben und welche ihren Einfluß auch auf Deutschland ausdehntc; endlich die Erfindung der Buchdruckerkunst im > 5. Jahrh., wodurch neue Kenntnisse und Ansichten schnell und ohne Schwierigkeit überallhin verbreitet wurden; Alles dies wirkte so mächtig auf eine gänzliche Umgestaltung der deutschen Literatur hin, daß man von diesem Zeiträume eine ganz neue Epoche derselben datircn muß. Diese dritte Periode, welche bis auf die Gegenwart reicht, theilt man am bequemsten in die drei Abschnitte: l) Bis auf Opitz oder bis zum Anfänge des Dreißigjährigen Kriegs; 2) bis auf Klopstock und Lessing, und 3) von da bis auf die Gegenwart. Zu den Männern, welche zu Anfänge des ersten Abschnitts dieser Periode durch Verbreitung der sogenannten Humanitätsstudicn die höhere Bildung förderten, gehören vorzüglich Rud. Agricola (s. d.), Konr. Celtes (s. d.), der Polyhistor Joh. Tritheim (s. d.), vorzüglich aber Neuchlin (s. d.), Ulr. von Hutten (s. d.), Melan chthon (s. d.), Joach. Camerarius (s. d.) und der berühmte Erasmus (s. d.) von Rotterdam. Sie Alle arbeiteten der nächstfolgenden Zeit.mächtig vor und bildeten zwischen ihr und der vorigen Periode den Übergang oder nahmen an der großartigen geistigen Bewegung, welche in Deutschland vor sich ging, noch in der folgenden Periode den wirksamsten Antheil. An der Spitze dieser Bewegung aber, welche die Bevölkerung Deutschlands in kirchlicher Hinsicht in zwei große Massen spaltete, stand Martin Luther (s. d.). Mit ihm überflügelte der kritische und speculative Verstand Norddeutschlands die katholischen Anschauungen des deutschen Südens. Durch seine meisterhafte Bibelübersetzung wurde er der eigentliche Gründer der deutschen Prosa, und die obersächsische, sogenannte neuhochdeutsche Sprache zu der allen Gauen verständlichen Schrift- spräche erhoben. Dieselbe sprachliche Genialität, verbunden mit der charakterfesteste» Entschiedenheit und einer oft donnernden Bercdtsamkeit, läßt sich in seinen übrigen Schriften, namentlich in seinen Predigten wahrnehmen. Von ursprünglicher Bildung ein Gelehrter, war er durch Gesinnung und Talent doch ein echter Volksmann, der die Resultate seiner Studien nur dazu verwandte, das Volk in religiösen Dingen aufzuklären. Die deutsche Sprache, die er gleichsam geschaffen, die sich in würdiger Weise dem deutschen Gedanken und Gefühle bis in die feinsten Falten anschloß und in der zu schreiben auch dem Gelehrten nicht mehr zur Schande gereichte, trug nicht wenig dazu bei, die Reformation (s. d.) zu Stande zu bringen, der sich alle helldenkendc Köpft jener Zeit anschloffcn und mit der alle 235 Deutsche Literatur und Wissenschaft freiem Bewegungen bis auf die Gegenwart herab zusammenhingcn. Erst später bildete sich auch innerhalb der protestantischen Kirche eine scholastische und polemische ziemlich trostlose Theologie aus, womit Theosophie und Mystik in einen natürlichen und wohlthätigen Gegensatz traten. Die Mystiker wendeten sich besonders der Astronomie oder vielmehr der Astrologie und der damals alchymistischen Chemie zu, so besonders Theophrastus Paracelsus (s. d.), welcher der Chemie eine andere Wendung gab und sie aufdieMedicin anwandte, die, wie die Mechanik und Mathematik, damals einige Fortschritte machte. Zu diesen Mystikern gehören ferner Jak. Böhme (s. d.), ein philosophirender Theosoph, im Gedankeninhalt wie in der Sprache gleich originell tiefsinnig, und.Val. Weigel (s. d.). Als Metallurg ist besonders Georg Agricola (s. d.), als Vater der Naturgeschichte Konr. Gesner (s. d.) zu nennen. Der universelle Dürer (s.d.), der die deutsche Kunstweise jener Zeit zu ihrer höchsten Vollendung brachte, arbeitete mit seinem Freunde Wilibald Pirkheim er (s. d.) auf Veredelung und Reinigung der deutschen Sprache hin unb schrieb schätzbare Werke über wissenschaftliche Gegenstände, wie über die Messung mit dem Cirkel, jüber den Festungsbau und über menschliche Proportion in deutscher Sprache. Die Astronomie machte durch Köpernicus (s. d.) und später durch Kepler (s.d.) die merkwürdigsten Fortschritte. Auch zu einem deutschen Staatsrechte sowie zu einem Civilrechte wurde seit dem Anfänge des 16. Jahrh. der Grund gelegt; später erschien Karl's V. peinliche Halsgerichtsordnung (s.d.). Obgleich man in der Mitte des 16. Jahrh. die Chroniken und Urkunden des Mittelalters zu sammeln uNd selbst ausländische Geschichte zu treiben anfing, so lag doch die Geschichtschreibung sehr im Argen. Außer des Sleidan (s. d.) lat. abgefaßter Universalhistorie erregte Carion's deutsch geschriebene Chronik (1532) auch im Auslande große Aufmerksamkeit. Vorzüglich der gedrängten kräftigen Sprache, Gesinnung und Darstellung wegen ist das „Weltbuch" (1532) von Seb. Frank (s. d.) zu nennen, der auch, wie Joh. Agricola, deutsche Sprüchwörter sammelte und auslcgte und correct deutsch zu schreiben wußte. Sodann sind als Geschichtschreiber zu erwähnen Joh. Thurnmayr oder Aventinus (s. d.), Ägydius Tschudi (s. d.) wegen seiner durch Naivc- tät und Kraft ausgezeichneten „Schweizerischen Chronik" und Seb.Münstcr's (gest. 1552) merkwürdige Kosmographie (>533). In die Fortbildung der deutschen Sprache griffen auch die vielen oft sehr kräftigen geistlichen Liederdichter, der überaus productive Hans Sachs (s. d.) und Joh. Arnd (s.d.), der Verfasser des Werks „Das wahre Christcnthum", vo rthcilhaft ein. Abgesonderter, aber durch den originellsten Witz, durch kecken Humor und die verwegenste Handhabung der Sprache ausgezeichnet steht Joh. Fischart (s. d.) da, wäh- rend Goh von Berlichingcn (s. d.) als Selbstbiograph merkwürdig ist. Die Literaturgeschichte begann mit Konr. Gesner, und bereits 1563 erschien ein Büchcrverzeichniß von der frankfurter Buchhändlermeffe. In dem zweiten Zeitabschnitte der dritten Periode, von Opitz bis aus Klopstock stand die Allgemeinbewegung der Geister, die im 16 . Jahrh. so mächtig fortgeschritten war, beinahe still oder bewegte sich nach rückwärts, und cs ist weniger der Gesammtinhalt der Zeit, als einzelne bevorzugte Männer, welche während dieses Zeitraums das Interesse fesseln können. Der Katholicismus, aus dem so manche schöne Kunstblüte hervorgegangen war, hatte, im Kampfe mit dem Protestantismus und von Machthabern und Jesuiten bewacht und hermetisch verschlossen, sein moralisches Gewicht, sein Selbstvertrauen und seine naive Frische verlo- rcn. Auch der Protestantismus bot kein erfreuliches Bild und artete, ganz im Widerspruche mit sich selbst, in eine starre und dumpfe Orthodoxie aus, welche die Gemüther bis zum Ertödten alles Ursprünglichen und Naiven despotisch beherrschte. Hierzu kam der unselige Dreißigjährige Krieg, welcher die Wohlfahrt des deutschen Volks bis zur Wurzel untergrub, seine gesunde Heiterkeit tilgte, seine Spannkraft erschlaffte und bei dem endlichen Friedensschlüsse das Resultat hatte, daß die Fürsten ihre Hausmacht vergrößerten und sich immer mehr gegen das Volk abschloffen, daß eine Cabinetspolitik entstand und daß das Ausland, besonders Frankreich, durch Bestechung einzelner Fürsten, durch diplomatische Eingriffe und militairische Übergriffe die inner» Verhältnisse Deutschlands zu leiten anfing. Je gedrück- ter und verarmter nach so vielen mehr durch die Fürsten als durch die Völker verschuldeten Drangsalen der Zustand der Nation war, um so auffallender erscheint der verschwenderische 236 Deutschr Literatur u»d Wissenschaft Luxus, womit mehre kleinere Fürsten Deutschlands den prächtigen Hof von Versailles, ihre und des Volks Kräfte überbietcnd, nachzuahmen suchten. Die Folge davon waren ein steifes Hofceremoniell, die Hoffsche Schmeicheldichtung, der monströse Kanzlei-und Geschäftsstil, die elende Pedanterie der Gelehrten, die Nachahmung des Französischen in der Tracht, Sitte und Literatur, die widerliche Sprachmengerei in der Unterhaltung und im Schrifkwesen, das freventliche Verleugnen alles Nationalen. Nie hat ein Volk solche Rückschritte in so kurzer Zeit gemacht, als das deutsche im > 7. Jahrh., und daher die Verachtung, in welcher die deutsche Literatur dieses Jahrhunderts bei dem Auslande stand. Dessenungeachtet fehlte es in diesem Zeiträume in Deutschland nicht an tüchtigen gebildeten Männern, welche gerade im Gegensätze zu dieser Erbärmlichkeit des deutschen Schriftwesens um so mehr nach einer Reinigung der deutschen Literatur von so vielen fremdartigen und antinationalen Elementen strebten. Es fehlte aber diesen meist grundgelehrten und geffnnungskräftigen Männern zu sehr an Genialität, sie suchten, in Ermangelung eines originellen Geistes, zu sehr auf dem Wege der Nachbildung selbst die Nachahmung zu beseitigen, als daß es ihnen hätte gelingen können, der deutschen Literatur einen liefern nationalen Gehalt zu verschaffen. Inzwischen wurde doch durch die erste schlesische Schule, deren Vorläufer der Würtembergcr G. Rud. Weckhcrlin (s. d.) war, die formelle Seite der poetischen Sprache, namentlich die Prosodie, in einer sehr wohlthätigen und als Basis für die Zukunft nothwcndigen Weise ausgebildet. Es geschah dies vorzüglich durch Martin Op„itz (s. d.) von Boberfeld, den man deshalb den Vater der deutschen Poesie genannt hat. Überhaupt bietet die Lyrik in Opitz, Paul Flemmin g (s. d.), wol dem größten lyrischen Dichter seiner Zeit, Sim. Dach (s. d.), F. von Spee (s. d.) u. A. glänzende Namen dar, während der Epigrammatist F. von Lötz au (s. d.), der Tragödien - und Lustspieldichter A. Eryphius (s. d.), die oft trefflichen geistlichen Liederdichter wie Paul Gerh ardt (s. d.) und J.Rist, Sigm. von Birken (s. d.) als Verfasser einer „Deutschen Rede-, Bind- und Dichtkunst", der bcachtcnswerthc Sprach- reiniger Phil, von Zescn (s. d.) und die Satiriker Lauremberg (s. d.) und Rachel das Ihrige dazu beitrugen, wenigstens in einzelnen Gebieten die Ehre der deutschen Literatur aufrecht zu halten und die deutsche Sprache -gegen die immer mehr andrängende Sprachmengerei zu vertheidigen. Zu demselben Zwecke wirkten auch die vielen poetischen Gesellschaften, durch die sich dieser Zeitraum besonders auszcichncte, wie der Palenorde» oder die Fruchtbringende Gesellschaft^, d.), der Gekrönte Blumen- oder Pegnitzorden (s. d.), der Schwanenorden, die von Gottsched umgestaltete Deutsche Gesellschaft zu Leipzig u. s. w. Vielleicht noch durch größere Talente, aber auch durch die gröbsten Verirrungen, durch Zuchtlosigkeit, Zweideutigkeit, Schwulst und Nachahmungssucht zeichnet sich die zweite schlesische Schule mit den Namen Loh enstein (s. d.) und Hofmannswaldau (s. d.) aus, denen Christian Weise, Rector zu Zittau, in seinen Schulkomödicn das Natürlich- keitsprincip gegenüberstellte. Zur wässerigsten Geistlosigkeit sank die sogenannte dritte schlesische Schule herab, während der durch deutsche Gesinnung ausgezeichnete Abschatz (s. d.), Ean- tz (s. d.), der rcichbegabte Gü n th er (s. d.), Warnickc und selbst der sprach- und reimgewandte B r off e s (s. d.) den freilich leisen Übergang zu einer bessern Zeit verkünden. Dagegen befand sich die Prosa in einem trostlosen Zustande, obgleich sich Einzelne bereits mit der Theorie des deutschen Stilsund selbst mit der Geschichte der deutschen Literatur beschäftigten, wie I. G. Schottel in seiner „Ausführlichen Arbeit von der deutschen Hauptsprache" und Dan. Georg Morhof (s. d.) in seinem „Unterricht von der deutschen Sprache und Poesie". Zwar brauchte Ehr. Thomasius die deutsche Sprache bereits zu wissenschaftlichen Vorträgen; aber sie blieb in der Prosa durchaus unbeholfen, plump, und mit lat. und sranz. Ausdrücken aufs widerlichste gemengt. Der Roman, wenn wir den „Simplicissimus" und einzelne Stellen in Lohenstein's „Arminius und Thusnelda" ausnehmen, bewegte sich in breiter, bald matter, bald schwülstiger Schreibart, nur die mehr satirischen Schriftsteller, der kräftige Moscherosch(s. d.), Ji B. Schupp, der höchst originelle, witzige, an Wortspielen überaus reiche, oft ebenso zarte als burlesk derbe Kanzelredner Ulrich Megerle, genannt Abraham a Sancta Clara (s.d.) machen von diesem allgemeinen Verfall der Prosa eine erquickliche Ausnahme. Obgleich in den protestantischen Staaten, namentlich in Preußen, eine zu der Zeit überall unerhörte Gedanken- und Gcistesfreiheit herrschte und ein un- 237 Deutsche Literatur und Wissenschaft gemeiner Fortschritt darin stattfand, daß man über wichtige wissenschaftliche Gegenstände zu philosophirc» und gegen althergebrachte Misbräuche zu polemisircn anfing, sodaß d rs Licht der Aufklärung immer allgemeiner wurde, so blieb doch die Theologie fortwährend im dumpfesten Dogmatismus befangen und die geistliche Bercdtsamkeit, unter bessern Umständen so einflußreich auf das Volk, entbehrte aller Tiefe, .aller freier» und humanen Auffassung der Dinge und vornehmlich jener Wärme und Kraft im Stile, wodurch Luther die Gemü- thcr in Bewegung setzte; höchstens bildeten PH. I. Spener (s. d.) und A. H. Francke (s. d.) zu diesem trockenen und tobten Schematismus durch ihren innerlichenPietismuS (s. d.) einen wohlthätigen Gegensatz. An der Spitze der deutschen Physiker stand freilich Otto von Guerike (s. d.)als glänzender Name. Herm. Conring (s. d.) begründete recht eigentlich zuerst die wissenschaftliche Form des deutschen Staatsrechts, während Georg Beyer zuerst 1707 eigene Vorlesungen über das deutsche Privatrecht hielt. Endlich ist noch Sam. von Pufendorf(s. d.) als ein geachteter Name zu erwähnen; doch wurden die Wissenschaften und namentlich die Geschichte in hohem Grade geistlos und in gemeiner Sprache behandelt, wenn es auch nicht an Werken fehlte, worin eine abstruse Gelehrsamkeit in einer Menge von Citaten aufgestapelt war. Viele der bedeutendsten Gelehrten schrieben lieber französisch oder lateinisch, um nicht in deutscher Sprache vergebens nach dem geeigneten Ausdruck ringen zu dürfen; so Lei bnitz (s. d.), der umfassendste, vielseitigste Genius, der damals unter den Deutschen auftrat und insbesondere dadurch zum Vortheilc des geistigen Lebens in Deutschland wirkte, daß er bei der Stiftung der Akademie zu Berlin, welche so große Entdeckungen in den mathematischen und Naturwissenschaften veranlaßte, thätig war und durch seine literarischen Correspondenzen und Verbindungen wie durch seine Betriebsamkeit überhaupt ein regeres und mittheilsamercs Leben unter den deutschen Gelehrten hervorrief. Literarische Gesellschaften und Vereine wurden seitdem fast überall gegründet; der Buchhandel fing an aufzublühen, und kritische Anstalten traten als Gerichtshöfe über die Wissenschaften und Künste hervor. Sehr wichtig waren die Bestrebungen Christian von W o lf's (s. d.), die Philosophie auch indeutschcr Sprache verständlich reden zu lassen. Seine Philosophie wurde von seinen zahlreichen Schülern und Anhängern bearbeitet und fortgepflanzt; von Andern, z. B. von Ehr. Aug. Crusius (s. d.), geprüft und so das Denken und Schreiben in Deutschland ungemein gefördert. Zwar schien das durch Wolf beförderte systematische Bestreben in den Wissenschaften ausarten und alle Schönheit und Freiheit geistigen Lebens tödten zu wollen; aber bald machte sich ein Gegengewicht in der Liebhaberei für schöne Literatur fühlbar. Hierzu wirkte Alex. Gottl. Baumgarten (s. d.), der Stifter der Ästhetik, und Gottsched (s. d.), der Sprachreinigcr und nüchterne Kritiker; der das Heil der deutschen Literatur in der franz. Regelmäßigkeit und in der bloßen Correctheit suchte, gegen welche beschränkte Ansicht die Schweizer I. I. Bvdmcr (s. d.) und I. I. Breitinger (s. d.), welche besonders engl. Muster empfahlen, wacker ankämpften. Durch diese Reibungen zwischen der sogenannten Leipziger und Züricher Schule wurde ein äußerst wohlthätiges kritisches Leben erzeugt, ein lange nachwirkendcr Kampf, in welchen alle bessern Köpfe hineingerissen wurden. Die talentvollcrn entschieden sich für die Schweizer, und die stammverwandte engl. Literatur gewann einen immer größer» und wohlthätigern Einfluß auf die deutsche. Der gefällige Hagedorn (s. d.), der markige Albrecht vonHallcr (s.d.), die Männer der „Bremischen Beiträge", Z. E. Schlegel (s. d.), Gellert (s. d.), Rabe- ner (s. d.), Cramer (s. d.), Gärtner (s. d.), Zachariä (s.d.), Ebert (s. d.), Uz (s.d.), Giseke (s. d.), theils Dichter, thcils Prosaisten, machten durch redliches Streben und zum Theil in ihrer Art gelungene Arbeiten die deutsche Sprache immer mehr geschickt, sich in die verschiedensten Formen zu beugen und den Gedanken einen anpassenden Aurdruck zu geben; doch fehlte es der Prosa noch immer an Leichtigkeit, Fülle und Geschmeidigkeit, während die neugewonnene poetische Sprache sich fast nur im didaktischen Gedicht, in der Fabel, im Epigramm und höchstens noch im scherzhaften Liede mit Glück bewegte. Die Hauptsache aber war, daß schon ein wirklicher Gedankeninhalt vorhanden war, der die müßige Bilder - und Reim- spielerei von ehemals verdrängte. Zugleich wurde die deutsche Kraft, besonders seit der Stiftung der Universität zu Göttingen, durch Philologen und Archäologen, wie I. M. Ee s> n-r (s.d.), J.D. Michaelis (s. d.), I. A. Ernesti (s. d.) u.A., auf das klassische Al« 238 Deutsche Literatur und Wissenschaft tcrthum hingeleitet, während A.G. Kästner (s. d.) zugleich als gelehrter Mathematiker und sarkastischer Epigrammatist glänzte. Andere berühmte Namen dieser Periode waren die Namen C. F. Weiße (s.d), Lichtwer (s-d.), Gleim (s.d.), Götz(s. d.), I. G. Jacobiss. d.), I. B. Michaelis (s. d.), E. C. von Kleist (s. d.), S. Geßner (s. d.), Willemow (s. d.) und Ramlcr (s. d.). Der dritte Zeitabschnitt der dritten Periode der deutsche» Literatur, von Klopstock und Lessing bis auf die Gegenwart, der reichhaltigste der deutschen Literatur, ließe sich wieder in mehre Unterabtheilungen spalten, indem sie die eigentlich elastische Periode, die Bestrebungen und Leistungen der romantischen Schule, die verschiedenen philosophischen Schulen und besonders seit 1830 die politischsociale Richtung umfaßt. Dieser Zeitraum ist zugleich so reich an glänzenden Namen, daß man hier nicht einmal auf deren vollständige Ausführung rechnen darf. Die im vorigen Abschnitt Genannten ebneten fast nur den Boden für den kräftigem und grandiosern Auftritt des deutschen Genius. Sie gingen zum Theil Klopstock (s. d.) voran, zum Theil noch neben ihm her; aber eigentlich ist doch nur Klopstock als Begründer der neuen poetischen Sprache zu betrachten, indem er ihr eine bis dahin nicht geahnete Fülle, Kraft und Erhabenheit verlieh, die Deutschen auf ihre nationale Urkraft zurückwies und zuerst wiedcu für das deutsche Vaterland, dessen Freiheit und Selbständigkeit zu begeistern wußte. Nach kräftigem Ausdruck haschend, verlor er sich zwar häufig in Gezwungenheit und Schwerfälligkeit, aber es war in Wieland (s.d.) ein trefflicher Gegensatz und nothwendiges Gegengewicht vorhanden, und erst durch Wieland, dem sich bald Thümmel (s. d.) anschloß, gewann der Schritt der deutschen Prosa Leichtigkeit und Anmuth. Lessing (s. d.) dagegen bildete die deutsche Prosa nach der kritischen und wissenschaftliche» Seite aus, begründete überhaupt die Deutsche poetische Kritik (s.d.), lockerte den Boden mit dem Pflugschaar seines scharfsinnigen Verstandes nach allen Seiten hin auf und schuf, von Gerstenberg (s. d.) und Leisewitz (s. d.) gefolgt, zuerst das deutsche Drama. Zur würdigen Auffassung der Antike wie zum Verständniß des antiken Geistes und Lebens bereitete namentlich Winckelmann (s.d.) vor, der zugleich als Prosaist glänzte. Die reinste Humanität, der ästhetische Kosmopolitismus fanden in Herder (s. d.) ihren Ausdruck, und erst nach den Bemühungen dieser Männer konnte man von einer deutschen Mu- sterprosa reden. Kant (s. d.) schuf sein großartiges philosophisches System und begründete die Kritik der Urtheilskraft. Nach allen Seiten und in hen verschiedensten Richtungen, in einer Lebendigkeit und Mannichfaltigkeit, wie es zu keiner andern Zeit bei irgend einer Nation geschehen ist, arbeitete der deutsche Geist, schaffend, reflectirend oder kritisirend, aufgeschlossen sowol für das Vaterländische, als für die entfernteste Zeit und fremdeste Nationalität. Man hatte hierzu Muße, denn Deutschland war seit dem Siebenjährigen Kriege in sich ziemlich beruhigt und mit dem Auslande in Frieden, man hatte aber auch Anregung genug, da Friedrich der Große (s. d.), obgleich der deutschen Literatur abgeneigt, durch seine Heldengröße einmal in die Gemüther Schwung gebracht hatte, sodann aber auch, wie später Kaiser Joseph, aller Engherzigkeit fremd war und die Geister sich tummeln ließ, ohne ihnen einen hemmenden Zügel anzulcgen. Voltaire, Rousseau, Franklin waren Männer, der nord- amerik. Freiheitskrieg und später die franz. Ncvolution.Ercignisse, endlich der Freimaurerorden ein damals wirksames Institut, wodurch die Edlem unter den Deutschen entweder zu antisocialen revolutionairen Ansichten oder zum Kosmopolitismus, Philanthropismus und in religiöser Hinsicht zum reinsten Deismus geleitet wurden. Was aber in Frankreich praktisch und tatsächlich in der Revolution auSgohr, das schäumte in Deutschland in den Bewegungen des geistigen Lebens ab. Aus solchen und andern Gährungen, wie aus der Fülle ihres eigenen Gemüths und der Tiefe ihrer eigenen Genialität, gingen Goethe (s. d.) und Schiller (s. d.) hervor, Jener nach allen Richtungen schaffend, in der Jugend gegen alle Schranken stürmend, im Alter beschaulich wie ein morgenländischer Weiser, in allen Gattungen der Poesie wie als Prosaist gleich ausgezeichnet und musterhaft, ein universeller Genius, wie es keinen zweiten gab, Dieser mehr nach einer Richtung thätig, ebenso dichterisch als Philosoph wie philosophisch als Dichter, von reinstem Streben, von lauterster Gesinnung und bcacisiert nicht so für die Menschheit, wie sie eben bestand, sondern für die Äee der Menschheit und ihre idealen Zwecke. Hierzu rechne man den witzigen Lichtenberg (s. d.), Deutsche Literatur und Wissenschaft de» humoristischen Hippcl(s. d.), den tiefsinnigen Hamann (f d.), die Mitglieder dcS Göttinger Dichterbundcs: B ü r g e r (s. d.), H L l t y (s. d.), die Grafen Skolbcrg (s. d.); Voß (s. d.), den glücklichen Vcrdeutschcr antiker Meisterwerke, der, wie vor ihm Adelung (s d.), ein tüchtiger Forscher im Gebiete der deutschen Sprache, namentlich in Bezug auf Metrik war, dabei ein gesinnungsvollcr Protestant, den echt deutsch gesinnten Justus ML- se r (s d.); im Gebiete der Geschichte S ch r ö ckh (s. d.), S ch l ö; c r (s. d.) als Forscher, Joh. Müller (s.d.) als vollendeten Geschichtschreiber, Archcnholz (s. d.), Possclt (s.d.); im Gebiete der Philosophie Moses Mendelssohn (s. d.), Garvc (s. d.), Jsclin (s.d.), F. H. Jacob! (s.d.); die Prosaisten Sturz (s. d.) und Engel (s.d.), denPhysiogno- men Lavater (s. d.); die Kanzelredncr Mosheim (s. d.), Jerusalem (s. d ), Spal- ding (s. d.), Reinhard (s. d.); die Philologen Hcyne (s. d.), Wolf (s. d.) u. A.; den Mythologen Creuzer(s. d.), den gemüthlichcn Volksschriftstcllcr Cla u di u« (s. d.), von Göckingk (s. d.), MusäuS (s. d.), Campe (s. d.), F. Nicolai (s. d.), Sophie Laroche (s-d.), Matthisson (s.d.), Schubert (s.d.), die Männer der Sturm- und Drangperiodc, wie von Kling er (s.d.), Lenz (s.d.), Maler Müller (s. d.) u. A., um von den Kräften, die in diesem Zeitabschnitte wirksam waren, eine Vorstellung zu erhalten. Man hat vielfach getadelt, daß man gerade diese Periode der deutschen Literatur die classischc, ihre Koryphäen Classiker nennt -, aber cs war in diesen Koryphäen wirklich eine Art der Erhabenheit, ein alles Gemeine von sich streifendes Streben, eine Universalität und namentlich in Schiller und Goethe ein centraler Kern, von dem alle ihre verschiedenen Richtungen, wie Radien aus einem Mittelpunkte, ausgingcn, sodaß das Prädicat klassisch durchaus auf sic paßt. Es ist in der später» Zeit in einzelnen Gebieten viel Treffliches und Schönes geleistet worden, aber es fehlten den Später» jene Großheit, Allumfassendheit und Charakterstärke, welche nicht blos für jene oder diese einzelne Leistung, sondern auch für den ganze» Menschen, für die Gcsammtheit seiner Leistungen unwillkürlich Achtung und Verehrung erwecken. Jene erhabene Universalität, nur auf das specicllere Gebiet der Geographie, des Erd-und Naturlebens übergetragen, erblickt man etwa noch iiz A. von Humboldt (s. d.). Die romantische Schule, so treffliche Repräsentanten sie hat, so rührig und segensreich sie war, so viel sie zur Kenntniß fremdländischer Literaturen, Calderon's, Shak- spearc's, des Mittelalters, der Märchenpoesie beitrug und so zarte Dichtungen siehcrvor- brachtc, ermangelt doch jenes persönlichen Ccntralkerns, jener individuellen Gedrungenheit und hat dagegen Überfluß an einer gewissen unruhigen Stimmung, ja an einer gereizten Übcrstimmung, welche ihren kritischen Leistungen den Anstrich der Mäkelei ertheilt. Unter ihnen steht als kritischer Stimmführer A. W. von Schlegel (s. d.), der meisterhafte Übersetzer Shakspcare's, obenan, namentlich in seinen eleganten „Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur", und in seinem mitF. von S ch leget (s. d.), der jenen an Tiefe und umfassendem Geiste übcrtraf, sich aber auch in Mystik verlor, hcrausgegebcnen „Athenäum", wie denn überhaupt jetzt die Literatur der kritischen Journale in mehr als billigem Maße ein- zureißcn begann. Als Hauptproducent zeichnet sich innerhalb der romantischen Richtung Ludw. Tieck (s. d.), sowol als Dramatiker wie hauptsächlich als Novellist und nebenbei als Kritiker und Literaturkenner aus. Ihnen schlossen sich anW.H. Wackenrod ec (s.d.), der tiefsinnige Novalis (s. Hardenberg), Lamotte Fouque'(s. d.), I. von Eichender sf (s. d.), O. H. von Löben (s. d.), L. A. von Arnim (s. d.), Clemens Brentano (s. d.). Diese Vertiefung in das deutsche Mittelalter war bezeichnend für die Zeit der Unterdrückung und Schmach Deutschlands und nicht ohne Einfluß auf die romantische national- deutsche Stimmung, welche den Freiheitskrieg herbeiführte oder wenigstens ihn mit Ehre und Erfolg bestehen half und weiterhin die Kamps -, Kriegs - und Siegcspoesie der I. 1813 — l.ö veranlaßt Dahin wirkte auch besonders I. G. Fichte (s d.) in seinen begeisternden „Reden an die deutsche Nation", wodurch er vielleicht mehr noch wirkte, als durch sein für seine Persönlichkeit charakteristisches philosophisches System, welchem Schilling (s.d.) ein flüssigeres, der Ästhetik und Naturanschauung verwandteres und namentlich den Zwecken der Romantiker dienendes System gegenüberstellte. (S. Deutsche Philosophie.) Beide, auch Kant, wurden von F. H Jacob! (s. d.) mit warmem Glaubenseifer bekämpft, bis endlich Hegel (s.d!) aus den Resultaten der bisherigen philosophischen Forschungen 240 Deutsche Literatur und Wissenschaft sein großartiges System bildete. Hieraus und aus dem großen Eifer, womit man die Wissenschaften im Großen, Ganzen und immer mehr mit philosophischer Durchdringung bearbeitete, läßt sich erkennen, daß die Unterdrückung die deutschen Geister nickt demüthigte, noch der Hoffnung und des Trostes beraubte, und namentlich schrieb einer der Edelsten und Trefflichsten der Deutschen, Jean Paul Fr. Richter (s d.), besonders seit 1800 seine schönsten Romane und seine originellen Schriften über Erziehung und Ästhetik; ebenso wenig läßt sich aber auch Nachweisen, daß der unter Blut und Anstrengung endlich errungene Sieg der Literatur einen neuen und besondern Charakter gegeben habe; höchstens blühte die Lyrik, unter deren Repräsentanten E. M. Arndt (s. d.) und Rückert (s. d), später Cha- misso(s. d.) und Uhland fs. d.) vorzüglich populair wurden, in eigenthümlicher Weise fort, wogegen das Drama, selbst in der Hand von Talenten wie Zach. W ern er (s. d.), Müllnerfs. d.), Grillparzer (s. d.) vielfach auf Abwege gcrieth, nicht minder die No- vellistik, die freilich von den Romantikern trefflich gepflegt wurde, aber auf der andern Seite entweder gänzlich verflachte, oder, wie in Hoffmann's (s. d.) genialen Gebilden, nur zu sehr in das Abenteuerliche, Gespenstische und Gräßliche sich verlor. Das heroische Epos stand trotz der heroischen Zeit fast gänzlich still. Es läßt sich diese Erscheinung daraus erklären, daß sich die Besten dazu gedrängt fühlten, lieber durch das öffentliche Wort, statt durch die Schrift auf die Jugend zu wirken; daß die vielen und großen Hoffnungen, mit denen man sich für die Zukunft Deutschlands trug, durch die Friedensschlüsse und Eon- gresse nicht erfüllt wurden, wie es denn namentlich niederschlagend wirkte, daß eine ursprünglich deutsche Provinz, der Elsaß, sogar nach einem zweiten siegreichen Kriege, in den Händen des Feindes blieb, daß demzufolge Mismuth sich der Eemüther bemächtigte, eine die besten Kräfte aufreibende Polemik gegen innere wenig erhebliche Feinde, z. B. gegen Kotzebuess. d.), in Gang kam, und daß nach des Letztem Ermordung der frisch aufstrebende. Geist der deutschen Jugend wie die Presse mit einem Streiche getilgt wurden. Hierüber suchte sich der eine Theil der Nation mit ästhetischen Genüssen zu trösten, während die Andern mit den Erinnerungen der vergangenen Zeit und der Lecture der vielen darüber erschienenen Schriften vollauf zu thun hatten. Doch läßt sich eine Einwirkung des erwachten deutschen Geistes darin erkennen, daß viele der kcrnhaftcsten deutschen Männer sich fortan zur Bearbeitung deutscher Sprache und Alterthümer getrieben fühlten, so besonders Jak. Grimm (s. d.), dessen „Deutsche Mythologie", „Deutsche Nechtsalterthü- mer" und vorzüglich „Deutsche Grammatik" ein unsterbliches Zeugniß deutschen umfassenden Fleißes sind; ferner W. Grimm (s. d.), Ludw. Jahn (s. d.), der Sprachrcinigcr unsers Jahrhunderts, Arndt (s. d.), Eörres (s. d.) ». s. w. Gerade diese Männer waren cs auch, welche durch feurige und frcimüthige Schriften viel zur Erhebung Deutschlands bcigetragen hatten, zum Theil aber, wie namentlich Jahn und Arndt, schwer dafür büßen mußten, daß sie an den Conscquenzen ihrer deutschen Gesinnung zu beharrlich fcsthiclten. Überhaupt war die Freiheit der Rede in politischen Dingen von ISlO-30 in Deutschland ziemlich beschränkt und unter die Fesseln von Beschlüssen gelegt, welche das deutsche Volk nach so großen blutigen Anstrengungen wol nicht erwartet noch verdient hatte, und so mußte das Ganze für die Übertreibungen und Verirrungen Einzelner büßen. Daher veranlaßte die politische Langweile gegen den Schluß dieses Zeitraums hin die pikanten Gräßlichkeiten in der schönen Literatur, um die Geister zu stimuliren, während allmälig eine politische Polemik, nur mit dem Stachelgürtel der belletristischen Kritik angethan, sich in Wolfgang M enzcl's (s. d.) Werk „Die deutsche Literatur" und in Desselben „Literaturblatt", wie in Börne's (s. d.) Schriften, Luft machte oder in sprungfertigen Witzen, wie in Heine's (s. d.) „Nciscbil- dern", zur Erscheinung kam. Dies war die Blut - und Selbstrache, welche die Literatur an der obwaltenden Tendenz der Beschränkung nahm, denn dem raschen und unermüdlichen Witze lassen sich nicht solche Fesseln anlegcn wie der objectiveinfachen Darlegung von That- sachcn oder einer systematischen Beweisführung. Die wissenschaftliche Forschung stand un- terdeß nicht still und hatte einen freiem Spielraum; doch werden wir erst weiter unten darauf zurückkommcn. Den politischen Stillstand unterbrach das 1.1830 mit seinen gewaltsamen Regungen und der franz. Julirevolukion, welche auch in mehren Thcilen Deutschlands Aasbrüche zut 241 Deutsche Literatur und Wissenschaft Folge und überhaupt die Sympathien der Mehrzahl für sich hatte. Diese politische Bewegung konnte auch auf die Literatur nicht ohne Einfluß bleiben, die sich jetzt mehr als je bestrebte, Zcitfragen und Tagesintercssen in ihr Bereich zu ziehen. Nicht nur daß man die Politik, dem Censurzwange Trotz bietend, in Journalen verarbeitete und daß sich fortdauernd eine reiche, wenn auch mit dem Tage vergängliche Pflanzung von politischen Broschüren aus dem Boden der Zeit erzeugte, auch die wissenschaftlichen Werke nahmen zum großen Theil ein Zeitcolorit an. Die Philosophie bot sich willig der praktischen Anwendung auf politische und sociale Fragen dar, die Reiseliteratur schwängerte sich mit politischen Elementen, selbst die Lyrik trat als muthige Kämpferin in die Schranken, auch der Roman entsagte seiner harmlosen Objectivität oder Phantasterei und zog die Tendenzen der Zeit, oft nur in zu gewaltsamer Weise, in seinen Kreis und nur das Drama blieb, der zu strengen Beaufsichtigung des Theaters wegen, hinter der Foderung der Zeit, daß Alles eine Tendenz haben müsse, zurück. Dieser Zustand der Literatur, welcher sogar zu den gewagtesten Konsequenzen und Federungen führte, ist bis auf die Gegenwart im Wesentlichen derselbe gebliekxn, indem der Kampf noch fortdauert und von der einen Seite um so entschiedener und häufig rücksichtslos zum Fortschritte gedrängt wird, weil man von der andern Seite selbst oft billige Federungen nicht gewährt, indem ferner bei den die Mitte Haltenden, welche dem Geiste der Zeit nicht widerstrebten und doch auch das Alte nicht gänzlich fallen lassen möchten, ein Schwanken stattfindet, welches dem Gegensätze, im Guten wie im Bösen, immer einen neuen Anhaltpunkt gewährt. Zudem kann sich die Gährung, besonders der jüngern Geister, fast nur literarisch abbrausen, so lange bei dem Fortbestände des allgemeinen Friedens kein Abflußkanal für sie eröffnet ist. Die Zerfallenheit Deutschlands in viele größere oder kleinere Staaten und das Vorhandensein deutscher Länder außerhalb des Deutschen Bundes, wie die Schweiz und der Elsaß, haben es möglich gemacht, daß man trotz der in Deutschland fortbestehenden Censur die extravagantesten religiösen, politischen und socialen Ansichten und Behauptungen aufgestellt hat. Ob nun diese Extreme eine Berechtigung in sich, einen Lebenskeim haben, wird die Zukunft lehren; für jetzt haben sie im Volke selbst noch keinen Boden und erscheinen selbst dem Politiker, der aufrichtig den Fortschritt und das deutsche Volk mit dem französischen und englischen auf derselben Stufe politischer Bildung und Selbständigkeit zu sehen wünscht, als hohle Abstraktionen, an denen Eitelkeit und Selbstver- blendung vielfachen Theil haben. Bei der ungemein großen Zahl der Schriftsteller, die in jüngster Zeit hervortraten, unter denen jedoch Keiner von so überragender Größe war, daß sich an seinen Namen wie etwa an den Namen Schillcr's oder Goethe's der Name einer Epoche knüpfen könnte, würde es von geringem Nutzen sein, sie namentlich verzeichnen zu wollen; es reicht hin, die jüngst vergangene Zeit nach Richtungen und Gruppen vorzuführen. Die Organisation der Gegenwart drängt von selbst wie in der Politik so auch in der Literatur zu einer gewissen demokratischen Gleichheit, zu einem Niveau der Talente, welche die Zeitstimmung nicht mehr zu beherrschen im Stande sind, sondern von ihr beherrscht werden. So vieles Gute z. B. in der neuesten Zeit auch auf dem Gebiete der Poesie geleistet worden ist, so beruht sie doch nicht mehr auf den hohen idealen Anschauungen, welche ihr zur Zeit der klassischen Periode eigenthümlich waren; sie ist in den bessern Leistungen immer mehr oder weniger von den Einflüssen der Zeit gefärbt, oft sogar getrübt, während uns die ganz und gar von allem Zeitinhalt abstrahircnden Dichtungen unwillkürlich als flach oder bedcutungs- los, mindestens als wenig erheblich erscheinen. So ist freilich die poetische Naivetät verloren gegangen, aber im Ganzen doch ein Fortschritt gemacht worden, indem gerade in Deutschland nur zu lange jene Bezugnahme auf das Nächstliegende praktische Volksinteresse gefehlt hat, wodurch namentlich die Engländer und die Nordamerikaner in allem Praktischen den Deut>chen so weit vorausgeeilt sind. Zu leugnen ist jedoch nicht, daß man von gewissen Seiten zu einseitig auf der Foderung von Zeittendenzen beharrt, daß man die Vorzüge einer harmlosen dichterischen Schöpfung und das Streben nach reiner Wissenschaftlichkeit zu engherzig verkennt, daß unberufene und kenntnißlose Leute, auf ihre ohnehin noch unerprobte sogenannte Gesinnung trotzend, nichts als diese für nöthig halten, um als Schriftsteller wirksam zu sein, daß namentlich die politische Schriftstellerei, die unbedingt nicht blos ein bedeu- Eonv.-Sex.NeunteLufl.lv. 1k 242 Deutsche Literatur und Wissenschaft j tendcs Talent sondern auch die gediegensten Kenntnisse erfodert, wenn sie, statt aufzuklären, > die Gcmüther nicht verwirren soll, in oft höchst anmaßlicher und dabei oberflächlicher Weise von sehr vielen Leuten getrieben wird, die von der Politik und ihrem umfangreichen Hülfs- wissenschasten höchstens die Kenntniß haben, die ihnen die Zeitungslecture gewährt, und deren Eeschichtskenntniß nicht über die franz. Revolution hinausreicht. Jndeß ist auch hier als ein Vorzug der neuern Geistesrichtung zu erwähnen, daß man angefangen hat, die Deutschen ebensowol auf ihre großen nationalen Vorzüge und Kernkräfte als auf ihre , Schwächen aufmerksam zu machen, welche der fördcrsamen Benutzung jener noch hemmend . entgegenstchen. Dies geschah nie in einer edlern und gründlichcrn, das Für und Wider gerecht abwägendcn Weise, als z. B. von Paul Pfiz er (s. d.) in dessen „Briefen zweier Deut- scheu"; mit Recht wurden dagegen die oft widerlich spöttischen Ausfälle auf das deursche Volk, wie sic sich hier und da, und namentlich bei Heine, bemerkbar und aufdringlich machten, von dem gesunden Sinne der Bessern, namentlich seit dem im I. I8ä0 ncuerwachtcn nationalen Geiste, beseitigt und zurückgewiesen. Eine Eigenthümlichkeit des Schriftwesens ist cs seit 183V, daß kaum ein bedeutenderes politisches Ereigniß, kaum eine sociale Frage oder Theorie vorübergegangen ist, ohne eine nur dies Ereigniß oder diese Frage betreffende specielle, freilich auch vergängliche Literatur zur Folge zu haben. Zu erinnern ist hier an die weitläufige Literatur über die Frage der Judcnemancipation und der Frauenemancipation, an die Sireitschristcnliteratur, welche Lorinser's in ärztlicher Hinsicht gegen die Gymnasien unternommenen Angriffe, Diester- weg's Reformvorschläge für die Universitäten, die Gegenbestrebungen der Altlutheraner gegen : die Union, die kölner religiöse, die hannöversche politische Frage, die Protestation der sieben / göttinger Professoren, Jacoby's „Vier Fragen", die Homöopathie, der Somnambulismus, ^ Schelling's zuletzt von Marheineke kritisirte „Offenbarungsphilosophie", die Frage über f Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Rechtspflege, über den Nachdruck, über literarisches Ei- gcnthumsrecht, über den Communismus u. s. w. zur Folge gehabt haben. Diese Für- und Widerliteratur ist zu reichhaltig und hängt, obgleich einzelne dieser Fragen, wenn nicht erledigt, doch für den Augenblick beseitigt sind, zu sehr mit den noch nicht vorauszusagcndcn fernem politischen und socialen Entwickelungen zusammen, als daß hier näher darauf cin- gegangen werden könnte. Im Ganzen gibt sie ein Zcugniß, daß man die vielfachen noch vorhandenen Schwächen und Mängel im Nationalleben, aber auch die im Leben der Menschheit fühlt und für deren Heilung besorgt ist, und obschon sich manche unberufene Sprecher in diese Discussionen eindrängten, ssi doch auch manches beherzigenswerthe Wort gesprochen worden. Besonders zugänglich für alle Partei- und Aeitfragen erwies sich die Hcgel'sche Philosophie, die gegen und um das I. l83» ihre größte Wirksamkeit erreichte. In sich Alles umfassend und in ihr in.der That großartiges System aufnehmend, alle Kreise der Denkthätigkeit durchdringend, war diese Philosophie sehr geeignet, dem Bedürfnis der Jüngern, sich der mühsamen Kenntniß der Thatsachen und geschichtlichen Vordersätze zu entziehen, mehr als halbwegs entgegcnzukommen und das von allgemeinen Princi- pien ausgehende Naisonnement, dem man sich überhaupt mit Vorliebe hingab, zu för- > dein. So wurde das Stoffliche nach allen Seiten hin flüssig gemacht und principien- - mäßig erörtert, jedoch oft nur scheinbar gründlich, da man Alles zu ausschließlich auf die ! blos begreifliche und abstracte Betrachtungsweise zurückführte und Staat, Kirche, Gesetz, i bildende Kunst, Literatur, kurz die wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit von dem Mittelpunkte der (Hegel'schen) Idee aus zu construiren unternahm. Besonders bemächtigten sich die jünger» Anhänger Hcgel's der Kritik. Die Sprache, die bei Hegel oft tief und wun- ^ derbar treffend, aber auch nicht selten durch Fremdwörter, Schulausdrücke und gezwungene ! Constructionen verworren und barbarisch erscheint, hatte zwar viele neue bezeichnende Wen- ! düngen und Ausdrücke gewonnen, welche die Idee sehr häufig aufs glücklichste erschöpften; aber sie artete zugleich bei Hegel's Schülern in einen zu schulmäßigen Typus trus, führte ^ M die Zeiten der frühem barbarischen Sprachmengerei zurück und verzichtete fast gänzlich auf Farbenpracht oder nur jene Schönheit und Anmuth des Stils, die unter Hegel's Schülern fast allein Rosenkranzes, d.) in einzelnen Schriften zu erreichen wußte. Ihm schließt sich, nur in zu raisonnirender Weise, Hot ho (s. d.) in seinen ästhetischen Schriften Deutsche Literatur und Wissenschaft 243 an. Aber nicht blos die Ästhetik sondern auch die Jurisprudenz wurde von den Ansichten Hegel's erfaßt, und namentlich trat Gans (s. d.) der historischen Schule gegenüber. Im Zusammenhänge mit der Hegel'schen Schule stand das sogenannte JungeDeutschland (s. d.), worunter man außer Heine noch besonders Gutzkow, Wienbarg, Mundt, Laube, entfernter Kühne und mit Unrecht noch einige Andere begriff. Diese Zusammenstellung war allerdings ziemlich willkürlich; doch findet sich bei den Genannten insofern etwas Gemeinsames, als sie in ihren ästhetisirendcn Schriften auf sociale, politische und religiöse Fragen Bezug nahmen und in ihren Novellen Zeittendenzen vom liberalen Standpunkte zu verfechten und die poetische und prosaische Form der Darstellung miteinander zu verschmelzen suchten. Zugleich war es ihnen gelungen, sich mittelbar oder unter unmittelbarer Leitung einer Menge Journale zu bemächtigen, hauptsächlich in Norddeutschland die belletristische Kritik zu leiten und durch manche kecke Äussprüche sogar die Aufmerksamkeit der Regierungen in dem Grade zu erregen, daß man die Schriften, selbst die zukünftigen der fünf zuerst Genannten, mit einem Verbot belegte. Seitdem erwies sich, daß der ideelle Zusammenhang unter ihnen wie ihre persönlichen Sympathien äußerst gering waren, da sie unter sich zerfielen und Jeder fortan seinen eigenen Weg ging oder zu gehen vorgab. Eine gewisse kritische Regsamkeit nach allen Seiten hin und eine bei dem Einen flotte, bei dem Andern ziemlich sorgfältig ausgearbeitete stilistische Manier, die aber bei Allen geistreich und witzelnd zu schillern sucht, sind Eigenschaften, die man ihnen ebenso wenig wie manchem andern jüngern Schriftsteller, den man mit ihnen in Zusammenhang brachte, absprechen kann. Von der Seite der Hegel'schen Schule her drohte endlich Dav. Strauß (s. d.) in seinem „Leben Jesu", indem er die darin unerklärten und unerklärbaren Momente als mythisch darstellte und die Widersprüche in den Evangelien mit einem Aufwands von Kritik nachzuweisen suchte, die gesummte christliche Dogmatik zu erschüttern. Weniger ist cs ihm gelungen, in seinem „Kultus des Genius" einen positiven Ersatz zu geben oder seine Ansichten populair zu machen, da er in der Kritik und der Hegel'schen Begriffssphäre befangen blieb. Weiter ging noch die Partei der „Höllischen Jahrbücher", nachdem Echtermeyer abgetreten, unter Nuge's Au- spicicn. Unter dem Vorgeben, die Philosophie in Praxis umzusetzen, womit aber doch die durchaus zu sublime Anschauungs- und Darstellungsweise in einem unpraktischen Gegensätze stand, legte sich diese Partei auf die Negation, schritt von Zerstörung zu Zerstörung weiter, wozu sie sich, um immer interessant und neu zu bleiben, genöthigt sah, und ging endlich in Bruno und Edgar Bauer (s. d.) und Ludwig Feuerbach zu Consequcnzen über, die zur Folge hatten, daß die ohnehin nur im Kreise der höchst Gebildeten gelesenen „Höllischen", später „Deutschen Jahrbücher" verboten und Bruno Bauer die Lehrbc- sugniß an der Universität zu Bonn entzogen wurde, womit man den gordischen Knoten, statt ihn zu lösen, gewaltsam zerschnitt. Ob dieses Mittel für die Dauer wirksam sein sollte, läßt sich bezweifeln, da bei dem schwankenden, so vielfach untcrminirten Zustande unserer Zeit und den immer nachwachsenden Hydraköpfen gewaltsam unterdrückte Ansichten leicht zu anderer Zeit um so kühner und erfolgreicher wieder zum Ausbruch kommen. Muth, Schärfe und 'Geist lassen sich jener Partei jedoch nicht ableugnen, wogegen manche ihrer Bekämpfer, wie Menzel(s.d.), als Redacteur des „Literaturblatts" zum „Morgenblatt", eine populai- rcre Schreibart und mehr Bekanntschaft mit den Bedürfnissen des Volks bekundeten. Auch waren Viele jener Partei von so anerkennenswerther Ehrlichkeit, daß sie eingestanden, sie predigten den Atheismus und negirten das Christenthum, wogegen die ältern scheinfrommen Hegelianer, obgleich im Grunde auf derselben Basis stehend, ihre radikal undogmatischen Ansichten als die Kernansichten des Christenthums selbst auszulcgen versuchten. Gegen daS Hegel sche System verhielt sich das Herbart'sche System, vorzugsweise von Drobisch und Hartenstein in Leipzig gefördert, in seiner mathematischen Abgeschlossenheit etwas trocken, während Steffens (s. d.), auch als Novellist rühmlichst hervorzuheben, seine philosophische» Ansichten mehr in poetisirenden Aphorismen orakelähnlich verkündete. Auf der katholischen Seite ist F. von Baader (s. d.), als Anhänger Kant'ö Krug (s. d.), als Geschichtschreiber der Philosophie sind Tennemann (s. d.) , H. Ritter (s. d.) und Win- dischmann (s. d.) zu erwähnen. Andere Philosophen scheinen das beste Thcil erwählt zu 244 Deutsche Literatur und Wissenschaft haben, indem sie sich, wie namentlich Biedermann in Leipzig, die bloß philosophische Spe- culation umgehend oder verneinend, dem praktischen Zeitinteresse entschiedener zuwandten. (S. Deutsche Philosophie.) Auf dem der Philosophie naheliegenden Gebiete der Ästhetik wurde Bedeutendes von den Anhängern der Schelling'schen Ansicht, wie früher von Solger (s. d.) und Ast (s. d.), so in neuercrZeik von Trahndorffund Lommatzsch geleistet; zu den Anhängern Hegel's zählt man den in vielen Punkten eigenthümlichen und Hegel's ästhetischen Begriffskreis erweiternden C. H. W eiße (s. d.); zu Herbart's Anhänger» Gric- penkerl und Bobrik; ferner sind auf diesem Gebiete nochW. E. Weber (s. d.), Rugc (s d.), Bischer, Düntzer, Bohtz u. A. zu nennen. (S. Ästhetik.) In der Theologie ward der Kampf zwischen Nationalismus (s. d.) und Supernaturalismus (s. d.) nicht ohne Lebhaftigkeit fortgcführt. Das rationalistische System nach Grundlage der Kant'schen und vorkantischc» Philosophie wurde zuerst von Wegscheider in seinen „Institution«« tlieolotz;. tiogw. rl»-." vollständig auf die Glaubenslehre angewendet. Dasselbe geschah mit der Fries'schcn Philosophie durch De Wette, mit der älter» Philosophie Schelling's durch Daub, mit der Hcgcl'schen durch Marheincke in der 2. Auflage seiner „Grundlehren der Dogmatik", und auch Schleiermacher's „Christlicher Glaube" war Philosophie über das Christenthum. Den Supernaturalismus nach der Schule von Storr (s. d.) suchte Strudel (s. d.) in seinem „Dogmatischen Lehrbuch" gegen die neuer» Systeme zu retten. Die zahlreichen Vermittelungsversuche zwischen Rationalismus und Supernaturalismus blieben, da cs ihnen ebenso an tiefer Begründung als an Conseque»; fehlte, ohne Erfolg. Dagegen läßt sich hoffen, daß die tiefere Begründung der Einigung der Vernunft und Offenbarung, des Wissens und Glaubens in Ammon's „Fortbildung dcs Christenthums zur Weltreligion" und in Bretschneider's „Religiöser Glaubenslehre nach Vernunft und Offenbarung" den Frieden zwischen beiden Denkarten wesentlich fördern werde. Als besonderes Organ für die supernaturalistische und symbolische Theologie ist dir „Evangelische Kirchcnzcitung" unter Hengste nb erg's (s. d.) Leitung ausgetreten, während die „Allgemeine Kirchcnzcitung" (zu Darmstadt) die Grundsätze dcs Nationalismus vertritt. Der Versuch der „Evangelischen Kirchenzeitung", in der hallischcn Denunciations- sache die politische Macht gegen den Rationalismus in Bewegung zu bringen, mislang gänzlich und erregte nur Unwillen. Die wichtigsten Gegenstände, welche außerdem auf dem Erbiete der theologischen Literatur zur öffentlichen Besprechung kamen, waren die Union (s.d.) der beiden protestantischen Kirchen, die preuß. Kirchenagende (s. d.), die Polemik zwischen Katholiken und Protestanten und besonders der Artikel von der Kirchenvcrfassung (Consistorien, Synoden (s. d.), Presbyterien (s. d.), Disciplin, kirchliche Repräsentation), wozu die Verhandlungen über die Staatsverfaffungen den unvermeidlichen Anstoß gaben. Erfolgreicher als die hierüber geführten Streitigkeiten waren die Fortschritte in andern Zweigen der theologischen Wissenschaft. In der Grammatik und Lexikographie der hebt. Sprache stellten Gesenius (s. d.), Winer (s. d.) und Ewald (s. d.) gründliche Forschungen an. Die Grammatik des Neuen Testaments bearbeitete Winer; die richtigen philologischen Grundsätze, welche der Willkür der älter» Exegese steuerten, wurden auf die Erklärung des Neuen Testaments von Frißsche (s. d.) und auf dessen Lexikographie von Bret- sch neid er (s. d.) und Wahl (s.d.) angewendct. Für die Kritik des neutestamentlichen Textes eröffnet- Lachmann (s. d.) eine neue Bahn, indem er auf den erweislich ältesten Text zurückging. Außer den zahlreichen Schriften über die Echtheit und Glaubwürdigkeit einzelner biblischer Bücher, und im Neuen Testament namentlich des Matthäus und Johannes, verdienen besonders die Angriffe der jünger» Hegelianer, z. B. Dav. Strauß's (s.d.) und Bruno Bauer's (s. d.), auf die Glaubwürdigkeit der neutestamentlichen Nachrichten vom Leben Jesu bemerkt zu werden, die von W e i ß (s. d.), Th o l uck (s. d.), Neander (s.d.), Ammon u. A. mit tüchtigen Waffen bekämpft wurden. Die allgemeine Kirchengeschichte wurde von Hase (s. d.), Giesel er (s.d.) und Neander auf verdienstliche Weise bearbeitet, die Reformationsgeschichte von Marheincke (s. d.) und Hagenbach (s. d.). Eine kritische Ausgabe der sämmtlichen Briefe und Werke Mclanchthon's besorgte Bretschneider im „Corpus retormatorum", die Briefe Luther's gab De Wette aufs neue heraus und aus dem kasseler Archiv lieferte Neudecker Beiträge zur Geschichte der Reformation. Um die 245 Deutsche Literatur und Wissenschaft Bearbeitung der Symbolischen Bücher machten sich Hase, Kellner, Rödiger, Klener u. A. verdient. Die christliche Sittenlehre fand an De Wette (s. d.) und Ammon (s. d.) geistvolle und sorgfältige Bearbeiter. Als vortrefflich zeichnen sich die geistlichen Reden von D rä- seke (s.d.), Ammon, Schmaltz (s. d.), Tzschirner (s. d.), Harms (s.d.) u. A. aus, und unter den zahlreichen asketischen Schriften hat keine eine so große und verdiente Verbreitung gefunden als „Die Stunden der Andacht" (s. d.). Die wissenschaftliche Pädagogik, welche mittelbar durch die philanthropinisti- scheu Bewegungen im siebenten und achten Jahrzehnt» des 18. Jahrh. in Deutschland angeregt, durch die Kant'sche Philosophie gegen das Ende des vorigen und im Anfänge des gegenwärtigen Jahrh. eigentlich begründet und durch den Einfluß der Naturphilosophie in tieferer Auffassung bearbeitet worden war, hat in der jüngsten Zeit wenig Fortschritte gemacht, weil alle Kräfte auf Förderung derpraktischenErziehung sich hinrichteten. ÜberdasGanze der Erziehung haben in wissenschaftlichem Geiste nächst G raser (s. d.) und Herbart (s. d.) nur geschrieben Bencke („Erziehungs- und Unterrichtslehre", 2 Bde., Berl. 1835 — 38; 2. Ausl., 1842) und Braubach („Fundamentalpädagogik", Gieß. 184 l), daSchwarz' s (s. d.)'„Lehrbuch der Erziehung und des Unterrichts" (4. durch Curtmann neu bearbeitete Ausl., Heidelb. 1843) , Rottels' „System der Erziehung" (1831), Arnold's „Pädagogik" (1837), Ste- phani's (s. d.) „Erziehungskunde" (1836) und ,,Unterrichtskunde"(1833), der Gebrüder Paulus' „Principien desUnterrichts"(I839), Stapfls „Erziehungslehre" (3.Aufl., 1842) und Scheer's(s. d.) „Handbuch der Pädagogik" (2 Bde., 1839—43) nicht auf dem eigentlich wissenschaftliche» Standpunkte stehen, sondern von praktischen Gesichtspunkten ausgegangen sind. Reichere Ausbeute lieferte die jüngste pädagogische Literatur über einzelne Theile der Erziehung, namentlich über Schüler und Schulunterricht. Es sind hier zu nennen: Heinroth (s. d.), „Über Erziehung und Selbstbildung" (1837), Heinsius (s. d.), „Schule und Leben" (1842), Curtmann, „Schule und Leben" (1842), Türk, „Erfahrungen über Erziehung und Unterricht" (1838), Weiß (s.d.), „Erfahrungen und Rathschläge aus dem Leben eines Schulfreundes" (2 Bde., 1835—39), Greverus, „Ideen zu einer Revision des gesammten Schulwesens" (1836), Gräfe, „Schulreform" (1834) und „Schule und Unterricht" (1838), Sause, „Einrichtung der Schulen" (2 Bde., 1841 —42) und Diesterwcg (s. d.), „Wegweiser für Lehrer" (2.Ausl., 1838). Der alte Kampf zwischen Humanismus und Realismus, aufs neue angeregt durch Thiersch's (s. d.) Schrift „Über Gelehrtenschulen" (1826—39), wurde zu schlichten versucht aus dem nationalen und christlichen Gesichtspunkte durch Klumpp (s. d.), „Die Gelehrtenschulen" (1829—30)'; nach Principien der Hegel'schen Philosophie von Deinhardt, „Gymnasialunterricht" (1837) und Alex. Kapp, „Gymnasialpädagogik" (1841), während Axt, „Gymnasien und Realschulen" (>849), Mager, „Die deutsche Bürgerschule" (1840), Nagel, „Idee der Realschulen" (1849) die Idee der Realschulen und deren Verhältnis zum Gymnasium ins Licht zu setzen suchten. Die neueste Philosophie hat bis jetzt nur sehr geringen Einfluß auf die Pädagogik ausgeübt, da nur Deinhardt und Kapp nach ihren Principien eine Construction des Gymnasialunterrichts versucht haben. Die Fortschritte der wissenschaftlichen Pädagogik scheinen überhaupt weniger bedingt zu sein durch das Anschließen an eine philosophische Schulz oder an eine einseitige psychologische Theorie (Bencke und sein Schüler Dreßler), als viel- mehr durch engere Verbindung mit der christlichen Ethik. Um die Geschichte der Erziehung und des Unterrichts haben sich in der jüngsten Zeit Verdienste erworben Alex. Kapp durch die „Darstellung der Platonischen und Aristotelischen Pädagogik" (1833 —37), Cramer, „Geschichte der Erziehung und des Unterrichts im Alterthume" (2 Bde., 1836—38) und „Geschichte der Erziehung und des Unterrichts in den Niederlanden während des Mittelalters" (1843), K. von Raumer, „Geschichte der Pädagogik vom Wiederaufleben klassischer Studien bis auf unsere Zeit" (1843) und Pfaff, „Geschichte des gelehrten Unterrichtswe- sens in Würtemberg in ältester Zeit" (1843); doch ist zu wünschen, daß der historischen Pädagogik künftig noch mehr Kräfte sich widmen. Der Einfluß der Zeit auf die Nechtswisscnschaftzeigtesich in sehr verschiedener Gestalt. Zuerst offenbarte sich auf dem Gebiete des Privat- oder bürgerlichen Rechts eine Verschiedenheit der Ansichten, die alsbald zum offenen und scharfen Gegensätze ward. Di« 246 Deutsche Literatur und Wissenschaft Wiederbelebung des historischen Rechtsstudiums, zunächst in der Richtung aufröm. Rech«, wie sie durch von Savigny (s.d.), Hasse (s.d.), G ö sch e n (s. d.), Bluhme(s. d.), Hugo (s.d.) u.A. angeregt ward und in der „Zeitschrift für geschichtliche Rechtswiffen- schaft" seit 1825 ihr Hauptorgan fand, wirkte, unterstützt durch glückliche Erfolge rechts- antiquarischer Nachforschungen, z.B. die Auffindung des vollständigen G ajus (s.d.) u.s.w, wie durch werthvolle Behandlung einzelner Themata Seiten der Genannten und ihrer Schüler, wesentlich auf gründlicheres Quellenstudium und sicherere Auffassung civilrechtlicher , Institute hin. Allein ihre zu sehr von der praktischen Seiteder Rechtswissenschaft abge- > wendete Richtung und das damit verbundene Verkennen oder Ubersehen der übrigen wesent- lichen Elemente unserer Nechtszustände riefen eine entgegenstehende Richtung hervor, welch« der philosophischen Auffassung und der Würdigung vom praktischen Gesichtspunkt aus freiem Spielraum gewährt und, ohne eine solche äußere Geschlossenheit der Bestrebungen zu bekunden wie die historische Schule in Thibaut (s. d.) und Gans (s. d.) ihre Hauptverfechter fand, neuerlich aber hauptsächlich im Gegensätze zu dem Erben des Savigny'sche» Lehrerruhms, Puchta (s.d.), von mehren kieler Rechtsgelehrten würdig reprasentirt wurde. Das Streben der Zeit nach gründlichen Reformen der bestehenden Rechtsverfas- sung gab diesen beiden Richtungen, alsbald nach dem Ende der sranz. Herrschaft ül>n Deutschland, Veranlassung, sich übet Beruf oder Nichtberuf der Zeit für Gesetzgebung auszusprechen. Dasselbe Streben hat aber auch von dem zunächst unerreichbaren Allgemeinen sich auf das Besondere werfend, der praktischen Bedeutung dieses principiellen und jetzt mehr in das Innere der Wissenschaft zurückgezogenen Gegensatzes beider Richtung!» Abbruch gethan, und dafür die dem öffentlichen Leben zugewandte Seite der Wissenschaft fiii mehre, dem Gebiete des Privatrechts fremdere Hauptfragen in Anspruch genommen. Nachdem die Befreiungen des Bauernstandes von manchen ihn drückenden Feudallasten, die freien j Entwickelung der Grundeigenthumsverhältnisse, die Frage über den Nachdruck u. dgl. ihn Erledigung im Wege der Gesetzgebung zumeist erhalten hatten, traten in den Kreis der genannten rechtswiffenschaftlichen Behandlung nach und nach mehre Punkte des öffentlich«» Rechts, z. B. die Stromschiffahrtsftage, die Untersuchungen über die Todesstrafe, über Freiheit der Presse, u. s. w. ein, welchen sich in der letzten Zeit wiederum die bereits früher einmal praktisch gewesenen Erörterungen der obersten Grundsätze des Criminal - und Procch rechts anschlossen. Zn Verbindung mit anderweiten Bestrebungen auf dem Terrain d«S Constitutionalismus sind diese letztem Erörterungen gewöhnlich in den Vordergrund d«S wissenschaftlichen Lebens des Rechts getreten, und Schriften, über die beiden principicll einander gegenüberstehenden Arten des Straf- wie Civilprocesses, über Geschworenengericht«, Anzeigebeweis, Schiedsgerichte find in reicher Anzahl erschienen. An der Spitze der sich in dieser Beziehung kundgebenden Reformen sind Mittermaier (s. d.) und Abegg (s. d) zu nennen. Eine andere mehr innerliche Bewegung im Gebiete der Rechtswissenschaft ist der Fortschritt der germanistischen Studien. (S. Deutsches Recht.) Die wissenschaftlich« Entwickelung des constitutionellen Staatsrechts durch von Rotteck (s. d.), Welcker (s.d.), Jordan (s. d.) u.A. ist der Praxis mannichfach und nicht ohne zu Misdeutungen Vera». laffung zu geben, vorausgeeilt. — In der Politik blieb es bei einem Hin- und Herschwa»! ken zwischen zwei Extremen, deren Vermittlung Ancillon (s. d.) vergebens versuchte. B«n der fortwährend sich steigernden Theilnahme am öffentlichen Leben konnte indeß auch di« Wissenschaft nicht zurückbleiben. Nie fehlte cs an Solchen, die bereit waren, den von de» Anhängen! des Alten hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen, wie dies namentlich di« vielen Schriften gegen Halle r's (s.d.) berüchtigte Nestaurationslehre beweisen. Auch! fehlte es nie an Solchen, die auf dem Grund der Geschichte und gründlicher Forschung di« Fragen der Zeit zu lösen bemüht waren. Nächst Zach ariä (s. d.), der in seinen „Vierzi- Büchern vom Staate" die Idee der Staaten in allen ihren Beziehungen zu entwickeln sucht«, erwähnen wir hier nur F. von Raumer (s.d.), Pölitz (s.d.), Joh. Schön („D», ' Skaatswissenschaft", Brest. 1831), Weitzel (s. d.), Bülau (s. d.) und K. Vollgrass der freilich in seinem Werke „Die Systeme der praktischen Politik im Abendlande" (1 Bde-, Gieß. 1828—29) so weit sich verirrte, geradezu die Staatsunfähigkeit der slawisch-gerw» Nischen Völker zu behaupten. (S. auch DeutschePolitik.) Deutsche Literatur und Wissenschaft 247 Wie überhaupt Gründlichkeit und Gelehrsamkeit der Charakter deutscher Wissenschaft ist, so ist sie auch, vorzugsweise vor allen Nationen, der der deutschen Arznciwissen- sch ast, in welcher nach allen Richtungen hin eine glänzende Literatur sich kund gibt. (S. Deutsche Medici» und Chirurgie.) Nicht minder ausgezeichnete Leistungen hat die deutsche Literatur aufzuweisen in der Mathematik (s. d.), in den Naturwissenschaften (s. d.), und zwar nicht blos in der Physik (s. d.) und Chemie (s. d.), sondern auch in der Naturgeschichte (s. d.), in der Mineralogie, Botanik und Zoologie, sowie auch in den praktischen Wissenschaften und schönen Künsten, in Baukunst, Sculptur, Malerei, Musik u. s. w. Auch die rein philologischen Wissenschaften, denen sich der Deutsche von jeher mit dem ausdauerndsten Eifer zugewendet, wurden bis auf die Gegenwart herab nicht verabsäumt. Die Werke der alten Griechen und Römer wurden fast ohne Ausnahme in sprachlicher und sachlicher Rücksicht mit Geist und Geschmack erläutert und der Text derselben nach verständigen Grundsätzen der Kritik hergestcllt. Wir erinnern hier an die Ausgaben von G. Hermann, Böckh, Bekker, Lobcck, Poppo, Ast, Matthiä, Heindorf, Schäfer, Jacobs, Dissen, Stallbaum, I. CH. Jahn, Wunder, Bernhardy, Krüger, Klotz, Westermann, Kritz u. A.; an die Übersetzungen von F. Thicrsch, I. H. Boß, von Knebel, Jacobs, W. von Humboldt, E. Günther, Droyscn, Donner und Schleiermachcr; an die lexikalischen Arbeiten von I. G. Schneider, Passow, Freund, Rost und Pape; an das große Unternehmen der Berliner Akademie, das „(lorpus inscrgit. grase.", begonnen durch Böckh, fortgesetzt von Franz, sowie an die „luscriptionss latinae" von Orelli; an die trefflichen Sprachlehren und Untersuchungen über lat. Grammatik von K. L. Schneider, Ramshorn, O. Schulz, Zumpt, Reisig, G. T. A. Krüger; an die gediegenen Forschungen über Etymologie und Synonymik von L. Döderlein; an die Leistungen in der griech. Grammatik von Buttmann, Matthiä, Bernhardy und Kühner. Mit gleicher Sorgfalt wurden die meisten Theile der griech. und röm. Alterthumskunde untersucht und ins Licht gestellt, wie die in diesem Fache ausgezeichneten Arbeiten von Creuzer, Böckh, Wachsznuth, Schömann, Hcffter, K. F. Hermann, Westermann, W. A. Becker, Güttling u. A. hinlänglich beweisen. Namentlich wurde in der neuesten Zeit so Manches in Programmen und Monographien nach Deutscher Sitte gründlich auseinandcrgesetzt. Auch das Feld der Orientalischen Literatur (s. d.) wurde von den Deutschen mit großem Fleiße angebaut; im Chinesischen arbeiteten Neumann, Schott in Berlin und Mohl; im Mandschu Gabelentz; im Türkischen Hammer von Purgstall; im Indischen, namentlich im Sanskrit, Bopp, A. W. von Schlegel, Lassen, Kosegartcn, H. Brockhaus, Rückert, Bernh. Hirzel, Delius u. A.; im Persischen Olshausen, Hammer von Purgstall, Fleischer, Vullers, Wilken, Rosenzweig und Peiper; in den semitischen Sprachen und zwar im Hebräischen Gesem'us, Rosenmüllcr, Ewald, Freytag, Hupfeld und Tuch; im Rabbinischen Delitzsch, Biesenthal und Lcbrecht; im Syrischen Hoffman», Nödiger, Bernstein Hahn und Lengerke; im Chaldäischen Winer, Fürst und Petermann; im Samaritanischen Gesenius und Uhlemann; im Arabischen Freytag, Fleischer, Hammer von Purgstall, Flügel, Kosegarten, Ewald, Wüstenfeld, Rückert, Habicht, Weil u. A.; mit den Hieroglyphen beschäftigten sich Spohn, Seyffarth, Kosegarten, Lepsius und Jdeler; mit den Keilschriften Lassen und Grotefend. Nicht minder fleißig wurden von Deutschen die deutschen Sprachen und Literaturen erforscht und bearbeitet, so das Gothische von Maßmann, Lobe und Gabelentz; das Althochdeutsche und Mittelhochdeutsche von den Gebrüdern Grimm, Benecke, Grass, Lachmann, Schneller, Ziemann, Hoffmann, Haupt, Ettmüller, Laßberg, From- mann, Primisser, Hagen, Simrock, Wackernagel, Haupt und Leyser; die Denkmäler der ältcrn neuhochdeutschen Literatur von Grüneisen, Götz, Haltaus, Wilh. Müller, Freih. von Erlach und O. L. B. Wolff; das Angelsächsische von Grimm, Leo und Ettmüller und das Keltische von Bopp und Diefenbach. (S. die den einzelnen Sprachen und Literäturen gewidmeten Artikel.) Die Geschichtschreibung hat unter den Deutschen glänzende Namen aufzüwei- sen. Namentlich geschah sehr viel für Sammlung und kritische Berichtigung der Quellen» schriststeller. (S. Deutsche Geschichtsknnde.) Nachdem die deutsche Geschichte seit 248 Deutsche Literatur und Wissenschaft dem Anfänge des >8. Jahrh. insbesondere durch I. P. von Lndewig und Gundling von der publicistischen Seite aufgefaßt und dargestellt worden war und Spencr, Glafcy, Hahn, Bünau und Maskov gute Vorarbeiten gegeben hatten, lieferte I. D. Köhler die erste Mische deutsche Geschichte. Der unter Baumgarten's und Seniler's Leitung veranstalteten Übertragung der großen engl. Welthistorie schlossen sich als selbständige Werke an die Weltgeschichten von Gattcrer, Schlözer, Eichhorn, Joh. von Müller, Beck, Pölitz, Becker u.A., wie zum Theil schon oben erwähnt wurde. Insbesondere aber war das >9. Jahrh. im steigenden Verhältnisse der Geschichtsforschung sehr günstig; als die hervorragendste» Namen führen wir hier an den freimüthigen, scharf charakterisirenden Schlosser, Heeren und Uckert, den gewandten Darsteller Raumer, den populairen W. A. Menzel, Luden, Voigt und Skenzcl, Rotteck, Wachsmuth, Barthold, Flathe, Kortüm, Kobbe, Rchm, Pfister, Lappcnberg, Schäfer, Bülau, den originellen Leo und vor Allen den vielleicht classischsten deutschen Geschichtschreiber der Gegenwart, den auch im Auslande hochgeschätzten und vielfach übersetzten Ranke, ferner Dahlmann, Röpell, Münch, Söltl, Hormayr und Rühs. Wie der Geschichte so hat es auch den historischen Hülfswissenschaften in Deutschland nicht an gründlichen Bearbeitern gefehlt. (S. auch Deutsche Alterthumskunde und Deutsche Mythologie.) In der Kirchengeschichte zeichneten sich vorzüglich aus, wie früher Mosheim, Schröckh, Walch, Spittler, Henke, Schmidt, Plank, Stäudlin und Vater, so in neuester Zeit Danz, Neander, Gieseler, Guerike und Hase. Umfangreichere Biographien lieferten in neuester Zeit Varnhagen von Ense, W. H. Grunert, F. Förster, Preuß, Hurtcc, Papen- cordt u. A. Auch dieMemoiren fingen an eine eigene Specics der Literatur in Deutschland zu bilden, jedoch von der in Frankreich gewöhnlichen Memoirengattung vielfach abweichend, indem sic sich nicht so tief in die Darstellung des geheimem Staatslebens einlassen und, der Ehrlichkeit des deutschen Charakters gemäß, nicht nach pikanten und unbcglaubigten Anekdoten Haschen. Memoiren von eigentlichen Staatsmännern gibt es in Deutschland noch nicht; es schrieben solche meist nur Diejenigen, welche von jeher der Literatur näher standen als dem höhern Staatsdienst, doch haben Mehre derselben durch Geist, Talent und Muth rief in die Entwickelungen gewisser Zeitperioden eingegriffen, weshalb ihre Erinnerungen für die Charakteristik dieser Zeiten und der sie leitenden Personen nicht ohne Gewicht sind. Auf diesem Gebiete yat sich besonders Varnhagen von Ense bemerkbar gemacht; ferner der Ritter von Lang und der wackere echt deutsche Arndt. Von mehr literarischem und individuellem Standpunkte sind die unter dem Titel „Was ich erlebte" erschienenen Memoiren von H. Steffens interessant. Die deutsche Literaturgeschichte, wie einzelne Gattungen der Literatur wurden in zum Theil sehr wichtigen Werken bearbeitet, so namentlich von Gervinus in dessen berühmter „Geschichte der deutschen poetischen Nationalliteratur", worin das Bestreben, die Entwickelungen und Richtungen der Dichter aus deren individuellem Kern historisch zu erklären, mit großem Erfolge gekrönt ist, wenn auch einzelne vorgefaßte Zu- oder Abneigungen die Darstellung häufig trüben und eine gewisse pedantische Umständlichkeit eine zu großeBreite bewirkt; dagegen versuchte, und nicht ohne Glück, Rinne in seinem Werke „Innere Geschichte der-Entwickelung der deutschen Nationalliteratur" (2 Bde., Lpz. l 842) denselben Stoff philosophischer zu fassen. Zu nennen sind in dieser Beziehung ferner die Arbeiten von Wachlcr, Rosenkranz, F. A. Pischon, M. W. Götzinger, H. Kurz, Koberstein, Schäfer, Mundt, Laube, A. Stöber und rücksichtlich einzelner Litera« turzweige von Wolfs und Kehrcin. Auch die Literaturen fremder Völker wurden in raison» nirenden Werken und Handbüchern den Deutschen näher gebracht, so die franz. von Mager, die russ. von Wolfsohn. Selten indeß zeichnen sich die deutschen wissenschaftlichen Werke ebenso durch Anmuth und Schönheit des Stils, wie durch Gründlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Vielseitigkeit aus, obgleich die Prosa von Goethe, Herder u. s. w. hier zum Muster dienen oder der feurige Stil von Görres zur Nacheiferung reizen könnte. Dagegen erblickt man einen oft recht glänzenden und durchgebildeten Stil in den Novellen und zum Theil auch in den Romanen, ferner in den Memoiren, in einzelnen literarischen Charakteristiken und kritischen und journalistischen Abhandlungen, in manchen auf Zeitfragen Bezug habenden Schriften, obgleich die LloS witzelnde Oberflächlichkeit, zumal wenn sie sich mit stark ausgesprochener liberaler Ten- 249 Deutsche Literatur und Wissenschaft denz verbindet, in Deutschland größere Aufmerksamkeit zu erregen pflegt, als sie verdient. In stilistischer Hinsicht hat sich auch die deutsche Reiseliteratur bedeutend gehoben, die überhaupt einerseits mehr Inhalt gewann und mehr als früher auf den politischen Zustand des bereisten Landes, wie auf den intellectuellen des Volks einzugehen pflegt, während sie andererseits in eine blos witzige und flach geistreiche Manier ausgeartet ist. Hierher gehören die auch im Auslande, namentlich in England, geschätzten Neiseschriften von Kohl und von Strombeck, Raumer's mehr in politischer, Waagen's mehr in artistischer Hinsicht interessante Reiseberichte, Pöppig's gut geschriebene Reise nach Südamerika, H. Stieglitzes Schrift „Ein Besuch auf Montenegro", Rüppel's „Reise nach Abyssinien", des geistreichen Schu- bert „Reise nach dem Morgenlande", des Fürsten von Pückler-Muskau fashionabel und leichtfertig angenehm geschriebenen, aus aristokratisch-demokratischen Elementen seltsam gemischten Neiseschilderungen, Tietz'S „Reise nach Griechenland", des wunderlichen Nicolai, Gaudy's, Menzel's ital. Reisen und namentlich eines Anonymus „Reise nach Italien" (2 Bde., Düsseld. 18-11 — 42 ), Hailbronner's „Cartons aus der Reisemappe eines deutschen Touristen" u. s.w. Daß es übrigens an Gelehrten in Deutschland nicht fehlt, die mit ihren geistreichen Ansichten geistreiche Darstellung und gebildeten Stil zu verbinden wissen, beweisen unter Andern, wie früher A. von Humboldt und sein Bruder W. von Humboldt, so jetzt noch K. Ritter, der Physiolog Burdach und der in Goethe's Schule vortrefflich gebildete K. G. Carus. Wenn wir noch die Hauptleistungen schriststellernder Frauen in neuester Zeit, unt Ausschluß der Romanschriftstellerinnen, erwähnen wollen, so stoßen wir hier zuvörderst auf die kecken, zum Theil das Bestehende desorganisirenden Aphorismen der Rahel, auf Bettina's oft sehr poetische, oft kindisch coquette Selbstbespiegelungen in ihrer Sammlung „Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde" (s. Arnim), aus das Tagebuch der unglücklichen excentrischcn Charlotte Stieglitz und auf die Reiseschriften der Gräfin Jda Hahn-Hahn. Frische und lebendige, aber oft sehr unhaltbare und unbesonnene Aphorismen charakterisiren das Wesen dieser renommirten Frauen. Es bliebe uns nun noch eine wichtige Form der Entwickelung und Manifestation des deutschen Geistes übrig, die reine Production der dichterischen Thäligkeit, welche aber wieder ein so cigenthümliches, in sich zusammenhängendes und weitläufiges Gebiet umfaßt, daß cs gerathen schien, dieselbe, besonders was die neueste Zeit betrifft, in dem besonder« Artikel Deutsche Poesie (s. d.) zu behandeln, wo man zu- sammengestellt findet, was in Deutschland im epischen und lyrischen Genre, welches letztere gegenwärtig eine auffallende politische Färbung angenommen hat, und im Roman und der Novelle geleistet worden ist, während ein anderer Artikel Deutsches Theater (s.d.) die Entwickelung der deutschen Bühne und der Schauspielkunst zugleich mit der Entwickelung der dramatischen Poesie, die in jüngster Zeit so viele vergebliche Anstrengungen gegen die bestehenden Censurverhältniffe, die Mattigkeit der Directionen, die Flauheit des Publicums und die überwiegende Vorliebe für Tanz, Musik und Decorationsluxus gemacht hat, darstellen wird. Unerwähnt kann hier nicht bleiben,, daß die vaterländische Dichtung, weniger die Wissenschaft, unendlich durch die Menge Übersetzungen zu leiden hat, die ohne Auswahl und fabrikmäßig gefertigt werden und womit man zur Schande der deutschen, literarisch so reich ausgestatteten Nation und zum Nachtheil werthvollerer und kostspieligerer Originale den Büchermarkt überschwemmt und den Geschmack des Volks jeder nationalen Anschauung entfremdet. Die ehrenvolle Pietät, womit man namentlich neuerdings die zerstreuten Werke älterer deutscher Schriftsteller sammelt, hat die deutsche Literatur mit einer Menge tüchtiger Gesammtausgaben bereichert. Von dieser Pietät zeugen auch die häufigen monographischen Studien über berühmte Männer der Vergangenheit und die Commentarc zu ihren Werken, so die von Hmrichs und von Hofmeister zu Schiller's Dichtungen, die, so tüchtig sie sind, doch vielleicht kaum so viel praktischen Werth haben als Streichcr's Schrift, „Schiller's Flucht von Stuttgart" (Stuttg. 1836 ). Namentlich vermehrt sich die Literatur über Goethe (s. d.) ins Ungeheure, aber es ist darunter nur Weniges von dem Werthe wie Eckermann's „Gespräche mit Goethe" und die Schrift von Carus, „Goethe. Zu dessen näherm Verständniß" (Lpz. 1843 ). Zu bedauern ist, daß die Verleger mehr als je die jeweilige Stimmung des Publicums auszubeuten oder gar zu leiten suchen, daß sie, häufig nur des Bilderwesens wegen und um ein Jllustrationswerk herzustellcn, nicht im Interesse 25V Deutsche Literatur im Auslände der Literatur, sondern in ihrem eigenen von ihnen ausgegangene Ideen ausführen lassen und daß sie, was noch schlimmer ist, literarische Fabrikarbeiter in Masse dazu finden. Eine Haupt- branche des deutschen Buchhandels bilden nächst den Gesammtausgaben, den zeitgemäßen Broschüren, Übersetzungen, Erbauungsschristen, Lcihbibliothekenromanen und sogenannten gemeinnützigen Büchern die encyklopädischen, alphabetisch geordneten Werke, die bei dem großen Umfange der gewonnenen wissenschaftlichen und geschichtlichen Resultate um so nö- thiger und nützlicher erscheinen, da Vielseitigkeit ein Hauptcrfodcrniß der deutschen geistigen , Bildung ist. (S. Encyklopädien.) Den täglichen wissenschaftlichen, politischen und bei- , lctristischen Verkehr vermitteln mit großer Schnelligkeit eine Menge Zeitungen, Zeit-, Vier- . teljahrs- und Monatsschriften, die wir aber in dem Artikel Deutsche Kritik (s.d.) besprechen, da sie mit dieser wie mit der kritischen Richtung der einzelnen Stimmführer und der ästhetischen Stimmung der Zeit überhaupt im engsten und gegenseitigsten Zusammenhang« stehen. Deutsche Literatur im Auslande. Wenn Deutschland der oberflächlichen Betrachtung mehr als ein Land erscheint, das den geistigen Strömungen des Auslandes in größerm Maße ausgesetzt ist, als auf dasselbe bestimmend einwirkt, so wirb bei tieferer Betrachtung, wenn auch nicht ein gerade umgekehrtes Verhältniß, doch ein für Deutschland entschieden günstigeres Resultat zu Tage kommen. Sein Einfluß war nicht blendend, aber nachdrücklich und dauernd. Wie Luther's reformirender Geist, wie seine vielfach übersetzten Schriften im Auslande gewirkt haben, davon liegen die Resultate in der Weltgeschichte selbst zu Tage. Auch später hat der deutsche Geist seine Einflüsse über das Ausland verbreitet ; doch lieferte Deutschland von der Reformation an bis zur Mitte des vorigen Jahrh. Weniges, welches als Einzelerscheinung, zumal der Form nach, den deutschen Geist würdiz vertreten konnte. Diese Bemerkung betrifft indeß vorzugsweise die schöne oder eigentlich productive Literatur; die gelehrten Kenntnisse der Deutschen dagegen wurden von dem Auslande stets anerkannt. Mehre Zweige der literarischen Erkenntniß und Bearbeitung sind von Deutschen erfunden und erst später vom Auslande gepflegt und ausgebildet worden. Die eigentliche Literaturgeschichte sowol im Ganzen wie in einzelnen Gattungen, die Ästhetik, die Handbücher, die systematische Philosophie, die Kritik, die Archäologie, die encyklopädischen Werke u. s. w. sind theils Erfindungen der Deutschen, theils nirgend sonst in gleicher Vollkommenheit angebaut worden und konnten, wie die originellere oder gründlichere Ausbildung, welche einzelne Theile in der Jurisprudenz, der Medicin, der Chemie, der Agrikultur, der Philologie, der Staats- und Kirchengeschichte u. s. w. von Deutschen erfahren haben, durchaus vom Auslande nicht zurückgewiesen werden. Besonders die reformatori- schen Bewegungen in der deutschen Theologie und Philosophie haben noch im vorigen Jahrh. durch Leibnitz und Kant auf das Ausland wider dessen Wissen und Wollen mächtigen Einfluß geübt. Weniger bekannt, aber desto merkwürdiger ist der Einfluß, den die Ideen deutscher Jlluminaten auf die ersten Begründer und Leiter der großen ftanz. Revolution äußerten. Deutschland hat freilich immer das Unglück gehabt, daß man seine Erfindungen und geistigen Schätze im Auslande benutzte, verarbeitete und vervollkomm- nete, ohne ihm den ihm gebührenden Dank zu zollen. Vielleicht lag dies an der politischer ^ Unbedeutendheit, Unselbständigkeit, ja Nichtigkeit Deutschlands in gewissen Epochen, noch mehr aber wol an der häufig so geschmacklosen und schwerfälligen Art der Darstellung und des Vortrags. Daher hatte namentlich die schöne Literatur der Deutschen gegen die Vor- urtheile des Auslandes, dem ohnehin die Schwierigkeiten der deutschen Sprache ein großer Anstoß waren, lange Zeit vergebens zu ringen, bis endlich Goethe's und Schillcr's Clas- sicität das Ausland fast wider Willen nöthigte, den Deutschen auch in der Poesie die Ehre zu gönnen, die ihnen gebührt; ja, man nimmt jetzt kaum noch im Auslande Anstand, Goethe und Schiller als die eigentlichen Classiker und Koryphäen nicht blos der deutschen sondern der modernen Poesie überhaupt anzuerkennen. Seitdem ist die Anerkennung der deutschen > Literatur im Auslande stets im Wachsen gewesen und, wie sich von selbst versteht, namentlich in den Ländern, welche Deutschland durch Stammverwandtschaft näher stehen und in denen das Studium der deutschen Sprache durch nähere oder entferntere Sprachverwandtschaft erleichtert ist. 251 Deutsche Literatur im AuSlande Zuvörderst zieht England unsere Blicke in dieser Hinsicht auf sich als dasjenige Land, welches, unter den von german. Stänimen bewohnten das mächtigste und stolzeste, trotz östern eigensinnigen Widerstrebens immer mehr, wie von geheimer Sympathie getrieben, sich zu Deutschland hingezogen fühlt. Ja, es sind bereits in England Stimmen gegen eine gewisse Art Germanomanie laut geworden, die, so wenig Grund sie haben, doch als ein Symptom des Eifers zu betrachten sind, womit die Engländer die deutsche Literatur zu studiren und zu ergründen suchen. Die deutsche Sprache scheint wie fast überall so auch in England die eigentlich klassische unter den modernen Sprachen werden zu wollen, die man wie die antiken Sprachen studirt, während die franz. freilich stets die alle Enden der Welt verbindende Con- versationssprache bleiben zu wollen scheint. Zwischen beiden steht die engl. Sprache; nicht so ausgebreitet als die französische, ist sie doch ausgebreiteter als die deutsche, aber sie zählt nicht wie die deutsche jene gelehrten Anhänger, die unter allen gebildeten Völkern Europas eine zwar kleine, aber von desto größerer Begeisterung durchdrungene und alle Literaturen mit deutschem Geist befruchtende geweihte Schar bilden. Nicht unbemerkt darf bleiben, daß in England, wo fast Alles mehr oder weniger als Mittel zum Zwecke dient, die Zu- und Abnahme des Studiums der deutschen Sprache mit gewissen politischen Fluctuationen zusammenzuhängen und von politischen Sympathien und Antipathien abhängig zu sein scheint. So besprechen die literarischen Journale Englands um so häufiger und anerkennender deutsche Literaturzustände, deutschen Nationalgeist und die innern Verhältnisse Deutschlands, wenn ein Zerwürfniß mit Frankreich vorhanden ist oder am politischen Horizonte droht. Allerdings kommt hierbei auch die Parteistellung der Journale in Betracht, und häufig genug werden die Deutschen ihrer nebelhaft mystischen, philosophischen, speculirenden, die Realität für transcendentale und ideale Anschauungen opfernden Träume wegen gehöhnt. Wir wollen nicht bis auf Luther, dessen „Tischgespräche", und auf I. Böhme, dessen Schriften ins Englische übersetzt wurden, zurückgehen, sondern an eine neuere Periode anknüpfen. Wenn Geßner's „Idyllen", Klopstock's „Messias", wodurch das Ausland zuerst Achtung vor dem poetischen Genius der Deutschen gewann, wenn manche Schriften und Dichtungen Lessing's und Wieland's in das Englische übersetzt wurden, so waren dies nur zerstreute und zusammenhanglose Erscheinungen. Erst das imposante Auftreten Goethe's und Schiller's weckte ein durchgreifenderes Interesse für deutsche Literatur in England. Namentlich bemühten sich einige der Koryphäen der modernen engl. Literatur, die Kenntniß der deutschen Literatur in England zu verbreiten, so Walter Scott selbst, Coleridge (s. d.) und Carlylc (s. d.). Wie Walter Scott's Werke vielfach deutschen Geist bekunden, so war Coleridge ein enthusiastischer Verehrer der deutschen Literatur, Goethe's und namentlich Schiller's, und Car- lyle so von deutscher Anschauungs- und Vorstellungsweise durchdrungen, daß man seinem Stile auch in seinen Originalwerken einen allzu germanisirenden Ton vorwirft. Viel zur Verbreitung der Kenntniß deutscher Literatur in England trug namentlich Taylor durch sein Werk „Historie surve^ ok gsrmsn poetrx" (1830) bei. Am meisten wurde an Goethe's „Faust" übersetzt, theilweise von Shelley, dann von Lord Francis Levison Gower(1825), hierauf von Syme und von Blackie (183-1), von Hayward in Prosa (3. Aust., 1838), von Talbot (2. Aust., 1339), am gelungensten zugleich mit der „Braut von Korinth" von Anster (1838), ferner, von Birch und zuletzt von G. Lefevre und Lewis Filmore. Nur die von Birch ist mit der Übersetzung des zweiten Theils des „Faust" begleitet, an welchem letztem sich auch ein Anonymus (1838), L. Äernays (1839) und nachher A. Gurney versuchten. Wie früher besonders Shaksveare's Genius die Gebildeten der deutschen Nation zu den Engländern herüberzog, so wurde nun Goethe's „Faust" das Hauptbindemittel zwischen Deutschlands und Englands Genius. Außerdem wurden Goethe's „Werther", „Tasso", die „Farbenlehre" und viele seiner lyrischen Gedichte ins Englische-übertragen. Nächst Goethe ist Schiller bei den Engländern, vorzüglich aber bei den Engländerinnen beliebt. Seine'Dramen sind sämmtlich in das Englische, einige sogar mehrfach übersetzt worden, die „Räuber" bereits 1792. Größeres Ansehen als selbst in Deutschland genießt in England Schiller's „Geisterseher". Unter seinen'syrische! Gedichten ist vorzüglich „Die Glocke" bewundert und mehrfach übersetzt worden.' Neben Goethe und Schiller, deren ausgewähltere Gedichte noch neuerdings von Dwight übertragen wurden, scheint als Lyriker vorzüglich 252 Deutsche Literatur im AuSlande Uhland in Ruf zu kommen. Unter den populaircr gewordenen jünger« Erzeugnissen de» deutschen Muse ist namentlich Chamisso's „Schlemihl" zu nennen, der mehrfach übersetzt und von Cruikshank mit berühmt gewordenen Illustrationen ausgestattet wurde. Für die philosophischen Arbeiten der Deutschen interessiren sich die Engländer, die so gern das Reale festhalten, im Ganzen wenig; doch sind mehre Schriften Kant's übersetzt worden. Dagegen genießen die philologischen Arbeiten in England einer hohen Achtung, und die meisten berühmtem Grammatiken der Deutschen, so namentlich die hebr. Grammatik von Gesenius, Desselben hebr. Lexikon, Matthiä's und Buttmann's Grammatiken und toxikologische Arbeiten u. s. w. sind mit dauerndem Erfolge für Engländer bearbeitet worden. Hieran schließen sich die Übersetzungen von Böckh's, Hermann's, O. Müller's,WachSmuth's, Becker s u. A. archäologischen und antiquarischen Schriften. Sehr erklärlich ist es, daß auch Thaer's und Liebig's Schriften in das Englische übersetzt wurden, sowie eine Menge religiöser, selbst pietistischer Schriften, wie die von Jung Stilling. Ebenso genießen die reinhistorischen und literarhistorischen Werke, z. B. Niebuhr's, Ranke's, Schlosser's, Raumer's, Neander's, F. Schlegel's, A. W. Schlegcl's, Kugler's u. s. w. in England ein ungemeines Ansehen, und mehre derselben wurden übersetzt. Merkwürdig ist die Vorliebe der Engländer für W. Menzel, der ihnen immer noch für eine kritische Autorität gilt, und den Touristen Kohl, weshalb auch Beider Werke mehrfach übersetzt wurden. Auch Eckermann's „Gespräche mit Goethe" wurden in das Englische übertragen, sowie die „Briefe eines Verstorbenen", welche eine Zeit lang Aufsehen erregten. Zu den Frauen, welche auch literarisch für die Verbreitung der deutschen Literatur in England wirksam waren, gehören namentlich Sarah Austin und die für Deutschland und deutsches Wesen begeisterte Mistreß Jamcstn. Immer häufiger werden raisonnirende Reisewerke über Deutschland; wir führen an der Mrs. Trollope „Vienna", Turnbull's „Austria", Gleig's „6er,nanx und Loktzinia", Hawkins' „t-lerinan)?) tlie Spirit ok der bistorx" und „kägcht »veelrs in 6srinau>, a peckestris»", Wilde's „Austria, its litersr^, scientikc und medical Institutions", Spencer's „8Icetclies ns 6ermsn^ and tds 6ermans" und besonders des Germanomanen W. Howitt's Werk,,1'be rural and domss- tical Ilse os Oerinan^". Die literarischen Magazine und Reviews, namentlich das „Ikoreigll quarteri) revivw", beschäftigen sich mit wachsender Aufmerksamkeit mit der deutschen Literatur und brachten in jüngster Zeit nicht blos gelungene Übersetzungen von Proben deutscher Lyrik, sondern auch sehr ausführliche, gründliche und von großer Kenntniß zeugende Abhandlungen über die Koryphäen der deutschen Literatur. Bei solcher Theilnahme für deutsche Literatur kann es nicht befremden, daß Bulwer seinen „Naltiavers" dem großen deutschen Volke einem Volke von Denkern, widmete und daß sichBoz ebenfalls das Studium der deutschen Sprache angelegen sein ließ. Auch die Nordamerikaner streben ihrem Mutterlande in Anerkennung der deutschen Literatur rüstig nach, selbst, wie in England, die Frauen, deren Liebling Schiller ist. Seiner Lage wie seiner nähern Sprachverwandtschaft gemäß ist Dänemark mit deutscher Literatur noch vertrauter als selbst England. Man überträgt allerdings in Dänemark weniger aus dem Deutschen, weil man von jedem Gebildeten voraussetzt, daß er deutsch verstehe. Viele der vorzüglichsten Dichter Dänemarks sind ganz aus deutscher Bildung hervorgegangen und haben, wie Öhlcnschlägcr, Baggcsen, Ewald, Friederike Brun, I. C. Hauch u. A. zum Theil deutsch gedichtet, ihre deutschen Dichtungen ins Dänische, ihre dän. ins Deutsche überseht. Für Verbreitung der Hegel'schen Philosophie ist und war vorzüglich Heiberg thätig. Klopstock, Schiller und zuletzt noch Hebel erhielten vom dän. Königshofe Unterstützung. In Schweden hielt Gustav's III. übertriebene und hartnäckige Vorliebe für franz. Clafsicität den Geschmack an der deutschen Literatur lange Zeit zurück, bis auch hier die Sympathie german. Geistes sich Bahn machte und die Fesseln brach. Vorzüglich geschah dies durch Hammarsköld in der Zeitschrift „kliosplioros", an die sich eine ganze Schule, hierunter Atterbom, anlehnte. Deutsche Wissenschaft, Poesie und Philosophie haben seitdem mächtig Eingang in Schweden gefunden; viele deutsche Werke sind in das Schwedische übersetzt worden; berühmte Schriftsteller, wie Beskow, Fryxell u. s. w., haben Treffliches über deutsche Zustände geschrieben, und die bekanntesten Schriftsteller haben ihren eigentlichen Wärmestoff aus deutschen Dichtern entnommen. Weniger scheint 253 Deutsche Literatur im Auslande Holland, wo Bilderdijk, wie Leopold in Schweden, lange Zeit mit erstaunenswerther Consequenz gegen das Hereinbrechen des deutschen Geistes kämpfte, sich seiner germän. Sympathie hinzugeben, und eS ist ein schlimmes Zeichen, daß von deutschen Werken fast nur erzählende und unterhaltende ins Holländische übersetzt werden. Doch regt es sich auch in Holland immer mehr, und namentlich ist es van Gbert, ein Mann voll deutschen Geistes und Wissens, der mit Gleichgesinnten in dem im Haag erscheinenden „^tbenäum" auf Verpflanzung der deutschen Philosophie aufholländ. Boden dringt. Manche der geistreichsten und witzigsten Schriftsteller Hollands, z.B. J.Gael, sind offenbar von deutschen Einflüssen befruchtet. Merkwürdig ist die Vorliebe, womit die Franzosen, bei allen sonstigen Einseitigkeiten und Antipathie», gegenwärtig sich mit Deutschland beschäftigen und deutsche Sprache und Literatur studirei^ Wenn man auch cinwcrfen wollte, daß dies verhältnißmäßig von nur Wenigen in gründlicher und umfassender Weise geschieht, so läßt sich ebenso gut behaupten, daß in Deutschland, bei aller Fähigkeit französisch zu sprechen, vielleicht ebenso Wenige eine gründliche Kenntniß der franz. Literatur besitzen und daß hier Urtheilc über Frankreich ausgesprochen werden, die den Franzosen ebenso possirlich erscheinen mögen, wie die mancher Franzosen über Deutschland den Deutschen erscheinen. Frankreich ist als Nachbarstaat Deutschlands mit diesem sowol feind- als freundschaftlich in steter Berührung gewesen; es hat mehr und mehr erkannt, worin die Deutschen ihm voraus sind, und sucht sich dessen zu bemächtigen, und gerade der Gegensatz, in welchem beide Volkscharaktere zueinander stehen, wird immer mehr zur geistigen Mitthcilung und intcllectuellcn Ausgleichung drängen. Und so sehen wir, wie die edelsten Geister unter den Franzosen eifrig bemüht lind, sich mit deutscher Kunst, Poesie und Wissenschaft zu verständigen. Es würde zu weit führen, wenn wir die vereinzelten Versuche, die im vorigen Jahrh. gemacht wurden, durch Übersetzungen deutscher Werke die Franzosen für die deutsche Literatur zu interessiren, hier aufzählen wollten. So wurden Klopstock's „Messias", Vieles von Gellert, Manches von Wieland und Bürger ins Französische übersetzt, und namentlich fand Gcßner in Frankreich wie damals in allen Ländern große Anerkennung und viele Nachahmer. Im „1'üeütre allo- msnü" wie im „Nouveau tüeätro alleinan«)" (Par. 1795) wurden eine Menge deutscher Stücke überseht, und Bearbeitungen Kotzebue'scher Stücke kamen in Frankreich vielfach zur Aufführung. Namentlich brachten aber Goethe und Schiller in Frankreich wie überall die deutsche Literatur und den deutschen Genius zu der Anerkennung, die sie seitdem stets genossen haben. Auch in Frankreich machte Goethe's „Werther" ungemeines Aufsehen. Die meisten von Schiller's Stücken und mehre schnell nacheinander wurden in das Französische übersetzt. Berühmt ist Benj. Constant's Bearbeitung des „Wallenstein" mit einer Einleitung, welche interessante Betrachtungen über das deutsche Theater enthält; vorzüglich aber war es der Frau von Stael Vorbehalten, in ihrem genialen Werke „l)e I'.4I!emagne" ihre Landsleute mit der Tiefe des deutschen Geistes bekannt und auf die Schätze der deutschen Literatur aufmerksam zu machen. Die romantische Schule und die literarischen Parteimän- ner des „6>»>>e" gingen aus deutschen Elementen hervor und stützten sich wesentlich auf die von Deutschen gewonnenen kritischen, ästhetischen und philosophischen Resultate. Wenn die Engländer vorzugsweise die geschichtlichen Werke der Deutschen schätzen und übersetzten, dagegen ihre philosophischen und speculativen Arbeiten geflissentlich übersahen, so findet in Frankreich das umgekehrte Verhältniß statt. Unter Denen, welche sich für die Verbreitung der deutschen Philosophie besonders bemühten, sind zu nennen Tiffot, Barchou de Penhoen, der Übersetzer von Fichte's „Bestimmung des Menschen" und Verfasser des trefflichen Werks „Histoire tle Is pliiloso>>l>ie alleiimncto (lepuis Il.eil>nitL su-gu'ü Hege!" (Par. 1837), Cousin und Saint-Marc Girardin. Von der Aufmerksamkeit, welche mau in Frankreich der deutschen Philosophie widmet, gibt namentlich ein Zeugniß, daß die Preisaufgabe der Akademie im I. 1838 die Darstellung der verschiedenen philosophischen Systeme der Deutschen seit Kant betraf. In letzter Zeit wurde auch die Schelling'sche Philosophie in Frankreich durch Übersetzungen und Commentare eingeführt. Für deutsche Geschichtschreibung, welche fast durchgehend sowol in der Form als der Auffassung dem franz. Geschmacke nicht zusagt, interessirt man sich in Frankreich weniger; doch ist I. von Müller geschätzt und Mehres, z.B. Raumer's „Geschichte der Hohenstaufen", Marhcinekc's „Geschichte der Re» 254 Deutsche Literatur im Auälaude formation", Ranke's „Geschichte der röm. Päpste" und Hurtcr's „Geschichte des Papstes Jnnocenz's lll." in das Französische übersetzt worden. Selbst die „Deutsche Geschichte" von Kohlrausch erfuhr eine franz. Bearbeitung. Was das Interesse der Franzosen an deut- scher Poesie betrifft, so beschränkt sich dies auch in neuester Zeit fast ausschließlich auf die klassische Periode, namentlich auf Goethe und Schiller. Von des Letztem Dramen veran- stattete Barante eine vollständige Übersetzung und die Baroncß von Carlowitz, die Verfasse- rin einer Bearbeitung des Klopstock'schcn „Messias", übertrug Schiller's „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs". Von Goethe sind namentlich der „Faust" und „Weither" pvpu- lair und mehrfach übersetzt worden, der letztere namentlich von Marmier, welcher auch „Duttes s„r Ooetlie" lieferte, ersterer von H.Blaze. PH. Chasles, der über Erscheinungen der deutschen Literatur im „äournal ttes ttöbats" geistreiche Artikel schreibt, wagte sich sogar a» eine Bearbeitung von Jean Paul's „Titan", und der ganz deutsch gebildete Quinet übertrug Herder's „Ideen". Nächst Goethe's „Faust" ist Bürger's „Lcnore" in Frankreich am populärsten. Mit den neuern Entwickelungen der deutschen Poesie beschäftigt man sich wenig, ebenso mit der deutschen Noman- und Unterhaltungslitcratur; doch sind Hoffmann's Novellen und Erzäklungen sehr beliebt und erschienen kurz aufeinander in drei mit Illustrationen versehenen Übersetzungen; auch von Spindler wurde Mehrcs übertragen, ferner Cha- misso's „Schlemihl", Fouque's „Zauberring" und „Undine", mehre Stücke der Prinzessin Amalie, Einiges von Ticck u. s. w. Außer Marmier, Quinet und PH. Chasles haben in jüngster Zeit am meisten zur Bekanntmachung deutscher Literatur- und Kunstzustände bcige- tragen, der freilich oberflächliche, aber angenehm schreibende Lerminier in seinem Werke „,4u-ttelü ttu Rbein", Saint-Marc Girardin in seinen „Kotices politit^ues et littersi res sur I'^llemagne", A. Michiels in seinen „Duttes sur H. Fortoul in seinem wirklich mit Kenntnis geschriebenen Werke „De I'urt en ^Ilemngne". Mehre Journale, welche sich ausschließlich, wie die „Revue gsrm-mique", oder doch hauptsächlich, wie die „Revuu ttu l^ortt" mit deutscher Literatur beschäftigten, sind freilich eingcgangen, indcß zeichnet sich namentlich die „Revue ttes tteux monttes" durch häufige ebenso geistreiche als kenntnißreiche Betrachtungen über die deutsche Literatur, auch über die des Tages, vortheil- haft aus. Viel zur Verbreitung deutscher Literaturkcnntniß in Frankreich trugen auch manche dorthin ausgewanderte expatriirtc Deutsche bei, z. B. Börne, Heine, Savoye u. A. Die Regierung selbst hat auf allen höhern Schulen einen Kursus für den Unterricht in der deutschen Sprache angeordnet; auf dem Lehrstuhl der Sorbonne liest, an der Stelle seines Vorgängers S. Fauriel, Ozanam aus Lyon über deutsche Literatur, namentlich die des Mittelalters, das Nibelungenlied u.s.w. mit großer Begeisterung und Liebe, am Lollege tts Dance PH. Chasles. Wenn die Franzosen und Engländer nicht alles Deutsche ohne Auswahl und fabrikmäßig übersetzen, wie die Deutschen aus dem Englischen und Französischen, so können wir ihnen hierzu nur Glück wünschen. Nächst den Franzosen stehen unter den Völkern lat. Zunge noch die Italiener mit Deutschland in genauerm Verkehr, und so entgegengesetzt der Charakter der ital. und deutschen Sprache wie der beiden Volksstämme auch sein mag, so fehlt es doch den cdlern Geistern in Italien keineswegs an Sympathie für deutsche Literatur. Im vorigen Jahrh. galt in Italien besonders Winckelmann; ferner wurden Klopstock's „Messias", Geßner's „Idyllen", Wieland's „ Musarion" u. s. w. ins Italienische übersetzt. Am meisten stößt man indeß auch in Italien auf die Namen Goethe und Schiller. Goethe s „Wcrther" machte auch in Italien Glück und wurde von Jacopo Ortis in einem selbständigen Romane erfolgreich nachgeahmt. Vom „Faust" und vom„Götz von Berlichingen" erschienen Übersetzungen im „Blusen ttrummstico", die „Wahlverwandtschaften" wurden unter dem seltsamen Titel „Ru sceltu ttei pureuti" bearbeitet. Noch beliebter scheint in Italien Schiller zu sein, dessen Stücke neben Ferraris, Vcrgani und Leoni, der gediegene Kenner der deutschen Sprache und Literatur, A. Maffei und Madame Edvige de' Scolari übersetzte. Von allen deutschen Dramatikern ist indeß Kotzcbue in Italien am beliebtesten; seine Stücke werden fast auf allen Bühnen Italiens gegeben, und eine aus mehr als 40 Bänden bestehende, zu Venedig erschienene Gesammtausgabe derselben erlebte bereits mehre Auflagen. Als eine überaus schätzbare Sammlung ital. Übersetzungen deutscher Lyriker ist der „Luggio tti versi «Itt- 1 255 Deutsche Literatur im Auslande wrmill recste in versi italisni" von Antonio Ballati in Mailand zu bezeichnen. Trotz vielfacher Hemmungen haben sich auch deutsche Kritik und Philosophie in Italien Bahn zu brechen angesangen. Im 1.1833 wurde Lessing's „Laokoon" von Londonio übersetzt- 1836 Tennemann's „Geschichte der Philosophie" von Poli in Mailand, was auch mit Menzel's „Deutsche Literatur" der Fall war, ins Italienische übertragen. Vorzüglich verdient um die Kenntniß deutscher Literatur in Italien machte sich jedoch Cesare Cantü in Mailand durch seinen „8sggio Sulla literatura teclesca", worin eine vollständige Geschichte der deutschen Poesie mit anmuthig übersetzten Proben aus den Dichtern aller Zeitalter von Walther von der Vogelweide bis Uhland und Heine gegeben ist und Goethe und Schiller besonders gründlich und gut besprochen werden. — Selbst auf der pyrenäischen Halbinsel haben sich in letzte« Zeit Symptome geäußert, welche ahnen lasten, daß hier deutsche Literatur und Wissenschaft einen fester» Boden gewinnen werden, wenn man auch in Spanien die Kenntniß davon weniger an der ursprünglichen Quelle, als aus franz. und engl. Berichterstattungen schöpfen mag; aber cS ist schon viel gewonnen, daß madrider Journale wie der „^rtista" und die „Revista peninsular" von Goethe, Lessing und Schiller als von classischen Autoren und Dichtern sprechen. Sonst stehen die Übersetzungen, wie die von Eoethe's „Weither", vcn Boutcrwek, von Chamisso's „Schlemihl" oder die Bearbeitung von Schiller's „Don Carlos" freilich noch sehr vereinzelt. Noch seltener sind Übersetzungen aus dem Deutschen ins Portugiesische, obgleich Kotzebue ebenso häufig auf der lissabonerBühne als auf den Theatern Italiens zur Darstellung kommt. Unter den slawischen Völkern sind namentlich die Böhmen mit deutscher Literatur wohl vertraut, auch besitzen sie, obschon von den gebildeten Böhmen vorausgesetzt wird, daß sie deutsch geläufig verstehen und lesen, mehre gelungene Übersetzungen deutscher poetischer Werke, namentlich Schiller'scher Dramen, die auch auf der böhm. Bühne gern gesehen werden. — Die russ. Literatur, die sich so spät entwickelte, ist vielfach von Deutschland aus befruchtet und angeregt worden, namentlich von Lomonossow, dem Vater der russ. Poesie, der ganz auf deutscher Bildung fußte, ein Schüler Christian Wolfs und namentlich ein Verehrer und Nachbildncr Günther's war. Derzawin verstand außer dem Deutschen keine fremde Sprache weiter und trat in Klopstock'scher Weise auf. Nach dem Vorbilde deutscher Dichter verdrängte Zukowky den Alexandriner und führte die Balladenpoesie der Deutschen und in das Drama den jambischen Vers ein. Hochberühmt ist seine „Ludmila", eine Nachbildung der Bürger'schcn „Lenorc", seine Übersetzung der „Jungfrau von Orleans^ wie überhaupt seine Nachbildungen Goethe'schcr, Schiller'scher und Uhland'scher Balladen und der Fouque'schen „Undine". Den „Faust" übertrug Huber und Goethe'S „Briefwechsel mit einem Kinde" Bakunin ins Russische. Gretsch ist des Deutschen vollkommen mächtig und bezeugte seine Theilnahmc für Deutschland und dessen Literatur durch seine Schrift „Ausflug eines Russen durch Deutschland". — Am längsten hielten wol unter den Slawen die Polen an den Formen altfran;^ Classicität fest; doch haben auch sie dem reformatori- schen Andrange der deutschen Literatur nicht auf die Dauer widerstehen können. Seit Mickie- wicz hat sich auch in Polen eine romantische Schule gebildet, die aus engl, und namentlich deutschen Einflüssen hervorgegangen ist. Mickiewicz selbst übertrug mehre Balladen Schiller's in das Polnische. Die vielen Übersetzungen aus dem Deutschen hier anzuführen, würde einen weiten Raum erfodcrn; doch dürfen die Verdienste des. Schauspieldirectors zu Lemberg, Kaminski, um Verbreitung deutscher Litcraturkenntniß in Polen nicht übergangen werden. Er übersetzte mehre Schiller'sche Balladen und Gedichte, den „Don Carlos" und die ganze Trilogie „Wallenstein", die als eine meisterhafte Übersetzung bezeichnet werden ^rf. Auch in Polen ist Schiller der beliebteste deutsche Dichter; hiervon zeugt auch die von Bobrowicz in Leipzig vorbereitete poln. Übersetzung sämmtlicher Dramen Schiller's. — Erwähnen wir noch, daß die Literatur der Ungarn vielfach von deutschen Einflüssen bestimmt und sogar manches deutsche Erzeugnis in das Neugriechische übergegangen ist, so sehen wir, daß sich deutscher Same überall hin ausgestrcut hat, und daß die deutsche Literatur "m so mehr berufen sein dürfte, die von Goethe proclamirte Weltliteratur zu vermitteln, da sie wol unter allen Literaturen am wenigsten an nationaler Engherzigkeit leidet und das Allgemeinmenschliche am allseitigsten und reinsten vertritt. 256 Deutsche Manufaktur- und Fabrikindustrie Deutsche Manufaktur- und Fabrikindustrie. Unter den Industrien, welche sich in Deutschland zuerst in einer großartigen Gestalt zeigten, steht unstreitig der Bergbau obenan, welcher auf dem Harz schon im I. 868, im sächs. Erzgebirge > > 67 und in Böhmen 1242 begann und dem sich sehr bald die Eisenindustrie anschloß. Eine Folge davon war das Erblühen der Gewerbe, und schon im 13. Jahrh. wurden hauptsächlich in Augsburg, Nürnberg und Frankfurt am Main, sowie in Sachsen Leinen- und Wollweberei geübt. Im I, 1285 gab es bereits Tuchbcreiter. Zm 14. Jahrh. wurde die Seidenweberei eingcführt; auch 1390 die erste Papiermühle in Deutschland angelegt. Im 15. Jahrh. kam dieSchleier- manufactur auf, auch fing man an, Taschenuhren zu verfertigen. Während des 16. Jahrh. wurden Zeugdruckereien in Augsburg und das Spitzenklöppeln in Sachsen eingeführt, und Nürnberg und Augsburg erschienen mit ihren Waaren auf den engl., franz. und ital. Mark- ten. Der Dreißigiährige Krieg und seine nachhaltigen Folgen vernichteten wie den Handel so auch Gewerbe und Industrie in Deutschland fast ganz; doch hob sich zu Ende des l l. Jahrh. die deutsche Fabrikindustrie wieder dermaßen, daß sie sich zu Anfänge des 18. Jahrh. auf einer Höhe wie nie zuvor befand. Eine bedeutende Erweiterung gewann sie durch du Baumwollindustrie. Nach dem Siebenjährigen Kriege widmete Friedrich der Große, der sich zu mercantilistischen Grundsätzen bekannte, den verschiedenen Industrien seine Aufmerksamkeit und glaubte das Heil derselben durch ein Verbotssystem zu befördern, welches bis 1818 in Preußen in Kraft blieb. Kaiser Joseph 1l. ergriff gleiche Maßregeln in Ostreich, welche noch jetzt in aller ihrer Strenge ausrecht erhalten werden. Im übrigen Deutschland herrschte dagegen mehr oder weniger Handelsfreiheit. Dennoch steigerte sich die Industrie in diesen, Theile, besonders in Sachsen, obgleich ganz unbeschützt und von hohen Zoll- und Verbots schranken umgeben, nicht nur verhältnißmäßig, sondern in mehren Fällen sogar absolut höhe,, als in den beiden genannten Staaten. Im I. 1818 nahm Preußen ein anderes Zollsystem > an, welches sehr bald von selbst zum Schutzsystem wurde, das aber mit der allmäligen Entwickelung des Zollvereins dem theilweise ganz freien Verkehr mit ungefähr 12 Mill. Menschen weichen mußte. (S. Deutscher Handel.) Nicht wenig wurde dieser Augenblick von den preuß. Fabrikanten gefürchtet; allein hier zeigte es sich durch die That, wie ungegründet die Furcht vor fremden Industrien ist, und daß ganz andere Ursachen obwalten, wenn eine Industrie gegen das Ausland nicht aufkommen kann. Die sächs. Industrien erhielten vom I. Jan. 1834 an da unbedingt freien Zutritt, wo sie zcither ganz verbannt gewesen waren; allein dennoch wurden die preuß. Fabriken dadurch nicht nur nicht ruinirt, sondern sie haben seitdem an Ausdehnung sogar sehr gewonnen. Die nachtheiligc Wirkung der Schutz- und Verbotssysteme zeigte sich hier auch durch eine fernere Thatsache. Ungeachtet die sächs. Baumwollspinnereien von ihrer Gründung im I. 1792 an bis zum >. Jan. 1831 nur während der Continentalsperre, vor und nach derselben aber nie und nicht im geringste» geschützt gewesen waren, die preuß. aber sich unausgesetzt eines Schutzes zu erfreuen gehabt hatten, so fanden sich doch in Sachsen mit 272 UM. 500000 Spindeln vor, während man es in Preußen auf 5000 OM. nur zu 126000 Spindeln hatte bringen können. Was nun die einzelnen deutschen Fabrikindustrien und deren gegenwärtigen Zustand anlangt, so betrachten wir zunächst die Baumwollindustrie. Die mechanische Baum-l Wollgarnspinnerei wurde im I. 1792 in Sachsen eingeführt. Sie hat sich seitdem über mehre Theile Deutschlands verbreitet und die bis dahin übliche Handspinnerei nach und nach ganz verdrängt. In Ostreich werden jährlich gegen 360000 Clr. und im Zollverein gegen 220000 Ctr. Baumwolle versponnen, aus welchem lehtern auch Garn ausgeführt wird. Der Hauptplatz der Baumwollspinnerei ist Sachsen mit 500000 Spindeln; Prcu- - ßen hat deren 126000 und die übrigen Länder des Vereins 174000. Die Weberei ist bedeutender, da sie außer dem selbstgesponnenen auch noch engl. Garn verarbeitet; ihr Bedarf beträgt in Ostreich jährlich gegen 75—80000 Ctr. und im Zollverein gegen 430000 Ctr. Die Baumwollindustric des Zollvereins versorgt nicht nur denselben ganz mit seinen Bedürfnissen solcher Art, sondern es werden auch jährlich noch 70000 Ctr. ihrer Fabrikate ausge- führt. Mit der Entwickelung der Fabrikation im Allgemeinen haben die chemischen Fabriken gleichen Schritt gehalten, da besonders Bleiche, Färberei und Druckerei derselben sehr bedürfen. Die statistischen Nachrichten darüber sind indeß so dürftig, daß kein allgemeines 357 Deutsche Manufaktur- und Fabrikindustrie Bild derselben gegeben werden kann; in Sachsen bestehen deren 16 im größer« Stile, und die Leistungen aller in Deutschland sind sehr zufriedenstellend. Die Eisenfabrikation ist unstreitig in Deutschland überall neben dem Bergbau die älteste. Die Eisenerzeugung beträgt in Ostreich jährlich gegen 1 , 800000 , im Zollverein 2,560000 und im übrigen Deutschland (Harz) >43000 Ctr. Diese Erzeugung genügt aber beiweitem nicht der Eisenindustrie. Ob nach Ostreich davon eingcführt werde, ist unbekannt; im Zollverein wurden im I. 1841 an Roheisen 986373 , Stabeisen 554094 , Feineisen 35996 , Weißblech und Eisendraht 13525 , Gußwaaren 61285 , zusammen 1,651273 Ctr. eingeführt. Werden nun obige selbsterzeugte 2,500600 Ctr. hinzugefugt, so ergibt sich, daß jährlich mehr als 4 Mill. Ctr,Eisen in verschiedenen Gestalten verarbeitet werden. Ausgeführt wurden davon im I. 1841 66062 Ctr. Roheisen, 48828 Stabeisen, 6587 Feineisen, 4079 Weißblech und Eisendraht, >74920 Gußwaaren, zusammen 300476 Ctr., woraus sich ein jährlicher Ge- sammtverbrauch von 3,800000 Ctr. Eisen im Zollverein ergibt. Besondere Fortschritte hat die Gußwaarenindustrie gemacht, wie dies die Vergleichung der obigen Ein- und Ausfuhr zeigt. Holzwaaren, worunter jedoch hölzerne Instrumente nicht begriffen sind, wurden 1841 im Zollverein 36347 Ctr. ein- und 68014 Ctr. ausgeführt. An kurzen Maaren wurden im Zollverein in demselben Jahre 1289 Ctr. ein - und 22854 Ctr. ausgeführt, woraus sich auf eine sehr günstige Lage dieser Industrie schließen läßt. Eine der wichtigsten Industrien Deutschlands und zugleich eine der ältestenist dieLeinenfabrikation. Sie blüht in Ostreich, jedoch sind darüber keine nähern Nachrichten vorhanden. Im Steuerverein, namentlich in Hannover, ist sie in sehr lebhaftem Betriebe, und es wurden hier im I. 1840 214529 Stück oder > 8 , 139000 Ellen, im Werthe von 1,489000 Thlr. zur Schau gestellt und abgestempelt. Im Zollverein wurden 1841 an Flachs, Werg, Hanf und Heede 126239 Ctr. mehr ein- als ausgeführt, sowie an Garn 21893 Ctr., an Fabrikaten 39607 Ctr. leinene und >2425 Ctr. hänfene ein- und 101136 Ctr. leinene und 36259 Ctr. hänfene ausgeführt. Die Leinenindustrie des Zollvereins hat also 61529 Ctr. leinene und 23834 Ctr. hänfene Waaren mehr verfertigt als dieser verbrauchte, den sie ganz versorgte. Die deutsche Leinenindustrie würde indeß noch mehr blühen, wenn sich das mechanische Flachsspinnen in Deutschland nicht so sehr in der Kindheit befände. Die Damastweberei zuGroßschönau in Sachsen steht unerreicht von irgend einer da. Die Hauptsttze der vereinsländischen Leinenindustrie sind Schlesien, Sachsen und Westfalen; weniger Süddeutschland. Die Seidenindustrie blüht unstreitig auch in Ostreich und liefert schöne Stoffe; allein es fehlen alle nähern statistischen Nachrichten, die auch im Zollverein noch äußerst mangelhaft sind, sowol über ihre Fabrikationsmittel als auch über ihre quantitativen Leistungen. Im Zollverein gedeiht die Seidenindustrie ungeachtet des im Vergleich zu den übrigen Industrien höchst unbedeutenden Zollschutzcs außerordentlich. Vorzüglich ist sie in Rheinpreußen und in der Mark Brandenburg einheimisch. Auch in Sachsen hat sie seit 15 Jahren, obgleich ganz neu, überraschend schnell und gut Wurzel gefaßt. Im I. 1841 wurden im Zollverein 4488 Ctr. ganz- und halbseidene Waaren und nach Abzug der Wiederausfuhr 12933 Ctr. rohe und gefärbte Seide eingesührt. Die Ausfuhr der erster« betrug dagegen 10317 Ctr., woraus sich ergibt, daß die vereinsländische Seidenindustrie nicht allein da- ganze Bedürfniß des Vereins befriedigte, sondern außerdem auch an das Ausland in dem gedachten Jahre 5885 Ctr. verkaufte. Überhaupt hat sie von > 837—41 um 89 Procent mehr Ausdehnung erlangt. Die Wollindustrie gehört, insofern sie einen einheimischen Rohstoff verarbeitet, auf dessen Benutzung die Menschen zuerst mit hingewiesen wurden, unstreitig ebenfalls zu den älteste« und wichtigsten in Deutschland. In Ostreich ist sie sehr bedeutend, doch nur für den inner» Bedarf, und ihr Umfang unbekannt. Im Steuerverein blüht sie nicht sehr, dagegen nimmt sie im Zollverein jährlich mehr zu. Sie ist vorzüglich in Aachen und der Umgegend, in Lennep und der Umgegend, im Königreiche Sachsen, sowie in der preuß. Provinz Sachsen und bis in die Magdeburger Gegend am rechten Ufer der Elbe einheimisch; weniger in Schlesien, Jm J. 1841 wurden 30844 Ctr. wollene und halbwollen« Waaren im Zollverein eingeführt und 66848 Ctr. ausgeführt. Es kann mit Sicherheit angenommen werden, daß an Vereins- und ausländischer Wolle 469000 Ctr. im 1.1 84 1 inden vereinsländischen Verbrauch Conv.-Lrx. Neunte Lust. IV. 17 S58 Deutsche Medici« und Chirurgie übergegarige» sind, welche nach der Fabrikswäsche 341666 Ctr. gewogen haben. An aus- ländischem Wollengarn wurden 17468 Ctr. verarbeitet. Die Wollindustrie des Vereins hat daher 358714 Ctr. wollene Maaren verfertigt, von denen 66848 Ctr. ausgcfuhrt und 323161 Ctr.imVercin verbraucht wurden. Es befriedigt demnach auch die vereinsländische Wollindustrie das ganze Bedürfniß des Vereins und führte außerdem noch 66848 Ctr. aus. Daß sie jedes Jahr zunimmt, geht daraus hervor, daß sonst mehr rohe Wolle aus- als ein- geführt wurde, jetzt aber das umgekehrte Verhältniß stattfindet. Wenn nun aus vorstehenden Zahlen sich ergibt, daß jede der vereinsländischen Fabrik- indnstricn den Zollverein ganz mit ihren Erzeugnissen versorgt, und außerdem nicht unbedeutend, zum Theil sogar namhaft ausführt, so wird dadurch die große Beruhigung gewährt, daß es mit ihnen nicht so schlecht steht, als von manchen Seiten behauptet wird. Dennoch würden sie sich noch besser befinden, wenn die Ursachen, auf welche oben hingcdeutet wurde, beseitigt würden. Nicht zu leugnen ist cs, daß die vereinsländischcn Industrien hier und da viel Fleiß, Intelligenz und Streben nach Vorwärts zeigen, allein im Allgemeinen ist noch Mangel daran und dagegen einige Bequemlichkeit, Kleben am Alten und vor Allem der Wunsch, gegen alle ausländische Thätigkeit im Zollvereine gesichert zu sein, zu bemerken. Neues selbst zu erfinden, wird vermieden, nur Ausländisches nachgemacht, womit man zum Theil schnell genug, zum Theil aber.auch zuletzt auf den Markt gelangt. Hierzu kommt ferner der unglückliche Hang, das Beffermachen der Ausländer durch Wohlfeilheit ersetzen, und diese durch kürzeres Ellenmaß, geringere Breite, leichtere Qualität und Verschweigung innerer Fehler, wie Löcher, Risse u. s. w., erlangen zu wollen. Mit diesem Hauptgründe, - warum es mit der vereinsländischcn Industrie besonders auf den fremden Märkten nicht so geht, als es sein sollte, hängt anderweit genau zusammen, daß man seinen eigenen Ansichten ungleich mehr als dem Verlangen, Geschmack und Bedürfnisse der Abkäuser folgt, welchen » Fehler die Deutschen mit den Franzosen gemein haben. Ganz anders dagegen verfahren die Engländer, die in ihrem Verkehre mit dem Auslande unverbrüchliche Treue und Glauben zeigen und unermüdlich sind in der Erforschung der Bedürfnisse, des Geschmacks und der Gewohnheiten ihrer Abkäufcr. Nur hierdurch sind die Engländer zu ihrem Übergewicht aufden fremden Märkten gelangt und nicht durch ihre großen Capitale, welche erst eine Folge dieser ihrer Grundsätze waren. Endlich ist es der Ausbildung und dem Fortschreiten der deutschen Industrie sehr nachtheilig, daß die Fabrikanten zugleich die Kaufleute machen. Ganz anders in England, wo der Fabrikant sich einzig und allein seiner Fabrik widmet. Werden diese Andeutungen wohlerwogen, so wird man leicht finden, daß cs auch besser um die deutschen Fabriken stehen würde, wenn sie anders wären, und daß das gesteckte Ziel nicht allein ohne Schutzzölle, sondern nur ohne sie erreicht werden könne. Deutsche Medicin und Chirurgie. Eine fruchtlose Mühe würde es sein, die medicinische Literatur Deutschlands im Mittelalter erforschen zu wollen, wo die Heilkunde von rohen Händen geübt keinen Stoff zu schriftlicher Bearbeitung darbot. Wie Karl des Großen lichtbringende Schöpfungen sehr bald wieder von der Finsterniß umnachtet wurden, so vermochten auch des großen Hohenstaufen, Friedrich's ll., der als Anatom und alSSchrist- steller im Felde der Ornithologie glänzte, seines Sohns Manfred und Albert(s.d.) des ^ Großen Bestrebungen nur die Dunkelheit ihres Zeitalters zu erhellen. Erst mit dem Wic- dcraufblühen der Wissenschaften in Italien und mit den vielen die Welt durchdringenden Begebenheiten und Entdeckungen des 15. Jahrh. begann auch in der deutschen Medicin ein neuer Geist sich zu regen. Der deutsche Fleiß fing an, die Schriften der alten Ärzte, befreit von den Zusätzen und Erklärungen der Araber und ihrer Nachfolger, in der Ursprache zu lesen und ihre Lehren zu prüfen. Die scholastische Philosophie aber, die bis dahin alle Wissenschaft in Fesseln geschlagen hatte, konnte nicht anders als durch ihre Hauptgcgnerin, die Mystik, besiegt werden, und daher verfiel jenes Zeitalter durch das Streben nach Aufklärung in den Hang zu mystischen Speculationcn, wodurch Astrologie, kabbalistische Wissenschaften und - Goldmacherkunst viele Verehrer fanden, an deren Spitze dergelchrte N euchli n (s. d.) stand, dem der durch seine Schicksale berühmte Agrippa von Nettesheim (s. d.) folgte. Die Folge davon war, daß die Hexenprvccffc wieder an die Tagesordnung kamen, denen jedoch auch in Deutschland einzelne Männer, wie I. Wyer, gcst. 1588, sich mit Erfolg in Wort ik. irrt, >ch )k, da >ch >cr :n. »n mt m, "g dr, 1° kr» )e» dir icn der re» rer rik rg- ulken ll-, die rde des en, ist- des iic- len ein reit sen aft Heden md nd, vie och ort Deutsche Medicin und Chirurgie 259 und Schrift entgegenstellten und somit im Verein mit den Verordnungen der Osrnlimr den Grund zur künftigen Staatsarzneikunde legten. Selbst mit auf dieser Mystik fußend, je- doch auch unter mystischen Benennungen viele tiefe Wahrheiten verbergend, trat Paracelsus (s. d.) mit seinem neuen System der Medicin auf und bekämpfte zuerst mit deutschem Wort und deutscher Schrift die Vorurtheile, welche das blinde, aller Selbständigkeit ermangelnde Nachbeten der Griechen und Araber hatte einwurzeln lassen. So war auch die Reformation der Heilkunde ein deutsches Werk. Die berühmtesten deutschen Anhänger des großen Mannes in jener Zeit sind L. Thurneysser zum Thurn, gest. 1595 und A. von Bodenstein, gest. 1577, während Winther von Andernach, F. und T. Zwinger u. A. eine Vereinigung der Ansichten des Paracelsus mit denen des Galcnus versuchten. Von Wenigen nur wurde die neue Lehre verstanden und von Vielen gemisbraucht als Deckmantel von Betrügereien und Charlatanerien jeder Art. Namentlich gab sie Veranlassung zu dem „Arznei- und Wunderbuche" des Predigers Bapst von Rochlih und zu der Verbreitung der berühmten Panacee, welche der Jurist G. Amwald zu hohen Preisen verkaufte. Später wurden des Paracelsus Lehren mit denen derNosenkreuzer verwebt. Die Gegner des Paracelsus trugen nicht wenig dazu bei, das neue System zu sichern, indem sie durch Abstreifen der mystischen Hülle die innere Wahrheit mehr und mehr zu Tage förderten. Wie tief jedoch der Aberglaube noch in dieser Zeit seine Wurzeln geschlagen hakte, beweist die Geschichte von dem goldenen Zahn, der einem Knaben in Schweidnitz gewachsen sein sollte und noch im letzten Dccennium des 16. Jahrh. zu einem heftigen Federkriege zwischen Ärzten Veranlassung gab. Die Chirurgie wurde in diesem Jahrh. durch Hieronymus Brunschwig, Hans Gersdorff, genannt Schylhans, F. Würz und Paracelsus selbst, die Geburtshülfe durch E. Rößlin (Nhodion), die Augenheilkunde durch G. Bartisch ausgebildet. Außerordentlich waren die Fortschritte der Anatomie, welcher Wissenschaft besonders A.Vesalius, gest. 1564, sich widmete, der aber freilich aus seinem Stammlande Deutschland sich nach Italien wendete. Zu den besten Anatomen damaliger Zeit gehörten F. Plater, gest. 1614, und C. Bauhin, gest. 1624. Nach dieser von der Mystik bewirkten Reformation in der Medicin begann wieder die Philosophie ihren Einfluß auf die Ansichten der Ärzte geltend zu machen. Während Bacon's von Verulam System sich anfangs innerhalb der Grenzen seines Vaterlandes eingeschlossen hielt, verbreitete sich die Corpusculartheorie des Dcscartes weiter und ließ in ihrem Boden verschiedene medicinische Systeme wurzeln. Es waren die chemiatrischc und iatromathematische Schule. Erster«: zerfiel in die synkretistische, welche immer noch, doch wieder auf anderm Wege als früher, eine Vereinigung zwischen Galenus und Paracelsus versucht^ durch D.Sennert, gest. 1637, die spiritualistische, welche Chemismus und Mystik verschmolz, durch van Helmont (s. d.) und die rein materiell chemische, welche die Lebensprocesse durch Gährung erklären wollte, durch F. de le Boe (Sylvius), gest. 1673, vertreten. Von diesen drei Lehrern erhielt der ldtzte in Deutschland die meisten Anhänger, unter denen vorzüglich G.W. Wedel, gest. 1721, M. Ettmüller, gest. 1683, G. C. Schellhammcr, gest. 1716, und J. K. Dippel (s.d.), gest. 1734, hervorragen. Die Fortschritte in der Chemie jedoch, die von dieser Schule selbst begünstigt wurden, erweckten ihr auch die gewichtigsten Gegner, unter denen sich vor Allem I. Bohn, gest. 1718, auszeichnete. Diesen chemiatrischen Systemen gegen über stand die iatromathematische Schule, welche in Italien gegründet, in Deutschland später durch Joh. und Dan. Bernoulli (s. d.), E. Hamberger, gest. 1755, I. G. Brendel, gest. 1758,1. G. Krüger, gest. 1760, u. A. ausgebreitet wurde. Die Einseitigkeit aller dieser Systeme mußte von selbst eine große Zahl Ärzte dem Empirismus und Eklekticismns zuführen , welche die Anatomie und Arzneimittellehre durch neue Entdeckungen bereicherten und in dem großen engl. Arzte T. Sydenham einen würdigen Repräsentanten hatten. Große Erfolge krönten in dieser Zeit, in welcher Harvey die Lehre vom Kreislauf des Bluts zur Vollkommenheit erhob, die Bestrebungen der Anatomen und Physiologen, unter denen die Deutschen W. Rolfink, gest. 1673, H. Conring (s.d.), gest. 1681, P. M.Siegel, gest. >663, J.J.Wepfer, gest. 1695, M. Hoffmann, gest. 1698,1. H. Wirsung, gest. 1643, C. V.Schneider,gest. 1680,1.Kepler, gest. 1630,C.Scheincr,gest. 1650 ,H,Meib°m (s.d.), gest. 1700,1. Bohn, C. I. Lange, gest. 1701, einen ehrenvollen Platz cinnahmen. 17 * 260 Deutsche Mediciu und Chirurgie Den durch die erwähnten niedicinischen Systeme sich immer mehr ausbrcitenden mate- rialistischcn Ansichten der Ärzte schte G. E. Stahl (s. d.) ein neues, der Seele mehr Einfluß einräumendes System entgegen, welches durch I. S. Karl, gcst. 1757, G. D. Coschwitz, gest. 1729, Z. D. Eohl, gest. >731, M. Alberti, gest. >757, I. Juncker, gest. >759, I. A. Unzer, gest. 1799, E. Platner (s. d.), gest. 1818, u. A. ausgebildet und vertheidigt wurde. Diesem gegenüber stand die Lehre von F. Hoffman» (f d.), einem Anhänger der iatro- mathematischen Schule, der als Arzt sich einen ausgebreiteten Ruf erwarb und in Deutsch. , land I. H. Schulze, gest. 1744, A. Büchner, gcst. >769, und P. Eberhard, gest. > 779, unter seinen Anhängern zählte. Auch jetzt gab cs außer Denen , die sich zu einem dieser Systeme bekannten, eine große Anzahl Eklektiker, welche den großen Holländer Boerhaave als Vorgänger hatten. Dahin gehörten C. G. Ludwig, gest. 1773, R. Ä. Vogel, gcst. 1774, G. van Smieten (s. d.), gest. >772, u.A. Großartig waren die Fortschritte in den einzelnen Doctrinen der Medicin. In der Anatomie und Psychologie wirkte der große A. von Haller (s. d.). Die Lehre von der Irritabilität verdankt ihm ihre Begründung und genaueste Erforschung und wurde theils von seinen Freunden und Schülern, I. G. Zimmermann, G. C. Öder, gest. 1791, G. Hcnermann, gest. 1788, I. G. Zinn, gest. >759, H.J.N. von Cranz, theils von seinen Gegnern genauer erörtert und berichtigt. Außer diesen bereicherten noch B. S. Albini, gest. 1779, I. M. Licberkühn, gest. 1756, I. F. Meckel (s.d.), gest. 1774, H. A. Wrisbcrg, gest. 1898, u. A. die Anatomie mit den wichtigsten Entdeckungen. Die Kräfte neuer Arzneimittel untersuchtenI.Juncker, I. E. Greding, gest. 1775, J.H.Münch, gest. 1798, und besonders A. von Störk, gest. 1893, die der Elektricität A. de Haen, gest. 1776, I. G. Schäffer, gcst. 1795, u. A. Neue Systeme der Nosologie nach verschiedenen Gesichtspunkten aufgefaßt schufen I. E. Hebenstreit, gest. 1 757, E. F. Daniel, gest. 1771, R.A.Vogel, C. G. Selle, gest. 1899, während I. Z. Platner(s. d.), gest. >747, L. Heister, gest. 1758, und Ä. G. Richter (s. d.) in der Chirurgie der ganzen medicinischcn Welt voranleuchteten. G. Röder, gest. 1783, G. W. Stein, gest. > 893, u. A. machten sich um die Geburtshülfe verdient, und die Staalsarzneikunde, die fast allein dem deutschen Fleiße ihre gegenwärtige hohe Stellung verdankt, fand schon in Bohn, Alberti, Ludwig, Hebenstreit, Daniel, C. E. Eschenbach, gcst. 17 88, I. W. Baumer, gest. 1788,1. I. Plenk, gest. 1807, I. P. Frank (s. d.), gest. >821, u. A. classische Bearbeiter. Unter die hervor- stechendsten Praktiker und Beobachter dieser Zeit gehören I. G. Brendel, I. F. Eller, gcst. 1769, P. G. Werlhof, gest. 1767, I. G. Zimmcrmann, W. Hebcrden, gest. 1891, I. E. Wichmann, gest. 1892, M. Herz, gest. 1893, und L. F. B. Lcntin, gest. 1894. Auch die Alten, wenn auch nicht mehr als absolute Herrscher doch als gute Rathgcber im Reiche der Heilkunde, erfreuten sich einer sorgfältigen Pflege durch J.G. Günz, gest. 1754, G.E. Hebenstreit, G. G. Richter, gest. 1773, D.W. Triller, gest. 1781, I. G.F. Franz, gest. 1789, I. C. W. Möhsen, gest. 1795, C. G. Ackermann, gest. >891, E.G. Baldingcr, gest. 1804, P. G. Hensler, gest. 1895, C. G. Grüner, gest. 1815, und vor Allen durch K. Sprengel (s.d.), gest. 1833. Noch ist das System von C. L. Hoffman» (s. d.) zu erwähnen, welches der Soli- dar - oder Nerventheorie des Engländers Cullen, dessen Anhänger in Deutschland Schäffer, C.F.Elsner, gest. 1829, Blumenbach (s.d.), Gall(s.d.), I. C. Reil (s. d.), gest. 1813, Sprengel u. A. waren, gegenüber auf eine erneuerte Humoraltheorie sich gründete und von M. Stoll, gest. 1787, und Selle wenigstens zum Thcil angenommen wurde. Eine andere Richtung erhielt die deutsche Medicin durch die Erregungstheorie von Brown (s.d.), doch wurde die reine Brown'sche Lehre nicht lange beibehalten, sondern nur als Basis einer Menge einzelner Theorien verwendet, die zusammen wieder im Verein mit der Kant'schen Philosophie, welche das tiefere philosophische Eindringen in die Natur der Metaphysik überwies, zum Eklekticismus führten. Unter den Männern, welche in dieser Zeit die Würde der Wissenschaft aufrecht erhielten, glänzen vorzüglich I. P- Frank, Reil, C. W. Hufeland' (s- d.), gest. 1836,1. Stieglitz (s. d.), gest. 1849, und E. L. Heim (s. d.), gcst. >834. Theorie und Praxis hatten nach und nach seit Paracelsus den Materialismus wieder auf eine bedeutende Höhe geführt, als die Mystik von neuem sich zu regen begann und in der Medicin sich durch die von A. Mesmer (s. d.), gest. 1815, aufgestellte Lehre vom am- 261 Deutsche Medicin und Chirurgie malischen Magnetismus offenbarte. Schon vor dem Ende des 18. Zahrh. ward diese Lehre durch Olbers, G. Bieter, A. Wicnholt, gest. 1801, I. L. Böckmann, gest. 1802, und E. Gmelin, gest. 1808, in Deutschland einheimisch, und das 19. Jahrh. zählt eine Menge berühmter Männer, die sie theoretisch und praktisch fortbildeten, unter denen wir nur Burdach (s. d.), Döllinger (s. d.), Eschenmayer (s. d.), I. Ennemoser (s. d.), Hufeland, Kiefer (s. d.), F. Nasse (s. d.), Stieglitz, Troxler (s. d.), G. R. Treviranus (s. d.) und I. I. Wagner (s. d.) aushcben. Im Anfänge des 19. Zahrh. folgte Deutschlands Medicin hauptsächlich dem neuaufgeführten Systeme der Naturphilosophie von Schilling. Auf verschiedenen Wegen wurde dieses System von den Ärzten auf die Heilkunde übergetragen; F.A. Marcus, gest. 1816, K. I. Kilian, gest. I8II, I. Spindler, I. A. Schmidt, gest. 1809, u. A. folgten ihm in ihrer Therapie, Troxler, Neil und Kiefer faßten es tiefer auf, Letzterer arbeitete cs zu einem freilich nicht vollendeten Systeme der Mc- dicin aus, Oken führte cs in seinem Natursysteme weiter fort, während Andere, wie I. I. Wagner, F. I. Schclver, K. I. Windischman » (s. d.), I. Görres, F. L. von Baader (s- d.), I. A. Eschenmayer und G. H. Schuberts. d.), ihm eine mystisch-religiöse Wendung gaben. Besonders mächtig wirkte diese neue Philosophie auf die Ausbildung der Physiologie, welche durch die Forschungen von I. I. Dömling, gest. 1803, L. Reinhold, gest. 1809, G. Prochaska, gest. 1820, Troxler, P. F. von Walther ff. d.), Z. B. Wilbrand (s. d.), Döllinger, K. F. von Kielniayer, Aulenrieth (s. d.), G. N. Treviranus, Burdach, K. von Baer (s. d.), H. Nathke, K. G. Carus (s. d.), R. W a gn er (s. d.), G- G. Va - lcntin (s. d.), I. Müller (s. d.), C. G. Ehrenberg (s. d.) u. A. ihrem Ziele immer näher geführt wird. Als eine Spätfrucht des Brownianismus entstand durch Hahne- mann (s. d.) die Homöopathie (s. d.) , welche von nicht wenigen Anhängern aufgefaßt r und fortgebildet wurde. Bei der Betrachtung dek Gegenwart nach den einzelnen Doctrinen gehend, haben wir manchen Namen aus der nächsten Vergangenheit nachzuholen, der bis jetzt noch keine Stelle finden konnte. Unter den Bearbeitern der Anatomie stehen I. C. Loder (s. d.), G. F. Hildebrandt (s. d.), gest. 1816, Langen beck (s. d.), Rosenmüller (s. d.), K. A. Rudolph i ff. d.), Tiedemann (s. d.), E. H. Weber (s. d.) und A. F. I. C. Mayer obenan. Die sich daran schließenden Wissenschaften der vergleichenden und pathologischen Anatomie erfreuen sick> gleicher Aufmerksamkeit, crstere durch Blumenbach, Sömmer- ring (s. d.), Rudolph«, Ticdemann, Treviranus, Carus u. A., letztere durch A. W.Otto, N. von Froriep (s. d.), K. Rokitansky und K. E- Hasse. Die gegenwärtigen Bearbeiter der Physiologie haben wir theils unter den Anatomen^ thcils unter den Physiologen angeführt, denen wir nur noch den Namen Hum b old t(s. d.) beifügen. Eine besondere Vorliebe haben die Deutschen von jeher für allgemeine Pathologie gezeigt; wir erinnern nur an die Leistungen von H. D. Gaub, gest. 1780, F. G. Roose, gest. 1803, Brandis (s. d.), Hufeland, F. G. Gmclin (s. d.) und in der neuesten Zeit von Schönlein (s. d.). Groß sind die Fortschritte der speciellen Pathologie und Therapie durch Beobachtung der Krankheiten und der Wirkungen neueingeführter Arzneimittel. Wiewol diese meist nur verein- » zelt an eine lange Reihe rühmlich bekannter Namen geknüpft dastehen, so sind doch auch Männer, wie Him ly (s. d.), Kreyssig (s. d.), F. Nasse, Clarus (s. d.), M. E.A. Naumann (f d.), C. H. Fuchs, Puchelt (s. d.), K. H. Baumgärtner, Sachs u. A. stets bemüht gewesen, diese Einzelnheiten festen Normen einzuverleiben. Eine zahllose Menge Schriften pathologischen und therapeutischen Inhalts wurden durch die Verheerungen der Cholera hervorgerufen. Ausgezeichnete Mühe wurde der Chirurgie zugewendet. Die glänzendsten Namen auf diesem Felde sind Rust (s. d.), Gräfe (s. d.), C. Wenzel, Walther, Sommerung, F. K. und A. K. Hesselbach, Langenbeck, Chelius (s. d.) undDieffen- bach (s. d.), von denen mehre sich auch mit G.J. Beer, gest. 1821, Himly, J.A. Schmidt, t K. I. Beck, F. A. von Ammon (s. d.), I. C. Jüngken u. A. um die Ophthalmiatrtk bedeutende Verdienste erworben haben. Die ersten Entbindungsschulen entstanden in Deutschland, und in der Geschichte der Geburtshülfe werden die Namen I. C. Stark, gest. >811, L. I. Boer, Oslander, Siebold, I. K. Wigand, gest. 1 817, Nägele (s. d.), Jörg und W- I. Schmitt stets in ehrenvollem Andenken bleiben. Einer fortwährenden aufmerksamen 262 Deutsches Meer Deutsche Musik Pflege erfreut sich die Staatsarzneikunde, durch deren Bearbeitung A. C. H. Henke (s.d.), Clarus, Nasse (s. d.), Z. Bernt, I. I. Kausch, I. H. Kopp, C. F. L. Wildbcrg, Horn u. A. sich einen dauernden Ruhm erworben haben. Bei der Behandlung der Geschichte und alten Literatur der Medicin brauchen wir nur an Sprengel (s. d.), Kühn (s. d.), Chon- lant (s.d.), Hecker (s.d.), Leupoldt (s. d.), Friedländ er (s. d.) und M. B. Lessing zu erinnern, um zu zeigen, was Deutsche in diesem Fache geleistet haben. Zuletzt gedenken wir noch, als eines dem Stamme der deutschen Medicin neuerlich entsprossenen Zweigs, der Psychiatrik, die unter der Pflege von Meckel, Greding, I. C. Hoffbauer, Neil, I. G. Langermann, gest. 1832, Nasse, Heinroth (s. d.), I. B. Friedreich, Horn, C.G. Pienih und'vieler Anderer in theoretischer sowie praktischer Hinsicht schon die erfreulichsten Frücht- getragen hat. Deutsches Meer, s. Nordsee. Deutsche Musik. Von frühester Zeit an äußerten die Deutschen große Fähigkeit und Neigung für Musik. Von welcher Art aber jene von Tacitus erwähnten Kriegsgesänge und die nach Einführung des ChristenthumS von dem Kloster Fulda aus durch Hrabanus Maurus (s. d.) verbreitete Kunst in Gesang und Jnstrumentspiel gewesen, darüber lassen sich'kaum Vermuthungen fassen. Auch wann und durch wen der durch Franko von Köln im 13. Jahrh. verbesserte Mcnsuralgesang eingeführt sei, ist nicht genau bekannt. Erst im 13. und 14. Jahrh. finden sich sichere Spuren eines nach der gegenwärtigen Ansicht harmonischen Gesangs, der schon im 15. Jahrh. eine bedeutende Höhe erreichte. Daß er nicht von Italien oder England aus, sondern durch die Niederländer, namentlich durch Ockenheim und scine Schule verbreitet wurde und in Deutschland besondere Pflege fand, ist neuerdings fest- gestellt worden. Wesentlich wurde er gefördert durch die Verbesserung der Orgel in Folg! der Erfindung des Pedals. Später erwarb sich Luther, unterstützt durch Ludw. Senfl und Walther, hohe Verdienste um den Choralgcsang, und sein Einfluß dadurch auf das Volk war so groß, daß man auch katholischerseits zu Verbesserung des liturgischen Gesangs sich gedrungen sah. Hemmend wirkte, wie auf Kunst und Wissenschaft überhaupt, der Dreißigjährige Krieg auch auf die Tonkunst. Nichtsdestoweniger wurde während desselben die inJtalien erstandene Oper durch Heinr. Schütz nach Deutschland verpflanzt, der 1628 seine Oper „Daphne" in Dresden mit großem Erfolg zur Darstellung brachte. Vorzügliche Beförderung fand die Musik am Hofe zu Wien, namentlich unter Leopold und Maria Theresia. Während aber die dramatische Musik erst später in Mo zart (s.d.) cknd Beethoven (s.d.), Maria von W eb e rsis. d.), Spohr (s. d.) und Marschner (s. d.) ihre Reife erleben sollte, hatte die kirchliche Musik schon um die Mitte des 18. Jahrh. in Scbast. Bach (s. d.), Hän- d el (s. d.), Hasse (s. d.) Vertreter gefunden, denen die Folgezeit kaum etwas an die Seite zu setzen hat, wie Schönes und Großes auch noch durch Naumann (s. d.), Haydn (s. d.), Mozart, Beethoven, F. Schneider (s. d.), Spohr, Schicht (s. d.), Eybler u. A. hervorgebracht wurde. Das Eigenthümlichste, was die deutsche Musik hat und leistete, das ist die höchste Gattung der Instrumentalmusik, die Symphonie. Kein Volk, kein Land hat etwas Ähnliches aufzuweisen, keines hat auch nur eine Nachahmung versucht bis auf die neueste Zeit, wo Berlioz (s. d.) etwas Ähnliches für die franz. Musik erstrebte, das aber noch viel zu sehr im Gährungsproceffe begriffen ist, als daß es einen sichern Blick auf seine Zukunft gestattete. Von den ersten Anfängen in der ersten Hälfte des 18. Jahrh. bis zu ihrer formellen Begründung durch Haydn und Mozart und ihrer Vollendung und Verherrlichung in Beethoven ist die Symphonie ein deutsches Nationaleigenthum. Daß aber die Symphonie bereits als etwas Abgeschlossenes zu betrachten sei, scheint eine voreilige Behauptung Zwar ist durch die Arbeiten von Spohr, Onslow (s. d.), Meaidelssohn- Bartholdy (s. d.), Franz Schubert (s.d.), Ries (s.d.), Kalliwoda, Hesse, Lachner u. A. dieselbe in Stoff und Form wesentlich nicht verändert, doch hin und wieder Manches aufgetaucht, Manches in fteierer Formenhandhabung versucht worden, z. B. von Spohr, Rob. Schumann u. A., was darauf hindeutet, daß die Symphonie noch eine Zukunft habe. Eine andere ursprünglich reindeutsche Kunstgattung, die neuerdings auch in der ital-, namentlich aber in der franz. Musik, selbst mit der deutschen Benennung Wurzel gegriffen, ist das Lied mit allen seinen Ab- und Seitenarten, der Ballade, Romanze u. s. w. und der eigenthüm- Deutsche Mythologie 263 ljchen Gestaltung desselben zum religiösen Volkslied, dem Choral. Unübersehbar ist der Reichthum des Erzeugten in dieser Gattung, namentlich im nördlichen Deutschland. Freilich ist die Masse des Echten und Schönen gering gegenüber der Fülle des Mittelmäßigen und Schlechten. Von altern Lieder- undBalladencomponisten sind zu nennen Reich ar dt (s.d.), Zelter (s. d.), Himmcl (s. d.), Zumstecg (s. d.), Mozart und Beethoven, unter spätern Spohr, Marschncr, vor Allen aber Franz Schubert, in welchem das Lied seinen Gipfelpunkt erreichte. Wie dasselbe durch ihn die weiteste und freieste formelle Ausbildung erhielt, so hat er das Schönste und Reichste und in räthselhafter Masse geschaffen, was je diese Gattung erzeugte. Was die praktische Ausübung betrifft, so steht diese hinter der erzeugenden Tonkunst nicht zurück, namentlich ist sie mehr und mehr ein wesentlicher Theil der Erziehung geworden und zwar nicht allein unter den höhern Ständen. In Betreff der Instrumentalmusik kann nur Frankreich, oder richtiger Paris den Vergleich mit Deutschland aushalten. In der Gc- sangskunst freilich bleibt den Italienern der Vorrang, ausgenommen der Chorgesang. Wie jede nicht gar zu kleine Stadt gegenwärtig ein wenigstens leidliches Orchester zu haben sich bemüht, so hat ebenfalls fast jede ihr Singkränzchen, ihre Liedertafel, einen Singvereiu oder eine Akademie. Hier und da vereinigen sich diese Kräfte einzelner Provinzen zu Musik- festen (s. d.), die ebenfalls ein reindeutsches Erzeugniß sind. Eine krankhafte Erscheinung ist das Virtuosenthum zu nennen in seiner überwuchernden Ausbildung, das aber, eine Folge der hohen Ausbildung des Jnstrumentspicls, allein die Möglichkeit bedingt, die Werke der größten Tonkünstler zur Aufführung zu bringen. Höhere Bildungsanstalten für Musik (s. Konservatorien) bestehen bis jetzt in Wien, Prag und neuerdings in Leipzig; als Hauptpflanz- und Pflegestätten deutscher Kunst sind namentlich Wien, Berlin und Leipzig zu nennen. Auch die Theorie der Musik wurde nichts weniger als verabsäumt, wie dies schon in dem Charakter der Deutschen liegt. Vorzüglich ragen hier hervor in früherer Zeit Mar- pur g (s. d.), Kirnberger (s. d.), Albrechtsberger (s. d.) und in der neuesten Gottfr. Weber (s. d.) Und Marx. An musikalischen Zeitschriften bestehen gegenwärtig in Leipzig vier, von verschiedener Art und Tendenz, unter denen wir die von Rob. Schumann und die von Hauptmann (früher von Fink) rcdigirten namentlich erwähnen; in Wien zwei, in Mamz eine („Cäcilie") in zwanglosen Heften, eine in Kassel („Zeitschrift für Deutschlands Musik- vcreine") und eine („Euterpe") in Erfurt. Deutsche Mythologie. Die deutsche Mythologie ist erst in neuester Zeit und zwar durch Jak. Gvimni geschaffen; was man früher davon wußte, bestand entweder aus wenigen abgerissenen Notizen und gewöhnlich falschen Vermnthungen darüber, oder man gab das aus der nordischen Erborgte für deutsche Mythologie aus. Sehr zu bedauern ist cs, daß man bei Einführung der christlichen Religion nicht nur Alles, was an das Heidcnthum erinnerte, von Grund aus zerstörte und vertilgte, sondern es selbst für gotteslästerlich und schädlich hielt, über die heidnischen Greuel in Ausführlichkeit zu berichten. So ist das über die Religion unserer Vorfahren Überlieferte nur Bruchstück, woraus sich, wenn man die wenigen in Leben^ Sitten und Gebräuchen sonst noch erhaltenen, aber im Verfluß der Zeiten sehr unkenntlich gewordenen Überbleibsel ursprünglichen Hcidenthums damit in Verbindung bringt, nur in seltenen Fällen ein leidliches Ganze zusammcnsctzcn läßt. Unter solchen Umständen gewährt eine sorgfältige und vorsichtige Vergleichung und Benutzung der nordischen Mythologie, die in ihrem Ursprünge doch immer eine deutsche ist, wenn sie auch erst länge nach dem Aufhören der deutschen zum Abschluß kam, große Hülfe thcils zur Aufklärung des Dunklen thcils zur Ergänzung des Lückenhaften. (S. Asenlchre.) Von dem Wesen der Gottheit hatten die Deutschen eine viel lautere Ansicht, als man bei andern auf derselben Culturstuse stehenden Völkern vorsindct. Vermöge der Größe und Erhabenheit der Gottheit hielten sie es, nach des Tacitus Bericht, für unmöglich, sie in menschlicher Gestalt darzustellen und innerhalb der Wände von Tempeln cinzuschließen. Die Erfahrung hat diese Nachricht auch bestätigt, denn nirgend hat man Götterbilder, die den Deutschen mit Gewißheit zugcschrieben werden könnten, in Gräbern oder sonst, noch Spuren von Tempeln im gewöhnlichen Sinne ausgefunden. Die Tempel ihrer Gottheiten waren heilige, durch bestimmte Grenzen gesonderte Haine; Tacitus nennt uns den heiligen 26 ä Deutsche Mythologie Hain der Semnonen, der Nahenarvalen, der Göttin Nerthus, des Hercules zwischen Elbe und Weser u. s. w., und Reste solcher durch ihre Benennung als geheiligt bezeichnet» Haine haben sich bis ins späte Mittelalter, ja bis auf die Gegenwart erhalten. Daß auch unter bestimmten Bäumen, auf Steinen und an Quellen den Göttern geopfert wurde, bezeugen viele Stellen aus den Concilien und alten Pönitentiaricn des 7. und 8. Jahrh., worin dies den Neubckehrten streng verpönt wird. Eine heilige dem Donner geweihte Eiche fällte Bonifa- > cius bei Geismar im Hessischen; unter den Steinen aber werden ohne Zweifel die mit großen Steinplatten bedeckten sogenanntenHünengräber gemeint sein, auf denen nach einer alten Nachricht die Sachsen Teufelslicder, d. h. heidnische Lieder, wahrscheinlich während des Opferns, sangen. Wenn Cäsar sagt, daß die Deutschen keine Druid en (s. d.), d. h. eine bestimmte Priesterclasse, wie die Gallier, hatten, noch wie diese, den Opfern sehr ergeben waren, so darf man daraus nicht folgern, als ob es bei den Deutschen gar keinen Priestcrstand gegeben habe. Tacitus erwähnt mehrmals ausdrücklich Priester und von Strabo wird uns sogar ein Prie- stcr der Kalten, Libys, mit Namen genannt. Nur scheint ihr Einfluß nicht von der Bedeutung gewesen zu sein als der der Druiden in Gallien. Die Priester der Deutschen, in alten Glossen Harugari, Parawari, Pluostrari genannt, waren beim Gottesdienst, bei öffentlichen Opfern und beim Volksgericht thätig und im Heere stand ihnen, nicht dem Anführer, als Vertretern der Gottheit Tadel und Bestrafung der Vergehen zu. Sie scheinen somit eine bedeutende Wirksamkeit auf die Rechtspflege, geringere auf sonstige öffentliche Angelegenheiten ausgeübt zu haben. Ob bei den Deutschen sich zu irgend einer Zeit ein System des Göttcrglaubens und Cultus, wie im abgeschlossenen Norden, ausgebildet hat, ist nicht zu erweisen, auch an und für sich unwahrscheinlich, da die Deutschen in so viele Stämme zerfielen. Für einige wenige Gottheiten läßt sich ein allen Stämmen gemeinsamer Cultus voraussehen! andere Gottheiten dagegen scheinen bei gewissen Stämmen vorzugsweise, noch andere nur allein ^ Verehrung genossen zu haben. Die älteste Nachricht von in Deutschland verehrten Gottheiten gibt uns Cäsar; er nennt Sonne, Mond und Feuer als diejenigen, denen die Deutschen als sichtbaren und einflußreichen Gottheiten Verehrung bewiesen. Dies wäre, wenn wir uns die von Cäsar gebrauchten Ausdrücke 8ol, Imna und Vulcunus nicht etwa personificirt denken, ein sehr einfacher NaturcultuS, der sich bei andern Völkern auch findet und sonst nichts Unwahrscheinliches hat; halten wir indessen die abweichenden, aber offenbar genauen Berichte des Tacitus damit zusammen, zwischen welchem und Cäsar nur ein Zeitraum von 100 Jahren liegt, während dessen der Cultus der Germanen sich unmöglich so bedeutend umgestalten konnte, so wird cs sehr wahrscheinlich, daß Cäsar's Bericht, der das Innere Germaniens gar nicht kennen lernte, wenn auch nicht unwahr, doch zu allgemein und oberflächlich ist. Tacitus nennt uns als den von Allen am meisten, an gewissen Tagen selbst durch Menschenopfer verehrten Gott den klsrcurms, d. h. Wnotan, sächsich Wodan, altnordisch O d i n (s. d.). Daß diesen Gott Tacitus habe bezeichnen wollen, ist durch mehre historische Zeugnisse, wie durch die alte, noch herrschende Benennung des Mittwochs (»lies lVIercurü) durch Wodensdag erwiesen. Seiner Wortbedeutung nach ist Wuotan (von watan, vaclere) das allmächtige, alldurchdringende Wesen; er wurde als Verleiher jeglichen Gut-, vorzüglich aber als Lenker ^ der Schlachten und des Siegs betrachtet. Er fährt auf einem Wagen oder reitet und ist durch seinen breiten Hut kenntlich. Sein Cultus war, wie es scheint, allen deutschen Völkern gemeinsam; doch erlosch dieser im südlichen Deutschland früher als im nördlichen. Dic Sueven brachten ihm zum Trankopfer Bier; nach Tacitus wurden ihm an bestimmten Tagen auch Menschenopfer zu Theil. Von den suevischen Semnonen erzählt Tacitus, daß zu gewisser Zeit Gesandtschaften der ihnen verwandten Stämme in ihrem heiligen Haine zur Bcrathung zusammenkamen, der ein Menschenopfer, wahrscheinlich für Wodan, vorausging. Das Himmelsgcstirn, der Bär, heißt nach ihm Wodan's Wagen und in dem Umzuge des Wü- thenden Heers ist das Andenken an ihn und seinen Namen noch bis auf den heutigen Tag im Volke erhalten. Die nächste Stelle nach Wodan nimmt Donar, altsächsisch Thunar, altnordisch T h ö r (s. d.) ein, den Tacitus richtiger durch Hercules, nicht wie Andere, durch r intcrpretirt, da bei diesem Gotte in frühester Zeit mehr die Idee des Starken als die des Donnernden vorwaltete. Ihn besangen die Deutschen, wenn sie in die Schlacht gingen. Deutsche Mythologie 265 dieser Gesang hieß >Eit»s, der durch das Vorhalten des Schildes vor den Mund dem dumpfen Rollen des Donners nicht unähnlich wurde. Man dachte sich de» Gott als rothdärtig, in der Rechten einen Hammer oder eine Keule haltend; als von ihm gesendete Waffen wurden die Donnerkeile, die der in die Erde fahrende Blitz bildet, und die Donneräxte und Doy- nerhammer von Stein, die man in den ältesten Gräbern findet, angesehen. Nach ihm sind der Donnerstag (»lies äovis) und einige Kräuter, wie Donnerbart (Rsi-ba äovis) und Donnerdistel (bir^ngimn campestre), die das Haus vor dem Einschlagen des Blitzes schützen, benannt; unter den Bäumen war ihm die Eiche heilig. Seine Verehrung fand vorzüglich bei den nordischen Völkern statt. Der dritte Gott, den Tacitus nennt, ist LIsrs, der Kriegsgott, der bei den Tenktercrn in vorzüglicher Verehrung stand. Seinen deutschen Namen lernen wir aus der alten Benennung des zweiten Wochentages, des Dienstages, im Süden Deutschlands Ziestages, kennen; danach heißt er althochdeutsch Zio, altsächsisch Tiv, altnordisch Tyr. In einer alten Glosse werden die Schwaben Liovari, Verehrer des Zio, genannt. Bei den Baiern führte der Gott einen andern Namen; sie nannten ihn Er, Zr und davon den Dienstag, Eritac, Erchtag. Aber auch den Sachsen war er unter dieser Benennung bekannt; dies zeigt nicht blvs der Name ihrer berühmten Feste Eresberg (inons blurtis), sondern auch die zusammengesetzte Form desselben Namens, Jrmin (auch Ermin), womit sie den Kriegsgott benannten. Wie Widukind von Korvei erzählt, errichteten die Sachsen nach Erstürmung der thüringischen Feste Scheidungen ihrem Kriegsgokte Jrmin, der unter dem Bilde einer nach Osten gerichteten Säule vorgestellt war, einen Altar. Hieraus ergibt sich zugleich, daß die vielbesprochene, in der Nähe der Eresburg befindliche Jrminsul oder Jrminessul auch eine columoa iVlsitis war. Noch führte der Gott einen dritten Namen, der vielleicht blos ein Zuname war; in der alten bekannten Abschwörungsformel heißt er nämlich SahSnöt, d. h. Schwertgenoffe. Die drei genannten Götter, von denen die beiden letztem nach der nordischen Mythologie Söhne Wodan's sind, scheinen vor andern bei den Deutschen in hoher Verehrung gestanden zu haben und werden auch gewöhnlich, selbst von Tacitus, zusammen genannt; von andern minder bedeutenden Göttern sind uns nur geringe Spuren, oft nur die Namen erhalten. Von einem Hauptgotte der Nordländer, Freyr (s. d.), der Frieden und Fruchtbarkeit verleiht, läßt sich nur vermuthen, daß er bei den Deutschen Frö, altsächsisch Frähv geheißen habe > ihm war der Eber heilig. Den Namen eines andern in der nordischen Göttersage sehr gefeierten Gottes, des Balder, althochdeutsch Paltar, altnordisch Baldur (s.d.), angelsächsisch Baldäg, hat das jüngst entdeckte Merseburger Lied der deutschen Mythologie zugebracht; er heißt darin auch P hol, welche- Grimm mit dem keltischen Bel und slawischen Bjelbog, dem weißen Lichtgott, passend zusammenhält. Der Sohn Balder's war Forseti, d. h. der dem Gerichte Vorsitzende; bei den Friesen heißt er Fofite und wurde auf Fosites- land, später Helgoland, verehrt, wo der heilige Liudgar sein Heiligthum zerstörte. Weniger deutlich und bestimmt unterscheidbar treten die weiblichen Gottheiten in der deutschen Mythologie hervor. Die Überlieferungen, die uns das Mittelalter über sie gibt und die selbst bis auf unsere Zeit im Glauben des Volks fortgedguert haben, lassen sie uns als Wesen erscheinen, die zu gewissen Zeiten Umzug halten, den Fleiß belohnen, den Unfleiß bestrafen. Ihre Attribute sind theils ein Pflug oder Wagen theils ein Schiff; crsteres bezeichnet sie als Gottheiten des Ackerbaus, letzteres als Gottheiten, die der Weberei, überhaupt dem Hauswesen vorstehen. Ein bestimmtes Zeugniß über die erste dieser weiblichen Gottheiten hat uns Paulus Diaconus aufbehalten; es ist die von den Longobardcn verehrte Frea, die Gattin Wodan's, althochdeutsch Fria, wovon der Freitag («lies Veneris) benannt ist. Im Altnordischen heißt sie Frigg, wonach für Frija bei den Deutschen auch die Form Frikka gegolten haben muß, was sich durch das Vorkommen von einer Frau Frcke in Niedersachsen bestätigt. In einigen slawisch-deutschen Ländern heißt sie im Volke Frau Herke, was eine Umstellung von Freke ist. Sie ist in der nordischen Mythologie Göttermuner, Göttin der Ehe und Liebe (Venus) und steht den Künsten des Haushalts vor. Unterschieden von Fria, aber gewiß frühzeitig mit ihr verwechselt, ist die Göttin Fröwa, d. h. Frau oder Herrin, altnordisch Freyja (s. d.), die Schwester des Gottes Freyr. Sie ist Jagd- und Mondgöttin und wie Diana unverheirathxt. In dem Merseburger Liede heißt sie Frua, verkürzt aus Fröwa, und ihre Schwester Vollä, d. h. Fülle oder vielleicht auch Vollmond, was mit der ro- 266 Deutsche Mythologie manischen ^bnnciia, danic Habende, übereintrifft. Fröwa hat außerdem noch mehre Beins» men; sie heißt Hera, d. i. die Hehre, Glänzende, Berchte oder Berthe, d. i. die Strahlende, in Schwaben, Baiern und Ostreich; Holda, Holle und Hilde, d. i. die Holde, Freundliche, in Hessen und Thüringen. In den Pönitentiarien wird Holda durch Diana und verocliss interpretirt, von welchen letzteres aus Hera Vinns verderbt ist, mag nun Hera deutsche Glosse, oder das lat. bers (ilomina) sein. Unter den obigen Benennungen ist die Göttin noch bis jetzt in verschiede- neu Theilen Deutschlands bekannt; sie hält allein oder begleitet von Weibern, die gleich ihr auf Thiercn reiten, in den Zwölften ihren nächtlichen Umzug; in dieser Zeit darf nicht gesponnen werden, sonst verwirrt und besudelt sie den Wocken. Won Frau Herke und Freke wird Dasselbe oder Ähnliches erzählt und es mag hier in den Überlieferungen über beide Göttinnen Fria und Fröwa eine Vermengung vorgegangen sein, aus der sich das Wahre kaum ansscheiden lassen wird. Schwer sind zwei andere weibliche Gottheiten zu deuten, von denen Tacitus berichtet. Ein Theil der Sueven verehrte die Isis, deren symbolisches Attribut (siAoum) nach Art eines Schiffes (iiburuae) geformt war. An eine Schiffahrt und Handel beschirmende Göttin kann hier bei den Sueven kaum gedacht werden, eher könnte man das Schiff auf die Kunst des Webens beziehen. Doch liegt die Vermuthung noch näher, daß Das, was Tacitus für eiu Schiff ansah, ein Bild des Neumondes, die Mondsichel, vorstellte, zumal da die Isis in Ägypten vorzüglich als Mondgöttin angesehen wurde. So finden wir in ihr die deutsche Fröwa wieder. Über die Göttin Nerthus, die Mutter Erde, deren Cultus aus einer Insel des nördlichen Oceans Tacitus ausführlich schildert, sind hinsichtlich des Namens die Ansichten gctheilt; Einige nehmen eine Umwandlung der weiblichen in eine männliche Gottheit an und finden Nerthus in Niördr, dem Water Frey's, wieder; Andere identificim sie mit Zörd, der Gemahlin Odin's. Daß alle Spuren von dieser Gottheit so ganz erloschen sind, scheint anzudeuten, daß ihre Verehrung nur auf einige nördliche Völker Deutschlands ^ sich beschränkte. Weibliche Gottheiten geringerer Bedeutung, deren Namen uns mit Sicher- - heit überliefert sind, waren die sucvische Zisa in Augsburg, Sunna und ihre Schwesm Sindgund, Tamfuna, Hludana, Nehalennia u. s. w.; doch lassen sich über sie nur Vermu- thungen aufstellen. Außer diesen Göttern und Göttinnen erwiesen die Germanen auch Helden und weisen Frauen als Halbgöttern fast gleiche Verehrung. Sie feierten in Gesängen den erd- geborenen Gott Tuisco (Tivisco von Tiv, Nars) und seinen Sohn Mannus, von dessen drei Söhnen Ingo, Jsco und Hcrmino die drei Hauptstämme der Germanen, Jngaevonen, Jscaevonen und Herminonen ihre Abstammung hcrleiteten. Bei den Nahenarvalen nenntuns Tacitus den heiligen Hain des Castor und Pollux, dem ein Priester in weiblicher Kleidung Vorstand; denRamenAl»! oderAlcis, den Tacitus als Benennung beider Brüder gibt, erklärt Grimm als Alah, d. i. Heiligthum; das Übrige ist nicht zu deuten. Nach Grimm s Bemerkung ist in einzelnen Helden, deren das Mittelalter uns viele aus grauer Vorzeit anf- bcwahrt hat, z.B. Siegfried, Dietrich, Wieland u.s.w., ein Niederschlag alter Gottheiten anzunehmen. Da die hohe Verehrung der Frauen eins der Kennzeichen war, welches die Germanen vor den übrigen Völkern auszcichncte, so darf es nicht auffallen, bei ihnen auf eine sehr ansehnliche Zahl übernatürlicher weiblicher Wesen zu stoßen, die zwischen Göttern und Men- > scheu inne standen. Ihre vorzüglichste Bestimmung war, den Menschen Heil oder Unheil vorherzuvcrkündigen. Sie halten sich in verschiedener Benennung als Schwanjungfraue», Drutcn (s. Druiden), Alraunen (s. d.), Feinen (s. Feen) u.s.w. in Wäldern, a» Flüssen, Seen, Quellen und Bergen auf und haben die Gabe, sich unsichtbar zu mache». In dem zweiten Merseburger Liede lernen wir die Jdisi, Schlachtjungfrauen oder Walky- ren (s. d.), im Nibelungenliede die Namen zweier Schwanjungfrauen, Hadburc und N- gelint, kennen, die wie Vögel über dem Wasser schweben und dem Hagen weissagen. Untergeordneter Art, obgleich auch sie eine Art von Cultus bei den Deutschen genossen, ist eine Classe von übermenschlichen Wesen, die das Volk mit dem Namen Wichte, Elbe, Zwei- » g e (s. d.) bezeichnet; zum Theil gehören dazu auch die Kobolde (s. d.), Nixe (s. d.) und Hausgeister. Sie verkehren nur selten mit den Menschen in bald freundlicher, bald feindlicher Weise, sind listig und klug und besitzen die Macht, durch eine Tarn- oder Nebelkappe sich unsichtbar zu machen. Der Glaube an dergleichen Wesen ist noch jetzt nicht erloschen» Deutsche Philosophie 267 wenn auch dke Zwerge längst fortgezogen sind, da ihnen das Läuten der Glocken oder Neckerei und Bosheit der Menschen den Aufenthalt verleideten, so weiß doch da« Volk noch überall von ihrem Treiben und Wesen und ihren Wohnungen in Felsen und Hügeln zu erzählen. Ihnen stehen gegenüber die Niesen (s. d), auch Hcunen oder Hünen und Thürscn genannt. Wie die Menschen den Zwergen, sind die Riesen den Menschen beiweitem an Größe und körperlicher Kraft überlegen; in Hinsicht auf die Geisteskräfte kehrt sich jedoch das Verhältniß um, und die Riesen stehen da auf der untersten Stufe. Die Riesen mahnen an alte, in früher Zeit verdrängte Völker, wie die Zwerge an das allmälige Zurückwci- chen und Verschwinden des Heidenthums; große Bauten der Vorzeit werden ihnen oder dem Teufel zugeschrieben, und ihr Andenken ist in den Gedichten des Mittelalters wie in der Sage noch lebendig. Von einem Cultus derselben bei den Deutschen ist jedoch nirgend eine Spur. Vgl. Jak. Grimm, „Deutsche Mythologie" (Gött. 1835; 2. Aust., Abth. I, 1833). Deutsche Philosophie. So wenig für andere Wissenschaften, welche ein allgemein- gültiges und nothwendigcs Wissen zu erreichen die Aufgabe haben, die Unterscheidung der Nationalität den Inhalt der Wissenschaft von zufälligen äußern Verhältnissen abhängig macht, ebenso wenig kann die Bezeichnung Deutsche Philosophie die Bedeutung haben, als sei die Aufgabe der Philosophie für verschiedene Nationen eine verschiedene. Es liegt darin nichts weiter als eine Hinweisung auf die Art und den Umfang, in welcher und für welchen eine bestimmte Nation, oder vielmehr die zu ihr gehörigen Repräsentanten der Philosophie die Aufgabe der letzter» anfgefaßt und zu lösen versucht haben. In diesem Sinne kann man aber mit vollem Rechte die philosophischen Bestrebungen der Deutschen vor denen der übrigen Nationen hervorheben, indem seit fast einem Jahrhunderte sich ein ernstes und allgemeineres Interesse an der Cultur der Philosophie vorzugsweise in Deutschland geltend gemacht hat und beinahe ausschließlich von deutschen Denkern die Interessen einer tiefem Speculation vertreten worden sind. Deutschland hat dadurch wieder cingebracht, was cs zum Thcil in frühem Jahrhunderten versäumt hatte, wo cs länger als Frankreich und England an den überlieferten Formen der Scholastik fcsthielt. Die allgcmcincreVerbreitung philosophischer Cultur steht dabei in-einem genauen Zusammenhänge mit der Durchbildung der Deutschen Prosa (s. d.); denn obwol selbst noch Leibnitz für seine philosophischen Arbeiten sich beinahe ausschließlich der lat. und franz. Sprache bediente, so machte doch um dieselbe Zeit Chr. Thomasius (s.d.) den Anfang, dieMuttersprachenichtnur für akademische Vorlesungen sondern auch für schriftliche Darstellungen zu benutzen. Zu einer allgemeinem Geltung gelangte dieser Gebrauch namentlich durch diezahlrcichen Schriften Chr. Wolf'sss.d.). Später emancipirtc der Aufschwung, den die deutsche Literaturin der zweiten Hälfte des 18 . Jahrh. nahm, auch die Philosophie vollständig von den Fesseln eines fremden Idioms, und neben der poetischen Literatur der Deutschen erwuchs bald eine philosophische, die sich selbst mit der der Griechen messen kann. Was die wissenschaftliche Richtung der deutschen Philosophie anlangt, so hatten die philosophischen Ansichten und Systeme des Bacon von Verulam (s.d.), Descartcs (s. d.) und Spinoza (s. d.) zu der Zeit, als sie in England, Frankreich und Holland zuerst auftraten, verhältnismäßig nur einen geringen Einfluß in Deutschland. Erst Lo cke (s. d.) fand vielseitigere Beachtung, indem er durch seine „Untersuchungen über den menschlichen Verstand" die Frage nach dem Ursprünge und den Grenzen der Erkenntnis viel entschiedener anregte, als dies Bacon und DescarteS gcthan hatten. Sein Empirismus, der in der Psychologie ein Regulativ für die Metaphysik anfzustellcn suchte, weckte den Widerspruch Leib- nitz's (s. d.), des ersten Deutschen, der in der Geschichte der Philosophie Epoche machte und der durch die nach allen Seiten hinwirkcnden Anregungen, die von ihm ausgingen, als der eigentliche Urheber des philosophischen Geistes in Deutschland betrachtet werden muß. Gleichwol entbehrten die Grundgedanken seines Systems, die Monadologie, die prästabilirtc Harmonie, die Lehre von den angeborenen Ideen, einer strengenfystematischen Begründung; sie sind mehr geniale Hypothesen als regelmäßig abgeleitete Lehrsätze. Diesem Mangel der Leibnitz'schcn Philosophie suchte Chr. Wolf abzuhelfen, indem er, freilich mit Beseitigung gerade der eigenthümlichstcn Gedanken Lcibnitz's, die Philosophie als systematisches Ganze in allen ihren Theilcn nach der Methode des logischen Formalismus ansfnhrte. Dieses Ver- M- 268 Deutsche Philosophie dienst einer systematisch angelegten, mit encyklopädischer Vollständigkeit durchgeführten Dar- stellung der gesammten philosophischen Wissenschaften kann Wolf nicht abgesprochen wer- den, wenn auch dabei ein über den Formalismus der äußern Ordnung und Vollständigkeit hinausgchender Untersuchungsgeist vermißt wird. Die weite Verbreitung seiner Schriften, die hohe Achtung, in welcher er bei seinen Zeitgenossen stand, die große Zahl seiner Schüler und Anhänger, unter denen Lambert, Ploucquet, Reimarus, Baumgarten, Bülfinger u. A. > nicht zu den gemeinen Köpfen gehören, beweisen, wie viel er zu seiner Zeit gewirkt hat Wolf selbst überlebte seinen Ruhm, und es trat in Deutschland eine Periode der philosophischen Erschlaffung ein, in welches sich unter dem Einflüsse der engl, und franz. Philosoph!! des 18. Jahrh. ein principloser Eklekticismus, die sogenannte Philosophie des gesunden Menschenverstands, ausbreitete. Nichtsdestoweniger herrschte in den J. >760—80 eine große geistige Regsamkeit; die Poesie, die Reform der Erziehung, die Politik, die religiöse Auf- klärung beschäftigten die Köpfe vielfältig; alte Gewohnheiten im Familien- und Staats- leben der Deutschen wurden erschüttert, und in der Stille bereitete sich ein großer und durchgreifender Umschwung vor. So fand I. Kant (s. d.), von dem die jüngste Periode der deutschen Philosophie beginnt, ein sehr empfängliches Zeitalter vor, und obwol seine frühern, noch theilwciS von dir Wolfschcn Philosophie abhängigen Schriften wenig Beachtung fanden und selbst die „Kritik der reinen Vernunft" anfangs in Gefahr war, übersehen zu werden, so brachte doch dich sowie seine übrigen nach langer Vorbereitung rasch aufeinander folgenden kritischen Hauptwerke eine unermeßliche Bewegung in dem wissenschaftlichen Gebiete hervor. Der Grund davon lag ebenso wol in der Neuheit und dem Umfange seiner Untersuchungen als darin, daß die Zielpunkte derselben sich den Bestrebungen des Zeitalters vielfältig anschlossen. Ausschließung aller Willkür und Schwärmerei, Vertheidigung der Selbständigkeit der denken- b den Forschung, Zurückweisung der theoretischen Spekulation auf das ihr zugängliche Gebü! ^ der Erfahrung und Erhebung des Sittlichen zu der höchsten und letzten Norm aller menschlichen Bestrebungen bezeichnen im Allgemeinen die Richtung seiner Philosophie, die er übee- haupt von dem Gesichtspunkte vielmehr ihrer weltbürgerlichen als schulmäßigcn Bedeutung cultivirt wissen wollte, und der er dadurch ihren Einfluß auf alle Gebiete menschlichen Denkens und Handelns sicherte. Dazu kam die Hoffnung, daß durch die kritischen Untersuchungen über die Natur des menschlichen Geistes eine Ausgleichung der philosophischen Gegensätze, des Empirismus und Rationalismus, des Sensualismus und Spiritualismus u. s. n>. möglich und eine Reihe durchgreifender Principien gefunden sei, nach welchen die Streitigkeiten der philosophischen Schulen einem Richterspruche in letzter Instanz sich zu fügen hätten. Daß diese Hoffnung täuschte, hatte seinen Grund darin, daß Kant die alte Schulmetaphysik durch eine Psychologie zu stürzen suchte, welche selbst auf der Basis jener Metaphysik ruhte; außerdem vermißte man in der Blütenzeit des Kantianismus namentlich einen genügenden Einheitspunkt für die verschiedenen Theilc der Philosophie. Auf diesen Mangel wies zuerst K. Leonh. Reinhold (s. d.) hin, und während der Skepticismus, z.B. in E.Schul- ze's „Anesidemus" und der ältere Dogmatismus in den Schriften Eberhard's u. A. ihre ohnmächtigen Angriffe gegen den nunmehr schon siegreichen Kriticismus fortsetzten, war es Z> j G. Fichte (s. d.), der jenen absoluten Einheitspunkt in der Thatsachc des SelbstbewußtseinS, auf welches Kant's Kriticismus von allen Seiten hingewiesen hatte, gefunden zu habe» glaubte. Fichte, auf der von Kant vorgezeichneten Bahn consequent fortschreitend, verwandelte den halben Idealismus Kant's in einen ganzen, indem er das Ich nicht nur für den Träger und die Quelle der Erkenntniß sondern auch für das einzige Reale erklärte, dessen Vorstellung und That die Welt sei, d. h. alles Das, was unter den Begriff des Nichtich fällt. Im Ich waren Sein und Wissen identisch, es war zugleich Real- und Erkenntnißprincip, und die Natur erschien nur als der Reflex seiner absoluten Thätigkeit. Mit diesem Idealismus, den Fichte mit der ganzen'ihm eigenthümlichen Energie als System auszubilden suchte, t ohne deshalb sehr wesentlichen Umbildungen seiner Denkweise entgehen zu können, begann eine Art revolutionairer Aufregung der philcsophirenden Köpfe in Deutschland, die gegen den ruhigen und nüchternen Geist Kant's stark abstach. Systeme folgten auf Systeme, die philosophische Literatur wuchs massenweise und die Theilnahme des Publikums war einige i < > < c i < < i r s s l d t r k t i c r r < ! j > I 1 I I Deutsche Philosophie 269 Decennien lang allgemein. Die Meteore, welche am philosophischen Himmel Deutschlands aufstiegen, verschwanden aber zum größten Theile ebenso schnell, als sie aufblihtcn, und einen allgemeiner« Einfluß gewann zunächst nur Schelling (s. d.), der den Idealismus Fichte's unter dem Einflüsse Spinoza's, auf den F. H. Jacobi (s. d.) die Aufmerksamkeit zurückgelenkt hatte, in die Jdentitätsphilosophie verwandelte. Die Jdentitätsphilosophie trat ursprünglich mit der Behauptung auf, daß, während Fichte die Natur aus dem Ich deducirt habe, sich ebenso auch der umgekehrte Weg der Deduction des Ich aus der Natur einschlagen lasse, daß aber beide Formen der Philosophie ihren Stützpunkt in dem Absoluten, als der Identität aller Gegensätze, des Idealen und Realen, des Subjects und Objects, des Geistes und der Natur, finden. Um diese Behauptung durchzusetzen, erfand Schilling die intellektuelle Anschauung als die dem Absoluten allein entsprechende, ja das Absolute selbst darstellende, mit ihm identische Art der Erkenntniß; das Organ dieser Anschauung wurde Bernunft genannt und als solches der Reflexion des Verstandes, der die absolute Identität zu erkennen ganz unfähig sei, entgegengesetzt. Das Verhältniß der gegebenen Erscheinungswelt zum Absoluten sollte nun darin bestehen, daß dieses sich in einer Vielheit von Erscheinungen darstellt, aus der Indifferenz in die Differenz heraustritt, sich in der letzter» manifestirt u. s. w.; und Schelling versuchte diese Identität in der Nichtidentität und Nichtidentität in der Identität, namentlich in Beziehung auf die Naturphilosophie, im Einzelnen darzulcgen, wobei ihm und seinen Anhängern das Verdienst zukommt, dem Empirismus der blos beobachtenden und rechnenden Naturforschung entgegengetretcn zu sein und auf die Belebung der Naturwissenschaft anregend eingewirkt zu haben. Andererseits lag in der Verachtung der Erfahrung und der Reflexion die Veranlassung zu einem phantastischen Treiben, welches mit der Wissenschaft häufig nichts weiter als den Namen gemein hatte, und deshalb konnten sich mit der Schelling'schen Philosophie im Gebiete der Poesie, der Religion, des socialen Lebens viele unklare Bestrebungen verbinden, die in der Romantik, der Mystik, der Hinneigung zum Ka- tholicismus u. s. w. oft zu den seltsamsten Verirrungen führten. In der durch Fichte und Schilling bezcichneten Richtung der Philosophie liegt noch die Hegel'sche (s. H egc l), die den Inhalt der intellektuellen Anschauung durch die dialektische Methode in einer regelmäßigen Gliederung zu entwickeln versuchte und sich zwar von den regellosen Spielen phantastischer Combinationen lossagte, aber den Ausdruck des speculativen Denkens nicht in den scitJahr- tausenden anerkannten Gesetzen der Gedankenverbindung, sondern in einer Dialektik suchte, deren Wesen in der Auflösung aller festen Gedankenbestimmungen und deren Fortschritt darin bestehe, daß jeder Begriff aus sich selbst sein eigenes Gegentheil erzeuge, und, mit diesem sich zusammenfaffend, sich innerlich bereichere und dadurch zu immer höher« Momenten fortschreite. Diese mit der Sache selbst identische Methode hat Hegel mit ausdauernder Beharrlichkeit durch das ganze Gebiet der Philosophie hindurchzuführen versucht; das System derselben gliedert sich bei ihm in den drei großen Stadien der Logik, der Philosophie der Natur und der Philosophie des Geistes. Während nun die genannten Systeme eine ziemlich gerade Linie des Fortschritts bilden, entstand, der äußern Veranlassung nach zunächst im Gegensätze zu dem Idealismus Fichte's, das System Z. F. Herbart's (s. d.), dessen Entwickelung in einer der herrschenden Zeitphilosophie durchaus entgegengesetzten Richtung liegt, und Herbart ist neben Schelling und Hegel der einzige Denker, der für die Periode seit Kant auf eine allgemein durchgreifende Bedeutung Anspruch machen kann. Denn die überaus zahlreichen, im Einzelnen oft verdienstlichen, aber der Philosophie im Ganzen und Großen keine neue» Wege bahnenden Versuche anderer Denker, die sich entweder altern Systemen anschlossen und sie zu berichtigen, umzubilden, auf einzelne Theile der Wissenschaft anzuwenden bemüht waren, oder deren Bemühungen vorzugsweise durch die Polemik gegen die herrschende Zeitphilosoxhie charakterisirt sind u. s. w., können da nicht im Einzelnen aufgczählt werden, wo es sich um eine allgemeine Übersicht des Entwickelungsgangs der Philosophie handelt. Daher muß cs genügen, an die Fortbildung und Umbildung der Kant'schen Philosophie durch Kr u g (s. d.), Fri e s (s. d.) u. A. zu erinnern, an die naturphilosophischen Arbeiten von Steffens (s. d.), Oken (s. d.), Schubert, F. von Baader (s. d.) und Eschenmayer, an die Art, wie früher Köppen (s> d.) die Jacobi'sche Philosophie systematisch darzu- steüen suchte, an die verschiedenen Formen, welche der Skepticismus in der Kant'schen Pe- ^ ^ l ' 270 Deutsche Poesie riebe bei E. Schulze (s. d.), in neuerer Zeit bei Ed. Schmidt angenommen hat, an die verschiedenen Versuche, die Philosophie auf empirische Psychologie zurückzuführen, wohin namentlich Ed. Ben eke (s. d.) gehört, an die eiqenthümlichen spekulativen Versuche von F. Schleiermacher (s. d.), I. I. Wagner (s. d.), I. C. F. K r a u s e (s. d.), Ehr. H. W ritz e (s. d.), Fichte dem Jüngern (s. d.), Branitz (s. d.), E. Reinhold (s. d.), A. Tre »> delcnburg (s. d.), H. Ritter (s. d.), A. Günther (s. d.) u. A., an die Verschiedenheit der Richtungen, welche sich in neuerer Zeit innerhalb der Hegel'schen Schule entwickelt haben, endlich an das Verhältniß, in welches sich in der neuesten Zeit Schilling zu seiner eigenen frühem Lehre, sowie zu Dem, was daraus hervorgogange» ist, gesetzt hat. In demselben Verhältnisse, in welchem in den letzten fünfzig Jahren das Interesse an der Philosophie als Wissenschaft in Deutschland lebendig war, hat auch ihre Geschichte eine vielseitige Pflege gefunden, und die Deutschen waren die Ersten, welche die Geschichte der Philosophie als ein in sich zusammenhängendes Ganze zu begreifen und darzustellcn und die wichtigem Partien derselben in gehaltvollen Monographien zu beleuchten suchten. (S. Philosophie.) Der rasche Wechsel der philosophischen Systeme und die Extravaganzen, deren sich einzelne unter denselben schuldig gemacht haben, sind zwar oft und vielfach getadelt und bespöttelt worden; auch laßt sich nicht verkennen, daß, wo es sich nicht unmittelbar um politische und religiöse Streitfragen handelt, in neuester Zeit eine Erschlaffung des speculativen Interesses, ein gewisses Mistraucn des größem Publicums gegen die Philosophie in Deutschland an die Stelle des frühem maßlosen Enthusiasmus getreten ist; glcichwol ist der Einfluß, den die Philosophie auf die Kräftigung des wissenschaftlichen Geistes in Deutschland gchgbt hat, unermeßlich, und es ist beinahe kein Gebiet der Forschung, i» dessen tieferer und gründlichem Behandlung nicht die Früchte des philosophischen Geistes sichtbar geworden wären. Daher ist die Unabhängigkeit von der Philosophie, nach welcher manche Wissenschaften streben, auck nur scheinbar und beruht wesentlich darauf, daß die Ergebnisse der Philosophie schon vielfältig in sie eingedrungen sind. Deutsche Poesie. Die Prosa-Literatur eines Volks ist ebenso als das männliche Princip seines Literaturlebens, wie seine poetische Literatur als das weibliche Princip desselben zu betrachten; beide ergänzen und vervollständigen sich, wie Mann und Weib in ihm - Verbindung erst den vollkommenen Menschen darstellen; die Poesie offenbart, wie das Weib, mehr das empfängliche Gemüths- und Phantasiclebcn einer Nation, die Prosa mehr ihren befruchtenden und denkenden männlichen Verstand; jene schließt sich mehr an dir inner» Zustände an, diese mehr au die äußern Verhältnisse; jene neigt sich mehr dem Ideellen, diese mehr dem Realen und Praktischen zu; beide sind einander nvthwcndig, die Poesie der Prosa, damit diese auch ihrerseits dem Princip der Schönheit huldige und nicht in Roheit und Barbarei versinke, die Prosa der Poesie, damit diese einen festen Eedankeninhalt in sich anfnchme und nicht in zu weichliche Anschauungen und bloße phantastische Tändeleien ausarte. Es ist für ein Volk ein ebenso schlimmes Zeichen, wenn seine poetische Zeugungs- krast gänzlich stockt, als wenn sie zu sehr wuchert und die Prosa verdrängt oderäsiese so beherrscht, daß sie, wohin ein bekannter Vorschlag Mundt's führen würde, nur ei» herm- aphroditisches Zwitterwesen darstellt. Beide können und müssen aufeinander einwirke», , aber als Gattungen müssen sie selbständig und gesondert nebeneinander hcrlaufen, und ge- , rade durch diese Sonderung, die aber ein mäßiges Einwirken der einen Gattung auf die an- - dere um so heilsamer erscheinen läßt, kann z. B. die griech. Literatur immer noch als eine Musterliteratur gelten. In der deutschen Literatur ist nur zu häufig die Poesie in Prosa, die Prosa in Poesie ausgeartet. Diese Erscheinung ist fast ein so schlimmes Krankheitssymptom als das andere, wenn entweder die Poesie die Prosa oder diese jene gänzlich über- wuchert und verdrängt. Hier wie dort läßt sich dann jedesmal eine Lücke, ein organischer Fehler im Nationalleben selbst Nachweisen, und in der folgenden gedrängten Darstellung einer so wichtigen Erscheinungsform des deutschen nationalen Geistes, wie die deutsche Poesie ist, wird sich häufig genug Gelegenheit darbieten, für solche literarhistorisch wichtige Ausartungen, Mängel und Gebrechen auch analoge krankhafte Erscheinungen im Ee- schichtsleben des deutschen Geistes zu entdecken, entweder das einseitige Überwiegen nüchterner Verständigkeit oder phantastisch sentimentaler Gemüthlichkeit, oder eine Verschwor»- 271 Deutsche Poefle menheit, eine Unklarheit, vermöge welcher der bloße speculirende und kritisirende Verstand sich einbildet, auch dichten zu können, was er durch eine verschnörkelte, poekisirende Verstandesprosa zu erreichen denkt. Auch bei der deutschen Poesie lasten sich wie bei der Deutschen Literatur (s. d.) drei große Zeiträume annchmen: l) Von den ältesten Zeiten bis zum 12. Jahrh., 2) vom l2. bis gegen den Ausgang des 15. Zahrh. und 3) bis auf die neueste Zeit. Die Lieder der alten Deutschen, die von TacituS erwähnt werden, waren epischer Gattung; sie enthielten die Thaten der Vorzeit, die, ursprünglich geschichtlich, bald in Folge poetischer Ausschmückung und mündlicher Tradition ins Sagenhafte übergingen. Der Art waren die Lieder, in welchen die vergötterten Helden Tuisko und sein Sohn Mannus, wie der historische Arminius und spätere Helden einzelner deutscher Völker, der Gothen, Longo- barden u. s. w., gefeiert wurden. Inhalt und Umfang dieses Liederkreises läßt sich ungefähr aus der spätern deutschen Heldensage ermessen, wie sie uns meist in Gedichten des 12. und 13. Jahrh., leider sehr lückenhaft und entstellt, überliefert worden ist. Lieder dieser heidnischen Periode, mit deren Sammlung und Aufzeichnung Karl der Große sich beschäftigte, haben sich »och nicht aufgefunden, könnten aber wol noch zum Vorschein kommen; einige wenige, aber um so kostbarere gerettete Überbleibsel stehen ihrem Alter nach auf der Grenze zwischenHeiden- und Christenthum. Dahin gehören das „Hildebrandslied", zuerst entdeckt und bekannt gemacht von G. Eccard, darauf berichtigt und erläutert von den Gebrüdern Grimm (Käst. 1812, 4.) und von K. Lachmann in den Schriften der Berliner Akademie (1833,3.); das „Wessobrunncr Gebet", aus dem Anfänge des 9. Jahrh., herausgegeben von W. Wackernagel (Berl. 1827), die jüngst in Merseburg entdeckten für die deutsche Mythologie wichtigen heidnischen „Zaubcrlieder", herausgcgeben von Jak. Grimm (Berl. 1843, 4.) und von W. Wackernagel in der Vorrede zum ersten Bande seines „Altdeutschen Lesebuchs" (2. Ausl., Bas. 1839) und „Muspilli, oder das Gedicht vom Weltuntergänge", herausgcgeben vonJ. Andr. Schmeller (Münch. 1832). Diese Gedichte, von denen die drei ersten mehr dem niederdeutschen als hochdeutschen Dialekte angehören, haben noch nicht den Reim, sondern alliteri- ren und lasten uns ahnen, von welcher Art die Poesie unserer heidnischen Vorfahren war. In der zweiten Periode dieses Zeitraums, nach Einführung des Christenthums, ziehen vor allen zwei Denkmale der geistlichen Poesie die Auftncrksamkcit auf sich, die „Altsächsische Evangelienharmonie" und die „Althochdeutsche Evangelienharmonie". Die altsächsische auf Befehl Ludwig des Frommen von einem sächs. Sänger verfaßt und herausgcgeben von I. A. Schmeller unter dem Titel „Heljand" (Münch. 183», 4.) ist alliterirend und hat noch in Ausdruck und Wendung etwas Frisches und Großartiges aus dem Heidenthume herübergebracht; die althochdeutsche dagegen, von einem weißenburger Mönche, Otfried (s. d.), zwischen 863—72 gedichtet und unter dem Titel „Krist" von E. G. Grast (Königsb. 1831, 4.) herausgegebcn, ist trocken und kaum etwas Anderes als gereimte Prosa. Von gleicher Art sind einige kleinere poetische Denkmäler dieser Zeit, unter denen das „Ludwigslied", nach 881 gedichtet, in Wackernagel's „Altdeutschem Lesebuch"(Bd. I), obgleich es, wenige Stellen ausgenommen, nicht das Frische des Volkslieds hat und sich mehr der Hofpoesie nähert, wie diese unter Karl dem Großen bis über Otto I. hinaus an den kaiserlichen Höfen meist in lat. Sprache geübt wurde, das vorzüglichste ist. Zu der Hebung und vollendeten Gestaltung der deutschen Poefle, die in dem letzten Viertel des 12. Jahrh. erfolgte, wirkten verschiedene Ursachen. Nachdem der Kampf zwischen Kaiser und Papst unter Heinrich IV. begonnen, die Gemüther aufgeregt und für politische Interessen empfänglich gemacht hatte, kehrten unter der kräftigen Regierung der Hohenstaufen Ruhe und Ordnung im Innern Deutschlands zurück. Die Kräfte, die sich bisher in innerlichen Zwistigkeiten aufgcrieben hatten, wendeten sich erstarkt nach außen und stellten das gesunkene Ansehen des Deutschen Reichs und Volks bei den Auswärtigen wieder her. Wiederholte Züge nach Italien, dem alten Sitze der Cultur, und die mit religiöser Begeisterung unternommenen Kreuzzüge nach dem Morgcnlandc, in denen deutsche Ritter mit der Blüte fravz. und engl. Ritterschaft zusammentrafen, mußten dahin wirken, der verfeinerten Cultur der roman. Völker, insbesondere dem von ihnen so ausgcbildeten Nitterwcsen und der damit eng verbundenen Poesie bei den Deutschen Eingang und freudige Aufnahme zu verschaffen. 272 Deutsche Poesie Die Poesie, die bisher nur von Geistlichen und Volksdichtern gehegt und gepflegt worden ' war, fand jetzt nicht allein an den Höfen des Kaisers, der Fürsten und Ritter Schuh und Förderung, sondern zählte selbst aus diesen eine nicht geringe Anzahl, die sich in ihr mit Erfolg versuchten. Es war natürlich, daß derjenige Dialekt, der vom Hofe des Kaisers aus- ging und schnell an den Höfen anderer Fürsten Ausbreitung gewann, nämlich der ausgebil- dete weichschwäbische in den Dichtungen dieser Zeit der allein herrschende wurde, wenn auch einzelne Dichter in einigen Ausdrücken und Formen ihre Heimat nicht ganz verleugnen konn- ! ten. Den Übergang zu dieser glänzendsten Periode der deutschen Poesie des Mittelalters bilden mehre nicht unbedeutende dichterische Producte, deren Verfasser Geistliche waren. Im Vergleich mit den wenig spätem haben diese Dichtungen in Sprache und Ausdruck noch viel Alterthümliches; die Behandlung des Stoffs, der oft auf lat., seltener auf nordfranz. Quel- len zurückgeht, ist noch einfach und kunstlos, manchmal selbst roh, entschädigt aber in einzelnen Stellen durch Kraft und ungekünstelte Anmuth und Natürlichkeit. Unter den übrigen macht auf dieses Lob Anspruch das „Lied von Alexander", um 117V vom Pfaffen Lambrecht gedichtet, herausgegeben von G. F. Maßmann in den „Denkmälern deutscher Sprache und Literatur" (Münch. >828) und das von einem Volksdichter verfaßte höchst merkwürdige Gedicht „Salman und Morolt", in den „Deutschen Gedichten des Mittelalters", herausgegeben von F. H. von der Hagen (Bd. I). Außerdem gehören hierher das „Rolandslied", vom Pfaffen Konrad um 1173—77, herausgegeben von W. Grimm (Gött. 1838), „König Rüther", herausgegeben von Maßmann in den „Deutschen Gedichten des 12. Jahrh." (Bd. 2, Quedlinb. 1838), die noch ungedruckte „Kaiserchronik", gegen 1160, und des tegern- seer Mönchs Wernher „Leben der Jungfrau Maria", im I. 1173 abgefaßt, herausgegeben von Hoffman» in den „Fundgruben" (Bd. 2, Brcsl. 1837). Das der Thiersage zugehörige , Werk „Reinhard Fuchs vom Glichescrre" (Meißner) haben wir vollständig nur in einer i Überarbeitung des 13. Jahrh., herausgegeben von Jak. Grimm (Bert. 183-1); ein bedeutendes Fragment des trefflichen altern Textes veröffentlichte Jak. Grimm in dem „Sendschreiben an K. Lachmann" (Lpz. 18-10). Die den Vorgenannten folgenden Werke der mittelhochdeutschen Poesie, die während der Blütezeit derselben entstanden, sind es, in welchen sich der Einfluß der roman. Dichtungen nicht blos in der gewandter» und vollendeter« Behandlung des Stoffs sondern auch in der äußern Form in einer feingebildeten, gewählten Sprache und einer kunstvoller» und mannichfaltigern Anwendung des Versmaßes kund gibt. Es ist eine leicht erklärbare, doch aber immer auffallende Erscheinung, daß diese Dichter, in denen jener Einfluß am meisten sichtbar wird, zu ihren epischen Dichtungen einheimische Sagen verschmähten und dafür ihren Stoff theils aus antiken, theils aus roman. Sagenkreisen wählten, wodurch eine größere Förderung und allgemeinere Aufnahme des Volksepos verhindert wurden. Der erste dieser Dichter der Zeit nach war Heinr. von Veldeke, der in seiner „Eneit" oder „Aneide", gedruckt in CH.H- Müller's „Sammlung deutscher Gedichte" (Berl. 1782—85, 4., Bd. I) die Sage von Äneas in einer schon ziemlich gefügigen Sprache bearbeitete; ihm folgten drei Meister, die andern gleichzeitigen und spätern Dichtern als Muster galten, vertiefe, aberschwerzu verstehende Wolfram von Eschenbach (s.d.), der höfische, in Vers und Sprache unübertroffene Hartmann von Aue (s.d.) und der gewandte ^ und zierliche, aber nicht tiefgehende Verskünstler Gottfried von Strasburg (s.d.). An sie schloffen sich noch einige, deren Leistungen, wenn auch schwächer, doch immer von Bedeutung sind, wie Wirnt von Gravenberg, dessen „Wigalois" F. Benecke (Berl. 18IS) herausgab, Rudolf von Ems, dessen „Alexander" noch ungedruckt ist und dessen „Bar- laam und Josaphat" Fr. K. Köpke (Königsb. 1818) und „Der gute Gerhard" M. Haupt (Lpz. 1840) Herausgaben, und Konrad von Würzbürg (s. d.), der sich meist in kleinern Gedichten versucht hat. Die epische Volkspoesie dieses Zeitraums blieb von der Einwirkung dieser Kunstdichter nicht frei. Die seit langer Zeit zm Volke mündlich sich fortpflanzenden gesonderten Lieder einzelner Sagenkreise wurden vielleicht erst in dieser Zeit zu einem Ganzen zusammengestellt; die Volksdichter oder Ordner, wie man sie nennen mag, übernahmen das Geschäft, durch Einschiebsel die Lücken zu ergänzen, um dadurch und vermöge starker Überarbeitung des Ganzen ein den Erzeugnissen der Kunstdichter nicht unähnliches Product herzustellen. Auf diese Art ist die gegenwärtige Abfassung des Nibelungenlied« (s. d.), ^ Deutsche Poesie 273 des großartigsten aller altern deutschen Dichtungen, entstanden, das durch diese Überarbeitung mehr verloren als gewonnen hat. Vor den übrigen epischen Volksdichtungen zeichnet sich noch aus „Gudrun", herausgegeben von A. Zicmann (Omedlinb. 1836), obgleich es an Kraft und Gediegenheit weit unter dem „Nibelungenliede" steht. Die meisten und reichsten Blüten trieb die lyrische Poesie; es werden uns über 266 Dichter genannt, von denen Lieder, rheils zerstreut, theils in mehren alten Sammlungen, wie in der pariser, weingertner und jenacr Handschrift, erhalten sind. Ob auch auf Gestaltung dieser Gattung Einwirkung von außen, namentlich provenzalische, anzunehmen ist, darüber fehlen noch genauere Nachforschungen; wenn sic stattfand, war sic jedenfalls hier geringer als im Epos. Unter der großen Zahl Dichter trat entschieden als der begabteste, vielseitigste und geistvollste hervor Walther von d er Vogclweidc (s. d.), der, aus adeligem Stande, ein Wanderleben führte und bis über das I. 1227 hinaus lebte. Wolfram von Eschenbach hat nur wenige, aber treffliche Lieder gedichtet, ebenso Hartmann von Aue; dagegen sind von einem ander» ausgezeichneten, nur nicht so vielseitigen Dichter als Walther, von Reinmar dem Alten, viele Lieder vorhanden. Die größte Zahl der Lieder hat die Liebe und Verherrlichung der Frauen zum Gegenstände' andere sind religiösen Inhalts, Loblieder auf die Jungfrau Maria und die Dreieinigkeit, Auffoderungc» zum Krcuzzuge, Büßlieder u. s. w., noch andere Lob-, Straf- und politische Lieder. Eine ganz eigenthümliche Art Lieder sind die des Neidhart um 1217, herausgcge- ben von F. Benecke in den „Beiträgen" (Gött. 1816, Bd. I), in denen das Leben der nie- dern Stände, mit dem sich andere Dichter nicht befaßten, auf eine drollige und ergötzliche Weise geschildert wird. (S. M i n n e s ä n g e r.) Aus der didaktischen Poesie sind hervorzu- hcben der noch ungedruckte „Welsche Gast" Thomasin's von Zerclacre, zwischen 1213—16, und Freidank's „Bescheidenheit", im I. I22S abgefaßt und herausgegcben von W. Grimm (Gött. 1834), zwei Spruchgedichte, in denen die Thorheiten und Gebrechen der Zeit gegeißelt und gute Lehren und Ermahnungen gegeben werden. Nach der Mitte des > 3. Jahrh. sank die deutsche Poesie sichtlich; der Verfall zeigte sich nicht allein in der Schwäche und Gehaltlosigkeit des Innern sondern auch in der vernachlässigten äußern Form, in der Sprache wie im Reim; nur einige wenige Werke, wie der „Nenner" des Hugo von Tr imberg (s. d.), um 1366, der „Edelstein" des Bo ner (s. d.), aus etwas späterer Zeit, und die Lieder des Johann Hadlaub von Zürich, um 1366, herausgegebcn von Ettmüller (Zür. 1841, 4.), dürfen zu den bessern Productionen gezählt werden. Noch viel tiefer stehen die Leistungen der Folgezeit von der Mitte des 14. Jahrh. bis zum Ende des 15. Jahrh. Fürsten und Adelige hatten schon längst aufgchört, der Poesie Pflege und Unterstützung zu gewähren; den Kaisern fehlte cs an Kraft, das aus den Fugen gehende heilige röm. Reich leidlich zusammenzuhalten und den verderblichen Fehden des verarmten und raublustigen Adels Einhalt zu thun, dem die durch Handel und Verkehr aufblühenden Städte über den Kopf gewachsen waren. In diesen letzter» hatte die Poesie jetzt ihren Sitz genommen; cs bildeten sich unter den Handwerkern der Städte Singschulen, in denen auch das Dichten von den sogenannten Meistersängernss. d.) recht handwerksmäßig betrieben wurde. Die Sprache war in der Verwilderung noch weiter fortgeschritten, indem sich die verschiedenen Dialekte wieder geltend machten und die roher» Mundarten der untern Volksclasse in die Schriftsprache eindrangen. Nicht besser stand eS mit der Verskunst; hier war die Hauptsache richtige Sylbenzählung. Die epischen Gedichte, die diese Zeit darbietet, bestehen zumeist in überarbeiteten und gekürzten, kümmerlichen und nur in Rücksicht ihres Inhalts beachtenswcrrhen Reste aus früherer Zeit; eine Sammlung derselben wurde unter dem Namen Helden buch (s.d.) öfter gedruckt. Was man in dieser Gattung neu schuf, wie des Büheler's „Königstochter von Frankreich" und Ulr. Fürtercr's große cyklischc Dichtung, in der er die Sagen von Artus und dem Gral mit dem Argonautenzuge und dem trojanischen Kriege in eins verarbeitete, ist durch geschmacklose Weitschweifigkeit und Trockenheit ungenießbar. Aus dem Thierepos verdient jedoch der niederdeutsche ReinekeVos(s. d.), zwischen 1476—96 nach dem flandrischen „Rcinaect" mit Geschick bearbeitet, ganz den Ruf, der ihm bis auf die neueste Zeit zu Theil wurde. Das Ungenießbarste und Unpoetischste, was man aus dieser Periode finden kann, sind die meist noch und wol für immer im Staube der Bibliotheken ruhenden Ergüsse der Meistersinger; Eonv.-Sex. Neunte Lust. IV. 18 274 Deutsche Poesie selbst die Dichtungen der bessern unter ihnen, wie MuScatblüt's, Mich. Beheim's („Buch > von den Wienern", 1462—65, herausgegebcn von Karajan, Wien H843), sind kaum zu verdauen. Dagegen wallt in der lyrischen Volkspoesie dieser Zeit noch frisches und unver- dorbenes Blut, durch welches auch die Poesie im 16 . Jahrh. sich wieder verjüngte. Außer vielen Ungenannten gehören zu den berühmtesten die beiden schweizerischen Volksdichter Halbsuter (1386) und Veit Weber (l 174). Vgl. E. Ludw. Nochholz, „Eidgenössische Lie- - derchronik" (Bern 1835). Dem Volkstone nähern sich die Lieder Hugo's von Montsort und Oswald's von Wolkcnstein, sowie die geistlichen Dichtungen Heinrich's von Laufenberg. Merkwürdig wird diese Periode dadurch, daß sich in ihr die ersten, aber noch rohen und un- ' geschlachten Anfänge der dramatischen Dichtkunst zeigen. Die sogenannten Mysterien oder Aufzüge und Darstellungen der Geistlichen an Festtagen, zu denen der Stoff aus dem Alten und Neuen Testamente genommen und mit Gesängen und Dialogen verwebt wurde, gaben mit den Fastnachtsspielen, deren Spuren sich im 15. Jahrh. finden, die erste Veranlassung dazu. In diesen letztem kam in komischer, oft possenhafter Weise gewöhnlich eine Scene aus dem gewöhnlichen Leben zur Aufführung. In Abfassung solcher Fastnachtsspiele, die einigermaßen schon als dramatische Versuche gelten können, haben sich namentlich zwei auch in andern Gattungen der Poesie bekannte Dichter, Hans Nosenplüt (s. d.) von Nürn- ^ berg, in der Mitte des 15. Jahrh. und Hans Volz thätig bewiesen. Zu Anfänge des dritten Zeitraums, wo durch Einfluß der classischrn Literatur der Chi- ! rakter der deutschen Poesie wesentlich sich änderte, wurde hauptsächlich eine Dichtungen ' mit entschiedenem Glücke behandelt, nämlich die moralisch-satirische. Dem „Reineke Vor" I schlossen sich an Sebastian Br and's (s. d.) „Narrenschiff", Thomas Murner's (s.d.) > „Narrenbeschwörung" und „Schelmcnzunft", Nollenhagen'S (s.d.) „Froschmäuslci" und der deutsche Nabelais, Joh. Fischart (s. d.). In den Fastnachtsspielen übertras all! ^ > seine Vorgänger der geniale und erfindungsreiche Hans Sachs (s. d.), neben demnochZak. * s Ayrer (s. d.) zu erwähnen ist. Die epischen Gedichte fingen an, allegorisch und historisch - zu werden, wie z. B. Melchior Psinzing's „Theuerdank"(s. d.), welcher Kaiser Mach I milian I. zum Helden hat, und die Form der Prosa anzunehmen, wodurch der nachmals l sogenannte Roman vorbereitet wurde. Den großartigsten Aufschwung nahm hierauf dil > deutsche Poesie in Folge der durch Luther bewirkten kirchlichen Reformation, die durch eint ! Menge intelligenter Kräfte prüfender Gelehrten und die Schwächen der Zeit geißelnder Sa- 1 tiriker eingeleitet worden war, während die Erweiterung wissenschaftlicher Kenntnisse, wichtige Erfindungen, wie namentlich die der Buchdruckerkunst, mehre zusammentreffende wcll- < historische Ereignisse und vorzüglich das zum Gefühl und Bewußtsein seiner sclbst gekom- l mene, nüchterne, verständige, allen unklaren, blos romantischen Anschauungen abgeneigt! i Bürgerthum sie unterstützte und förderte. Martin Luther (s. d.), sowol Gelehrter als hem- > scher Charakter, erhob dieses geheime protestirende Bewußtsein zur entschiedenen That; « ! wurde der Stifter der neuhochdeutschen Prosa; er gründete als Dichter in eigenen kräftige» - Vorbildern das deutsche protestantische Kirchenlied und zeichnete sich zugleich kn seinen Pre- ' digten, in seinen prosaischen Schriften und vor Allem in seiner herrlichen Bibelübersetzung > durch Schwung und poetischen Ausdruck aus. Dagegen bietet die deutsche Poesie von seiner a l Zeit an bis auf Opitz einen öden und trostlosen Anblick dar. Die kirchliche Polemik, dcr ) I Streit der religiösen Parteien, die Bilderstürmerei, der Bauernaufstand, die bald nach Lu- ' ther's Tode aüsbrechenden innern Kriege, der in steifen Formalismus und in dumpfe Ortho- l doxie versunkene, von Luther's Geniehauch nicht mehr durchgeistete Protestantismus, wie ' auf der andern Seite der heimlich grollende, für jetzt aber cingeschüchtcrte Katholicismus, die kleinliche Streitsucht pedantischer Gelehrten, der düstere, altgläubige Ncchtszustand u. s. n>., waren nicht geeignet, den Schwung der Geister und die Intelligenz zu fördern und die poetische Productionskraft zu nähren. 'Endlich brach noch der schauervolle, allen Wohlstand in Deutschland zerrüttende, alle Gcmüthsfröhlichkcit zerstörende und die Autorität Deutschlands nach außen gänzlich vernichtende Dreißigjährige Krieg über Deutschland hcr- s ein. Die Prosa war in diesem Zeiträume noch übler berathen als die Poesie, die wenigstens durch Martin Opitz (s.d.), 1597—1639, dessen kräftiger Vorläufer GcorgRud.Weckher- l in (s. d.), 1584- 1651, war, in der äußern Ausbildung und der Form große Fortschritte Deutsche Poesie 275 machte. Mit Recht nannte man ihn den Vater der neuern deutschen Dichtkunst, da er sie auf bestimmte Gesetze und auf elastische Vorbilder hinwies, statt der Sylbenzählung die Sylbenmessung einführte und überhaupt einen eigenen poetischen Stil begründete. Aber das Nationalepos der Deutschen war vergessen, seit das öffentliche und das bürgerliche Leben sich im entschiedensten Gegensätze der alten Ritterzeit entwickelte; man hatte unter so verwirrten Zeitläufen keine Ruhe zu großen epischen oder dramatischen Compvsitivncn; man beschränkte sich auf die Nachahmung klassischer Muster und auf die Lyrik, die überhaupt in Zeiten der Landcsnoth stets als Trösterin austaucht und in diesem Zeiträume mit einseitiger Vorliebe, aber wirklich trefflich angebaut wurde, namentlich von den Nachfolgern Opitz's, die man unter dem Namen der ersten schlesischen Schule zusammenfaßt: Paul Flemming (s. d.), >609 — 40; Sim. Dach (s. d.), 1605—59; A. Tscherning (s.d.), I6II—59; Paul Gerhard (s. d.), 1606—75; F. von Logau (s. d.), 1604 — 55; A. Eryphius (s. d.), 1616—61; Zoh. Nist, 1607 — 67, und Georg Phil. Harsdör- fer (s. d.) und Joh. Klai, die Stifter des Blumenordens. Überhaupt wurden in dieser Zeit eine Menge poetischer Gesellschaften begründet, deren Dasein das gemeinschaftliche Streben nach einem festen Mittelpunkte in der Poesie und Sprache bewährt. Doch arteten viele in kleinliche Correctheit und Ziererei aus. Mehr einzeln steht der ftomme und innige F. von Spee (s. d.), 1591.—1635, während der kräftigeZak. Balde (s. d.), 1603—68,. seine Gedichte in lat. Sprache schrieb. Außer dem eigentlichen Liede wurde noch das didaktische Gedicht, namentlich von Opitz, das Epigramm in ganz vorzüglicher Weise von Logau, ja selbst die Tragödie und die Posse von Eryphius angebaut; aber auch Letzterer blieb, wenigstens im Trauerspiel, stark in der Nachahmung ausländischer Muster, namentlich des Holländers Joost von den Vondel befangen;, auch hatte er keinen seinem Talente und wackern Streben ebenbürtigen Nachfolger. Überhaupt kam man in größern Compositio- nen über den steifen undeutschen Alexandriner nicht hinaus. Bietet in dem besprochenen Zeiträume wenigstens die lyrische Poesie einen freundlichen und erquicklichen Anblick, so sind die Zeiten nach dem westfäl. Frieden um so trostloser und wüster und durch Geziertheit, Übertreibung und Nachäffung des Ausländischen gebrandmarkt, indem man gerade das Falsche und Übertriebene am liebsten nachahmte. Es hängt dies mit dem traurigen Ein? fiusse, den Frankreich in den innern Verhältnissen Deutschlands gewonnen hatte, mit dem steifen, lächerlichen, in Füttern erstarrten Cercmoniell an den deutschen Fürstenhöfen, mit dem Stillstände alles öffentlichen Lebens, mit dem von einzelnen Fürsten gepflegten und sorgfältig unterhaltenen Druck, der auf dem Volke lastete, mit der gedemüthigten Lage Deutsch- lands überhaupt genau zusammen. Am meisten beförderte diesen Ungeschmack und Schwulst in der Poesie die sogenannte zweite schlesische Schule: Hofmann vonHofmanns- waldau (s. d.), 1618 — 79, Kasp. von Lohenstein (s.d.), 1635—83, und deren Anhänger und Nachfolger, von denen die wässerigsten und geistlosesten, wie Neukirch, Besser, König u. s. w. die sogenannte dritte schlesische Schule vertraten. Hofmann von Hofmannswaldau, ein witziger, aber ein gemüthlos frivoler, mit gesuchten Bildern und Gleichnissen unerträglich spielender Dichter, suchte besonders den Geschmack des Marino und Ähnlicher einzuführen. In dieser verkehrten Richtung, welche es darauf absah, unkereinem schwülstigen Bilderüberzugc die Unwahrheit und Leerheit des Gemüths zu verbergen, ging auch Lohenstein unter, ein übrigens talentvoller Dichter, dem man Feuer und Eigenthüm- lichkeit in Behandlung der Muttersprache, namentlich in seinem auf patriotischer Basis ausgeführten Roman „Arminius und Thusnelda", bei allen Ausartungen, nicht absprechen kann. Seine Nachfolger überboten ihn noch oder verwässerten ihn, z. B. Heinr. Anselm von Ziegler, 1663—97, in seiner damals vielgelesenen „Asiatischen Banise", indem sie den viel bessern Weg verließen, den Christoph von Grimmelshausen (Samuel Greifenson) in seinem trefflichen Roman „Der Simplicissimus" eingeschlagen hatte. Das Vorzüglichste, was in diesem Zeiträume die Poesie hervorbrachte, waren noch die geistlichen Lieder, welche wir mehren der angeführten Dichter verdanken, und einige gesinnungskräftige patriotische Gedichte von Hans Aßmann von Abschatz (s. d.), 1646—99. Diese Gestalt oder vielmehr Ungestalt der Poesie dauerte bis gegen die Mitte des 18. Jahrh. und wurde nur von 276 Deutsche Poesie Einigen, wie Wernike, durch Wih bekämpft. Wir sehen nun eine wässerige und platte Ge- legenheitspoesie austrcten, und es ist nur aus der einseitigen Richtung, welche die Verstan- desbildung der Deutschen in diesem Zeiträume nahm, zu erklären, wie man an Canitz (s.d.), 1654 —gg, Neukirch, Besser n. s. w. Geschmack finden konnte. Nur der geniale Günther, 1695 — 1723, ging nicht in der Leerheit seines Zeitalters unter. Bald jedoch zeigte sich das Unbefriedigende der bisherigen Poesie durch einen mrt großer Heftigkeit lange hindurch geführten Streit zwischen Gottsched (s. d.), welcher nebst seinem zahlreichen Anhänge den durch franz. Poesie verwässerten Geschmack und dre Tugend der Correctheit empfahl, und den Schweizern Bödmer (s. d.) und Breitinger (s. d.), welche vorzüglich auf die Muster des Alterthums und auch schon auf die Engländer hinwiesen. Biel trug zum Siege der Schweizer bei, daß während ihres Kampfes einer ihrer Landsleute, Albrecht von Haller (s. d.), mit seinen kraftvollen und gedankenreichen Gedichten auftrat. An Gottsched's Schule knüpfte sich dagegen der Leipziger Verein jüngerer Dichter und Schriftsteller, von denen einige als Vorläufer des goldenen Zeitalters der deutschen Poesie zu nennen sind, wie z. B. I. A. Cramcr (s. d.), 1763—88, Chr. Fürchtcg. Geliert (s.d.), 1715 — 69, G. W. Rabener (s.d.), 1711—71, denen sich auch F. W. Gleim (s.d.), 1719-1863, Ew. Chr. von Kleist (s. d.), >715-59, I. P. U z (s. d.), 1726—96, F. W. Z acha riä(s. d.), 1726—77, u. A. verbanden. Ferner zeichneten sich F. von Hagedorn (s.d.), 1768—51, und Salonion Geßner (s.d.), 1736—87, als glückliche Beförderer des Wohlklangs und der Leichtigkeit des poetischen Stils rühmlich aus, und C.M. Wieland (s.d.) leistete das Unglaubliche in der graziösen und witzigen Verfeinerung der leichten, dem franz. Geschmack zusagenden Gattungen der deutschen Dichtkunst. Am meisten wirkte F. G. Klopstock (s. d.), der Schöpfer einer neuen Dichtcrsprache und da Begründer der dem griech. und röm. Alterthume nachgebildeten Prosodie, in seinen Dichtungen an Schwung, Tiefe und Erhabenheit Alles weit hinter sich lassend, was Deutschland bisher aufzuweisen hatte. Namentlich gewann durch Klopstock die deutsche Porst einen nationellern Inhalt, indem er in patriotischer Weise Freiheit und Vaterland besang, Zeitereignisse häufig zum Thema seiner Oden wählte, sodaß er als eigentlicher Schöpfer dn deutschen politischen Poesie gelten kann. Neben ihm wirkte als erster echtdeutscher Kritik« fast in allen Fächern der Kunst und Wissenschaft, besonders mächtig aber auf das Theater, G. E- Lessi ng (s. d.). Um diese Zeit war auch die erste Verpflanzung Shakspcare's aus deutschen Grund und Boden von dem anregendsten Einfluß auf die größten deutschen Geister, und der Göttinger Dichtervercin, B.ü r g e r (s. d.), Hölty (s. d.), Voß (s. d.), die beiden St olb erg (s. d.), kräftigte seine lyrische Muse an ältcrn deutschen und engl. Volksliedern. Überhaupt dehnte der deutsche Geist, genährt von dem Besten, was die alte und neue Welt in Kunst und Wissenschaft geleistet, sich nach allen Richtungen fruchtbar au§, ohne doch dadurch seinen nationalen Mittelpunkt zu verliere», nicht unähnlich seinem in dem Herzen Europas gelegenen Vaterlandc. Keine Gattung der Poesie blieb unversucht, und neue, z. B. das ländliche Epos, wurden erfunden. Von Zeit zu Zeit erschienen jährlich Sammlungen dichterischer Versuche, auch die Erzeugnisse hochbegabter Dichter in den sogenannten Deutschen Musenalmanachen (s.d.), deren erster zu Göttingcn 1770 herausgegeben wurde. Zur Bezeichnung der höchsten Blüte der deutschen poetischen Literatur genügt cs, die Namen Herd er(s.d.), Go eth e(s. d.), Schiller (s.d.) anzuführen. Wenn inan die Fülle Dessen, was diese Heroen geschaffen und gewirkt haben, überschaut, so möchte man glauben, die Geschichte großer Zeiträume in ihnen personificirt dargestellt zu finden. Der Reichthum und die biegsame Beweglichkeit der deutschen Sprache errangen in dieser Periode durch die Nachbildung fremder Dichterwerke fast aus allen bekannten Sprachen der alten und neuen Welt den höchsten Grad, und die Namen Vo ß (s. d.), A. W. Sch le gel (s. d.), Gri es (s. d.), Stre ckfuß (s. d.) erinnern an die glänzendstenErscheinungen ans diesem Felde. Deutschland hatte binnen 50 Jahren literarische Entwickelungen in cinerRaschheit wie kein anderes Land durchlebt und war aus einem Zustande der Geschmack- und Geistlosigkeit zum Erstaunen schnell bei jenerPeriode der Literatur angelangt, die wir noch jetzt mitRecht die klassische nennen, indem die Koryphäen durch eine gewisse centrale Organisation, eine umfassende humane Bildung, einen auf das Hohe und Edle gerichteten Sinn, wie in formeller Hinsicht durch eine Deutsche Poesie 277 großartige Plastik, durch eine harmonische Durchbildung der poetischen sowol wie der prosaischen Form ausgezeichnet sind. Der Hausfricde in Deutschland, seitdem Siebenjährigen Kriege, der zuerst wieder das Vertrauen aus deutsche Thatkraft weckte, so wenig unterbrochen, und die besonders in Preußen geförderte allgemeine Aufklärung, ließen den großen Geistern Deutschlands Ruhe und Raum genug, die gegen das Alte und Verjährte gerichteten Principien der neuern Zeit aus literarischem Gebiete durchzukämpfcn; nur nahm diese Gei- stesrcvolution, den inner» Verhältnissen Deutschlands gemäß, mehr eine kosmopolitische als nationelle Richtung, und wenn die drei obengenannten Koryphäen deutscher Poesie sich durch ihre kosmopolitische Grundbildung über die mehr einseitig nationelle Richtung der Dichter anderer Länder erhoben, so waren doch dieserJndifferentismus gegen das Rationelle und die Überhandnahme des ästhetischen Interesses über das politische sehr geeignet, die Gleichgültigkeit gegen die Gefahren zu vermehren, die der kriegerische, intrigucn- und eroberungssüchtige Geist des damaligen Frankreichs über Deutschland verhängte. Gerade in der über alle Engherzigkeit erhabenen kosmopolitischen Geistesgröße jener genialen Dichter spiegelt sich auch, in inniger Wechselwirkung, der Charakter der Nation in seiner politischen Haltlosigkeit wieder. Zur Darlegung Dessen aber, was Deutschland in jeder einzelnen Gattung der Poesie bis zu Ende des 18 . Jahrh. leistete, geben wir eine kurze classisicirte Übersicht der als klassisch anerkannten deutschen Dichter. Als Epiker und zwar im Heldengedichte zeichneten sich aus Klvpstock, Wieland, F. Müller, L. H. von Nicolay, Goethe; in der Erzählung Hagedorn, Geliert, Wieland, Thümmel, Meißner, Anton Wall (Heyne); in der Fabel Hagedorn, Geliert, Lichtwcr, Lcssing, Pfeffel; in der Idylle Geßncr, Bronner, Voß; im Roman und in der Novelle Wieland, Goethe, Hermes, Wezel, Meißner, Müller (von Jhchoe), Hippel, Thümmel, F. Schulz, Klinger, Hcinse, Jean Paul Friedr. Richter; in der Romanze Bürger, Christian und Friedr. Leopold Grafen zu Stolbcrg, Herder, Schiller, Goethe; als dramatische Dichter und zwar im Trauerspiel Lessing, Gcrstenberg, Lcisewitz, Klingel, Babo, Goethe, Schiller, Fr. Müller, Collin; im Lustspiel Lessing, Engel, Wezel, Götter, Goethe, Lenz, Schröder, Kotzcbue, Jffland; als lyrische Dichter in der höhern Ode, im Lied, in der Elegie, im Sonette u. s. w. Haller, Klvpstock, Uz, Ewald Chr. von Kleist, Ramler, I. A. Cramcr, die beiden Grafen Stolbcrg, Denis, Kosegarten, Hagedorn, Weiße, I. Nie. Göh, Gleim, Jacobi, Bürger, Hölty, Voß, Matth. Claudius, Göckingk, Goethe, Schiller, Matthisson, Salis, Tiedge, Hölderlin; eine didaktische Richtung haben vorzüglich Haller, Uz, Wieland, Neubcck, Tiedge; und es sind zu nennen in der Epistel L.H. von Nicolay, Uz, Götter, Göckingk; in der beschreibenden Poesie Haller, Ewald Chr. von Kleist, F. Leopold Graf zu Stolberg, Matthisson; im Epigramme Kästner, Herder, Brinkman, Schiller, Goethe; und in der Satire Rabener, Lichtenberg, Thümmel und Hippel. Der Verfall von Deutschlands Macht und Verfassung, während ein benachbartes Reich sich im Kampfe erhob und dem ganzen deutschen Vaterland« Vernichtung androhte, konnte nicht ohne Einfluß auf den Gang der Poesie sowie überhaupt aus Kunst und Literatur bleiben. Der Deutsche, äußerlich erschüttert und innerlich in seiner tiefsten Nationalität angegriffen, flüchtete aus der drängenden und niederschlagendcn Gegenwart in das herrliche Alterthum seines Volks zurück, Trost und Ergebung suchend in den Sagen und Gesängen, welche aus jenen Fernen als lebendige Zeugen herübertönten. Andere gingen den verwandten Nachklängen des romantischen Mittelalters in Italien, Spanien und.d.eny hohen ,Norden nach, und so bildete sich gus der Zeit heraus jene oft in zeitvpidrigc Alterthü- melei und welsche Süßlichkeit und Ziererei ausgcartete, aber doch ursprünglich rmd un Allgemeinen den Geschmack erweiternde, kräftigende und/einigende Schule der neuen.R o man- k i k e r. Unter ihnen glänzen als Kritiker sowol wie als Dichter die Heiden Schse ge l (s. d-) und L. Tieck (s. d.) hervor. Indes ist ein gewisser Stillstand, ein Fortbauey auf.alten Grundlagen, ein Weiterspinnen abgerissener Faden, in dem Zustande der vaterländischen Dichtkunst zu Anfänge des I!l. Jahrh. nicht zu verkennen,,und di/stberhandnehmende Sgch.t nach, ausländischen Pröducten, die eneyklopadische Sammelsucht/cnd dgs anthosogische Zusammentragen aus älter und neuer Welt schien von. eigener Erschöpfung zu. zeugen- Daheraewiß zum großen Theil der Eifer, mit welchem das längst Vergessene hcrvorgefuchs, das Zerstreute ^ercmigt, das Üntergcgangene aufs neue ins Leben gerufen wurde. Was vpn älterer deutsche; 378 Deutsche Poesie Poesie irgendwo noch »»gekannt vorhanden war, ward fort und fort hervorgesucht und zu allgemeiner Kunde gebracht; Volkslieder, die als bedeutsame Stimmen untergegangener Tage alle Achtung verdienen, wurden mühsam gesammelt, auch die poetischen Stimmen anderer Völker in Übertragungen zugänglich gemacht, wie die der Neugricchen von W. Müller, der Serben von Fräul. v. Jakob und Wilh. Gerhard, der Russen von Götze, der Magyaren vom Grafen Mailath u, s. w.; alte Sagen und Märchen, in denen oft allein die Poesie einer gan- z gen Zeit niedergelegt ist, wurden vom Untergange gerettet, halbvergcssene Dichterwerk! ' einer frühem Zeit, mit zweckmäßiger Auswahl des Bessern, in neuen Ausgaben der Lese- welt näher gebracht, z. V. in der „Bibliothek deutscher Dichter des 17. Jahrh." (lä Bde., Lpz. l 822—38), sowie neuere Dichtcrwerke, mit dankbarer Anerkennung ihres Verdienstes, zu vollständigen Sammlungen vereinigt, aufs neue in Umlauf gesetzt. Jndeß war die Abnahme der Productionskraft, insofern man sic allein aus diesen Sammlungen erweisen wollte, nur scheinbar, und ein genialer tiefsinniger Humoristikcr wie Jean Paul Fricdr. Richte r (s. d.), dessen Geistcswerke durchaus selbständig und nur ans sich selbst erklärbar sind und der mehre seiner bedeutendsten Romane, z. B. den „Titan", gerade zu Anfänge des >S. Jahrh. schrieb, ist allein hinreichend, der Periode, in der er vorzüglich thätig war, den Ruhm einer eminenten Productionskraft zu sichern. Doch offenbarte sich zur Zeit deutscher Schmach und Unterdrückung auch in den deutschen Dichtern eine gewisse brütende Passivität, und nur wenige patriotische Dichter, wie G. A. von Halc m (s. d.) und Seumc (s.d^, hielten lyrische Strafredcn an die deutsche Nation, oder riefen, wie von Sonn cnberg(s.d) und Collin (s. d.), bei dem Ausbruch östr. Kriege gegen Frankreich in kräftigen Oden das Volk und die Jugend zur heldcnmüthigen Vertheidigung auf. Jndeß waren die fast tramn- artigen Streifereien der Romantiker durch die Dämmerungen des Mittelalters wie dti , nordischen Heldenthums und ihre Sympathien für die alte deutsche Reichsherrlichkcit iin- - merhin geeignet, in der Stille einen romantisch-tapfern Geist vorzubereiten und deutscher Sinn zu nähren. Die Befreiungskriege gaben, wunderbar genug, weder dem Ganzen der poetischen Literatur, noch dem Drama, dem Epos oder dem Romane einen höher» Schwung, aber wol förderten sie das so tief in den Herzen der Deutschen wurzelnde, stets vorzugsweise angebaute Lied, welches jetzt wesentlich einen patriotischen, kriegerischen, Freiheit atmenden Charakter annahm. Besonders sind in dieser Gattung des Liedes E. M. Arndt (s. d.), Th. Körner (s. d.), F.von Stägemann (s. d.), Max von Schenkend o rf(s.d,), Fouqu e (s. d.), F. G. Wetzel (s. d.) u. s. w. zu nennen. Als der vollendetste Repräsentant des deutschen Liedes wie der echten Romanze steht in der Periode, welche auf die Befreiungskriege folgte, Ludw. Uhl and (s.d.) da, der eigentliche Stifter der schwäbischen Dichterschule, später auch als freisinniger und patriotischer Liederdichter ausgezeichnet. Einen norddeutschen Charakter dagegen bekunden die mehr schroffen und finstern oder ironischen lyrischen Erzeugnisse Adalb. von Chamisso'S (s. d.), der übrigens auch nicht verschmähte, politische Elemente in einzelne Gedichte zu verflechten. Dagegen bildete sich, sowol während der Periode der Unterdrückung als nach der glorreichen Befreiung des Vaterlandes, im seit- i samen Widerspruche mit dem gewichtigen und schmerzvollen Ernste der Zeit, die bloße Un-I terhaltungsliteratnr in Erzählungen und Novellen aus, welche, durch eine Menge bclletri-' stischer Zeitschriften und Taschenbücher vermittelt, in flacher und seichter Woge das Gebiet der Literatur zu überschwemmen drohte; doch machten sich manche dieser Novellen- und Romanschriftsteller durch eine gewisse Fruchtbarkeit bemerkbar, so der scntimcntalisircndi Lafontaine (s. d.), der den Familienroman, wie Jffland (s. d.) das Familiendrama, vorzugsweise anbaute, Schillings, d.), F. Aug. Schulze (s. d.), genannt Laun, später , der süßliche Karl Heun (s. d.), genannt Clauren, u. s. w. Viele von ihnen verbreiteten ein höchst schädliches Gift der Lüsternheit und Frivolität, sodaß der Sinn für ernste und gediegene Poesien auf einen immer kleinern Kreis von Lesern eingeschränkt wurde. Später kam die geschichtliche walterscottisirende Romantik und Novellistik auf, namentlich durch W- H au ff (s. d.), van der Ve ld e (s. d.), Witzleben (s. d.), genannt Tromlitz, Blume» ha- gen (s. d.) u. s. w. Doch ist, bis auf wenige später anzuführende rühmliche Ausnahmen, z» denen in dieser Periode namentlich Zsch okk e (s. d.) gehört, der historische Roman in Deutsch- ! land im Tanzen sehr äußerlich und flach geblieben, da über das bloS Stoffliche deutsche Ties« 279 Deutsche Poesie und Gemächlichkeit verloren gingen oder durch eine falsche Sentimentalität höchst mislich er- setzt wurden, während auch das stoffliche Interesse meist hinter dem der Romane Scott's zu« rückblieb. Das Eigcnthümlichste leisteten fortdauernd, allerdings mehr die Gebildeten in- teresstrend, diejenigen Dichter, welche mehr oder weniger dem Geiste der romantischen Schule anhingcn; auch waren sie meist zugleich Lyriker, Novellisten und dramatische Dichter, zuweilen selbst das ästhetische Urtheil leitende Kritiker. Vor Allen ist hier L. Tieck zu nennen, der viele Nachfolger hatte, hierunter den jedoch mitEigenthümlichkeit und Originalität reichlich ausgestatteten Wilh. Häring (s. d.), genannt W. Alexis. Ferner gehören hierher F. von Hard enbcrg (s. d.), genannt Novalis, Clemens Brentano (s. d.), Fouque, A. von Chamisso, Achim von Arnim (s. d.), I. von Eichendorffss. d.) u. s. w-, zum Theil auch die dramatischen Dichter Z. Werner (s. d.) und H. von Kleist (s.d), in fernerer Folge der spukhaft-fratzenhafte, aber geistreich originelle T. A. H o ffm an» (s. d.) und dessen Nachfolger Weisflog (s. d.). Es fehlte überhaupt nicht, weder im Drama (s. Deutsch es Tchea ter)jnoch in der Novellistik an immerhin talentvollen Verirrungen und Mißbildungen, welche gegen die Masse der oft unendlich faden und mittelmäßigen sowol dramatischen als novellistischen Unterhaltungslitcratur schroff und grell abstachen und zwar wie pikantes Gewürz den Gaumen reizen, aber den Geschmack der Gebildeten nicht befriedigen konnten. Mit diesen prickelnden Verirrungen sind wir bei dem Übergange zu der poetischen Literatur angeiangt, welche seit dem I. l830 sich gestaltete und einerseits zwar als eine sehr genaue Fortsetzung der früher« gelten kann, andererseits aber auch in sehr deutlichen Merkmalen den Charakter einer neuen Geschichtsepoche ausprägt und die Einflüsse der modernen Zcitrichtung erkennen läßt. Diese Epoche kündigte sich nicht blos durch geniale Verirrungen an, die auch auf dramatischem Gebiete, z. B. bei Erabbe (s. d.), wie überhaupt auf dem Gebiete dcrPocsie stattfandcn, sondern im engern prophetischen Anschlüsse an die neuere Zeit kritisch durch Mensel (s. d.), bald poetisch humorisirend, bald stark und kräftig, aber auch oft einseitig politisirend durch Börne (s. d.), bald keck und rücksichtslos, selbst frivol ironisi- rcnd, spottend und höhnend durch Heine (s, d.), der durch seine „Ncisebilder" einer eigen- thümlichcn poetisircnd raisönnircnden Nciseliteratur die Entstehung gab und für seine oft ebenso zart poetische oder treffend witzige als lose, lockere, selbst frivole und gemeine lyrische Manier viele unberufene, aber auch einige berufene Nachahmer fand, welche sich durch die oft triviale Bequemlichkeit seiner Dichtweise zu eigenen Versuchen in der Heine'schen Manier verleiten ließcm Hierzu kam das Nichts schonende spöttische Element, welches unter der Jugend, die in entschuldbarer Bcsserungssucht nach einem veränderten politischen und socialen Zustande begehrte, weit verbreitet war und gerade in Heine ihren entsprechendsten Repräsentanten gefunden hatte. Diejenigen Nachahmer Hcine's aber, welche einen cigenthüm- lich dichterischen Fonds und eine edler basirte Gesinnung besaßen, wendeten sich zu ihrem Besten wie zu dem der Poesie, bald von dieser Manier ab, in der sie jedenfalls mit dem unstreitig originellen und reichbegabten Heine nicht wetteifern konnten. Überhaupt war die Lyrik, fast mehr noch als der Roman, jedenfalls aber mehr als das Drama oder das Epos, diejenige poetische.Gattung, welche in diesem Zeiträume vorzugsweise und mit Glück angebaut wurde. Deshalb möge sie auch hier den übrigen vorangestellt sein. Das I. 1830 spannte die politischen Erwartungen, besonders der Jugend, so hoch, bemächtigte sich der Gemüther in einem solchen Grade, drang so tief in alle Poren der Production und der Reflexion ein, daß selbst das Lied den Zeiteinflüssen nicht entgehen konnte, sondern geharnischt und bis an die Zähne bewaffnet in die Schranken trat. Das Lied hatte aber auch stets von Zeit zu Zeit diese politische Function in Deutschland verrichtet. Viele der edelsten Geister, wie Klop- stock, Herder u. s. w-, hatten Oden gedichtet, in denen die Politik die Poesie fast gänzlich verdrängte. Auf die kriegerische politische Poesie vom 1.18 >3 ist bereits oben aufmerksam gemacht worden. Selbst der sonst nur anmuthige, in einfach zarten Naturtönen dichtende W. Mjü ll er (s. d.) wurde durch den griech. Freiheitskampf zu politischen Liedern hingerissen; Uhland, den man fast als den Schöpfer der modernen politischen Kunstlyrik betrachten darf, »ahm in kräftiger und entschiedener Weise Bezug auf einheimisch deutsche und speciell schwä- bische Verhältnisse, während die Unioersitätsjugend, und namentlich die burschenschaftlichc, ihren Haß gegen allen und jeden Despotismus fortdauernd in Liedern und oft zwar in ver- 280 Deutsche Poesi botenen Geheimgcsängen ausströmte. Hierher gehören vorzüglich die feurigen Lieder der beiden Brüder Follen (s. d.). Natürlich brachte der Umschwung, der im I. 18A> statlfand und Alles politisch machte, auch das Lied in Gährung, das sich sogar, wie namentlich bei Gelegenheit des Hambachcr Festes, in maßloser Weise revolutionair zeigte. Vor allen politischen Dichtern dieser Periode sind aber zwei auszuzeichncn, GrasPlaten vonHaller- m ün de ss. d.), der in der durchgcbildctsten rhythmischen Form gegen jede Unterdrückung, namentlich der Polen, Feuer und Flamme war, und Graf von Auersperg (s. d.), der unter dem Namen Anastasius Grün in seinen „Spaziergängen eines wiener Poeten" mehr gemächlich, witzig, durch gelungene Bilder und Gleichnisse ansprechend, doch in offener und entschiedener Weise gegen östr. Zustände seine lyrischen Pfeile richtete. Paul Pfizer (s.d.), Heine. S t i c g l i tz (s. d.) in seinen „Zeitstimmcn", Julius Mosen (s. d.) und Niembsch von S trehlenau (s. d.), genannt Lenau, sowie viele Andere, unter denen Mancher weniger durch seinen poetischen Werth als durch seine politische Richtung sich einen Namen erwarb. schlossen sich ihnen an. Dieser mehr gemüthlichen politischen Lyrik folgte die etwas stürmisch aufgeregte, unklare, aber zum Theil Phantasie- und bilderreiche von K. Beck und in den letzten Jahren eine mehr auf den bloßen Verstand basirte politische Lyrik, die, durch die drohende Stellung Frankreichs Deutschland gegenüber veranlaßt, entweder in ausschließlich patriotischer Weise deutsche Einheit und Unabhängigkeit anpries oder die vermeintlichen oder wirklichen Schwächen und Mängel des deutschen Staatslebens epigrammatisch verspottete. Jenes geschah besonders in dem vielgenannten, sonst ziemlich harmlosen „Nheinliede" von Niclas Becker, dieses in populaircr Weise vorzüglich von Hoffman» (s. d.) von Fallersleben in seinen „Unpolitischen Liedern" und in seinen „Deutschen Liedern aus der Schweiz", zum Theil auch von Dingelstedt in seinen „Liedern eines kosmopolitischen Nacht- Wächters",' denen sogleich Ortlepp's „Lieder eines kosmopolitischen Tagwächters" folgten. Bitterer, schneidender und galliger gestaltete sich das politische Lied bei Friedrich von Sallet, während Herwcgh (s.d.), der in mehr als einer Hinsicht unter diesen Allen das meiste Aufsehen erregte, durch seine vollendete Virtuosität, rhetorische Kraft und eine gewisse ideale Würde, obschon seine Ideen zwischen einem deutschen Kaiserreich und einer Republik bis zum Communismus herunter seltsam wechseln, besonders die Jugend für sich gewann. Abgesehen von den fast zahllosen übrigen politischen Dichtern, unter denen Pruh, I. Scherr, E. Gei- bcl und Wackernagel anzuführen sind, verweisen wir hier auf Hoffmann's von Fallersleben „Politische Gedichte aus der deutschen Vorzeit" und auf H. Marggrasfs „Politische Gedichte aus Deutschlands Neuzeit", Sammlungen, die eine Übersicht über den reichen politische» Liederschatz der deutschen Nation gewähren. So sehr das Lied dazu berechtigt ist, politische Ideen in Handlung zu setzen und so groß seine Wirkung in dieser Hinsicht auch ist, so läßt sich doch etwas Forcirtes, Gemachtes, Convcntioncllcs und deshalb Ermüdendes bei vielen der neuern politischen Liederdichter nicht verkennen, und nur Wenige mögen so aus ihrem Herzen geschrieben haben, wie im vorigen Jahrh. der geniale unglückliche Schubart seine „Fürstengrust". Die meisten unserer modernen politischen Lieder sind mehr geeignet, auf die Gebildeten als das Volk zu wirken, wahrend doch gerade dasjenige politische Lied, welches unmittelbar aus dem Volke hcrvorgeht und seinem Bildungszustande und Bedürfnisse genau entspricht, von der politischen und poetischen Bildung des Volks das offenbarste Zeugnis ablegen und zugleich das bedeutungsvollste und wirksamste sein würde. Wir haben aber nur Kunstdichter, keine eigentlichen Volks- und Natursänger, wie Burns oder Be'ranger, weil nirgend die Kluft zwischen den höchst Gebildeten, d. h. Studirten, und dem Volke größer ist als m Deutschland. Über diese politische Poesie wurde übrigens, mit Ausnahme vielleicht der letzten Jahre, die rein gcmüthliche, von allen Beimischungen freie Lyrik nicht verabsäumt; auch haben fast alle deutsche politischen Dichter neben den etwas harten und spröden Saiten der Politik zugleich sanftere und zartere oft mit großem GlüA angeschlagen. Die deutschen Lyriker der leHtvergangcnen Zelt lassen sich ziemlich genau in-drei Gruppen abtheilen, wenn wir Ein-, ztlne, wie den ünendlich sormgewändten ünh probuctiven Rückert (s, d.) und den in anderer Weise ebenso durchgcbildeteN Grafen Platen, als selbständige syrische Großen ausneh- pwn. Zuerst, mehr odet NMiiger mit Uhland verwandt, scheidet sich die schwäbische Grupp? 281 Deutsche Poesie ab, die sich, wie in Schwab's (s. d.), Kerner's (s. d.), Mörike's, W. Zimmcrmann's, K. Mayer's, Alexandcr's Grafen von Würtenrberg u. A. Gedichten, durch Einfachheit, Zartheit und Sinnigkeit besonders bemerkbar macht, oder sich, wie in Gustav Pfizer, der Schillcr'schen Dichtwcise nähert. Der Geburt nach gehört hierher auch Herwegh, in welchem jedoch die dem Schwaben eigene lyrische Innigkeit nur selten anklingt. In der östr. Gruppe offenbaren sich vorzugsweise ein natürliches Gefühl für Wohllaut der Sprache und weiche Sangbarkcit, ein genußreiches Schwelgen in der Natur und eine nur häufig zu weit getriebene Neigung für Bilder und Gleichnisse. Zu dieser Gruppe gehören I.' G. Seidl (s. d.), E. Ebcrt (s. d.),^Nik. Vogl, Zedlitz, K. Beck, Frankl von Feuchtcrsleben u. s. w-, vor Allen Alerunder Graf von Auersperg und der tiefsinnige Lenau. Übergänge von dieser Gruppe zu der norddeutschen werden durch Mehre, z. B. durch den Sachsen Zulins Mosen, den Hessen Dingelstedt gebildet. Die norddeutsche Gruppe, die ihren Haupt- sitz in Berlin hatte und wol jnoch hat, schloß sich vorzugsweise an die mehr düstere und schroffe Manier Chamisso's oder an die Ironie Heine's oder an das mehr traumhafte romantische Wesen Eichendorffs und überhaupt der romantischen Schule an, hierunter Freiherr vonGaudy (s. d.),'crst hcinisirend, dann aber in seinen „Kaiserliedern" einen eigenen Weg verfolgend und glückliche Töne in Beranger'scher Weise anschlagend, der gemüthvolle zarte E. Fcrrand, L. Giesebrecht, F. Thcod. Kugler (s. d.), H. Kletcke, H. Stieglitz (s.d.), A. von M altitz (s. d.), R. und H. Marggraff, F. von Sallet, O. F. Gruppe, K. Herloßsohn, F. Hebbel u. v. A. Als launig drolliger Dichter zeichnet sich unter ihnen Aopisch (s. d.), durch formelle Gewandtheit Minding und besonders E. Geibel aus. Auch Baiern hat manche ehrcnwerthe Namen in A. Büffel (s. d.), Fernau (Darenberger) u. s. w., der Rhein in K. Simro ck (s. d.), Smcts u. s. w. aufzuwcisen, während Freiligrath, zum Theil nach Victor Hugo gebildet, in der nur ihm eigenen Manier einzig in Deutschland dasteht, obgleich seine lyrische Thätigkeit fast nur auf das Malerische und Descriptive beschränkt ist. W. Wackernag e l (s. d.), trcugläubig, deutsch und zart, fand zu wenig Anerkennung, über die jetzt häufig ganz andere Umstände zu entscheiden pflegen als der bloße poetische Werth. Nicht zu über- gehen sind ferner der König von Baiern Ludwig, unter den lyrisch dichtenden Frauen Betty Paoli, eine pseudonyme Wienerin, die Gräfin Hahn-Hahn, die Freiin Annette zu Droste- Hülshoff u.s. w. Die Romanze und Ballade wurde noch häufig, besonders von den Schwaben und Norddeutschen, doch in den jüngsten mehr der Zeitbetrachtung zugewandten Jahresfristen nicht mehr mit Vorliebe angebaut. Unter den Dialektdichtcrn sind außer Hebel im alemannischen Dialekt zu nennen Seidl im östr. Dialekt, von Holte, (f. d.) im fchles. Dialekt, F. von Kobell im südbair. Dialekt, Grübel im nürnbergischen Dialekt, E. Stöber Mi strasburgische» Dialekt, Ustcri im schweizerischen Dialekt u. s. w., insgesammt nicht unwichtig zur Kenntnis der deutschen Dialektformen, die in dichterischen Proben Firmenich's Sammlung „Germaniens Volksstimmen" in übersichtlicher Weise vorzusührcn verspricht. Das geistliche Lied wurde, obgleich trefflich von I. von Wesscnberg (s. d.) in dessen „Religiösen Gedichten", von Burckhard in dessen „Feldblumenkränzen", Albert Knapp und Spitta angcbaut, wenig beachtet. Das didaktische Gedicht nahm ebenfalls eine mehr lyrische und innerliche Richtung, wie in L. Scheser's (s. d ) „Laienbrevicr", oder in von Sallet's „Laiencvangelium", in welchem letztem Leben und Lehre Christi zur Verbreitung moderner, selbst kommunistischer Tendenzen benutzt werden. Mehr in tiefsinnigen und gnomcnarti- gen Weisheitssprüchen bewegen sich Nückert's Lehrgedichte „Erbauliches und Beschauliches aus dem Morgenlande" und „Die Weisheit des Brahmancn". Das wissenschaftliche Lehrgedicht wurde von I. Minding in „Das Leben der Pflanze" versucht. Auch das Epos nahm immer mehr eine lyrische Richtung, während das eigentlich heroische^ in welchem je? doch Ladislaw vonPyrker(s. d.) in seiner „Tunisias^ und in seines „Rudolf von Habs- bürg" Rühmliches leistete, dem Geist der Zeit wenig mehr zuzusägen scheint. Dieses hervor- trekende lyrische Element verschaffte auch dem ^Letztest Ritter" von Anastasius Grün einen bedeutenden Lesekreis. Auch E. Ebert's ,Maffä",'I. Äösen's „Ahasver" und Lenau'- „Savonarola" sind mehr lyrischest als eigentlich epischen Charakters, voll Gemüths - und Reflexion-tiefe, aber nicht in gleichem Mäße'mit chischtr Händlüstg ünd"Objectiviiät aus- gestattet. Ferner sind stoch zu nensten Griepenkerl's Kchnstlcrepos „Pie 'sixtinische Mg« 282 Deutsche Poesie j donna", Frankl's „Christoforo Colombo" und Rückcrt's Mach - und formgewandtes mor- ' gcnländisches Epos „Rostcm und Suhrab". Viele Dichtgattungcn, wie das idyllische Epos, die Idylle selbst, die poetische Epistel, die Fabel, das komische Heldengedicht, welches zuletzt noch von Kortüm (s. d.) in der „Jobsiade" am drolligsten angebaut wurde, u. s. w., scheinen fast oder gänzlich erloschen zu sein. Als Verfasser umfangreicherer Composttioncn sind > noch zu nennen Lenau in seinem „Faust", worin Epos und Drama gemischt sind, V e ch- stein (s. d.) in seinem „Tvdtentanz", Waiblinger in seinen „Erzählungen aus der Geschichte des jetzigen Griechenlands", Duller (s. d.), K. Beck in seinem „Janko, der Näubcrhirt", einer Art versificirten Romans, Jda Hahn-Hahn in ihren „Venetianischen Nächten",. A. Grün in seinem „Schutt" und in dem wunderlichen Gedichte „Die Nibelungen im Frack", worin, wie in vielen neuern Gedichten, eine gewisse Verbitterung und Polemik, so sehr die Verfasser durch ungerechte Verdächtigungen und Angriffe dazu auch berechtigt sein mochten, den heitern Eindruck, eines poetischen Kunstwerks trübt. Neben der reinen Lyrik macht dcrRoman fortdauernd großes Glück, obgleich die neuen Zeit auf diesem Gebiete wenig hervorgebracht hat, dem man, wie etwa Goethc's „Weither" oder „Wilhelm Meister", das Prädicat eines echten Kunstwerks ertheilen könnte. Mehr als in jedem andern Lande theilt sich in Deutschland der Roman in diejenige Gattung, welche durch stoffliche Derbheit und bloße Handlung zur Unterhaltung der ungebildetem Classe dienen soll, und in diejenige, welche, von einem Hähern Standpunkte aus, auf die Zufriedenstellung des ästhetischen Geschmacks der Gebildeten berechnet ist. Die erstere Gattung, wozu noch immer Ritter - und NLubcrerzählungcn oder Darstellungen aus dem modernen Leben mit lasciver oder übertrieben und falsch sentimentaler, oder derb komischer Tendenz gehören und die wesentlich zur Verschlechterung und Verwilderung des Geschmacks und der Sittlichkeit beigetragen hat, indem sie fast zu der einzigen geistigen Nahrungsquelle des weniger t oder falsch gebildeten, aber doch lese- und unterhaltungssüchtigen Theils der Nation ge> worden ist, gehört nicht in diese Betrachtung, welche es vorzugsweise mit der Darlegung Dessen zu thun hat, was auf einen, wenn auch nur bedingten poetischen Werth Anspruch machen kann. Der Roman ist überhaupt diejenige poetische Gattung, welche es mit dcr Moral nicht so genau nimmt und sich mehr erlaubt, als fast jede andere, vielleicht mit Ausnahme einer Art des komisch-romantischen Epos, wie es vorzugsweise von Wieland angebaut wurde. Aber der deutsche Romanschriftsteller vergeht sich nicht gegen die Moral aus Berechnung, um stets interessant zu sein, oder aus wirklicher Frivolität, sondern entweder aus plumper Geschmacklosigkeit, oder aus ästhetischer Indifferenz gegen das blos Sittliche, indem man die Ansicht, daß die Kunst.mit der Sittlichkeit nichts gemein habe, zu einem förmlichen Primi» erhoben hat. Daher ist auch der eigentliche Sittenroman, der, wenn er nicht auf den Abweg einer falschen Sentimentalität geräth oder nicht mit Vorliebe die allzu grellen Nachtseiten des menschlichen Daseins und der gesellschaftlichen Verhältnisse behandelt, so sehr geeignet ist, die sittlichen und intellcctuellen Anlagen eines Volks zu veredeln, in jüngster Zeit wenig angebaut worden. Doch gibt cs auch eine große Zahl oder vielmehr Unzahl Romanschriftstcl- > ler, die vorzugsweise auf stoffliche Unterhaltung bedacht sind, jedoch auch das Unschickliche ^ und Unsittliche zu vermeiden wissen, sich einer ästhetischen Darstellung befleißigen und daher tz auch von den Gebildeten genossen werden. Dahin gehören Th. Mügge, der auch in einfachen Lebensbildern rühmlich hcrvorzuhcben ist, Frv.u von Paalzow, K. SpiNdler, von Rehfues, Rellstab, K. Herloßsohn, N. Heller, Ottinger, Stolle, C. von Wachsmann, Henriette Hanke, Fanny Tarnow, Amalie Schoppe, A. Lewald, I. Rudolphi (John), L. Storch, Bechstein u. s. w. Obgleich unter ihnen unleugbar bedeutende Talente sind und es Manchem nicht an Erfindungs- und Darstellungsgabc fehlt, während Andere wenigstens die Virtuosität besitzen, sich in den von Vorbildern gezogenen Linien geschickt zu bewegen und ethnographische oder historische Quellen anziehend zu benutzen, so läßt sich doch sehr in Frage stellen, ob einer von ihnen etwas die Zeit Überdauerndes geleistet habe, zumal da gerade auf diesem Gebiete eine ? so ungeheure, eines das andere Gewächs von ähnlicher Bildung verdrängende Vegctations- j kraft herrscht. Der nach größerer Tiefe strebende Roman ist entweder ästhetisirend, nach dem > Borbilde Goethe's, Wagner's, Tieck's u. s. w., oder philosophirend, nach dem Vorbilde F- H. Jaeabi's, wie Auerbach'- „Spinoza", oder schließt sich genau an die politischen und so- Deutsche Poesie cialen Tendenzen der Zeit an, sic entweder wie Büh rlen (s. d.) in seinem Roman „Der Flüchtling", oder Ticck in der Novelle „Eigensinn und Laune", oder H. Steffens in seinem Romane „Die Revolution", bekämpfend, oder zwischen dem Gut und Böse der altern so- wol als der neuern Zeit in sinsterm Brüten ringend, wie W. Alexis in seinem Romane „Das Haus Düsterweg" und I m m erm a n n (s. d.) in seinen „Epigonen", oder sie feiernd und apotheosirend, was von Vielen geschehen ist. Zu den mehr oder weniger Tendenzen huldigenden Romanschriftstellern gehören namentlich die Mitglieder des sogenannten Jungen Deutschlands: Mundk, Gutzkow, Laube, ferner Kühne, Willkomm („Die Europamüdcn"), H.Kocnig, der sich jedoch, namentlich in seinem Romane „William'sDichten und Trachten", abklärte und nmdete, I. Mosen („Cvngrcß von Verona"), zum Theil auch S. Wiese u. s. w. Der Stempel einer gewissen Düsterheit und Zerrissenheit ist fast allen diesen Productionen aufgedrückt, und nur selten weiß sich der Humor versöhnend und verklärend über den persönlichen Unfrieden wie über den Druck einer verworrenen Gegenwart hiywegzusctzen. Je seltener die Versuche im rein komischen Genre des Romans in jüngster Zeit waren, um so eher verdienen sie angeführt zu werden; so namentlich Jmmermann's „Münchhausen", ferner Gutzkow s „Vater Blascdow", Dingelstedt's „Argonauten", H. Marggrassis „Gebrüder Pech" und „Johannes Mackel", A. Ruge's „Novellist", Herloßsohn's „Wanderbuch", Willkomm's „Gold, Eisen und Geist". Doch sind auch diese von Trübungen in Folge des Strcbens nach Tendenz nicht frei und, bei mehr Neflexionstiefe, lange nicht so harmlos wie etwa Knigge's neuerdings wieder aufgelegte „Reise nach Braunschweig". Es fehlt in ihnen nicht an komischen Einzelheiten und humoristischen Anflügen, noch nebenbei an tragischen Elementen; aber der Humor zeigt sich darin nicht so organisch schöpferisch und den Körper des Romans sogar in seinen dunkel» Partien mit Licht durchdringend wie bei Jean Paul, was leicht erklärlich ist, da der spitzfindige und unruhig aufgeregte ironische Reflexionssinn der neuern Zeit die versöhnende humoristische Weltanschauung ini Ganzen und Großen eher bekämpft, als sich mit ihr in eiv gutes Vernehmen setzt. Einen rein komischen, blos stofflichen Roman versuchte Stolle in seinen „Deutschen Pickwickiern", doch schadet ihm der Vergleich niit dem berühmten engl. Vorbilde. Der Verfasser des „Cancan eines deutschen Edelmanns", obschon er sich als geistreicher Humorist zeigt, kann es dagegen nirgend zu einer Gestaltung bringen, wie sie der Roman verlangt. Nach dem Verbilde Jmmermann's in einer Episode seines „Münchhausen" sind dagegen Lebensbilder aus dem bäuerlich provinziellen Leben beliebt geworden, vielleicht mehr noch durch ihr ethnographisches Interesse als durch ihre novellistische Einkleidung ansprechend. Dergleichen schrieben Auerbach, Willkomm, welcher auch provinzielle Märchen aus der Oberlausitz bearbeitete, A. Weill, der sich den clsassischen Bauernzuständen zuneigte, Rank in seinen Novellen aus dem Böhmcrwalde und in den, größer» Umfange eines Romans besonders K. Spmdler in seinem „Vogelhändler von Jmbst". Den fashionabeln Salonroman bauten vorzüglich Jda Gräfin Hahn-Hahn und der durch glänzende Darstellung und angenehm nachlässige Ausführung bemerkens- werthe Freiherr A. von Sternberg (s. d.) an. Gegen diese Zierlichkeit sticht die bis zum Grausamen, Crasscn und Abscheulichen gesteigerte, doch kräftige Phantasie in den Romanen Emerentius Scävola's um so greller ab, dem sich, doch in gemilderter Manier, W. Müller verwandt zeigt. Die Tieck'sche Weise verfolgten Posgaru, Frau von Knorring, Mörike im „Maler Nolten", zum Theil auch Friedrich von Heyden u. A. Eigenthümlicher verhält sich L. Schefer (s. d.), der sein Nomangebilde ans ureigener poetischer, wenn auch etwas unklarerEemüthstiefe schöpft, Lcvin Schücking in seinem Roman „Ein Schloß am Meere", und der berühmte Anonymus (Seatsfield), der Verfasser einer großen Reihe von Romanen, der „Transatlantischen Reiseskizzen", „Lebensbilder aus beiden Hemisphären", „Nord und Süd" u. s. w., welcher in einem üppigen Naturalismus schwelgt, hier und da in das Süßliche und Manierirte ausartet, aber in glänzenden Landschaftsbildcrn kaum seines Gleichen hat. Tieck selbst schrieb seine „Viktoria Accorombona", worin seine Meisterschaft sich vielfach bewährt, zugleich aber auch eine gewisse Sympathie für die Emancipakion der Frauen dem auf historischen Boden wurzelnden Romane den Charakter eines Tendenzromans aufdrückt. Der historische Roman wurde fortdauernd gepflegt, und obschon Einige, wie von Reh- su e S (s. d.), ans diesem Gebiete Originalität, oder wie K. S p in dle r (s. d.)cine reich« Er- 284 Deutsche poetische Kritik findungskraft bewährten, so waltete hier doch eine gewisse Gleichmäßigkeit handwerksmäßiger Virtuosität vor, indem man besonders die Vorschriften Walter Scott's copirte. Zn höherm und mehr literarischem Sinne bauten ihn der nur etwas ungeregelte, aber feurige E. D ul l e r (s. d.) an („Kronen und Ketten" und „Kaiser und Papst"), F. G. Kühne („Kloster-Novellen" und „Die Rebellen von Irland"), Mundt („Thomas Münzer"), H. Laube , („Die Bandomire" und ,Gräfin Chateaubriand"), vor Allem W. Alexis, welcher, nachdem er in seinen früher» Romanen an Walter Scott, in seinen kleinern Novellen, doch mit selbständiger Ironie, nicht selten an Tieck erinnerte, sich in seinem letzten Romane „Der falsche Waldemar" und besonders im „Roland von Berlin" zu unabhängiger Originalität und deutscher Eigenthümlichkeit erhob. Auf dem Gebiete des Künstlerromans waren thätig Me- las (Pastor Th. Schwarz zu Wieck auf der Insel Rügen), der in seinem „Erwin von Steinbach" einen christlichen Bauroman lieferte, A. Büffel („Pilgernächte des Meisters Tiso- theus"), Griepenkerl („Die Beethovcnianec"), A Lcwald („Theaterroman"), vorzüglich A. Hagen (s. d.) in seinen „Künstlergeschichten" u. s. w. Die sentimentale Novelle bauten F. Dingelstedt in seinem Romane „Unter der Erde", E. Ferrand in seinen zartsinnigen „Erlebnissen des Herzens" u. A. an p den häuslichen und Familienroman mehre Frauen. Die dramatische Poesie, welche noch gegen Ende des vorigen Jahrh. einen Hauptbestandtheil der Unterhaltungslectüre bildete, hat aufgehört, mit der Roman- und Novellenpoesie zu concurriren. Gedrungener in seiner Form, geregelter in seinem Organismus, keuscher in seinem Inhalte vermochte das Drama um so weniger dieselbe Gunst zu erringen, als der rai- sonnirende, ALos in sich aufzunehmen fähige Roman, da die mehr materielle Richtung der Bühnenverwaltungen seine innern Entwickelungen hemmte und die Beschränkungen von Seiten der Theatercensur wie der Höfe und Hofbeamten ihm nicht erlaubten, Fragen und Interessen der Zeit in nachdrücklicher Weise zu behandeln. Doch fehlte es auch auf dem j Gebiete des Drama nicht an rühmlichen Bestrebungen und Leistungen, die aber mit dem Zustande der Bühne so verflochten sind und überhaupt wieder einen so reichhaltigen Literaturkörper bilden, daß wir sie in dem Artikel Deutsches Theater und deutsche dramatische Poesie (s. d.) zusammengefaßt haben. Wenn es sonach wahrlich nicht an dichterischen Talenten fehlt, so dürfte der Ausspruch eines Kritikers: „Mit unserm Dichten sei es nichts, wir dürften nur noch trachten", wie die von Gervinus ausgesprochene hypochondrische Ansicht, daß man den Acker der productiven Poesie jetzt unbestellt und für eine Zeit brach liegen lassen solle, noch sehr zur Unzeit kommen. Es ist in mehr als einer Hinsicht ein schlimmes Zeichen und zeugt von einer Störung im Gcsammtorganismus, wenn die poetische Production wie die Empfänglichkeit dafür in einer Nation ausstirbt. Neben der strengen Kraft des mehr auf das Praktische gerichteten Denkens wir" jede gebildete Nation auch der Schönheit und Anmuth huldigen müssen, wenn sie nicht Gefahr laufen soll, in Roheit und Barbarei zu verfallen und jeder Denken und Sein verschönenden poetischen Anschauung verlustig zu gehen. Auch die Poesie eines Volks bildet einen Organismus, der sich nach nothwcndigen Gesetzen gestaltet und entwickelt und erst dann stockt und verkümmert, wenn im Nationalleben selbst Störungen eintreten oder ein Organ, das Gleichgewicht aller hemmend, zur einseitigen Herrschaft gelangt. Besonders mag darauf aufmerksam gemacht werden , daß die moderne wissenschaftliche Prosa häufig barbarisch, schwerfällig, mit gezwungenen Constructionen und ausländischen Wörtern pedantisch belastet erscheint und jene Reinheit und feinere Ausbildung der deutschen Sprache selten erkennen läßt, die sich gerade in unfern poetischen Erzeugnissen darstellt. Jene einseitigen Ansichten schaden der Entwickelung und allgemeinen Anerkennung der deutschen poetischen Literatur ebenso sehralsdasfort- wnchernde fabrikmäßige Uberfttznngswesen, wodurch die poetische Anschauung und Urthcils- kraft der Nation um so mehr von ihrer volksthümlichen Quelle abgeleitet werden, da sich die Einwirkung frenider, sowol antiker als. modern engl., itas, span, und franz. Muster mehr als bei irgend einem andern auf Reinheit der Nationalität haltenden Volke in der deutschen schönen Literatur ohnehin erkennen läßt. .. , , Deutsche poetische Kritik. Als ein freies Erzeugniß des Volks war die deutsche Literatur entstanden. Die politische und bürgerliche Verfassung hatte, sich die Nation M von den höher« Ständen geben lassen, aber ihr geistiges Leben schuf sie sich selbst. 285 Deutsche poetische Kritik Zwar waren es vornehmlich Fürsten und Edle, welche die einen großen Einstuß auf die Literatur beabsichtigende Fruchtbringende Gesellschaft (s. d.) stifteten; allein abgesehen davon, daß dieselbe cs für nöthig fand, auch bürgerliche Mitglieder aufzunehmen, um einen gedeihlichen Fortgang zu gewinnen, stellten sich ihr auch bald andere ähnliche Vereine zur Seite. Zu einem mit allgemeiner Anerkennung herrschenden literarischen Gerichtshöfe, wie in Frankreich die ^caciemis tr-my-use, konnte es wegen der Vereinzelung der deutschen Staaten nicht kommen; kein der Literatur gebietender Hofton engte aber die Schriftsteller in gewisse beliebte Formen ein, und die Universitäten waren als die Werkstätten gelehrter Bildung früher ohne allen Einfluß auf die Nationalliteratur. Jedem Einzelnen war unbenommen, sich auszusprcchen, wie es ihm der Gott oder der Reim gab. Die Dichter seit Opitz sangen in ganz verschiedenen Weisen friedfertig nebeneinander, und das Publicum hörte einen Jeden. Nirgend war Streit, und auch Opitz's Buch „Von der deutschen Poeterei" (Bresl. 1625, 4.), welches gewissermaßen den Schein hatte, einen allgemein gültigen Kanon aufzustellen, unterbrach den Frieden nicht. Bei dieser inner« Ruhe konnten nur äußere Einflüsse Widerspruch und Parteigeist erzeugen. Die Kenntniß aber, welche man von der ausländischen Literatur nahm, war eines solchen Einflusses nicht fähig, da man blos die matten und gehaltlosen ital. Schriftsteller aus dem Ende des >6. und dem Anfänge des I7.Jahrh. studirte und nachahmte, und aus der franz. Literatur mit einer merkwürdigen Vernachlässigung der ersten Klassiker, nur einige werthlose Romane und Gedichte sich aneignete oder aus den Holländern, den Nachahmern der Franzosen, schöpfte. Jeder ging im 15. Jahrh. seinen eigenen Weg, der aber, wenn wir die Lyriker ausnchmen, mehr oder weniger ein falscher war, indem man sich einerseits bis zum unerträglichsten krampfhaften Schwulst steigerte oder in einen Wust gesuchter Bilder und Gleichnisse verlor, andererseits aber bei dem Extrem, bei der gänzlichen Wässcrigkeit und Nüchternheit in Gedanken und Einkleidung, anlangte. Von dieser Bewußtlosigkeit wurde die deutsche Literatur erst durch die kritische Vergleichung mit fremden Literaturen gerettet, als Gottsched (s. d.) und mit ihm die Leipziger sich an die Regelmäßigkeit und Correctheit der Franzosen, die Schweizer Bodm er (s. d.) und Breitinger (s. d.), welche zuerst 1721 durch ihre Zeitschrift „Dis- course der Maler" (d.h. Maler der Sitten) ein kritisches Lebenszeichen von sich gaben, an die Alten und die Engländer anschlossen. So gering anfangs die Abweichung auch war, so be» deutend wurde der Zwiespalt im Fortgange. Zwar traten die Schweizer anfangs nur mora- lisirend in der Weise des Addison'schen „Spertstsr" auf, doch begannen sie bereits eine Polemik gegen Lohenstein, den Reim n. s. w., und auch dies konnte damals schon als ein Anfang der Kritik gelten, besonders da sie den Stoff mehr als die Form beachteten und im Fortgänge des Streits immer mehr darauf drangen, daß die Poesie Handlung und Erfindung, daß sie einen Gedankeninhalt und der Gedanke eine bildliche Einkleidung verlange; sie ver- fehlten aber darin das Rechte, daß sie die Poesie so zur Magd der bloßen sittlichen Belehrung und Erziehung erniedrigten, wie man sie jetzt wol in das Joch der Politik zu spannen an- rath. Gottsched, der übrigens um die Reinigung des Geschmacks und Austilgung mancher Roheiten vielfache Verdienste hatte, begehrte nichts als correcte Form, leichte Versification und Fluß derDiction und sank so zur Plattheit, Nüchternheit und Leere herab. Aberder Versuch in seiner „Kritischen Dichtkunst" (172S) in der „Redekunst" (1728 und 1736) u. s. w-, eine kritische Erörterung zu begründen, ist immerhin ein glücklicher zu nennen. Diesen Werken, wie seinen Zeitschriften „Die vernünftigen Tadlcrinncn" (1725) und „Kri- tische Beiträge" (1731—34) stellte Breitinger seine „Kritik der poetischen Kunst" und seine „Abhandlung von den Gleichnissen", Bodmer seine „Betrachtungen über die poetischen Gemälde der Dichter" entgegen. Wenigstens bezeichnten die Schweizer einen Fortschritt der Zeit, regten zu weitern Erörterungen an und hatten den Vortheil, daß die bedeutender« Dichter, wie Wieland und Klopstock, auf ihrer Seite standen. Beide und besonders letzterer erweiterten, wie schon früher Hagedorn und Haller, das Gebiet der Dichtkunst und der poetischen Sprache, überflügelten die Kritik und gaben dieser wiederum Anlaß, einen neuen Maßstab zu finden und aus dem gegenwärtigen Zustande der Poesie neue Regeln für deren Zukunft zu abstrahiren. Die damals vielgerühmte Ästhetik des Wolfianers Baum garte n (s. d.) griff zwar nicht so belebend in die Kritik ein, wie die Ästhetik in späterer Zeit 286 Deutsche poetische Kritik ! gethan, doch hat Baumgarten immerhin das Verdienst, mit dem Worte Ästhetik auch die Sache'erfunden zu haben. Von Gottsched und den Schweizern datircnsich auch die Wochenblätter, deren Gottsched 176t bereits 182 zählte, ferner die „Bremer Beiträge", deren Mitarbeiter Gärtner, Geliert, Nasiener, Zachariä, Kramer, I. A. und I. E. Schlegel, nachdem sie sich von des stricken Godschedianers Schwabe „Belustigungen des Verstandes und Witzes" losgesagt hatten, thatsächlich viel zur Läuterung des Geschmacks beitrugen, jedoch einseitig den moralisch didaktischen Zweck als Hauptzweck der Poesie verfolgten. Einen Mittelpunkt erhielten die verschiedenen kritischen Regungen und Bewegungen erst durch G. E. Lessin g (s. d.), der, wenn wir ihn nach seiner Totalität und der Größe M- ner Erfolge, nicht nach einzelnen Aussprüchen und Seiten betrachten, immer noch als der größte Kritiker unter den Deutschen anzusehen ist. Ohne Vorliebe für irgend eine Nation und alle richtig würdigend, ein Gegner alles Conventionellen, ein Freund der Bewegung nach jeder Richtung hin, von aller Menschenfurcht frei, mit redlicher und tiefer Forschung und einer sich selbst nicht schonenden Unparteilichkeit nur das Wahre suchend, vereinigte er vielseitige Gelehrsamkeit, Witz, Schärfe des Urtheils, Klarheit des Bewußtseins, Feinheit des Geschmacks und schlagende Bündigkeit in Darlegung der gewonnenen Resultate. Wie für Bodmcr und Bccitinger Gottsched der Gegenstand der kritischen Reibung war, so war dies für Lessing der höllische Professor Klo tz (s. d.), dessen Ansehen er gänzlich vernichtete, und wieschon jene besonders dadurch, daß sie auf die Engländer, namentlich Milton,' hinwiesen, das Ansehen der franz. Poetik geschwächt hatten, so erwarb sich Lessing das nationale Verdienst, ihre - Autorität auch kritisch, wie Klopstock praktisch, zu vernichten und sogar schon aus Shakspcare als den deutschen Hort hinzuweisen. Zugleich schlug er die einseitigen Ausleger des Aristoteles durch Aristoteles selbst, trug zur schärfer« Sonderung der Begriffe von Poesie und Wissenschaft mächtig bei, vollbrachte 1755 mit Mendelssohn in der Schrift „Pope ein Mctaphy- ' siker" den Sturz der noch von Bodmer und Breitinger unangefochtenen Didaktik und bestimmte mit Scharfsinn im „Laokoon" (1766) die Grenze zwischen Malerei und Poesie, in- ! dem er die blos malende und schildernde Gattung, die, verbunden mit Didaktik, noch den j Schweizern als das Höchste der Poesie galt, verwarf und diese in die sich aus sich selbst entwickelnde Handlung setzte. Durch seine „Hamburgische Dramaturgie" (1767—68) wie durch seine eigenen dramatischen Productionen wurde er der eigentliche Begründer einer neuen Theaterepoche. Auf diesem Gebiete hatte er keinen Vorgänger, wol aber auf dem Gebiete der Kunstkritik an I. I. Winckelmann (s. d.), der durch stine geistreichen Ansichten über antike Kunst und Kunstwerke auch die Ästhetik unter den Deutschen überhaupt förderte. Mitkämpfer Lessing's war besonders der kalt verständige, bis zur Nüchternheit aufklärungssüchtige, aber mit einem natürlichen Gefühl für das Wahre und Richtige begabte und rastlos thätige berliner Buchhändler C. F. N i c o l a i (s. d.), besonders durch die Stiftung mehrer Zeitschriften, wie 1757 der „Bibliothek der schönen Wissenschaften", die er später an seinen i Freund C. F. Weiße übergab, der sie ohne Originalität, aber mit Redlichkeit, feinem Geschmack und Anstand unter dem Titel „Leipziger Bibliothek der schönen Wissenschaften" fortsetzte. Wichtiger wurden die seit 175S von Nicolai herausgegebenen „Literaturbriefe", woran, ein- I zelne ästhetische Gegenstände in psychologischer Weise weiter aussührend, Lessing, Men- delssohn (s. d.), Ab b t (s. d.), Nescwitz, Grills und Snlzer (s. d.) Theil nahmen, welcher letztere noch durch seine „Theorie der schönen Künste" (-1 Bde., 1771 — 71), wozu Blankenburg treffliche Zusätze (3 Bde., 1766—98) lieferte, trotz seiner etwas pedantischen Engherzigkeit ein gutes Werk stiftete und das encyklopädische System in Deutschland begründen half. Der oft schonungs- und rücksichtslose Ton in den „Literaturbricfcn" ging in Nicolai's „Allgemeine deutsche Bibliothek" (lOt> Bde., 1765—92) über, erschien hier aber um so schneioender, da der Tadel mehr kurz und spitz hingestellt als wissenschaftlich erörtert wurde. Gegen das Nicolai'sche Tribunal begründete der von Lessing durch Witz und Spott vernichtete Klotz 1768 eine eigene „Bibliothek der schönen Wissenschaften". Von jetzt an gewährte die deutsche Literatur das seltene und bei keiner Nation sich in dieser markirten Weise wiederholende Schauspiel, daß jede neue Epoche der productiven Li- ^ teratur ihre kritischen Propheten und Vorarbeiter hatte, daß die productiven Talente selbst sich der Übung der Kritik nicht entschlagen konnten, daß gegenseitig die Kritik der Production > 387 Deutsche poetische Kritik und diese jener neue Wege andeutete. So kann Herder (s. d.), besonders in seinen „Kri- tischen Wäldern" (1799) als Vorkämpfer der sogenannten Sturm- und Drangperiode, der Periode der Genialität gelten. Wie man Lessing als Poeten einen Dichter mit den Mitteln der Kritik nennen kamt, so darf Man Herder als kritischen Geist einen Kritiker mit den Mitteln eines Poeten nennen. Wie Lessing in seinem Kampfe gegen alles Convcntionclle um Vieles weiter ging als die schweizer Kritiker, so ging Herder im Grunde noch weiter als Lessing, indem er jene revolutionaire, der Kunstpoesie eigentsich feindliche Ansicht begründete, daß Alles, was geschaffen wurde, originell und genial, gleichsam ein Ursprüngliches und Na- turzuständlichcs sein müsse. Dieser Ansicht, in feurigen dichterischen Worten, wenn auch etwas unklar vorgetragen, pflichteten die genialsten Köpfe um so eher bei, da, trotz Lessing's Bemühungen, des Conventionellcn noch viel, des Ursprünglichen wenig geschaffen wurde, so Goethe (s. d.) selbst, besonders in seinem merkwürdigen Aufsätze „Von deutscher Baukunst des Ervini von Stcinbach", mitgetheilt in Herder's „Fliegenden Blättern" („Von deutscher Art und Kunst", 1773). Zugleich bezeugen dieselbe Richtung Goethe's und seiner Freunde Iu- gcndwerkc. Leicht hätte diese Ansicht durch Misverständniß zur gänzlichen Verwilderung des Geschmacks führen können, wenn sie nicht in Wieland (s. d.), der seit 1773 seinen „Deutschen Mercur" herausgab, den nothwcndigen Gegensatz gefunden hätte. Er verthcidigte den bisher bekämpften franz. Geschmack, war aber zu vielseitig und geschmackvoll gebildet, um etwas Anderes als das allgemein Anwendbare und dem Wesen der deutschen Literatur Verwandte aus der franz. Literatur herüberleiten zu wollen. So erhielt sich in der Kritik der Ton des seinen und milden Anstands, welcher sich namentlich in der seit >785 gestifteten jc- naischen „Allgemeinen Literaturzcitung" kund gab. Herder verdanken wir jene historischkritische Zusammenstellung verwandter Erscheinungen jene hieraus rcsultircnde Entwickelung der ideellen Wahrheit, eine Methode, die in alle Kreise, der Wissenschaft, besonders im 19 Jahrh., mächtig eingcgriffen hat. Aber schon I79V drohte Kant's „Kritik der Urteilskraft" eine gewaltige Revolution herbcizuführen. Da nach seiner Lehre das reine Gc- schmacksurtheil von Reiz und Rührung unabhängig und auf die reine Form eines schönen Gegenstandes beschränkt ist, so wurde, wo man bisher mit Interesse und Gefühl zu prüfen gewohnt gewesen war, eine sich selbst verleugnende Geschlnackskälte sanctionirt, welche, zumal seit sie selbst von Schiller (s. d.) in seinem „Reiche der Formen" anerkannt worden war, der deutschen Kritik eine andere Gestalt gegeben haben würde, wenn sie mehr in der menschlichen Natur begründet gewesen wäre. Zwar säumten die Anhänger der neuen Schule nicht, an alle Erzeugnisse der Literatur sofort des Meisters Richtscheit anzulegen, aber sie selbst stimmten in ihren Ansichten der Ästhetik nicht überein, die Nation, welche sich überhaupt in Sachen des eigenen Gefühls noch nie von der Schule etwas hatte aufdringen lassen, nahm nicht Partei, und der geniale Herder trat durch seine „Kalligone" mit einer Heftigkeit als Gegner der neuen Lehre auf, welche nicht ohne Wirkung bleiben konnte, wenn auch lein dafür aufgestelltes Humanitätsprincip bei strengerer Prüfung selbst als ungenügend erscheinen mußte. Seitdem blieb cs jedoch für jedes neue philosophische System charakteristisch, daß es auch in die Ästhetik und durch diese in die Kritik überhaupt reformirend, erweiternd oder wenigstens anregend eingriff, aber auch ebenso häufig das kritische Urtheil mit den Banden der Schulphilosophie und mit terminologischem Zwange belastete. Die größten deutschen Geister haben sich durch die Kritik nie ihre selbsteigene Entwickelung verkümmern lassen, und wenn Schiller auch mehr oder weniger nach Kant'schen Grundsätzen seine ästhetischen und kritiichen Ansichten formte, so belebte er doch ihr starres Verhalten durch die Tiefe >einer poetischen Empfindungen, während Goethe svwol in Romanen, z. B. im „Wilhelm Meister", wie in einzelnen selbständigen Aufsätzen ästhetisch-kritische Ansichten als aus der Unmittelbarkeit seiner genialen Natur hervorgehende Orakclsprüche verkündete, die alle geschlossene ästhetisch-kritische Systeme überdauerten und namentlich für die Kritik der romantischen Schule ein Hauptanknüpfungspunkt wurden. F. und A. W. von S chlcgcl (s. d.) regten im „Athenäum" vielgestaltig, jener tiefer, dieser geschmackvoller, die Richtung der romantischen Schule kritisch an, indem von ihnen, wie auch von Wackcnrodcr (s. d.l, Ticck (>. d.), Bernhard! (s.d.), Novalis (s. Hardenberg), die Spanier und das Mittelalter mit seinen Dichtungen, Kunstwerken, Jncunabeln und Märchen näher in den Kreis der kri- 288 Deutsche poetische Kritik tischen Betrachtung gebannt und namentlich Shakspeare und nächst ihm Calderon als der Urquell aller Poesie gefeiert wurden. In dieser Apotheose Shakspcare's lag eine versteckte Polemik gegen Goethe und Schiller, vorzüglich gegen Letztem, und es läßt sich nicht leugnen, daß die aus der romantischen Schule hervorgegangencn Kritiker, so sehr sie auch die Sphäre der poetischen Anschauung erweitern halfen, namentlich jenen leichthin absprechenden, mäkelnden, oft durch geistreiche Stich- und Schlagwörter blendenden kritischen Ton erzeugt haben, der sich von ihnen bis auf die jüngste Zeit herabzieht, nur daß jetzt eine philosophisch-ästhetische Geheimlehre, die dem einfachen Verstände immer unaufgeschlossen bleiben wird, die christlich-ästhetische Mystik der Romantiker erseht hat. Der Kampf konnte nicht ausbleiben und wurde seit 1803 in dem von Kotzcbue (s. d.) in Verbindung mit G. G. Merckel gestifteten „Freimüthigen" gegen die 1801—5 von Spazier geleitete „Zeitung für die elegante Welt" geführt, worin damals die Ansichten der Schlegel'schen Schule vertheidigt wurden. Einen nachdrücklichen Halt gewann diese romantische Richtung an der Jdentitätsphilosophie und den aphoristischen ästhetischen Schriften Schelling's, dem sich G. A. F. Ast in seinem „System der Kunstlehre" (1805) und K. W. F. Solger in seinem „Erwin, vier Gespräche über das Schöne und die Kunst" (2 Bde., 1815) anschlossen. Gegen Ende des vorigen Jahrh., wo auchBendavid, Heusinger in seinem „Handbuch der Ästhetik" (2 Bde., 1797—1803) und Snell Geschmackslehren nachKant'- schen Grundsätzen entwarfen, schrieb Heydenreich sein „System der Ästhetik", der fcingebildcte W. von Humboldt seine „Ästhetischen Untersuchungen", während ohne besondere Tiefe, aber doch in gefällig geschmackvoller Weise Franz Horn, besonders zu Anfänge des gegenwärtigen Jahrh., thätig war, die neuen durch die Romantiker gewonnenen Änsichtcn in weiten Kreisen in Umlauf zu sehen. Die originelle Manier in Jean Paul's „Vorschule der Ästhetik", kritische Ansichten in Bilder und Gleichnisse einzukleiden, fand besonders bei den Kritikern der neuesten Zeit Nachahmung. Diese verschiedenartigen ästhetischen Richtungen blieben natürlich auch auf die Kritik nicht ohne Einfluß. Die Kritik des Theaters, die Dramaturgie, erhielt neue Wendungen und Handhaben durch Schink, Schmidt, besonders durch A. W. Schlegel's „Vorlesungen über dramatische Poesie", später durch Tieck's „Dramaturgische Blätter" und Zimmermann's „Dramaturgische Blätter für Hamburg". Daß in Folge der Befreiungskriege auch die Kritik einen höhern Schwung erhalten habe, läßt sich nicht Nachweisen, vielmehr nahm die Unterhaltungsliteratur immer mehr überhand und bestimmte auch Art und Wesen der neu entstehenden Journale. Hierzu gehören das 1807 gestiftete „Mvr- genblatt", welches nach und nach von I. C. Hang, Grüneisen, G. Neinbeck, Nückcrt, Therese Huber, W. Hauff und H. Hauff redigirt würde, seit 1805 die erst von Th. Hell und F. Kind gemeinsam, dann von jenem allein, jetzt von Schmieder redigirte „Abendzeitung", der von Gubitz 1817 gegründete „Gesellschafter" u. s. w. Allmälig nöthigte jedoch der allgemeine Geschmack für literarisches und ästhetisches Naisonnemcnt die Journale, sich kritische, literarische und artistische Beiblätter zuzulegen; so schrieb K. A. Böttiger (s. d.) ei» artistisches Notizenblatt zur „Abendzeitung", L. Tieck „Didaskalien" zu der 1827 von F. Kind und Kraukling gestifteten, aber bald wieder eingegangenen „Morgenzeitung", während das „Morgenblatt" 1820 ein „Kunstblatt", redigirt von Schorn, und ein „Literatur- blatt", redigirt von H. Voß, als Beilagen erhielt. Besonders ist als literarischer Klopffechter A. von Kotzebue zu nennen, der in seinem „Literarischen Wochenblatts seit > 818 , seine Polemik gegen die Romantiker wie gegen jede neue nationale Entwickelung fortfttzte und den Sympathien, die er darin für Rußland zeigte, hauptsächlich die Erbitterung verdankte, welche sein klägliches Ende zur Folge hatte, ferner Ä. Müllnerfs. d.), der das „Mitter- nachtsblatt", die spätere „Mitternachtszeitung", gründete und als Nachfolger von Voß in der Nedaction des „Literaturblatts" zum „Morgenblatt" einen grobwitzigen, dünkelhaften, kritischen Ton anschlug, welcher wesentlich dazu beitrug, den bis dahin immer noch wahrzunehmenden Anstand aus der deutschen Kritik zu verbannen. Dieser anständige Ton wurde jedoch in dem von F. Förster und W. Häring seit 1827 gegründeten berliner „Convcrsations- blatt", wie in dem 1821 aus Kotzebue's „Wochenblatte" hervorgegangenen „Literarischen Convcrsationsblatt", welches sich 1826 später genöthigt sah, den Titel „Blätter für literarische Unterhaltung" anzunehmen, festgchalten. Die mehr gelehrten Blatter, wie die hallischt Deutsche poetische Kritik 289 „Literaturzeitung" beschäftigten sich mit der schönen Literatur nur in beiläufiger, zum Theil wegwerfender Weise. Allmälig, des blos Lsihetisirenden oft geschwätzigen Tons satt, begann die Kritik auch die politischen Zeitfragcn in„sich aufzunehmcn und das literarische Raisonnement mit Elemen- ten zu versetzen, die der Ästhetik an sich fern liegen, aber doch das Bedürsniß andeuteten, daß man überall nach einem nationalem Gehalt streben und eine praktischere Beziehung zum Volke nehmen müsse. Dies geschah vorzüglich von L. Börne (s. d.) in dessen „Zeitschwingen", der besonders von W. Neumann bekämpft wurde, und von W. Menzel (s. d.) in dessen Werke „Die deutsche Literatur", wie in dem „Literaturblatt" zum „Morgenblatt", welches sich unter seiner Redaction zu einer wirklichen Macht erhob, bis er sich in seiner einseitigen Polemik gegen Goethe, in seinen Extremen und namentlich in seinen denunciatorischen Ausfällen gegen das sogenannte Junge Deutschland so verfing, daß man den Glauben an seine Autorität verlor, obgleich die Wärme seiner Darstellung und die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen noch jetzt Achtung verdienen. Diese ästhetisch-politisch-sociale Richtung der Kritik, welche die Tendenz des zu kritistrenden Werks mehr als seinen Stoff und seine Form im Auge behält, wurde seit I83N typisch und verband sich im Allgemeinen mit einer witzig pikanten Darstellung und oft rücksichtsloser Polemik gegen die theils angeblichen, theils wirklichen Schwächen und Gebrechen des Staats- und Gesellschaftsverbands, namentlich des deutschen. Hierher gehören vorzüglich die Journale, die von Mitgliedern des sogenannten Jungen Deutschlands oder ihnen näher oder ferner Stehenden redigirt wurden; so von Mundt im „Zodiakus", dem dieser den „Freihafen" und den eingegangcnen „Pilot" folgen ließ, von Laube in der „Zeitung für die elegante Welt", dem in der Redaction Kühne folgte, bis sie Laube 1833 wieder übernahm, von Gutzkow im „Telegraphen", zum Theil auch von Duller im „Phönix", von A. Jung in mehren Schriften und Journalen und von H. Marggraff im „Berliner Conversationsblatt", welches sich vom „Freimüthigen", mit dem es längere Zeit verbunden war, wieder getrennt hatte, ferner von Brinckmeier in der „Mitternachtszeitung", und von Wienbarg, namentlich in dessen „Ästhetischen Feldzügen". Auch die literarhistorischen Schriften dieser Autoren, zum Theil Sammlungen der Resultate ihrer journalistischen Thätigkeit, spiegeln im Allgemeinen diesen tendenziösen Charakter wieder,obgleich sie sich allmälig mehr und mehr mit sich und mit den einmal gegebenen Verhältnissen in Harmonie zu sehen suchten und der reinen Production zuwandten. Dagegen schlugen die von Rüge und Echtermeycr gegründeten, nachher von Ersterm allein redigirten „Hallischen", spätem „Deutschen Jahrbücher", in denen sich die sogenannte äußerste Linke des Hegelthums von diesem lossagte und sich zu einer compacten Masse zu verdichten suchte, eine destructive, fast alles Bestehende negirende Richtung ein, in welcher sie sich, wie jedes Extrem, wahrscheinlich aufgerieben haben würden, während das gegen sie erlassene Verbot ihrem Untergänge einen Schein von Märtyrerthum verlieh. In diesem wie in einigen andern Journalen ähnlichen Charakters wüthete die Kritik gleichsam mit der Brandfackel, um Alles zu vernichten, was aus dem Princip der reinen Schönheit beruhte, während doch die Journale des Jungen Deutschlands die poetische Production in Ehren hiel- len. Aber auch die entgegengesetzte, nicht minder fanatische Partei, die wenigstens darin mit ihren Gegnern übereinstimmt, daß ihr die Tendenz mehr gilt als das Kunstschöne an sich, und welche deshalb den Boden der Polemik nicht verlassen kann, suchte sich in kritischen Journalen zu verschanzen, namentlich in der von Büchner im harmlosen Sinne gestifteten und redigirten „Literarischen Zeitung." Ohne irgendwie den Interessen und Fortschritten der Zeit feindlich zu sein, vielmehr sie möglichst fördernd, haben dagegen die „Blätter für literarische Unterhaltung" sich die Äufgabe gestellt, die verschiedenen Richtungen frei gewähren zu lassen und namentlich in einem Maße, wie kein anderes kritisches Journal, eine Übersicht über das Ganze der Literatur, vorzüglich der productiven, zu bieten. Sonst ist es ersichtlich, daß sich das Interesse an der bloßen unterhaltenden, aber dabei Kunst, Literatur, Wissenschaft, Theater, Politik u. s. w. in bunter zufälliger Mischung in den Kreis ihrer meist pseudokritischen notizenarkigcn Betrachtung ziehenden Journalen überlebt hat, indem in den letzten Jahren viele der ältesten und angesehensten erloschen sind, die übrigen meist - Sonv..-Lex. Neunte Aufl. IV. 19 29 » Deutsche Politik zwischen Tod und Leben mühsam zu ringen scheinen. Dagegen ist zu vermuthcn, daß sich die Kritik, wie es den Anschein hat, thcils immer mehr in die Wochen-, Monats- und Vier- keljahrsschriften zurückziehen, theils sich als selbständiges Feuilleton an die politischen Zeitungen anschließen wird, wodurch beiderseits dem Publicum wie den Autoren am meisten ge- dient sein möchte. Es scheint nur darauf anzukommen, daß ein politisches Journal in diese bis jetzt noch mehr zufällige, zum Theil parteiische Sich-Ancignung der literarischen Kritik > Ordnung und systematischen Zusammenhang bringt. Betrachten wir einige specielle Gebiete der Kritik, so ist die musikalische, früher von Nochliß, jetzt von Schumann u. A., sowie . von Rellstab in mehr populaircr Weise angcbaut, diejenige, welche ihrer Natur nach mit der literarischen in einem nur losen Zusammenhänge steht; dagegen hat die Kunstkritik ihre obersten Grundsätze, von denen sie ausgeht, fast sämmtlich mit der literarischen gemein. Was Winckelmann und Lessing, später in denkwürdigen Aphorismen Goethe, ferner Schel- ling, Wackenroder, die beiden Schlegel, Fernow in seinen „Römischen Studien", Carus, Rumohr, Böttiger, Waagen, Schnaase, Spcth, Passavant, Gruppe als berliner Kunst- referent, R. Marggraff in seinen „Münchener Jahrbücher" u. s. w. geleistet, ist auch mehr oder weniger der literarischen Kritik, wie diese der Kunstkritik zugute gekommen. Schließlich ist noch darauf hinzuweisen, daß die meisten norddeutschen Kritiker und Ästhetiker von den Ansichten Hegel's ausgingen, obgleich sich ihre Radien oft so in die Weite verlieren, daß sie sich noch kaum auf diesen Mittelpunkt zurückführcn lasten. Daher aber auch auf der andern Seite das Übereinkömmliche, das oft aller naiven und ursprünglich originellen Anschauung entfremdete aber zuversichtliche Urthcil, das Schulmäßige und Schulmeisterliche, der große gcheimkrämerische Wortschwall bei oft verhältnißmäßig geringem Kern. Jndeß ist die „Ästhetik" Hegel's an sich ein bewundernswerthes Werk, und an sie schlossen sich, nicht ohne Wirkung auf die Kritik in Kunst und Poesie wie auf das allgemeine Urtheil, Rosenkranz, . Hotho, Rüge, Bischer, Bohtz u. s. w. an, während die kritischen und ästhetischen Ansicht« ' Schelling's unter Andern von Trahndorff und Lommatzsch systematisch verarbeitet wurden. So sehen wir die Kritik von der Philosophie überall durchdrungen; auch ist an einer Philosophie das Dauerndste und Beste stets Das, was frei an das Leben, in die Praxis tritt und Bestandthcil des allgemeinen Denkens und Urthcilens wird, indem cs die lebendige Fähigkeit hat, sich vom Systeme loszulösen. Deutsche Politik. Von Vielen dürfte hier zunächst die Frage aufgeworfen werden, ob es eine deutsche Politik gebe, denn allerdings sind die Zeitpunkte nicht zu häufig in der deutschen Geschichte, wo eine den Gesichtspunkt des ganzen Deutschlands erfassende und dieses als ein Ganzes dein Auslande gegenüberstellende Politik in einiger Verbreitung und Herrschaft sich bemerkbar gemacht hat. Öfter bestand vielmehr die deutsche Politik, nämlich die in Deutschland wirksame Politik gerade in einem Gegensätze gegen diesen Gesichtspunkt und, was das Schlimmste, die Umstände waren so, daß man sie nicht einmal immer deshalb tadeln konnte. Die deutsche Politik mußte von Anfang an einen eigenthümlichen Charakter dadurch erhalten, daß Deutschland in seiner Selbständigkeit niemals ein wahrhaft geeinigtes und centralisirtes Reich war. In der ältesten Zeit finden wir eine Menge kriegerischer, feindseliger, zwar in Sprache, Sitte und Verfassung verwandter, aber doch sich rastlos bc- > fehdender und selbst durch äußere Bedrängniß nur selten und niemals vollständig geeinigter Stämme. Aber auch in den blühendsten Zeiten Deutschlands beruhte doch die Verfassung des Reichs nur auf einem mehr durch die Personen als durch die Sachen und das Volks- bcwußtsein vermittelten Verband vieler starker und selbständiger, in mannichfacher Besonderheit und Eigcnthümlichkeit sich entwickelnder Glieder; cs wurde immer mehr von den Stämmen, den Sachsen, Franken, Schwaben, als von der deutschen Nation geredet und endlich erhob sich, aus ursprünglichen Keimen, in ununterbrochen wachsender Entwickelung, die Landesherrlichkcit als der sicherste Ausdruck dieses Verhältnisses. Als der würdigste Zielpunkt deutscher Politik erschien es, mit der festen Bewachung dieser Gliederung und der > Selbständigkeit der Theile doch auch eine treue Erfüllung der Pflichten gegen das Reich zu verbinden, und in der That hat Deutschland Jahrhunderte gehabt, wo die Lösung dieser zwiespältigen Aufgabe gelang. Der Norden und die östliche Hälfte des heutigen Deutschlands wurden von deutschen Schwertern erobert und behauptet, und das weniger ! 291 Deutsche Politik durch die gesammte Kraft des Reichs, als durch die einzelnen Herzoge und Markgrafen, Deutschland bannte die Magyaren, die Dänen, die Normannen und all die zahlreichen slawischen Stämme in ihre Grenzen, während es gleichzeitig die Krone der Cäsaren auf das Haupt seines Königs brachte und ihn zum ersten Monarchen der Christenheit erhob. Es hat aber auch Zeiten gesehen, wo dasselbe Verhältnis dem Feinde Anlaß gab, sich in das Innere des Reichs zu mischen, Uneinigkeit und Verwirrung zu entzünden, Verlust und Schmach über Deutschland zu bringen, und die Niederlande, Elsaß, Lothringen, die Freigrafschaft und die Ostsceländer sind in solchen Zeiten verloren gegangen. Beiderlei so verschiedener Erfolg war aber weniger durch die Organisation und Richtung an sich, als durch den Geist der Zeit und der Menschen bedingt. Das scheint gewiß, daß Deutjchland niemals die Herrschaft eines Theils über das Ganze willig ertragen habe; wie oft auch eine solche austauchte, bildete sich immer in einem andern Theile der Kern einer Opposition, und über kurz oder lang wurde sie gestürzt. Das größte Hinderniß der Einigung Deutschlands lag darin, daß sie stets in der Form der Herrschaft oder Hegemonie eines Theils auftrat. So bildete sich in Deutschland der cigenthümliche Gegensatz zwischen Einheit und Freiheit, und lange Zeit finden wir den Patriotismus und Freisinn auf der Seile Derer, die gegen eine Einheit ankämpstcn, die sie nur als ein Mittel für Machtgier und Herrschsucht cmsehen. Soll man den deutschen Protestanten, die sich gegen Karl V. erhoben und selbst die Hülfe des»s inonasterii 8-tncti Call," (bei Pertz in den „lUvmlm.tilerii,. bist." Bd. 2) und Diebold Schillings „Beschreibung des Burgundischen Kriegs" (Bern 1733, Fol.). Gegen Ende dieses Zeitraums tritt auch der Roman ins Leben, der zunächst dadurch entstand, daß man ältere poetische Werke in Prosa auflöste. So der „Wigalois" (1372) und „Tristan" (1389); andere Werke dieser Art, die als Volksbücher bis auf die neueste Zeit gelangt sind, wurden aus dem Französischen übersetzt, wie die „Melusine", „Fortunatus", „Haimonskinder" u. s. w. Selbständig dagegen bildete sich ein anderes noch gangbares Volksbuch, „Tyll Eulenspiegel" (s.d.), welches eine Sammlung drolliger Abenteuer und Schwänke, manchmal von sehr roher Art, enthält und ursprünglich niederdeutsch (um >383) abgefaßt war. Neben diesen Romanen findet sich eine große Anzahl novellenrrtiger Erzählungen vor, die meist noch in Handschriften vergraben liegen; eine der gelesensten und verbreitetsten Sammlungen solcher Erzählungen waren die deutschen „Oestu Ii»m nnorum" (s. d.), die man wahrscheinlich schon gegen Ende des 13. Jahrh. aus dem Lateinischen übertrug. Erst durch die Reformation wurde der Grundstein zu einer klassischen Prosa gelegt, und zwar durch Luther in dessen Bibelübersetzung, welche zu den größten und folgenreichsten Thatcn gehört, die je auf dem Gebiete der Literatur geschehen sind. Jetzt war eine geschmeidige, erstaunlich biegsame und kräftige Schriftsprache, die sogenannte neuhochdeutsche, geschaffen, die sich über allen Dialekten hielt und somit Allen verständlich war. Die Gelehrten zwar wandten in ihren Schriften mit Vorliebe noch das Lateinische an, aber der Impuls zur Benutzung der deutschen Sprache war, besonders für Kanzelvorträge, gegeben; indeß ragt Luther auch als Kanzelredner, wie überhaupt als Prosaist, in dieser Periode so hervor, daß ihm Keiner verglichen werden mag. Schneller folgten sich im 16 . Jahrh. die Schriftproben deutscher Prosa, die besonders für mystisch - philosophisch - theosophische Betrachtungen so von Jak. Böhme (s.d.), oder für Erbauungsschriften, z.B. von I. Arndt (s.d.), oder für Chroni- 294 Deutsche Prosa kcn, besonders von Seb. Frank (s. d.) und ÄgidiuS Tschudi (s. d.), in ost sehr charakteristischer Weise angewendet wurde, während Fischart durch seine geniale humoristische Behandlung der deutschen Prosa in seiner Art einzig dastcht. Der unglückselige Dreißigjährige Krieg hemmte die Fortentwickelung der deutschen Prosa fast gänzlich, und der westfälische Friede begünstigte ebenso die Einmengerei franz. Herrsch - und Jntriguensucht in die inncrn Angelegenheiten Deutschlands, wie die Einmengerei des franz. Ccrcmoniells, der franz. Moden und der franz. Sprache, wodurch, wie durch die fortdauernden Übergriffe des lateinischen in den deutschen Stil, die vaterländische Prosa zu einem widerlichen Zwittergeschöpfe ausartete. Jndeß schrieb schon lt>63 Z. G. Schottelseine „Ausführliche Arbeit von der deutschen Hauptsprachc"; auch zeichneten sich in der Prosa I. M. Moscherosch, Lohenstein in seinem Roman „Arminius und Thusnelda", Christoph von Grimmelshausen in -seinem „Simplicissimus", als Kanzclredncr Z. B. Schupp, später Spener, A. H. Francke und katholischerseits der humoristische Megerle (Abraham a Sancta Clara) vortheilhaft aus. Seit Th om asius (s. d.), zu Ende des ll.Jahrh., wurde die deutsche Prosa auch zur Behandlung rein wissenschaftlicher Gegenstände benutzt; aber diese deutsche wissenschaftliche Prosa blieb noch sehr lange steif, plump, unbeholfen, mit Fremdwörtern vermengt und ein gcschmackwidriger Ausdruck einer geistlosen, citatenrcichcn Gelehrsamkeit, selbst nachdem Christian von W olf (s. d.) sich das Verdienst erworben hatte, auch die philosophischen Begriffe des genialen Leibnitz, der, von der Schwerfälligkeit der deutschen Prosa abgestoßen, sich gern der franz. Sprache bediente, in zwar kalter und steifer, aber wenigstens klarer und bestimmter deutscher Prosa auftreten zu lassen. So gering man auch sonst die Verdienste Eottschcd's anschlagcn mag, trug er doch auch wesentlich zur Reinigung des deutschen Stils bei und rief die kritischen Gegenbestrebungen der Schweizer Bodmcr und Brcitingcr hervor, eine Reibung, welcher eine große Zahl Zeitschriften und die Kritik, die seitdem wesentlich dazu beitrug, den Gang der deutschen Literatur und namentlich der deutschen Prosa zu leiten und von allen verunstaltenden fremdartigen Elementen zu befreien, ihre Entstehung verdankten. (S.Deutschc poetische Kritik.) Mit dieser Vielseitigkeit der Kritik wuchs auch der Kreis der Gedanken und Anschauungen, welche, um sich genau abzuzeichnen und sich selbst genug zu thun, neue Kanäle sprachlicher Fassung und Formation von selbst sich bildeten. Wie die Kritik den Gedanken, so machte die Poesie, die von der Didaktik und Lyrik zur schildernden und malenden Poesie, und von da zum Epos und weiterhin zum Drama, welches schon durch seine dialogische Form der Prosa näher liegt, fortgeschritten war, auch die stilistische Form flüssiger. Nach und nach zeichneten sich in der Geschichtschreibung Mascov und von Bünau, als Kanzelredner Mosheim, Jerusalem und Spalding, als Satyriker Liscov und Nabener, als didaktische Prosaisten Gellert, Abbt, Moses Mendelssohn, Sutzer, Zimmermann, Garve, Engel, der politisch freisinnige F. K. von Moser, G. Förster u. A. aus. Salomon Gcß- ner führte, nicht ohne Einfluß auf die beweglichere Gestaltung des prosaischen Stils überhaupt, in seinen „Idyllen" eine malende poetisircnde Prosa ein, durch welche freilich Viele auf Abwege und zu einer nicht zu billigenden Zwittergattung verführt wurden; I. I. Win- ckclmann begründete einen für poetische Anschauungen wohlgeeignetcn Stil der Kunstkritik; Gellert in seinem „Leben der schwedischen Gräfin", noch mehr Wieland in seinen philosophischen Romanen, ferner Hermes, Musäus, Sophie Laroche u. s. w. gründeten den Prosastil für den Roman oder bildeten ihn weiter aus; H. P, Sturz schrieb in trefflicher Prosa seine „Erinnerungen aus dem Leben des Grafen von Bernstorff", Justus Möser in vollendeter Form seine „Patriotischen Phantasien", auch lieferte der letztere, während Schlözer als historischer Forscher in den Vordergrund trat, in seiner „Osnabrückischen Geschichte" das Muster einer Spccialhistorie; zugleich schrieb Adelung, obgleich einseitig und engherzig befangen, seine dankenswerthen Schriften über deutschen Stil und deutsche Sprache, und so näherte sich die deutsche Prosa, die zur Anmuth namentlich durch Wieland, sodann durch Thümmel ausgebildet wurde, in allen streng - und schönwiffenschaftlichen Richtungen der elastischen Höhe, auf welcher wir sie in der folgenden Periode erblicken. Mitten durch die angedeutete Periode, die folgende vorbereitend, schreitet G. E. Lessing, das Muster des deutschen kritischen Stils, in der Prosa fein, scharf gegliedert und bei alledem ebenmäßig, indeß 295 Deutsche Prosa der kritische Vorkämpfer der folgenden Periode I. G. von Herder, insofern man seine eigen- thümliche auf Erfassen des Ursprünglichen und Herausstellen der Idee aus der Eombinatio» verwandter Erscheinungen abziclende Manier als eine kritische betrachten will, auch in wissenschaftlichen Erörterungen einen warmen, blühenden, Phantasie- und farbenreichen Stil anwandtc, nicht ohne Einfluß der originellen Denk- und Schreibweise Hamanns. Aus die .höchste Höhe classiscber Harmonie und Ebenmäßigkeit erhob indcß I. W. von Goethe die deutsche Prosa, welche in ihm um so mehr den Künstler bewundern läßt, da sie bei ihm ohne alle Künstelei auftritt und bei aller Kunst doch nur den Gesetzen der Natur selbst huldigt. Man kann Goethe's Prosa die allgemein menschliche nennen, da sie von aller Beimischung, aller Manier frei ist, während sie doch wieder andererseits in ihrer Spontaneität und einfachen Schönheit echt deutsch erscheint. Wie alles einfach Schöne, ist die Goethe'sche Prosa schwer nachzuahmen, fast unmöglich zu erreichen. Herder sowol als Goethe waren auch im Stil die Antagonisten Kant's, der zuerst für reinlogische Begriffe und die tiefere philosophisch abstracte Speculation im Deutschen den entsprechenden, freilich auch der Begriffsstarrheit gemäßen kalten und tonlosen Ausdruck fand. F. von Schiller, obgleich in seinen philosophischen und ästhetischen Abhandlungen von Kant'schen Principien ausgehend, läßt in seiner Prosa doch überall seine poetische Herzenswärme durchblicken, von der er sich sogar in seinen jugendlichen Prosawcrken zum Theil zu weit Hinreißen ließ und die er selbst in seinen historischen Schriften nicht verleugnen kann, während Johannes von Müller, nicht ohne von Tacitus und dem Chronikcnstil influirt zu sein, eine historische Schreibweise aus- bildcte, welche zwar zuweilen gezwungen, dabei aber markig, kurz, präcis und Vieles mit wenigen Worten malend erscheint. Der humoristische Stil wurde, nachdem ihn Lichtenbcrg, Matth. Claudius und Hippel in einzelnen Richtungen cultivirt, besonders von Jean Paul F. Richter, zwar mit glänzenden Zwischenlagcn, doch nicht immer gerade geschmackvollen und gesuchten Wendungen, in die Tiefe gebaut. Neben diesen Koryphäen der classischen Periode der deutschen Prosa und nach ihnen häufen sich die Namen dergestalt, daß wir hier auch auf die kürzeste Charakteristik der einzelnen Prosaisten verzichten müssen. In der Kanzclbcrcdtsamkeit zeichneten sich aus Zolli- kofer, Sturm, Reinhard, Sack, Hanstcin, Ribbeck, Schleiermacher, Niemcyer, Ammon, Marezoll, Dräseke, Krummacher, Tzschirner, Schuderoff, Schmaltz und viele Andere. Dagegen hat sich die politische und gerichtliche Beredtsamkeit, besonders letztere, nicht in dem Maße in Deutschland entwickeln können, wie in den freisinniger organisirten und in allen menschlichen Hauptangclcgenhcitcn mehr auf das Princip von Öffentlichkeit und Mündlichkeit basirten Staaten Frankreich, Belgien und namentlich England; daß cs in Deutschland jedoch nicht an rednerischen Fähigkeiten sondern nur an dem Terrain fehlt, sie ausbil- dcn zu können, dafür zeugen manche in den früher» bairischen, dann in den badischen und zuletzt noch in den sächsischen Kammern gehaltene Reden. Zu den politischen Reden und zwar zu den vortrefflichsten und von der außerordentlichsten Wirkung begleiteten, kann man Fichte's „Reden an die deutsche Nation" rechnen. Meist in lat. Sprache, noch ein Überbleibsel alter pedantischer Gewohnheit, von welcher der Deutsche überhaupt so schwer läßt, werden die Schulreden und die akademischen durch eine Feierlichkeit oder Festlichkeit vcranlaß- tcn Reden gehalten; doch ist noch neulich F. von Raumer, der speciell auf die Verunstaltungen, welche die deutsche Sprache selbst in Ministcrialbefehlen erleben mußte, aufmerksam machte, mit einem nachahmungSwerthcn Beispiel, einer in deutscher Sprache gehaltenen akademischen Festrede, vorangegangen. Als Stilist im politischen Genre zeichnete sich namentlich Gentz aus. Der geschichtliche Stil wurde seit I. von Müller, besonders von dessen Biographen Woltmann, in weniger leichter, aber auch ernsterer und strengerer Weise von Nemer, Eichhorn, Poffelt, Schlosser, Pölitz, von Rotteck, Leo, Niebuhr, Heeren, K. A. Menzel, Luden, Raumer, Hormayr, Ranke, Wachsmuth u. s. w., in populaircr Weise von Becker, W. Menzel u. s. w. angcbant. Meist übcrwiegt indcß die Schwere des Sroffs und die Tiefe der Forschung, wie die geistvolle Combination die Anmuth der Form; namentlich kann man nicht sagen, daß bisher eine nationale geschichtliche Prosa gefunden sei, welche der Wissenschaft, dem Geiste der Narion und dem Gesetze der Schönheit zugleich genug thätc. Die Extreme sind eine zu blühende und eine zu trockene Darstellung. Der biographische, auto- 296 Deutsche Prosa biographische und memoirenartige Stil ist besonders in jüngster Zeit trefflich angebaut wo» den, in kräftiger cchtdeutscher Schreibweise von E. M. Arndt, in Goethisircndcr von Varn- Hagen von Ense, Carus, Steffens, Lang, Gagern, u. s. w. Im literargeschichtlichen Stil ist seit Goethe und Schiller viel Gutes geleistet worden, so von F- von Schlegel, A. 28 . von Schlegel, besonders in dessen „Vorlesungen über die dramatische Kunst", die mit großer Eleganz geschrieben sind, von Wächter, der sich durch charakteristische Prägnanz aus> zeichnet u. s. w. Die philosophische Sprache erweiterte sich mit jedem neuen System, so besonders durch Fichte, Schclling, der auch in einzelnen Abhandlungen (z.B. in der „Rede über das Verhältniß der Natur zur bildenden Kunst") den ästhetischen Sinn durch einen kunstschönen Stil zu befriedigen weiß, F. H. Jacobi, Steffens, Hegel, der, bei aller Fähigkeit, abstracto Begriffe zu erschöpfen, durch Weitschweifigkeit und Verworrenheit der Periodik, wie übermäßige Anwendung fremdländischer Ausdrücke und Terminologien, besonders in seinen stricken Anhängern viel zur Verunstaltung der deutschen Prosa beitrug, Herburl u.s.w. Einzeln stehen der sprachgewaltige Görres, ferner A. von Humboldt in seinen blühend geschriebenen „Ansichten der Natur" und K. Ritter in seiner weisen Behandlung der Prosa bei Erörterung streng wissenschaftlicher Fragen. Ferner sind als gute Prosaiker zu nennen Voß, W. von'Humboldt, Fernow, Wolf, L. von Buch, Feuerbach, Zachariä, Solger, Griepenkerl, Hotho, Grimm, Hillebrand, Passavant, Numohr, Gans, Rosenkranz und viele Andere, zum Theil in der mehr ästhetisirend philosophischen oder literarhistorischen Richtung, zum Theil in der Behandlung streng wissenschaftlicher Gegenstände. Ohne daß man der Mehrzahl unter ihnen das Verdienst einer klassischen Prosa nachrühmen darf, ist doch ihr Streben, wissenschaftliche Tiefe mit klarer Darstellung zu verbinden, in Deutschland schon sehr beachtenswerth. Auch in stilistischer Hinsicht bilden in Deutschland, zum Theil « als Ersatz für die Memoirenliteratur, die Briese berühmter Schriftsteller und Dichter eine . interessante Specialliteratur, so besonders die von Winckelmann, Lessing, F. H. Jacobs ^ Herder, G. Förster, I. von Müller, Jean Paul, Goethe, Schiller, F. von Meyern u. s. w. In diesen Briefen wird die Prosa.mehr oder weniger persönlich und individuell und entwindet sich der künstlichen Verpuppung, der sie nicht selten in den Werken derselben Autoren häufig unterliegt. Die novellistische und dem productiven Genre ungehörige Prosa, schon darum beher- zigenswerth, weil sich in ihr die Sprache im Allgemeinen anmuthiger und von pedantischem Zwange und fremdländischen Zuthaten freier darstellt, als in dem reinwissenschaftlichen Gebiete, wurde besonders ausgebildet von F. H. Jacob!, F. Jacobs, E. Wagner, F. Roch- litz, Contessa, F. Kind; dann von den Anhängern der romantischen Schule L. Tieck, Wackenroder, Hardenberg (Novalis), A. von Arnim, H. von Kleist, Clemens Brentano, Hoff- mann, I. von Eichendorff, Häring (Wilibald Alexis), Chamisso, Fouque, H. Steffens; ferner von Zschokke, A. Hagen, in originellerer Weise von L. Schefer, endlich von Jmmer- mann, Mörike, Schücking, und in neuester Zeit von einer sehr großen Zahl Anderer, die noch auf dem Register der Tagesliteratur stehen. Ein eigenes poctisirend kritisches, politisirend ästhetisches, social-polemisches und besonders die Form des Witzes liebendes Genre der Prosa, dem es zum Theil nicht an dichterischer Färbung fehlt, bezeichnen die Vorgänger des söge- . nannten Jungen Deutschlands, H. Heine, W. Menzel, L. Börne, die Persönlichkeiten des ^ Jungen Deutschlands: Mundk, Laube, Wienbarg, Gutzkow, die mit ihnen näher oder entfernter zusammenhängenden: Kühne, Willkomm, Dingelstedt, Marggraff, A.Jung, L. Wihl, Schlesinger, Walesrode, Marlow (Wolfram), und zum Theil nach Heine's genialem Vorgänge, die vielen Reiseschriftsteller: Pückler-Muskau, Gräfin Hahn-Hahn, Kornfeger (Siebert) u. s.w. Ferner sind zu nennen die in Stil und Tendenz die Parteigängerschaft der „Deutschen Jahrbücher" bildenden Schriftsteller Rüge, B. Bauer, L. Buhl, Feuerbach, Prutz u. s. w., die originell schreibende Bettina (Frau von Arnim), die skizzircnde Rahel, der Humorist Mises (Fechner), die anonymen Verfasser der „Lebensbilder aus beiden Hemisphären", - wie des „Cancan eines deutschen Edelmanns", die sich auch in stilistischer Hinsicht originell ausgebildet haben. Nach der mehr productiven und novellistischen Seite hin hat somit die deutsche Prosa eine große Beweglichkeit, Zierlichkeit und Eleganz erlangt, obschon hier und da die Beweglichkeit in einen zu süßlichen Tanzschritt, die Zierlichkeit in oberflächliche Glätte 297 Deutsches Recht die Eleganz in zu wcitgctriebencn Misbrauch mit fremdländischen Worten und Phrasen ausartet. Selbst in Schriften, die, wie Mundt's sonst gut geschriebene „Kunst der deutschenProsa", gegen diesen Mißbrauch eifern, hat die Bequemlichkeit des Verfassers einen übermäßigen Vor- rath fremdländischer Phrasen aufgehäuft. Gegen diesen mehr conversationcllen Ton sticht die Schwerfälligkeit, womit sonst sehr anerkenncnswcrthc Werke, wie die literarhistorischen Werke von Gervinus und Rinne geschrieben sind, um so auffallender ab. Nirgend herrscht in der Prosa mehr Buntheit und gegensätzliche Spaltung als in der deutschen, nirgend ein solcher Wechsel zwischen Goethisircndcr Einfachhcitund Jeanpaulisircnder Überhäufung und Zusammcnge- setzrheit, nirgend ein solcher Abstand zwischen schwerfälliger Tiefe, ja selbst Unbeholfeuheit und oberflächlichster Eleganz, selbst gänzlich unstilistischer Leichtfertigkeit, nirgend eine solche Entfernung zwischen der Prosa, welche den Gebildeten genießbar, und derjenigen, die dem Volke verständlich ist, wie zwischen den Werken, die bei wenigem oder oberflächlichem Inhalt viel Form, und denen, die wenig Form bei vielem und gutem Inhalt haben. Nichts ist in der deutschenProsa typisch,Alles vielmehr der persönlichen Beliebigkeit anhcimgegeben. Diese Mannichfaltigkcit an sich, ein interessantes Schauspiel, beweist aber auch, daß dem deutschen Geiste eine »rationelle, alle Formen durchdringende Grundfärbung nicht eigen ist. Deutsches Recht nennt man zunächst das in Deutschland entstandene Recht, im Gegensatz zu dem daselbst eingebürgerten fremden Rechte, dann das in ganz Deutschland geltende Recht im Gegensätze zu dem einheimischen Particularrecht, und endlich in einer engen», aber der gewöhnlichsten Bedeutung das einheimische Privatrecht. Die erste Kunde von dein Recht der alten Deutschen erhalten »vir durch dieNömer, insbesondere durch die „6eimsnia" des Tacitus. Mag derselbe in einzelnen Fällen die Rechtszustände damaliger Zeit in Deutschland idealisirt und seinen Römern als Spiegel hingestellt haben, so hat doch die genauere Erforschung Dessen, was einheimische Rechtsquellen späterer Zeit über deutsches Rechtslcben enthalten, gezeigt, wie richtig und treu Tacitus im Ganzen jeneNechts- zustände aufgefaßt habe. Einheimische Quellen über deutsches Recht haben wir erst ungefähr seit dem ll.Jahrh. in den sogenannten Volksrechten der verschiedenen damaligen Hauptstämme, der Franken, Alemannen, Baiern u. s. w., sowie in den Capitularien der fränkischen Könige. Die erster»» entstanden zumeist durch Aufzeichnung des schon vorhandenen Volks- rcchts unter Auctorität der Fürsten der einzelnen Völkerstämme, und es haben dieselben keineswegs blos das Privatrecht zum Gegenstand. Namentlich unter Karl dem Großen wurden die Volksrechte umgearbeitct, und von ihm rühren auch die meisten Capitularien her, die in der Eigenschaft von Gesetzen theils für das ganze Reich, theils auch nur für einzelne Länder, ;. B. für Sachsen, erlassen wurden und sich viel mit Verwaltungs- und Kirchen- sachcn beschäftigen. Die Hauptgegenstände des damaligen Privatrochts waren das Familien- rccht und das des Grundeigenthums. In dem Zeiträume zwischen den Karolingern und den Hohenstaufen gestaltete sich das Recht im Volke vielfältig um; doch wissen wir darüber, aus Mangel an Quellen, nichts Genaueres. Dagegen tritt uns am Ende des 12. Jahrh. das im Stillen gebildete Recht in verschiedenen Formen und Quellen deutlich entgegen. Hierher gehören, außer den Reichsgcfttzcn, vorzüglich die Rcchtsbücher des Mittelalters, an deren Spitze der Sachsenspiegel (s. d.) steht. Diese, an sich nur Privatarbeiten, umfaßten zumeist das gesammte Recht jener Zeit und erlangten eine weithin sich erstreckende Gültigkeit. Auch die Stadtrechte (s. d.) vieler Städte, z. B. Frciburgs, Magdeburgs, Lübecks, die zunächst nur das Recht einer Stadt festsetzten, erhielten oft eine weithin wirkende Bedeutung, indem sie sogenannte Mutterrechte für andere Städte wurden. Selbst die Genossenschaften des platten Landes zeichneten, wenn schon meist erst später, ihr Recht auf, das zunächst nur von reinörtlicher Bedeutung war, zuweilen aber auch gemeingültige Sätze enthielt; diese Quellen nennt man jetzt gewöhnlich Weisthümer (s. d.). Mag es auch somit viel örtliches Recht gegeben haben und das Vorhandensein von Stammesrechten, namentlich sächsischem und fränkischem, sich nicht leugnen lassen, so hat man doch sehr mit Unrecht das Dasein eines gemeinen deutschen Rechts für jene Zeit bezweifelt, da man im Ecgentheil behaupten kann, daß dieselbe die Glanzperiode des reindeutschen Rechts gewesen. Denn »vas man auch über die vom Ausgange des Mittelalters durch Gewohn- herts- und Zuristenrecht erfolgte Aufnahme des fremden röm. Rechts für Ansichten haben 298 Deutsches Reich Deutsche Ritter mag, so kann es doch nicht in Abrede gestellt werden, daß durch dieselbe nicht nur eine Zeit der Rechtsverwirrung und Unsicherheit, sondern auch die der Verkümmerung und Unterdrückung des einheimischen Rechts herbeigeführt wurde, obschon es nicht gelang, das röm. Recht in Deutschland sowie vormals in der röm. Monarchie anzuwenden. Für daS gegenwärtig gültige deutsche Recht erscheinen die gedachten Quellen der frühem Zeit nur als mittelbare oder Hülfsquellcn, und Dasselbe gilt auch hinsichtlich der Par- j ticularrcchte der einzelnen deutschen Staaten und Provinzen. Sonach bleiben für das deutsche Recht nur die noch anwendbaren Rei ch s gesc H c (s. d.) nebst denen des Deutschen ! Bundes, so weit sie hier einschlagen, das allgemeine Gewohnheitsrecht (s. d.) und das Iuristc «recht (s. d.) unmittelbare Rechtsquellen, welches letztere der verschiedenartigen theoretischen und praktischen Thätigkcit der Juristen sein Dasein verdankt und in neuester Zeit immer mehr zu dem ihm mit Recht zukommenden Ansehen als Quelle des deutschen Rechts gelangt. Mag auch das deutsche Recht, bei der vorliegenden Beschaffenheit seiner Quellen, mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen haben als ein anderes Recht, welches in einem vollständigen Eesetzbuche niedergelegt ist, so darf man doch nicht verkennen, daß seit einigen Dcccnnien das deutsche Recht durch seine wissenschaftliche Ausbildung eine von den Praktikern nicht mehr zu übersehende Bedeutung erlangt hat. Es wird nöthig, dasselbe mehr als es zeither geschehen in seiner Stellung zum röm. Rechte auszufasscn, sodaß der in ^ neuerer Zeit wenig beachtete Begriff eines gemeinen, d. h. aus dem fremden und einheimischen Rechte construirten Rechts wieder lebendiger hervortritt. Da nach der Aufnahme dtS röm. Rechts unverkennbar ein großer Theil der Privatrechtsverhältnisse nach diesem beur- theilt wird, so liegt es auf der Hand, daß für diese Lehren deutsches Recht nicht zur Anwen- i düng kommen kann. Somit hat sich das deutsche Recht als Theil des gemeinen zunächst , auf die Lehren zu beschränken, welche dem röm. Rechte fremd und doch in Deutschland gül- I tig sind, wie Reallasten, Erbverträge u. s. w. Eine fernerweite Aufgabe desselben ist eS, I die Modificationen, die die meisten Lehren des röm. Rechts in Deutschland erfahren haben, s auf wissenschaftlichem Wege nachzuweisen und zu begründen; denn sehr oft besteht gerade in Dem, was die Romanisten als uncivilistischcn Auswuchs eines Instituts verwerfen, das lebenskräftigste deutsche Recht, welches sich in der Praxis unter dem falschen Deckmantel des röm. Rechts erhielt. Immer mehr arbeitet sich aber das einheimische Recht aus der Unterwürfigkeit unter das fremde hervor, sodaß die Versuche, deutsche Institute nur um« röm. Form gelten zu lassen und nur von dem röm. Gesichtspunkte aus aufzufassen, immer seltener werden. Das deutsche Recht, dessen Dasein wirklich erwiesen ist, geht anerkannt dem fremden vor; aber beides auch in seiner Verbindung als gemeines Recht hat in Deutschland nur subsidiaire Geltung, sodaß die Landesrechte u. s. w. ihm Vorgehen. Unter manchen veralteten Einthcilungen des deutschen Rechts ist nur die in allgemeines und besonderes der Beachtung werth; unter jenem versteht man nämlich Das, was für Alle ohne Rücksicht auf ständische Verschiedenheit gilt, unter diesem Das, was nur auf einzelne Stände, z. B> den Adel, Anwendung findet. Dasselbe verliert sich aber in der neuern Zeit immer mehr. Die bekanntesten Lehrbücher des deutschen Rechts sind von F. Karl Eichhorn (s. d.), Mitte r m a i e r (s. d.) und Maurcnbrecher. Andere berühmte Forscher und Lehrer des deutschen Rechts sind Wilda (s. d.), Reyscher, Albrecht (s. d.) und Weiskc, von denen die beiden erstem die „Zeitschrift für deutsche Rechtswissenschaft" (7 Bde., Lpz. l 839—-12) begründeten, die namentlich in dem Sinne ein Organ entschiedenen Fortschritts wurde, als sie die selbständige Entwickelung echt deutscher Nechtsinstitute, deren richtige Erkenntniß bisher durch Einmischung römisch rechtlicher Grundsätze getrübt ward, zu verfolgen sich bemühte. Eine neue „Zeitschrift für volksthümlichcs Recht und nationale Gesetzgebung" begründete G- Eberty (Halle I8ii). Deutsches Reich, s. Deutschland. Deutsche Reiter nannte man die im 16. Jahrh. bei den Deutschen und den Niederländern aus den Schützen zu Pferde gebildete leichte Reiterei. Sie waren mit Brustharnisch und Pickelhaube bekleidet und führten ein Feuerrohr mit Nadschloß, zwei Pistolen und einen Reiterdegcn. Erft nach dem Dreißigjährigen Kriege erfuhren auch sic eine Umgestaltung. Deutsche Ritter, Deutscher Orden, auch Deutsche Herren nanntesich der Deutsche Ritter 299 c zur Zeit der Kreuzzüge entstandene dritte christliche Ritterorden. Nachdem schon ums I. H28 ein Deutscher in Jerusalem, tief gerührt von dem Elende so mancher erkrankter und hülfloser deutschen Pilgrime, ein Hospital nebst Bethaus für dieselben gegründet und sehr bald andere Deutsche zur Wartung und Pflege ihrer Kranken sich mit ihm vereinigt hatten, traten HW während der an Leiden und Mühseligkeiten so reichen Belagerung von Akko einige Bürger aus Bremen und Lübeck, die unter dem Grafen Adolf von Holstein nach dem heiligen Lande gezogen waren, mit den Brüdern des Hospitals in der Absicht zusammen, nach dem Verbilde der Johanniter und Templer einen Ritterorden mit dem doppelten Zwecke der Pflege und Wartung erkrankter armer Pilgrime und der Verthcidigung des heiligen Landes durch Kampf und Schwert zu gründen. Der Plan erhielt den Beifall des Herzogs Friedrich von Schwaben, der alsbald die Stiftung des Ordens beschloß, welcher auch schon das Jahr darauf die Bestätigung des Papsts Clemens' III. und Kaiser Heinrich's VI. erlangte. Akko wurde, nachdem es erobert, die erste Heimat des Ordens; zugleich erhielt derselbe durch päpstliche Bestätigung gleiche Rechte mit den Templern und Johannitern; seine Mitglieder sollten einen weißen Mantel mit schwarzem Kreuze als Ordenskleid tragen und sich Brüder des Hospitals der Deutschen nennen und nur Männer deutscher Geburt von freiem, edlem Stamme in denselben ausgenommen werden dürfen. Seiner doppelten Bestimmung nach hatte der Orden zwei Claffcn von Mitgliedern, Ritter und barmherzige Brüder, zu denen erst nach etwa dreißig Jahren zur Besorgung des Gottesdienstes auch Priester hinzugefügt wurden. Erst später, ums I. 1221, kamen noch, ähnlich den Vreres servants ck'armes bei den beiden andern Orden, die sogenannten Halbbrüder hinzu, die, aus nichtadcligem Ge- schlechte gewählt, zum Theil in ihren weltlichen Verhältnissen fortleben durften. Der erste Ordensmeister des Deutschen Ordens war Heinrich Walpot von Basscnheim, ein Ritter aus den Rheinlanden gebürtig. Zwar befestigte unter ihm und seinen beiden näch sten Nachfolgern, Otto von Kerpen und Hermann Barth, der Orden sich schon zusehend, aber mächtig und einflußreich wurde derselbe erst unter dem vierten Ordensmeister Hermann von Salza (s-d.). Dieser, durch das Vertrauen des Papsts und des Kaisers Fricdrich's II. gleich sehr geehrt und von dem Letzter» für sich und seine Nachfolger im Meisteramte zum Rcichsfürsten erhoben, wußte dem Orden allenthalben großes Ansehen und Gewicht zu verschaffen und den Rcichthum seines Einkommens sowie den Umfang seiner Besitzungen so bedeutend zu machen, daß die letztem bald über ganz Deutschland bis nach Ungarn, Italien und Sicilien sich erstreckten. Er war es auch, an den der Herzog Konrad von Masovien sich mit der Bitte um Hülfe gegen die heidnischen Preußen wendete. Auf Betrieb des Papsts und nach erhaltener Zusicherung eines bestimmten Landstrichs, des Kul- merlands, als Wohnplatzes des Ordens, sendete Hermann von Salza dem Herzoge den Landmeister Hermann Balk mit einer Anzahl Ordensritter und Knappen, die 123» den merkwürdigen, blutigen Kampf gegen die Urbewohner Preußens begannen, der, nachdem sie sich 1237 mit dem Orden der Schwertbrüder (s. d.) in Licfland vereinigt hatten, 1283 mit der Besiegung und Bekehrung der Preußen endigte. Hierauf begann der Orden 128-1 den Krieg mit Lithauen, der sich länger als ein Jahrhundert hinzog. In dieser Zeit waren die berühmtesten Großmeister Meinhard von Qucrfurt, welchem unter andern das Land Preußen die Eindämmung der Weichsel und Nogat verdankt, Siegfried von Feuchtwangcn, der 13»9 die Negierung des Ordens nach Marienburg verlegte, und Weinrich von Kniprode, der am längsten und glücklichsten regierte (1351—82) und in der Schlacht bei Nudau 137» die Lithauer besiegte und zum Frieden zwang. Erzog gelehrte Männer aus Deutschland an seinen Hof, ließ durch sie die Ordensbrüder unterrichten und stiftete in jedem Dorfe von 6» Bauern eine Schule und zu Marienburg und Königsberg gelehrte Schulen; auch gründete er einen im Auslande berühmten Gerichtshof und beförderte Handel und Gewerbe. Unter seiner und seines Nachfolgers Regierung hatte der Orden den höchsten Gipfel seiner Macht erreicht. Seine Besitzungen erstreckten sich von der Oder bis zum Finnischen Meerbusen, und seine Einkünfte wurden auf 8W000 Mark berechnet. Bald nach dieser Zeit begann der Verfall des Ordens, der besonders durch die Schlacht bei Tannenberg im1.11 l» gegen diePo- len, in welcher -1»»»» Ordensritter fielen, noch mehr aber durch Schwelgerei, Verschwendung und die im Orden entstandenen Parteiungen und Zwistigkeiten beschleunigt wurde. Der Adel 308 Deutsches Schloß Deutsche Sprache und die Städte des Landes benutzten die dadurch entstandene Schwäche der Regierung, um sich der immer drückender gewordenen Herrschaft des Ordens zu entziehen, und unterwarfen sich dem Schutze Kasimir's II. von Polen, in Folge dessen ein dreizehnjähriger verheerender und blutiggrausamcr Krieg (145-1—66) entstand, welcher damit endigte, daß der Hochmei- ' stcr Ludwig von Erlichshausen im Frieden zu Nessau Westprcußen an Polen abtretcn und - Polens Lehenshoheit anerkennen mußte. Um durch die Familienverbindungen dem Orden ^ Hülfe gegen Polen zu verschaffen, wählten nun die Ritter deutsche Fürsten zu Hochmeistern. So wurde 15II Albrecht von Brandenburg gewählt, der nach einem unglücklichen Kriege j mit König Sigismund von Polen 1525 das Ordensland Preußen in ein von Polen lehn- ^ bares und in seiner Familie erbliches Herzogthum verwandelte. Seit 1527 hatte der Hoch- ^ meistcr seinen Hauplsitz zu Mergentheim in Schwaben und war geistlicher Reichsfürst. Die elf Balleien aber, Provinzen des Ordens, unter denen Mergentheim mit 32066 E. ruf >6 IHM. die bedeutendste war, hatten einen Gesammtflächeninhalt von 46 mM. mit ! 88066 E-, waren in Commthureien abgetheill, denen ein Landcommthur Vorstand, lagen > aber in verschiedenen Ländern zerstreut. Durch den presburger Frieden erhielt 1865 der Kaiser von Ostreich die Würde, Rechte und Einkünfte eines Großmeisters des Deutsche» ! Ordens. Obschon nun derselbe im Kriege mit Ostreich von Napoleon am 24. Apr. 1869 ^ zu Regensburg aufgehoben wurde und dessen Güter den Fürsten anheimficlcn, in denen dieselben lagen, so führt doch noch gegenwärtig der Erzherzog Maximilian von Ostreich, geb. 17 82, den Titel als Großmeister des Deutschen Ordens im Kaiserthume Ostreich, der nach dem Tode des Erzherzogs Anton, gest. am 2. Apr. 1835, vom Kaiser ihm verliehen wurde. Vgl. Voigt, „Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergänge der Herrschaft des Deutschen Ordens" (9 Bde., Königsb. 1827—39). Deutsches^Schloß, s. Radschloß. s Deutsche Sprache. Die deutsche Sprache ist ein Zweig des alten german. Sprach- stamms, der sich in drei Zweige, den deutschen Hauptzweig, den nordischen oder skandina«. ; und den angelsächs. oder engl. Zweig theiltc. Sie zerfiel schon im Alterthum in zwei Ur- mundarten, die süd- und nvrd- oder ober- und niederdeutsche, die sich wieder in mehre Provinzialmundarten auflösten. Denn so sehr auch im Einzelnen und in Nebenverhältniffcn die Wörter und grammatischen Formen dieser beiden Mundarten voneinander abweichen, so geben sich doch alle als einer Wurzel entwachsen zu erkennen. Gewöhnlich denkt man in- deß, wenn man ohne weitern Zusatz von der deutschen Sprache redet, blos an das Hochdeutsche, die allgemeine Schriftsprache, welcher sich die Sprache der gebildeten Stände Deutschlands hier mehr, dort minder fern von den Anklängen und Eigenheiten der Pro- vinzialmundart nähert. Die Frage, wo das reinste Deutsch gesprochen werde, läßt sich daher, ohne einseitig zu urtheilen, nicht in der Art beantworten, daß man das Gebiet desselben auf eine Gegend beschränkt, wie es z. B. Adelung that, nach dessen Ansicht das Hochdeutsche blos die obersächsische oder vielmehr meißnische Mundart ist. In Berücksichtigung der Bildungsgeschichte der deutschen Schriftsprache versteht man darunter die geläuterte Sprache des Oberdeutschen, wie seit Luther die vorzüglichsten Schriftsteller dieselbe aus ihren Grund- kräften entwickelten, wodurch sie auch Eingang in die feinen Gesellschaften aller deutscher Län- s der fand. Mit Recht setzt man daher dem Niederdeutschen nicht das Hochdeutsche sondern das Oberdeutsche entgegen, da die hochdeutsche Sprache keine Mundart eines einzigen Volks der Deutschen ist. Am wenigsten frei von landschaftlichen Eigenheiten ist die deutsche Sprache, selbst der Gebildeten, im südlichen Deutschland, zumal in den südlichsten Gegenden, in den Vorbergen der Alpen und Karpaten, und in den nördlichen und nordöstlichen Flachländern. In Obcrschwabcn, Oberbaicrn und Ostreich ist sic rauher in den Grundlautcn, reicher an Zischlauten; im westlichen Westfalen, am Niederrhein, in Mecklenburg und Pommern verschwimmt sie in breitem Grundlautcn und matter Weichheit, welche Verschiedenheiten größ- tentheils in dem Einflüsse des Klima auf die Sprachwerkzeuge begründet sind. Freier von jenen Eigenheiten und geläuterter ist das Hochdeutsch im Mittlern Deutschland, besonders in Obersachsen, wo es jedoch, dem Riesengebirge sich nähernd, theils rauher, theils singend, und nach den brandcnburgischcn Niederungen hin wieder weich und matt wird; noch reiner im südlichen Niedersachsen, in Hannover, Braunschweig und Göttingen. Außer Deutschlands Eren« Deutsche Sprache 301 zen wird es unter den Abkömmlingen deutscher Ansiedler in Kurland und Liefland am reinsten gesprochen, weil hier eine landschaftliche Volkssprache keinen nachtheiligen Einfluß übte. Über den Ursprung der deutschen Sprache läßr sich mit Sicherheit so viel behaupten, daß sie in Wurzeln und grammatischen Formen auf das innigste mit dem ind. Sanskrit, dem pcrs. Zend, mit dem Griechischen, Lateinischen, Lithauischen, Altslawischen und Gothi- schen verwandt ist, wie dies Jak. Grimm, Grass und Bopp am genauesten nachgewiesen und erörtert haben. Voß sagt, indem er das Griechische und das Deutsche vergleicht: „Die Untersuchung der beiden Sprachen ergibt gemeinsamen Ursprung, und in der Kindheit der teutonischen sogar sanftere Anlagen. Die älteste Sage lehrt, daß die altgricch. Horden Anbau und Sittlichkeit mit dem Dienste des Bacchus und der.begeisterndcn Quellnymphen aus der Nordgegend Thraka empfingen; und die Geschichte zeigt uns in diesem thrakischen oder, wie man später cs nannte, scythischen Nordlande ein deutsches Geschlecht, Gothen ani Schwarzen Meere, die, obgleich über ein Jahrtausend von den Urvätern entfernt, dennoch in den Sprachformen eine auffallende Ähnlichkeit mit der griechischen behaupteten. Die südliche Schwester gelangte durch Weltverkehr, heitern Himmel und Freiheit zur höchsten Ausbildung, die nördliche sank zurück. Aber bei allen Stürmen erhielt sic auch in der Verwilderung das Vorrecht einer unvermischten, kraftvollen und aus innerm Triebe sich bildenden und veredelnden Stammsprache, die unter den Bastardinnen des bezwungenen Europa allein mit der griechischen wetteifern darf." Daß die deutsche Sprache eine unvermischte Stammsprache sei, d. h. eine solche, die nicht aus einer wesentlichen Vermischung mit andern Sprachen entstanden ist, erhellt aus der Vergleichung mit diesen und auch aus der besondern Eigenschaft, daß in jedem Worte die Stammsylbe stets den Hauptton hat, die Nebensylbcn aber entweder ganz tonlos oder doch schwächer betont sind. Leider ist uns aber aus dem ältesten Zeitraum der deutschen Sprache nur Wenig übrig, nur einzelne Wörter und noch dazu meist Eigennamen; jedoch auch dies Wenige reicht hin, uns zu überzeugen, daß sie schon da- , mals alle die Wurzelwörtcr hatte, aus welchen sie gegenwärtig besteht, aber auf eine den damaligen Sprachorganen des Deutschen angemessene Art. Pomponius Mela sagt, daß ein röm. Mund diese Wörter kaum aussprechcn könne, und Nazarius im Jahrh. versichert, der Klang derselben errege Schauder, was Adelung veranlaßte, auf gehäufte harte Consonanten, starke Hauchlaute, tiefe Vocale und Doppellaute zu schließen. Doch ist den Zeugnissen der damals schon sehr verweichlichten Griechen und Römer kein unbedingter Glaube bcizumessen. Sie nannten die deutsche Sprache rauh und barbarisch, vielleicht nur, weil sie ihnen fremd war, und daß die Anhäufung von Mitlauten eine Sprache nicht noth- wendig rauh mache, zeigt die poln. Sprache, deren Consonantenmenge uns schreckt, und die dennoch in dem Munde Gebildeter sehr wohlklingend ist. Übrigens mochte wol das Altdeutsche reicher sein in Bezeichnung sinnlicher als nichtsinnlicher Gegenstände, in deren Gebiet sich der Sohn des Waldes nicht verflieg. Bei den mit den Skandinaviern häufig verwechselten Gothen, die sich, von denHunnen vertrieben, zu beiden Seiten der untern Donau ausgebreitet hatten, und namentlich bei denen, die nach ihrem Wohnsitz in Mösien, der heutigen Walachei, Mösogothen hießen, f zeigt sich, wahrscheinlich wegen des Verkehrs mit den benachbarten Griechen in der zweiten Hälfte des -1. Jahrh., die erste Spur deutscher Schrift und Literatur. Ulsila (s.d.), ein vornehmer Gothc, der seine Landsleute der christlichen Religion zuführte, suchte gegen 360 die Schreibkunst einzuführen und übersetzte, als er Bischof geworden war, die Bibel. Die Morgenröthe der eigentlichen deutschen Literatur, und somit auch der deutschen Sprach- bildung, bricht jedoch erst im 8. Jahrh., mit der Zeit Karl des Großen, an. Was bis auf , diese Zeit erschien, waren meist sklavische Übersetzungen aus dem Kirchenlatein, die nicht nur . die lat. Constructionen, sondern sogar die Beugung der Wörter nachformten; die herrschende Mundart aber war die oberdeutsche oder althochdeutsche. Indessen fallen doch schon in diese s Zeit einzelne Lieder, durch welche die Sprache eine poetische Bildung erhielt. Karl der Große, ! mit dem der sogenannte fränkische Zeitraum, 7 68— l 136, beginnt, legte den Monaten und Winden deutsche Namen bei, dachte selbst auf die Abfassung einer deutschen Sprachlehre und that alles Mögliche, um Sprache, Poesie und Wissenschaft zu befördern. Jndeß 302 Deutsche Sprache gingen die Fortschritte nur langsam und zeigten sich erst unter seinen Nachfolgern bedeutender. (S. Deutsche Literatur.) Nur allmäligen Fortschritt machte die Bildung der Sprache auch in der Zeit dersächs. Könige, 912—1024, unterdenenbesonders Notker (s.d.) sich um dieselbe verdient machte. Da aber unter allen Dichtern und Schriftstellern dieser Zeit kein so hervorragender Geist war, daß er für die Übrigen gesetzgebend geworden wäre, so kam es zu keiner Einheit, und man bemerkt an ihren Werken oft noch Mangel an Gleich- förmigkcit in Ansehung der Beugungen und Endungen der Wörter. Ebenso ging es unter ! den sränk. Kaisern, 1024 —1136; doch verkündete bereits das Lobgedicht eines Ungenannten , auf den 1075 verstorbenen Erzbischof zu Köln, Anno (s. d.), in Poesie und Sprache die Nahe eines schönem Zeitalters, welches unter den schwäb. Kaisern aus dem hohenstaufischen Hause aufblühte und den schwäbischen Zeitraum der Minnesänger umfaßt. Merkwürdig ist die Veränderung, welche jetzt in Hinsicht der Schriftsprache erfolgte, indem die fränkische Mundart, die bis daher geherrscht hatte, von der alemannischen oder schwäbischen verdrängt wurde. Das schwäbische Deutsch oder Mittelhochdeutsch, gleich anfangs ausgezeichnet durch Rcichthum und Bildsamkeit, vervollkommncte sich alsbald nach den neuen Bedürfnissen des aufgeregten poetischen Geistes. Nach und nach verlor indcß die schwäb. Mundart ihr Ansehen in Deutschland, und beinahe alle deutsche Mundarten traten in gleiche Rechte. Nicht wenig wurde die freie Bildung der Sprache durch die Zunft der Mcisiersänger gefördert Ohne indeß den Werth der Leistungen des Hans Sachs (s. d.) zu verkennen, muß man doch sagen, daß die Sprache auch von dieser Sängcrschule keinen wesentlichen Gewinn hatte, denn weder der Reichthum noch der Nachdruck derselben wurden befördert; höchstens gewann durch sic die Sprache an regelmäßiger, gleichförmiger Bildung. Doch auch dies sollte verloren gehen; denn da den Laien verboten war, die Bibel deutsch zu lesen, da man, um predigen und Processe führen zu können, seine.Krast einer fremden tobten Sprache wid- ! men mußte, so verwilderte mehr und mehr die bildsame Muttersprache. Diese Verwilderung hemmte mit Macht Luth er (s.d.), indem er, wie Voß sagt, «oll ' des begeisternden Entschlusses, daß sein Volk das Wort der Wahrheit lauter in göttlicher Ei»- ^ sait und Würde vernehmen solle, die neuvcrdcutschte Bibel in jeder Ausgabe, von 1518- 45, sorgfältig besserte und aus dem Gemeinem zum Edlem, aus zufälliger Anceihung ;» geordnetem Schwünge der Beredtsamkcit erhob. Allgemein wurde von jetzt an die deutsch Sprache zur Gesetz-, Geschäfts- und später durch Ehr. von Wolf auch zur wissenschaftliche» Sprache erhoben. Ihm, dem Stammvater des neuen Sprachbaues, folgten nach Zwischenräumen der Vernachlässigung die fortbildenden Väter, und zwar zunächst der männliche Opitz; dann der feurige Lohenstein, der in „Arminius und Thusnelda" einen bewundernswürdigen Reichthum treffender Worte und Wendungen ausbreitcte, und endlich der gesellige Hagedorn, der die in Studirstuben etwas crsteifte Sprache für die zartern Töne der Frohherzigkeit und der Lebensweisheit zu schmeidigen verstand. Aus Eifer für die deutsche Sprache traten im 17. Jahrh. auch mehre Gesellschaften zusammen; so der Palmenorden oder die Fruchtbringende Gesellschaft zu Weimar (1617), die Aufrichtige Tannengesellschaft zu Strasburgs 1617), die Deutschgesinnte Genosscnschaft zuHamburg (l 64 6), der Blumenorden j der Schäfer an der Pegnitz zu Nürnberg (1644), der Schwanenorden an der Elbe (16k») ^ und die Deutsche Gesellschaft zu Leipzig (1697). Der Zweck des PalmenordcnH wie ihn der > Geschichtschreiber desselben, G. Neumark, angibt, „die Muttersprache in ihre uralte ange- > borene Reinigkeit und Zierde wieder einzuführen, sie von dem fremden, drückenden Sprachenjoche zu befreien und durch alte und neue Kunstwörter zu befestigen", wurde auch von den später entstandenen Gesellschaften, die sich jenem als Töchtervereine anschlossen, mit Liebe und zum Theil mit schwärmerischem Eifer verfolgt. Wie man auch über diese Verbindungen, deren Wirksamkeit in der Regel den prunkvollen Namen nur wenig entsprach und bald in Spielerei ausartete, zu denken geneigt sein mag, das Verdienst läßt sich ihnen nicht streitig machen, daß sie der zunehmenden Ausländern einen Damm entgegensetzten und eine leben- . dige Theilnahme an der Fortbildung der Muttersprache auch in den höhern Ständen der Gesellschaft rege machten. Seit dem Ende des 17. Jahrh. wurde durch den überhandneh- mcnden Einfluß der franz. Sprache die deutsche verdorben und, als die Sprachmengerei in der ersten Hälfte des 18. Jahrh. den höchsten Gipfel erreicht hatte, die franz. herrschend. Bgl> Deutsche Sprache 303 Radlof, „Frankreichs Sprach- und Geistestyrannei über Europa seit dem rastädter Frieden" (Münch.>8>4). Der neue Purismus, den Gottsched (s.d.), der die Deutsche Gesellschaft in Leipzig >727 erneuerte, und seine Schule übten, zeugte mindestens von gutem Willen für eine nicht unnöthige Sache, hatte aber zu wenig Empfehlendes, um der sranz. Sprache die Herrschaft in Deutschland streitig zu machen. Ungerecht war das Urtheil Friedrich des Großen über die deutsche Literatur, da es zu einer Zeit erschien, der nicht nur Besseres bereits vorhcrgegangcn war, sondern in welcher auch Klopstock, Lessing, Wieland, Engel u.A. durch eine edle Bildung des poetischen und prosaischen Ausdrucks den Deutschen den Rang eines wohlrcdenden Volks unbestreitbar erworben hatten. Vgl. Kolbe, „Uber den Wortreichthum der deutschen und sranz. Sprache, und beider Anlagen zur Poesie" (3 Bde., 2.Aufl.,Berl. >818 — 20). Dreierlei ist es besonders, was den Geist der deutschen Sprache charakterisier, zuerst ihre Bildsamkeit, in der unerschöpflichen Kraft derselben bestehend, durch Hülfe ihrer Beugungs - und Ableitungssylben, sowie durch Wortzusammensetzungen neue Bildungen zu erzeugen; dann ihr Neichthum, denn die Summe ihrer Wörter übersteigt auch die der reichsten der lebenden Sprachen und mehrt sich fast täglich, und endlich ihre Universalität, d. h. das Vermögen, den Geist aller gebildeten Sprachen zu umfassen und das Beste derselben sich zuzueignen. Mögen immerhin manche Versuche, ausländische Formen in das Deutsche überzutragcn, unglücklich ausgefallen sein; für Das, wessen die deutsche Sprache fähig ist, beweisen sie doch. Noch viel mehr aber würde die deutsche Sprache leisten können, wenn sie nicht einseitig zu sehr beschränkt worden wäre, wenn nicht das sogenannte Hochdeutsch allein Schriftsprache geworden wäre und das Niederdeutsche verdrängt hätte. Die Leistungen der Gegenwart für die wissenschaftliche und besonders historische Erforschung der deutschen Sprache verdanken ihre Veranlassung oder doch Gedeihen und sichere Kraft der von Jak. Grimm (s. d.) begründeten „Deutschen Grammatik". Fünfundzwanzig Jahre sind seit dem ersten Erscheinen dieses Werks vergangen, fleißiges Sammeln, glückliche Entdeckungen und weikerdringendes Studium haben seitdem vieles Einzelne umge- staltet oder mit neuem Lichte erhellt; dennoch hat Grimm's Werk in seinem cigenthüm- lichsten Wesen dauernde Gültigkeit und durchdringt fortlebend und befruchtend die von ihm heraufgeführte Gegenwart der Wissenschaft. Was hinter ihm liegt, gehört der Vergangenheit. Zwar hat es auch in den vorhergehenden Zeiten nie an Männern gefehlt, welche den Denkmälern deutscher Sprache und Literatur vereinzelte Bestrebungen zuwandten, aber zum größten Theile bestanden diese Bemühungen in fleißigem Sammeln und Druckenlasscn, und wo sich bei Einzelnen genauere Kenntniß der Sprache findet, da ist sie mehr eine lexikalische als eine grammatische. Lebendigere Kraft und allgemeinere Wirkung gewann das Studium der altdeutschen Literatur erst, als die romantische Schule zu tieferer Auffassung der Religion und Kunst des Mittelalters hinleitete und der fremde Druck, der später auf Deutschland lastete, in der Betrachtung der vaterländischen Vorzeit Trost und Erhebung suchen ließ. Diese gemüthliche Theilnahme an den Erscheinungen des Mittelalters rief seit dem Anfänge des >0. Jahrh. eifrige Beschäftigung mit der altdeutschen Poesie hervor, die allmälig zu unbefangener Einsicht führte, festen Halt aber nur durch strenge grammatische Forschung erhalten konnte. Die Gesetzmäßigkeit der deutschen Sprachen in allen ihren Verzweigungen und Zeiträumen kam gleich in dem ersten historisch, grammatischen Versuche Jak. Grimm's, dem ersten Theile der „Deutschen Grammatik" (Gött. lSlS) in kaum gcahneter Reinheit zu Tage; einen tiefer» Grund der Grammatik legte er in der zweiten Ausgabe (-1 Bde., Gött. >822—37; Bd. >, 3. Aust., >840) durch die Erörterung des Lautsystems der deutschen Sprachen. In Savigny's Unterricht und Freundschaft hatte sich Jak. Grimmas historischer Sinn, der die Erscheinungen aus ihrem Werden zu begreifen strebt, und die treue unselbstsüchtige Liebe zu den Gegenständen des Studiums ausgebildet, die aus das Kleinste achtet, unbekümmert, ob sich daraus augenblicklich wichtige Folgerungen ergeben. Neben der durchgehenden historischen Methode ist die zweite hervorleuchtende Eigemhümlichkeit, in der sich Grimm's Meisterschaft bewährt, die sinnige Beobachtung nicht blos der sprachlichen Logik, sondern vornehmlich des poetischen Vermögens der Sprache, der Phantasie und sinnlichen Lebendigkeit, die kn ihr waltet. Dieses rege Gefühl für natürliche und ursprüngliche Poesie durchdringt die „Deutsche Grammatik", wie alle Arbeiten Jak. Grimm's 3<1ä Deutsche Sprache und seines Bruders Wilh. Grimm's. Während aber Jak. Grimm mit selbständiger, treuer Arbeit in geschichtlicher Ergründung der deutschen Sprachen rastlos weitcrdrang, bildete sich, durch seine Leistungen bedingt.und gefördert, eine umfassendere vergleichende Forschung, die durch Betrachtung aller der Sprachen, die man mit dem conventionellen Namen der indogermanischen bezeichnet und an deren Spitze durch Formenreichthum und ursprüngliche Reinheit das Sanskrit steht, für die sprachlichen Erscheinungen Aufschlüsse gewinnt, die sich auf dem abgegrenzten Gebiete einzelner Sprachgeschlechter nicht vollkommen ergeben. Grimm selbst hat aus Analogien der verwandten Sprachen für das DeMsche viele ergänzende § Erläuterungen geschöpft; noch weiter ist auf dieser Bahn Franz Bopp (s.d.) vorgedrungen, der seine Meisterschaft in sprachvergleichenden und sprachzergliedernden Untersuchungen durch seine „Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Zend,. Griechischen, Lateinischen, Li- thauischen, Altslawischen, Gothischen und Deutschen" (-1 Abthcil., Berl. 1833—42), glänzend dargelegt. In ähnlicher Weise hat A. F. Pott in seinen „Etymologischen Forschungen" (2 Bde., Lemgo 1833—36) auch für die deutschen Sprachen Bedeutendes geleistet. Noch längerer Arbeit wird es indeß bedürfen, ehe sich in der Masse der ausgestellten grammatischen Combinationen das Sichere von dem Unsichern und Verfehlten sondert und der entschiedene Gewinn für die deutsche Sprachforschung feststellt; aber schon jetzt ist in wenigen Jahren und durch die Kräfte Weniger zu eindringender Erkenntniß der Gesetze menschlicher Rede eine große Strecke des Wegs gebahnt. Die durch Jak. Grimm begründet! historische Methode und Bopp's sprachvergleichende Forschung fördern sich gegenseitig in unablässigem Fortschritt und verbreiten allmälig ihre Wirkung so weit und so sicher, daß ein ! Rückfall in oberflächliche Willkür und Empirie oder in die unzureichende und oft nur aus . dem Scheine ihre Abstraktionen ziehende Behandlung der Sprache nach bloßen logischen ^ Begriffen nicht mehr zu fürchten ist. I. C. A. Heyse's „Ausführliches Lehrbuch der deut- s scheu Sprache" in der fünften, von K. W. L.Heyse (s. d.) neubearbeiteten Auflage (2 Bde., Hannov. 1835—40) hat aus der wissenschaftlichen Forschung für die Darstellung der neuhochdeutschen Sprachgesctze mit Einsicht Vortheil gezogen. Auch M. W. Götzinger lieferte brauchbare Bücher für den Unterricht in seiner „Deutschen Sprachlehre für Schulen" (5. Ausl., Aarau 1842) und seinem größern Werke „Die deutsche Sprache und ihre Literatur" (2 Bde., Stuttg. 1836—42). K. F. Becker's (s.d.) „Deutsche Sprachlehre" (Franks. 1827), „Schulgrammatik der deutschen Sprache" (4. Ausl., Franks. 1839) und „Ausführliche deutsche Grammatik" (2. Aufl., 2 Bde., Franks. 1836—43) und S.H. A. Herling's „Die Syntax der deutschen Sprache" (2 Bde., Franks. 1830—32) leiden, bei nicht geringem und zum Theil fruchtbarem Scharfsinn, an dem Mangel historischer Gründlichkeit. Leitfaden zum Unterricht im Altdeutschen bieten W. W a ck ern a ge l's (s. d.) „Deutsches Lesebuch" (Bd. 1 und 2, 2. Aufl., Bas. 1838—40; Bd. 3, Th. 1 und 2,1841- 42) und A. Ziemann's „Altdeutsches Elementarbuch" (2. Aufl.,Quedlinb. 1838). Im Gebiete der Lexikographie ist E. E. Graff's (s.d.) „Althochdeutscher Sprachschatz" (6 Bde., . Berl. 1834 — 43) als wichtige Erscheinung hervorzuheben, in welchem die hochdeutschen Wörter aus den Quellen der frühesten Zeiten bis zum 12. Jahrh. gesammelt und etymologisch behandelt sind. Für das Mittelhochdeutsche, die hochdeutsche Sprache des 12. bis ' 14. Jahrh., müssen wir uns noch immer mit dem Scherz-Oberlin'schen „6I«ssrm»m" (1781—84) und mit den Glossarien zu einzelnen Werken behelfen. A. Ziemann hat durch sein „Mittelhochdeutsches Handwörterbuch" (Quedlinb. 1837) die ersten Bedürfnisse der Anfänger zu befriedigen gesucht. Ein ausführliches Wörterbuch des Mittelhochdeutschen hat W. Wackernagel versprochen, dessen gründliche und umfassende Kenntniß Ausgezeichnetes erwarten läßt. Nicht geringer ist das Bedürfniß eines neuhochdeutschen Wörterbuchs, ba die frühem Werke dieser Art von Adelung (s.d.), Campe (s.d.), H einsius (s-d.), der fortgeschrittenen Wissenschaft nicht mehr genügen und die neuern Versuche theils in ^ Umfang, Plan und Werth beschränkt sind, wie die etymologischen Wörterbücher von Schwenck (3. Aufl., Franks. 1838) und Schmitthenner (Darmst. 1834), theils in ihnen, wie in I. C- A. Heyse's „Handwörterbuch der deutschen Sprache", bearbeitet von K. W- L. Heyse (2 Bde., Magdeb. 1831—40) und Kaltschmidt's „Gesammtwörterbuch der deut- l schen Sprache" (Lpz. 1834) die geschichtliche Begründung der Befriedigung praktischer Deutsches Theater 305 Bedürfnisse untergeordnet ist. Ein großes geschichtliches Wörterbuch beabsichtigen die Brüder Grimm hcrauszugeben und es haben bereits die Vorarbeiten dazu begonnen. In ihm soll die Fülle der deutschen lebenden Sprache von Luther an niedergelegt, die sicher ermittelte Abstammung der Wörter in bündiger Kürze gelehrt und die Abwandlung der Formen und Bedeutungen durch Beispiele geschichtlich erläutert werden. Für die grammatische und geschichtliche Behandlung lebender Mundarten liegen inJ. A. Schmeller's (s. d.) Arbeiten, „Die Mundarten Baierns" (Münch, l 821) und „Dairisches Wörterbuch" (4 Bde., Stuttg. 1827—37), Muster vor. Das „Schwäbische Wörterbuch" von I. Ehr. von Schmid (Stuttg. 1831) vernachlässigt über ungenügender Erörterung der altenSprache die lebende. Dagegen bietet der „Appenzellische Sprachschatz" von Tit. Tobler (Zür. 1837) eine fleißige Sammlung reichen Stoffes dar. Deutsches Theater und deutsche dramatische Poesie. Insofern die dramatischen Dichter Deutschlands in die große Allgemeinbewegung der deutschen Literatur fördernd ein- griffen, mußten sie in dem allgemeinen Artikel über Deutsche Poesie (s.d.) erwähnt und zum Theil genannt werden. Es findet aber in Deutschland der merkwürdige Fall statt, daß die höhere dramatische Poesie, insofern sie einen Theil des Nationalgeistes ausspricht, mit der Bühne in keinem engern und traulichen Verhältnisse steht, daß diejenigen Dichter, welche von der Bühne herab wirkten, in der Regel nicht in gleichem Maße für dieJörderung der Literatur an sich gewirkt, häufig sogar dieser entgegengewirkt haben, und so muß der größere Theil der deutschen dramatischen Dichter als eigentliche Bühnendichter in der Betrachtung des deutschen Theaters, mit dessen Existenz die ihrige zusammenhängt, eine Stelle finden. Es kann hier nicht nachgewiesen, sondern nur darauf hingedeutet werden, daß z. B. das alt- griechische Theater nickt blos die idealen Gestaltungen der dramatischen Poesie willig adop- tirte, sondern sie auch vom Dichter verlangte. Auf einen so erhabenen Standpunkt hat sich die deutsche Bühne nie geschwungen, ihm jedoch zur Zeit Goethe's und Schiller's sich genähert, während sie gegenwärtig mehr als je in den chaotischen Zustand, aus welchem Lcs- sing, Goethe und Schiller sie retteten, wieder zurückzusinken scheint. Wenn nun die deutsche Bühne, vielfach gehemmt und fast künstlich zu einer bloßen Schau-, Zerstreuungs- und Untcrhaltungsanstalt herabgedrückt, keineswegs mit der geistigen Entwickelung der deutschen Nation gleichen Schritt gehalten hat, gegen das höhere Drama, nach kurzem Aufschwünge, sich mehr als spröde zeigt und nicht einmal im Lustspiele ein getreues und cor- rectes Spiegelbild des politischen, geselligen, sittlichen und intellectuellen Zustands der Nation gewährt, so hat sie sich doch, wie sich aus den folgenden Hauptmomenten ihrer Geschichte ergeben wird, den Einflüssen der fort-und rückschreitenden Bildung der deutschen Nation nicht gänzlich verschließen können, ja sic spiegelt gerade in ihren Schwächen und Mängeln, in ihrer chaotischen Allseitigkeit, ihrer Abhängigkeit vom Auslande, ihrer kosmopolitischen Buntheit, ihrer momentanen enthusiastischen Hingabe an das ideale Drama und ihrer plötzlichen rückschreitcnden Bewegung vom Höher» zum Niedern gewisse ebenso fehler- und tadelhafte als andererseits löbliche Eigenschaften der Deutschen wieder, sodaß sie auch in dieser Hinsicht als Ergänzung zu dem Spiegelbilde, welches die Gesammtbewc- gung der Literatur von dem deutschen Volke darstellt, von großer Wichtigkeit ist. Die Angabe, daß schon am Hofe Karl des Großen ein Schauspiel in altfränk. Sprache aufgeführt worden sei, die von den Chronikenschreibern erwähnten Jokulatoren, Mimen, Pantomimen und Lustigmacher, welche an den deutschen Höfen herumzogen, die lat. religiösen Dramen der Nonne Hroswitha (980) können hier nicht in Betracht kommen, aber wsl die Klosterschauspicle, Moralitäten und Mysterien, deren Spuren sich bis auf das 12. Jahrh. zurückführen lassen. Dergleichen religiöse Dramen wurden oft mit einem sehr zahlreichen Personal, auch wol auf öffentlichen Plätzen bei feierlichen Gelegenheiten aufgeführt, sö 1322 zu Eijcnach, 1412 zu Bautzen und 1417 zu Kostnitz vor dem Kaiser Sigismund. Diese religiösen Dramen, die ohnehin das komische Element durch die Einmischung des Bur-- lesken, durch das Auftreten von Teufeln u. s. w. eher begünstigten als vermieden, führten, wie bei fast allen Nationen, auch in Deutschland zur Posse. Der Übergang ist fast derselbe wie der Übergang der religiösen Ceremonie zur Gaukelei. Die Mysterien enthielten als drama- Conv. - Lex. Neunte Nufl. IV. 20 ^ »- 306 Deutsches Theater tische, pomphafte Darstellungen an sich ein weltliches Element, das sich in den Fastnachks- - spielen zu einer selbständigen Gattung aussonderte. Diese Fastnachtsspiele, literarhistorisch schon bedeutsamer als die Mysterien, lassen sich auf die zur Fastnachtszeit gebräuchlichen Mummereien zurückführen und bildeten sich in Nürnberg und Augsburg vorzüglich aus. In Nürnberg war bereits um die Mitte des l 6. Jahrh. ein Theater gebaut, welches jedoch kein Dach hatte; Handwerker, die zur Zunft der Meistersänger gehörten, führten diese rohen Stücke auf, welche anfangs extemporirt wurden. Die ersten gedruckten Fastnachtsspiele sind die von Hans Schnepperer, genannt Rosenplüt (s. d.), in der Mitte des » 15. Jahrh., Schwänke, die in sprachlicher Hinsicht beachtenswerth, voll lustigen, aber häufig schmuzigcn Witzes sind, und in einer Art processualischer Form, aber keineswegs in dramatischer Entwickelung fortschreiten. Ihm folgten Hans Folz (s. d.), Probst, der überaus fruchtbare, biedere, tüchtige, oft höchst drollige und lustige Hans S achs (s. d.), welcher sich bereits auf Charakterzeichnung verstand, und Jak. Ay rer (s. d.), der eine große Anzahl Tragödien und Komödien -schrieb, planmäßiger arbeitete als Sachs, diesen aber an genialem Witz, Kraft der Sprache, Originalität und poetischer Ursprünglichkeit nicht erreichte. Unterdeß waren auch klassische Muster, Terenz und Plautus, von Nydhart überseht oder von Joh- Reuchlin und Jak. Locher, genannt Philomusus, in lat. Schauspielen nachgeahmt worden. Diese Versuche reinigten zwar in etwas den Geschmack und vcranlaßten namentlich die Einteilung in Acte oder Wirkungen, störten aber auch das Drama in seiner volksthümlichen Entwickelung. Das religiöse Drama war indeß noch keineswegs erloschen, und es ist hier besonders das opernartige Schauspiel zu erwähnen, welches die Jesuiten zur Weihe der Michaeliskirche in München l 597 auf offener Straße gaben. Es hieß „Der Kampf des Erzengels Michael mit dem Lucifer", zeichnete sich durch die Menge des Personals, allein 900 Choristen, durch die Pracht der Dekorationen und Vortrefflichkcit des Maschinenwesens aus und ist als der erste Versuch > einer Oper, die in Italien erst l639 eingeführt wurde, merkwürdig. Georg Victorin, Musikdirektor an der Michaeliskirche, hatte dazu die Musik componirt. Die religiöse Debatte, die Kriegswirren im l7. Jahrh., die Verdumpfung des Volks, welches bei so furchtbaren Leiden wenig Neigung für Ergötzungen der Kunst haben konnte, die zunehmende Pedanterie der Gelehrten, in deren Hände die Poesie überging, waren nicht geeignet, im 16. Jahrh. dem deutschen Theater einen neuen Schwung zu geben, der dramatischen Poesie ein neues Lebensprincip einzuhauchen. Norddeutsche gelehrte Dichter bildeten zwar die formelle Seite des Drama aus, aber es fehlte ihnen durchaus trn der süddeutschen Naivetät und Treuherzigkeit, wie sie etwa bei Hans Sachs zu finden ist. Der Begründer einer geregelten poetischen Form, Martin Opitz (s. d.), ein mehr didaktischer und lyrischer Geist, that für das Drama wenig, doch lieferte er in seiner der ital. Oper des Rinummi nachgebildetcn „Daphne" das erste kunstgerechte deutsche Singspiel, welches durch die Composition des sächs.HofcapellmeisterS Schütz und durch die zu Ehren einer Vermählungsfeier l627 zu Dresden stattgefundene Aufführung merkwürdig geworden ist. Ein höchst beachtenswerthes dramatisches Talent bekundete Andr. Gryphius (s. d.), besonders imKo- mischen („Horribilicribifax", „^bsurcka comvsckia oder Peter Squenz"), doch zeugen auch ^ seine oft schwülstigen und überpathetischen Trauerspiele von Phantasie und Kenntniß der v Charakterzeichnung. Wie sich schon bei Ayrer die Einwirkung engl. Originale nicht »er- ' kennen läßt, so wirkten auf Gryphius Franzosen, Italiener und unter den Niederländern namentlich Vondel ein. Diese Neigung der deutschen dramatischen Poesie, sich an das Ausland anzuschließen, zieht sich von den ältesten Zeiten bis auf uns herab. Ein gelehrter und ästhetischer Eslekticismus verwischte immer mehr die nationale Färbung, die wenigstens in der ceichsstädtischen Poesie eines Rosenplüt und Hans Sachs noch zu erkennen war. Die süßliche blumige Tändelei der Italiener zog besonders die deutschen Dichter im 17. Jahrh. an; es entstanden durch die Nachahmung des Guarini die sogenannten Schäfereien oder Schäfereidramen, und sowolHosmann von Hofmannswaldau (s. d.), wie Abschatz - (s. d.) verdeutschten den „ksstor 6äo"; Dan. Kasp. von Lohenstein (s. d.) dagegen, ein bedeutendes Talent, aber geschmacklos schwülstig, hielt sich an den »erkünstelten, zierlichen Marino, steigerte noch den Schwulst des Gryphius in seinm zu jener Zeit bewunder- > ten Trauerspielen bis zur widerwärtigsten Unnatur und suchte die Wirkung der Tragödie im I Deutsches Theater 307 Abscheulichen, Gräßlichen und Zuchtlosen, noch mehr sein Nachahmer Christian Hallmann. Damals war die Glanzperiode für die Schulschauspicle, welche von den Zöglingen gelehrter Schulen aufgeführt wurden, so besonders in Linz, Breslau, Königsberg und Zwickau. Christian Weise, gest. 1708, Rector zu Zittau, schrieb deren mehre und setzte dem Lohenstein'- schen Schwulst verständige Nüchternheit, aber auch gesunden Volkswitz entgegen. Seine Lustspiele sind als Possen, in denen er häufig die gelehrte Poesie mit Glück verspottete, sehr beachtenswerth, wenn sie auch nicht selten an das Pöbelhafte streiften und seine vielen Nachahmer veranlaßten, komische Wirkung allein durch die gemeinsten Späße, Zoten, Prügel u. s. w. zu erzielen. Um dieselbe Zeit blühte an den Fürstenhöfen, namentlich am dresdener und Münchener, am wiener unter Leopold I-, ferner in Leipzig, Königsberg, Nürnberg!, vorzüglich in Hamburg u. s. w. die Oper, bei der man es auf die größtmöglichste Pracht abgesehen hatte. Zu diesen Opern, deren mehre von Kayser, später von Händel componirt wurden, dichteten Christian Dedekind, Postel, Hunold, Bressand, König und Feind matte oder schwülstige Texte. Dieses Übergewicht des Decorations - und Maschinenwesens aber konnte dem Gedeihen der dramatischen Poesie nur hinderlich sein; auch waren die Schauspielerbanden, die in immer größerer Zahl im Lande herumzogen, wenig geeignet, das Interesse der dramatischen Poesie zu fördern. Bekannt waren dieseBanden zu Anfänge des 17. Jahrh. unter dem Namen Englische-Komödianten, schwerlich weil sie aus England stammten, sondern weil sie Nachbildungen engl. Originale aufführten. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. erhob sich die Truppe des leipziger Magisters Veltheim zu einiger Bedeutung, da sie Stücke von Corneille und Moliere in deutscher Übertragung aufführte und somit eine gute Schule für Schauspieler wurde. Freilich mußte auch Veltheim seine edle Tendenz dem Volksgeschmack zum Opfer bringen, und Burlesken, entweder dem Italienischen nachgeahmte oder ex- temporirte, und die unter dem Titel Haupt- undStaatsactionen bekannten monströsen Schauspiele, meist dem Spanischen entlehnt, bildeten immer noch den Hauptbestandtheil seines Repertoirs. Aber der Anfang zum Bessern war gemacht, wie die immer mehr sich veredelnden Schauspielertruppen und besonders der Umstand beweisen, daß viele Männer von Universitätsbildung die Schauspielerlaufbahn einschlugen. Auf Veltheim folgte seine Witwe, dann Elendsohn, dessen Witwe unter ihrer Truppe den ersten namhaften über die Geschmacklosigkeit seiner Zeit erhabenen deutschen Schauspieler Kohlhardt besaß, endlich Friederike Karoline Neuber (s. d.), Gottsched'- Freundin. Die Neuber sowol als Gottsched (s. d.) waren eifrig für die Verbesserung des Schauspielwesens bemüht, indem namentlich der Letztere auf kritischem Wege die Gemeinheit der extemporirtcn Komödie beschränkte, franz. Cor- rectheit bis zum Übermaß einführte und in seinem Machwerk „Der sterbende Cato" ein wässeriges Beispiel seines Correctionseifcrs lieferte. Seine Verdienste um die Reinigung des dramatischen Geschmacks in Deutschland sind nicht gering anzuschlagen; nur tilgte er auch mit seinem nüchternen Verstände alles Volksthümliche, führte die Poesie, namentlich die dramatische, auf die bloße Nachahmung franz. Regelrichtigkeit zurück, ohne doch den Geist und das wirkungsreiche Pathos der Franzosen zu besitzen und Andern mittheilen zu können, und glaubte sein Äußerstes gethan zu haben, als er 1757 in Leipzig mit Hülfe der Neuber den Hanswurst feierlich begrub, der wenigstens als eine echtdeutsche Spottfigur bei weiser Benutzung etwas Tüchtiges hätte werden können, später namentlich an Justus Möser einen geschickten Anwalt fand und besonders in dem süddeutschen Volksdrama unter verschiedenen Namen (Kasperle, Lipperl, Larifari, Sepperl, Bernardon u.s. w.) immer wieder auf. tauchte. Vollkommen hörte jedoch der widrige, in Gemeinheit versunkene Zustand der deutschen Bühne noch nicht so bald auf, trotz der viel geistreichern Versuche, welche Gottsched'- nähere oder entferntere Anhänger in der Tragödie, wie Elias Schlegel, Cronegk, Chr. F. Weiße, Brawe, welcher zuerst statt des steifen Alexandriners den fünffüßigen, reimlosen Jambus einführte, oder im Lustspiele, wie Geliert, Mylius, I. L. Krüger, K. F. RomanuS u.,s. w. anstellten, und trotz der den ästhetischen Ansichten Gottschcd's entgegenarbeitenden Kritik Bodmer's und Breitinger's. Aber wenn auch die dramatische Poesie in Deutschland sich noch nicht freier zu regm vermochte, so fand doch aus dem literarischen Gebiete überhaupt eine Regsamkeit statt. Im 20 * 308 Deutsches Theater Geistes- und Gemüthsleben der Deutschen gingen so revolutionaire Bewegungen vor, das ' Genie Klopstock's namentlich hatte der deutschen Sprache 'so viele neue ungeahnte Formen abgewonnen und der geistigen Sphäre des Deutschen eine so weite Grenze gesteckt, mehr freilich durch seine Oden und Messiadc als durch seine eigenen entweder der Bibel entlehnten oder den Cherusker Arminius feiernden dramatischen Versuche, daß auch geniale Schauspieler erweckt und die Bühnen überhaupt in diese Gesammtbewegung mit hineingerissen wurden. Besonders zeichneten sich unter Schöncmann dieFamilieAckerman n (s.d.), Mad. Löwen, Mad. Schröder, Mutter des großen Schauspielers Schröder (s. d.), welcher ^ zuerst Shakspeare'sche Dramen auf der deutschen Bühne cinbürgertc und vor Allem Konr. Eck Hof (s. d.) aus, den die Schauspieler der damaligen Zeit, in rührender Anerkennung, ihren Vater nannten und der für die deutsche Schauspielkunst Das wurde, was Lessing durch Kritik und eigene dramatische Productionen für deutsche dramatische Poesie geworden ist. So begannen Schauspielkunst und dramatische Production sich gegenseitig zu stützen' und diese jene, jene diese emporzuheben, eine innige Wechselwirkung, die weder den Dichter noch den Schauspieler vereinzelt dastchen ließ. Lessing's Dramen waren wesentlich auf das Vorhandensein der tüchtigen Kräfte berechnet, die sich bereits auf der Bühne, namentlich auf der Hamburger, rührten. Zwar stehen Lessing's frühere Lustspiele noch ganz auf dem Niveau der Zeit, wie etwaCronegk's oder Krüger's Versuche im Lustspiel, und sein schleppend weinerliches Trauerspiel „Miß Sara Sampson" verräth noch durchaus den großen Geist nicht, der seine spätern Werke charakterisirt, wenn es auch als erster Versuch, das bürgerliche Schauspiel in Deutschland einzuführen, beachtcnswerth ist. Um so mehr aber überragen sein Trauerspiel „Emilia Galotti", sein Lustspiel „Minna von Barnhelm", welches in seiner Art noch unübertroffen dastcht, und vor Allem sein philosophisch-didaktisches, doch auch thea- ! tralisch wirksames Drama „Nathan der Weise" sowol an Inhalt und Form die Productio- ( nen seiner Zeit. Nicht minder epochemachend war in kritischer Hinsicht seine „Hamburgische Dramaturgie" (1767 — 68), welche sich an die vorzüglichen Leistungen der Hamburger Bühne anlehnte. Lcfsing vor Allen löste die Fesseln der Leibeigenschaft, in welchen das deuk- sche Drama dem französischen gegenüber sich befand, brach die Herrschaft des undcutschen Alexandriners, lehrte die Antike und die Aristotelischen Grundsätze von der Einheit des Orts und der Zeit richtiger verstehen und verdient den Dank der Nachwelt hauptsächlich durch die Anerkennung, die er dem Genius Shakspearc's zollte. Unterstützt wurden seine Bestrebungen durch die Eschenburg-Wieland'schc Übersetzung des Shakspcare (1762 — 60), durch Leiscwitz's „Julius von Tarent" und Gerstenbcrgk's „Ugolino", durch den rührigen Geist überhaupt, welcher sich unter dem Publicum und den Schauspielern bemerkbar machte. Jetzt bildeten sich in Hamburg Brockmann (s. d.), Ncinicke nebst Frau, Borchcrs, F. Ludw. Schröder (s. d.) und Christ (s. d.) zu vollendeten Schauspielern aus; in Berlin beförderten die Koch'sche (s. Koch), dann die Döbbelin'sche Gesellschaft das höhere poetische Drama; in Gotha das seit 1775 stehend gewordene Hosthcatcr, an dem Eckhof seine schönsten Triumphe feierte, Jffland debütirte und Götter als Dichter, Schweizer als Komponist wirkten. Ja es scheint fast, als ob damals die Schauspielkunst in Deutschland ihre höchste i Höhe erreicht habe, wenn sie auch später durch einzelne geniale Schauspieler eine originellere ^ Richtung eingeschlagen haben mag. Das Lustspiel, wenn wir Lessing's „Minna von Barnhelm" ausnehmcn, blieb indeß weit hinter dem ernsten Drama zurück, und Frcih. von Gabler, Cornelius Herm.von Ayrenhoff(s. d.), dessen Lustspiel „Der Postzug" sogar den Beifall des sonst gegen die deutsche Muse so spröden Friedrich des Großen erwarb, I. L. Schlosser, die Brüder Stephanie, I. C. Brandes,(s., d.), der zugleich Schauspieler und Lustspieldich- ter war, I. I. Engel, K. G. Lessing, der Bruder G. E. Lessing's, Großmann, Schröder, Brctzner, Jünger, Wezel, obgleich einzelne Stücke aus jener Periode noch jetzt sich wirksam zeigen, sind hier nur dem Namen nach anzuführen. Die komische Oper und das Singspiel wurde, nachdem die ältere sogenannte Oper gegen > 7 -tl aufgehort hakte, besonders von Chr. ' F. Weiße (s. d.) in sehr populaircr Weise mit Glück angcbaut und zwar in Vorbildern, welche von Schiebeler, Michaelis, Götter und Meißner mit nicht demselben Erfolge nachgeahmt wurden. Nachdem durch Wieland, Klopstock, Lcssing, Bürger u. s. w. die deutsche Sprache für Deutsches Theater 309 se^es Genre der Poesie geschickt gemacht war, Klopstock namentlich einen vaterländischen Geist angeregt und die Kritik Lessing's die engherzigen Schranken hinweggeräumt hatte, welche sich der freier« Entwickelung des Nationalgeistes der Deutschen cntgcgcnstellten, bemächtigte sich der jünger» Talente eine fast rücksichtslose Glut, selbst diejenigen Schranken hinwegzu- rcißen und darüber hinauszustürmen, welche der Geschmackssinn selbst der poetischen Production angewiesen hat. Es ist dies die chaotische Sturm- und Drangperiode, die eigentlich revolutionaire Epoche der deutschen Literatur, aus welcher diese jedoch um so reiner und geklärter hervorging. Auch die dramatische Poesie wurde in diesen Wirbel mit hineingerifsen. .Nachdem 177» die Stegreifkomödie gänzlich aufgchört hatte, artete das besonders durch Lcs- sing's „Sara Sampson" und Diderot's „Hausvater" beliebt gewordene bürgerliche Schauspiel in das empfindsam weinerliche Nührspiel aus. Dieser Richtung zollte sogar noch Goethe in „Clavigo" und „Stella" seinen Tribut, doch bekundete sich auch in diesen Goethe's geistreichere Manier und gründlichere Auffassung socialer Conflicte, die zum tragischen Abschluß drängen. Um so durchgreifender wirkte sein „Götz von Berlichingen", der durch geniale Naturfrische, echtdeutsche Kraft und kühne, doch nie naturwidrige Charakterzeichnung allem Schwächlichen, Weichlichen und Sentimentalen verwegen die Stirn bot. Unterstützt wurde er durch die freilich oft in hypcrgeniale Barbarei ausartcnden dramatischen Productionen von I. Mich. Rcinhold Lenz (s. d.), Max. von Klinger (s. d.), Maler Müller (s. d.) u. s. w. Für die Bühne waren indeß F. von Schiller's jugendliche bei allen Übertreibungen und Verrenkungen geniale dramatische Productionen („Die Räuber", „Fiesco", „Ca- bale und Liebe") »och wichtiger. Die damals vortrefflichste Bühne Deutschlands, die zu > Manheim, wohin Dalberg, nachdem Karl Theodor die berühmte Marschand'sche Gesellschaft ! nach München gezogen, >77'>die gothaische Gesellschaft mit Seyler als Direktor, Jffland als s Intendant und dem vortrefflichen sogenannten vierfachen B, Böck, B e il (s. d.), Beck und Backhaus, engagirt hatte, erwarb sich das Verdienst, Schiller's Jugendslücke zur Aufführung zu bringen und dadurch Deutschland seinen vorzüglichsten Theaterdichter, als dramatischer Dichter theilte Goethe den Preis mit ihm, zu erhalten und zur höhern Reife zu bringen. Für dieselbe Bühne schrieben noch G otter (s. d.) und Gernmin gen (s. d.), der Verfasser des Stücks „Der deutsche Hausvater", für die münchener Babo (s. d.), der Verfasser des beliebten Trauerspiels „Otto von Wiktelsbach" und mehrer guter Lustspiele; zugleich erlebte unter Babo die münchener Bühne seit 17 !»2 ihre Glanzperiode. Allerdings riß auf der andern Seite durch die verfehlte Nachahmung von Goethe's „Götz von Berlichingen" und Schiller's „Räubern", durch eine zahllose Menge wüster und geschmackloser Ritter-, Pfaffen - und Räuberstückc, wie denn selbst Zschokke damals seinen „Äbcllino" schrieb, eine wahre faustrechtliche Barbarei auf der deutschen Bühne ein, aber es ließ sich darin doch ein gewisses Sturmwehcn deutschen Geistes nicht verkennen, eine fast revolutionaire Tendenz, gerichtet gegen fürstlichen und pvliceilichcn Despotismus, Pfafferei und gesellschaftlichen Zwang; die deutsche Bühne bedurfte damals kaum noch des Auslandes und selbst die deut- . sche Oper erreichte, besonders durch Mozart'« Compositionen, ihren Höhenpunkt, während i die Oper noch um die Mitte des 18. Jahrh., wie in Berlin seit 17-12, ferner zu München, f Stuttgart u. s. w., mit Rückdrängung des nationalen Elements allein durch ital. Gesellschaften repräsentirt worden war. Somit hatte die deutsche Bühne damals mehr als je vorher oder später doch eine Art Nationaldrama; man hätte sich der Nachahmungen franz. Muster fast ganz entschlagen, sich mehr an englische und namentlich, näher oder entfernter, an Shakspcare gehalten, war von dem bürgerlich Sentimentalen in den nothwendigen Gegensatz des Barbarischen und Wilden umgeschlagen und erhob sich nun durch Schiller's (s. d.) und Goethe's (s. d.) spätere dramatische Dichtungen, durch „Don Carlos", „Wallenstein", „Maria Stuartch „Wilhelm Teil" u. s. w. durch „Jvhigenia", „Egmont" und „Tasso", zu höhern idealem ' Gestaltungen, zu dramatischen Produktionen, in welchen die psychologische Entwickelung vorwaltet, Idee und Gedanken von der« blos Stofflichen nicht erdrückt werden, sondern dies > vielmehr beherrschen und bestimmen, und die Form zugleich im immer nur erreichbarsten I Grade dem Grundgesetze der Schönheit huldigt. So erhielten durch diese beiden genialen ! Männer, denen sich in der Folgezeit manche bedeutende Talente wie Zach. Werner (s. d.). 310 Deutsches Theater Heinr. von Kleist (s. d.), Ohlensch lager (s. d.) n. A. mit größerer oder geringerer Ost- ginalität anschlossen, während Th. Körner (s. d.) ganz in die Nachahmung Schiller'« befangen blieb, aber doch ein schönes Streben und edle Begeisterung bekundete, eine Reihe Dramen, denen gleich vortreffliche und gleich zahlreiche das übrige Europa seit Shakspeare und Calderon nicht entgegensetzen kann. Doch gestaltete sich der Unterschied zwischen der dramatischen Dichtung und der Bühnendichtung zu einer immer kiefern Kluft, sodaß viele Dra- mm, namentlich die der romantischen Schule, die von Tieck (s. d.) selbst, von Brentano (s. d.), Fouquö (s. d.), Eichendorff (s. d.) u. s. w7 für die Bühne so gut als verloren waren. An der Spitze dieser Dichtungen steht Goethe's „Faust", den man freilich für' die Bühne' später zugeschnitten hat. Andererseits vertraten Mehre das theatralische Interesse aufs einseitigste, so Kotzebue (f. d.) selbst, für das Lustspiel mit Witz, Leichtigkeit des Dialogs, Mannigfaltigkeit in Zeichnung der Charaktere und erstaunlicher Erfindungsgabe aufs reichlichste auSgestattet, aber ohne eine höhere philosophische oder poetische Tendenz, ohne eine kernhafte nationale Gesinnung und nur allzu geneigt, auf die Schwächen der deutschen Nation, besonders auf ihre Sentimentalität, zu speculiren, jedes auf Rührung abzweckende Mittel in Anwendung zu bringen und das Laster selbst süßlich zu beschönigen. Nicht dasselbe Talent, aber dieselbe Theaterkenntniß und größere Reinheit des Gemüths bekundcteJff- land (s. d.) in seinen nur zu einförmigen Familienstücken. Ausgezeichneter war Letzterer als dramatischer Künstler; auch hatte er um die Leitung des berliner Theaters, welches vorher von Ramler und Engel verwaltet und 1786 zum Nationaltheater erhoben wurde, große Verdienste. Seit 1796 Dircctor dieses Theaters, erhob er es zu seiner höchsten Blüte, indem ihm Fleck (s. d.), der größte Heldenspieler, den Deutschland wol je gehabt hat, Unzel- m ann (s. d.), Beschort, Mattausch und die herrliche Unzelmann-Bethmann zur Seite stau- den. Folgte von den berliner Schauspielern Jeder mehr dem Zuge seines Genies und waltete unter ihnen mehr eine realeNichtung ob, so verfolgte die weimarsche Bühne, unter dem Einflüsse Schiller's und der directen Verwaltung Goethe's, eine mehr ideale Richtung, wobei es weniger auf das Hervortreten Einzelner, als vielmehr auf ein.poetisches Kunstganze abgesehen war. Das Wolffsche Ehepaar (s. P. A. Wolff), ferner Öser, Dürand, MadameJa- gemann zeichneten sich hier vorzüglich aus. Auch Leipzig bot damals ein gutes Ensemble durch Christ (s. d.), Opitz, Ochscnheimer, Madame Hartwig, und gegen 1809 erscheint Breslau, wo sich Rhode und Streit als Administratoren und Dramaturgen besonders aus- zeichneten, als eine Pflanzstätte tüchtiger Talente wie Devrient (s. d.), AnschüH (s. d.) und Schmelka, von denen Elfterer später die erste Zierde des berliner, Anschütz des wiener Hofburgtheaters, Schmelka des Königsstädtischen Theaters zu Berlin wurde. So sehen wir die deutschen Theater in einem unablässigen Wechsel der Vortrefflichkeit, erst Hamburg, dann Gotha, hierauf Manheim, zwischendurch München, Leipzig, Weimar, Breslau und Dresden, während sich gegenwärtig die Kräfte einzig und allein um die Hostheater, namentlich das berliner und vorzüglich das wiener, anzusetzen scheinen. Hier möchte zugleich der geeignete Ort sein, die Bühnengeschichte bis 1839 kurz anzudeuten. Noch wirkte der Geist Jffland's, den dieser treffliche Mann seinen Umgebungen einzuhauchen wußte, in Berlin und nicht hier allein segensreich fort. Zwar wurden jetzt die Theater immer mehr Hofanstalten, die von Cavalieren verwaltet wurden, welche natürlich mehr den Geschmack des Hofs berücksichtigten als das poetische Interesse; aber doch fehlte es nicht an trefflichen Intendanten, die wie Graf Brühl (s. d.), in Berlin, mit Eifer ihrem Amte oblagen. Die Brühl'sche Verwaltung ist sogar, was den Geschmack der Ausstattung und die historische Genauigkeit der Costüme betrifft, epochemachend in Deutschland, obgleich man auch nicht verkennen darf, daß er auf Kleinigkeiten zu großen Werth legte und nicht immer Schönheit und Wahrheit zu verbinden wußte. Berlin besaß damals noch immer ausgezeichnete Repräsentanten aus der Jffland'schcn Schule, z. B. Lemm, ferner Madame Stich (s. Cr e lin g er) und vor Allen Ludw. Devrient, der seinen eigenen Weg ging und seiner dämonischen Natur folgend, vielleicht einzig dasteht. Andere aus der ältern Schule und jüngere Talente schlossen sich ihnen an; man hatte in Berlin «bensowol für Shakspeare'sche als Goethe'sche und Schiller'sche Stücke noch ein treffliches Ensemble, aber schon legte man auf Pomp und Pracht einen zu großen Werth. Das Deutsches Theater 311 Interesse für das Decorationswesen überwog bereits das für Poesie, und man fing an, die dramatische Vorrathskammcr des Auslandes zu plündern, die Heimat über die Fremde zu vergessen und unter den neuern einheimischen Productioncn nicht die einfach poetischem, sondern die pikant unnatürlichem vorzuziehen, in welchen der eigentlich tragische Geist durch einen fatalistischen Spuk ersetzt wurde. Calderon, Shakspcare, das deutsche klassische Drama, die Posse, die franz., ital. und deutsche Oper, das Melodrama und das kostspielige, das Interesse am recitirenden Drama immer mehr verdrängende Ballet bildeten ein chaotisches, alle Sinne verwirrendes Allerlei, worin sich die deutsche Allseitigkeit in einem bunten zusammenhanglosen Bilde abspiegelte, aber der geistige Kern der deutschen Nation, von welchem diese buntfarbigen Radien sonst ausgehen, gar nicht mehr zu erkennen war. Das Manifest, welches man beiBegründung des Königsstädtischen Theaters verkündete und worin man ein Volkstheater zu stiften versprach, wurde nicht zur Wahrheit. Ein Volkstheater läßt sich nicht in ein Publicum hinein, sondern nur aus diesem heraus bilden. Der berliner Jargon, die gemeinen Volkswitze, die sich hier producirten, gaben dem Auslande von dem eigentlichen berliner Volke ein ganz verzerrtes Bild. Besser standen dem Wesen nach die Sachen in Wien, wo neben dem Hosburgtheater und dem eigentlichen Volkstheater in der Leopoldstadt und einem Theater für die Oper noch zwei andere bestanden. So wurde es möglich, daß jedes Theater sich in seiner Reinheit und mit fremdartigen Elementen unver- mischt erhalten konnte. Das Hofburgtheater mit Anschütz, Korn, Wilhelmi, Madame Schröder (s. d.), Sophie Müller (s.d.) u. s. w. und trefflich geleitet von Schrcyvogel (West), konnte cbensowol in der höhern Tragödie wie im fcinern Lustspiel und Conversa- tionsstück für eine wahrhafte Musteranstalt gelten; nur blieb zu bedauern, daß gemäß dem östr. Regierungssystem die Theatercensur hier natürlich um Vieles strenger war als an irgend einem andern Orte Deutschlands. In Wien hatte außerdem stets die Kasperliade geblüht und die leipziger Katastrophe der Vertreibung des deutschen Hanswurstes glücklich überstanden; auch besitzt das treuherzig-naive und gutlaunige Wienervolk nicht wie das berliner bloßen schneidenden Witz, sondern auch wirklichen gemüthlichen und poetischen Humor, und so bildete sich wie von selbst das Lcopoldstädter Theater, früher Beim Kasperl geheißen, von Marinelli 1780 erbaut, eine Volksbühne im echten Sinne des Worts, und unverfälschter Repräsentant des wiener Volkscharakters. In München bestand ebenfalls jene glückliche Scheidung, und neben dem Hoftheater bis 1825 noch ein Jsarthortheater. Das Schwei- ger'sche Volkstheater, das frühere Lipperltheater, hat sich indeß, obgleich in den Grundzügen eine wirkliche Volksschaubühne, nie zu der Bedeutung des Leopoldstädter Theaters in Wien erheben können. Das münchener Hoftheater gewann 1818 durch das Engagement Eß- lair's (s. d.), als Heldenspieler und in Jffland'schen Stücken vielleicht der erste Darsteller seiner Zeit, wie durch das spätere Engagement der Sophie Schröder, eine erhöhte Bedeutung. An sehr vielen Orcen, z. B. in Darmstadt, später auch in Leipzig, wo Stein, ein guter Heldenspieler, eine Zeit lang die Liebe zum Trauerspiele gefördert hatte, herrschte allzu einseitig die Oper vor; dagegen erhob sich daS dresdener Theater seit 1825 durch Lieck zu einer höhern Bedeutung, indem hier das rccitirende Schauspiel durch Pauli, Julius und die Damen Gley und Fournier u. s. w. in einem trefflichen Ensemble vertreten wurde. Rückwärts auf den Anfang der zuletzt geschilderten Periode schauend, erblicken wir mehr einzeln stehend Madame Händel-Schütz (s. d.), die, stets auf Wanderschaft begriffen, durch ihre pantomimisch-plastischen Darstellungen viel dazu beigetragen hat, das antike Costum auf der Bühne, wie die antiken Attitüden zur Schönheit und Wahrheit zurückzuführen. Die dramatische Literatur weist während dieser Periode eine Menge Namen und Pro- ductionen auf, aber im Verhältniß zur Menge nicht viel Echtes und Kernhaftes, was seine Zeit überdauert und die dramatische Poesie der Deutschen wesentlich bereichert hätte. Zach. Werner hatte in seinem ergreifenden Drama „Der vierundzwanzigste Februar" ein moder- nes Fatum zum Grunde gelegt, welches nur als eine Fratze und Caricatur des antiken erscheint. Müllner (s. d.) in seinem „Neunundzwanzigsten Februar" und besonders in seiner „Schuld", und Grillparzer (s. d.) inseiner gespenstischen „Ahnftau" gingen auf diesem Wege weiter; aber während Letzterer seine Verirrung mit seiner „Sappho", seiner Trilogie „Das goldene Vließ", besonders seinem Trauerspiel „Ottokar'S Glück und Ende" und durch 312 Deutsches Theater mehre der neuesten Zeit angehörige Dramen wieder gut machte, gelang dies Müllner nicht ebenso in seinem „Angurd" und seiner „Albaneserin", durch welche er bewies, daß er wol ein guter Rechenmeister, keineswegs aber ein Dichter sei. Die Unnatur begann indeß auf der Bühne zu gefallen; man verlangte Craffes, wie es auch z.B. Klinge mann (s.d.)in seinem misrathenen „Faust" lieferte, oder wenigstens jene folternde weichliche Sentimentalität, wie ste sich in Houwald's (s. d.) Trauerspiel „Das Bild" ausspricht. So wurde der Geschmack immer mehr überreizt und irre geführt und die spätere Neigung zu dem scheußlichen franz. Melodrama vorbereitet. Uhland's (s. d.) durch echt deutsche Gesinnung und Ein- fachhcit ausgezeichnete, freilich mit nur geringer Kenntniß oder Berücksichtigung des Theaters gearbeitete Dramen kamen daher entweder gar nicht zur Aufführung, oder gefielen wenigstens an den Orten nicht, wo man sie zur Darstellung brachte. Auffenberg (s. d.) machte in Süddeutschland einiges Glück, größeres Raup ach (s. d.) im deutschen Nor- den. In Charakterstücken, wie ,Malier tscest in ecdesis", „Vor vierhundert Jahren" n. s. w. sehr glücklich, in seinem Trauerspiele „Isidor und Olga" wenigstens theatralisch höchst wirksam, scheiterte er doch an großen historischen Aufgaben, da sein zweideutiger Eifer, immer und immer mit neuen Stücken auf der Bühne zu erscheinen, ein gründlicheres Stu dium und Erfassen seiner Aufgabe nicht zuließ, dagegen eine weitschweifige Phraseologie förderte. Obgleich an Talent schwächer, zeichnet sich Mich. Beer (s. d.), namentlich in seinem Trauerspiele „Struensee", durch größere Gewissenhaftigkeit aus. Üchtritz (s. d.) erregte in seinem auf der berliner Bühne aufgeführten „Alexander und Darius" Erwartungen, die er in „Rosamunde" nur theilweise, mehr jedoch in dem Trauerspiele „Die Babylonier" erfüllte, so wenig letzteres auch Anerkennung gefunden hat. Zu den Stücken, welche in dem letzten Abschnitt der hier geschilderten Periode gefielen, gehören noch E. von Schenk's (s. d.) „Belisar", weil darin die Hauptrolle eine gute Aufgabe für tüchtige Schauspieler war, und „Hans Kohlhas" von Maltitz (s. d.), eine nicht besonders ausgezeichnete Bearbeitung von H. von Kleist's schöner Erzählung gleichen Namens. Während sich die mit wirklichem Talente Begabten mit Vorliebe in der Tragödie versuchten, war das Lustspiel längere Zeit, seit Kotzebue's Tode fast verwaist, insofern man nicht die höhere Gattung des Lustspiels, sondern das eigentliche Bühncnlustspiel im Auge behielt. Die phantastischen Lustspiele der romantischen Schule reichen gar zu weit über die Bühne hinaus. Hier sind zu nennen K. W. Salice-Contessa (s. d.) wegen seiner fcingear- beiteten Lustspiele, ferner H. von Kleist's (s. d.) Lustspiel „Der zerbrochene Krug", Ludw. Nobert's „Staberl in höher» Sphären" und „Cassius und Phantasus". Unter Denen, welche Lustspiele mit speciellerer Rücksicht aus die Bühne schrieben, treten hervor Madame Weißenthurn (s.d.), Steigentesch (s. d.), Schmidt (Theaterdirector in Hamburg), Müllner. Die Meisten, wie Th. Hell (s. Winkler), Kurländer, Lebrun, Lembert, Holbein u. s. w., lehnten sich an ausländische Vorbilder und Sujets. I. von Voß bewegte sich mit etwas rohem Talent in der Localposse. Andere, wieKarlSchall (s. d.), Vogel, Klahr, Plötz lieferten manches Ergötzliche, während K. von Holteiss. d.) nicht ohne Glück das Vaudeville nach Deutschland in leichtgebauten Singspielen zu verpflanzen suchte. Das Künstlerdrama wurde vorzüglich von dem gemüthvollen F. Kind (s. d.) und Deinhard- stein (s. d.) gepflegt. Mahlmann (s. d.) parodirte in ergötzlicher Weise Kotzebue's „Hus- siten vor Naumburg". Es ließen sich hier noch eine Menge anderer Lustspieldichter anführen, aber ihre Leistungen haben höchstens meist nur einen momentanen oder blos örtlichen Erfolg gehabt, ohne eine wirkliche Lustspielliteratur für die Dauer zu bilden; diese Masse von Lustspielen erscheint fast nur wie eine Menge momentaner Einfälle und Impromptus, unter denen sich indeß einige sinnreiche und ergötzliche befinden. Die größte Produktivität im Lustspiele seit Kotzebue entwickelte Raupach, der aber auch nur gewisse Zeitcapricen und Extravaganzen, nicht den faulen Kern der Zeit zu geißeln wußte, dessen Lustspiclcharak- tere häufig an das Unwirkliche streifen und dessen etwas kalttrockener Witz nicht von einer gesunden und frischen humoristischen Anschauung der Dinge zeugt. Gerade letztere waltet in Raimund's (s. d.) allegorisch-moralisch-phantastischen Zauberspielen, die in ihren ursprünglichen Elementen als wesentlich deutsch zu betrachten sind und wol eine künstlerischere Ausbilvung verdient hätten, als ihnen der ganz in der naiven Anschauung der wiener Volks- Deutsches Theater NT humoristik wurzelnde, poetisch fühlende, aber nicht ästhetisch gebildete Raimund geben konnte. Schon Nestroy zog diese Weise ganz in das Rohe hinab, während Meisl durch eine Menge von Spektakel- und Zauberstücken wenig von den wiener Bernardoniadcn entfernt war, mit denen von Kurz (Birnardon) um die Mitte des vorigen Zahrh. das wiener Publicum ergötzte. Durch alle diese wiener Volksstücke zieht sich dasselbe phantastisch-allegorische Element hin, das sich auch in Schikaneder's (s. d.) „Zauberflöte" Luft machte. Hatte sich die dramatische Poesie, insofern sie einen höhern Schwung nahm, der Bühne ziemlich entfremdet, oder insofern sie sich der Bühne anschloß, freiwillig auf eine etwas niedere ästhetische Stufe gestellt und die Bühne dadurch immer mehr an Gewicht und nationalem Inhalte eingebüßt, so hatte das I. 183V mit seinen Diskussionen, Rai- sonnemcnts, politischen und socialen Tendenzen der Bühne gegenüber ein leichtes Spiel, um das Interesse am Theater gänzlich zu erschlaffen und die Gcmüther für die revolu- tionaire Aufgabe, welche es der europ. Menschheit stellte, gefangen zu nehmen. Das materielle und commercielle Interesse drängte sich nun in den Vordergrund. Die gesummte Literatur, die Gesellschaft selbst wurden immer mehr blos raisonnirend; geistige Entwickelungen und Gährungen fanden statt, brachten cs aber nicht zu den Aufwallungen, die von selbst zur That drängen. Die Individuen verloren sich in der Massenbewegung und die Persönlichkeit verschwand in der Allgemeinheit. Eine solche Zeit konnte aber der Bühne, auf welcher die persönliche Erscheinung besonders wirkt, ebenso wenig günstig sein als der dramatischen Poesie an sich, welche eine Poesie der That und Handlung ist und zu individua- lisiren liebt. Man stellte und stellt noch die Anfoderung an den dramatischen Dichter, er müsse, um zu wirken, die Tendenzen und Ideen der Zeit in Handlung sehen und verkörpern. Einmal ist es aber eine höchst schwierige, vielleicht unlösbare Aufgabe, Tendenzen und Ideen, die noch in den Tiefen der Eemüther gähren und es zu einer hervortretenden äußern Lcbcns- gestaltung und zur That noch nicht gebracht haben, zu dramatischen Personen zu verdichten und die Discussionen gleichsam zu personificiren, wie man etwa in der griech. Mythologie religiöse Ideen zu Göttern verkörperte; andererseits ist aber die Thcrtcncensur zu ängstlich , als daß es einem dramatischen Dichter gelingen könnte, sich der Zeitinteressen so an- zunchmcn, um zugleich die Poesie und das Publicum zufrieden zu stellen. Wenn er seine Absicht zu ängstlich versteckte, so würde er nicht wirken, wenn er sie zu offen und verständlich hervortrcten ließe, so würde er unfehlbar mit der Theatercensur in Collision kommen; denn das Theater läßt sich leichter beaufsichtigen als die Literatur und ist immer mehr eine Hofanstalt und vom Geschmackc und unmittelbaren Einflüsse der Höfe abhängig geworden. Daher hat auch die dramatische Poesie seit 1830 nur geringe Fortschritte gemacht; daher ist die Bühne fast immer noch dieselbe, die sie vor 1830 war, und wenn auf der einen Seite einzelne abnorme Richtungen glücklich überwunden sind und hier und da die Neigung sich geltend macht, die einheimische dramatische Literatur zu begünstigen, so ist doch auch andererseits die Liebe für das höhere poetische Drama, namentlich die historische Tragödie, fast gänzlich erloschen. Es ist die dramatische Tagesschriflstellerci der Franzosen, so wenig sie auch die Sympathien der Deutschen zu gewinnen sich eignet, noch immer die Vorratbskammer, von welcher die deutschen Bühnen, wie zur Zeit der größten Hungersnoth, vorzugsweise leben. Daher besteht neben der Bühnenliteratur noch immer eine dramatische Literatur, welche den Stempel höherer Weihe an sich trägt, aber sich aus leicht ersichtlichen Gründen auf der Bühne nicht blicken lassen darf. Die Kritik hat Platen's (s. d.) Dramen, besonders seine satirischen, Grabbe's (s. d.) geniale, oft großartige, wenn auch allerdings capri- ciöse, form- und häufig geschmacklose Dichtungen, Jmmermann's (s. d.) dramatische Dichtungen, Georg Büchner's (s. d.) Trauerspiel „Danton's Tod", Napp's, Nogge's, Wiese's, Weichselbaumer's, Willkomm's, Wcnzel's, Koenig's, Duller's, Köster's, Rade- well s (Friedrich's) und vieler Anderer Dramen mit Beifall ausgenommen oder wenigstens mit Achtung behandelt, aber die Bühne hat sie von sich gewiesen und sah sich auch wol durch Form und Wesen dieser Stücke dazu nicht selten gezwungen. Da es unter den Schauspielern gegenwärtig nur wenige gibt, welche Talent und eine besondere Vorliebe für das heroischeGenre zeigen, da die Theaterdirectoren selbst lieber Stücke geringem Inhalts zur Aufführung bringen, welche nicht so große Ansprüche an 314 Deutsches Theater den Regisseur, Decorateur und das Gedächtniß der Schauspieler machen, als große heroische Stücke, da endlich das Publicum, dem seit l830 ausgebildetcn Zeitcharakter getreu, sür große heroische Persönlichkeiten nur geringes Interesse beweist und das Ensemble in großen historischen Tragödien überall mancherlei Lücken und Schwachen zeigt, so sind in jüngster Zeit von jünger« Dichtern, welche in diesem Genre producirten, im Verhältniß zu der Menge der Producenten nur wenige Stücke auf der Bühne dem Publicum vorgeführt worden; hierunter jedoch Julius Mosc n's (s. d.) mehr schillerisch-rhetorisirende, von edler Gesinnung zeugende Tragödien „Otto der Dritte", „Der Sohn des Fürsten" und „Bernhard von Weimar", aber nicht desselben „Heinrich der Finkler" und „Cola Rienzi", letzterer wol sein bedeutendstes Drama; Herm. Marggraff's Trauerspiel „Das Täubchen von Amsterdam", aber nicht desselben vielleicht gelungenere Dramen „Kaiser Heinrich IV." und „Elfride"; ferner Werder's zu episch gehaltener „Christoph Columbus"; Laube's (s. d.) mehr sran- zösisch-sententiöser„Monaldeschi"; Gutzkow's ts.d.) „Patkul"; Beck's „Saul", ein mehr lyrisches dialogisirtes Gedicht, versuchsweise in Pesth aufgcführt; Hebbel's zum Theil geniales, zum Theil ganz unpsychologisch übertriebenes, aber durch kräftige Sprache ausgezeichnetes Trauerspiel „Judith", nicht desselben „Genoveva"; Kuranda's „Weiße Rose"; Reinhold's „Die Söhne des Dogen"; A. Wicsner's „Jncz de Castro"; E. Ebert's „Czest- mir"; Marbach's „Manfred"; Kuffner's „Malteser"; Kühne's „Friedrich Hl." u. s.w. Diese Zahl zur Aufführung gekommener historischer Dramen ist jedoch nur scheinbar ansehnlich, wenn man die Menge der deutschen Bühnen und die lange Reihe von Jahren bedenkt, während welcher sie auf der einen oder der andern mehr versuchsweise zur Auf- führung gelangten. Keins derselben hielt sich indeß für die Dauer, ein Umstand, welcher vielleicht weniger gegen den Werth der Stücke und der Dichter beweist als dafür, daß das Publicum der historischen Richtung im Drama entfremdet ist. Selbst der männliche, in kräftigen Tönen dichtende Jmmermann vermochte mit seinem Drama „Ghismonda" auf der Bühne nicht durchzudringen, ebenso wenig der zu weiche Zedlitz (s. d.)mit „Kerker und Krone" und Rellstab (s. d.) mit „Eugen Aram". Das größte Glück dagegen machte Halm (Münch von Vellinghausen) mit den allerdings dem historischen Genre nicht ange- hörigen, aber doch in eine höhere Sphäre des Dramas zu verweisenden Stücken, „Grisel- dis" und „Der Sohn der Wildniß", die, in glänzenden Versen geschrieben, mehr durch ihre anmuthigen Schwächen als durch wirkliche poetische Vorzüge dm Beifall des Publicums, besonders des weiblichen, erhielten. Dagegen wurde ein anderes Genre beliebt, dasConversationsstück, welches dem conversationellen Charakter der Zeit und einem gewissen mittelfeincn, bürgerlich-aristokratischen Bildungszustand, der sich seit 1830 herausgebildet hat, am meisten entspricht und um so mehr Eingang gefunden hat, da es sich über diesen Bildungszustand hinaus zu einer Hähern poetischen Eigenthümlichkeit nur selten erhebt. Hierher gehören mehr oder weniger Leutner's „Geschwister", die an Jffland's gemüthliche Weise erinnernden Stücke der Prinzessin Amalie (s. d.) von Sachsen, die „Jsolirten" von Weißhaupt, dem verstorbenen Herzog Karl von Mecklenburg-Strelitz (s. d.), Eduard Devrient's (s. d.) „Verirrungen" u. s. w. Am geistreichsten bildete dieses Genre Karl Gutzkow in seinem Drama „Herz und Welt oder Werner" aus, während er in seinem „Richard Savage" ein im Ganzen verfehltes, aber manche Schönheiten enthaltendes Conversationstrauerspiel lieferte, in seinem Drama „Ein weißes Blatt" der conversationellen Sentimentalität huldigte, in der „Schule der Reichen" jedoch, trotz der zu breiten Anlage, bedeutsam über die Grenzen des Conversationsstücks hinausgriss. Trotzdem beruht Gutzkow's Verdienst nicht darin, daß er, wie seine Lobpreiser sagten, eine neue Ära der dramatischen Poesie, eine neue Gattung derselben schuf, sondern daß er schon vorhandene Linien mit schärferm Geiste ausfüllte und seine Stücke zugleich in einer bühnlich und literarisch bedeutsamen Sprache schrieb. Während dieses höhere poetische Foderungen nicht erfüllende, einen nationalen Fortschritt nicht bekundende Salon - oder Conversationsdrama die Gebildeten für sich hat, fahren die kunstlos, aber nicht gerade ohne Talent geschriebenen Stücke der Madame Birch-Pfeiffer (s. d.) fort, auf die Menge zu wirken. Das Lustspiel hat keine Erweiterung gefunden; den» schränk« der Einfluß der Höfe und die Theatercensur schon die Tragödie auf gewisse unge- Deutsches Theater 315 fährliche Stoffe ein, so ist deren Einwirkung auf das Lustspiel noch um Vieles bedeutender, da das Lustspiel mehr als jenes auf die Behandlung gegenwärtiger und officieller Zustände angewiesen ist und, um sich nationell zu entwickeln, einer großen Rede- und Maskenfrci- heit bedarf. Die deutsche Posse ist, wenn wir Naimund's Zauberposse ausnehmen, meist roh und derb und ohne allen dichterischen Werth, wogegen das höhere und feinere Lustspiel» das sogenannte Conversationslustspiel, wie es bei Töpfer (s. d.), Äauernfeld (s.d.) und Laubein des Letztem „Nococo" erscheint, mehr oder weniger die Einflüsse des franz. Lustspiels bekundet. Einige, wie Albini und L. Schneider in gröberer, K. Blum (s. d.) in feinerer Manier, hielten sich mehr oder weniger geradeswegs an ausländische Stoffe. Außerdem sind hier noch Castelli (s. d.), Kettel, Elsholtz (s. d.), Apollonius von Maltitz (s. d.) anzuführen, ferner Gutzkow's „Schwert und Zopf", ein nach einem nationalen Inhalt strebenden politisches Lustspiel, welches vielleicht einen beachtenswerthen Fortschritt bezeichnet. Von komischem Talente legte in jüngster Zeit besonders noch Roderich Benedix in mehren gern gesehenen Lustspielen Proben ab, ferner Feldmann in München. So gewähren die deutschen Theaterzustände in ihrer losen Buntheit kein erfreuliches, wenigstens kein »rationelles Bild. Jede neue franz. Oper, jedes neue franz. Lustspiel wird mit einer Gewissenhaftigkeit auf den deutschen Bühnen eingebürgert, welche man gegen neue deutsche Stücke nicht beweist. Diese aber, wenn sie höhern poetische» Charakters sind, haben darum einen schweren Stand, weil in Deutschland kein Centralpunkt, gleichsam keine Centtaljury vorhanden ist, wie Frankreich sie in Paris besitzt. Fast jede Theaters!? .k hat in Deutschland ihren eigenen Geschmack, und zudem ist das Gelingen der Aufführung eines neuen Stückes bei dem oft sehr mittelmäßigen Personal höchst zweifelhaft. Manches neue Drama verschwindet von der Bühne, weil es, auf einem unbedeutenden Theater aufgeführt, keinen Erfolg hatte, den es vielleicht auf der berliner Bühnt oder dem Hofburgtheater gehabt haben würde. Zwar haben die Directionen, von der unablässigen Polemik aufgerüttelt, in jüngster Zeit mehr als früher neue deutsche Stücke zur Aufführung gebracht, doch fehlt noch viel daran, daß sie für Förderung des poetischen Nationalinteresses aufrichtig besorgt wären; sie kehren immer wieder zu der Vorrathskammer an der Seine zurück, um auch ihrerseits zu beweisen, daß die zwangsweise proclamirte deutsche Einheit und Selbständigkeit nur eine Fiction sei, daß die Deutschen wie im Hofceremoniell, in der Tracht und in der Belletristik, so auch im Thcaterwesen immer wieder bei franz. Vorbilderr ihre Anleihen machen. Die rohe Masse ist roh geblieben wie immer, dagegen sind die Gebildeten zu kritisch geworden, um für ein poetisches Werk, an welches man gewöhnlich nur das conventionelle Maß des Gesellschaftstons legt, hinlänglich naive Empfänglichkeit zu besitzen. So stehen die Dichter auch noch unter der Censur der Societät. Die im Ganzen dürf- tigen Honorare und die gesetzlich wenig gesicherte Rechtsstellung der dramatischen Autoren den Bühnen gegenüber tragen ebenfalls dazu bei, die dramatischen Dichter Deutschlands zu cntmuthigen und vom Produciren abzuschrecken. Das Handwerk wird in Deutschland'stets besser bezahlt als der Geist, und während man an eine Oper oder ein Ballet Tausende verschwendet, hat man das Honorar für die dichterische Production auf ein nur geringes Quantum eingeschränkt; an eine Tantieme ist fast überall noch gar nicht zu denken. Die Schauspieler sind zwar im Durchschnitt kenntnißreicher alF früher, haben aber auch weniger Schwung und nicht jene Genialität mehr, welche die Schauspieler einer frühern Epoche auszeichnete, als sie im Leben von der Gesellschaft ausgeschlossen waren, umsomehr aber von der Bühne herab die Gesellschaft beherrschten und sich so für ihren losen Zusammenhang mit der Societät aufs glänzendste entschädigten. Jndeß beschränkt sich die Bildung der deutschen Schauspieler meist auch nur aus ein journalistisches und höchstens belletristisches Surrogat der Bildung, eher zu ihrem Nachtheil als zu ihrem Vortheil, da die Theaterkritik so gesunken, so verkäuflich geworden, so in die Hände der Schauspieler oder ihrer nächsten Freunde übergegangen ist, daß die Lehren, die sie aus ihr schöpfen könnten, äußerst zweideutig und verwirrend sind. Eduard Devrient hat eine Theaterakademie und eine Theaterschule in Vorschlag gebracht, und wenn auf diesem Wege auch ein besseres Ensemble hcrgestcllt und mancher Übelstand abgeschafft werden dürfte, so möchte eine solche Schulbildung doch auch manche andere Übel- stände herbeiführen, die Arroganz und die Rivalität der Schauspieler steigern und am we- -4S nigsten geeignet sein, für die fehlende Genialität Ersatz zu leisten oder den Schauspielern jenen Schwung, jene Begeisterung einzuflößen, die hauptsächlich durch eine für die Kunst und Poesie selbst, nicht für die bloße Ökonomie und andererseits prächtiges Arrangement besorgte Dircction hervorgebracht werden kann. Daß die Theater im Allgemeinen gesunken oder im Sinken begriffen sind, ist eine unableugbare Thatsache; man vergleiche nur die Be- Atzung mancher ältern Stücke in früherer Zeit auf der berliner Hofbühne mit der Besetzung wie sie gegenwärtig auf demselben Theater stattfindet; während man dort fast nur Namen von Bedeutung erblickt, führt uns die neue Besetzung nur wenige vor, welche die Gegenwart überdauern werden. Dennoch steht die berliner Hofbühne noch immer auf einer ziemlich hohen Stufe durch einzelne tüchtige Talente und gutes Ensemble, es schadet ihr aber die Buntheit, die Mannichfaltigkeit der Richtungen, in denen sie sich zersplittert. Der entgegengesetzte Charakter dagegen läßt das wiener Hofburgthcater noch immer als eine Muster- anstalt erscheinen, wie überhaupt in Deutschland Wien allein darin mit Paris wetteifert, daß die verschiedenen Drastlengenre sich auf den verschiedenen Bühnen abgrenzen und selbständig entwickeln. Freilich ist die Lcopoldstädter Bühne, dieses echte Volkstheater, bereits von seine» einfachen Erundzügen abgewichen und verliert immer mehr die Bedeutung einer wirklichen Volksbühne. München, Stuttgart, Dresden, Hannover zeichnen sich noch durch einzelne Talente aus. Auf den meisten übrigen Bühnen werden die Schauspieler zu sehr in den verschiedenartigsten Fächern verwendet, um sich in dem für sic geeignetsten Genre vollständig zu entwickeln. Für das Heldenfach gibt es kaum noch einen gediegenen genialen Repräsentanten, seitdem Eßlair todt und Anschütz gealtert ist. Auch Rott erscheint am bedeutendsten in Charakterrollen, obwol er vorzugsweise Helden spielt; doch stellt Emil Devrient jüngere Helden würdig dar, während Löwe in Wien bereits die Grenze jungendlicher Helden überschritten haben dürfte. Am meisten drängt es die gegenwärtigen Schauspieler zum Fache der tragischen oder komischen Charakterrollen, wie der verstorbene Pauli und Seydelmaun (s.d.), und die noch lebenden Laroche, Jost, Marr, Döring, Grunert, Porth u.s. w. beweisen. Am besten und selbst auf Bühnen von geringerer Bedeutung in trefflicher Weise wird auf allen Bühnen das Conversationsstück und Conversationslustspiel dargestcllt, eine Erscheinung, wovon die Gründe nahe und im Charakter der Zeit liegen. Geniale und eigentlich humoristische Komiker hat in letzter Zeit besonders der Volkshumor der Lcopoldstädter und Josephstädter Bühne erzeugt, aber mehr auf dem Wege des natürlichen Jnstincts als der künstlerischen Durchbildung. Unter den Schauspielerinnen scheinen geniale Heldinnen wie Sophie Schröder fast gänzlich ausgestorben zu sein und schon Madame Crelinger-Stich, selbst Madame Rettich gehören einer vergangenen Zeit an, welche für das heroische Drama noch Sinn und Empfänglichkeit zeigte. Meist wenden sie sich, dem Charakter der Zeit entsprechend, dem sentimentalen Genre oder, wie Charlotte von Hagen, der naiv schalkhaften Grazie der Komik zu. Es bleibt dahingestellt, ob eine ereignisreichere, mehr in Thaten als in Reflexionen und politischen Diskussionen sich entwickelnde Zeit dem höchsten Genre der dramatischen Poesie, dem historisch heroischen, einen neuen Aufschwung geben und den Sinn für tragische Tiefe wieder erwecken wird. Deust, im Mittelalter Duiz, lat. vniti»»,, ein altes Städtchen am rechten Ufer des Rhein, Köln gegenüber und mit diesem durch eine Schiffbrücke verbunden, wird gleichsam als eine Vorstadt von Köln angesehen, in dessen Befestigung es mit eingeschloffen ist. D. zählt gegen 3900 E-, welche namentlich sehr lebhaften Handel und Schiffahrt treiben; es hat eine große Artilleriewerkstättc und eine schöne neue Cavaleriekaserne und ist der Hauptvergnügungsort der Kölner. Das alte röm. Castell in D. wurde von dem Erzbischof Heribert von Köln 1002 in ein Kloster umgewandelt. Später erbauten sich die Vögte dieses Klosters, die Grafen von Berg, ein Schloß, von welchem aus sie die Gegend beunruhigten, bis der Erzbischof Heinrich dasselbe 1230 eroberte und schleifen ließ. Unter dem Nachfolger Hein- rich's, dem Erzbischof Konrad, wurde D. mit Mauern und Thürmen umgeben. Mehrfache Verwüstungen erfuhr es in der Folgezeit; 1376 wurde es von den Kölnern in Brand ge- steckt, 1145 durch den Herzog Johann I. von Kleve und 1583 durch die Truppen des Erzbischofs Gebhard von Köln. Auch im Dreißigjährigen Kriege hatte es viel zu leiden. Nach dem nimweger Frieden wurden >678 die Festungswerke geschleift, die es erst 1816 wieder Devalvation Devaux Z17 erhielt. Bei D. wird die Köln-mindener Eisenbahn beginnen und so dieses Städtchen eine neue bedeutende Wichtigkeit erhalten. Devalvation. Da der Werth alles Eigenthunis, alle Käufe, Verkäufe, Darlehen u. s. w. in Geld oder Münze geschätzt oder gemacht werden, so kann keine Herabsetzung des Werths der Münzen vorgenommen werden, ohne diese Schätzungen und Verbindlichkeiten zu ändern, und den einen Theil auf Kosten des andern zu bereichern. Eigentlich sollte eine solche Herabsetzung gar nicht stattfinden, weil Geld oder Münze allgemein als Maßstab dienen, wonach sich der Werth aller Gegenstände richtet, und als Äquivalent, für welches sie gewöhnlich ausgetauscht werden. Dennoch ist nichts mehr geändert worden als der Werth der Münzen. Die Veranlassung dazu gaben, daß man das Münzrecht als eine Finanzquelle betrachtete; ferner die Preiserhöhung der auszuprägenden Metalle, die hohem Prägungs- kosten und der geringere Münzfuß des Nachbarlands. Der ersicre Grund waltete hauptsächlich in frühem Zeiten vor, wo die Fürsten theils zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse, theils um sich aus finanziellen Verlegenheiten zu helfen, auf die Münzen einen höher« Werth setzen ließen, als diesen der innere Gehalt gab. Obschon indeß das Steigen der Preise, welches unausbleiblich nach einer jeden Reduction des inner« Gehalts einer Münze^olgt, und die dadurch hcrbeigeführte Zerrüttung alles Verkehrs das Volk längst enttäuschen und die Regierungen lehren mußte, daß es besser sei, die Münzwährung unverändert beizubchalten, so haben doch erst die gesteigerte Civilisation, die Kenntnisse und Mittel, welche das Publicum erlangt hat, selbst Prüfungen anzustellcn unh dic Macht der öffentlichen Meinung solches zu verhindern vermocht. Friedrich der Große war der letzte christliche Fürst, welcher durch die Prägung der sogenannten Ephraimiten (s. d.) in Leipzig eine solche Maßregel sich hat zu Schulden kommen lassen; doch darf auch das zu Ende des vorigen und zu An- , fang des gegenwärtigen JahrH. maßlose Prägen geringer Groschen in Preußen hier nicht !- unerwähnt bleiben. Um aber zu einem guten Münzsysteme zurückzukehren, gibt es zwei Wege, entweder die geringhaltigen Münzen einzuschmelzen, oder ihnen einen geringem Werth im Verkehre beizulegen. Diese Reduction des Werths heißt Devalvation, und ^ es zieht dieselbe den Besitzern solcher Münzen einen Verlust von dem Betrage zu, der sich durch die Vergleichung des früher« Werths mit dem reducirten ergibt, wofern die Negierung die devalvirten Münzen nicht für den frühem Werth eintauscht und zu dem reducirten wieder ausgibt, wozu sie verpflichtet ist. Die andern oben angeführten Gründe zu Änderung des Münzfußes können zu keiner Devalvation Anlaß geben, weil daun die frühem Münzen l, besser als die neuen sind. Eine Devalvation der Münzen kann aber ferner stattfinden, wenn ' letztere sich abgenutzt haben und die Negierung durch deren Einschmelzen viel verlieren würde. I Allein eine solche Maßregel verträgt sich ebenfalls mit dem gegenwärtigen Stande der Ci- ! vilisation nicht, welcher schlechterdings verlangt, daß die Regierung wie den innern Gehalt so auch das Gewicht gewähre und die abgenutzten gegen vollwichtige Umtausche. Was endlich die Devalvation fremder Münzsorten anlangt, so ist solche eine sehr weise Maßregel, wenn sie sich auf Münzen bezieht, die noch nicht im Lande eingeführt sind; dagegen zeigt es ! von großer Nachlässigkeit der Negierung, wenn sie sich zu einer solchen Maßregel veranlaßt ^ sicht in Beziehung auf solche Münzen, die bereits in Umlauf gekommen; eine Verpflichtung , aber, dieselben einzuziehen, kann der Regierung nicht beigemessen werden. Devaux (D.C.), früherbelg.Staatsminister, gcb.zuBrügge umsJ. 1795, trat 1820 in die advocatorische Laufbahn und nahm seitdem, der nicderländ. Politik in Rücksicht aufDel- gien abgeneigt, lebhaften Antheil an der politischen Befreiung seines Vaterlandes. Im Z. 1821 schloß er mit Lebeau und Rogier die enge Verbindung, aus welcher nach der Revolution die so- > genannte doctrinaire Partei hervorging, die das Geschick des jungen Staats anfangs nach innen und außen leitete. Während Lebeau und Rogier praktisch den Weg verfolgten, wurde D. I ön Leiter des politischen Gedankens. In dem gemeinschaftlich geleitctenOppositionsblatte „ko- s brachte er zuerst die Idee der Vereinigung der katholischen mit der liberalen Partei sU'regung, die, nachdem sie wirklich erfolgt, vorzugsweise den Sturz des Hauses Oranien > herbelfuhrte. Während der Revolution trat er in den Congreß und bekämpfte daselbst die ' republikanischen Tendenzen, denen er, seinem politischen Principe nach, die constitutisnelle Monarchie als das einzige Mittel zur festen Organisation Belgiens entgegensetzte. In dem» 316 Develev Devise selben Sinne half er auch die Verfassung entwerfen. Als nach dem Anschlüsse Nothomb's die Doctrinaires von dem Regenten, Surlct de Chokier, ins Ministerium berufen wurden, ward er Staatsminister ohne Portefeuille. Zm 1.1831 nahm er an der Confcrenz zu London Theil, wo er wesentlich für Beseitigung der Schwierigkeiten wirkte, welche sich dem Prinzen Leopold bei der Annahme der bclg. Krone entgegenstellten. Nach der Einsetzung des Königs zog er sich, durch angestrengte Arbeiten körperlich erschüttert, von den Geschäften, bis aufseine Thätigkeit als Kammermitglied, Zurück; auch verweigerte er jede Betheiligung an der öffentlichen Verwaltung, als sich seine politischen Freunde 1833 und 183 t wieder am Staaksrndcr befanden. Obschon kein glänzender Redner, zeigte er sich, besonders in dm frühern Jahren, als ein thätiges und einflußreiches Kammermitglied. Eine seiner ausgedehntesten parlamentarischen Arbeiten, wodurch er sich neue Verdienste um sein Vaterland erwarb, war der Bericht über das in politischer und finanzieller Hinsicht für Belgien wichtige Eisenbahnanlehen, das im Apr. 1838 mit dem Hause Rothschild abgeschlossen wurde. Develey (Isaak Emanuel Louis), Professor der Mathematik und Astronomie an der Universität zu Lausanne, geb. zu Labredonniere im Waadtland am 2". Mai 176-t, studirte zu Genf und seit Ende des I. > 787 einige Monate zu Paris. Nach seiner Rückkehr wurde «r 1791 Stellvertreter des Professors der Philosophie und Mathematik in Lausanne, was er bis 1794 blieb, und im Apr. 1798 ihm die wirkliche Professur der Mathematik und bei der neuen Organisation der Universität im I. 1896 auch der Lehrstuhl der Astronomie übertragen. Lm I. 1837 erhielt er einen Substituten. Um die Universität hat er sich große Verdienste erworben; als Gelehrter und Schriftsteller ist er namentlich in der Schwei' sehr geschätzt. Außer mathematischen Lehrbüchern hat er anonym den historischen Roma» „ü.es Lgz-ptiens sur Iss Kords du Isc (2 Bde., Genf 1828) herausgegeben. Developpabel, d. i. abwickelbar, heißen in der Mathematik solche krumme Fläche», die sich ohne Bruch und Faltung in einer Ebene ausbreiten oder abwickeln lassen. DM gehören die Cylinder- und Kegelflächen, überhaupt aber alle krumme Flächen, die durch die Bewegung einer geraden Linie entstehen, deren zwei nächste Lagen immer in einer Ebene liegen, also sich entweder schneiden oder parallel sind. Flächen dieser Art, die man wol auch «infachgekrümmte Flächen nennt, haben zugleich die Eigenschaft, daß man in ihnen nach gewissen Richtungen gerade Linien ziehen kann, was bei den nicht develvppabeln oder dop peltgekrümmten Flächen, zu denen die Kugelfläche gehört, in keiner Richtung möglich ist. Deventer, der Hauptort der niederländ. Provinz Oberyssel, eine alterthümlich gebaute Stadt mit ziemlich verfallenen Festungswerken, am rechten Ufer der Assel, über welche hier eine Schiffbrücke führt, hat mehre Kirchen, unter denen die Hauptkirche best» ders durch ihre schönen Glasmalereien sich auszeichnet, ein schönes Stadthaus, ein Gymnasium und 1699«» E., welche Bierbrauerei, Gewürzfabrikation, bedeutende Leinwand- und Teppichweberei, Strumpfstrickerei und nicht unbeträchtlichen Handel treiben. Auch besteht daselbst eine ansehnliche Eisengießerei. Eigenthümlich ist D. der sogenannte Deven- lerkuchen, eine Art Honigkuchen, der bedeutend ausgesührt wird. Am linken Ufer da Assel zieht sich ein sehr anmuthiger Spaziergang hin, de Werp genannt. D. war im M telalter eine freie Reichs- und Hansestadt und kam, nachdem die Bischöfe von Utrecht scho» längere Zeit einige Hoheitsrechte ausgeübt hatten, 1528 an Karl V. Unter König Philipps' wurde hier 1559 ein Bisthum errichtet, das aber nur bis 1591 bestand, wo der Prinz Moritz von Oranien die Stadt den Spaniern wieder entriß. Seitdem,blieb D. als Hauptstadt von Oberyssel mit den niederländ. freien Provinzen verbunden. Devise, aus dem mittellat. divisa, d. i. Abzeichnung, heißt ein durch ein Sin»' bild (s. d.) ausgedrückter und dargestellter Wahlspruch. Dergleichen Wahlsprüche ging!» aus den Sinnbildern selbst hervor, denen später der größer« Deutlichkeit wegen Aufschrif ten beigesügt wurden, und bestehen aus zwei Theilen, einer sinnbildlichen Figur, welche ma« ^ den Körper, und einem beigefügten Wahlspruche, den man die Seele der Devise nennt „ (S. auch Aufschrift.) Schon in des Äschylus Tragödie „Die sieben Helden vor Theben erscheinen alle diese Helden mit Devisen auf ihren Schilden, und ein Gleiches erzählt Lensphon von den Schilden der Lacedämonier und Sicyonier. Der griech. Redner Demosthend führte als Devise auf seinem Schilde die Worte ä^-aSsi d. i. zum guten Glücke, mü Devolution Devonshire (Geschlecht) 319 ihm, als tt dasselbe in der Schlacht im Stiche ließ, einen herben Spott zuzog. Im Mittel- alter wurden die Devisen auf den Wappenschilden zur förmlichen Sitte, und in dem Ritter- thume selbst lag es, daß nachher auch die Galanterie zu angenehmen Schmeicheleien sich ihrer bediente. Bei Festen aller Art sah man sie auf Triumphbogen, Fahnen und Tapeten, wie auf Schiffen. Besonders häufig wurden sie später an Gebäuden, z. B. a« Thüren und Decken, in Italien, Frankreich, Deutschland u. s. w. angebracht. Zn der neuesten Zeit hat sich der Gebrauch fast verloren, wenigstens in seiner ursprünglichen Weise. — Auch wird das Wort Devise in Cursbcrichten gebraucht, um damit eine gewisse Gattung Wechsel anzudeuten; z. B. von allen Cursen ist blos die Devise Augsburg kurze Sicht oder die Devise London 2 Monat Nato gesucht. Devolution heißt in der Rechtssprache der in gewissen Fällen kraft des Gesetzes eintretende Übergang eines Rechts oder Besitzthums auf einen Andern, und zwar bezeichnet man insbesondere damit das früher an mehren Orten, namentlich in Oberdeutschland, bestehende Recht, wonach bei dem Tode des einen Ehegatten das Eigenthum an dem beiden Gatten gemeinschaftlichen Vermögen auf die Kinder überging (den Kindern „verfangen" ward daher auch Verfangenschaftsrecht genannt), so jedoch, daß der überlebende Ehegatte den Nießbrauch davon behielt. Von diesem Rechte wurde der Krieg Ludwig'S XIV. mit Spanien im I. 166? der Devolutionskrieg benannt. (S. Aachen.) Im Kir- ckenrechte versteht man unter Devolution das Befugniß der hohem Behörde, des Bischofs oder des Konsistoriums, eine erledigte geistliche Stelle, deren Besetzung von dem Inhaber des Patronatsrechts versäumt oder hinsichtlich welcher etwas versehen worden war, nach einer gewissen Frist in dem einzelnen Falle zu besetzen. — Devolutive Rechtsmittel sind die, durch deren Einwendung eine anhängige Rechtssache von dem Unterrichter an den Oberrichter gebracht wird. (S. Rechtsmittel.) Devonshire, eine Grafschaft im südwestlichen Theile Englands von 120 mM. Areal, ist abwechselnd von Bergen und Hügeln bedeckt, zwischen welchen sich Thäler und kleine Ebenen ausbreiten, während die Küste am Kanäle von hohen Felsenriffen eingeschloffen wird, welche vortreffliche Häfen und sichere Rheden bilden. Im Osten schön und romantisch, im Süden fruchtbar, ist sie dagegen im Norden und Nordosten von trockenem Sande mit vielen Haidestrichen bedeckt und im Westen Moorland. Die Berge, welche aus Cornwall in die Grafschaft hereinreichen, enthalten zahlreiche Metalladern; unter den Flüssen erwähnen wir Dart, Teigne, Amer, Exe und den Taw mit dem Torridge, welche in die Bai von Bristol sich ergießen. Mineralquellen gibt es zu Gubbs-Wall bei Clecwe, zu Bella-Marsh, Jl- sington, Brook und Bampton. Das Innere und der Süden der Grafschaft erfreuen sich eines milden Klimas, während dasselbe im Westen rauh und ungesund und im Norden feucht ist. An Mineralien werden Zinn, Eisen, Blei, Braunstein, etwas Gold, Silber, Kupfer, Wismuth und Kobalt, Schiefer, Steinkohlen und mehre Thonarten zu Tage gefördert. Das Pflanzenreich liefert Getreide, Hülsenfrüchte, Hanf und Obst, aus welchem letzter» viel Eider bereitet wird. Die Grafschaft zählt gegen 495000 E., welche Viehzucht, etwas Acker- und Obstbau, Fischerei und Bergbau, die gewöhnlichen Gewerbe, Eisenfabrikation und Schiffbau treiben. Der Hauptort ist die Stadt Ex et er (s. d.). Devonshire war seit König Heinrich I. der Name Mehrer engl. Geschlechter, der zu Anfänge des 17. Jahrh. an das Haus Cavendish kam, das ihn theilweise noch gegenwärtig führt. Die Cavendish sind ein Zweig des einst in Norfolk und Essex mächtigen Hauses der Eernons. Roger, ein jüngerer Sohn des Hauses Gernon, erwarb sich unter der Regierung Eduard's 11. durch Heirath das Gut Cavendish in Suffolk, wovon seine ganze Nachkommenschaft den Namen annahm. — William, Baron Cavendish von Hardwick, gest. 1625, war der Erste, der 1618 von König Jakob I. den Titel eines Grafen von D. er- h>elt. Sein Sohn, William Cavendish, der zweite Graf vonD., starb am 20.Juni 1628 und hinterließ zwei Söhne. — Der jüngere, Charles, kam im Bürgerkriege um, der mtere, William, wurde der dritte GrafvonD-, heirathete Elisabeth Cecil, die Tochter des Grafen William von Salisbury, und starb am 23. Nov. 1684. — Sein Sohn, William, zuerst vierter Grafvon D., Lordlieutcnant der Grafschaft Derby, war einer der engl. Großen, die sich eifrig für den Prinzen von Oranien erklärten, wofür ihn König Wilhelm 111. Z 26 DevonMre (Geschlecht) 1694 zum Marquis von Hartington und zum Herzoge von D. erhob, und es genießen seitdem die Devonshires in England großes Ansehen, das sich allerdings weniger auf ge- schichtliche Verdienste als auf Besitz von Würden und unermeßliche Reichkhümer gründet. Er starb als Oberhosmeistcr der Königin Anna am 18. Aug. 1707 und hinterlicß aus seiner Ehe mit Maria Butler, der Tochter des Herzogs von Ormond, die Söhne William, Henry und James. — William folgte dem Vater als zweiter Herzog von D. und auch in der Hofwürde, die seitdem in dieser Familie fast erblich ward. Er starb am I S.Juni 1729 und hinterließ aus seiner Ehe mit Rachel Russell, der Tochter des enthaupteten Lord William Russell, drei Söhne, von denen der jüngste, Charles, der Vater des als Chemiker und Gelehrter berühmten Henry Cavendish (s. d.) wurde.— Der älteste Sohn, William, geb. 1698, dritter Herzog von D-, war 1736—45 Vicekönig von Irland, Lordlieutenrnt von Derbyshire und starb am5.Dec. 1755. — Sein ältester Sohn, William, vierter Her- zog von D., geb. 1729, wurde 1754 Lordlieutenanr der Grafschaft Cork in Irland, 1755 Vicekönig von Irland, 1756 erster Kommissar der Schatzkammer und Lordlieutenant von Derbyshire, 1757 auch Oberkammerherr, welche Würde er jedoch unter dem Ministerium Bute niederlegte, und starb am 28. Sept. 1764 zu Spaa. In Folge seiner Vermählung mit Charlotte Boyle, des Grafen von Burlington einziger Tochter, hinterließ er ein unermeßliches Vermögen. — Sein ältester Sohn, William, fünfter Herzog von D-, geb. am 14. Dec. 1748, wurde 1766 zum Großschatzmcister von Irland ernannt, um seine politische Opposition zu brechen; allein er blieb, wie die ganze Familie, fortwährend dem Whigismus treu und fuhr fort, die Politik des Hofes gegen das unglückliche Irland zu tadeln. Er starb am 29. Juli 1811. — Seine erste Gemahlin war Georgine, die Tochter des Grafe» John Spencer, geb. am 9. Juni 1757, die ebenso sehr durch Schönheit und Liebenswürdigkeit wie durch Geist und Bildung glänzte. Bei großer Theilnahme an den politischen Angelegenheiten und umgeben von den Zerstreuungen der vornehmen Welt, erhielt sie sich doch de» Charakter reiner Weiblichkeit. Als sie sich einst mit andern Damen für die Wahl For's alt Parlamentsdeputirter für Westminster bemühte, fodertc ein Fleischer von ihr für seine Stimme einen Kuß, den er auch von der schönsten Frau ihrer Zeit zum allgemeinen Ergötzen erhielt. Sie war bewandert in der Geschichte und Literatur und besaß selbst poetisches Talent. Neben mehren andern Erzeugnissen ihrer Muße, schrieb sie auf einer Reise in die Schweiz ein Gedicht, worin sie den Übergang über den Sanct-Gotthard schilderte und das sich durch Reinheit und Eleganz der Form sowie durch lebhafte Phantasie auszeichnete. Mit einer franz. Übersetzung wurde dasselbe von Delille (Par. 1892) herausgegeben. Sie starb am 39. März 1896. — Seine zweite Gemahlin, Elisabeth Herwey, die Tochter des vierten Grafen von Bristol, war zuerst mit einem gewissen Foster verheirathet, der ihr zwei Kinder hinterließ und mit des Herzogs erster Gemahlin eng befreundet. Als eine Frau von Geist, Bildung und seltener Liebenswürdigkeit, hatte sie großen Einfluß auf mehre hervorragende Persönlichkeiten und durch diese auf die politischen Angelegenheiten. Im I. 1815 verließ sie m- deß nach ärgerlichen Familienauftrittcn London und wendete sich nach Nom, wo ihr Haus bald der Sammelplatz aller ausgezeichneten Männer, besonders der Künstler und Gelehrten, wurde. Auf ihre Veranlassung wurden auf dem k'orum .romsnuin die Säulen des Phokas aufgedeckt. Auch ließ sie die Übersetzung der „Äneide" des Virgil von Annibale Caro mit einer Reihe von den ausgezeichnetsten Künstlern entworfener Kupferstiche in 159 Exemplaren drucken (2Bde., 1818, Fol.), die sie an Freunde, Fürsten und große Bibliotheken verschenkte. Auf gleiche Weise erschienen durch sie die Illustrationen der fünften Satire des Hora; und des Gedichts ihrer Freundin Eeorgina. Der Tod überraschte die Herzogin am 39. März 1324, als sic mit den Illustrationen zum Dante beschäftigt war. — Der Vorigen einziger Sohn, das gegenwärtige Haupt der Familie, ist William Spencer Cavendish, sechster Herzog von D-, Baron Clifford von Lanesborough und Baron Cavendish von Hardwick, Lord- licutenant von Derbyshire. Geb. am 21. Mai 1799,'gelangte er nach des Vaters Tode zur Pairswürde und verwendete sich im Oberhause wiederholt mit großem Nachdrucke für die Emancipation der irischen Katholiken. Auch als Lordkämmercr im Ministerium Ercy zeichnete er sich als freisinniger Whig aus. Auf seinen Reisen durch Deutschland und Frankreich erregte er durch Glanz und durch sein lebhaftes Kunstinteresse die Aufmerksam- Devotion Devrient 321 keit. Im I. > 8SS unternahm er eine Reise nach Konstantinopel, die zu mannichfaltigcn Gerüchten hinsichtlich ihrer Motive Veranlassung gab. Seine Kunstsammlung ist eine der ausgezeichnetsten in England. Angeblich in Folge eines Familienvertrags ist er nicht verheirathct. Devotion hieß bei den Alten der feierliche Act, wenn Jemand zum Wohle des Staats oder eines Andern sich durch einen freiwilligen Tod den unterirdischen Göttern weihte, wie dies z. B. Marcus Curtius (s. d.), P. Decius Mus (s. d.) und sein gleichnamiger Sohn thaten, was stets unter vorausgehenden und gleichzeitigen großen Feierlichkeiten geschah. Mit der Devotion stand die Execration feindlicher Staaten, Städte, Heere oder einzelner Personen, über die die Priester Verwünschungen aussprachen, und die Evocation oder die Auffoderung an den Schuhgott einer Stadt, dieselbe zu verlassen und überzugehen, in Verbindung. Solche Evocationen fanden z. B. bei Gabii, Veji, Korinth und Karthago statt. Devrient (Ludw.), unter den deutschen Schauspielern neuerer Zeit der genialste, geb. zu Berlin am >5. Dec. 178-t, wurde von seinem Vater, einem Seidenhäudler, für den Kaufmannstand bestimmt, wozu er indeß, durch eine Vorahnung der in ihm ruhenden Genialität gedrängt, gar keine Neigung hatte. Heimlich verließ er das väterliche Haus, begab sich zu der wandernden Schauspiclertruppe des Directors Lange (eigentlich Bode) und betrat 1802 in Gera zum ersten Male die Bühne unter dem Namen Herzberg als Bote in der „Braut von Messina". Später zog er mit dieser Truppe in mehren sächs. Städten umher, bis er in Dessau ein festeres Engagement erhielt. Schon hier fand er vielen Beifall, so wenig auch er sich selbst genügte, zugleich aber wurde ihm der Genuß spirituöscr Getränke schon damals zum Bedürfniß und eine ungeregelte Lebensweise, die er jedoch durch die ihm inwohnende Genialität und humoristische Lebensanschauung zu verklären wußte, zur Gewohnheit. Das Versprechen seines Vaters, ihm Verzeihung zu gewähren und seine Schulden zu bezahlen, wenn er in das väterliche Haus zurückkehren wollte, machte, ihn schwankend, doch der Buchhändler C. F. Kunz (Z. Funck) bestimmte ihn durch seinen freundschaftlichen Rath, bei der Bühne zu bleiben, der er mit seinem ganzen Wesen und Sein so innig ange- hörtc. Jm J. >807 verheirathete er sich mit Margarethe Neefe, der Tochter des Compo- nisten und Concertmeisters bei der Hofkapelle in Dessau, die ihm jedoch bereits nach einem Jahre durch den Tod entrissen wurde. Einige Jahre nachher ward er durch drückende Schulden genöthigt, sich heimlich zu entfernen, und begab sich dann zu der Bühne in Breslau, wo er fortdauernd mit dem größten Beifall spielte, jedoch auch seine aufreibende Lebensweise fortführte. In Breslau lernte ihn Jffland kennen und als Nebenbuhler seines Ruhms fürchten, doch war er uneigennützig genug, ihn, im Vorgefühle seines Todes, für die berliner Bühne zu gewinnen, da er ihn für den einzigen Schauspieler hielt, der ihn ersetzen könnte. Im I. 1815 betrat D. in der Rolle des Franz Moor zum ersten Male die berliner Bühne und wurde und blieb von nun an der gefeierte Liebling des Publicums. Zu früh für die Kunst starb er am 50. Dec. > 832. Nächtlicher, durch D.'s Humor und Genialität gewürzter Verkehr mit gleichgesinnten Freunden hatten ihm den Genuß geistiger Getränke im Übermaß zum Bedürfniß gemacht und seinen Körper zerrüttet. Die Theilnahme aller Stände sprach sich bei seinem Leichenbegängniß aus, da man in ihm nicht blos den großen Künstler bewunderte, sondern auch den fast bis zur Kindlichkeit gutmüthigen und naiven, bis zur Schwäche harmlosen und arglosen Menschen geliebt hatte. Als Schauspieler steht D. einzig da, indem bei ihm die Inspiration beiweitem mächtiger war als die bloße Reflexion und das Studium, wodurch er den Gegensatz gegen Jffland bildete, und indem ein ursprünglicher poetischer Humor seine Leistungen von innen heraus verklärte. Er war eine dämonische Künstlernatur, und dieses Dämonische prägte sich auch in seiner gesummten äußern Erscheinung, in seiner Eesichksbildung, seinem Organe aufs frappanteste aus, die, wie seine ganze Auffassungsgabe, seine Mimik und Dcclamation, mehr charakteristisch ergreifend wirkten, als in idealem Sinne schön zu nennen waren. Jeder Moment erschien bei ihm als That und als das Heraustretcn eines innern geistigen Lebens, nicht als das Herantreten des bloßen Calculs zu einem äußerlich gegebenen Lebensmomente. Er erlebte Das, was er darstellte, und zwang somit das Publicum, das Dargestellte mitzuerleben. Viele Rollen hat er gleichfalls erst neu erschaffen und ist darin ein unerreichtes Vorbild geworden, sodaß man seinen Conv.-eex. Neunte «usl. IV. 21 322 D?wa De Wette > Nachahmern höchstens die Copirfertigkeit, nicht das ursprüngliche Schaffungstalent nacb- rühmen kann. Das höchste Komische wie das höchste Tragische, aber auch das zwischen beiden Extremen liegende gemüthlichHumoristische, insofern es nur dem charakteristischen, nichtdem idealen Genre angehörte, gelang ihm gleich ausgezeichnet; er war geschaffen nicht für das blos heroisch Deklamatorische, sondern für das mehr Neinmenschliche, welches der bürgerlichen Sphäre näher liegend, doch über die platte Wirklichkeit hinausreichte und entweder ein Versinken in das Dämonischpsychische oder ein Überspringen in das Gebiet der phantastischen Humoristik nöthig oder möglich machte. Daher wurde er Norm für viele Shak- ' speare'sche Figuren, für Shylock, Lear, Richard »I., Mercutio, Falstaff; Vorbild für Franz Moor, den Mohren in „Fiesco", Schema, Loren; Kindlein und eine Menge kleiner Charakterrollen, die erst durch ihn Leben und Bedeutung erhielten. Vgl. Z. Funck, „Ans dem Leben ^ zweier Schauspieler: Jffland's und D.'s" (Lpz. 1838). — Wie in vielen Familien schein! auch in der Familie Dcvrient die Liebe und die Anlage für die Kunst erblich gewesen zu sein, da drei seiner Neffen, die sämmtlich von ihrem Vater für den Kaufmannstand bestimmt wurden, ihr Talent der Bühne widmeten. Von ihnen hat der älteste, KarlAng. D., geb. zu Berlin am 5. Aug. 1788, der den Feldzug von 1815 mitmachtc, >818 in Braunschweig debütirte, 1823 eine 1828 wieder aufgelöste Ehe mit Wilhclmine Schröder (s. Schröder- D e vricn t) einging und vielfach auf Gastrollen reiste, vielleicht die bedeutendsten natürlichen Anlagen und äußern Mittel, aber die mangelhafteste Durchbildung. Gegenwärtig Mitglied der Bühne zu Hannover, wendet er sich seit einiger Zeit mehr von dem Fache jugendlicher Helden und Liebhaber ab und den ältern Helden ° und Charakterrollen zu. — Der zweite Bruder, Phil. Eduard D., geb. am I I. Aug. 1801, Mitglied der berliner Hofbühne, besitzt unter den Brüdern die geringsten Mittel, aber die gründlichste wissenschaftliche Dmch- , bildung. Früher ein tüchtig geschulter Baritonsänger, widmete er sich später dem rccitircnden v Rollcnfache, in welchem er vieles Studium, ein edles Streben, Verstand und Besonnenheit, ! aber beiweitem weniger das Feuer der Begeisterung bekundet. Auch als Schriftsteller und i Theaterdichter besitzt er einigen Ruf, besonders durch seine „Briefe aus Paris", die manche interessante Bemerkungen und Beobachtungen enthalten, durch seine Schrift „Über dic Gründung einer Theaterschulc" und durch die Stücke: „Das graue Männlein", „Die Gunst des Augenblicks", „Die Verirrungen", „Der Fabrikant", Stücke, denen ein poetisches Interesse nicht zugesprochen, aber ebenso wenig ein theatralisches, wenigstens in Bezug auf das Charakterbild „Die Verirrungen", abgesprochen werden darf. Unter seinen Ovcrntcrten, deren er mehre schrieb, gewann „Hans Helling" an sich wie durch Marschner's ansprechende Musik den meisten Beifall. Als Schauspieler wie seiner gesammten Bildung nach gehört er Berlin an. — Der dritte Bruder, Gust. Emil D., geb. am 3. Sept. > 883, als Schauspieler der berühmteste und beliebteste unter den Brüdern, übertrifft den zweiten an schönen Naturmitteln und den ältesten an künstlerischer Durchbildung, jenen an Feuer, wie diesen - an weiser Gemessenheit, und diese Harmonie zwischen seinen Mitteln und deren Verwendung und Ausbildung, verbunden mit dem Wohlgefälligen und Edel», ja Poetischen seiner ganzen Erscheinung, haben veranlaßt, daß er größere schauspielerische Erfolge gehabt hat als seine Brüder, obgleich auch ihm dic eigenthümliche, immer neugestaltende Empsindungskraft, die » seinen Oheim charakterisirte, abgeht. Gegenwärtig ist er das vielleicht beliebteste Mitglied der Hofbühne zu Dresden. Er vermählte sich 182 5 mit D o r v t h e a B ö h l e r, geb. 1 805 ^ zu Kassel, die vorzüglich im sentimentalen Fache und in naiven Lustspielen zu rühmen ist. DöttM oder Devata, d. i. die Himmlischen, heißen in der indischen Religionslehre die Götter der reinen Lehre, im Gegensätze zu den feindlichen Mächten, den Asuras, Dackyrs u. s. w. In der altpers. Lehre hingegen bedeutet Dew oder Diw ein böses Wesen, einen Diener des Ahriman, der im steten Kampfe gegen die reine Schöpfung Ormuzd's begriffen ist. De Wette (Wilh. Mart. Leber.), Professor der Theologie an der Universität zu Basel, geb. 1780 zu Ulla bei Weimar, wo sein Vater Prediger war, besuchte erst die Schule zu Buttstädt und seit 1786 das Gymnasium zu Weimar. Im 1.1788 bezog er dic Universität zu Jena, wo er sich dem Studium der Theologie widmete und 1805 akademischer Docent wurde. Im I. 1807 folgte er dem Nufe als außerordentlicher Professor der Philosophie ! nach Heidelberg, wo er 1808 als ordentlicher Professor der Theologie einrückte, und I5iv j De Wette 323 an die neugestiftete Universität zu Berlin, worauf die theologische Facultät zu Breslau ihm die Doctorwürde zucrkannte. Wie seine akademischen Vorträge, so erwarben ihm auch seine Schriften sehr bald einen ausgebreiteten Ruf, unter denen wir nur an seine „Beiträge zur Einleitung in das Alte Testament" (2 Bde., Halle 1806—7), das „Lehrbuch der hebr.-jüdi- schen Archäologie" (Lpz. >814; 3. Aust., >842) und das „Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung in die Bibel Alten und Neuen Testaments" (2 Bde ,-1. Aufl.,Berl. 1842—43) erinnern. Indem er aber mit der zu diesen Untersuchungen unentbehrlichen umfassenden Gelehrsamkeit eine von dogmatischen Fesseln freie Denkweise und philosophischen Scharfblick vereinigte, wurde er auch zu manchen kühnen Annahmen geführt, welche nicht ohne Widerspruch blieben. Mit allgemeinem Beifall dagegen ward die mit Augusti von ihm bearbeitete Übersetzung der „Heiligen Schrift" ausgenommen (6 Bde., Heidelb. 1809—12; 3. Aust., 3 Bde., 1839). Bei der systematischen Darstellung seiner Theologie ging er von dem philosophischen System seines Freundes Fries (s. d.) aus, wie dies seine Schrift „Über Religion und Theologie" (Berl. 1815; neue Aust., >829) und sein „Lehrbuch der christlichen Dogmatik" (2 Bde., 3. Aust., Berl. 1840) beweisen. Nach ihm stellt sich die Religion als sittlicher Glaube in Dogmen, als Gefühl der Ahnung in anschaulichen Bildern oder Symbolen dar; letztere sind die cigenthümlich christlichen Glaubensartikel, die, obgleich in ihnen keine erkennbare Wahrheit ist, dennoch in der Kirche beizubehalten sind. Die christliche Sittenlehre hat er gleicherweise nach einem ihm ganz eigenen, aufFries'sche Anthropologie gebauten System bearbeitet und dabei Lehren in die Moral gezogen, die man sonst nur zur Dogmatik rechnete, wie er denn von den beiden Naturen in Christo als der Basis der christlichen Moral ausgeht. Noch während der Ausarbeitung des betreffenden Werks nahm das Schicksal des in stiller akademischer Wirksamkeit unermüdet thätigen Mannes eine unerwartete Wendung. De W. hatte auf einer Reise in das Fichtelgebirge im Herbst 1818 in dem Vaterhause Karl Sand's (s. d.), den er nur zufällig und auf kurze Zeit in Jena gesehen, gastfreundliche Aufnahme gefunden, weil die Begleiter, in deren Gesellschaft er reiste, von dem jungen Sand an seine Altern empfohlen waren. Er hatte in den Altern des Unglücklichen achtcnswerthe Menschen kennen gelernt und fühlte sich daher durch ssin Herz gedrungen, sogleich auf die erhaltene Kunde von der blutigen That des Sohns, der gebeugten Mutter seine Theilnahme in einem Trostschreiben vom 31. März 1819 zu bezeigen. Am28.Aug. 1819 ward er auf außerordentlichen königlichen Befehl vor den akademischen Senat gefodert und unter Vorlegung einer Abschrift seines Briefes befragt, ob er sich zu diesem Brief als dem seinigen bekenne. De W. leugnete nicht, daß er einen Brief dieser Art geschrieben habe, versicherte aber, daß er nach fünf Monaten nicht mehr wissen könne, ob diese Abschrift wirklich dem Originale völlig gleichlaute; er müsse daher um die Vorlegung seiner eigenen Handschrift bitten. Jn De W.'s Trostschrciben an die Mutter Sand's stand aber Folgendes: „So wie die That geschehen ist, mit diesem Glauben, mit dieser Zuversicht, ist sie ein schönes Zeichen der Zeit. — Die That ist — allgemein betrachtet — unsittlich und der sittlichen Gesetzgebung zuwiderlaufend. Däs Böse soll nicht durch das Böse überwunden werden, sondern allein durch das Gute. Durch Unrecht, List und Gewalt kann kein Recht gestiftet werden, und der gute Zweck heiligt nicht das ungerechte Mittel." Dem akademischen Protokolle seiner Vernehmung legte er eine Erklärung bei, in welcher er nachwies, daß er in seinem Briefe zufolge der ihm vorgelegten Abschrift, die meuchclmörderische That keineswegs gebilligt, vielmehr verworfen und nicht blos als ungesetzlich, sondern auch als unsittlich verworfen und ausdrücklich erklärt habe, daß er nie zu einer solchen ermahnen und rächen werde. Und wenn das Ur- theil hier und da im mildernden und des Verbrechers Person schonenden Tone ausgesprochen sei, so müsse man bedenken, daß sein Schreiben, ein bloßer Privatbricf, zum Tröste einer Mutter habe dienen sollen. Zugleich bat er um eine förmliche Untersuchung vor einem Gerichte sachkundiger Männer. Dieser Erklärung und Bitte ungeachtet crtheilte ihm das Ministerium schon am 30. Aug. ohne Weiteres die Weisung, „daß, da er die in seinem Schreiben ausgesprochene Rechtfertigung der von Sand verübten Mordthat auch jetzt noch zu ver- theidigen suche, Se. Maj. der König es für eine Verletzung Ihres Gewissens halten würden, wenn Sie einem Manne, der den Meuchelmord unter Bedingungen und Voraussetzungen 21 * 324 Dexippus für gerechtfertigt halte, den Unterricht der Jugend noch ferner anvertrauen wollten, und es werde ihm hiermit seine Entlassung von seinem Lehramte angekündigt." Der akademische Senat verwendete sich »och einmal für den Beschuldigten, empfing aber eine nachdrückliche Zurechtweisung. De W. meldete seinen Abgang von Berlin in würdigen Schreiben an den König, den Minister von Altenstcin und den akademischen Senat, welcher letztere ihm eine sehr ehrenvolle Antwort ertheiltc. Die von: Ministerium ihm angetragene Auszahlung eines Quartalgehalts lehnte er mit Freimüthigkeit und Ernst ab und zog sich in sein Vaterland zurück. Vgl. „Actensammlung über die Entlassung des Professors De W. vom ' theologischen Lehramte in Berlin, von ihm selbst herausgegeben" (Lp;. > 820). Sein hartes Schicksal hatte ihm die Theilnahme seiner Mitbürger und Zeitgenossen in allen Gegenden Deutschlands erworben, und er empfing davon in Weimar, wo er nunmehr privati- sirte, vielfältige Beweise. Während seines dasigen Aufenthalts vollendete er die Herausgabe seiner „Christlichen Sittenlehre" (3Bde., Berl. 1810—21); auch bereitete er die kritische Ausgabe der „Sämmtlichen Werke" Luther s vor, zuerst der „Briefe, Sendschreiben und Bedenken Luthcr's" (5 Bde., Berl. 1825—28) und schrieb das viclgelesene Werk „Theodor, oder die Weihe des Zweiflers" (2 Bde., Berl. l 822; 2. Ausl., 1828), welches im Gewände einer Biographie auf geistreiche Weise und in blühender Sprache seine damaligen Ansichten von den wichtigsten Gegenständen der Dogmatik, Moral, Ästhetik und Pasts- raltheologie darlcgt. Zu derselben Zeit regte sich aber auch in ihm der Wunsch, im Pre- digerberufc einen künftigen Wirkungskreis zu finden. Er betrat daher an mehren Orten seines Geburtslandes die Kanzel und machte einige seiner Vorträge durch den Druck bekannt. Dadurch ward die Gemeinde der Katharinenkirche zu Braunschweig veranlaßt, ihn zur Mitbewerbung um die bei ihr erledigte zweite Predigerstelle einzuladen. Er folgte der Einladung und ward einstimmig erwählt; allein die vormundschaftliche Landesregie- e rung versagte der Wahl ihre Bestätigung und auch der Herzog Karl, bis zu dessen Regierungsantritt die anderweitige Wahl verzögert worden war, sonnte nicht bewogen werden, sie zu gewähren, obgleich drei auf Veranlassung der Gemeinde von den theologischen und philosophischen Facultätcn zu Jena und Leipzig ergangene Gutachten einstimmig erklärt hatten, daß De W. durch seinen Brief an Sand's Mutter der Verwaltung eines geistlichen Amtek sich durchaus nicht unwürdig gemacht habe. So folgte er 1822 einem unterdessen an ihn ergangenen Rufe als Professor der Theologie an die Universität zu Basel, ungeachtet ihm die Gemeinde in Braunschweig jährlich 800 Thlr. Wartcgcld auf zwei Jahre zusicherte, wenn er diesen Ruf ablehnen wolle. Durch seine Vorlesungen und Predigten erwarb er sich in Basel in kurzer Zeit die allgemeinste Achtung. Davon zeugte unter Andern, die Theilnahme an seinen „Vorlesungen über die Sittenlehre" (2 Bde., Berl. 1823), welche vor einem gemischten Publicum gehalten wurden. Auch hat De W.'s Geist und Richtung auf Männer wie Lücke, Ullmann, Umbreit und Gieseler unverkennbar eingewirkt. Im I. 1820 ernannte ihn der Große Rath zum Mitglied des Erziehungsraths und beschenkte ihn mit dem Bürgerrechte der Stadt Basel. Noch erwähnen wir seine „Predigten" (-1 Sammlungen, Bas. 1826—12), seine populair dogmatischen „Vorlesungen über die Religion, ihr Wesen und ihre Erscheinungsformen" (Berl. 1827), seinen „Commentar über die Psalmen" (Heidelb. )' 1820; 1. Auf!., 1836), „Heinrich Melchthal, oder Bildung und Gemeingeist, eine belehrende Geschichte" (2 Bde., Berl. 1820), seine „Oj.uzc»!-» tlienlo^ca" (Berl. 1830); das „Lehrbuch der christlichen Sittenlehre und der Geschichte derselben" (Berl. 1833) und sein „Kurzgefaßtes exegetisches Handbuch zum Neuen Testamente" (2 Bde., Lpz. >836-12), das in einzelnen Theilen mehrfach neu aufgelegt ist. DepippUs (Publius Herennius), ein nicht unbedeutender griech. Geschichtschreiber aus dem 3. Jahrh. n. Chr., gelangte in Athen zu den höchsten Ehrenstetten und zeichnete sich namentlich im I. 269 als Feldherr aus, indem er die siegreich eingedrungenen Gothen auf das Haupt schlug. Von seinen historischen Schriften, unter denen besonders ein Abriß » der ganzen Geschichte bis auf seine Zeit und die „8c^tinca", eine Beschreibung des scythischen Kriegs, geschätzt waren, sind nur noch Bruchstücke vorhanden, welche Niebuhr im „6nrp»i scriptvruin b)2ani." (Bd. I, Bonn 1829) zusammengcstellt hat. — Ein anderer Dexip- ^ Dextrin Diagvmeter 325 puS, ein Schüler des Jamblichus, um 335 n. Ehr., schrieb Erläuterungen zum Aristoteles, die wir nur noch theilweise aus einer lat. Übersetzung des Felicianus (Par. 1549) kennen. Dextrin, s. Branntweinbrennerei. Deyling (Salomon), berühmter protestantischer Theolog, geb. zu Weida im sächs. Voigtlandc am 14. Sept. 1677 von armen Altern, ließ sich weder durch die Schwierigkeit, daß er als Knabe, um lat. Unterricht zu erhalten, eine Meile weit zu einem benachbarten Pfarrer gehen mußte, noch durch den Mangel, mit welchem er aus dem Gymnasium zu Zwickau zu kämpfen hatte, abhalten, seinen Plan, Theologie zu studiren, mit dem größten Eifer zu verfolgen. Er bezog 1699 die Universität zu Wittenberg, ward nach beendeten Studien Hauslehrer in Schlesien, kehrte aber sehr bald nach Wittenberg zurück und hielt daselbst öffentliche Vorlesungen, bis er 176 t dem Rufe als Archidiakonus nach Plauen folgte, woraus er 1768 als Superintendent nach Pegau, 1716m gleicher Eigenschaft und als Consistorial- affessor nach Eisleben und 1726 als Superintendent und Pastor an der Nikolaikirchc nach Leipzig berufen wurde, wo er am 5. Aug. 1755 starb. Sein Hauptwerk sind die „lnstitu- tionesfiiri.-priulentiae pastorslis" (Lpz. 1734; 3. Aust., von Küstner, Lpz. 1768), welche alle frühem Pastoraltheologien sowol in Hinsicht der Vollständigkeit und Zweckdienlichkeit als auch durch klaren, reinen lat. Styl übertrafen. Auch seine „Observation«« sscrse" (4 Bde., Lpz. 1708—36; 2. Aust., 5 Bde., Lpz. 1746—48, 4.) sind nicht ohne exegetischen Werth. Dhawalagrri, d. i. der weiße Berg, s. Himalaya. Diadem hieß die aus Seide, Wolle oder Garn gefertigte Stirnbinde, welche im Alterthumc den Königen oder Fürsten zum Schmuck diente. Sie war schmal und nur in der Mitte über der Stirn breiter. Das Diadem der ägypt. Gottheiten und Könige war mit dem Symbol der heiligen Schlange versehen. Das bacchische Diadem, gewöhnlich Kredcmnon genannt, das man oft an antiken Darstellungen, zumal des indischen Bacchus, sieht, bestand aus einer die Stirn und Schläfe umwindenden, gefalteten Binde, hinten geknüft, mit herabhängenden Enden. Bei den Persern war das Diadem um die Tiara geschlungen und von blauwcißer Farbe. Die ersten röm. Kaiser enthielten sich dieses Schmuckes, um nicht dem Volke zu misfallen, da er an die verhaßte Königswürde erinnerte. Erst Diocletian führte das Diadem wieder ein, und Konstantin der Große schmückte cs noch mehr aus. Seit dieser Zeit wurde es mit einer einfachen oder doppelten Reihe von Perlen und Edelsteinen verziert. Auch Königinnen findet man auf Münzen mit Diadem und Schleier abgebildet. Von den Kronen wurde es endlich verdrängt. Diagnose bedeutet nach seiner griech. Abstammung überhaupt die Erkenntniß eines Gegenstandes durch Unterscheidung von andern ihm ähnlichen, daher die Sammlung der charakteristischen Merkmale einer Sache und die daraus resultircnde Bestimmung der Gattung, zu welcher dieselbe gehört. So stellt man in der Naturkunde die Diagnose über ein Thier, eine Pflanze, ein Mineral, d. h. man faßt die allgem»inen und die eigenthümlichen Merkmale eines solchen zusammen, um durch die sich daraus ergebenden Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten in Bezug auf Gegenstände derselben Art in Stand gesetzt zu werden, die Elaste des zu untersuchenden zu bestimmen. Von besonderer Wichtigkeit ist die Diagnose in der Heilkunde, wo sie dazu dient, eine Krankheit von andern ähnlichen Krankheiten zu unterscheiden und auf diese Unterscheidung das richtige Heilverfahren zu gründen. Sie folgt hier aus den Symptomen (s. d.) oder diagnostischen Zeichen, den vorausgegangenen Umständen, der Körperconstitution, den atmosphärischen Verhältnissen u. s. w., und dem durch Erfahrung sowol als durch Schlüsse wahrscheinlich gemachten Zusammenhänge zwischen diesen Dingen. Oft ist es sehr schwierig, ja zuweilen, besonders im Anfänge der Krankheiten, unmöglich, die richtige Diagnose zu stellen, wo dann der Arzt darauf angewiesen ist, nur nach den vorliegenden Krankheitsäußerungen zu handeln, um nicht durch estu. voreilig gestellte Diagnose vielleicht ein unangemessenes Verfahren zu beginnen. Die Wissenschaft, welche die Kunst lehrt, Krankheiten richtig zu erkennen, nennt man Diagnostik. Vgl. Wichmann, „Ideen zur Diagnostik", fortgesetzt von Sachse (4 Bde., Lpz. 1801 — 36) und Schmalz, „Versuch einer medicinisch-chirurgischcn Diagnostik" (4. Ausl., Dresd. > 82 5, Fol.). Diagvmeter nannte Rousseau das von ihm erfundene Instrument, mittel- dessen die Leitungsfähigkeit der Körper für die Elektricität gefunden werden kann. 326 Diagonale Diakonen Diagonale heißt in der ebenen Geometrie eine gerade Linie, welche zwei aufeinanderfol- ' gende Ecken einer geradlinigen Figur verbindet. Das Dreieck hat keine Diagonale, das Viereck zwei, das Fünfeck fünf, das Sechseck neun Diagonalen u.s.w. Um die Anzahl derDiagonalen einer geradlinigen Jigur zu finden, zieht man von der Seitenzahl derselben drei abmulti- plicirt den Rest mit der Seitenzahl selbst und nimmt vom Product die Hälfte; so erhält man z. B. beim Sechseck ---- 9. Will man die Diagonalen so ziehen, daß fie einander nicht ^ schneiden, so kann man immer nur drei weniger, als die Figur Seiten hat, ziehen, sie mögen , nun alle von einer Ecke ausgehen oder nicht. — Zn der Stereometrie versteht man unter der Diagonale eines eckigen Körpers oder Polyeders eine solche gerade Linie, welche zwei Ecken eines Körpers verbindet, aber weder mit einer Kante noch mit der Diagonale einer Seitenfläche zusammenfällt. Um die Anzahl der Diagonalen eines Körpers zu finden, zieht man von der Zahl der Ecken desselben eins ab, multiplicirt den Rest mit der Zahl der Ecken selbst und halbirt das Product; von der so erhaltenen Zahl zieht man erstens die Zahl sämmtlicher Kanten, zweitens die der Diagonalen sämmtlicher Seitenflächen ab. Dies gibt z. B. beim Würfel — l2 — 6><2 — 28 — 12 — >2 — 4 Diagonalen. — Eine Diagonalfläche eines Prisma ist eine Ebene, die durch zwei parallele, aber nicht zu derselben Seitenfläche gehörende Seitenlinien eines Prisma gelegt wird. Diagöras, ein griech. Philosoph des 4. Zahrh. v. Ehr., aus Melos, oft nach seinem Aufenthaltsorte derAthenienser genannt, war anfangs Sklave und wurde nach seiner Freilassung ein Schüler Demokrit's. Weil er sich in der ftühern Zeit sehr viel mit lyrischer Poesie beschäftigte, erhielt er auch den Beinamen Dithyrambenmacher; als Philosoph kam er, nachdem er früher fast abergläubisch gewesen war, nicht nur in den Verdacht des Skepti- rismus, sondern selbst der Gottesleugnung, weil er die eleufinischen Mysterien verspottete. > In Folge davon wurde er aus Athen verbannt. Diägramm bezeichnet eine Figur oder geometrische Zeichnung) welche zum Beweise eines Lehrsatzes oder zur Lösung einer Aufgabe angewendet wird, dann einen Entwurf oder Abriß überhaupt. Sonst bezeichnet- man damit in der Musik das Liniensystem oder die Vorzeichnung der Tonleiter, zuweilen auch die Partitur. — Zn der Mysteriengnosis der Ophiten(s.d.) bedeutet Diagramm die Zeichnung der Weltkreise, in denen der böse Geist herrscht und aus denen die Geister oder Lichttheile durch Christus zurückgeführt werden. ES galt nicht nur als Symbol der ophitischen Lehre, sondern auch als magisches Mittel, das unter gewissen mystischen Gebeten gebraucht wurde. Als solches ist es dann wol, wie die Abraxassteine (s. d.), auch bei nichtgnostischen Parteien zur Anwendung gekommen. Diagraph ist der Name eines von Gavard erfundenen, aus mehren miteinander verbundenen Linealen und Visiren bestehenden Instruments, welches als Hülfsmittel zu verkleinerter Zeichnung eines natürlichen Gegenstandes dienen, also für das Zeichnen von Ansichten u. s. w. nach der Natur Ähnliches leisten soll, wie der Storchschnabel für das Copiren i von Zeichnungen. In Deutschland ist das Instrument noch wenig in Anwendung gekommen. - Diakaustische Linie heißt in der mathematischen Optik die Brennlinie durch Brechung, welche auf folgende Weise entsteht. Wenn von einem leuchtenden Punkte Licht- ^ strahlen auf eine krumme Linie, z. B. eine Parabel, fallen und von dieser nach den Gesetzen der Refraktion gebrochen werden, so bilden die Punkte, in denen sich je zwei aufeinanderfolgende gebrochene Lichtstrahlen schneiden, verbunden diejenige krumme Linie, welche eine dia- kaustische genannt wird. Auf ähnliche Weise entsteht eine katakaustische Linie durch die Durchschnittspunkte von Lichtstrahlen, die von einer krummen Linie nicht gebrochen sondern s zurückgeworfen werden. Der Erste, der die diakaustische Linie betrachtete, war Huyghens. l DescarteS betrachtete zuerst diejenige krumme Linie, von ihm eine Ellipse der zweiten Ord- z nung genannt, deren diakaustische Linie ein einziger Punkt ist, welche also alle von einem Punkte auffallenden Strahlen auch wieder in einem Punkte vereinigt, und wollte sie in der praktischen Optik zu Linsengläsern und Strahlenzerstreuung anwenden, was aber theils ^ausführbar ist, theils die Farbenzerstreuung nicht aufheben würde, überhaupt ist die Betracht»^ dieser krummen Linien eigentlich nur in theoretischer Hinsicht von Interesse- Diakönen, d. i. Diener, hießen in der apostolischen Zeit im weitern Sinne auch die Dialekt Dialektik 327 Kirchenlehrer, im engem äber und vorzugsweise diejenigen Gemeindebeamten, welche nur mit Einsammlung und Vertheilung der Almosen und mit der Pflege der Armen und Kranken beauftragt waren, also kein eigentliches Kirchenamt hatten. Dies ist schon auf dem Conci- lium Trullanum im I. 692 anerkannt worden. Zuerst wählte die Gemeinde zu Jerusalem sieben Diakonen, von denen einzelne, wie Philippus, allerdings auch lehrten und tauften, doch nur, weil sie zugleich Heidenprediger oder Evangelisten waren. Die Zahl sieben wurde nachmals fast in allen Gemeinden beibehalten. Schon im 2. Jahrh. indeß bekamen die Diakonen noch andere amtliche Geschäfte, die später den niedern Kirchenämtern zugetheilt wurden, und erlangten, namentlich als Vertraute und Helfer der Bischöfe, Ansehen und Bedeutung. Im 3. Jahrh. erweiterte sich ihr Wirkungskreis so, daß die Theilung der Geschäfte unter einem Archi diakon u s (s.d.) und mehren Diakonen und Sub diakonen nöthig wurde. Sic mußten beim Abendmahle Brot und Wein ausspenden, durften aber nicht selbst consecriren; hatten die Oblativnen und Geschenke für den Bischof in Empfang zu nehmen, die heiligen Geräthe zu verwahren, beim Gottesdienste die einleitenden Formeln, z. B. das Oremur (laßt uns beten) und das Luroum corsts (die Herzen in die Höh') u. s. w., abzusingen und die Ordnung zu überwachen; auch die Aufsicht über die kirchlichen Untcrbecrmten und über die Sitten der Gemeindeglieder und durften in manchen Fällen mitErlaubniß des Bischofs predigen, taufen und Büßende in die Kirchengcmeinschast aufnehmen. Die Ämter derArchidia- konen und Diakonen gehörten schon in der alten Kirche, das der Snbdiakoncn dagegen erst seit dem 12. Jahrh. zu den höhern Weihen (Orckmes majoros). Bei der Ordination werden den Diakonen die heiligen Gefäße als Symbol ihrer künftigen Amtsthätigkeit dargereicht. Die ihnen eigenthümliche Kleidung ist die Dalmatica (s. d.). Den Diakonen zur Seite standen in den ersten Jahrhunderten der Kirche Diakonissinnen, die nicht unter 80 Jahre alt sein dursten. Ihr Amt bestand darin, daß sie Andere ihres Geschlechts, die sich taufen lassen wollten, unterrichteten, den Kranken Hülfe leisteten und den Frauen bei den Versammlungen ihren Platz anwiesen. Die Diakonen oder Helfer in der evangelischen Kirche perrichten alle geistliche Handlungen, besonders das Taufen und Einsegnen der Ehen. Über die Diakonissinnen der Protestanten s. Barmherzige Brüder und Schwestern. Dialekt oder Mundart nennt man die eigenthümliche Redeweise, nach welcher eine Hauptsprache von einem Stamme oder Volke in den verschiedenen Gegenden oder Landes- theilen gesprochen wird. Die Unterschiede der einzelnen Dialekte einer Sprache bestehen nun theils recht eigentlich in der Aussprache, theils in gewissen besondcrn Worten, Wendungen und Ausdrücken. So erkennt man, was die deutsche Sprache anlangt, den Brandenburger, den Sachsen, den Schwaben, den Baier an seiner Aussprache und an einzelnen, Jedem von ihnen cigenkhümlichcn Redensarten. Auf der Kanzel wie auf der Bühne, wo man überall reines Hochdeutsch fodert, ist ein Dialekt, der das Geburts- oder Erziehungsland des Predigers oder des Schauspielers verräth, ein Fehler; dagegen muß die Fertigkeit, willkürlich einen bestimmten Dialekt zu sprechen, ein großer Vorzug am Declamator wie am Schauspieler genannt werden, da es z- B. komische Rollen gibt, deren Wirkung fast lediglich auf dem Dialekte beruht, wie Judcnrollen, Rollen in wiener, berliner, schwäbischer und nürnberger Mundart, in denen, wie in andern deutschen Dialekten, wir auch Gedichte von Hebel (s. d.), Grübel (s.d.), Holte! (s.d.), Seidl(s.d.), F.vonKobell, Stöber, Usteri und Stelzhamer haben. Auf der Kanzel gebrauchte zu Anfänge des l 8. Jahrh. der dadurch bekannt gewordene Prediger Jobst Sackmann zu Limmern bei Hannover den plattdeutschen Dialekt, was bei aller Weichheit und Treuherzigkeit, die diesem Dialekte eigen sind, gegenwärtig doch schwerlich gut geheißen werden möchte. Übrigens sind auch einige der berühmtesten Kanzelredner der Gegenwart, wie z. B. Harms und selbst Ammon, nicht ganz frei von dialektischen Eigenheiten. In keiner neuern Sprache sind die Dialekte der einzelnen Volksstämme so rein und für besondere Dichtartcn so verschieden und so trefflich ausgebildet worden, wie in der alten griech-, ein Vorzug derselben, den F. Jacobs in der Rede „Uber einen Vorzug der griech. Sprache in dem Gebrauche ihrer Mundarten" in seinen „Vermischten Schriften" (Bd. 3, Lpz. > 829) scharfsinnig und geistreich dargestellt hat. Vom Dialekte ist derIargon (s. d.) zu unterscheiden. Dialektik, seiner griech. Ableitung nach, eigentlich die Kunst der Unterredung und Gesprächführung, bczeichnete in dem Sprachgebrauchs der Philosophie anfangs die Kunst 328 Dialepfis Dialog eines regelmäßigen wissenschaftlichen Verfahrens mit Begriffen. Zn diesem Sinne ist di- Dialektik nach dem Vorgänge der Eleaten und des Sokrates, namentlich dem Platon die Methode des höchsten speculativen Denkens, welches seinen Gegenstand in reinen Begriffen vollständig durchdringt. Schon Aristoteles verließ aber diese Bedeutung des Worts, indem er wissenschaftliche Schlüsse von blos dialektischen unterschied und unter letztem bloße Wahr- scheinlichkcitsschlüffe verstand. Allmälig bildete sich der Sprachgebrauch dahin um, daß man unter Dialektik die Kunst des logischen Scheins, die Fertigkeit, den Gegner durch die falsche Anwendung logischer Formen, versteckte Fehlschlüsse u. s. w. zu täuschen verstand. Das Dialektische wurde so ziemlich gleichbedeutend mit dem Sophistischen. Hierauf gründet sich noch der Sprachgebrauch Kant's, wenn er z.B. von einer transscendenkalen Dialektikspricht, als einem scheinbaren Widerstreit der Vernunft mit sich selbst in Beziehung auf die die Welt als Ganzes und das Geschehen in ihr betreffenden Fragen. (S. Antino m i e ) Jndeß ist man in neuerer Zeit zu der ursprünglichen Bedeutung des Worts wieder zurückgekehrt; nr- mentlich hat der Begriff der Dialektik und des Dialektischen in der Hegel'schen Philosophie eine ganz eigenthümliche Bedeutung. Er ist ihm nämlich geradezu der Ausdruck für die allein wissenschaftliche, dem Gegenstände der Erkenntniß selbst immanente Methode, deren Wesen darauf beruht, daß nicht bei den abstrakten Bestimmungen der Begriffe stehen geblieben, sondern über diese hinausgegangen und dadurch der wahrhaft wissenschaftliche Fortschritt gewonnen wird. Sie ist die Aufzeigung der dem Gegenstände selbst inwohnendcn Widersprüche, kraft deren alles Endliche in sein eigenes Gegenthcil umschlage, um sich aus dieser Diremtion zu einer Hähern, reichern Einheit wieder zusammcnzufaffen. Daß Dialektische steht also in der Mitte zwischen dem abstract verständigen, welches an der festen Bestimmtheit der Begriffe festhält, und dem wahrhaft speculativen Denken, welches die Einheit des Entgegengesetzten als das Affirmative, das in ihrer Auflösung und ihrem Übergehen enthalten ist, auffaßt. (S. Hegel.) Als eine Architektonik alles Wissens, als ein Organon für daS richtige Verfahren im zusammenhängenden Fortschreiten alles Denkens und als ein Kriterion für jedes einzelne Denken, was Anspruch darauf macht, ein Wissen zu sein, hat auch Schlcicrmacher die „Dialektik" (hcrausgegeben von L. Jonas, Berl. 183S) behandelt. Dialepsss, s. Diäresis. Diallele oder Cirkelbeweis, s. Beweis. Dialog bedeutet mündliche Unterredung zwischen mehren Personen; daher dialo- gisiren, etwas in die Gesprächsform einkleiden. Die Philosophen der Alten, besonders die Griechen, liebten, vermöge der eigenthümlichen Lebendigkeit ihres Geistes, diese Darstellungsform, bedienten sich ihrer zur Mittheilung ihrer Untersuchungen über wissenschaftliche Gegenstände und stellten entgegengesetzte Ansichten gleichsam personificirt und in lebendiger Zusammenwirkung mit yohem Kunstsinne dar. Der sogenannte So kratische Dialog ist ein in Fragen und Antworten dergestalt eingekleidetes Gespräch, daß der Befragte durch die Fragen bestimmt wird, in seiner Seele selbst diejenigen Vorstellungen zu entwickeln, welche der Fra- gende in ihm Hervorbringen will, und die philosophischen Dialogen des Platon sind gleichsam philosophische Dramen, welche die Sokratische Üntcrsuchungsweise auf Gegenstände der Spekulation anwenden. Es setzt aber diese Art der Unterredung bei dem Fragenden eine tiefere Kenntniß der menschlichen Natur überhaupt und des Befragten insbesondere voraus. (S. K a- teche tik.) Gegenwärtig dient der Dialog mehr für den mündlichen Unterricht; der philosophische Dialog dagegen scheint für die gegenwärtige Gestalt der Wissenschaften minder zweckmäßig zu sein. Von den Neuern bearbeiteten denselben unter den Deutschen Erasmus von Rotterdam, später Lessing, Moses Mendelssohn, Engel, Herder, Klinger, A. G. Meißner, Jacobi, Schilling und Solger. Im komischen und satirischen Dialog ahmte Wieland den Satiriker Lucian glücklich nach. Unter den Italienern haben sich in dieser Form Petrarca in semem Buche „ve ver» sspientire", Macchiavclli, Gelli, Algarotti und Gasp. Eozzi aus- gezerchnet, bei den Franzosen Malebranche, Fe'ne'lon und Fontenelle, die den Lucian nachahmten. Unter den Engländern folgten G. Berkeley und Rich. Hurd dem Platon, Jak. Harris dem Cicero. Der kunstgcmäße Dialog fodert Rcichthum an Ideen, Lebendigkeit der Einbil- u"d Gewandtheit des Geistes in gleich hohem Grade. Gehen die Gedanken durch Entschlüsse in That über, sodaß das Gespräch Handlung bewirkt, so entsteht da§ eigentlich Dialytische Fernröhre Diamant 229 Dramatische, wobei in dem Gcdankengange lebendige Bewegung und Spannung auf den Ausgang herrscht. Im Drama wird der Dialog im cngern Sinne dem Monolog entgegengesetzt und im Singspiele den Singstücken, wo er dann die Redepartien bedeutet. Dialytische Fernröhre, s. Fernrohre. Diamant oder Demant, dcravertbvollste unter den Edelsteinen, erscheint in Oktaedern und Rhombendodekaedern, meist mit zugernndetcn Kanten und Flächen, auch in rund- lichen Körnern und ist wafserhell, auch weiß, grau, gelb, selten rosenroth und grün, sehr leb- Haft glänzend und durchsichtig. In der Richtung der Oktacderflächen findet sich deutlicher Blättcrdurchgang. Er ist der härteste aller Mineralkörper und wird durch Reiben positiv elektrisch. Sein specifisches Gewicht ist — 3,6. Im höchsten Hitzegrade und unter Zutritt der Luft ist er ohne Rückstand verbrennbar. Er findet sich im aufgeschwemmten Lande, besonders im Sande der Flüsse und im Thon, oft unmittelbar unter der Dammerdc, in Brasilien und Ostindien bei Visapur und Golkonda, aus Borneo und im Ural, wo man den ersten 1829 auffand. Brasilien liefert jährlich 25 — 30000 Karat Diamanten, d.i. 10—> 3Pfd., wovon aber nur 8—9000 Karat geschliffen werden können. Da der Diamant reiner Kohlenstoff ist, so hat man ihn, bestärkt durch einige bei seiner Verbrennung über die Gestalt der Asche gemachte, aber auf Täuschung beruhende Beobachtungen, für einen Überrest organischen Ursprungs erklärt. Da aber jene Beobachtungen als irrig erkannt und ganz neuerlich in der That auch Diamanten in das Muttergestein cingewachsen aufgefunden worden sind, so entbehrt diese Annahme der Begründung. Aller Vorsicht ungeachtet werden beim Aussuchen und Waschen sehr viele Diamanten durch die Neger entwendet, indem sie dieselben verschlucken u. s. w., weshalb der Schleichhandel damit sehr bedeutend ist. Die Kunst, Diamanten mit Diamantpulver zu schleifen, wurde 1475 von Louis Berguc aus Brügge erfunden ; vorher wurden sie in ihrer natürlichen Gestalt gefaßt und Spitzsteine genannt. Man schleift dieselben auf sehr verschiedene Weise. Die Rosetten haben eine platte Grundfläche (die Einfassung), über welche sich zwei Reihen triangulairer Facetten erheben, von denen die sechs obersten, die Sternfacetten genannt, in eine Spitze zusammenlaufen. Der Brillant läßt sich als zwei abgestumpfte Kegel vorstellen, deren Grundflächen zusammenstoßen. Der obere Kegel, welcher nach der Fassung des Steins noch sichtbar bleibt, heißt die Krone oder der Pavillon, der untere hingegen die Culasse. Die Fläche der Krone nennt man die Tafel und die der Culasse die Calette. Die Brillanten, von der Krone aus betrachtet, sind entwe- bcc viereckig, rund oder oval. Die Kunst, Diamanten zu schneiden oder zu sägen, wenn sie im Verhältnisse zu ihrer Oberfläche zu dick sind, ist eine Erfindung des Holländers M. Del- beek zu Anfänge des l 9. Jahrh. Reine, vollkommen durchsichtige Diamanten braucht man zum Schmucke, als Ringsteinc, oder um andere Ringsteine, Sapphire, Smaragde u. s. w. damit zu karmesircn oder cinzufassen. Farbe, Reinheit, Durchsichtigkeit, Vollendung des Schnitts und Größe bedingen den Werth der Diamanten. Die unreinen benutzt man zum Glasschueiden, wozu insbesondere die Krystalle mit zugernndetcn keilförmigen Kanten gebraucht werden, zum Gravuren, zum Bohren der Edelsteine und zum Füttern der Zapfenlöcher seiner Uhrwerke; auch werden dieselben zu Pulver gestoßen, welches Diamantbrot heißt und zum Schleifen von Diamanten und andern harten Edelsteinen dient. Geschichtlich merkwürdig ist der Sancy'sche Diamant, der aus Indien kam und ungefähr seit vier Jahrhunderten in Europa ist. Der erste Besitzer war Karl der Kühne. Er trug ihn in der Schlacht bei Nancy, wo er fiel. Ein schweiz. Soldat fand den Diamanten und verkaufte ihn für einen Gulden an einen Geistlichen. Jm J. 1489 kam er an Anton, König von Portugal, der ihn aus Geldnoth für 100000 Francs an einen Franzosen verkaufte, durch den er an Sancy kam, von welchem er den Namen erhalten hat. Als Sancy als Gesandter nach Solothurn ging, befahl ihm König Heinrich Hl., ihm als Pfand jenen Diamanten zu schicken. Der Diener, welcher ihn überbringen sollte, wurde aber unterwegs angefallen und ermordet, nachdem er den Diamanten verschluckt hatte. Sancy ließ den Leichnam öffnen und fand den Edelstein im Magen. Jakob II. von England besaß diesen Diamanten 1688 , als er nach Frankreich kam. Später war er im Besitze Ludwig's XIV. und Ludwig's XV., der ihn bei seiner Krönung trug. JmJ. 1835 wurde er für eine halbe MillionRubcl vondemOber- jägermeister des Kaisers von Rußland erkauft. Er hat die Gestalt cinerBirnc, wiegt 53 '/-Karat 330 Diameter Diana und ist vom reinsten Wasser. Andere große Diamanten sind der Braganza, der l7-t> in Brasilien aufgefunden wurde, aber nur ein weißer Topas sein soll; derMogul, im Besitze des Radschah von Lahore; der Orloff, ursprünglich das Auge einer Brahmastatue in Indien, und 1775 für die Kaiserin Katharina 11. in Amsterdam angekaust, und ein anderer im russ. Reichsscepter; der Regent oder Pitt, so genannt, weil er durch den Engländer Pitt dem Regenten, Herzog von Orleans, verkauft wurde, später im Besitze Napolevn's und gegenwärtig, seitdem ihn die Preußen in der Schlacht bei Waterloo erobert, im preuß. Kronschatze; und der Herzog von Toscana, im Besitze des Kaisers von Ostreich. Der berüchtigte Diamant des Hofraths Beireis (s. d.), mit dem dieser sehr geheimnißvoll that und der nach seinem Tode sich nicht vorfand, war wahrscheinlich ein schöner Bergkrystall oder ein Topas. — In der Fortisication bezeichnet man mit Diam ant die kleinen, aber tiefen Absonderungsgräben, welche in trockenen Festungsgräben, bisweilen am Fuße der Futtermauern, gewöhnlich da, wo ein Eingang sich befindet, angelegt werden, um dem Feinde die unmittelbare Annäherung zu erschweren. Diameter, s. Durchmesser. Diana, griech. Artemis, eine jungfräuliche Güttin, welche, wie ihr Bruder Apollon, eine sehr verschiedenartige und ausgebreitete Verehrung genoß. Verschieden und genau voneinander zu scheiden sind, wie Otfr. Müller bemerkt, die mit Apollon verbundene Ar- temis von der arkadischen, taurischen und ephesischen, welche letztem mit der erstem gar nichts gemein haben. Was die erste, die mit Apollon verbundene, anlangt, die als dessen Schwe- ster die Tochter des Zeus und der Leto war, so tritt bei ihr wie bei Apollon ein doppeltes Element, ein zerstörendes und ein erhaltendes, hervor. Sie erscheint als die schnclltödtende, indem sie Seuchen und Pest über Menschen und Vieh sendet, und als Rächerin menschlicher Frevel; auf'der andern Seite hinwiederum spendet sie hohes Alter, reichliche Ernte und stiftet Eintracht und Frieden. Als Bogenschützin erlegte sie im Gigantenkriege niit Apollon den Tityus, den Orion, die Kinder der Niobe, die Chione (s. d.), die Aloiden (s. d.) Otus und Ephialtes. Sowie Apollon ist auch sie unvermählt, und die Verletzung des Gelübdes der Keuschheit wird von ihr hart bestraft. Daß sie als Schwester des Apollon auch a!S Mondgöttin verehrt wurde, ist sehr natürlich, nachdem Apollon einmal mit dem Sonnengott! identificirt war. Wahrscheinlich ist auch ihr Cultus von den Hyperboreern zu den Griechen gekommen. (S. Apollon.) Ganz verschieden von dieser und in gar keiner Verbindung mit Apollon erscheinen I) die arkadische Artemis, welche mehr eine einfache Naturgottheit ist. In Arkadien ist sie die gewaltige Jägerin, welche in Begleitung von Nymphen und von Hunden gefolgt Berge und Thäler, namentlich die Gebirge Taygetos und Erymantos, durchstreift, und die Schutzgottheit der Quellen und Flüsse, der kleinen Kinder und des jungen Wildes. 2) Die taurische, Brauronia, Orthia und Jphigenia genannt, welche, obgleich unter griech. Stämmen einheimisch gemacht, dennoch ihren asiat. grausamen Charakter nicht ablegte. Nach griech. Mythen war Jphigenia, von Taurien kommend, zu Braursn in Attika gelandet und hatte daselbst das Bild der Göttin zurückgelassen, welche nun in Athen und Sparta verehrt wurde; an lctzterm Orte geißelte man Knaben an ihrem Altar, was die Stelle der Menschenopfer, die ihr in ihrer Heimat dargebracht wurden, vertreten soll. Nach einer andern Mythe hatten Orestes und Jphigenia die Göttin aus Taurien entführt. Alle diese Mythen deuten die Übersiedelung einer taurischen Göttin nach Griechenland an. 3) Die ephesische, allberühmt durch ihren Tempel, bei Ephesus (s. d.) im Haine von Ortygia der Sage nach geboren. Sie war jedenfalls eine einheimische Göttin, auf die nur der Name der Artemis überging, wie schon daraus hervorgeht, daß ihre Priester Eunuchen waren. Ihr Bild war hier ein nach unten abnehmender Block, mit vielen Brüsten bedeckt und mit Thiergestalten verziert. (S. auch Ilithyia.) Die Römer nahmen den Cultus der D. in jeder Beziehung, die er in Griechenland hatte, auf, und schon Servius Tullius soll ihn eingeführt haben. Namentlich erscheint die D. bei ihnen als Jagdgöttin, mit dem Köcher versehen und von Dresden umgeben, als Mondgöttin und als Geburtshelferin. Nach Hartung in der „Religion der Römer" (Bd. 2) ist sie in Rom mit den zu Plebejern gewordenen Sabinern und Latinern eingewandert. Von den Künstlern wird die D. verschieden dargestellt, je nachdem sie als kämpfende, erlegende Gottheit, was indeß in der gewöhnlichen Auffassung fast immer auf da« Geschäft der Jagd beschränkt wurde, oder als eine Leben gebende und Licht bringende Dianenbaum Diarbekr 331 erscheinen soll. Bogen und Fackel waren daher schon in der ältesten Zeit die gewöhnlichen Attribute. Bei weiterer Entwickelung legte die Kunst die Vorstellung jugendlicher Kräftigkeit und Lcbensfrische zum Grunde. Später, als Skopas, Praxiteles u. A. das Ideal aus- gebildet hatten, wurde sie wie Apollon schlank und leichtfüßig gebildet, Hüften und Brust ohne weibliche Fülle. Das Gesicht ist das des Apollon, nur zarter und runder; das Haar ist gewöhnlich am Hinterkopfe oder auf dem Wirbel in einen Busch zusammengefaßt. Die Kleidung ist ein dorischer Chiton, entweder hoch geschürzt oder auf die Füße herabwallend; die Schuhe sind die den Fuß ringsumher schützenden kretischen. Dianenbaum oder Silberbaum nennt man aus der salpetersauren Silberaustö- sung durch Quecksilber gefälltes und in prismatischen Nadeln, welche baumförmig gruppirt sind, krystallisirtes Silber. Man löst einen Theil reinen Silbers in Salpetersäure auf, verdünnt die gesättigte Auflösung mit 20—30 Theilen Wasser und legt darein ein Amalgam aus acht Theilen Quecksilber und einem Theile Blattsiibcr, worauf sich nach einigen Tagen die Krystallisation bildet. Diapason (griech.) nannten die Alten die Octave. Die innerhalb der Octave und über sie hinausliegenden Intervalle erhielten ihre Namen, indem man die Benennungen tonus (Tonstufe, Sccunde), üitouus (Tertie), elistessar«,,, (Quarte), pe»ts (Quinte) miteinander verband, z. B. üi-»tes8ai«n cum üitono (Sexte), »iiitpason cum üiupente (Duo- decime), <1istlik>j>a8on (Doppeloctave); der allgemeine Name für Intervall war tiiastems. Gegenwärtig bezeichnet man mit Diapason öfter den Umfang einer Stimme oder eines Instruments; die Franzosen nennen auch die Stimmgabel Diapason. Diaphanometer (griech.) ist eine optische Vorrichtung, welche der Physiker Saussure vorgeschlagcn hat, um die zu verschiedenen Zeiten verschiedene Durchsichtigkeit der Lust zu vergleichen und gleichsam zu messen. Diaphanoräma nennt man die perspektivische Darstellung gemalter Landschaften unter gehöriger Beleuchtung. (S. Diorama und Panorama.) Diaphönie nannten die Griechen alle Töne, die nicht Einklang oder Octave waren, also nicht Dissonanzen im gegenwärtigen Sinne. Seit Guido von Arezzo bezeichnet« man damit die zweite Stimme oder einen zweistimmigen Satz. Diaphöra (griech.), eigentlich.die Verschiedenheit, ist eine rhetorische Figur, die darin besteht, daß in einem Satze dasselbe Wort mit verschiedener Bedeutung wiederholt wird, z. B. Die Geschichte kennt kaum etwas Schimpflicheres als diesen Menschen, wenn man ihn für einen Menschen halten will. Diaphragma, s. Blendung und Zwerchfell. Diarbekr, ein Paschalik im türk. Asien, begreift den gebirgigen Theil des alten Mesopotamien, das Land um die Quellen des Tigris, begrenzt im Norden von Armenien und Kleinasien, im Süden von Schehrsur, Mossul, Bagdad und Rakka, im Westen durch den Euphrat und hat einen Flächeninhalt von 680 mM. D. ist ein romantisches Hochland; im südöstlichen Theile steigt der hohe Dschudi auf, dem mehre Bcrgge- wässer entströmen, die durch ihre Vereinigung den westlichen Tigris bilden, und des Taurus Vorberge durchziehen das Land in schroffen und wilden Spitzen. Bei der bedeutenden, absoluten Höhe des Landes ist der Winter kalt und reich an Schnee, der Himmel tief dunkelblau, dem italienischen vergleichbar, die Luft hell und rein. Das Klima ist auf den hochgelegenen Theilen mild und lieblich, dagegen in den tiefen Thälern oft heiß und schwül. Grasreiche Wiesen wechseln mit herrlichen Waldungen. Neben zahlreichem Wild finden sich auch viele Raubthiere, wie Löwen, Bären, Tiger, Hyänen und Wölfe. Kameel-, Esel-, Schaf-, Rinder- und Pferdezucht werden gleich Acker- und Gartenbau mit Erfolg getrieben. Der rauhe Mehrab am Euphrat birgt reiche Kupfer-, Blei- und Opermentgruben, und ganz Kleinasien sowie ein Theil Irans werden von hier aus durch Karavanen mit Kupfer versorgt. Die Einwohner sind meist Kurden, die als Nomaden umherziehen unter erblichen Fürsten, und nächst Griechen, die den Bergbau betreiben, Osmanen, Armenier und Juden, welche in Städten und Dörfern leben und nicht unbedeutenden Hand/l treiben. — Die Hauptstadt ist Diarbekr oder Kara - Amid, in einer fruchtbaren Gegend am rechten Ufer des Tigris, mit einer hohen, aus schwarzen Steinen erbauten Mauer umgeben, über welche sich zur 332 Diäresis Diät Vertheidigung eine große Zahl Thürme erheben. Am nördlichen Ende der Stadt auf einer Anhöhe liegt das Castell, wo der Pascha residirt. Außerdem ist die Stadt der Sitz eines chaldäischen Patriarchen und Bischofs und eines jakobitischen Patriarchen; sie zählt mehre große Moscheen, eine armenische Kathedrale, viele Kirchen, mehre Bazars, Karavanserais, Bäder, Springbrunnen und heilige Grabmälcr, und die Zahl ihrer Bewohner beläuft sich auf 60—70000. Es herrscht in ihr bedeutende Handelsthätigkeit und zahlreiche Karavanen ziehen von hier aus nach allen Richtungen. D. ist auf dem Boden des alten Amida erbaut, das vom Kaiser Constantius gegen die Ncuperser gegründet und befestigt, später von den Arabern den oström. Kaisern entrissen, von den Mongolen unter Timurlenk l393 geplündert und zum Theil verbrannt und 1515 von dem türk. Sultan Selim 1. im Kriege gegen den pers. Schah Jsmael erobert und dem osman. Reiche einverleibt wurde. Diärösis, auchDiazeuxis oder Dialepsis (griech.), nennt man in der lat. Vers- kunst die Auflösung eines Diphthongen in zwei einfache Vocale, z. B. Orpbeus inOrpbem, oder die Verwandlung des j und v in die entsprechenden Vocale, z.B. silua statt silva, Iröm statt Iroja. Auch bezeichnet man mit dem Namen Diäresis überhaupt die Trennung zweier Vocale, die einen Diphthong bilden könnten, indem man über den zweiten derselben zwei Punkte setzt, die daher not» cliitereseos oder Trennungspunkte genannt werden, z. B. aei-is (der Luft), zum Unterschiede von asris (des Erzes). Dittskeuasten werden diejenigen Gelehrten im Alterthume genannt, welche die Anordnung der Homerischen Gesänge, wie sie seit Pisistratus bestand, einer neuen Revision unterwarfen, Einzelnes wol auch überarbeiteten und ergänzten, bis sie später durch die Bemühungen der alcxandrinischen Grammatiker die Gestalt erhielten, aus welcher der gegenwärtige Text hervorgegangen ist. Eine verwandte Elaste von Kritikern waren die sogenannten Chorizonten, d. i. die Trennenden, welche die Stellen in den Homerischen Gedichten, die ihnen als unechte Zusätze erschienen, ausschieden oder wegstrichen. Vgl. Heinrich, „De llis- «ceusstis blomericis" (Kiel 1807). Diastäse nennt man den eigenthümlichen, von Payen und Pcrsoz entdeckten Stoff, welcher beim Keimen des Getreides die Umwandlung des Stärkemehls in Gummi und Zucker bewirkt. Von diesem Stoff, einem farblosen, in absolutem Alkohol unlöslichen, dagegen in Wasser löslichen Theil des in Alkohol gelösten Klebers, reicht schon ein Theil hin, um 2000 Theile Stärkemehl in Gummi und Zucker umzuwandeln. Diastimeter oder Engymeter heißt das von dem Mathematiker Rommershausen erfundene Meßinstrument, mittels dessen jede Entfernung von einem Punkte aus sich bk- stimmen läßt. Zu eigentlichen Messungen eignet sich der Diastimeter nicht, dagegen ist er zum flüchtigen Croquiren und zur ungefähren Bestimmung einer Entfernung für Militairs im Felde, z. B. für die Artillerie zur Erkennung des Abstandes einer anrückenden feindlichen Abtheilung, sehr geeignet. Diastöle, auch Ektäsis (griech.), eigentlich das Auseinanderziehen, heißt in der Verskunst die durch die Kraft des rhythmischen Accents bewirkte Dehnung oder Verlängerung einer kurzen Sylbc zu Anfang eines Worts im Gegensätze zur Systole oder Verkürzung einer langen Sylbe. In der griech. Grammatik aber nennt man Diastole dasjenige Zeichen ('), welches zur Trennung enklitisch zusammenhängender Wörtchen dient, damit diese nicht mit andern gleichlautenden verwechselt werden können. Diasyrmus (griech.), eigentlich die Verspottung, bezeichnet als rhetorische Figur die übermäßige Verkleinerung eines Gegenstandes oder einer Person, im Gegensätze zurHy- perbel (s. d.) oder Übertreibung. Reich an dergleichen Diasyrmen sind die Reden des Cicero. Diät bezeichnet ursprünglich die Lebensweise oder das Maß, welches ein Mensch in Hinsicht auf Speise und Trank, Schlafen und Wachen, Bewegung und Ruhe in körperlicher und geistiger Beziehung u. s. w. befolgt. Dann versteht man darunter eine Lebensordnung, die, nach gewissen Principien geregelt, manche Genüsse oder Anstrengungen als schädlich verbietet, andere wstder als nützlich fodert. Diese Lebensordnung läßt eine unendliche Menge Verschiedenheiten zu, welche durch Lebensalter, Körperconstitution, Temperament, Gewohnheit, Stand, Aufenthaltsort u. s. w. bestimmt werden. Ist schon zur Erhaltung der Gesundheit und des momentanen Wohlbefindens die Befolgung einer gewissen Diät noch- Diäten Diaz (Bartholomeo) 333 wendig, so Wied sie noch gebieterischer durch Krankheitszustände gefodert, und die sogenannten Diät feh ler ziehen in Krankheiten oft die bedenklichsten Folgen nach sich, während die gewissenhafte Beobachtung einer zweckmäßigen Diät oft schon allein vermögend ist, eine Krankheit zu heben. Bei Krankheiten, die in einer abnorm gesteigerten Lebensthätigkeit bestehen, wie bei Fiebern, Entzündungen u. dgl., ist meist die entziehende, bei denen, die von Depression der Kräfte herrührcn, wie bei Abzehrungen und namentlich vielen chronischen Krankheiten und im Zeiträume der Genesung die stärkende Diät anzuwenden, welche letztere nicht sowol in vermehrter Quantität als in kräftigender Qualität der zu genießenden Speisen besteht. Auch machen gewisse Curarten, besonders der Gebrauch der Mineralwässer, eine besondere Diät nothwendig. Die Wissenschaft, welche die Regeln über die Anordnung der Diät gibt, nennt man Diätetik oder Hygieim. Sie wurde schon durch Hippokrates begründet, der ein Werk über die Diät schrieb. Besondere Theile derselben bilden die Diätetik der Augen (s. Au gen pflege), der Zähne, der Haut u. s. w. (S. Gesundheit und Makrobiotik.) Vgl. Leupoldt, „Eubiotik" (Berl. 1828) und Ammon, „Brunnendiä- tctik"(4. Aust., Lpz. 1841). Diäten nennt man die tageweise gezahlten Entschädigungen für außerordentliche Dienste. Solche erhalten namentlich Beamte, außer ihrer Besoldung, bei bcsondern ihnen übertragenen Commissionen und auswärtigen Expeditionen, Vormünder und Curatoren für ungewöhnliche Arbeiten, Reisen u. s. w., die sogenannten Reisenden der Kaufleutc, endlich auch in den meisten Staaten die Deputaten, jedoch hier und da mit Ausnahme Derjenigen, die an dem Orte, wo der Sitz der Ständcversammlung ist, ihren wescntlichenAufenthalt haben. Diäteten hießen in Athen die besonder» Schiedsrichter, welche nur in Privatrechts- sällen zu entscheiden hatten. Sie wurden theils öffentlich oder von Staatswegen durch daS Loos jährlich aus jeder Phyle bestimmt und mußten den ihnen vorgelcgten Proceß binnen :w Tagen zum Austrag bringen, wobei jedoch der Bcthciligte, wenn er sich bei dem Ausspruch derselben nicht beruhigen wollte, an einen ordentlichen Gerichtshof appellircn konnte; theils wurden sie von den Parteien selbst in unbestimmter Zahl gewählt und vollzogen erst dann, wenn sie eine gütliche Beilegung des Streits vergebens versucht hatten, den Aüs- spruch, ohne daß dann eine weitere Appellation »erstattet war. Im Allgemeinen zeichnete sich das Verfahren dieser öffentlichen und Privatschiedsrichter vor dem der eigentlichen Gerichtshöfe durch einen geringer» Betrag der Kosten und durch größere Schnelligkeit aus. Vgl. Hudtwalcker, „Über die Diäteten in Athen" (Jena >812). Diatonisch heißt eine Folge von Tönen, die durch ganze und große halbe Töne fortschreitet, daher die gewöhnliche Tonleiter die diatonische Scale genannt wird. (S. . Chromatisch.) Diatribe (griech.) bedeutet ursprünglich eine gelehrte Unterhaltung, eine gelehrte Schrift, namentlich eine Schulschrift. Der neuere Sprachgebrauch aber verknüpft damit den Begriff einer in Kittern Ausdrücken verfaßten, besonders literarisch-kritischen Schmähschrift. Diaz (Bartholomeo), ein portug. Edelmann am Hofe König Johann's kl., hatte durch frühzeitige Studien und durch den Umgang mit wissenschaftlich gebildeten Männern, besonders mit dem deutschen Kosmographen Mart. Bchaim (s. d.), einen so großen Namen sich erworben, daß er unter die besten Nautiker seiner Zeit gerechnet wurde. Vom Könige beauftragt, mit zwei Fahrzeugen die Entdeckungen früherer portug. Seefahrer an der afrik. Westküste zu verfolgen, erreichte er bald die Grenze des bekannten Gebiets und ging jenseit derselben (Sierra-parda, 25° 5lU südl. B.) zuerst an das Land, um von ihm Besitz zu ergreifen. Nachdem er noch an andern, jetzt nicht mehr aufzuklärenden Orten gelandet und von emem seiner Schiffe verlassen worden war, umsegelte er, ohne es zu ahnen, die Südspitze Afrikas und fand in der Mündung eines großen Flusses, den er Rio-dcl-Jnfante,nannte (der Cowie oder große Fischfluß), einen Ankerplatz, wo er sich mit Wasser und Fischen versorgte. Ein Sturm vertrieb ihn und warf ihn wahrscheinlich in der Nähe von Port Elizabeth an das Land, wo er sein zweites Fahrzeug, dessen Bemannung fast ganz von den schwarzen erschlagen worden war, wiederfand. Jetzt erst erkannte er das Vorgebirge, nannte cs zum Andenken an das Erlittene 6nbo <>e tnckos Ins tormientos, ein Name, den der König später in Osbo lle buens esperanrs, d. i. Cap der guten Hoffnung, abänderte. -w- f . < 4 - 334 Diaz (Michael) Dibdin (Thom. Frognall) Nach Lissabon heimgekehrt, wo er im Dec. 1487 anlängte, wurde er mit Ehrenbezeigungen überhäuft. Bald aber sah er den Seemann Vasco de G am a (s. d.) sich vorgezogen und mußte die Demüthigung erfahren, unter ihm >497 zu befehligen. Als Vasco de Gama ihn bei dem Vorgebirge Mina nach Portugal zurückschickte, schloß er sich der Fahrt des Ent- deckers von Brasilien, Cabralfs. d.), an, fand aber am 29. Mai 1599 mit vier Schiffen aus der Flotte nebst sämmtlicher Mannschaft in der Sturmflut sein Grab. Camoens hat in der „Lusiade" D.'s Verdienste verewigt, indem er dem am Cap hausenden Luftgeiste zürnende Worte gegen den kühnen Segler in den Mund legte, der zuerst sein Reich erspähte. Diaz (Michael), der Gefährte Colombo's auf dessen zweiter Fahrt nach der neuen Welt, ausAxagonien gebürtig, erhielt 1495 den Auftrag, die Eoldminen von Hispaniola aufzusuchen. Kurze Zeit nach seiner Ankunft daselbst mußte er in Folge eines Zweikampfs mit einem Spanier, den er verwundete, sich flüchten. Auf dieser Flucht verliebte sich in ihn eine junge Frau und entdeckte ihm die Gegend bei St.-Christoph, wo Gold gefunden wurde. Diese Gelegenheit ergriff D., um wieder zu Gnaden zu gelangen, machte Bartvlomco Colombo mit seiner Entdeckung bekannt, und sehr bald war in der Nähe der Goldgegend die Stadt Nueva-Jsabella gegründet, die jedoch ihren Namen bald darauf mit San-Domingo vertauschte. D. wurde Befehlshaber derselben, fiel jedoch, als er 1599 dem als Statthalter nach der Insel gesendeten Bovadilla die Übergabe des Forts verweigerte, sodaß es mit Gewalt genommen werden mußte, in Ungnade. Diego Colombo stellte ihn zwar 1599 wieder als Befehlshaber von Portorico an; doch auch hier erreichte ihn der Haß seiner Feinde. Er theilte das Loos seiner Beschützer und wurde als Gefangener nach Spanien abgeführt. Wieder begnadigt und im Begriff, auf seinen frühem Posten nach Westindien zurückzukehren, starb er im I. >512. Dibdin (Charl), als Componist, Theaterdichter und Schauspieler in London zu seiner Zeit rühmlichst bekannt, war in Southampton um 1745 geboren und jedenfalls ein ungemein fruchtbares Talent. Er schrieb gegen 199 Operetten, Pantomimen u. dgl. und eine große Anzahl Lieder, unter denen seine Seemannsliedcr („His sea songs") hauptsächlich Beifall fanden. Eine gründliche Bildung ging ihm indeß ab, und die Art und Weise, wie er in einer Reisebeschreibung („Älusical tour") über Kunst und Künstler spricht, beweist, daß ihm überhaupt der Sinn für gediegene Kunst mangelte. Viel Glück machten seine de- clamatorisch-musikalischen Unterhaltungen („Readin^s »ml music"), die er in einem Saale hielt, dem er den Namen Sanssouci und die bezeichnende Aufschrift „Vive Is bagstells" gab. Trotz der glücklichen Erfolge und mehrmaliger Unterstützung von der Negierung starb er 1814 in großer Dürftigkeit. Außer seinen Compositionen schrieb er eine „liistor)- os tl>e «uglisk Stage" (5 Bde., Lond. 1795), „krokessioual Ille" (2 Bde., Lond. >892) und viele Schauspiele und Romane. — Seine beiden Sohne, CharlesD. und Thom. D., machten sich als Theater - und Gelegenheitsdichter bekannt. Dibdin (Thom. Frognall), einer der berühmtesten unter den lebenden Bibliographen, wurde zu Kensington um 1773 geboren. In Eton vorgebildet, studirte er in Cambridge Theologie, widmete sich aber gleichzeitig mit so erfolgreichem Eifer dem Studium der Bibliographie, daß er bald, nachdem er als anglicanischer Geistlicher ordinirt worden war, von dem Grafen Spencer nach Althorp, dem Stammsitze der Familie Spencer, berufen wurde, um die daselbst befindliche Bibliothek, eine der reichsten und kostbarsten in England, zu ordnen, zu beschreiben und zu bereichern. Im I. 1797 gab er die „^nshsis of tbe 6rst voluwe ok Llackstono's 6ommentaries"und„?ooins" heraus; doch sind beide Werke sehr selten geworden, weil die in Kupfer gestochenen Platten des erstem, das nur in 259 Exemplaren gedruckt war, nach dem Drucke zerstört, die Exemplare der „?oems" aber später von dem Verfasser, wo er sie nur auftreiben konnte, vernichtet wurden. Als Bibliograph erregte D. zuerst Aufmerksamkeit durch die „Introduction to tbe Icao^Iedge c>s rare and valusble editions ok tke greek and latin classics" (Glocestcr 1892, 12.; 4. Ausl., 2 Bde., Lond. 1827, 4.), die aber nur über 112 alte Schriftsteller bibliographische Angaben enthält. Sein „Speeimea bibliatbecse britan." (Lond. 1808), wovon nur 18 Exemplare in 4. und 40 in 8. abgc- druckt wurden, ließ gleichfalls in Beziehung auf Vollständigkeit und Genauigkeit der Angaben Manches vermissen. Mehr Aufmerksamkeit erregte, auch durch glänzende Ausstat- Dicäarchus Dichromatisch 335 tung, sein Werk .,n>6 billlinmania, or lloolc-maclness" Li»rI8z>encer" (3 Bde., Lond. 1813 —15), die durch die „Gelles ^Itliorpinnne" (Lond. 1821), ein Verzeichniß der Kunstschätze im Schlosse Althorp, ergänzt wurde. Auch sein „Lillliogruzillic-rl Oecrrmeron, or ten cll>)s' plemssnt ckiscourse upoii illnminuteck msnu- script8 unck sulljects connecteck vvitl, nur!)' enAiuvinA, topngi az»ll)' snck lliblivArapll) " (3 Bde., Lond. 1817), gleichfalls mit einer Menge der trefflichsten Holzschnitte und Kupferstiche geziert und eins der vollendetsten Meisterwerke der Buchdruckerkunst, ist reich an interessanten bibliographischen Anekdoten, zeigte aber, anfangs des prächtigen Äußern wegen überschätzt, nachmals vor dem Nichterstuhle der strengem Kritik viele Mangel. Jm J. 1818 machte er in Begleitung seines Sohns, eines geschickten Zeichners, auf Kosten des Lords Spencer, dessen Bibliothek er bei dieser Gelegenheit mit manchen seltenen alten Drucken und Handschriften bereicherte, eine Neise durch Frankreich und das südliche Deutschland, deren Beschreibung : llilllingrnpllieui, -mtigiisrisn snck pietnresgiie tour in b'rnnee anck 6ermsn)" (3 Bde., Lond. 1821), mit großer typographischer und artistischer Pracht ausgestattet ist. Gegen Licquet, der in der Übersetzung dieses Werks (Par. 1821) viele Jrr- thümer berichtigte, sowie gegen Crapelet und andere Beurtheiler desselben kämpfte D. sehr heftig an in der zweiten Ausgabe (Lond. 1820); doch läßt sich nicht leugnen, daß D. ohne Auswahl, häufig auch ohne Geschmack gearbeitet hat, und daß seine bibliographischen Mittheilunge» weder immer neu noch ganz zuverlässig sind. Stets wird der deutsche Bücherliebhaber mit Schmerzen durch jenes Werk sich daran erinnert sehen, daß es dem Abgesandten des reichen engl. Bibliophilen an so manchem deutschen Orte, wie Stuttgart, Augsburg, Salzburg u. s.w., gelingen konnte, treffliche Jncunabeln und Handschriften für brit. Gold einzutauschen und diese Schätze einem Lande zuzuführen, wo eine egoistische Bibliomanie sie vergräbt. D. ist Doctor der Theologie und als königlicher Kaplan im Besitz einer reichen Pfründe zu Kensington. Dicäarchus aus Messana, ein griech. Philosoph, der ungefähr 300 v. Chr. lebte, schloß sich der Lehre des Aristoteles an, die er vorzugsweise in Beziehung auf die Psychologie entwickelte. Er leugnete nämlich, daß dem geistigen Leben ein eigenthümliches reelles Princip- zu Grunde liege, und erklärte es für eine bloße Stimmung des Körpers. Die Fragmente seiner Schriften gab Max. Fuhr (Darmst. 1841) heraus. Dicasterium oder Spruchgericht heißt ein Richtercollegium, welches keine bestimmte Instanz für einen gewissen Bezirk bildet, sondern blos im Aufträge und auf Ersuchen anderer Gerichte, oder auch Privaten, Rechtssprüche fällt. Dergleichen waren sonst die Schöppenstühle und Juristenfacultäten in Deutschland; nach dem Aufheben oder Eingehen der erstem und nach der Beschränkung, welche hinsichtlich letzterer neuerlich eingetreten (s. Actenversendung), ist jedoch die Zahl der Dicasterien und noch mehr ihr Wirkungskreis sehr beschränkt, was man im Interesse einer gleichmäßigen Fortbildung der Theorie wie der Praxis und auch im Interesse der Unabhängigkeit der Rechtspflege sehr zu bedauern hat. Dichotömie, d. i. zweigliedrige Eintheilung, s. Eintheilung. Dichromatisch nennt man alle solche Körper, welche, bei gleichbleibcnder chemischer Beschaffenheit und Gestalt, unter verschiedenen Umständen zwei verschiedene Farben zeigen, j. B. in dicken Stücken anders gefärbt erscheinen als in dünnen, oder im auffallenden Lichte eine andere Farbe haben als im durchfallenden. Namentlich letztere Art des Dich rois- musist bei Mineralien und chemischen Producten nicht zu selten. Zuweilen sind die beiden Farben die complementairen (s. Farben), z. B. grün und roth beim mangansauren Kali, dem Chromchlorid, blau und gelb beim Sapphir. 336 Dichten Dickens Dichten heißt durch Bilder verstellen und Bilder verknüpfen und wird den, Denken im enger» Sinne, als dem Vorstellen durch Begriffe, entgegengesetzt. Im vorzüglicher« Sinne heißt dichten, ästhetische Ideen in entsprechende Bilder fassen oder in einem harmonischen Ganzen sinnlicher Anschauungen versinnlichen, wodurch sich auch das Dichten von dem blo- ßcn Erdichten, d. i. Ausdenkcn, Ersinnen solcher Gegenstände, die nicht in der Wirklichkeit gegründet sind, unterscheidet. Im engsten Sinne heißt dichten, jene idealen Bildungen der Phantasie (Dichtungen) in der Sprache vollendet darstellen, und die Kunst dieser Dar» stellung insbesondere die Dichtkunst (j. Poesie), ein Erzeugniß dieser Art ein Gedicht und die besonder« Classcn derselben Dich tungsarten. Dichtigkeit. Unter Dichtigkeit der Körper, die mit dem specisischen Gewicht wesen«, lich übereinkömmt, versteht man die Menge Materie, welche in einem gleichen Volumen oder Raumumfange derselben enthalten ist und durch das Gewicht, welches sie bei gleichem Volumen haben, gemessen wird. Lange Zeit hielt man das Platin, welches ungefähr 2l mal so schwer ist als Wasser bei gleichem Volumen, für den dichtesten Körper; allein 1833 machte Breithaupt in Freibcrg die Entdeckung, daß das gediegene Jrid noch um 2 schwerer ist. Der mindest dichte oder dünnste Körper ist das Wasscrstoffgas, welches ungefähr l-t'/, mal so dünn ist als atmosphärische Luft. Wärme bewirkt vermöge ihrer ausdehncnden Eigenschaft Verminderung, Kälte Vermehrung der Dichtigkeit, wie sich denn z. B. die Dichtigkeit des reinen Wassers beim Frostpunkt zur Dichtigkeit desselben beim Siedepunkt wie 1VV zu 96 und die Dichtigkeit des reinen Alkohols bei v" zur Dichtigkeit bei 56° R. wie IVO zu 93 verhält. (S. Wärme, Expansion und Gewicht, fpecifisches.) Dichtkunst und Dichtungsarten, s. P o esi e. Dicke, s. Dimension. Dickens (Charl.), unter dem Pseudonamen Boz, der erste der jetzt lebenden humoristischen Novellisten Englands, geb. am 7. Febr. 1812 in Portsmouth, schwang sich schon durch seine ersten Arbeiten in die Reihe der tonangebenden Novellisten Englands aus, indem er mit einer ursprünglichen Kraft, die nur in sich selbst und dem reichen Volksleben Quell, Nahrung und Muster fand, und nnt einer Schärfe der Anschauungskraft, die nur von der harmlosen Bewußtlosigkeit, mit der er schildert, überboten wird, auf hundertfach gepflügten und abgemähten Feldern neuen Boden fand und Kunstwerke aus einem Stoffe schuf, welchen der Handwerker als zu gewöhnlich bei Seite geworfen hätte. In London und Chatam erzogen, wo sein Vater bei der Marine eine Anstellung hatte, zeichnete sich D. schon als Knabe durch Lernbegier und eifriges Lesen der vaterländischen Novellisten und Dramatiker aus. Nicht sehr bemittelt, mußte er früh auf Erwerb denken und ging daher bei einem Advocaten in Dienste, wo er Gelegenheit hatte, die ergreifendsten und die ergötzlichsten Volkssccnen zu studiren. Nach edlerer Nahrung dürstend, machte er darauf zwei Jahre im Britischen Museum literarische Studien und begann seine schriftstellerische Laufbahn als Reporter, d. h. als Nachschreiber der öffentlichen und Parlamentsverhandlungen für die Zeitungen. Als solcher zeichnete er sich bald so vortheilhaft aus, daß er zur Mitredaction des „Parlamentsspiegels" und später zur thätigsten Mitarbeit am „lVlorning ckronicle" gezogen wurde. In letzterm veröffentlichte er zuerst die kurzen Skizzen, in denen er das bunte Treiben der Hauptstadt in scharfen Umrissen zeigte, und die er gesammelt als „SKetclles ok I.nn«I«n" (2 Bde.) mit Zeichnungen von Cruikshank herausgab. Bald darauf erschienen seine „kickevick paperz", wöchentlich in Heften, die ungemeines Aufsehen erregten. Mit ihnen war D.'s Ruhm begründet, und seine nachfolgenden Romane, „Oliver IHst", cliolus Niclebx", „Nsster ilkiimplire/s clock", „ksrmidx Rullge" und „Otmrrlevvits", wiewol künstlerisch ausgebildeter als in sich abgeschlossene Dichtungen, konnten zu jenem nichts hinzufügen. Denn wie ergreifend und erschütternd manche Malerei in diesen Romanen auch sei, wie sie möglicherweise in den Gefühls» und Affectpartien das genannte Werk übcrtreffen, so kommen sie ihm doch in der Naivetät des Humors, in der Absichtslo» sigkeil und gutmüthigen Lust, womit der Dichter dort die Schwächen und Thorheiten geißelt, und, wo er vernichtet, wieder schafft, nicht gleich. D.'s Roman ist allerdings ein neues Genre, die Behandlungsart ganz cigenthümlich und doch durchaus altenglisch. D. ist der Gegensatz zu Bulwer. Er liebt nicht die Reflexionen, Alles verkörpert sich, Gedanke, Ge» Dickpfemnge Dictator 337 fühl, Witz werden Fleisch, Blut und Knochen. Alle seine Stoffe sind Vvlksthümlich, Jedem verständlich, und es haben diese ersten Volksromane, wie sic England noch nicht besessen, ebenso belehrend als unterhaltend, auch schon einen moralischen Einfluß auf alle Stande gewonnen. Mit den charakteristischen, freilich auch carikirten Illustrationen von Cruikshank und Phiz sind sie in mehr als.100000 Abdrücken allein in England und Amerika verbreitet, und in Nachdrücken und Übersetzungen in Deutschland. D. lebt in London als glücklicher Gatte und Vater, im vertrauten Umgänge mit allen Notabilitäten der Literatur. Seine „Notes on America", die Frucht seiner Reise dahin, voll scharfer, geistvoller Anschauung, haben doch nicht die warme Theilnahme wie seine Romane finden können, weil der spröde Stoff den Dichter nicht mit dem Humor begeisterte, den ihm sein Altengland auf jedem Schritte liefert. Dickpfemnge nannte man im Gegensätze der Bracke aten (s. d.) die im Mittel- alter aufkommenden zweiseitigen Münzen. Dickgro sehen und Dickthaler wurden später die nach damaliger Sitte im zwei-, drei- und mehrfachem Werthe ausgeprägten Groschen und Thaler genannt, die meist nur Probestücke waren, und wenn sie nur den doppelten Gehalt hatten, auch Doppel- oder Dölpelthalcr und Doppelgroschcn genannt wurden. Dictator hieß in der ältesten Zeit der oberste Magistrat des lat. Bundesstaats, an dessen Stelle später zwei Prätoren traten. In lat. Städten erhielt sich dieser Titel noch lange auch unter der röm. Herrschaft. In der röm. Republik war Dictator der Name eines Magistratus, der aber nicht zu den regelmäßig alle Jahre gewählten gehörte, sondern nur in außerordentlichen Fällen eintrat. Namentlich geschah dies, wenn bei dringender äußerer oder innerer Gefahr des Staats eS rathsam schien, die höchste vollziehende Gewalt möglichst unbeschränkt in die Hände eines Einzigen zu legen. Die Bestimmung dieser Diktatoren wird durch den Zusatz rei gsruuckae causa, d. i. zur Leitung des Staats, näher bezeichnet, und der erste Dictator, T. Lartius, der im I. 501 v. Ehr. zur Einschüchterung der Plebejer gewählt wurde, war ein solcher. Diesen Dictatoren, denen 24 Lictoren mit Fasces voranschritten, wurden alle andere Magistrate zur Verfügung untergeordnet, und nur die Tribunen dauerten selbständig fort; doch scheint wenigstens in den ältesten Zeiten die Provo- cation an das Volk, die durch sie erst sichergestellt war, vor dem Dictator nicht gegolten zu haben, später fand sie wirklich statt. Beschränkt war der Dictator dadurch, daß er, obwol nicht dazu verbunden, dem Senat Rechenschaft abzulegen, doch nach der Niederlegung seiner Amtshandlungen wegen belangt werden konnte, daß er hinsichtlich der Verwendung öffentlicher Gelder vom Senat abhing, daß er Italien nicht verlassen und daß er, damit seine Gewalt nicht zu sehr an die Könige erinnere, ohne Erlaubniß, welche diese nicht bedurft hatten, in der Stadt nicht das Pferd besteigen durfte. Zuweilen wurden auch zur Besorgung eines einzelnen Auftrags Dictatoren gewählt, theils aus religiösen Gründen, theils weil der regelmäßige Magistrat behindert war, z. B. zum Einschlagen des Jahresnagels in dem ca- pitolinischen Jupiter-Tempel (clavi ügeucii causa), zur Haltung der Comitien u. s. w. Sie dankten nach Vollziehung des Auftrags sogleich ab, aber auch die ersterwähnten Dictatoren, deren längste Amtsdauer auf sechs Monate festgesetzt war, legten dem Herkommen gemäß ihr Amt nieder, sobald sie ihre Bestimmung erfüllt hatten. Die feierliche Ernennung zum Dictator geschah ohne Zuziehung der Comitien durch den Konsul, dem der Senat entweder den zu Ernennenden bezeichnete, oder ihm auch die Wahl selbst freilicß. Seinen Gehülfen und, wenn es nöthig, Stellvertreter, den Nagister equitum, d. i. Befehlshaber der Reiterei, wählte sich der Dictator selbst. Der erste Plebejer, der zur Dictatur gelangte, war C. Markus Rutilus im J. 356. Die Leitung desStaats wurde zuletzt nach der Schlacht bei Cannä im I. 2 l 6 dem M. Junius Pera als Dictator übertragen, und auch für andere Geschäfte kommt nach demJ. 202 kein Diktator mehr vor, bis 120 Jahre später im I. 82 L. Cornelius Sulla (s. d.) sich durch einen Jnterrex in Comitien die Dictatur zur Einrichtung des Staats (rei publica« ccmstituenlise causa) übertragen ließ, die er drei Jahre nachher freiwillig niederlegte. Aber diese wie die auf gleiche Weise bezeichnete Dictatur des Julius Cäsar m den I. 47, 45 und 44 war in der Form zum Theil, im Wesen gänzlich von der alten Diktatur verschieden, und in der That nur ein Titel für die so gut wir unbeschränkte Gewalt. Sonv. - Lex. Neunte Lu fl. IV. 22 338 Diktatur Diderot die beide Männer über den Staat hatten. Nach Cäsar's Tode ward die Diktatur durch An- tonius für immer aufgehoben, und Octavian schlug sie aus, als das Volk sie ihm antrug. Diktatur, bei den Römern das Amt und die Würde des Dictators (s. d.), bezeich- ncte im Deutschen Reiche die Art, wie etwas gesetzmäßig zur Kunde des Reichstags gebracht und ein Stück der Reichsacten oder ein Gegenstand der Berathschlagung wurde. — I.oco tlictsturae oder als Handschrift drucken, sagt man von Schriften, welche, um des vielfachen Abschreibens überhoben zu sein, gedruckt, weil sie sich aber nicht für die Öffentlichkeit eignen, nur bestimmten Individuen ausgehändigt werden. Es geschieht dies mit manchen legislatorischen Vorarbeiten und andern, namentlich an die Ständcoersammlungen gelangenden Vorlagen der Regierungen. Auch werden die Protokolle des Bundestags jetzt lediglich so gedruckt, nachdem auch ihre auszugsweise Veröffentlichung nicht mehr stattfindet. DiktwU bezeichnet im Allgemeinen in grammatischer Hinsicht die besondere Ausdrucksweise, in der Rhetorik aber die besondere Art der Darstellung der Gedanken durch die Rede. Sie unterscheidet sich vom Stil (s.d.) insofern, als sie mehr auf dem Ausdruck der Gedanken und Empfindungen und der Wahl der Ausdrücke, letzterer aber auf ihrer logischen und gram- matischen Verbindung beruht. Didaktik, Unterrichtslehre oder Unterrichtswissenschaft, heißt der Theil der Erziehungslehre, welcher die Gesetze und Regeln für den Unterricht insbesondere darlegt. Da sich bei dem Unterrichte drei Momente unterscheiden lassen, nämlich Zweck, Mittel und Methode, so umfaßt die Didaktik die Lehre von dem Zwecke, den Mitteln des Unterrichts oder dem Unterrichtsstoffe und der Methode. Irrigerweise setzt man oft die Didaktik als die Wissenschaft des Unterrichts der Pädagogik als der Wissenschaft der Erziehung entgegen, oder auch wol der Methodik, obgleich die Didaktik als ein Theil der philosophischen Pädagogik der Erziehungslehre untergeordnet, der Methodik aber als einem ihrer Theilc übergeordnet ist. Zuweilen nimmt man den Ausdruck Didaktik auch in praktischem Sinne und versteht darunter die Unterrichtskunst im Gegensätze der Theorie des Unterrichts. Didaktische Poesie, s.Lehrgedicht. Didaskalien hießen bei, den Griechen theils die Einübungen und Ausführungen eines theatralischen Stücks oder Chors, theils die Stücke selbst, gewöhnlich aber die Verzeichnisse der aufgeführten Dramen, mit Angabe der Verfasser, der Zeit und des Erfolgs, mit welchem sie aufgeführt wurden. Diese Verzeichnisse wurden später in bcsondern Schriften gesammelt und wahrscheinlich mit eigenen Bemerkungen und Erläuterungen der Sammler . begleitet. Der Erste, der eine solche Schrift verfaßte, war Aristoteles, dem bald Andere, wie Dikäarchus, Kallimachus, Eratosthenes u. s. w. folgten; doch sind diese Schriften sämmtlich untergegangen, obwol sie von den spätem Grammatikern und Scholiasten in den Inhaltsverzeichnissen der alten Tragödien und Komödien noch benutzt worden. Vgl. Odericus, „De lilllÄsceliu msrmoroa" (Rom 177?) und Hermann's „Opusculs" (Bd. 3). Auch bei den Römern wurden dergleichen Verzeichnisse, besonders von Attius, angesertigt, wie die Angaben vor den Lustspielen des Terenz deutlich zeigen. Diderot (Denis), einer der berühmtesten unter den franz. Encyklopädisten, geb. am 5. Oct. 1713 zu Langres in Champagne, wurde in der dasigcn Schule der Jesuiten erzogen, die ihn zum Mitglieds ihres Ordens machen wollten, und erhielt auf Veranlassung seines Oheims, der Kanonikus war, die Tonsur. Da er aber dem geistlichen Stande durchaus abgeneigt war, so bestimmte ihn sein Vater für die juristische Laufbahn und übergab ihn der Leitung eines pariser Anwalts. Doch D- beschäftigte sich lieber mit den schönen Wissenschaften; selbst der Unwille seines Vaters und der Mangel an Unterstützung, der eine Folge davon war, machten ihn nicht irre; er suchte Hülfsquellen in seinen Talenten und fand sie. Mit Eifer legte er sich auf Mathematik, Physik, Philosophie und schöne Wissenschaften und erwarb sich bald unter den schönen Geistern der Hauptstadt einen Namen. Den Grund zu seinem Ruhme legte er durch die „Uensees pliilosopliitiues" (Par. 1746), später unter dem Titel „Ltrenaes sux espnts lorts" wieder abgedruckt, eine gegen die christliche Religion gerichtete Flugschrift, diezwar durch Beschluß des Parlaments vom Scharfrichter verbrannt wurde, für den Verfasser aber keine weitern persönlichen Folgen hatte. Dagegen zogen ihm die „I-ettres zur los uveugles ü I'ussg« cko ceutz epü voiont" (Lond. 1749), in welchen er Diderot 339 seine Wahrnehmungen an Blindgeborenen mittheilte und ebenfalls Angriffe auf die christliche Religion einwebte, nicht wegen dieser, sondern wegen einiger Stellen, die Madame Duprä und M. de Reaumur übelnahmen, ein Jahr Gefängniß im Thurme zu Vincennes zu. Gleichzeitig mit der ersten Schrift hatte er im Verein mit Eidous und Toussaint ein „Ilictinnnairo »»iversol ile meckecinv" (6 Bde., Par. >7-16, Fol.) hcrausgegeben. Der Beifall, mit welchem dieses mangelhafte Werk ausgenommen wurde, brachte ihn auf den Gedanken, ein encyklopädischeS Lexikon herauszugeben, zu dessen Ausführung er sich >751 mit Daubenton, Rousseau, Marmontel, Leblond, Lemonnier und d'Alcmbert vereinigte, welcher letztere nächst ihm den größten Antheil an dieser weitumfaffenden Unternehmung hatte. Er selbst unterzog sich der Ausarbeitung aller in die Künste und das Gewerbwcsen einschlagenden Artikel. (S. Encyklopädie.) Der Gewinn der 2vjährigen Anstrengung, die ihm diese Arbeit kostete, war aber bei seiner wenig geordneten Haushaltung so unbedeutend, daß ersieh genöthigt sah, seine Bibliothek zu veräußern. Die Kaiserin von Rußland kaufte sie für 50090 Livres, überließ sie ihm aber zum Gebrauch auf Lebenszeit. Auf ihre Einladung ging er nach Petersburg, misfiel jedoch durch ein zweideutiges Quatrain, sodaß er bald wieder abreiste. Während er mit der „Encyklopädie" beschäftigt war und viele Unannehmlichkeiten, die den Druck derselben oft Jahre lang hemmten, zu erfahren hatte, machte er sich zugleich als Romanschriftsteller und Lustspieldichter bekannt durch den sinnreichen, aber schlüpfrigen Roman „I.es bijoux indiscrets" und die beiden Lustspiele „I.e üls nstnrel" (1757) und „I^>e pere de tamille" (>758), welche letztem als ,,'1'keLtre de (2 Bde., Par. >758; deutsch von Lessing, 2 Bde., Berl. 1781) erschienen. Außerdem schrieb er eine Menge belletristischer und philosophisch-ästhetischer Werke. Er starb am 31. Juli 1784. Seine Freunde schildern ihn als einen offenen, uneigennützigen, biedern Mann; seine Feinde legen ihm Hinterlist und Eigennutz zur Last; wenigstens war er sehr empfindlich, sehr reizbar und trug oft, was selbst sein großer Verehrer Naigeon von ihm sagt, etwas in die Sachen hinein, was nicht darin lag, und hielt dann an seiner Meinung mit vielem Eigensinn und vieler Heftigkeit fest. Vorzüglich waren es diese Charakterfehler, welche die Spannung mit Rousseau, gewiß seinem aufrichtigsten Freunde, herbeiführten, und D.mishandelte hieraufin verschiedenen seiner Schriften den ehemaligen Freund, während Rousseau ihn dagegen fort und fort aufs ehrenvollste behandelte. Aus D.'s Nachlasse erschienen sein „Ligssi sur I» peilltnre" (deutsch von Cramer, 2 Bde., Riga 1797); ein schon 1772 geschriebener Dithy. ramb „^bclicstion d'un roi de Is teve", welcher äußerst demokratische Gesinnungen verräth; und die Romane „I-a reliFieuse" (deutsch von Cramer, 2 Bde., Berl. 1792), „äscquos le tütaliste et SUN maitre" (deutsch von Mylius, 2 Bde.,Berl. 1792) und„Rameau's Neffe", den Goethe übersetzte (Lpz. 1815), noch ehe das Original erschien. D.'s Stil ist oft dunkel genannt worden, und er hat in der That nicht die flüssige Klarheit und Schönheit des Rouffeau'schen Stils; der Fehler lag darin, daß D., der die Kunst des Schreibens zur Schau tragen wollte, leicht ins Deklamatorische fiel und nach Effecten haschte. Aber er dachte scharf und war im Urtheilen außerordentlich gewandt, daher seine Freunde, so anfangs selbst Rousseau, besonders aber der Baron Holbach und viele Jüngere, für Durchsicht, Verbesserung und Überarbeitung ihrer Schriften vielfach seine Hülfe in Anspruch nahmen, die er ihnen mit bewundernswürdiger Bereitwilligkeit und Anspruchlosigkeit leistete. Es war ihm zwar um Anerkennung und Lob, aber ebenso sehr um Ausbreitung der naturalistischen, die Autorität bekämpfenden, die Religion verschmähenden, die Moral aus die Anlagen der Menschennatur gründenden Ansichten, welche das 18. Jahrh. erzeugt hatte, zu thun. Von D. zuerst wurde gesagt, was man nachher oftwiederholt hat, daß er schöne Seiten, aber kein gutes Buch habe schreiben können. In der Poetik und Poesie verbreitete er die Richtung des moralisch Rührenden und der angenehmen Natürlichkeit, daher man ihn oft den Vater der rührenden Komödie und des bürgerlichen Trauerspiels genannt hat. Noch mehr als seine Darstellungsgabe in Schriften wird von den Zeitgenossen seine strömende, hinreißende Be- redtsamkeit im Gespräche gerühmt. Eine vollständige Ausgabe seiner Werke mit einer Ein- lettung über sein Leben und seineSchriften besorgte Naigeon (15 Bde., Par. 1798 und öfter); die neueste erschien >821 (22 Bde., Par.), der sich die „(lorresoondsnce littersire, pkilo- 22 * 34V Dido Didot «opbiczue et critigue ,lo Orimm ei I)." (>5 Bde., Par. >829), die viel Vollständiger und bester geordnet ist als in der frühem Ausgabe, namentlich alle von der Eensur unter Napoleon gestrichenen Stellen enthält, und die „IVIvinniresetcorresponelanceetouvragesineüits 6ev."(3 Bde., Par. >830-32) auschlosscn. Interessante Beiträgezu seiner Biographie enthalten auch seiner Tochter, der Madame deVandeuil, „Vlemoires pour servir ü I'Instoir« tle la vis et cles ouvi nges <>s ke» IX" Auch in Deutschland hat in den letzten fahren Rosen- kranz in Mundt's „Dioskuren", und F. von Raumer durch eine in der Berliner Akademie gehaltene Vorlesung die Aufmerksamkeit wieder auf D. gelenkt. Dido oder, wie sie ursprünglich geheißen haben soll, Elissa, der Sage nach die Gründerin von Karthago, war die Tochter eines Königs von Tyrus, den Einige Agenor oder Bclus, Andere Mutgo oder Matgines nennen. Sein Nachfolger Pygmalion, der Bruder der D-, ermordete den Gatten und Oheim derselben, einen Priester des Hercules, Acerbas, bei Virgil Sichäus genannt. Mit den Schätzen des Sichäus, die der Mörder rer- gebcns gesucht hatte, und begleitet von vielen Tyriern, entfloh D. hierauf zu Schiffe, um einen neuen Wohnsitz zu suchen. Sie landete in Afrika, unw--it der schon bestehenden phöni- cischen Pflanzstadt Utika, und baute auf dem Boden, den sie von dem numidischen König Hiarbas gekauft hatte, eine Burg Byrsa (das Fell), welches Wortes griech. Bedeutung die Griechen zu der Fabel veranlaßte, sie habe so viel Land gekauft als mit einer Rindshaul belegt werden könne, dann aber listig die Haut in dünne Streifen zerschnitten und damit einen weiten Raum umgrenzt. An die Burg schloß sie hierauf die Stadt Karthago (s. d.) an, und hier ward sie nach ihrem Tode göttlich verehrt, den sie sich, um dem Begehren dis Hiarbas, sie solle seine Gattin werden , sich zu entziehen, selbst auf dem Scheiterhaufen gab. Virgil läßt, wie es namentlich schon vor ihm Nävius (s. d.) gethan, den Aneas zur Dids kommen und gibt dessen Untreue als die Ursache ihres Todes an, eine Erzählung,- die»«- » muthlich nicht auf alter Sage beruhte, sondern späterer Dichtung angehörte, welche die Zeil- angabe, wonach Äneas zwei Jahrhunderte früher gelebt, unberücksichtigt ließ. Didot, eine franz. Buchdrucker- und Buchhändlerfamilie, die sich durch den großartigen Sinn in Betreibung ihrer Kunst und ihres Gewerbes und durch die vielen und schäm Werke, die aus ihren Pressen hervorgingen, einen ausgezeichneten Namen erwarben. Ihr Ahnherr in dieser Beziehung war Franc. D., geb. >609, der zwei Söhne hinterlicß. — Sein Sohn, Franc. Ambroise D., geb. im Jan. 1730, vcrvollkommnete die Schrisi- schncide- und Schriftgießekunst so sehr, daß bald aus seiner Schriftgießerei die schönsten Typen hervorgingen, die man bis dahin in Frankreich gesehen hatte. Nach vielfachen Versuchen gab er 1777 der Druckerprcsse eine vollkommnere Einrichtung, und ihm gebührt die ihm mit Unrecht von dem Buchdrucker Aniston Duperron streitig gemachte Erfindung der Presst» mit einem Zuge. Auch war er eifrig bemüht, in den franz. Papiermühlen eine verbesserte Bereitungsart des Druckpapiers cinzuführen, und der Erste in Frankreich, der auf das nach seinen Angaben verfertigte Velinpapier druckte. Dies geschah bei der Ausgabe von Delille's Gedicht „X-ss sarckins" (1782, 3.), welche aber unvollendet blieb. Ludwig XVI. ernannte ihn >783 zum Königlichen Buchdrucker. Unter den zahlreichen aus seinen Pressen hervorge- gangcnen Werken, die zum Theil typographische Seltenheiten sind, zeichnen sich aus dik» Ausgabe des Longus(2Bde., >778), Tasso's „Oerusalomme liberota" (2 Bde., >783—86, 3.) und Bitaube"s franz. Übersetzung des Homer (12 Bde., >787 — 88). Auf Correctheit des Textes seiner Druckwerke wendete er die größte Sorgfalt. Er starb am > >. Juli 1803. — Der zweite Sohn, Pierre Franc. D., geb. >732, übernahm des Vaters Buchhändlerge- schäft, erkaufte später ebenfalls eine Druckerei und wurde Buchdrucker von Monsieur, nachmaligem Könige Ludwig XVlll. Auch er hat zu den Fortschritten der Buchdruckerkunst bei- getragen und einige sehr schöne Drucke, z. B. Fene'lon's ,,'I'chemaq„e" (2 Bde., >78), 3 ), geliefert. Er starb am 7. Dec. >795.— Pierre D. der Ältere, der sich an die Männer des ersten Ranges in seiner Kunst gereiht hat, ein Sohn Franc. Ambroise D.'s, gcb. im I- Jan. 176>, übernahm >789 von seinem Vater die Druckerei. Sehr bald genügte ihm alles bis dahin Geleistete nicht mehr; bei dem allgemeinen Schwünge, den so viele technische Bestrebungen seit der Revolution nahmen, strebte er nach dem Ruhme, Frankreichs Bodoni (s. d.) zu we'chen, und faßte >795 den Plan zu Prachtausgaben klassischer Schrift- Didymäus 341 steiler in Folio. Er scheute keine Kosten, dieselben mit allem Glanze und allen Zierden der zeichnenden Kunst, wozu er die ersten Meister berief, auszustattcn, und opferte selbst einen Thcil seines Vermögens diesem Lieblingsgcdanken. Seine Folioausgaben desVirgil(I798) und des Horaz (1798) waren dieser Anstrengungen würdig, noch mehr aber die des Racine (3 Bde., 1891—5). Unter den andern aus seinen Pressen hervorgegangenen Werken bemerken wir noch Lafontaines „bückles" (2 Bde., 1892), Denon's „Vozaj-e »lrms lu dass« et la Kaute Lg^pte" (2 Bde., 1892, Fol.) und Visconti's „lcunngr-ipkie xreegue" (3 Bde., 1898, Fol. und 1811, 4.) und „Icolioj-rnpliie romaiue" (3 Bde., 1817—26, Fol. 1818— 27, 3.) als vorzüglich ausgezeichnet. Der Verbesserung der Lettern widmete er mehrjährige Anstrengungen; mit ganz neuen von ihm angegebenen Schriftarten druckte er Boileau's „Oeuvres" (3 Bde., 1815) und Voltaire's „Uenriacle" (1819, Fol. und 3.). Auf die Cor- rectheit und Reinheit des Textes, auf vollkommene Gleichheit in der Orthographie wendete er nicht geringere Sorgfalt als auf typographische Schönheit. Auch als Literator hat er sich bekannt gemacht, und unter mehren Schriften, die er zum Theil gemeinschaftlich mit seinem Bruder Firmin schrieb, ist sein „Lssai cie tnkles nonvelles" (1786, 12.) wegen der zahlreichen Anmerkungen für die Geschichte der Buchdruckcrkunst wichtig. Er lieferte auch metrische Übersehungen des ersten Buchs der Horazischen Oden (1796) und eines Fragments der Aneis. Vor den Ausgaben des Virgil und Horaz stehen lat. Vorreden von ihm. Von allen franz. Negierungen, von der Republik und von Napoleon, wie von Ludwig XVIII. hat er Ehrenbezeigungen erhalten. — Sein Sohn, Zules D., übernahm nach ihm das Geschäft und hat ebenfalls eine Reihe großer und prachtvoll ausgestatteter Werke erscheinen lassen.— Firmin D., der Bruder des Pierre D., gcb. 1763, erhielt von seinem Vater 1789 die Leitung der Schriftgießerei, die er bald durch Erfindungsgeist und Fleiß vielfach bereicherte. Die aus seines Bruders Pressen hervorgegangenen Ausgaben des Virgil, Horaz und Racine verdanken zum guten Thcil ihre Vorzüge den von ihm gegossenen Schriften. Später legte auch er eine eigene Buchdruckerei an. Er ist Erfinder einer neuen Schreibschrift, und als er, im BegriffCallet's Logarithmen zu drucken, auf Mittel sann, den bei dem Gebrauche beweglicher Lettern oft vorkommenden Nachtheilen abzuhelfen, kam er auf ein neues Verfahren im Stereotypendrucke, den er bei diesem Werke anwendete, den er aber nicht erfand, wie oft fälschlich angegeben wird. (S. Stereotypen.) Unter den Werken seiner Presse sind auszuzeichnen Souza Botclho's Ausgabe der „Lusiade" des Camocns (1817, kl. Fol.), Dau- nou's Ausgabe der „Henriucle" (1819, 3.). Er hat Mehres aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt und schrieb auch die Tragödien reine cie Uortugsl" und „I^a inort lle lisnnibsl". Im 1.1827 trat er sein Geschäft seinem Sohne ab und widmete sich nun dem öffentlichen Leben. Als Deputirter gehörte er zu den 221, die 1839 gegen die Juliordonnanzen protestirten. Er starb am 23. Apr. 1836. — Henri D., der Sohn Pierre Franc. D.'s, zeichnete sich schon früh als Schriftschneider aus und vervollkommnete das Gießen der Lettern auch durch Erfindung eines neuen Eießinstruments. — Der Bruder Henri D.'s, D. Saint-Le'ger, erfand das Papier ohne Ende; sein Sohn, Edouard D-, starb 1825.— Der jüngste Bruder, D. der Jüngere, setzte des Vaters Geschäft fort. — Ambroise Firmin D., der Sohn Firmin D.'s, geb. 1799, widmete sich namentlich unter Korais dem Studium der alten Sprache, machte dann eine Reise durch Griechenland, Palästina und Klcinasien, über die er in den „Notes cl'un vo^sge clans le I^evunt eu 1816 et 1817" Mittheilungcn machte, und war dann eine Zeit lang bei der Gesandtschaft in Konstantinopel. Später trat er in das großartige Geschäft seines Vaters, das er 1827 übernahm. — Sein Bruder, Hyacinth Firmin D-, geb. um 1796, ist Theilhaber des Geschäfts; ein zweiter Bruder, Fröde'ric Firmin D-, geb. 1799, der der Papierfabrik des Vaters zu Mcsnil bei Dreux Vorstand, starb 1836 wenige Tage vor seinem Vater. Unter den neuern Unternehmungen des D.'schen Geschäfts (kirmin viclot treres) heben wir nur als die bedeutendsten hervor die „Ilibliotkegus frsnyaise", „Oollectiou «les clsssiczues srauyais", „Uikliotkegne cles rmteurs grecs", die neuen Ausgaben des „Ikesaurus graec. linguse" von Stephanus und das „Olosssrium mecl. et intim. larinitatis" von Dufresne. Didymäus ist der Beiname des Apollon, den er erhalten hatte von dem Orte Di- dyma, jetzt Jcronda oder Joran, im Gebiete von Milet, 89 Stadien von Milet selbst, wo 342 DidymuS Diebitsch-Sabalkanski ^ der berühmte Tempel mit dem Orakel des Apollon, welches sich bis in die spätesten Zeiten s erhielt, befand. Berühmt war daselbst die Statue des Apollon von Komachus aus Sichen, , welche Lerxes nach Ekbatana schaffte, Seleucus Nikator den Milesiern aber wiedergab. - Didymus, ein berühmter alexandrinischer Grammatiker, aus der Schule des Ari- starchus (s. d.), lebte im Zeitalter des Julius Cäsar oder Augustus und soll, wie die Alten angeben, gegen viertausend Schriften verfaßt haben, daher er auch in Folge seines wahr- hast eisernen Fleißes den Beinamen Chalkenteros erhielt. Seine Thätigkeit erstreckt-, sich auf die Kritik und Erklärung der ältern griech. Dichter und Prosaiker, wie des D-- mosthenes, namentlich aber auf eine genaue Durchsicht der von Aristarchus bereits unternommenen Textreccnsion der Homerischen Gedichte. Doch besitzen wir nur noch einige dürf- tige Bruchstücke seiner schriftstellerischen Wirksamkeit. — Didymus, einer der christlicher Kirchenväter, geb. 308, welcher in seiner Jugend erblindete und als Lehrer der Kirche zu Alexandria 3S5 den Märtyrertod starb, schrieb unter Andern „De »piritu sancto" (Mi, 1618) und „seelversus Nrmicliseos" (Jngolst. 1691). Wegen seiner Ansichten, die er ir einer untergegangenen Schrift über deSOrigenes Werk „De prmcixiis" aussprach, wurden noch nach seinem Tode auf dem zweiten Concil zu Nicäa als Ketzer verdammt. Die, im franz. Departement Dröme, am rechten Ufer der Dröme, ist eine sehr alta- thümkiche Stadt mit 39VV E., welche starke Seidenzucht, trefflichen Wein-, und Melonni- bau treiben und sich mit Papierfabrikation, Seiden- und Wollweberei beschäftigen. Zn du Umgegend finden sich mehre Mineralquellen; einige Stunden davon liegen der sogenannt-, unersteigliche Berg (Äontague inaccessible) und derMontaiguille, welcher letztere die Fom einer umgeftürzten Pyramide hat. Beide werden zu den sieben Wundern der Dauphine gerechnet. — Saint-Die oderSaint-Diey, im Departement der Vogesen, zu beiden Seit« der Meurthe in einem herrlichen Thale, ist besonders der alten Domkirche wegen merk»- > big. Die Stadt zählt 7999 E. und hat ein Seminar für Geistliche und für Schullehm Die Veranlassung zur Erbauung derselben gab der heil. Deodatus oder Dieudonne, B schof von Revers, welcher sich hier 657 als Einsiedler aufhielt. Aus seiner Zelle entsta«! nachmals ein Kloster und bei diesem allmälig ein Ort. Im I. 1925 wurde das Kloster« ein Stift umgewandelt und 1776 in ein Bisthum. Diebitsch - Sabalkanski (Hans Karl Friedr. Ant. von Diebitsch und Narben, Er»' von), geb. am 13. Mai 17 85 auf dem Rittergute Großleippe in Schlesien, erhielt seine W- düng seit 1797 in dem Cadettenhause zu Berlin, nahm aber 189l'seine Entlassung es preuß. Diensten, um in ruff. zu treten, in welchen sein Vater Hans Ehrenfried es« D-, früher Major und Adjutant Friedrich des Großen, damals als Generalmajor ang-- stellt war. Er trat in das Semenow'sche Grenadier-Garderegiment, mit dem er den Feldzug von 1895 mitmachte. Bei Austerlitz wurde er in die rechte Hand verwundet und nach der Schlacht von Friedland außer de), Reihe zum Hauptmann befördert. Die Waffenruhe bis 1812 benutzte er zu seiner Ausbildung in den Kriegswissenschaften. Im 1 .1812 kam er als Generalquartiermeister zum Wittgenstein'schen Corps und zeichnete sich vernehmlich bei der Wiedereinnahme von Poloczk aus, worauf er zum Generalmajor befördm wurde. Mit Uorck, den er in geheimer Unterredung zum Abfall von Napoleon vermochte rückte er in Berlin ein. Nach der Schlacht bei Lützen wurde er zu Barclay de Tollyi Armeecorps nach Schlesien versetzt und beauftragt, den geheimen Vertrag zwischen Rußland, Ostreich, Preußen und England abschließen zu helfen, der zu Reichenbach am Juni 1813 zu Stande kam. Er hatte Theil an der Schlacht bei Dresden, wo zwei Pferdunter dem Leibe ihm erschossen wurden, und an der Schlacht bei Leipzig, worauf der Kaiser ihn zugleich mit Paskewitsch und Toll zum Generallieutenant erhob. Als 1811 die Verbündeten beim Vorrücken auf Paris zurückgedrängt wurden, sprach er sich mit Nachdruck gegen den bereits besprochenen Rückzug aus, weshalb ihn Alexander am Tage des Einrückers in Paris auf dem Montmartre umarmte und chm eigenhändig den Alexander-Newschorden - umhing. Nach dem Frieden vermählte er sich 1815 zu Warschau mit einer Nichte des Fürsten Barclay de Tolly, Jenny Baronesse von Tornau, die aber frühzeitig starb. Bei Napo- leon's Rückkehr von Elba sendete ihn der Kaiser vom Congreffe zu Wien als Chef des G-- neralstabs zum ersten Armeecorps, bis er ihn wieder als Generaladjutanten zu sich berief- Diebsinfeln Diebstahl 343 iten Zm I. 1822 wurde er Chef des großen kaiserlichen Gcncralstabs. Er begleitete Alexander yop aufber Reise nach Taganrog, den er hier sterben sah. Bei dem hierauf zu Petersburg aus- >b. brechenden Aufstande zeichnete er sich durch Umsicht und Menschlichkeit aus. Auch der Kai- lri. ser Nikolaus schenkte D. sein Vertrauen und ernannte ihn zum Baron und nachmals zum llten Grafen. Im türk. Feldzüge, von > 828—29, erwarb er sich neuen Ruhm durch die Ero- ahi- berung von Varna und, nachdem er im Fcbr. 1829 den Oberbefehl übernommen, durch den eckt! Übergang über den Balkan, weshalb er den Beinamen Sabalkanski erhielt. Hierauf De- hielt er sich längere Zeit in Berlin auf, und es verbreitete sich damals das Gerücht, daß er ater- die Absicht gehabt habe, seine Entlassung aus russ. Diensten zu nehmen und in das Vater- >ürf. land zurückzukehren. Um den Feldzug gegen Polen zu eröffnen, überschritt er mit seinem ichen Heere am 25. Jan. l 831 die poln. Grenze; doch sein gewohnter Muth war hier von ihm ge- >e zu wichen. Bald nach der Schlacht bei Ostrolcnka verlegte er sein Hauptquartier nach Kleczewo M bei Pultusk, wo er, in der Nacht vorher von der Cholera befallen, am Morgen des 1 v. Juni er iu l 83 l starb, nachdem kurz vorher der Graf Orlow aus Petersburg angelangt war, um die den Lage der Dinge an Ort und Stelle zu untersuchen. Seine Leiche wurde nach Petersburg gebracht, sein Herz in der Kathedralkirche zu Pultusk beigcsetzt. rltn- Diebsinseln, s. Ladronen. nur- Diebslichter nannte der Aberglaube ehemals die Lichter, deren sich Räuber und n da Diebe bedienten und denen man die Wirkung beischricb, daß, sobald sie angezündet würden, miti, alle Bewohner des Hauses in tiefen Schlaf verfielen. Sie wurden angeblich unter Anru- ?om fung des Teufels gefertigt und zwar aus Fingern ungeborener, aus dem Mutterleibe ge- ic g!> schnittcner Kinder. >eit« Diebstahl. Die widerrechtliche Entziehung von Gegenständen des Vermögens eines wüi>> Andern wird schon auf untergeordneten Custurstufen als etwas Strafbares betrachtet; Hm nur die Grenzen der Strafbarkeit und die nähern Bestimmungen des hierin liegenden , K Verbrechens werden nach Art, Richtung und Gegenstand der hierbei vorkommenden Hand- simi lungen verschieden aufgefaßt. Zuerst sondert sich der Begriff des Raubes von dem des ier« Diebstahls ab; jener ist mit Gewalt gegen die Person verknüpft, dieser geschieht ohne Gewalt oder doch wenigstens ohne daß diese Gewalt gegen die Person gerichtet ist. Das röm. Err Recht hat zwar jenen Begriff nicht ganz so scharf aufgefaßt, wol aber diesen; es versteht W, nämlich unter Diebstahl (turtum) die widerrechtliche Bemächtigung einer fremden beweg- 1 M lichen Sache oder eines sonstigen fremden Vetmögensgegenstandes in gewinnsüchtiger Abos» sicht. Hierin liegt also z. B. auch Das, was wir jetzt Unterschlagung nennen. Der Gesichts- Punkt, unter welchen das Verbrechen bei den Römern fiel, war auch insofern ein ganz an- Feld- derer als der gegenwärtige, weil die Strafe desselben wesentlich eine Privatstrafe war, eine und Geldbuße, die dem Verletzten zuficl ; erst später trat eine öffentliche Strafe ein, deren Maß ,ssn> jedoch durch die Gesetze nicht vorgeschrieben war. . Das german. Recht hatte schon frühzeitig ,8iz harte Strafen für die in demselben als besonders verwerflich bezeichnete Handlung desDieb- stahls. Die Peinliche Gerichtsordnung Karl's V. führte dieselben auf ein gewisses bestimmtes irdw Maß zurück und bestimmte zugleich die Grenzen dieses Verbrechens genauer. Dieser soge- ochh» nannte deutschrechtliche Diebstahl besteht nur in der widerrechtlichen, eigenmächtigen Ent- »lly'i ziehung einer fremden beweglichen Sache, welche ohne Gewalt gegen die Person, aber in der Ws Absicht, diese Sache sich zuzueigncn, geschieht. Der Charakter desselben ist durchweg der , U. eines mit öffentlicher Strafe zu belegenden Verbrechens, wovon nur der Nothstand des iferd! Stehlenden eine, jedoch noch sehr beschränkte, Ausnahme macht. Bei dem weiten Bereiche laisei dieses Verbrechens hat dasselbe natürlich mannichfache Abstufungen. Abgesehen von cr- Ver- schwerenden oder mildernden Umständen, wird die Strafe des Diebstahls, der dann ein ein- ck ge- jacher gemeiner heißt, zunächst, früher sogar fast ausschließlich, nach der Größe, dem Werthe ckent des Gegenstandes bemessen; die neuern Gesetzgebungen haben jedoch auch hierin eine Er- rrdeii- Weiterung der Zumessungsgründe eintreten lassen. Die erschwerenden Umstände machen den Für- Diebstahl zu einem qualificirten. Dieselben können sowol in der Rücksicht auf die dadurch be- tapo> wirkte Störung der öffentlichen Sicherheit als in der auf die besondere Gefährlichkeit des Dieb- > A, stahls liegen. Dahin gehört also der mittels Einbrechens Einsteigens oder mit Waffen ver- erief- übte Diebstahl, ferner der Kirchendiebstahl (s. Kirchenraub), der Kassendiebstahl (s. Pe- 844 Dieck Dieffeubach culat), der Hausdiebstahl, d.h. der von Hausgenossen verübte, der Diebstahl in Banden, der an Ackergerälhe auf dem Felde— die letztem Arten wenigstens nach den meisten neuern Gesetzgebungen, welche überhaupt bald diese bald jene Art des Diebstahls, vorzüglich mit Rücksicht auf die Gegenstände (z.B.Vieh auf der Weide) besonders hcrvorheben und härter, bisweilen auch gelinder als den gemeinen Diebstahl bestrafen. Die peinliche Gerichtsordnung thut Elfteres auch hinsichtlich des dritten Diebstahls; doch treten hier die allgemeinen Bestimmungen wegen Rückfalls, nach verbüßter Strafe, oder Wiederholung, ohne dazwi- schen liegende Bestrafung, in den neuern Gesetzgebungen ei». Die mildernden Umstände, woraus früher die Theorie sogenannte privilegirtc Diebstähle machte, bewirken hauptsächlich, daß nur auf Klage der Verletzten cingeschrittcn wird, z. B. bei Entwendung unter Mitccben und Familiendiebstahl; bisweilen jedoch auch wegen des Zweckes der Zueignung gelindere Strafe eintraten, z. B. beim Diebstahl an Eßwaaren. Die Strafbestimmungen der Peinlichen Gerichtsordnung lauten auf Landesverweisung, Leibes-, auch Lebensstrafen; mehre spätere Landesgesetzgebungen, z. B. die sächsische, waren in Erkennung der letzter» sehr freigebig, wie denn z. B. in den Constitutionen Kurfürst August's von Sachsen auf den sogenannten große» (d. h. 5 Goldgülden übersteigenden) Diebstahl die Strafe des Stranges gesetzt ist. Was die Praxis schon vielfach gemildert Hatte, das sprechen nachmals die neuern, zum Theil noch mildem Gesetzgebungen bestimmter aus, und gegenwärtig ist die Todesstrafe hierbei , nirgend mehr in Anwendung und dafür das weite Gebiet der Freiheitsstrafen, mit oder ohne Zwang zur Arbeit oder Schärfungen durch körperliche Züchtigung, Dunkelarrest u. s. w. für die vielfachen Gradationen des Diebstahls offen. Die franz. Gesetzgebung hat zwar neuerlich die Strenge des <7oäe pensl, namentlich auch durch Abschaffung der Todesstrafe, die jener vielfach bei ausgezeichnetem Diebstahl drohte, gemildert, ist aber noch immer, namentlich durch die vielfachen erschwerenden Umstände, an welche sie eine weit härtere Bestrafung » knüpft, sehr hart und läßt wenig Abstufungen in der Bestrafung zu. Das engl. Recht leidet ebenfalls an sehr harten Strafbestimmungen hierüber, doch werden die gestohlenen Sache» meist sehr niedrig geschätzt. Dieck (Karl Friede.), ordentlicher Professor der Rechtswissenschaft aus der Universität zu Halle, geb. am 27. Juni I7S8 zu Kalbe an der Saale, studirte in Halle, Berlin und Göttingen und erlangte auf der erstgenannten Universität zu Ostern 1821 die Doctorwürde und die Erlaubniß zu lesen. Einen Ruf nach Dorpat schlug er 1823, einen andern nach Königsberg 183ü aus; 1826 wurde er außerordentlicher, 1833 ordentlicher Professor. Dem germanischen Rechte hat er, durch Hasse's Vorlesungen dazu bestimmt und als Schüler Eich- horn's, sowol seine akademische als, mit Ausnahme seiner ersten Schrift „Historische Versuche über das Criminalrecht der Römer" (Halle 1822), seine literarische Thätigkeit zugr- wendet. Er schrieb im Fache des deutschen Privatrechts „Geschichte, Alterthümer und Institutionen des deutschen Privatrechks im Grundriß mit bcigefügten Quellen" (Halle 1826) und „Beiträge zur Lehre von der Legitimation durch nachfolgende Ehe" (Halle 1832); im Gebiete des Lehnrcchts veröffentlichte er „Das gemeine in Deutschland gültige Lehnrech! im Grundriß mit beigefügten Quellen" (Halle 1823; 2.Aufl., 1827) und „Literargeschichte des longobard. Lehnrcchts bis zum I -i. Jahrh." (Halle 1828). Allenthalben bewährte er sich z, als tüchtiger Quellenforscher. Seine neuern Schriften, soweit sie einzeln erschienen, schließen sich an den Bentinck'schen Proceß (s. Bentinck) an, wo er für den Beklagten auftrat. Es sind „Die Gewissensehe, Legitimation durch nachfolgende Ehe und Misheirath nach ihren Wirkungen auf die Folgefähigkeit der Kinder in Lehen und Fideicommiffen unter Berücksichtigung des reichsgräflich Bentinck'schen Rechtsstreits" (Halle 1838); dann, in Gemeinschaft mit Eckenberg, die „Duplikschrift" in diesem Proteste (Lpz. 183S); hierauf das erste der beiden Hefte, die unter dem Titel „Diorthose der gegenwärtigen Lage des reichtgräflich Bentinck'schen Rechtsstreits" (Lpz. 1840) erschienen, und endlich „Entgegnung auf die Darstellung des gräflich Bentinck'schen Erbfolgestreits, welche Professor Wilda in der Zeitschrift z. „Für deutsches Recht" gegeben hat" (3 Hftc., Lpz. 1841). Dieffenbach (Joh. Friede.), der genialste unter den lebenden deutschen Operateurs, geb. I7S5 zu Königsberg in Preußen, wurde in Rostock erzogen und auf dem dasigen Gymnasium gebildet und studirte seit 1812 daselbst und später in Greifswald Theologie. Zm I. l 813 Diel Diemen 345 nahm er in Mecklenburg. Diensten als Reitender Jäger Thcil am Befreiungskriege und kehrte 1815 aus Frankreich zu seinen theologischen Studien zurück, die er jedoch bald mit den mcdicinischen vertauschte, unter denen ihn vorzüglich die Chirurgie ansprach. Walther's Ruf zog ihn nach Wien, von wo aus er 1821 eine erblindete Dame als Arzt nach Frankreich begleitete. Von seinem Vorhaben, in Griechenland einen zweiten Befreiungskrieg mit- zukämpfcn, riefen ihn Familienverhältnisse nach Deutschland zurück, wo er nach Vollendung seiner Studien 1822 in Würzburg promovirte und dazu eine für sein späteres Wirken sehr wichtig gewordene Dissertation „k>lonnulla Uc regeneratione et trsnsplsotstions" schrieb. Von Würzburg ging er nach Berlin, wo sein operatives Talent bald allgemeine Anerkennung fand. Im I. 1830 wurde er dirigirender Wundarzt am Chsrite'-Krankenhause, 1832 außerordentlicher Professor und nach Gräfe's Tode 1840 Direktor der chirurgischen Klinik. Neben der eminenten Fertigkeit, mit welcher D. bei den gewöhnlichen Operationen das Messer handhabt, beurkundete er auch sein chirurgisches Genie durch Verbesserung vieler alten und Erfindung mancher neuen Verfahrungsweisen, die besonders in das Gebiet der bildenden und ersetzenden Wundarzneikunst gehören, wie die künstliche Bildung von Nasen, Lippen, Augenlidern, Wangen u. s. w., die Wiederherstellung des geraden Sehens bei Schielenden und der geläufigen Sprache bei Stammelnden. Dabei war er eifrig bemüht, die Technik so viel möglich zu vereinfachen. Von seinen Schriften, die der Form und dem Stile nach der letzten Feile freilich oft entbehren, verdienen als ausgezeichnet durch Wesen und Gehalt seine „Chirurgischen Erfahrungen, besonders über die Wiederherstellung zerstörter Theile des menschlichen Körpers" (4 Abtheil., Berl. 1820—34) und die Fortsetzung des Schecl'schen Werks „Die Transfusion des Blutes und die Einspritzung der Arzneien in die Adern" (Berl. 1828), ferner die Schrift „Über die Durchschneidung der Sehnen und Muskeln" (Berl. 1841) und „Die Heilung des Stotterns durch eine neue chirurgische Operation" (Berl. 1841) hervorgehoben zu werden. Eine abermalige Reise nach Paris im J. 1836, wo ihm die ehrenvollste Aufnahme und Anerkennung von allen Seiten zu Theil ward, gab ihm Veranlassung, eine Reihe kleiner, aber sehr lehrreicher und geistreich geschriebener Aufsätze über das Erlebte, über franz. Wundärzte und Chirurgie in Casper's „Wochenschrift" bekannt zu machen. Jm J. 1837 ging er nach London und 1843 nach Petersburg. Sehr zu beklagen ist, daß D.'s Wirksamkeit im Lehrfache von seiner durchaus praktischen Richtung, die einer strengern wissenschaftlichen Haltung in den Weg tritt, mehr als billig beschränkt wird; doch sind die praktischen Bemerkungen, die er mit seinen Operationen verbindet, für jeden Zuhörer von entschiedenem Werthe. Diel (Aug. Friedr. Adrian), ein verdienter Pomolog, geb. 1756 zu Gladenbach, wurde nach beendigten medicinischen Studien Physikus zuerst in Gladenbach und dann in Dich. Lange Jahre versah er die Stelle eines Brunnenarztes zu Ems. Im 1.1790 zum nassauischen Hofrath und später zum Gehcimrath befördert, starb er 1833. Von seinen Schriften über Pomologie haben vorzüglichen Werth die „Anleitung zu einer Obstorangcrie in Scherben" (2 Bde., Franks. 1798; 3. Aust., 1804), der „Versuch einer systematischen Beschreibung der inDeutschland gewöhnlichen Kernobstsorten (4 Bde., Franks. 1799—1819; Bd. 5 und 6, Stuttg. 182.1—32) und „Systematisches Verzeichniß der vorzüglichsten in Deutschland vorhandenen Obstsorten" (Franks. 1818; und „Fortsetzung" 18.33). Auch schrieb er „Über den innerlichen Gebrauch der Thermalbäder in Ems" (Franks. 1832). Diemen (Anton van), nach dem Van di emensland (s.d.) benannt, war zu Cuy- lenburg 1593 geboren. Unglücklich als Kaufmann und von seinen Gläubigern verfolgt, ging er nach Indien, wo er durch seine Fertigkeit im Schönschreiben den Grund zu seinem Glücke legte und schnell zu den höchsten Würden aufstieg. Als Oberbefehlshaber des Holland. Ostindiens zeigte er ein ausgezeichnetes Talent in der Verwaltung und trug viel zur Befestigung der Holland. Handelsmacht in Indien bei. Abel Tasman, den er 1642 mit zwei Schiffen ins Südmeer schickte, gab hier einem Lande, das lange für einen Theil Neuhollands gehalten, aber durch spätere Untersuchungen als eine Insel erkannt wurde, den Namen Vandiemensland und entdeckte Neuseeland. Auch ein anderer Seefahrer, den er aussandte, machte in den Gewässern nördlich von Japan Entdeckungen, welch« durch neuere Seereisen bestätigt worden 346 Dienstag IN es irav sind. Ein Theil des nordwestlichen Neuhollands, den man ebenfalls Vandicmensland nennt, wurde wahrscheinlich erst später, vielleicht auch durch Tasman entdeckt. D. starb l 645. Dienstag, der zweite Wochentag, in frühester Zeit im Süden Deutschlands Z ics> tag, beidenBaiern Eritac oder Erchtag genannt, ist unstreitig nach dem insbesondere bei den Tenkterern verehrten Kriegsgotte, benannt, der im Althochdeutschen Zio, bei den Baiern Er oderZrhieß. (S. Deutsche Mythologie.) Dienstbarkeit, s. Frohnen und Servitut. Diepholz, früher eine eigene Grafschaft von 12 mM. mit 26000 E-, zu der außer dem Hauptorte, dem Marktflecken Diepholz an der Hunte, mit 2100 E., und Lemförde, auch Auburn gehörte, bildet seit 1814 die Ämter Diepholz und Lemförde der hannov. Landdrostei Hannover. Viele der ärmern Bewohner sind bei der geringen Ergiebigkeit des Bodens gc> nöthigt, während des Sommers in Holland durch Torfstechen, Moorgrabcn und Heumachen ihren Unterhalt zu verdienen, was man das Hollandsgehen nennt. Dieppe, im franz. Departement Niederseine, an der Einmündung des Flüßchens Ar- gues in den Kanal, gegenwärtig durch seine reichen Austernparks, durch künstliche Elfenbein, arbeiten, besonders "aber durch die seit 1822, unter Begünstigung der Herzogin von Berri, in Aufnahme gekommenen Seebäder ausgezeichnet, war seit der Mitte des 14. Zahrh., an> fangs unter engl., dann unter franz. Hoheit, als See- und Handelsplatz berühmt und mach- tig. Von hier aus wurden die West- und Südküste Afrikas ein Jahrhundert vor Vasco de Gama beschiffk, die erste franz. Niederlassung in Kanada, Quebec? gegründet und nach allen Gegenden hin Handelsverbindungen angeknüpft. Der berühmteste unter den großen Kauf- und Schiffsherren von D. war Jean Ango, der zur Zeit Franz's I. auf eigene Kosten Geschwader ausrüstete, um Diejenigen zu züchtigen, welche seine Flagge nicht gebührend achteten, und um mit deren Gesandten auf gleichem Fuße zu unterhandeln. Die Blüte D.l brach mit Aufhebung des EdictS von Nantes und wurde durch das engl. Bombardement imJ. I6S4 völlig vernichtet. Zwar wurde die Stadt auf königlichen Befehl wiederaufgebaut und noch gegenwärtig besitzt sie einen trefflichen, durch ein festes Schloß vertheidigten Hafen, aber den hohen Unternehmungsgeist ihrer Bürger, welcher mit den Hugenotten ausgewanderl war, konnte man nicht wieder Hervorrufen. Gegenüber dem auf hohem Felsufer malerisch sich erhebenden alterthümlichen Schlosse, und von der Stadt durch das Flüßchen Arquel getrennt, liegt die Fischervorstadt Pollet, unansehnlich durch ihre größtentheils aus Feuerstein zusammengesetzten Häuserchen, aber interessant durch die Eigenthümlichkeit ihrer Bewohner, welche sich in Sprache, Tracht und Sitten wesentlich von dem übrigen Volke dn Landschaft Caux (Obernormandie) unterscheiden und vielleicht Abkömmlinge jener Sachsen sind, die sich in der merovingischen Zeit vielfach an der franz. Küste ansiedelten. Dies, der Tag, besonders auch der Gerichtstag oder Termin, wurde bei den Römern und in späterer Zeit in gewissen Zusammensetzungen, Redensarten und Formeln gebraucht, deren man sich häufig noch gegenwärtig bedient. So bezeichnete man im röm. Staatsleben mit dies ater einen solchen Tag, an welchem dem Staate irgend ein Unfall begegnete. Der- gleichen Unglückstage, an denen man nicht leicht etwas Wichtiges vornahm, hießen auch dies religiös, oder nekasti, dahin gehörte vorzüglich der (lies ^llieosis, d.i. der 18. Zuli, an welchem die Römer an der Allia ss. d.) im Sabinerlande durch die Gallier eine furchtbare Niederlage erlitten. In der Heilkunde wird «lies criticns der entscheidende Tag der Krankheit genannt; in der kirchlichen Sprache dies lucis, eigentlich der Tag des Lichts, Ostern, «lies sslutaris, der Tag des Heils, d. i. der Charfreitag. Außerdem findet man oft s die, d.i. von dem Tage an; sddiesvitse, auf Lebenszeit; die liodiervo, heutigen Tages, und sprüchwörtlich dies diem docet, ein Tag belehrt den andern. Dies IIAO heißt nach den Anfangsworten der lat. Hymnus auf das Weltgericht, dem wegen der Großartigkeit der darin niedergelegten Idem und wegen der Wahrheit und der Wärme der Empfindung, die sich in ihm ausspricht, schon frühzeitig in dem liturgischen Rituale der Kirche eine bestimmte Stelle angewiesen wurde. Unstreitig stammt derselbe aus dem 13. Zahrh. und kann demnach weder.von Gregor dem Großen, gest. um 604, noch vom heil. Bernhard von Clairveaux, gest. 1153, verfaßt sein. Andere haben ihn den Dominica- Diessenhofen Diesterweg (Friede. Adolf Wilh.) 347 nern Umbertus und Franzipani, die sich im !3.Jahrh. als Kirchenliederdichter hervorthaten, beigclcgt; die meiste Wahrscheinlichkeit aber hat es, daß er von dem Franciscaner Thomas von Celano hcrrühre, der zu Celano im jenseitigen Abruzzo geboren, 122 l Custos der Mi- noritcnconvente zu Mainz, Worms und Köln war, l23» nach Italien zurückkehrte und um 1255 gestorben zu sein scheint. Wann der Hymnus zuerst von der Kirche ausgenommen worden sei, die ihn als Sequenz (s. d.) dem Requiem in der Messe anreihte, läßt sich nicht genau bestimmen; doch ist es jedenfalls schon vor 1385 geschehen. Bei dieser Gelegenheit wurden im Texte mehre Veränderungen vorgenommen, der Anfang weggelassen und dagegen einige Verse von Felix Hämmerlin, geb. 1389, den man ebenfalls für den Verfasser des ganzen Hymnus gehalten hat, hinzugefügt. In dieser veränderten Form wurde er auch in das rom. Missalc, welches in Folge des tridentiner Concils im Z. 1567 erschien, anfgenom- inen und von der röm. Kirche noch jetzt gebraucht. Der ursprüngliche Text scheint der zu sein, der sich in der Kirche des heil. Franciscus zu Mantua auf einer Marmorplatte einge- graben findet. Frühzeitig und sehr häufig wurde er mit mehr oder weniger Treue ins Deutsche übersetzt; namentlich geschah dies von Ringwaldt, Gryphius, Hiller, Clodius, A. W. Schlegel, Fichte, A. L. Fallen, Wessenberg, W. A. Swowoda, Claus Harms, Bunsen u. A. Vgl. Mohnike, „Kirchen- und literarisch-historische Studien und Mittheilungen" (Bd. 1, Heft l, Strals. 1824) und Lisco, „Dies irae, Hymnus auf das Weltgericht" (Berl. 1840, 4.), worin 70 theils vollständige, theils unvollständige Verdeutschungen des Hymnus ab- gcdruckt sind. Diessenhofen, eine freundliche Stadt mit 1300 E. im Canton Thurgau am Rhein, die nördlichste Stadt der Schweiz, war im Mittelalter eine Besitzung der Grafen von Ky- burg, nach deren Aussterben sie an Ostreich fiel. Dem Hause Ostreich im I. 1460 durch die Schweizer entrissen, blieb sie seitdem bei der schweizer. Eidgenossenschaft und zwar abhängig von den acht alten Orten und Schaffhausen, bis sie 1798 mit dem Canton Thurgau vereinigt wurde. In der Nähe von D. fanden 1799 mehre Gefechte zwischen den Franzosen unter Moreau und den verbündeten Östreichcrn und Russen statt, in Folge deren sich die Franzosen zum Rückzuge über den Rhein genöthigt sahen, bei welcher Gelegenheit sie am 7. Oct. 1799 die bei D. über den Rhein führende Brücke in Brand steckten. Diest, eine mit Wällen und Mauern umgebene Stadt in der belg. Provinz Südbrabant, liegt in einer gesegneten Gegend auf beiden Seiten der Denier. Sie hat mehre Kirchen und Klöster, Hospitäler und mildthätige Anstalten und zählt gegen 7000 E., welche Hüte, Leder und Strümpfe verfertigen und sehr bedeutende Brauereien und Brennereien unterhalten. Im Mittelalter war sie das Besitzthum der Herren von Diest, nach deren Ausster- den sie durch Heirath 1472 an die Grafen von Nassau-Saarbrücken und dann an den Herzog Wilhelm von Jülich kam. Dieser überließ sie 1487 durch Tausch dem Hause Oranien, bei welchem sie bis zu Wilhelm's Hl. Tode verblieb, worauf sie nach mehrfachem Streite mit König Friedrich I. von Preußen, welcher auf D. Anspruch machte, und nach mannich- fachen Unterhandlungen an das Haus Nassau-Dictz überging. Diesterweg (Friedr. Adolf Wilh.), Director des Seminars für Stadtschullehrer in Berlin, ein um Theorie und Praxis des Volksunterrichts sehr verdienter Mann, ist am 29. Oct. 1799 zu Siegen in der preuß. Provinz Westfalen geboren. Er studirte auf der damaligen Universität zu Herborn Theologie, vollendete seine akademische Bildung in Tübingen und kam hierauf als Hauslehrer nach Manheim. Später wurde er zweiter Lehrer an der Secundairschule zu Worms, 1811 Lehrer an der Musterschule zu Frankfurt am Main, sodann zweiter Rector der lat. Schule in Elberfeld und 1820 Director des Schullehrerseminars in Meurs. In dieser Stellung erwarb er sich entschiedene Verdienste um das unter der franz. Herrschaft vernachlässigte Elementar- und Volksschulwesen der Nheinprovinz durch die von ihm seit 1827 herausgegebenen „Rheinischen Blätter für Erziehung und Unterricht" und andere Schriften, aber auch um das gesammte deutsche Schulwesen. Jm J. 1833 wurde er in seine jetzige Stelle nach Berlin berufen. Er zeichnet sich aus durch geistige Lebendigkeit und Frische, warme Liebe für Wahrheit und Recht und rücksichtslosen Freimuth. Dabei »eigen seine sehr anregenden Schriften aber auch einen gar zu leicht emporlodcrnden Enthusiasmus, der ihn oft zu einseitigen Behauptungen verleitet, eine allzu große, zuweilen fast in 348 Diesterweg (Wilh. Adolf) Dieterichs fieberhafte Unruhe übergehende Beweglichkeit, welche ihn nicht selten an ruhiger Betrach, tung hindert, und eine gar zu rege Streitlust, welche nicht gern auf besonnene Erörterung cingeht und ihn zuweilen in das Gebiet der Persönlichkeiten fortreißt. Durch seine Schrift „Über das Verderben auf unser» Universitäten" (Essen 1836), die zwar manches Beherzi- genswerthc, aber auch viele aus Befangenheit in der Elementarpädagogik, aus Verkennung des Historischen, aus Unkenntniß und Mangel an richtiger Würdigung des Universitätswe- sens hervorgegangene Jrrthümer enthält, gerieth er in einen heftigen Streit mit mehren Uni- versitätslehrern und fand namentlich in Leo und Thiersch gewichtige Gegner. Vgl. D.'s „Streitfragen auf dem Gebiete der Pädagogik" (2 Abtheil., Essen 1837—38). Auch die in seinen „Bemerkungen und Ansichten auf einer pädagogischen Reise nach den dän. Staa- tenim Sommer 1836" (Berl. 1836) ausgesprochene entschiedene Ansicht gegen die Wechsel- seitige Schuleinrichtung verwickelte ihn mit mehren Freunden derselben in einen literarischen Kampf, in welchem beide Theile von Bitterkeiten und Persönlichkeiten sich nicht immer frei hielten. Seine neuesten Bemühungen, unter den Lehrern seiner Provinz durch regelmäßig wiederkehrende Zusammenkünfte ein engeres Band zu knüpfen, scheiterten an der entgegcn- stehendcn Ansicht der Regierung, welche diese Zusammenkünfte nicht gestattete. Durch einen seiner früher» Schüler, den Lehrer Emmerich in Bonn, wurde er in Bezug aufseine religiöse Denkart unlängst des Naturalismus beschuldigt. Nach Einmischung mehrer Freunde auf beiden Seiten ist daraus ein Streit entstanden, welcher in Zeitungen und Broschüren nicht ohne Leidenschaftlichkeit fortgesührt wurde. Von seinen sehr zahlreichen Schriften sind außer den bereits genannten vorzüglich anzuführen: „Geometrische Combinationslehre" (Elberf. 1826; 2. Ausg., 1839), „Praktischer Lehrgang für den Unterricht in der deutschen Sprache" (Theil 1, 4. Aust., Krefeld 1838; Theil 2 und 3, 3. Aufl., 1838—39), „Praktisches Rechenbuch für Elementar - und höhere Bürgerschulen", in Verbindung mit t Heuser (Theil 1, 13. Aufl., Elberf. 1832; Theil 2, 7. Aufl., 1833; Theil 3, 3. Aust, ' 1839), und die „Auslösungen" dazu (3. Aufl., Elberf. 1841), „Methodisches Handbuch für den Gesammtuntcrricht im Rechnen", ebenfalls in Verbindung mit Heuser (Elberf., 2 Bde., 3. Aufl., 1839—46) und „Wegweiser für deutsche Lehrer", in Verbindung mit Mehren (2 Bde., neue Aufl., Essen 1838). Diesterwest (Wilh. Adolf), Mathematiker, der Bruder des Vorigen, geb. zu Siegen am 27. Nov. 1782, studirtc aus Neigung Theologie und lebte dann einige Zeit als Privatlehrer. Später widmete er sich ganz den schon früher neben der Theologie mit Eifer be- triebenen mathematischen Studien, habilitirte sich >809 als Privatdocent zu Heidelberg und wurde in demselben Jahre Professor der Mathematik und Physik am Lyccum zu Manheim. Im I. 1819 vertauschte er diese Stelle mit der eines ordentlichen Professors derMa- thematik an der neugegründcten Hochschule zu Bonn, wo er später auch Direktor der wissenschaftlichen Prüfungscommission wurde und bis zu seinem Tode, am 13. Juni 1835, mit großem Erfolge wirkte. Unter seinen Schriften sind bemerkenswerth: „Lehrbuch der Trigonometrie" (Bonn 1823), „Geometrische Aufgaben, nach der Methode der Griechen bearbeitet" (2 Samml., Berl. 1825 und Elberf. 1828) und die Übersetzungen und Bearbeitungen der mathematischen Schriften des Apollonius von Perga „ve sections rationis" 5 (Berl. 1821), „ve sectione cieterminata" (Mainz 1822), „ve inelinatiynihn8" (Berl. 1823) und „ve 8ectione spatii" (Elberf. 1831). Dietenberger (Joh.), bekannt durch seine deutsche Bibelübersetzung, war in dem kurmainzischen Flecken Dietenberg, nach welchem er sich nannte, geboren und ein Predigermönch. Später wurde er Doctor der Theologie und Generalinquisitor zu Mainz und Köln, an welchem erster« Orte er am 36. Aug. 1533 starb. Seine Bibelübersetzung (Mainz 1533, Fol. und öfter, zuletzt Augsb. 1776), die er, wie vor ihm Emser und nach ihm I. Eck, der Übersetzung Luther's entgegenstellte, ist ganz in Hinsicht des Alten Testaments nach der letzter» bearbeitet und nur, wo es die Vulgata nörhig machte, abgeändert, in Betreff aber des ^ Neuen Testaments fast lediglich eine Wiederholung der Emser'schen Übersetzung. Außer mehren andern lat. und deutschen Schriften schrieb er auch eine gegen Luther gerichtete lat. AbhastMng von den Klostergelübden. DieterichS (Joach. Friede. Christ.), bekannt als Veterinärschriststeller, geb. 1792 zu Dietmar Dietrich (Christ. Wilh. Ernst) 349 Stendal, erwarb sich als prakticirender Thierarzt durch seine Schriften einen solchen Ruf, daß er als Oberthierarzt nach Berlin gezogen und daselbst später Professor der Thierheilkunde wurde. Unter seinen Schriften, die sämmtlich wissenschaftlichen Werth haben, sind hervorzuheben: „Über die Lungenseuchc des Rindviehs" (Berl. 1821), „Handbuch der Veterinärchirurgie" (Berl. 1822; 5. Ausl., >841), „Anleitung das Alter der Pferde nach dem nacürlichen Zahnwechsel zu erkennen" (Berl. 1823; 2. Aust., 1 837), „Über die Hufbeschlagkunst" (Berl. >823), „Über Gestüt- und Züchtungskunde" (Berl. 1824), „Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie für Thierärzte und Landwirthe" (Berl. 1828 ; 2. Aust., >835) und „Handbuch der allgemeinen und besonder» Arzneimittellehre u. s. w." (Berl. 1825; 3. Aust., 1839). Als kenntnißreichen Hippologen hat er sich besonders bewährt in seiner gekrönten Preisschrift „Katechismus der Pferdezucht" (Berl. 1825) und in dem „Handbuch der praktischen Pfcrdekenntniß" (2. Ausl., Berl. 1835). Dietmar oder Dithmar, eigentlich Thietmar, Bischof von Merseburg, der Hauptquellenschriftsteller für die Geschichte der slawischen Gegenden über der Elbe, stammte aus einem der angesehensten sachs. Grafcngeschlechtcr und wurde am 25. Juli 976, wie es scheint, zu Hildesheim geboren. Sein Vater war Siegfried Graf von Wallbeck, gest. 990, ein Bruder des sächs. Markgrafen Lothar und naher Verwandter des Kaisers, seine Mutter eine geborene Gräfin von Stade. Er erhielt eine sorgfältige Erziehung theils im älterlichen Hause, theils in der Klosterschule zu Quedlinburg, dann im Johanniskloster zu Magdeburg unter dem Abt Rigdag und dem Philosophen Eeddo. Nachher kam er in das Domcapitel zu Magdeburg und im I. 1002 wurde er Propst des von seinem Großvater gestifteten Klosters Wallbeck. Mit dem Erzbischof Tagino von Magdeburg, der sein großer Gönner war, wohnte er unter Anderm 1007 dem Feldzuge gegen den Herzog Bolislaw von Polen bei. Auf Tagino's Empfehlung beim König Heinrich erhielt er auch nach Wigbert's Tode das Bisthum Merseburg und am 24. Apr. 1009 die Weihe. Seitdem war er häufig in der Umgebung des Königs, auch nahm er persönlich Theil an einigen Feldzügen gegen die Slawen. Er starb am l. Dec. 1018. D. hat sich große Verdienste um das Bisthum Merseburg erworben; sein Hauptstreben war dahin gerichtet, alle früher dazu gehörigen, später abgetrennten Theile wieder mit demselben zu vereinigen, wodurch er in vielfache Händel verwickelt wurde, und unablässig war er bemüht, durch Schenkungen aus eigenen Mitteln und Schenkungen Anderer seinem Hochstifte aufzuhelfcn. Doch ein beiweitem größeres Verdienst um die Nachwelt hat er sich durch die Abfassung seines „(Kronicon" erworben, das in acht Büchern die Geschichte vom Z. 908 bis zu Ende des Aug. 101 8 erzählt und vollständig erhalten ist. Für die rauhe, schwülstige Sprache und die durchweg zu Tage sich legende Wundergläubigkeit entschädigen vollkommen die Reichhaltigkeit und glückliche Auswahl des historischen Stoffs und die unverkennbare Wahrhaftigkeit des Verfassers. Von den zwei vorhandenen Handschriften ist die in Dresden aufbewahrte eine von D. selbst durchgesehene Abschrift des Autographum; die andere, zu Brüssel, mehr oder weniger überarbeitet, aber darum von großer Wichtigkeit, weil sie einige Lücken der dresdener ergänzt. Die erste Ausgabe besorgte Reiner Neineccius (Franks. 1580, Fol.) nach der dresdener Handschrift; mit Benutzung der brüsseler Handschrift gab Leibnih den „Vitmsrus rsstitiitus" in den „8cri- ptores rer. bruusvic." (Bd. I, Hannov. 1703, Fol.) heraus, worauf dann die Ausgabe von Wagner (Nürnb. 1807, 4.) folgte; doch erst in der Ausgabe von Lappenberg in Perh s „5lonuu,euta 6erm. bistorica" (Bd. 5, Hannov. >839, Fol.) ist der Text des D. in seiner ursprünglichen Gestalt gegeben worden. Eine treue Übersetzung nebst Erklärung besorgte Ursinus (Dresd. 1790). Dietrich (Ehrist. Wilh. Ernst), der sich zuweilen auch Dietricy schrieb, ein im 18. Jahrh. sehr berühmter und geschätzter deutscher Maler, wurde zu Weimar am 30. Ott. 17 >2 geboren. Er lernte die Ansangsgründe der Kunst bei seinem Vater und bildete sich später in Dresden, unter dem Landschaftsmaler A. Thiele. Dort erregte er bald Aufmerksamkeit und fand an dem Grafen Brühl einen Förderer und Beschützer. In seinem -30. Jahre bereiste er auf königliche Kosten Italien; nach Dresden zurückgekchrt, wurde er Hofmaler, dann Professor an der Akademie. Seine Gemälde waren sehr gesucht, und seine unermüdlich thätige Hand konnte kaum den Auffoderungen genügen, die an ihn ergingen. Er hatte ein 350 Dietrich der Bedrängte Dietrichstein vorzügliches Talent in der Nachahmung der Malweise der verschiedensten Meister; am lieb- ^ sten bewegte er sich in den Elementen der Holland. Schule, in der er sich besonders Rem- brandt zum Verbilde nahm; doch auch die Eigenthümlichkciten der Italiener wußte er nicht !> ohne Glück wiedcrzugeben. Am selbständigsten erscheint seine Thätigkcit im Fache der Land- !> schaft. Er ging von der französisch-theatralischen Manier seiner Zeitgenossen ab und bestrebte sich, die Kunst auf die Bahn der großen Meister und auf die Bahn der Natur wieder zurück- ' zuführen, blieb indeß ebenfalls nicht frei von Manier. Außer seinen Gemälden hat er auch > eine beträchtliche Anzahl radirter Blätter geliefert. Er starb am 2-1. Apr. 177-1. Dresden besitzt von seinen Arbeiten, an Gemälden sowol, wie an Handzeichnungen und Kupferstichen, > die reichhaltigste Sammlung. Seine nachgelassenen Kupferplatten, 82 an der Zahl, wurden ^ von seinen Erben herausgegcben. Dietrich d er Bedrängte, Markgraf von Meißen, der zweite Sohn des Markgrafen Otto des Reich en (s. d.) und Hedwig's, einer Tochter des Markgrafen Albrecht des - Bären von Brandenburg, wurde mit seinem ältern Bruder, dem nachmaligen Markgrafen i Albrecht dem Stolzen (s. d.) dadurch entzweit, daß seine Mutter den Vater gegen des- l ftn bereits ausgesprochenen Willen bestimmte, die Erbfolge dahin abzuändern, daß D. die Markgrafschast Meißen, Albrecht dagegen, obschon der ältere Sohn, die Grafschaft Weißenfels erhalte. Nachdem nun Albrecht den Vater mit Gewalt gezwungen hatte, die ursprünglich beabsichtigte Erbfolgeordnung wiederhcrzustellen und ihm 1190 in der Markgrafschast Meißen gefolgt war, D- aber auf das Versprechen kräftigen Beistandes mit des Landgrafen Hermann's l. von Thüringen häßlicher Tochter, Jutta, sich verlobt hatte, benutzte Al- . brecht Letzteres als Vorwand, 1194 den Bruder mit Krieg zu überziehen, der ihn, von Her- i mann unterstützt, zurückschlug; auch, als Albrecht im Kriege mit Hermann nur durch die i Flucht der Gefangenschaft entging und nach Italien eilte, um dort den Kaiser wegen seines i Landftiedenbruchs zu versöhnen, nichts gegen ihn unternahm, sondern vielmehr 1195 eine > Wallfahrt nach Palästina machte. Während dieser Reise starb Albrecht kinderlos, und D. - war unbezweifelt dessen Nachfolger. Doch Heinrich VI., dem schon lange nach der Markgrafschaft Meißen wegen der reichen Bergwerke gelistet hatte, nahm dieselbe sofort in Besitz, sodaß D. nur verkleidet im Spätherbst 1 > 96 in die Heimat zurückkehren und erst nach des Kaisers Tode 1197 sich mit Gewalt der Waffen in den Besitz seines Erbes sehen konnte. In dem Kampfe der Gegenkönige Philipp und Otto von Braunschweig stand D. auf Phi- lipp's Seite. Nach dem Tode desselben söhnte er sich zwar mit Otto aus, siel aber auch wieder von ihm ab und wendete sich den Hohenstaufen zu. Viel Verdruß hatte er mit den Leip- - zigern, mit denen er sich zunächst wegen des Baus des Thomasklosters im I. 1212 verfem- , dete. Nachdem sie sich mit dem meißnischen Adel, der dem Markgrafen wegen seiner übergroßen Anhänglichkeit an die Mönche ebenfalls nicht hold war, zum Aufstand vereinigt hak- j ten, belagerte er 1217 Leipzig, aber vergebens, sodaß er sich gern zu dem Vergleich verstand, i den der Erzbischof Albrecht zu Magdeburg, der ihm gleichfalls viel zu schaffen machte, zwischen ihm und den Empörern zu Stande brachte. Doch D. hatte vom Anfänge an nicht die Absicht, denselben länger zu halten, als er es für gut befand; durch List bemächtigte er sich im folgenden Jahre Leipzigs, ließ die Stadtmauern niederreißen und drei Burgen anlegen, k um die Bürger im Zaume zu halten, die er gleich dem Adel mit harten Strafen belegte. Auf solche Weise konnte aber der Haß seiner Unterthanen gegen ihn sich nur mehren, und wol mag der Verdacht nicht unbegründet sein, daß auf Anstiften der Leipziger und des Adels ihm durch seinen Leibarzt Gift beigebracht worden sei, an dem er am 17.Febr. 1221 starb. Von seinen Söhnen folgte ihm in der Regierung der jüngste, H einrich der Erlauchte (s- d.). Dietrichstein, ein altes gräfliches, in der Hauptlinie fürstliches Haus, stammt aus Kärnten, wo das neue Schloß Dietrichstein unweit der Ruinen der alten Burg, welche 1483 zerstört wurde, gegenwärtig noch steht, und besitzt Güter in Jnneröstreich ob und unter der ^ Enns, in Mähren und Böhmen. — Ein Ruprecht vonD. kommt 1193 urkundlich vor, und es scheinen die D. in frühester Zeit Dienstmannen des Bischofs von Bamberg gewesen zu sein. — Heinr. von D. vertheidigte sich gegen Margaretha Maultasch 1335 in seiner Burg sehr lange und tapfer. — Pankraz von D. vertheidigte 1483 die väterliche Burg gegen das siegreiche Heer des Ungar. Königs Matthias Corvinus so lange, bis die Mauern Dietrichstein 351 und Thürme eingestürzt waren und der Hunger ihn nöthigtc, sich mit den Scinigcn durch die Feinde zu schlagen; auch kämpfte er heldcnmüthig 1492 in der Schlacht auf den Villacher Feldern gegen die Türken. Er wurde > 506 , nach dem Ausstcrben der Schenken von Osterwitz, vom Kaiser mit dem Obcrstlandmundschcnkenamte in Kärnten belehnt, das, sowie die Obererblandjägermeisterwürde in Steiermark, dem Dietrichstein'schcn Geschlcchtc noch jetzt erblich gehört. — Seine Söhne, Franz von D. und Sigm. von D., siif- teten die weichselstätt-rabensteinische und die Hollenburg-finkensteinischc Linie mit ihren Nebenästen. Der Letztere, gest. 1540 , war ein Liebling Maximilians I. und focht mit Auszeichnung an der Seite Georg von Frundsberg's, Rudolfs von Anhalt und Bayard's gegen die Venetiancr. Maximilian erhob ihn >514 in den Freiherrn st and und befahl, daß derselbe in einem Grabe mit ihm, zu seinen Füßen beigesctzt, und bei jedem Todtenamte, das für ihn gehalten werde, auch Jenes gedacht werden solle. Zu Grätz stiftete Sigmund von D. am 22 . Juni >5 >7 den Orden des heil. Christoph, wider das Laster des Trinkens und Fluchens. Zweimal kämpfte er bei den damals ausbrechenden Bauernunruhcn gegen die Empörer, einmal >5 >6 gegen die windischen Bauern in Untersteier mit Glück, das andere Mal >525 gegen die steiermärkischen und salzburgischen. — Seine beiden ältesten Söhne, Sigm. Georg von D. und Karl von D., wendeten sich zu der protestantischen Lehre, der dritte, Adam v,o n D., blieb Katholik. Er und Sigm. Georg theiltcn die hollenburgische Linie in zwei Äste; Sigmund behielt Hollcn- burg. Adam von D., der sich, nachdem er die mährische Herrschaft Niklasburg >575 erworben hatte, Dietrichstein-Niklasburg nannte, wurde einer der berühmtesten Staatsmänner seiner Zeit. Er war bei dem passauer Vertrage von >552 und bei dem Religionsfrieden zu Augsburg von >555 mit thätig; auch befand er sich zweimal als Botschafter des Kaisers Marimi- lian's II. am Hofe Philipp's ll., und sein Bericht über das unglückliche Ende des Jnfanten Don Carlos am 24 . Juli >568 ist vielleicht das Zuverlässigste und Frcimüthigste, was man über jene Begebenheit kennt. Seine frühere Sendung im I. >561 nach Rom an Pius IV., dem der duldsame Maximilian II. vorschlug, „zur Verhütung blutiger Meinungskriege solle die Kirche in den östr. Landen auch den Laien den Genuß des Abendmahls in beiden Gestalten zugestehen und den Cölibat in der Weise aufheben, wie er schon seit Jahrhunderten in der griech. Kirche nicht mehr bestehe", war bei der Beharrlichkeit des röm. Hofs erfolglos. Auf seinem Schlosse zu Niklasburg widmete Adam von D. seine Muße den Wissenschaften ; er schrieb über die Erblichkeit der Ungar. Krone und führte mit seinem Freunde Hugo Blotius, erstem Vorsteher der kaiserlichen Bibliothek, einen vertrauten Briefwechsel über die interessantesten Gegenstände des Alterthums und der damaligen Zeitgeschichte. Auch war er der Lehrer Kaiser Rudolfs II., der das Haus D. >587 in den Grafenstand erhob. Er starb 1500 , und auch er ruht in einem Grabe mit Maximilian II. — Sein Sohn, der Cardinal Franzvon D., Bischof zu Olmütz und Statthalter in Mähren, geb. zu Madrid am 22. Aug. > 570 , verdient als Gründer der Größe seines Hauses besondere Erwähnung. Er war nach dem gelehrten Stanislaw Pawlowski Gesandter in Nom, dann Botschafter an mehren Höfen, endlich Präsident des kaiserlichen Staatsraths. Standhaft verweigerte er die Ausdehnung des Majestätsbriefs und der Toleranz auf Mähren, schlug durch eigene Kraft den ungar. Rebellen Bocskay aus Mähren hinaus, wurde aber später von den mährischen Insurgenten geächtet und entzog sich ihrer Verfolgung nur durch Versteck in einem unter-irdi- ichen Gemache seines Schlosses. Als nach Tilly's und Wallenstein's Siege auf dem Weißen Berge im I. > 620 Böhmen dem Kaiser Ferdinand II. wieder unterworfen wurde, refor- mirte er ohne Gewaltmittel den Protestantismus in Mähren und führte zur Befestigung seines Werks, stakt der verhaßten Jesuiten, den Piaristenordcn ein. Durch Ferdinand II. ward das Haus D. wegen der Verdienste des Cardinals >631 nach Erwerbung der Herrschaften Leipnik und Weißkirch, die ihm der Kaiser schenkte, und der Herrschaften Kanitz, Polna, Steinabrunn, Libochowitz u. s. w., die er erkaufte, in den Reichsfürstenstand dem Rechte, diese Würde auf einen von ihm erwählten Sprößling seines Ge- Mechts zu vererben. Der Cardinal starb zu Brünn am > 9 . Sept. 1636 , und die Besitzun- gen desselben und die Fürstenwürde kamen durch Testament als ewiges Fideicommiß an sei- nen Neffen Maximilian von D., der vom Kaiser bestätigt und als Personalist mit Viril- 3'2 Dietsch Diezenflmenon stimme in den Reichsfürstenrath ausgenommen wurde. — Der Sohn des Letzter», Ferd. v on D., erhielt von Leopold l. die tirolische, im Engadin liegende Herrschaft Trasp, welche zur gefürsteten Grafschaft erhoben und mit aller Landeshoheit und Reichsunmittclbar- keit ausgestattet wurde, und kam hierauf als Realist 1686 in den Neichsfürstcnrath. Als aber die Herrschaft Trasp in Folge des Reichsdeputationshauptschlusses 1863 an die helvetische Republik überlassen werden mußte, erhielt der Fürst zur Entschädigung die reichst,n- mittelbare Standesherrschaft Neuravensburg in Oberschwaben, die seit l 866 unter würte»,- berg. Landeshoheit steht. Nur der Erstgeborene führt, immer in absteigender Linie, die fürstliche Würde.— Der jetzt regierende Fürst Franz Jos. von D., geb. am 28. Apr. 1187, ist östr. Wirklicher Geheimrath und Kämmerer, und als Senior seines Hauses Obersterblandmundschenk in Kärnten und Obersterblandjägermcister in Steiermark. Seine Besitzungen geben dem Fürsten etwa 3VV000 Fl. Einkünfte. Als Generalmajor bei dem Jnge- nieurcorps zeichnete er sich beim Sturme auf Valenciennes aus, nachher ward er zu diplomatischen Sendungen nach Petersburg, Berlin und München gebraucht, und im I. l8W schloß er mit Moreau den parsdorfer Waffenstillstand. Zugleich mit Thugut verließ er l 861 die diplomatische Laufbahn und nach dem lunevillerFrieden auch die militairischc. Zn, 1.186!) wurde er Oberhofmeister des Erzherzogs Franz, nachhcrigen Herzogs von Modem, und dann als Hofcommissar in dem vom Feinde besetzten Theile Galiziens angestellt, wen bis zum wiener Frieden blieb. Gegenwärtig residirt er theils in Wien, theils auf seinem prächtigen Schlosse Nikolsburg. — Sein Bruder, Graf Moritz von D-, geb. am I L.Fcbr, 1773, östr. Wirklicher Geheimrath, Kämmerer, früher Hofmusikgraf, Hoftheaterdireüoi, gegenwärtig Hofbibliothekpräfect und Oberhofmeister der Kaiserin, war 1768 AdjuM Mack's, des Generalissimus des neapolit. Heers, dann mit diesem Gefangener in Paris und. dessen Gefährte auf seiner Flucht. Auch war er Adjutant desselben im I. 1865 bei Ulm ' Im I. 1815 wurde er Oberhofmeister des Herzogs von Reichstadt und stand in vertrau!« Freundschaft mit Matth, von Collin, dem er in der Karlskirche in Wien ein Denkmal errichtete Dietsch oder Dietzsch, eine Künstlerfamilie zu Nürnberg, die sich im 18. Jahrh. man- nichfachen Ruhmes erfreute. — DasHaupt der Familie war Ioh. IsraelD., gest. >75). Er hatte fünf Sohne und zwei Töchter, die sich sämmtlich der Malerei widmeten. Die Söhne waren zumeist im Fache der Landschaft thätig; unter ihnen zeichnete sich besonders Job- Christoph D., geb. 1710, gest. 1769, aus. — Den meisten Ruhm jedoch erwarben dir beiden Töchter, die mit großem Geschick und Fleiß kleinere Naturgegenstände mit Wasserfarben zu malen wußten. Barbara Regina D., geb. 1716, gest. 1783, malte besonders Blumen und Vögel, die außerordentlich gesucht waren. Nach ihren Darstellungen inländischer Vögel erschien ein in Kupfer gestochenes und sauber colorirtes Werk (Nürnb. 1 776—75). Sie erhielt den Nus als Cabinetsmalerin an mehre Höfe, konnte sich jedoch nie entschließen, ihre freie Existenz aufzugeben. — Margaretha BarbaraD., geb. 1726, gest. 1785, malte ähnliche Gegenstände, besonders Blumen und Früchte, und stach dergleichen auch mit eigener Hand geschickt in Kupfer. In solcher Art gab sie ein großes Werk, die Stauden und Bäume der Umgegend von Nürnberg in illuminirten Kupferstichen, mit Text von Schrebei, heraus. — Auch noch eine dritte Künstlerin derselben Familie, Susann« Maria D., eine Tochter Joh. Christoph D.'s, erwarb sich in ähnlichen Darstellungen einen Namen. Dietz eine altertümliche Stadt in Nassau, am Einfluß der Aar in die Lahn, welche die Stadt in die Alt- und Neustadt theilt, hat etwa 360» E., welche Handel und Schiffahü treiben. Das alte Schloß dient jetzt zum Zucht- und Arbeitshause. In der Nähe von D. liegen das Schloß Oranienstein mit schönen Gartcnanlagen und dasDorfFachingcn(s.d-) mit seinen Mineralbrunnen. D., damals Theodissa genannt, wurde von Karl dem Großen 7 96 dem Kloster Prüm geschenkt; später erscheint es im Besitze eigener Grafen, unter welche» es eine Collegiakkirche und städtische Rechte erhielt. Durch Verheirakhung kam es an daS Haus Nassau, das nun in einer seiner Linien Nassau-Dictz sich nannte. Diese Linie wurde später in den Fürstenstand erhoben, bekam die Erbstatthalterschaft in Holland und trägt gegenwärtig die niederländ. Königskrone, wogegen das Fürstenthum Dietz bei dem Herzogthum Nassau verblieben ist. Diezeugmenon (griech.), eigentlich das Getrennte,ist eine beiden Alten belieb!' Diezman» Differentialrechnung 353 rhetorische Figur, die darin besteht, daß bei mehren aufeinanderfolgenden Sahen jeder einzelne Sah ein cigcnthümlicheS Zeitwort erhält, wodurch der ganze Gedanke, zu dem sie gehören, näher ins Licht gestellt und gehoben wird. Diezmann oder Dietrich der Jüngere, Landgraf von Thüringen, der Sohn Albrechtdes Unartigen (s. d.) und Margarethe's, der Tochter Kaiser Friedrich's 11., geb. um 1260, wurde, nachdem letztere 1270 in Folge der Zuneigung ihres Gatten zur Ku- nigunde von Eiscnberg hatte flüchten müssen, nebst seinem Bruder, Friedrich'dem Gebissenen, durch seinem Oheim, Dietrich von Landsberg, von der Wartburg abgcholt und sorgsam an dessen Hofe erzogen. Mit seinem Bruder in den unaufhörlichen Kampf gegen den Vater verwickelt, gelangte er zunächst 1279 in den Besitz des Pleißncrlandcs; 1288, nach Heinrich des Erlauchten Tode, erhielt er die Markgrafschaft Lausitz und 1291, nach dem Tode Friedrich Tutta's, das Osterland. Bedeutungsvoller tritt er erst kurz vor seinem Tode auf, als 1307 der König Albrecht mit einem bedeutendem Heere, namentlich Schwaben, Baiern und Rheinländern, in das Osterland einbrach, wo es nun galt, die Selbständigkeit Meißens, Thüringens und des Osterlandes unter den angestammten Fürsten aufrecht zu erhalten. Mit seinem Bruder Friedrich zog er an der Spitze seiner Getreuen, der bewaffneten Bürger und Bauern, und unterstützt von braunschweig. Reiterhaufen, von Leipzig aus den bei Luckau gelagerten Feinden entgegen, wo es am 31. Mai 1307 zur Schlacht kam, in der Albrecht die vollständigste Niederlage erlitt, die zu dem Sprüchworte Veranlassung gab: „Es wird dir glücken, wie den Schwaben bei Lücken." Nachdem hierauf D. noch den Abt von Pegau, der die Kaiserlichen unterstützt, durch Niederbrennung des Klosters gezüchtigt, kehrte er nach Leipzig zurück, wo er 1307 eines natürlichen Todes, wahrscheinlich am 10 . Dec., starb. Nach einer spätem Sage aber wurde er ,in der Thomaskirche ermordet und zwar durch einen gewissen Philipp von Nassau. Seine Überreste wurden in der Kirche der Dominicaner zu St.-Pauli beigesetzt und ihm entweder von seinem Bruder oder von den Mönchen ein Denkmal errichtet, das aber wahrscheinlich beim Umbau der Kirche im 1.1519 seinen Untergang fand und durch eine noch vorhandene hölzerne Statue nebst einer lat. Inschrift ersetzt wurde. Ein neues würdiges Denkmal, in Sandstein gearbeitet vom Professor Riet- schel in Dresden, wurde ihm durch den König von Sachsen, Friedrich August, 1841 errichtet. Vgl. Wilke, „Hemamius" (Lpz. 1754, 4.). Diffamation heißt im Allgemeinen die Verbreitung einer Übeln Nachrede gegen Jemanden. In der Rechtssprache versteht man darunter speciell die gegen Andere ausgesprochene Bcrühmung, an einen Dritten eine Federung zu haben, aufwelche hin diesem Dritten gestattet ist, den sich Berühmenden (den Diffamanten) zur Anstellung einer Klage gerichtlich zu veranlassen. (S. Provocationsproceß.) Wegen beleidigender Nachrede anderer Art tritt der Schutz der Strafgesetze über Injurien und Verleumdungen ein. Differentialrechnung, ein sehr wichtiger Theil der Analysis des Unendlichen, worin aus der Relation veränderlicher Größen, die auf irgend eine Art voneinander abhängen, die Relation ihrer unendlich kleinen Veränderungen oder Differenzen bestimmt wird. Wenn zwei Größen, z. B. x, 5 , die durch eine Gleichung oder Relation verbunden sind, von denen daher eine, 7 , als Function verändern, x, angesehen werden kann, sich um (dieDifferen zen) /Xx und vermehren, so ist ebenfalls eine Function von /Xx, und jedem beliebigen Werthe von der einen Differenz entspricht ein bestimmter Werth der andern. Nimmt man die eine als unendlich klein an, so wird es auch die andere sein, und beide heißen dann Differentiale, ihr Quotient aber heißt Differentialquotient. Der letztere ist zugleich derjenige Werth, dem sich der Quotient der zusammengehörigen Differenzen, i- B. wenn >' als Function von x betrachtet wird, immer mehr nähert, je kleiner die eine Differenz, im angegebenen Falle /X x, genommen wird, und den er erst dann erreicht, wenn diese Differenz als null oder verschwindend klein angesehen wird. Die Beschaffenheit des Differentialquotienten ist charakteristisch für die Function, aus der er entstanden ist; man kann daher auch aus ihm auf diese Function selbst schließen oder diese herlciten, womit sich die Integralrechnung beschäftigt. Die Erfindung derDifferentialrechnung machte Epoche Eonv.-rex. Neunte Aufl. IV. 23 354 Differenz Dignitare in der Geschichte der Mathematik. Sie fällt in das letzte Drittel des 17. Jahrh. und wurde von zwei der größten Geister aller Zeiten gemacht, von Newton, der seine Methode die Methode dcrFluxionen nannte und durch Geometrie und allgemeine Bewegungslehre darauf gekommen war, und von Leibnitz, der durch die Betrachtung der Unterschiede und Summen in den Reihen der Zahlgrößen aufseine Differentialrechnung geleitet wurde. Beide Gelehrte machten sich gegenseitig die Ehre der Erfindung streitig, und die Geschichte der Wissenschaften hat nur wenig Beispiele eines gleich langen hartnäckig und heftig geführten gelehrten Streits aufzuweisen; gewiß ist, daß Beide völlig unabhängig und auf völlig verschiedenen Wegen ihre im Wesentlichen übereinstimmendenMethoden fanden,Newton jedoch viel früher; gleichwol wurde Leibnitz fast durchgehend als Erfinder der neuen Rechnung angesehen und diese auch nach ihm die L e i b n i tz' sch e R e ch n u n g genannt, ja sie wurde in der ihr von Leibnitz gegebenen Form selbst in England früher als Newton's Fluxioneumethode bekannt. Bald nach ihrer Erfindung wurde die Differentialrechnung von den Brüdern Jak. und Joh.Bernoulli weiter ausgebildet; später von Euler, Maclaurin, Taylor u. A. Differenz, d. i. Unterschied, heißt in der Mathematik diejenige Größe, welche durch Subtraktion zweier gleichartiger Größen voneinander erhalten wird. Wird eine kleinere Größe von einer größern abgezogen oder weggenommen, so zeigt die Differenz an, um wie viel die letztere größer als die erstere ist. Hat man eine Reihe Zahlen, von denen man immer zwei aufeinanderfolgende voneinander abzieht, so kann man aus dieser Differcnzenrcihe eine neue, aus dieser eine dritte u. s. w. bilden, und so erhält man nach und nach die ersten, zweiten, dritten Differenzen der ursprünglichen Reihe. Z.B. von der Reihe 4, 7, II, 18, 31, 54, 92, 151 sind die ersten Differenzen, 3,4,7, 13, 23, 38, 59; die zweiten 1,3,6,16,15,21z die dritten 2, 3, 4, 5, 6. u. s.w. Zn der Analysis versteht man unter der Differenz irgend einer Function einer veränderlichen Größe oder mehrer solcher Größen diejenige Veränderung der Function, welche eintritt, wenn die veränderliche Größe oder jede derselben um einen beliebigen Theil vermehrt oder vermindert wird. Diejenige Rechnung, wodurch der Zusammenhang, zwischen.den Differenzen der veränderlichen Größen und ihrer Functionen bestimmtwird, heißt dieDisferenzenrechnung. Diffesffon heißt in der Rechtssprache die Handlung, wodurch Jemand eine gegen ihn gebrauchte Urkunde, ein producirtes Instrument, für falsch und untergeschoben erklärt, daher Diffessionseid der Eid, durch welchen Jemand eine Urkunde dem Inhalt und der Unterschrift nach abschwört. Diffraktion, s. Jnflexion des Lichts. Digeriren heißt das längere Erwärmen einer Substanz mit einer Flüssigkeit bei einer den Siedepunkt nicht erreichenden Wärme. Der Zweck ist gewöhnlich Ausziehung der auflöslichen Bestandtheile. Digesten, s., Pandekten. Dignitare, vom lat. äignitss, d. i. Würde, heißen insbesondere die Inhaber bestimmter Hof- und Kirchenwürden. Der Begriff der Dignität im Allgemeinen oder derjenigen öffentlichen Würde, die man vorzugsweise als solche anerkennt, ist nach Zeit und Volkscharakter höchst verschieden. Im Alterthume und in den patriarchalischen Verhältnissen des Orients fiel gewöhnlich die öffentliche Würde mit dem religiösen Cultus und dem Familien- thume zusammen. Dagegen schuf die Willkür des röm.-byzanrin. Kaiserlhums eine zahllose Menge Hofwürden und Würdenträger, die ebenso wandelbar waren als das Herrscherthum selbst, und deren Nachahmung >n den später» Reichen, namentlich in der fränk. Monarchie, unverkennbar ist. Die sich zur weltlichen Macht ausbildendc Kirche brachte auch dieses Ver- hältniß in eine feste Regel. Nach dem kanonischen Rechte heißen die Kirchcnwürden, mit denen die wirkliche äußere Kirchengewalt verbunden, Dignitäten, und ihre Inhaber Dign itare oder Prälaten. Die Stufenordnung geht hierbei von den Bischöfen herab bis zu den Vorstehern der Stifte und Klöster. Auch die Bischöfe der engl. Hochkirche haben diese kirchenrechtliche Stellung beibehalten; die sogenannten Bischöfe und Prälaten aber A. der deutsch.protestantischen Kirchen, in denen keinerlei hierarchische Gliederung stattsinden kann, stehen diesem Verhältnisse gänzlich fern. Zufolge der neuesten Concordate sind indeß ^ in Deutschland diese Würdenträger der Kirche nach Zahl und Gewalt bedeutend beschränkt Dignität Dijon 855 worden. Was die Reichs- und Hofwürden der neuern Reiche betrifft, so ist in ihnen das Bild eines alten Herrenhofs nicht zu verkennen. Die Schalke oder Knechte, die in ihrem Dienstverhältnisse die innere und äußere Wirthschaft besorgten, nahmen mit dem Besitz- und Herrscherthum ihrer Gebieter an Einfluß und amtlichem Ansehen zu und. stiegen allmälig von ursprünglichen Dienern zu Ministern. In Deutschland wurden diese Ämter, wie z. B. Kämmerer, Mundschenk, Truchseß, Marschall, Pfalzgraf, Seneschall u. s. w., erblich und erzeugten die regierenden Herren; in Frankreich dagegen kam die Erblichkeit derselben ab. Diese Vereinigung von Hof- und Staatsdienst mußte aber mit der Entwickelung des modernen Staats, der von seinen Beamten Selbständigkeit, Geschäftsbildung und Verantwortlichkeit verlangt, verschwinden. Mit Ausnahme der Türkei, wo die Hof- und Neichsverwal- tung noch zusammenfällt, ist gegenwärtig selbst in den absoluten Monarchien der Hofdienst mit seinen Dignitäten von dem Staatsdienste völlig getrennt, und die Dignitare oder Reichswürdenträger und Kronbeamtcn sind eigentlich nur die Ceremonienmeister bei öffentlichen Hof- und Staatsacten. Der Kaiser Napoleon stellte nach dem Muster des Hofs in Turin die Neichswürden in Frankreich wieder her, die aber mit der Restauration des Königthums wieder schwanden. Die tHrsnäs ciignitsires des franz. Kaiserreichs waren der 6rsn6 älec- teur, der ^rcbickäncelivr lie I'emjüre et cl'Litat, der ^rciiitresorier, der Lonnetable und der 6r»lii,ils vkkciers waren die Marschälle, die Inspektoren und Obersten der Artillerie und des Geniewesens und die Oberhofbeamten. Endlich hat auch das Corporations- wesen des Mittelalters eine Menge Dignitäten und Dignitare geschaffen, die ursprünglich weder von den Höfen noch von der Kirche ausgingen, sondern erst mit der Entwickelung der Staats- und Kirchengewalt der Oberaufsicht und Bestätigung des Einen oder Andern unterstellt wurden. Es sind dies die Großmeister und Commthure der alten Ritterorden und die akademischen Würdenträger, die Doctoren mit ihren verschiedenen Ehrentiteln. Die neuere Staatspolitik hat die Privilegien dieser Dignitäten fast gänzlich abgeschafft und das Bestätigungsrecht für die korporativen Würden der Staatsgewalt zuertheilt. Der Versuch der Saint-Simonisten in Frankreich, an ihre Spitze sogenannte Dignitare aus eigener Machtvollkommenheit zu stellen, wurde in Folge der ganzen Verfassung der gegenwärtigen Gesellschaft mit Hohn ausgenommen. Dignität, s. Potenz. Digression oder Elongation heißt in der Astronomie der Winkelabstand der zwei untern Planeten, Mercur und Venus, von der Sonne, wie er von der Erde aus erscheint. Dieser Abstand kann bei Mercur bis 28°, bei der Venus aber bis 48° gehen; er ist immer dann am größten, wenn die Gesichtslinie, d. h. die Linie von dem Auge des Beobachters zum Planeten, eine Tangente an die Bahn des Planeten ist oder auf derjenigen Linie, welche die Sonne mit dem Planeten verbindet, senkrecht steht; Venus ist dann immer etwa 48° von der Sonne entfernt, Mercur aber im Durchschnitt nur 23°, zuweilen sogar nur 1.8°, zuweilen aber auch 28°, und dies ist die absolut größte Digression, welche bei diesem Planeten beobachtet wird. Der Grund, warum der Winkelabstand des Mercur von der Sonne in der angegebenen Stellung zu verschiedenen Zeiten so verschieden ist, liegt darin, daß die Bahn desselben von einem Kreise sehr bedeutend abweicht, er also zu verschiedenen Zeiten eine sehr verschiedene wirkliche Entfernung von der Sonne hat, während die Bahn der Venus einem Kreise sehr nahe kommt. — In der Redekunst bezeichnet man durch Digression eine Abschweifung auf einen andern Gegenstand, der mit dem eigentlich zu behandelnden nur in entfernter Verbindung steht. Dijon, die Hauptstadt des Departements Cöte d'or, sonst die des Herzogthums Burgund, in einer weiten, fruchtbaren Ebene an den Flüssen Ouche und Suzon, der Sitz eines Bischofs, zu dessen Kirchsprengel die Departements Cöte d'or und Obermarne gehören, ist gut gebaut und befestigt und hat schöne breite Straßen und viele ansehnliche Häuser. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus der Dom mit seinem 395 F. hohen Thurme in gothischem Stil und das alte sehr weitläufige Residenzschloß der vormaligen Herzoge von Burgund, ferner die Sanct-Annenkirche, das Präfecturgebäude, der Palast der General- 356 Dike DiktyS staaten, vsr dem sich in Hufeisenform der Königsplatz ausbreitet, und das Schauspielhaus. Die Zahl der Einwohner beläuft sich mit Einschluß der Vorstädte auf 2800». Dieselben unterkalten Fabriken in Mützen, Strümpfen, Leder, Seiden-, Wollen- und Baumwollenzeugen, Senf, Wachslichtern und Spielkarten und treiben Wein- und Gartenbau sowie Blu- menzucht und beträchtlichen Wein-, Producten- und Fabrikathandcl. Die dasige Akademie der Wissenschaften wurde 1725 errichtet und 1740 von dem Könige bestätigt. Außerdem hat D. eine Akademie mit drei Facultäten, ein königliches College, ein geistliches Seminar, eine öffentliche Bibliothek von 40000 Bänden, ein Museum, ein Observatorium und einen botanischen Garten. Innerhalb der Stadt liegt der Lustgarten Arquebuse und außerhalb derselben der sogenannte Cours, der nach einem schönen Parke führt. Die Umgegend von D. heißt Le Dijonnais. In dem Pfarrdorfe Fontaine-le-Dijon, eine Stunde von D., wurde der heil. Bernhard geboren. D. wurde von den Römern Dibio oder Divio, auch Diviollulium genannt, war damals ein befestigter Ort in Oallis Kolgics und wurde später durch die Schlacht zwischen den Franken unter Chlodwig und den Burgundem unter Gun- dobald im I. 500, in welcher die letztem besiegt wurden, sowie durch zwei Kirchenversammlungen in den 1.1075 und 1190 historisch merkwürdig. Längere Zeit stand es unter eigenen Grafen, nach deren Aussterben es an die Herzoge von Burgund kam, die es zu ihrer Residenz erhoben. Dike, s. Asträa und Horen. Dikotyledonen oder Dikotyle en heißen Gewächse, deren Keim in der Regel mit zwei sich entgegengesetzten oder mehren und dann vielförmigen Samenlappcn (Kotyledonen) versehen ist. Die Entscheidung, ob eine Pflanze dieser Gruppe oder derjenigen der Monokotyledoneen (s. d.) angehöre, ist nicht immer ganz leicht, indem bisweilen mehr als zwei Samenlappen Vorkommen, z. B. bei Nadelhölzern, oder dieselben durch Verwachsung einfach werden, wie z. B. bei Cycadeen, Piperaceen und Nymphäaceen, ja sogar ganz fehlen können, wie an der Flachsseide. Es ist daher auch auf Stellung und Struktur dieser Theile Gewicht zu legen, und außerdem sind die Tracht (ksbitus) der Pflanze, die anatomische Beschaffenheit ihres Stamms und die Wachsthumverhältnisse desselben zu untersuchen. Der Stamm der Dikotyledonen ist mehr oder minder ästig, besteht aus nebeneinander gestellten Gefäßbündeln, die in Ringe sich verbinden, welche dem Umfange des Stamms gleichlaufen, auf dem Querdurchschnitt besonders deutlich erkennbar sind, nach außen durch die Rinde begrenzt werden und nach innen das Mark cinschlicßen. Das Wachsthum solcher Stämme geschieht nach außen, indem die jüngsten Ringe von Gefäßbündeln (Splint, Bast), die zunächst unter der Rinde liegen, gradweise holzig werden und hierdurch sich ausdehnen. Decandolle hat dieses Wachsthumverhältniffes wegen die Dikotyledonen Üxngene»« genannt. Unter den äußern Kennzeichen fällt auf, daß die Dikotyledonen mannichsache Blattstellungen haben, ihre Blätter aber ficdernervig sind; die Monvkvtyledonen haben hnkgegen abwechselnd gestellte, parallel nervige Blätter. Auch ist der Bau der Blütenhüllcn und selbst der Befruchtungsorgane i» der Regel viel zusammengesetzter bei den Dikotyledonen, die deswegen als vollkommene Gewächse gelten, sowie sie auch hinsichtlich ihrer Zahl die beiweitem vorherrschenden sind. Diktys von Kreta, der Gefährte des Jdomeneus vor Troja, soll die Begebenheiten dieses Kriegs in Form eines Tagebuchs ausgezeichnet haben, das angeblich in seinem Grabe zur Zeit deSKaiser Nero aufgefunden wurde, aber wahrscheinlich einen gewissen Praxis oder Eupraxides, der in der zweiten Hälfte des I. Jahrh. gelebt haben mag, zum Verfasser hat. Das Werk erregte großes Aufsehen, wurde von einem weiter nicht bekannten Römer, Luc. Septimius, der wahrscheinlich zu Ende des 5. und zu Anfänge des 1. Jahrh. lebte, inS La- teinische übersetzt und vielfach, namentlich von den spätem Byzantinern, benutzt, bis cS auf einmal im 15. Jahrh. verschwand. Die erwähnte lat. Übersetzung aber, die den Titel „ve kello trojano" führt, hat sich erhalten und scheint nach den anderwärts erhaltenen Fragmenten des Originals und den zahlreichen Gräcismen eine ziemlich treue Übertragung zu sein. Früher erschien dieselbe immer zusammen mit der Schrift ähnlichen Inhalts von Dares (s- d-), so zuerst zu Mailand (>-177, 4.). Außerdem sind zu erwähnen die Ausgaben von L. Smids (Amst. 1702) und die neueste von A. Dederich (Bonn 18S3). Dillingen Dilation 357 Dilation, s. Frist. Dilatorische Einrede, s. Einrede. Dilemma, eigentlich zweithcilige Annahme, nennt man in der Logik eine Schlußart, in welcher der Obersatz ein hypothetisches Vordcrglied und ein disjunctives Hinterglied hat, im Untersatz aber die in dieser Disjunktion enthaltenen Fälle oder Folgen und somit auch im Schlußsätze das Vorderglied oder die Voraussetzung aufgehoben werden. Es wird deshalb ein solcher Schluß auch ein aufhebcnder und seiner Verfänglichkeit wegen ein gehörnter (oor- outiis Syllogismus) genannt, weil er gleichsam den Gegner zwischen die Hörner des Dilemma nimmt. Bei demselben müssen, wenn er richtig sein soll, die Fälle, die in dem disjunciiven Hinterglicd enthalten sind, vollständig sein und sich wirklich ausschließen, mit dem Vordcr- gliede nothwendigkeit verknüpft sein und mit Grund aufgehoben werden. Wegen dieser verschiedenen Erfodcrniffe, welche sich nicht immer sogleich übersehen lassen, ist diese verfängliche Schlußweise von jeher zu Sophismen gemisbraucht worden. Dilettant, vom ital. ciilstture, d. h. lieben, nennt man Jeden, der sich für eine Kunst oder Wissenschaft besonders interessirt, ohne jedoch dieselbe zu seinem Hauptgeschäfte zu machen. Der Dilettantismus ist der Meister - und Kennerschaft entgegengesetzt, aber wohl von der Stümperei zu unterscheiden. Dillen (Joh. Jak.), gewöhnlich Dillenius genannt, geb. zu Darmstadt >687, erwarb sich schon vor Linne durch seine Untersuchungen über die Fortpflanzung der Gewächse, namentlich der Moose, große Verdienste um die Botanik. Er war zuerst Professor in Gießen, wo er eine Flora der Umgegend „cstologus plantarum sponte circs nsscen- tiiim" (Franks. >718—19) herausgab. Von 1721 — 28 lebte er als Aufseher des botanischen Gartens, welchen die Brüder Sherard zu Eltham unterhielten, und erhielt dann die Professur, welche William Sherard eigens für ihn zu Oxford gestiftet hatte. Er starb zu Oxford 1747. In England gab er das durch Gründlichkeit des Textes ausgezeichnete Prachtwerk „Hortus ILItlmmsnsis" (Lond. 1732, Fol. mit 437 Abb.), dem er die „llistoria muscorum" (Orf. 1741, 4., mit 85 Taf.) folgen ließ, welche der schönen Abbildungen wegen noch jetzt Werth hat, aber selten geworden ist; häufiger kommt die kleine Ausgabe (Lond. 1768) vor, in der die Kupfer nur mit kurzen Erklärungen versehen sind. Dillenburg, der Hauptort eines Amtes im Herzogthum Nassau, an derDill im Westerwalde, der Sitz eines Hof- und eines Criminalgerichts und der Oberrechnungscommission für das Herzogthum, hat etwa 2506 E-, ein Pädagogium, eine Kupferhütte, mehre Potasch- sicdereien und eine Tabacksfabrik. Außerdem nähren sich die Bewohner von Wollenzeugweberei, Gerberei und von dem Verkehr auf der hier durchgehenden Straße aus den siegen'- schen Bergwerken nach Wetzlar und Frankfurt am Main. D. entstand gegen die Mitte des 13. Jahrh. aus dem Anbau um die Bergfeste gleiches Namens, welche nachher die Residenz einer besonder» darnach sich nennenden Linie des Hauses Nassau wurde, bei deren Aussterben Stadt und Land an Nassau-Dietz kamen. Im I. 1806 durch Napoleon zum Grvßher- zogthum Berg geschlagen, war nun D. der Hauptort des Siegdepartements, bis cs 1814 wieder an Nassau fiel. Dillingen, ein gewcrbreicher Ort im bair. Kreise Schwaben und Neuburg, in einer schönen freundlichen Gegend am linken Ufer der Donau, über welche eine Brücke führt, hat ein altes Schloß, die ehemalige Residenz der Bischöfe von Augsburg, ein Gymnasium, Ly- ceum, Seminar und eine technische Schule, sowie ein Hospital und zwei Klöster. Die Zahl der Einwohner beträgt etwa 4000; dieselben treiben Schiffbau, lebhafte Schiffahrt und beträchtlichen Handel, außerdem nähren sie sich von Obst - und Hopfenbau und verfertigen Eisenwaaren. Die hier von Bischof von Augsburg, Otto von Waldburg, am 2 I. Mai 1554 gestiftete Universität, welche 1563 in die Hände der Jesuiten kam und ein hauptsächlicher SitzderPolemik gegen den Protestantismus war, wurde 1804 aufgehoben undineinLyceum verwandelt. In der Nähe befindet sich der Karolinenkanal, welcher 6800 F. lang ist und die Donaufahrt bedeutend abkürzt. Zu D. residirten im Mittelalter die Grafen gleiches Namens, unter denen der Bischof Ulrich von Augsburg am bekanntesten ist, der die Stadt Augsburg 955 gegen die Ungarn heldenmüthig vertheidigte, 973 starb und nachmals heilig gesprochen 358 DM» Dinar» wurde. Im I. 1288 kam durch Schenkung die Grafschaft D. an das Bisthum Augsburg und mit dessen weltlichen Besitzungen durch den Reichsdeputationsschluß 1803 an Baiern. Dillis (Georg von), ein um die Ordnung der königlichen Gemälde- und übrigen Kunstsammlungen in Baiern sehr verdienter Mann, geb. am 26. Dec. 1759 zu Grüngiebing in Oberbaiern, sah sich, nachdem sein Gönner, der Kurfürst Max 111., gestorben, genölhigt, den Priesterstand zu wählen, für den er sich im Collegium in Ingolstadt vorbereitete. Nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt ward er durch Max, Grafen von Freising, 17 88 in den Stand gesetzt, die Schweiz und die Rhemgegenden zu bereisen, wo er mit Ferd. Kobell Bekanntschaft machte und von ihm in der Ölmalerei Unterricht erhielt. Hierauf ernannte ihn 1790 der Kurfürst Karl Theodor zum Jnspector der Galerie. In dieser Eigenschaft erwarb er sich große Verdienste um die bair. Gemälde- und Kunstsammlungen, als sie beim Nahen der franz. Heere 1796 nach Linz und 1809 nach Ansbach gebracht werden mußten. Jm Z. 1797 ging er in die Schweiz, wo er sich vorzüglich als Landschaftszeichner ausbildete, und 1805 nach Rom. Nach seiner Rückkehr von hier ernannte ihn die Regierung zum öffentlichen Lehrer der Landschastsmalerci an der Akademie der Künste. Bald nachher besuchte er Paris; dann begleitete er den damaligen Kronprinzen von Baiern auf der Reise ins mittägliche Frankreich und nach Spanien Um Gemälde zu kaufen, ging er im Aufträge des Königs von Baiern 1808 nach Italien. Im I. I8lI wurde er vom Kronprinzen, um die plastische Sammlung von Bevilacqua zu kaufen, nach Verorla geschickt; auch besorgte er 1812 den Transport der in Rom für denselben erkauften plastischen Kunstwerke. Um die von den Franzosen aus München entführten Gemälde nach Baiern zurückzuführen, war er 1815 wieder in Paris und, um die von der Königin Karoline von England in einer Villa aufbewahrten griech. Denkmäler zu untersuchen, 1817 in Como, worauf er den Kronprinzen nach Italien und Sicilien begleitete. Zm 1. 1820 brachte er die Gemäldesammlungen in den königlichen Schlössern zu Würzburg und Aschaffenburg in Ordnung und wurde hierauf 1822 zum Centraldirector der königlichen Gemälde und übrigen Kunstsammlungen ernannt. Dann richtete er im königlichen Aufträge die Gemäldesammlung der Moritzka- pclle zu Nürnberg ein und unterzog sich schließlich auch der Anordnung der Gemälde in der Pinakothek zu München. Er starb am 28. Scpt. 1841. Man hat von ihm mehre treffliche Gemälde und Handzeichnungen; auch hat er einiges Landschaftliche geistreich und meisterhaft in Kupfer radirt. Dilögie, s. Antanaklasis. Diluvium und Diluvianisch, s. Urwelt. Dimension oder Abmessung ist eine Linie, nach welcher die Ausdehnung einer geometrischen oder Raumgröße gemessen werden kann, oder kürzer die Richtung der Ausdehnung einer solchen Grüße. Eine Linie, sie sei gerade oder krumm, ist nur nach einer Dimension oder Richtung (Länge genannt) ausgedehnt, eine Fläche nach zwei Dimensionen, nämlich Länge und Breite, ein Körper nach drei Dimensionen, indem zur Länge und Breite noch die Höhe oder Tiefe, auch Dicke genannt, hinzukommt. Mehr als diese drei Dimensionen der Ausdehnung gibt es nicht. In dem (geometrischen) Körper kann man durch jeden Punkt drei Linien ziehen, deren jede auf den andern beiden senkrecht steht; in einer Fläche dagegen durch jeden Punkt nur zwei aufeinander senkrechte, gerade oder krumme, Linien. In der Algebra und Analysis versteht man unter Den Dimensionen einer ganzen Buchsta- bcngröße die Anzahl ihrer Buchstabenfactoren; z. B. »deck hat vier Dimensionen. Bei einer gebrochenen Größe muß man die Dimensionen des Nenners von denen des Zählers abziehcn, z. B. ^ hat zwei Dimensionen. Haben beide gleich viele, so ist der Bruch einer Größe von null Dimensionen, z. B. A hat der Nenner mehr Dimensionen, so ist die Anzahl der Dimensionen des Bruchs negativ, z. B. bei ^ ist sie — I. Dinan, im franz. Departement der Nordküste, auf einem Berge an der Rance und an der Mündung des Kanals von Ille und Rance, mit etwa 8000 E-, welche bedeutende Hanf-, Lein - und Wollmanufacturen unterhalten, starken Flachsbau sowie Leinwand- und Zwirnhandel treiben, ist insbesondere auch wegen seines Sauerbrunnens und Mincralbades bekannt. In D. wurden im Mittelalter meist die Landtage der Bretagne abgehalten. Dinant Dindors 359 Dinant, eine der ältesten Städte Belgiens, in der Provinz Namur, an der Maas, mit 3366 E-, hat eine eigenthümliche Lage, indem sie zwischen steilen Felsen, auf deren Scheitel ein festes Schloß steht, und der Maas eingeklemmt, nur eine einzige schmale Straße bildet, die sich nur einmal zu einem kleinen Marktplatz erweitert. Die ganze Felsenwand ist in Terrassen eingetheilt, und jedes Haus hat auf der hinter ihm liegenden Terrasse seinen Garten. Der Anblick, den diese bis unter die Festungsmauern hinauf mit Blumen undObstspalieren- über und über bedeckte Felsenwand gewährt, ist wahrhaft zauberisch. Auch die Umgebungen von D. sind reich an malerischen Ansichten und mit schönen Landhäusern besäet; schöne Promenaden ziehen sich an der Maas entlang, führen nach dem Schlosse von Walsin, nach der Grotte und dem Schlosse von Freys und zum Bayardfelscn. Die Stadt hat zahlreiche Kirchen, darunter die Kathedrale im gothischen Stile, und mehre Hospitäler. Es befinden sich daselbst eine Glashütte, Papiermühle, Marmorsäge, Gerbereien, Getreide- und Ölmühlen, Karten-, Messer-, Eisen- und Kupfcrwaaren-, Hut- und Baumwollwaareyfabri- ken, und es treiben die Bewohner lebhaften Handel mit Leinwand und den genannten Fabrikaten, sowie mit den in der Nähe gegrabenen Bausteinen und mit Marmor. Dinarchus, der letzte der zehn attischen Redner, ein nicht ungeschickter Nachahmer des Demosthenes, war um 36 l v. Ehr. zu Korinth geboren. Er studirte zu Athen, wo er seine Jugendjahre verlebte, eifrig Beredtsamkeit und verfertigte später, weil er als Fremder nicht selbst auftreten durfte, für Andere Reden, was ihm einen bedeutenden Gewinn brachte. Nach dem Sturze des Demetrius von Phalerum, mit dem er schon frühzeitig in freundschaftlichen Verhältnissen stand, wurde auch er verbannt und begab sich 367 v. Ehr. nach Chalcis auf Euböa. Nach Verlauf von 15 Jahren durfte er jedoch wieder nach Athen zurückkehren, wo er noch im hohen Alter in einen Proceß gegen einen gewissen Propenos, der ihn um sein Vermögen gebracht hatte, verwickelt wurde. Von seinen 66 Reden haben sich nur drei erhalten, die sich in Bekker's „Orstores ^ttici" (Bd. 3, Berl. 1823), sowie in Sauppe's und Baiter's „Oratqies ^ttici" (Zür. 1833) finden. Eine besondere Ausgabe besorgte Schmid (Lpz. 1826); einen trefflichen Kommentar dazu lieferte Wurm (Nürnb. 1828). Dindorf (Wilh.), einer der vorzüglichsten Philologen und Kritiker der neuesten Zeit, wurde 1862 zu Leipzig geboren, wo sein Vater Gottlieb Immanuel D-, geb. 1755, gest. 1812, Professor der orient. Sprachen war. Er besuchte von 1816—17 die Thomasschule und bezog, erst 15 Jahre alt, die Universität daselbst, um sich hauptsächlich den klassischen Studien zu widmen. Am meisten verdankte er hier den Vorlesungen Platner's, Her- mann's und Heinroth's; außerdem nahm er Antheil an den Übungen des philosophischen Seminars unter Beck's und der Griechischen Gesellschaft unter Hernmnn's Leitung. Bereits im I. 1819 begann er seine schriftstellerische Thätigkeit durch Fortsetzung der von Beck begonnenen Commentaricn- und Scholienbände der Jnvernizzi'schen Ausgabe des Aristo- phanes, der bald eine kleinere vorzüglich für den akademischen Gebrauch berechnete Bearbeitung desselben Dichters (Lpz. 1826—28) folgte. Nachdem er hierauf im Dec. > 827 zum ersten Custvs an der königlichen Bibliothek zu Berlin und Professor an der dortigen Universität ernannt worden war, ohne von diesem ehrenvollen Rufe Gebrauch zu machen, erhielt er 1828 die Professur der Literaturgeschichte an der Universität seiner Vaterstadt. Im I. 1836 begann er mit ungetheiltem Beifall einen Kreis von Vorlesungen, entsagte jedoch nach drei Jahren freiwillig auf längere Zeit dieser Wirksamkeit, um sich dem damals im Verein mit seinem jüngern Bruder, Ludw. D., der sich ebenfalls durch mehre kritische Ausgaben einiger Schriften des Lenophon und des Diodorus Sieulus rühmlichst bekannt gemacht hat, und mit Hase in Paris begonnenen großen Unternehmen einer neuen Bearbeitung des Stephan'schen „T'besaurus iinguse graecse" ungestörter widmen zu können. Unter seinen übrigen sehr zahlreichen Werken erwähnen wir die mit Benutzung wichtiger HandschrifteL veranstalteten Ausgaben des Aristides, Athenäus, Themistius, Prokopius und Synecllus; die „Orsmmatici grssei" (Lpz. 1823 und 1825), die „koetae scenici grseci" mit den Fragmenten (Lpz. und Lond. 1836), von denen ein Abdruck in sechs Bänden (Orf. 1832— 35) mit wesentlichen Veränderungen im Texte und in den Fragmenten des Aristophanes erschien; ferner den gediegenen Commentar zu den drei griech. Tragikern und zu Aristophanes (7 Bde., Oxf. 1836—32), in welchem wir das für Kritik ünd Erklärung jener 360 Ding Dinkel Dichter bisher Geleistete bündig und vollständig zusammengestellt finden, nebst einem die Sylbenmaße erläuternden Werke,Metra Xescli^Ii, 8<>p!»oclis, bmripülis et ^ristopbams" (Oxf. 1842); endlich die Ausgaben des Sophokles, Aristophancs und Lucian, in der von ! Didot zu Paris begonnenen „Oibliotliecpie ries clsssigues grecr". In allen diesen Werken I und Ausgaben hat D. außerordentliche Belesenheit, tiefe Gelehrsamkeit, ungewöhnliche i Schärfe des Uithcils, feinen Takt und Geschmack bewährt, und ganz besonders verdient bei ihm hervorgehoben zu werden, daß er bei so ausgezeichneten Fähigkeiten die Schwächen und Mängel anderer Gelehrten nie für seinen eigenen Triumph benutzt, im Gegentheile stets eine > entschiedene Abneigung gegen Tadelsucht und persönliche Klopffechterei zu erkennen gibt. Auch hat sich D. durch seine gelehrten Arbeiten dem Leben nicht entfremden lassen, was schon daraus hcrvorgeht, daß er Mitglied des Directoriums der Sächsisch-Bairischen Eisenbahn ist. i Ding hängt seiner Etymologie nach zusammen mit Denken und bedeutet im weitesten ^ Sinne Alles, was Object für das Bewußtsein wird, daher man sonst auch Begriffe als logische, d. h. blos vorgestcllte und gedachte, Dinge bezeichnete. Als der allgemeinste Ausdruck für Das, was ist, hat cs seine wesentliche Bedeutung darin, daß es das Wirkliche, das unabhängig vom Denken Seiende bezeichnet. Obwol es nämlich für den Denkenden nichts Wirkliches gibt, außer insofern es wahrgenommen und gedacht wird, so kommt doch dem Seienden das Sein nicht von dem Denken, sondern das Denken des Dings ist die bloße Anerkennung seines Seins. Insofern jedoch Das, was die wirklichen Dinge sind, sich für eine tiefere Betrachtung in eine bloße Erscheinung verwandelt, entsteht die Frage, was die Dinge ansich sind, eine Frage, welche die Metaphysik auf die verschiedenste Weise zu beantworten versucht hat. — Im juristischen Sinne wird Ding, gleichbedeutend mit Sache, der Person entgegengesetzt; daher der Ausdruck dinglichesNecht. (S-Sachenrecht.) Ding hieß ehedem und in einigen Gegenden Deutschlands und in Skandinavien zum ^ Theil noch gegenwärtig eine Volksversammlung, eine Gerichtsversammlung oder das Gericht selbst, und es kommt dieses Wort in den verschiedensten Zusammensetzungen vor, wie z. B. Landding, Goding, Burg ding, oder Gr afcn ge dinge, Voigtding u.s.w. Echte Ding nannte man eine Hauptversammlung, zu welcherMe Dingpflichtigen, d.h. alle Freien, während zu dem Nach ding nur die Betheiligtcn, wofern sie nicht für dingpflichtig gelten wollten, sich cinfinden mußten. Ferner unterschied man das ungebotene Ding, welches fast allenthalben dreimal des Jahres zu gewissen Zeiten, jedoch auch nicht ohne vorhergegangene Auslegung, d.h. Ladung, gehegt, d. h. gehalten, wurde, von den außerordentlichen Dingen, welche zuweilen Botdiug genannt werden, obgleich dieser Ausdruck gewöhnlich so viel als Bußding, d. h. ein solches, welches bei Strafe besucht werden muß, bedeutet. Der Ort, wo in der Regel die Versammlung oder das Gericht gehalten wurde, die sogenannte Ding stelle, war von den heidnischen Zeiten her ein Opferplatz unter freiem Himmel auf einem Hügel, und zwar gewöhnlich unter einem heiliggehaltencn Baume, dessen Stelle später, als die Bedeutung längst verloren, aber der Brauch geblieben war, in Städten die hier und da noch erhaltene Rolandssäule vertrat. Hier stand der sogenannte Dingstuhl, eine Bezeichnung, welche später für das Gericht selbst gebraucht ward. Einer der bekanntesten Dingstühle war der zu Mittelhausen, wo unter Vorsitz des Landgrafen das höchste Landding für Thüringen gehalten wurde. Dinkel oder Spelz (Inticum speit;») ist eine besonders in Süddeutschland, Frankreich und der Schweiz angebaute, dein Weizen verwandte Ectreideart, die sich von diesem dadurch unterscheidet, daß die Körner mit den Spelzen so innig verwachsen sind, daß sie nur auf einer besonder» Mühle enthülst werden können, daß die Ähren dünner und fester sind und die Körner eine feinere Schale haben. Der Dinkel wird als Winter- und Sommer- frucht gebaut und kommt in zwei Spielarten vor, den weißlichen und röthlichen Spelz. Jener liefert ein vorzüglicheres Mehl, dieser ist gegen Witterungseinflüsse weniger empfindlich und gibt reichere und sicherere Ernten. Hinsichtlich der Cultur kommt der Dinkel ganz ^ mit dem Weizen überein. Das aus dem Dinkel bereitete Mehl bildet einen Handelsartikel und wird unter dem Namen Nürnberger und Frankfurter Krastmehl versendet. Auch dient cs zu Stärke- und Bierbereitung, wogegen es sich zum Verbacken nicht gut eignet, da das Backwerk bald spröde wird. Dinkelsbühl Dinier 361 Dinkelsbühl, eine mit Mauern und Thürmen umgebene, gewerbliche Stadt im bair. Kreise Mittelfranken, an der Wernitz im fruchtbaren Virngrunde unweit der Grenze zwischen Baiern und Würtemberg, besitzt eine schöne, katholische Pfarrkirche, ein Progymnasium, mehre andere Schulen und zählt6V00E-, welche sich von Acker-, Gartenbau, Brauerei, Viehzucht und Weberei ernähren und einige Strumpf-, Garn- und Handschuhfabriken unterhalten. D. soll einer der ältesten schwäbischen Orte sein und wurde schon unter Heinrich I. befestigt. Später erhielt es gleiche Rechte mit Ulm und wurde 1351 zur Reichsstadt erhoben. Während des Dreißigjährigen Kriegs hatte es durch die Schweden wie durch die kaiserlichen Truppen viel zu leiden. Auch religiöse Parteiungen untergruben lange Zeit Ruhe, Ordnung und Wohlstand der Stadt, bis endlich durch Kaiser und Reich eine Gleichstellung der Protestanten mit den Katholiken erfolgte, welche letztere jene mehrmals vertrieben. Im I. I8V2 verlor die Stadt die Reichsunmittelbarkeit und kam anKurbaiern, 1803 an das preuß. Fürstenthum Ansbach und 1806 wieder an Baiern. Dinier (Eust. Friedr.), einer der berühmtesten Schulmänner der neuern Zeit, gcb. am 29. Febr. 1760 zu Borna, wo sein Vater Gsrichtsdirector war, besuchte die Fürstenschule zu Grimma und seit 1780 die Universität zu Leipzig. Nachdem er schon als Pastor zu Kitzscher bei Borna (1787) junge Leute zu Landschullehrern vorbereitet hatte, kam er 1797 als Director des Schullehrcrseminariums nach Friedrichstadt-Dresden. JmJ. 1807 vertauschte er jedoch diese Stelle mit dem Pastorate zu Görnitz bei Borna, worauf er 1816 Doctor der Theologie und preuß. Consistorial- und Schulrath zu Königsberg wurde, wo er am 29. Mai 1831 starb. D. hat sich um die Bildung vieler Landschullehrer, besonders im Königreiche Sachsen, unbestrittene Verdienste erworben, indem er bei unermüdlichem Flciße die Gabe vorzüglicher Klarheit und steter Berücksichtigung des Praktischen beim Unterrichte besaß und sowol durch den als Prediger und Lehrer mündlich ausgestreuten Samen, sowie durch seine Schriften sich ein unvergängliches Gedächtniß gesichert. Das Seminar in Dresden stand unter seiner Leitung in hoher Blüte und verdankt ihm zum Theil den Ruf, den es noch gegenwärtig zu erhalten sich bestrebt. Nur sein praktischer Sinn machte cs ihm möglich, seinem Amte in Königsberg, das eine seltsame Zusammensetzung der verschiedenartigsten Geschäfte war, mit so ausgezeichnetem Erfolge vorzustehen. Am bedeutendsten wirkte er indeß als Schriftsteller. Alle seine Werke beurkunden den hellsehenden, praktischen Volkslehrer; sie sind zum großen Theil, ohne daß er sich als Verfasser nannte, und insgesammt zu Neustadt an der Orla erschienen und umfassen meist Gegenstände der Unterrichtskunst, des theoretischen und praktischen Schulwesens und der Volksbildung überhaupt. Er begann seine schriftstellerische Laufbahn mit dem „Erklärenden und ergänzenden Auszuge aus dem dresdener Katechismus" (1800) und dem „Katechismus mit beigefügten Sprucherklärungen" (1801), beide auch unter dem Titel „Glaubens- und Sittenlehre des Christenthums". Diesen folgten „Die vorzüglichsten Regeln der Katechetik" (1802; 9. Aust., 1836), „Die vorzüglichsten Regeln der Pädagogik, Methodik und Schulmeistcrklugheit" (1806; 7. Aust., 1836), „Anweisung zum Gebrauche der Bibel in Volksschulen" (3 Bde., 1813—15; 2. Ausl., 1822—39), „Malvina, ein Buch für Mütter" (1819; 3. Aust., 1829), „Unterredungen über die zwei ersten Hauptstücke des Lutherischen Katechismus (9Bde., 1819—23; 2. Aust., 1823—26), „Unterredungen über die vier letzten Hauptstücke des Lutherischen Katechismus" (3 Bde., 1806—8; 3.Aust., 1830), „Vorarbeiten für Lehrer in Bürger- und Landschulen" (Bd.I, 3.Aufl., 1832; Bd.2,3.Aufl., 1839),„Neligionsgeschichte"(3.Aufl., 1836), „Nechnungsaufgabcn" (1806; neucAufl., 1831, nebst„Zugabe"1831), „Schulgebete zu allen Jahreszeiten" (1809; 3. Aust., 1830), „Gedächtnißübungen" (1813; neueste Aust., 1832) und mehre andereSchulschriften. Seine „Kleinen Reden an künstigeVolksschullehrer" (3Bde., 1803—5; 3. Aust., 1837—38) sind-gehaltvoll und zeigen von Hellem theologischen Blicke. Auch seine mehrfachen Predigtsammlungen enthalten einen Schatz heilsamer und der Beherzigung des Landmanns werther Wahrheiten. Sein Hauptwerk, die „Schullehrerbibel" (das „NeueTestament",3 Bde., 1825; 3. Aust., 1831—33; das „AlteTestament",5Bde., 1826—28; 2. Ausl., 1833—37), erfuhr vielfache Anfechtungen und ist ungeachtet des auch hier sich zeigenden religiösen Sinnes und praktischen Taktes wegen vielfach hervortretender Oberflächlichkeit in der Auffassung des Sinnes der heiligen Schriftsteller vielleicht seine am 362 Dio DiöceS wenigsten genügende Schrift. Seine „Bibel als Erbauungsbuch" wurde von Brockmann und Fischer fortgesetzt (5 Bde., >831-33). Seine „Sämmklichen Schriften" gibt J. C. B. Wilhelm in vier Abthcilungen heraus; die erste enthalt „Exegetische Werke" (Bd. 6—8 die „Schullehrerbibel, Neues Testament" enthaltend, >84>—42), die zweite „Katechetische Werke" (Bd. l —8, >846—43), die dritte „Pädagogische Werke" (Bd. l—2, >840—43), die vierte wird die „Homiletischen Werke" enthalten. Vgl. „D.'s Leben, von ihm selbst beschrieben" (>829; 3. Aust., >830). Dio, wegen seiner außerordentlichen Wohlredenheit Chrysostömus, d. i. Gold- > mund, und wegen seines vertrauten Verhältnisses zu Nerva auch Coccejanus genannt, ein griech. Rhetor um 94—1 > 7 n. Chr., war zu Prusa in Bithynien aus einer angesehenen ^ Familie geboren. Er beschäftigte sich frühzeitig mit der praktischen Philosophie, die er na- ! mentlich aus Staat und Leben anzuwenden suchte, bildete sich auf Reisen und verlebte die ^ übrige Zeit zu Rom, hochgeachtet von Allen. Wir besitzen von ihm noch 80 Declamationen oder Aufsätze moralischen, politischen und philosophischen Inhalts, in denen viele Bruchstücke aus alten griech. Dichtern uns erhalten und mehre Abschnitte der Mythologie und Alterthü- ! mer erläutert sind. Die Sprache ist den besten attischen Mustern glücklich nachgebildet, überall athmet eine reine Gesinnung und zuweilen ein satirischer Geist. Die erste Ausgabe besorgte Aldus (Ven. >551), woraus die von Claud.Morell (Par. >604 und >621, Fol.) und von Ernestine Christine Reiske (2 Bde., Lpz. >784) folgten. Die beste Ausgabe mit einem vollständigen kritischen Apparate lieferte Emperius (Braunschw. >844).— Nicht zu verwechseln ist D. mit dem christlichen Kirchenvater Johannes Chrysostomus(s. d.). Dio Cassius, eingriech. Geschichtschreiber, geb. zu Nycäa in Bithynien um >55n.Chr., bildete sich nach den besten attischen Mustern, erhielt später das röm. Bürgerrecht, da sein Vater röm. Senator war, und begann in Italien unter Commodus >86—>92 seine öf- ^ fentliche Laufbahn. Er gelangte unter den folgenden Kaisern Pertinax und Caracalla zu ^ den höchsten Ehrenämtern in Rom, wurde unter Macrinus 22 l Consul, mußte aber unter Septimius Severus, obgleich ihn dieser persönlich hochschätzte, im I. 229 Nom für immer meiden, da die über seine Strenge aufgebrachten Prätorianer seinen Tod verlangten, und scheint den Rest seiner Tage in Campanien verlebt zu haben. Sein Geschichtswerk, dem er 22 Jahre widmete, enthält in 80 Büchern, von denen aber nur das 37.—54. und das 56.—60. vollständig, das 36. und 55. theilweise, von den übrigen blos Bruchstücke, außerdem das 35.—80. im Auszuge des Joannes Liphilinos, eines byzant. Mönchs im > >. Jahrh., vorhanden sind, die röm. Geschichte von der Gründung Roms bis 229 n. Chr. Die Bruchstücke, welche aus den verloren gegangenen Büchern theils bei den lexikogra- phischcn und grammatischen Schriftstellern der spätern griech. Zeit, theils in den aus Be- > fehl des Kaisers Konstantinus Porphyrogenneta verfertigten Excerptensammlungen sich vorfinden, sind von Henr. Valssius, Peirescius und Fulv. Ursinus zusammengestellt und in den neuesten Ausgaben nebst den von Ang. Mai in den „8criptnr,im veterum nov» collsctio" (Bd. 2) bekannt gemachten an ihren Stellen wieder eingereiht worden. D. hat das Verdienst, die Begebenheiten chronologisch geordnet zu haben, und er ist die einzige zuverlässige Quelle über die Geschichte seiner Zeit. Seine Fehler sind Parteilichkeit gegen . die großen Männer der ftühern röm. Geschichte, Aberglaube, Schmeichelei gegen seine mächtigen Zeitgenossen, und im Stile ein der Geschichtschreibung nicht angemessener rhetorischer Schmuck. Unter den verschiedenen Ausgaben verdient die von I. A. Fabricius und Reima- rus (2 Bde., Hamb. >751—52, Fol.), neu bearbeitet von Sturz (9 Bde., Lpz. > 824 — 36 ), denVorzug; die besten deutschenÜbersetzungen lieferten Wagner (5 Bde., Franks. >783—96), Penzel (2 Bde., Lpz. >786-1818), Lorentz (4 Bde., Jena >826) und Tafel (> > Bde^ , Stuktg. >83> fg.). Vgl. Wilmans, „OslontibusetsuctoritatellionisOsssH" (Berl. >835). Is Diöces, griech. Dioikesis, findet sich schon bei Cicero als eigenthümliche Bezeichnung von Distrikten in Kleinasien. Ungleich größere Bedeutung erhielt das Wort, als es unter .. Konstantin dem Großen bei der Eintheilung des röm. Reichs, die er vornahm, zur Benennung der Haupttheile, die selbst wieder in Provinzen zerfielen, angewendct ward. Um die Mitte des 5. Jahrh. bestand demgemäß das röm. Reich aus folgenden Diöcesen: Orient, Ägypten, Asien, Pontus und Thrazien unter dem Präfect des Morgenlandes; Macedo- DiocletianuS DiodoruS 363 nien und Dacien unter dem Präfect Jllyriens; Italien, das westliche Jllyrien und Afrika unter dem Präfect Italiens, und Gallien, Hispanien und Britannien unter dem Präfect Galliens. Ein Theil der Diöcesen Asien und Afrika, sowie Achaja in Macedonien standen unter Proconsuln, die Diöces Orient unter einem Comes, Ägypten unter einem Präfect; die Statthalter der übrigen Diöcesen hießen Vicarii. Die Provinzen standen unter Rectoren, von denen vier den consularischen Titel führten, andere Präsides, auch Corrcctoren hießen. Von Konstantin dem Großen, der die christliche Religion zur Staatsreligion erhob und die Verfassung der christlichen Kirche zuerst fester begründete, wurde der Name Diöces auch «uf die Kirchcnsprengel übertragen, und noch gegenwärtig heißt Diöces in der katholischen Kirche ein Landesbezirk, der in kirchlichen Angelegenheiten der Gerichtsbarkeit eines Erzbischofs oder Bischofs unterworfen ist, und bei den Protestanten ein Complex von Pfarreien, welche unter Aufsicht eines Superintendenten oder Dekans stehen. — Diöcesan heißt nicht nur derjenige Geistliche, welcher an einem Orte die bischöfliche Gerichtsbarkeit übt, sondern auch jedes zu einer Diöces gehörende Glied einer Kirche. Diocletiänus (C. Aurelius Valerius) Jovius, war in Dalmatien von Altern niedern Stands geboren, schwang sich im Kriegsdienste empor und wurde nach dem Tode des Kaisers CaruS und seines Sohns Numerianus am 28. Aug. 284 zu Chalcedon vom Heere zum röm. Kaiser ausgerufen. Der Aufstand der Bagauden in Gallien und die Gefahr, die von den deutschen Völkern drohte, bewogen ihn, den Maximianus (Herculius), einen tüchtigen Feldherrn unter dem Titel eines Cäsar, dann, als derselbe siegreich gewesen, im I. 286 als Augustus zum Mitrcgenten zu erheben. Die Bedrängniß, in der sich das röm. Reich theils durch Empörungen in den Provinzen, theils durch die Einfälle der Ger- mianen und der Perser fand, schien eine Vermehrung der Regierungsgewaltcn rathsam zu machen. Daher ernannten die beiden Herrscher im I. 292 den Galerius Maximianus und Constantius Chlorus zu Cäsaren und nahmen, zuerst unter den Kaisern, eine Theilung des Staatsgebiets vor, sodaß Maximian Afrika und Italien, Constantius das Land über den Alpen, Galerius Jllyricum bis zum Pontus, D. das Übrige erhielt. Der letztere unterwarf im I. 296 den Achilleus, der sich die Herrschaft über Ägypten angemaßt hatte, und tödtete ihn nach der Eroberung von Alexandria. Währenddessen hatte Constantius Britannien wieder unterworfen, Galerius gegen den Perserkönig Narses anfangs unglücklich, dann siegreich gekämpft, sodaß in dem Frieden, den er und D. im I. 297 mit Narses schloffen, die Grenzen des Reichs über den Tigris hinaus erweitert wurden; auch in Afrika ward durch Maximian die Empörung unterdrückt und hierauf von beiden Kaisern im J. 303 ein glänzender Triumph gefeiert. Freiwillig nach Einigen, nach Andern auf das Andringen des Galerius, legte D., wie cs auch Maximian in Mailand that, am I. Mai 305 in Nicomedia die Herrschaft nieder und lebte hierauf bis ums I. 313, wo er starb, aufseinen Gütern beiSalonä in Dalmatien. Unter der Negierung des D. wurden die Grenzen des Reichs und die Ruhe in dessen Jnnerm gesichert, zugleich aber in Folge des Aufwands, den des Kaisers Baulust und Hofhaltung, sowie die Erhaltung der Heere und die vermehrte Zahl der Beamten federten, die Üntertha- nen mit Abgaben überlastet; die noch übrigen republikanischen Formen wurden unter ihm fast ganz beseitigt, die kaiserliche Herrschaft auch durch die Pracht ihrer Erscheinung, durch die Sitte der Adoration, die D. statt der bisher üblichen Salutation einführte, dem oriental. Despotismus genähert. Eine grausame Christenverfolgung ging auf D.'s Befehl 303 von Nicomedia aus, von ihr hat die Diocletianische Ära (s.d.) den Namen der Märtyrerära. Diodörus, ein berühmter Geschichtschreiber unter Julius Cäsar und August, war aus Argyrion in Sicilien gebürtig und wurde deshalb Siculus genannt. Um seinem Geschichtswerke, an welchem er 30 Jahre arbeitete, die möglichste Vollständigkeit und Genauigkeit zu geben, bereiste er einen großen Theil Europas und Äsiens; doch ist der größte Theil dieses Werks, das er „Historische Bibliothek" nannte, und in welchem er die pragmatische Behandlung mit der rhetorischen nach dem Muster des Theopompus und Ephorus verband, verloren gegangen. Es bestand aus 40 Büchern, war sehr genau abgefaßt und enthielt die Geschichte fast aller Völker der Erde bis zum I. 60 v. Chr. Wir haben davon nur die Bücher l— 5 und 11—20 vollständig, und bedeutende Bruchstücke in den byzant. Historikern, den Excerptensammlungen des Konstantinus Porphyrogenneta und den vatikanischen Frag- 364 Diogenes von Apollonia Diogenes ans Siuope ' menten, welche Ang. Mai (neue Ausg. von L. Dindorf, Lp;. >828) hcrausgcgeben hat. Obgleich D. weder in der Behandlung seines Stoffs noch in der Darstellung und Sprache Muster ist, so hat er dock für die Altcrthumsforschung bei dem Verluste so vieler historischen Quellen einen nicht unbedeutenden Werth. Sein Werk wurde zuerst von Heinr. Stephanus (Par. >559, Fol.) mit einem reichhaltigen Kommentar von Wesseling (2 Bdc.,Amst. 1746, Fol.) und mit kritischen Anmerkungen von L. Dindorf (4 Bde., Lpz. 1826 fg.) herausge- gcbcn, der auch eine größere, mit den Anmerkungen der srühern Erklärer ausgcstattete Aus- gäbe (5 Bde., Lpz. 1829) besorgte. Übersetzungen besitzen wir von Stroth und Kaltwaffcr (6 Bde., Franks. 1782—87) und von Wurm (14 Bde., Stuttg. 1826 sg.). — Ein an- ! derer Diod or us von Jasos in Karlen, mit dem Beinamen Kronos, war ein bekannter Philosoph und bildete die Dialektik der Megarischcn Schule weiter aus; ferner gab cs einen spätem Peripatetikcr Diodorus, der aus Tyrus gebürtig war, außerdem mehre Dichter, Rhetoren und Mathematiker dieses Namens. Diogknes von Ap ollonia, einer Stadt in Kreta, auch der Physiker genannt, lebte im 5. Jahrh. v. Ehr. zu Athen und gehört zur ionischen Schule. Er hielt, wie Anaxi- mcnes, die Lust für den Urstoff, verband aber mit ihr oder fand in ihr das intellektuelle Prin- cip. So hielt er Alles für Modifikationen der Lust und erklärte auch die menschliche Seele für ein feines luftartiges Wesen. Vgl. Schleiermacher, „Über D. von Apollonia" in den „Vermischten Schriften" (Bd. 2), Panzcrbieter, „Ile lliogems .^poll. scriptir et äoctrina" (Lpz. 1860) und Schorn, „^uaxr>ßorae et viogenis ^po». triigmeuta" (Bonn 1829). Diogenes aus Sinope, einer Stadt in Paphlagonien am Schwarzen Meere, der berühmteste unter allen cynischen Philosophen, bei welchem die Lehre sich ganz in Lebensweis! verlor, war 414 v. Ehr. geboren. Als er mit seinem Vater, den man der Münzverfalschung angeklagt hatte, aus seinem Geburtsorte verbannt wurde, ging er nach Athen, wo ihn An- ^ 1 isthenes (s. d.) nach unablässigem Andringen als Schüler annahm. Sehr bald in seinen t Grundsätzen noch weiter gehend als sein Lehrer, verachtete er nicht nur gleich diesem alles phi- ! losophische Wissen, unter unablässigem fteimüthrgen Eifern gegen das Sittenverdcrbiiif seiner Zeit, sondern zeigte zugleich an sich selbst die übertriebenste Anwendung seiner moralischen Lehren. Während der finstere Ernst seines Lehrers misfiel, verstand es D., mit Heiterkeit und derbem Witz seinen Zeitgenossen ihre Thorheiten zu zeigen. Er lehrte, der Weise müsse, um glücklich zu sein, sich unabhängig vom Glücke, von den Menschen und von sich selbst zu erhalten suchen; zu dem Ende müsse er Neichthum, Ansehen, Ehre, Künste und Wissenschaften und alle Annehmlichkeiten des Lebens verachten. Um seinen Zeitgenossen ein Muster cynischer Tugend zu geben, die ihm als Übung in der Entbehrung erschien, unterzog er sich den härtesten Prüfungen und riß sich von jedem Zwange los. Er ging ohne Schuhe, mit einem langen Barte, einen Stock in der Hand und einen Quersack anfder Schulter, in Athen einher und hatte oft kein bestimmtes Obdach, woher die Sage von seinem Aufenthalte in der Tonne entsprang. Allen Ungemächlichkeitcn der Witterung bot er Trotz und ertrug Spott und Schimpf des Volks mit der größten Ruhe. Nie schonte er die Thorheiten derMenschen, laut sprach er gegen alle Laster und Misbräuche und bediente sich dabei der Satire und Ironie. Daher existiren von ihm Anekdoten in Menge, die aber wol zum Theil erdichtet sind. Auf einer Reise nach der Insel Ägina wurde er von Seeräubern gefangen und als Sklave z nach Kreta an den Korinther Leniades verkauft, der ihn aber frei ließ und ihm die Erziehung seiner Kinder übertrug. Hierauf lebte er im Sommer gewöhnlich zu Korinth, im Winter zu Athen. Am erstern Orte war eS, wie die Sage erzählt, wo Alexander ihn in der Sonne gelagert fand und, verwundert über die Gleichgültigkeit, mit welcher der zerlumpte Bettler seiner nicht zu achten schien, sich in ein Gespräch mit ihm einließ und ihm zuletzt die Er- laubniß gab, sich eine Gnade auszubitten. „Ich verlange werter nichts", antwortete D-, „als daß du mir aus der Sonne gehst." Erstaunt über diesen Beweis höchster Genügsamkeit, soll der König ausgerufen haben: „Wäre ich nicht Alexander, so ^wünschte ich D- , zu sein." Ein anderes Mal ging er am Hellen Mittage mit einer Laterne in Athen. Auf die f Frage, was er suche, antwortete er: „Ich suche Menschen." Bei den Spartanern glaubte er die meiste Anlage zu solchen Menschen zu finden, wie er sie wünschte. Daher sagte er einst: „Menschen habe ich nirgend gesehen, aber doch Kinder zu Lacedämon." Welches ist- 665 Diogenes von Laerte Dion fragte man ihn einst, das gefährlichste Thier? „Unter den wilden Thieren", antwortete er, „ist es der Verleumder, unter den zahmen der Schmeichler." Sokrates soll einmal zu ihm gesagt haben: „Ich bemerke deine Eitelkeit durch die Löcher deines zerrissenen Mantels." Er starb 324 v. Ehr. Die unter seinem Namen vorhandenen Briefe sind später untergeschoben worden; wahrscheinlich ist es, daß er gar nichts geschrieben hat. Diogönes von Laerte in Cicilien, deshalb Laertius genannt, lebte wahrscheinlich i» der ersten Hälfte des 3. Jahrh. Sein griech. Werk „De vitis, ckogmatis et »ixiptitkegms- liblis cluroriim virnrum", in zehn Büchern, ist zwar nur eine Compilation, aber doch für die Geschichte der Philosophie von Wichtigkeit. D. erzählt darin, obgleich mit wenig Ordnung, Wahl und Vollständigkeit, die Lebensumstände der griech. Philosophen, am umständlichsten das Leben des Epikur. Es wurde von Hcnr. Stephanus (Par. l 57» und >593), Meibom (2 Bde., Amst. 1692, 4.), Longolius (2 Bde., Hof 1739), zuletzt mit kritischen Bemerkungen und der lat. Übersetzung des Ambrosius von Hübner (3 Bde., Lpz. 1829) herausgegeben und von Snell ins Deutsche übersetzt (2 Bde., Gieß. 1806). Diomede hieß die Tochter des Phorbas, Königs von Lesbos, die Geliebte des Achilles; ferner die Tochter des Luthus, Gemahlin des Dei'on (s. d.) und von diesem Mutter der Asteropäa, desÄnetus, Aktor, Phylakus und Cephalus; dann die Tochter des LapitheS, Gemahlin des Amykles und von diesem Mutter des HyacinthuS und Kynortas, und endlich die Gemahlin des Pallas und Mutter des Eurychus. Diomedes der Sohn des Ares oder Mars und der Kyrene, König der Bistonen in Thrazien, fütterte seine vier Rosse, Lampos, Demos, Tanthos und Podarges mit Menschenfleisch, weshalb er vom Herakles auf des Eurystheus Befehl getödtet wurde. — Ein .anderer Diomedes, der Söhn des Tydeus und der Deipyle, der Gemahl der Ägialea, nach Adrastus König von Argos, war einer der tapfersten Helden vor Troja, der schon mit den Epigonen gegen Theben zog. Vor Troja verwundete er unter dem Beistand der Athene sogar den Ares und die Aphrodite. Bei den Leichenspielen des Patroklus trug er einen Preis davon. Mit Odysseus holte er den Philoktetes und die zur Eroberung von Troja nothwendigen Geschosse des Herakles von der Insel Lemnos; auch raubte er die Pferde deS Rhesos und befand sich mit in dem hölzernen Pferde. Ebenso ausgezeichnet war er in Nathsversammlungen; namentlich ist zu erwähnen, daß er Agamemnon's Vorschlag, Troja unverrichteter Sache zu verlassen, Hintertrieb. Nach seiner Rückkehr von Troja fand er feine Gemahlin in ehebrecherischem Umgänge, mußte in Folge dessen fliehen und ging nach Ätolien. Von da kam er nach Apulien, wo er des Königs Daunus Tochter Euippe hei- rathcte und mit dieser zwei Söhne, Diomedes und Amphinomos zeugte. Uber seinen Tod sind verschiedene Erzählungen vorhanden; nach Antonius Libcralis starb er unter den Dauniern und wurde auf der nach ihm benannten Insel beerdigt, .nach Tzetzcs ward er von Daunus ermordet, nach Andern verschwand er auf einer der diomedischen Inseln; seine um ihn trauernden Gefährten aber wurden in Vögel verwandelt. In Italien ward er für den Gründer mehrcr Städte gehalten und als Gott verehrt. Diou ein Syrakusaner, aus angesehenem und begütertem Geschlechts, wurde wegen seiner Tüchtigkeit in Staats - und Kriegsgeschäften von Dionysius dem Altern, dem er verschwägert war, hoch geschäht. Als der jüngere Dionysius zur Herrschaft kam, wollte D-, selbst von den Lehren der Philosophie des Pythagoras und Platon, dessen Freund und Schüler er war, innig durchdrungen, durch sic die Sinnes- und Handlungsweise des Dionysius zum Bessern leiten; aber die Absicht mislang durch seine Feinde, die Schmeichler des Tyrannen, und D. mußte als Verbannter im I. 366 nach Griechenland gehen, wo er durch seine schöne Gestalt wie durch die Trefflichkeit seines Geistes und Herzens sich überall Achtung und Liebe erwarb. Die Nachricht, daß der Tyrann seine Güter eingezogen, seine Gattin Arete zur Heirath mit einem Günstling gezwungen habe und seinen Sohn durch böse Gefährten zu verderben suche, bewog den D. zur Rückkehr. Mit 800 Kriegern landete er im I. 357 in Sicilien; sein Heer mehrte sich schnell und Syrakus öffnete ihm bereitwillig die Thore. Dionysius eilte aus Italien, wo er gerade war, zurück in die Burg von Syrakus, deren Besatzung ihm treugebliebcn war; nach einem vergeblichen Versuch, die Herrschaft wiederzugewinnen, entsagte er ihr und floh mit seinen Schätzen nach Italien. Doch auch D. ward 366 Dionäu Dionysius der Altere bald darauf durch das ungerechte Mistrauen seiner Mitbürger genöthigt, aus Syrakus zu ^ weichen. Als aber innere Unruhen ausbrachen und Apollokrates, des Dionysius Sohn, die Stadt von der Burg aus hart bedrängte, wurde D. von Lcontini, wohin er sich begeben hatte, zur Rettung herbcigerufen. Die Burg ergab sich ihm, bevor er aber dem Staat die aristokratische Negierungsform, die er beabsichtigte, und deren Gegner Heraklides er tobten ließ, hatte geben können, wurde er durch seinen verrätherischen Freund, den Athener Kalippus, im I. 3 3 3 ermordet. Biographien des D. haben wir von Plutarch und Cornelius Nepvs. Dionäa (beiLinne Aluscipula), eine Pflanze aus der Familie derDroseraccen, wächst ' in feuchten und schattigen Gegenden des nördlichen Amerika wild und hat viel Ähnlichkeit mit dem in Deutschland heimischen rundblättrigen Sonnenthau (Drosera rotunilitoli»). Setzt sich ein Insekt, z. B. eine Fliege, auf die Oberfläche eines Wurzclblatts, so klappt sogleich der lappige Rand desselben zusammen und fängt das Insekt; die Randborsten verschließen das Blakt von der Seite und die Nebenborsten von vorn, sodaß dem Insekt kein Ausgang bleibt, und nur wenn das Insekt todt ist und also durch seine Bewegung die Theile des Blatts nicht mehr reizt, öffnet sich dieses wieder. Daß die Pflanze die gefangenen Insekten aussauge und sich so von ihnen nähre, ist eine Fabel. John Ellis beschrieb dieses Gewächs zuerst in einem Briefe an Linne, herausgegeben von Schreker (Erlang. I77l). Diöne, die Tochter des Oceanus und der Tethys, oder des Uranos und der Gäa, war von Zeus Mutter der Aphrodite; Dione, die Tochter des Atlas, von Tantalus Mutter -es Pelops und der Niobe. Dionysien hießen in Griechenland die Feste des Dionysos oder Ba cch us (s. d.). Dionysius der Ältere schwang sich aus niederm Stande zum Feldherrn und um das 1.406 zum Tyrannen von Syrakus empor. Die Agrigcntiner klagten nämlich nach der ! Eroberung ihrer Stadt durch die Karthager den syrakusan. Feldherrn der Vcrrätherei an, s D- unterstützte ihre Klagen und brachte es dahin, daß das erzürnte Volk andere Heerführer wählte, unter denen er selbst war. Bald aber wußte er auch diese zu verdächtigen und ward zum Oberfeldherrn ernannt. Als solcher erlangte er, mit Hülfe der gewonnenen Truppen, in seinem 25. Jahre die Tyrannis, d. h. die Gewaltherrschaft, in der er sich durch Vermäh- lung mit der Tochter des angesehenen HermokrateS und nach deren Tode mit Dion's Schwe- ^ ster Aristomache befestigte. Nachdem er mehre Empörungen grausam unterdrückt, auch mehre andere griech. Städte Siciliens unterworfen hatte, rüstete er sich zu einem großen Kriege gegen die Karthager. Das Waffenglück, das ihn anfangs begünstigte, wendete sich aber bald ! zu seinem Nachthcil. Schon wurde er von Himilko im I. 3SS in Syrakus selbst belagert, als die Pest unter den Feinden große Verheerungen anrichtete. D. griff die dadurch muthlos gewordenen Karthager zu Wasser und zu Lande an und trug einen vollständigen Sieg davon, ! dem bald ein vortheilhaft« Friede folgte. Auf seinen Feldzügen in Unteritalien eroberte er im 1.387 nach elfmonatlicher Belagerung die Stadt Rhegium, die er schon früher mehrmals vergebens angegriffen hatte, und gegen deren Bewohner er nun auf das grausamste verfuhr. Seitdem übte er auf die griech. Städte Unteritaliens bedeutenden Einfluß, und seine Flotten herrschten aus den Italien umgebenden Meeren. Nicht minder als im Kriege wollte er auch als Dichter glänzen. Er wagte es sogar bei den olympischen Spielen um den Preis zu > ringen und schickte zu dem Ende im J. 388 eine Gesandtschaft und die besten Sänger dahin, die seine Gedichte vortragen sollten, aber trotz ihrer Kunst es nicht verhindern konnten, daß der Dichter auf das schimpflichste verhöhnt wurde. Doch ward dieser dadurch nicht ent- muthigt und pflegte die Dichter und Gelehrten, die in Syrakus sich aushielten, durch Vorlesung seiner Verse zu peinigen. Im I. 368 fing er einen neuen, den vierten, Krieg mit den Karthagern an, um sie ganz aus Sicilien zu vertreiben, starb aber, bevor er seine Absicht erreichen konnte, im 1.367. Endlich nämlich war es ihm gelungen, daß einem seiner Trauerspiele in Athen der Preis zugewendct ward; auf die Nachricht veranstaltete er prächtige , Gastmähler, bei denen er, der sonst mäßig gewesen sein soll, sich so übernahm, daß er krank r ward; die Ärzte gaben ihm, auf Anstiften seines Sohnes Dionysius, einen Schlaftrunk, der ihn nicht wieder erwachen ließ. Unmenschliche Grausamkeit, die durch ein peinigendes Mis- trauen, das er selbst gegen seine nächsten Angehörigen hegte, immer gesteigert ward, befleckt > Dionysius der Jüngere Dionysius (Areopagita) 367 bas Andenken des altern D., dem übrigens politische Klugheit und unermüdliche Thätigkeit l im Staats - und Kriegswesen nicht abgesprochen werden dürfen, e ! Dionysius der Jünger e, des Vorhergehenden Sohn, in der Erziehung gcflissent- i lich vernachlässigt, feierte den Antritt der Herrschaft nach seines Vaters Tode durch schwelge- e rische Feste, die 6» Tage dauerten. Dion (s. d.) versuchte ihn durch Platon's Lehre und i Umgang zum Bessern zu führen; der Geschichtschreiber Philisters und Ar istip p (s. d.), -, am meisten des D. Naturell vereitelten einen dauernden Erfolg. Von Dion im I. 357 aus Syrakus verjagt, floh D. nach Lokri in Unteritalien. Zu»n Dank für die gastfreund- i liche Aufnahme bemächtigte er sich hier der Gewaltherrschaft und übte sie frevelhaft. Im t I. 346 gelang es ihm, sich wieder in den Besitz von Syrakus zu setzen. Seine Grausamkeit e aber trieb die Bürger, sich an Hiketas, Tyrannen zu Leontini, und an die Korinther um t Hülfe zu wenden. Timoleon (s. d.) wurde von den Letztem gesendet, er schlug 343 den Hiketas, der die Gelegenheit benutzen wollte, sich selbst zum Herrn von Syrakus zu machen; D., der die Burg inne hatte, ergab sich ihm und ward nach Korinth gebracht, wo er, nachdem e er die mitgebrachten Neichthümer verschwendet hatte, sein Leben durch Unterrichtgeben er- >- halten haben soll und in Armuth starb. > Dionysius von Halikarnaß in Karien, ein gelehrter Kunstrichter und Lehrer der Beredtsamkeit, kam etwa 36 v. Chr. nach Rom und schrieb zur Belehrung seiner Landsleute u eine röm. Archäologie in 26 Büchern, worin er die ältere Geschichte und Verfassung Roms :r bis zum ersten punischen Krieg erzählte. Wir besitzen davon die neun ersten Bücher in ihrer ursprünglichen Gestalt, die zwei folgenden größtcntheils vollständig und von den übrigen ). einige Bruchstücke. Hcrausgegeben wurden die erstem von Henr. Stephanus (Par. 1546, m Fol.), Sylburg (Franks. >586, Fol.), Hudson (2Bde.,Oxf. 1764,Fol.) undReiske (6 Bde., er - Lpz. 1774—77), und ins Deutsche übersetzt von Benzler (2 Bde., Lemgo 1771—72) und n; f Schalter (4 Bde., Stuttg. 182 7 fg.). Eine Sammlung der Bruchstücke aus den verloren ge- er ' gangenen Büchern gab Ang. Mai aus ambrosianischcn Handschriften heraus (Mail. 1816, rd 4; Franks. 1817), deren Echtheit jedoch von Niebuhr später bestritten wurde. Vgl. Struve, n, „Uber die von Mai aufgefundenen Bruchstücke des D." (Königsb. 1826) und Weismann, h- „De Iliouz-sii Hui. vita et scrizitis" (Rinteln 1837). Des D. 22jähriger Aufenthalt in e- Nom, sein Umgang mit den gelehrtesten Römern und die Benutzung der ältern Annalisten ch machen ihn für den kritischen Geschichtsforscher sehr wichtig, und seine rhetorische Behand- ge lung der Geschichte hat sehr bedeutenden Einfluß auf die Darstellung der röm. Sagengeld schichte gehabt. Auch als kritisch-ästhetischer Schriftsteller hat D. einigen Werth, doch be- ct, dürfen die hierher gehörigen Werke einer kritischen Sichtung. Nicht unwichtig ist namentlich o§ seine „6ens»rs veterum scriptorum", worin die vorzüglichsten griech. Dichter, Geschicht- , 1 , schreiber, Philosophen und Redner beurtheilt werden, herausgegeben mit einigen kleinern n, Schriften verwandten Inhalts von Krüger in „Vinn; rii Uistoriogrgjiliicu" (Halle 182 3). >r- Die,,.^rs rketvricu", herausgegeben von Schott (Lpz. 1864), gehört wol nur zum Theil >r. dem D. und ist nach ihrer gegenwärtigen Zusammenstellung wahrscheinlich aus dem en 3. Jahrh. n. Chr. Seine Schrift „De compositiane verborum" wurde von Schäfer ,ch (Lpz. 1869) und Göller (Jena 1815) herausgegeben. zu f Dionysius , Areopagita genannt, weil er Beisitzer des Areopagus zu Athen war, n, besonders merkwürdig wegen der ihm beigelegten Schriften und als vermeinter Schutzes heiliger von Frankreich, wurde um die Mitte des 1. Jahrh. durch den Apostel Paulus zum U- Christemhume bekehrt und soll als erster christlicher Bischof zu Athen den Märtyrerkod >r- erlitten haben. Die unter seinem Namen bekannten Schriften über die himmlische Hierarchie, en die Namen Gottes, die kirchliche Hierarchie und die mystische Theologie, nebst zwölf Briefen, cht die insgesammt durch Stil, Inhalt und historische Beziehungen einen Verfasser verrathen, er- der nicht vor Ende des 5. Jahrh. gelebt haben kann, kamen erst im 6. Jahrh. zum Vorschein, ge Blendende neuplatonische Phantasien über das göttliche Wesen und die Ordnungen der nk ^ Engel und seligen Geister, glanzvolle Schilderungen der Ceremonien des katholischen Cultus, -er Verherrlichungen der Hierarchie, Lobpreisungen des Mönchslebens und mystische Deutungen is- der Kirchenlehre gaben ihnen einen hohen Reiz, insbesondere für die griech. Mönche, deren ckt Geistesrichtung eine mehr kontemplative war. Nach neuerer Vermuthung sind sie das Werk 368 Dionysius Exiguus DiophantnS eines christlichen Platonikcrs, der in Opposition gegen den noch nicht völlig verschwundenen Gnosticismus die dionysischen Mysterien in Formeln, Begriffen und Einrichtungen auf das Christcnthum anzuwcndcn versuchte. In Frankreich, wo ein Dionysius im 3. Jahrh. die christliche Gemeinde zu Paris gestiftet hatte, wurden sie im 9. Jahrh. begierig ausgenommen und aus diesem Dionysius durch die Fiction des Abts Hilduin Dionysius der Areopagit gemacht, um das Alter der gallicanischen Kirche bis in das I. Jahrh. Hinaufrücken und einen unmittelbaren Schüler der Apostel und Märtyrer als Schutzheiligen des Reichs verehren zu können. Der Gebrauch dieser namentlich von Johann Scotus Erigena (s. d.) auf Befehl Karl des Kahlen in das Lateinische übersetzten Schriften des D. gab auch dcm MLnchs- leben in der abendländischen Kirche neuen Schwung und zur Entwickelung der mystischen Theologie den ersten Anstoß. Das Kloster Saint-Denis bei Paris, ursprünglich dem Stifter des Christcnthums in Paris, nun dem Areopagiten D. gewidmet, stritt sich im 11. Jahrh. mit dem Kloster Sanct-Emmeran in Negensburg über die Echtheit der Gebeine des D-, die beide zu besitzen meinten und vom Papste anerkennen ließen, und im 14.Jahrh. hatte eine Kirche in Paris von dem Kopfe des Heiligen noch ein drittes Exemplar. Ins Deutsche wurden des D. Schriften von Engelhardt übersetzt (2 Bde., Sulzb. 1823). Vgl. Vogt, „Neuplatonismns und Christenthum, Untersuchungen über die Schriften des D. Areopagita" (Berl. 1836). — Areopagitische Theologie nannte man seit dem Mittelalter und noch im l 8. Jahrh. die mystische Auffassung der Theologie, welche durch die Schriften des D. gangbar und namentlich durch Hugo von St.-Victor, im > 2. Jahrh., cingeführt worden war. Diese Mystik ging von dem Princip aus, daß das Göttliche uner- faßlich für die Vernunft sei, und diese sich auf die fortwährende Negation des Weltlichen von der Gottheit zu beschränken habe, damit sich das göttliche Wesen der Seele in Wahrheit, und zu wirklicher Vereinigung mit sich, mittheilen könnte. Dionysius Exiguus, d. i. der Kleine oder Geringe, wie er sich aus Bescheidenheit nannte, von Geburt ein Scythe, lebte um 53V n. Chr. als Abt in Nom und starb um 558 Die nach ihm benannte Dionysische Zeitrechnung, die Ära von Christi Geburt, nach welcher insbesondere seit dem 8. Jahrh. immer allgemeiner in der Christenheit gezählt wurde, war im Wesentlichen schon im I. 465 von Victorinus oder Victorius von Aquitanien ausgestellt worden; D. hat eigentlich nur den Anfang derselben vom Todesjahre Christi auf dessen.Geburtsjahr verlegt. Ihm zufolge wird die Geburt Christi im I. 754 der Varroni- schcn Ära angenommen; daß er aber das Geburtsjahr Christi mindestens vier Jahr zu spät angefetzt habe, ist mit Beziehung auf Matth. 2, I —IS und den nach Josephus im J.75v erfolgten Tod..des Herodes, schon früher und neuerdings namentlich von Jdelcr dargethan worden. (S. Ära.) Schnellern Beifall als diese Zeitrechnung fand des D. Sammlung der sogenannten Apostolischen Kanonen, Concilienbeschlüsse und amtlichen Briefe röm. Bischöfe, die unter dem Namen der Decretalen (s. d.) zu großem Ansehen gelangte. D. war, wie sein Freund Cassiodorus (s. d.) ihm nachrühmt, ein guter lat. Stilist und Kenner der griech. Sprache, aus der er Vieles übersetzte. Dionysius Periegetes, aus Charax am Arabischen Meerbusen gebürtig, lebte zur Zeit des Augustus und schrieb unter dem Titel „keriegesis" ein noch vorhandenes geographisches Lehrgedicht in Hexametern, in einer reinen, gewählten und fließenden Sprache. Dieses Gedicht wurde von EustathiuS in einem gelehrten und werthvollen Commentar erläutert und von Avienus (s. d.) und Priscian in die lat. Sprache metrisch übertragen. Die besten Ausgaben lieferten Passow (Lpz. 1825) und Bernhardy in den „6eogri>ptli gr»eci winore»" (Bd. I, Lpz. 1828), eine gute deutsche Übersetzung Bredow in den „Nachgelassenen Schriften" (Bresl. 1826). Dionysos, s. Bacchus. Diophantus, einer der ausgezeichnetsten Mathematiker Griechenlands, der nach Einigen um 160 n. Chr. im Zeitalter der Antoninc, nach Andern um 36V n. Chr. in Alexandrien lebte. Man rühmt ihn gewöhnlich als den Erfinder der Algebra; allein er selbst sagt, daß diese Wissenschaft schon vor ihm bekannt war. Doch ist er der älteste unter den Schriftstellern über Algebra, deren Werke auf uns gekommen sind. Er beschäftigte sich vorzüglich mit der sogenannten unbestimmten Analysis oder mit solchen Aufgaben, die mehr Diopterlineal Diorama 369 unbekannte Größen als Gleickungcn enthalten. Von seinem sehr schätzbaren Werke „^ritl,- metics" sind die sechs ersten Bücher erhalten, die sieben letzten aber verloren gegangen. Die besten Ausgaben desselben besorgtenBachet (Par. 1021,Fol.) undFermat (Toulouse l(i7<>, Fol.); ins Deutsche wurde es übersetzt von Schulz (Bcrl. 1821). Seine Schrift „De n»- meris pn!)^nui>" übersetzte Poselger (Lpz. >810). Diopterlineal ist ein Lineal aus Messing, an dessen Enden zwei Metallplattcn senkrecht errichtet sind, welche seine eingcbohrte Löcher oder eine feine Ritze zum Durchsetzen enthalten, um einen bestimmten Gegenstand genau ins Auge zu fassen. Diese Löcher und Ritzen, häufig auch die sie enthaltenden Metallplatten selbst heißen Dioptern oder Absehen. Die beiden Metallplatten sind entweder auf dem Lineal fest, oder mit Charniercn zum Umlegen, zuweilen auch mit Schrauben und Zapfen, um sie abnehmen zu können, versehen. Die eine davon dient als O cul ardiopter unmittelbar zum Durchsetze». Die.andere, Op- j cctivdiopter genannt, ist mit einem seinen senkrecht ausgespannten Faden oder Pferde- haar versehen, der die Mitte des visirten Gegenstandes durchschneiden muß. Oft kann jede Diopter zugleich als Ocular- und als Objcctivdioptcr dienen. Zuweilen ist das Loch zum Visiren in einer Platte angebracht, die sich an dcr Oculardiopter auf- und niederschieben läßt. Divptrik, früher auch Anaklastik genannt, heißt derjenige Thcil der Optik (s. d.) oder Lehre vom Lichte, welcher von der Brechung des Lichts oder vom Durchgang desselben durch durchsichtige Körper, insbesondere von der Brechung in Linsengläsern handelt. Der vorzüglichste Theil der Divptrik ist die Theorie der Fernröhre und Mikroskope, sofern diese beiden Instrumente nur Linsen von Glas, aber keine Spiegel enthalten. Die Alten hatten von der Divptrik, wie von der Optik überhaupt, sehr unvollkommene Begriffe. Im Mittel- alter beschäftigte sich damit der Araber Alhazen, um 1150; später suchten dieselben zu fördern Peckham, Erzbischof von Canterbury, Roger Baco (s. d.), Maurolycus, um >500, Giov. Bapt. Porta, um 1000, und Bacon von Vcrulam (s. d.), um 1630, aber insgc- sammt ohne Erfolg. Epoche machte in der Geschichte derselben zunächst die Erfindung der Brille» (s. d.) zu Anfänge des 13. Jahrh.; ferner die Erfindung des Fernrohrs (s. d.), um 1500, und des Mikroskops im Anfänge des 17. Jahrh. Allein die eigentliche Dioptzrik, nämlich die Theorie der gedachten optischen Instrumente, mußte so lange unbekannt bleiben, als man das Gesetz der Refraction der Lichtstrahlen nicht kannte, nach welchem Kepler, von dem der Name Divptrik und eine der Wahrheit nahekommende Regel hcrrühren, Kircher, Sctzeiner u. A. lange vergebens forschten, bis es endlich Willebrord S n c l l i u s (s d.) in Leyden fand und dadurch die dritte Epoche der Divptrik begründete. Hierauf erschien des Descartes „Dinptrigue" (1030), der jenes Gesetz zuerst bekannt machte, weitere Untersuchungen darauf gründete und nun dieOptik als eine Wissenschaft mit mathematischer Unterlage behandelte. Einen neuen mächtigen Ausschwung nahm die Divptrik durch Newton's „Opties, nr » trkstise ok rollsxions ete." (Lond. 1704). Gleichzeitig mit ihm bearbeiteten sie Rob. Boyle, Huyghens, Jak. Gregori, Isaak Narrow, Lahire, Mariotte, Erimaldi und Hooke, während Eustachis Divini in Rom und Campani in Bologna das Praktische der Wissenschaft durch die besten Fernröhrc ihrer Zeit zu fördern suchten. Die vierte Epoche der Divptrik begann mit der Erfindung der achromatischen Fernröhrc durch Dollond (s. d.), nachdem der Gedanke an die Möglichkeit solcher Gläser und Fernröhre zuerst von Euler ausgesprochen worden war. Euler (s. d.) gab der Theorie der Optik diejenige wissenschaftliche Gestalt, die sie noch gegenwärtig hat, und seine vielen Abhandlungen in den Memoiren der Akademien zu Petersburg und Berlin, sowie seine „Dioptrie»" (3 Bde., Petersb. 1709—71,4.) sind ein bleibendes Denkmal seines Scharfsinns und seines unermüdlichen Eifers. Nach ihm beschäftigten sich mit der Divptrik namentlich Clairaut, d'Alembert, Bouguer und Lambert in Berlin. Die Arbeiten der Vorgänger sammelte Klügel in seiner „Analytischen Divptrik" (2 Bde., Lpz. 1778, 4.) und in der neuern Zeit Littrow in seiner „Divptrik, oder Anleitung zur Verfertigung der Fernröhre" (Wien 1830). Erwähnung verdient auch Prechtl's „Praktische Divptrik" (Wien 1828). Diorama heißt ein Gemälde, worin die Änderungen der Beleuchtung, welche die ver» schiedcnen Tageszeiten, die zunehmende und abnehmende Tagcshelle in den dargestellten Ge- Co"v.-tzex. Neunte Aufl. IV. 24 370 Dioskorides Diphthong gcnständen, Gegenden u. s. w. hcrvörbringen, künstlich nachgeahmt werden, wodurch dieTäu. i schung des Beschauers um Vieles erhöht und eine größere Natürlichkeit der Darstellung er- ! zielt werden kann. In einigen Fällen ist damit das Verschwinden und Sichtbarwerden von Figuren verbunden. Der franz. Maler Daguerre, nachmals als Erfinder der Lichtbilder noch berühmter geworden, hat auch das Diorama erfunden, das später von Gropius in Berlin bedeutend vervollkommnet wurde. Das Wesentliche des Verfahrens liegt darin, daß die Bilderfläche auf beiden Seiten bemalt und sowol durch zurückgeworfenes als durch hindurchgehendes Licht beleuchtet wird, indem das Bild auf der Vorderseite (der erste oder hellere ! Effect) das Licht von vorn, und zwar möglichst von oben, das Bild auf der Rückseite aber (der zweite oder dunklere Effect) von hinten durch vertikale Fenster erhält; die letzter» müssen geschlossen sein, während das erste Bild betrachtet wird. Dadurch, daß man das Tageslicht durch farbige Gläser gehen läßt, kann man ihm einen beliebigen Farbenton geben, z. B. den rochen, welcher der Morgen - und Abcndröthc entspricht. Von Wichtigkeit ist, daß man sich eines sehr durchsichtigen Stoffs bedient, dessen Gewebe möglichst gleichmäßig sein muß. Die Beifügung gewisser mit dem dargestelltcn Gegenstände in Verbindung stehender Tone, z.B Geläute, Rauschen des Windes u. s. w., ist zwar unwesentlich, kann aber dazu beitragen, dev Zweck einer erhöhten Täuschung zu erreichen. Dioskorldes (Pedanius oder Pedacius), ein griech. Arzt, gcb. zu Anazarba oder Anazarbus (Cäsarca Augusta) in Cilicicn im l.Jahrh. n. Ehr., durchreiste im Gefolge röm. Kriegsheere, wahrscheinlich als Arzt, viele Länder und sammelte dabei für die Kräutcrkuude einen großen Schah von Beobachtungen und Kenntnissen ein. In seinem Werke „Oe nur leria meclica" behandelte er alle damals bekannte Armeistoffc und deren Wirkungen nach empirischen und humoralpathologischcn Grundsätzen. Von geringerer Bedeutung und zweifelhaft hinsichtlich ihres Ursprungs sind zwei andere Werke, die seinen Namen tragen, näm- ^ sich „^lcxipbsrmaeu", von den Giften und deren Gegengiften, und „Kupnrist:»", von dm leicht zu erhaltenden Heilmitteln. Fast > 7 Jahrhunderte hindurch behauptete D. eine ziemlich unbestrittene Autorität in der Botanik und Arzneimittellehre, und noch gegenwärtig gilt er als solche bei den Türken und Mauren. Die besten Ausgaben seiner Schriften lieferten Saracenus (Franks. >598, Fol.) und Sprengel (2 Bde„ Lpz. >829—39), den besten Commentar Makthiolus (Ven. 1595, Fol.). Diosküren, d. i. Söhne des Zeus, heißen Kastor und Polydcukes oder Pollux, die Zwillingssöhne der Leda, auch Tyndariden genannt, weil bei Homer Tyndaros als ihr Vater angeführt wird. Nach späterer Sage hat Kastor den Tyndaros, Polydcukes den Zeus zum Vater, daher jener sterblich, dieser aber unsterblich war. Besonders gedenkt die Sage ihres Zugs gegen Thcseus, um ihre Schwester Helena aus seinen Händen zu befreien, ihrer Theil- nahme am Argonaukeuzuge, wobei sich während eines heftigen Sturmes zwei Sterne auf ihren Köpfen zeigten, und an der Jagd des kalydonischen Ebers, und ihres Kampfes mit den Söhnen des Aphareus, Lynkeus, Jdas und Pisos, in welchem Kastor fiel, Polydcukes aber von einem Steinwurf zu Boden gestreckt wnrde. Zeus wollte Letzter», um ihn über den Tod seines Bruders zu trösten, in den Himmel versetzen. Da jedoch dieser ohne Kastor zu leben und daher die Unsterblichkeit anzunehmen sich weigerte, so gestattete Zeus Beiden, einen Tag s in der Oberwelt, den andern in der Unterwelt zuzubringcn. Beide genossen göttliche Ehre, ^ wobei nach Otfr. Müller Zweierlei verschmolzen ist, nämlich die heroische Ehe menschlicher Tyndariden und der altpeloponnesische Eultus der großen Götter. Besonders werden sie als hülfreiche Götter, zumal für Schiffer, womit auch die Sage von den erwähnten Sternen zusammenhängt, und als Beschützer der Gastfreundschaft angesehen. Als Heldenjünglinge sind sie Vorsteher der Gymnastik, und in Sparta standen ihre Standbilder am Eingang der Rennbahn. Dargestellt werden sie in völlig tadelloser Jugendgcstalt mit dem fast nie feh- lenden Attribut der Halbeisorm ihrer Hüte, oder mit auf dem Hinterhaupt anliegendem, um , Stirn und Schläfe mit starken Locken hervortrctendem Haar. Die Unterscheidung des Faust- ^ kämpfers Polydcukes und des Kastor im ritterlichen Costum findet sich nur da, wo sie in heroischer Umgebung dargestellt werden. Auf vielen Münzen, auch auf röm. Denaren, erscheinen sie als Reiter mit Palmen in den Händen. Diphthong, d. i. Doppellauter, heißt in der Grammatik ein Laut, der aus zwei ver» Diplasiasmus Diplomatie 371 chiedenen Vocalen oder Selbstlautern zusammengescht ist und verbunden ausgesprochen wird, wie au, ei, eu, äu, ai. Irrig rechnete man früher hierzu die unreinen oder trübenVocale ä, ö und ü, welche man auch im Verhältniß zu ihren Erundlauten Umlaute nennt. Diplasiasmus wird in der Grammatik die Verdoppelung eines Consonanten genannt, welche bei den Griechen und Römern häufig von den Dichtern angewendet wurde, um eine an sich kurze Sylbe durch Position zu verlängern. Diplaswn oder Doppelflügel nennt man ein Pianoforte mit zwei einander gegenüberliegenden Claviaturen. Hoffmann nannte ein ähnliches, I77S von ihm gebautes Instrument Vis-ü-vis. Diplom (cliplaim,) bezeichnet seiner gricch. Abstammung nach eigentlich, gleichwie Diptycho n (s. d.), eine aus zwei zusammenzuschlagenden Tafelchen oder Blättern bestehende Schreibtafcl, deren man sich zu Aufzeichnungen in Eeschäftssachen bediente; in der Staatssprache der Römer aber im Allgemeinen eine amtliche glaubwürdige Ausfertigung, namentlich der Kaiser und der höhern Staatsbeamten. Im Mittelalter verschwand das Wort gänzlich aus der Geschäftssprache, denn die Urkunden, deren wissenschaftlicher Bearbeitung später die Diplomatik oder Urkundenlehre (s. d.) ihren Namen verdankte, wurden damals mit den Namen cbsrta, p-igum, literae u. s. w. bezeichnet. Erst bei den Streitigkeiten über die Echtheit einzelner Urkunden im 17. Jahrh. kam das Wort wieder in Gebrauch, worauf cs von Mabillon durch sein Werk „De ro «liplonwtica" in den wissenschaftlichen Sprachgebrauch und von Joachim in die deutsche Sprache cingeführt wurde. Mabillon verstand unter tlipIomL alle amtliche, geschichtliche Aufzeichnungen, insbesondere aus älterer Zeit; da er aber in seinem Werke vorzugsweise nur von königlichen Diplomen gehandelt hatte, so gab dies später Veranlassung, nur Ausfertigungen der Könige und Kaiser als «ii- plnmata zu betrachten, die Ausfertigungen der Päpste aber dullae (s. Bulle) und die geringerer Personen geistlichen und weltlichen Standes literao zu nennen. Andere wollten den Begriff des Diploms auf mit einem öffentlichen Siegel versehene Schriften, Andere auf Schriften etwa bis zu Ende des >5. Jahrh., noch Andere auf Pergamcntschristcn beschränkt wissen. Seitdem die Diplomatik in deutscher Sprache bearbeitet und für »lip!»,»., das Wort Urkunde (s. d.) eingeführt wurde, erweiterte sich wieder der Begriff des Worts Diplom, und zwar in so ungehöriger Weise, daß z. B. nach Eattercr's Definition alles Geschriebene als lliploinata sich würde betrachten lassen. Am wichtigsten dkttftc man wol unter Diplom oder Urkunde eine zur Beglaubigung irgend eines Vorgangs oder Beschlusses von Seiten der dabei bethciligten Personen absichtlich ausgestellte schriftliche Erklärung verstehen, wo sich dann von den Urkunden die Acten ss. d.) unterscheiden lassen, zu denen alle diejenigen schriftlichen Geschäftsverhandlungen gehören, die nicht wie jene einen bereits in die Wirklichkeit eingeführten Beschluß oder Vorgang förmlich beglaubigen. — In engerer Bedeutung gebraucht man das Wort Diplom für Adelsbriefe und für die Urkunden über Ertheilung akademischer Würden und die Aufnahme in gelehrte Gesellschaften. Diplomatie. Seit die europ. Staaten aus ihrer mittelalterlichen Jsolirung hcraus- tratcn und einen immer lebendigem politischen Verkehr, zunächst durch ihre Negierungen als die Repräsentanten des Staats nach außen, zu führen begannen, seit es ihnen wichtiger wurde, über die Zustände und Bewegungen im Innern aller Glieder des europ. Staatensystems unterrichtet zu bleiben und die Vorgänge in dem einem lebhafter in allen andern empfunden wurden, hat sich eine Classe Staatsmänner immer wichtiger gemacht, deren speciclle Bestimmung es ist, diesen höchsten Verkehr unter den Negierungen, diese gegenseitige Kenntniß und die zahlreichen unter den Negierungen obschwebenden Verhandlungen zu vermitteln. Das Personal, welches bestimmt ist, den einen Staat in allen seinen Rechten und Interessen bei dem andern zu vertreten, nennt man das diplomatische, welchem aber Agenten, die blos für bestimmte Angelegenheiten beauftragt sind, ohne einen allseitig repräsentativen Charakter zu haben, z. B. bloße Handelsconsuln, nicht beizuzählen sind In einem weitern Sinne hat man überhaupt den politischen Wcchselverkehr unter den Staaten mit dem Namen der Diplomatie belegt. Auch bezeichnet man mit ihm die zur Führung der auswärtigen Angelegenheiten, sowol im Ministerium als in dm Gesandtschaften crfoderliche Kunst. Endlich läßt 272 Diplomatie sich eine besondere Gruppe unter den Staatswisscnschaften ausscheiden, die, weitste in de. speciellen Beziehung auf die Bildung des Diplomaten zusammentrifft, mit dem Namen dn diplomatischen bezeichnet werden mag und sich aus dem philosophischen und dem praktischen Völkerrechte, der Kcnntniß der Völkerverträge und überhaupt des positiven äußern Staats, rechts, der Völkerpolitik und der Geschichte des europ. Staatcnsystems zusammenseht. Doch erschöpften diese Disciplincn den Wiffenskrcis des Diplomaten niemals und thun es jetzt we> Niger als je. Die Diplomatie hat ihren Namen aus Zeiten erhalten, wo die staatsmännischc Kunst sich vielfältig um die Entzifferung alter Pergamente oder Diplome (s. d.), zur Bestärkung veralteter Rechtsansprüche bewegte und die Diplomatik (s. Urkundenlehre) zu den wichtigsten Wissenszweigen der Diplomatie gehörte. Deshalb ward der Ausdruck Diplomatik lange Zeit für die Diplomatie selbst gebraucht. Nach und nach aber trat dil politische Idee, in einer niedern Bedeutung des Worts: die Kunst, den Zweck zu erreiche», in den Vorgrund. Die steifen Formen, die prätentiöse Etikette, die endlosen Streitigkeiten und all die Kleinlichkeiten des Vorrangs, die so viel Mühe und Kunst der Diplomaten des N. Jahrh. in Anspruch nahmen, und durch die jene Diplomatie sich so lächerlich machte, waren für die großen Diplomaten jener Zeiten sehr wohlerwogene und sehr geschickt gebrauchte Mittel zum Zwecke. Sie wurden nicht erst durch den wiener Kongreß, der nur ein vorübergehendes Auskunftsmittel anwendete, auch nicht durch die neuen Bestimmungen des aachener Con- gresses über die Gesandtenclassen, die darauf sehr wenig Bezug haben, beseitigt; ein freiem Geist des socialen Lebens und das Aufkommen anderer Mittel für dieselben Zwecke hatte» sie schon früher entfernt oder doch auf die kleinlichen Angelegenheiten kleinlicher Geister beschränkt und namentlich die Zeit Friedrich's >1., ungeachtet sonst die Diplomatie nicht der Punkt ist, in dem sich Preuße» auszcichnet, hierbei das Meiste gcthan. Dagegen griffen im 18. Jahrh. manche andere, schon vorher in einigen Fällen gebrauchte Richtungen offener und . allgemeiner um sich, welche gleichfalls der Diplomatie viel üble Nachrede zuzogen. Sie hakte ^ einer Politik zu dienen, die mehr persönlich und auf de» Augenblick berechnet, als von bleibenden Grundsätzen und tiefen Ideen getragen war; zur Mode gewordene Eroberungs- und Arrondirungssucht beherrschte die Staaten und mit der Moral der Mittel ward es nicht genau genommen Die Diplomatie verfuhr im gleichen Geiste. Auch diese Zeit ist in der Hauptsache vorüber und wie in keinem Gebiete menschlicher Beziehungen so unleugbare, unberechenbar große, der Förderung des Rechts und der Humanität entsprechende Verschnitte gemacht worden sind, wie in der Stellung der äußern Staatcnverhältniffc, so hat auch die Diplomatie sich vieler früher» Mittel cntäußern können und müssen. Daß sie dessenungeachtet nicht populair ist, darf nicht verwundern. Es liegt in der Natur der Verhältnisse, daß sic wesentlich ein Geschäft der vornehmen Stände ist. Es liegt in dem Wesen des Geschäfts, daß sie meist Sache der Aristokratie ist. Die Erfahrung belegt das Letztere. Schon unter den griech. Staaten war das aristokratische Sparta in den äußern Angelegenheiten ebenso erfolgreich, wie das demokratische Athen unglücklich. Unter allen Staaten des Alterthums handelte Nom gegen außen am glücklichsten, und hier war der Sitz aller äußern Politik im Senate. Derselbe Gegensatz, wie im Alterthum zwischen Sparta und Athen, findet sich, mit denselben Folgen, im ital. Mittelalter, zwischen Venedig und Genua. In der l Schweiz haben die Patricier von Zürich und Bern sich Jahrhunderte lang in der äußern ' Politik eine Achtung bewahrt, die ihren Nachfolgern nicht zu Theil geworden ist. In England sind die auswärtigen Angelegenheiten ebenso das Monopol des Oberhauses und der Pairie, wie die Finanzsachen das des Unterhauses. Der größte Diplomat des revolutionairen Frankreichs war auch der letzte grunä s(-iA„e»r. Auf dem Festlande sind außerdem besonders die Diplomaten Rußlands, die meist, und Ostreichs, die so gut wie sämmtlich aus der Aristokratie gewählt werden, berühmt und von den letzter» bekannte selbst Napoleon, oft besiegt worden zu sein. Es handelt sich bei dem Allen keineswegs blos um die äußere Neprä- . ientation und gesellschaftliche Tournure, sondern auch um die Vererbung großer Grundsätze, . oas Festhalten durch Jahrhunderte reichender Plane und das Gefühl gesicherter, hoher Stellung. Das ist aber auch ein Grund, warum die Diplomatie den demokratischen Kreisen nicht vertraut wird, daß sie so vielfach den Umständen momentan nachgebcn, langsam und ans Umwegen vorschreiten, den Moment der Zukunft, den Schein dem Wesen opfern und Diplomatik Dippel Z7Z ruhig und beharrlich ihrem Ziele nachstreben, muß. Im Übrigen ist die Aufgabe der Diplomatie gegenwärtig zwar edler und wohlthätiger, aber gewiß nicht leichter geworden. Schon der Wissenskreis ist erweitert und während von jeher die obengenannten Wissenschaften und daneben noch mancherlei Fertigkeiten in Sprachen, Chiffriren und Dechiffriren u. s. w. zu der Bildung eines zu allen bezüglichen Geschäften vorbereiteten Diplomaten gehörten, so sind jetzt auch Kenntniß des positiven inncrn Staatsrechts der einzelnen Staaten, die auch früher nicht ganz entbehrt werden konnte, jetzt aber i'n größcrm Umfange gebraucht wird, Statistik und Nationalökonomie dazu zu rechnen. Dieses sind indeß Sachen, die methodisch erlernt werden können. Der höhere Diplomat muß aber gegenwärtig überhaupt in der geistigen Bewegung der Zeit stehen; er muß die großen Fragen der inner« Politik, der Nationalökonomie, des socialen Lebens in ihrer ganzen Bedeutung verstehen, würdigen, beherrschen; er muß wissen, was sie für seine Zwecke ergeben. Endlich ist alles diplomatische Wissen unzureichend ohne die diplomatische Kunst, die nicht auf dem Wege des Unterrichts erkannt werden kann, die nur in der Schule des Lebens und von Solchen, die dazu geboren sind, erworben wird und deren Besitz alle Lücken des diplomatischen Wissens reichlich ersetzt. Auch werden sich selten alle Eigenschaften, Kenntnisse und Fertigkeiten des Diplomaten in einer Person vereinigt finden, und auch hier wird Thcilung der Arbeit nöthig sein, oder der Mangel im Einzelnen über den Besitz des Wichtigem übersehen werden müssen. Einen Theil der völkerrechtlichen Bestimmungen, speciell das Gesandtschaftsrecht mit einigen Notizen über Herkömmliches und einigen Klugheitsregcln hat man in besonder« Werken zusammengestellt. Hierher gehören Wicqucfort's „I^'iimbsssudouret ses ionctivns" (2 Bde., Par. l 764,4.), des Grafen Garden „'I'rrdts complet de diplomatie pur m> sncien ministre" (3 Bde., Par. 1833), Winter's „8)steme de la diplomutie" (Berl. 1836) und vorzüglich Karl von Martens' „»lsnuel diplomatique" (Lp;. 1822; 2. Aust., unter dem Titel „6luide diplomatique" (2 Bde., Lpz. 1832), womit Pinheyro-Ferreira's„Observstions sur Is guicle diplomatique" (Par. >833) zu vergleichen sind. Unbedeutend sindF.Kölle's „Betrachtungen über Diplomatie" (Stuttg. 1838). Unter den Sammlungen der neuern Diplomatie erwähnen wir die von G. F. von Martens, fortgesetzt von Charl. de Marlens, von Koch, Schöll, Klüber und P. A. G. von Meyer. Vgl. außerdem Flassan, „llistoire genöraie et raisonnes de I» diplomutie trsm;." (6Bde.,Par. 1809; 2.Aust., 7 Bde., 1811), Battur, ,,'Lrsite de <>,»it publique et de diplowstie, -Ipplique ä I'etat actuel de la Trance et de I'biurops" (2 Bde., Par. 1822), Liechtenstein, „Über den Begriff der Diplomatie" (Wien 1814) und desselben Untersuchung „Was hat die Diplomatie als Wissenschaft zu umfassen" (Altenb. 1820 ). Diplomatik, s. Urkundenlehrc. Dipödie, d. i. Doppclfuß, auch Syzygie, heißt in der Metrik die Verbindung zweier Versfüße zu einem Versgliede, wie der doppelte Jambe oder Dijambus (^ — ^ —); auch bezeichnet man damit das Messen oder Lesen der Verse nach zwei Füßen, daher man einen Vers dipodisch, d. i. nach zwei Füßen, abtheilt. Dippel (Joh. Konr.), ein Schwärmer, geb. auf dem Schlosse Frankenstcin bei Darmstadt am 10. Aug. 1673, studirte zu Gießen anfangs Theologie, dann Medicin und Juris- vrudenz, weil er die Fesseln der Orthodoxie nicht ertragen konnte. Nachmals irrte er m ver- schiedenen Gegenden Deutschlands und in Holland umher, hielt zu Strasburg Vorlesungen und ging endlich nach Dänemark. Hier ließ er seinen Haß gegen die Geistlichkeit so zügellos aus, daß er auf Bornholm gefangen gesetzt wurde. Als er wieder loskam, begab er sich nach Schweden, wo er sich durch glückliche Euren ein solches Ansehen erwarb, daß ihn der König in einer schweren Krankheit nach Stockholm berief. Auf dringendes Ansuchen der Geistlichkeit mußte er indeß auch Schweden wieder verlassen, ging dann nach Berleburg und starb am 2S.Apr. 1734 ganz plötzlich auf dem Schlosse Wittgenstein. Das Wesen seiner Schwärmerei, zu welcher ihm die Lecture Spcner'schcr Schriften die erste Anregung gegeben hatte, bestand darin, daß er die Religion blos in Liebe und Selbstverleugnung setzte und deshalb eine Menge Dogmen als indifferent verwarf und verspottete. Übrigens besaß er gelehrte Kenntnisse, auch in der Chemie. Er soll der Erfinder des Berlinerblaus gewesen sein oder wenigstens die Zusammensetzung desselben zuerst theoretisch gekannt haben. Seine zahlrei- 374 Dipteren Direktorium chen Schriften gab er unter dem Namen ChristianusDemokritus heraus. Vgl. Alker- mann, „D.'s Leben" (Lpz. 1781). Diptkren oder Zweiflügler, s. Insekten. Diptychon nannten die Griechen die aus zwei zusammengelcgten Blättern bestehende Schreibtafel, deren sie sich zum häuslichen Gebrauch bedienten, und es kommt demnach bei Diptychon seiner Bedeutung «ach eigentlich mit Diplom (s. d.) überein. Bestanden dich Schreibtafeln aus drei und mehren Blättern, so nannte man sie Triptycha, Polyp, tycha u. s. w. Sie waren ursprünglich aus Hol; gefertigt, das man mit Wachs überzog, silberne, goldene und elfenbeinerne wurden erst unter den Römern gewöhnlich, und der steigende Luxus schmückte sie mit Darstellungen berühmter Personen und Gegenstände, auch dieselben erklärenden Inschriften. Prätoren, Ädilen und Consuln bediente» sich ihrer zu öffentlichen Geschenken, bis solches nur den lehtern noch gestattet wurde. Frühzeitig fand«, die Diptycha auch Eingang in die christliche Kirche, wo man zunächst die Namen der Neu- getauften, dann der Kaiser, Bischöfe, Märtyrer und Bekenner, für die man bei dem Evt- teSdienste betete, sowie der Verstorbenen, endlich auch der Wohlthäter der Kirche, der Begründer von Kirchen nebst ihren Gemahlinnen und Kindern, der Äbte und Vorsteher dn Kirchen eintrug, und die man seit dem 5. Jahrh. ebenfalls mit den Bildnissen Christi und der Mariä sowie anderer Heiligen verzierte. So entstanden allmälig in den christlich!» Diptychen ganze Reihenfolgen der Kaiser, Bischöfe u. s. w.; insbesondere aber sind dich Diptychen als die Denkmäler kundiger Zeitgenossen von Wichtigkeit für die Genealogie und gewissermaßen als die erste Form der Geschlechtstafeln zu betrachten. Später traten and« Stelle dieser Diptychen die Nekrologien (s. d.); doch erhielten sie sich auch noch lang! neben denselben. » Dirce, die Tochter des Helios und die Gemahlin des thebanischen Fürsten Lykol! wurde von Amphion (s. d.) und Zethus wegen der an ihrer Mutter Antiopc (s. d.) verübten Grausamkeit an einen Stier gebunden und von diesem zu Tode geschleift. Direct heißt so viel wie gerade, unmittelbar, aus der ersten Hand. In der Logik steht der directe Satz, der in der bloßen Verneinung des Behaupteten besteht, dem indirecten, dn etwas Anderes a» die Stelle des Behaupteten setzt, gegenüber. Direct wird eine Waare bezogen, die man ohne Zwischenhändler aus der crstenHand empfängt. — Directes Feim oder directe Schüsse nennt man solche Schüsse, bei denen die Kugelbahn eine gerade odn sehr flach gekrümmte Linie bildet, wie das Feuer aus Kanonen und dem Kleingewehr. Bit det aber die Kugelbah» einen hohen Bogen, wie beim Granat- und Bombenwerfen, wobei das Geschoß den Feind von oben trifft, also ihn selbst dann noch beschädigen kann, wenn er hinter deckenden Gegenständen, z. B. Brustwehren, steht, so sagt man, der Feind werde in direct beschossen, und diese Art des Feuers heißt indirektes Feuer. Direktorium, der gewöhnliche Name für den obersten Vcrwaltungskörpcr einer Anstalt oder Gesellschaft, hieß in der franz. Republik die oberste Regierungsbehörde zufolge dn Constitucion vom Jahre III (>795). Diese Constitution und die Directorialverwaltnng zusammen bildeten den Wendepunkt im Verlaufe der franz. Revolution. Mit dem Sturz! i ber Schreckensherrschaft hatten im Nationalconvente die gemäßigte» Republikaner mit de«' Constitutionellcn vom I. 1791 die Oberhand erhalten und dachten nun darauf, die Frücht! der Revolution durch eine feste, gesetzliche Staatsorganisation gegen die Umtriebe der Demo traten und Royalisten zu befestigen. Ein Conventsausschuß mußte im.Sommer des I. UI die neue Constitution entwerfen. Nach derselben ward die vollziehende Staatsgewalt einem Direktorium von fünf Gliedern übertragen, dem zur Seite ein vcrantwortlicbes Ministerium stand. Die gesetzgebende Gewalt dagegen übten zwei Näthe, der Rath der Fünfhundert, der die Gesetze vorschlug und dessen Glieder wenigstens 99 Jahre alt waren, und der Rath der, Alten, der die Gesetze bestätigte und 259 Glieder zählte, welche Familienväter undwenigstcnb ; -19 Jahre alt sein mußten. Beide Räthe ergänzten sich jährlich zum dritten, das Direktorium zum fünften Theilc. An jedem l. Prairial (29. Mai) traten die mündigen, mindestens den Werth dreier Arbeitstage steuernden Bürger in Urversammlungen zusammen und wählten die Wahlversammlungen; diese ernannten am 29. Prairial (8. Juni) die Räthe, die dann die Direktoren beriefen. Die große Volksmassc sah dieser Reorganisation fast theilnahmS- Direktorium 375 los zu; die reinen Demokraten waren in den Aufständen seit dem 9. Thermidor vernichtet worden, stakt ihrer traten, bei der gegcnrevolutionaircn Stimmung, die Royalisten mit großem Erfolge auf dem politischen Schauplätze hervor. Sie bildeten einedrohendeVerbindung mit Häuptern, Agenten und Zeitschriften. Um dieser Purtei die Wahlen nicht ganz preiszugeben, beschloß der Convent, die gesetzgebenden Räthe für das erste Mal zu zwei Dritthei- len aus seiner eigenen Mitte zu bilden und nur das eine Drittheil der Volkswahl zu überlassen. Diese kluge Maßregel hatte den royalistischcn Aufstand vom 13. Vendemiaire (4.Oct.) zur Folge, in welchem der General Bonaparte unter Barras den Convent und die Republik rettete. Nachdem der Convent am Tage vorher seine Dictatur nicdergelegt, trat endlich am 5. Brumaire des I. lV (26. Oct. 1795) die Constitution in Wirksamkeit. Nicht ohne Umtriebe wurden Barras (s. d.), Rcwbell, Lareveillerc, Letourncur und Carnotss. d.) ins Direckorium berufen. Es galt für eine Garantie, daß diese Männer an den Rcvolutions- creignissen sich wesentlich belheiligt und sämmtlich für den Tod Ludwig's XVI. gestimmt hatten. Obschon keine großen staatsmännischen Talente, begannen sie doch ihr schweres Amt in den leeren Wänden des Palastes Luxembourg mit Muth und Gesinnung und beschwichtigten durch ihr Festhalten an der Constitution die Besorgnisse des Volks. Die arbeitenden Classen verließen den politischen Schauplatz und gingen an ihre bürgerlichen Geschäfte, wodurch das materielle Elend und die Vertheilung der Lebensmittel durch die Negierung wcg- fiel. Die Nation begann eine unermeßliche industrielle Thätigkeit und verfiel zugleich nach dem langen Drucke in leidenschaftliche Genußsucht. Die Entblößung, in welcher die Directo- ren das öffentliche Wesen fanden, war dessenungeachtet nicht zu überwinden. Die noch vorhandenen Nationalgüter konnten nicht mit Vortheil verwerthet werden, weil die Zahlung in den gänzlich werthloscn Assignaten geschah. Eine Zwangsanleihe, die sich das Direckorium erbitten mußte, kam bei der Anwendung gelinder Mittel nur thcilweise zu Stande. Man beschloß, das Papiergeld zu heben und schuf Pfandscheine auf die Nationalgüter, sogenannte Mandate, mit welchen man die Assignaten zu dreißig auf eins einlöste; allein der Erfolg und die Hülfe waren nur augenb icklich, die Mandate entwertheten sich gleich den Assignaten und beschleunigten nur den Nationalbankrott. Die militairische Lage der Republik war gleich mislich. Schwäche der Regierung und Mangel hatten die Disciplin der Heere aufgelöst. Durch die Treulosigkeit Pichegru's stand das Land vom Rhein her offen, in der Vende'e wüthete der Bürgerkrieg, die Küsten Frankreichs und Hollands waren von den Engländern bedroht, die Armee in Italien unter Scherer und Kellermann befand sich in der traurigsten Verfassung. Carnot entwarf zuvörderst einen großartigen Kriegsplan, der die reorganisirten Heere in das Herz der östr. Monarchie werfen sollte. Bonaparte erhielt den Befehl in Italien, Jourdan blieb bei der Armee der Maas und Sambre, Moreau trat an die Spitze der Nheinarmcc, Hvche unterwarf die Vende'e. Diese glänzende Thätigkeit des Direktoriums nach außen wurde aber unterbrochen durch die Parteiumtriebe im Innern. Die Demokraten, deren Theilnahmc am Staats- und Gesellschaftsleben durch die Constitution gebrochen war, hatten sich zu einer Verbindung unter dem schwärmerischen Babeuf (s. d.) zusammen- gerottct und waren entschlossen, die Verfassung von 1793, die ihren communistischen Absichten näher lag, wieder einzuführen. Nachdem das Direckorium am 21. Floreal des I. IV (16. Mai 1796) die Häupter der Verschworenen hatte verhaften und vor Gericht stellen lassen, griff diese Partei in der Nacht des 23. Fructidor (9. Sept.) die Truppen im Lager zu Grenelle an, die sic sich theilweise ergeben glaubte. Während das Direktorium einen ähnlichen Versuch der Royalisten auf die Truppen mit Gefängniß bestrafte, mußten die Demokraten durch Todesurtheile und Verbannung büßen. Diese Mäßigung, die gegen die mächtige Partei Schwäche verrieth, machte die Royalisten nur um so kühner; sie beherrschten mit außerordentlicher Thätigkeit die Wahlen in allen Provinzen und untergruben das schon unsichere Vertrauen des Volks zur Negierung, daß dieselbe allmälig ihre Stütze in dem Heere suchen mußte. Die am >. Prairial des I. V (26. Mai 1797) ergänzten Räthe zeigten sich völlig royalistisch; sie ernannten die Royalisten Pichegru und Barbe-Marbois zu ihren Präsidenten, beriefen den royalistifchen Franc. Barth clemy (s. d.) statt Letourneur ins Direktorium, griffen die Politik der Regierung schonungslos an, legten ihr die Zerrüttung der Finanzen zur Last und verlangten die Einstellung des Kriegs und die Entwaffnung des 37L Directorium Heers. Dabei überschwemmten sie durch ihre Beschlüsse die Republik mit Emigranten und suchten staatsrechtlich die alte Kirche herzustellen. Dieser drohende Zustand vereinigte die Constitutionellen von l79l mit der Partei des Direktoriums; cs kam der Club Salm zu Stande, der dem Club Clichy, dem Vereinigungsorte der rsyalistischen Räthe, cntgcgengc- seht wurde. Überdies ließ das Directorium mehre Regimenter von der Maas- und Sambre- armee in die Nähe von Paris rücken, womit es den ersten Schritt über die Constitution hin- , aus that. Der streng verfassungsmäßige Carnot und der royalistische Barthelcmy waren mit dieser Entschlossenheit ihrer College» nicht zufrieden; sie warfen sich zu Vermittlern zwischen den Rathen und der Majorität des Direktoriums auf, und die Räthe, die wohl einsahen, daß ihnen die nächsten Wahlen unausbleiblich den Sieg verschaffen mußten, .wollten auch unter der Bedingung eurer Ministerialveränderung in den Vergleich entgehen. Barras, Newbell und Lareveillere wiesen diese Vereinbarung, die ihren Sturz nur verschieben konnte, entschieden zurück. Die Armee mußte auf ihre Veranlassung Adressen an die Räthe richten, unter denen sich die Augereau's durch heftigen Eifer gegen die Royalisten auszeichncte, und die herbeigerufenen Truppen besetzten Versailles, Mcudon und Vin- cennes. Die Räthe ihrerseits schlossen die constitutionellen Clubs, stellten ihre Garde, über die bisher das Directorium verfügte, unter royalistische Anführer und beschlossen auf Pichcgru s Rath die Herstellung der Nationalgarde. Der General Willst, damit nicht zufrieden, schlug in der Sitzung vom 17. Fructidor (3. Sept. l 797) vor, daß man am nächsten Tage die Constitution und die Negierung offen durch einen gewaffncten Aufstand vernichten sollte. Dieser Vorschlag fand Beifall und war für die drei Direktoren das Zeichen zum Angriffe. In der Nacht vom 17. zum 18. Fructidor ließen die drei Direktoren die Truppen unter dem Befehle Augereau's in Paris einrücken, gegen Morgen die Tuilcricn, den Versammlungsort der Räthe, besetzen, die gegenwärtigen Generale, Pichcgru, Willst und den Com- i Mandanten der Garde, Ramel, die Inspektoren der Säle, sowie die entschiedenen Royalisten I Unter een herbeieilenden Rächen verhaften und in den Tempel bringen. Das erwachende Paris staunte über die nächtlich vollzogene Revolution und verhielt sich als Zuschauer. Am Nachmittage rechtfertigten die drei Direktoren den Gewaltstrcich vor den versammelten aber gelichteten Rächen und erlangten auf der Stelle ein umfassendes Verbannungsdccrct. Der Ostracismus war an die Stelle des Fallbeils getreten. Aus dem Rache der Fünfhundert wurden -II, aus dem der Alten 11 Mitglieder, aus dem Directorium die Minorität, Carnot und Barthe'lemy, außerdem mehre Beamte, Generale, vornehme Royalisten und 35 Journalredacteure verbannt. Die Gesetze zu Gunsten der Priester und Emigranten wurden widerrufen und die Provinzen durch mehre Beschlußnahmen von dem Einflüsse und der Gegenwart des Adels gereinigt. Die Niederlage der Partei war vollständig; der 18. Fructidor rettete nicht nur das Directorium, sondern Frankreich von dem Joche der alten Bourbonen- wirthschast. Der Friede von Campo-Formio sicherte kurz darauf der franz. Republik die eroberten Provinzen; alle ihre Feinde legten bis auf England die Waffen nieder. Da indcß. das Directorium die Entwaffnung der Heere fürchtete, schickte es den ehrgeizigen und absichtsvollen General Bonaparte nach Ägypten, dessen Eroberung den Angriff auf das brit. Indien cinleitcn sollte; cs ließ die Schweiz, den Herd royalistischer Umtriebe, überziehen und - zwang diesem Lande die franz. Verfassung auf; auch aus dem Kirchenstaate wurde eine Republik geschaffen. Die Gewalt des Directoriums schien jetzt unermeßlich; die helvetische, batavischc, ligurische, cisalpinische und röm. Republik, alle waren die Schattenkörper des mächtigen Frankreichs. Allein das Directorium hatte mit der Verfassungsverletzung sein inneres Gewicht verloren. Die bisher gleichgültigen Massen sahen sich einer neuen Dictatur unterworfen uud die wieder erstarkte Partei der alten Republikaner wollte von der Gleichgewichtspolitik des Directoriums nichts wissen. Die Wahlen vom Floreal des I. VI (Mai - 1798), die außcrordentlicherweise die Räthe um -137 Mitglieder ergänzen sollten, wa- ren ganz im Sinne der alten Republikaner ausgefallen. Das Directorium, an Gewaltstreiche k gewöhnt, wagte am 22. Floreal, die meisten dieser Wahlen zu annulliren, und seine Verein- zelung und Ohnmacht war hiermit vollständig. So sehr man geneigt ist, das Schicksal des Directoriums den Umständen beizumessen, so ward es doch hauptsächlich das Opfer seines persönlichen Charakters. Merlin de Douai und Treilhard, die für die Verbannten eingetre- Dlreerrix Discanl 377 trn, waren politische Sachwalter und keine Staatsmänner; Rcwbell, die einzige Stütze des Direktoriums, besaß die Thatkcaft, nicht aber das Genie eines Staatslcnkcrs;'Larevcillere war deistischer Schwärmer; Barras begrub sich träg in einem vergnüglichen Leben. Noch während des Congresses zu Nastadt hatte sich England mit Rußland und Ostreich aufs neue 'zum Kampfe gegen die franz. Republik verbunden; die folgenden Ereignisse sollten die volle Schwäche des Direktoriums aufdecken. Die ungemeine Thätigkeit, mit welcher das Dirccto- rium den Verbündeten 2900V9 M. das erste Mal gesetzlich ausgehobencr Republikaner ent> gegenzustellcn suchte, konnte nicht verhindern, daß die schlagfertigen Feinde von drei Seiten Frankreich mit einer Invasion bedrohten. Nach dem blutigen Siege Ehampionnet's in Neapel, wurden Moreau und Macdonald in Italien geschlagen, Jourda» am Oberrhein hart bedrängt; zugleich landete der Herzog von Aork mit einer Armee in Holland und in der Vendc'e erhoben sich die Royalisten. Inmitten dieser üblen Lage erfolgten die Wahlen des > I. VII (1709) und sie sielen ganz republikanisch aus. Die Räthe, nachdem sie an Newbell's Stelle den der Constitution feindlich gesinnten Sieyes (s. d.) ins Direktorium gerufen, erklärten sich In Permanenz und fodertcn Rechenschaft über die Lage der Republik. Treil- hard mußte angeblich eines Formenfehlers wegen dem Exjustizminister G oh i cr (s. d.) im Amte Platz machen, Merlin und Larcveillere aber ihre Stellen auf das Drängen der Räche freiwillig niederlegcn. Barras, der seine Kollegen verlassen, hielt die Republik verloren und trat mit den Bourbons in Unterhandlung. Die Radikalen benutzten den Sieg und brachten den General Moulins, die Gemäßigten Roger Ducos ins Direktorium. Alles dies fiel am 39. Prairial (18. Juni) vor; jeder der großen Staatskörper hatte nun die Constitution verletzt und dieselbe dem Untergänge geweiht. Nach der Katastrophe trat Sieyes auf und suchte die Verfassung und die Regierung vollends zu untergraben; er selbst hatte eine sehr kunstvolle Constitution entworfen, mit deren Einführung er die Revolution für immer zu schließen und die Republik zu sichern gedachte. Seine Stützen waren Roger Ducos, der Nach der Alten und die Mittelklasse des Volks. Gohier und Moulins, der Rach der Fünfhundert und die republikanische Verbindung, die sich aus radikalen Elementen in der Reitbahn zu- sammengethan, standen der Partei Sieyes' gegenüber. Beide hatten ihre Vertreter im Ministerium, das mit dem Direktorium war erneuert worden. Der Sieg Massena's in der Schweiz und der Brurws über den Herzog von Jork konnten diesen wcitgediehenen Zwiespalt nicht aufheben. Sieyes zögerte nur mit dem Staatsstreiche, weil ihm ein tauglicher General dafür fehlte. Plötzlich landete am 17. Vende'miaire des I. VIII (8. Oct. 1799) zu Fre'jus der General Bonapartc; auch er war entschlossen, seinen Theil an der bevorstehen- den Zertrümmerung der Verfassung zu nehmen. Sieyes, der sich über die Absichten des ehrgeizigen und mächtigen Mannes nicht täuschte, verband sich mit demselben am l 5. Brn- maire zum planmäßigen Umstürze der Constitution und des Direktoriums. Drei Tage später, am 18. Vrumairc (s. d.), wurde die franz. Republik die Beute eines kühnen und glücklichen Soldaten. Direktrix heißt in der Mathematik diejenige gerade Linie, längs welcher sich eine andere gerade Linie oder eine Ebene bewegen muß, um eine ebene Figur oder einen Körper zu beschreiben. So entsteht ein Parallelogramm, wenn von zwei zusammenstoßcndcn geraden Linien die eine mit sich selbst parallel auf der andern fortgeschoben wird, ein Prisma, wenn eine geradlinige Figur längs einer durch die eine Ecke derselben gehenden, nicht in derselben Ebene liegenden geraden Linie mit sich selbst parallel fortgerückt wird u. s. w. Insbesondere nennt man bei der Parabel eine auf der Achse derselben in einem Punkte, der vom Scheitel ebenso weit als der Brennpunkt entfernt ist, außerhalb der Parabel errichtete Senkrechte die Direktrix der Parabel; sie hat die Eigenschaft, daß jeder Punkt der Parabel von ihr, der Direktrix, ebenso weit als vom Brennpunkte entfernt ist. Diren, s. Eumeniden. Dis, eine ältere röm. Sprachform für üives, d. h. reich, war bei den Römern die allgemeine Bezeichnung des Reichthum gebenden Gottes Pluto (s. d.). Bei den Griechen war Dis ebenfalls eine frühere Sprachform für den Namen Zeus. (S. auch Ton und Tonarten.) Discant, s. Sopran, und Diöcantschlüffel, s. Schlüssel. 378 Disciplin Diskussion Disciplin heißt zunächst der Thcil der Erziehung, welcher sich auf das Handeln bezieht und Gewöhnung der Zöglinge an Gehorsam und Fleiß zum Zweck hat; dann die Zucht selbst,B. Kriegs- und Mannszucht. In den positiven Religionen nnrd die Disciplin der Doctrin oder den Glaubenslehren und dem Unterrichte in denlclbcn entgegengesetzt und begreift die Kirchenzucht, d. i. die Aufsicht über die Kirchengliedcr, in Beziehung auf gottesdienstliche oder auch auf rcligionswidrige Handlungen. Da man im Mittelalter das Geißeln in der christlichen Kirche als ein Mittel der Disciplin ansah, so ward auch für diese der Name Disciplin gebraucht. I» dem wissenschaftlichen Gebiete nennt man Disciplin jedes besondere Fach oder eine besondere Wissenschaft. Meiplilltl, »reiilli, s. ^rcsui cliscipiiliu. Disciplinarflkwalt. Weder die Strafgcwalt des Staats noch die policciliche Fürsorge reicht in allen Fällen und für alle Kreise der bürgerlichen Gesellschaft so weit, als die Sorge des Staats für Aufrecbtcrhaltung der Ordnung gehen soll. Namentlich bleibt für gewisse im Staate selbst wieder abgegrenzte Sphären eine Oberaufsicht nöthig, die ohne die Befugnis zur Verhängung von Strasübcln nicht wirksam sein könnte. Andererseits kann aber diese letztere aus Rücksicht auf die besondcrn Verhältnisse dieser Sphäre und auf den Bereich dieser Wirksamkeit nicht an alle die Voraussetzungen gebunden sein, unter denen die allgemeine Strafgewalt des Staats sich zu realisiren hat. Hieraus entsteht der Begriff der Disciplinargewalt. Eine solche tritt bei der Staatsverwaltung ein in dem Verhältnisse der Vorgesetzten zu den Untergebenen im Staatsdienste, bei einzelnen öffentlichen Anstalten, z.B. in Sachsen bei dem Institute der Communalgarde, bei den Unterrichtsanstalten, ferner analog der Staatsverwaltung auch bei der Gemeindeverwaltung und hinsichtlich der geistlichen Obern im Verhältnisse zu den ihnen untergebenen Geistlichen. Da sie durchgehend nur aus besondcrn Verhältnissen beruht und ihrer Natur nach schon eine Ausnahme von der allgemeinen Rechtspflege des Staats ist, so müssen ihre Grenzen auch möglichst scharf und eng gezogen werden, wenn nicht großer Misbrauch derselben befürchtet werden soll. Jedenfalls darf sie nicht gegen allgemeine Rcchtsgrundsätzc verstoßen, und rechtliches Gehör muß bei Klagen über deren Überschreitung stets gestattet werden. Die von ihr verhängten Tkrafubel sind theils die auch sonst üblichen nieder» Strafgattungen, wie Verweis, Geld-, auch wol unter besondcrn Umständen Gefängnisstrafe, theils sind sie durch diebesondereVerbindung bedingt, welche der Disciplinargewalt zu Grunde liegt, z. B- Amtsentsctzung, Relegation u. s w. Verwandt der Disciplinargewalt ist übrigens das Züchtigungsrecht der Altern in Bezug auf ihre Kinder, sowie sie andererseits sehr oft in das Gebiet policeilicher Straf- und Vordem gungsmaßregcln überstreift. Discontinuirlich heißt in der Geometrie Alles, was nicht nach dem Gesetze der Stetig keit (s. d.) verbunden ist, z.B. eine gebrochene Linie, die aus mehren geraden Linien, oder eine krumme Linie, die aus Bogen verschiedener anderer krummen Linien zusammengesetzt ist, z. B. ein Oval, das aus Kreisbogen von verschiedenen Halbmessern besteht. Diskonto heißt die Vergütung, welche man sür die unverzügliche Zahlung einer erst später fälligen Summe Geldes gewährt. Wird ein Wechselbrief zum Discontiren angctra- gen, so rechnet man für die Zeit, welche er noch zu laufen hat, die einfachen Zinsen und zieht sie von dem Betrage des Wechsels ab, wclchcrüberschuß dem zeitherigcn Besitzer des Wechsels ausgezahlt wird. Dieses Verfahren aber ist ungenau, weil die Zinsen statt, wie es sein sollte, erst am Verfalltage schon am DiScontotage bezahlt werden, ohne den Disconto vom Disconto abzurechnen, und es wird auf diese Art etwas mehr als der gewöhnliche Zinsfuß erlangt. Je sicherer die Unterschriften auf einem Wechsel sind, desto niedriger ist der Disconto. Auch bei Waarcngeschäften findet ein Disconto statt, wenn sie auf Zeit gemacht worden find und die Zahlung vor Ablauf des Termins geschieht, wo dem Käufer ein Disconto zugestan- dcn wird, welcher gewöhnlich höher als der laufende Zinsfuß ist. Discordia, s. Eris. Diskretionstafle, s. Respekttage. Discnrfiv, s. Erkenntniß. Diskussion heißt die Erörterung, besonders wenn eine Frage von verschiedenen Seiten betrachtet und durch Austausch verschiedener Meinungen darüber untersucht wird- Disentis Dispache 379 Disentis oder Dissentis, ein Dorf im Grauen Bunde des schweizer. Cantons Grau- bündten, 3550 F. über dem Meere am linken Ufer des Rhein, hat etwa 1100 romanisch redende Einwohner, weshalb auch hier eine Druckerei für romanische Schriften sich befindet. Das dasige Benedictinerkloster wurde Olt durch den schot. Mönch Siegbert, einen Schüler des heil. Columbanus, gegründet. Von hier aus verbreitete sich das Christenthum durch die Thäler GraubündtenS, weshalb auch der Abt des Klosters die Herrschaft über den ganzen Bezirk und das Urserenthal, ja spater den Titel eines Reichsfürstcn erhielt, den er bis zur Auflösung des Deutschen Reichs führte. Während des franz. Nevolutionskricgs wurde hier >709 eine franz. Grenadiercompagnie von graubündtner Schützen überfallen und nie- dcrgcmachk. Aus Rache dafür steckten die Franzosen später den Ort und die Klostergebäude in Brand und ermordeten die größtentheils unschuldigen und wehrlosen Bewohner. Disjnnction und Disjunktiv, s. Urtheil und Schluß. Diskus hieß die steinerne oder metallene in der Mitte, wo ein gewöhnlich lederner Handgriff angebracht war, stärkere, nach dem Umkreise flacher ablaufcnde Wurfscheibe, welche zu gymnastischer Übung bei den Griechen von uralter Zeit her in Gebrauch war. Mit dem Diskus tödtete der Sage nach. Apollon den Hyacinth; im Homer wird das Diskuswerfen oft erwähnt, und in den olympischen Spielen bildete cs nebst dem Lauf-, Sprung-, Ring- und Faustkampfe das sogenannte Pentathlon (Fünfkampf). Von den Griechen kam das Diskuswerfen zu den Römern, die es in der Kaiscrzeit gern übten. Diskuswerfer wurden oft von Künstlern in Statuen dargestcllt, unter denen die des Myron, von der, wie cs scheint, antike Nachbildungen sich erhalten haben, die berühmteste war.— An manchen Orten nennt man den Teller, worauf die Hostien bei der Consecration liegen, Diskus, und auch der mittlere Theil der Blüte bestimmter Pflanzenclasscn heißt Diskus. Dismemliration nennt man die Zertheilung oder Zerstückelung eines geschloffenen Grundguts. Die Freiheit der Dismcmbration steht der Geschlossenheit der Güter gegenüber und bildet noch immer den Gegenstand einer vielbcstrittenen Frage. Darüber ist man einig, daß eine systematische Bodenzcrtrümmerung und ein sehr häufiger Wechsel der Grundbesitzer, ja auch nur der grundbesitzenden Familien nichts taugen, und daß eine zweckmäßige Mischung von größcrn, Mittlern und kleinern Gütern für den Landbau des Staats wün- schenswerth sei. Dabei ist aber auch nicht zu verkennen, daß die zunehmende Bevölkerung auf eine mehre Vertheilung des Bodens hindrängt; daß ferner die Geschlossenheit der Güter, sobald sie nicht mehr (wie dies Jahrhunderte lang in Ländern der Fall gewesen, wo sie aicmals Gesetz war) durch die Sitte aufrecht erhalten wird, sich nicht füglich ohne Einführung einer ungleichen Erbfolge behaupten läßt, die dem Geiste der Zeit entschieden widerstrebt und die Zahl der Proletarier zu vermehren droht; daß auf die Ausgleichungen, welche früher oer innigere Familicngcist vermittelte, nicht mehr mit gleicher Sicherheit zu rechnen ist und daß die künstliche Erhaltung blos historischer, d. h. nicht mehr durch die Federungen des Lebens getragener, Verhältnisse stets ein Übel bleibt. Auch ist gar nicht zu besorgen, daß die bloße Freiheit, den Grund und Boden nach den Gesetzen des Verkehrs zu behandeln, zu der Thatsache einer allgemeinen Bodenzcrtrümmerung führen werde. Dieselben Verhältnisse, welche die letztere nachtheilig machen, wirken auch auf ihre Verhütung hin. Die Erfahrungen sind sehr widersprechend und noch nicht alt und geprüft genug. Man hak vielfach die Feststellung eines Minimums vorgcschlagen, unter welches die Güter nicht hcrabsinken dürfen. Das läßt sich aber gar nicht im Allgemeinen bestimmen; cs thut bald zu viel, bald zu wenig und nirgend das Rechte. Das Nichtigste dürfte sein, wenn man im Allgemeinen die Freiheit gewährte, durch indirecte Mittel, deren sich manche darbieten, dasJntercsse an möglichster Erhaltung der Güter befestigte; für gewisse Fälle offenbarer Schädlichkeit der Dismcmbration aber dem Staate, den Gemeinden, der Familie ein Einspruchsrecht sicherte und vor Allem dem sogenannten Güterausschlachtcn, dem Zertrümmern der Güter durch bloße speculircnde Gütcrhäudler kräftig entgegcnträte. Am wenigsten kann der Dismcmbration der Domainengüter entgegengesetzt werden. Dispache heißt die Auseinandersetzung oder Vertheilung eines Seeschadens unter die zur Thcilnahmc verpflichteten Personen, nach demjenigen Secrcchte, welchem Schiff und Ladung zur Zeit des erlittenen Schadens unterworfen waren, und Dispacheur der in den 38 Disparate Begriffe Dispensatorium großen Seehafen von der Obrigkeit zu diesem Geschäfte angestelltc Beamte, der nach Gesetzen, Herkommen, Schiffspapiercn und Verklarung, d. i. dem über den Schaden aufgcnom- menen Protokoll, die Berechnung entwerfen und die Ausgleichung zwischen den Versicherern, Befrachtern und andern dabei betheiligten Personen zu besorgen hat. Disparate Begriffe werden je zwei Begriffe genannt, welche unter keinem gemeinschaftlichen Hähern Gattungsbegriffe stehen, also verschieden, ohne Gleichheit ihres Inhalts sind und in einem dritten Begriffe vereinigt werden können. Ebenso sind disparate Urtheilc solche, die einander nichts angehen und in keiner unmittelbaren Verbindung durch Form oder Stoff stehen, z. B. der Mensch ist sterblich, die Thiere pflanzen sich fort; und disparate Aufgaben solche, deren Lösungen nicht aus einem gemeinschaftlichen Hähern Princip abgeleitet werden können, z. B. die Aufgaben der Metaphysik und Ethik. Dispensation heißt die Aufhebung oder Modifikation eines verbietenden Gesetzes für einen einzelnen Fall, welche von der höchsten Gewalt ausgeht und so vielfacher Art sein kann, als die verbietenden Gesetze selbst sind. Die Dispensation steht, was weltliche Angelegenheiten betrifft, in monarchischen Staaten dem Regenten zu; allein da sic bei allzu häufigem Gebrauch das ganze Gesetz aufhcbt, oder auch in einzelnen wichtigen Verhältnissen die Grundlagen der Staatsversassung erschüttern kann, so gibt es konstitutionelle Ausnahmen dieser Befugniß. In geistlichen, vorzüglich in Ehesachen, ist die Dispensation in der katholischen Kirche eine Sache der geistlichen Obrigkeit, des Bischofs; in den wichtigem Fällen, z. B. von abgelegten Gelübden, aber ist sie dem Papste selbst Vorbehalten. Die weltliche Regierung darf aber verlangen, daß ihre Unterthauen dergleichen nicht ohne ihr Vorwissen suchen und erhalten. In der evangelischen Kirche ist das Dispensationsrecht an die Landesherren, oder wenn diese katholisch sind, an die Staatsrcgierung und die von derselben eingesetzte oberste geistliche Behörde gekommen. Die Dispensation ist Gnadensache, es kann also über Versagung derselben nie ein rechtliches Gehör verlangt werden. Sie hat ihre natürlichen Grenzen, indem sie cinestheils den erworbenen Rechten Anderer nichts entziehen darf, daher die Ertheilung und ihre Wirkungen wol im Wege Rechtens angcfvchken werden können, anderntheils, indem sie niemals mit rechtlicher Wirkung bei solchen Gesetzen eintreten kann, welche eine schon von Natur oder nach den Vorschriften der Religion unbedingt unerlaubte und schändliche Handlung verbieten. Daher ist z. B. das Verbot der Ehe zwischen Altern und Kindern und zwischen Geschwistern einer Dispensation unfähig, ebenso würden die Dispensationen zu Mord, Diebstahl, Betrug und Andern,, was schon nach dem Vernunftrechte Verbrechen ist, ohne rechtliche Wirkung sein. Der Souverain ist durch seine Eigenschaft als Regent von denVerbotendergewillkürten Gesetzgebungfreispriucez»,legibus solutus est); allein von jenen natürlichen Verboten kann er sich auch nicht dispcnstren, sondern nur, wenn er sie Übertritt, nicht zur persönlichen Verantwortung gezogen werden. Seine eigene Befreiung geht daher rechtlich nicht weiter, als er auch Andere dispensiren könnte, und konstitutionelle Gesetze können ihn auch hierin noch mehr beschränken. Dispensatorium, früher auch Luminarium und Antidotarium, jetzt meist Pharmakopöe nennt man das Buch, welches die gesetzlichen Vorschriften für die Apotheker enthält. Dasselbe gibt thcils an, welche einfachen Substanzen vorräthig gehalten und wie diese aufbewahrt werden sollen, theils wie gewisse Präparate, z. B. Metallsalze, Tinkturen u. s. w., oder zusammengesetzte Arzneien, z. B. Pulver, Pillen, Latwergen u. s. w-, zu bereiten sind. Fast alle Staaten und viele große Städte haben ihre eigenen Dispensatorien, die je nach den Ansichten der Verfasser verschieden sind. Ehedem, als viele Ärzte ihre eigenen oft geheim gehaltenen Mittel hatten, bereiteten diese die Arzneien, die sie den Kranken gaben, selbst und nahmen nur die Ingredienzien dazu vom Apotheker. Als jedoch das System der medicinischen Police! immer mehr ausgebildet wurde, fand sich bald, daß dieses sogenannte Selbstdispensiren nichtgehörig controlirt, und daß das in gerichtlichen Fällen so wichtige, oft einzige Dokument, das Recept, den Gerichten leicht vorenthalten werden konnte. Daher ist jetzt das Selbstdispensiren in allen Staaten, in denen sich eine wohlgeordnete medicinische Police! findet, den Ärzten verboten. Nur hier und da in Hinsicht der homöopathischen Heilmittel, sowie aus dem Lande in Gegenden, wo keine Apotheken in der Disponent Dissenters 281 Nähe sind, ist dem Arzte erlaubt, die Mittel für die Kranken selbst zu bereiten, jedoch sind solche Hausavothckcn ebenso gut wie die öffentlichen der geschlichen Visitation unterworfen. Disponent heißt der Thcilnchmer oder Commis einer Handlung, welcher vorzugsweise mit der Verfügung über die auf dem Comptoir derselben vorfallenden Geschäfte beauftragt ist. Disposition bezeichnet im gemeinen Leben jede Anordnung und Verfügung, daitn auf das Geistige übertragen, die Gcmükhsstimmung (z. B. gut disponirt sein). Ebenso spricht man von der Disposition einer Predigt u. s. w., als der geordneten Zurechtlegung des Stoffes, den man behandeln will. (S. Einthcilung.) In der Medicin bezeichnet man mit Disposition die inner« Bedingungen im thierischcn Körper zum Krank- imrden. (S. Anlage.) In der Kriegswissenschast endlich versteht man unter Disposition den schriftlichen Entwurf zu einem militairischen Unternehmen, sei es nun ein Marsch, Überfall oder Angriff, die Vertheidigung eines Postens odereine Schlacht, welcher an die verschiedenen Befehlshaber und Truppencorps ausgcgeben wird und ihnen mehr oder weniger genau ihr Verhalten bei den eintretenden Fällen vorschreibt, soweit dies nicht zu berechnende Zufälle gestatten. Die Haupteigenschaften einer guten militairischen Disposition sind Deutlichkeit, Vollständigkeit, Bestimmtheit und Kürze. Disputation nennt man einen von Zweien oder Mehren zugleich mündlich, insbesondere öffentlich angestclltcn, gelehrten Streit, bei welchem die eine Partei (der Opponent) Das zu widerlegen sucht, was die andere (der Nespondent oder Defendent) behauptet hat. Der Hauptzweck eines solchen Wettstreits sollte immer nur sein, durch methodische Aufstellung der Beweise und Gegenbeweise Wahrheit und damit Einstimmigkeit der Meinungen hcrbeizn- führen; der Nebenzweck die Übung oder Bewährung der Denk- und Sprachfertigkeit und der Beweis, seine Ansichten durch Gründe vertheidigen zu können. Fälschlich wird auch die beim Disputiren zum Grunde gelegte Streitschrift, die eigentliche Dissertation, Disputation genannt. Nach dem Zwecke, zu welchem die Disputation gehalten wird, unterscheidet man die Jnauguraldisputation (ilisputatio prn locn), HabilitationsdispUtation, Promotionsdisputation (Doctordisputation oder clisputatin pro grscku) und die Schedendisputation unter einem Präses, d. h. unter dem Vorsitze eines Universitätslehrers. Dissen (Ludolf), ein verdienstvoller Philolog, geb. am 17.Dec. 178-1 zu Großen- schnecn bei Göttingen, wo sein Vater Prediger war, erhielt seine erste Bildung in Schulpforte, wo er namentlich mit F. Thiersch in das innigste Freundschaftsverhältniß trat, stu- dirte dann von 180-1—8 in Göttingen unter Heyne Philosophie, sowie unter Hcrbart alte und neuere Philosophie und wurde, nachdem er mit umfassendem Geiste bei einem schwächlichen Körper, der von ihm erwählten Berufswissenschaft sich völlig bemächtigt und durch eine „Anleitung für Erzieher, die Odyssee mit Knaben zu lesen" (Gött. 1809) seine Tüchtigkeit bewährt hatte, im I. 1809 Privatdocent daselbst. Hieraus erhielt er 1812 den Nus als Professor nach Marburg und ein Jahr später die Professur der alten Literatur in Göttingen, wo er am 2I.Sept. 1837 starb. Seine durchdachten und anregenden Lehrvorträge waren theiis philologischer, theils philosophischer Art. Besonders führte ihn die unter Herbart gewonnene Übung im Denken zu einem schärfer« Studium der griech. Grammatik, und als Resultate desselben erschienen seine Abhandlung „I)s tempnribus et mockis verbi Arseci" (Gött. >809) und die „Disgiiisitiones ptiilolagicne" (Gött. 1813), in welchen letztem ec bei Erörterung einiger wesentlichen Punkte der griech. Syntax die cvmbinatorische Methode mit Glück anwandte. In seinen gehaltvollen Ausgaben des Pi.-dar (2 Bde., Gotha 1830) Tibull (2 Bde., Gött. 1835) und der Rede des Demosthenes „De corona" (Gött. 1837) suchte er besonders den künstlerischen Gesichtspunkt zu verfolgen und auf diese Weise eine höhere Ausbildung der Hermeneutik zu begründen. Durch Herausgabe seiner „Kleinen lat. und deutschen Schriften, nebst biographischen Erinnerungen" (Gött. 1839) haben ihm Thiersch, Welcker und Otf. Müller ein Denkmal gesetzt. Dissenters oder Nonconformisten (si Conformisten) hießen die kirchlichen Parteien in England, welche nicht sowvl im Dogma als in Verfassung und Ritus von der Hochkirche sich getrennt haben, also namentlich nur die Presbyterianer, Independenten und Baptisten. Blcs im uneigentlichen Sinne werden Katholiken, Quäker, Arminianer, Me- 382 Dissidenten Distel» thodisien u. s. w. so genannt, da sie entweder eine ganz andere Lehre haben oder von der j Hochkirche nicht eigentlich ausgcschiedcn sind. — In Schottland, wo die Presbyrcrialver- ^ fassung die herrschende ist, heißen die Episkopalen Dissenters. Dissidenten hießen in Polen Alle, die der herrschenden katholischen Religion nicht zugethan waren, aber freie Neligionsübung hatten, nämlich Protestanten, Resormirtc. Griechen, Armenier, mit Ausschluß jedoch der Wiedertäufer, Socinianer und Quäker. Der Ausdruck „liissieientes in reliAione" kommt zuerst in den Acten der warschauer Confödera- tion von 1573 vor und bezeichnet beide Religionsparteien, Katholiken und Evangelische, die einander damals Duldung angelvbten. Erst seit dem Convocationstagc von >632 gebrauchte man die Bezeichnung Dissidenten allein für die Nichtkatholiken. Noch bei Luthers Lebzeiten hatte die Reformation in Polen Eingang und unter Sigismund August s Re- gicrung, >538—72, eine solche Ausbreitung gefunden, daß Viele vom Volke und sogar di- Hälfte des Senats und mehr als die Hälfte des Adels sich zur protestantischen oder refor- mirten Kirche bekannten. Der Vergleich von Sandomir (<7«ris«»-»s Samlnmirionsis) am I3.Apr. >576 verband die Protestanten, Neformirten und Böhmischen Brüder zu einer auch für politische Zwecke vereinigten Kirche, deren Glieder durch den >573 vom Könige beschworenen Religionsfrieden (?sx ckisLülontium) den Katholiken in bürgerlichen Rechten ganz gleichgesetzt wurden. Aber man beging den großen Fehler, die Verhältnisse beider Religionen nicht fcstzusctzcn, und veranlaßte dadurch heftige Zwiste. Unter der Negierung Sigismund's »>., >586—>632, führten dieJesuiten und die Streitigkeiten der Dissidenten untereinander eine schnelle Reaction herbei; sehr viele, besonders angesehene Familien kehrten zur katholischen Kirche zurück, und >606-20 verloren die Dissidenten zwei Dritthcile ihrer Kirchen. Nach und nach wurden ihnen ihre mehrmals bestätigten Rechte entzogen, besonders > >7 >7 und 1718 unter August II., wo man ihnen das Stimmrecht auf dem Reichstage i nahm. Noch schlimmer erging es ihnen 1733 unter August I».; sie konnten ihren Gottes- ' oicnst nicht mehr unangefochten halten, und auf dem Pacificationsrcichstage von >736 wurde ein altes Gesetz erneuert, vermöge dessen der König katholisch sein mußte. Nach der Thronbesteigung des letzten Königs Stanislaw August brachten die Dissidenten ihre Beschwerden auf dem Reichstage von 1766 an und wurden von Rußland, Dänemark, Preußen und England unterstützt. Rußland, welches diese Gelegenheit benutzte, seinen Einfluß in die poln. Angelegenheiten zu erweitern, nahm sich ihrer besonders an und brachte 1767 einen Vertrag zu Stande, durch den sie der katholischen Partei wieder gänzlich gleichgestellt wurden; auch hob der Reichstag von 1768 die ihnen nachthciligen Schlüsse auf. Da aber der Krieg mit den Gegenconfüderationen ausbrach und das Reich gctheilt wurde, so blieb cs einstweilen beim Alten, bis die Dissidenten > 7 75 alle frühere Freiheiten wieder erlangten, ! mit Ausnahme des Rechts, aus Senator - und Ministcrstcllen Anspruch zu machen. Auch bei den spätern Thcilungen Polens behielten die Dissidenten mit den Katholischen gleiche Rechte. Vgl. Lukaschewicz, „Geschichtliche Nachrichten über die Dissidenten in Posen" (deutsch von Balitzki, Darmst. >833). Dtssönanz heißt jede Tonverbinduiig, die nicht in, natürlichen Dreiklang und seinen Versetzungen enthalten ist. Jede Dissonanz hat in ihrer Wirkung das Streben nach einem ) wesentlichen Tone des folgenden Drciklangs. (S. Consonanz.) Die regelrechte, d. i. natur- j gemäße, Befriedigung dieses Strebens heißt.A uflösung (s. d.) oder Resolution. Distel! (Martin), einer der genialsten Caricaturenzeichner der Gegenwart, ist >862 zu Olten im Canton Solothurn geboren. Zum Staatsdienste bestimmt, widmete er sich i» Luzern den Studien und bezog dann die Universität zu Jena. Schon an beiden Orten hatte er sich durch Caricaturen auföffentliche und persönliche Verhältnisse einen Namen gemacht; zwei große Darstellungen der Art, die er mit dem Tintenrührer auf die Wände des Carccrs in Jena malte, erregten solches Aufsehen, daß das Carcer auf Befehl des Großhcrzogs, um , diese Zeichnungen zu erhalten, geschlossen ward. Später zeichnete er sich durch bedeutendere , künstlerische Leistungen aus; seine bildlichen Darstellungen zu Fröhlich's „Fabeln" sind von dem naivsten und zugleich echt künstlerischen Humor belebt, wahre Meisterwerke ihre Fachs. In neuerer Zeit hat er sich besonders der politische» Caricatur zugewendet und auch darii Viel Ergötzliches geliefert, was freilich gegen manche bestehende Verhältnisse stark anstoßen l s i ! Distichon Dithmarschen 383 j mochte. In diesem Betracht ist vornehmlich der von ihm seit 1839 in Solothurn herausgell gebene „Schweizerische Bildcrkalender" hervorzuheben. Distichon heißt ein zweizeiliger Vers, vorzugsweise ein aus einem Hexameter und l Pentameter bestehendes metrisches Zeilenpaar. So z. B. Schiller's Distichon auf das - Distichon: I Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule, - Zm Pentameter drauf fällt sie melodisch herab. , Da sich der Erguß der Empfindung in dem fortströmenden Hexameter, die Mäßigung in ! dem mit zwei fast gleichen Einschnitten versehenen, hemmenden Pentameter sehr lebendig z abschildert, so ist dies Versmaß ohne Zweifel die passendste Form für die Elegie (s. d.) und - wurde deshalb auch das elegische Versmaß genannt. Zugleich ist das Distichon zur lieblichen - Einfassung einzelner kleiner Gemälde von Gedanken und Empfindungen geeignet, daher - Griechen und Römer für ihre Epigramme fast ausschließlich diese Form wählten, worin die li Deutschen nachfolgten. Besonders bekannt ist unter dem Namen „Distick-r" eine Reihe 1 lat. Sittensprüchc, die einem gewissen Cato (s. d.) zugeschrieben werden, e Dithmar von Merseburg, s. Dietmar. li Dithmarschen auch Ditmarsen, eine der drei Landschaften, und zwar die westlichste, > des Hcrzogthums Holstein, bildete im german. Alterthume einen Theil von Nordalbingien g oder Sachsen jcnscit der Elbe und ist besonders merkwürdig, weil in dem daselbst wohncn- n den sächs. Volksstamme das german. Alterthum sich bis auf die Gegenwart erhalten hat. n Sie ist von der Elbe, Westermarsch und Nordsee begrenzt und muß durch Deiche vor Über- a schwemmungen geschützt werden. Der Flächeninhalt beträgt 24 lüM.; die Zahl der Be- s i wohner 48000. Das Land besteht meist aus fruchtbarem Marschboden, der sich mehr zur ze ' Viehzucht als zum Ackerbau eignet; mannichfache Kanäle zur Entwässerung durchziehen z- ^ dasselbe und erschweren den Angriff. Es ist in zwei Ämter getheilt Norderdithmarschen 6 mit dem Hauptort des ganzen Landes Heyde, und Süderd ith Marschen, wo Meldorf, n Hcmmingstadt und Brunsbüttel die ansehnlichsten Orte sind. In den frühesten Zeiten war c- D. ein Theil der Grafschaft Stade, welche durch Heinrich den Löwen 1156 einen eigenen i- Grafen erhielt. Im I. 1474 erhob Kaiser Friedrich III. die Lande Holstein, Skormarn lß und D. zu einem Herzogthum und belehnte damit den König von Dänemark Christian I. 7 Jndeß zur Herrschaft über die Dithmarschen gelangte Christian durch diesen kaiserlichen Act ll nicht; denn diese bildeten unter dem Schutze des Erzbischofs von Bremen eine Art Freistaat, er der durch seine Räubereien den Nachbarn lange Zeitsehr gefährlich war. Um die Dithmarschen ch unter seine Botmäßigkeit zu bringen, zog endlich Christian's Sohn, König Johann, im >i, ! I. 1500 mit einem 30000 M. starken, meist aus deutschen Söldnern bestehenden Heere ci gegen sie, eroberte auch Meldorf und ließ alle Einwohner, die sich ihm feindlich gegenüber e. gestellt, erwürgen. Die Dithmarschen hierüber nur noch mehr erbittert, zogen sich zurück, ,n warfen eine Schanze aus, wählten sich einen unter ihnen, Wolf Jsebrand, zum Führer und gelobten einander, indem sie ihre Fahne einer reinen Jungfrau, der Telse aus dem Dorfe a, Oldenwörden, anvcrtrauten, an dieser Stelle zu siegen oder zu sterben. Als am andern Tage m ^ die 30000 M. des Königs heranzogen und die Schanze angriffen, fanden sie tavfern Wider- r- ' stand; immer zahlreicher sammelten sich die Bauern, trieben die Feinde in die Moräste und öffneten endlich die Schleußcn, sodaß Alles überschwemmt ward und das königliche Heer, 2 des Terrains unkundig, in die Gräben undTiefcn stürzte und ertrank. Gegen 20000 Dänen in wurden erschlagen und König Johann rettete sich nur durch die schnellste Flucht; auch die er > dän. Neichsfahne (s. Danebrogorden) wurde von den Dithmarschen erbeutet, die sie ei hernach der Else zu Ehren in der Kirche ihres Geburtsorts Oldenwörden aufhingen. Von in I dieser Zeit an blieben die Dithmarschen im ungestörten Genüsse ihrer Freiheit. Als aber m ! Friedrich U. von Dänemark zur Negierung kam, begann aufs neue 1559 der Erobcrnngs- re > krieg gegen dieselben. Mit einem großen Heere zog er gegen sie, umging ihre Schanzen, führte sie durch verstellte Angriffe irre, und da sic untereinander uneins waren und sich theil- s. tcn, wurden die Haufen derselben einzeln geschlagen, zuletzt bei Heyde, wo die Tapfersten jz unter Bauer Rhode, des alten Ruhmes würdig, stritten. Nach diesen Niederlagen mußten m j sie sich dem König der Dänen, jedoch auf glimpfliche Bedingungen, unterwerfen. D. hat 384 Dithyrambus Divan sein eigenes Recht, genannt das Dithmarsische Landbuch, welches >321 von -18 Richtern entworfen, >-137 abgeändert, >397 zuerst gedruckt, 1367 verbessert und zuletzt zu Glück- i stadt >711 neu aufgelegt wurde. Beglaubigte Nachrichten und Überlieferungen zur Ge- ! schichteD.sverdanken wirJoh.Adolsi, genanntNeocorus, d.i. Köster, gcb. >55«, gest. 1620, ^ als Prediger auf Büsum. Seine in nicdersächs. Sprache geschriebene „Chronik des Landes D." ward in der Urschrift mit 23 Abhandlungen von Dahlmann (2 Bde., Kiel >827) henausgegeben. Neuerdings gab Michelsen eine „Sammlung altdithmarscherNcchtsquellen- (Altona >832, 3.) heraus. . Dithyrambus, ein Beiname des Bacchus von ungewisser Ableitung und Beden- ^ tung, wurde dann eine besonders in Athen ausgcbildete Gattung der lyrischen Poesie im höchsten und kühnsten Stil genannt, die jedoch bald in Schwulst und Unnatur ausartcte. Der Dithyrambus wurde von Chören, anfangs zu Ehren des Bacchus, dann auch anderer Götter, gesungen, erst antistrophisch, dann monostrophisch, immer in phrygischer Weise. Als Erfinder wird Arion (s. d.), um 620 v. Chr., angeführt. Ditters von Dittersdorf (Karl), einer der ersten und beliebtesten komischen Theatercomponistcn unter den Deutschen, voll Charakter, Laune, naiver Erfindung, Gewandtheit in der musikalischen Declamation und Behandlung der von ihm zum Theil selbst gedichteten Texte, war zu Wien >739 geboren und machte sich schon im Knabenalter als Künstler auf der Violine bemerkbar. Auf Empfehlung des berühmten Hornisten Hubocuk nahm ihn der Prinz Joseph von Sachsen-Hildburghausen als Page in seine Dienste und ließ ihn auf das sorgfältigste in der Musik unterrichten. Später kam er in Folge seiner Verbindung mit Merastasio an das Hofthcater zu Wien; dann begleitete er Gluck nach Italien und nach seiner Rückkehr trat er in die Dienste des Bischofs von Groß-Wardcin in Ungarn. ^ Bisher hatte er nur Instrumentalmusik gesetzt; aufMetastasio's Antrieb componirte er auck z vier Oratorien desselben. Zugleich fing er an, für ein kleines Theater zu arbeiten, das du Bischof errichtet hatte. Nachdem ihn auf einer Reise durch Deutschland der Fürstbischof vs» Breslau, GrafSchafgotsch, kennen gelernt hatte, ernannteihn dieser > 770 zumForstmcistu und >773 zum Landeshauptmann von Frcienwaldau, auch verschaffte er ihm ein kais. Adelsdiplom. Unter seinen theatralischen Compositionen erwarben ihm die Opern „Du Doctor und Apotheker" (>786), die erste deutsche, welche nach Art der ital. mit langt» Finales versehen ist, „Hieronymus Knicker" und „Das rothe Käppchen" vielen Beifall, selbst in Italien, wo man denselben ital. Texte unterlegte. Er starb, nachdem er >797 in Ruhe gesetzt worden war, in ziemlich bedrängten Umständen am >.Oct.l799. Vgl. seine „Selbsi- biographie" (Lpz. 1801). Diu, im Sanskrit Dwipa, d. h. Insel, eine kleine Insel an der südlichen Küste du vordcrindischen Halbinsel Guzerate, war sonst sehr berühmt wegen des überreichen TemrclS des Mahadeva, der 1023 durch Sultan Mahmud geplündert und zerstört wurde. Bald nachdem die Portugiesen den Seeweg nach Indien entdeckt hatten, wurde sie >5 >5 von düsen, da sie die Wichtigkeit dieses Punktes erkannten, angegriffen, jedoch vergebens; 20 Jahn später gestattete ihnen der Sultan von Kamboya, dem sie gegen den Großmogul von Delhi beigestanden hatte, dieselbe zu befestigen. Zwar suchten nachmals wiederholt ind. Fürsten, s die Portugiesen aus dieser wichtigen Besitzung zu vertreiben, allein diese behaupteten sich, und so wurde die Insel einer der blühendsten Handelsplätze Ostindiens. Im I. >670 gelang es jedoch den Arabern, von Mascate aus die Insel zu erstürmen, und seitdem sank dieselbe bei der Ohnmacht Portugals so herab, daß sie jetzt allen ihren ehemals so lebhafte» Seeverkehr verlor, kaum noch 3000 E. zählt und nur Trümmer von Kirchen und Klöster» sowie verfallene Festungswerke aufzuweisen hat. Divan oder Drwän, ein pers. Wort, bedeutet sowol ein Kataster, Steuerverzeichniß, und überhaupt ein Convolut Rechnungen über öffentliche Angelegenheiten, als auch eine Sammlung von Gedichten, welche gewöhnlich von einem und demselben Verfasser sind. Be- - sonders bezeichnen die Perser und Türken die Licdersammlungen ihrer Dichter durch Diwan. Goethe trug diesen Namen durck seinen „Westöstlichcn Diwan" auch in die deutsche Litera- tur über. — Dann bedeutet Divan auch eine jede administrative Behörde; in Konstanti- nopel heißt die höchste Staatsbehörde Viwäin ki'mmsün, d. i. erlauchter Divan. ----- Endlich Divergirend Division 385, ist Divan auch der Name für das Prachtzimmer, welches man in der Türkei in allen Palästen und in den Wohnungen reicher Privatpersonen 'indet. An den Wänden dieser Zimmer entlang stehen niedrige Sophas mit kostbaren Teppichen bedeckt und mit vielen gestickten Kissen versehen. Auf denselben ruht der Herr des Hauses und nimmt die Besuche an. Divergirend und Divergent, im Gegensätze von convergirend und convcrgont (s. Convergenz), nennt man in der Geometrie zwei gerade Linien, die sich, unmittelbar oder verlängert, in einem Punkte schneiden, auf der diesem Punkte entgegengesetzten Seite. In der Analysis heißt eine unendliche Reihe divergirend, wenn ihre Glieder immer großer werden, je weiter sic sich vom Anfänge oder von einem bestimmten Glieds entfernen; Reihen dieser Art haben keine Summe in dem Sinne, wie convergircndc Reihen, und wenn man ihre aufeinander folgenden Glieder vom ersten an summirt, so ist die sich ergebende Summe von dem Totalwcrthe der Reihe oder derjenigen Größe, durch deren Entwickelung die Reihe entstanden ist, desto mehr verschieden, je mehr Glieder genommen werden. Dahin gehört jede nach steigenden Potenzen einer veränderlichen Größe fortlaufende Reihe, wenn die veränderliche Größe größer als > angenommen wird. Manche Reihen sind anfangs convergirend und erst von einem gewissen Gliede an divergirend. Divertissement nannte man früher die aufeinander folgenden Tanznummern in einer Oper; jetzt versteht man darunter ein kleines Ballet, worin die Handlung wenig oder nichts zu sagen hat und die einzelnen Tanzstücke ohne eigentlichen Zusammenhang aufeinander folgen. Erst in jüngster Zeit hat man versucht, sie durch eine meist komische Handlung wenigstens lose zu verknüpfen; ja man hat sogar, nach dem Arrangement des Schauspielers L. Schneider in Berlin, Gesangstücke darin angebracht. — Divertissement oder Divertimento nennt man auch eine aus mehren leichtgearbeiteten einzelnen oder potpourriartig verbundenen Sätzen bestehende Composition und in Frankreich die Musikstücke zwischen den einzelnen Aufzügen im Theater, auch Entreactes genannt. Itiviste et impei'S, d. i. theile und herrsche, ist ein Grundsatz Macchiavellistischer Politik, wonach man die entgegengesetzte Partei zu trennen sucht, um sic dann desto leichter zu bewältigen, da, wenn Erstcres geschehen, theils der Widerstand weniger kräftig ist, als er bei Eintracht sein würde, theils wol gar der eine Thcil gegen den Andern gebraucht werden kann. Schon die Römer waren sehr stark in dieser Politik; gegen Deutschland ist sie vorzüglich von den Franzosen geltend gemacht worden. Sie ist aber auch den innern Staatsverhältnissen und selbst deren kleinsten Verzweigungen nicht fremd geblieben. Dividende heißt jeder Antheil des Gewinns, welchen der Actionair oder Teilnehmer an einer Unternehmung auf Aktien, entweder außer den bestimmten Zinsen, oder dieselben inbegriffen, nachMaßgabe des jährlichen reinen Überschusses der Unternehmung nachProccn- ten erhält, nachdem, wie man das öfter thut oder wenigstens stets thun sollte, ein geringer Theil zu einem Reservefonds zurückgelegt worden ist. Der Natur der Sache nach sind diese Dividenden steigend und fallend. Divination, s. Ahnung. Division, d. i. Theilung, heißt die vierte arithmetische Grundoperation, welche zum Zwecke hat, zu finden, wievielmal die eine zweier Zahlen, der Divisor, in der andern, dem Dividendus, enthalten ist, oderauch die eine Zahl, den Dividendus, in so viele gleiche Theile zu theilcn als die Einheit in der andern, dem Divisor, enthalten ist, und die Größe eines solchen Theils zu bestimmen. Die Zahl, welche hierbei gefunden wird, heißt der Quotient; sic muß mit dem Divisor multiplicirt den Dividendus zum Producte geben. Sind beide gegebene Zahlen unbcnannt, so ist auch der Quotient eine unbcnannte Zahl; Dasselbe ist dann der Fall, wenn beide Zahlen benannt sind, in welchem Falle sie aber gleiche Benennung haben müssen, z. B. 4 Thlr. und 20 Thlr.; ist endlich der Divisor eine rmbenannte, der Dividendus eine benannte Zahl, so ist der Quotient eine benannte Zahl derselben Benennung, z. B- 20 Thlr. dividirt durch 4 gibt 5 Thlr.; damit sind alle Fälle erschöpft, denn mit einer benannten Zahl in eine unbenannte zu dividircn ist nicht möglich. Die Bezeichnung der Division geschieht entweder durch den Doppelpunkt, z. B. 2V: 4, oder durch einen wage- rechten oder schrägen, zwischen Divisor und Dividendus gesetzten Strich, j-B- '"/<> in jenem Com».»Sex. Neunte Aufl. IV. 25 386 Divortium Dlugosz . Falle steht der Dividendus zuerst, vor dem Doppelpunkt, in diesem über dem Striche; beide Beispiele bedeuten also 20 dividirt durch 4. — Auch ist Division bei Militair die Bezcich. ! nuna für größere oder kleinere Truppenabtheilungcn. Früher, als das Feuer aufCommando I noch allein üblich war, bestand die Division aus vier Pelotons. Größere Armeetheile unter dem Namen Division kamen zuerst bei den Puffen yor; Peter der Große setzte bei der Fvr- mirung seines Heers die Division auf ein Grenadier - und acht Muskctierregimenter. Die stanz. Divisionen unter dem Kaiserreiche bestanden au§ zwei Brigaden, jede zu zwei Regi- mentern, im I. t8lauch aus drei Divisionen. Zn Preußen gehören gegenwärtig zu einer Division eine Brigade Linicninfanterie, eine Brigade Landwehr und eine Brigade Cavalerie, jede zu zwei Regimentern, und im Kriege eine bis zwei Batterien. Anderwärts ist die Zu- sammensetzung der Division sehr verschieden. Divortium, s. Ehescheidung. Dirmuyden, in der belg. Provinz Westflandcrn, am rechten Ufer der Nperle, mit 3200 E-, welche starke Viehzucht treiben, viel Käse und Butter liefern und Bierbrauerei unterhalten, ist besonders seiner Butter wegen berühmt, welche für die beste in Flandern gilt. Djezzar oder Dsehe zzer, d.i. Schlächter, wurde Achmed Pascha von Acca wegen seiner „Grausamkeit genannt. In Bosnien geboren, soll er sich selbst als Sklave an Ali Bei nach Ägypten verkauft haben. Hier wußte er sich die Gunst seines Herr» in so hohem Grade zu erwerben, daß er sich vom Mamluken zum Befehlshaber von Kairo emvorschwang. Auf seiner ferucrn Laufbahn verdankte er der Treulosigkeit gegen seinen Wohlthater nicht weniger als seinem Muth und seinen Talenten. Als Pascha von Acca machte er sich de» - Rebellen so furchtbar, daß er zum Pascha von drei Roßschweifen erhoben wurde. Bald aber fing die Pforte an, dem unternehmenden Pascha, der darauf ausging, sich loszureißen, zu miskraucn; allein D- wußte sich durch Gewalt und List auf seinem Posten zu behaupten, ^ ohne daß er den Befehlen von Konstantinopel aus mehr gehorchte, als ihm gut dünkte. Bonaparte glaubte deshalb anfangs bei seinem Zuge nach Ägypten ihn leicht auf seine Seite ziehen zu können; allein er irrte sich, und als er 1700 in Syrien einfiel und, nachdem er den Pascha geschlagen, die Belagerung Accas begann, setzte ihm D. den hartnäckigsten Widerstand entgegen. Unterstützt von dem ausgewanderten Franzosen Philippeaux, der als Ingenieur die Vcrtheidigung trefflich leitete, besonders aber von Sir Sidney Smith, der mit einigen engl. Kriegsschiffen den nachdrücklichsten Beistand leistete, gelang es seiner Thä-' tigkcit, alle Angriffe Bonaparte's zurückzuschlagcn und ihn zum Rückzüge zu zwingen. Später empörte sich D. gegen die Pforte, hatte deshalb blutige Fehden mit dem Großvezier und dem Pascha von Jaffa, und starb > 804. Dlugosz (Jan), lat. Donginus, ein poln. Historiker, wurde 1415 in Brzeznicr geboren und erhielt seine Ausbildung auf der krak.auer Akademie. Nachdem er sich hier die Gunst des Bischofs von Krakau, Zbigniew Olesnicki, erworben hatte, trat er in den geistliche» Stand und wurde zum Domherrn bei der krakauer Kathedrale erhoben. Als solcher entfaltete er eine besondere Geschicklichkeit bei politischen Unterhandlungen, sodaß der König Kasimir IV. ihm mehre wichtige diplomatische Sendungen nach Ungarn, an den Papst Nikolaus V. und den Kaiser Friedrich II l. anvertraute. Da er sich aber bei Besetzung des krakauer , Bisthums gegen den vom Könige begünstigten Candidaten erklärte, so wurde er mit andern Domherren aus Krakau vertrieben, seines Vermögens beraubt und mußte mehre Jahre außerhalb Krakau zubringen. Wahrscheinlich machte er in dieser Zeit eine Wallfahrt nach Jerusalem. Später wurde ihni der König wieder geneigt, verwandte ihn wieder zu divlo- matischen Geschäften und übertrug ihm sogar die Aufsicht über seine Söhne. Keine wichtige politische Unterhandlung fand ohne ihn statt. Nachdem er kurz zuvor zum Erzbischof von Lemberg ernannt worden war, starb er 1480. Zur Abfassung seiner Geschichte von Polen veranlaßte ihn sein Gönner, der Bischof Zbigniew. Die ersten Bücher derselben, die ohne Kritik, doch mit großer Mühe aus altern Historikern zusammengetragen sind, haben ge ringern Werth; unschätzbar dagegen sind die letzten drei Bücher, die von 1386—1480 rci- chen, in welchen D. theils nach gleichzeitigen Dokumenten, theils nach eigenen Erlebnissen seine Zeit schildert. Er zeichnet sich durch Freimüthigkeit und Wahrheitsliebe vorthcilhast >e »- >o er r- se !i- kr >k, u- lit cei L en )ei ide cht >e» bei -u en, . kte. i»! ein ien als der hä-' en. zier ge- die he» !Nt- nig ikv> uer, crn au- rch >lo- ich» h°f 00» die g- rci- sen »rft Vmitrijew Dniepr S87 aus. Die ersten sechs Bücher dieser Geschichte gab zuerst Herburt in Dobromil 1615 heraus, da- ganze Werk van Huyssen (Lpz. 1711 — 12). Dmitrijew (Iwan Jwanowicz), ruff.Justizminister und ein ausgezeichneter Dichter der Karamsin'schen Schule, wurde i 7 60 im Gouvernement Simbirskaufdem Gute seines Vaters geboren. Bis zum zwölften Jahre besuchte er Privatanstalten zu Kasan und zu Simbirsk. Als aber die durch Pugatschew veranlaßten Unruhen den Vater nöthigten, mit dem Sohne zu flüchten, kam der damals 13jährige D. behufs seiner Ausbildung nach Petersburg in die Schule des Semenow'schcn Garderegiments. Bald trat er in den activen Dienst über, avancirte nach und nach zum Grade eines Capitains, verließ aber den Kriegsdienst beim Regierungsantritte des Kaisers Paul und erhielt seinen Abschied im Range eines Obersten. Darauf verwaltete er das Amt eines Oberprocurators im Senat, nahm aber auch hier sehr bald wieder seine Entlassung und erhielt den Titel als Gehcimrath. Unter Kaiser Alexander trat er von neuem in den Civildienst, erhob sich bis zu einem Minister der Justiz, zog sich aber schon nach vierjähriger Verwaltung dieser Würde abermals in das Privatleben zurück. Nach dem Brande von Moskau wurde er Mitglied der zum Wiederaufbau der Stadt niedergesetzten Commission mit dem Range eines Wirklichen Geheimraths und lebte fortan, von Geschäften zurückgezogen, in dieser Stadt bis zu seinem Tode, am 15. Oct. 1837, im Besitze einer reichen Büchersammlung und vieler Kunstwerke. D. ist der Schöpfer einer leichten, gefälligen und geistvollen russ. Poesie; im Verein mit seinem Freunde Karamsin drang er durch gegen die Anhänger des Altslawischen, und mit ihm wurde er der Gründer einer neuen freier» Periode in Sprache und Literaturentwickelung. Viele seiner leicht singbaren Lieder sind in das Volk eingedrungen; besondere Auszeichnung verdient sein episch-dramatisches Gedicht „Jermak". Auch lieferte er Fabeln, in Lafontaine'scher Weise, und Erzählungen. Seine sämmtlichcn Schriften wurden seit >795 fünfmal nacheinander in Moskau aufgelegt. In der sechsten Auflage „Dichtungen von I. I. D." (Petersb. 1823) kürzte er die frühem drei starken Bände selbst in zwei schwache ab. Seine letzten Lebensjahre verwendete er fast nur auf Abfassung seiner Memoiren. Dmochowski (Franciszek), einer der Hauptbeförderer des Wiederaufblühens der poln. Literatur zür Zeit Stanislaw August's, geb. 1762 in Podlachien, trat früh in den Piarenorden und wurde einer der thätigsten Lehrer desselben in Warschau. Kolontay brachte es dahin, daß er in den Staatsdienst treten durfte. Aber die targowiczer (Kolon) Confö» deration veranlaßt 1792 D. mit vielen patriotischgesinnten Polen sich nach Dresden zu begeben, worauf er mit Potocki und Kolontay eine Geschichte der Constitution vom 3. Mai 1792 herausgab (Lpz. 1793; deutsch von Linde, Lpz. 1793). Der Aufstand der Polen führte ihn ins Vaterland zurück; er befand sich an der Seite Kosciuszko's, wurde Mitglied des Staatsraths und Redacteur der „Oareta r-ycko^a". Nach der letzten Theilung Polens mußte er abermals sein Vaterland verlassen und lebte in Deutschland, Italien und am längsten in Paris. Krasicki, damals Erzbischof von Gnesen, wirkte ihm beim Könige von Preußen die. Erlaubniß zur Rückkehr aus. D. trat nun wieder als Lehrer der Poesie und Beredt- samkeit beim Kollegium irobilium in Warschau auf. In Sachen des Geschmacks galt er als oberste Autorität, und es gab kaum einen Dichter, der ohne seinen Rath seine Arbeiten veröffentlicht hätte. Jm J. 1801 war er einer der Stifter der „Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften". Er starb 1808. Seine Werke bestehen in einem Lehrgedicht über die Dichtkunst, „Srtulea r^tmotvvorcru" (Marsch. 1788), nach Horaz und Boileau; einer Übersetzung der „Jliade" (3 Bde., Marsch. 1800), in gereimten Versen ohne Kenntniß des Originals abgesaßt, einer Übersetzung von Poung's „Nachtgedanken" und mehren Reden und moralischen Betrachtungen. Erst Mickicwicz, der mit dem Sohne D.'s, Franriszek Salezi, welcher sich durch sehr zahlreiche Übersetzungen bekannt gemacht hat, einen heftigen literarischen Streit führte, hat D.'s Ansehen als Kritiker zugleich mit dem der regelrechten stanz. Clafsicität umgcworfen. Dniepr, im Alterthume Borysthenes, später Danapris genannt, einer der bedeutendsten Flüsse Rußlands und Europas, entspringt in einem waldigen Moraste am Fuße der Alaunischen Hügel im russ. Gouvernement Smolensk. Sein oberer Lauf ist sehr kürz; von 25 * 388 Dniestr Dobberan Dorogobnsch durchströmt er die Ebenen bis Kiew; erst unterhalb Kiew bildet er Strom schnellen und Wasserfälle, und namentlich unterhalb Jekaterinoslaw zwölf Katarakte». Von Alcxandrowsk an verläßt er die Steppenplatte der Ukraine und beginnt seinen untern Laus meist durch tiefe Grasebcnen des Küstenlandes am Schwarzen Meere, in einem breiten Bette und in vielen Armen, ohne aber ein Deltaland zu bilden. Bei Cherson erweitert er sich zu einem I — 5 M. breiten Liman, und zwischen Okzakow und Kinburn ergießt er sich nach einem Laufe von 240 M. in das Schwarze Meer. Schiffbar wird er schon bei Doro- gobusch, dagegen wird die Beschiffung später durch die Wasserfälle abwärts erschwert, aus wärts unmöglich gemacht, auch durch den seichten Liman gehemmt. Die wichtigsten Neben- flüsse sind Beresina, Sosha, Desna, Przypicc, Psiol, Samara, Jngulez und der Bug. Dniestr, einer der größer«, schiffbaren Ströme des europ. Rußlands, etwa 15V M. lang, entspringt in Galizien am Nordabhange des karpatischen Waldgebirgs und bildet bis Sambor ein kurzes Querthal des genannten Gebirgs, indem er die niedrigen Bergmassen desselben in einem breiten Thale ohne weitere Hemmung durchbricht. Ruhigen Laust und ohne steile Ufer strömt er dann auf dem 8—VW F. hohe» Scheitel der uralisch-kar- patischen Landhöhe durch Wälder und Fruchtebenen bis Mogilew. Von hier an bis Du- bossary fällt er in Stromschnelle und im Katarakt von Jampol von der Höhe herab und gräbt sich sein Bett, das mit Felsenblöcken übersäct ist, tief und steil ein. Langsam und ungehindert durchströmt er hierauf die niedrige Steppenfläche Südrußlands, bis er bei Akjer- man sich in das Schwarze Meer ergießt. An seiner Mündung bildet er einen unbedeutende» Liman von geringer Tiefe. Seine Schiffbarkeit ist sehr beschränkt und nur bei hohem Wasser- stände können kleinere Seeschiffe bis Bender stromaufwärts fahren. Für kleinere Fahrzeuge ist er zu allen Jahreszeiten, für größere dagegen nur bei hohem Wasserstande von Sambor abwärts zu befahren. Seine wichtigsten Nebenflüsse sind der Stry, Podhorce, Pint, Byk nnd Bodiu. Am Dniestr siegten am 6. Oct. >620 die Türken über die Polen; dagegen erlitten hier am 11. Nov. >673 die erstem unter ihrem Großvezier Kinprili eine bedenkende Niederlage dnrt die letztem unter Johann Sobieski. Dobbkran, im Großherzogthume Mecklenburg-Schwerin, das besuchteste Ostseebad und älteste Seebad in Deutschland, wurde >793 auf Befehl des Herzogs Friedrich Franz unter der Leitung des Arztes S. von Vogel eingerichtet. Es liegt unmittelbar an der See auf dem sogenannten heiligen Damme, einem hohen, sich weit ins Meer hinauscrstrcckenben Walle von eigenthümlich gefärbten und gebildeten Steinen, welche der Sage nach in einer Nacht von dem Meere ausgeworfen sein sollen. Wenige Schritte von diesem Damme finde» die Badenden in dem Hellen Meerwasser auf reinem Sandgrunde die gehörige Tic^e. Zu dem ältem schönen Badehausc, welchem das Seewasser durch Pumpen und Röhren zuge- sührt wird und welches Vorrichtungen zu Bädern verschiedener Art und Temperatur enthält, wurde >8> > noch ein prächtiges Nebengebäude hinzugcfügt, welches mit allen erfoder- lichen Bequemlichkeiten versehen ist. Seit >811 besteht auch ein besonderes Badehaus für zwölf arme Kranke, welche die Bäder unentgeltlich benutzen. Damit auch Damen ungehindert in freier See baden können, ist >83> ein Gebäude aufgeführt worden, aus dessen Kabinetten Stege mit Leinwand umspannt und mit Treppen versehen, in das Meer führen. Die Herren bedienen sich meist des sogenannten Schilderhauses, aus welchem man noch 3V— 40 Schritte in die See hat. Auch sind zum Baden vierräderige Karren vorhanden, die in die See geschoben werden und ans denen man dann durch eine Fallthüre auf einer Treppe in das Wasser hinabsteigt. Das Seewasser hat hier, da kein bedeutender Fluß in der Nähe seine Mündung hat, einen beträchtlicher« Gehalt an festen Bestandtheilen als in den meisten übrigen Ostseebädern. Empfohlen werden die Seebäder D.s in allen den Fällen, in denen das Seebad überhaupt von Nutzen ist, nur daß hier wegen des in Vergleich mit den Bädern der Nordsee, des Mittelländischen Meers u. s. w. geringern Salzgehalts und Wellenschlags die Veränderungen im Zustande des Kranken weniger stürmisch obwol ebenso intensiv herbeigeführt werden, als in jenen, weshalb auch D. besonders schwächern und reizbaren Naturen bekommt. Einen Vorzug vor den meisten übrigen Seebädern hat D. noch dadurch, daß es drei Mineralquellen, eine Eisen-, eine Schwefel- und eine Soolquelle, besitzt, deren Gebrauch mit dem des Meerwassers in vielen Fällen sehr zweckmäßig verbunden werden Döbereiner Dobrotvsky 389- kann. Die beste Badezeit beginnt in der Mitte des Juli und dauert bis Ende August. Man nimmt gewöhnlich erst einige Bäder in der Wanne, ehe man zum Baden in der See über» geht. Außerdem besitzt D. noch eine Struve'sche Trinkanstalt und für sehr schwache Kranke eine Melkerei von Eselinnen nebst einem Reservoir für Schnecken zu Kraftbrühen. Vgl. Sachse, „Über die Wirkungen und den Gebrauch der Bäder, besonders der Seebäder zu D." (Berl. 1835) und Desselben „Geschichtliche Bemerkungen zu der Feier des 5vjährigen Bestehens des Seebades zu D." (Rostock >833, 3.). — Der eine halbe Stunde vom Bade entfernt liegende Marktflecken Dobberan hat 2200 E., ein großherzogliches Schloß, ein Schauspielhaus, einen Concertsaal und andere den Vergnügungen gewidmete Gebäude. Die Kirche daselbst diente den alten Herzogen von Mecklenburg zur Begräbnißstätte. Das vonPribislaw II. gegründete Cistercienscrklostcr, zu welchem wegen einer blutenden Hostie sehr viele Wallfahrten stattfanden, wurde >552 säcularisirt und ist jetzt Ruine. Vgl. Vogel, „Handbuch zur Kenntniß von D." (Rostock 1819). Döbereiner (Joh. Wolfg.), Hofrath und Professor der Chemie zu Jena, geb. zu Hof am 13. Dec. >780, erhielt eine nur sehr dürftige Schulbildung. In seinem 15. Jahre begann er zu Münchberg seine vharmaceutischen Studien, denen er sich mit vieler Liebe und großem Fleiße widmete. In Karlsruhe und Strasburg, wo er sich seit 1799 mit der phar- maceutischcn Praxis beschäftigte, durch den Umgang mit Kölreuter, Gmelin u. A., auf die Lücken seines Wissens aufmerksam gemacht, begann er nun Philosophie, Botanik, Mineralogie und Chemie zu studiren. Im I. 1803 unternahm er indeß äuf Veranlassung seiner Verwandten ein mercantilisches Geschäft. Doch nach zwei Jahren sah er sich genöthigt, eS wieder aufzugebcn, und widmete sich nun ganz dem praktischen und chemischen Studium der Chemie. Auf Gehler's Empfehlung ward er im Oct. 1810 Professor der Chemie zu Jena, wo der Großherzog Karl August und Goethe besonderes Interesse an ihn nahmen, weshalb er mehre höchst vortheilhaste Anträge ablehnte. D. erkannte zuerst, daß die Kleesäurc eine Säure ohne Wasserstoff sei ; er entdeckte das Zerfallen der Ameisensäure in Wasser und Kohlenoxyd, der Kleesäure in kohlensaures Gas und Kohlenoxyd beim Übergießen mit rauchender Schwefelsäure ; er war der Erste, der die Analyse organischer Substanzen durch Kupfcroxyd einführte; auch gab er interessante Apparate an, um mit kleinen Quantitäten von Materie genaue chemische Resultate zu erhalten, und machte viele wichtige Entdeckungen in der Gäh« rungschemie. Am meisten Aufsehen erregte er jedoch durch seine Entdeckung der merkwürdigen Eigenschaft des Platins, daß es im schwammigen und ftinzertheiltcn Zustand und bei Zutritt von Sauerstoff oder atmosphärischer Lust einen darauf geleiteten Strom von Wasserstoffgas zu entzünden vermag, und die Anwendung dieser Entdeckung zur Construction der Plakinfeuerzeuge, der Platinglühlämpchcn, des Platinessiglämpchcns, des Platineudio- mcters u. s. w. Seine ältern Entdeckungen sind größtentheils in Gehler's „Journal der Chemie, Physik und Mineralogie", die neuern in Schweiggcr's „Journal für Chemie und Physik" und in selbständigen Schriften enthalten, unter denen die „Zur pneumatischen Chemie" (5 Bde., Jena >821—25), „Zur Gährungscheune" (Jena 1822), „Über neuentdccktc höchst merkwürdige Eigenschaften des Platins u. s. w." (Jena 1823), „Beiträge zur physikalischen Chemie" (Heft I—3, Jena 1823—36) und „Zur Chemie des Platins" (Stuttg. 1836) die vorzüglichsten sind. Auch seine Lehrbücher, z. B. „Elemente der pharmaceutischen Chemie" (2. Ausl., Jena 1819), „Anfangsgründe der Chemie und Stöchiometrie" (3. Aufl., Jena 1826), „Grundriß der allgemeinen Chemie" (3. Aufl., Jena >826) und das „Supplement" dazu (Stuttg. 1837, 3.) verdienen rühmlicher Erwähnung. — Mit seinem Sohne, Franz D., der sich durch einige compilatorische Arbeiten bekannt gemacht hat, gab er ein „Deut- sches Apothckerbuch" (Bd. I und 3, Abth. I, Stuttg. 1830—33) heraus. Dobre, ein Städtchen in der poln. Woiwodschaft Masowien, auf dem rechten Ufer der Weichsel, mit 1200 E„ wurde historisch merkwürdig durch das blutige Treffen im ruff.- poln. Kriege am 17. Febr. 1831 zwischen den Russen unter General von Rosen und den Polen unter Skrzynecki, in Folge dessen die Polen zum Rückzug genöthigt wurden. Dobrotvsky (Joseph), der Altmeister kritischer Geschichtsforschung, wie ihn Goethe nannte, der Vater der slaw. Sprachforschung, wurde am 17. Aug. 1753 zu Gyermet, unweit Raab in Ungarn geboren. Der fremde Feldkaplan des Regiments, in welchem sein 390 Dobrudscha i Vater, ein geborener Böhme, Namens Jak. Daubrawsky, diente, legte ihm im Taufbuch!s den Namen Dobrowsky bei, den D. später annahm. Zu Bischofteinih in Böhmen erhielt er eine ganz deutsche Erziehung; die böhm. Sprache erlernte er erst zu Deutschbrot, wohin ihn ! sein Vater >763 auf das Gymnasium brachte. Nachher kam er in das Jesuitencollegmni nach Klattau, und von 1768 an studirte er in Prag. Im I. >772 wurde er zu Brünn in den Jesuitenorden ausgenommen; nach der Aufhebung desselben kehrte er nach Prag zurück, um seine theologischen Studien fortzusetzen, und wurde hier 1776 Erzieher im gräflich No> stitz'schen Hause. Gleich sein erster schriftstellerischer Versuch, „ki-sAmentum prsgense , evLNAelli 8. dlgeci, vuij-o outn^rsziln" (Prag 1778, 3.), machte ungemeines Aussehen durch die Fülle der Gelehrsamkeit, mit welcher er die Unechthcit dieser angeblichen Urschrift des Marcus nachwies. Durch die Herausgabe einer Zeitschrift über die gleichzeitige böhin. ) und mährische Literatur (Prag >780—87) sah er sich zwar in mehrfache Streitigkeit» > verwickelt; doch gewann er durch dieselbe auch an Ruf. Er ward >787 Vicerector des Ge- ^ neralseminanums zu Hradisch bei Olmüh und >780 wirklicher Rector; doch schon im Juli, >790, nach Kaiser Joseph's Tode, bei Aufhebung der Gencralseminarien der östr. Mein i archie, in Ruhestand verseht. Als Hausfreund im I. > 7VI wieder im Nostitz'schen Häuft ausgenommen, lehnte er seitdem, die Unabhängigkeit vorstehend, jede Anstellung ab. Zur Aufsuchung und Prüfung der für Böhmen wichtigen Handschriften reiste er >792 nach Stockholm, Äbo, Petersburg und Moskau. Gleiche Untersuchungen stellte er an, als n 1794 Deutschland, Italien und die Schweiz durchreiste. Nach der Rückkehr von dieser Reift erlitt er >795 den ersten Anfall einer Geisteskrankheit, welche sich nach und nach so steigerte, daß er >801 der Irrenanstalt überliefert werden mußte. Seit >803 wieder genesen, lebten abwechselnd im Winter in Prag und im Sommer auf dem Lande, meist auf den Gütern di! ^ Grafen Jos. von Nosiitz, des Grafen Franz von Sternberg-Manderscheid, und in später« h Jahren in Chudenitz bei dem Grafen Eugen Czernin. Während eines Aufenthalts in Brün« starb er am 6. Jan. >829. Unter seinen Schriften erwähnen wir als besonders verdienstlich für die slawische Literatur die „8crij,tores rerinn bvliom. o bibliotlieca ecclesise metropoli- timue xrsFcnsis" (2 Bde., Prag >783—84), die er gemeinschaftlich mit Pelzel Herausgabi' „De sacerclotum inLokemia cselibatn" (Prag >787); „Geschichte der böhm. Sprache und ältern Literatur"(Prag >792; 2.Auf!., >818); die „Ausgabe der „Vita 3o». 6« äencren- > Stein, arcinep.prsgensis"(Prag I793);„DicBildsamkeit derslaw.Sprache"(Prag >7SS, > 4.), eine Einleitung zu seinem„Deutsch-böhm. Wörterbuche" (2 Bde., Prag > 802 — 21 ,!.),, an welchem Leschka, Puchmayer und Hanka vorzüglichen Antheil hatten; „Slawin, Botschaft , aus Böhmen an alle slaw. Völker, oder Beiträge zu ihrer Charakteristik zur Kenntniß ihm Mythologie, ihrer Geschichte und Alterthümcr, ihrer Literatur und ihrer Sprachkunde nach allen Mundarten" (Prag >806 und >808; 2. Aust., von Hanka, >834); „Slovunks, zur Kenntniß der alten und neuern slaw. Literatur" (2 Bde., Prag 18 >4— >5); „6lirgol>tics, über die glagolitische Literatur" (Prag > 807; 2. Aufl., von Hanka, >832); „Lehrgebäude der böhm. Sprache" (Prag >809; 2. Aust., >819; böhmisch bearbeitet von Hanka, Prag 1822; 2. Aufl., >831); „Entwurf zu einem allgemeinen Etymologikon der slaw. Sprachen" ^ (Prag >813; 2. Aufl., von Hanka, 1833); „lnstitutiones linAuae slav. tlislock! xeteris" s (Wien >822), vielleicht sein verdienstlichstes Werk; „Cyrill und Mcthod, der Slawen Np» stel" (Prag >823) und die Ausgabe der „üistoris «le expeliitione L'riüerici Imperstoris, eciita a c>uot>kun sustrien«! clerico, tjui eitlem interlmt, nomine Ansbert»»" (Prag >827). Viele höchst interessante Abhandlungen D.'s finden sich in den „Abhandlungen der Königlichen böhm. Gesellschaft der Wissenschaften", sowie in mehren andern gelehrten Zeitschriften. D. war der Erste, der kn den ganz eigenthümlichen Bau der slaw. Sprachen eindrang und denselben darstellte, und vorzüglich um die Formation und das bis dahin rein unverständliche Verbum ein unsterbliches Verdienst sich erwarb, wenngleich er die Untersuchungen nicht beendete. Vgl. Palacky, „Jos. D.'s Leben und gelehrtes Wirken" (Prag >833). . ^ Dobrudscha wird der nordöstliche Theil des türk. Bulgariens genannt, der durch die Donau theils von Rußland, theils von der Walachei getrennt ist und im Osten an das Schwarze Meer stößt. Sein nördlichster Theil bildet das Deltaland der Donau, welches seit dem Frieden von Adrianopel zu Rußland gehört. Die Bewohner des Landes sind theils ^ Dobschütz DockS 391 bulgar. Türken öder Tataren, Kelche in Dörfern wohnen, Ackerbau, Vieh- und Bienen- zucht treiben, thells OSmancn, Griechen, Armenier und Juden, die sich mit Handwerken, Fischerei, Galzbereitung und Handel beschäftigen. Die bedeutendern Ortschaften sind Ba- badagh mit 10060 E., Basardschik, eine starke Festung, und die kleinen Küstenstädte Kara- herman und Mangalia. Dobschütz (Wilh. Leop. von), preuß. General, geb. am I. Jan. 1763, stammt aus einer alten schle, ^Familie, als deren Stammhaus das Schloß Ilmenau bei Breslau angesehen wird. Schon 1777 trat er in das damalige Dragonerregiment von Mitzlaff, 1778 wurde er Offizier und theilte >792—94 den Ruhm, den sich dieses Regiment in den Gefechten von Pirmasens, Kaiserslautetki und bei mehren ähnlichen Gelegenheiten erwarb, 1806 aber, nachdem er bereits zum Oberst avancirt war, das harte Loos, welches dieses Regiment sowie der größere Theil der preuß. Armee erfuhr. Nach dem Frieden von Tilsit wurde ihm die Auswechselung und Organisation der Kriegsgefangenen übertragen. Nachdem er dieses Geschäft beendet, zog er sich ins Privatleben artfstin Landgut zurück, wo er jedoch bald den ihm angetragenen Posten eines Kreislandrakhs übernahm. Als sich 181das preuß. Volk zum entscheidenden Kampfe erhob, wurde D. zum Präses der Organisationscommission behufs der Errichtung der Landwehren des glogauer, sagLncr, sprottauer undschwiebusser Kreises und bald darauf zum Divistonair der schles. Landwehren ernannt. Durch entschlossenes Benehmen und geschickte Manocuvrcs gelang es ihm, die Stadt Krossen, einen damals für die Armee in Schlesien und für die Deckung Berlins gleich wichtigen Posten, mit sehr unzulänglichen Mitteln gegen den Marschall Victor zu behaupten, der in Folge des abgeschlossenen Waffenstillstands der kriegführenden Mächte sich mit Gewalt in den Besitz dieser Stadt sehen wollte. Beim Wiederbeginn dir Feindseligkeiten nach dem Waffenstillstände zum Generalmajor ernannt, übernahm er das Commando über das Neservecorps des unter dem Befehle des General Grafen von Tauenzien gestellten vierten Armeecorps und trug in dieser Eigenschaft in der Schlacht von Grsßbeeren sehr viel zur Behauptung der wichtigen Position von Blankenfelde bei. Hierauf bestand er in der Gegend von Zahna mit ausdauernder, Tapferkeit gegen einen überlegenen Feind die blutigen Avantgardengefechte vom 3. — 5. Sept. und auch an der Schlacht von Dennewitz hatte er durch die Vcrtheidigung der Höhe von Jüterbogk den rühmlichsten Anthcil. Bei der Verfolgung der Franzosen nach der letztem Schlacht lieferte er denselben bei Mühlberg ein glückliches Gefecht, in welchem drei franz. Chasseurregimenter mit ihrem Befehlshaber, dem Obersten Lalleyrand, gefangen oder vernichtet wurden. Am 23. Ott. übernahm er mit seiner Brigade die Einschließung von Wittenberg, das er mit seinen Truppen in der Nacht vom 12. zum 13. Jan. 1814 mit Sturm nahm. Hierauf erhielt er den Oberbefehl über das Blvckadecorps der beiden Cita- dcllen zu Erfurt, ohne jedoch, da die Werke stark und die Kräfte der Belagerung zu gering waren, etwas Ernstliches gegen dieselben unternehmen zu können. Nach dem Frieden war er, als nach Abgang des Fürsten Repnin und des russ. Gouvernements Sachsen bis zur Rückkehr des Königs unter preuß. Verwaltung stand, Militaircommandant in Dresden. Wahrend des Feldzugs von 1815 war et Generalgouverneur der Nheinprovinzen und nach der Beendigung des Kriegs wurde er Commandeur det glogauer Division. Im I. 1818 zum Generallieutenant und 1823 zum Gouverneur von Breslau ernannt, nahm er im Mai 1827 seine Entlassung, die ihm der König mit dem Charakter eines Generals der Cavalerie ertheilte. Den Rest seiner Tage verlebte er auf seinem Landgute Zolling bei Freistadk in Schlesien, wo er am 8. Febr. 1836 starb. Docks nennt man die künstlichen Wasserbecken zur Ausnahme von Schiffen. Es gibt sowol nasse als trockene Docks, beide stehen mit irgend einem Fahrwasser in Verbindung, von dem sie durch zu öffnende Thore getrennt sind, welche bei den nassen, die die Stelle eines Hafens vertreten, das Wasser wahrend der Ebbe zurückhalten, sodaß die darin befindlichen Schiffe zu jeder Zeit von einer Stelle zur andern bewegt werden können. Man baut die Docks erstens da, wo die Schiffe während der Ebbe auf den Gkund geriethen, wodurch sie, besonders beladen, großen Schaden leiden würden, und zweitens da, wo di« Schiffe wegen mangelnder Tiefe nicht an das Ufer gelangen, und Löschen und Laden nur zu einer gewissen Zeit der Flut stattfinden können, weil sie bei fallendem Wasser tiefere vom User entfernte 392 Doctor Ankerplätze suchen müssen. Auch sind die Schiffe in solchen Docks gegen Diebstahl viel ge- ' sicherter. Nur zur Flutzeit können Schiffe in dieselben cinlaufen. Die trockenen Docks sind zum Ausbessern oder Untersuchen der Schiffe bestimmt, welche bei hohem Wasser eingelas. scn werden. Nach Verhältniß der Örtlichkeiten strömt entweder das Wasser mit der Ebbe s ganz aus diesen Docks, worauf die Thore sogleich geschlossen werden, oder man thut letzteres ! - sofort und pumpt das Wasser aus. Damit das Schiff nicht Umschläge, wird es auf beiden Seiten gestützt. England besitzt die größten nassen Docks und es sind dieselben sämmtlich Actienuntcrnehmungen. Die ersten Docks in London waren die Westindischen Docks, ^ deren Bau im I. 1800 begann und die 1802 eröffnet wurden. Sie sind von großen Waa- renniederlagen umgeben und haben einen Flächenraum von 24 engl. Ackern. Von den sogenannten Londoner Docks hat der eine, der I8Ü5 eröffnet wurde, einen Flächenraum von 20 Ackern, fodaß er 500 Schiffe aufnehmen kann, der andere, östlich von jenem und , mit diesem in Verbindung, umschließt 14 Acker. Die Tabacksniederlage desselben allein bedeckt vier Acker Land. Das Capital der Gesellschaft aber besteht aus 2,200000 Pf. Sk. Die Ostindischen Docks, im I. 1806 vollendet, bestehen aus einem für die abgchenden Schiffe, und aus einem zweiten von 18 Acker Flächenraum für die ankommenden Schiffe. Die Katharinendocks, zwischen den Londoner Docks und dem Tower, im I. 1828 eröffnet, nehmen einen Raum von 11'/-, die sie umgebenden Quais und Niederlagen von 12'/, Ackern ein. Der Kanal, welcher aus ihnen nach der Themse führt, ist I SO F. lang und 45 breit. Da derselbe mittels einer Dampfmaschine von 100 Pferdekräften gefüllt oder geleert werden kann, so können Schiffe von 7 00 Tonnen zu jeder Zeit der Ebbe oder Flut cinlaufen. Ihr Bau hat 2 Mill. Pf. St. gekostet. Außerdem gibt es in London noch mehre nasse Docks, - z. B. für die Kohlcnschiffe. Ebenso haben Bristol, Hüll, Goole und Leith nasse Docks. Der erste trockene Dock in Großbritannien wurde in Folge einer Parlamentsacte vom I. 1708 ^ zu Liverpool gebaut, und cs verdankt diese damals ganz unbedeutende Stadt ihm ihre jetzige Größe. Später wurden noch mehre angelegt, sodaß Großbritannien gegenwärtig deren sieben zählt. Die nassen Docks anderer Nationen, wie zu Karlskrona in Schweden, zu Toulon, Havre, Brest und Rochefort in Frankreich sind ungleich kleiner als die in Großbritannien. Doctor bedeutet im Lateinischen ursprünglich Lehrer. Eine Art Ehrentitel wurde es bereits im 12. Jahrh., wo mehre Scholastiker mit auszeichnenden rühmenden Beiwörtern diese Benennung erhielten. So wurde Thomas von Aquino Doctor -wgelicus oder communis, Bonaventura D. scrapüicus, Alexander von Hales D irretragaliilis, Duns Scotus D. subtüis, Roger Baco D. mirsbilis, Wilhelm Occam D. s-ng»I->ris, Gregorius von Ri- mini D. autüsnticus, Joh. Eerson D. cüristianissimus, Thom. Bradwardin D. prokuiillus, Anton Andreä D. clulcitluus genannt. Nachdem auf den Universitäten das Wort lange Zeit ebenfalls einen Lehrer bezeichnet hatte, wurde daraus der Name einer Würde, zu welcher nur bas Collegium der Lehrer selbst erheben oder promoviren konnte. Diese Promotionen kamen > gleichfalls im 12. Jahrh. zu Bologna auf und bald hernach ertheilten die Kaiser den Univcr- . fitäten ausdrücklich das Recht, unter ihrer Autorität und in ihrem Namen Doctores legum i zu ernennen. Diesem Beispiele folgten die Päpste und verliehen in der Absicht, das Studium j des kanonischenNechts zu befördern, ihrerseits denselben das Privilegium, Doctores csnnnmn et äecretslium zu ernennen. Die Universität zu Paris soll um 1231 zuerst Doctoren derTheolo- gie creirt haben, worauf alsdann auch Doctores ineckiciime oder pü^sicae, grammsticae, logi- cse alisrumgue artium, auch der Notariatskunst (notsriae) üblich wurden. Es galt dieseWürde für den höchsten akademischen Grad, zu welchem man nur erst nach erfolgter Erlangung des Baccalaureats und der Licentiateuwürde aufsteigcn konnte. Übrigens war ursprünglich vom II.—13. Jahrh. in Italien und Frankreich Magister und Doctor ganz gleichbedeutend, nur daß besonders der letztere Titel dort sehr bald in großes Ansehen kam. Auf den deutschen Universitäten nannten sich anfangs die Theologen lieber Magistri; doch schon im 14. Jahrh. fügten sie den Titel Doctor mitunter hinzu. Im Beginn des 15. Jahrh. dagegen unterschied 4 man nach dem Beispiele der Universität zu Prag ziemlich consequent Doctores äuris et51e- ^ clicinae und Nitßistri Tlieolo^ms et küiiosopüiae. In neuerer Zeit ist .nach und nach der Doctortitel allgemein gebräuchlich geworden, sodaß selbst die Philosophen, welche am längsten an der Benennung )Is§ister festhielten, in den meisten Ländern ihn angenommen haben. DoctrinaireS 393 Übrigens vergaben in Deutschland die Kaiser früher auch oft selbst diese Würde durch ihre Hofpfalzgrafen, die freilich oft sehr Unwürdige zu Doctoren creirten. Da die von Hofpfalzgrafen ertheilten Diplome mit angehängtem Siegel in einer Kapsel (bulls) enthalten waren, so nannte man zum Unterschiede von den schulgerechten (rite permoti) die auf diese Weise Promovirten Bullendoctoren (Uoctores bull-tti). Der Doctor steht übrigens reichsgesetzlich über den bloßen Adeligen und ist dem Ritter gleich. Die Doctorpromotion, d. h. die Erhebung zum Doctor, erfolgt durch den Dekan der betreffenden Facultät entweder nach vorherbestandener Prüfung (rigorosum) und nach öffentlicher Vertheidigung einer über einen gelehrten Gegenstand lat. geschriebenen Dissertation, oder auch Ehren halber blos per 833 die in die persönliche Freiheit der Bürger eingreifenden Septembergesetze durchsetzten. Doch diese beachteten die ernsten Worte ihres alten Ministers nicht und mußten im folgenden Jahre, als sie sich auch der Rentenreduction widersetztcn, vor der plötzlich erwach- - len Kammer ihre Portefeuilles (GuizHt, Duchatcl, Broglio) niederlegen. Die Politik aber ! die diese wenigen Männer begründet und so hartnäckig festgehalten, erlitt durch diesen, wie - durch ihre übrigen Rücktritte aus den höchsten Regierungsstellen keine Veränderung, weil sie auch die Politik des Hofs und des Königs war. Schon im Aug. >836 traten die Dockri- naires, den Herzog von Mole an der Spitze, wieder ans Staatsruder, mußten aber im März >837, als die Deputirtenkammer die Gesetze verwarf, die auf eine neueVermehrung der königli- , chen Gewalt abzielten, dasselbe abermäls (Guizot, Duchatcl, Perfil, Gasparin) niederlegen, f In der Kammersitzung von >838 wurde es ihnen endlich klar, daß sie sich als Werkzeuge des Hofs von ihrem eigentlichen Systeme entfernt hatten, und als sich Mols dem Hofe fest ergeben zeigte, fielen die angesehensten Doctrinaires, wie Duvergier de Hauranne, Zaubert, Ei- raud u. s. w. offen von demselben ab und verbanden sich sogar in der Sitzung von >839 mit den Liberalen. Guizot, der mit einigen treuergebenen Freunden wohl begriff, daß er keine Stütze in der Nation mehr habe, zeigte sich in seinem Widerstande gegen den Hof weniger hartnäckig und sicherte dadurch seine Zukunft. Bei dem gegenwärtigen Stande der franz. Politik, wo es sich überhaupt nicht mehr um politische Schulen und Systeme sondern um Persönlichkeiten handelt, welche zu den von höherer Hand angelegten Combinationen taugen, " oder nicht, konnte eS auch nicht als ein Sieg der Doctrin, sondern nur als eine persönliche Beziehung gelten, wenn Guizot und Duchatcl nach der kurzen vcrhängnißvöllen Verwaltung Thiers' im I. 1840 wieder ins Ministerium traten. Dobd (Nob.), ein engl. Marinemaler, geb. um >748, lieferte gegen da? Ende des Dodd (William) Dodekadik 395 vorigen Iahrh. eine große Anzahl ausgezeichneter Gemälde. Sie haben größtentheils die Lhaten und Leiden der damaligen engl. Marine zum Gegenstände und zeichnen sich durch die lebendigste Auffassung aus, sowol in den Darstellungen des Sturms, des Entsetzens der Schlacht, der Greuel des Untergangs, als in denen der heitern Ruhe und fester militairischer Ordnung. Eins seiner kolossalsten Gemälde vom I. 1796 hat 110 F. Breite und stellt die große brit. Flotte zu Spithead vor, wie sie am I. Mai 1795 eiligst unter Segel ging, um dem brennenden Linienschiffe tde Loxne zu entgehen. Eins seiner letzten Werke, im I. 1896 ausgestellt, hatte den Anfang der Schlacht von Trafalgar zum Gegenstände. Dodd (William), bekannt als Schriftsteller und durch sein selbstverschuldetes Schicksal, wurde 1729 zu Bourn in der engl. Grafschaft Lincoln geboren, wo sein Bater Prediger war. Er widmete sich auf der Universität Cambridge der Theologie, zeigte große Talente, aber viel Hang zur Regellosigkeit und trat daselbst schon mit 18 Jahren als Dichter und Schriftsteller auf, theils aus Eitelkeit, theils um den Aufwand eines leichtsinnigen Lebens zu decken. Im I. 1759 verließ er die Anstalt, begab sich ohne Aussicht nach London und heirathete dort für den Preis von 1999 Pf. St. Aussteuer die Maitresse eines Lords. Sein bekümmerter Bater verschaffte ihm 1751 die Vicarstclle zu Westham bei London, wo er durch sein einnehmendes Wesen und hinreißende Kanzelberedtsamkeit so viel Aussehen machte, daß er mit Beibehaltung seiner Stelle 1753 einen Ruf als Prediger nach London erhielt. Hier versank er bald in grenzenlose Verschwendung und Unsittlichkeit. Zur Tilgung seiner Schulden legte er eine Erziehungsanstalt an, die ihn in Wohlstand versetzt haben würde, wären seine Ausschweifungen nicht mit seinem Glücke gewachsen. Nachdem er 1763 vom Grasen Chesterfield zum Hofmeister seines Adoptivsohns, Philipp Stanhope, gemacht worden war, wirkten ihm auch seine Freunde 1765 eine Hofpredigerstelle aus. Er kaufte sich nun den Doctortitel- verlegte seinen Wohnsitz nach London, den Tummelplatz seiner geheimen Ausschweifungen, und gab seine Pfarrstelle auf. Unterstützt durch einen Lotteriegewinn baute er sich eine eigene Kapelle, miethete in Verbindung mit einem Andern eine zweite und machte bei dem Zulaufe, den seine salbungsvollen Predigten hatten, aus dem Stuhlzinse mit seinem Compagnon einen außerordentlichen Gewinn. Im I. 1772 kaufte er sich eine Pfründe in Buckinghamshire; überdies ernannte ihn sein früherer Zögling zum Hauskaplan. Doch dies Alles vermochte nicht seinen häuslichen Verhältnissen aufzuhelfen. Von Gläubigern gedrängt, schrieb er der Frau des LordkanzlerS einen anonymen Brief und versprach ihr I960 Pf. St., wenn sie dem D. bei ihrem Gemahl eine gewisse einträgliche Pfründe verschaffen wollte. Die Entdeckung dieser Gaunerei brachte ihn um die Hofprcdigerstclle und seinen Ruf, denn seine Feinde machten jetzt seinen lasterhaften Lebenswandel zum Gegenstände öffentlicher Besprechung und überhäuften ihn mit Spott, wenn sie ihm auch nicht die Neigung des Publicums entziehen konnten. Der junge Lord Chesterfield schenkte ihm hierauf, da er sich in der drückendsten Lage befand, eine große Summe Geld zur Befriedigung seiner Gläubiger; doch D. vergeudete dieselbe auf einer Reise nach Frankreich. Nach seiner Rückkehr versank er in immer größere Noth, der er selbst nicht durch Herausgabe einer skandalösen Zeitung abhelfen konnte, und verfiel endlich auf den Gedanken, sich durch einen falschen Wechsel von 4999 Pf. St. auf den Namen seines frühern Zöglings, des Lords Chesterfield, zu retten. Auch dieser Streich kam zur Entdeckung, und da er die Flucht versäumte, ward er ins Gefängniß geworfen und durch die Jury zu Tode verurtheilt, zugleich aber der Gnade des Königs anempfohlen. Obgleich nun seine vielen und angesehenen Freunde und Amtsgenossen, sein gewesener Zögling, sogar die Stadt London mit einer Bittschrift von 23999 Unterschriften sich für die Begnadigung verwandten, so wurde das Urtheil doch vom Geheimen Rath« bestätigt und D. am 27. Juni 1777 zu Tyburn durch den Strang hingerichtet. Unter seinen vielen, jetzt gänzlich bedeutungslosen Schriften sind die Betrachtungen, die er im Gefängnisse schrieb, das Beste. Als ein seltener Zug mag gelten, daß sich D., bei aller Verworfenheit seines Lebens, stets als ein aufopfernder, thätiger Menschenfreund bewies. Dodekadik oder dodekadisches Zahlensystem ist dasjenige Zahlensystem, das nicht, wie das gewöhnliche oder dekadische, von 19 zu 19, sondern von 12 zu 12 fortschreitet, sodaß erst zwölf Einheiten einer Classe eine Einheit der nächst höher» Claffb äüsmachen oder die Einheiten jeder Classe Potenzen von 12 sind. Zu dem Gebraucht dieses Systems, das 396 Dodekaeder Dodona vor dem dekadischen in gewisser Hinsicht Vorzüge haben würde, fehlt es allen bekannten Sprachen an Worten; ebenso wären zwei neue Zeichen nöthig, um die 10. und II. Einheit jeder Classe zu bezeichnen und jede gegebene dekadische Zahl schriftlich auszudrücken. In diesem Systeme wäre 10 so viel als 12 in dem dekadischen, ferner 100 so viel als >2^ oder > 4-1, I ooo soviel als 12' oder 1728, 2349 soviel als 3945 u. s. w. Schwerlich hat sich jemand so viel mit der Dodekadik beschäftigt als Werneburg, der die Einführung dieses Systems dringend empfohlen, neue Wörter und Ziffern dafür angegeben und ein Rechenbuch für dasselbe (erschienen 1960, d. i. nach dem dekadischen Systeme 1800) herausgegcben hat; freilich blie- - ben seine Bestrebungen ohne allen Erfolg. Dodekaeder heißt ein ebener Körper von zwölfSeitenflächen; im engcrn Sinne einer der fünf regulairen Körper, der von zwölf regulairen Fünfecken eingcschlossen wird und 20 Ecken, 30 Kanten, 100 Diagonalen hat. — Dodekaedralzahlen nennt man die Zah- len I, 20, 84, 220, 455, 816 u. s. w., deren dritte Differenzen 27 sind. (S. Figurine Zahlen und Polyedralzahlcn.) Dodekagon heißt in der Geometrie ein Zwölfeck, in der Regel ein regulaires. — Do- dekagonalzahlen sind die Zahlen l, 12, 33,64, 105,156 u. s. w., deren zweite Differenzen 10 sind. Dahin gehören alle solche ganze Zahlen, die man erhält, wenn man irgend eine ganze Zahl mit ihrem um vier verminderten Fünffachen multiplicirt, z. B. 105 — .)X2I. (S. Figurirte Zahlen.) Döderlein (Joh. Christoph), ein protestantischer Theolog, der sich um die Exegese des Alten Testaments, die Dogmatik und Moral große Verdienste erwarb, geb, am 20. Jan. 1745 zu Windsheim in Franken, wo sein Vater Prediger war, besuchte das dortige Gymnasium und seit 1764 die Universität zu Altdorf. Schon in seinem 22. Jahre wurde er Diakon an der Hauptkirche seiner Vaterstadt, wo er seine Muße besonders dem Studium der Kirchenväter wid- ) niete. Nachdem er sich als Schriftsteller durch seine „Lurae criticas et exegeticae" (Altd. 1770) bekannt gemacht hatte, erhielt er 1772 eine theologische Professur und das Diakonat in Altdorf. Im I. 1782 nahm er den Ruf als zweiter Professor der Theologie nach Jena an, wo er als Geh.,Kirchenrath am 2.Dec. 1792 starb. Sein „Esaias"(Altd. 1775 ; 3. Aust., 1789) und seine Übersetzung der „Sprüche Salomonis" (Nürnb. 1778; 3. Aust., 1786) wurden mit großem Beifall ausgenommen. Sein Hauptwerk, das jedoch die Jnconsequenz der damaligen dogmatischenAnsichten nicht vermeidet, ist die „lnstitntio tlloo!. ciirist." (2Bde., Nürnb. 1780 ; 6. Aust, von Junge, 1797), die er auch deutsch unter dem Titel „Christlicher Religionsunterricht nach den Bedürfnissen unserer Zeit" (6 Bde., Nürnb. 1785—91; fortgesetzt von Junge, Bd. 7—12, Nürnb. 1798—1803) bearbeitete. Als Dogmatiker war er im südlichen Deutschland der erste, welcher vom ältern Lehrsysteme bedeutend abging, streng in der Wahl der Beweisstellen verfuhr und jedem Dogma die Geschichte der Entstehung und Ausbildung desselben kurz beifügte. Sein „Kurzer Entwurf der christlichen Sittenlehrc" (Jena 1789; 3. Aust., 1794) gab zugleich praktische Winke für Prediger. Als Docent hatte D. einen anziehenden Vortrag, als Prediger suchte er besonders Rührung zu erwecken. Dvdöna, der älteste griech. Orakelsitz in Epirus im Lande der Molosser am Berge Tomaros, dessen Lage jetzt ungewiß, vermuthlich aber in einer der rauhen Gegenden südwestlich vom See von Janina zu suchen ist, da es Homer „das sehr winterliche" nennt. Seine Entstehung wird von Ägyptern und Griechen verschieden erzählt. Die Priester des Zeus im ägypt. Theben sagten, zwei heilige Weiber seien durch Phönizier von dort geraubt und die eine nach Libyen, die andere zu den Hellenen hin verkauft worden; diese hätten die Orakel zu D. und Ammon gegründet. Die Dodonäer hingegen erzählten, zwei schwarze wilde Tauben seien aus dem ägypt. Theben geflogen, die eine nach Libyen, die andere nach D-, letztere habe sich hier auf eine Eiche gesetzt und mit menschlicher Stimme befohlen, an diesem Orte ein Orakel zu gründen. Herodot's Meinung ist, daß, wenn wirklich die Phöni- .zier jene beiden Frauen weggeführt haben, die eine wahrscheinlich nach Hellas verkauft wor- r den sei; die fremde Sprache und dunkle Hautfarbe hätten die Veranlassung gegeben, sie mit Vögeln zu vergleichen, die, als sie der griech. Sprache kundig geworden, mit menschlicher Stimme gesprochen hätten. Spätere schreiben die Gründung.dem Deukalion zu. Das Heiligthum selbst war dem Zeus geweiht, der sich aus den Zweigen jener Eiche, wahrschcin- ^ DodtveV Doge 397 lich durch das Rauschen des Windes in der Krone des Baums, offenbarte; dieses hatten dann die Priester, Selloi oder Helloi genannt, zu deuten. An die Seite des Zeus trat später die Göttin Dione, welche bald durch Aphrodite bald durch Hera erklärt wird, und an die Stelle der Priester kamen Priesterinncn. Auch die Art und Weise, wie sich das Orakel äußerte, änderte sich. Namentlich soll eine am Fuß der Eiche hcrvorsprudelnde Quelle durch ihr Rauschen, welches die Priesterinncn zu deuten hatten, den Willen der Gottheit kundge- than haben. D. blieb übrigens, wenn auch nicht in dem Grade wie Delphi (s. d.), doch immer bedeutend genug, um in wichtigen Angelegenheiten befragt zu werden. Soll es doch sogar noch Julian vor seinem Zuge nach Persien wie auch das zu Delphi befragt haben. Dodwell (Heinr.), engl. Philolog und Chronolog, geb. zu Dublin 1614, gest. 17 ll, war seit 1688 Professor der Geschichte zu Oxford, welche Stelle er jedoch 1761 deshalb niederlegen mußte, weil er sich weigerte, dem Könige Wilhelm III. den Eid der Treue zu leisten, so lange der König Jakob I I. oder ein rechtmäßiger Nachkomme desselben lebe. Sehr bald kam er indeß von dieser Ansicht ganz zurück; ja was er früher eifrigst vertheidigt hatte, griff er nun sogar schriftlich an. Fortwährend zeigte er sich als einen warmen Vertheidiger der bischöflichen Gewalt. Den meisten Werth haben seine chronologischen Schriften: „Disser- tstinncs IHpiianiene" (Ors. 1684), „kr-ieloctioncs acscleinicse in seünlg liistorices Osm- llenignu" (Ors- I 062), „ Vniiiiles Vellejuni, tzuinctilmnei etc." (Ors. 1668), „Ile veteri- Iiu» 6i-ktecor,iin kom-»i,or»mt;iie c^clis" (Ors- 1761, 4.) und „Xnnales Unie^cliclei et Xenopliontei" (Ors. 1762, 4.). Einen Auszug daraus besorgte Brokesby (Lond. 1723). — Eduard D., engl. Altcrthumsforscher, geb. 1767, bereiste 1861 —6 Griechenland, wo er vielfache Untersuchungen unternahm, und lebte dann in Italien, wo er zu Rom am 14. Mai I 832 starb. Seine „<7>r»8sicsl :>nck topnArspliic-cl tour tkrouoli 6reeee cluiing tbe )-esrs 1861, 1865 »nrl 1866" (2 Bde., Lond. 1816, 4. ; deutsch von Sickler, 2 Bde., Meining. >821, mit Kupf.), sowie feine prachtvollen, nach seinen Originalzeichnungen her- ausgegebencn „Vicn-s in dreece" sind für das Studium des Altcrthums von hohem Werthe. — Des Letzter» Witwe, lange Zeit die erste Schönheit Roms, vermählte sich 1834 mit dem jetzigen bair. Gesandten zu Rom, Graf Karl von Spaur. Sie ist die Tochter des Grafen Girant und war für das Kloster bestimmt, zu welchem sie aber wenig Lust hatte und aus dem sie D., der 36 Jahre älter als sie war, befreite. Doe6 (Jak. van der), ein berühmter holländ. Maler, geb. zu Amsterdam 1623. Als er seiner Studien halber nach Rom gekommen war, gingen ihm die Subsistenzmittel aus, und schon war er im Begriffe, sich unter die päpstlichen Truppen einschreiben zu lassen, als andere Künstler davon hörten, ihm Unterstützung schafften und ihn in die Künstlcrgesellschaft der Schildcrbent aufnahmen, wo er den Beinamen Tambour erhielt. Er malte Thierstückc, besonders Schafe und Ziegen, in landschaftlicher Fassung, und seine Bilder zeichnen sich durch große Tüchtigkeit und Naturwahrheit aus, doch haben seine landschaftlichen Gründe durchgehend etwas Finsteres, Melancholisches. D. starb 1673.— Sein Sohn, Simon van der D., geb. 1653, gest. >717, wird ebenfalls als Landschafts- und Thiermaler mit Achtung genannt. Doge (<>nx) hieß die mit Fürstenrang bekleidete oberste Magistratsperson in den ehemaligen Republiken Venedig und Genua. In Venedig war diese Würde uralt. Der Freistaat im nordwestlichen Theile des Adriatischen Golfs besaß schon zu Anfänge des 8.Jahrh. Dogen, die von den Bürgern zwar gewählt wurden, aber fast die Rechte eines absoluten Monarchen übten. Gegen Ende des > 2. Jahrh. beschränkte eine Staatsreform auch die Dogenwürde. Ein aus den verschiedenen Classen der Bürger gewählter Großer Rath von 476 Gliedern erhielt die gesetzgebende Gewalt; derselbe ernannte einen Kleinen Rath von sechs Gliedern, ohne dessen Zustimmung der Doge keinen Act der Verwaltung ausüben durste; die Li-egsäi, oder Adelige, die der Doge früher freiwillig zu den Geschäften zog, wurden ebenfalls zu einer festen Verwaltungsbehörde von 66 Gliedern erhoben. Nach dieser neuen Verfassung verlor auch das Volk das Recht der Dogcnwahl, indem nun 24 erwählte Glieder des Großen Raths aus sich zwölf Personen wählten, welche die Dogenwahl vollzogen. Sebastian Ziani wurde 1177 als der erste Doge nach dieser neuen Verfassung gewählt. Um das Volk über das verlorene Recht zu trösten, warf er Geld unter dasselbe, ein Gebrauch, SS8 Doge der sich seitdem erhielt. Auch die Weise, wie er die Vermählungsfeierlichkeit mit dem Meere vollzog, wurde für immer maßgebend. Papst Alexander lll., den er im Streite gegen Kaiser Friedrich I. unterstützt, verlieh ihm zum Zeichen der Herrschaft über die Meere einen Ring und die Erlaubniß, eine brennende Kerze, einen Sonnenschirm, Lehnstuhl, Schwert u. s w. vor sich hertragen zu lassen. Wesentlich wurde I l 7 9 die Gewalt des Dogen durch Einsetzung des Gerichts der Vierziger, das nun allein die höchste Gerichtsinstanz bildete, beschränkt; auch setzte man eine Behörde von drei Advogadori ein, die in Sachen des Fiscus und bei Amtsbesetzungen entschied. Während der Regierung Jacobo Tiepolo's, 1229—49, ver- kürzte man die Macht des Dogen weiter durch eine selbständige Policeibehörde; auch errich- tcte man das schreckhafte Todtcngericht, das nach dem Ableben des Dogen seine Regierung und sein Privatleben untersuchen mußte, und zu dem der Große Rath die Richter, fünf Correctoren und drei Inquisitoren, ernannte. Um jeden Familicneinfluß abzuschneiden, führte 1268 der Große Rath für die Dogenwahl ein höchst seltsames Wahlverfahren ein, das mit einiger Veränderung bis ans Ende der Republik in Gebrauch blieb. Durch geheime Abstimmung wählte hiernach der Große Rath aus sich 9V Personen, die in gleicher Art neun ausschiedcn; dies« neun Männer aus dem Rache ernannten nun 40 Wahlmänner, welche in geheimer Abstimmung aus sich zwölf Männer wählten, die 25 Wahlmänner ernannten; diese 25 wählten in geheimer Abstimmung aus sich neun Glieder, die endlich die 45 Wahlmänner bestimmten, von denen elf daraus Erwählte unter Eidschwur die Dogenwahl vollzogen. Trotz der großen Beschränkung ihres Wirkungskreises besaßen die Dogen damals immer noch mächtigen Einfluß, wenn sie den Partcihader zwischen Adel und Bürgerthum, die Zerwürfnisse der verschiedenen Behörden, und ihre Stellung als Oberfeldherren klug benutzten. Erst gegen Ende des 13. Zahrh., als der Staat völlig in eine Adelsaristokratie verwandelt war, ward von dem herrschenden Adel und den Dogen selbst, aus Furcht vor dem Übergewichte einzelner Geschlechter und Persönlichkeiten, die Dogenwürde zum bloßen Repräsentanten der Staatseinheit herabgesetzt. So wurde 1268 dem Dogen ein unabhängiger, aus dem Bürgerstande gewählter Eroßkanzler beigeordnct. Nachdem Eradenigo, l 289 — 1311, aus Haß gegen das mächtige Haus Tiepolo, dessen Einfluß er nach seinem Tode fürchtete, das berühmte, unter dem Namen der Schließung des Großen Raths bekannte Gesetz eingeführt, das die gesetzgebende und richterliche Gewalt des Raths in die Hände bestimmter Geschlechter legte, setzte er 1310 auch den furchtbaren Rath der Zehn ein, der ohne Verantwortung gleich einem absoluten Herrscher über allen Gewalten stand und auch dem Dogen das Urtheil sprechen konnte. Überdies hatte der Große Rath den Dogen allmälig in seinem öffentlichen und privatlichen Leben mit den kleinlichsten Schranken umgeben. So durste er nur ital. Fürsten seine Erhebung melden, alle Schreiben des Papstes und der Fürsten nicht selbst öffnen, weder Handkuß noch Fußfall 'annehmen, die Stadt nicht verlassen, keine auswärtigen Güter besitzen, seine Kinder nicht in auswärtige Häuser verheirathen, mit seiner Familie keine Geschenke annehmen; auch mußte er zwei Advogadori als beständige Aufseher dulden, für jedes Versehen Geldstrafe erlegen, einen bestimmten Aufwand machen u.s.w. Die Glieder seinerFamilie waren von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Seine Kleidung, sein Hofstaat und Gefolge waren genau bestimmt, sowie sein kärglicher Gehalt, und als Zeichen seiner herzoglichen Würde trug er eine gehörnte Mütze. Nach dem Tode des Andr. Dandolo, 1354, wurde nach dem Vorschläge der Correctoren die Aufsicht über den Dogen noch insofern geschärft, als man seinen sechs geheimen Rächen die drei Präsidenten deS Raths der Vierziger, später die sechs Minister hinzufügte; diese zusammen bildeten mit dem Dogen die durchlauchtigste Signoria. In dieser Weise konnte die Dogenwürde kein Ziel des Ehrgeizes mehr sein; schon 1339 mußte man ein Gesetz geben, das dem Dogen die Niederlegung des Amtes nicht erlaubte, und 1367 zwang man den Andr. Contarini, indem man ihn als Hochverräther bedrohte, die Würde anzunehmen. Hatte ein Doge durch Glück oder ausgezeichnete Persönlichkeit seine Stellung geltend gemacht, oder gar die Schranken derselben irgendwie durchbrochen, so zögerte der Große Rath nicht mit weitern Beschränkungen. Unter andern Einengungen ward 1413 dem Dogen der Titel Signoria untersagt und nur das Wort Messe« zugestanden, zugleich wurde ihm das Recht genommen, die Dogma Dogmatik 399 Volksversammlung (Arcngo) zusammenzurufen. Mit dem Staate fiel 1797 auch die Dogenwürde. (S. Venedig.) Genua erhielt 1339 nach einem Siege der Volkspartei in Simon Boccanera den ersten Dogen. Er war auf Lebenszeit gewählt und theilte freiwillig seine unumschränkte Gewalt mit zwölf Staatsräthen (^nrisni), von denen die eine Hälfte aus den Bürgern, die andere aus dem Adel genommen war. Die Schicksale des Staats nach außen, die Streitig, keilen der vornehmen Geschlechter und der Hader zwischen Volk und Adel im Innern, verursachten Jahrhunderte hindurch die häufigsten Veränderungen in der Macht, Regierungszeit und Bedeutung der Dogen; mehrmals wurde die Würde ganz abgeschafft. Erst nachdem 1528 Andr. Doria Genua von der Herrschaft der Franzosen befreit, ward eine Verfassung eingeführt, welche die Stellung des Dogen fcstsetzte, die mit geringer Veränderung bis ans Ende der Republik dieselbe blieb. Nach dieser Verfassung wurde die Regierungszeit des Dogen auf zwei Jahre bestimmt; seine Wahl geschah wie zu Venedig nach der sorgfältigsten Anordnung; er mußte von Adel und 50 Jahre alt sein. In dem Großen Rathe von 300 und dem Kleinen von 100 Mitgliedern, die beide die Gesetzgebung übten, hatte er das Recht des Vorsitzes und das Veto. Die vollziehende Gewalt übte der Doge mit zwölf geheimen Rächen (6over„>j(ivri) und achtProcuratoren, darunter die abgetretenen Dogen. Während seiner Regierung bewohnte er den Staatspalast und war gleichen Cercmonien und Beschränkungen unterworfen, wie der zu Venedig. Als 1797 die Franzosen Genua eroberten, hörte auch die Dogenwürde auf; 1802 wurde sie indessen mit der Ligurischen Republik wiederhergestellt und zugleich mit der Republik 1804 für immer abgeschafft. (S. Genua.) Dogma heißt zunächst eine Lehrmeinung, welche als positive Behauptung ausgesprochen wird, vorzüglich dann, wenn sie als Lehrsatz bewiesen ist (s. Dogmatismus); in der Theologie heißt Dogma ein Satz, der nicht bewiesen, sondern geglaubt werden soll, überhaupt ein Glaubenssatz. Dogmatik heißt derjenige Theil der theoretischen Theologie, welcher -die christlichen Dogmen oder Glaubenssätze im wissenschaftlichen Zusammenhänge darstellt. Dieser Name, für den früher die weniger bezeichnenden loci tbealogici, liienlogis positiv» oder tlietics gewöhnlich waren, findet sich zuerst bei Sam. Maresius im I. 1648 und kam namentlich durch Buddeus in Jena in allgemeinen Gebrauch. Da es die Aufgabe der Dogmatik ist, die einzelnen Glaubenslehren aus den heiligen Urkunden zu schöpfen, zu ordnen, ihren Grund im religiösen Bewußtsein des Menschen nachzuweisrn, sowie ihre Auffassung und Fortbildung im kirchlichen Lehrbcgriffe zu beurtheilen, so leuchtet von selbst ein, daß die Dogmatik auf Exegese, Philosophie und Kritik ruht. Im Allgemeinen unterscheidet man von der biblischen die kirchliche Dogmatik und nennt die Darstellung der Dogmen, welche klar und deutlich in der Bibel enthalten sind, die Biblische Theologie (s. d.), während die kirchliche oder symbolische nach Anleitung der von der Kirche als Norm anerkannten Symbolischen Bücher die Dogmen darstellt. Den ersten unvollständigen Versuch, den christlichen Lehrbegriff darzustellen, machte im 3. Jahrh. OrigeneS in der zum großen Theile untergegangenen Schrift „De pi-iiicipüs" ; ihm folgte im 4. Jahrh. Augustinus, der zwar ohne wissenschaftliche Ordnung, doch nach einem Princip das gesammte kirchliche System in den Schriften „De ckoctrins. cbristisas", „De fiele sc szmdolo" und „knclüritlion sei I.surentium" behandelte. Mehr bloße Sentenzensammlungen lieferten im 5.—7. Jahrh. Gennadius von Marseille („ve llog- mstlbus ecclesissticis"), der afrik. Bischof Junilius („De psrtillus üivillse legis") und Jsi- dorus Hispalensis („8e,itent>se seu eie summ» booo"). Im Morgenlande behandelte im 8. Jahrh. Johannes von Damascus die Lehre der griech. Kirche, in der Form schon aristotelisch. Mit den Scholastikern (s. d.) beginnt vom 11. Jahrh. an das eigentliche Systema- tisiren, zugleich aber auch die Sucht nach unfruchtbaren Spitzfindigkeiten und Unterscheid»«- gen. Die ersten Bearbeiter der Dogmatik im Zeitalter der Scholastik waren Hildcbert von Tours und Abälard; daran schlossen sich, nach ihrer verschiedenen Methode Sententiarier, Summisten und Quodlibetaricr genannt, Petrus Lombardus, Albert der Große, Alexander von Hales, Thomas von Aquino, Duns Scotus, Wilhelm von Occam und Gabr. Biel. 3m Zeitalter der Reformation erwachte auch das Studium der Dogmatik zu neuem Leben, iydem man auf biblische Theologie zurückging und die Fesseln des Aristoteles abstreifte. In LH «00 Dogmatismus I ! der protestantischen Kirche brachen Melanchthon mit seinen klassischen „I>oci commnnes re- ^ rum tkeoloxicsrum" (Wittenb. 1521, -I.), Chemnih und Gerhard, in derreformirten Zwingli und Calvin und in der englischen Cranmer die Bahn für die freiere und gründlichere Be- ' Handlung der Dogmatik. Streitigkeiten der »erschienen Kirchen und kirchlichen Parteien und allzu großes Ansehen der Symbolischen Bücher waren freilich die Veranlassung, daß die Dogmatik im 17. Jahrh. in der protestantischen Kirche durch Hutter, Calov, Quenstcdt und ^ Beier und bei den Reformirten durch Wendelin, Voetius und Heidegger, gegen welche Ca- lixtus allein ohne alle Unterstützung Anderer nichts vermochte, wieder in aristotelisch-schola- > stischer Weise bearbeitet wurde. Erst nachdem im 18. Jahrh. durch Semler die historische, durch Ernesti die exegetische und durch Kant die philosophische Kritik begründet worden und in Folge davon die biblische Dogmatik im Gegensätze der symbolischen entstanden war, fing man nun auch wieder an, die Dogmatik im Geiste des Reformationszeitalters zu bearbeiten, indem durch gründliche Exegese die Dogmen an Einfachheit gewannen. Je größere Ausbeute die immer selbständiger forschende Philosophie und das gründlichere Studium der Exegese und Geschichte für die Dogmatik gewährten, mit um so größeren Erfolge konnte dieselbe im 19. Jahrh. angebaut werden. Die in den einzelnen Dogmen angehäuften scholastischen Spitzfindigkeiten wurden in die Dogmengeschichte verwiesen und dagegen nur die durch freie grammatisch-historische Auslegung aus der heiligen Schrift gewonnenen Wahrheiten als eigenl- liche Glaubenswahrheiten aufgestellt. Aus diesem Umschwünge der Wissenschaft gingen aber natürlich Parteien hervor, die in der Behandlung der Dogmatik sehr voneinander abwichen. Während Seiler, Storr, Reinhard, Knapp und Hahn mehr oder minder streng an dem symbolischen Lehrbegriffe festhielten, schloffen sich Andere, wie Döderlein, Morus, Stäud- lin und Cramer, vorzugsweise der Bibellehre an und zeigen eine gewisse dogmatische UM- t stimmtheit, während wieder Andere, wie Henke, Eckermann, Wegschcider, Ammon und Bret- tz schncider die Lehre der Schrift und der Symbole der Prüfung der Vernunft unterwarfen. Ne- ' ben ihnen sind in neuerer Zeit philosophische Dogmatiker aufgetreten, die, durch Jacobi'sche und Schelling'sche Philosophie gebildet, die Aufgabe der Dogmatik darin suchten, daß das Wesen der Religion im Gemüthe ergründet und das Christenthum als die geschichtlicheOffenbanmg desselben aufgefaßt würde. Hierhcrgehörcn vor Allen Schleiermacher (s.d.), ferner Daub, De Wette, Hase und Twesten. Die neueste, vom Hegel'schen Standpunkte bearbeitete Dogmatik von Dav. Friede. Strauß (s. d.) kommt in ihren Hauptresultaten auf den Pantheismus Spinoza's zurück. Noch verdient bemerkt zu werden, daß in neuern Zeiten Nitzsch und Beck christliche Dogmatik und Moral in Verbindung behandelt haben, nachdem seit Kalixtus die abgesonderte Bearbeitung beider gebräuchlich geworden war. Auch mehre Theologen der deutsch-katholischen Kirche erkannten im >9. Jahrh., daß das dogmatische System durch wissenschaftliche Behandlung nur gewinnen könne; unter ihnen verdienen ihrer freier« Forschungen wogen rühmlicher Erwähnung Zimmer, Klüpfel, Öberthür, Dobmayer, Brenner, Hermes, Vogelfang u. A., während Liebermann als Vertheidiger des Altherkömmlichen besonders hervorragte. Vgl. Schickedanz, „Versuch einer Geschichte der christlichen Glaubenslehre" (Braunschw. >827) und Herrmann, „Geschichte der protestantischen Dogmatik von Melanchthon bis Schleiermacher" (Lpz. 1842). j Dogmatismus oder Dogma ticismus, auch dogmatische Methode heißt das streng wissenschaftliche Lehrverfahren überhaupt, namentlich dasjenige, bei welchem man, wie in der Mathematik, von Grundsätzen ausgeht und aus diesen durch Beweise die Lehrsätze ableitet. In diesem Sinne haben alle strenge wissenschaftliche Untersuchungen die Aufgabe, sich dogmatisch auszubilden. Insofern aber in einzelnen Gebieten der Untersuchung entweder die obersten und allgemeinen Erklärungsgründe unbekannt sind und man, wie in den Naturwissenschaften, zu Hypothesen seine Zuflucht nehmen muß, oder, wie in der Philo- ! sophie, über die Gültigkeit der Principien Zweifel und Streit entstehen, oder endlich etwas ! ohne Prüfung als Grundsatz und Princip angenommen wird, was nicht dafür anerkannt , werden kann, bezeichnet man durch das Wort Dog matismus dasjenige fehlerhafte Verfahren, welches ohne Prüfung und Beweis gewisse Sätze nur als Behauptungen hinstellt. In diesem Sinne hat namentlich Kant dem Dogmatismus als der unberechtigten Behauptung, daß es sowol von dem wahren Wesen Dessen, was Gegenstand der Erfahrung ist, als Dogmengeschichte Dohm 401 !- ! auch von Dem, was über alle Erfahrung hinausliegt, eine objective Erkenntniß aus Bell . griffen gebe, die sich systematisch ausbilden lasse, den Skepticismus (s. d.) und den e- ' Kriticismus (s. d.) entgegengestellt. Der letztere, indem er vor jedem Versuche, eine n Erkenntniß zu gewinnen, erst die Natur un.d die Grenzen des menschlichen Erkenntnißver- ie - mögens untersucht, also der Erkenntniß eine Theorie der Erkenntniß vorausschickt, schien id i ihm die richtige Mitte zwischen der dogmatischen und skeptischen Denkart zu halten. — In i- ' einem davon verschiedenen Sinne unterscheidet man die dogmatische Lehrart, d. h. die, i- ! welche bestimmte Erkenntnisse in ihrem eigenen Zusammenhänge mittheilt, von der batest che tischen, die den Schüler durch Fragen und Antworten auf diese Erkenntnisse hinzu- id , leiten sucht. Ig ! Dogmengeschichte. Die Dogmengeschlchte will die Entwickelung, die Veränderun- n, ! gen und die Kämpfe der christlichen Glaubenslehre pragmatisch darstellen und demnach nachte weisen, was im Laufe der Zeit von der Kirche, von Sekten und von Einzelnen als christliche st Neligionswahrheit anerkannt und gelehrt wurde, aus welchen Quellen die einzelnen Lehren m ^ hervorgingen, mit welchen Gründen man sie bewies oder bestritt, welche verschiedene Grade h- der Wichtigkeit sie in verschiedenen Zeiten erhielten, und welche Umstände das Urtheil dar- ii- über bestimmten, endlich welche Form und Zusammenstellung der Glaubenslehren jeder Peil- riode eigen war. Während die Dogmengeschichte früher nur beiläufig in der Dogmatik und ei> Kirchengeschichte abgehandelt wurde, ward sie in neuerer Zeit zu dem Range einer selbständigen ib- ! Wissenschaft erhoben. Nachdem durch Ernesti, Semler, Beck u. A. die Bahn gebrochen war, in unternahm die Bearbeitung derselben in größerer Ausführlichkeit zuerst Münscher im„Hand- id- , buche der christlichen Dogmengeschlchte" (4 Bde., Marb. 1797—1899). Hatte dieses Werk de- l die kritische Prüfung und Sichtung des Stoffs zum Hauptzwecke, so versuchte demnächst kt- i Baumgartcn-Crusius, den Stoff zu einer gegliederten Einheit zu verarbeiten, in seinem !e< ' „Lehrbuch der Dogmengeschichte" (2 Bde., Jena 1831 —32) und in seinem noch übersicht- nd lichern „Compendium der christlichen Dogmengeschichte" (Abth. I, Lpz. l 840). In neuester ei Zeit aber hat Kliefoth in seiner „Einleitung in die Dogmengeschichte" (Parchim und Lud- iig wigsl. 1839) unstreitig die beste Anweisung zur organischen Behandlung dieser Wissen- ib, schaft gegeben. Nach seiner Ansicht entwickelt sich das Dogma, dessen Gegenstände Gott >g> ' (Object), Mensch (Subject) und Ordnung des Heils sind, dergestalt, daß eine Seite der i§- christlichen Wahrheit nach der andern ins wissenschaftliche Bewußtsein tritt und von dem- nd selben nach und nach in organische Folge dogmatische Fassung erhält; der Geist des Christ. . sienthums ist das Agens, die Subjectc sind die Organe, durch welche jene Entwickelung sich m vermittelt. Demnach theilt Kliefoth die Dogmengeschichte in drei Perioden, in die der griech., ich ^ der röm.-katholischen und der protestantischen Kirche, welche nacheinander Theologie, An- ,r> thro-pologie und Soteriologie entwickelten, während eine vierte zukünftige wahrscheinlich die er, Lehre von der Kirche zum Mittelpunkte haben werde. Jede Periode verläuft in drei Stadien, M dem der Dogmenbildung, der symbolischen Einheit und der Vollendung und Auflösung, ui- Das erste Stadium entwickelt, um das Dogma zu bilden, die einzelnen Artikel desselben stk analytisch, das zweite faßt sie synthetisch zusammen, das dritte verarbeitet sie systematisch. / Zur Zeit ist noch kein dogmengeschichtliches Werk nach diesen Ideen Kliefoth's ausgcführt ,aS ^ worden. Außer den bereits erwähnten Schriften nennen wir vorzugsweise Münscher's >n, „Lehrbuch der christlichen Dogmengeschichte" (Mark, l 8 l 1 ; 3. Aust., 2 Bde., von von Cölln hr- und Neudeckcr, Kaff. 1832—38), Engelhardt's „Christliche Dogmengeschichte" (2 Bde., dst Erl. 1839), Hagenbach's „Lehrbuch der Dogmengeschichte" (Bd. 1 und Bd. 2, Abth. I mg und 2, Lpz. 1849—41) und Meier's „Lehrbuch der Dogmengeschichte" (Gieß. 1849). in Dohm (Christian Konr. Wilh. von), ein durch Geist, Grundsätze und Verdienste aus- lo- gezeichneter Staatsmann und Historiker, geb. zu Lemgo am 11. Dec. 1751, der Sohn eines ,a§ , Protestantischen Predigers daselbst, bildete sich auf dem dortigen Gymnasium, studirte seit int i ^04 inLeipzig die Rechte und Geschichte. Nachher arbeitete er eineZeitlang unterBasedow !er< zu Altona, wo er sich aber bald misfiel, und nahm dann l 7 7 3 die ihm von angesehenen Freun- D. den ausgewirkte Stelle eines Hofmeisters der Söhne des Prinzen Ferdinand, Bruders Fried- ap. rich's II. an. Allein das Beengende eines solchen Amtes sowie die Liebe zu seinen Studien als i Conv.-eex. Neunte Aufl. IV. 26 102 Dohm die er hier gehindert sah, bewogen ihn, nach sechs Monaten sich zurückzuziehen und im fol- . gendcn Jahre nachGöttingcn zu gehen. Hier gründete er mit Boje das „Deutsche Museum", zu welchem er auch später, als er die Mitredaction abgegeben hatte, noch manche treffliche Beiträge lieferte. Durch den Professor Mauvillon dem Hess Minister von Schieffcn empfohlen, erhielt er 1776 die Professur der Finanztvissenschaft und Statistik an dem Collegium Carolinum, woraus ihm l 777 die Stelle eines Erziehers bei dem zweiten Sohne des Kronprinzen von Preußen angctragen wurde. D. ging zwar nach Berlin, erhielt aber die SM nicht; doch wurde er dem Könige vorgestellt und machte die nähere Bekanntschaft des Mini- sters von Herzberg, auf dessen Empfehlung er dann >77» als Geh. Archivar und Kriegs- rath beim Departement der auswärtigen Angelegenheiten Anstellung erhielt. Hier arbeitete er in deutschen Reichssachen und bildete sich, nächst Herzberg's Anleitung, durch fleißige Benutzung des Haus-und Staatsarchivs zum eigentlichen Staatsmann. Insbesondere nahm er an denjenigen Arbeiten Antheil, welche gegen Ostreichs Absicht, Baiern durch Tausch;» erwerben, gerichtet waren, und durch welche zuletzt der deutsche Fürstenbund zu Stande kam. (S. Hcrzbcrg.) D. besaß fortwährend das Vertrauen Herzberg's; Friedrich II. ertheiltk ihm l7 83 den Charakter eines Geh. Raths und ernannte ihn 178«, zum kleveschen Diru- torialgesandten im Westfälischen Kreise und zum bevollmächtigten Minister am kur-kölnischen Hofe, in welcher Stellung ihn Friedrich Wilhelm ll., unter Erhebung in den Adelsland, nach seinem Regierungsantritt bestätigte. Seine Bemühungen zur friedlichen Beilegung der Unruhen zu Aachen und Lüttich blieben zwar ohne Erfolg, doch bewiesen sie gleich du von ihm verfaßten Schrift „Die Lütticher Revolution im I. 1789" (Bcrl. > 799), wie sch ihm das Wohl dieser Länder am Herzen lag. In Folge des Eindringens der Franzosen wicht auch D. im Dec. >792 aus Köln flüchten. Als Preußen nach dem baseler Frieden,;»! Behauptung der bewaffneten Neutralität, ein Heer aufstclltc, wurde ihm die Leitung des s»! die Verpflegungsangelcgenheit des Cordons nach Hildesheim >799 und 1797 berufem ' Convents der niedcrsächs., eines Theils der westfäl. und anderer Reichsstände anvcrtraul. Nachdem Tode Friedrich Wilhelm's II. ernannte ihn dessen Nachfolger 17 97 zu stimui Gesandten bei dem Friedenscongresse zu Rastadt neben dem Grafen Gör; und dem Frechem von Jacobi; als jedoch im Apr. 1799 der Congreß durch den Wiederausbruch des Kriegs mit die Ermordung der franz. Gesandten schmählich endete, mußte er wieder das mühsame Bei- pflegungsgeschäft des Neutralikätscordons übernehmen. Hierauf wurde ihm bei Besitznahme der dem preuß. Staate für den auf dem linken Rheinufer erlittenen Verlust als Entschädigung zugetheilten Länder die Organisation der ehemaligen Reichsstadt Goslar und 18»l, nach Beendigung dieses Geschäfts, die Präsidentschaft der cichsfeld-erfurtschen Kriegs - ii»d Domainenkammer zu Heiligenstadt übertragen. Auch blieb er auf diesem, weder seiner Nutzung noch seinen Talenten angemessenen Posten, als nach der Schlacht bei Jena die Provinz Erfurt-Eichsfeld vom Feinde besetzt wurde, um zur Linderung des harten Schicksals der Unterthanen so viel beizutragen als möglich war. Aus diesem Grunde begab er sich >»> Dec. 1898 mit einer ständischen Deputation nach Warschau, wo es ihm, Napoleon vorgc- stellt, gelang, das Versprechen der Milderung der Kriegslasten zu erlangen, und die Zersplitterung des Landes unter zwei franz. Gouvernements abzuwendcn. Durch den tilßter - Frieden >897 wegen seiner Besitzungen an das neue Königreich Westfalen gebunden, ließ j er durch den franz. Generalintendanten sich zur Theilnahme an der Gesandtschaft nach Paris bestimmen, die, aus Landständen und Verwaltungsbehörden zusammengesetzt, den neue» König begrüßen mußte. Nach seiner Rückkehr wurde er im Dec. l 897 zum Staatsrath und schon im Febr. darauf zum westfäl. Gesandten am dresdener Hofe ernannt, ein Posten, der ihm viel Annehmlichkeiten gewährte. Eine Brustentzündung bewog ihn jedoch, im Apr. 1819 seine Entlassung zu nehmen und auf sein Gut Pustleben bei Nordhausen sich zurückzuziehen, wo er, mit geschichtlichen Studien beschäftigt, von jetzt an lebte. Er starb am 29. Mai 1829. Unter seinen Schriften verdienen besondere Erwähnung die „Geschichte des bair. Erbfolgestreits" (Franks, und Lpz. 1779, -1.), „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" (2 Bde., Berl. 1783), wozu ihn Mendelssohn veranlaßte, „Über den deutschen Fürstenbund" (Berl. 1789) und „Denkwürdigkeiten meiner Zeit oder Beiträge zur Geschichte von 1778—1806" (z Bde-, Lemgo 1814— iS). Dieses letztere Werk, in den Dohna 403 Späkjahren seines Lebens verfaßt, zeichnet sich ebenso durch eine Menge interessanter Auf. schlösse über wichtige Personen und Begebenheiten als durch Wahrheitsliebe und ruhig, klare Forschung aus, reicht jedoch nicht über Friedrich den Großen hinaus und ist auch nicht frei von einer gewissen Breite und Redseligkeit des hohen Alters. Vgl. Gronau, „Biographie D.'s" (Lemgo 182-t). Dohna, ein altes gräfliches Geschlecht, ursprünglich in Böhmen einheimisch, erhielt seinen Namen von dem Burggrafthum Dohna oder Donyn, südöstlich von Dresden, eine Stunde westlich von Pirna. Die Erbauung der Burg setzt man in das I l.Jahrh., doch wird ihrer zuerst l l 07, und eines Burggrafen Ekbert, demWladislawl. von Böhmen die Burg als Grenzfestung anvcrtraute, zuerst l113 urkundlich erwähnt. Kurze Zeit nach König Hein- rich's Vordringen, wie es scheint, deutsches Lehen, war die Burg seit 1182 wieder böhmisch und seitdem 12. Jahrh. hatten die Bischöfe von Meißen die Oberlehnshoheik. Der fehdelustige Geist des Mittelalters ruhte ganz besonders auf den Burggrafen von D. und brachte endlich auch ihnen und ihrer Burg den Untergang. Folgendes aber war die nächste Veranlassung dazu. Vertrauliche Neckereien des Burggrafen Jeschke von D. mit der Hausfrau Rudolfs von Meusegast bei dem sogenannten Adelstanze auf dem Rathhause zu Dresden im Z. 1401 hatten, als der Burggraf ein ihm während des Tanzes von Rudolf gestelltes Bein mit einer Ohrfeige vergalt, offene Fehde zur Folge. Für den Markgrafen Wilhelm von Meißen war dies eine willkommene Gelegenheit, sich des unbequemen und mächtigen Nachbars zu entledigen. Er gebot zunächst Frieden und als sich dies Jeschke nicht ge- fallen ließ, vielmehr in Verbindung mit seinen Vettern Heide und John von D. sich offen gegen den Markgrafen erklärte und durch Mord und Raub die Straße von Böhmen nach Dresden unsicher machte, griff nun auch der Markgraf ebenfalls zu den Waffen und nahm, nachdem Heide und John gefallen, der alte Burggraf Otto von D. im Gefängnisse derer von Körbitz gestorben, Jeschke aber geflüchtet war, am 19. Jan. 1402 die Burg ein und ließ sie schleifen. Jeschke war zuerst nach Wesenstein, dann nach Königstein, zuletzt nach Ungarn zum König Sigismund geflohen, um dessen Hülfe anzusprcchen; König Sigismund aber, der lästigen Zudringlichkeit Jcschke's müde, ließ endlich den schutzlosen Flüchtling'als Landfriedenstörer zu Ofen enthaupten. Seit jener Zeit liegt die Burg in Ruinen, welche 1465 von Friedrich dem Sanstmüthigen in Besitz genommen wurde, che die sächs. Dohnas ausgestorben. D. gegenüber, auf einer Anhöhe jenseit der Müglitz, finden sich noch die Trümmer der 1206 von den Burggrafen erbaute Feste, welche in den Urkunden der Nobisch, wahrscheinlich Naubbusch, genannt wird, die aber noch in selbigem Jahre gleichfalls abgetragen werden mußte. In juristischer Beziehung war D. seines Schöppenstuhls wegen berühmt, der seit 1325 urkundlich vorkommt, 1541 auf Lehnssachen beschränkt und 1572 durch den Kurfürsten August mit dem >420 zu Leipzig errichteten vereinigt wurde. Vgl. Bartsch, -„Historie der alten Burg D." (Dresd. 1735), Heckel, „Beschreibung der Festung König- stein und der Burg D." (Dresd. 1736, 4.) und Schöttgen, „klistoria burggrav. Honens." (Dresd. 1744—46, 4.). Von Böhmen waren schon früher einzelne Mitglieder der Familie, da Schlesien unter böhm. Hoheit stand und sie böhm. Vasallen waren, nach Schlesien gekommen, hatten hier Güter erlangt und ihr Geschlecht ausgebreitet. Die schles. und die allein noch blühende preuß. Hauptlinien stammen von einem Nikolaus vonD. ab, der 1307 Alten-Guhrau bei Glogau besaß. Die Brüder Christoph von D. und Stanislaus vonD. wurden die Gründer der schles. und der preuß. Linie. Aus der erstem Linie sind zu bemerken Abraham ll. von D-, einer der bedeutendsten Staatsmänner seiner Zeit, der mit dem Fürsten Radzivil das Gelobte Land bereiste, die Standesherrschast Wartenberg erkaufte, die er 1600 zu einem Familiensideicommiß nach Erstgeburtsrecht erhob, woran er auch die preuß. Linie Theil nehmen ließ und 1613 starb. — Sein Sohn, Karl Han nibal von D., gest. 1633, war ein gleich eifriger Katholik wie sein Vater und wurde von Kaiser Ferdinand 11. zu den wichtigsten Unterhandlungen gebraucht. Der Dichter Opitz war Se- crctairbei ihm. Mit seinem Enkel, Karl Hannibal ll-, erlosch 1611 die schles. Linie, nachdem dieselbe durch Kaiser Ferdinand lll. 1648 aus dem Freiherrn - in den Burggrafen - und V " Erafenstand des Deutschen Reichs erhoben worden war. — Die preuß. Linie wurde sehr bald protestantisch. Des Stifters Enkel, Fabian von D., nahm an einem Feldzug König Stephan's von Polen Thcil, trat dann in des Pfalzgrafen Johann Kasimir Dienst, den er im Kriege in den Niederlanden zur Seite stand, und befehligte nachher den deutschen Theil der Armee, welche die protestantischen Fürsten dem König von Navarra, Heinrich IV., zu Hülfe sendeten. Von Joachim Friedrich von Brandenburg zum Oberburggraf ernannt, starb er unverehelicht 1621. Vgl. Voß, „(üommentarius «>e rebus psce belloguegestis kadiani Rurgj-ravü 790 in den preuß. Staatsdienst trat. Als Kammerdirector zu Marienwerder bewies er in den I. >806 und I8tN entschiedene Energie und Festigkeit des Charakters. Im I. 1808 trat er an die Stelle dcS Ministers von Stein, welcher am 28. Nov. 1808 auf Napolcon's Verlangen vom preuß. Staatsdienste ausscheidcn mußte, und erwarb sich als Minister des Innern durch die Ausführung vieler wesentlichen, zum Theil wol von Stein selbst schon vorbereiteten Einrichtungen, wie z. B. der Städteordnung, der neuen Organisation der Staatsbehörden u. s.w., große Verdienste. Bereits aber 1810 trat er aus dem Staatsdienste, zog sich auf Schlobitten, eins seiner Güter in Preußen, zurück, wo er ausschließend der Beschäftigung mit dm Wissenschaften lebte. Bei der unerwarteten Wendung der Dinge im I. 1812 trat er wieder in die Öffentlichkeit und wirkte in den Versammlungen der vstpreuß. Provinzialstände durch seine Beredtsamkeit zur Erweckung eines feurigen Patriotismus. Hierauf wurde er zumCi- vilgouverneur der Provinzen zwischen der Weichsel und der rufs. Grenze ernannt; seit 1815 aber nahm er seinen Aufenthalt wieder in Schlobitten, wo er am 21. März 1831 starb. Dgl. Voigt, „Leben D.'s" (Lpz. 1833). Die Majoratsbesitzungen der zur Zeit bestehenden Linien des gräflichen Dohna'schen Geschlechts Schlobitten, Lauck, Reichertswalde und Schlodien mit Carwinden hat der König Friedrich Wilhelm IV. bei Veranlassung der Erbhuldigung in Königsberg zur Grafschaft von Dohna erhoben und deren Besitzern eine Collectivstimme im Stande der preuß. Ritterschaft ertheilt. Dohnen nennt man eine Vorrichtung zum Fangen der Krammcts- und anderer Zugvögel, und Dohnenstrich eine ganze derartige Anlage. Die Dohnen bestehen aus drei- und mehrfach zusammengelcgten Schlingen von Pferdehaaren, die in der Mitte eines einen Dreieck oder Halbkreis bildenden Bogens angebracht sind. Durch Ebereschenbeercn, welche nahe an dem Bügel angebracht sind, werden die Vögel herbeigelockt, die, um zu den Beeren zu gelangen, den Kopf durch die Schleife stecken, diese zusammenziehen und sich erwürgen. Doketen hießen in der alten Kirche alle Anhänger solcher Lchrmeinungen, welche die Realität der sinnlich-menschlichen Erscheinung Jesu irgendwie beeinträchtigten. Hatten schon das philosophirende Heiden- und Judenthum die Theophanien und Engelerscheinungen dadurch erklärt, daß es die Himmlischen momentan oder nur scheinbar Körper annehmen ließ, so wendete dies die christliche Gnosis auf das in Jesus erschienene Göttliche um so mehr an, je weniger man dieses Göttliche in enger und wesentlicher Verbindung mit einem mate- Dokimastikon Dolch 405 ciellen Leibe, als dem Sitze des Bösen, sich denken konnte. Die Anwendung geschah nun so, daß man den Leib Christi entweder für einen zwar wirklichen irdischen, aber nicht zu seinem Wesen gehörigen, sondern nur momentan angenommenen (feinerer Dokctismus), oder wie die Simonianer (s. d.) blos für Schein und Täuschung, oder wie Valeutinus (s. d.) und Bardcsanes (s. d.) für einen vom Himmel stammenden, aus ätherischem Stoffe gewebten Körper nur mit sinnlichem Scheine erklärte. Alle häretischen Gnostiker (s.d.) waren feinere oder gröbere Dokcten, natürlich mit Ausnahme Derer, die wie Karpokra- tes(s. d.) Christus nur in die Kategorie menschlicher Weisen stellten, oder ihm wie Marti on (s. d.) eine geschichtliche, sittliche Wirkung in der Mcnschenwelt beilegten. Jndeß finden sich auch neben der Gnosis Spuren des Dokctismus, und namentlich wird im Anfänge des 3. Zahrh. ein gewisser Julius Cassianus in Alexandria als Stifterder Doketensekte erwähnt, die freilich als solche nicht existirt hat. Übrigens nannte die Kirche in der Folgezeit auch Diejenigen Doketcn, welche die Menschheit Jesu entweder, wie Apollin aris (s. d.), nicht vollständig anerkannten oder wie Eutyches (s. d.) durch das Göttliche in ihm gleichsam absor- birt werden ließen. Streitig ist, ob die Stellen bei Johannes (Evang. >, >4; I Brief 1,1; 4, 2. 3; 2 Brief 7) gegen doketistische Jrrthümer, die allerdings schon in der apostolischen Zeit aufgekommen sein mögen, oder nur gegen die Leugnung der Messianität Jesu gerichtet sind. Vgl. Nicmcyer, „De vocetis" (Hälle 1823). Dokimastikon (griech.), eigentlich jede Prüfungsschrift, nennt man vorzugsweise die schriftliche Aufgabe, welche auf den Gelehrtenschulcn gewöhnlich am Schluffe eines Halbjahrs oder kurz vor der Classcnversctzung den Schülern zur Übertragung in die griech. oder lat. Sprache crthcilt und von diesen als Beleg der gemachten Fortschritte auf der Stelle unter der Aufsicht des Lehrers selbst ausgearbeitct werden muß. Dokkum, eine mit Wällen und Gräben umgebene Stadt in der holländ. Provinz Friesland, in einer fruchtbaren Gegend, liegt eine Meile von der Nordsee entfernt und am Dokkumer-Diep, welches die Stadt mit dem Lauwersee und folglich mit der Nordsee verbindet und bei der Flut für die größten Seeschiffe fahrbar ist. Sie hat zwei Kirchen, ein schönes, mit einem Thurm und Glockenspiel geziertes Stadthaus und 3688 E., welche sich vom Schiffbau, von Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Eisenarbeiten, Salzraffinerie, Cichoricnfabrikation, Butter-und Käsehandel nähren. D. soll einer der ältesten friesischen Orte sein. In seiner Nähe wurde 755 der Apostel der Deutschen, Bonifacius, nebst mehren seiner Schüler von den heidnischen Friesen erschlagen. Im niedcrländ. Freiheitskampfe eroberten >572 die Spanier die Stadt, steckten sie in Brand und ermordeten die meisten Bewohner; zehn Jahre später gelang cs den Niederländern sich derselben wieder zu bemächtigen, worauf sie ziemlich stark befestigt wurde. Dolabella (Publius Cornelius), geb. 68 v.Chr., vermählte sich sehr jung mit Ciccro'S Tochter, Tullia, die sich nachmals wegen seiner Ausschweifungen von ihm trennte. Um seine Schuldenlast los zu werden, schloß er sich im Bürgerkrieg 48 an Cäsar an, ließ sich, während dessen Abwesenheit von Rom nach der Schlacht bei Pharsalus, von einem Plebejer, Cn. Len- tulus, adoptiren, wie es Clodius früher gethan, um Volkstribun zu werden, und trat als solcher 47 mit einem Antrag auf Erlaß der Schulden auf. Darüber kam es zu Unruhen, die Antonius endlich mit Gewalt unterdrücken mußte. D. war hierauf im afrikanischen und spanischen Kriege Cäsar's Begleiter. Nach der Ermordung desselben im I. 44 vereinigte er sich mit der Partei der Mörder und erlangte nun das Consulat, das ihm Cäsar, früher selbst für dieses Jahr zugesichert. Bald aber zog ihn Antonius durch Geld und die Übertragung der Provinz Syrien von jener Partei ab. D- verließ Rom, um sich seiner Provinz, auf die auch C assius (s. d.) Anspruch machte, zu bemächtigen, erpreßte in den griech. und asiatischcwStädten Geld, ließ den Trcbonius, den er in Smyrna überfiel, ermorden. Hierauf ward er in Rom für einen Feind des Vaterlandes erklärt, Caffius belagerte ihn in Laodicea, um diesem nicht in die Hände zu fallen, ließ er sich, als die Stadt eingenommen ward, durch einen seiner Soldaten 4 3 v. Chr. tödten. Dolch. Der Dolch war im Mittelalter ein wesentliches Stück der Rüstung eines Ritters. Er war gewöhnlich zweischneidig, >2— l 8 Zoll lang und mit einem oft reich verzierten Griffe versehen. Den Namen Wsericorcke erhielt er deshalb, weil man den >m Zwei» 466 Dolci Döle kampf zu Boden gestreckten Gegner, wenn er nicht um Gnade bat, damit zu tödten pflegte. Dolch und Streitaxt waren die einzigen Waffen des Schildknappen. Mit dem Nitterwescn verschwand in Europa auch der Dolch aus der Reihe der für den Krieg bestimmten Gewehre; an seine Stelle trat das kurze Nömerschwert und dann der Stoßdegen. Zur Zierde wurde indessen der Dolch, der nun nur noch 4—5 Zoll lang und häufig dreischneidig geschlif. fen war, noch bis ins 17. Jahrh. getragen. In Italien entstand daraus das Stilet. Die Asiaten führen ihn meist als Schmuck in Form eines Messers noch jetzt im Gürtel. Dolci (Carlo) auch Carlino Dvlce, ein berühmter Maler der florentin. Schule, , geb. zu Florenz 1616, war ein Schüler des Jacopo Vignali und starb zu Florenz 168«. Seine Werke, die meist aus Madonnen und Heiligen bestehen, tragen den Charakter an sich, den des Künstlers Name bezeichnet. Sie sind voll gefälliger Sanftheit, sodaß man ihnen sogar, und oft allerdings nicht ohne GAind, charakterlose Weichheit zum Vorwurf gemacht hat. In allen seinen Bildern schimmert jene Furchtsamkeit und Schwermuth hindurch, die ihn bis an seinen Tod beherrschte; besonders in seinen Madonnen hat er sich häufig wiederholt. In Hinsicht des auf die Ausführung seiner Werke verwendeten Fleißes nähert er sich den holländ. Meistern. Unter seineit vielen in ganz Europa verbreiteten, besonders in Florenz -häufigen Werken sind die berühmtesten Cäcilie oder die Orgelspieler!», Christus, der das Brot und den Kelch segnet, Herodias mit dem Haupte Johannes .des Täufers, die in der dresdener Galerie aufbewahrt werden, und in Paris Christus am Olberge. Doldengewächse (vmbelliterae) bilden eine große und sehr natürliche Pflanzenfamilie, die, mehr als 1606 Arten zählend, vorzugsweise auf der nördlichen Halbkugel hei- ^ misch ist und viele sehr nützliche Garten- und.Ackcrgewächse sowie Heilpflanzen enthält. Der Habitus hat bei der Mehrzahl sehr viel Übereinstimmendes, indem die Blütensticle strahlenförmig von einem gemeinsamen Mittelpunkte ausgehen und hierdurch die Dolde ^ bilden. Ihre fünfmännigen Blüten sind gemeiniglich unansehnlich, mit fünfzähnigem Kelche, ' fünftheiligcr Blumenkrone und doppeltem Griffel versehen; die sehr eigenthümlich gebildete j Frucht besteht aus zwei nicht aufspringenden, einsamigen Kapseln, die an der inner» Seite ^ sich berühren und daselbst an einem Säulchen befestigt sind. Die Doldengewächse sind meist ^ Kräuter, selten Sträuche, erlangen oft eine bedeutende Höhe und haben gctheilte oder zusammengesetzte, selten einfache Blätter. Die Mehrzahl enthält in Wurzel oder Samen ätherisch - ölige oder harzige, bisweilen auch scharfe und narkotische Stoffe, im letzter» Falle ' sind sie giftig und können bei Verwechselung mit älmlichen Formen, z. B. des Schierlings mit der Petersilie, viel Unheil anrichten, werden aber in der Hand der Ärzte zu wichtige» Heilmitteln; im erster» Falle dienen sie als Gewürze und finden einen ansehnlichen Verbrauch, wie Kümmel, Anis u. dgl. Die Wurzel einiger Doldengewächse wird durch Cultur fleischig und liefert dann Nahrungsmittel oder nützt als Viehfutter, z. B. Sellerie, Mohrrüben u. s. w. Die systematische Unterscheidung und Charakterisirung der Doldengewächse ist auch für geübte Botaniker ziemlich schwierig; Sprengel, Decandolle, Koch u. A. haben diese C e speciell bearbeitet. Döle, eine gcwerbrciche Stadt im franz. Departement Jura, am Doubs in der durch ihre Schönheit und Fruchtbarkeit ausgezeichneten Gegend Val d'amour, zählt 16000 E. und hat ein College, eine Musikschule, eine Schule der freien Künste, eine Bibliothek, Bildergalerie und ein Antiguitätencabinet. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnet sich aus die kolossale Domkirche Notre-Dame und unter den Plätzen der Marktplatz, ei» von schönen Gebäuden eingeschlossenes Viereck. Die Haupterwerbszweige sind Strumpf-, Leder-, Mützen - und Hutfabriken. Zur Zeit der Römer führte die Stadt den Namen D-'l» Sequauorum und aus jener Zeit stammen noch die Reste zweier Wasserleitungen, ein Amphitheater, einige Tempelüberrcste und die Straße, welche von Lyon durch D. nach dem Rhein geht. Auch findet sich hier der Anfang eines noch unvollendeten Kanals zur Verbindung der Rhone und des Rhein. Später war D. die Hauptstadt der Franche-Comte, eine s starke Festung, um welche im 16. und 17. Jahrh. die Franzosen mit den Spaniern vielfach kämpften, bis 1674 die erster» die Festungswerke völlig schleiften. Auch befanden sich hier eine Universität und ein Parlament, welche beide später nach Besanxon verlegt wurden. In der Nähe der Stadt erhebt sich auf einem Hügel der Cours, welcher eine reizende KoleS Döll 407 Aussicht in das Doubsthal gewährt. Auch finden sich unweit Dole eine Mineralquelle und eine unterirdische Grotte. Doles (Zoh. Friedr.), ein sehr fruchtbarer Kirchencomponist, geb. 1715 zu Stein- bach in Franken, gest. 1797 als Cantor an der Thomasschule in Leipzig, war von 174-1 — 56 Cantor in Freiberg, wo er durch die Composition eines Singspiels zur Feier des Andenkens des westfäl. Friedens, für welche der Ncctor Biedermann, ungeachtet einer Einnahme von >500 Thlr., nur 30 Thlr. schickte, die D. nicht annahm, Veranlassung zu einem seiner Zeit Aufsehen machenden Streite gab, an dem auch Matthcson, D. selbst aber keinen An- theil nahm. D.'s Composttionen bestehen in einer großen Anzahl Motetten, Psalmen, Cantaten und ausgeführtcr Choräle. Obwol ein Schüler Seb. Bach's, weicht D. in seinem Stile doch vielfach von diesem ab, in der Tüchtigkeit und Reinheit des Satzes ist indeß der Einfluß des Altmeisters nicht zu verkennen. — Sein Sohn gleiches Namens, geb. >746, gest. 1796, studirte die Rechte, wurde Doctor derselben und hat sich durch Compositioncn und Clavierspiel als einen geschickten Dilettanten bewährt. Dolgoruki, eine der ältesten fürstlichen Familien in Rußland, die ihren Ursprung von Rurik (s. d.) ableitet. Fürst Gregor D. machte sich 1608 durch die muthvolle Vcr- theidigung des festen Dreifaltigkeitsklosters des heil. Serge! in der Gegend von Moskau wider die Polen berühmt, welche dasselbe 16 Monate lang unter der Anführung des Jan Sapieha belagerten. — Mit M arie D. vermählte sich 1624 Michael Fcodorowirsch, der erste Zar aus dem Hause Romanow, sie starb aber sehr früh. — GeorgD. befehligte die Artillerie unter Zar Alexe! und zeichnete sich im Kriege gegen die Polen aus. — Sein Sohn, Michael D., war Minister und Freund des Zar Fcodor, ältesten Bruders Petcr's 1. Beide D-, Vater und Sohn, wurden später, als sie Peter 1. gegen die revoltirenden Strclzen ver- theidigten, umgebracht. — JakobD. war Senator unter Peter I., stand bei demselben in großem Ansehen und gehörte zu den Wenigen, welche des Zaren Zorn zu dämpfen und ihn von Ungerechtigkeiten zurückzuhalten verstanden. — Zu dem größten Ansehen gelangte die Familie unter Peter ll. IwanD. war der erklärte Günstling des jungen Zaren, welcher sich sogar 1729 mit dessen Schwester, Katharina D., verlobte. Doch an dem zur Hochzeit bestimmten Tage starb der Zar, Anna (s. d.) bestieg den Thron, befreite sich gewaltsam von den Beschränkungen, unter denen ihr der Skaatsrath, dessen Häupter Iwan und B a- si l i D. waren, die Krone übertragen hatte, und es wurde nun die ganze Familie der D. nach Sibirien verwiesen. Neun Jahre nachher verfiel dieselbe der Rache Biron' s (s. d.) > Iwan und Basili wurden zu Nowgorod gerädert, fünf andere aus andere Weise hingerichtet, Katharina kam in ein Kloster, zwei aus der Familie blieben bis zur Thronbesteigung der Kaiserin Elisabeth auf der Festung Schlüsselburg gefangen. — Basili D. befehligte im russ. Heere unter Katharina II. und eroberte 1771in 15 Tagen die Krim, weshalb er den Beinamen Krimski erhielt. — Georg D. war ebenfalls unter Katharina II. General und zeichnete sich in den Kriegen gegen die Türken und Polen durch Tapferkeit und Energie aus. — Wladimir D. war 25 Jahre lang Gesandter Katharina's II. am Hofe Friedrichs II., dessen Zuneigung er sich erwarb. — Michael D., gleichfalls ausgezeichnet durch Kenntnisse und militairische Talente, fiel als russ General 1808 in Finnland. — Alexe! D. war in den»ersten Jahren der Negierung des Kaisers Nikolaus Justizminifier. — Nikolai D., der früher Generalgouverneür von Lithauen war, ist gegenwärtig Generalgouverneur von Klcinrußland, ElieD. russ. Generalmajor und Basili D., ebenfalls General. — Peter D. hat sich durch Herausgabe einer „Notice sur los piincipales tamillss >1s la kussie" (Brüss. 1843) bekannt gemacht, doch dadurch des Kaisers Ungnade zugezogen. Döll (Friedr. Wilh.), ein deutscher Bildhauer, dessen Arbeiten die innigste Bekanntschaft mit den classischen Werken der alten Kunst bezeugen, geb. in Hildburghäusen >750, studirte, vom Herzoge Ernst von Gotha unterstützt, seit 1770 in Paris, unter Houdon, dann acht Jahre lang in Italien, besonders in Rom, wo Winckelmann ihn seiner Aufmerksamkeit würdigte. Sein erstes Werk von Bedeutung war Winckelmann's Denkmal im Pantheon zu Rom. Nach seiner Rückkehr aus Italien erhielt er die Aufsicht über die herzogliche Kunstkammer und die Antikengalerie in Gotha. Hier wurde er Stifter einer Kunstschule, welche unter seiner Leitung und auf seine Anregung vieles Treffliche geleistet hat, was freilich durch 4V8 Dollar Döllinzer den Aufschwung, welchen die Bildhauerei in neuester Zeit genommen, verdunkelt werden s mußte. Seine bedeutendsten Werke sind die Basreliefs in der Reitbahn zu Dessau, eine große Gruppe, Glaube, Liebe und Hoffnung, in der Hauptkirche zu Lüneburg, Leibniß's Denkmal zu Hannover und Kepler's Denkmal zu Regensburg. D. starb als Professor der ^ Bildhauerkunst zu Gotha am 30. März 1816. — Joh. VeitD., einer der trefflichsten Medailleure und Steinschneider der neuern Zeit, geb. 1750 zu Suhl in Thüringen, starb daselbst am 1',. Oct. 1833. Dollar heißt das Münzstück, nach welchem die Vereinigten Staaten von Nordame- j rika und, unter dem Namen Peso und Piaster, auch die Republiken Mexico, Guatemala und alle südamerik. Freistaaten rechnen. Nordamerik. Dollars gehen 8,6720 Stück auf die rauhe köln. Mark; das Stück wiegt 26,955 franz. Gramme; der Feingehalt ist 259 Grän in der rauhen köln. Mark; 9,6430 Stück gehen auf eine köln. Mark fein; der Werth beträgt I Thlr. 13'/- Sgr. Courant. Die übrigen amerik. Dollars, Pesos oder Piaster weichen in Gewicht und Gehalt nur ganz unbedeutend von den nordamerikanischen ab. Dollart, ein Meerbusen der Nordsee zwischen Ostfriesland und der holländ. Provinz Gröningen, am Ausflüsse der Ems, 2//- M. lang und >M. breit, entstand aus einem zuerst 1277 und dann insbesondere 1287 vom Meere verschlungenen Striche Landes, auf welchem zuvor an 50 größere und kleinere Ortschaften gestanden haben sollen und von denen sich nur die Insel Nessa, das-Nesserland genannt, erhalten hat. Inzwischen sind doch dem Meere, besonders an der flachen ostfries. Seite, bedeutende Strecken Landes wieder abgcwonnen und durch dauerhafte Eindeichungen vor ähnlichen Unfällen gesichert worden. Döllinger (Ignaz), einer der berühmtesten Physiologen, wurde 1770 zu Bamberg ! geboren, wo sein Vater Leibarzt des Fürstbischofs Franz Ludwig von Erthal und Professor der Medicin war. Seine Schulbildung erhielt er in Bamberg; dem Studium der Medici» . widmete er sich anfangs ebenfalls in Bamberg, dann in Würzburg und, unterstützt vom ' Fürstbischof, in Wien und Pavia. Als auf letzterer Universität der Kriegsunruhen wegen >703 die Vorlesungen geschloffen wurden, kehrte er in seine Vaterstadt zurück, wo er 1781 ' die Doctorwürde erhielt und gleich darauf als Lehrer der Physiologie angestellt wurde. Als ^ 1803 die Universität zu Bamberg aufgehoben wurde, kam er noch in demselben Jahre als Pro- j fessor der Physiologie nach Würzburg, wo er bald auch die Professur der Anatomie über- ' nahm und bis 1823 mit großem Erfolge lehrte. Im letztgenannten Jahre wurde er ordent- > liches Mitglied der mathematisch-physikalischen Claffe der königlich bair. Akademie der Wissenschaften zu München, deren Acten er mit mehren ausgezeichneten Abhandlungen bereicherte. Auch erwarb er sich großes Verdienst bei dem Baue des anatomischen Theaters, der unter seiner Leitung ausgeführt wurde. Gleichzeitig lehrte er Anatomie und Physiologie an der von Landshut nach München verlegten medicinischcn Schule. Als > 826 die Universität von Landshut nach München versetzt wurde, übernahm er wieder die Professur der Anatomie, die er, im 1.1836 "zum Obermedicinalrath ernannt, bis zu seinem Tode, am l 1. Jan. 1841, bekleidete. In Folge einer Verwundung bei einer Section im I. 1827 und dcr Cholera, die ihm 1836 dem Tode nahe brachte, war sein sonst kräftiger Körper sehr geschwächt worden,, sodaß auch seine Geisteskräfte in den letzten Jahren sichtlich sanken, zumal da mit diesen körperlichen Leiden auch noch amtliche Unannehmlichkeiten ssch verbanden. Sein Hauptfach war die Physiologie, die sich bei ihm auf die Schelling'sche Naturphilosophie stützte, mit deren Begründer er frühzeitig bekannt und vertraut geworden war. Mikroskopische Untersuchungen beförderte er, wo er nur konnte, namentlich durch Verbesserung dcr dazu nöthigen Instrumente; auch hing damit seine große Geschicklichkeit in der Jnjcction dcr feinern Blutgefäße zusammen. Ausgebreitete Kenntnisse besaß er in den Naturwissenschaften, die ihn in den Stand setzten, neben seinem Hauptsache auch Botanik, Mineralogie, Er- perimentalchemie u. s. w. vorzutragen. Seine Sammlungen bereicherten namentlich seine ^ Söhne, deren zwei noch gegenwärtig in Rio-Janeiro leben, während ein dritter in Athen und ein vierter, Th c o d. D., in Moskau starb, nachdem er die franz. Colonie am Senegal besucht und 1836 die Krim und den Kaukasus bereist hatte. Einen großen Einfluß übte D. auf die Studirenden sowol durch seine Vorträge, die sich durch Klarheit und Gediegenheit auszeichneten, wie durch persönlichen Umgang mit ihnen, indem er sie durch Beispiel und Dollond Dolomieu 409 Ermahnung zum Selbstforschen anrcgtc. Unter seinen weniger durch Zahl und Umfang als durch Gediegenheit sich auszcichnenden Werken erwähnen wir den „Grundriß der Natur» lehre des menschlichen Organismus" (Bamb. >865) und die „Grundzüge der Physiologie", von denen jedoch mir des ersten Bandes erste Abtheilung (2 Hefte, Ncgcnsb. 1835) erschienen ist; ferner unter seinen Gelcgcnheitsschriftcn und Programmen die „Beiträge zur Ent- wickelungsgcschichte des menschlichen Gehirns" (Franks. 181 -t,Fol.), das Programm „Über den Werth und die Bedeutung der vergleichenden Anatomie" (Würzb. >81-1) und seine „Gedächtnißrcde auf Sömmerring" (Münch. >83»). — Sein Bruder, Georg Fcrd. D., bair. Geh. Hausarchivar und Wirklicher Rath in München, geb. zu Bamberg um 1775, ist bekannt als Herausgeber der „Sammlung der im Gebiete der innern Staatsverwaltung des Königreichs Baicrn bestehenden Verordnungen" (2» Bdc. nebst Register, Münch. 1835 — 30). — Ioh. Jos. Jgn. D., Geistlicher Rath und Professor der Theologie an der Universität zu München, bis l 826 Professor des Kirchenrechts am Lyccum zu Aschaffenburg, der Verfasser des „Lehrbuchs der Kirchengeschichtc" (Bd. I und 2, Abthl. l,Negensb. 1836— 38; 2. Aust., >8-13), hat sich namentlich durch die Schrift „über gemischte Ehen" (5. sehr vcrm. Aust., Negensb. 1838) und durch sein Sendschreiben an Professor Harleß, „Der Protestantismus in Baicrn und die Kniebeugung" (Regensb. 1833), als ultramontanen Vorkämpfer bcmerklich gemacht, gegen den Thiersch durch seine „Drei Sendschreiben über Protestantismus und Kniebeugung in Baicrn" (1833) geharnischt in die Schranken trat. Dollond (John), einer der ausgezeichnetsten Optiker, der Erfinder der achromatischen Fernrohre, wurde am lO.Juni 1766 von franz. Älter», die nach der Aufhebung des EdictS zu Nantes ausgewandcrt waren, zu London geboren. Jung verlor er seinen Vater und war dadurch genöthigt, ein Gewerbe zu ergreifen, wiewol seine Neigung ihn von früher Jugend an zu mathematischen Studien Hintrieb; des Tages an den Webstuhl gefesselt, beschäftigte er sich bei Nacht, indem er sich die Stunden des Schlafs verkürzte, mit seiner Lieblingswis- senschaft und lernte so die wichtigsten Gesetze der Optik und Astronomie kennen. Damit nicht zufrieden, beschäftigte er sich auch noch mit ganz fremdartigen Wissenschaften, mit Anatomie und selbst mit Theologie, und erwarb sich in den alten Sprachen so viel Kenntnisse, um das griech. Testament ins Lateinische zu übersetzen. Sein ältester Sohn, Peter D., entschloß sich, die von seinem Vater mitgetheiltcn optischen Kenntnisse praktisch anzuwendcn und begründete ein optisches Institut. Im I. 1752 verband sich sein Vater mit ihm und wendete von da an seinen ganzen Fleiß auf die Verbesserung der dioptrischen Fernrohre, wobei er von den ausgezeichnetsten Mathematikern und Physikern seiner Zeit aufgemuntert wurde. Nach einer Reihe umsichtig angeordneter Versuche in den I. 1757 und >758, zudckrenihu dieUnter- ssuchungen von Klingenstierna vcranlaßten, entdeckte er die ungleiche Zerstreuung der farbigen Lichtstrahlen in verschiedenen brechenden Mitteln und folgerte sofort daraus die Möglichkeit, dioptrische Fernrohre zu verfertigen, welche Bilder ohne die so störenden farbigen Ränder zeigten, wofür er von der königlichen Socictät zu London die Copley'sche Medaille erhielt. Auch gelang cs ihm bald, aus Flint- und Crownglas zusammengesetzte Objectivgläser zu verfertigen, die den beabsichtigten Zweck erreichten, die ungleiche Brechbarkeit der Lichtstrahlen corrigirten und deshalb von Bevis mit dem noch jetzt üblichen Namen achromatisch (s.d.) bezeichnet wurden. Unstreitig war dies die bedeutendste Verbesserung, welche die Fcrnröhre seit ihrer ersten Erfindung erhielten. Im I. 1761 wurde D. zum Mitglied«: der königlichen Societät ernannt, starb aber schon am 30. Nov. desselben I., vom Schlage getroffen. — Seine beiden Söhne, von denen sich namentlich der älteste, PeterD-, bekannt gemacht, führten das optische Institut fort und verfolgten die von ihrem Vater betretene Bahn noch weiter. Dolomieu (Deödat Guy Silvain Tancrede Gratet de), berühmt durch seine geologischen und mineralogischen Untersuchungen, geb. zu Malta am 23. Juni 175», stammte aus Dolomieu in der Dauphine. Er wurde noch als Kind in den Malteserorden ausgenommen und trat mit dem 18 . Jahre seine Prüsungszeit an. Als er im folgenden Jahre bei seinem ersten Kreuzzuge im Mittelländischen Meere im Streite einen Offizier seiner Galeere todtete, wurde er nach der Rückkehr vom Gericht in Malta zum Tode verurtheilt, doch im Betracht seiner Jugend vom Großmeister begnadigt, wozu, nachdem er neun Monate im 416 Dolz Gefängnisse zugebracht hatte, auch der Papst seine Einwilligung gab. Wahrend seiner Ge- s fangenschaft hatte er Geschmack an der Poesie gefunden. Nachdem er seine Freiheit wieder erlangt hatte, kehrte er nach Frankreich zurück und kam nach Metz in Garnison, wo er nun seine Studien fortsetztc. Durch den Einfluß des Herzogs von Larochefoucault ward er auf den Grund einiger Arbeiten, die er >775 im Druck erscheinen ließ, von der Akademie der Wissenschaften als Correspondent ausgenommen. Um sich ganz wissenschaftlichen Studien zu widmen, nahm er seinen Abschied beim Militair, ging wieder nach Malta und begleitete , 1777 den Bailli Rohan nach Portugal. Im folgenden Jahre bereiste er Spanien, >781 - Sicilien und die umliegenden Inseln, Neapel und den Vesuv, 1782 die Pyrenäen und l 7 83 das von dem Erdbeben verwüstete Calabrien. Geheime Mittheilungen, die er bei seiner Rückkehr dem Großmeister in Beziehung auf Neapel machte, verwickelten ihn in Malta in viele Unannehmlichkeiten; auch wurde ihm verboten, die Grenzen des Königreichs Neapel. wieder zu betreten. Nachdem er 1789 und 1790 die Gebirge Italiens, Tirols und Grau- bündtens durchforscht und seine Sammlungen von Malta abgeholt hatte, kam er im Mai 1791 nach Frankreich, wo er sich auf das Landgut seines als Opfer der Volkswuth umgekommenen Freundes, des Herzogs von Larochefoucault, Noche-Guyon, zurückzog. Nach dem 9. Thermidor begann er aufs neue seine geologischen Reisen in Frankreich, stets zu Fuß, den Hammer in der Hand und den Sack auf dem Rücken. Im I. >796 wurde er zum Ingenieur und Professor, und bei der Einrichtung des Instituts zu dessen Mitglieds ernannt. Die Expedition nach Ägypten bot ihm eine willkommene Gelegenheit, dieses Land zu besuchen; allein die Besetzung Maltas durch Napoleon verbitterte ihm die ganze Unternehmung, und bald sah er sich durch die Lage, in welche die Armee in Ägypten gerieth, in Unthäligks versetzt. Im Mär; 1799 schiffte er sich wieder nach Europa ein; unterwegs bekam das Fahr- ^ zeug einen Leck, sodaß man nur mit Nvth Tarent erreichte. Hier behandelte man die Mann- ^ schüft als Kriegsgefangene, und als sie endlich freigelassen werden sollte, erkannte man D. und behielt ihn fest. Einundzwanzig Monate mußte er in einem ungesunden Gefängnisse i Mishandlungen und Entbehrungen aller Art erdulden. Man versagte ihm selbst Bücher und Schreibmaterialien; allein seine Geistesstärke hielt ihn aufrecht. Einige Bücher, die er der Aufmerksamkeit seiner Wächter entzogen hatte, benutzte er, um an ihren Rand mit einem Holzstiste und mit Lampenruß seine mineralogisch-philosophischen Forschungen aufzuzeichncn. ^ Nachdem er in Folge des am 15. Mär; l 80 l zwischen Frankreich und Neapel abgcschlos- > senen Friedens seine Freiheit erlangt hatte, bestieg er den durch Daubenton's Tod erledigter l Lehrstuhl der Mineralogie am Museum der Naturgeschichte. Ungeachtet seiner durch die Gc- , fangenschaft geschwächten Gesundheit unternahm « im Herbst I80l eine Reise in die Ge- j birge der Schwei;, Savoyens und der Dauphine, aufwelchererzuChateauneufam28.No». '' 180 t starb. Mit der größten Leidenschaft für die Geologie verband D. alle dazu crfoderliche j physische und moralische Eigenschaften. Daß der Tod ihn verhinderte, seine Änsichten und Beobachtungen in ein Ganzes zusammenzufaffen, ist ein großer Verlust für die Wissenschaft. Die unter dem Namen Dolomit bekannte magnesiahaltige Abänderung des Kalksteins, die sich besonders häufig in der Nähe von durchgebrochenen Porphyrmassen, z. B. im Fasst- thale findet, ist nach ihm benannt. « Dolz (Joh. Christian), ein nicht nur um die Rathsfreischule in Leipzig, sondern auch I um die praktische Pädagogik überhaupt sehr verdienter Schulmann, wurde am 6. Nov. 1769 j zu Gvlßen in der ehemaligen Niederlausitz geboren, wo sein Vater Zolleinnehmer war. Er besuchte von >782 an das Lyccum zu Lübben, wo Thicme, dann Suttinger seinem Ta- lente die erste Richtung gaben, und studirte seit >790 zu Leipzig Theologie, wo er sich ! unter Nosenmüller's Anleitung zum geschickten Katecheten ausbildete und I79> die Würde ! eines Magisters der freien Künste sich erwarb. Seine Bekanntschaft mit Plato (s.d.), der als geschickter Pädagog die 1792 gestiftete Frcischule leitete, bestimmte ihn für das Schul- , fach, und >793 nahm er zuerst als freiwilliger Mitarbeiter an gedachter Anstalt thätigen Antheil, der er auch bis zu seinem Tode treu blieb, obgleich sein Gehalt sehr gering war, und mehre ehrenvolle Rufe an ihn ergingen, so >796 als Director des Schullehrerseminars in Dresden, dann als Schlsßvrediger und Director des Waisenhauses in Sorau, >803 alsW- cedireckor an die neue Bürgerschule in Leipzig, >807 als Director der neuen Bürgerschule Dom Domainen 411 zu Naumburg, bald darauf als Professor der Moral in Wittenberg und 1818 als Direktor der Fricdrich-Augustschule in Dresden. Im Z. 18VV wurde er zum Vicedirector der Rathskreischule ernannt, und von 1805 an redigirte er die lange beliebte „Jugendzeikung". Nach dem Tode des verdienten Direktors Plato, mit dem er stets in einer musterhaften eollegiali- scheu Freundschaft lebte, wurde er 1833 zürn Direktor der durch sein und Plato's Verdienste zu einer Musterschule erhobenen Freischule ernannte. Er starb, nachdem er im Nov. 18-11 sein Magisterjubiläum und im Apr. 1832 das fünfzigste Stiftungsfest der Raths^eischule gefeiert hatte, am I. Jan. >833. Seine Persönlichkeit war höchst liebenswürdig. Vonseinen überaus zahlreichen Schriften erwähnen, wir seine „Katechetischen Unterredungen über religiöse Gegenstände", in vier Sammlungen (3. Aust., Lpz. 1818), „Neue Katechisationen über religiöse Gegenstände", in fünf Sammlungen (2. Aust., Lpz. 1827), „Katechetische Anleitung zu den ersten Denkübungen der Jugend" (2 Bde., 6. Aust., Lpz. 1836—37) und „Katechetische Jugendbelehrungen" (5 Bde., Lpz. 1805—18), die zu ihrer Zeit Epoche machten. Ebenso verdienstlich sind mehre seiner Lehrbücher, namentlich der „Leitfaden zum Unterrichte in der allgemeinen Menschengeschichte" (7. Aust., Lpz. 1825), „Die neuesten Ereignisse von 1812—20" (Lpz. 1821), „Die neuesten Ereignisse von 1820—35" (Lpz. 1836), „Leitfaden zum Unterrichte in der sächs. Geschichte" (3. Aust., Lpz. 1833) und ,Grundriß der allgemeinen Neligionsgeschichte" (2. Aust., Lpz. 1826). Außerdem erwähnen wir noch von ihm „I. G-Nosenmüller's Leben und Wirken" (Lpz. 1818), „Versuch einer Geschichte der Stadt Leipzig" (Lpz. 1818), den „Anstandslehrer" (3. Aust., Lpz. 1823) und „Die Rathsfreischule in Leipzig während der ersten ftinfzigJahre ihres Bestehens"(Lpz. 1831). Dom, der portug. Titel, ist gleichbedeutend mit dem span. Don (s. d.). Dom oder Domkirche, in den Urkunden gewöhnlich Thumb geschrieben, im südlichen Deutschland auch Münster (s. d.), nannte man seit dem Mittelalter jede Kirche, in welcher ein Bischof oder Erzbischof das Amt verwaltete (s. Kathedrale); zuweilen auch die Collegiatkirchen. Der Name kommt ohne Zweifel von dem lat. vomur, Haus, d.i.HauS des Herrn, her. Im franz. Sprachgebrauche, der aber auch ins Deutsche übergegangen ist, bedeutet vümo ausschließlich so viel wie Kuppel. Domainen nennt man solche landwirthschaftlich benutzte Grundstücke, welche dem Staate oder seinem Oberhaupte als solchem zustehcn. Sie unterscheiden sich von andern im öffentlichen Eigenthumc befindlichen, aber unmittelbar für öffentliche Zwecke benutzten Bo- dentheilen, z.B. Straßen, Gebäuden für öffentliche Behörden u.s.w., dadurch, daß sie lediglich, um einen pekuniären Ertrag aus ihnen zu ziehen und als reiner Vermögenstheil behauptet werden, von den Chatoullgütern dadurch, daß diese reines Privateigenthum des Souverains sind, während die Kammergüter stets mit der Eigenschaft als Staats- oder doch als Hausgut belastet bleiben. Die Domainen sind in dreifacher Hinsicht zu betrachten; in staatsrechr- licher, in politischer und in wirthschaftlicher. In staatsrechtlicher Hinsicht ist es eine sehr bestrittene Frage, wem eigentlich das Eigenthum der Domainen zustehe, und durch die mancherlei Wandelungen svwol der geschichtlichen Verhältnisse als der staatsrechtlichen Theorien ist sie um Vieles dunkler und zweifelhafter geworden. In einigen Staaten des Alterthums finden wir ein eigentliches Staatsgut, sofern ein Thcil des Gebiets geradezu ausgeschiedeu wurde, damit von seinem Ertrage das Gemeinwesen erhalten würde. In den german. Staaten findet sich in den ältesten Zeiten wol ein Gemcineigcnthum, was von allen Mitgliedern der Gemeinde benutzt wurde, aber nicht ein Staatsgut, wie überhaupt kein Staat im heutigen Sinne. Die Ecsammtheit gab nicht ihrem Regenten die Dotation zur Bestreitung seiner Bedürfnisse, sondern gerade umgekehrt, Der wurde Regent, der aus eigenen Mitteln die Kosten der Ausübung seiner Rechte bestreiten konnte, und es ist keine Frage, daß unter diesen Völkern nicht leicht irgend eine Dynastie sich erheben konnte, die nicht auf großes Grundeigenthum gestützt gewesen wäre. Nun fügte es sich aber, daß solche Dynastien vertrieben wurden, andere an ihre Stelle an die Spitze des Staats traten und dabei auch die Güter ihrer Vorfahren in der Regierung mit an sich zogen. Manches Gut ward von den Fürsten auf Privatwegen, manches ward aber auch durch ihre öffentliche Stellung erlangt. In den deutschen Ländern erhielten die Fürsten in ihrer Eigenschaft als Reichsbeamtc Besitzungen angewiesen, die Ergenthum des Reichs waren und die sie mit ihren Erbgütern vermischten. Bei der Kirchen- 412 Domainen reformatio« und wieder in Folge der Revolutionskriege wurden viele Kirchengüter cingezogen ^ und zu Domainen gemacht, und die konnten unmöglich als fürstliches Privatgut betrachtet wer- den. Im Kriege nahm der Eroberer die Domaincn in Besitz, während er reines Privateigenthum, auch der fürstlichen Familie, frciließ. Auch waren die Domainenvon Anfang anmitder Pflicht belastet, daß von ihnen, nächst dem Unterhalte des fürstlichen Hauses und Hofs, der Staatsaufwand, soweit ihr Ertrag zureichte, bestritten werden sollte, und die Steuern waren , eigentlich nur Supplemente des Fehlenden. Unter all diesen Umständen und bei dem in Pra- I xis und Theorie sich seit dem Anbrechen der neuern Zeit immer offener kundgebenden Uber- - gange der Auffassung der fürstlichen Würde aus einem öffentlichen, statt des früher« privatrechtlichen Gesichtspunkts, war cs sehr natürlich, daß auch die rechtliche Eigenschaft der Domainen einen von allem andern Eigenthume verschiedenen, eigenthümlich gemischten Charakter annahm. Man betrachtete diese Güter als dem fürstlichen Hause zuständig, den regierenden Fürsten als ihren Verwalter und Nutznießer, sie selbst aber doch auch mit Beiträgen zu der Staatsverwaltung belastet und von der Krone unzertrennlich. Bei einer solchen, im Ganzen doch zweifelhaften Eigenschaft der Domainen, und da sie so verschiedene Seiten darboten, erklärt sich wol, daß sie praktisch nach Lage der Umstände verschieden bcurthcilt wurden. Bei dem Erlöschen einer Dynastie in männlichen Erben, wo die weiblichen Erben wol auf die Domainen oder Entschädigung dafür Anspruch erhoben, sind diese Ansprüche meist abgewiesen, oder mit einem kleinen Betrage abgefunden worden. Dagegen bei den Mediatisirungen wurden die Domainen als reines Privateigenthum betrachtet und als solches der in den Privatstand tretenden Dynastie überlassen. Gegenwärtig finden sich im Wesentlichen folgende Verhältnisse. Zn einigen Staaten, besonders größern äußer- deutschen, sind die Domainen ganz zu reinem Staatsgute erklärt und außer allen Bezug mit der Krone gebracht worden, haben sich auch durch Veräußerung sehr vermindert, s In andern wurde im Wesentlichen das oben bezeichnet Vcrhältniß gesetzlich. Davon wichen wieder die Staaten ab, die, wie besonders mehre deutsche konstitutionelle Staaten, die Verwaltung und Nutznießung der Domainen den Staatsbehörden und Staatskassen sicherten, ohne doch alle Beziehung derselben auf die landesfürstlichc Familie aufzuheben. Zn Sachsen ward ausdrücklich der Wiedereintritt des frühern Verhältnisses für den Fall Vorbehalten, wo die Stände nicht mehr das verfassungsmäßige Minimum der Civilliste bewilligen wollten. Zn noch andern hat man die Domainen, oder einen größern Theil derselben, der fürstlichen Familie zur Grundlage ihres standesmäßigen Unterhalts statt einer Civilliste überlassen. In noch andern, besonders kleinern, haben sie ganz die private Eigen- i schaft, aber als eine sideicommissarische und mit den Hauptkosten der Staatsverwaltung be- ? lastet, bewahrt. So lange die Domainen ans dem frühern Gesichtspunkte betrachtet wur- ! den, lag es im Interesse der Landstände, eine Verminderung derselben zu verhindern, und cs ; hat dasselbe einen großen Theil der frühern ständischen Thätigkeit ausgemacht; es sind auch § die damals nöthigen Cautelcn zum Theil in solche neuere Verfassungen übergegangen, in denen , nicht mehr die gleichen politischen Gründe dafür sprechen. Was die politische Seite anlangt, . so haben sie in den größer» Staaten, wo sie in Vergleich zu dem Gesammtbetrage des Staats- § einkommens sehr unerheblich geworden sind und wo sich mit Sicherheit ermessen läßt, daß j ^ eine Revolution, welche das Fürstenhaus vom Throne drängen könnte, demselben die Do- § mainen gewiß nicht als Mitgift lassen würde, eigentlich gar keine höhere politische Bedeutung § mehr. Sie haben sic im Wesentlichen nur da, wo sich ihre Eigenschaft als Hauscigenthum j noch in starker Geltung erhalten hat und das Einkommen des Fürstenhauses ganz auf sie j basirt ist, und am meisten haben sie eine solche in den kleinern deutschen Fürstenthümern, in k § denen sie den Haupttheil des ganzen öffentlichen Einkommens bilden und der Fürst aus ihnen s > den größern Theil des Staatsbedarfs noch in alter Art bestreitet. Endlich sind sie wirth- s t schaftlich manchen Einwendungen ausgesetzt- Es ist erwiesen, daß eine Selbstbewirthschaf- s ^ tung derselben durch den Staat in unfern Zeiten, wenigstens in Staaten von schon einigem ^ s Umfange, weder für die Güter noch für die Staatskassen von Vortheil ist, sondern daß im- , 2 mer noch die beste Benutzungsweise derselben der Zeitpacht bildet. Kann nun auch bei dem ^ ; Zeitpachte eine leidliche, ja gute Bewirthschaftung erzielt werden, wenn man bei der Ver- ^ r Pachtung mit Umsicht verfährt und in dem Pachter das Vertrauen erweckt, daß er bei redli- ^ Dom-asle Doinvrowfki 413 chem Verfahren in dem Verhältnisse werde belassen werden, so ist cs doch für kein Gut von Vortheil, wenn es niemals in die Hände von Eigenthüniern kommt; so ist doch vieler Mis- brauch mit Bauten, Pachterlassen u. s. w. möglich; so wird jedenfalls auf diesem Wege ein weit geringerer Ertrag gewonnen, als die Summe abwerfcn würde, die man bei einer all- maligen, umsichtigen Veräußerung als Kaufpretium erlangen würde und es würde durch eine solche Veräußerung wieder ein ansehnlicher Bodenantheil aus einer tobten Hand gebracht werden. Will man einzelne Domainen als Musterwirthschasten behandeln, so ist das dann eine Sache, bei der der finanzielle Gesichtspunkt wegfällt. Nur in den erwähnten kleinern Staaten, wo die Domainen einen verhältnißmäßig großen Betrag bilden, würden politische Gründe entschieden gegen eine vollständige Veräußerung sprechen, und man würde nicht wissen, was man mit dem Kaufpretium anfangcn und wie man es sichern sollte. Hier bietet eine wohlgeleitete Vererbpachtung einen zweckmäßigen Ausweg. Dombasle (Jos. Alex. Matthieu de), ein berühmter franz. Agronom, geb. 1777 zu Nancy, widmete sich der Landwirthschaft, zugleich aber mit Eifer dem Studium der Chemie, wodurch er in den Stand gesetzt wurde, wichtige Verbesserungen in der Landwirth- schaft einzuführcn. Vorzüglich war er beflissen, neuen landwirthschaftlichen Geräthen und der Fruchtwechselwirthschaft in Frankreich Eingang zu verschaffen. Um seinen Plan erfolgreicher durchführen zu können, trat er >822 mit Vertier, dem Besitzer des Gutes Novillc, in Verbindung und gründete daselbst eine Musterwirthschaft, deren Leitung er selbst übernahm, und in der er auch die Merinoschafzucht einführte. Der glückliche Fortgang, den diese Wirthschaft nahm, die gelungenen Verbesserungen, die sich bald auch nach andern Orten verpflanzten, und seine trefflichen Schriften erwarben ihm den Namen eines zweiten Thaer. Er starb zu Nancy am 27. Dcc. >8-1!;, und man beabsichtigt, ihm in Rovillr ein Denkmal zu errichten. Vgl. seine ,,-4.nn»l«s .a^ricvles cke koville" (6 Bdc.). Außerdem schrieb er s „kssai sur I'anal^ss «!es esux naturelles par Iss reactiis" (Par. >8>0), „öescription lles nonveanx Instruments ll'agriciiltiirs" (Par. >82> — 22), ,,'Llieorie a clisrrue" (Par. >821), „(lslenckrier vn cultiveur", „^griciiltnro ziratigue et raisonnee" (2 Bde., Par. >825), „lnstructinn sur tlistillation »ie grains et 827) und in neuerer Zeit Mehres über Nunkelrübenzuckerbereitung. Dombrowski (Ja» Henryk), poln. General, geb. am 29. Aug. > 755 zu Pierszowice, einem in der krakauer Wojewodschaft gelegenen Familiengutc, verlebte die ersten Jugendjahre zu Hoyerswerda, wo sein Vater als kursächs. Oberster mit seinem Negimcnte stand. Obgleich in Deutschland erzogen und seit >779 in sächs. Militairdiensten, eilte er >792 unverzüglich nach Warschau, als die Nationalversammlung zusammentrat. Er wohnte dem Feldzuge der Polen gegen Rußland bei und wurde >799 Vicebrigadier unter dem General Byszewski. Während der Jnsurrection unter Kosciuszko im I. >794 unternahm D. die Unterstützung des Aufstandes im Posenschcn. Nach Kosciuszko's Gesangennehmung zog er sich zwar sehr geschickt nach Warschau zurück, mußte sich jedoch, nachdem Warschau von Suwarow erstürmt war, bei Nadoszyce ergeben. Vergebens bot ihm Suwarow Kriegsdienste an ; über Berlin, wo ihm gleiche Anträge von Seiten Preußens gemacht wurden, begab er sich nach Paris. Auf D.'s Vorschlag im Kricgsrathe zu Warschau, daß das noch 49999 M. t starke Heer, den König an der Spitze, sich nach Frankreich durchschlage, war man nicht ein- gegangen. Als in Paris der Plan zur Errichtung einer Legion aus exilirten Polen entstanden, sendete das Directorium D. zur Ausführung desselben zu Bonaparte nach Italien, und bald strömten auf D.'s Aufruf aus Mailand im J. 1796 die Polen von allen Seiten herbei. Unter D.'s Führung nahm die poln. Legion an den Waffenthaten der franz. Heere in Italien Theil, worauf sie am 3. Mai >798 in Rom einzog. Die Mannszucht seiner Truppen erwarb D. die Achtung der Römer in so hohem Grade, daß ihm der Senat die türk. Standarte überreichen ließ, welche Sobiesti bei dem Entsätze von Wien >683 erbeutet und der Kirche zu San - Loretto geschenkt hatte. Glänzende Beweise seiner Tapferkeit gab D. in dem Feldzuge von >799—>899 unter Gouvivn Saint -Cyr und Massen«, bis ihn eine in den Apenninen erhaltene Wunde auf einige Zeit außer Thätigkeit brachte. Auf Napoleon's Befehl bildete er nach der Schlacht bei Marengo mit Beihülfe des Generals Wiclhorski zwei i neue poln. Legionen, doch mit der Wegnahme des wichtigen Postens von Casa-bianca bei 414 Domkapitel Domingo Peschiera am 13. Jan. 1801 hörte seine militairische Wirksamkeit in Italien auf. Nach dem Frieden von Amiens trat er als Divisionsgencral in die Dienste der Cisalpinischen Republik. Nach der Schlacht, bei Jena soderte Napoleon ihn und Wybicki auf, unterm 1. Nov. 1806 einen Aufruf zum Aufstande an seine Landsleute zu erlassen, der von außerordentlicher Wirkung war. Einem Triumphzuge glich D.'s Einzug in Warschau an der Spitze zweier poln. Divisionen. Im Verein.mit den sächs. und bad. Truppen belagerte er hierauf Danzig. Nach dem Gefechte bei Graudenz nahm er seine Stellung am linken Wcichselufcr. Bei Dir- schau und Fricdland, wo seine Division viel zum Siege beitrug, wurde er verwundet. Im Feldzüge von 1809 führte er mit fliegenden Corps mehre kühne Manoeuvres gegen die östreicher, die Posen bedrohten, aus. Im I. 1812 befehligte er eine der drei Divisionen des fünften Armeecorps. Auf dem Rückzuge der franz. Armee trug er an der Spitze seiner Division und des fast gänzlich aufgelösten Poniatowski'schen Corps zur Förderung des Übergangs über die Bereszina wesentlich bei und wurde durch eine Flintenkugel in der Hand verwundet. JmJ. 1813 zeichnete er sich, mit seinen Polen einen Theil des siebenten Armce- corps bildend, besonders in den Treffen bei Teltow, Großbeeren und Jüterbogk aus, in der Schlacht bei Leipzig behauptete er bis zum letzten Augenblicke des Rückzugs die wichtige Stellung, an die sich der linke Flügel der franz. Armee lehnte, und vertheidigte mit großer Unerschrockenheit die höllische Vorstadt gegen.die Angriffe der Preußen. Nach der Abdankung Napoleon's kehrte er nach Polen zurück und wurde 1815 von Alexander zum General der Cavalerie und zum Senator Wojewodcn der poln. Landstände ernannt. Doch schon 1816 trat er aus dem Staatsdienste und zog sich auf sein Landgut Wina-Eora im Großherzogthum Posen zurück, wo er der Landwirthschaft und den Wissenschaften lebte. Seine Geschichte der poln. Legionen inJkalien machte er in der Handschrift der Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften nebst seiner nicht unbedeutenden Bibliothek und andern Merkwürdigkeiten zum Geschenke. Nach kurzer Krankheit starb er am 6. Juni 1818. Domcapitel oder Thumbcapitel heißt, zum Unterschiede von dem Collegiat- ckpitel an Collcgiatstiftskirchen (s. d.), das Capitel (s. d.) oder Collegium der Kanonici (s.d.), Capitularen-, Stifts-oderDomherren an einer bischöflichen oder erzbischöflichen Kirche (s. Kathedrale), das gewöhnlich aus einem Propst, Dechant, Scho- lasticus, Cantor, Custos und einer Anzahl Domherren besteht, besondere von denen des Bischofs geschiedene Rechte übt, ihn in wichtigen Kirchensachen berathet, in Abwesenheit oder beim Tode desselben die Negierung des Stifts führt, den neuen Bischof wählt und mit Ein- schluß des Bischofs das Domstift (s. Stift) bildet. Domemchino, s. Aampieri (Domenico). Domemro, s. Burchiello. Domicil heißt im Allgemeinen der Ort, wo Jemand sich bleibend aufhält. In der Regel steht Jeder auch unter den Gesetzen und Gerichten seines Domicils, doch machen die Rechte der einzelnen Staaten sowol in dkcstr Hinsicht manche Ausnahme, als auch in Betreff der sich zunächst daran knüpfenden Heimatsangehörigkeit. (S. Heima t.) Man unterscheidet in der Jurisprudenz ein clomicilium voluntarium, d. i. freiwilliges Domicil, von dem clninieilium nscesssrium, d. i. nothwendigem Domicil, welches letztere bei den durch ihre amtliche Stellung oder sonstige, z. B. militairische, Dienstverhältnisse an einen bestimmten Ort gewiesenen Personen, sowie bei den Ehefrauen, welche das Domicil ihres Mannes thcilen, stattfindet. Dominante nennt man die fünfte Stufe jeder Tonart, die als wesentlicher Bestand- theil der beiden Hauptaccorde einen vorherrschenden Charakter erhält. Die Dominant- Harmo n i e, der Dominant- oder Leitaccord, besteht vollständig aus der Dominante, deren Terzie, Quinte, Septime und None, von denen im vierstimmigen Satze meist die None, seltner die Quinte oder Septime ausbleibt. Unterdominante heißt die fünfte Stufe unter dem Grundton, also die vierte der Tonleiter. Domingo oder San- Domingo, die früher« Hauptstadt der Insel Hait i, mit einem guten Hasen, und ein wichtiger Stapelplatz, erhebt sich mit ihren Befestigungen sehr malerisch aufdem gebirgigen, von schöner Vegetation bcdecktenUfer der Westküste der Insel. Sie zähst gegen I2000 E. und ist der Sitz eines katholischen Bischofs und einer Universität. Gegründet Dominica Dominicaner 415 wurde sic durch Crist. Colombo. Nach ihr erhielt nachmals die ganze Insel den Namen Domingo, bis dieselbe >803 den ursprünglichen Namen Haiti wieder annahm. Nach Colombo's Anordnung wurde seine irdische Hülle in der schönen, im grthischen Seil erbauten Kathedrale zu D- beigesetzt; als aberderspan. Anthcil der Insel 1786 an die Franzosen kam, ließen die Nachkommen desselben seine Gebeine nach Cuba schaffen. Dominica (nämlich >I>68, d. i. Tag), Tag des Herrn, wird i» der christlichen Kirche der S o n n t a g (s. d.) als Tag der Auferstehung Christi genannt. Die erste Spur dieser Bezeichnung findet sich Offenbarung Jvh. 1,16. — Dominicum hieß bei den Kirchenvätern nicht selten das Kirchcngebäude und das Herrenmahl. Dominica oder Dominique, eine brit. Insel von 14 HjM. zwischen Guadeloupe und Martinique in Westindien, welche ein eigenes Gouvernement bildet, wird von vielen vulkanischen Gebirgen durchzogen, auf welchen mehre Flüsse entspringen, und hat treffliche Buchten. Man findet daselbst Berge, welche Rauch ausstoßen, andere, aus denen Schwefel hervorgetrieben wird und wieder andere mit heißen Quellen und Erdölreichen in den Vertiefungen. In den fruchtbaren Thälern gedeihen alle Arten Tropengewächse, namentlich werden Kaffee und Zucker, außerdem Indigo, Baumwolle, Bananen, Bataten, Gemüse und Obst gewonnen. Ihre Bewohner, etwa 26066, haben meist brit. Sprache und Bildung angenommen; sie bestehen aus ungefähr 866 Weißen, 1560 freien Farbigen und 24006 frcige- wordcnen Sklaven; die altern Bewohner, die Karaiben, scheinen ganz verschwunden zu sein. Seit der Entdeckung der Insel durch Crist. Colombo machten sich fortwährend England und Frankreich den Besitz derselben streitig, bis der Friede zu Fontainebleau im I. 1762 die Engländer alsHerren derselben anerkannte. Zwar mußte England dieselbe 1862 an Frankreich abtretcn; allein durch den Frieden von 1814 wurde cs wieder in den Besitz derselben gesetzt. Die wichtigsten Orte der Insel sind die Hauptstadt Roseau mit einem befestigten Hafen und wichtigem Handel und Portsmouth. Dominicaner nannten sich die Glieder des 1215 zu Toulouse von Dominicus (Domingo) de Guzmau gestifteten Prcdigcrordens (>>rae216 die der Karthäusertracht ähnliche weiße Kleidung und 1226 auf dem ersten Gcncralcapitel das Gelübde dcr Armuth an. D. starb zu Bologna 1221 und wurde von Gregor IX. 1233 kanonisirt. Die schon 1266 von ihm gestifteten und seit 1218, wo er auch ein Nonnenkloster zu Rom anlegte, weiter ausgebreiteten Dominicanerinnen, welche weiße Kleidung mit schwarzem Mantel und Schleier trugen, folgten derselben Regel, waren aber zugleich zur Arbeitsamkeit verpflichtet. Dazu kam noch eine dritte Stiftung, die Rit- terschaft Christi, ursprünglich ein Verein von Rittern und Edelleuken zur kriegerischen Bekämpfung der Ketzer, der sich nach dem Tode des Stifters in den Orden von der Buße des heil. Dominicus für beide Geschlechter verwandelte und den dritten Orden der Dominica- ner ausmacht, hier wie in andern Orden Tertiarier genannt. Ohne Gelübde abzulcgen, hatten diese letztern für die Beobachtung einiger Fasten und Gebete die Zusicherung großer geistlicher Vortheile und blieben in ihren bürgerlichen und häuslichen Verhältnissen. Nur einige Congregationen der Dominicanerinnen des dritten Ordens vereinigten sich, besonders in Italien, zum Klosterleben und wurden wirkliche Nonnen, unter denen die heil. Kath a- rina von Siena (s. d.) die berühmteste war. Der Glanz apostolischer Armuth, womit die Dominicaner sich umgaben, die Vorrechte, die sie erhielten, und der Umstand, daß sie bereits 1236 einen theologischen Lehrstuhl an der Universität zu Paris sich erkämpft hatten, forderten ihre schnelle Verbreitung und ihr Ansehen. (S. Bettelmönche.) Nicht nur in LM Europa, auch in den Küstenländern von Asien, Afrika und Amerika hatten sie Klöster und Missionare. Ihre monarchische Verfassung, welche alle Provinzen und Zweige de- 416 Dominireir Domitianus I Ordens zu einem Ganzen unter einem IVlsgister orckinis verband, sicherte ihre Dauer und > den Zusammenhang ihrer Bestrebungen nach Einfluß auf Kirche und Staat. Durch ihre Predigten sowie durch Missionen machten sie sich im Zeitalter ihrer Stiftung höchst gemeinnützig; mehre große Gelehrte, wie Albert der Große (f d.), Thomas von Aquino (s. d.), der ihr Normaltheolog ist, u. A. ginge» aus ihrer Mitte hervor; allein furchtbar wurden sie als Handhaber der J nquisitio n (s. d.), die ihnen zuerst von Gregor IX. im I. 1232 und später in Spanien, Portugal und Italien ausschließend übertragen wurde. . Nachdem sie 1325 die Erlaubniß, Schenkungen anzunehmen, erhalten hatten, entwöhnten ! sie sich vom Betteln und beschäftigten sich im Genüsse reichlicher Pfründen mehr mit der Po- litik und den theologischen Wissenschaften. Seit ihrer Entstehung hatten sie an den Fra n- ciscanern (s. d.) Nebenbuhler gehabt und Streitigkeiten mit ihnen geführt, deren Hihe und Erbitterung sich in den Feindseligkeiten der Thomisten und Scotisten (s. Scholasti- ker) auf späte Zeiten forterbte. Beide Orden theilten die Ehre, Kirche und Staaten zu regieren, bis in das 16. Jahrh., wo sie allmälig durch die Jesuiten aus den Schulen und von den Höfen verdrängt und auf ihren ursprünglichen Beruf zurückgewiesen wurden. Neues Gewicht erhielten sie durch das Recht der Bücherccnsur, die 1620 dem Magister des heiligen Palastes zu Nom, der stets ein Dominicaner ist, übertragen wurde, und was ihnen die Reformation in Europa entzog, gewann die Thätigkeit ihrer Missionen in Amerika und Ostindien wieder. Im 18. Jahrh. zählte ihr Orden über >000 Mönchs- und Nonnenkloster, die in 45 Provinzen und 12 besondere Kongregationen getheilt waren. Zu den letztengehörten die Nonnen von der Anbetung des heil. Sacraments in Marseille, die Le Quin 1636 mit verschärfter-Regel stiftete und ihnen schwarze Kleidung mit weißem Mantel und Schleier vorschrieb. Jetzt blüht der Dominicanerorden nur noch in Sicilien und Amerika; in Italien sucht er sich mühsam wieder zu erheben. .. t Dominiren bedeutet in der militairischen Sprache das Überhöhen des Terrains oder auch das Beherrschen desselben vermöge der Feuerwirkung. Dieses letztere wird häufig über- ^ schätzt, da die Schüsse von der Höhe nach der Tiefe keineswegs immer die wirksamsten sind. Der Hauptvortheil eines dominirenden Terrains besteht darin, daß man das Dominirte übersehen, folglich auch wahrnehmen kann, was der Feind daselbst vornimmt. Domlnis (Marcus Antonius), ein durch seine Gelehrsamkeit wie durch seine merk- ' würdigen Schicksale ausgezeichneter Mann, geb. >561, gehörte der Familie des Papsics Gregor X. an und war seit 1602 Bischof zu Spalatro und Primas von Dalmatien und ! Kroatien. Der häufige Umgang mit Protestanten machte ihn deren Grundsätzen geneigt, und als er in Folge seiner freier» Denkungsart von Paul V. nach Nom gcfoderk wurde, floh er >616 nach England, wo er an König Jakob I. einen Beschützer fand. In England trat er zum Protestantismus über, wurde Geistlicher der anglicanischen Kirche, widerrief aber, als er sich für seinen Übertritt nicht genugsam entschädigt dünkte, auf öffentlicher Kanzel seine protestantischen Ansichten und floh, aus England verbannt, nach Brüssel, wo er 1621 wieder zur katholischen Kirche zurücktrat. Als er im folgenden Jahre Nom besuchte, wurde er von dem Papste sehr gut aufgenommen, bald darauf aber, da er sich wieder in theologische Kämpfe entließ, ins Gefängniß gebracht, in welchem er auch, wie man sagt, 1625 an Gift > starb. Das Verdienst, die erste richtige Erklärung des Negenbogens in seinem Werke „Ue rsitiis visus et lueis" (101 >) gegeben zu haben, wurde ihm von Vielen bcigelegt, aber selbst ein Landsmann, Tiraboschi, gesteht, daß dem Descartes und Newton diese Ehre gebühre. In England schrieb D. „l)s repuklicu ecclesirrstics" (2 Bde., Lond. 1617—20), worin er die Satzungen der röm. Kirche mit Scharfsinn bestritt; auch gab er hier zuerst Sar- pi's (s. d.) „Geschichte des tridentiner Concils" pseudonym heraus. Domino hieß früher die Wintertracht der Geistlichen, die, nur über die Schulter reichend, den Kopf >und das Gesicht vor der Witterung schützte; gegenwärtig eine Masken- > kracht für Herren und Damen, bestehend in einem langen seidenen Mantel mit weiten Ar- ' mein. Auch führt diesen Namen ein aus Frankreich nach Deutschland verpflanztes Spiel. Domitianus (Titus Flavius), röm. Kaiser von 81 — 06 n. Ehr., ein Sohn des Vespasiänus, geb. 51 n. Ehr., befand sich in Rom, als sein Vater zum Kaiser ausgerufen wurde, und behauptete, bis dieser selbst aus dem Orient zurückkehrte, mit Mucianus für ihn > - e r n s i- ie !d r, e- !6 cr a- ,d. .te rk- ^ es ! nd oh er, :de che iift . De bst - re. rin ^ ir> cei- cn- ! !lr- - !l. des Domitius Don 417 Italien. Unter Vespasian's und seines Bruders Titus' Regierung ward er von der Verwaltung des Staats ferngehalten; nach des Titus Tode, welchen cr veranlaßt oder doch beschleunigt zu haben verdächtig war, bestieg er den Thron. Gute Gesetze und strenge Beaufsichtigung der Beamten bezeichnten den Anfang seiner Regierung; doch nur zu bald überließ cr sich seinem Hang zu finsterer Grausamkeit. Die Delatoren (s. d.) hatten unter ihm, wo jede freie Äußerung als Verbrechen galt, freies Spiel. Die Reichen wurden beraubt, damit das Volk und Heer durch Geschenke beim Guten gehalten werden könne. Bekannt ist, wie D- einst Senatoren und Ritter, die er zum Gastmahl lud, durch alle Schrecken des Todes ängstigte und erst wieder entließ, nachdem er sich an ihrer Todesangst genugsam geweidet hatte. In seinen eigenen kriegerischen Unternehmungen war er nicht glücklich; ein Zug gegen die Kalten blieb, obwol D. nachher einen Triumph feierte, sieglos,.doch wurden wenigstens jenseit des Mittelrhein Befestigungen gegen die Germanen aufgeführt; von dem Datier Deccbalus (s. d.) aber konnte der Friede nur durch Bewilligung eines Tributs erlangt werden. Desto siegreicher hatte in Britannien Agri cola ss. d.) gefachten, bis ihn im 1.85 D. aus Neid und Eifersucht abrief. Als durch die Grausamkeit des Kaisers zuletzt selbst seine nächsten Umgebungen sich bedroht sahen, bildete sich eine Verschwörung, an der seine eigene Gemahlin Domitia Theil nahm; durch einen Freigelassenen Stephanus ward cr in seinem Schlafgemach am 18. Sept. 66 ermordet. Domitius ist der Name eines röm. plebejischen Geschlechts, das in den letzten Zeiten der Republik zu den angesehensten gehörte und in zwei Familien sich schied, deren eine den Namen Calvinus, die andere den Namen Ahenobarbus trug. Der letztem gehörte durch seinen Vater Cnejus, der Sohn des Lucius D. und der Antonia, einer Tochter des Triumvir Antonius, der Kaiser Nero ss. d.) an, der bei der Vermählung seiner Mutter Agrippina mit Kaiser Claudius durch Adoption in das Geschlecht der Claudier überging. Domremy la Pucelle, der Geburtsort der Jeanne d'Arc ss. d.), ist ein kleines Dorf mit-160 E- im franz. Departement der Vogesen, am linken Ufer der Maas, drei Stunden von der Stadt Vaucouleurs. Noch zeigt man daselbst das Geburtshaus der begeisterten Jungfrau, das 1820 auf Befehl der Negierung wiederhergestellt und als Mädchenfreisckulc geweiht wurde. Auch findet sich daselbst noch eine alte, freilich sehr verstümmelte Statue der Jungfrau. Nachdem bereits gleichzeitig mit der Wiederherstellung des Geburtshauses ein neues Denkmal ihr errichtet worden war, ließ 1843 auch der König Ludwig Philipp eine Bronzestatue der Jungfrau, gefertigt nach dem von seiner Tochter, der Prinzessin Maria, gearbeiteten Standbilde derselben daselbst aufstellen. Domschulen oder Stifts schulen hießen im Mittelalter die Schulen, welche bei den Domstiftern oder Kathedralkirchen bestanden und von Geistlichen derselben geleitet wurden. Ihre erste Einrichtung schreibt sich hauptsächlich von Karl dem Großen her; erleichtert wurde sie durch das nach der Regel des Bischofs Chrodegang in Metz im 8. Jahrh. eingeführte gemeinschaftliche Leben der Geistlichen an den Kathedralkirchen. In diesen Schulen wurde gewöhnlich nur das 1'rivium, seltener alle sieben freie Künste gelehrt. Mehre dersel- den, z. B. die in Paderborn, Utrecht, Hildesheim und Magdeburg, genossen lange Zeit hindurch eines besondem Rufs. Als um das I. 1000 das gemeinschaftliche Leben der Kano- nici nach und nach wieder aushörte, gericthen auch die Domschulen in Verfall. In einzelnen Städten, wie z. B. Magdeburg, Halberstadt, Merseburg und Naumburg, führen jedoch noch gegenwärtig die Gelehrtenschulen diesen Namen, ohne daß er eine besondere Bedeutung hätte. Don, im Portugiesischen Dom, entstanden aus dem lat. clomin»«, d. h. Herr, ist in Spanien und Portugal der Titel, den alle hohe Adelige, selbst die Könige und die Prinzen des königlichen Hauses, ihren Namen vorsetzen. In gleicher Weise führen die vornehmen Frauen in Spanien und Portugal den Titel Donna. Don, bei den Alten Tana is, von den Türken Tu na oder Duna genannt, cingroßer Strom im südlichen curop. Rußland, entspringt im Gouvernement Tula aus dem kleinen See Iwanow und durchströmt, in einer Länge von 185 M., mit mehren Krümmungen die Gouvernements Rjäsan, Tambow, Woronesch und das Land der Donischen Kosacken. Sein oberer Lauf reicht bis Woronesch und liegt ganz in niedrigem, ebenem Boden zwischen Wal- Sonv.-Ler. Neunte Lust. IV. 2? 418 Donatello Donatisten düngen und Ackerfeldern. Unterhalb Woronesch tritt er in das niedrige Steppenplateau Svdrußlands, in welchem sein Bett steil eingeschnitten ist. Sein unterer Lauf beträgt nur 3V Meilen. Er fließt hier sehr langsam, sein Bett liegt ganz in einer Niederung, welche von ihm alljährlich regelmäßig überschwemmt wird. Bei Asow erreicht er in drei starken Armen, von denen der größte, Aksai genannt, die Insel bildet, auf welcher Tscherkask, der wichtigste Ort der Dänischen Kosacken, liegt, den nordöstlichen Busen des Asowschen Meers, einen Li> man, welcher allmälig immer seichter wird, da der Strom ihn mit Schutt- und Schlamm- Massen anfüllt. Der Don vereinigt mit sich mehre Nebenflüsse, von welchen der Woronesch, Donez, Chopcr, die Soffna, Medwediza und Jlowla die wichtigsten sind; gleichwol ist er nicht sehr wasserreich, und seine Schiffbarkeit beginnt erst bei Woronesch bedeutend zu werden, während er weiter aufwärts nur mit kleinen Barken befahren werden kann. Auch in seinem untern Laufe erschweren viele seichte Stellen und bloßgclegte Sandbänke im Sommer die Schiffahrt, und die Mündung desselben hat bedeutende Versandungen erlitten. Sein Stromgebiet beträgt etwa 800« OM. Am Don kämpften am 8. Sept. l 38V die Russen § unter Dmitri Donski mit den Tataren unter dem Khan Mammai und brachten denselben eine völlige Niederlage bei. Donatello» eigentlich Donato di Betto Bard i, einer der thätigsten Wiederher- ! steiler der Bildhauerkunst in Italien, geb. zu Florenz >383, gehörte der Familie Donalo an, welche mehre Gelehrte zu ihren Gliedern zählt und der Republik Venedig seit der Mitte des 16. Jahrh. mehre Dogen gab. Donatello war eigentlich sein Jugendname, den er im l Hause Martelli, wo er erzogen ward, erhalten hatte. Sein Eifer für die Kunst ließ ihn Speise und Trank vergessen. Der heil. Petrus und der heil. Marcus an der Michacliskirche ^ seiner Vaterstadt waren seine ersten großen Marmorarbciten. Sein Licblingsgebilde war die Statue eines Greises im Senatorcngewande am Glockenthurme dieser Kirche, bekannt unter dem Namen Xuccone, d. i. Kahlkopf. Für die Johanniskirche arbeitete er die büßendr j Magdalena aus Holz, doch übertraf ihn in dieser Kunst sein Schüler und Freund Brunelleschi (s. d). Mit ihm reisteer nach Rom, um durch da« Studium der Kunstschähr ^ dieser Stadt sich zu vervollkommnen. Nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt arbeitete n im Aufträge seiner Gönner, des Cosmo und Lorenz« Medici, ein marmornes Denkmal für deren Vater und dessen Gattin, welches durch gefällige Anordnung, sinnige Erfindung und . Herrlichkeit der Figuren gleiches Erstaunen erregte. Eine Zierde der Michaeliskirche ist sein i Marmorbild des heil. Georg, welches von keinem der vielen dort aufgestellten übertroffen wird. Seine Werkstätte war die größte in Florenz. Alle seine Schüler, unter denen viele ' ihm an Jahren nicht viel nachstanden, verehrten ihn bei aller Strenge, mit der er den klein- sten Fehler tadelte, als ihren Vater. Unter itmcn zeichneten sich besonders aus Desiderio da ; Settignano, Benedetto di Majano, Nanni d'Antonio und D.'s Bruder, Simone. Viel b«> > schäftigke sich D. auch mit Ergänzung alter Marmorbilder, was ihm, der tief in das Alterthum eingedrungen war, trefflich gelang. Seine ganze künstlerische Richtung drängte ihn auf die Nachahmung der Antiken, die indeß von Herbigkeit und mancher Einseitigkeit noch keineswegs frei war. Für seine Arbeiten federte er sehr hohe Preise und konnte durch nicht« mehr ausgebracht werden, als wenn die Besteller handeln wollten; niehre seiner schönsten Werke zertrümmerte er in solcher Aufwallung, wie er denn auch dem für den Dom zu Siena ^ gearbeiteten Johannes dem Täufer, als man den von ihm gcfodertcn Preis zu hoch fand, die Hand abbrach. D. starb zu Florenz lon en, K Li- sch, . irr - »er- I »in ^ ner den ,er- ! tto itte im i hn ' ch ! nu NM ndl j »u> im , fm rnd » sein l fen I iele ! :in> da be> ter> ihn -och hk< len ena nd, wst nie hen kor. sche der hon d.) j :in- heu Donative Donau 419 Stiftung und Lehre bestehe. Demzufolge excommunicirten sic cinestheils Gefallene und grobe Sünder und nahmen sic nur gegen Wiedertaufc auf, andernthcils machten sie die Gültigkeit der Sacramente von der persönlichen Würdigkeit ihrer Verwalter abhängig. Durch den Druck der weltlichen Gewalt fanatisirt, sprachen sie nicht nur dem Staate das Recht der Einmischungen in Kirchcnsachen ab, sondern auch ganze Haufen donastischer Asteten, Cir- cumcellionen, d. i. Landstreicher, genannt, griffen die kaiserlichen Truppen um 348 an und zogen 13 Jahre lang in Mauritanicn und Numidien verheerend umher. Auch später vermochte weder die Beredtsamkeit des Augustinus noch die Strenge des Kaisers Honorius die Sekte zu unterdrücken, und noch um das I. 600 gab es Donatisten. Der Arianismus, dessen man sie beschuldigte, mag unter ihnen aus Haß gegen die herrschende Kirche zum Theil Eingang gefunden haben. Donative hießen die Geldgeschenke, welche die röm. Kaiser unter die Soldaten vertheilen ließen. Sie waren aus den Geschenken hervorgegangen, die von den Parteihäuptern im Bürgerkriege ihren Soldaten gemacht wurden, und je mehr in der Kaiserzcit die Gewinnung des Throns und die Erhaltung auf demselben von den Soldaten abhingen, um so häufiger und den Staatsschatz erschöpfender wurden sic. Zu scheiden sind die Donative ebenso- wol von den Congiarien, den Geschenken von Lebensmitteln, später auch von Geld an die ärmere Volksclaffe in Rom, als von den Geldgeschenken, welche den Soldaten nach einem Triumph vom Imperator ausgetheilt zu werden pflegten. Beide Arten Geschenke waren schon in der republikanischen Zeit üblich. Donatus (Älius), ein bekannter röm. Grammatiker und Commentatsr, der um 355 n. Ehr. zu Rom lehrte und die Schriften „De literis, szlladis, pellibus et toois", ferner „De octo partilms oratiom8" und „De dardsrismo, soloecismo, seliemstibuL et tropis" verfaßte, die am besten und vollständigsten von Lindcmann im „Ovrpus grammat. lat/' (Bd. I) herausgegeben worden sind. Diese Schriften, welche zusammcngenommen ein ziemlich vollständiges Lehrgebäude der lat. Grammatik bilden, dienten zur Grundlage der ersten Elemcntarbücher und im Mittelalter als einziger Leitfaden beim Unterrichte, daher man auch die lat. Grammatik im Allgemeinen den Don at und einen Verstoß gegen die gewöhnlichsten Regeln derselben einen Donatschnitzer nannte. Der Donat war das erste der Bücher, auf welches die Bricfdrucker den Holzdruck anwendeten, und es gehören die Exein-- plare solcher Dvnate, wenn, auch unvollständig, zu den größten bibliographischen Seltenheiten. Vgl. Sotzmann, „Älteste Geschichte der Lylographic" in Raumer's „Histor. Taschenbuch" (1837) und Schwetschke, „De Donst, ininoris krsgmento etc." (Halle 1839). Außerdem schrieb D. einen „Oommentsrius in lereatii eomoetliss", von dem wir aber nur noch einen Auszug zu fünf Komödien besitzen, der in der Ausgabe des Terenz von Klotz (2 Bde., Lpz. 1838—40) am genauesten wicdergegebcn ist. — Zu unterscheiden von D. ist der spätere Grammatiker Tibcrius Claudius D-, von dem wir eine in der Ausgabe des Virgil von Heyne (Bd. i) abgedruckte Biographie dieses Dichters und einige Bruchstücke eines Commentars zur „Äneis" besitzen. Donau (die), bei den Alten Danubius und Ist er genannt, nächst der Wolga Europas mächtigster und längster Strom, entspringt auf dem Schwarzwalde im Großherzog- thum Baden zwischen den Bergen Roßeck undBriglrain bei der Martinskapelle, > '/-Stunde nordwestlich von Furtwangen, und wird bis Donaueschingen Brege genannt. Erst nachdem sie hier die Brigach, welche eine Stunde südwestlich von St.-Georgen im Schwarzwalde entspringt, ausgenommen, führt sie den Namen Donau. Früher hatte man einen unbedeu- lenden Abfluß des fürstlichen Brunnens zu Donaueschingen zur Donauquelle erhoben. Ihr Spiegel liegt bei Donaueschingen noch 2124 F. über dem Meere, und ihr Gefälle ist von da ab bis zu ihrem untern Laufe, der bei Wien beginnt, wo das Niveau des Stroms nur noch 466 F.über dem Meere liegt, sehr bedeutend. Die Donau ist der einzige deutsche Hauptstrom, der in seiner Hauptrichtung gegen Osten läuft. Nachdem sie sich zwischen steilen und felsigen Ufern in einem meist engen Bette, später zwischen wiesenreichen Niederungen ihren Weg durch das Kalksteingebirge der Rauhen Alp gebrochen, fließt sie an Tuttlingen, Siegmaringen und Riedlingen vorbei in ostnordöstlicher Richtung bis Ulm. Dieselbe Richtung 420 Donau I I verfolgt sie durch Baierns Plateau strömend und häufig von morastigen Niederungen (Moosen) begleitet über Donauwörth, Neuburg, Ingolstadt bis Regcnsburg und Donaustauf Hierauf durch den Bairischen Wald in ihrem Laufe seitwärts gedrängt, wendet sie sich gegen Ostsüdosten an Straubing vorüber bis Passau, von wo sie, zwischen dem Böhmerwald und den Abfällen der Norischen Alpen durchbrechend, ein aus Felsengcn und kleinen seeartigen Weitungen gebildetes romantisches Thal in einem 400 —2400 Schritt breiten Bette, oft mehrarmig, anfangs mit mäßigem, dann, namentlich zwischen Grein und Krems in schnellem Laufe mit gefährlichen Strudeln und Wirbeln durchströmt. Nachdem sie sodann unterhalb Krems die letzte Beckenweitung bis Kloster Neubuvg durchrauscht, betritt sie oberhalb Wim ihr unteres Stufenland, durcheilt demnächst bis an Ungarns Grenze die niederöstr. Ebene, tritt dann, nachdem sie zwischen Fischament und Presburg die dortige Thalpforte passtet und viele Werder umschlossen hat, in die oberungarische Ebene ei» und bildet hier unter vielen andern Werdern besonders die l l M. lange und gegen 3 M. breite, Große und die 6M> lange Kleine Schüttinsel, jene zwischen der Neuhäusler und großen, diese zwischen der letztem und kleinen Donau gelegen. Bei Wiszegrad durchbricht sie wiederum die von Süden heran- trctenden Höhen des Bakonyerwalds und die letzten Vorberge der im Norden befindlichen Karpaten, worauf sie sich von Waihen südwärts der großen Niederungar. Ebene zuwendet, durch deren kahle, einförmige Steppen sie in unzähligen Schlangcnwindungen zwischen niedrigen, waldlosen Sandufern, verpesteten Moorflächen, Schilfdickichten und Sumxf- waldungen langsam, inselreich und vielarmig hinzieht. Erst nach der Aufnahme der Drau fließt sie wieder durch anmuthigere Gegenden, bis zu den Felshöhen des Bannater Gebirgs. im Norden und Serbiens im Süden, welche das letzte Stromthor der Donau bilden. BiS dahin 1000—1300 Schritt breit, wird sie hier anfangs auf 4—500 Schritt, später noch mehr eingeengt. Ihre engste und gefährlichste Stelle ist oberhalb Orsova am sogenannten Eisernen Thor (Demirkapi). Bei Kladova verläßt sie diese enge Felscnstraße und fließt von Widdin ab bis Nassova in östlicher Hauptrichtung größtentheils ruhigen Laufes durch die Ebenen der Walachei, welche meilcnbreite Sumpfniederungen enthalten, die mit Schilf und Rohr bewachsen und von den Nebenarmen des Stroms, von großen Lachen stehenden Wassers und tobten Armen durchschnitten sind. Bei Rassova verändert sie plötzlich die Richtung ihres Laufs in eine nördliche, bis sie nach der Einmündung des Sereth wieder ihre frühe« Hauptrichtung annimmt, worauf sie zahlreiche von den Nebengewässern gebildete Flußsccn mit sich verbindet. Bei Tulcza endlich beginnt ihr Deltaland, indem sie sich in drei zwischen 3—400 Schritt breite Hauptarme und mehre kleinere Arme theilt. Die Hauptarme heißen Kilia, Sulina und Georgiewskoi und ergießen sich in das Schwarze Meer. Die Strom- länge der Donau beträgt365, nach Andern 381 M.; ihr Stromgebiet umfaßt 14400 lUM Unter den zahlreichen, zum Theil ebenfalls schiffbaren Flüssen, welche sie aufnimmt, sind Iller, Lech, Isar, Inn, Traun, Ens, Naab, Leitha, Sarvitz, Drau, Save, Morawa auf dem rechten und Brenz, Wernitz, Altmühl, Nab, Regen, Jtz, March, Waag, Gran, Theiß, Temes, Aluta, Ardschisch, Jalomiza, Sereth und Pruth auf dem linken User die wichtigsten. Sie ist ein sehr fischreicher Fluß, besonders in Ungarn, namentlich an vortrefflichen Karpfen und Hausen. Die Beschaffenheit des Fahrwassers der Donau läßt gleich der der übrigen deutschen Flüsse, mit Ausnahme des Rhein, welcher für sich selbst sorgt, noch sehr viel zu wünschen übrig. Es beginnt erst bei Ulm, obgleich cs möglich sein soll, bis Reutlingen hinauf die Donau schiffbar zu machen. Von Ulm bis Rcgensburg ist zu dessen Verbesserung Mehres geschehen, wogegen von da bis Linz noch viel zu thun übrig bleibt. Die Untiefen bei Orsova machen die Schiffahrt dort sehr kostspielig ; in der traurigsten Beschaffenheit aber befindet sich die Sulinamündung, die einzige noch zugängliche der Donau, die gleich den übrigen seit dem Frieden zu Adrianopel unter russ. Herrschaft steht, obgleich ein Tractat zwischen Ostreich und Rußland vom I. 1840 bestimmt, daß letzteres die Schiffahrtshinderniffe in derselben wegzuräumen habe, was aber bis jetzt noch nicht geschehen ist. Im Gegentheil haben sich die Hindernisse vermehrt, denn unter der türk. Herrschaft war diese Mündung 13 F. tief während sie jetzt nur eine Tiefe von 9 F. hat. Alle Schiffe, welche so tief und tiefer gehen, müssen daher einen großen Theil ihrer Ladung auf Lichterschiffe bringen und nach Über- ^ sä m al ni w bi , n> ! je l ni U, lil ti- gr ist ' sä ab ^ all na vo wi P> na » di« ' du i vc iei in eii . S I m ^ de ur di> sä ba wl ' L Ni ' W F ei z' I i v> i si l n I d s d ! Doriaueschingen DouaumooS 421 schreitung der Bänke ihre Ladung auf hoher See wieder einnehmen, woraus sich auf die damit verbundene Gefahr, den Zeitverlust und Kostenaufwand schließen läßt, welcher letztere allein allen Gewinn an Fracht verschlingt. Erwägt man diesen Umstand, und daß außer dem nicht freundlich gesinntenNußland auch die Walachei und die Türkei Uferstaaten der Donau sind, welche für das Fahrwasser ebenfalls nichts thun, und daß Handel und Schiffahrt der Beraubung, Willkür und Hindernissen aller Art dort ausgesetzt sind, so erscheinen die schönen Hoffnungen, welche man in Süddeutschland vom Handel auf der Donau nach der Levante, Persien > u. s. w. hegt, als schöne Träume, ganz abgesehen davon, daß Kleinasien und Persien völlig ! zerrüttete und ausgesogene Länder sind. Der Handel auf der Donau ist daher im Verhältnis zu der großen Strecke, welche sie durchläuft, und zu der Fruchtbarkeit der Länder, deren Ufer sie bespült, sehr unbedeutend zu nennen und reiner Binnenhandel. Nur von großen politischen Veränderungen an der untern Donau und der in Folge davon eintretcnden Beseitigung aller der geschilderten Hindernisse und der Einführung der Civilisation läßt sich die große Entwickelung exwarten, welcher der Donauhandel unstreitig im höchsten Grade fähig ist. Die Donauschiffahrt zerfällt in die Segel - oder vielmehr Zugschiffahrt und in die Dampfschiffahrt. Wegen des reißenden Laufs des Stroms findet die erstere hauptsächlich nur stromabwärts statt, daher man die Schiffe, welche insgesammt keine Segel führen, schlechter als auf allen andern deutschen Flüssen zu bauen und nach Ankunft zu zerschlagen pflegt. Gehen sie ausnahmsweise stromaufwärts, so können sie weder Nuder noch Segel benutzen, sondern sie müssen von Pferden gezogen werden. Die Schiffahrt aufwärts ist am schwierigsten in Ungarn, wo ^ wegen der niedrigen Ufer zum Theil keine ordentlichen Leinpfade angebracht und statt der Pferde nur Menschen zum Ziehen gebraucht werden können. Bei solcher Schiffahrt konnte natürlich der Handelsverkehr auf der Donau sich früher nicht entwickeln, und es bildet daher ^ die Einführung der Dampfschiffahrt einen neuen Zeitraum desselben. Die erste Gesellschaft zu diesem Behufe trat in Baiern und Würtemberg zusammen. Sie befährt die obere Donau und j versieht bis Linz den Dienst; doch hat sie bis jetzt die erfoderliche Thätigkeit noch nicht gezeigt, woran besonders Mangel an Capital die Schuld trägt. Ganz anders ist dagegen die in Wien 1835 gegründete östr. Donaudampfschiffahrtsgesellschaft ausgetreten, welche 184» ein einbezahltes Capital von 3,780000 Fl. C.-M. besaß, das im I. >8-12 durch eine neue Subscription um eine Million vermehrt wurde. Sie hatte im I. 1843 19 Flußdampfboote mit 1556 Pferdekräften und 7 Seedampfboote mit 790 Pferdekräften. Im 1.1838 beförderte sie 74584 Reisende und 320614 Ctr. Waaren, und im I. 1841 170078 Reisende und 513576 Ctr. Waaren, welcher letztere Transport noch ungleich größer sein würde, wenn die Gesellschaft eine größere Anzahl Waarenschiffe besäße. Die Seedampfschiffe der Gesellschaft fahren von Konstantinopel nach Galacz, Salonich, Smyrna und Trapezunt. Die nun bald zu Stande gebrachte Verbindung der Donau mit dem Rhein durch den Ludwigskanal wird gewiß sehr zur Hebung der Donauschiffahrt beitragen. An den Ufern der Donau bei Wien und in Ungarn fielen zur Zeit der Römerherrschaft und im Mittelalter, wie in der neuern Zeit mehre weltgeschichtliche Schlachten vor. Donaueschingen, eine freundliche Stadt in der fürstlich fürstenbergischcn Landgrafschaft Baer im bad. Seekreise, am Zusammenflüsse der Brege und Brigach, die nach ihrer Vereinigung den Namen Donau erhalten, hat ein schönes Nesidcnzschloß der Fürsten von Fürstcnberg, welches ein ausgezeichnetes Archiv und eine 30000 Bände starke Bibliothek, eine Gemälde- und eine Kupferstichsammlung enthält und mit herrlichen Anlagen und Spaziergängen umgeben ist. Außerdem besitzt die Stadt eine schöne Pfarrkirche, ein Gymnasium und ein Opernhaus. Die Einwohner, etwa 3100, nähren sich theils von Landwirthschaft theils von städtischen Gewerben. Auch gibt cs hier eine sehr bedeutende Bierbrauerei. D. kommt schon unter den Karolingern vor und wurde vom König Arnulf 889 der Kirche zu Reichenau in Lehen gegeben. Später war es irir Besitze eigener Herren, bis es 1488 durch Kaufan die Grafen von Fürstenberg kam, in deren Besitz es verblieb. In der Nähe der Stadt liegen die Trümmer der Burg Fürstenberg, des Stammhauses der Fürsten gleiches Namens. DonttUMvos hieß die ungesunde Sumpfgegend von 4 LlM. im bair. Kreise Ober- baiern zwischen Neuburg und Ingolstadt, deren Austrocknung durch Kanäle, welche in die 422 Donaustauf Donegal Donau ausmünden, schon 1706 unter des Kurfürsten Karl Theodor Regierung begann und ' in der zahlreiche Kolonien sich jetzt angcsiedelt haben, unter denen Karlshuld die größte ist. »donaustauf, ein herrlich gelegener Marktflecken, eine Meile von Regensburg, am Fuße des Bairischen Waldes an der Donau, eine Besitzung des Fürsten von Thurn und Ta< xis, hat ein Schloß mit schönen Anlagen, wo gewöhnlich der Fürst von Thurn und Taxi- während des Sommers sich aufhält, und zählt etwa 800 E. In der Nähe liegt das alte seit dem Dreißigjährigen Kriege in Trümmer zerfallene Bergschloß Stauf. D. war früher eine freie Neichsherrschaft; mit Negensburg kam es > 803 in den Besitz des Fürsten Primas von l Dalberg, nach dem wiener Frieden von 1800 an Baiern und im 1.1812 unter bair.Hoheit ! an den Fürsten von Thurn und Taxis. Auf dem nahen Salvatorsberge gründete König Ludwig von Baiern dieWalhalla (s. d.). Donauwörth, eine alterthümliche Stadt im bair. Kreise Schwaben und Neuburg, > am linken Ufer der Donau und am Einflüsse der Wernitz in dieselbe, zählt 2700 E., welche ansehnlichen Hopfen-, Hanf-, Flachs- und Obstbau treiben und beträchtliche Bierbrauereien unterhalten. Auch nähren stch viele derselben vom Frachtfuhrwesen und von der Schiffahrt auf der Donau. Die dastge ehemalige Benedictinerabtei Heiligkreuz ist gegenwärtig in ein schönes Schloß verwandelt, das der Fürst von Wallerstein besitzt. D. hat den Namen von der jetzt in Trümmer liegenden Burg Wörth, die ums 1.000 von dem Grafen Hupold von Dillingen erbaut, von seinem Sohne Mangold Mangolstein genannt und nach dem Aus- stcrbcn der Nachkommen desselben HOI eine Besitzung der Hohenstaufen wurde. Inder Mitte des 13. Jahrh. wurde D. der Sitz der Herzoge von Oberbaiern und hier war es, wo Herzog Ludwig der Strenge in der Raserei grundloser Eifersucht seine Gemahlin Marirvo» Brabant enthaupten ließ. Von Gewissensbissen gepeinigt, verlegte er später seine Residenz , von hier nach München. Zum Andenken an das unschuldig vergossene Blut errichteten die f Bewohner von D. 1834 auf den Trümmern der Burg ein einfaches goldenes Kreuz. Im I. 1308 zerstörte König Albrecht 1. das Schloß und erhob die Stadt zur Reichsstadt; allein i nur nach manchen wechselvollen Schicksalen und Kämpfen vermochte sie ihre Reichsunmittelbarkeit gegen Baiern zu behaupten. Als >606 bei einer Procesfion des Abts vom Kloster zum heiligen Kreuz derselbe sammt den katholischen Bewohnern von dem protestantischen Pöbel arg gemishandelt wurde, erklärte der Kaiser Rudolf 11. auf Grund der Klagen der l Abts die Stadt in die Acht und übertrug die Vollziehung derselben dem Herzoge Maximilian von Baiern. Dieser besetzte im I. 1607 die Stadt und behielt sie für die Kosten des EM- tionszugS fortan in Besitz trotz der Einsprüche des schwäb. Kreises. Auch im Dreißigjährigen Kriege erfuhr D. mannichfaltige Drangsale, sowie im span. Erbfolgekriege, wo am nahge- ^ legenen Schellenberge am 2. Juli 1704 die Baiern und Franzosen durch die Kaiserlichen unter dem Prinzen Ludwig von Baden und dem Herzoge Marlborough völlig besiegt wurden. Durch Kaiser Joseph 1. erhielt D. 1705 seine Neichsunmittelbarkcit zurück; doch schon iin Frieden von Baden 1714 wurde cs wieder an Baiern gegeben, das sich auch trotz der Bemühungen des schwäb. Kreises in dessen Besitze behauptete. Am 6. Oct. 1805 fand bei D. ein Gefecht zwischen den Franzosen unter Soult und den Östreichern unter Mack statt, in Folge dessen die letzter» zum Rückzüge über die Donau genöthigt wurden. Donegal, eine der nordwestlichsten Grafschaften der irländ. Provinz Ulster, wirdimOstev von den Grafschaften Londonderry und Tyrone, südlich von Fermanagh und der Donegalbai, und westlich und nördlich vom Atlantischen Ocean begrenzt, welcher hier außer der genannten Bai an den vielfach zerrissenen felsigen Küsten mehre größere und kleinere Buchten bildet, unter denen die Swilly- und Foylesee die bedeutendem sind. Die Grafschaft ist im Norden gebirgig und wird von dem rauhen Donegalgcbirge durchzogen, mit welchem und zwischen dem fruchtbare Thäler und weites Marschland wechseln; sie hat viel wüsten Boden und j eine Menge kleiner Seen. Unter den Thälern sind Erne und Dery die bedeutendem, und unter ° den Flüssen der Foyle, Erne mit einem Wasserfalle, Fen, Elen, Esk und der mit Felsen und, Klippen umgebene Salt. Der nördlichste Punkt ist das Vorgebirge Malinhead. D. hat ein . Areal von 82 lüM. und zählt etwa 300000 E., welche Viehzucht und Fischerei treiben, nament- li'ch feinwollige Schafe ziehen und viele Heringe, Stockfische, Lachse und Forellen ausführen, , außerdem sich von Garnspinnerei, Lcinwandwsberei, Wollenstrumpfwirkerei und Brannt- j > ch > m a- Ä nt ^ ne i 2, ! he ^ en >rt !IN on l on !Nj , die s !ni kill >il- irr >en )e« l in m> ge- ^ m- ^ kll. im iü< ein lgr ien >ai, nn> bil> !or- wi> rnd üer nnd^ ei» ent> een, int- Dongola Donizetti 423 weinbrennerei nähren. Die vorzüglichsten Städte sind Donegal, an dem Einflüsse de« Esk in die Doncgalbai, mit einem guten Hafen, 430V E., einer anglicanischen Kirche und einem alterthümlichen, nur noch zum Theil erhaltenen Schlosse der Grafen von Arran, und Ballyshannon an der Mündung des Flusses Eine in die Bai gleiches Namen«, ebenfalls mit einem guten Hafen und 3900 E., welche Lachs- und Aalfang, starke Leinweberei und lebhaften Handel mit Getreide, Fischen, Bauholz, Steinsalz, Eisen und irdenem Geschirr treiben. Dongöla, eine dem Vicekönige von Ägypten unterworfene Provinz Nubiens am Nil, da, wo derselbe die südnördliche Hauptrichtung seines Laufs in eine ostwestlichc umgeändert, hat am Ufer des Nil entlang eine Ausdehnung von etwa SV Stunden und besteht aus dem meist völlig ebenen Thale des Nil, der das Land durch Überschwemmungen befruchtet, gleich, wie viele Kanäle und Teiche dasselbe bewässern. In den nicht angebauten wüsten Landstrichen gibt es Hyänen, Löwen und Gazellen; Krokodile und Nilpferde Hausen im Strome; die wichtigsten Hausthiere sind Pferd und Schaf. Die Bewohner, größtenthcils BarabraS oder später eingewanderte Mamluken und Türken, treiben neben Viehzucht Ackerbau und gewinnen jährlich eine zwiefache Ernte. Sie werden als träge, sittenlos, leichtsinnig, hab- und selbstsüchtig geschildert, bekennen sich zum Islam und leben sowol von der türk.-ägypt. Regierung wie von einheimischen Meliks gedrückt und geknechtet, trotz des Reichlhums ihres Bodens in der drückendsten Armuth. Der Hauptort ist Neudongola oder Marakah am Nil, der Sitz des Pascha. Dongola-Adschus oder Altdongola, im Mittelalter eine bedeutende Handelsstadt und die Capitalc Nubiens, ist gegenwärtig ein armseliges Dorf. In seiner Nähe liegt die Insel Argo, auf welcher Ruinen altäthiop. und ägypt. Bauwerke und Statuen sich gefunden haben. Dan Krrltllit, d. i. freiwilliges Geschenk, nannte man die ehemals in Frankreich bei außerordentlichen Veranlassungen von den Ständen dem König« als Geschenk bewilligte Steuer. Eben solche Steuern gab es sonst auch in den östr. Niederlanden und in einigen deutschen Hochstisten. Dönhoff (Aug. Heim. Herm., Graf von), prcuß. Gesandter beim Deutschen Bunde zu Frankfurt am Main, ist der älteste Sohn des am 7. Mai 1838 verstorbenen Grafen Aug. Friedr. Phil, von D., Landhofmeisters von Preußen, der durch das Vertrauen des Königs sechsmal hintereinander bis zu seinem Tode als Landtagsmarschall auf den preuß. Provinziallandtagen den Vorsitz führte. Geb. am 1». Oct. l7S7 zu Potsdam, wurde D. zu Königsberg für den höhern wissenschaftlichen Unterricht ausgebildet. Durch die Theil- nähme als Freiwilliger an dem Feldzuge gegen Frankreich imJ. 1815 in feinen Studien unterbrochen, setzte er dieselben im I. 1816 für das Studium der Rechte und Staatswissrn- schäften auf der Universität zu Königsberg, dann zu Göktingen fort und beendigte sie in Heidelberg. Aus einer größer» Reise im südlichen Europa wurde er Augenzeuge der politischen Bewegungen der ital. Staaten im Z. 182» und 1821. Seine diplomatische Laufbahn begann er im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zu Berlin. Darauf der preuß. Gesandtschaft in Paris attachirt, gelang es ihm in kurzer Zeit, bei den wichtigsten Staatser- eignissen als Diplomat thätigc Hülfe zu leisten. Er wurde im Nov. 1825 als erster Lega- tionssecretair bei der preuß. Gesandtschaft in Madrid, darauf 1828 in derselben Function bei dem Cabinete in London accreditirt, wo er dann bei der londoner Conferenz in Bezug auf die belg. Angelegenheiten eine bedeutende Thätigkeit entwickelte. Zm I. 1834 erhielt er den Eesandtschaftsposten in München, und im I. 1842 kam er in seine gegenwärtige Stellung. — Die seit 1637 reichsfürstliche Linie dieser Familie erlosch in der Mitte des 18. Jahrh. Domsche Kosacken, s. Ko sacken. Donizetti (Gaetano), seit 1 842 östr. Kammercomponist und Kapellmeister in Wie«, gegenwärtig aber noch immer in Paris, früher Professor des Contrapunkts am Conservato- rium zu Neapel, geb. 17V 7 in Bergamo, studirte die Composition unter Sim. Mayr und später unter Pater Matkei in Rom. Im 1.1816 kehrte er nach Bergamo zurück und mehre Ouvertüren, Violinquartette, Messen und andere Kirchenmusiken waren die Früchte seiner Studien. Auch für ihn hakten di« glänzenden Erfolge Rossini'« zu viel Anlockendes, als daß er sich nicht angereizt hätte fühlen sollen, auf demselben Felde und in gleicher Weise nach Ruhm und Vortheil zu streben. Ein erster Versuch, die Oper „bmrico", fiel nicht ungünstig aus und 424 Donjon Don Juan bestimmte ihn für immer für die neue Richtung. Er schrieb nun rasch nacheinander eine ' ziemliche Zahl Opern mit verschiedenem Erfolge, von denen „I-'elisir ll'smore", „IVlrmno Lsliero", Loleaa", „velisario" und „I-a lille tiu reßiment", welche zum Theil für Paris geschrieben wurden, vorzugsweise Glück und D. auch außerhalb Italien bekannt mgch. ten. Wenn indeß D. trotz einer großen Fruchtbarkeit doch eigentliche Ursprünglichkeit und Neuheit der Erfindung nicht zugesprochen werden kann, so ist andererseits anzuerkennen, daß I er mit Glück und Geschick Eigenes und Fremdes zu verschmelzen und mit Leichtigkeit zu an. l muthiger Wirkung zu gestalten weiß. Gleichfalls ist nicht zu verkennen, daß seine Harmonie ^ und Instrumentation minder leer und bedeutungslos sind, als bei den meisten neuern Jta- > lirncrn, ein Umstand, der ihr sogar den sonst nur den Deutschen gemachten Vorwurf der ' Überladung zuzuziehen vermochte, und der jedenfalls seinen Erklärungsgrund in seinen früher» ernsten Studien in strenger» Kunstgattungen findet. Nach Bellini ist er der bedeutendste ital. Tonsetzer und insofern das Haupt der neuesten ital. Schule, obgleich er derselben keine neue Richtung gegeben hat und seine Compositionsweise mehr als eine Modifikation, nicht als eine individuelle Gestaltung der durch Rossini herbeigeführten Phase der ital. Musik sich erweist. — Sein Bruderist Chef der Militairmusik des Sultan Abdul Medsthid. Donjon hieß ursprünglich der runde oder viereckige Hauptthurm alter Burgen, der gewöhnlich als Gefängniß und als letzter Zufluchtsort diente. (S. Thurm.) In neuerer Zeit wurde der Name auch auf Citadellen und Bergfestungen übertragen. Berühmt ist der Donjon von Vinccnnes als Gefängniß mehrer berühmter Männer, z. B. Diderot's u. A. Don Juan. Wenn in der Sage von Faust (s. d.), vorzüglich in der Goethe'schm Auffassungsweise, die nach übersinnlicher Erkenntniß maßlos ringende Begierde dadurch dm Dämonen des Abgrunds verfallt, daß sie, an sich verzweifelnd und ihrer selbst überdrüssig, weil sie das höchste Ziel nicht zu erreichen vermag, in eine sinnliche Genußsucht Umschlag!, ! sich aber bei dieser doch wieder nicht beruhigen kann und so nach beiden Seiten hin eine mi> ! erfüllbare Leere fühlt und sich im Zwiespalte mit sich selbst aufrcibt, so stellt sich in der Sage von Don Juan dir rein materielle und egoistische Genußsucht dar, die, hauptsächlich auf dm geschlechtlichen Genuß beschränkt und vom Sinnentaumel hingerissen, jede spirituelle Erkennt- niß von sich weist, in eigensinnig sinnlichem Trotze die Dämonen der Nacht gegen sich aufruft und in ihrem eigenen brutalen Egoismus zu Grunde geht. Die Don Juan-Sage hat durchaus keine geistige Tiefe, aber desto mehr sinnliche Fülle, und es war eine beklagens- werthe Verirrung der neuern Zeit, die Sage von Don Juan der von Faust gleichstellen und selbst philosophisch erklären zu wollen. Wenn Faust in den Momenten, wo er aus unbefriedigtem Erkenntnißdrange im Genüsse die Ausgleichung und Befriedigung sucht, die-ihm das Wissen nicht gewähren kann, an Don Juan vorübergehend anstreist, so bleibt er doch auch im Genüsse stets Metaphysiker und kehrt immer wieder dahin zurück, wovon er ausgegangen ist, zur philosophischen Betrachtung, welche selbst den sinnlichen Genuß in ihren Kreis zu bannen weiß. Daher haben alle Versuche, Don Juan auch zu einem Repräsentanten des denkenden Princips zu erheben, ein misfarbiges, zwitterhaftes Colorit und konnten nur dazu beittagen, den entschiedenen naturnothwendigen Gegensatz zwischen beiden Sagen aufzuheben und zu vermischen. Der Don Juan der Sage soll Juan Tenorio, ein Günstling de- z Königs Alfons' XI. und Theilnehmer an seinen Grausamkeiten und Ausschweifungen gewe- I sen sein, Giralda, die Tochter des Gouverneurs von Sevilla, zu entehren versucht und ihren Vater im Zweikampfe erlegt haben. Noch jetzt steht in Sevilla der Rumpf einer alten Con- sularstatuc, die im Munde des Volks der Steinerne Gast heißt, dieselbe, welche Don Juan zu Tafel lud. Ferner nennt die Sage noch einen Don Juan de Maranha, der mit dem Teufel ein Bündniß schloß, sich jedoch bekehrte und im Gerüche der Heiligkeit starb. Beide verschmol- - zen zu der Volkssage von Don Juan, die erst lange nachher durch den Komödienschreiber ! Tirso de Molina (den Predigcrmönch Gabr. Tellez) in einem Stücke „LI t>url»clor cke 8e- Villa ^ oombidsäo lli pieära" (gedruckt 1834) eine Art künstlerischer Gestaltung erhielt, j Im 1, 1659 wurde in Paris derselbe Stoff in einem Drama von de Villiers „I-e testia äs pierre ou le ÜIs criwinel" zur Aufführung gebracht und 1665 auf dem Theater des Palais , royal Moliere's Bearbeitung „Von äuaa ou le testia cle pierre" dargestellt. Im I. 1669 erschien dieselbe Sage in einer Bearbeitung von dem Schauspieler Dusmenil, der als Dich' Don Juan d'Anstria Donner (Georg Rafael) 425 ter unter dem Namen Nosimon bekannt ist. In den ital. Bearbeitungen, die für das Volk bestimmt waren, trat besonders Arlecchino, die komische Person, hervor. Goldoni bearbeitete denselben Stoff in seinem Stücke „von 6liovsnni I'enorio"; Gluck componirte eine Musik zu einem Ballet „Don Juan". Endlich schrieb Lorenzo da Ponte seinen Operntext, durch den Don Juan mittels der meisterhaften Komposition Mozart's erst zum Gemeingutc aller Völker wurde. Byron's „Don Juan" hat mit der Sage wenig mehr gemein als den Titel. Am tiefsten, aber auch am willkürlichsten wurde die Sage von deutschen Dichtern, z. B. von Grabbe in seinem „Don Juan und Faust" und von S. Wiese behandelt. Über das Geschichtliche der Sage lieferte A. Kahlert im „Freihafens,eine treffliche Abhandlung. Don Jüan d' Austria, s. Johann'von Ostreich. Donker-Curtins van Tienhoven (Willem Boudewyn), ein bekannter niederländ. Staatsmann und Gelehrter, geb. zu Herzogenbusch am 2». Dec. 1778, vollendete seine Studien an der Hochschule zu Leyden, wo er den Doctorgrad erhielt, und prakticirte hieraus eine Zeit lang als Advocat im Haag; später verlegte er seinen Sitz nach Dordrecht, wo er sehr bald in den Nus eines ausgezeichneten Sachwalters kam. Von 1800—10 war er Mitglied des Obergerichtshofs von Südholland. Im I. 1815 vereinigte er seine Bemühungen mit denen des Grafen von Hogendorp und dessen Partei, um das franz. Joch abzuschütteln. Er war der Erste zu Dordrecht, der die Souverainetät des Prinzen von Oranien procla- mirte, und wurde hieraus zum Districtscommissar für Dordrecht und Gorkum ernannt und dann als Eeneralcommissar beauftragt, vom Districte Breda und Nordbrabant Besitz zu nehmen. Bald nachher trat er als Mitglied der Provinzialstaatcn von Südholland auf. Im I. 1823 wurde er Mitglied der Societät der Künste und Wissenschaften zu Utrecht, 1825 Mitglied der Generalstaatcn und fast immer bei jeder Legislation von neuem für dieselben gewählt, und 1827 Mitglied der Akademie für niederländ. Nationalliteratur zu Leyden. Auch ernannte ihn der König zum Mitglieds verschiedener wichtiger Commissionen, wie der 1828 zur Reorganisation des höher» Unterrichts, und der 1830 nach dem belg. Aufstande zur Regulirung der Theilung und Constituirung der beiden Hälften des Königreichs nieder- gesetzten. Er gehörte längere Zeit zu den kräftigsten Mitgliedern der liberalen Holland. Opposition in dem Nationalcongreß, in welchem seine Stimme kräftig ertönte, und zu den heftigsten Gegnern des Justizministers van Maanen, gegen den er oft selbst Persönlichkeiten nicht scheute. Mit dem I. 1820 änderte er plötzlich sein System und stellte sich fortan mit Eifer und Ernst fast unter die unbedingten Vertheidiger der Regierung und ihrer Maßregeln. Seine Feinde schrieben diesen Wechsel Motiven des Ehrgeizes, Andere der Überzeu- gung zu, die Rücksicht für das gemeinsame Beste in so kritischen Zeitkäufen allem Übrigen zum Opfer bringen zu müssen. Im I. 1831 wurde er Präsident des Tribunals cnstcr Instanz (regtdunlc v-m esr8tensanleg) und 1838 Vicepräsident des Hohen Raths der Niederlande. Als solcher starb er zu Pau am 26. Apr. 1843. Von seinen Schriften erwähnen wir „vijlirsgen tot 6Ol, vvuterstsat der Kedorlsnden" (1819), als Widerlegung einer Schrift des Generalinspectors Blanker; „veoordeeliag en be8trijdii>g des eersten doelcs von Kst burgerlijlc n-etboeic" (1819), eine Prüfung und Widerlegung des im1.1819 vor- gelegten bürgerlichen Strafgesetzbuchentwurfs; „lets ter bestrijOing der doocistrak, en over bet bewijs in strsürsken" (1826) und „Opinions enoncss sur le (lode de commerce" (1826). Auch die von ihm in den Generalstaatcn gehaltenen Reden sind sowol holländ. als franz. besonders im Drucke erschienen. Außerdem hat er verschiedene anonyme Broschüren und Schriften herausgcgeben. Donner nennt man das der Erscheinung des Blitzes folgende rollende Getöse, welches der Entstehung nach dem knisternden Laute des elektrischen Funkens einer Elektrisirmaschine sich vergleichen läßt, aber noch keineswegs vollständig erklärt ist. Daß der Donner erst nach dem Btitze gehört wird, rührt daher, daß das Licht fast augenblicklich zum Auge gelangt, der Schall dagegen einer längcrn Zeit bedarf, um vom Orte seiner Entstehung zum Ohre zu kommen. Hier und da will man Blitze ohne Donner beobachtet haben, zu deren Erklärung jedoch noch jeder Anhalt fehlt. Donner (Georg Rafael), einer der vorzüglichsten Bildhauer seiner Zeit, geb. zu Eßlingen in Niederöstreich 1695 , war anfangs Goldarbeiter und erhielt seine erste Bildung 426 Donnerbüchse Donnerstag in der Kunst durch Giuliani, einen Bildhauer in dem seinen Geburtsorte nahen Stifte Hei- ligenkreuz. Nachher besuchte er die neubegründete Maler- und Bildhauerakademie zu Wien. Sein ganzes Leben hindurch hatte er indeß mit Nahrungssorgen und widrigen Schicksalen zu kämpfen. Er starb zu Wien am l6. Febr. 1741. Erst nach seinem Tode erkannte man sein Talent. Seine Werke dienen mehren Kirchen und Palästen Ostreichs zur Zierde; vor- züglich bewundert man die herrlichen Bildsäulen am Springbrunnen auf dem neuen Markte I und die Statue Karl's VI. im Belvedere zu Wien. Als seine vorzüglichsten Schüler sind zu j erwähnen seine Brüder, MatthiaS D., der als Hofmedailleur und Professor der Akademie s zu Wien um >763 starb, und Sebastian D-, ein geschickter Bildhauer; ferner Oser, Rossier und die Brüder Moll. Donnerbüchse nannte man sonst in Deutschland alle Geschütze von größerm Kaliber, besonders diejenigen, mit welchen Steine geworfen wurden. Donnerkeile, auch Donnerpseile, werden die hier und da aufgefundenen keilartig geformten Steine genannt, von denen man sonst glaubte, daß sie durch den auf die Erde hcrabfahrenden Blitz gebildet würden. Sie sind theils Versteinerungen nicht mehr vorhandener Schalthierc, theils steinerne Streitäxte (s. d.), theils endlich ganz zufällige Bildungen. Die Deutsche Mythologie (s. d.) betrachtet sie als die Waffen des Gottes Donar, nach dem sie wahrscheinlich benannt sind, so nahe auch die Ableitung von Donner liegen mag. § Donnerlegion (lexio fiillriwstrix) findet sich schon aus Inschriften aus Ncro's Zeit als Beiname der zwölften röm. Legion. Die christliche Sage aber leitet den Namen derselben ! von folgender Begebenheit her. Als der Kaiser Mark Aurel im I. 17 4 im Kriege gegen die j Markomannen und Quaden von den letzter» bei Gran in Ungarn eingeschlossen ward und > sein Heer durch die Hitze erschöpft war, fiel plötzlich ein Regen, der die Römer erquickte, i während ein Hagel - und Donnerwetter die Feinde traf, die, nun in Schrecken gesetzt, von f den neugestärktcn Römern geschlagen und besiegt wurden. Die heidnischen wie die christli- > chen Schriftsteller erzählen diese Begebenheit den Hauptumständcn nach übereinstimmend; j nach den erstem aber soll entweder ein ägypt. Zauberer im Gefolge des Kaisers oder das Ge- ! bet des Kaisers selbst, nach den christlichen Schriftstellern allein das Gebet der Christen, aus welchen die zwölfte Legion bestanden, die Rettung des Heers bewirkt haben. Doch das gewöhnlich der ersten „Apologie" des Märtyrers Justinus beigedrucktc griech. Schreiben des Kaisers Mark Aurel, welches die Begebenheit ganz im Sinne der christlichen Schriftsteller erzählt, ist unecht. Auf der zu Rom noch vorhandenen Marmorsäule zu Ehren des Mark Aurel ist jene Rettung des röm. Heers abgebildet; man findet neben röm. Soldaten, die den Regen auffangcn, auch einen betenden Krieger dargestellt, was indeß noch nicht als ein zuverlässiges Zeugniß einer öffentlichen Anerkennung des Ankhcils der Christen an dieser Begebenheit gelten kann. Donnermaschine. Schon die Griechen und Römer hatten eine Vorrichtung zur Nachahmung des Donners, Bronteum genannt. Gegenwärtig bedient man sich zu demselben Zwecke gewöhnlich eines starken über einen Rahmen möglichst straff gespannten Fells, worauf man mit einem Schlägel ein den Donner andcutendes Geräusch hervorbrinat; cm- pfehlenswerther sind jedoch schwere, auf eckigen Rädern ruhende Wagen, die über dem Proste- ^ nium auf eigens dazu aus dünnen Bcetern eingerichteten Bahnen hin und hergefahren werden. DonnerSberg heißt die nördlichste Berggruppe des Wasgaus in der bair. Pfalz. Der höchste Gipfel desselben ist der Königstuhl, 2IVO F„ nach Andern 2052 F. hoch. Nach dem Donnersberg war zur Zeit der Napoleonischen Herrschaft ein Departement genannt, das ein Areal von SO HjM. mit 342000 E. und Mainz zur Hauptstadt hatte und aus den vier Bezirken Mainz, Speier, Kaiserslautern und Zweibrücken bestand. — Donnersberg heißt auch der höchste Punkt des böhm. Mittelgebirgs, der 2646 F. hohe Berg bei Milleschau im lcrtmeritzer Kreise des Königreichs Böhmen, gewöhnlich der Milleschauer ge- ^ «annt, der wegen seiner reizende» Aussicht sehr häufig von Teplitz aus besucht wird. z Donnerstag, engl. l'dursOax, schweb. ^ orsckax, dckn. I'dnrslia»' im lat. 'lies äoeis stanz, äeuäi, heißt der fünfte Wochentag zu Ehren des deutschen Gottes Donar oder > Lh o r (s. d.), den man, wie eS scheint, nicht ganz richtig durch Jupiter interpretirt hat. — Der Grüne Donnerstag, im mittelalterlichen Latein vies viri.iiuw, wird der Donners- ^ Donop Doppeladler 427 tag in der Charwoche genannt, entweder weil der gemeine Mann an diesem Tage das erste Grün zu essen pflegte, oder es ist das Wort grün in der Bedeutung von gewogen genommen, welches letztere man wenigstens daraus schließen könnte, daß dieser Tag im Niedersächsischen der gute Donnerstag heißt. — Der Feiste Donnerstag, im franz. äeulli gras, heißt der Donnerstag nach Aschermittwoch. Donop (Georg Karl Wilh., Freiherr von), sachsen-meining. Wirklicher Geh.-Rath, geb. zu Meiningen 1767, studirte in Erlangen und Jena und rückte 1792 in die herzogliche Regierung ein. In der folgenden hochbewegten Zeit, zumal in den 1.1806—15, mußte er in seinem Dienste viele mitunter bittere Erfahrungen machen. Von frühester Jugend mit besonderer Liebe geschichtlichen Studien zugcthan, wendete er sich später der Numismatik und der röm. und griech. Sagcngcschichte zu. So entstand „Das Magusanische Europa" (5 Bde., Meining. 1819—<11), in welchem er nachzuweisen suchte, daß unter den mythischen Zügen des Bacchus, Hercules und Perseus Volksbewegungen vom Osten gegen Westen durch Afrika zu verstehen seien. In der Schrift „Die deutsche Urzeit" (Meining. 1833) suchte er Das zusammcnzustellcn, was das obige Werk für die german. Frühgeschichte bietet. Sehr verdienstlich war seine Beschreibung der „51e<1siIIes Asl!«j;»e!i833 das vorgeschricbene Alter erreichte, um in das Gremium des Advocatenstandes ausgenommen zu werden, Professor der schönen Wissenschaften an dem Collegium zu Cäceres. Als 1832 König Ferdinand Vll. schwer erkrankte und es immer wahrscheinlicher wurde, daß seiner Tochter dasThronfolgerccht bestritten werden würde, eilte er nach La-Granja 'und bot der Königin-Negentin seine Dienste an. Bei dem bald darauf eintretenden Ministerwechsel überreichte er der Königin eine Denkschrift, worin er das Suc- cessionsrecht Jsabella's kl. als unbestreitbar darzustellen suchte; doch durfte diese Denkschrift wegen ihrer allzu liberalen Ansichten nicht veröffentlicht werden. Dagegen wurde er im Febr. 1833 Official im Ministerium der Gnaden und Justiz und im folgenden-Jahre wirklicher Secretair der Königin. Im Sept. >835 erhielt er den Auftrag, im Verein mit dem General Rodil die im Aufruhr befindliche Provinz Estremadura zum Gehorsam gegen die Königin zurückzubringen, und da ihm die Ausführung dieses so schwierigen Auftrags über alles Erwarten gelang, wurde er Pensionair des Ordens Karl's 111. Im Jan. 1836 erhielt er das Amt eines Sectionschcfs im Ministerium der Gnaden und Justiz, und im Mai desselben JahreS wurde er Secretair des Ministerconseils, auf welchen Posten er jedoch bald darauf aus Rücksichten der Delicatesse selbst verzichtete. Nachdem in Folge des Aufstandes von La-Granja die Partei der ExaltadoS ans Ruder gekommen, widmete sich D. ausschlicßend der Verbreitung seiner politischen Ansichten. Zu den Cortes, die auf die constituirenden folgten, wurde er als Deputirter von der Provinz Cadiz gewählt; nachher redigirte er mit Alcala Galiano die Zeitschrift „LI pilotv". Später war er einige Zeit Director der „ke- vists" von Madrid. In seinen Schriften: „Lonsiciersciones sobre Is ckPIomscis, z? su in- üuenci» en el estsüo polltiro z sovisl 1e Is cusüruple slisurs" (Madr. 1831), „Ls lex electorsl, consiüerscls en su base x en su relacion con ei espiritu ti« nuestrss institnciones" (Madr. 1835) und „Lec- cinnes äe üerectio polltico" (Madr. 1837), bewies er sich nicht nur als vielseitig gebildeten Staatsmann und gelehrten Juristen, sondern auch als einen der vorzüglichsten Stilisten. Don Quixote, s. CervantesSaavedra (Miguel de). Doolin von Mainz ist ein sagenhafter Held, den Karl der Große als Knaben von acht Jahren zum Ritter geschlagen und später mitMainz belehnthaben soll. SeinenThaten und seiner Liebe ist das gleichnamige Rittergedicht von Alxing er (si d.) gewidmet, dem der alte franz. Roman „Ls lleur «ies bstailles «1'Ooün cle klsxenc«" (Par. 1591, Fol.) theil- weift den Stoff lieferte. Doppeladler. Der sogenannte Doppeladler, als Symbol des röm. Reichs, entstand nach der Vereinigung des west- und oström. Reich- aus der Verbindung der beiden Adler, die diese Reiche als Symbol geführt hatten. Von dem röm. Rriche ging dieses Sym- 428 Doppelhaken Doppelsterne bol auf das röm.-deutsche Reich über. Die Zeit, wann dieses geschehen, läßt sich nicht genau angeben; gewiß ist, daß Kaiser Sigismund ihn bereits als Neichswappen führte. Vgl. Bodman, „Der zweiköpfige Adler" (Nürnb. > 802). Vom Deutschen Reiche nahm Ost- reich den zweiköpfigen Adler als Wappenbild an; ihm folgte Rußland, doch mit dem Unterschiede, daß der Adler hier dreifach gekrönt erscheint. Doppelhaken hießen die starken, 4'/- —6 F. langen Feuergewehre, welche bis 18 Loth Blei schossen und auf einem drcifüßigen Gestell lagen. Sie wurden im Anfänge des 15. Jahrh. fast zugleich mit den Handröhren erfunden und vorzugsweise in befestigten Plä- hen angewendet, um nach kleinen feindlichen Patrouillen, einzelnen recvgnoscirenden Of- fizieren u. s. w. zu schießen. Kaiser Karl V. soll sich ihrer zuerst in dem Kriege mit Frank- reich 1521 bei der Belagerung von Parma bedient haben. Die doppelten Doppel- haken schossen eine > Klöthige Bleikugel, hatten 6'/- F. Länge und mit dem Schaft ein Gewicht von 47 Pfund. Gegenwärtig sind die Doppelhaken, die man der großen Sicherheit ihres Schusses wegen auch Strohschneider nannte, außer Gebrauch gekommen und an ihre Stelle die Wallbüchscn getreten. Doppelmayr (Joh. Gabr.), ein. bekannter deutscher Mathematiker, geb. 1671 zu Nürnberg, studirte zu Nürnberg, Altdorf und Halle die Rechte, machte aber bald Mathematik und Physik zu Hauptgegenständen seiner Beschäftigung. Er bereiste Holland und England und erhielt 1704 die mathematische Professur am Ägidiengymnasium zu Nürnberg, wo er am 1. Dcc. I75V starb. Unter seinen mathematischen, geographischen und astronomischen Werken erhielt die weiteste Verbreitung sein ,,.4.tli»s novuo coelestis" (Nürnb. 1742, Fol.), mit 30 astronomischen Tafeln, obschon er sehr schlecht gestochen ist. Seine „Nachrichten von den nürnb. Mathematicis und Künstlern" (2 Bde., Nürnb. 1730, Fol., mit Kupf.) sind für die Geschichte der Literatur sehr wichtig und enthalten namentlich über die geographischen Entdeckungen Martin Behaim's sehr interessante Notizen. Doppelpunkt heißt in der höhern Geometrie derjenige Punkt einer krummen Linie, in welcher sich zwei Äste derselben entweder schneiden oder vereinigen und eine Spihe bilden. Im erster» Falle gibt es in diesem Punkte zwei Tangenten, im letzter» nur eine einzige. Doppelschlag (franz. Ie llouble), eine der wichtigsten Verzierungen einer Melodie, besteht aus der Hauptnote und den zunächst über und unter derselben liegenden Tönen (Hülfs- tönen). In der rhythmischen Gestaltung gestattet der Doppelschlag große Mannichsaltigkeit; wesentlich ist, daß er mit der Hauptnote schließe. Doppelsterne. An vielen Stellen des Himmels stehen zwei oder mehre Sterne einander so außerordentlich nahe, daß man sie nur mit Fernröhren und zwar zum großen Theil nur mit sehr guten und stark vergrößernden Fernröhren unterscheiden und als verschiedene Sterne erkennen kann, während sie, mit bloßem Auge oder mit schwachen Fcrnröhren betrachtet, nur als ein Stern erscheinen. Eine solche Verbindung zweier oder mehrer Sterne, die dem gewöhnlichen Beobachter wie ein Stern erscheint, heißt ein Doppelstern oder vielfacher Stern. So lange man noch keine Fernröhre besaß, konnte man von solchen Sternen nichts wissen; aber sogleich nach Erfindung des Fernrohrs entdeckte Galilei das Dasein von Doppelsternen und schlug bald darauf vor, sie zur Bestimmung der jährlichen Parallaxe der Fixsterne zu benutzen und demgemäß zu beobachten, ob der Abstand und die gegenseitige Lage der einzelnen zu einem Doppel- oder vielfachen Sterne verbundenen Sterne nicht im Laufe eines Jahres Änderungen erleide, indem er ganz richtig erkannte, daß Sterne, die einander scheinbar so nahe ständen, ohne einander wirklich nahe zu sein, zu Beobachtungen dieser Art wegen des gleichen Einflusses der Refraction u. s. w. ganz besonders geeignet sei» müßten. Er setzte also hierbei voraus, daß in allen Fällen die einen Doppelstern bildenden Sterne einander nur scheinbar nahe ständen, in der That aber voneinander sehr weit abstän- den, mithin der eine der Erde viel näher als der andere sei. Lange nach ihm widmeten erst Bradley, Maskelyne und Christian Mayer den Doppelsternen besondereAufmerksamkeit, ohne irgend ein erhebliches Resultat zu finden. Erst Herschel der Ältere war es, der in der Kennt- niß der Doppelsterne bedeutende Fortschritte machte und durch ihre Beobachtung zu höchst merkwürdigen Äufschlüssen über ihre Natur gelangte. Er beobachtete seit dem I. 1778 bis zu seinem Tode über 500 Doppelsterne, bei denen die einzelnen Sterne um weniger als Doppelsterne 429 Minute (genauer 32 Sekunden) voneinander abstehen; schon in den ersten vierJahrcn hatte er 4-15 beobachtet und zwar nach seiner Eintheilung (er theilte sie in Elasten und rechnete sie zur ersten, zweiten, dritten, vierten Elaste, je nachdem der Abstand der einzelnen Sterne weniger als 4 , zwischen 4 und 8 , zwischen 8 und 16 , zwischen 16 und 32 Sekunden beträgt) 97 der ersten, 162 der zweiten, 1 >4 der dritten, > 32 der vierten Elaste. Bedeutend erweitert wurde die Kenntniß der Doppclsterne durch Struvc, Hcrschel den Jüngern und South. Struve lieferte 1820 einen Katalog von 441 Doppelsternen, 1827 aber einen weit reichhaltigem von 3112 Doppelsternen, worunter 987 der ersten, 675 der zweiten, 659 der dritten, 736 der vierten Elaste und nur 346 bereits in Hcrschel's Verzeichniß befindliche, außerdem 52 dreifache Sterne. Er hatte vorher innerhalb zweier Jahre zu diesem Zwecke beinahe 126000 Sterne gemustert, nämlich alle Sterne der acht ersten Größen und die Hellern der neunten vom Nordpol bis 15 ° südlich vom Äquator, also in etwa fünf Achteln der ganzen Himmelskugel. Auch er rechnet nur solche Sterne zu den Doppelsternen im engem Sinne, bei denen der Abstand der einzelnen Sterne nicht über 32 Sekunden beträgt, und theilt sie nach dem Abstande in acht Ordnungen. Das neueste Werk Struve's, welches mikrometrische Messungen der Doppelsterne enthält, zählt 21 neu entdeckte Doppelsterne auf, außerdem 2 fünffache, 9 vierfache, 119 dreifache. Hcrschel der Jüngere und South legten schon 1823 der Gesellschaft der Wissenschaften in London eine Denkschrift vor, welche die Resultate derBeobachtungen von 380 doppelten und dreifachen Sternen enthält. Seit 1834 hatHerschel derJüngere mehre Jahre lang von der Südspitze Afrikas aus dieSterne deS südlichen Himmels gemustert und dabei eine große Menge neuer Doppclsterne entdeckt, wiewol sehr nahe Doppclsterne am südlichen Himmel vergleichungsweise selten sind. In den fünf Verzeichnissen, die er überhaupt geliefert hat, sind über 3200 Doppelsterne enthalten, von denen der größte Theil von ihm zuerst aufgefunden und beschrieben worden ist. Im Ganzen kennen wir demnach über 6000 Doppclsterne (bei denen der Abstand der einzelnen Sterne nicht über Minute beträgt), von denen etwa 1930 zur ersten, 1310 zur zweiten, ebensoviel zur dritten, 1450 zur vierten Herschel'schen Elaste gehören. Schon diese große Anzahl von Doppelsternen macht es in hohem Grade wahrscheinlich, daß die meisten aus Sternen bestehen, die sich wirklich, nicht nur scheinbar nahe sind, oder, wie man dies kürzer ausdrückt, daß die meisten physische, nicht optische Doppclsterne sind, da der Fall einer zufälligen scheinbaren Nähe verhältnismäßig nur selten Vorkommen kann. In der gedachten, schon 1767 von dem engl. Physiker John Mitchel geäußerten Vermuthung bestärken uns folgende Umstände: I) die unverhältnismäßig große Anzahl von Doppelsternen der ersten Elaste, während bei scheinbar nahestehenden Sternen die der vierten Elaste beiweitem am häufigsten sein und die Zahlen der Doppelsterne in den vier Elasten sich beinahe wie 1 , 3 , 12 und 48 verhalten würden; 2 ) die größere Häufigkeit der Hellern Doppclsterne, indem von den Sternen der drei ersten Größen fast der sechste, von denen der sechs ersten Größen der zehnte, von denen der sechsten bis neunten Größe nur der 25 ., von noch kleinern erst der 42 . Stern ein Doppelstern ist; 3 ) das verhältnißmäßig häufige Vorkommen des Falls? daß die verbundenen Sterne an Helligkeit fast gleich sind, wenn auch allerdings meist der eine (Nebenstern oder Begleiter genannt) viel kleiner als der andere (Haupt- oder Centralstern) ist, z. B. bei Rigel im Orion, bei dem Polarsterne, wo der eine der zweiten, der andere der elften Größe ist u. s. w.; bei nur scheinbarer Nähe der Sterne könnte es sich nur höchst selten kessen, daß zwei scheinbar einander sehr nahe, in der That weit voneinander entfernte Sterne gleich hell erschienen, und zwar nur dann, wenn der entferntere Stern in gleichem Verhältnisse Heller und entfernter als der andere wäre/ also seine größere Entfernung durch seine größere Helligkeit völlig genau compensirt würde. Was aber durch die aufgezählten Gründe nur wahrscheinlich gemacht wird, ist durch Hrrschel's Beobachtungen zur unumstößlichen Gewißheit erhoben worden. Derselbe fand nämlich (zuerst an dem Doppelsterne Castor in den Zwillingen) statt der vermutheten scheinbaren Bewegungen, aus dknen er eine Bestimmung der Parallaxe der Fixsterne herleiken zu können hoffte, Bewegungen ganz anderer Art, dir nur durch eine wirkliche Bewegung des einen der zu einem Doppelsterne verbundenen Sterne um den andern erklärt werden konnten, woraus sich zugleich ergab, daß ihre Nähe nicht blos scheinbar sein konnte. Hier» 430 Doppelsterne durch von seinem eigentlichen Vorhaben ganz abgezogen, forschte er dem überraschenden Er» e gebnisse weiter nach und trat endlich im I. l 803 nach mehr als 20 jähriger Beobachtung und I Forschung mit der nunmehr fest begründeten Behauptung hervor, daß die Doppelstern« zum ^ großen Theilnichts Anderes seien als Slernsysteme, bestehend aus zwei (zuweilen auch mehr) Sternen, die sich in regelmäßigen Bahnen umeinander bewegen oder vielmehr um ihren gemeinschaftlichen Schwerpunkt; bei einigen gab er sogar die Dauer der Umlaufszeit am Diese seine Entdeckung, daß sich nicht nur Planeten um Fixsterne sondern auch Fixsterne um Fixsterne, Sonnen um Sonnen bewegen, ist unstreitig eine der merkwürdigsten in der ganzen Astronomie. Spätere Beobachtungen haben diese Resultate Herschel's im Ganzen I und Einzelnen vollständig bestätigt. Nach Struve kennt man jetzt 59 Doppelstcrne, bei denen ! eine Veränderung in der Stellung der einzelnen Sterne, mithin eine Bewegung der angegebenen Art gewiß, <3 bei denen sie wahrscheinlich, 68 bei denen sie angedcutet ist. Auch ist so viel bewiesen, daß die Bewegungen ganz nach den im Planetensysteme herrschenden Gesetzen und in elliptischen Bahnm stattfindcn, daß mithin auch jene entfernten Weltkörper dem Newton'schen Gesetze der allgemeinen Schwere unterliegen. Die Umlaufszeit kennt man erst bei den wenigsten dieser Sterne genauer; -sie beträgt bei 7 im Löwen etwa 1200 , bei)" in der Jungfrau 5—600, bei Nr. 6 t im Schwan 450, bei scheinend w gerader Linie fort; mau nennt die- ihre eigene Bewegung. Argelander in Bonn, j Doppelsterne 431 der aus dieser Erscheinung ein besonderes Studium machte, hat einen Katalog von 560 Fixsternen mit eigener Bewegung geliefert, worunter sich 53 Doppelsinne des Struve'schen Katalogs befinden ; -1 l davon haben eineBewegung, die bedeutend genug ist, um zu entscheiden, ob sie beiden Sternen gemeinschaftlich ist oder nicht, und bei -io derselben findet nach Struve der erste Fall statt, mithin sind diese alle Physische Doppelsinne. Auch derjenige Stern, welcher die schnellste eigene Bewegung hat, Nr. 61 im Schwan, ist ein Doppelstern und zwar ein physischer, aus zwei fast gleichen Sternen (der sechsten Größe) von IS Sekunden Abstand bestehend, deren jeder jährlich um fast S'/r Sekunden, also in etwa 35V Jahren um eine dem Durchmesser des Mondes gleiche Weite fortrückt. Gerade diesen Stern, der feiner beträchtlichen fortrückcnden Bewegung halber einer der nächsten Fixstorne zu sein scheint, hat Bcssel gewählt, um seine Parallaxe zu bestimmen, und dieselbe gleich drei Zehntel einer Sekunde gefunden, wonach die Entfernung dieses Doppelsterns von der Erde oder Sonne über l 3 Billionen Meilen beträgt. Aus andern Gründen geben, wie oben erwähnt, vorzugsweise solche Dvppelsterne, die entschiedenermgßen optische sind, Aussicht auf Wahrnehmung einer Parallaxe, was ja eben Herschel den Altern zuerst veranlaßt«, sich mit den Doppelsternen, die er damals alle für optische hielt, zu beschäftigen. Zu den weniger entschieden optischen Doppelsternen (im weitern Sinne) gehört der Ster» erster Größe « oder Wega in der Leier, der hellste Stern der nördlichen Halbkugel des Himmels; vergrößere von beiden ihn bildenden Sternen rückt sehr langsam, in I VN Jahren etwa um 36 Sekunden, fort, ohne daß der kleinere, gegenwärtig etwa 43 Sekunden von ihm entfernte Stern zehnter oder elfter Größe hieran Thcil nimmt. Struve hat aus seinen fteilich nicht lange genug fortgesetzten Beobachtungen uicses Doppelsterns (in den 1.1836 und 1837) eine Parallaxe des großen Sterns von einer Achrelsecunde gefunden, die einer Entfernung von 3V Billionen Meilen entsprechen würde. Noch sind optische Doppelsterne im weitern Sinne: « oder Athair im Adler, erster und zehnter Größe, Abstand 2'/, Minuten, « oder Aldebaran im Stier, erster und elfter Größe, Abstand 2 Minuten, Pollux in den Zwillingen, zweiter und elfter Große, Abstand 3'/- Minuten. Schließlich ist zu erwähnen, daß viele Doppelsterue Farben zeigen, dir bei den zusammengehörigen Sternen oft insofern verschieden sind, daß die eine die Ergänzungsfarbe der andern ist. Während nämlich der Hauptstcrn röthlich oder gelb ist, erscheint der kleinere nicht selten blau oder grün. Der beiwcitem häufigste Fall ist der, daß beide Sterne einerlei Farbe haben. Struve fand unter 596 Hellen Doppelsternen (bei denen keiner der verbundenen Sterne kleiner als von der achten Größe war) 375 von gleicher und gleich tiefer, lvt von gleicher und ungleich tiefer, 12tt von verschiedenen Farben. Unter den 476 gleichgefärbten Sternpaaren waren 295 weiß, 118 gelb oder röthlich, 53 bläulich, 5 blau, 5 grün; unter den 12V verschiedenfarbigen 52 hellgelb und blau, 52 gelb oder roth und blau, 16 grün und blau. Manche Astronomen sind der Meinung, daß da, wo der kleinere Stern blau oder grün erscheint, diese Farbe nur eine subjektive Farbe, also eigentlich eine optische Täuschung oder eine Wirkung des Reizes sei, den die gelbe oder rothe Farbe des Hauptsterns auf das Auge ausübe. Dies würde allerdings mit Dem, was wir sonst von der Entstehung subjektiver Farben wissen, übereinstimmen; nur müßte dann ein gelber Hauptstern immer einen blaue» oder violetten Begleiter, ein rother Hauptstcrn immer einen grünen Begleiter haben, was jedoch nicht der Fall ist. Da aber blaue Begleiter ebenso oft bei weißen als bei gelben Hauptsternen, da ferner gelbe Begleiter bei gelben Hauptsternen und endlich da auch blaue und grüne Hauptsterne Vorkommen, so muß man die Idee aufgeben, die blaue oder grüne Farbe der Sterne nur als subjektiv gelten zu lassen, wenn auch in vielen Fällen diese Erklärung richtig sein mag. Zu einer Entscheidung darüber, ob die Farbe des kleinern Sterns wirklich oder scheinbar ist, kann man dadurch gelangen, daß man durch einen im Fernrohr ausge- spannren hinreichend dicken Faden den Hauptstern bedeckt, dann müßte die Karbe des kleinern Sterns verschwinden, falls sie durch den Einfluß der Farbe des andern Sterns entstan- ^n sein sollte; Versuche dieser Art scheinen aber bis jetzt noch fast gar nicht angestellt zu sein. Sollten die zu einem Sternsystrm verbundenen Sternindividuen von Planeten umgeben sein, gleich unserer Sonne, so müßte di« Beleuchtung verschiedenfarbiger Sonnen, je nachdem sie einzeln »der zugleich am Himmel ständen, die verschiedensten und seltsamsten optische» 432 Dorat Dordrecht Wirkungen Hervorbringen, sowie auch ihr Einfluß auf die Bewegungen dieser Planeten sehr complicirter Art sein würde. Dorat (Claude Jos.), franz. Dichter, geb. am 31. Dcc. 1734 zu Paris, widmete sich anfangs dem Nechtsstudium, später dem Militairstand, bis er sich, durch ein ansehnliches Vermögen dazu in Stand gesetzt, ganz seinem Hange zur Poesie überließ. Er schriebTrauer- spiele, die aber wenig Beifall fanden, und Heroiden, unter denen seine „Antwort Abälard's an Heloise" ihn vorzüglich bekannt machte. Besser gelangen ihm Erzählungen, Lieder und poetische Episteln, die sich durch leichten Witz, sinnreiche Vergleichungen, heitere Bilder und glänzendes Colorit auszeichnen, und ein treues Bild des franz. Volkscharakters jener Zeit geben, aber der belebenden Wärme und innern Kraft ermangeln und nicht selten in geschmacklose Spielerei ausartcn. Die didaktischen Gedichte der Engländer veranlaßten ihn, die Theorie der Schauspielkunst in der Form eines Lehrgedichts, „I.a declamation tiieLtrale", darzustel- len. Unter seinen Lustspielen fanden „I^a leinte psr amour" und „Im celibatsirs" den meisten Beifall. D. las und liebte die Wecke der deutschen Dichter, wodurch er veranlaßt ward, „Idee de la Poesie silemands" zu schreiben. Auch war er mehre Jahre Herausgeber des „äonraal des d-cmes". Durch die Eitelkeit, alle seine Schriften mit großer Pracht drucken zu lassen, verschwendete er einen bedeutenden Theil seines Vermögens. Er starb zu Paris am 29.Apr. 1780. Seine sämmtlichen Werke sind in 20 Bänden (Par. 1764—8V) erschienen ; eine Auswahl derselben enthalten seine „Oeuvres clinisies" (3 Bde., Par. 1786 u. öfter). Dorchester, die alterthümliche aber gutgebaute Hauptstadt der engl. Grafschaft Dörfer, am Frome, der Sitz eines Bischofs, zählt etwa 3400 E., welche sich von Bierbrauerei und Wollfabrikation nähren, und hat namentlich ein nach Howard's Plan erbautes Gefangenhaus. Schon zur Zeit der Römer wird der Ort unter dem Namen Durnovarium aiS Hauptstadt der Durotriges erwähnt und röm. Alterthümer werden hier und in der Nahem Menge gefunden. Auch sind noch die Ruinen eines röm. Amphitheaters erhalten, das Agri- cvla erbaut haben soll. — Dorchester heißen auchmehre Grafschaftenund Städte inNord- amerika; so eine Grafschaft in Maryland mit etwa 19000 E., sowie eine andere in Untcr- canada im Districte Quebec, und endlich eine Stadt in Massachusets mit 4300 E. Dordogne, ein Fluß im südwestlichen Frankreich, entspringt am Fuße des Monl- Dore im Departement Puy-dc-Döme in Auvergne, durch Vereinigung der Gebirgsbache Dor und Dogne. Er bildet die Grenze zwischen den Departements Puy-de-Döme und Tantal auf der einen und Correze auf der andern Seite, durchströmt dann als schiffbarer Fluß die Departements Lot, Dordogne und Gironde und ergießt sich nach einem 54 M. langen Laufe unterhalb Bourg in die Garonne, nach welcher Vereinigung die letztere den Namen Gironde annimmt. Die D. ist 38 M. weit aufwärts schiffbar, und Seeschiffe können in ihr bis zur Stadt Libourne aufwärts gelangen. Nach ihr ist das Departement Dordogne benannt, das gegen Westen an Gironde, gegen Süden an Lot und Garonne, gegen Osten an Correze und Lot und gegen Norden an Charente und Haut-Vienne grenzt und aus der zur alten Provinz Guienne gehörenden Landschaft Perigord und Theilen von Age'nois, Limousin und Angoumois besteht. Es hat ein Areal von 171 OM. und eine Bevölkerung von 488000 Seelen. Berge, Hügel und Thäler wechseln mannichfach ab. Die Haiden nehmen ein Drittheil des Bodens ein, und die Kastanienwälder umfassen ein Areal von 23 UM. Da der Boden im Durchschnitte nicht sehr fruchtbar ist, auch die Bewohner in Bezug auf Landwirthschast noch sehr am Althergebrachten hängen und eine gewisse Scheu vor dem Neuern und Bessern haben, so ist der Ackerbau meist nicht zum Besten bestellt, am beste» noch im Bezirke Bergerac. Ansehnlich sind der Obst- und in den Thälern der Flüsse der Weinbau; namentlich werden viel Kastanien und Champignons erbaut. Berühmt sind die Trüffeln von Perigord, die einen wichtigen Handelsartikel bilden. DieHauptstadt istPecigueux. Dordrecht, gewöhnlich Dort recht, eine schöne und reiche Handelsstadt der nieder- länd. Provinz Südholland, mit 22000 E., liegt auf einer Insel imBies-Bosch, welchedurch die Überschwemmung von 1421 entstand, als das Meer die Maasdeiche durchbrach und 72 Dörfer wegschwemmte, wobei gegen 100000 Menschen ihren Tod fanden. Sehenswerth sind die große, 300 F. lange und 125 F. breite, im I. I ^63 erbaute Hauptkirche mit einem hohen Thurme, das prächtige Rathhaus, die Börse, die Nikolaikirche und verschiedene Hosvi- Dorer Dörfer 433 täler. Von den vormaligen Festungswerken sind nur noch ein paar Thürme übrig. Der Hafen ist sehr geräumig, und durch zwei Kanäle können die Maaren zu Wasser bis an die Magazine mitten in die Stadt gebracht werden. Wichtig istbesonders der Handel mitRhein- weinen, mit deutschem Zimmerholz, das durch Flöße auf dem Rhein dorthin kommt und auf den nahen Sägemühlen zerschnitten oder auch unbearbeitet nach England, Spanien und Portugal verschifft wird. Bedeutend sind die dastgen Schiffswerfte, Bleichen, Seesalzsiede- reien u. s. w., sowie der Lachsfang und die Tabacks-, Salz-, Zucker-, Getreide- und Linnen- ausfuhr. Auch hat D. eine Artillerie- und Ingenieurschule, ein Gymnasium und eine Münze. Zn früher» Zeiten war es die Residenz der alten Grafen von Holland. In D. hielten vom IS. Nov. >618 bis Ende Juni 1619 die reformirten Theologen Hollands und mehre ausländische unter der Autorität der Gencralstaaten dieSynode, deren Beschlüsse noch jetzt in Holland für die reformirte Kirche gelten. Sie erklärte die Arminianer oder Nemonstraute n (s. d.) für Ketzer und bestätigte die belg. Confession nebst dem Heidelberger Katechismus. Dorer oder Dorier. Die Dorer waren einer der vier Hauptstämme Griechenlands und erhielten der Sage nach ihren Namen von D orus, dem Sohne Hellen's. Sie wohnten in den frühesten Zeiten in Hesiiäotis, einer Landschaft in Thessalien zwischen dem Olymp und Ossa. Von den Perrhäbern nach Macedonien gedrängt, kamen sie dann nach Kreta, wo unter ihnen der Gesetzgeber Minos auftrat. Hieraus legten sie am Fuße des Öta in der Land- schaft Doris (s. d.) die sogenannte dorische Tetrapolis an. Später gingen sie mit den Hera- kliden in de» Peloponnes, wo sie in Sparta herrschten. Dorische Colonien kamen nach Italien, Sicilien und Kleinasien. Wie alle vier Hauptstämme Griechenlands durch Eigenthüm- lichkeit in Sprache, Sitten und Verfassung scharf voneinander geschieden waren, so bildeten besöndcrs die Dorer den Gegensatz zu den Jonern. In dem dorischen Stamme blieb immer das Alterthümliche, und mit diesem etwas Festes und Ernstes, aber auch Hartes und Rauhes. Vgl. Otfr. Müller, „Die Dorier" (Brest. 182 t). Der dorische Dialekt war daher hart und rauh, der ionische weich und sanft; doch hatte jener durch sein Alterthümliches etwas Ehrwürdiges, weshalb er bei feierlichen Gesängen, z. B. Hymnen und Chorgesängen, gebraucht wurde. In der Philosophie zeigte sich der Einfluß des dorischen Charakters besonders in der pythagoreischen Schule und ihrer Anhänglichkeit an die Aristokratie. Die kretische und spar- tan. Gesetzgebung eines Minos und Lykurg war um Vieles strenger als die athenische So- lvn's. Die Spartancrinnen behielten die leicht geschürzte und heitere Jägertracht, während die Jonerinne» das lange faltige Gewand anlcgtcn. Beides hat die Kunst idealisirt, jenes in der Diana und ihren Nymphen, dieses in der Pallas Athene und den Kanephoren. Nicht minder hervorstechend zeigt sich derselbe Gegensatz an Werken der Baukunst in der starken, schmucklosen dorischen, und der schlanken, schön verzierten ionischen Säule. Auch in der Musik der Alten gab es eine dorische Tonart. (S. Ton.) Dörfer haben sich zwar in Deutschland früher als die Städte, abgesehen von den röm., ausgebildct, dennoch würde cs falsch sein, wenn man dieselben schon in den ältesten Gemeinden der Freien, den Ccntencn, finden wollte, indem diese weit selbständigere und unabhängigere genossenschaftliche Ansiedelungen bildeten als die Dörfer, die stets in einer sehr untergeordneten Stellung im Staate erscheinen. Dieselben entstanden theils durch die Auflösung der gedachten Centenen oder Marken, theils durch den Anbau um den Haupthos eines Herrn, theils auch durch Vereinigungen zu Pfarreien. Ein großer Theil der Dörfer stand früher, und so auch noch gegenwärtig, unter einem Herrn, dem die sogenannte Dorfherrschast zukam, und hierdurch war die freiere und selbständigere Entwickelung des Gemeindelebens behindert. Aber auch in denen, die keinen Herrn hatten, nahm dennoch die Ausbildung der Gemeindeverfassung einen ganz entgegengesetzten Gang von der der Städte, wenn schon auch den Dörfern die Rechte einer Corporation seit früher Zeit her zustanden. Dafür hat sich in den Dörfern weit mehr Alterthümliches nach Sitte und Recht als dort erhalten; ja es sind hinsichtlich der Verfassung und Verwaltung der Dörfer oft so wenig Veränderungen eingetreten, daß dieselbe noch zu Anfänge dieses Jahrhunderts theilweise ziemlich dieselbe war wie im Mittelalter. Daher findet man auch häufig, daß die Gemeindegüter nicht zu Gemeindezwecken, sondern Wie bei der ersten Ansiedelung zum Privatvortheile der Einzelnen, und zwar meist nur der Conv.-Sex. Neunte Äufl. IV. 28 Doria (Geschlecht) 434 Begüterten, verwendet werden. Seit der Entstehung der Städte bildeten übrigens die Do» ftr auch insofern einen schroffen Gegensatz zu denselben, als alle zünftige Gewerbe jenen vor. behalten blieben, was in vielen Ländern, wenn schon nicht mehr in der alten Strenge, noch gegenwärtig gilt. Zn neuester Zeit sind die Dörfer in vielen Ländern durch Gemeinde- ord nungen (s. d.) gehoben worden. Dorla, ein uraltes Adelsgeschlecht in Genua, das eene Menge geschichtlicher Person, lichkeiten seit dem >2. Jahrh. gezählt hat. — Antonio D., der l 1 54 nebst drei andern Pa- triciern zum Cor.sul gewählt wurde, brachte Genuas Handel und Schiffahrt zu hoher Blüte. Zeitgenossen von ihm waren Andrea D., dem erblich ein Theil Siciliens zusiel, und Ni- cola D., ein treuer Anhänger Kaiser Heinrich's V. In den Kämpfen der Guelfen und Ghi- bellinen hielten sich die Doria mit wenigen Ausnahmen zu dm Letztem und wurden des- halb von den Hohenstaufen hoch begünstigt. — Dem PercevalD., der l 260 Statthalter der Mark Ancona, des Herzogthums Spoleto und der Nomagna wurde, verdankte der König Manfred seine glücklichen Erfolge gegen den Papst. An den Kämpfen der genuesischen Geschlechter um die Herrschaft nahmen die Doria den gewaltigsten Antheil. — Nach ihrem Siege in Verbindung mit dem Hause Spinola über die Grimaldi und Fieschi (s. Genua) beherrschte ObertoD. mit einem Spinola den Staat unumschränkt. Er erhob die genues. Seemacht zur ersten ihrer Zeit und richtete am 2. Apr. >284 mit seinem Sohne Konrad in einem blutigen Treffen die Flotte der Pisaner für immer zu Grunde. — Unter CorradoD., der mit Konrad Spinola ebenfalls die Herrschaft theilte, vernichtete LambaD. am 8. Sept. 1297 die venet. Seemacht unter Dandölo's Befehl. Auch aus den im I. >306 zwischen den Familien Doria und Spinola ausbrechenden blutigen Parteikämpfen gingen die Doria in Folge ihres weitverzweigten ghibellinischen Anhangs siegreich hervor. — Jndeß wählten doch 1335 die Genueser den Rafael D. und den Galeotto Spinola wieder zu Capitainrn, Eduards D. aber erhielt den Befehl über die Flotte und kämpfte siegreich gegen dieArago- nier. — Seit dieser Zeit waren die Doria ununterbrochen an der Spitze der genues. Seemacht und glänzen als die größten Seehelden des 14., 15. und 16. Jahrh. Während FilippoD. 1350 einen verheerenden Zug an die venet. Küsten unternommen, wurde ein Grimaldi in einem Seetreffen gegen die Venctianer und Aragonier besiegt, sodaß sich Genua der Schutzherrschaft Mailands unterwerfen mußte. — Der große PaganiniD. schüttelte aber dieses Joch wieder ab und vernichtete am 4.Nov. 1354 nochmals die venet. Flotte. Filippo D. stellte nun die genues. Macht vollkommen her, indem er die aragon. Landstriche in Si> cilien eroberte und auf der afrik. Küste Tripolis mit unermeßlichen Schätzen wegnahm. — LucianD. eroberte den Hafen von Zara und lieferte dem berühmten Admiral Pisani am 7. Mai 1379 ein Treffen, in welchem die Venctianer sowie in der Schlacht bei Pola große Verluste erlitten. — Auch Ambrosia und Peter D. setzten den Kampf gegen Venedig fort und brachten durch ihre glücklichen und kühnen Angriffe die Nebenbuhlerin dem Untergänge nahe. — Jlari o D. verheirathete 1397 seine Tochter an den griech. Kaiser Ema- nuel. In den Kämpfen, die gegen Ende des 14. Jahrh. Genua zerrütteten und unter die Oberherrschaft Frankreichs brachten, spielten die Doria mit den Fieschi die Hauptrolle. Als >409 die Franzosen verjagt und die Mailänder als Oberherren anerkannt wurden, erhoben sich beide Familien zur Befreiung ihres Vaterlandes. — C ev a D. wurde hieraus mit mehren andern Patriciern an die Spitze der Regierung gestellt, und Mattco und Ludo- vico D. kämpften mit andern Gliedern ihres Hauses gegen die Mailänder eine blutige Schlacht am 9. Aug. 1478.-Zeitgenossen des berühmten Andrea Doria (s. d.), des Sohns Ceva s, waren dessen Vetter Gianettino D., der sich durch Tapferkeit gegen die Eorsen auszeichnete, aber durch seinen Ubermuth die Verschwörung Fiesco's (s. d.) herbeiführte und ermordet wurde, dann Jeronim o D., Graf von Cremolin, ein weiser Staatsmann, spater Cardinal und Inhaber vieler Bisthümer. — Eiov. Andrea D., der Sohn des er- mordeten Gianettino, wurde auf Befehl seines berühmten Großoheims Andrea sorgfältig gebildet und erlangte schon als Jüngling in Land- und Seeschlachten den Ruhm eines Helden. Bereits 1556 überiiahm er den Oberbefehl über die in span. Diensten unter Philipp ll. stehende genues. Flotte. Im I. 1560 befehligte er ein span. Belagcrungsheer vor Tripolis. Nachdem er 1564 eine Seeschlacht unweit Corsiea gewonnen, führte er > 570 die span, platte, Doria (Andrea) 435 welche den Venetianern gegen die Türken zum Entsätze von Cypern cntgegengeschickt wurde. Nationalhaß verzögerte indeß die Vereinigung der Flotten, und die Insel ging verloren. Im folgenden Jahre kämpfte D. in der span. Flotte unter Don Juan von Ostreich, ließ aber seine Galeeren von der Hauptmacht abschneiden, wodurch die Türken die berühmte Schlacht bei Lepanto beinahe gewonnen hätten. Von seinem Großoheim Andrea erbte D. 156V das Für- stcnthum Meist, die Herrschaft Tursis und viele andere Besttzthümcr im genues., mailänd. und sardin. Gebiet. Er starb 1666 und hinterließ zwei Söhne, von denen Jnnocenz 1642 als Cardinal starb, während Andrea als letzter Sprößling das Geschlecht fortpflanzte. Seine Nachkommen, die sich nach ihren Besißthümern in Neapel, Sardinien, dem Kirchenstaate und Genua in verschiedene Zweige theilten, sind die Fürsten von Melfi, Val de Turo, die Herzoge von Tursis, Avcllo, die Marchese von Origlia u. s. w. Doria (Andrea), als Held, Staatsmann und sittlicher Charakter der größte Mann seines Geschlechts und seines Jahrhunderts, der Sohn des hochbegabten Ceva D., war am 36. Nov. 1468 zu Carrascosa im Genuesischen geboren. Seine Jugend fiel in die Zeit, wo Genua die Selbständigkeit an Mailand verloren hatte. Um sich für eine öffentliche Laufbahn zu bilden, ging er im Alter von l 6 Jahren zu Dominicus D., seinem Verwandten, einem päpstlichen Feldhcrrn, dann an den Hof des Herzogs Friedrich von Urbino, der damals der Mittelpunkt ausgezeichneterMänner war, später nach Neapel in die Dienste König Ferdinand's, wo er sich den Ruf eines einsichtsvollen Kriegers erwarb. Von einer Wallfahrt nach Jerusalem zurückgekehrt, fand er sein Vaterland durch Bürgerkrieg zerrüttet, und war nun eifrigst bemüht, die Ruhe zwischen Volk und Adel wiederherzustellen. Sein bescheidenes, zuverlässiges Wesen nahm die Bürger so ein, daß man ihm 1513, nach Vertreibung der Franzosen, den Oberbefehl über die Galeeren gab. D. vertrieb nun die Franzosen vollends aus den See plätzen, reinigte den Golf von Genua von den Seeräubern und schwang sich schnell zu einem berühmten Admiral empor. Als Janus Frcgoso die Verfassung änderte und Genua unter franz. Schuhhcrrschaft stellte, unterstützte ihn der bereits einflußreiche D., weil er es im Im messe der Republik hielt. Er trat mit seinen eigenen und den genues. Schiffen in die Dienste Franz's I. von Frankreich und wurde von demselben 1524 zum Admiral der vereinigten Flotten erhoben, worauf er den Spaniern bedeutende Verluste zufügte. Dessenungeachtet behandelten die Franzosen D. mit Geringschätzung, und der Papst, um den Übertritt des wichtigen Bundesgenossen zum Kaiser zu verhindern, fand es gerathen, denselben in seine Dienste zu nehmen. Mit sechs Galeeren erschien nun D. vor dem von den Spaniern genommenen Genua, schlug den zum Entsätze herbeicilenden Vicckönig Lannoy und vertheidigte mit dieser geringen Macht, mit der sich die eifersüchtigen Franzosen nicht vereinigen mochten, auch den wichtigen Hafen von Civitavecchia gegen die Kaiserliche». Endlich, da Clemens VII. nach der Plünderung Noms nicht mehr im Stande war, eine Flotte zu halten, wurde Franz 1. bewogen, den D. mit acht Galeeren wieder in Dienste zu nehmen; zugleich wurden demselben wichtige Vortheile für Genua und ihm selbst die Statthalterschaft versprochen. D. hals die Spanier vollends vertreiben, sah sich aber in den Versprechungen völlig getäuscht. Er hatte im Jan. 1528 seinen Neffen Philipp mit zehn Galeeren zur Unterstützung der Franzosen vor Neapel gesandt, und dieser schlug nicht nur den Vicekönig Moncada, sondern nahm auch viele angesehene Männer gefangen, denen er versichern mußte, daß sie nicht an Frankreich ausgeliefert würden. Franz I. stellte aber dennoch ein solches Ansinnen an D-, und dieser, empört und in seiner persönlichen Freiheit bedroht, ging plötzlich zur Sache Kaiser Karl's V. über und wurde von demselben unter der Bedingung, daß die Selbständigkeit Genuas geachtet werde, in Dienste genommen. D. verjagte nun die Franzosen erst aus Neapel, dann aus Genua. Als Bundesgenosse des Kaisers und im Besitze der besten Flotte damaliger Zeit, hätte er sich jetzt können ohne Mühe zum Herrscher von Genua aufwerfen; allein er gab das Beispiel der edelmüthigsten Entsagung und befestigte die Cristen; der Republik im Vereine mit den Bürgern durch eine neue umfängliche Verfassung, die bis zur Auflösung des Staats bestanden hat. Von Bewunderung und Dankbarkeit erfüllt, gaben ihm dafür die Bürger durch einen Senatsbeschluß den Titel des Wiederherstellers der Freiheit. Auch beim Kaiser erwarb er sich durch diese That volles Vertrauen, der ihn zum Oberbefehlshaber seiner 28 * 436 Dorigny Döring Seekräste, zum Großkanzler des Königreichs Neapel, zum Ritter des goldenen Vließes erhob und das Fürstenthum Malst und die Herrschaft Tursis gab. Hierauf beschäftigte sich D. mit der Unterdrückung der türk. Seeräuberei und gewann auch 1532 an den griech. Küsten einen glänzenden Sieg über die türk. Flotte. Im I. > 535 leitete er die Eroberung von Tunis durch Karl V. mit solchem Glücke, daß sich Barbarossa Hayradin nicht zu widersetzen wagte, und als > 532 der Kaiser gegen D.'s Rath ein gleiches Unternehmen gegen Algier wagte, rettete er durch seine Thätigkeit die kaiserliche Macht vor gänzlichem Untergänge. Auch er hatte da- j bei einen Theil seiner Galeeren verloren, war aber bereits > 5-13 schon wieder so stark gern- l stet, daß er den Barbarossa von der franz. Flotte vor Nizza abschneiden konnte. Alt und mit Staatsgeschäften überhäuft, nahm D. seinen Neffen Giancttino D. zum Stellvertreter auf der See an, und dieser rechtfertigte das Vertrauen als Befehlshaber vollkommen; allein als Erbe der Macht und des Ansehens seines Oheims erbitterte er durch Ubermuth die Bürger und den Adel Genuas, was am 3. Jan. 1537 zum Ausbruche der Verschwörung des Fiesco (s. d.) führte, welche die Ermordung aller Doria bezweckte. Obschon D. den Tod seines Neffen betrauerte, so zeigte er sich doch in Bestrafung dieses und eines andern Anschlags des Julius Cibo mit edler Mäßigung. Auch jetzt noch in hohem Alter unternahm er persönlich mehre Seezüge und verjagte 1553 die Franzosen aus Corsica. Der Sohn Gia- neklino's, Giov. A ndrca D., den er nach der Ermordung des Vaters zu seinem Erben und Nachfolger bestimmt hatte, überwand 15611 den berüchtigten Seeräuber Dargut, der D. 1552 einen Theil seiner Galeeren zerstört hakte. D. starb >5611. Dorigny (Michael), franz. Maler und Kupferstecher, gcb. zu St.-Quentin 1617, ein Schüler Simon Vouet's, gest. als Professor der Akademie zu Paris 1665, zeigte in seinen Arbeite» kühne Ausführung und gute Behandlung des Lichts. Wie sein Lehrer, dessen , Werke er ätzte, ließ er sich indeß manche Zeichnungsfehler zu Schulden kommen. — Sein < Sohn, Louis D., geb. 1653, ein Schüler Lebrun's, ging dann nach Italien und ließ sich in Verona nieder, wo er 1732 starb. — Der zweite Sohn, Nicolas D., gcb. 1658 zu Paris, der als Kupferstecher den Vater und Bruder übertraf, hielt sich seiner Ausbildung wegen fast 22 Jahre in Italien auf. Um die Cartons Rafael's zu Hamptoncourt zu stechen, ward er 1711 von König Georg l. nach England berufen und wegen der bewiesenen Meisterschaft zum Ritter erhoben. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich im I. 1723 wurde er 1725 Mitglied der Akademie in Paris und starb daselbst 1736. Einer seiner vorzüglichsten Stiche außer jenen Cartons ist die Verklärung nach Rafael und die Apotheose der heil. Petronilla nach Guercino. Sein Stich ist leicht und kräftig, und die Arbeit mit der Nadel und dem Grabstichel glücklich verbunden. Döring (Friedr. Wilh.), deutscher Schulmann und Philolog, geb. am 9. Febr. >757 l zu Elsterberg im Voigtlande, erhielt auf der Schule zu Pforta und auf der Universität zu Leipzig seine Bildung, kam 1782 als Rector nach Guben, 1783 in gleicher Eigenschaft nach Naumburg und in demselben Jahre nach Gotha, wo er als Obcrconsistorialrath, nachdem er 1833 seines Directorats am Gymnasium entbunden worden war, am 27. Nov. 1837 starb. Sowie D. in seinen rüstiger» Jahren ein trefflicher Lehrer war, so hat er sich auch als i Schriftsteller um das Studium der lat. Sprache auf Schulen nicht unverdient gemacht, und ^ zwar rhcils durch seine „Anleitung zum Übersetzen aus dem Deutschen ins Lateinische" (> 1. .! Ausl., Jena 1835), theils durch seine Bearbeitung des Horaz (2 Bde., Lpz. 1803—23; Bd. l, 5. Aust., >839). Außerdem besitzen wir von ihm eine Ausgabe des Catull (2 Bde., Lpz. 1788—92), den er später von neuem bearbeitete (Altona 1833), und die Fortsetzung des von Stroth begonnenen Livius (7 Bde., Gotha 1796—1819). Bei allen diesen Leistungen ist die gute Wahl des Brauchbaren und ein richtiger Takt im Allgemeinen gewiß anzucrkennen; auf der andern Seite jedoch kann der fast gänzliche Mangel an grammati- ! scher Schärfe und das Zurückbleiben hinter den neuern philologischen Forschungen dem Tadel nicht entgehen. Eine Sammlung der kleinern lat. Abhandlungen, Reden und Ge- » dichte D.'s veranstaltete Wüstemann (Nürnb. 1839). I Döring (Georg Christian Wilh. Asmus), seiner Zeit ein beliebter und fruchtbarer j Novellist, geb. am 11. Dec. 1789 zu Kassel, studirte in Göttingen und kehrte dann nach ; seiner Vaterstadt zurück, wo er für das Theater dichtete. Mancherlei Verhältnisse bestimm- j > l > ) > e t r d >- L l- d ). !N !N in < in L- e- n, i- cr e- >d 7 ^ u i - j rr Is >d >. s lg i- iß i- m e- er ch Doris Dornburg Lu7 ten ihn jedoch, seine Stellung zum Theater aufzugcbcn und 1815 in Frankfurt am Main die Stelle eines Vorspielers beim Orchester zu übernehmen. Im I. 1817 trat er indcß aus diesem Verhältniß wieder heraus uud übernahm die Redaktion der frankfurter politischen Zeitung. Nachdem die für politische Zeitungen höchst ungünstig sich gestaltenden Zeitumstände ihn bewogen hatten, diese Redaktion wieder niederzulegcn, machte er eine Reise nach der Schweiz und Italien und wurde dann 18211 mit dem Charakter eines Hofraths Führer des unter seiner Leitung zu Bonn studirendcn Prinzen Alexander von Sayn-Wittgenstein. Nachher privatisirte er zu Frankfurt am Main, wo er am I 0. Oct. 1833 starb. D. besaß ein großes Erzählertalcnt und entwickelte eine Zeit lang eine ungemeine Fruchtbarkeit. Gewandtheit, Eleganz, Lebendigkeit der Darstellung und selbst Beweglichkeit der Phantasie entschädigen in seinen Novellen jedoch kaum für die Einförmigkeit der fast maschinenartigen Erfindung und für den Mangel an geistiger Tiefe und höherer Tendenz. Unter seinen Novellen sind besonders die damals sehr beliebten >822—33 jährlich herausgcgcbencn „Phantasiegemälde", ferner „Der Hirtenkrieg" (3 Bde., Franks. 1830), „Novellen" (1 Bde., Franks. >831), „Das Opfer von Ostrolcnka, oder die Familie Kolesko" (3 Bde., Franks. 1832), „Roland von Bremen" (3 Bde., Franks. 1832) zu nennen, die jedoch jetzt meist so gut wie vergessen sind. Unter seinen wenig bedeutenden dramatischen Arbeiten wurden sein Drama „Cervantes" und sein Lustspiel „Geliert" beifällig ausgenommen. Als Opcrntcxl- dichtcr lieferte er den Text zu Spvhr's „Berggeist" und zur „Näuberbraut" von Nies. Doris, die Tochter des Oceanus und der Tethys, war die Gemahlin ihres Bruders Nercuö (s. d.) und von diesem Mutter der Nereiden oder Doriden. Doris, eine kleine gebirgige Landschaft im eigentlichen Hellas, zwischen Phocis, Atollen, Lokris und Thessalien, war die früheste Heimat der Dorer (s. d.), welche von hier aus in den Peloponnes wanderten. Mit ihren vier Städten Boum, Citinium, Erineus und Pindus bildeten sie die sogenannte dorische Tetrapolis, die von den Maccdoniern, Maliern und andern Völkerschaften nach und nach gänzlich zerstört wurde, sodaß zur Zeit der Römer von diesen Städten nur noch dürftige Trümmer übrig waren. — Doris hieß auch eine Landschaft in Kleinasien an der Küste von Karien, welche von den Dorern, die sich hier niedergelassen hatten, bewohnt wurde und mit sechs Hauptstädten zu einem Bunde vereinigt war, der jedoch nie in der Geschichte als selbständig sondern immer nur einer größern Macht untergeordnet erscheint. Auf dem Vorgebirge Triopion bei Knidos feierten die Dorer ihre gemeinsamen Bundesfeste, wobei außer den gewöhnlichen Kampfspielen auch politische Gegenstände zur Berathung kamen. — Im heutigen Griechenland bildet Doris eine Eparchie des Gouvernements Phocis (s d.), die ringsum von Gebirgen eingcschlossen, von dem Mauropotamo durchströmt wird und Lidonki und das alte Ägidium als Hauptorte zählt. Dörnberg (Freiherr von), bekannt durch sein Unternehmen gegen den König Hieronymus Napoleon im I. 1809, stammt aus einer alten Familie Hessens, die in Hessen das Erbküchenmeisteramt bekleidet, und war unter der westfäl. Regierung Oberst der Gardejägcr. Empört durch den Druck seines Vaterlandes, nährte er die Hoffnung, das fremde Joch ab- zuwerfen und nahm an den geheimen Einverständnissen Theil, die in dieser Absicht durch ^ ganz Deutschland unterhalten wurden. Ein Aufstand in dem Dorfe Walhausen am 21. Apr. 1809, welchen zu unterdrücken er abgeschickt wurde, brachte ihn, in der Hoffnung, daß er seine Truppen leicht überreden werde, auf den kühnen Gedanken, den König Hieronymus selbst gefangen zu nehmen. Die Soldaten weigerten sich jedoch, ihm Folge zu leisten und kehrten nach Kassel zurück. Da D., welchem kaum einige hundert Bauern blieben, den Truppen, die gegen ihn geschickt wurden, nicht zu widerstehen vermochte, so flüchtete er nach Böhmen, wo er in das vom Herzog von Braunschweig geworbene Corps trat, während er zu Kassel als Hochverräter zum Tode verurthcilt wurde. Er theilte die Unternehmungen und Schicksale dieses CorpS, bis er 18 l 2 in russ. Dienste trat, worauf er im Corps des Grafen Wittgenstein den Krieg gegen Frankreich mitmachte. Nach dem Frieden trat er als Generalmajor in hannöv. Dienste; später wurde er Gcnerallieutenant und der hannöv. Gesandtschaft zu Petersburg attachirt, wo er seit 1832 den Gesandtschaftsposten bekleidet. Dornburg, eine der ältesten, kleinern Städte Thüringens, mit etwa 600 E-, im Grvßherzogthume Sachsen-Weimar, drei Stunden von Jena, am linken Ufer der Saale auf 438 Dorothea Dorow einem steilen, 250 F. hohen Felsen, hat eine höchst malerische Lage mit reizender Aussicht - und drei großherzogliche Schlösser, unter denen besonders das neue, >728—48 erbaute eine romantische Fernsicht in das Saalthal darbietet. D. kommt schon 037 als Stadt vor und die kaiserliche Pfalz daselbst, das jetzige alte Schloß, war häufig der Aufenthalt der sächs. Kaiser; auch wurden hier von ihnen mehre Reichstage gehalten. Im I. >081 schenkte Kai- ser Heinrich IV. die Schlösser und Städte D. und Kamburg nebst andern beträchtlichen Reichsgütern dem Grafen Wiprecht von Groitzsch; >244 war es im Besitze der Schenke , von Tautenburg und Saaleck, und hundert Jahre später kauften es die Grafen von Orla- münde und von Schwarzburg, die es aber schon 1358 nach einer unglücklichen Fehde mit dem Landgrafen Friedrich dem Ernsthaften von Thüringen an diesen abtreten mußten. Im 15. Jahrh. kam es an die Vitzthume von Eckstädt, die es i486 an den Kurfürsten Ernst von Sachsen verkauften. Weil sich die Bürger in dem sächs. Bruderkriege gegen den Kurfürsten sehr ergeben bewiesen, erhielten sie den Namen „der Getreuen zu Dornburg". Später gehörte es zu der herzoglichen Linie von Sachsen-Jena, und als diese ausgestorben, fiel es 1698 an Sachsen-Weimar. — Nicht zu verwechseln mit D. ist das DorfDornburg im Herzogthum Anhalt-Köthen, das ebenfalls eine kaiserliche Pfalz war, später einer gräflichen Familie gehörte, die sich darnach nannte, im 15. Jahrh. an Anhalt verkauft wurde und 1674 der Linie Anhalt-Zerbst zufiel, in welcher Zeit das Schloß daselbst erbaut wurde. Dorothea, Herzogin von Kurl and (s. d.). Dorow (Wilh.), preuß. Hofrath, geb. am 22. März 1790 zu Königsberg, besuchte die Schule zu Marienburg und widmete sich darauf in seiner Vaterstadt dem Baufache, bis er 1806 in ein kaufmännisches Geschäft eintrat; doch setzte er dabei seine mathematischen und andern Studien nicht bei Seite. In der Absicht, eine andere Thätigkcit zu suchen, ver- > ließ er 1811 Königsberg und wanderte nun zu Fuß nach Paris, worauf er im März 1812 ^ eine Anstellung bei der preuß. Gesandtschaft daselbst erhielt. Im Febr. >813 trat er in » Breslau als freiwilliger Jäger ein; doch wurde er sehr bald von Scharnhorst in das Hauptquartier des Generals von Winzingerode und später zum Fürsten Wolkonsky gesendet und wohnte nun allen Schlachten nach der Eröffnung des Feldzugs bei. Während des Waffenstillstands wurde er vom Staatskanzler mit Aufträgen nach Polen, und als er darauf eine Zeit lang im Hauptquartier zu Teplih gewesen, im Sept. mit besonder« Vollmachten nochmals nach Polen zurückgeschickt, wo er bis zur Einnahme von Paris blieb. Hieraus reiste er nach Dijon zum Staatskanzlcr und wurde zu der Ccntralverwaltung nach Frankfurt am > Main gesendet. Nach der Auflösung dieses Dienstverhältnisses nahm er >815 seinen Abschied aus dem Militairstand und ging >816 als Gesandtschaftssccretair nach Dresden und >817 in gleicher Eigenschaft nach Kopenhagen, bis eine lebensgefährliche Krankheit, die Folge einer in der Schlacht bei Lützen erhaltenen Verletzung, ihn nökhigtc, in Wiesbaden Heilung zu suchen, wo er angeblich wegen demagogischer Umtriebe durch die Centraluntersuchungscommission in Mainz in eine Untersuchung verwickelt wurde, die jedoch keinen Erfolg und keinen Einfluß auf seine dienstlichen Verhältnisse hatte. In Bonn, wo er das Mu- seum vaterländischer Alterthümer gründete, blieb er bis 1822 und trat dann, zum Hofrath ernannt, in das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zurück. Nach dem Tode des Fürsten von Hardenberg wurde er mit der Hälfte seines Gehalts in Ruhestand versetzt. Mit f Unterstützung der preuß. Regierung machte er 1827 eine Reise nach Italien, wo er Veranlassung zu den bedeutenden Ausgrabungen und Entdeckungen im alten Etrurien gab und djp im Museum zu Berlin aufgestellte Sammlung etrurischer Alterthümer erwarb. Seit einigen Jahren hat er Halle zu seinem Aufenthaltsorte gewählt. Unter seinen frühem antiquarischen Schriften erwähnen wir „Opferstätten und Grabhügel der Germanen und Römer am Rhein" (2 Bde., Wiesbad. 1819-21,4., mit Abbild.), „Morgcnländ. Alterthü- mer" (2 Hefte, Wiesbad. >819—21, 4., mit Abbild.), „Denkmale german. und röm.Zeit in den rheinisch-westfäl. Provinzen" (2 Bde., Stuttg. 1823—27, 4 ., mit Abbild.), „Denk- mäler alter Sprache und Kunst" (2 Bde., Bonn undBerl. 1823—24, mit Abbild.), „Na- * 1i-iie illtorno »Icuni vsoi etruscki" (Pesaro 1828, 4.), „Etrurien und der Orient, nebst Thorwaldsen's Darstellung der 1828 entdeckten etrurischen Alterthümer" (Heidelb. 1829), »Vozmxe srctieoloFiqiie 813—20" (2 Bde., Lpz. 1843), worin zum Theil sehr interessantes Detail enthalten ist, sowie „Briefe berühmter Staatsmänner" (Lpz. >844), enthaltend Briefe des Legationsraths Ölsncr und Geh. Raths Sta'gemanm Dorpat oder Dörpt, esthnisch Tartalin, in der Statthalterschaft Liefland, die ansehnlichste und bestgebaute Stadt derselben, am Embach, über welchen eine steinerne Brücke führt, in einer reizenden und fruchtbaren Gegend, war vormals eine nicht unbedeutende Hansestadt und hat noch seht ansehnlichen Handel in Landeserzeugnissen, welche auf der Narwa und über den Peipussee, ungeachtet mancher Versandung dieser Wasserstraße, auS- geführt werden. Sie hat schöne, gerade Straßen, drei Kirchen, unter denen sich die neue rus. fische auszeichnet, viele ansehnliche Häuser und Paläste, die der reichbegüterte Adel des Landes besitzt, gegen 7000 E-, theils Deutsche, darunter mehr als 60 Kaufleute, theils Russen, theils Esthen, eine Universität, ein Gymnasium und mehre gemeinnützige Anstalten. Durch Gustav Adolf erhielt sie zuerst 1630 ein Gymnasium, das von ihm im Feldlager von Nürnberg am 30. Juni 1632 zur Universität erhoben wurde, die aber 1710 cinging. Kaiser Paul I. befahl ihre Herstellung, doch ihre wirkliche Errichtung verdankt sie erst dem Kaiser Alexander durch die Stiftungsurkunde vom 12. Dec. 1802, zufolge deren sie für Finnland, Liefland, Esthland und Kurland bestimmt wurde und eine den deutschen Universitäten ähnliche Einrichtung erhielt. Das Universitätsgebäude, auf dem Grund der alten Nikolaikirche aufgcführt, welches außer den Auditorien das physikalische, mathematische, chemische, technische, militairische, mineralogische und naturhistorische Cabinet umfaßt, ist ein wahrer Palast. Außer den genannten Anstalten hat die Universität noch ein Klinikum, ein anatomisches Theater, eine Sternwarte mit dem größten Fraunhofer'schen Refractor und eine Bibliothek von mehr als 60000 Bänden. Unter den Professoren, deren gegen Ende des I. 1843, außer den Lectoren und Privatdocenten, 27 angcstellt waren, finden sich in allen Fa- cultätcn Namen, die eine allgemeine Geltung haben, und die Zahl der Studirenden beläuft sich über 500. Eine zu offen hervortretende deutsche Richtung unter denselben hatte zur Folge, daß die Professoren Bunge, Madai und Volkmann ihrer akademischen Thätigkcit daselbst entzogen wurden. Das mit der Universität in Verbindung stehende, 1828 gestiftete Professorcninstitut lieferte seitdem 23 Lehrer für russ. Universitäten. Die,in D. seit einigen Jahren begründete Gelehrte esthnische Gesellschaft entwickelt eine höchst erfreuliche Thätigkcit, wie dies die von ihr herausgegebenen „Verhandlungen" (Heft 1 und 2, Dorp. 1840—43) bekunden. Die Gründung der Stadt fällt in sehr frühe Zeit. Jm J. > 223 wurde sie im Kampfe des Deutschen Ordens mit den Russen durch jenen den letztern entrissen und zum Sitze des Bisthums Esthland erhoben. Nach vielen frühem vergeblichen Versen chcn gelang es endlich dem Zar Iwan IV., 1558 D. wiederzuerobcrn, der nun ein furchtbares Blutbad anrichten und den Bischof nach Rußland abführen ließ. Im I. 1582 mußte Rußland D. an Polen abtreten, das es >625 an Gustav Adolf von Schweden verlor, bei dem cs verblieb, bis es im Nordischen Kriege von Peter dem Großen wieder an Rußland gebracht wurde. — Schon im 16. Jahrh. scheint sich die esthnische Sprache in zwei Mundar- ten, den Dialekt von Dörpt und den von Reval, welcher erster- jedoch, minder ausge- bildet, weniger geschätzt ist als der letztere und kaum von einem Siebcntheil des esihnischen Volks gesprochen wird. Dorsch, s. Schellfisch. . ^ Dorset, eine Grafschaft im südlichen England, begrenzt im Sude» von dem Britischen Kanäle, welcher hier die Halbinseln Purbek und Portland bildet, im Westen von den Grafschaften Devon und Somerset, im Norden von Somerset und Wilt und im Osten von Hamp, hat ein Areal von 44 IHM. und 160000 E. Der Boden ist hügelig, ausgezeichnet fruchtbar und voll des herrlichsten Wiesenwachses; das Klima sehr mild, daher die Grafschaft der Garten Englands genannt wird. Die Bewohner treiben Acker-, Hanf-, Flachs- 440 Dorset (Familie) Dortmund bau, Schafzucht und Fischfang; Wollen-, Hanf- und Leinweberei und Handel mit den La», descrzeugnissen. Die Hauptstadt ist Dorchester (s. d.). Dorset war früher der Name der Familie Beaufort (s. d.); später aber wurde er der Familie Sackville, die von Hildebrand Sackvillc, einem der normannischen Häuptlinge, die mit Wilhelm dem Eroberer nach England kamen, abstammt, als Grafentitel verliehen. Der erste Graf von D. war Thom. Sackville, geb. 1536, der l557 ins Unterhaus ge- wählt wurde und später als Lord Buckhurst ins Oberhaus trat. An dem Processe des Her- zcgs von Norfolk wie an dem der unglücklichen Maria Stuart nahm er blutigen Antheil. Lord Leicester brachte ihn zwar nachher bei der Königin in Ungnade; doch nach Leicesm's Tode wendete sich Elisabeth, die mit ihm verwandt war, nur um so mehr zu, machte ihn zum Kanzler der Universität Oxford und 1598 zum Großschahmeister. Nach dem Tode der Königin bemühte er sich in seiner hohen Stellung für König Jakob 1., der ihn dafür zum Grafen von D. erhob. D. starb 1606 und ist der Verfasser des bekannten „Mirroue »f um- gßstratos" (1559), eines erzählenden Gedichts, sowie der ersten regelrechten engl. Tragödie „Kerrex sini korrsx", die seit 1565 öfter und seit 1590 unter dem Titel gedruckt erschien. — Eduard Sackville, Graf von D., der Enkel des Vorigen, geb. 1590, wurde unter Jakob >. zu den wichtigsten Staatsgeschäften gebraucht. Bekannt ist er insbesondere als Vertheidiger des der Fälschung angeklagtcn Kanzlers Bacon de Verulam im Unterhause. Als Karl I., bei dem D. wegen seiner Rechtschaffenheit in großem Ansehen stand, 16-10 nach Schottland reiste, ward er zum Reichsverweser ernannt. In dem Streile des Königs mit der Nation stand er demselben erst vermittelnd, dann kämpfend zur Seite. Die Hinrichtung des Königs erschütterte ihn so, daß er bald darauf, 1652, starb. — Charl. Sackvillc, Graf von D-, bekannt als Dichter und Staatsmann, geb. am2i. Jan. 3637, stand, ohne ein Amt zu bekleiden, am Hofe Karl's II. in großem Ansehen. Im I. >'665 begleitete er den Herzog von Aork in den Krieg gegen die Holländer; hier dichtete er vor dem großen Seetreffen das auf der engl. Flotte beliebte Lied „ck'o all ^o» lackies non ul IrunI". Unter Jakob II. war er mit Eifer den Staatsangelegenheiten zugethan; am Hofe Wilhelm's II. aber glänzte er als Schöngeist. Er starb 1705 zu Bach. Seine Gedichte sind gesammelt in Johnson's Ausgabe brik. Dichter (Land. 1791). — Lionel Chom- ficld, des Vorigen Sohn, wurde >720 von Georg I. zum Herzog von D. erhoben. — John George Frederic, Herzog von D., gest. 1815, vererbte seine Besitz- thümer und Würden auf seinen Vetter, Charl. Eermain, Viscount von Sackville und Baron Buckhurst, geb. 1767, der unter Georg IV. und Wilhelm IV. das Amt eines Oberstallmeisters bekleidete und am 29. Juli >813 ohne Leibcserben verstarb, sodaß der Herzogstitel mit ihm erlosch. Dortmund, im Regierungsbezirk Arnsberg der preuß. Provinz Westfalen, früher eine freie Reichs - und Hansestadt, zählt 7000 E-, die neben Ackerbau und einiger Industrie namentlich beträchtlichen Gctreidehandel treiben. Sie ist der Sitz eines Oberbcrgamts und hat ein Gymnasium. Hier stand die alte Kaiserburg Munda, in der der Graf Trutmann, welchen Karl der Große 788 mit der Grafschaft Dortmund belehnte, seinen Sitz hatte. Im I. 800 wurde D. zur Stadt erhoben und bald nachher soll Karl der Große den obersten Stuhl des westfäl. Freischöffengerichts daselbst gestiftet haben; wie er denn auch 808 den Bau des dasigen Doms begann, welchen Ludwig der Fromme vollendete. Heinrich II. hielt m D. 1005 eine Kirchenversammlung, und 1016 einen Reichstag. Überhaupt war D. Jahrhunderte lang häufig der Ort der kaiserlichen Hofhaltung. Als Friedrich I. daselbst 1180 einen Reichstag hielt, saß er selbst als Stuhlherr zu Gericht; auch Kaiser Karl IV. verweilte hier 1327 längere Zeit. Eine merkwürdige, 21>nonatiiche Belagerung hielt D. 1387 und 1388 aus und erkämpfte sich einen ehrenvollen Frieden. Im 16. Jahrh. hatte es gegen 50 Thürme, vier Bastionen und dreifache breite Mauern; es zählte 10000 Häuser und gegen 50000 E. und besaß seit 15-13 eins der drei Archigymnasien Westfalens. Seinen Hauptflor gab ihm die Hanse. Es hatte damals große Fabriken in Tuch, Eisen und Hüten, ansehnliche Bierbrauereien und war der Stapelplatz zwischen Antwerpen und Bremen, auf welchem alle durchgehende Waaren drei Tage zum Verkauf ausgestellt werden mußten. Aber innere Unruhen, die allmälige Auflösung der Hanse, die Religionskriege im ! > l 4 Dorville Dossal 441 16. und >7. Jahrh. und das Streben der Großen, die Kleinen immer mehr zu beschränken und sich dieselben zu unterwerfen, führten auch D.s Verfall herbei. Im I. 1803 ward es dem Prinzen von Oranien zugetheilt, im Oct. 1806 von franz. Truppen besetzt und am l. März 1808 von Napoleon an den Großherzog von Berg abgetreten, worauf es der Hauptort des Departements der Ruhr war. In dem Vertrage vom 31. Mai 1815 entsagte der König der Niederlande diesem Gebiete zu Gunsten der Krone Preußen. Das alte Archiv zu D. enthält wichtige Schriften und Urkunden aus der Zeit, als hier noch der Hauptfreistuhl des Femgerichts stand, dessen Verfahren schriftlich war. Nach D. hat der berühmte Dortmunder Neceß seinen Namen, der hier am IO. Juni 1600 zwischen dem Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg und dem Pfalzgrafen Philipp Ludwig von Neuburg in Beziehung auf den Jülich-Kleveschen Erbfolgestreit geschloffen wurde und dem gemäß beide Thcile bis zur völligen Ausgleichung dieses Streits gemeinschaftlich das fraglich Land in Besitz nahmen und verwalten ließen. Dorville, s. Orville (Jak. Phil. d'). Dosen nennt man im Allgemeinen durch Deckel verschlossene Kästchen zur Aufbewahrung gewisser Gegenstände. Größere Dosen verfertigt man aus lackirtem und man- nichfach verziertem Blech, aus Holz (mit eingelegter Arbeit), Porzellan, Alabaster, Serpentin, welcher namentlich in Sachsen vorzüglich schön verarbeitet und mit Gemälden verziert wird, u. s. w.; kleinere aus Gold und Silber, Elfenbein und Perlmutter, Muscheln, Pappe und Papiermache. Der größte Luxus wurde früher mit den Schnupf- tabacksdvsen (Tabatieren) getrieben, welche man namentlich entweder von Gold macht und mit emaillirtcn Gemälden (Dosenstücke n), Spieluhren (Dosenuhrc n) u. s. w, versieht, oder aus mannichfach verziertem Papiermache. Die Fabrikation der Dosen aus Papiermache (Müllerdosen und Stobwasscrsche Dosen) ist der Gegenstand ziemlich bedeutender Etablissements; in Deutschland zeichnen sich insbesondere die Fabriken zu Berlin, Schmölln bei Altcnburg und zu Freiberg und Zöblitz in Sachsen durch die schönste Lackirung und Malerei aus. Tabatieren von Silber, Alabaster, feinen Hölzern, versteinertem Holze u. s. w., kommen jetzt seltener vor. Neuerdings werden, besonders in Mainz, viel Sccmuschcln von schöner Färbung und Gestalt zu Dosen verarbeitet. Der Deckel an den Tabatieren ist in der Regel durch Charnicrc an der Dose befestigt (mit Ausnahme der runden Dosen), und die Dauerhaftigkeit der Dosen hängt besonders von der Güte dieser Charnicre ab. Wenn man bei andern Instrumenten, z. B. Wasserwagcn, Compassen, Thermometern u. s. w., von Dosenform spricht, so versteht man darunter die Form einer kreisrunden Dose mit besonders aufgesetztem Deckel. DosttMls (Magister), ein Grammatiker aus dem Anfänge des 3. Jahrh., ist der Verfasser eines Schulbuchs unter dem Titel das für die Nechtsgeschichte nicht unwichtig ist durch einen Auszug aus einer juristischen Schrift, welcher sich darin unter mehren andern Ausgaben zum Übersetzen aus dem Lateinischen ins Griechische befindet. Der Text derselben ist griech. und lat.; erstcrer unstreitig eine von D. gemachte Übersetzung, letzterer, nach der von Bachmann neuerlich ausgestellten wahrscheinlichsten Ansicht, ein durch den Gebrauch zum Übersetzen allmälig in den Handschriften sehr entstellter, ursprünglicher Text aus einem unbekannten Werke eines röm. Juristen. Dieses Fragment handelt von einigen Eintheilungcn des Rechts und der Personen und von den Freilassungen. Hcraus- gegeben wurde es zuerst lat. von Pithoeus (Par. 1573), dann mit dem griech. Text von Rover unter dem Titel „bUitgmentmn voteris juriscorisult!" (Leyd. 1730) und neuerlich von Schilling (Lpz. 1810) und von Böcking im „<7orp»s juris uutojust." (Bonn 1832) Vgl. (Lachmann) „Versuch über D." (Bcrl. 1837, -1.). Dossat (Arnaud), Cardinal, das Hauptwerkzeug der franz. Diplomatie unter Heinrich IV. in Italien, war um 1536 zu Larogne in der Nähe von „Auch geboren. Ein Edelmann, De Marca, der ihn, in einem Alter von neun Jahren, ohne Altern und von Allem entblößt fand, erbarmte sich seiner und erzog ihn mit seincmNeffen, dessen Vormund er war. Aber seine Fortschritte waren so außerordentlich, daß De Marca ihn bald zum Hofmeister und Lehrer dieses Neffen machen konnte. In dieser Eigenschaft begleitete er denselben I55S nach Paris, wo er die Vorträge des gelehrten Ramus hörte und seinen Lehrer gegen die 442 Dossi Dotatiou plumpen Angriffe Charpentier's, cines Nachbeters von Aristoteles, vertheidigte. Hierauf studirtc er zu Bourges epntcr Cujas die Rechte und betrat mit besonderer Protection des berühmten Paul de Foix die juristische Laufbahn. Derselbe verschaffte ihm den Posten eines Raths zu Melun. Diese Stelle scheint indessen eine Sinecure gewesen zu sein, wenigstens begleitete er kurze Zeit nach seiner Bestallung seinen Gönner nach Italien. In Rom machte ihn derselbe zu seinem Gesandtschaftssecrrtair, eine Stelle, die er auch unter dem Cardinal von Este und dem Cardinal von Joyeusc bekleidete. Nach dem Sturze Villeroi's schlug er den Platz desselben, den man ihm anbot, aus, um den Schein der Undankbarkeit zu ver> meiden. Von der Witwe Heinrich's lll. beauftragt, die Leichenfeierlichkcit dieses unglücklichen Fürsten beim Papste durchzusctzen, leitete er dieses schwierige Geschäft mit so großer Geschicklichkeit, daß er, selbst nachdem er sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatte, bei den wichtiger» diplomatischen Unterhandlungen in Italien immer noch bcthei- ligt blieb. Sully ließ cs D. hart entgelten, daß derselbe der Günstling Villeroi's war, so daß ihm seine letzten Lebensjahre verbittert wurden. Er starb am >3. März >604. Vgl. der Mad. Darconville „Vio 771). Die Briefe D.'s an Villeroi (herausgcg. von La Houssaye, 2 Bde., Par. >697, 4.; und zu Amsterd., 5 Bde., >732) können als Muster des diplomatischen Stils gelten. Wol nicht mit Unrecht hat man die unter dem Namen des Cardinals von Joyeusc herausgegcbenc Korrespondenz D. zugeschrieben. Dossi (Dosso), ein berühmter ital. Maler, geb. >479 in der Nähe von Ferrara, hatte vorzüglich den Herzog Alfons zum Gönner und ward von Ariosto, dessen Bild er meisterhaft malte, in seinem „Orlsmlo furioso" verewigt. Er starb zu Ferrara >560. Dic ältern Eigenthümlichkeitcn der serraresischen Schule wußte er zu einer höhern Vollendung zu entwickeln, indem er sich den Kunstrichtungen seiner großen Zeitgenossen anschloß. So näherte er sich in gewissem Betracht der Behandlungsweise Tizian's, mit welchem er auch gemeinschaftlich und in Einem Sinne einige Gemächer des Alfonsinischen Schlosses malte. Seine dortigen Bilder stellen Bacchanale mit verschiedenen Spielen von Faunen, Satyrn und Nymphen vor. In andern Bildern ahmte er den Rafael nach. Unter den acht in Dresden befindlichen Gemälden D.'s zeichnet sich der Disput der vier Kirchenlehrer durch genaue Zeichnung, mit eigener Kraft des Colorits und ganz im Tizian'schcn Stile, als ein Meisterwerk aus.— Sein Bruder, G iovanni Bap tista D., ist zwar weniger berühmt, war aber ein guter Landschaft-, - und Historienmaler. Dost Mohammed, s. Afghanistan. Dotation bezeichnet ursprünglich im Civilrechte die Aussteuer bei Eheverhältnissen und zwar sowol den Act wie den Gegenstand der Handlung. Der rüm. Klerus, der die Fiction von Familienverhältnissen gern auf die Kirche übertrug und diesem Gleichnisse die ausgedehnteste, oft ungehörigste Anwendung gab, foderte von dem Gründer oder geistlichen Vater einer kirchlichen Anstalt, daß derselbe sein Kind, d. h. die Stiftung, mit den gehörigen Mitteln ausstatte, dotire. In diesem Sinne spricht man noch gegenwärtig von kirchlichen Dotationen, von Kirchen - und Pfarrdotalen u. s. w. Diese bildliche Bezeichnung ging aber nicht nur in die gewöhnlichen Lebcnsverhältnisse über, sodaß man jede Ausstattung irgend einer Anstalt, Stiftung oder eines Ordens, Dotation in dem zweifachen Verständniß des Wortes nannte, sondern auch in die Politik, namentlich ins Lehnwesen. So hießen bei de» Langobarden die von dem Könige den Vasallen überlassenen Grundstücke eroberter Länder Dotationen. Etwas Ähnliches begründete in neuerer Zeit der Kaiser Napoleon. Er verlieh seinen ausgezeichnetsten Dienern und Generalen die durch Eroberung ihm selbst oder dem sranz. Reiche vorbehaltenen Güter fremder Staaten und nannte diese Verleihungen Dotationen. Dieselben hatten sämmtlich den Charakter von Lehen, und zwar von Majoraten; mit ihnen waren theilweise Hoheitsrechte verbunden, theilwcise bestandest sie aus einem Adcls- titel mit einer entsprechenden Dotation an Renten oder Gütern. Unter die ersteren gehörten die förmlichen Vasallenstaaten in Italien, die Herzogthümer Dalmatien, Istrien, Friaul, Belluno, Bassano, Cadore, Treviso, Feltre, Vicenza, Concgliano, Padua und Novigo. In dieser Art wurde zuerst >806 dem Marschall Berthicr das von Preußen abgetretene Fürstenkhum Neufchatcl verliehen, Talleyrand zum Herzoge von Benevent, Bernadotte zum Herzoge von Pontccorvo erhoben. Dieselben waren souveraine Fürsten, aber zugleich Douai Doubs 4L3 Vasallen des Kaiserreichs. Marschall Lefebre dagegen erhielt 1807 den Titel eines Herzogs von Danzig und eine dem entsprechende Dotation aus den franz. Domainen, und auf gleiche Weise geschah es mit dem Marschall Davoust, der erst als Herzog von Auerstädt, dann als Fürst von Eckmühl mit Domainen ausgestattct wurde. Neben den Reichslehcn Parma und Piacenza, die keine landesherrlichen Rechte besaßen, besaß theils Napoleon selbst, theils der franz. Staat, in allen Theilen Italiens unermeßliche Renten und Güter, mit denen die neuen Fürsten, Grafen, Barone, Ritter und Mitglieder der Ehrenlegion vom Kaiser dotirt wurden. Der Dotirtc erhielt darüber vom Reichserzkanzlcr, dem Präsidenten des Ovnseil clu scesu (les titres, eine förmliche Bclchnungsurkunde, in der seine Rechte und Pflichten, die Erbfolge und der Hcimfall an den kaiserlichen Schatz in Ermangelung männlicher Erben, festgesetzt waren. Ferner bestand eine eigene Verwaltung über alle Renten, Capitalien und Güter, die Napoleon sich oder dem Reiche in den eroberten Ländern Vorbehalten hatte; diese Verwaltung sollte darauf sehen, daß alle die Güter, sic mochten verliehen sein oder nicht, wo möglich binnen 40 Jahren verkauft, und die Kapitalien davon in franz. Renten oder Ländereien angelegt würden. Endlich waren auch noch unter den Namen Agents couservuteurs in den eroberten Ländern besondere Beamte angcstellt, welche die Erhaltung der als Majorate verliehenen Güter überwachen mußten. Ein geheimer Artikel im pariser Frieden von 1814 hob in den fremden Ländern diese Dotationen und alle darauf bezüglichen Ansprüche mit einem Schlage auf. In ihrer Art einzig ist im Königreiche Griechenland die sogenannte Dotation der hellenischen Familien. Durch ein Gesetz von 1835 wurde nämlich daselbst jedem Familicnhauptc in sehr ausgedehntem Sinne ein Credit von 2000 Drachmen verliehen, wofür dasselbe im entsprechenden Werthe Staatsländcrcien fodern konnte, die gegen eine sechsunddrcißigjährige Verzinsung an den Staat völlig freies Eigcnthum wurden. Auch jede Gemeinde erhielt für ihre öffentlichen Bedürfnisse eine solche Dotation. Douai oder Douay, eine Stadt und Festung im franz. Departement des Nordens, au der Scarpc und am Kanäle gleiches Namens, welcher mittels der Deule von D. nach Lille führt und bei Warneton mit der Lys sich verbindet, hat mehre ausgezeichnete öffentliche Gebäude, unter denen sich die Sanct-Peterskirchc, das Rathhaus und das Zeughaus aus- zeichnen, welches letztere in Verbindung mit einer bedeutenden Kanonengießerei eins der größten in Frankreich ist. Außerdem befindet sich hier eine Universitätsakademie, ein College, eine Artillerieschulc, ein botanischer Garten, ein Museuni von Gemälden, Alterthümern und Naturalien, eine öffentliche Bibliothek und mehre andere wissenschaftliche Anstalten. Die Stadt zählt 22000 E., welche Handel mit Spitzen und Leinwand treiben, Tapeten-, Woll-, Seifen - und einige Zuckerfabriken unterhalten. D. wurde an der Stelle eines von den Nor- männern zerstörten Schlosses, des <7asti»m Dimcenso, erbaut und gehörte im Mittelalter den Grafen von Flandern, dann den Herzogen von Burgund, nach deren Aussterben es einen Theil der span. Niederlande bildete, bis cs unter Ludwig XIV. >067 von den Franzosen erobert wurde. Zwar wurde es 1710 durch den Herzog von Marlborough wieder genommen ; allein zwei Jahre später mußte cs von neuem an Frankreich sich ergeben, mit dem cs durch den utrcchtcr Frieden im I. 1714 für immer vereinigt wurde. Douane, s. Zoll. Doubs, einer der bedeutendsten Nebenflüsse der Saone und daher ein Seitenfluß der Rhone, entspringt in der Nähe des Dorfs Mouche auf dem Juragebirge in einer absoluten Höhe von 2658 F. Bald nach seinem Ursprünge bildet er den Lac de St.-Point; später erweitert er sich zu dem kleinen See Lac de Brenets; nicht weit davon stürzt er zwischen wilden und schauerlichen Felsschluchten eingeklemmt über 80 F. tief herunter und bildet so den vielgepriesenen Saut-du-Doubs, einen der schönsten Wasserfälle in der franz. Schweiz. In der Nähe von Verdun ergießt er sich nach einem Laufe von 48 M. in die Saone. Er fließt rasch und ist nicht überall schiffbar. Mittel« eines Kanals, der unterhalb Dole an der Saone anfängt und bis in die Jll bei Strasburg geführt ist, verbindet der Doubs die Rhone mit dem Rhein. Nach ihm hat das Departement des Doubs seinen Namen, da« aus dem größten Theil der Grafschaft Hochburgund und der ganzen Grafschaft Mömpelgard besteht, ein Areal von 101 mM. und eine Bevölkerung von 276000 Seelen hat. Der größte Theil der Bodenfläche ist Gebirgsland des Jura, das Klima kalt und 444 Douglas Douglas (Geschlecht) gesund. Das Departement hat großen Reichthnm an Wild, Holz, Bausteinen, Marmor, Stein- und Braunkohlen, Eisen und Salz. Die Bewohner nähren sich durch Gewinnung der genannten Producte und außerdem durch Acker- und Weinbau, Pferde- undRind- viehzucht, Metallwaaren- und Uhrenfabrikation. Die Hauptstadt ist Besä ncon (s. d.). Douglas, die Hauptstadt auf der im Irischen Meere gelegenen Insel Man (s. d.) an der Bai' gleiches Namens auf der Südostküste, der Sitz eines Bischofs, hat einen guten, durch ein Fort gesicherten Hafen und etwa 5000 E., welche Seehundsfang und Heringsfischerei treiben. In dor Nähe liegt Mora-Castle, ein Schloß der Herzoge von Athol, welche früher im Besitz der ganzen Insel waren. — Douglasin der südschot. Grafschaft Clydesdale oder Lanark, ist als der Stammort der Familie Douglas (s. d.) bekannt, deren altes Schloß jetzt ziemlich in Ruinen liegt, während das neue, dessen Bau im vorigen Jahrh. begann, noch nicht vollendet ist. Douglas, das berühmteste und älteste Geschlecht Schottlands, ist in die Geschichte seines Vaterlandes vielfach verflochten. Bereits im 8. Jahrh. besaßen die Douglas die Ländereien am Douglasflusse und galten als mächtige Kriegshäupter des Landes. — Lord William D. III., der nach acht geführten Schlachten 1303 in engl. Gefangenschaft starb, ist als der Stammvater aller Douglas anzusehen.— Sein ältester Sohn, Lord I ames D., ein großer Charakter, der Typus seines Geschlechts und ein Freund König Robert Bruce's, machte sich ebenso berühmt als gefürchtet durch seine verheerenden Züge und blutigen Schlachten gegen die Erbfeinde, die Engländer, und starb, aus einem Zuge nach Palästina begriffen, t 330 in Spanien im Kampfe gegen die Sarazenen. — WilliamD., gest. 1383, bewirkte von Eduard UI. die Freilassung des schot. Königs David und ward von dem Letztem dafür zum Grafen erhoben. — James D., sein Sohn und Nachfolger, ist berühmt durch seine Kämpfe mit dem Ritter Percy Hotspur; er fiel siegreich 1388 in der großen Schlacht im Needthale. — Sein einziger, aber natürlicher Sohn, William von Drumlanrig, wurde der Stifter eines angesehenen Nebenzweigs, der noch gegenwärtig nach dem mannichfachsten Wechsel in Hinsicht auf Macht, Würde und Einfluß in dem Marquis von Qucensberry, Viscount Drumlanrig, Lord D. von Hawick und Tibbers fortbesteht. — ArchimbaldD., der zweite Nachfolger von James D-, zog Karl VU. von Frankreich gegen die Engländer zu Hülfe und siel als Anführer der Franzosen 1323 in der Schlacht bei Verneuil. — Sein Sohn und Nachfolger, Archimbald D., gest. 1338, verlor zwar das seinem Vater von Frankreich verliehene Herzogthum Touraine, sowie die Grafschaft Longueville, blieb aber doch der mächtigste Große seines Landes und der Nebenbuhler des Hauses Stuart. Seine Besitzungen erstreckten sich über den Süden Schottlands; die Clans und Grundbesitzer der Grenzen waren in den Raub - und Kriegszügcn seine Vasallen geworden, und sein Stamm war mit allen Familien des Landes, selbst mit den StuartS vielfach verwandt. — Um die Macht des Hauses D. zu zersplittern, warb William D., der dreizehnjährige Sohn und Nachfolger des Vorigen, von den Regenten, Crichton und Livingston, an den Hof gelockt und 1331 daselbst rechtlos enthauptet. — William D., der Vetter und Nachfolger des Ermordeten, ein kühner und stolzer Jüngling, brachte durch Heirath nochmals die Güter deS gräflichen Hauses D. zusammen; seine Persönlichkeit wie seine Macht erregten jedoch die Besorgnis; des Königs Jakob's II. Unter sicherm Geleit wurde er an den Hof gezogen und daselbst >352 von des Königs eigener Hand meuchlings ermordet. — Sein Bruder, James D-, brachte nebst seinen Geschwistern ein Heer von 30000 M. gegen den Mörder zusammen ; allein der Abfall mächtiger Freunde und Vasallen, die sich dem harten Joche der D. zu entziehen suchten, rettete den Stuarts die Krone. Nach langen Kämpfen wurde endlich James D. 1383 gefangen genommen und starb 1388 als Mönch im Kloster Linderes. Die Güter der Grafen vertheilte der König theils an die Seitenlinie Angus, theils an das Haus Gordon; die Clans der Grenze wurden frei, da diese Besitzungen nach dem Falle des Schwarzen Douglas, wie man James D. nannte, Niemand behaupten konnte. — Das Haus Angus, dessen Stifter, George, ei» jüngerer Sohn des ersten GrafKi von D-, war, ererbte nun die Macht und den Einfluß des gestürzten Hauptstamms und ward nebst dem Hause Morton, wenn auch nicht mit Absicht, der Rächer an der Familie Stuart. — Archimbald D., fünfter.Graf von Angus, der Katzenglöckner genannt, wirkte in der Dousa 445 Ädelsverschwörung, die den gewaltsamen Tod des KönigsJakob's III. herbeiführte. Erstarb 1514 aus Gram über den Verlust seines ältesten Sohns, William, der >513 mit 20V Männern des Stamms D. in der Schlacht bei Flodden siel. — Sein jüngster Sohn war Gavin, der Erzbischof von Dunkcld, der sich in der schot. Literatur durch eine Übersetzung von Virgil's „Ancide" (Lond. 1553) bekannt gemacht hat. — Archimbald D., sechster Graf vgn Angus, der Sohn des gefallenen Georges, bekannt durch seine blutigen Händel um die Regentschaft während der Minderjährigkeit seines Stiefsohns, Jakob's V., hatte die Königin-Mutter, Margarethe, die Schwester Heinrich's Vlll. von England, geheirathet und wurde durch seine aus dieser Ehe hcrvorgegangene Tochter der Großvater von Henry Stuart von Darnley. Er starb 1557. — Mit Archimbald, dem achten Grafen von Angus, gest. > 588, gingen die Würden und der Besitz dieser altern Linie an das jüngere Haus Angus von Glenberry über, dessen Stifter William, der zweite Sohn Archimbald's des Katzenglöckners war. — Einer seiner zahlreichen und oft mit den höchsten Staatsämtcrn betrauten Nachkommen, Archimbald, Graf von Angus, Marquis von D., Lord Abcrnethy, ward 1763 von der Königin Anna zum HcrzogevonD. ernannt. Er starb 1754, und mit ihm erlosch der Herzogstitel; seine Güter erbten die Söhne seiner Schwester, die übrigen Würden aber das Haus Hamilton (s. d.), eine Seitenlinie der D. — Das Haus Morton, dessen Stifter John D-, ein Sohn des Lords William D. lll., sein soll, führte früher den Lordtitel von Dalkeith. Erst Lord James 15'., der Jakob II. im Kampfe gegen die Grafen D. beistand, ward von demselben zum Grafen von Morton ernannt. — JamesD. von Pittcndrich, nur durch Hcirath vierter Graf von Morton, ein Mann von großen Talenten, aber ehrgeizig und grausam, ward für das Haus Stuart besonders ver- hängnißvoll. Nachdem er 1566 bei der Ermordung des Sängers Riccio, 1567 bei dem gewaltsamen Tode des Königs Darnley mitgewirkt hatte, betrieb er im Einverständnisse mit Elisabeth von England den Sturz der Maria Stuart und wurde dafür später Regent von Schottland. König Jakob VI. ließ ihn 1581 hinrichten. — Mit Archimbald, einem Reffen des Vorigen, dem fünften Grafen von Morton, gingen die Güter und Würden dieses ältern Zweigs an das jüngere Haus Morton über, dessen Stifter Henry, der jüngere Sohn des Lord John von Dalkeith, des Stifters der Gesammtlinie, war. — William, Herr von Lauben und Lochleven am See gleiches Namens, der Kerkermeister der Maria Stuart, war der Erste, dem diese reiche Erbschaft zufiel, und seine Nachkommen in unmittelbarer Abstammung befinden sich noch gegenwärtig in Besitz und Würden.'— William D., der jüngere Sohn eines John II. von Dalkeith, wurde der Stammvater des Hauses Witting- ham. — Unter seinen Gliedern ist Archimba ld D. von Wittingham als Zeitgenosse und Anhänger des Regenten Morton besonders bekannt geworden. — Von einem seiner Nachkommen, Robert, der zur Zeit Gustav Adolfs nach Schweden kam, stammen die schweb. Grafen von D. ab. Vgl. Humc of Godscrosts, „Ilistor) ok I)." (2 Bde.,Edinb. 1743). Dousa (Janus), eigentlich Jan van der Does, einer der verdientesten holländ. Staatsmänner und Gelehrten des 16. Jahrh., war zu, Noordwyk bei Leyden am 6. Dec. 1545 geboren. Kaum fünf Jahre alt, verlor er beide Altern und wäre durch die Treulosig- keit seiner Vormünder beinahe um sein ganzes Vermögen gekommen. Sein Großvater von mütterlicher Seite, Franz van Nycnrvde, zu Delft, nahm'sich seiner sehr thätig an und ließ ihn durch den als tüchtigen Schulmann berühmten Hcinr. Junius zu den höhcrn Studien vorbereiten. Nach des Großvaters Tode vertrat sein Oheim Werner van der Does Vaterstelle bei ihm und setzte ihn. da er selbst keine Kinder hatte, zum Erben seines ganzen Vermögens ein. Nachdem er auf den hohen Schulen zu Löwen und Douai seine Studien beendigt hatte, begab er sich 1561 mit seinem Freunde Lukas Fruytiers (Fruterius) aus Brügge auf einige Zeit nach Paris, wo er mit den ausgezeichnetsten Männern jener Zeit in eine innige Verbindung trat, die ihn auch nach seiner Rückkehr noch einmal nach Paris hinzog. Dieser zweite Aufenthalt war aber nur sehr kurz; er kehrte bald wieder in sein Vaterland zurück und ließ sich häuslich nieder, indem er im zwanzigsten Lebensjahre sich aufs glücklichste verheirathcte. Nicht lange darauf begann er an den Staatsangelegenheiten den thätigsten Antheil zu nehmen, wurde 1572 von Wilhelm I. an der Spitze einer Gesandtschaft nach England geschickt, um bei Elisabeth Hülfe für Holland nachzusuchen. 5 , 446 Douville Dover Zwei Jahre nachher (l 574) wurde ihm der schwierige Auftrag, Leyden gegen die anrücken. den Spanier zu vertheidigen, dem er sich mit großem Muthe und entschlossener Ausdauer unterzog. Als Leyden für seine Drangsale durch die Stiftung der Universität entschädig, wurde (1575), ward er zum ersten Kurator derselben und zum Oberaufseher über die Bi- bliothek ernannt, und in beiden Beziehungen hat er sich die größten Verdienste erworben. Dabei fuhr er, von inniger Vaterlandsliebe beseelt, unermüdet for§, in der mühevollsten und schwierigsten Stellung in Staatsgeschäften wirksam zu sein und das Wohl seines Vaterlandes und dessen Unabhängigkeit zu fordern und zu sicher», bis er am 8. Oct. I 694 starb. Es isi erstaunlich, wie er bei einem so vielfach bewegten Leben und seiner durch Staatsgeschäste fast ganz in Anspruch genommenen Zeit durch schriftstellerische Leistungen auch die Wissenschaft gefördert hat. Als lat.Dichter und Prosaist war er ausgezeichnet; seine „Knaule.-, Latlivi-»- et ttulümtime" (Leyd. 1691), an denen auch sein ältester Sohn Antheil hatte, brachten ihm Ruhm und ehrenvolle Auszeichnung, und auch für Horaz, Catull, Tibull, Pctronius und Plautus hat er Ausgezeichnetes geleistet. — Sein ältester Sohn, JanusD., geb. am 16. Jan. 1571, gcst. >587, war gleichfalls lat. Dichter und tüchtiger Philolog, wie seine Ausgabe des Catull, Tibull und Properz (Leyd. >592), seine Anmerkungen zu Pctronius (Leyd. 1594) und zu Plautus (Leyd. >596) beweisen; seine „poemutu" sind in zwei Auflagen erschienen (Leyd. 1697 und Rotterd. 1794). — Von seinen übrigen Söhnen zeichneten sich Georg D., geb. 1574, gest. auf St.-Thomas, der Herausgeber des Georgius Codinus (Heidelb. >596), FranzD., der Herausgeber der Fragmente des Lucilius (Leyd. 1597,4.) und.Dietrich D-, geb. 1589, gest. >663, als tüchtige Gelehrte aus. Letzterer, dem der Vater seine kostbareBibliothek vermachte, gab „(leorgü I^ozzotlietue ein onicon 6onstsntmn- ui»lm" heraus (Leyd. 1614), wobei er die von seinem Bruder Georg aus Konstantinopel mitgebrachtc» Handschriften benutzte. Vgl. Sicgcnbcek, „l^niclatin ärmi 1)." (Leyd. 1812). Douville (Jean Baptiste), Secretair der Geographischen Gesellschaft zu Paris, einer der berühmtesten Reisenden der neuesten Zeit, wurde im westlichen Frankreich um 1794 geboren. Schon in früher Jugend ging sein einziges Streben dahin, sich die nöthigen Vvr- kenntnisse zu erwerben, um einst recht viele Länder mit Nutzen besuchen zu können. Kaum war er in den Besitz eines nicht unbedeutenden Vermögens gelangt, als er abwechselnd Asien und Amerika besuchte. Nachdem er sich auf alle Art vergeblich bemüht hatte, in China ein- zudringcn, entschloß er sich, von den Erzählungen portugies. Kaufleutc angeregt, die Besitzungen von Kongo und dv.s innere Afrika zu besuchen. Weder die Hindernisse, die ihm von argwöhnischen Beamten in den Weg gelegt wurden, noch die Feindseligkeit der freien Neger- stämme, die von den Portugiesen viel zu leiden gehabt hatten, konnten ihn von der Ausführung seines Plans zurückschrecken. Mit Aufopferung einer Summe von beinahe 299666 Francs durchstreifte er, von San-Fclippe in Benguela aus, nicht nur die den Portugiese» unterworfenen Königreiche Angola und Benguela, sondern drang auch in die gegen Osten und Norden davon gelegenen Negerländer bis 25° 4' gegen Osten und >3° 27' gegen Süden vor, von wo er sich wieder nordwärts wandte, um sich im Hafen von Ambriz nach Europa zu wenden. Nachdem er von einer heftigen Krankheit, die ihn in Nio-Janeiro befallen hatte, wicderhergestellt war, langte er am 29. Juni 1831 zu Paris an. Sein Bericht an die Geographische Gesellschaft machte so großes Aufsehen, daß ihm vor seinen Mitbewerbern Richard und John Lander, welche die Mündung desQuorra oder Niger entdeckten, und dem Capitain King, der die Südküste Amerikas und des Feucrlands bestimmte, 1832 die Preismedaille für die wichtigste im 1.1839 gemachte Entdeckung zuerkannt wurde. Auch die Geographische Gesellschaft zu London hat auf Barrow's Antrag sein Verdienst mittels des Ehrcndiploms anerkannt. Seine „Vo> uge »u 6ongo et cksn« l'intei-ieur <1e l'^trigne eg»>- noxiule, lait iluns les annöes 1828, >829 et 1839" (3 Bde., Par. 1832 und oster), bei deren Ausarbeitung ihm der Herausgeber der „ännules cle» voz-gAes", Eyries, behülflich gewesen ist, bietetdie wichtigsten Bereicherungen der gesammtengeographischen Wissenschaften. Dover» eine kleine Seestadt in der engl. Grafschaft Kent, an der Meerenge von Calais, Frankreich gegenüber, ist wegen des Hafens, der zu den sogenannten Fünfhäfen gehört» und wegen drrBefestigung merkwürdig, sowie auch wegen seiner Seebäder bekannt. Der Ort liegt auf einem 579 F. hohen Kalkfelsen, besteht aus drei Hauptstraßen, die am Ende 447 Dow Doyen zusammcnlaufen, und zahlt übcr 6666 E. Er hat zwei Kirchen, die des heil. Jakob, des Schutzheiligen der Seeleute, ein großes, >216 erbautes Gebäude, und die Marienkirche, welche die Normänner stifteten. Auch haben alle Dissenters daselbst Bethäuser. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus das Kricgsspital, die Stadthallc, das Schauspielhaus und das Casino. Seit dem letzte» Frieden hat sich D. als Übergangspunkt nach Frankreich sehr gehoben, und täglich findet zwischen D. und Calais eine regelmäßige Verbindung statt. Schon zu den Zeiten der Römer und namentlich durch Julius Cäsar soll D. befestigt worden sein. Von Wilhelm dem Eroberer mit neue» Werken versehen, galt es für unüberwindlich; doch unter Karl I. wurde es von einer kleinen Abtheilung des Parlamentsheers genommen. Als Napoleon von Boulognc aus mit einer Landung in England drohte, sah man sich ge- nöthigt, D. mehr nach den Regeln der neuern Befestigungskunst zu verstärken. Damals wurde auf einer Höhe hinter der Stadt die neue Caserne angelegt, die das ganze Seeufer beherrscht und auf alle Weise vor Überrumpelung gesichert ist. In der Nähe von D. fand 1217 zwischen Engländern und Franzosen ein Scetreffen statt, das zum Nachtheil der letzter» ausfiel. Dow, Dou oder Do uw (Gerard), einer der berühmtesten holländ. Gcnremaler, geb. zu Leyden 1613, war der Sohn eines Glasmalers und erhielt seine künstlerische Bildung unter Rembrandt's Leitung. Das malerische Element, in welchem das Genie seines Meisters sich bewegte, das Helldunkel, und Alles, waS der dadurch bewirkten malerischen Harmonie angehört, wußte er sich mit gleicher Sicherheit und Vollendung anzueignen. Aber er machte von diesem Elemente einen andern Gebrauch als Nembrandt. Ihm kam es auf die liebevollste Auffassung und Wiedergabe der anscheinend geringfügigsten Dinge an, welche das tägliche Leben des Menschen umgeben; die Ruhe und den Frieden des häuslichen Daseins, das süße Gefühl der heimischen Existenz auszudrücken, dies ist der eigentliche Grund- zug, der durch seine künstlerischen Darstellungen hiudurchgeht. Darum malte er alles Einzelne in seinen Bildern mit der allergrößten Sorgfalt; nichts war ihm zu gering, als daß er es nicht für würdig gehalten hätte, zur Hervorbringung jenes Eindrucks beizutragen; ausdrücklich wird uns berichtet, daß er zu der Darstellung eines schlichten Besenstiels drei volle Tage nöthig gehabt habe. In seiner Werkstatt herrschte die bewunderungswürdigste Sauberkeit; die sorglichsten Vorkehrungen waren getroffen, um den Feind, der seine zierliche Arbeit vor allen andern leicht hätte verderben können, den Staub, abzuhaltcn. So erreichte er eine bewunderungswürdige Naturtreue, aber jene Meisterschaft des Helldunkels, die zarte Harmonie, die er durch dessen Anwendung übcr das Ganze seiner Darstellungen ausbreikete, gab ihnen einen ungleich höher», einen wahrhaft poetischen Werth, während seine Bilder schon in ihrer kleinen Dimension mit der Anspruchlostgkeit auftraten, die die dargcstellten Gegenstände nöthig machten. Es sind Perlen von durchaus vollendeter Reinheit; darum waren sie auch zu allen Zeiten ungemein hochgeschätzt. Eines seiner bessern Gemälde, „Die wassersüchtige Frau", wurde mit 36660 Fl. bezahlt. D. starb 1686. Seine ausgezeichnetsten Schüler waren Schalken, F. Mieris und Metzu. Dopolögie, ein griech. Wort, bedeutet überhaupt einen Ausruf oder ein Gebet zum Preise der Majostät GotteS, wie sie bei Paulus am Schluffe seiner Briefe, zuweilen auch mitten in der Rede (Röm. 6, 5) sich finden. Namentlich nannte man so in der christlichen Kirche den Lobgesang der Engel (Luc. 2, 14) und den Schluß des Vater Unser. Die sogenannte große Doxologie ist eine weitere Ausführung des engl. Lobgesangs, welche in der katholischen Kirche bei der Abendmahlsfeier und am Morgen gesungen zu werden pflegt; sie beginnt mit den Worten ,,6Ioris in excelsis Deo". -Doyen (Gabr. Franc.), ein bekannter franz. Maler, geb. zu Paris >726, gewann als «Schüler Vanloo's schon in einem Alter von26Jahrcn den großen Preis in der Malerei. Im I. 1748 ging er nach Nom und studirte dort, sowie in Neapel, Venedig und Bologna, die Vorbilder seiner Kunst. Nach Paris zurückgckehrt, blieb er längere Zeit ganz in der Zurückgezogenheit der Kunst. Seine Virginia, mit deren Entwurf und Ausführung er zwei ^lle Jahre zubrachte, veranlaßte 1758 seine Aufnahme in die Malerakademic. Seinen Ruf erhöhte besonders das Gemälde „I^a reste ckcs srlleots", für die Kirche von St.-Roch welches für sein Meisterwerk gehalten wird. Um seinen Werken mehr Wahrheit zu geben, S>ng er in die Hospitäler und beobachtete dir Charaktere und Gesichtszüge der.Kranken und L48 Drabitius Drache Sterbenden. Eine seiner schönsten Arbeiten, vorzüglich in Hinsicht der trefflichen Anordnung, ist der Tod des heil. Ludwig, in der Kapelle der Invaliden. Im Anfänge der Revolution berief ihn die Kaiserin Katharina II. nach Rußland und ernannte ihn zum Professor bei der Malerakademie zu Petersburg, wo er am 5. Juli 1806 starb. Drabitius (Nik.), ein religiöser Schwärmer, geb. zu Straßnitz in Mähren 1587, trieb, nachdem er als Prediger 1628 vertrieben worden war, in Ungarn das Tuchmacherhandwerk. Als er in Folge angeblicher Offenbarung seit >638 fortwährend den Untergang des Hauses Ostreich und des Papstthums und die Bekehrung der Juden und Heiden prophezeite, ward er zu Presburg festgenommcn und 1671 hingcrichtet. Seine Prophezeiungen gab Co menius (s. d.) unter dem Titel „I.ux in tenodris" heraus. Drache ist der Name einer Gattung ostind. Eidechsen (l)racn, 1^.) von geringer Körpergröße, die sich nur von Insekten nähren, auf Bäumen leben und weit entfernt davon sind, dem fürchterlichen Bilde des mythologischen Drachen zu entsprechen. Merkwürdig ist der Bau ihrer Rippen, die, anstatt sich um die Brust zu krümmen, horizontal ausgcbrcitct und müder Körpcrhaut dergestalt überzogen sind, daß eine Art Flügel entsteht, die jedoch nur als Fallschirm bei dem Springen des Thiers von Ast zu Ast dienen und seine Bewegungen aus ebener Erde sehr erschweren. Man kennt mehre Arten, von welchen keine, abgesehen von dem dünnen Schwänze, länger als drei Zoll ist. — Der Drache, ein Sternbild am nördlichen Himmel zwischen dem Cepheus, hem Kleinen Bären, dem Kameloparden, dem Großen Bären, dem Mauerquadranten, dem Hercules und der Lyra, soll, der Fabel nach, der Wächter der goldenen Äpfel im Schlafgemache der Hesperiden gewesen, von Hercules getödtet und hierauf durch die Juno an den Himmel versetzt worden sein. Die Geschichte des fabelhaften Drachen reicht bis in die frühesten Zeiten hinauf. Man schilderte seine Gestalt so schrecklich als möglich und gab ihm zum Wohnplatze beinahe alle Länder, besonders das damals noch unbekannte Indien und Afrika. Seine Größe wurde nicht leicht unter 26, oft aber auf 7V Ellen angegeben. Von letzterer Art war der Drache, der nach Älian zu Alexander des Großen Zeiten in Indien lebte und göttlich verehrt wurde. Die voneinander sehr abweichenden Beschreibungen stimmen nur darin überein, daß der Drache vortreffliche Sinneswerkzcugc, besonders ein scharfes Gesicht habe. Ihm wird eine solche Stärke bcigelegt, daß es ihm eine Kleinigkeit war, einen Elefanten zu erwürgen. Seine Nahrung bestand in Blut und Fleisch von allerlei Thieren; auch fraß er verschiedene Früchte. Das Sonderbarste ist, daß dessenungeachtet dieses Thier gefangen und zahm gemacht werden konnte, wovon die alten Schriftsteller mancherlei zu erzählen wissen. Diesen Fabeln scheinen wirkliche Thiere zum Grunde zu liegen, wie ungewöhnlich große Krokodile und asiat. Riesenschlangen. (S. Python.) — Als Wappcnbild war der Drache bei vielen Völkern beliebt. In der alten Mythologie spielte er ei»e bedeutende Nolle als das Schildbild der berühmtesten Helden Griechenlands. Aus dem Alterthume ging der Gebrauch des Drachen auf spätere Zeiten über. Er war das Hcerzeichen der Dacier, und auch die röm. Kaiser bedienten sich dieses Zeichens seit Konstantin, auf dessen Münzen sich die Abbildung der Fahne mit dem Drachen findet. Auch kommt er schon in der Sagenzeit des gcrman. Altcrthums vor, z. B. auf Sigurd's Helm, dann als der Sachsen Feldzeichen, auf Otto's IV. Fahnenwagcn und seit Wilhelm dem Eroberer in England. Die Kirche bezeichnctc im Mittel-alter mit dem Drachcnbilde den Teufel, daher finden sich zu jener Zeit in der Begleitung des Papstes bei öffentlichen Processioncn Soldaten, welche auf einer Lanze das Drachenbild unter dem Kreuze trugen, Drueonarü genannt, welchen Namen auch die Träger der Drachenfahne der röm. Kaiser führten. Die Heraldik der neuern Zeit kennt den Drachen als Figur im Schilde, auf dem Helme und als Schildhalter. Wird er ohne Flügel dargestcllt, jo heißt er Lindwurm, ohne Füße aber Drachenschlange. Läßt der Drache als Wappcnbild Kopf und Flügel hängen, so ist cs ein bezwungener. Drachenschwanzkreuz nennt man ein Kreuz, welches sich in Drachenschwänze endigt. In der Numismatik kommt der Drache als Münzbild, namentlich auf den Münzen Chinas und Japans vor. Bekannt sind auch die Drachenpfennigc, Hohl- pfennigemit dem Drachenbilde.— Den Drachen, das bekannte Spielwerk der Knaben, gebrauchte Franklin 1752 als einen Leiter, um die Elektricität der Lust und Wolken heim Gewitter zu beweisen. Er war von Pappe und mit einer metallenen Spitze versehen. Franklin Drachme Drassk 449 ließ ihn an einer hänfenen Schnur, an deren unterste^ Ende ein Schlüssel hing, in die Höhe steigen. Um die Schnur, ohne die elektrische Materie abzuleiten, anfassen zu können, war unten eine seidene Schnur angebracht. Sobald der Drache in der Luft schwebte, wurde die elektrische Materie, welche die Spitze ausgenommen hatte, vermöge der Schnur bis zum Schlüssel geleitet, sodaß man an demselben eine Verstärkungsflasche laden konnte. Ohne Franklin's Entdeckung erfahren zu haben, stellte de Romas in Frankreich ein Jahr spater ähnliche Versuche mit seiner weit größern Gcräthschaft an. Drachme ist eine altgriech. Silbermünze von verschiedenem Werthe und, gleich dem Denar (s. d.) bei den Römern, die Einheit der griech. Silbermünzen. Die Drachme als Münzeinheit kam bei allen griech. Völkern in Gebrauch, und zwar gleichmäßig mit der Verbreitung des gemünzten Geldes selbst. Von Griechenland aus ging die Bestimmung ihres Werths als Handclsmünze auch in die Länder, wo sie nur als Rechnungsmünze Geltung hatte. Der Werth der Drachme war in den einzelnen griech. Provinzen sehr verschieden; in Ägina hatte sie den größten Werth. Dagegen blieb das Münzsystem dasselbe. Sechstausend Drachmen enthielt das attische Talent, hundert Drachmen die Mina und sechs Obolen gingen auf die Drachme. Außer den einfachen Drachmen gab es Vervielfältigungen derselben, z. B. die doppelte (Oitlrsckms), die dreifache (lUckraclims) und die vierfache (Tetrs- üroctimo). — Als Apothekergewicht hat die Drachme 3 Scrupel oder 6V Gran. DracontmK, ein christlicher Dichter im 6. Jahrh., aus Toledo gebürtig und nachmals Presbyter, behandelte die Schöpfungsgeschichte in einem lat. Gedichte unter dem Titel „Oe- xsemeron", welches der Erzbischof Eugenius von Toledo überarbeitete. Wegen seiner Gedrängtheit ist das Gedicht voll schwer zu verstehender Stellen. Die beste Ausgabe besorgte ^ Arevalles (Rom 1791, 4.). Vgl. Gläser, „(lmminis ,1s Oe«, gnoel O. scripsit, liker ter- tins ex ««<>. RkeckiF. emerxl. et suppl." (Bresl. 1843, 4.). Dragöman, vom ital. Dragomano, heißt im Orient ein Dolmetscher. Der Dragv- man der Pforte, durch welchen der Großsultan die Eröffnungen der christlichen Gesandten empfängt, ist gewöhnlich ein Christ griech. Nation. Außerdem hält jede der stemden Gesandtschaften und jedes Konsulat in der Levante einen Dragoman, der meist ein Grieche oder Armenier ist. Nur die Gesandtschaften von Ostreich und Frankreich haben das Princip, Ange- . hörige ihres eigenen Landes zu Dolmetschern zu nehmen, um nicht Verräthereien ausgcsetzt zu sein, wie sie bei der Käuflichkeit der orientul. Dragomans leicht möglich sind. Ostreich hat zu dem Behufe in Wien die oriental. Akademie und in Konstantinopel bei der Gesandtschaft das Institut der Sprachknaben; Frankreich aber in Paris das Institut der jonnes ckolon- g»e und in Konstantinopel das der Dragomanszöglinge gegründet, um Dolmetscher zu bilden. Dragonaden. Als Ludwig XIV. von Frankreich alle Mittel zur Unterdrückung des Protestantismus erschöpft hatte, kam der Minister Louvois auf den Einfall, die Widerspenstigen durch Militairgewalt in den Schoos der katholischen Kirche zu treiben. Zunächst legte er nach Poitou ein Dragonerregiment und befahl, die Protestanten mit doppelter Einquar- tirung zu belasten. Allmälig aber dehnte er diese Maßregel über das ganze Land aus und erlaubte den Soldaten, die hartnäckigen Bekenner ihrer Religion zu mishandcln und zu plündern. Dieses Verfahren nannte man OrsAvnscles, ls Mission Kottöe und les conver- sivns pur loAsments. (S. Hugenotten.) Dragoner hießen ursprünglich die berittenen Infanteristen, welche zu Fuße fochten und sich des Pferdes blos zum schnellen Fortkommen bedienten, weshalb sie auch als Jnfan- teristen bewaffnet waren und keine Harnische und Neitcrstiefeln hatten. Als die ersten Dragoner betrachtet man die Lanzknechte und Musketiere, welche der Prinz von Parma, als er 1582 die Schlacht bei Gent liefern wollte, auf Packpferden reitend, mit der Reiterei unter Georg Baste vorausgehen ließ, um die feindliche Arrieregarde anzugreifen und aufzuhalten. Später ließ man diese Truppengattung auch zu Pferde fechten, wodurch nach und nach ihre ursprüngliche Bestimmung verloren ging, sodaß sie gegenwärtig blos als leichte Reiter gebraucht werden. j Draht "ird das nach runden, seltener flachrunden oder platten, auch wol Halbmond- und sternförmigen Formen in die Länge sadenartig ausgedehnte Metall genannt, welches man zu Conv. 'der. Neunte Ausl, IV. 29 450 Draht sehr vielen Fabrik- und Manusacturarbeitcn verwendet. Ist der Durchschnitt desselben kreisförmig, so nennt man den Draht rund, allcRndrc Formen aber begreift man unter der Benennung faconnirtcr Draht. Feinheit des Drahts nennt man seine Dicke, welche von 0—i o Linien bis zu der Dicke eines Haars variirt. Man hat, nach Maßgabe des Metalls, Gold-, Silber-, Platin-, Kupfer-, Messing-, Tomback-, Eisen- und Stahldraht. Zur Fabrikation des Eisen- drahts, derin den technischen Gewerben am meisten Anwendung findet, eignet sich nur festes, reines, dehnbares und zähes Stabeisen, welches vorher zu feinen cylindrischen Stäben aus- gercckt sein muß. Diese Stäbe werden mittels einer besonder« Vorrichtung durch trichterförmige, von der andern Seite aber in geringer Dicke cylindrische Löcher gezogen. Da, wo cS darauf ankommt, den Draht von hohem Glanze zu erhalten und das Metall zu schonen, z. B. bei Gold- und Silberdraht, wird die Kante, wo der conischc und der cylindrische Theil des Zichlochs Zusammenstößen, leicht abgerundet. Für die feinsten Gold- und Silberdrähte werden in die Zieheisen Edelsteine gesetzt und in diese das Aiehloch gebohrt und höchst fein polirt. Diese Löcher sind so hart, daß man durch ein Rubinloch von 0,0033 Zoll Durchmesser einen 170 deutsche Meilen langen Silbcrdraht ohne merkliche Veränderung des Durch- Messers gezogen hat, während ein Stahlziehloch schon bei 8300 F. Drahtlänge zu weit wird. Von dem Durchmesser der Öffnungen hängt demnach die Stärke oder Dicke des Drahts ab, und es muß der feinste Draht durch alle vorhergehende größere Öffnungen erst durchgegangcn sein. Da aber das Eisen und anderes Metall durch das Ziehen, vermöge der gewaltsamen Reibung, sehr steif und spröde wird, so muß die daraus entspringende Sprödigkeit nach jedem Zuge durch Ausglühcn wieder gehoben werden. Die von einer Kraft in Bewegung gesetzte Einrichtung, welche das Durchziehen der ausgcrcckten Eiftnstäbchcn bewirkt, besteht entweder in einer Zangen- oder Walzcnvorrichtung, welche letztere jedoch nur bei feinem Drähten anwendbar ist. In neuester Zeit wendet man für die großen Drahtsortcn bis zu '/>Zoll herab statt der Zangenzüge Walzwerke an. Ein solches Drahtwalzwerk besteht aus drei in einem Gestell übereinander befindlichen Walzen, welche einander berühren und an ihrer Oberfläche halbrunde, aufeinander passende Einschnitte haben, von denen die ersten die größten, die letzten die kleinsten sind. Sobald nun die glühende Eisenstange die erste Rinne des ober» Paars passirt, nimmt sic die cylindrische Form derselben an, wird aber sogleich in die zweite Rinne des untern Paars geleitet, wodurch sic etwas kleiner im Durchmesser gestreckt wird. So passirt sie, inzwischen ncugcglüht, alle Rinnen der Walzen, bis sic die gewünschte Feinheit erlangt hat. Zur Anfertigung des Mcssingdrahts werden die ausgewalztcn Tafeln in Drahtbändcr (Zaine oder Regale) zerschnitten, rund ausgcschmiedct und, wie die ausge- rcckten Eisenstäbchen, ebenfalls mittels Zangen oder Walzen (Leitern) durch die Löchcrcism zu Draht ausgezogcn. Nur die ganz feinen Sorten werden nicht auf dem Drahtzuge sondern auf der Scheibe gezogen. Wird der Draht, nachdem er rund gezogen ist, noch durch ein paar glatte Walzen getrieben und geplättet, so erhält er einen sehr hohen Glanz und heißt dann Lahn. Ein Theil desselben kommt sogleich von dem Drahtzuge, durch Ausglühm im Glühofen, schwarz und weich in den Handel; ein anderer Theil wird in Holzessig gebeizt, mit Kochsalzlauge und Weinstein ausgesotten und auf diese Weise blank gemacht, ist aber hart und spröde, da bei ihm das Ausglühen wcgfällt. Vergoldeter oder versilberter Draht entsteht, wenn man vor dem Ziehen im ersten Falle eine Silbcrstange, im letzten eine Kupfcrstange plattirt und dann zieht. Will man vergoldeten Kupferdraht machen, so wird die Kupferstange erst versilbert und dann dünn vergoldet. Cementirter Draht entsteht, wenn man die zu ziehende Kupferstange in einem verschlossenen Raume der Einwirkung von Zinkdämpfen aussctzt, wodurch sie sich oberflächlich in Tomback oder Messing verwandelt und mit dessen schöner Farbe die Zähigkeit und Weichheit des Kupfers vereint und sich zu dem feinsten Drahte ziehen läßt. Die Kunst, aus Metall dünne Fäden zu machen, ist sehr alt; allein der Draht wurde anfangs nicht gezogen, sondern geschmiedet. Später wurde das Metall nur ausHandzichbänken zu Draht geformt, und erst 1351 kommen in Augsburg Drahtzieher und Drahtmüller vor. Schon im I. 1360 kommt in Nürnberg eine Drahtmühle vor; ebenso 1437 in Breslau und 1506 in Zwickau. Im Z. 1592 fertigte Fricdr. Hagelsheimer, genannt Held, in Nürnberg den feinsten Gold- und Silber- »l- j cS n, eil )te ch- cd. eb, en en cm hte ve- lm c ab ei- ^ cr- die rn cd. ni- eln ze- jM >n- ech nd »m Zc> ist ctz- h- er me »er ! >en j »et. m- rn- S2 er- Drais von Sauerbronn Drake 451 draht zum Weben und Sticken bereitet. Der, feinste Draht wird in England und Frankreich verfertigt. Zu Waidhofcn an der Jps in Ostreich macht man aus dem daselbst verfertigten Drahte Fischangeln von solcher Feinheit, daß 6310 Stück auf ein Loth gehen. Das Loth wird aber für 26 Fl. verkauft, sodaß demnach der Ccntner Eisen bis 83060 Fl. verarbeitet' wird. Aus Draht werden auch die Nadeln (s. d.) gemacht. Drais von Sauerbronn (Karl Wilh. Fricdr. Ludw.', Freiherr von), ein besonders im Justiz- und Policeifache bewährter Geschäftsmann, geb. zu Ansbach am 23. Sept. 1755, studirte zu Altdorf und Erlangen und lebte dann einige Zeit in Wien, um den Proceßgang des kaiserlichen Reichshofraths kennen zu lernen. Vom Markgrafen Karl Friedrich von Baden 1777 in dem Justiz- und administrativen Hofrathscollegium angcstellt, diente er hier l 2 Jahre lang, erst als Assessor, dann als Rath, später zugleich mit der Function eines Regierungsdeputirten in der firr die Residenz Karlsruhe 1787 neu errichteten Policeideputation, bis er Obervoigt des Oberamts Kirchberg wurde. Zur Zeit des Reichs- friedenscongresses zu Nastadt ernannte ihn der Markgraf zum Policeidircctor daselbst und erhob ihn, zufrieden mit seiner in dieser schwierigen Stellung bewiesenen einsichtsvollen Klugheit und gewandten Thätigkeit, nach Verlauf desselben zum Geh. Regierungsrath und Po- liceidirector in Karlsruhe. Hier bewirkte D. mit kluger Benutzung der sich darbietendcn Mittel binnen drei Jahren die Gründung eines Arbeitshauses, einer Numford'schen Speisean- stalt, Reinlichkeit der Straßen, eine gute Beleuchtung, Unterdrückung des Bettelnd und Einschränkung chcs Zunftzwangs. Als Präsident des Hofgerichts nach Nastadt versetzt, trug er bei zur Verbesserung der Rechtspflege. Nachdem Baden im presburger Frieden das Breisgau und die Ortcnau erworben, wurde D. als Occupationscommissar nach Frciburg gesendet, hierauf zum Präsidenten des nach Manheim versetzten obersten Gerichtshofs ernannt und zuletzt Wirklicher Geh. Rath und Oberhofrichtcr. Als solcher starb cr am2.Febr. 1830. Seine vorzüglichsten Schriften sind die „Geschichte der bad. Gerichtshöfe neuerer Zeit" (Manh. 1821), ferner die aus dem Archive geschöpfte „Ausführliche Geschichte von Baden unter Karl Friedrich von der Revolutionszeit" (2 Bde., Karlsr. 1816—19), die „Materialien zur Gesetzgebung über die Preßfreiheit der Deutschen" (Zür. 1820) und „Über Öffentlichkeit und Mündlichkeit des Rechtsvcrfahrens im Civilfache" (Manh. 1822). Draisine (franz. völoeipeO«) nannte man die vom Forstmeister von Drais, einem Sohne des Vorerwähnten, zu Manheim 1817 erfundene, von dem Engländer Knight verbesserte zweiräderige Maschine zum Selbstfahren, die, nachdem sie eine Zeit lang großes Aufsehen erregt, schnell in Vergessenheit gericth, da sie den Erwartungen nicht entsprach. In neuester Zeit haben jedoch die Engländer die Sache wieder ausgenommen und in ihren P-e- domotiven fortgebildet. Dieselben haben drei Räder, zwei Hinter- und ein Vorderrad, letzteres zur Lenkung, zu welchem Zwecke dessen Achse in einer Gabel ruht, welche durch den Lcnkschemel geht und von oben mittels einer Kurbel in jede beliebige Richtung gestellt werden kann. Die Hinterachse, über welcher sich der Sitz befindet, ist nach Art einer doppelten Kurbclwelle von etwa 8 Zoll Halbmesser gebrochen. An dieser Welle befinden sich zwei Tretschcmel, welche an ihrem vordem Ende in Hängeschcitcn an einem Bocke über der Vorderachse hängen. Abwechselnd steht einer der Tretschcmel hoch, der andere tief und tritt nun der im Wagen Sitzende dieselben abwechselnd nieder, was ohne Anstrengung geschehen kann, so bewegt sich die Pedomotivc vorwärts, und zwar mit einer beliebigen Schnelligkeit, die ohne Beschwerde des Fahrenden bis zu I'i, deutsche M. in der Stunde auf gewöhnlichen Chausseen gesteigert werden kann. Drake (Francis), ein berühmter Seemann, der zuerst die Kartoffeln nach Europa brachte, geb. zu Tavistock in Devonshire >5-15, war der Sohn eines Matrosen und lernte als Schiffer bei einem Küstenfahrer, der auch zuweilen Maaren nach Irland und Frankreich überführte. Ein Verwandter, Sir John Hawkins, ließ ihm Unterricht crtheilen. Schon im >8. Jahre mußte D. einzelne Geschäfte auf einem Schiffe verrichten, welches nach Biscaya Handel trieb, und im 20. machte er eine Reise nach der Küste von Guinea. Nachdem er 1567 den Oberbefehl des Schiffes Judith erhalten hatte, benahm er sich in dem unglücklichen Gefechte, welches Sir John Hawkins gegen die Spanier in dem Hafen von Vera-Cruz zu be- M * 452 Drake stehen hatte, mit vieler Tapferkeit und entkam glücklich mit seinem Fahrzeuge. Die grau same Behandlung der engl. Gefangenen erfüllte ihn mit solchem Hasse gegen die Spanier, daß er fortan nur auf Mittel dachte, ihnen möglichst großen Schaden zuzufügcn. Kaum hatte er diese Absicht in England merken lassen, als eine Menge Abenteurer sich ihm anschloß Er bewirkte nun zwei Unternehmungen nach Westindien, vermied zwar noch mit den Spaniern zusammenzutrcffeN; der Erfolg seiner Reise war aber so günstig, daß man ihm 1572 zu seinem Angriffsplan auf die span.-amerik. Handelsplätze zwei Schiffe anvertraute, von denen er das eine durch stincn Bruder befehligen ließ. Mit denselben nahm er die Stadt Nombre de Dios mit Sturm, machte zwar ansehnliche Beute, konnte sich aber nicht behaupten und segelte daher nach Karthagcna. Nachdem er dort viele Schiffe aufgebracht und den Spaniern zu Vera-Cruz ein aufzwei Millionen geschätztes Waarenmagazin verbrannt hatte, kehrte er zurück und ankerte zu Plymouth am 9. Aug. 1573. Hierauf rüstete er drei große Fregatten auf seine Kosten aus, mit denen er als Freiwilliger in Irland unter den Befehlen des Grafen Essex diente. Beim Tode dieses seines Beschützers kehrte er 1576 nach England zurück, legte der Königin Elisabeth seinen Plan vor, durch die Magellanische Meerenge in die Südsee zu dringen, um hier die Spanier anzugreifen, und erhielt durch sie die Mittel, eine Flotte von fünf Schiffen für diesen Zweck auszurüsten. Mit diesen ging er am 13.Dce. 1557 von Plymouth ab und kam am 20. Aug. 1578 in die Magellanische Meerenge, gelangte am 6. Sept. an den Ausgang derselben, wurde aber den Tag darauf von einem Sturme überfallen, der ihn nach Süden zu steuern zwang. Als er an das Ende der Meerenge zurückgekommen war, legte er der Bai, wo er ankerte, den Namen Uurting os trierxls bei, weil er, seit er sie verlassen, eines seiner Schiffe verloren hatte. Neue Windstöße triebm ihn nach Süden, und er scheint bei seinen Versuchen, an der Küste hinabzusteuern, in dm westlichen Archipel des Magelhacnslandes gerathen zu sein. Am 20. Nov. kam er im Angesichte der Insel Mocha, südlich von Chile an, wo er seine Flotte zu sammeln gedachte; in er aber keins seiner andern Schiffe eintreffcn sah, setzte er seinen Laus nach Norden fort, längs der Küste von Chile und Peru, wobei er jede Gelegenheit wahrnahm, sich span. Schiffe zu bemächtigen und Landungen zu machen. Da seine Mannschaft einigermaßen bcutchtt war, folgte er der Küste Nordamerikas bis zu 48° nördl. B., Weiler hoffte, eine Durchfahrt in den Atlantischen Ocean zu finden. Getäuscht in seiner Erwartung und durch die Kälte genöthigt, bis zu 38° zurückzugehen, nannte er den Platz, wo er nun seine wiedergesammel- tcn Schiffe ausbcfferte, Ncualbion. Am 20. Sept. 1570 richtete er seinen Lauf nach dm Molukken und ankerte am 4. Nov. zu Ternate. An der Küste von Celebes entkam er am 9. Jan. 1580 mit genauer Noch dem Schiffbruch, lief bei Java und am Cap der guten Hoffnung an und ankerte am 5. Nov. nach fast dreijähriger Abwesenheit in Plymouth. Am 4. Apr. 1581 kam Elisabeth selbst auf der Themse nach Deptford, wo D.'s Schiff vor Anker lag, speiste bei ihm am Bord, schlug ihn zum Ritter und billigte Alles, was er gcthan hatte. Sie übergab ihm den Befehl über eine Flotte von 25 Schiffen, mit welcher er am 15. Sept. 1585 auslicf und am 16. Nov. vor San-Jago auf den Inseln des Grünen VorgebirgS so unerwartet erschien, daß die Stadt sogleich genommen wurde. Mil reicher Beute beladen segelte die Expedition von dort nach Westindien, nahm San-Domingo, Cartagena, zerstörte die Forts der Spanier in Ostflorida und ankerte in Plymouth am28.Juli 1586, nachdem sic den Feinden eine auf 600000 Pf. St. geschätzte Beute abgenommen. Im 1.1587 befehligte er eine Flotte von 30 Segeln, die im Hafen von Cadiz eine Abtheilung der berühmten Armada verbrannte, und 1588 wurde er Viceadmiral unter Lord Effingham, dem Großadmiral von England, um sich der span. Flotte entgegenzustcllen. Eine reich beladene Gallione ergab sich ihm auf die bloße Nennung seines Namens. Nachher erhielt er den Befehl derjenigen Flotte, welche 1589 Don Antonio wieder aufden Thron von Portugal setzen sollte; allein dieses Unternehmen scheiterte wegen des Mißverständnisses zwischen D. und dem General der Landlruppen. Indessen schlugen D. und Hawkins im Frühjahre 1594 der Königin eine neue Unternehmung gegen die Spanier in Westindien vor. Sie machten sich anheischig, einen Theil der Kosten zu tragen, und die Königin lieferte die Schiffe. Doch der beabsichtigte Zweck ward nur theilweise erreicht. Beim Absegeln vom Fort von Portorico zi d. gr al fü sei S-> D de sst ge> un sch wi m E bi> iie wi de «S do die S ge ih, sch st- le> fir di lu w eu w st st L E T w Drakenborch Drama 453 am 12. Nov- 1594 ward D.'s Schiff von einer Kanonenkugel durchbohrt, welche den Stuhl mitnahm, woraufD. saß, ohne ihm Schaden zu thun. Am andern Tage wurden die span. Schiffe vor Portvrico mit Ungestüm angegriffen, allein ohne Erfolg. Hierauf segelte er nach dem festen Lande und verbrannte Rio de la Hacha und Nombre de Dios. Als aber einige Tage nachher eine Unternehmung gegen Panama ganz verunglückte, wurde D. darüber so mismuthig, daß er in ein schleichendes Fieber verfiel, welches sein Leben am 5. Jan. 1595 endete. Von seinem bedeutenden Vermögen machte D. eine sehr ehrenvolle Anwendung; unter Anderm legte er l 58l eine Wasserleitung an, um Plymouth mit Wasser zu versorgen. Drakenborch (Arnold), ein berühmter Holland. Philolog des vorigen Jahrh., geb zu Utrecht am l.Jan. 1684, wurde 1716 Professor der Geschichte und Beredtsamkeit an der Universität seiner Vaterstadt und starb daselbst am 16. März 1748. Durch seine Ausgaben röm. Clasfiker, namentlich des Silius Italiens (Utr. 17 l 7, 4.) und des LiviuS (7 Bde., j Amst. 1738—46, 4.; neue verm. Ausg., 15 Bde., Stuttg. 1826—28), in denen er eine große Belesenheit und Gelehrsamkeit entwickelte, hat er sich nicht geringe Verdienste um die altclassischen Studien erworben. Drakon, erster Gesetzgeber und Archon in Athen, erhielt 664 v. Chr. den Auftrag, für den zerrütteten Staat neue Gesetze zu entwerfen. Doch die außerordentliche Strenge seiner Gesetze, die das geringste Verbrechen, z. B. den Fruchtdiebstahl, ja sogar den Müßiggang gleichwie die Beraubung der Tempel, Mord und Verrath des Vaterlandes mit dem Tode bestraft haben sollen, hinderte vorzüglich bei zunehmender Cultur die Vollstreckung derselben und machte sie so verhaßt, daßSolon (s. d.) beauftragt werden mußte, neue Gesetze abzufassen, der indeßbei manchen Milderungen die aufTodtschlag bezüglichen Bestimmungen des D. in seine Gesetze unverändert wieder aufnahm. D. floh später auf die Insel Ägina und wurde dort, nachdem er seine Gesetze eingeführt hatte, der Sage nach bei seinem Erscheinen im Theater durch die Kleider und Mäntel, welche die jauchzende Menge, wie es Sitte - war, über ihn warf, erstickt. , Drama, ein griech. Wort, bedeutet eigentlich Handlung; gewöhnlich aber nimmt ! man cs für gleichbedeutend mit Schauspiel. Stellt man eine Handlung in ihrer allmäligen Entwickelung, mit ihren Ursachen und Veränderungen, von dem Augenblicke des Entschlusses ! bis zur Erreichung des Zwecks, als gegenwärtig sich ereignend dar, so ist eine solche Darstellung dramatisch, wenn auch nicht Das, was man im enger» Sinne Drama nennt, s wie ja auch irgend eine Dichtung einen lyrischen oder epischen Charakter tragen kann, s deshalb eine lyrische Dichtung im engern Sinne, ein Lied oder Epos zu sein. So hatGoe . ! „Werthcr" wol einen dramatischen Verlauf, indem er in allen Punkten das Werden zeigt, doch ist er deshalb noch kein Drama. Diesen Unterschied muß man festhalten, weil man sonst l die Begriffe verwirren und den Unterschied zwischen den einzelnen Dichtartcn ausheben würde. Sollen Handlungen als gegenwärtig sich ereignend dargcstellt werden, so kann es nicht besser geschehen als durch die handelnden Personen selbst, oder durch Stellvertreter derselben, welche ihren Willen, ihre Gesinnungen und Zustände durch Ncde offenbaren und gleichsam selbst schildern. Daher die dialogische Form, wodurch jedoch allein ebenfalls noch kein Drama entsteht, obschon auch der bloße Dialog, wenn bei ihm ein beständiges Vorwärtsstrebcn, eine lebendige Bewegung in dem Gedankengange und eine Spannung auf den Ausgang statt- findet, dramatisch genannt werden kann, so z. B. die meisten Platon'schen und Klinger's dialogisches Meisterstück „Der Weltmann und der Dichter". Bei Darstellung einer Handlung bilden sich Gedanken durch Entschlüsse zu Thatcn aus; die Entschlüsse setzen Umstände, wodurch sie bewirkt werden, voraus, diese machen auf den Erfolg und mehre Erfolge auf einen Punkt der Beruhigung begierig. Daher jenes Vorwärtsstrebende, lebendig sich Bewegende, Spannende und überhaupt der große Reiz der dramatischen Poesie. Im Drama spricht uns Alles wie in der ersten Person an, im Epos wie in der dritten; dieses berichtet, ° schildert, erzählt das vollkommen Geschehene, daS Drama führt uns Alles als vor unser» s Blicken vorgehend und sich entwickelnd, als ein vollkommen Gegenwärtiges vor Augen; im ! Epos stellen sich uns der einzelne Charakter und die einzelne Handlung als fertig dar, im Drama sehen wir sie in gegenseitiger Einwirkung wachsen und werden, und nichts ist verwerflicher in einem dramatischen Gedichte, als wenn, z. B. wie in Müllner's „Schuld", die 454 Dramaturgie Dräseke Haupthandlung vor dem Anfänge des Stückes liegt und nicht mehr ungeschehen zu machen ' ist und die Charaktere wie bereits vollständig ausgcführte Gemälde aus dem Rahmen der Ganzen fertig hervorspringen. Zum Unterschiede betrachte man dagegen Shakspeare'r „Macbeth" oder Schiller's „Wallenstein" oder Goethe's „Taste", welcher letztere beweist, daß ein Gedicht dramatisch sein kann, selbst wenn die äußern Zustände sich kaum zu verändern scheinen, und der Kampf, um den es sich bei dem Drama handelt, auf daß Gcmüthr- leben allein beschränkt ist und rein innerlich und psychisch bleibt. Man hat auch im Drama epische Begebenheiten; diese aber entwickeln sich in einer Reihe lyrischer Zustände, werden; dadurch zu subjektiven Handlungen, treten hervor und schreiten fort in dialogischer Form und j crfodern in letzter Instanz, um vollständig gegenwärtig, d. h. als dramatische Handlungen, zu erscheinen und zu wirken, die Vorführung auf der Bühne, die theatralische Darstellung. Daß man jetzt gezwungen ist, ein dramatisches und ein theatralisches Gedicht zu unterscheiden, liegt nur an den Mißverhältnissen zwischen der modernen Bühne und der Poesie, indem jene hinter dieser zurückgeblieben ist und beide sich nicht an - und durcheinander Harms- irisch entwickelt haben. Dramaturgie heißt die Kcnntniß der Regeln der Kunst, ein Drama zu dichten und auf der Bühne darzustellcn, welche die Drama tu rgik lehrt und sie umfaßt, demnach die ganze Poetik des Drama und die Theorie der Schauspielkunst, die Schauspicllehre. Lessin g (s. d.) war der Erste, der in seiner „Dramaturgie" (> 768) die Bahn zur kiefern dramatischen Kritik brach und in diesem Werke einen Schah der reichhaltigsten Bemerkungen über theatralische Kunst nicderlegte. Das „Dramaturgische Etwas" von Bode und Claudius (Hamb. >774) reicht zwar ebenso wenig als Schink's „Dramaturgische Blätter" anLes- sing's Werk; doch verdienen beide Arbeiten genannt zu werden. A.W. von Schlegel'sss.d.j . meisterhafte „Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur" (1809) berühren nur ei« t Seite der Dramaturgie. Nächstdcm ist zu erwähnen Schmidt's „Dramaturgische Aphsrii- men", Zimmermann's und insbesondere Ticck's „Dramaturgische Blätter". Dramalm- gische Andeutungen finden sich überall zerstreut, so besonders beachtenswcrthc bei Goethe, i» Schiller's „Horen" und „Thalia", in den ästhetischen Lehrbüchern von Boutcrwek, Eberhard, Jean Paul Richter u. s. w.; in Engcl's „Ideen zur Mimik", in Snlzcr's „Theorie der schönen Künste" mit Blankenburg's'Zusähcn, in Eschenburg's, A. Schreiber s, Sccker dorsis, Thürnagel's, Hcbenstreit's u. A. hierher gehörenden Schriften; in den dramatischen Almanachcn von Jffland, Klingcmann, Schmidt, Müllncr und Reichard, in Lcwald's „All ^gemeiner Thcatcrrevue", Jeittclles' „Ästhetischem Lexikon" und im „Allgemeinen Theater lcxikon". Was die gegenwärtigen sogenannten Theaterzcitungen und die dramaturgische» Aufsätze und,Thcatcrberichte in den belletristischen Journalen betrifft, so bilden diese im Ganzen eine so chaotische undramaturgische Masse, daß selbst das wenige Gute und Brauchbare, besonders bei der Indifferenz des Schauspielers, unbeachtet und nngchörk verklingt. Draperie, vom sranz. d. i. Tuch, in technologischer Hinsicht, sowie als Tueb- manufactur, Tuchhandel, nennt man bei den bildenden Künsten im weitern Sinne jede j»r Verzierung dienende und vorzugsweise auf dem leichten und reichen Faltenwürfe beruhend!, Anordnung und Darstellung von Gewändern, Stoffen und Zeugen. Im cngern Sinnt ^ versteht man darunter, besonders in der Malerei und Bildhauerei, die Bekleidung einer 8> gur mit einem Gewand (s. d.). Dräseke (Joh. Heim. Beruh.), evangelischer Bischof, geb. am >8. Jan. >774 zuj Braunschweig, erhielt seine Bildung im Carolinum düselbst und seit >792 auf der Univer sität zu Helmstedt. Nachdem er eine kurze Zeit Hauslehrer zu Ratzcburg und seit >795 D'» konus zu Möllen im Hcrzogthum Laucnbnrg gewesen war, erhielt er >798 die mit dein^ Scholarchat verbundene Hauptpredigerstelle daselbst, worauf er >804 Pastor zu St.-Ecorg in Ratzeburg wurde. Im Nov. >814 folgte er dem Rufe als Pastor an die St.-Ans gariikirche zu Bremen. Hier empfing er am Reformationsjubiläum > 8 > 7 von der Univer-l sität zu Jena den Grad eines Licewtiaten der Theologie und >819 von der zu Rostock, bn Gelegenheit ihrer 409jährigen Stiftungsfeier, die theologische Doctorwürde. Die ihm l82> wiederholt angctragene Generalsuperintendentrer zu Koburg lehnte er ab, und >828 erhielt er den Titel eines sachsen-koburgischen Kirchenraths. Im I. >832 wurde er zum ersten Predi« Drastisch Drebbrl 455 ger an, Dom zu Magdeburg, zum Generalsuperintcndcnten der Provinz Sachsen und zugleich zum evangelischen Bischof ernannt, welche Stelle er bis in die neueste Zeit bekleidete, wo er zum Theil in Folge eines pseudonymen Angriffs auf seine amtliche Wirksamkeit und wegen einer Differenz mit dem Magdeburger Magistrate in der Sache des Pastors Sintenis wiederholt um seine Entlassung cinkam, die ihm 18-13 mit dem vollen Gehalte bewilligt wurde. Seitdem lebt er in Potsdam, wo er von Zeit zu Zeit vor der königlichen Familie predigt. Unter seinen Schriften, deren er einige, belletristischen Inhalts, in früherer Zeit auch anonym erscheinen ließ, finden sich namentlich bis auf die'neueste Zeit herab viele einzelne Predigten und Gelcgcnheitsreden, zum Theil unter sehr pikanten Titeln. Seinen Geist und seine Be- redtsamkeit charaktcrifircn vorzüglich seine „Predigten für denkende Verehrer Jesu" (5 Bde., Lüneb. 1804 — 12; 4.Aufl., 1818); „Glaube, Liebe undHoffnung" (Lüneb. 1813; 6.Aufl., 1834), ein Handbuch für junge Freunde und Freundinnen Jesu; „Deutschlands Wiedergeburt, eine Reihe evangelischer Reden" (3 Bde., Lüb. 1814; 2. Aust., 2 Bde., Lüneb. 1818); „Predigtentwürse über freie Texte" (2Bde.,Brem. 1815); „Predigten über die letzten Schicksale unserS Herrn" (2 Bde., Lüneb. 1816; 2. Aust., 1818), denen er die „Blicke in die letzten Lebenstage Jesu, ein Erbauungsbuch" (Lüneb. 1821) als dritten Band hin- zufügtc; „Predigten über frcigcwähltc Abschnitte der heiligen Schrift" (4 Bde., Lüneb. 1817—18); „Christus an das Geschlecht dieser Zeit" (Lüneb. 1819; 3. Aust., 1826, mit drei „Zugaben", Lüneb. 1826); „Gemälde aus der heiligen Schrift" (4 Sammlungen, Lüneb. 1821—28); „Vom Reich Gottes; Betrachtungen nach der heiligen Schrift" (3 Bde., Brem. 1836) und „Predigten für denkende Verehrer Jesu" (2 Bde., Lüneb. 1836). In allen diesen Schriften weht warme, begeisternde, aus Überzeugung hervorgcgangene Liebe zu Christus, als dem Stifter und Mittelpunkte des Gottesreichs, das alle menschliche Verhältnisse heiligen und erklären soll. Wenn man D. den Jean Paul unter den geistlichen Rednern nannte, so ist dies insofern wahr, als sich bei ihm Fülle der Gedanken und Gefühle, treffender Witz und Wärme, mit wunderbarer Herrschaft über die Sprache vereinigt findet. Daß hin und wieder etwas Gesuchtes und Spielendes vorkommt, ist nicht zu leugnen. Seine Sprache ist sententiös, sodaß sie selbst die Worte dem Gedächtniß willkommen, geläufig und unvergeßlich macht. Die Sucht, D.'s Eigcnthümlichkeiten, selbst die einem geläuterten Ge- schmackc zuwidcrlaufcndcn, sich anzueignen, hat unter den jüngern Predigern manche Ca- ricatur erzeugt. Der erwähnte Angriff auf D. erfolgte in der Schrift „Der Bischof D. und seine amtliche Wirksamkeit in der Provinz Sachsen von G. von C." (Bergen 1840), die wol vieles Wahre enthalten mag, aber in Hinsicht ihrer Pseudonymität sich nicht verthcidigen läßt. Drastisch bezeichnet überhaupt Alles, was stark und schnell wirkt. Drastische Arz- ncien oder Drastica nennt man besonders die stärker» Abführmittel, z. B. Aloe, Ko- loquinthen, Gummigutt, Skammonium, manche Metallsalze u.s. w. Als Mittel, die den ganzen Organismus heftig angreifen und leicht Darmentzündung herbeiführen können, sind sie stets mit großer Vorsicht zu gebrauchen. Drau oder Drave, einer der bedeutendem Nebenflüsse der Donau im südlichen Deutschland und Ungarn, welches letztere durch ihn von Kroatien und Slawonien getrennt wird, entspringt im östlichen Tirol auf der Nordseitc der cadorischen Alpen und ergießt sich als ein breiter und wasserreicher Strom, nach einem Laufe von etwa 80 M. bei Almas unterhalb Esseg än die Donau. Sie nimmt eine große Zahl Nebenflüsse auf, unter denen die Ist und die Mur die wichtigsten sind, und ist von Villach an schiffbar; nur stromaufwärts von Villach bis Välkcrmarkl ist die Schiffahrt durch starkes Gefälle gehindert. Drebdel (Cornelius), ein bekannter Physiker und Mechaniker, ursprünglich ein Bauer, gcb. zu Alkmaar in Nordholland 15 72, erlangte bei viel Beobachtungsgeist durch seine mechanischen und optischen Versuche in kurzem einen solchen Ruf der Gelehrsamkeit, daß ihm Kaiser Ferdinand II. den Unterricht seiner Söhne übertrug und ihn zum Rache ernannte. Im I. 1620 wurde er von den Truppen des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz gefangen genommen und seines ganzen Vermögens beraubt; auf Fürsprache des Königs Jakob's 1. von England, des Schwiegervaters Fricdrich's von der Pfalz, aber frcigegebcn. Seit dieser Zeit lebte er in steter Beschäftigung mit seiner Wissenschaft zu London, wo er 1634 starb. Die Nachrichten, welche seine Zeitgenossen von seinen Versuchen geben, grenzen zum Theil 456 Drechseln Drechsler ans Fabelhafte; so soll er unter Anderm ein Schiff, auf welchem er unter dem Wasser zwei Meilen weit, von Westminster bis Greenwich, fuhr, verfertigt und Maschinen erfunden haben, durch welche er eine Kalte, die der des Winters gleich gewesen sei, hervorgebracht habe. Gewiß ist es aber, daß er in der Mechanik und Optik für die damalige Zeit große Kenntnisse i besaß und mehre Instrumente erfunden hat, z. B. das zusammengesetzte Mikroskop, ein Mittelding zwischen Teleskop und Mikroskop, und gegen 1630 ein ungleich wichtigeres, das Thermometer, welches nach ihm Halley, Fahrenheit und Neaumur vervollkommneten. Die Erfindung des Teleskops wird ihm von Einigen mit Unrecht zugeschrieben. — Nik. D., > ein sonst wenig bekannter Niederländer, der gegen Ende des 17. Jahrh. lebte, entdeckte bei Gelegenheit chemischer Versuche, die Kunst, scharlachroth zu färben, welches Geheimnis er seiner Tochter vertraute, deren Ehemann, Cuffler, zuerst in Leyden davon Gebrauch machte. Drechseln oder Drehen nennt man die Kunst, denKörpern, welchen, in der Drehbank cingespannt, eine rundlaufende Bewegung mitgetheilt wird, durch Anwendung verschiedener Werkzeuge eine bestimmte Form zu geben. Man dreht Eisen, Stahl, kurz alle Metalle, Holz, Schildkrot, Elfenbein, Bernstein, Marmor, Alabaster u. dgl. Auch die jetzt so häufig gebrauchten gedrückten Blechwaarcn werden ebenfalls zumeist auf der Drehbank gemacht, und das sogenannte Nänderircn, wo auf cylindrischen oder ovalen Körpern mit dessinirten Rädchen Verzierungen aufgcdrückt werden, gehört auch hierher. Die Drehbänke , können verschiedener Art sein; die frühem sogenannten Wippenbänke sind gegenwärtig durch die unten mit einem Schwungrade versehenen Drehbänke verdrängt. Auf den gewöhnlichen ! einfachen Drehbänken werden indeß blos Formen zuwegcgebracht, welche sich aus dem Cy< : linder entwickeln lassen, d. h. nur Eine Achse haben; zur Hervorbringung anderer Formen : dienen die sogenannten Passig- oder Kunstdrehbänke. An diesen ist nämlich eine Vorrichtung ! angebracht, mittels deren der zu drechselnde Körper allerhand excentrische und hin - und her- / gehende Bewegungen annehmen kann. Auf diese Weise kann man elliptische, ja sogar vier- ' eckige Körper drehen, Spiralen machen und Verzierungen der verschiedensten Art hervor- bringen. Selbst Portraits, Gruppen und freistehende Figuren werden gedrechselt. All! i diese Arbeiten der Drechslerkunst begreift man unter dem Namen G uillochiren (s.d.), ! und die dazu gehörige Drehbank ist die Euillochirmaschine. Die Erfindung der Drehbank s schreibt Diodorus Siculus dem Dädalus oder dem Theodorus von Samos zu, und scheu ' Phidias soll die Drechslerkunst auf Holz und Elfenbein angewendet haben. Alexander der § Große, Artaxerxcs von Persien und Kaiser Rudolf kl. trieben die Drechslcrkunst zu ihrem l Vergnügen. Ebenso war auch Luther ein fleißiger Drechsler. Als Gewerbe wird das Drech- . sein gegenwärtig vorzugsweise in Berchtesgaden, Fürth, Geislingen, Gröden in Tirol, Kö- ! nigsberg, Neustadt an der Haide, Nürnberg, St.-Georgen bei Baireuth, Seifen im sächs. > Erzgebirge, Sonnenberg im Meiningenschcn, Zöblitz in Sachsen und an andern Orten betrieben. In der neuern Zeit hat die Dreh- oder Drechselkunst, namentlich durch Voigtländer in Wien, Maudsley, Shuttleworth und Holzapffel in London vielfältige Verbesserungen erfahren. Vgl. Geister, „Der Drechsler" (3 Bdc., Lpz. 1795 —1801), Bohnenberger, „Beitrag zur höhern Drehkunst" (Nürnb. 1799), GutsMuths, „Praktische An- , Weisung zur Kunst des Drehens" (Lpz. 1817) und Desormeau, „Die Drehkunst in ihrem - ganzen Umfange" (deutsch von Thon, Jlmen. 1825). » Drechsler (Jos.), Professor der Harmonielehre an der St.-Annenschule zu Wien, bekannt als Componist und Musiktheoretikcr, geb. 1782 zu Wällischbärchen in Böhmen, widmete sich anfangs in Prag der Theologie, wendete sich aber später in Wien ausschließcnd der Musik zu. Nachdem er mehre musikalische Stellen bekleidet, ward er Organist zu St.- Anna und Kapellmeister an der Universttäts- und an der Hofpfarrkirche. Er begründete die Professur der Musiktheorie und des Orgelspicls für Schulamtscandidaten, auch bekleidete er eine Zeit lang die Kapellmeisterstelle an der josephstädter, dann an der leopoldstädter Bühne. - Er hat eine ziemliche Anzahl Opern und komischer Singspiele componirt, unter denen sich -- namentlich „Der Diamant des Geisterkönigs" und „Das Mädchen aus der Fecnwelt" Eingang beim größer» Publicum erworben haben. Von seiner tüchtigen theoretischen Bildung j geben übrigens mehre Lehrbücher und methodische Schriften, sowie eine nicht geringe Zahl l Messen, Offertorien und andere ernste Compositionen genügendes Zeugniß. > Dreesch Dreieck -157 Dreesch bedeutet eigentlich so viel als veredelte Brache. Dreesch liegt ein Acker, wenn er statt Getreide Gras trägt, das man aber nicht wie bei der Brache durch die Natur allein hcrvorbringen laßt, sondern zugleich mit der dem Dreesch vorhergehenden Getrcideftucht säet. Das Drccschlicgen des Ackers hat zum Zwecke Erholung und Verbesserung des Bodens und Viehweide und Futtcrgewinn für den Winter. Wirtschaften, wo die Acker regelmäßig in Dreesch liegen bleiben, heißen Dreesch-oder Graswirthschaften, wie sie in Holstein, Mecklenburg, der Mark und den meisten Eebirgsländern Vorkommen. (S. Ackerbau.) Drchbasse heißt eine Art leichtes Geschütz, dessen man sich zurSeebedient. DicDrch- bassen liegen mit dem Schildzapfen auf Schwanenhälsen, deren Fuß sich um eine Achse oder Spille dreht, sodaß sie nach allen Richtungen sowol horizontal als in der Höhe und Tiefe gerichtet werden können. Sie befinden sich gewöhnlich oben auf der Schiffswand am Hintcr- vdcr Vorderteil des Fahrzeugs und werden meist nur mit Schrot und Kartätschen geladen; auch nur in der Nähe des Feindes gebraucht. Drehkrankheit oder Drehsucht (lat. lkk) e'irocej'b-ilus kz'llatielesis, franz. I'nur»!*, dän. Itingeszgen oder Unrssv^en) ist eine Krankheit der Schafe und des Hornviehs, welche neben andern Zeichen der Betäubung eigentümliche drehende oder sonst ungewöhnliche, bald lebhafte, bald wieder träge Bewegungen dieser Thiere herbciführt. Nach diesen besondern Bewegungen nennt man solche kranke Schafe Dreher, wenn sie öfter im Kreise herum- taumcln, bis sie niederstürzcn, Schwindler oder Segler, wenn sic in ihrem Gange hin und hcrwanken und dabei die Nase in die Luft cmporhalten, Traber oder Würfler, wenn sic eine Strecke weit fortlaufen und dann mit dem Kopfe vorn überstürzen. Die Ursache dieser Krankheit liegt im Gehirn, wo man gewöhnlich einen oder mehre Blasenwürmer (s. d.) in Gestellt von Wasserblasen, sogenannten Hydatidcn, findet. Die Krankheit gehört zu den schwer heilbaren und gewöhnlich endet das Thier an Entkräftung. Vgl. Brosche, „Uber die Drehkrankheit" (Wien 1827). Auch bei den Menschen kommen ähnliche Erscheinungen vor. Drclcapitelstrcit heißt ein durch die unreifenUnionsidcen des Kaisers Justinian her- vorgcrufener Kirchenzwist des >i. Jahrh. Hätte nämlich das chalcedonensische Concil in drei Artikeln die Schule des Theodor von Mopsvesta (ihn selbst freilich nicht), ferner Theodore! und Ibas von Edcssa für rechtgläubig erklärt, so meinte Justinian durch Aufhebung dieser Bestimmung die Monophysitcn, welche in jenen drei Männern Nestorianer erblickten, gewinnen zu können und verdammte deshalb in einem Edictc vom I. 544 nicht nur Theodor mit allen seinen Schriften, die Bücher des Theodore! gegen Cyrill und einen Brief des Ibas an Maris, sondern auch alle Vertheidigcr jener drei Artikel oder Capitel. Im Oriente fügte man sich leicht; allein der röm. Bischof Vigilius, der sich anfangs zu einer schriftlichen Verdammung der drei Capitel verstanden hatte, wurde durch den Widerspruch derAbendländer, insbesondere des Bischofs Facundus von Hermiane, so umgestimmt, daß er, als der Kaiser im I. 55 l ein zweites Edict gegen die drei Capitel erließ, alle Vertheidigcr desselben cxcommu- nicirte und dem fünften allgemeinen Concile zu Konstantinopel, welches im I. 553 die kaiserlichen Glaubensedicte genehmigte, nicht beitrat. Deshalb eingekcrkert, widerrief er zwar im J. 554; indeß noch lange dauerte es, ehe jenes Concil überall im Abendlande und namentlich in Nordafrika Anerkennung erhielt. Dreidecker heißen die größten Kriegsschiffe, weil sie, außer dem Schiffsräume, noch drei mit Geschützen versehene Etagen oder Decke (s. d.) haben. Die Dreidecker führen gewöhnlich 104 — 120 Kanonen und sind mit 800—1200 M. besetzt. In neuerer Zeit hat man indeß auch Zweidecker von 100 Kanonen gebaut. Durch die Anwendung der Archimedischen Schraube in den Stand gesetzt, die Dampfkraft bei der Kriegsmarine anzuwenden, geht man in England und in Frankreich damit um, auch Dreidecker als Dampfschiffe zu bauen und in den londoner Docks wird bereits an einem solchen gearbeitet. Dreieck oder Triangel heißt eine von drei Linien (Seiten) eingeschlosscne Figur. Nach der Beschaffenheit der Seiten kann man die Dreiecke in geradlinige, krummlinige und gemischtlinige eintheilen, je nachdem sie nur von geraden, oder nur von krummen, oder von geraden und krummen Linien zugleich eingeschlossen werden. Die Dreiecke der letztem Art, wohin z. B. die Kreisausschnitte gehören, bilden keinen besondern Gegenstand der mathematischen Betrachtung; von den krummlinigen Dreiecken werden nur diejenigen beson- 458 Dreieinigkeit Dreifeldcrwirthschaft .-s ders betrachtet, deren Seiten Bogen größter Kugelkreisc sind und welche daher auf der Oberfläche einer Kugel liegen, weshalb sie auch sphärische oder Kugeldreiecke heißen. Die geradlinigen Dreiecke, welche zugleich ebene Dreiecke sind, bilden einen sehr wichtigen Gegenstand der ebenen Geometrie und werden auf doppelte Weise eingetheilt, nämlich nachher relativen Größe ihrer Seiten in gleichseitige, wo die drei Seiten gleich sind, gleichschenkclige, in denen nur zwei Seiten gleich sind, und ungleichseitige, in denen alle Seiten ungleich sind; ferner nach der Beschaffenheit ihrer Winkel in rechtwinkeligc, welche einen rechten und zwei spitze, stumpfwinkelige, welche einen stumpfen und zwei spitze, und spitzwinkelige^ welche nur spitze Winkel enthalten. Die beiden letzten Classcn begreift man auch unter dem gemeinschaftlichen Namen schiefwinkelige Dreiecke. Die Berechnung der Seiten und Winkel eines Dreiecks aus drei gegebenen, dasselbe bestimmenden Stücken lehrtdie Trigon ometr ic (s.d.). Dreieinigkeit, nach dem sehr spät in der kirchlichen Latinität verkommenden '1'rinmii- tas gebildet, wofür bei den griech. Kirchenvätern Driss, bei den lat. trü»'tn8 gewöhnlicher ist, unschicklich auch wol Dreifaltigkeit genannt, bezeichnet die Beschaffenheit des göttlichen Wesens, nach welcher die Eine göttliche Substanz drei Personen, dem Vater, dem Sohne und dem heiligen Geiste, so gemeinschaftlich ist, daß sic alle drei der Substanz nach Ein Gott, und nur der Individualität nach drei Personen sind. Ihre Verschiedenheit als Personen wurde durch die Kunstausdrücke bezeichnet. Der Vater hat den Sohn von Ewigkeit gezeugt (generavit); Vater und Sohn haben den Geist von Ewigkeit gehaucht (spirai-»»«). Der Geist geht von Vater und Sohn aus. Die griech. Kirche läßt indeß den Geist nicht vom Sohne sondern allein vom Vater gehaucht werden. Das Dogma von der Dreieinigkeit entstand aus der Vorstellung vom speculativen Christus, die man in den Schriften des Johannes und Paulus und im „Briefe an die Hebräer" findet (s. Christus), nach welcher man in Christus den Mensch gewordenen Sohn Gottes (das Wort, den Logos Gottes) erkannte, den man nach dem hebr. Gebrauche deS Wortes Elohim auch einen Gott nannte, ihn aber als abhängig vom Vater dachte. Auch die Kirchenväter der ersten drei Jahrhunderte nennen Christus, als Sohn Gottes, einen Gott, betrachten ihn aber überall als abhängig vom Vater. Im 4. Jahrh. aber entstand ein Streit darüber, ob der Sohn, wie Arius behauptete, erst in der Zeit vom Vater gezeugt, also erschaffen und dem göttlichen Wesen nicht gleich, oder ob er, wie Athanasius wollte, von Ewigkeit gezeugt und dem Vater am Wesen ganz gleichst!. Das erste allgemeine Concilium zu Nicäa im J.325entschicdfürdielctztere Behauptung. Da nun auch die Frage entstand, wie sich der heilige Geist zu Vater und Sohn verhalte, welchen man bis dahin als einen Gott dienstbaren Geist betrachtet hatte, so erklärte das allgemeine Concilium zu Konstantinopel im I. 381, der Geist sei auch Herr, wie Gott, und dem Vater und Sohne gleich, und das Dogma wurde am Ende so fcstgestcllt, wie cs nach des Augustinus Vorstellung in dem im 5. Jahrh. gefertigten Athanasianischen Symbolum vorliegt, nämlich daß die eine göttliche Substanz drei gleich göttlichen Personen oder Individuen gemeinschaftlich sei, oder daß die drei Personen der eine wahre Gott sind. Jede davon abweichende Vorstellung wurde als Ketzerei angesehen und bestraft. (S. Antitrinitarier.) Das Bedenkliche dieses Dogmas war, daß man die göttliche Substanz als den Inbegriff göttlicher Kräfte, als etwas vom göttlichen Bewußtsein Verschiedenes dachte, und daß man das göttliche Bewußtsein in eine Freiheit auflöste, da doch die Einheit desselben (die stete Unterscheidung des Jchs von jedem Nichtich) das Wesen eines jeden Bewußtseins ist. Die orthodoxen Lehrer der Kirche suchten diese Bemerkung dadurch zu beseitigen, daß sie behaupteten, das Wesen Gottes sei so unergründlich, daß es auch Bestimmungen haben könne, welche der menschlichen Vernunft ganz unfaßbar seien. Wie die neueste Philosophie das Dogma von der Dreieinigkeit als Gewand ihrer Speculatienen gebraucht hat, ist hier nicht nöthig zu erörtern. (S. Pantheismus und Hegel.) Dreifeldcrwirthschaft nennt man das Ackerbausystem, nach welchem sämmtliche zu einem Gute gehörige Felder in drei Schläge abgctheilt sind. (S. Ackerbau.) Ob die Dreifeldcrwirthschaft zuerst in Italien aufkam, ist zweifelhaft; so viel aber ist gewiß, daß in Italien, zur Blütezeit des röm. Ackerbaus, eine mehr freie als sich nach gewissen Regeln bindende Wirtschaft betrieben wurde. Nach Deutschland wurde die Dreifelderwirtschaft durch Karl den Großen verpflanzt, der sie bald auf allen Domainen seines Reichs cinführte, Dreifuß Dreiklaug 459 wie sich aus seinem „Oaztttul-lro lle villis imporatoris" ergibt. Für die damals kaum seßhaft gewordenen Franken mag dies sehr zweckdienlich gewesen sein; nachtheilig aber hat cs auf die Erhebung der Landwirthschaft in Deutschland eingewirkt, daß man auch später an der Dreifeldcrwirthschast hartnäckig festhielt, wozu freilich in vielen Fällen die Servitute, die eine freie und unumschränkte Benutzung des Bodens nicht gestatteten, viel beigetragen haben mögen. Erst als später der Ackerbau nicht mehr als ein verächtliches Gewerbe angesehen, als er auch von dem Adel und den großen Gutsbesitzern betrieben wurde, als die agrarische Gesetzgebung sich vortheilhaster für den Ackerbauer gestaltete, als Wälder und Sümpfe mehr und mehr verschwanden und die vermehrte Bevölkerung mehr Bedürfnisse erheischte, ging man allmälig von der reinen Dreifelderwirthschaft ab und benutzte einen Theil des Brachfelds zum Anbau sogenannter Brachfrüchtc. Noch mehr wurde die Brache seit Einführung des Kartoffel- und besonders des Klee- und Olfruchtbaus eingeschränkt. Da man zu gleicher Zeit, um immer mehr Acker zu gewinnen, nach und nach einen großen Theil der Außentriftcn und Wiesen zu Feld machte, und nun nicht Raum genug zum Weiden des Viehs blieb, war man häufig auch genöthigt, die Sommerernährung eines Theils desselben auf dem Stalle vorzunehmcn und die Stallfütterung des Rindviehs einzuführcn, die sogar an vielen Orten, nachdem sich der Kleebau eingebürgert hatte, zur Regel wurde. Durch diese Umänderung entstand die sogenannte verbesserte Dreifelderwirthschaft, jetzt die in Mitteldeutschland allgemein üblichste und in manchen Verhältnissen vielleicht auch die beste. Ein großer Zrrthum aber ist cs, wenn man dies für alle Fälle glaubt; denn sehr oft würde öin anderes Wirthschaftssystcm, besonders die Fruchtwcchselwirthschaft, einen ungleich höhern Ertrag gewähren, weshalb man es beklagen muß, daß die Einführung derselben an manchen Orten durch Einrichtungen, die mit der allgemein angenommenen Drcifelderordnung innig verbunden sind, z. B. durch das Weide- und Zchntrecht der Gutsherren auf den Feldern ihrer Unterthanen, den Brachzwang in einzelnen Gemeinde» und andere dergleichen Scrvi- cutc, unmöglich gemacht wird. Zwar ist in dieser Beziehung in der neuesten Zeit, namentlich in Preußen und Sachsen, viel geschehen, in nicht wenigen Ländern ist es aber zur Ablösung der einen rationellen Ackerbau hindernden Lasten noch nicht gekommen. Man rühmt gewöhnlich von der Dreifelderwirthschaft, daß sie von gleicher Bodenflächc mehr Getreide als andere Wirthschaftsartcn liefere, weil sic den größten Theil des ackerbarcn Landes damit bestelle. Dies ist aber nur in dem einen Falle wahr, wenn bei einem Gute natürliche Wiesen in großer Ausdehnung vorhanden sind, obwol auch hier ein anderes Wirthschastssystem, verbunden mit künstlichem Futtcrbau, einen um so höher» Reinertrag liefern würde, als bei einem vermehrten und gut genährten Vichstande und bei einem eingeschränkten Gctrcide- und ausgedehnten Futtcrbau, vieler und guter Dünger gewonnen und bei verminderter Feldarbeit doch reiche Ernten an Körnerfrüchten gemacht werden, wozu auch noch der erhöhte Nutzen aus dem Vichstande kommt. Dieses zu erreichen, ist aber der Fruchtwechselwirth- schaft und selbst der verbesserten Schlag- oder Koppelwirthschaft eher möglich als der Drei- fclderwirthschaft, selbst wenn sie in günstigen Verhältnissen mit Intelligenz betrieben wird. Dreifuß. Der Dreifuß (TripuS) war ein symbolisches Geräth des griech. Alterthums, daS zuerst in Verbindung mit bacchischen Rcligionsideen, dann auch in Verbindung mit dem Apollondienst zu Dclphi (s. d.) vorkommt und überhaupt als Symbol der Weis- sagung.sowie göttlicher Herrschaft und Weisheit betrachtet wurde. Sehr alt sind die Sagen von geraubten, geschenkten oder verlorenen Dreifüßen, auf welche sich fast überall Herrscherrechte und andere Ansprüche gründen. Bekannt ist der Dreifußraub des Hercules, der auf dem Candelaberfuß in der Antikensammlung zu Dresden dargcstcllt wird. Vgl. Otfr. Müller, „De tripode delpbicn" (Gött. > 820 , -t.) und Böttiger in der „Amalthea" (Bd. l). Dreiklang (trias Imrinonica) heißt der Zusammenklang dreier Töne im Verhältnisse von zwei Terzien. Er besteht demnach aus Grundton (tonica), Terzie (medmute) und Quinte (domiiumte). Die Versetzung dieser Töne gegeneinander gibt den Sextaccord, aus einer Terzie und einer Quarte bestehend und den Quartscxtaccord, dessen Intervalle Quarte (unten) und Terzie (oben) sind. Ist die Terzie eines Drciklangs eine große, so heißt er harter Dreiklang (Duraccord), ist sie eine kleine, weicher Dreiklang (Mollaccord); besteht er aus zwei kleinen Terzien, so nennt man ihn den verminderten, einen übermäßigen aber, wenn 460 Drei Könige Dreißigjähriger Krieg ! jene beiden Terzien große sind. Jede Verbindung dreier Töne in andern Verhältnissen nennt man besser dreistimmigen Accord. Drei Könige (die heiligen) sind das Erzcugniß einer christlichen Sagenbildung, die sich an Matth. 2, t fg. anschloß. Hier werden nämlich Magier erwähnt, die unter der Leitung eines Sterns wahrscheinlich aus Arabien nach Bethlehem kamen, um den neugeborenen Messias anzubetcn und ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen darzubringen. Später folgerte man nun aus diesem dreifachen Geschenke, daß es deren drei, und aus Psalm 7«>, 10, Jcs. 49, 7, daß es Könige gewesen seien; ja man ging so weit, ihreNamen zu bestimmen und sie Melchior, Kaspar und Balthasar zu nennen. Als die Erstlinge des heidnischen Auslandes, denen die Geburt des Heilandes durch eine außerordentliche Sternerscheinung kund- gethan worden sei, wurden sie in der Kirche namentlich am Feste der Epiphania (s. d.), das deshalb auch das Fest der heiligen drei Könige hieß, erwähnt und gefeiert. Im Kalender ! sind die drei Tage unmittelbar nach Neujahr nach ihnen benannt. ^ Drei Männer im feurigen Ofen (die) sind aus dem sagenhaften Berichte des ^ Buchs Daniel (3, 1 — 30) bekannt. Nach diesem befanden sich unter den mit Daniel De- j portirten und am Hofe Ncbukadnezar's erzogenen jüdischen Jünglingen drei, Namens - Anania, Misael und Asaria, die vor einem aus königlichen Befehl errichteten Götzenbilde nicht nicderfallen wollten und deshalb gebunden in einen glühenden Ofen geworfen wurden, aber mit Hülfe eines Engels völlig unversehrt blieben. In Folge davon bekannte sich der König in einem Ediete zum Verehrer Jehovah's. In der alcxandrinischen Übersetzung des i Daniel steht außerdem ein Gebet des Asaria und ein Gesang der Drei Männer im Feuer, § welche beide Stücke in der Luther'schen Bibelübersetzung zu finden sind. j Dreißnnige, d. h. Menschen, welche blind und taubstumm zugleich sind, finden sich ^ nur selten. Solche Unglückliche können nur auf eine sehr dürftige Art gebildet und beschäf- > tigt werden. Mittels des Tastsinnes allein läßt sich auf sie wirken, und es erfodert große Mühe und Geduld, sie zu einfachen Handarbeiten, z. B. znm Stricken, Strohflechten u. s. w. abzurichten. In neuester Zeit sind zwei Beispiele von drcisinnigen Kindern bekannt geworden; beide waren Mädchen und Amerikanerinnen. Dreißigacker , ein Dorf mit etwa 430 E. in der Nähe von Meiningen, ist besonders berühmt durch die daselbst vom Herzog Georg von Sachsen-Meiningen gestiftete Forstlehr- s anstatt, welche 1803 zur Forst- und Jagdakadcmie erhoben wurde, die unter Bechstein's s (s. d.) Leitung trefflich gedieh. Das Jagdschloß, worin dieselbe sich befindet, ist ein massives, i zu Anfänge des 18. Jahrh. erbautes Gebäude, umgeben von verschiedenen Waldungen, wo § eine Forstbaumschulc, ein Thiergarten und eine Fasanerie eingerichtet sind. j Dreißigjähriger Krieg. Die entfernten ürsachen dieses Kriegs lagen in der Reformation und nächstdem in dem Neligionsfrieden zu Augsburg von 1535. Die Katholiken und Protestanten, weit entfernt, durch diesen Frieden miteinander ausgesöhnt zu werden, fanden in demselben nur eine neue Veranlassung zu argwöhnischer Eifersucht und zu fortdauernden Reibungen; durch die Eingebungen der Jesuiten gereizt, suchten namentlich die katholischen Regenten den lutherischen und calvinischen Glauben allenthalben in ihren Ländern wieder zu unterdrücken und die seit dem passauer Vertrag eingezogenen geistlichen Stif- f tungen wieder zu erlangen. Um sich gegen diese immer weiter greifenden Gewaltthätigkeiten ! zu schützen, vereinigten sich die protestantischen Fürsten, an ihrer Spitze der Kurfürst Fried- i rich V. von der Pfalz, am 4. Mai 1608 zu Anhausen in Franken zu einem Bündnisse, die ^ Union genannt, und traten zwei Jahre später, als ihnen gegenüber Maximilian Herzog ! von Baiern, gleichfalls ein Bündniß, die heilige Ligue (s. d.) zu München am 10. Juli 1609 gestiftet hatte, sogar mit Heinrich IV. von Frankreich in Allianz. Jndeß hatten die Böhmen, die wenigstens zwei Drittheile Protestanten unter sich zählten, die Spaltung im Kriserhause zwischen Rudolf II. und Matthias benutzt, um sich von Rudolf in dem sogenannten Majestätsbriefe, vom 11. Juli 1609, eine ziemlich unumschränkte Religionsfreiheit zusichcrn zu lassen, die auch Matthias bei seinem Regierungsantritte ihnen zu bestätigen sich gezwungen sah. Vermöge desselben wurde den Städten und dem Ritterstande auch das Recht, protestantische Kirchen und Schulen aufzubauen, gestattet. Als aber in einer kleinen Stadt, Klostergrab, und in Braunau, unter der Regierung des Kaisers Matthias, die pro- 4L1 Dreißigjähriger Krieg testantischen Unterthancn wider den Willen ihrer Gutsherren, des Erzbischofs von Prag und des Abts von Braunau, Kirchen zu bauen anfingen, wurde auf kaiserlichen Befehl die in Klostergrab erbaute niedergerissen und die zu Braunau geschloffen. Auf ein Bittschreiben in dieser Sache an den Kaiser erfolgte eine harte Antwort; gleichzeitig aber verbreitete fich das Gerücht, der Kaiser wisse von dieser Antwort nichts, sie sei in Prag abgcfaßt worden. Demzufolge drangen, als ani 23. Mai I6IF die kaiserlichen Näkhe auf dem Schlosse zu Prag versammelt waren, Abgeordnete der protestantischen Landstände, unter Anführung des Grafen Thurn, bewaffnet in den Saal und verlangten zu wissen, ob die Räche Antheil an der Abfassung des kaiserlichen Schreibens hätten. Als nun hier im Hin- und Herreden der Streit sich immer mehr erhitzte, warf man zuletzt die beiden den Protestanten ohnehin verhaßten Räche Martinitz und Slawata nebst dem Secretair Fabricius zum Fenster hinaus in einer Höhe von 28 Ellen in den trockenen Schloßgrabcn hinab, ohne daß sie bedeutend beschädigt worden wären. Von diesem Ercigniß ab datirt man den Anfang des Dreißigjährigen Kriegs, oder vicl- i mehr zunächst des Böhmischen Kriegs 1618—2t). Die Böhmen ernannten sogleich 3t) ! Direktoren, welche die Negierung übernahmen, vertrieben die Jesuiten und gaben dem Gra- j fen Thurn den Oberbefehl über das eilig versammelte Heer. Bereits im Juni verbanden sich > die Böhmen mit der Union, die ihnen ein Hülfscorps von 4000 M. unter dem tapfern Gra- ! fen Ernst von Mansfeld sendete, und nach vergeblichen Unterhandlungen begannen die > Feindseligkeiten. Zweimal wurden die Östreichcr unter Bouqnoi und Dampierrc geschlagen, > und den Böhmen auf ihr Andringcn nun auch von Schlesien und Mähren Unterstützung > zugeführt. Mitten unter diesen Unruhen starb am 20. März 1619 der Kaiser Matthias. ° Die Böhmen erklärten seinen Nachfolger in der östr. Monarchie, den am 28. Aug. l 619 t zum röm. Kaiser erwählten Ferdinand 11., weil sie seinen Haß gegen den Protestantismus . kannten, der böhm. Krone für verlustig und übertrugen dieselbe dem rcformirten Kurfürsten von der Pfalz, Friedrich V., der sic auch nach einigen Bedenklichkeiten, vorzüglich im Vertrauen auf die Union und auf die Hülfe seines Schwiegervaters, des KönigsJakob von England, annahm und am2.Nov. gekrönt wurde. Das Glück begünstigte ihn jedoch nicht lange. Zwar gelang es Thurn, durch die Unterstützung des tapfern Fürsten Bethlen Gabor j (s. d.), der aus Verabredung von Presburg aus vordrang, Bouquoi zurückzutrcibcn Und bis j vor Wien zu kommen, allein schlechte Witterung und Mangel zwangen beide Heerführer I bald zur Umkehr. Ferdinand schloß hierauf einen Waffenstillstand mit Bethlen Gabor, übertrug , nachdem er die Ligue für sich gewonnen, Maximilian den Oberbefehl des Feldzugs und bewilligte ihm Oberöstreich als Unterpfand für dieKriegskosten. Zugleich wußte er auch ^ den Kurfürsten von Sachsen, Johann Georg, gegen unterpfändliche Einräumung der Lausitzen, auf seine Seite zu ziehen. Während nun die Union, durch Frankreichs Rücktritt cin- geschüchtert, zu Ulm am 3. Juli 1620 durch einen Friedcnsvertrag mit dem Feinde sich die Hände band, rückte Maximilian ungestört an der Spitze von 30000 M. nach Oberöstrcich vor und zwang die gegen den Kaiser schwierigen Stände zur Huldigung. Mit Bouquoi vereinigt fiel er dann in Böhmen ein, während der Kurfürst von Sachsen mit 16000 M. siegreich in Schlesien vordrang und Spinola mit 20000 M. die Pfalz besetzte. Von zwei Sci- ? ten bedrängt, zog sich Friedrich von Pilsen nach Prag zurück, wo am Weißen Berge am 8. ! Nov. 1620 für ihn innerhalb einer Stunde die Schlacht und mit ihr Krone und Kurwürde ^ verloren gingen. Friedrich, vom Kaiser geächtet, floh über Breslau und Berlin nach Holland, und Prag und Böhmen mußte sich dem Sieger unterwerfen. Ein strenges Gericht ließ Ferdinand über dieses Land sowie über Mähren ergehen. Die Anführer und Beförderer des Aufruhrs wurden am Leben oder an ihren Gütern gestraft, alle Religionsfreiheiten vernichtet, die Jesuiten zurückgesührt, die protestantischen Prediger vertrieben, jeder nicht- katholische Gottesdienst verboten und der Majestätsbrief von Ferdinand eigenhändig zer- - schnitten. Durch diese Maßregeln gezwungen, wanderten mehr als 30000 Familien aus, unter ihnen 185 Geschlechter des Herren- und Ritterstandes. Ganz auf ähnliche Weise ver- I fuhr der Kaiser in Ostreich; auch hier wurde Zeder, der nicht zum katholischen Glauben über- I trat, Landes verwiesen und seiner Güter beraubt. Die Union aber, die sich zeither so unthätig > gezeigt hatte, löste sich freiwillig auf.. 462 Dreißigjähriger Krieg Jndeß war der Krieg hiermit noch nicht geendigt; es begann nun der Pfälzische Krieg 1620 — 2, und Graf Mansfeld (s. d.), der glücklich aus Böhmen entron- neu war, hatte im Elsaß sein Heer bis auf 20000 M. verstärkt und focht gemeinschaftlich mit Markgraf Friedrich Georg von Baden und Herzog Christian von Äraunschweig für Friedrich'S Sache. Während er selbst den liguistischen Feldherr» Tilly bei Wis- loch am 29. Äpr. 1622 schlug, besiegte dieser den Markgraf von Baden, der sich unklugcr- weise von Mansfeld getrennt, bei Wimpfen am 6. Mai und den Herzog von Braunschweig bei Höchst am 20. Juni. Da sank Friedrich'S V. Muth, und im verzwciflungsvollcn Ver- > trauen, durch Unterhandlungen den Kaiser zu versöhnen, entließ er Mansfeld und Christian, und gab seine Erblande bloß, in welche Tilly eindrang! mit seinen Soldaten schonungslos > wüthete und Manheim und Heidelberg erstürmte. Damals wandcrte die herrliche heidel- berger Bibliothek nach Rom. Hierauf ward Maximilian von Baicrn, gegen Rückgabe des verpfändeten Obcröstreichs, auf dem Reichstage zu Negensburg, trotz Brandenburgs und - Sachsens Einspruch, am 6. März 1623 mit der pfälzischen Kur belehnt. Jndeß hatte sich Tilly nach Niedersachsen gewendet, wo er protestantische Kirchen wegnahm, die lutherischen Geistlichen verjagte und andere Gewaltthätigkciten verübte. Dies veranlaßte die nicder- sächs. Fürsten und Stände, an ihre Rettung zu denken und zu den Waffen zu greifen. Man ! übertrug 1625 dem Könige Christian IV. von Dänemark die oberste Leitung des Kriegs, zu dem England Subsidicngelder und Holland Truppen sendete; und auch Mansfeld schloß sich an den König an. Während dieser Vorbereitungen hatte der Kaiser, darauf bedacht, sich ein eigenes, von der Ligue und Maximilian unabhängiges Heer zu schaffen, Wallenstein (s. d.) zu seinem Feldherrn ernannt, der mit einem Heere von beinahe -10000 M-, das fortdauernd wuchs, von Böhmen aus nach Norden sich bewegte. Mansfeld versuchte sich ihm cntgegenzustellen; aber bei Dessau am 25. Apr. 1626 von Wallcnstcin's Übermacht ge- ^ schlagen, wendete er sich, in der Absicht, den Krieg wieder in die östr. Erblande zu spielen, mit dem Herzoge Johann Ernst von Sachsen-Weimar verbunden, nach Schlesien, Mähren und Ungarn, wohin ihm zu folgen Wollenstem sich gezwungen sah, ohne ihn jedoch zu erreichen. Erst nach Mansfeld's (am 30. Nov.) und Johann Ernst's (am -1. Dcc.) Tode und mit großem Verluste an Mannschaft kehrte Wollenstem durch Schlesien nach Nord- dcutschland zurück, wo indeß Tilly den König Christian I V. bei Lutter am Barenberge am 27. A»g. 1626 völlig geschlagen und hierauf des ganzen niedersächs. Kreises sich bemächtigt , hatte. Als Tilly bald hernach auch den Markgraf Georg Friedrich von Baden, der sich ihm i mit einen Haufen tapferer Protestanten cntgcgcnwarf, besiegt hatte, einigten sich die beiden Feldherren dahin, daß Tilly westwärts abzog, da die Holländer Braunschweig bedrohten, ! Wallenstein dagegen Mecklenburg eroberte und in Jütland cindrang. Zum Herzog von ' Mecklenburg vom Kaiser erhoben, unternahm hierauf Wallenstein die Belagerung von Stralsund, vom Mai bis Juli 1628, das jedoch, von Dänemark und Schweden kräftig i unterstützt, alle Angriffe muthig abschlug, und schloß am 12. Mai 1629 zu Lübeck den Frie- ! den mit Dänemark ab. Der Religionsverhältniffe und der verbündeten Fürsten wurde in s> demselben nicht gedacht; Christian erhielt die verlorenen Provinzen zurück, wogegen er ver- !> sprach, ferner in die deutschen Angelegenheiten sich nicht zu mischen. Nach diesem neuen , Siege hielt cs Ferdinand II. an der Zeit, die längst beabsichtigte Gegenreformation durch;»- I setzen. Demgemäß Unterzeichnete er auf Anrathen des jesuitischen Paters Lamormain am ^ 6. Mär; >629 das verhängnißvolle Restitutionsedict, nach welchem alle seit dem paffauer Vertrage von den Protestanten eingezogenc mittelbare Stifte und Kirchengütcr I den Katholiken zurückgegeben, die Neformirten vom Religivnsfrieden ausgeschlossen und die protestantischen Unterthanen katholischer Fürsten zum Katholicismus zurückgeführt werden sollten. Mit Gewalt der Waffen ward dieses Restitutionsedict zunächst in allen Reichsstädten, in Augsburg, Ulm, Rcgensburg, Kaufbcuern und anderwärts vollzogen, während nur Magdeburg tapfer» Widerstand zu leisten vermochte, und bereits begann man dasselbe auch ^ auf die Länder protestantischer Fürsten anzuwcnden. Der Unwille über diese Schritte des Kaisers einerseits sowie über Wallcnstcin's Erpressungen und Verwüstungen andererseits zeigte sich unverhohlen auf dem Reichstage zu Negensburg im I. 1 630, wo die Kurfürsten und ihre Gesandten mit heftigen Beschwerden auftraten, und es namentlich Maximilian in 463 Dreißigjähriger Krieg Verbindung mit Richelieu's Abgesandten, dem Pater Joseph, gelang, die Entlassung Wal- lenstein's, der sich auf seine Güter zurückzog, durchzusetzen. Das kaiserliche Heer wurde bedeutend (um 66606 M.) vermindert und Tilly zum Obcrfcldherrn desselben ernannt. Doch jetzt erschien Gustav Ado lf(s. d.), König von Schweden, um den bedrängten Protestanten Hülfe zu bringen, und es begann nun der Schwedisch-deutsche Krieg. Durch die Ausdehnung der kaiserlichen Gewaltherrschaft bis ans Baltische Meer bedenklich gemacht und durch Wallenstein's Unterstützung der Polen gereizt, dabei von heißer Liebe zu seinem Glauben entflammt, landete er am 2-1. Juni 163» an der pommerschen Küste, eigentlich auf der Insel Usedom, mit 15666 M. Sogleich vertrieb er allenthalben die kaiserlichen Besatzungen, nöthigtc den Herzog Bogiflaw XIV. von Pommer» zu einem Bündnisse und zur Einräumung der Festung Stettin und zog hierauf nach Mecklenburg, wo er die geächteten Herzoge in ihren Ländern wicderhcrstellte. Die Stadt Magdeburg, Landgraf Ludwig Wilhelm von Hessen-Kassel und die Herzoge von Sachsen-Weimar schlossen sich ihm freiwillig an, dagegen suchten Brandenburg und Sachsen diesem Bündnisse auszu- weichen, um, getrennt von dem Kaiser und den Schweden, in einen bcsondcrn Bund, dessen Haupt Johann Georg werden wollte, zusammenzutretcn. Jndeß rückte Gustav Adolf nach Brandenburg vor, drängte Tilly, der sich hier entgegenstcllte, zurück, eroberte Frankfurt an der Oder und Landsberg und verlangte vom Kurfürsten von Brandenburg die Festung Spandau, vom Kurfürsten von Sachsen die Übergabe von Wittenberg. Diese Unterhandlungen verzögerten das Vorrücken der ,Schweden und gewährten Tilly und Pappcnhcim Zeit, Magdeburgs Eroberung und Zerstörung zu vollbringen (am 26. Mai >631). Jetzt erst trat Brandenburg und, von Tilly geängstet, auch der Kurfürst von Sachsen mit den Schweden in Bündniß. Nach Vereinigung ihrer Truppen bei Düben gingen die verbündeten Fürsten Tilly entgegen, der sich nach erfolgter Verstärkung seines Heers durch den kaiserlichen General Grafen von Fürstenberg bei Breitenfeld unfern Leipzigs aufgestellt hatte. Gustav Adolf erfocht hier über Tilly am 17. Sept. I63l einen glänzenden Sieg und zog hierauf durch Thüringen und Franken nach Baicrn, während der Kurfürst von Sachsen mit seinem General Arnim die Eroberung Böhmens übernahm. Der König eroberte Würzburg und Mainz; er erzwang den Übergang über den Lech, wobei Tilly am 6. Apr. 1632 tödtlich verwundet ward; er befreite Augsburg und zog mit Friedrich V. am 7. Mai in München ein, worauf nunmehr auch andere protestantische Fürsten, wie Würtcmberg und Baden, sich an ihn anschlossen. Da zwang die Noth den Kaiser, Wallcnstcin unter dcmüthi- gcnden Bedingungen und mit unumschränkter Macht im Apr. 1632 wieder zum Feldherrn zu machen. In kurzer Zeit schuf dieser ein neues bedeutendes Heer, mit dem er zunächst die Sachsen wieder aus Böhmen trieb. Nachdem er sich dann mit Maximilian's Truppen, die sich aber unter seinen Oberbefehl stellen mußten, vereinigt hatte, zog er auf Nürnberg zu, wo Gustav Adolf im wohlverschanztcn festen Lager stand. Drei Monate lang harrten hier beide Heere, einander gegenübergelagcrt, bis immer heftiger wüthender Mangel und Seuchen cs nöthig machten, sie zu trennen. Wallenstein bedrohte hierauf Sachsen, und Gustav eilte ihm nach, seinen Bundesgenossen zu retten. Bei Lützen am 16. Nov. 1632 trafen die feindlichen Heere zusammen, Gustav Adolf und Pappenheim (s. d.) fanden den Heldentod; Bernhard von Weimar (s. d.) behauptete das Schlachtfeld, und Wallenstein nahm seinen Rückzug nach Böhmen. Nach dem Tode des Königs trat der schweb. Staatskanzlcr Axel O xcnst i er na (s. d.), zum Legaten der schweb. Krone in Deutschland vom stockholmer Reichsrathe ernannt, an die Spitze der Kriegsangelegcnhciten. Nicht ohne Schwierigkeiten verband er zunächst, unter neidischem Widerspruch des sächs. Kurfürsten, durch den heilbronner Convent im Apr. 1633 die Stände des fränkischen, schwäbischen und der beiden Rhein- kreisc mit Schweden. Man wählte Bernhard von Weimar und Herzog Georg von Braun- schwcig-Lüneburg zu Oberbefehlshabern der Heere. Bernhard zog, nachdem er das ihm schon früher zugetheilte Fürstenthum Franken in Lehen genommen, von Donauwörth aus nach Baiern, ängstigte den Kurfürsten Maximilian und brachte Regensburg zur Übergabe; der Herzog von Braunschweig-Lüneburg aber agirte im nordwestlichen Deutschland gegen die Trümmer der kaiserlichen Hccresmacht. Wallcnstcin dagegen, statt schnell und am rechten Orte thätige Hülfe zu leisten, zog zwecklos in Schlesien und der Lausitz hin und wieder. 46L Dreißigjähriger Krieg knüpfte mit Sachsen, Schweden, Brandenburg und Frankreich abwechselnd Unterhändlern- ' gen an und bewirkte endlich durch dieses zweideutige Benehmen, daß er am 25. Febr. 1633 - mit des Kaisers Bewilligung zu Eger meuchlerisch ermordet wurde. An seiner Stelle über- . nahm, unter dem Obercommando Ferdinands III., Gallas den Heerbcfchl. Während nun I Arnim erst allein siegreich nach Schlesien, und dann mit Bauer (s. d.) in Böhmen vordrang, Bernhard dagegen mit untergeordneten Zügen bald nach Franken bald nach Schwaben seine Zeit verlor, zog das kaiserliche Heer an der Donau herauf, eroberte Regensburg wieder und ^ brachte den beiden Generalen Herzog Bernhard und Horn in der Schlacht bei Nördlin- , gen(s. d.) am6. Sept. 163-1 eine völlige Niederlage bei, wobei General Horn gefangen ! wurde. Da nach diesem Siege die Östreicher wieder ungehindert über ganz Deutschland sich I auszubreiten und ihre Verheerungen, namentlich in Hessen, aufs neue begannen, so schloß ! der Kurfürst von Sachsen, aus Furcht und den Schweden ohnedies nicht hold, 1635 zu ! Prag mit dem Kaiser einen Separatfrieden, nach welchem er die Lausitzen erblich erhielt. ^ Auch Brandenburg neigte sich dem Kaiser immer mehr zu, bis es sich offen erklärte. Demzufolge sah Frankreich, dessen Politik ein Obsiegen des Kaisers nicht wünschen ! konnte, zum offenen, thätigen Bündnisse mit Schweden sich genöthigt, das in Gefahr war, zu unterliegen, und es begann nun der Französisch-schwedisch-deutsche Krieg. Anfangs mußte zwar Bauer, der das einzig noch übrige schweb. Heer befehligte, vor den überlegener Sachsen sich zurückziehcn, besiegte sie aber später bei Dömitz am 22. Oct. >635 und drang nun, von Torstenson verstärkt, in die Mark Brandenburg, eroberte Havelberg und bedrohte Berlin. Als hierauf der Kurfürst von Sachsen zu Hülfe eilte, wandte Bane'r sich ebenso schnell wieder in dessen Land zurück, das er aus Rache wegen des Kurfürsten Abfall furchtbar verheerte. Dann schlug er bei Wittstock im Brandcnburgischen am -1. Oct. l 636 die mit dem kaiserlichen General Hatzfeld vereinigten Sachsen völlig, befreite Hessen von tzen Ostreichern und drang aufs neue in Sachsen ein, wo er Torgau und Erfurt eroberte und neue schreckliche Verwüstungen eintreten ließ. Vor Gallas' Übermacht zog er sich mit schlauer Kriegslist nach Pommern, um diesen, als dessen Heer durch Mangel und Seuche geschwächt war, kurz darauf siegreich vor sich her nach Schlesien und Böhmen zu treiben. Jndcß hatte auch Bernhard von Weimar, der durch den Vertrag zu Saint-Germain-cn-Laic General der franz. Armee geworden war, nach langwierigen Unterhandlungen mit Frankreich über seine Stellung und die ihm zu gewährenden Hülssmittel endlich im I. 1636 den Feldzug eröffnet. Er vertrieb zunächst die kaiscrlichen.Gcncrale Gallas und den Herzog von Loth- - ringen aus dem Elsaß, besiegte die Kaiserlichen bei Rheinfelden am 21. Febr. 1638, bei welcher Gelegenheit der östr. General von Werth gefangen wurde, eroberte am 7. Dec. die Hauptfcstung Breisach, nachdem er zweimal die zum Entsatz geschickten kaiserlichen Corps geschlagen, und rüstete sich zur Vereinigung mit Bane'r in Böhmen, als ihn ebenso unerwartet als räthselhast am 8. Juli >639 der Tod traf. Das bereits auf ihn eifersüchtig' Frankreich, froh seiner los zu sein, wußte durch schlaue Mittel sich in den Besitz seiner Eroberungen und seines Heers zu setzen, und schon wollte Schweden, hierüber misvergnügt, mit dem Kaiser Ferdinand III., der während dessen im I. 1637 seinem Vater auf dem Throne , gefolgt war, den Frieden schließen, als Richelieu noch zu rechter Zeit dies hinderte und somit der Krieg aufs neue entbrannte. Zunächst wurde im Febr. >6-10 Bane'r von dem neuernami- ten östr. Generalissimus, Erzherzog Leopold Wilhelm, dem Piccolomini berathend zur Sei« stand, aus Böhmen nach Sachsen und Thüringen zurückgeworfcn. Hier aber verstärkte er sich wieder durch das franz.-weimarischeHecr unter Longueville und durch braunschwcig. und hessische Hülfstruppen. Unterdessen hatte sich derNeichstag zu Regensburg versammelt, aus - welchen der Kaiser mit den katholischen Ständen die ordnungsmäßigere Fortsetzung des ^ Kriegs ^u bcrathen beabsichtigte. Da erschien plötzlich mitten im Winter, im Jan. 1631 , Bauer mit seinem durch Marschall Gucbriant verstärkten Heere vor Rcgensburg und nur ein uner- - wartet eingetretenes Ereigniß vereitelte die Erstürmung der Stadt. Bane'r zog sich durch Böh- t men nach Sachsen zurück und starb bald darauf am 20. Mai 1631 zu Halberstadt, in Folge seiner Ausschweifungen. An seiner Stelle übernahm der Feldmarschall Torstenson (s- d-) den Oberbefehl. Obgleich durch die Gicht an Händen und Füßen gelähmt, sodaß «r meist i» einer Sänfte getragen werden mußte, stand doch Torstenson an Schnelligkeit der Bewegungen s e> b a d 8 L li u e v 8 h d n u k> 8 5 ri u d> ei hl s- 6 d s b a g d e S ! L r r l Dreißigjähriger Krieg 465 feinem Vorgänger nicht nach. Durch Brandenburg und die Lausitz drang er nach Schlesien vor, eroberte Großglogau und Schweidnitz und wollte sich, in Mähren festsetzen, als die neugeworbene 33666 M. starke kaiserliche Armee, unter dem Erzherzog und Piccolomini gegen ihn anrückte. Geschickt wußte er über die Oder nach Krossen auszuweichcn und auf seinem Wege durch die Lausitz nach Sachsen bis Leipzig Verstärkungen an sich zu ziehen, sodaß, als es bei Breitenfeld unweit Leipzig am 2. Nov. 1642 auf dem Sicgesfelde Gustav Adolfs zur Schlacht zwischen beiden Heeren kam, die Kaiserlichen eine furchtbare Niederlage erlitten. Während nun die Geschlagenen nach Böhmen flohen, überwältigte Torstenson Leipzig und rückte aufs neue gegen Mähren vor, um den Kaiser in Wien selbst anzugreifcn; aber ebenso unerwartet schnell gelangte er auch in Schleswig und Holstein an, wo er Christian I V. von Dänemark, der, mit dem Kaiser verbündet, gegen dje Schweden sich zum Kriege rüstete, zur Flucht nach den Inseln zwang, worauf Wrangel (s. d.) ihm später im Aug. 1646 einen harten Frieden aufnöthigte. Dem vom Kaiser nachgesendeten Gallas, der Torstenson mit dän. Hülfe einzuschließen drohte, entging er anfangs durch künstliche Märsche und Gegenmärsche, lockte ihn dann in Gegenden, wo Hunger und Mangel im Heere eintreten mußte, und trieb endlich den Rest desselben nach Böhmen. Hier vernichtete er bald darauf bei Jan- kow am 24. Fcbr. l645 das neuaufgestellte Heer unter Hatzfeld und Gütz und bedrohte im Verein mit Nagotzy, Fürst von Siebenbürgen, die kaiserliche Hauptstadt. Nur der Rücktritt Ragotzy's, welchen der Kaiser erkaufte, und Torstenson's mislungenc Belagerung Brünns retteten diesmal den Kaiser. Aus Böhmen gedrängt, zog Torstenson wieder nach Sachsen und nöthigte den Kurfürsten, dem Prager Frieden im Aug. >645 zu entsagen, legte aber bald darauf, durch seine Krankheit genöthigt, das Commando nieder, das nunmehr Wrangel erhielt. Jndeß waren auch die Franzosen nicht müßig gewesen. Guebriant, zum Theil mit hessischen Truppen, hatte bei Kempen im Jan. >642 die Generale Hatzfeld und Lamboy geschlagen, sich nach Thüringen und dann wieder an den Rhein gewendet, wo ihn die bair. Generale Mercy und Johann von Werth hart bedrängten, darauf vom Herzog von Enghien, der Thionville eroberte, verstärkt, im Oct. 1643 Rottweil überfallen, hier aber eine, tödtliche Wunde davongetragcn. Haßfeld und Mercy schlugen in Folge eines nächtlichen Überfalls bei Schneegestöber das franz., einst dem Herzog Bernhard angchörige Heer bei Tuttlingen am 24. Nov. 1613. Die Franzosen sendeten nun Turenne, der vereint mit Enghien, obgleich von Mercy mehrmals geschlagen, endlich bei Allersheim am 3. Aug. 1645 einen Sieg davon trug, der Mercy das Leben kostete. Nach einer kurzen Rückkehr an den Rhein vereinigten sich im Aug. 1646 die Franzosen und Schweden, die letzter» unter Wrangel, drangen durch Schwaben nach Baiern vor und nöthigten durch furchtbare Verwüstungen seines Landes den Kurfürsten von Baiern, den ältesten und treuesten Bundesgenossen des Hauses Ostreich, indem ulmer Waffenstillstände am 14. März 1647 zum Abfalle vom Kaiser; worauf Wrangel wieder siegreich in Böhmen cindrang. Doch bald darauf brach Kurfürst Maximilian den Waffenstillstand und trat wieder auf die Seite des Kaisers, und Werth und. Melander, der neue kaiserliche General trieben nun Wrangel wieder aus Böhmen. Da kehrte Turenne nochmals zurück und vereinigte sich mit Wrangel; Melander wurde bei Zus- marshausen unweit Augsburg besiegt und der bair. General Gronsfeld über den Lech zurückgedrängt, worauf Baiern nun die ganze Last eines verheerenden feindlichen Zuges empfand, während der Kurfürst aus seinem Lande nach Salzburg entfliehen mußte. Zu gleicher Zeit war der schweb. General Königsmark in Böhmen eingedrungen, hatte durch einen nächtlichen Überfall die Kleinseite von Prag genommen und war im Begriff, auch die Altstadt an- zugrcifen, als die Kunde erscholl, daß zu Münster und Osnabrück der Westfälische Friede (s.d.) abgeschlossen sei, der besonders durch die rastlosen Bemühungen des weisen und wohlmeinenden Grafen Trautmannsdorf zu Stande gekommen war. So endete denn dieser greuelvvlle Krieg durch ein wunderbares Spiel des Zufalls an demselben Orte (Prag), wo er begonnen. Aber Deutschland war von einem Ende bis zum andern furchtbar verwüstet und verheert. Zwei Drittheile der Einwohner hatten durch Mord, Seuchen oder Hunger ihr Leben verloren; in Böhmen, das zu Anfänge des Kriegs 3 Mill. reiche betriebsame Protestanten zählte, lebten jetzt etwa noch 786606 katholische Bettler; in Sachsen Conv. - Lex. Neunte Aufl. IV. 30 466 Dreistimmig Dresch kamen allein binnen zwei Jahren 900000 Menschen um; Augsburg hatte statt 80000 nur noch 18000 E. Ackerbau und Gewerbe lagen darnieder, Kunstfleiß und Handel waren ver- schwanden. Andere Nationen, Engländer, Holländer, Italiener und Schweizer, hatten ihn sich,in die Hände gespielt. Ein großer Theil deutscher Länder kam unter fremde Machthaber und blieb zum Theil für immer von Deutschland getrennt. Der politische Einfluß Deutsch, lands war so gut wie vernichtet, das Kaiserthum noch mehr als früher seine- Ansehens be- raubt ; die Freiheit des Bürger- unter den unerträglichen Bedrückungen zu Grunde gegen- , gen, der Glaube in Aberglaube oder Unglaube umgewandelt und, was das Schlimmste, der ^ Nationalsinn der Deutschen gebrochen. Erreicht war, daß die Lutheraner und Reformirtm - freie Neligionsübung in Deutschland erhielten und daß die Reichsfürsten von nun an unein- ^ geschränkter Landeshoheit genossen. Bgl. neben Schiller'- „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs" (2 Bde., Lpz. 1802, fortgesetzt von Weltmann, 2 Bde., Lpz. > 808—9) Menzels „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs in Deutschland" (3 Bde., Brest. 1835—39), Fla- the's „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs" (4 Bde., Lpz. 1839), Barthold's „Geschichte des großen deutschen Kriegs vom Tode Gustav Adolf's ab" (2 Bde., Stuttg. 1841—4>l) i und K. A. Müller's „Forschungen auf dem Gebiete der neuern Geschichte" (3 Lieferungen, Dresd. 1838 — 41). Dreistimmig nennt man im strengern Sinne nur denjenigen Tonsatz, bei welchem drei Instrumental - oder Vocalstimmen so verbunden werden, daß jede der drei Stimmen ihren selbständigen, mehr oder weniger melodiösen Gang erhält. Harmonische Behandlung der einzelnen Stimmen, wenn sie deren auch fähig sind, ist dabei ausgeschlossen. Dam nennt man aber auch Tonstücke dreistimmig, wenn sie für drei Instrumente geschrieben sind, die der Mehrstimmigkeit fähig sind, z. B. Pianoforte, Harfe, Violine, Violoncell, und ' die Harmonieführung also mehr als dreistimmig ist. Einen dreistimmigen Gesang nenn! man Terzett (s. d.), ein Tonstück für drei Instrumente Trio (s. d.). Dreizack, Der Dreizack wird in der Mythologie dem Neptun als Symbol der Herrschaft über daS Meer bcigegeben. Nach der Gewohnheit der griech. Städte, ihre Schutzgitter oder die ihnen eigenthümlichen Attribute auf Münzen zu setzen, erscheint der Dreizack vielfach auf Münzen des Alterthums, z, B. in Sagunt, Trözen u. s. w-, so auch auf den Münzen Siciliens, z. B. des Hiero u. A. Daß der Dreizack auch als Cohortenzeichen bei den Römern in Ansehen stand, beweisen die noch vorhandenen Ziegelstempel. Drenthe, die am wenigsten bevölkerte und ödeste Provinz des Königreichs der Niederlande, begrenzt im Osten von Hannover, im Norden von Gröningen, im Westen »«» Friesland und im Süden von Oberyssel, hat einen Flächenraum von 45 OM. und eine Bevölkerung von etwa 72000 Seelen. Der völlig ebene Boden besteht zumeist aus großen Menen, Torfmooren und Sümpfen, unter denen die Echter Veenen gegen Oberyssel, die Smiider Veenen gegen Friesland zu und das große Burtanger Moor die bedeutendsten sind. Die ärmlichen Bewohner treiben Viehzucht und etwas,Acker-, besonders Buchweizen-und Kartoffelbau, außerdem Woll- und Leinweberei. Der Hauptort ist Meppel an der Aa, mit 5700 E.; der Sitz der Provinzialbehürden ist in Assen am Hornedicp, mit 2000 E. Zm Mittelalter gehörte D. als Grafschaft zum Deutschen Reiche; mit ihr wurden unter Kaiser e Heinrich III. die Bischöfe von Utrecht belehnt. Im ersten Viertel des 16. Jahrh. brachte sie I der HcrzogKarl von Geldern an sich; doch sein Nachfolger mußte sie 1538 an Kaiser Karl V. > abtretm, der sie mit den Niederlanden vereinigte, worauf sie deren Schicksale theilte. Dresch (Georg Leonh. Bernh. von), deutscher Staatsrcchtslchrer, geb. am 10. März > 1786 zu Forchheim, studirte zu Bamberg und auf den Universitäten zu Würzburg und zh , Landshut, wo er 1807 Doctor der Rechte wurde. Hierauf trat er 1808 als Privatdocent i zu Heidelberg auf und wurde 18,0 als ordentlicher Professor der Geschichte nach Tübingen berufen, auch wurde er später zum Bibliothekar, Bücherfiscal und Censor ernannt und 1820 zum Ritter der würtemberg. Krone erhoben. Tiefe Traurigkeit über den Verlust seiner Gat- , tin veranlaßte ihn, aus seinen Verhältnissen in Tübingen zu treten. Er ging nach München, I verehelichte sich jedoch bald darauf wieder und folgte nun einem Rufe an die Universität I Landshut, mit welcher er 1826 nach München verseht wurde. Zum Oberbiblivthckar und pater zum Hosrath ernannt, wohnte er als Abgeordneter der Universität mehren Landtagen > nur ver- nhu »aber ttsch. 1 be^ gan- , !, drr ^ irten - linn- ^ ngm ljelS Fln- licht! ^ lgen,! chcm nih- lung >ann ebm und ^ ennt )eri- ,g°t- ij-ö den ibn v»n >ßen die ind. und mit Zm L liser c esie I lV. !ärz ^ cent! gen 120 iat- >en, ität und» gen Dreschen 467 bei, auf denen er sich allenthalben als eifrigen Verfechter der ministeriellen Interessen bewahrte. Sein stark manierirter Vortrag, verbunden mit dem allzu sichtbaren Bestreben, seine Überzeugung Andern aufzudringen, war jedoch nicht geeignet, einen nachdrücklichen Einfluß auf die Verhandlungen sich zu gewinnen, und in seiner gereizten Stimmung wurde er oft verletzend. Am Schlüsse der Ständeversammlung von > 831 wurde er zum Ministe- rialrathe befördert. Er starb am l. Nov. >836 an der Cholera. Unter seinen zahlreichen Schriften erwähnen wir „Über die Dauer der Völkerverträge" (Landsh. 1808), eine gekrönte Preisschrift; „Übersicht der allgemeinen politischen, Geschichte, insbesondere Europas" (-! Bde., Weim. 1814 —16; 2. Aufl., 1824) und „Öffentliches Recht des Deutschen Bundes und der deutschen Bundesstaaten" (2 Bde., Tüb. > 820). Von Schmidts und Milbillcr's „Geschichte der Deutschen" lieferte er die Fortsetzung vom 21. — 27. Bande, die auch unter dem besondern Titel „Geschichte Deutschlands seit der Stiftung des Rheinbundes" (Ulm 1824-30) erschien und bis zur Eröffnung des Bundestags herabgeht. Als Leitfaden bei seinen Vorlesungen gab er „Grundzüge des bair. Staatsrechts" (Ulm 1823; 2. Aufl., 1835) heraus; auch ließ er seine „Kleinen Schriften histor.-polit.-jurid. Inhalts" (Ulm 1827) und „Abhandlungen über Gegenstände des öffentlichen Rechts, sowol des Deutschen Bundes überhaupt als einzelner Bundesstaaten" (Münch. 1830) erscheinen. Dreschen heißt den Samen oder die Körner der geernteten Feldfrüchte von dem Stroh trennen. Um dies zu erreichen, trieb man in den ältesten Zeiten Pferde, Ochsen und and.ere Thiere über das Getreide, damit sie die Körner austratcn, was auch noch gegenwärtig bei manchen Früchten, namentlich bei Hafer und Ölfrüchten, bisweilen Anwendung findet. Später erfand man zu diesem Behuf Maschine», wie die Dreschwalze (tribul-, oder tribulum), die z. B. in den russ. Ostseeprovinzcn noch jetzt in Gebrauch ist, den Dresch sch litten (Irnlia) und denDreschwagen, welche vvn Öchsen oder Pferden gezogen wurden, endlich das eigentliche Dreschen mit dem Dreschflegel auf der Scheuntenne, was bis jetzt die gewöhnliche Art zu dreschen geblieben ist. Um jedoch bei dieser Arbeit den Aufwand an menschlicher Kraft, Arbeitslohn und Zeit zu beschränken und die Körner so rein und vollkommen als möglich zu gewinnen, hat man in neuerer Zeit wieder mehre Maschinen erfunden, die man in die sogenannten Dreschstampfen und in die eigentlichen Dreschmaschinen oder Dreschmühlen abtheilen kann. Erstere, auf denen die geernteten Früchte gleichsam ausgestampft werden, finden sich häufig in den höher« Gebirgsgegenden des südlichen Deutschlands, in Kärnten, Krain u. s. w., und werden gemeiniglich vom Wasser getrieben. Letztere, viel vollkommener in ihrer Art, find vorzüglich in England gebräuchlich, werden bald durch Wasser, bald durch Zngthiere in Bewegung gesetzt und find von der verschiedenartigsten Einrichtung. Bei den meisten werden die abzudreschendcn Früchte zwischen zwei Walzen durchgetrieben und dadurch von den Körnern befreit; an einigen hat man es auch versucht, ordentliche Dreschflegel anzubringen. In der neuern Zeit haben die Dreschmaschinen auch auf den großem Gütern Deutschlands mehr und mehr Eingang gefunden. Sie sind namentlich empfehlens- werth in wenig bevölkerten Gegenden, wo Mangel an Menschenhänden und deshalb das Arbeitslohn theuer ist. In sehr bevölkerten Gegenden dürften dagegen die Dreschmaschinen aus nationalökonomischen Rücksichten weniger an ihrem Örte sein, weil daselbst das Tagelohn billig ist und durch diese Maschinenarbeit viele Menschen während des Winters arbeitslos gemacht werden. Die sogenannte schot. Dreschmaschine galt lange für eine der besten, ist aber in der neuern Zeit von andern besser construirten Dreschmaschinen verdrängt worden. Zu diesen gehören die Bayer'sche, Seidl'sche, Ugazy'sche, Ragalscky'sche, Einkcrson'sche, Plantsche, Hepner'sche und Leitenberger'sche. Mit dem Dreschen ist zugleich auch das Reinigen des Getreides verbunden. Es geschieht dies thcils durch Würfen mit der Wurf- schaufel, theils mittels gröberer oder feinerer Siebe, theils mittels Getreidereinigungsmaschinen. Diese Maschinen bestehen entweder aus großen, aus Eisendraht geflochtenen Sieben, die in ein mit einem Kasten versehenes Gestelle eingefügt sind, oder in den sogenannten Windfegen oder Staubmühlen, einer neuern Erfindung, mittels deren Spreu, die geringen und die schweren Körner voneinander getrennt werden, ohne daß es des Worfeln- oder Siedens bedürfte. 30 » 46 S Drescher Dresden Drescher oder Drcschgärtner heißen in einigen Gegenden Deutschlands diejenigen landwirthschaftlichen Arbeiter, die auf dem Grund und Boden größerer Güter angesessen, in Besitz eines Hauses und einiges Ackerlandes sind, wofür sie dem Gute gegen einen bestimmten Lohn oder gegen Naturalien Zinsen und Dienste, letztere besonders zur Erntezeit und beim Dreschen, leisten müssen. Diese Ablösungsart der Arbeiter ist aber in keiner Hinsicht zu empfehlen, da sie der Landwirthschasi große Fesseln anlcgt und die Production verringert. Dresden, die Residenz und Hauptstadt im Königreiche Sachsen, an der Elbe im / meißner Kreise, nach neuern Beobachtungen 340 Par. F. über der Nordsee, in einer reizen- . den Thalebene, besteht aus der Altstadt, der eigentlichen Residenz, mit drei Vorstädten (der s Pirnaischen, See- und Wilsdruffer Vorstadt), am linken Ufer der Elbe; ferner aus der von dieser durch die Weiseritz getrennten Friedrichstadt, welche an der Stelle des ehemaligen Dorfes Ostra von August ll. angelegt wurde und durch die vor dem Löbtauer Schlage entstandenen neuen Häuser eine Art Vorstadt erlangt hat; dann aus der Neustadt, am rechten Elbufer, die diesen Namen erst >730 erhielt, während sie bis dahin Altdresden hieß, und aus der Antonstabt, welche seit l 835 den Neuen Anbau und die neuen Anlagen an der Nordscite der Neustadt unter diesem Namen zu einem neuen oder vierten Stadttheil verbindet. Nordwestlich davon liegen noch die sogenannten Scheuncnhöfe und weiter westlich (Stadt) Neudorf, beides zum Stadtweichbilde gehörig und somit gewissermaßen Vorstädte dcrAnkon- stadt. Seit der Abtragung der Festungswerke fortwährend verschönert, gehört D. nicht nur hinsichtlich der Naturschönheit, sondern auch in Betracht seiner äußern Erscheinung zu den freundlichsten Städten Deutschlands. Die Altstadt hat vier freie Plätze, den Altmarkt, . Ncumarkt, den Antonsplatz und den Pirnaischen Platz; die Neustadt zwei, den Marktplatz und den Palaisplatz. Nicht mit Unrecht hat Herder D. in Bezug auf Kunst- und wissenschaftliche Sammlungen das deutsche Florenz genannt. Zu den Sehenswürdigkeiten in der ^ Altstadt gehören die seit 1260 erbaute, 1344 neu aufgeführtc und > 727 — 31 in ihrer f jahigen Schönheit vollendete, 552 Schritte oder 600 Ellen lange Elbbrücke von 16 Bogen und 17 Pfeilern, mit steinernen Nundbänken und eisernem Geländer, mit welchem zugleich die Träger der 36 zur Beleuchtung derselben angebrachten Gaslatcrnen verbunden sind; die katholische Kirche, 1751 nach dem Plane des ital. Baumeisters Gaetano Chiavcri gebaut, mit einer berühmten Orgelvon Silbcrmann und mehren Gemälden von Rafael Mengs, z.B. ^ die Himmelfahrt Christi, am Hochaltäre, die heil.Jungfrau und der heil. Joseph, an Neben- ^ altären, von Silvestre, Hutin, Torelli, Thiele u.A.; die 1833 restaurirtr evangelische Hof- -- oder Sophienkirche, 1351—57 für das Kloster der Grauen Brüder erbaut, zu Ende des >6. Jahrh. von Christian's 1. Witwe, Sophie, in ihrer jetzigen Gestalt vollendet, mit einer Sil- bcrmann'schen Orgel; die Kreuzkirche, deren Wiederaufbau, nachdem die alte im Bombarde- , ment von 1760 zub Ruine geworden war, 1764 nach dem Plane des Baumeisters Schmidt, den später Exner und Eigenwillig theilweise umändcrten, begann und 1702 vollendet wurde, mit einem Altarblatt von Schenau und einer trefflichen Orgel, die namentlich in Folge der 1820—32 durch den Orgelbauer Gämlich vorgenommcne Reparatur viel gewonnen hat; die Frauenkirche, 1726 von Georg Bähr begonnen und 1745 vollendet, von deren Kup- pelthurme man die schönste Rundsicht hat; die 1838 nach Semper's Plane begonnene und / 1840 beendigte Synagoge im rein orientalischen Stile; das Brühl'sche Palais in der Au- ^ gustusstraße, mit der einen reizenden Blick auf die Elbe darbictenden Terrasse, von dem Grafen Brühl 1737 erbaut, später Eigcnthum der Krone, seit 1826 bis zum Tode des Prinzen Maximilian dessen Residenz, seitdem aber unbewohnt; das königliche Schloß, ein formloses Gebäude, vom Herzog Georg 1534 angcfangcn und von August II. vollendet, mit einem über 177 Ellen hohen Thurmc; das Prinzenpalais, das von August II. 1718 gebaut, 1760 von seinem Nachfolger verschönert, 1843—44, da es baufällig befunden ward, mehrfach verändert und erweitert wurde, die Wohnung des Prinzen Johann bildet; der Zwin- . ger von August II. zu dem Vorhofe eines großartigen Schlosses, welches in Friedrichstadt errichtet werden sollte, bestimmt, mit vier Springbrunnen; das Zeughaus, 1740 vollendet, ehedem sehr wohl ausgerüstet und berühmt, aber such jetzt noch manche Merkwürdigkeit i enthaltend; das Akademiegebäude, früher die Residenz des Herzogs Karl von Kurland; I das Landhaus, in welchem sich die Stände versammeln; das Rathhaus auf dem Alt- > Dresden 469 markte; das PrinzenpalaiS in der Pirnaische» Vorstadt und das ehemalige Palais des Prinzen Maximilian an der Ostraallee, beide gegenwärtig im Besitz des Prinzen Johann; das ehemalige Stallgcbäude, seit 1832 umgcstaltet und bestimmt zur Aufbewahrung der Gemälde und Eypsabgüsse, sowie der Ecwehrsammlung; das neue Postgebäude auf dem Antonsplatz; die in großartigem Stile 1833 erbaute Hauptwache; die Freimaurerloge in der Ostraallee; die königlichen Ställe am Zwingerteiche; das 18-12 vom Hofbaumcister von Wolframüdvrf in dem sogenannten königlichen Orange - oder Herzogin- gartcn erbaute massivsteincrne Orangeriehaus mit prächtiger Facade, zur Unterbringung der Orangerie, welche im Sommer gewöhnlich im Zwinger ausgestellt ist; das 1837 begonnene und 1810 durch den Baumeister Semper beendigte neue Theater im ital. Dörfchen unweit des alten Schauspielhauses, welches mit seiner vordem nach der katholischen Kirche zugewendeten Seite einen Halbkreis bildet, an welchen sich ein Viereck anschlicßt, mit welchem links und rechts zwei viereckige Flügel oder Anbaue verbunden sind, das in der Länge >23, in der Breite >20 Ellen und mit dem Dach eine Höhe von 58 Ellen hat, äußerlich mit Bildsäulen und auf seinen Giebelfeldern und Friese an der Fronte mit ausgezeichneter Bildhauerarbeit versehen ist, innerlich aber wegen der kostbaren Malerei, Vergoldung und Stukkaturarbcit, sowie wegen der Zweckmäßigkeit seiner Einrichtung jedenfalls dermalen das schönste Theater Deutschlands ist; die auf der Terrasse des Brühl'schcn Gartens 1812 erbaute prachtvolle Hoßfeldssche Restauration in Form eines Halbkreises, Belvedere genannt, und endlich das etwas näher der Brücke zu ebendaselbst befindliche, kleinere, 1813 vollendete Kaffeehaus des Italieners Torniamenti mit kostbarer Einrichtung im Noccocogeschmack. In Neustadt sind besonders zu bemerken das Blockhaus an der Brücke, die Kasernen, das Cadcttenhaus und das sogenannte Japanische Palais. An sonstigen merkwürdigen Denkmälern und Bauwerken ist D. nicht reich. In Altstadt hat es die 1813 aufgestellte kolossale Bildsäule des Königs Friedrich August in sitzender Stellung, von massiver Bronze nach dem Modell Rietschel's gefertigt, mitten im Zwinger auf einer hohen Basis von Granit; ferner an der Ecke des botanischen Gartens in der vom Zeughausc nach dem Elbberge führenden Msritzallee das in Stein gehauene und bei der Zerstörung der Festungswerke rcstaurirte Denkmal des Kurfürsten Moritz und auf dem Postplatze die 1813 in Folge einer Stiftung des Freiherrn von Gutschmidt nach Scmper's Plane errichtete und mit einem' Brunnen umgebene sogenannte Choleraspitzsäule aus Sandstein mit kleinen prächtigen Bildsäulen. Auf dem Freiplatze vor der Brücke in der Neustadt befindet sich die 1736 errichtete Reiterstatue des Königs August's 11-, von einem augsburger Kupferschmidt L. Wiedemann verfertigt, und in der Friedrichstadt endlich erhebt sich seit 1835 in den neuen Gartenanlagen an der Weiscriß die aus Eisen gegossene kolossale Büste des Königs Anton auf einem hohen Fußgestclle von Granit. Nicht ganz zu übergehen sind noch wegen ihrer sonderbaren und immer wieder veränderten kostspieligen Verzierungen die auf dem Alt- und dem Neumarkte der Altstadt befindlichen Brunnen, sowie die 1711 angelegte und >83» erweiterte und verschönerte, über die Weiseritz von der Altstadt nach der Friedrichstadt führende Friedrichsbrücke von 110 Ellen Länge und 15 Ellen Breite. Die bewohntesten Stadttheile sind die innere Altstadt, die Pirnaische und die Wilsdruffer Vorstadt. Die Gesammtzahl der Einwohner betrug am Schlüsse des 1.1813 einschließlich des 7613 Seelen betragenden Militairs 86601 und zwar 73037 Protestanten, 1635 Katholiken, 619 Neformirte, 71 griech. Katholiken und 626 Juden. Seit der Einführung der Städteordnung im I. 1832 bilden die drei Stadttheile Eine Gemeinde; wegen Abgabe der Gerichte an die Stadt ist zwar viel verhandelt worden, aber noch nichts entschieden, obschon die Majorität der Stadtverordneten 1813 sich für die Abgabe erklärte. Die Police! wird von einer eigenen Behörde verwaltet. Die Stadt hat fünf Wasserleitungen, vier für Altstadt und Friedrichstadt und eine für Neustadt, welche dermalen durch das durchgängige Legen von Steinröhren eine wesentliche Veränderung und Verbesserung erfahren haben. Ein artesischer Brunnen wurde > 832—33 auf dem Antonsplatze, ein anderer 1832 — 36 in der Antonstadt von dem Stadtrath Siemen gebohrt; crsterer aber lieferte seit 1831 nur noch ein so geringes Quantum Wasser, daß man in das zur Aufnahme desselben bestimmte Bassin Röhrwasser zu leiten sich zenöthigt sah, und lctz- 470 Dresden terer wird wegen der hohen Temperatur und der mineralischen >Bestandtheile seines Was- , sers nur sehr wenig benutzt. Straßenbeleuchtung erhielt die Altstadt 1705, die Neustadt j 1728, die Friedrichstadt 1780 und die Vorstädte der Altstadt 1784; die Gasbeleuchtung ^ wurde 1828 in der Altstadt eingerichtet und seitdem auch in deren Vorstädten bis zur Friedrichsbrücke und in der Neustadt. Das Gas wird in zwei Gasometern bereitet, deren ^ eins am nordöstlichen Ende des ehemaligen Zwingerwalls, das andere aber in der Wilsdruffer Vorstadt zwischen dem Freiberger Schlage und der Weiseritz hinter der Ehrlich'schen ! Schulstiftung befindlich ist. Von den 33391 mMuthcn des FlächenraumS der Straßen und , Plätze sind über 22300 trefflich, zum Theil mit behauenen Steinen gepflastert. ^ Für die Pflege des wissenschaftlichen und geistigen Lebens wirken in D. mehre ausgezeichnete Lehranstalten. Es hat seit I55S ein Gymnasium, die Kreuzschule, die unter dem Rrc- ^ tor Gröbel seit 1817 zu einer der vorzüglichsten Gelchrtenschulen des Landes erhoben wurde. ! Zwei andere Gelehrtenschulen sind in höhere Bürgerschulen umgewandelt worden, und zwar , die zu Neustadt 1803, die Anncnschule aber 1824. Für Bildung der Schullehrer wirkt wie > früher unter Dinter's, jetzt unter Otto's Leitung, das Schullehrersennnar zu Friedrichstadt l und unter der Steglich's das von der Fr. von Fletcher 1760 gestiftete und 1825 eröffnet! < zweite Seminar auf der freibergcr Straße. Höhere Bürgerschulen sind demnach nur die schon ! , genannte Anncnschule bei der Annenkirche und die Bürgerschule in Neustadt; auf etwas niedri- ! , germ Standpunkte stehen die vier Bürgerschulen (in der Altstadt auf der Breitcgaffe, in der , Pirnaische« Vorstadt, in der Anlonstadt, in der Friedrichstadt) und vier Bezirkschulen (in der , Altstadt am See, in der Friedrichstadt, in der Neustadt und in der Antonstadt). Gleicher Art ist die Garnisonschule in der Antonstadt, für die Kinder von Soldaten bestimmt. Unter mehren , Privatlehranstaltcn ist das 1824 eröffnet« Blochmann'sche Institut, seit 1830 mit dem durch i ein ansehnliches Dermächtniß von 1638 begründeten gräflichen Vihthum'schen Geschlechts- ) ^ gymnasium verbunden, auch für die Bildung zum Gelehrtenstande bestimmt. Außerdem sind > z zu erwähnen als Privatschulen die Schule der Gesellschaft zu Rath und That, das Freimau- ; , rerinstitut und die katholische Hauptschule, die Naths-Töchtcrschule unter der Leitung Schi- l ne's, die Lehranstalten von Dzondy, Langguth, Gebhardt, Böttcher, Döring, Petasch, Kaden ! u.s.w.; das Kraufische, früher Volgmann'sche Institut in der Neustadt, eine Art Vorschule ^um Cadettenhaus, sowie die zur Aufnahme junger Mädchen höherer Stände bestimmten Pen- ^ sionate von Carry (jetzt Hebenstreit), Kalunsky und Nassen. Der ärmcrn Volksclasse sind mehre ältere und neuere Freischulen gewidmet, unter welchen die 1826 von einem Bürger- , vereine gestiftete evangelische Freischule sich auszcichnet, während die 1826 gegründete Schmaltz'sche Schulstiftung bis jetzt nur für den Unterricht dürftiger Kinder in verschiedenen . öffentlichen Lehranstalten sorgt. Eigentliche Armenschulen sind die erste Armenschule im s Stadtwaisenhause, die zweite Armenfreischule in der seit 1742 durch den Senator Ehr- j lich gegründeten Anstalt in der Wilsdruffer Vorstadt und die mit den Bezirkschulen in der i Friedrich-, Neu- und Antonstadt vereinigten drei Armenschulen. Außerdem gibt es ein Stadtwaisenhaus in der Altstadt und ein Waisenhaus in der Antonstadt. Hierher gehören auch die 1808 gegründete Erziehungs - und Arbeitsanstalt für Blinde, welche sich dermalen in einem großen, 1836 auf einer Anhöhe vor dem Falkenschlage erbauten eigenen Locale „ befindet, und das von Jenke gegründete und geleitete Taubstummeninstitut, seit 1837 in H einem etwas näher dem genannten Schlage zuliegenden Gebäude. Seit 1829 wurden drei > Kleinkinderschulen gestiftet, die, jetzt unter der besonder« Aufsicht des Frauenvereins stehen. - Eine 1827 gegründete Correctionsschule nimmt verwahrloste oder wegen Vergehungen ver> ^ haftete Kinder auf. Unter den höher« Bildungsanstaltcn ist die seit 1816 neueingerichtete > Medicinisch-chirurgische Akademie zur Bildung von Ärzten und Wundärzten für die Armee l und das platte Land, und von Geburtshelfern und Hebammen bestimmt. Sie ist mit be> - deutenden Lehrmitteln, physikalischen und chemischen Apparaten, anatomischen und zoo- tomischen Sammlungen ausgestattet und hat einen botanischen Garten, der gegen 20060 - Pflanzenarten zählt. Das Cadettencorps, seit 1830 nicht mehr ausschließcnd für Adelige bestimmt, bildet Offiziere für die Infanterie und Cavalerie; die an die Stelle der 1830 ^ aufgelösten Militairakademie getretene Artillerieschulc aber Artilleristen und Ingenieurs. Die Akademie der Künste beschränkt ihren Unterricht auf die zeichnenden Künste und das Dre-den 471 Modcllircn und ist seit l 819 mit einer Lauschule vereinigt. Sie veranstaltet jährlich im Aug. Kunstausstellungen, mit welchen von >827—31 auch eine Ausstellung von inländischen Gewerberzeugnissen verbunden war. Die 1828 gegründete, >832 in ihrem Lehrplan erweiterte technische Bildungsanstalt ist für die wissenschaftliche Vorbildung des Ge- werbstandcs bestimmt. Unter den wissenschaftlichen und gemeinnützigen Vereinen sind zu erwähnen die 1763 gestiftete Ökonomische Gesellschaft; die >816 unter Werner's Mitwirkung zu Stande gekommene Mineralogische Gesellschaft, die sich neuerdings mit der 1818 gestifteten Gesellschaft für Natur - und Heilkunde vereinigt hat; die Gesellschaft Flora für Gartenbau und Botanik seit 1828, welche jährliche Gewächs - und Fruchtausstellungen veranstaltet; der Kunstverein seit >828; der Statistische Verein, der seit 1831 mit einer großen Anzahl von in Sachsen zerstreuten Zweigvereincn, von denStaatsbehörden unterstützt, Materialien zur Landesstatistik sammelt; die Bibelgesellschaft seit >813 und der Missionsverein seit 1819; der Alterthumsverein seit 1825 bestehend, unter der Protection und dem Vorsitze des Prinzen Johann, dessen Sammlungen in dem Parterre des königlichen Palais im Großen Garten und dessen Bibliothek im Vereinslocale im Erdgeschosse deS prinzlichen Palais aufgestellt ist; der Pädagogische Verein seit 1833, womit seit 1836 eine Beschäf- tigungsaustalt für Mädchen und später auch eine für Knaben in seinem vor dem Löbtauer Schlage gelegenen Hause und Gartengrundstücke verbunden wurde; die 1836 gegründete Ammonsstiftung zur Unterstützung junger Predigtamtscandidaten und Schullehrer; der Gewerb- verein seit 1833 und die gleichzeitig errichtete Gesellschaft für Naturkunde, Isis genannt. Die Sammlungen für Wissenschaft und Kunst, die ihre Grundlage größtentheils dem Kurfürsten August verdanken, vorzüglich aber nach dem Anfänge des 18. Jahrh. bereichert wurden, tragen um so mehr zur Erregung des geistigen Lebens bei, da sie seit 1828 und besonders seit 183» dem Publicum zugänglicher geworden sind und eine verbesserte Aufstellung und Anordnung erhalten haben. Als die wichtigsten sind zu erwähnen: I) Die königliche öffentliche Bibliothek im Japanischen Palais von ungefähr 30»»»» Bänden ist reich an vielen Seltenheiten und besonders vollständig in den Fächern der Literaturgeschichte des klassischen Alterthums, sowie der Geschichte Frankreichs und Deutschlands. Außerdem besitzt dieselbe über 182»»» Dissertationen und kleinere Schriften und 28»» Handschriften. Hauptbestandtheile sind die prachtvolle Bibliothek des Grafen Bünau, welche 1763, und die des Grafen Brühl, welche >768 angekauft wurden. Vgl. Ebcrt, „Geschichte und Beschreibung der königlichen öffentlichen Bibliothek zu D." (Lpz. >822) und Falkenstein, „Beschreibung der königlichen öffentlichen Bibliothek zu D." (Dresd. >839). Eine zweite bedeutende Bibliothek von 2»»»» gedruckten Büchern, 25» Handschriften u. s. w., ist die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrh. durch die Kurfürstin Maria Antonia von Sachsen gestiftete, dermalen dem Prinzen Johann gehörige prinzliche Secundogeniturbibliothek und im prinzlichen Palais aufgestellt. Unter den andern jedoch nicht dem Publicum offenstehenden Bibliotheken sind zu erwähnen bieder Medicinisch-chirurgischen Akavemie von ungefähr >»»»» Bänden, die der Ökonomischen Gesellschaft von 8»U», die der Thierarzneischule von 5»0», die der technischen Bildungsanstalt von 3»v» und die der Akademie der bildenden Künste von 13»» Bänden. Vgl. Petzholdt, „Wegweiser für D.s Bibliotheken" (Dresd. 1833). Noch sind anzusühren die deS Königs von 8 — »»»», ausgezeichnet im Fache der Botanik und der Kupferwerke, die des Cadettenhauscs von 8»»0, die der Kreuzschule von 5Ü»0 Bänden, womit noch eine deutsche Schülerbibliothek von mehr als 2»»v verbunden ist. 2) Das Münzcabinet, ebenfalls im Japanischen Palais befindlich, vorzüglich wichtig für die sächs. Münzkunde, war schon unter Johann Georg II. bedeutend, insbesondere wurde cs unter August I. und II. und unter Friedrich August sowol durch Ankäufe einzelner Stücke wie durch den Kauf detz ganzen Madai'schen Groschencabinets ansehnlich bereichert. 3) Das Naturalien- cabinet im Zwinger ist ausgezeichnet in der mineralogischen, mehre Seltenheiten enthaltenden, sowie in der zoologischen, namentlich der ornithologischm Abtheilung. 3) Das historische Museum ebendaselbst wurde 1833 aus der ehemaligen Rüstkammer und einem Theile der Kunstkammer gebildet und enthält, chronologisch geordnet, viele für Sittengeschichte und Ethnographie Interessante Gegenstände. Vgl. Quandt, „Andeutungen für Beschauer des historischen Museums" (Dresd. 1833). 5) Die gleichfalls im Zwinger aufgestellte Samns ' ^2 - 77 - 472 Dresden lung mathematischer und physikalischer Instrumente hat erst in neuern Zeiten eine höhere praktische Brauchbarkeit erhalten und besitzt außer andern Merkwürdigkeiten einen arab, ! Globus von Messing, um 1289 von Mohammed, dem Sohne des Astronomen Muwajed Elardhi aus Damask, verfertigt. Vgl. Lohrmann, „Sammlung der mathcmatisch-physika- lischen Instrumente und der Modcllkammer" (Dresd. 1835). Neben ihr ist noch die sei! I >813 im obern Zwingcrpavillon befindliche, vom Kurfürsten Johann Georg angelegte Modellkammer zu erwähnen. 6) Die Gemäldegalerie am Stallgebäude, unter D.s Kunstsammlungen das erste Kleinod, enthält über I5»0 Bilder. Ihre Hauptpartien bilden die Werke ital. und niederländ. Meister; in der ital. Schule ist sie eine der reichsten und er- lcsensten Sammlungen und in derselben sind namentlich hervorzuheben die Bilder von Nafael (die Sixtinische Madonna, drei bis vier Jahre vor des Künstlers Tode gemalt und 1826 von Palmaroli restaurirt), Correggio (die Nacht, früher in Modena, und die Madonna des heil. Sebastian), Tizian (der Zinsgroschcn und die Venus), Andrea del Sarto (Abraham's Opfer), Francia, Paul Veronese, Eiulio Nomano (Maria mit dem Wasserbecken), Leonardo da Vinci (Francesco Sforza), Earofalo, Bcllino, Pietro Peru- gino, Annibale Caracci, Guido Neni, Carlo Dolce, Cignani u. A. Aus der niederländ. Schule besitzt sie 31 Bilder von Rubens, 21 von Van Dyk, viele von Nembrandt, treffliche Bilder von Snyders, Joh. Breughel, Nuysdael (die Jagd), Sachtleeven, Wouverman, Everdingen, Berghcm, Gerhard Dow, Teniers, van der Wcrff, Ostade, Potter, Hondekoeter u. s. w. Unter den Werken deutscher Meister ist Hans Holbein's heil. Jungfrau die Perle. Aus der franz. Schule sind mehre Bilder von Nie. Poussin, vorzüglich aber die Landschaften von Claude Lorrain auszuzeichnen. Vgl. Matthäi, „Verzeichniß der Gemäldesammlung ! der dresdener Galerie" (Dresd. 1833). 7) Das Kupferstichcabinet im Zwinger, aus mehr ? als 366660 Blättern bestehend, ist in zwölf Classen nach artistisch-historischen Gesichts- c punkten geordnet und enthält nicht nur die vorzüglichsten Kupferstiche nach den Malern - der verschiedenen Schulen, sondern auch viele Blätter von großer Seltenheit und eine ansehnliche Sammlung von Originalhandzcichnungen, darunter viele aus der altdeutschen ! Schule, aber auch mehre von ital. Meistern, z. B. Rafael, Leonardo da Vinci, Michel An- gelo u. s. w. Eine zweite um nicht viel kleinere Kupferstichsammlung ist die allerdings nicht dem öffentlichen Zutritte geöffnete Sammlung des Königs, unter deren Handzeich- r nungen sich unter andern auch der bethlehemitische Kindermord von Rafael befindet. >> 8) Die Antikensammlung im Japanischen Palais enthält "in zehn großen Sälen, außer eini- . gen Denkmalen des ältesten griech. Kunststils (Candelabcr-Basis von pentelischem Marmor), mehre treffliche Bildwerke (die Pallas Prvmachos, ein kolossaler Minervensturz, ein j Athlet, früher Antinous genannt, Amor und Psyche, ein Satyrisk, die drei Hercula- nerinnen, Muster von Gewandbildern, merkwürdig als die ersten zu Anfang des 18. Jahrh. entdeckten Spuren Hcrculanums, der Sohn dev Niobe, ein Athletensturz, früher als Mer- cur ergänzt, Minerva, die vier Ballspicler, die sogenanntesAgrippina, wahrscheinlich Ariadne) ! und einige Mumien, von welchen zwei Pietro della Valle 1615 aus Ägypten mitbrachte. " Vgl. Becker, „.^iiAustciun" (neueAust., Lpz. 1832—37) undHase, „Verzeichniß der alten ) und neuen Bildwerke in Marmor und Bronze in den Sälen der königlichen Antikensamm- ^ lung zu D." (5. Ausl., Dresd. 1836). 9) Die Sammlung von Gypsabgüssen im Stall- f gebäudc, deren Hauptbestandtheil die von Rafael Mengs in Italien gemachten Abgüsse an- s> tikerBildwerke bilden, sowie die der Elgin'schcn Marmorbildwerke im Britischen Museum, Ü welche 1839 hinzukamcn und im Zwinger ausgestellt sind. Vgl. Matthäi, „Beschreibung des Mengs'schen Museums" (Dresd. 1832). 16) Das Grüne Gewölbe im königlichen Schlosse, ein reicher Schatz von Edelsteinen, Perlen und verschiedenen Kunstarbeiten in Gold, Silber und Elfenbein, seit 1832 durch einen Theil der Kunstkammer vermehrt, enthält namentlich auch einen großen, 6^., Zoll hohen, 3'/4 Zoll breiten Onyx. Vgl. Landsberg, „Das Grüne Gewölbe" (9. Ausl., Dresd. >833). II) Die Porzellansammlung im Japa- ^ nischen Palais ist reich an asiat. Porzellan und in technologischer Hinsicht wichtig durch eine Reihe sächs. Porzellane, welche die Fortschritte der Fabrikation von den ersten Anfäii- gen bis zur jetzigen Vollendung zeigt. .Vgl. G. Klemm, „Die königliche sächs. Porzellan- und Gefäßsammlung nebst dem Spcckstrincabinet und Duddhatcmpcl im Japanischen Pa- Dresden 473 kais" (2. Ausl., Dresd. 18-11)- Schätzbar für die Kunstgeschichte sind auch die sechs nach Nafael's Zeichnungen in Wolle gewirkten Teppiche, welche nach einer alten, wenig wahrscheinlichen Sage von Leo X. dem sächs. Hose geschenkt wurden und jetzt in dem Gebäude auf der Brühl'schen Terrasse aufgestellt sind. Eine der trefflichsten Kunstanstalten ist endlich die bereits von August II. gegründete, seitdem durch große Meister (Hasse, Naumann, Paer, Weber) berühmt gewordene musikalische Kapelle, welche Hie Musik in der katholischen Hoskirchc, die Oper und die Hofconccrte besorgt und jährlich am Palmsonntage ein Oratorium im Opernhause aufführt. Die ital. Oper erlitt >831 einige Beschränkungen und ward >833 gänzlich aufgehoben, obgleich zuweilen noch Opern in ital. Sprache gegeben werden. Durch die Pflege der deutschen Oper machte sich Karl Maria von Weber verdient; wie denn die Verdienste der dermgligen Kapellmeister, C. Ncsisiger und N. Wagner, nicht mit Stillschweigen übergangen werden dürfen, neben welchen auch der Cantor der Kreuzschule, Julius Otto, zu nennen ist. Das literarische Treiben in D. wird durch sechs Buchhandlungen, mehre Kunst- und Musikalienhandlungen sowie durch ein >832 errichtetes literarisches Museum, worin sich bereits die bedeutendsten deutschen, engl, und franz. Journale vorsinden, unterstützt. Betrachten wir das gewerbliche Leben, so ist weder der Handel noch die Manufacturthätigkeit bedeutend, wiewol sich in neuern Zeiten der mercantilische Verkehr, besonders seit der Freiheit der Elbschiffahrt und in Folge des Zollvereins, gehoben hat. Zu den wichtigsten Zweigen technischer Betriebsamkeit gehören Gold - und Siiberarbeitcn, Drechslerwaarcn, musikalische Instrumente, Strohhüte und Strohgcflechtc, Papiertapcten, vorzügliche? Malertuch, Malerfarben, künstliche Blumen, cine Chocoladcn- und Kaffeesurrogatcnfabrik, Zuckcr- raffinericn u. s. w. D. ist reich an Wohlthätigkeitsanstalten, wozu außer mehren alten Stiftungen für Dürftige der seit >803 gegründete Verein zu Nath und That gehört, der ein eigenes Capitalvermögen von mehr als >80(10 Thlr. besitzt und ein Vermögen von 30000 Thlr. an ihm anvertrauten Stiftungen verwaltet, sowie die ursprünglich von Privatpersonen gegründete, 1830 zur Landcsanstalt erhobene Erziehungs- und Heilanstalt für Blinde. Die Armenvcrsorgung wurde 183l ncueingerichtet und umfaßt gegen 6000 Individuen mit einem Aufwande von mehr als 17000 Thlr. Mit dem 1760 gegründeten Leihhausc wurde die 1821 gestiftete Sparkasse >828 in Verbindung gesetzt. Zu den wichtigsten Anstalten für di; Gesundheitspflege gehört die 1821 von Struve gegründete Anstalt für die Bereitung künstlicher Mineralwässer, die 1829 mit einem Apparat.für Anwendung trockener und feuchter Dämpfe nach Napou's Muster verbunden wurde und durch gauz Europa Filiale hat. Die beachtungswerthcsten Punkte in der Umgegend D.s sind der Große Garten, das Linkc'sche Bad, Findlater's Weinberg, das romantische Dorf Loschwitz, der Plauische Grund, welchen Becker beschrieben hat, das Müglitzthal mit dem Schlosse Weesenstein und eine Menge anmuthigcr Thalgründe. Eine Übersicht der Stadt gibt Nichter's „Panorama von der Kuppel der Frauenkirche" (Dresd. 1823) und das Panorama aus der Vogelperspective von Arldt und Sticßberger, lithographirt von Zöllner (Dresd. 1833). Vgl. Lindan's „Merkwürdigkeiten D.s und der Umgegend" (3. verb.Aufl. von I. G. Wiemann, Dresd. >833) und Wiemann's und Lindan's „Taschenbuch für die Besuchenden der Sächs. Schweiz" (Dresd. 1833), sowie Gottschalck, „D. und die sächs. Schweiz" (Dresd. 1832). D. entstand in Folge allmäliger Vermehrung armseliger Fischerhütten slawischer Ansiedler zu beiden Seiten dc§ Elbufers, welche am rechten Elbuser im 1 >. Jahrh. sich zu Dörfern vereinigten, deren Namen, wie Ostra, Poppitz, Fischersdorf u. s. w-, sich noch als Benennungen einzelner Theile der Stadt erhalten haben. Das Vorhandensein eines Orts unter dem Namen Dresden beurkundet im I. 1206 ein daselbst Unterzeichneter Fehdcbrief des Markgrafen Dietrich zu Meißen gegen den Burggrafen von Dohna. Anfangs im Lehen der Bischöfe zu Meißen kam es nachher an die Markgrafen von Meißen. MarkgrafHcinrich der Erlauchte wählte es >270 zu seiner Residenz, worauf es schnell sehr bedeutend sich hob. Al- brecht der Unartige verkaufte D. an den König Wenzel von Böhmen, dem sich jedoch die Bewohner widersetzten; hierauf kaufte es der Markgraf Waldemar von Brandenburg, derer im J. 1300 an Friedrich den Gebissenen verpfändete. Erst nach Waldemar's kinderlosem Tode kam cs 1319 wieder an Meißen. Bei der Theilung Sachsens zwischen Ernst und Ml c 474 Dresden (Se-.acht) Albert im Z. 1485 kam es an die Albertinische Linie und blieb seitdem fast ununterbrochene Residenz derselben. Nach einem großen Brande im I. 1481 wurde es fast von Grund aus wieder neu aufgebaut. Georg derBärtige, der auch 1534 das Schloß erbaute, ließ es152V—28 befestigen, worauf Kurfürst Moritz die Festungswerke weiter ausdehnte. Im I. 1539 wendete sich D. der Reformation zu. Wie Moritz, so that auch sein Nachfolger August ungemein viel für die Verschönerung und Erweiterung der Stadt. Unter Johann Georg I. litt D. ungemein durch Krieg, Pest und Theurung. Der prachtliebende Johann Georg II. that sehr viel, seiner Residenz einen größcrn Glanz zu verschaffen; allein ihre glänzendste Periode feierte die Stadt unter den beiden August, welche zugleich Könige von Polen waren. Immer neue Paläste stiegen in der Altstadt empor; die jetzige Neustadt, welche 1686 abbrannte, wurde unter August I. >724 gleichsam von neuem begründet und Friedrichstadt >728 nach einem weitaussehenden Plane angelegt. D.s Blüte brach der Siebenjährige Krieg; nachdem schon 1758 durch die Preußen die Pirnaische und Wilsdruffer Vorstadt abgebrannt worden waren, wurde es durch das Bombardement vom 14.—30. Juli 1760 ungemein beschädigt. Unter der Regierung Friedrich August's wurde die Stadt nicht nur wicderhergestellt, sondern auch durch einzelne öffentliche Gebäude verschönert und sehr bedeutend erweitert. Während des Kriegs mit Ostreich im I. 1809 war D.'eine Zeit lang von den Ostreichcrn besetzt. Im I. 1810 begann die Abtragung der Festungswerke, womit jedoch beim Ausbruche des russ- franz. Kriegs inne gehalten wurde. Vom 16 —28. Mai >812 fand in D. eine glänzende Zusammenkunft Napoleon's, des Kaisers von Ostreich und des Königs von Preußen statt. Das Jahr 1813 dagegen brachte der Stadt harte Prüfungstage. (S. weiter unten.) Unter dem russ. Gouvernement im1.1814 geschah Mehres zur Verschönerung der Stadt; namentlich wurde die schöne Treppe nach der Brühl'schen Terrasse angelegt. Nach dem Frieden und der Rückkehr des Königs Friedrich August gewann D. ein immer freundlicheres Ansehen, insbesondere in Folge der Abtragung der Festungswerke, die seit 1817 wieder begann. Unter König Anton, der mehre bereits unter seinem Vorgänger begonnene große Bauten rasch beenden ließ und andere unternahm, hatte die Stadt auf der neustädter Seite sich dermaßen erweitert, daß man diesen sogenannten Neuen Anbau 1835 zu einem vierten Stadttheile unter dem Namen Antonstadt vereinigte. Der in D. durch das Zurückbleiben hinter den Anfo- dcrungen der Zeit und mehrfache Misbräuche veranlaßt«?, durch die laue Theilnahme der öffentlichen Behörden an der Feier des augsburger Confessionsjubelfestcs im 1.1830 beschleunigte Aufstand, welcher nach dem Vorgänge Leipzigs am 9. Sept. desselben Jahres stattfand, hatte für die Stadt die Umgestaltung der Police!, die Einführung der Städteordnung und die Abschaffung der offen gerügten Misbräuche, für das ganze Land aber die Er- theilung einer zeitgemäßen Constitution am 4. Sept. 1831 zur Folge. Auch unter der Negierung des jetzigen Königs ist die Stadt nicht nur im Allgemeinen in fortwährendem Aufschwünge begriffen und in Folge davon erweitert und verschönert worden; insbesondere hat sie neben manchen andern öffentlichen Bauten einen Hauptschmuck durch das neue Theater erhalten. Vgl. Ant. Weck, „Beschreibung von D." (Nürnb. 1680, Fol.), Hasche, „Diplomatische Geschichte D.s" (4 Bde., Dresd. 1816—19), Lindau, „Neues Gemälde von D." (2 Bde.; 3. Aust., von Lehmann, Dresd. 1824) und Klemm, „Chronik der Stadt D." (2 Bde., Dresd. 1833—37, fortgesetzt von Hilschcr, Bd. 3, Dresd. 1837 — 38). Im I. >813 war D. der Mittelpunkt der Operationen Napoleon's, der sich hier an beiden. Ufern des schon durch die Festungen Torgau, Wittenberg und Magdeburg behaupteten Elbstroms mit seinem ganzen Heere ausgestellt und meisterhaft Pirna, den Lilienstein, den Königstein und Stolpen in seine Berechnungen gezogen hatte, sodaß die Gegend einem großen verschanzten Heerlager glich, von wo aus er bequem gegen Prag, Berlin und Breslau operiren konnte. Der König von Sachsen hatte D. am 25. Febr. >813 verlassen, als am 7. März eine aus Franzosen und Sachsen bestehende, höchstens 3500 M. starke Heercs- abtheilung, auf dem Rückmärsche aus Polen, von russ. Truppen gedrängt, in D- einzog. Bald darauf, am 12., rückte der Marschall Davoust mit 12000 M. und 20 Kanonen von Meißen, wo er die Brücke hatte abbrcnnen lassen, nach D. vor und übernahm daselbst den Oberbefehl. Vor der Neustadt hatten bereits kleine Scharmützel mit Kosacken stattgefunden. Der Marschall ließ daher am 19. März einen Pfeiler und zwei Bogen der Elbbrücke Dresden (Schlacht) 472 sprengen und zog mit seinen Truppen ab; zurückblieb der General Durutte mit 3000 M. Schon am 22. mußte die Neustadt einer Kosackcnabeheilung übergeben werden. Vier Tage daraus setzten einige hundert Kosacken über die Elbe. Auch Durutte verließ nun D., und noch denselben Abend rückte ein kleiner Haufe Fußvolk von der Heeresabtheilung unter Win- zingrrodc in die Altstadt «in, worauf die Russen unter- und oberhalb der Stadt Brücken schlugen. Auf Winzingerode folgte Blücher, dessen Heer bis zum >6. Apr. bei D. über die Elbe ging. An die Preußen schloß sich das zweite russ. Heer unter Miloradowitsch, und am 24. hielten der Kaiser von Rußland und der König von Preußen an der Spitze ihrer Truppen ihren Einzug in D. In Folge der Schlacht bei Lützen (s. d.) zogen sich seit dem 4.Mar die Heere der Verbündeten über D. und Meißen auf das rechte Elbufer. Am 8. Mai hielten die Russen nur noch die Neustadt besetzt, während das franz. Heer unter Napoleon in die Altstadt einrücktc. Aus beiden Ufern ward an diesem und am folgenden Tage heftig von den Wällen und aus den Häusern gefeuert. Der hartnäckigste Kampf fand am untern Elbufer statt, wo die Franzosen eine Brücke schlagen wollten. Am 10. früh zogen sich die Verbündeten nach Bautzen zurück; die Franzosen aber rückten ihnen auf dem Fuße nach. Seitdem lastete die Verpflegung der großen franz. Armee auf der Stadt und der erschöpften Gegend. D. war der Hauptplatz für die großen Feldspitälcr und für die unter dem Generalintendanten Mathieu Dumas stehende Heeresverpflegung und Verwaltung. Am l2. Mai erfolgte auch die Rückkehr des Königs von Sachsen. Nach dem Plane deS Generals Rogniat wurde nun die Neustadt von den Franzosen mit ebenso viel Kunst als Thätigkeit befestigt. In D. blieb, nachdem der Kaiser am l8. Mai auf der Straße nach Bautzen abgereist war, als Oberbefehlshaber sämmtlicher Truppen in Sachsen der Divisionsgeneral Durosnel. Der Preis der Lebensmittel aber stieg schon jetzt, bei dem Ungeheuern Bedarfe, täglich höher. Nach den Schlachten bei Bautzen am 20. und 2>. Mai mußten in D. über 2000V Verwundete mit allem Nöthigen versorgt werden. Die leicht Verwundeten und viele Kranke wurden bei den Bürgern untergcbracht, sodaß die ganze Stadt den traurigen Anblick eines großen Krankenhauses darbot. Noch höher stieg die Noth während des nun folgenden zehn- wöchentlichen Waffenstillstands. Die kostbare Verpflegung der kaiserlichen Garden und des großen Hauptquartiers, indem stets gegen 30000 M. in der Stadt lagen, zerrüttete das Vermögen der meisten Hausbesitzer, obglsich der Glanz des kaiserlichen Heerlagers, wohin auch ein Theil der franz. Bühne versetzt war, viel Schimmer über das Ganze verbreitete, und der Zufluß von Menschen viel Geld in Umlauf brachte. Rastlos wurde an der Befestigung D.s und an dem verschanzten Lager am Fuße des Liliensteins gearbeitet, w» 60000 M. sich aufstellen konnten. Zwei Brücken setzten das Lager mit der Festung Königstein in Verbindung. Eine für Geschütz fahrbare Straße wurde durch die Gebirge des Amts Hohenstein gebahnt, um die Verbindung mit dem gegen Schlesien vorrückenden Heere über Stolpen herzustellen. Die Werke am rechten Elbufer um die Neustadt deckten die berliner, die warschauer und die bautzener Straße; unter ihnen war die Kaiserschanze vor dem Schwarzen, jetzt Bautzener Thore mit einem bombenfesten Blockhause, welches, später zu einem Pulvermagazine verwendet, am 27.Juni 1814 in die Luft flog, das stärkste und kunstreichste. Auch um die Vorstädte der Altstadt wurde eine ausgedehnte Verschanzungslinic gezogen, und zahlreiche Truppen lagerten im Bereiche der Werke auf beiden Ufern. In dieser Zeit wurden der Fürst Metternich und der Graf Bubna und Littih aus dem Feldlager Alexanders nach D. entsendet, um wegen des Friedens zu unterhandeln ; doch die Unterhandlungen zerschlugen sich, und. am 17. Aug. brach der vielfach vorbereitete Krieg aufs neue los. D. blieb der Mittelpunkt der Bewegungen des franz. Heers. Napoleon war schon am 15. Aug. über Bautzen nach Schle- sien gegangen. Vandamme, der mit 40000 M- von der untern Elbe heraufgckommen war, zog vom 17.—19. auf das rechte Elbuser, wo er sich nebst Poniatowski gegen die böhm. Grenze auf Rumburg und Gabel wendete. Ganz unerwartet drang das große Heer der Verbündeten, unter dem Fürsten von Schwarzenberg, in vier Abtheilungen aus den böhm. Gebirgspässen auf dem linken Elbufer vor. Die Russen unter Wittgenstein warfen den Marschall Gouvion Saint-Cyr, welcher mit 20000 M. jene Pässe bewachte, aus den festen Stellungen bei Gießhübel und Pirna, sodaß er am 22. Aug. sein Hauptquartier von Pirna nach D. verlegen mußte. Die Hauptmacht der Verbündeten drang nun auf der großen Verbindung«- 476 Dresden (Schlacht) straße der Franzosen in Sachsen vor. Da Blücher den Kaiser Napoleon an der schles. Grenze beschäftigte, so beschloß man, D-, als den Schlüssel der franz. Stellung in Sachsen, weg;», nehmen. Die Russen und Preußen, unter Wittgenstein und Kleist, rückten auf der pirnai- schen Straße bis vorD.; die Östreicher aber in dem längsten Bogen auf der Straße von Kommotau. Eilboten riefen jetzt Napoleon-nach D. zurück, und der König von Neapel traf bereits am 24. Aug. ein. Am 25. umzingelten die Verbündeten die Stadt bis an die Wei- scritz. Ihr Heer war mit Inbegriff der als Rückhalt bei Tharand ausgestellten Abtheilung unter Klenau gegen 220000 M. stark und ihre Stellung sehr vorthcilhaft; der Kaiser Alexander hatte sein Hauptquartierin Röthenitz, der König vonPreußen in Lockwitz. Am 26.Aug. früh um 5 Uhr begann Ziethen den Angriff und warf die Franzosen aus dem Großen Garten, während gleichzeitig auch die Russen und Östreicher auf andern Punkten nicht ohne Erfolg vordrangen. Ein rascher Sturmangriff hätte wahrscheinlich entschieden; aber der linke Flügel, welcher die fast gar nicht vertheidigte Friedrichstadt entschließen sollte, war noch nicht weit genug vorgerückt, um hier anzugrcifen, und der dadurch bedingte Verzug rettete die Stadt. Napoleon war nämlich mit dem Kerne seines Heers am 23. Aug. in Eilmärschen vom Bober über Görlitz nach D. aufgebrochen. Am 26. halb 10 Uhr Vormittags zog er mit einem Theile seiner Garden in die Stadt, nachdem er schon in Stolpen den Schlachtplan entworfen, Vandamme gegen Pirna hin entsendet und das Schlachtfeld von den Höhen der bantzcner Straße übersehen hatte. Von Mittag an zog nun eine Masse von mehr als 60000 M. auf der bautzcner Straße in die Stadt, um sogleich im Sturmschritt auf das Schlachtfeld zu eilen. Schon hatten sämmtliche Garden und die Reiterei unter Latour-Maubourg die Elbe passirt, als Nachmittags um 4 Uhr die Verbündeten in sechs Heerhaufen unter fortwährcn- dem Geschützdonner vor die Stadt rückten. Fünf starke sich gegenseitig verteidigende Schanzen deckten die feste Linie, welche D. vom Ziegelschlagc östlich an der Elbe bis zum freiberger Schlage an der freiberger Straße und der Weiscrih umgab. Die heftigsten Angriffe hatten vor dem Ziegelschlage bei Blasewitz und bei den Schanzen an den Straßen nach Räcknitz und Plauen statt. Die Preußen fochten mit großem Muthe im Großen Garten und drängten die sogenannte Junge Garde bis an die Mauern des Anton'schcn Gartens in der Pirnaische» Vorstadt, wo sie indeß, von den Kugeln ihrer Waffenbrüder begrüßt, von neuem sich in de» Kampf stürzen mußten. Nach 6 Uhr waren die Preußen wirklich bis in die Pirnaische Vorstadt cingedrungen, die Schanze vor dem Freiberger Schlage war von den Ostreichen! genommen und das noch weit stärkere Werk vor dem Moczinski'schen Garten von einem ungar. Ncgimcnte erstürmt worden. Da unternahmen die Franzosen einen allgemeinen Angriff. Aus dem Rückhalte stürmten die Garden mit 16 Kanonen hervor und trieben die Preußen aus der Vorstadt zurück; auch das Werk vor Moczinfli's Garten war gegen 7 Uhr wieder genommen. Jetzt erkannten die Verbündeten die Unmöglichkeit, eine von 200000 M. v-rtheidigtc und so gut befestigte Stadt zu erobern; sie zogen sich daher bei Einbruch der Nacht in ihre vorige Stellung auf die Anhöhen zurück; die Franzosen aber lagerten sich vor den Schlägen und in den Vorstädten. Unterdessen zogen unaufhörlich Truppen und Geschütz über die Brücke in D. ein. Am Morgen des 27. Aug. rückten die Armeecorps unter Marmont und Victor in die Schlachtlinie, und um 6 Uhr begann die Schlacht aufs neue. Vergebens griff Napoleon wiederholt das Mitteltrcffen der Verbündeten auf den Höhen von Zschernitz und Räcknitz an. Gegen IO Uhr wandten sich die Anstrengungen der Franzosen gegen den rechten Flügel, wclcheraus Russen und Preußen bestand; doch ward fortwährend, obwol schwach, das Mitteltreffen beschossen, und hier war es, wo eine Stückkugel aus einer franz. Feldbatterie gegen Mittag Moreau (s. d.) in der Nähe Alcxander's tödtlich verwundete. Die entscheidende Unternehmung aber war gegen den linken Flügel gerichtet, welcher sich von Töltschen an der westlichen Thalwand des Plauischcn Grundes bis gegen Gorbitz, an der Heerstraße nach Frei- bcrg, ausbrcitete. Die hier ausgestellten östr. Truppen waren zum Theil neu geworben und schlecht gerüstet, dabei durch die härtesten Entbehrungen in dem ausgeplünderten Lande mehr oder weniger cntmuthigt. Da sie durch das tiefe Weiseritzthal von dem Mitteltrcffen gänzlich abgeschnittcn und nicht stark genug waren, um mehre wichtige Punkte gehörig zu halten, wo von derssreibergcr Heerstraße Schluchten nach der Elbe abfallcn, so gelang es dem König Dresden (Schlacht) 477 von Neapel, diesen Flügel völlig zu umgehen, indem er mit dem Armeecorps Victor's und dcrRciterei unter Latour-Maubourg gegen Mittag aus dem Engpässe von Cotta und demAscho- ncngrunde bei Pennerich hervorbrach. Nach lebhafter Gegenwehr unter fortdauerndem heftigen Regen auf den Höhen am Rande des Wciscritzthals wurden die Östreicher von der feindlichen Reiterei überwältigt und von ihrer Nückzugsstraße weggedrängt. Da sie den richtigen Weg in den Plauischen Grund hinab, um auf der entgegengesetzten Seite die Höhe wieder zu gewinnen, verfehlten, so wurde der größte Thcil, über 10000 M., nebst dem General Mezko gefangen. Unterdeß hatte bereits der Heerführer der Verbündeten, aufdie Nachricht, daß Vandamme, der am 2 b. bei Königstein über die Elbe gegangen war, gegen Pirna vordringe und die Verbindung mit Böhmen bedrohe, den Rückzug beschlossen. Dieser wurde nun in der Nacht vom 27. auf den 28. angctrcten. Die Verbündeten hatten an Tobten, Verwundeten und Gefangenen gegen 30000 M. verloren. Die Gefangenen- über 13000M., meist Östreicher, die man in die Kirchen eingesperrt hatte, wurden von den Bewohnern der Stadt so gut als möglich verpflegt; doch kamen viele vor Erschöpfung um. Die Zahl der verwundeten Franzosen belief sich auf mehr als 10000 M.; auch die Zahl ihrer Tobten war sehr beträchtlich. Napoleon's Glücksstern ging mit dem 27. Aug. unter. Die Boten von den Niederlagen Oudinot's bei Groß beeren (s. d.), Macdonald's an der Katzbachss. d.) und Van- damme's bei Kulm (s. d.) zerstörten den stolzen Entwurf, in Berlin, Breslau und Prag seine Triumphe zu feiern. Von jetzt an begannen die unaufhörlichen Hin- und Herzügc der franz. Kriegsmacht, die immer schwerer auf D., ihren Stützpunkt, drückten und die Umgegend gänzlich verheerten. Vor der Altstadt wurden drei neue Schanzen angelegt; Meißen sollte ein Außenwcrk von D. bilden, und das franz. Heer schien in diesem verschanzten Lager den andringenden Strcitkräften der Verbündeten hinter mächtigen Bollwerken zu trotzen. Unterdeß rückte das Heer der Verbündeten aus Böhmen aufs neue vor, und russ. und preuß. Scharen streiften auf den lausitzer Straßen bis in die Nähe von D. und Großenhain. Napoleon trieb jene zwar zurück; allein Ncy's Niederlage bei D enncwitz (s. d.) am 6. Sept. und Blücher's Vordringen am >0. gegen Herrnhut nöthigten Napoleon, von der böhm. Grenze nach D. zurückzugehcn und auf das rechte Elbufer sich zu wenden. Am 11. brach zwar Napoleon wieder gegen die böhm. Grenze auf und drang am 15. bis Kulm vor; allein seine Garden wurden bei Nollcndorfam 16. von Collorcdo mit Verlust zurückgeworfen, und am 21. mußte er nach D. zurückkehrcn. Jetzt ließ er, gegen seine frühere Zusage, den Sonnenstein befestigen, wo die Irren in der daselbst befindlichen Heilanstalt schonungslos ver- trieben wurden. Die Östreicher besetzten dagegen am 17. Freiberg. Streifscharen von dem Heere des Kronprinzen von Schweden drangen bis nach Leipzig vor, und Blücher vereinigte sich mit Bubna. Noch einmal drängte Napoleon die Preußen nach Bautzen zurück, doch schon am 23. war er wieder in D., worauf er das rechte Elbufer gänzlich räumen ließ und seine Truppen auf das linke zog. Am 28. und 29. griffen die Verbündeten den Brückenkopf bei Meißen an, doch ohne Erfolg. Hierauf zogen Napoleon's Scharen über Freiberg gegen Chemnitz und über Nossen gegen Leipzig, wohin auch die verbündeten Heere ihre Richtung nahmen. Blücher's unerwarteter Übergang am 3. Oct. bei Wartenburg über die Elbe entschied endlich auch Napoleon's Abzug aus D. Er verließ die Stadt am 7. Oct. früh, um mit dem größten Theile seiner Streitkräfte dem Kronprinzen von Schweden und Blücher entgegenzugehen, die sich Leipzig (s. d.) näherten; ihm folgte der König von Sachsen. In und um D. blieb bei Napoleon's Abzüge eine Heeresmachl von etwa 36000 M. zurück unter Saint-Cyr und dem Grafen Lobau. An demselben Tage mußten die Franzosen Pirna verlassen; dem Königstein bewilligten die Verbündeten die Neutralität. Hierauf ersiürmte Bubna am 8. Oct. den Brückenkopf bei Pirna; auch wurden die Außenwcrke der Neustadt von der bautzener Straße her angegriffen. Zugleich näherten sich die Russen, 20000 M. stark, unter Tolstoi, Iwanow und Markow der Stadt, damit sich hinter ihnen Benningscn's Heer unbemerkt über Nossen nach Leipzig ziehen könne. Saint-Cyr griff am 17. Oct. den General Tolstoi auf den Höhen von Räcknitz und Zschernitz an. In Gefahr, umgangen zu werden, zogen sich die Russen auf Dohna zurück; aber schon am 20. drängten sie Saint-Cyr wieder nach D. hin, das nunmehr an beiden Ufern eingcschlosscn war, da dir 478 Dreux Driburg östr. Generale van Chasteler mit 10000 M. und Klenau von Leipzig her zu Tolstoi gestoßen waren, auch der russ. Oberst BuSmann Meißen am 23. beseht hatte, während der Fürst von Wied-Runkel ausser großenhaincr Straße gegen die Neustadt vorrückte. In der Stadt, der schon längst alle Zufuhr abgcschnitten war, wurde der Mangel an den ersten Lebensbedürfnissen immer drückender. Der am 28. Oct. an alle Bewohner erlassene Befehl, sich auf zwei Monate mit Lebensmitteln zu versehen, war unausführbar. Gleichwol setzte Saint-Cyr Alles zur hartnäckigsten Wehr gegen die Belagerer in Stand, welche Wurfgeschütz von The- resienstadt Herkommen ließen. Die Straßen in den Vorstädten wurden durch Verhacke, Pfahlwerk und Querwälle befestigt und eine Menge Wohnungen in Blockhäuser verwandelt. Die meisten Gebäude und Anlagen rings um die Stadt wurden nicdergerissen oder verbrannt. Vom 4. Nov. an war dieBcsatzungdurchausaufihreVerschanzungenbeschränkt. Jetzt wollte Saint-Cyr sich auf dem rechten Elbufer nach Torgau den Weg bahnen. Er fo- derte daher von den Einwohnern einen Theil der von ihnen ausgezeichneten Lebensmittel, damit das Heer Mundvorrath hätte. Hierauf zogen am 6. unter Lobau IOOOO M. Fußvolk und IOOO M. Reiterei nebst 200 Wagen aus der Neustadt auf die Straße nach Großenhain , wurden aber auf derFlächc der Drachenberge bei Reichenberg von dem Fürsten von Wied- Runkel zurückgeschlagen, sodaß sie Abends wieder in dieStadt einrückten. GrafDumäs ließ nun die noch vorhandenen Getreide- und Mehlvorräthe aus den Stadtmühlen und den öffentlichen Anstalten weguehmen; die Mühlen standen still und viele Brunnen versiegten,-weil das Wasser abgeschnitten war. Mit dem Hunger zugleich wüthete das Nervenfieber unter Soldaten. und Einwohnern. Die Krankenhäuser lieferten täglich über 200 Todte und in der Stadt starben wöchentlich 2 — 300 Menschen. So mußte cs endlich zur Capitulation kommen, die Saint-Cyr am I I.Nov.mit Klenau zu Herzogswalde abschloß und nach welcher die Besatzung vom 12.— l 6. Nov. frei abzog, aber die Waffen strecken mußte. Sie bestand zusammen aus 1759 Offizieren und 27714 Gemeinen. Über OOOOKranke blieben in den Spitälern zurück. Die Capitulation wurde indeß von dem Oberbefehlshaber, dem Fürsten von Schwarzenberg, nicht genehmigt, der General Klenau deshalb in Anklagestand versetzt.und Saint-Cyr nebst dem größten Theile der Besatzung kriegsgefangen nach Mähren und Ungarn abgeführt. Vom 17. Nov. an führte nun der russ. General Gouriew den Oberbefehl in der Stadt, die eine starke russ. Besatzung erhielt und der Sitz der russ. Landesverwaltung unter dem Fürsten Repnin wurde. Vgl. Odeleben, „Napoleon's Feldzug in Sachsen imJ. 1813"(Dresd. 1815; 3. Aust., 1840) und Lindau, „Darstellung der Ereignisse in D. im1.1813" (Drcsd. 1816). Dreux, das vurocassis der Gallier, im franz. Departement Eure und Loire, bekannt durch die daselbst 1562 zwischen Katholiken und Hugenotten gelieferte Schlacht, war ehedem Besitzthum eines gleichnamigen von Ludwig dem Dicken abstammcnden Grafengeschlechts und kam nach AuSsterben der ältern Linie desselben in der Mitte des I4.Jahrh. durch Kauf an die Krone zurück. In jüngster Zeit hat D., wo die Mutter des Königs Ludwig Philipp eine Kirche gründete, als Begräbnißort der Familie Orleans, ein erhöhtes Interesse erhalten. Nächst der Begründerin, die 1821 starb, sind daselbst bereits die Prinzessin Maria (1839) und der Thronerbe Frankreichs, der Herzog Ferdinand von Orleans (1842), beigesetzt. Dreyer (Joh. Matth.), ein Schöngeist, nicht ohne Witz und satirische Einfälle, aber ohne poetisches Genie, ohne Religiosität und Wahrheit, geb. zu Hamburg >716, starb daselbst als Holstein. Titularsecretair 1769. Seine meisten Gedichte hatten nur locales Interesse; gesammelt erschienen sie auf Kosten seiner Witwe (Altona 1771). Am stärksten war er in Sinngedichten. Seine „Schöne Spielwerke beim Wein, Punsch, Bischof und Krambambuli" (Hamb. 1763), eine Sammlung sehr anstößiger Trinksprüche, erregte einen förmlichen Aufstand in Hamburg; alle Prediger eiferten auf der Kanzel gegen die darin enthaltenen Ruchlosigkeiten; sic wurde nicht nur confiscirt sondern unter dem Läuten der Schand- glocke öffentlich verbrannt, sodaß sie sehr selten geworden sind. Driburg, im Mittelalter Iburg, ein Städtchen der preuß. Provinz Westfalen, drei Meilen von Paderborn, mit 2100 E., ist besonders merkwürdig wegen der nahen Mineralquellen, die bei Unterleibskrankheiten» in hypochondrischen und hysterischen Zufällen, gegen Schwäche und Reizbarkeit der Nerven, Magenkrämpfe und Koliken, Rheumatismen, Gicht, Dcvrbut und Ausschläge gebraucht werden. Auch sind Tropf-, Dunst- und Dampfbäder Drillen Drömling 479 4 -l eingerichtet. Schöne Anpflanzungen, Alleen und Spaziergänge machen die ganze Gegend fast zu einem Garten. In der Nahe liegen die Ruinen der Iburg, einer alten sächs. Feste, die Karl der Große 775 eroberte und dem Stifte Paderborn schenkte. Sie gab der nachmaligen Stadt den Namen, der seit dem 14. Jahrh. in Driburg überging. Die Quellen bei D. waren zwar schon zu Ende des 17. Jahrh. bekannt, allein erst seit 1782 kamen sie in größere Aufnahme. Drillen ist eine cigenthümliche Art der Feldbestellung. Sobald ein zu besäender Acker vollständig vorbereitet ist, werden mit einem Furchenrcißer, welcher aus einem Balken mit daran befindlichem Furchhaken besteht, die Furchen, in welche die Saat fallen soll, in der gehörigen Entfernung voneinander vorgerissen. Hinter diesem Furchenrcißer, welcher sich bei vielen Säemaschinen an diesem selbst befindet, folgt der sogenannte Drillkarren oder die Säcmaschine (s. d.), mittels deren die Saat gleichmäßig in die Furchen fällt. Auf diese Weise wird nicht nur die Saat regelmäßiger auf dem Acker vertheilt, sondern zugleich der Vortheil erlangt, daß, da die Saat nach dem Aufgehcn in Reihen steht, man später die sogenannte Pferdehacke, den Exstirpator, zwischen diesen Reihen durchgehen und das Unkraut ausreißen lassen kann. In steinigem oder sehr fettem Boden und bei sehr nasser Witterung ist das Drillen weniger anwendbar. Auch Hülsen - und Knollenfrüchte können mit Vortheil gedrillt werden. Die Drillcultur stammt aus dem Orient, namentlich wurde sie zuerst in Bengalen von Tüll eingeführt. Vervollkommnet wurde die Tull'sche Methode in England durch Ducket und dann durch Cok. In Deutschland fand die Drillcultur besonders durch Thaer Verbreitung. — Ein Schiff drillen heißt dasselbe mittels eines an die Spitze des Fockmastes befestigten Schlepptaus, das man mittels eines Klobens über eine Erdwindc auf dem festen Lande legt, dem Lande näher oder in die Docks bringen. Drohung kommt im Strafrechte unter verschiedenen Gesichtspunkten vor. Wer einen Andern durch Drohung zur Ausführung eines Verbrechens bestimmt, wird als intellektueller Urheber (s. d.) des letzter« angesehen; dagegen ist andererseits auch so ziemlich allgemein die Drohung (unter gewissen von den einzelnen Gesetzgebungen verschieden bestimmten, häufig auf Drohung einer Gefahr für Leib und Leben beschränkenden Modifikationen) als Aushebung jenes der Strafbarkeit des Bedrohten hinsichtlich der in Folge der Drohung von ihm vorge- nommencn Handlung anerkannt. Als ein besonderes Verbrechen stellen neuere Gesetzbücher z. B. das sächsische, die Bedrohung mit widerrechtlichen Handlungen auf. In einem weitern Sinne fallen unter den Begriff von Verbrechen der Bedrohung auch Erpressung (s. d.), Landzwang (s. d.) und Concussion (s. d.). Drbme, ein schiffbarer Fluß in der Dauphine im südöstlichen Frankreich, entspringt beim Dorfe La Bastie de Fonds am Eingänge Val de Drvme auf den Dauphinecr Alpen und mündet zwischen Valence und Montelimart nach einem wegen seines felsigen Betts ziemlich reißenden, unschiffbaren Laufe von 15 M. in die Rhone. Nach ihm ist das Dep arte ment derDröme benannt, welches aus Thcilen der Dauphinä und Provence besteht, einen Flächeninhalt von 124'/, lijM. hat und 3WVVV Bewohner zählt. Es wird von der Dröme, Argental, Ouveze, Jsere und Rhone bewässert und ist ein Gebirgsland voller Thäler, welche oft sehr eng abgeschlossen sind. An der Rhone herrscht südliches Klima; hier gedeihen die Orangen zum Theil unter freiem Himmel, ebenso der Mandel- und Ölbaum in üppiger Fruchtbarkeit, der Nußbaum, dessen Früchte reiches Öl liefern, und der Maulbeerbaum, der die Seidenzucht begünstigt. Auch ist der Weinbau sowie die Melonenzucht wichtig; berühmt sind der dunkle Hermitage-Wein und die Melonen von Romans. Die Einwohner beschäftigen sich mit Gewinnung der genannten Produkte und treiben außerdem Vieh - besonders Schafzucht sowie Seidenbau und Seiden- und Wollweberei. Die Hauptstadt des Departements ist Valence (s. d.), außerdem ist noch Diö(s. d.) zu erwähnen. Dromedar, s. Kameel. Drömling heißt der waldige, vormals sumpfige Bruch auf der Grenze der preuß. Provinz Sachsen und der hannöv. Landdrostei Lüneburg, welcher eine Länge von 6 M. und eine Breite von 2—3 M. hat und von der Öhre durchflossen wird, die sich hier früher in der muldenförmigen Vertiefung des Bruche in unzählige kleine Arme zertheilte und dadurch befonbers im Frühjahr Alles unter Wasser setzte. Jn.frühern Zeiten war der Drömling ganz 48N Droirtheim Droste-Hülshoff der freien Benutzung der benachbarten Dörfer überlassen. Nachdem aber im >7. Jahrh. die Grenze zwischen Hannover und Preußen bestimmt worden, entwarf Friedrich der Große den Plan, den preuß. Antheil entwässern zu lassen. Doch erst Friedrich Wilhelm ll. führte diesen Plan >788—96 aus. Die sogenannten Drömlingcr Bauern führten im Mittelalter und bis auf die neuere Zeit herab manche kühne Thal aus. In Kriegszeiten bedrängt, flüchteten sie sich auf die mitten in den Sümpfen liegende Horste, von wo aus sie dann ihreFeinde übersielen. Auf solche Weise vernichteten sic schon zur Zeit Heinrich's I. eine Abtheilung der in Sachsen eingefallenen Magyaren. Ebenso schlugen sie während des Dreißigjährigen Kriegs im I. >639 die kaiserlichen Truppen bei Stendal und im I. >642 einen schweb. Heerhaufen in die Flucht. Dronthcim, im Dänischen Trondhiem, bei den Alten Nidarvs, die Hauptstadt des norweg. Stiftsamts gleiches Namens, ihrer Größe und der Einwohnerzahl nach die vierte Stadt des Königreichs Norwegen, liegt an dem Nid, der einen tief ins Land hincintretenden Meerbusen bildet und ihr mancherlei Vortheile zum Betriebe eines nicht unbedeutenden Handels gewährt. Die Stadt ist gut gebaut und hat schöne regelmäßige Straßen. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus der sogenannte Kongsgaard, ein Palast, und die alte ehrwürdige Domkirche, die aber, ihrer Größe ungeachtet, nur ein geringer Überrest der vormals berühmten St.-Olafskirche ist. D. ist der Sitz eines Bischofs und hat mehre wissenschaftliche Anstalten, eine Kathcdral-, Sonntags-, Frei-und Arbcitschule, eine Bibliothek, Münzsammlung und mehre Anstalten der Wvhlthätigkeit, darunter ein Taubstummeninstitut und eine Irrenanstalt. Die Zahl der Einwohner beläuft sich über >2006. Sie treiben Handel und führen namentlich Zimmerholz, Stockfische, Heringe, Thran, Felle und Kupfer und Eisen von den benachbarten Hüttenwerken aus. Außerdem beschäftigen sie sich mit Gewerben und einigen Industrien und unterhalten Zuckerrafsinerien und Brennereien. In dem Hafen von D. liegt auf einem Felsen die Festung Munkholm. Auf der Landscite ist sie durch die drei Forts Möllenberg, Christianstern und Christiansfjeld beschützt. Wasserfälle und Landseen, tiefe Uferschluchten, eine Menge Inseln und landeinwärts hohe Gebirgszüge sowie eine Menge Landhäuser machen die Umgebungen der Stadt höchst romantisch. Erbaut wurde D. unter König Olaf I. um 997. Wiederholt litt die Stadt durch Brände großen Schaden; überhaupt brannte sie während der letzten 500 Jahre >5 mal gänzlich oder zum größten Theile ab, so zuletzt >827 und >84l. Droschke oder Troschkeist ein ursprünglich russ. Fuhrwerk, ohne Verdeck und mit niedrigen, mit Kothledern bedeckten Nädern. Die Droschken sind gewöhnlich zweisitzig, haben aber noch einen dritten, der Länge nach gehenden Sitz, auf welchem eine Person rücklings oder seitwärts sitzen kann; doch gibt es auch viersitzige Droschken und gegenwärtig Droschken mit Verdeck. Da die Miethwagcn für kurze Fahrten, die in Petersburg und Warschau zuerst aufkamen, die Droschkenform annahmcn, so hat sich diese Benennung, als man in andern Städten dergleichen Einrichtungen machte, auch auf diese Wagen fortgepflanzt, die aber mit den russ. Droschken nichts als den Namen gemein haben. Die ersten Miethwagcn der Art kamen in Frankreich unter Ludwig XIII. auf, aber erst >669 in besondere Aufnahme. Drosometer, auch Drososkop, heißt der Apparat, dessen man sich bedient, um die Menge des in irgend einer bestimmten Zelt erzeugte» feuchten Niederschlags aus der Atmosphäre, des Thaues, zu messen. Früher nahm man zu diesem Zwecke Metallplatten, welche den Thau leicht annehmen, setzte sie für die bestimmte Zeit dem Thau aus und schloß aus ihrer Gewichtszunahme auf die Menge des Niederschlags. Noch besser ist es, aufgezupfte .Baumwollenballen zu nehmen und dieselben frei auszuhängen. Drost hieß in Nicdersachsen im Mittelalter der adelige Verwalter eines Bezirks oder einer Voigtei, der den Landesherrn vertrat und vor dem sich jeder Bewohner des Bezirks ohne Unterschied des Standes zu stellen hatte. Gegenwärtig ist es ein bloßer Titel für Adelige in Hannover. Dagegen wurde in dem zuletzt genannten Staate >822 der Titel Landdrost als AmtSname wieder eingeführt für die Präsidenten der sechs Regierungen oder Landdrosteienzu Hannover, Hildesheim, Lüneburg, Stade, Osnabrück und Aurich. Droste-Hülshoff (Clemens Aug. von), deutscher Kirchenrechtslehrer, geb. zu Kösfeld in Westfalen am 2. Febr. >793, studirte unter Hermes in Münster Philosophie und Droste zu Vischering 481 Theologie. Erbestimmte sich für den geistlichen Stand und fungirte auch 1811—17 als Lehrer an dem Gymnasium zu Münster. Erst in Berlin, wohin er hierauf in Folge höherer Veranlassung ging, wendete er sich dem Studium des Kirchenrechts entschiedener zu, entsagte seinem Lehramte zu Münster und studirte hierauf noch einige Zeit in Göttingen. Nach erfolgter Doctorexamination reiste er in höherm Aufträge nach Wien, von wo aus er über Gegenstände aus dem Gebiete der kirchlichen Verwaltung des östr. Unterrichts - und Erziehungswesens nach Berlin Bericht erstattete und zugleich für eigene Forschungen die Archive benähte. Nach seiner Rückkehr habilitirte er sich, auf Hermes' Veranlassung, 1822 in Bonn, , wo er 1823 außerordentlicher und 1825 ordentlicher Professor wurde. Aufsehen erregte zu- I erst sein „Lehrbuch des Naturrechts und der Philosophie" (Bonn 1823; 2. Aust., 1831), welchem die Schrift „Über das Naturrecht als eine Quelle des Kirchenrechts" (Bonn l 822) vorangegangen war und die „Rechtsphilosophischen Abhandlungen" (Bonn 1823) folgten. Demnächst veröffentlichte er eine „Einleitung in das gemeine deutsche Criminalrecht" (Bonn 1828); sein Hauptwerk sind aber die „Grundsätze des gemeinen Kirchenrechts der Katholiken und Evangelischen in Deutschland" (2 Bde., in 3 Abkhl., Münst. 1828—33; Bd. I, 2.Aust., 1832; Bd.2,Abthl. 1, von Braun, 1835). Er schloß sich in seinem Lehrsystem an Hermes an, für den er auch 1832 nach dessen Tode in mehren kleinen Schriften entschieden und in einem nicht allenthalben gebilligten Tone auftrat. Er starb während eines Curauf- enthalts zu Wiesbaden am 13. Aug. 1832. Vgl. Braun, „Biographische Mittheilungen über Clem. Aug. D.-H." (Köln 1833). Droste zu Vischering (Clemens Aug., Freiherr von), Erzbischof von Köln, stammt aus einer altadeligen Familie des Münsterlandes und wurde am 22. Jan. 1773 aus dem Landgute Vorhelm unweit Münster geboren. Bildung und Richtung seines Geistes empfing er theilS durch Hauslehrer wie Katerkamp, theils auf der Lehranstalt zu Münster, theils im Umgänge mit der Fürstin Amalie von Gallihin. Kurz vor Beendigung seiner theologischen Studien wurde er Domcapitular zu Münster. Nachdem er hierauf mit seinem Bruder Franz Otto Deutschland, die Schweiz und Italien bereist, erhielt er bei seiner Rück- kehr im 1.1708 die Priesterweihe, doch begann er seine amtliche Wirksamkeit erst 1806. Zm I. 1805 zum Generakbicar der Diöces Münster gewählt, wirkte er ersprießlich für Wohlthätigkeitsanstalten. Während der sranz. Herrschaft übertrug das Capitel im I. 1813 in Übereinstimmung mit D., aber gegen den Willen Pius' VII., das Generalvicariat dem > von Napoleon designirten Bischof Ferd. Aug. von Spiegel, allein in Folge einer Reise nach l Rom erklärte D. 1815 jene Substitution für ungültig und übernahm wieder selbst die Ver- i waltung. Dadurch wurde das Capitel veranlaßt, zur Rechtfertigung seiner Amtshandlun- 1 gen Gutachten einzuholen, unter denen namentlich das vonHermes (s. d.) für das bishe- > rige Capitel und gegen D. sich entschied. Schon in den nächstfolgenden Jahren gerieth D. t > in Differenz mit der preuß. Regierung, theils weil er den protestantischen Oberpräsidenten t ! als Curator der katholischen Akademie zu Münster nicht anerkennen wollte, theils weil er > die Trauung, ja selbst das Aufgebot gemischter Ehen nur gegen ein zweifaches Versprechen e / gestattete, theils weil er vielleicht mit Rücksicht auf Bonn, wo Hermes lehrte, den zu Mün- - ! ster Studirenden durch den Dekan ohne Vorwissen des Kurators verbieten ließ, anderswo e I theologische Vorlesungen zu hören. Namentlich die Folgen dieser letzten Maßregel bewogen s l ihn, das Generalvicariat im 1.1820 niederzulegen und mehre Jahre in stiller Zurückgezo- 2 ! genheit zu leben. Als demnächst sein älterer Bruder im 1.1825 das Bisthum Münster erhielt, ward er zu dessen Weihbischof ernannt und wirkte in dieser Stellung als Prediger und !r durch Herausgabe ascetischer Schriften. Jndeß sehnte er sich nach einem umfassendem Wir- kungskrcise und sollte diesen im I. 1835 in Köln erhalten. Denn nachdem er dem preuß. Ministerium erklärt hatte, daß er als Bischof die in Gemäßheit des Breve von 1830 im I. 1834 getroffene Übereinkunft hinsichtlich der gemischten Ehen aufrecht halten würde, wurde tt 1 er vom Domcapitel zu Köln zum Erzbischof erwählt und trat sein Amt im Mai 1836 an. ! Allein gleich nach seiner Inthronisation that er Schritte, die zu den nachmaligen Streitig- ^ ! Seiten führten. Vor Allem verweigerte er nicht nur der Hermes'schen „Zeitschrift für Philo- ^ "ophie und katholischen Theologie" das Imprimatur, sondern ließ auch im Jan. 1837 den Con».»Sex. Neunte Aust. IV. 31 482 Drouais Alumnen und Repetenten am Convictorium zu Bonn den Gebrauch der Schriften von Hermes und den erstcrn durch die Beichtväter zugleich den Besuch Hcrmes'scher Vorlesungen verbieten; ja er suspcndirte die Professoren Achterseldt und Braun vom Seelsorgeramte und fodcrte von Allen, welchen er die Weihe oder ein Amt ertheilen solle, ein schriftliches Gclvbniß auf 18 von ihm aufgestellte Thesen, von denen die 18. den Recurs an die Regierung ausschloß. Auf die vermittelnden Vorschläge des Curators der Universität zu Bonn glaubte D. nicht eingehen zu dürfen, fuhr vielmehr fort, auch andere des Hermesianismus verdächtige Männer aus ihren Ämtern ungehört zu entfernen. Dazu kam nun sein Verfahren in Bezug auf die gemischten Ehen, das zu dem vor seiner Wahl gegebenen Versprechen nicht stimmte. Mit einem Male nämlich erklärte D. im Sept. 1837, er finde die katholische Trauung ohne das Versprechen der katholischen Erziehung der Kinder in Widerspruch mit dem Breve von 1839 und gestatte sie deshalb nie ohne ein solches Versprechen; das Übereinkommen von 183-1 könne für ihn nur insoweit normgebend sein, als es dem Breve gemäß sei. Demzufolge von der Regierung mehrmals aufgefodert, entweder seine frühere Zusage zu halten oder seine Amtsverrichtungen, wenigstens bis zum Austrage der Sache in Rom, cinzustellen, weigerte er sich auf das bestimmteste, dies zu thun, worauf dann im Nov. seine Äbführung nach Minden erfolgte. Hier gab er sich seiner frühem ascetischm Lebensweise hin. Die nachmaligen Unterhandlungen mit ihm behufs seiner Resignation führten unter Mitwirkung des Papstes endlich dahin, daß der Bischof Geissel von Speier zum Coadjutor D.'s ernannt wurde und die Verwaltung der Erzdiöces überkam. Nach dessen Einführung erhielt D. im I. 18-11 die Erlaubniß, nach Köln zurückzukehren, nahm jedoch seinen Aufenthalt zu Münster, wo er seitdem privatisirt. Seine kirchlichen Grundsähe hat er dargelegt in dem Schriftchen „Über die Religionsfreiheit der Katholiken bei der von den Protestanten zu begehenden Jubelfeier" (Münst. 1817) und in dem größer« Werke „Über den Frieden unter der Kirche und den Staaten" (Münst. 18-13), gegen welches namentlich von Marhcineke und Ellendorf schrieben. Auch ließ er „Predigten, in frühem Jahren gehalten" (Müust. 1813) erscheinen. — Sein älterer Bruder, Kasp. Maxim, vonD., Bischof;» Münster, geb. 17 7 0, erhielt schon > 7 7 9 die Dvmpropstei zu Minden und gelangte noch in demselben Jahre in das Domcapitel zu Münster. Im 1.1793 zum Priester geweiht, wurde er ini folgenden Jahre Weihbischof des münsterschen Domcapitels und zugleich 1793 Bischof zu Jericho in partibus inliüelium. In der Folge nahm er als Wcihbischos von Münster an dem Nationalconcilium Theil, welches Napoleon I8I I berufen hatte, und beantragte dabei die dringende Bitte an den Kaiser, den zu Savona gefangen gehaltenen Papst frei zu geben. Im 1.1825 auf den bischöflichen Stuhl zu Münster erhoben, trat er 1831 der zwischen dem damaligen Erzbischof von Köln und dem preuß. Legationsrath Bunsen geschlossenen Einigung über die gemischten Ehen unbeschränkt bei und segnete 1837 zu Oldenburg die Ehe des Königs von Griechenland ein, obgleich derselbe zuvor festgestellt hatte, daß alle seine Kinder in der griech.-katholischen Kirche erzogen werden sollten. Als ihm die päpstliche Allocution vom Dec. 1837 bekannt geworden war, erklärte er der Negierung, er dürfe und werde von nun an hinsichtlich der gemischten Ehen einzig nach dem Breve von 1839 verfahren und erließ im I. 1838 eine Verfügung an seine Pfarrer, durch welche das Übereinkommen von 1831 im Wesentlichen aufgehoben wurde. — Franz Otto von D-, der jüngere Bruder des Vorigen, geb. am 13. Sept. 1771, erhielt bereits 1789 die Dompropstei zu Münster. Als er demnächst mit seinem jüngern Bruder Clemens August längere Zeit zu Nom verweilte, empfing erdort 1797 das Subdiakonat und noch in demselben Jahre zu Münster das Diakonat, sodann 1809 die Dompropstei zu Hildcsheim. Seine Schrift „Über Kirche und Staats (Münst. 1817; 2. Ausl., 1838) geht von denselben Ideen aus wie die seines Bruders „Über die Religionsfreiheit der Katholiken". Er starb am 26. Febr. 1826. Drouais (Jean Germain), einer der bedeutendsten Maler aus David's Schule, geb. zu Paris am 25. Nov. 1763, stammte aus einer der Kunst sehr zugewendeten Familie. Nicht nur sein Vater und Großvater waren Maler; auch seine Mutter malte in Miniatur. Er war der erste Schüler David's, nachdem dieser sein Atelier in Paris eröffnet. Sein erstes Bild, das er zur Mitbewcrbung um den großen Preis im I. 1783 fertigte, genügte ihm so wenig, oaß er es wieder zerriß, obschon sein Lehrer, als er die Stücke sah, ihm seine vollkom- eri Mi de de Ml da da i» v» vn Ir ge! ge, R gej sei! rer die »ei -u T< Ik zu V ba er zu H al nc ni I! so h< L> C w ei ! 2 > e> > li ! l Dronet Drouet d'Crlon 483 mene Zufriedenheit mit der Arbeit zu erkennen gab. Hierauf malte er seine Kananäerin zie den Füßen des Heilandes, die im folgenden Jahre ihm den Preis gewann, worauf er seinen Lehrer als Pensionair nach Nom begleitete. Sein sterbender Gladiator und vorzüglich sein Marius zu Minturnä erwarben ihm und David's Schule neue Triumphe. Ein hitziges Fieber endete am 13. Febr. 1788 sein Leben. Drouet (Jean Bapt.), geb. am 3. Jan. 1763, Postmeister zu Saint-Menehould, erkannte Ludwig XVI., als derselbe aus Frankreich zu fliehen versuchte, an der Ähnlichkeit mit dessen Bildnisse auf den Assignaten und veranlaßte am 21. Jan. 1791 zu Varennes dessen Gefangennahme, indem er durch seinen Sohn die dortigen Behörden von seiner Entdeckung von der Ankunft des Königs unterrichten ließ. Er ward dafür vom Marnedepartement in den Convent gewählt, empfing für seine Dienstleistung 30009 Francs, stimmte dann für den Tod des Königs und entwickelte überhaupt eine solche wüthende Demagogie, daß sich selbst die Häupter des Bergs entsetzten. Im Sept. 1793 erhielt er eine Sendung zur Nordarmee; hier gerieth er, als er im Oct., in Maubeuge von der Armee des Prinzen vsn Koburg eingeschlossen, mit einigen Dragonern zu entkommen suchte, in Gefangenschaft und wurde nach dem Spielberg in Mähren abgeführt. Um zu entfliehen, sprang er am 6. Juli 1793 vom Fenster seines Gefängnisses herab, brach aber ein Bein und wurde zurück- zebracht. Mit Camus, Beurnonvillc u. A. wechselte man ihn im Nov. 1795 zu Basel gegen die Herzogin von Angoulemc aus, worauf er als ehemaliges Conventsmitglied in den Nach der Fünfhundert trat. In die Verschwörung des Babeuf verwickelt, ward er 1796 gefangen gesetzt; doch fand er Gelegenheit zu entfliehen und ging in die Schweiz. Nach seiner Freisprechung vor Gericht, kehrte er nach Frankreich zurück und wurde 1799 als Un- «rpräfcct zu Saint-Menehould angestellt. Wenn es wahr ist, daß er im März 1813 Napoleon nach dem Gefechte von Arcis vom Marsche auf Paris abhielt, indem er demselben die Mittheilung machte, daß die zahlreichen Besatzungen der lothringischen Festungen sich vereinigten, um den Verbündeten in den Rücken zu fallen, so wäre er ein zweites Mal den zufällige Vermittler außerordentlicher Ereignisse und Schicksale. Während der Hundert Tage war er Mitglied der Deputirtenkammer; nach der zweiten Restauration wurde er 1816 als sogenannter Königsmörder aus Frankreich verbannt. Am I l. Apr. 1823 starb zu Macon in Frankreich ein Mann, der mehre Jahre daselbst zurückgezogen gelebt und sich Merger genannt hatte; aus seiner Hinterlassenschaft ergab sich, daß es D. gewesen. Drouet d'Erlon (Jean Bapt., Graf), Marschall und Pair von Frankreich, ein Verwandter des Vorigen, geb. am 29.Juli >765 zu Rheims, trat 1792 in ein Freiwilligenbataillon und machte von 1793 — 96 die Feldzüge an der Mosel, Maas und Sambre mit Schon früher hatte ihn der General Lefebre zum Adjutanten angenommen, und 1799 ward er für die wichtigen Dienste, die er durch seine Geistesgegenwart und Tapferkeit erworben, zum Brigadegeneral erhoben. In dieser Eigenschaft nahm er 1803 an der Expedition in Hannover Theil. Im I. 1805 erhielt er den Grad eines Divisionsgenerals und wohnte als solcher den Feldzügen in Deutschland bei. Er drang mit seiner Division durch Franken nach Baiern vor, half 1806 bei Jena die Preußen schlagen und focht 1807 mit Auszeichnung in der Schlacht von Friedland als Generalstabschef des Marschalls Lärmes. Im I. 1809 in gleicher Eigenschaft dem Marschall Lefebre beigegeben, kämpfte er mit in Tirol und soll sich daselbst durch friedliches Benehmen gegen die Bewohner vor Andern ausgezeichnet haben. Seit 1810 befehligte er eine Division in der span. Armee unter Mafsena, dessen Lob er sich durch seine zahlreichen Erfolge erwarb. Unter Anderm schlug er 1811 den engl. General Hill und warf ihn auf Lissabon zurück; im I. 1813 befehligte-er die Armee des Centrums und nahm im Juli die furchtbar vertheidigte Position am Col-de-Maya, dann wohnte er dem unglücklichen Treffen von Viktoria bei- Im franz. Feldzuge von 1813 war er der Adjutant des Marschalls Soult und wagte bei Toulouse das Äußerste. Nach dem Sturze Napoleon's suchten ihn die Bourbons zu gewinnen und gaben ihm namentlich den Befehl über die 16. Militairdivision. Allein im März 1815 wurde er unter Anschuldigung eines Complots gegen die königliche Familie gefangen gesetzt. Bei der Annäherung Napo- lcon's kam er wieder in Freiheit, bemächtigte sich hierauf der Citadelle von Lille und überlieferte dieselbe dem Kaiser, der ihn zum Pair von Frankreich ernannte. In der Schlacht 484 Drovetti Droz (Pierre Jacquet) vonFleurus und Waterloo befehligte er das erste Armcccorps; doch alle seine Anstrengungen waren vergebens. Nach der Kapitulation von Paris zog er sich mit den Trümmern seines Corps hinter die Loire zurück und floh, da er auf der Liste der Generale stand, die vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollten, nach Baiern, wo er in der Nähe von Baireuth während der Restauration ein Landgut bewirthschaftete. Nach der Julirevolution kehrte er nach Frankreich zurück und erhielt 1832 den Oberbefehl in der Vendee, den er auch wieder übernahm, nachdem er vom 28. Sept. 1834 bis28. Aug. 1835 Generalgouvcrneur in Algier gewesen. Im Mai 1843 wurde er Marschall von Frankreich und starb am 25. Jan. 1844. Drovetti (Bcrnardin), ein um die Erforschung Ägyptens sehr verdienter Mann, geb. um 1775 in Livorno, trat frühzeitig in die franz. Ärmee, in welcher er als Obcrstlieu- tenant an dem ägypt. Feldzug Äntheil nahm. Später ernannte ihn Bonaparte zum franz. Generalconsul in Ägypten. Diese Stellung benutzte er eifrig zur Aufdeckung und Aufhellung der altägypt. Denkmäler, und auch nachdem,er unter der Restauration durch Roussel imGeneralconsulat erseht worden war, blieb er in Ägypten und setzte seine Bestrebungen fort. Nach allen Seiten hin unternahm er Ausflüge und beschäftigte viele Jahre hindurch eine große Anzahl Menschen mit Ausgrabung von Alterthümern. Außerdem kaufte er von den Arabern und Reisenden Alles auf, was zur Erläuterung der ältesten Geschichte Ägyptens dienen konnte. Aus diese Weise wurde seine Sammlung die bedeutendste, welche vielleicht je von einem Privatmann zusammengebracht worden ist; den einen kostbarsten Theil derselben kaufte der König von Sardinien für das turiner Museum; der andere ebenfalls höchst kostbare, welchen die franz. Regierung an sich brachte, bildet den Kern des pariser Museums ägypt. Alterthümer. Beide Theile enthalten zwar nur wenige große Statuen, aber mehre tausend Idole, Skarabäen, Medaillen, Jntaglios und andere das religiöse und häusliche Leben der alten Ägypter erläuternde Merkwürdigkeiten, ferner mehre Mumien und an 20V Papyrusrollen. Seitdem er sich mit dem Handelshause Tourneau in Alexandrien als Mittheilhaber verbunden, war sein ganzes Streben nur dahin gerichtet, seine Auffindungen in Gold zu verwandeln. Er schloß sich 1820 dem Feldzug gegen die Bewohner von Siwah an. Unter dem Schutze Mehemed Äli's konnte er nebst Cailliaud und andern Reisenden, die ihn begleiteten, das Innere vvn Gharmy in Augenschein nehmen, das bisher noch kein Europäer gesehen hatte, die Oase durchstreifen, Plane «ufnehmen, Änsichten entwerfen und die alten Denkmäler ausmessen und zeichnen. Nicht unerwähnt ist zu lassen, daß man D. gleich dem Briten Salt Schuld gibt, in der Wahl der Mittel zur Erlangung von Alterthümern nicht scrupulös gewesen zu sein. Wieder zum Generalconsul ernannt, wurde er 1830 von Mimault in diesem ersetzt und lebt gegenwärtig als Privatmann abwechselnd in Frankreich und England. Unter D.'s Mitwirkung erschienen die von Jomard herausgegebenen z-es ü >'o791 in Neapel, wohin er zur Herstellung seiner Gesundheit gereist war. Seine nnd seines Vaters Antomatc sind jetzt in Amerika. (S. Automat c.) — Jean P ierrc D., gcb. znLachauxdcFonds l 7 IN, gcst. 182!!, machte sich in der letzten Hälfte des >8. Jahrh. durch seine Ersindnngcn für die Münze bekannt. Um >783 verband er sich mit Boulton in Birmingham zur Prägung der sämmtlichcn engl. Kupfer- münzen. Für die pariser Münze fertigte er eine Prägmaschinc, die mit einem Schlage und mit geringen« Krastaufwande als bei dem gewöhnlichen Verfahren mittels einer bcsvndern Vorrichtung nicht nur beide Seiten sondern auch den Rand der Münze zugleich prägt. Nach seiner Rückkehr aus England ward er Aufseher der Mcdaillcnmünzc, ans welcher Periode wir Napolcon's Kopf nach Chaudet auf einer Medaille und eine Sammlung sehr schöner Medaillen auf die damaligen Zeitereignisse haben. Droz (Franc, ssav. Jos.), ein berühmter franz. Moralphilosoph, gcb. zu Bcsancvnam 3I.Oct. >77:;, früher Parlamentsrath in seiner Vaterstadt, seit 182-1 Mitglied der stanz. Akademie nnd seit 1838 Präsident der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften, deren Viccprästdcnt er schon früher gewesen war, machte sich zuerst bekannt durch den „bissui sur l'art «I'ctrc bciireiiv" (Par. I 806; 6. Aust., I 820), welchen Blumrödcr unter dem Titel „Eudämonia, oder die Kunst glücklich zu sein" (Ilmenau 1826) ins Deutsche übersetzte. Nicht weniger Beifall als dieser fanden sein „ssloz;« <>e üloiituigiie" (Par. 1812; 3. Aust., 181 5), die „A-Icmoires «Io 3acg. kaiivcl" und die „Ütuckes sui lo besu Onim les urts" (Par. 181 7), Auch in seinem Werke „Oe la pliilosopllieinttlaleoudesclitlereiOs «Meines sur I» Science «Io la vie" (Par. 1823), welches den Mvntyon'schcn Preis erhielt, in seiner ,,^;>p!icatio„ «le la morale ä la polititjne" (Par. 1825; deutsch von Blumrödcr, Ilmenau 1827) und in seiner klar, methodisch und gut geschriebenen „Lconnmie politigne o» principes cle la Science «le« ricliesses" (Par. 1829; neue Aust., von Comte, Brüss. > 8 10) zeigte er sich als einen denkenden Kopf und als gründlichen Gelehrten. Ein Theil seiner Werke erschien als „Oeuvres morales" (2 Bde., Par. 1826). Neuerdings hat er durch seine „blis- toire «ln regne eie ll.ouis XVI ;->enrevenir nu diriger larevolution sranc. (Par. 1839; deutsch mitVorrcde von Luden, Jena 1812) auch in Deutschland die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Druck nennt man die Wirkung eines ruhenden Körpers, der von einer Krass zur Bewegung getrieben wird, auf einen ihn berührenden Körper, der dieser Bewegung entgcgen- steht. Da auch Dasjenige, was Bewegung hindert, Kraft genannt wird, so muß in dem widerstrebenden Körper ebenfalls eine Kraft sein, welche die Wirkung jener oder die Bewegung des drückenden Körpers hindert. Diese ist thcils die Kraft der Cohäsion (s. d.), thcils die Wirkung des Zusammenhangs mit andern unbeweglichen Körpern. Man pflegt die bewegenden Kräfte überhaupt durch Gewichte zu messen, die einen gleichen Druck Hervorbringen. So sagt man, der Druck der Lust auf eine Fläche von einem pariser lUF. betrage 2210 Pf., d. i. die Fläche werde von dor Luft ebenso stark gedrückt, als sie durch das Gewicht von jener Schwere würde gedrückt werden. Übrigens pflanzt sich der Druck von einem Thcile des Hindernisses zum andern fort; bei festen Körpern aber blos nach solchen Richtungen, welche mit der Richtung des Drucks selbst gleich laufen. Drucker nennt man in der Malerei die Anwendung dunkler Schatten (s. d.), um nach dem Gesetze des Contrastes gewisse Stellen stärker und in das Auge fallender zu machen. Druckwerk heißt eine Maschine, welche dazu dient, Flüssigkeiten zu einer Höhe empor- zutreiben, welche größer als 32 F. ist, bis zu welcher Höhe die Flüssigkeiten mit der gewöhnlichen Säugpumpe (s Pump e) gehoben werden können. Ein Druckwerk besteht aus einer Röhre, welche unterhalb des Wasserspiegels ein nach innen gehendes Vcntilhat und in welche eine zweite Röhre, das Steigrohr, einmündet. In dem Hauptrohre bewegt sich ein massiver, genau schließender Kolben auf und ab. Beim Aufsteigen des Kolbens entsteht unter demselben ein luftleerer Raum, in welchen dann durch das Ventil Wasser steigt, welches beim 486 Drudenfuß Druiden Absteigen des Kolbens in das Steigrohr getrieben und dort ebenfalls hinter einem Ventile gefangen wird. Jedes Kolbenspiel bringt neues Wasser, das auf diese Weise ebenfalls gehoben wird. Um bas ruckweise Ausströmen an der Ausflußöffnung zu umgehen, läßt man das Wasser durch einen Windkessel (s. d.) gehen. Bei den doppelten Druckwerken, wohin z. B. die gräßern Feuerspritzen gehören, steigt ein Kolben auf, während der andere abwärts geht. Zu den merkwürdigsten Druckwerken der neuern Zeit gehören die für das Salzwerk zu Reichenhall in Baiern, die berühmten Wasserkünste zu Herrenhausen in Hannover und die jetzt in Verfall gerathenen berühmten Fontaine» zu Marly-le-Roy bei Versailles. Zn der neuesten Zeit wurden auch in Berlin und Potsdam behufs der Wasserkünste und zu Feuerspritzen bedeutende Druckwerke angelegt, bei welchen Dampfmaschinen die Kolben bewegen. Drudenfuß oder Drutenfuß, Pentagon, Pentagramm oder Pental- p ha nennt man, nach der Beschreibung Lucian's, ein dreifaches, ineinander verschlungenes Dreieck, oder ein Fünfeck, auf dessen Seiten gleichschenklige Dreiecke construirt sind(^). Der Ursprung dieses mystischen Zeichens verliert sich im grauen Alterthume. Unter den ge- heimnißvollen Zahlen und Figuren, in welche die Pythagoräer ihre Philosophie einschloffen, finden wir es als Zeichen der Gesundheit. Aus der Schule der Philosophen ging es in das gemeine Leben über. Häufig erscheint das Pentagramm auf griech. Münzen. Eine hohe Bedeutung erhielt es auch bei den verschiedenen gnosiischen Sekten, und als Sinnbild der Pentas erscheint es auf den Abraxasgemmen. Im Mittelalter wurde es bei Zauberformeln gebraucht und sollte eine Herrschaft über die Elementargeister ausüben. Den Namen Drudenfuß (Elfen- oder Alfcnfuß) mag es daher erhalten haben, daß man sich desselben gegen Hexen oder Druden (s. Druiden) bediente, und noch gegenwärtig bedient sich der Aber- ^ glaube dieses Zeichens, um die Hexen von den Wchställen u. s. w. abzuhalten. Vgl. Lange, > „Der Drudenfuß", in Böttiger's „Archäologie und Kunst" (Bd. I). Auch in den Bauhüt- > ten des Mittelalters war der Drudenfuß in Gebrauch, und daher erklärt sich die Erscheinung l desselben an einzelnen Gebäuden, wie z. B. an der Barfüßerkirche zu Erfurt. — In der He- s raldik heißt das geschlungene fünfeckige Kreuz das Alpenkreuz. Drmden (l^ruirles) ist der Name der Priester bei den keltischen Völkern des alten : Galliens und Britanniens. In Gallien bildeten sie zu Cäsar's Zeit einen geschlossenen Stand, keine erbliche Kaste, der mit dem der Ritter, dem Adel, die Herrschaft über das übrige Volk theilte, selbst vom Kriegsdienst und Abgaben befreit war, vermuthlich mehre Abtheilungm oder Grade in sich schloß und an dessen Spitze ein oberster Druide stand. Als Priester besorgten sic den Dienst der Götter, namentlich auch die Opfer, zu denen auch Menschenopfer gehörten, an den geweihten Plätzen auf heiligen Inseln, zumeist in Hainen. Aber auch die Geheimlehre der Religion ward von ihnen bewahrt; sie übten die Kunst der Weissagung und entschieden als Richter in den Streitigkeiten zwischen den Einzelnen wie zwischen den verschiedenen Völkerschaften; die Heilkunde, in der die Mistel der Eiche eine wichtige Rolle spielte, die Kenntniß der Gestirne, der Eintheilung der Zeit, der Schreibkunst, überhaupt Alles, was als Wissenschaft gelten konnte, war in ihrem Besitz. Diese ihre Wissenschaft ward vor dem Volke geheim gehalten, dem in den Stand Aufzunehmcnden aber durch lange währenden Unterricht mitgetheilt. Daß sie ein waltendes Schicksal anerkannt, die Unsterblichkeit der Seele und deren Wanderung nach dem Tode gelehrt haben, ist wol sicher, ebenso, daß mannichfacher, auch greuelhafter Aberglaube bei ihnen seine Stätte'hatte. Mit der Unterwerfung Galliens durch die Römer hörte ihre politische Bedeutung auf, wenn gleich ihre ^ Wissenschaft von ihnen fortgelehrt ward. Kaiser Claudius hob den druidischen Götterdienst durch Verbot auf, heimlich scheint er aber noch eine Zeit gedauert zu haben, und vielleicht sind einzelne Spuren von ihm noch im Volksaberglauben erhalten. Britannien galt bei den Galliern als die eigentliche Heimat des Druidenthums. In den Steinreihen von Stonehenge, den Spihsäulen von Quiberon will man Monumente der Druiden, und in den auf stehenden Steinen querüber schwebenden Tafeln, wie sie hin und wieder gefunden werden, Altäre ' derselben erkennen. — Mit den Druiden sind die Druden oder Druten nicht zu verwechseln, die in der deutschen Mythologie als weibliche Wesen erscheinen, die zwischen Göttern und Menschen mitten inne stehen, den letzter« Heil und Unheil verkünden, in Wäldern, auf Bergen und an Flüssen ihren Aufenthalt haben und sich unsichtbar machen können. Druse Drusen 487 Druse nennt man im Allgemeinen den Katarrh der Pferde und der ihnen verwandten Thiere, des Esels und des Maulesels. Die Druse erscheint in verschiedenen Formen: I) als Strenget, welcher ganz dem Schnupfen dcsMenschen gleicht; 2) als Kchlsucht, eine Art katarrhalischer Bräune; 3) als gutartige Druse, welche im weitern Verlaufe die Lymphdrü- sen im Kchlgange in Mitleidenschaft zieht. Zn allen drei Formen ist das Hauptsymptom die Absonderung von Schleim in den Respirationswegen, welcher erst dünn ist, nach und nach aber, wenn die Krankheit ihren Höhepunkt überschritten hat, an Consistenz gewinnt. Durch schlechte Ernährung und Behandlung, sowie durch Schwäche des Thiers kann die Krankheit in Lungenentzündung, Bräune und Augenentzündung, Kolik, ja selbst Wurm und Rotz übergehen. Hierdurch entsteht eine vierte Form der Krankheit, die verschlagene oder bösartige Druse. Die Heilung wird auf verschiedenen Wegen versucht, namentlich mittels des sogenannten Drusen pulvers. Vgl. Tenneker, „Beobachtungen über die unter den Pferden herrschende Druse" (Lpz. 1820). Drusen, eine syr. Völkerschaft, deren eigenthümliches Land aus ungefähr I I» mM. geschätzt wird, bewohnen südlich von den Maroniten, und zum Theil gemischt mit ihnen, den westlichen Abhang des Libanon und fast den ganzen Antilibanon, von Beirut bis Sur und vom Mittelmeer bis Damask. Die Angaben über ihre Anzahl schwanken von 10»—16»»»» Seelen; gewiß ist, daß sie 15—2»»»» Bewaffnete ins Feld stellen können. Sie leben unter einer durch den Einfluß aller Geschlechter und Feudalstände gemäßigten Demokratie, anderen Spitze bis vor kurzem ein Großemir als Vasall der Pforte stand, welcher als allgemeiner Befehlshaber und Steuereinnehmer von den übrigen Emirs und Schechs gewählt ward. Der zahlreiche Adel der Emirs und Schechs, der sich nie unter seinem Stande verheirathet, bildet mit allen andern Grundbesitzern eine Art von Landständen, die sich zu Deir-el-Kam- mar, dem Hauptorte des Landes, versammeln und von denen die Leitung der gemeinsamen Angelegenheiten, unter andern die Bestimmung der Abgaben, ausgeht und die Macht des Großemirs, dem keine eigenen Truppen zu Gebote stehen, abhängt. Die einzelnen Emirs und Schechs sind so gut wie ganz unabhängig, da sie weder an Gut noch am Leben gestraft wer- den können und die Anführer im Kriege bilden, indem von ihnen die Bewaffnung und Unterhaltung der Truppen ihrer bezüglichen Districte ausgeht. Die Drusen, zu Zeiten ganz unabhängig, stehen zur türk. Regierung in einem ziemlich lockern Vasallcnverhältnisse, das nur durch die Zahlung eines durch gegenseitiges Übereinkommen bestimmten Tributs sich geltend machte; erst in neuester Zeit haben die Türken, die Zeitumstände benutzend, die Drusen in größere Abhängigkeit zu bringen gewußt. Sonst sind die Drusen eifrig auf Bewahrung ihrer alten Freiheit bedacht und stets waren sie gerüstet, um sie gegen Türken und Araber zu ver- theidigen, was ihnen bei ihrer angeborenen Tapferkeit und der Unzugänglichkeit ihres Ge- birgslands im Ganzen immer gut gelungen ist. Wie den Beduinen ist ihnen die Übung der Gastfreundschaft und der Blutrache gleich heilig, und von äußerst empfindlichem Ehrgefühl, rächen sie jede öffentliche Beleidigung tödtlich; dabei thcilen sie die allen Orientalen eigen- thümliche Schlauheit, Treulosigkeit und Eifersucht. Vielweiberei, ebenso auch Ehe unter den Geschwistern, ist bei ihnen erlaubt und die Scheidung der Ehegatten sehr leicht; doch machen von der erstern nur die Vornehmen Gebrauch. Nur Wenige von ihnen können lesen und schreiben, was von der zwischen ihnen und ihren Priestern herrschenden völligen Abscheidung, ihrer Vorliebe zu Krieg und Jagd und der Gewohnheit, alle schriftliche und andere mehr geistigen Geschäfte von Maroniten besorgen zu lassen, herrührt. Sie sind sehr mäßig, reinlich und fleißig, und ihre Hauptbeschäftigungen bestehen in Acker-, Wein-, Ol-, Tabacks- und Seidenbau. Ihre Sprache ist die arabische. Die Religion der Drusen ist eine Geheimlehre, über die wir noch immer sehr im Dunkeln sind. Nur so viel wissen wir, daß panthcisti- sche Ideen und der Glaube an Scelenwanderung und Menschwerdungen Gottes, vergangene (die bedeutendste in dem ägypt. Khalifen Hakem) wie zukünftige, eine große Rolle darin spielen, und daß Überbleibsel des alten oriental. Naturdienstes, sowie christliche, jüdische und mohammedanische Lehren darin auf wunderliche Weise gemischt sind. Als Stifter dieser Religion werden Mohammed Ben Jsmael-cl-Durzi (von dem die Drusen oder Durzen ihren Namen haben sollen) und Chamsa Ben Ahmed genannt. Eigentliche Priestbr haben die Drusen nicht; sie theilen sich nur in Akal, d. h. Wissende, Eingeweihte, und Dsiahhel, d. h. 488 Drusen Unwissende, Uneingeweihte, wozu noch Nawi oder Novizen von Einigen gefügt werden. Die Mal, zu denen die meisten Emirs und Schechß gehören, bilden einen geheimen Orden in verschiedenen Graden, der allein im Besitze der Geheimlehre», sowie der heiligen Bücher, die aufs ängstlichste bewahrt werden, ist, und der in geheimen Versammlungen, zu denen in gewissen Abstufungen die Weiber Zutritt erhalten, zum Gottesdienst sich versammelt. Das übrige Volk, dieDsiahhcls, ist in der Religion ganz unwissend und daher auch höchst indifferent dagegen. Daher kommt es auch, daß sic in dem Verkehre mit den andern Völkern ihres Landes Mit der größten Leichtigkeit äußerlich die Gebräuche von deren Religionen, besonders der mohammedanischen, annehmen, zu ihrer aber nieProselytcn machen. So kennen sic auch weder Beschneidung noch Fasten, trinken Wein und essen Schweinefleisch und legen überhaupt wenig Werth auf äußere Gebräuche. Die Drusen stammen wahrscheinlich von den alten, in derselben Gegend wohnhaft gewesenen Jturäern , die immer eine gewisse Unabhängigkeit sich zu erhalten wußten, ab, von denen auch ihr Name (el Dursi) wol abzuleiten ist, der schon im l 2. Jahrh. vorkommt. Ganz falsch ist die Annahme, daß sie Nachkommen der Kreuzfahrer seien, die unter einem Grafen Dreur sich im Libanon niedergelassen hätten. Sowol unter den Eroberungen der arab. Khalifen, wie unter denen der Kreuzfahrer und der türk. Sultane scheinen sie ihre alte Bcrgfreiheit unter Stammeshäuptlingen bewahrt zu haben. Erst um > 588 gelang cs Amu- rad !ll. durch Ibrahim, Pascha von Said, die Drusen zu bändigen, indem er ihre Häuptlinge Vertrieb und ihnen einen einzigen obersten Anführer oder Großemir dafür gab, dadurch aber, ganz gegen seine Absicht, die Einheit und Macht des Volks beförderte. Hierdurch gelang es am Anfänge des 17. Jahrh. dem Drusensürstcn Fakr-ed-din, das Gebiet und die Macht der Drusen auf Kosten der Türken bedeutend zu vergrößern ; allein Parteiungen unter den Drusen selbst brachen seine Macht und brachten ihn in die Hände des Sultans Amu- rad iV., der ihn 1631 in Konstantinopel erdrosseln ließ. Zwar blieb das Großcmirat bei der Faniilie des Fakr-ed-din, doch gelangte die Macht derselben, trotz der häufigen Aufstände der Drusen gegen die Türken, nicht wieder zu ihrem früher» Glanze. Erst als nach Aus- sterbcn dieser Familie die Familie Schehab zum Großcmirat gelangte, erhob sich die Macht der Drusen wieder, besonders unter Mclhem (1740—59). Unter dem in neuester Zeit bekannt gewordenen Emir Beschir (geb. 1763), der 1799 zum Großemir erhoben wurde und bald der Gegner, bald der Bundesgenosse Djezzar Paschas von St.-Jean-d'Acre war, erlitt sie die mannichfachstcn Wechsclfälle, besonders seit der Eroberung Syriens durch Mehc- med Ali von Ägypten. Anfänglich auf Seiten der Ägypter, lehnten sic sich später häufig gegen diese, deren tyrannisches Policciregimcnt ihnen zuwider war, auf, besonders 1834; doch gelang es Ibrahim Pascha, sie zu unterwerfen und zu entwaffnen. Emir Beschir hielt cs nun bis 1840 mit den Ägyptern, wo er, da er sich nicht zeitig genug von denselben lossagte, seiner Würde von der Pforte entsetzt wurde und den Emir Beschir-cl-Kassim zum Nachfolger erhielt, worauf er Syrien verließ und sich nach Malta, später nach Italien und Konstantinopel begab, ohne dort seine Wiedereinsetzung erlangen zu können. Die Drusen erhoben sich aber sammt den Maronitcn, von den Engländern aufgereizt und mit Waffen versehen, gegen die Ägypter und waren es vorzüglich, deren Abfall die Sache Mchemed sAli's in Syrien stürzte. Statt aber ihre alte Freiheit wiederzuerhalten, trat das Gegentheil ein. Kaum war Syrien wieder der Herrschaft der Pforte zurückgcgeben, so erregten die gegenseitigen Jntriguen der Franzosen und Engländer einen Kampf zwischen Drusen und Marvni- ten, den die Pforte in ihrem Vortheile nur noch mehr anfachte und benutzte, um die Selbständigkeit beider Völkerschaften, die zeither unter der.Hcrrschaft des Emir Beschir verbunden und daher der Pforte um so gefährlicher gewesen waren, zu brechen. Fast zwei Jahre dauerte der innere Kampf, in Folge dessen die Pforte auch den Emir el Kassim des Grvßemirats entsetzte und, angeblich um den Libanon zu beruhigen, einen türk. Administrator, chen berüchtigten Renegaten Omar Pascha, zur unmittelbaren Regierung der Drusen und Maroniten absendete. Das tyrannische Verfahren dieses Pascha brachte jedoch die Drusen aufs äußerste und bewirkte, daß sic ihre inncrn Streitigkeiten mit den Maronitcn bei Seite ließen und sich nun wieder gegen die Türken erhoben, mit dem Verlangen nach einem mit den Maroniten gemeinsamen Großemir. Diese- immerwährenden Unruhen veranlaßten dann das Einschrei- Drüsen Drusus 489 ten der christlichen Mächte in Konstantinopcl, die es nach langen Unterhandlungen dahin brachten, daß die Pforte den Omar Pascha zurückrief und sich zu der Bestimmung verstand, daß die Drusen und Maroniten, jede abgesondert, unter der Leitung eines türk. Kaimakams stehen sollten, denen ein Rath zur inncrn Verwaltung ihrcrAngelegenheitcn bcigcgeben wäre. Damit sind jedoch beide Völker nicht zufrieden, sodaß der ganze Zustand des Libanon noch ein schwebender ist. Drüsen nennt man gewisse Organe im thierischen und menschlichen Körper, welche in allen ihren sichtbaren Eigenschaften untereinander sehr verschieden sind, barin aber alle übercinzustimmcn scheinen, daß sie den durch sie hindurchgeführtcn Flüssigkeiten eine veränderte Beschaffenheit geben. Sie sind sämmtlich von sehr zusammengesetzter Struktur, bestehen aus einer großen Menge von Blut- und Lymphgefäßen und von Nerven, welche sich alle in einer eigcnthümlichen Substanz untereinander verzweigen. Viele sind einander ganz gleich, andere einzelne, wie die Leber, die Nieren, die Milz, haben einen ganz eigenthüm- lichen, ihnen ausschließlich angchörigen Bau. Die Flüssigkeit, welche durch die Drüsen hindurchgeleitet wird, bildet entweder, indem gewisse Thcile ihr entzogen und mit andern vereinigt werden, eine ganz neue, von der vorigen an Farbe, Geruch, Geschmack und Zusammensetzung durchaus verschiedene Substanz, die durch einen oder mehre Ausführungskanäle der Oberfläche des Körpers oder einer Höhle im Innern desselben zugeführt wird, oder sie erleidet beim Durchgänge durch die Drüse nur eine geringe Veränderung, die aber durch den Einfluß mchrcr Drüsen nach und nach bedeutender wird. Auf diese verschiedenen Eigenschaften ist die Classification der Drüsen basirt; die der ersten Classe nennt man vollkommene, die der zweiten unvollkommene Drüsen. Zu den vollkommenen gehören die Hautdrüsen, welche, mit Ausnahme der Hohlhand und der Fußsohle über den ganzen Körper verbreitet sind. Die einfachen Schleimdrüsen auf der Schleimhaut, die Thränendrüscn, die Speicheldrüsen des Mundes, die Bauchspeicheldrüse, die Mandeln, die Milchdrüsen der Brüste, die Leber, die Nieren, die Hoden und die Vorsteherdrüse, zu den unvollkommenen die Lymph- oder Saugaderdrüsen, die sich in großer Menge durch den ganzen Körper zerstreut finden, am häufigsten aber am Halse, in der Achselhöhle, in der Brust, in der Bauchhöhle und in den Leistengegenden, und die Blutdrüsen, zu denen man die Schilddrüse am Kehlkopfe, die Thymusdrüse hinter dem Brustbeine, welche beim Embryo und bei den Neugeborenen sehr groß, gegen das zwölfte Lebensjahr hin aber gewöhnlich schon verschwunden ist, die Milz und die Nebennieren rechnet. Die Lymphdrüsen haben die Function, aus den dem Körper einverleibten Substanzen den Nahrungsstoff zu bereiten, welcher durch die Lymphgefäße aus einer Lymphdrüse in die andere und endlich durch die beiden Brustgänge dem in das Herz zurückgehenden Blute zugeführt wird. In den Blutdrüsen scheint das Blut, welches in unver- hältnißmäßiger Menge von ihnen ausgenommen wird, eine Veränderung zu erleiden. Es wird hieraus klar, daß die Drüsen hauptsächlich für die Ernährung des ganzen Organismus von äußerster Wichtigkeit sind, und daß Krankheiten derselben, besonders bei Kindern, wo der Ernährungsproceß den schnellsten Gang geht, große Aufmerksamkeit verdienen. Eine derselben ist die so allgemein verbreitete, in ihren höhern Graden so verderbliche und gräßliche Skrofelkrankheit. (S. Skrofeln.) Die Abtheilung der Anatomie, welche von den Drüsen handelt, heißt Adenologie. — Bei den Pflanzen nennt man Drüsen runde auf den Blättern oder Stengeln oder innerhalb des Zellgewebes oder Fleisches abgelagerte Körper, welche zur Absonderung und Ausdünstung dienen. Drusus ist der Beiname eines Zweigs des röm. Geschlechts der Livii (s. Livius) und einiger Claudier (s. Claudius). — Marcus Livius D., durch seine Tochter Großvater des Cato von Utica, war im 1.122 v. Chr., als C. Gracchus (s. d.) sein zweites Tribunal bekleidete, dessen Amtsgenosse, zugleich aber sein politischer Gegner mit solchem Erfolg, daß er Beschützer (patronus) des Senats genannt ward. Nachdem er l 12 v. Chr. Consul gewesen, kämpfte er siegreich von seiner Provinz Macedonien aus gegen die Scordisker im heutigen Serbien. — Sein Sohn, Marcus Livius D., dessen Enkelin Livia des Augustus Gemahlin war, ausgezeichnet durch Beredtsamkeit, feurig und kräftig aber nicht in gleichem Maße besonnen, fand seinen Tod, da er imJ. SI v. Chr. als Tribun in redlicher Absicht es unternahm, die politischen Gegensätze, die im röm. Staat 49 « Dryaden Drydeu hervorgetreten waren, zu vermitteln. Um der Zwietracht ein Ende zu machen, di« zwischen Senat und Ritterstand herrschte, weil jenem die Verwaltung der öffentlichen Gerichte durch den letztem entzogen worden war, brachte D. daß Gesetz in Vorschlag, es sollten 300 Ritter in den Senat gewählt, und diesem dann die Gerichte zurückgcgeben werden. Dem waren beide Stände zuwider, die Ritter zumal, welche D. durch seinen Antrag, es sollte Unter- suchung über die Bestechung der frühem Richter angestellt werden, gereizt hatte. Noch großem Widerstand fand sein anderes Gesetz, wonach den ital. Bundesgenossen das von ihnen eifrig angestrebte, von Rom hartnäckig verweigerte Bürgerrecht gewährt werden sollte. Um es durchzusetzen, ließ D. sich zuletzt in geheimen Bund mit den Italikern ein, aber ehe es noch zur Entscheidung kam, ließ ihn O.. Varius im eigenen Hause ermorden. Sterbend soll er gerufen haben: „Freunde, wird der Staat je wieder einen Bürger haben, wie ich war?" Sein Tod gab das Zeichen zum Ausbruch des Bundesgenossenkriegs. — Nero Claudius D. war der Sohn des Tiberius Claudius Nero und der Livia, von dieser im I. 38 v. Chr. geboren, als sie bereits mit Octavian sich verheirathet hatte, und der jüngere Bruder des nachmaligen Kaisers Tiberius. Nachdem er dem Letzter« im I. 13 Rhätien unterworfen hatte, das nun zur röm. Provinz ward, übertrug ihm Augustus die Provinz Gallien, aus welcher er, nach Unterdrückung eines Aufstandes, im I. 12 über den Rhein ging und so die Feldzüge gegen die Germanen eröffnete. Er kämpfte gegen die Usipeter und Sigambrer zwischen der Sieg und Lippe, schloß mit den Batavern und Friesen Bündniß und fuhr aus dem Lande der Erstem auf einem Kanal, durch welchen er den Rhein mit der Assel vereinigt hatte (die kossu vrusi) mit einer Flotte in die Nordsee, um die Bructerer an der Ems und die Chauken an der Weser anzugreifen. Zn dem zweiten Feldzug im I. II drang er durch das Gebiet der Usipeter, die er unterwarf, und der Sigambrer bis zur Weser vor, schlug einen Überfall der verbündeten german. Völkerschaften zurück und legte an der Lippe das Castell Aliso, ein zweites im Lande der Katten an. Als die Letztem im I. 10 von den Römern abfielen, verheerte D., der nach dem vorigen Feldzug in Rom triumphirt hatte und zum Proconsul ernannt worden war, ihr Land und drang im Z. 9 v.Chr., als Consul, durch dasselbe tiefer ins Innere von Germanien ein als irgend ein Römer. Von der Grenze der Sueven wendete er sich gegen Norden, durchzog das Land der Cherusker und gelangte bis zur Elbe. Hier versuchte er vergebens den Übergang, errichtete Siegeszeichen und trat, wie es heißt, durch die Erscheinung eines riesigen Weibes bewogen, die ihm in lat. Sprache sein nahes Ende geweiffagt, den Rückzug an, auf welchem er, noch ehe er den Rhein erreicht hatte, in Folge eines Sturzes vom Pferde starb, beklagt von Heer und Volk, dessen Liebe er durch seine Tapferkeit nicht minder als durch seine Milde und Freundlichkeit gewonnen hatte. Von seiner Gemahlin, der schönen und keuschen Antonia, der jüngsten Tochter des Triumvir Antonius, hatte er drei Kinder, Germanicus (s. d.), Claudius (s. d.) und Livilla. Die Letztere heirathete, nachdem ihr erster Gatte Cajus Cäsar, des Augustus Enkel, im I. t n. Chr. gestorben war, denDrususCäsar, einzigen Sohn des Kaisers Tiberius, geb. im Z. 10 v. Chr., der im I. Iä n. Chr. den Aufstand der Legionen in Pannonien unterdrückte und im I. 19 den Marbod (s. d.) nöthigte, sein Reich aufzugeben und zu den Römern zu fliehen. Sejanus (s. d.), der ihn haßte und als Tiberius muthmaßlichen Thronfolger fürchtete, verführte seine Gattin Livia und vergiftete ihn selbst im 1.23 n. Chr. — Auch ein Sohn des Germanicus, den Tiberius mit seiner Mutter A gripp ina (s. d.) und seinen Bruder Nero den Hungertod sterben ließ, hieß Drusus, und ebenso ein Sohn des Kaisers Claudius, der als Knabe starb. Dryaden oder Hamadry ad en heißen in der Mythologie der Griechen die Schutzgöttinnen der Bäume, namentlich der Eichen, von denen auch ihr Name entlehnt ist. Sie lebten und starben mit den Bäumen, und deshalb hatten die Pfleger der Bäume sich ihres besonder» Schutzes zu erfreuen. Nach Einiger Ansicht sind unter Dryaden im Allgemeinen Waldyymphen, unter Hamadryaden aber besondere Baumnymphen zu verstehen. Dryden (John), der erste Dichter und Repräsentant der neuen Geschmacksrichtung in England, welche die alte Volkspoesie geringschätzend, an den Vorbildern der Classikcr sich begeistern wollte, aber im correcten Schaffen nichts erschuf, was noch heute Geltung hätte, war in der Grafschaft Nordhampton am 9. Aug. 1631 geboren. Nach dem Tode seines Dryope Dschämi 491 Vaters suchte er in London unter dem Schutze eines bei Cromwcll angesehenen Verwandten sein Fortkommen. Cromwcll selbst verherrlichte er in den„tteroic Stands" (1658), die durch Glanz der Sprache zuerst die Aufmerksamkeit auf D. lenkten. Kaum aber war das Haus Stuart zurückgckehrt, als D. die Partei des Hofs nahm und in seiner rsllux" Karl ll. begrüßte, was ihm aber so wenig als andern Dichtern, die sich durch eifrigen Royalismus empfehlen wollten, etwas nützte. Gegen seine Neigung ward er sodann Schauspieldichter, weil ihm die Bühne den reichsten Gewinn versprach. Als seine fleißig ausgearbeiteten Dramen Beifall gewannen, versuchte er in Verbindung mit Davenant 'u. A. die engl. Bühne nach bestimmten Grundsätzen umzugestalten. Doch fand die Partei, die ihn zu erheben suchte, bald lebhafte Gegner; D. selbst aber gerieth dadurch wie durch seinen politischen Wankelmurh in langwierige Streitigkeiten. Empfindlich traf ihn der Spott des witzigen Herzogs von Buckingham, der in seinem Lustspiele „IK« rekesrss!" den Reim lächerlich zu machen suchte, den D. im Trauerspiele cinführcn wollte. Seine Theaterstücke sind Erzeugnisse eines feinberechneten Kunstverstandes, ohne tieferes poetisches Leben, die Lustspiele ohne alle Originalität, während in den Trauerspielen der Zauber des Stils die inner» Mängel zuweilen verdeckt. Die Einführung der ital. Oper unter Karl II. gab ihm Veranlassung, engl. Opern, z. B. „Kling ^rtbur", auf die Bühne zu bringen. Auch in seinen andern poetischen Werken zeichnet er sich weniger durch Neichthum der Phantasie und Tiefe des Gefühls aus als durch eine außerordentliche Fertigkeit in der Poesie des Stils; so namentlich in seinem historischen Gedichte „4nnus mirsbilis" (1666). Nach Davenant's Tode 1668 zum Hofdichter ernannt, kam er in eine engere Verbindung mit dem Hofe, ohne um deshalb sorgenfrei zu leben. Umsonst schmeichelte er dem Hose durch seine poetische Satire ,^lj8r", d.i. der Rosenkranz der Gerechten, ein moralisch-didaktisches Gedicht (Kalkutta 1811, 4.). Sein „Bcharistan" ist eine Sammlung von Anekdoten, Sittcnsprüchcn, Biographien u. s. w. in Prosa und Versen. Bruch- stücke daraus ließen Zcnisch in der „Xntlwlnjstu ;,orsioa" (Wien 1778) und Wilken in der „eilrestomsrb'm persica" (Lpz. 1805) abdrncken. Von seinen prosaischen Werken ist das berühmteste seine Geschichte des Mysticismus „lblasabLt „I ins", d.i. der Hauch der Menschheit, das nebst einer systematischen Darstellung der Lehren des Sufismus, das Leben von mehren hundert berühmten Susis enthält. Auszüge daraus gab Sylsestre de Sacy in den „idivtices et extrsit," (Bd. >2). Sehr geschätzt sind auch seine Briefe (Kalkutta 1809). Dschilölo, die größte Insel unter der Gruppe der Gewürzinscln (s. d.). ^ Dschingis-Khan, eigentlich Temudschin, der berühmte mongol. Eroberer, geb.il der Zeit von 1>83—04, war der Sohn des mongol. Hordcnanführcrs Aesonkai, der unmittelbar nur über 30 — 40 Familien gebot und den Tatarkhans der östlichen Tatarci , zinsbar war. Die kriegerischen Talente des Jünglings waren von seinem Lehrer, Karakhrr, t so gut ausgebildct, daß er nach dem Tode seines Vaters im 13. Jahre schon im Stande war, die Zügel der Herrschaft zu ergreifen. Die Oberhäupter der ihm unterworfenen Stämme ! versuchten zwar, sich seiner Herrschaft zu entziehen, wurden jedoch von ihm vollständig unterworfen und 70 von ihnen, die in seine Hände gefallen waren, auf seinen Befehl in Kessel j mit siedendem Wasser geworfen. Eine große Anzahl von Stämmen vereinigte sich nun wider ihn, und obgleich häufig siegreich, sah er doch, daß er ihnen auf die Länge nicht werde widerstehen können. Er begab sich daher in den Schuh des Großkhans der karaitischen Mongolen, Namens Ung, der ihn bald sehr lieb gewann und ihm seine Tochter zur Ehe gab, wodurch ein Krieg mit einem zurückgcsetzten Nebenbuhler veranlaßt wurde, aus dem jedoch Ung-Khan mit Hülfe Temudschin's siegreich hcrvorging. Einflüsterungen und Ränke der Neider und Nebenbuhler des letztem erregten aber bald Zwietracht zwischen ihm und seinem Schwiegervater. Es kam zum offenen Kriege zwischen Beiden, und in einer Schlacht im I. l202 verlor Ung-Khan mehr als 40000 M. und auf der Flucht das Leben. Einen neuen furchtbaren Gegner fand hierauf der Sieger an Tayan, dem Khan der naimanschen Tataren. An den Ufern des Altaiflusses traf man 1203 zusammen, Tayan wurde geschlagen und starb auf der Flucht, nachdem er alle seine Soldaten bis auf den letzten Mann hatte nicderhaucn sehen. Dieses Gefecht sicherte dem Sieger die Oberherrschaft über einen großen Theil der Mongolei und den Besitz der Hauptstadt Kara-Korum. Im Frühling des folgenden Jahres hielt Temudschin eine Art von Reichstag in Blun-Aulduk, seinem Geburtslande, wo sich Abgeordnete von allen ihm unterworfenen Horden einfanden; diese setzten ihm die Krone auf und riefen ihn zum Dschakan oder Großkhan im Angesichte des Heers aus. Zugleich prophezeite ihm ein für heilig gehaltener Dschaman, daß er über die ganze Erde herrschen werde, und befahl ihm, sich fortan nicht mehr Temudschin, sondern Dschingis-Khan zu nennen. Eine bürgerliche und militairischc Gesetzgebung wurde nun von ihm veranstaltet, und das daraus hervorgegangcne Gesetzbuch ist noch jetzt in Asien unter dem Namen Aza Dschm- gis-Khany bekannt. D. sprach sich persönlich zwar für den Glauben an Einen Gott aus, bekannte sich aber zu keiner bestimmten Religion; er gestattete vielmehr Allen freie Ausübung, und an seinem Hofe waren alle Männer von Verdienst, ohne Unterschied deS Glaubens, willkommen. Auch ließ er viele oigurische, tibctan., pers. und arab. Bücher ins Mongolische übersetzen. Durch die Prophezeiung bei seiner Krönung war der Geist der Truppen so an-- Dschirid Dualismus 493 gefeuert worden, daß er sie leicht zu neuen Kriegen führen konnte. So ward das Land der höher gebildeten Oiguren, im Mittelpunkte der Tatarei, leicht unterworfen, und D. war nun Herr des größten Thcils der Tatarei. Nachdem sich kurz darauf mehre tatarische Volksstämme ihm unterworfen hatten, begann er die Eroberung Chinas und überstieg 1209 die Große Mauer. Nach einem dreijährigen Krieg wurde die Hauptstadt Aen-king, nachmals Pe-king, 1215 mit Sturm genommen, geplündert und größtcntheils niedergebrannt und damit die Eroberung des nördlichen Chinas vollendet. Die Ermordung der Gesandten D.'s an den Sultan von Khowaresmien durch diesen selbst, veranlaßte 1218 den Angriff auf l Turkestan mit einem Heere von 700000 M. Das erste Zusammentreffen der feindlichen ! Heere war furchtbar, doch unentschieden. Bei dem weitern Vordringen der Mongolen im I. 1210 leisteten die großen Städte Bokhara, Samarkand und Khvwaresm den meisten Widerstand. Sie wurden endlich erstürmt, geplündert, verbrannt, und mehr als 200000 Menschen kamen dabei um. Dabei fand auch die kostbare Bibliothek von Bokhara ihren Untergang. Sieben Jahre hintereinander war D. mit Morden, Plündern, Unterjochen be- ! schästigt und dehnte auf diese Weise seine Herrschaft bis an die Ufer des Dniepr aus, wo der Großfürst von Kiew und derFürst von Tchernikow gefangen wurden. In China beabsichtigte er eine Zeit lang den Mord aller Landbewohner, um für eine Menge Menschen, die nicht zum Kriege taugten, die Nahrung zu ersparen und die Fluren in Viehweiden verwandeln zu können; allein einer seiner Räche, Tletchusay, widersetzte sich muthig dieser Maßregel. Schon hatte er bereits das 60. Lebensjahr überschritten, als er nochmals >225 in Person, an der Spitze seiner Heere, gegen den König von Tangut, Schidasku, zog, der zwei Feinden der Mongolen eine Zuflucht bei sich gestattet hatte und sie nicht ausliefern wollte. Die Mongolen i zogen durch die Wüste Kobi im Winter, drangen ins Herz der feindlichen Staaten ein und j vernichteten in einer Schlacht auf dem gefrorenen See Kokonor das feindliche Heer, das 5110000 M. gezählt haben soll. Bald wurde auch die Hauptstadt von Tangut, Ninghin, nachmals Nan°king, erobert und hatte mit andern gleiches Schicksal, indem Alles mit Feuer und Schwert verheert wurde. Die Gründung einer mongol. Dynastie in China aber war erst dem Enkel D.'s Vorbehalten. Bei diesem Unternehmen fühlte D. die Annäherung seines Todes; er berief seine vier rechtmäßigen Söhne, theilte das Reich unter sie, indem er Oktal zu ihrem Haupt ernannte, und empfahl ihnen vor Allem Eintracht. Er starb am 21. Aug. z 1227. Das Dasein dieses Eroberers hatte dem Menschengeschlechte wenigstens 5—6 Mill. Menschen jedes Alters und Geschlechts gekostet. Dabei hatte er eine ungeheure Menge von Denkmalen der Kunst, kostbaren Handschriften, die sich in den Städten Balk, Bokhara, Samarkand, Pe-king u. s. w. befanden, vernichtet. Er wurde mit vielem Pomp zu Tangut, nicht weit von dem Orte, wo er gestorben war, nach seinem Wunsche unter einem weitschattenden Baume begraben. Das einzige jetzt bekannte Denkmal D.'s ist eine in den Ruinen von Nertschinsk aufgefundene Granittafel mit einer mongol., von Schmidt in Petersburg § entzifferten Inschrift. Diese Tafel hatte D. als Denkmal seiner Eroberung des Königreichs Sartagol, welches unter dem Namen Karakitai bekannter ist, 1219—20 aufgerichtet. Dschirid heißt eine Art leichter eiserner Wurfspieße, welche bei den Türken sehr häufig j im Gebrauche ist, und die sie mit der größten Geschicklichkeit zu werfen wissen. Der Reiter hat drei solcher Wurfspieße in einer Tasche, die zur rechten Seite des Pferdes herabhängt. Dschumna oder Djumna, auch Uamunas, ist einer der bedeutendsten Nebenflüsse des Ganges in Vorderindien. Seine Quelle liegt 10850 F. hoch über dem Meere am Uamunawatari, einem der Hauptgipfcl des Himalaja. Nachdem er von demselben herabgestürzt, durchtobt er in Wasserfällen ein enges, von Granitblöcken und Klippen schauerlich erfülltes Thal. Im Tieflande begleitet er sodann in parallelem Laufe den Ganges und bildet mit diesem das fruchtbare Zweistromland odcr Duab. Er berührt die Kaiserstadt Delhi, die heiligen Orte Muttra und Bindrabund, sowie Agra und ergießt sich bei Allahabad in den Ganges. Dualismus nennt man überhaupt die philosophische Ansicht, welche das Wesen der Dinge auf die Annahme zweier ungleichartigen, ursprünglichen und nicht voneinander abzuleitenden Principicn aller Dinge, z. B. des Idealen und Realen, oder der materiellen und der denkenden Substanz, gründet und zurückführt. Im engern Sinne beschränkt man den Dualismus auf die Annahme zweier Grundwesen, eines bösen und guten, wie in der Lehre 494 Dubarri Dubicza des Zoroaster (s. d.) und aus die Annahme zweier verschiedener Principien im Menschen, nämlich eines geistigen und eines körperlichen Princips. Dem Dualismus steht der Monismus entgegen. So spricht z. B. die Hegel'sche Philosophie von einem Monismus des Begriffs, in dem dieser das Eine, in allen Erscheinungen sich Verwirklichende sei. Dubarri (Marie Jeanne, Vicomtesse), bekannt als Geliebte Ludwig's XV. von Frankreich, war die Tochter des Steuerbcamten Gomart de Vaubernier und >744 geboren. Nach dem Tode des Vaters ihrem Schicksale überlassen, ward sie früh die Beute pariser Lüstlinge; nachdem sie bei einer Modehändlerin gearbeitet, kam sie als Freudenmädchen zu der berüchtigten Gourdon, wo sie durch ihre Schönheit und Munterkeit den Namen l'Ange erhielt. Der Vicomte Dubarri, in dessen Hause sich vornehme Spieler versammelten, nahm sie mit Absicht zu sich, und hier lernte sie der königliche Kammerdiener Lebel kennen, der sie dem fast sechzigjährigen Könige zuführte. Ludwig XV. fand bald so viel Vergnügen an ihr, daß er sie bei sich behielt, ihre Vermählung mit dem Bruder des Vicomte, einem Trunkenbold, bewirkte und sie, alles Streubens der Prinzessinnen und der Hofdamen ungeachtet, bei Hofe einführte. Der durch die >764 verstorbene Pompadour (s. d.) gestiegene Minister Choiseul (s. d.) fürchtete indeß den üblen Einfluß derselben auf den schwachen König so sehr, daß er sie zu stürzen suchte, wodurch er aber nur um so schneller seinen eigenen Sturz herbeiführte. Daß sich die D. wirklich in die Regierungsangelegenheiten gemischt habe, ist unwahr; sie war dazu zu ungebildet und auch zu träge; sie liebte nichts als das Vergnügen. Allein die der Politik des Ministers feindselige Hof- und Pfaffenpartei gebrauchte den persönlichen Einfluß derselben zur Durchführung ihrer Ränke. Aus Gefälligkeit brachte sie den Herzog von Aiguillon (s.d.) ans Ruder und unterstützte denselben gegen das Parlament, wodurch sie sich den Haß und Fluch des Volks zuzog, den sie vielleicht weniger verdiente als Andere. Übrigens benahm sie sich inmitten der zahllosen Cabalen und Zänkereien mit Maß und Festigkeit und war bedacht, unter den Ministern wie unter den Höflingen Eintracht zu stiften. Ihre Gutmütigkeit wie ihre Verschwendung waren gleich groß und kosteten dem Schatze ungeheure Summen. Mit der Treue nahm sie es nicht genau; dagegen überwachte sie förmlich die Ausschweifungen des Königs. Sie verstand, denselben stets bei guter Laune zu erhalten und hat nie Verstoßung zu fürchten gehabt. Als Ludwig XV. sein Ende herannahen sah, ward er für ihre Sicherheit besorgt und befahl ihre Abreise. Nach seinem Tode wurde sie verhaftet und nach einem Kloster bei Meaux gebracht; doch durfte sie sehr bald in ihr Schloß bei Marly zurückkehren, wo sie mit großem Glanz lebte. In der ersten Zeit der Revolution ließ man sie ungestört; als sie aber mit ihrem Vermögen die Emigranten eifrig unterstützte und mit den Anhängern Brissot's in Verbindung trat, ließ sie Robespierre vor Gericht stellen und am 9. Dec. >793 guillotiniren. Unter allen Frauen, die in derRevolution das Schafot bestiegen, hat sie den wenigsten Muth bewiesen. Auf dem Wege zum Richtplatze zerfloß sie in Thränen, rief das Volk um Hülfe und Mitleiden an und bat, als sie den Kopf unter das Beil legen sollte: „Alonsieur le bourres», encore UN Moment." Die unter ihrem Namen erschienenen „klemoires" (3 Bde., Par. >829) sind größtentheils unecht, doch von vielem Interesse. Düben, eine gewerbreiche Stadt von 3300 E. im Regierungsbezirk Merseburg der preuß. Provinz Sachsen, an der Mulde, wird bereits im > 0. Jahrh. erwähnt. Auch ist sie dadurch merkwürdig, daß hier am 4. Sept. >63> der König Gustav Adolf von Schweden und der Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen persönlich zusammenkamen und ein Bündniß gegen die kaiserlich-liguistischen Truppen unter Tilly schlossen, worauf die Schlacht bei Breitenfeld erfolgte. Im Siebenjährigen Kriege überfielen daselbst am 29.Oct. >759 die Preußen unter Fink und Wunsch das Ahremberg'sche Corps und nöthigten es zum schleunigsten Rückzüge. Vor der Schlacht bei Leipzig hielt sich Napoleon mehre Tage in D. auf. In der Nähe von D. liegt die Dübener Haide, die Leipzig größtentheils mit Nutz- und Brennholz versorgt. Dubicza, auch Türkisch Dubicza genannt, eine türk. Festung im Sandschak Kroatien des Paschaliks Bosna, an der Unna, drei Meilen von Gradifka entfernt, hat etwa 6000 meist katholische Einwohner. Im >6. und >7. Jahrh. war D. wiederholt ein Zankapfel zwischen Ostreich und der Pforte-; >685 und >687 wurde es von den Ostreichern erstürmt; im karlowitzer Frieden aber >7 >8 an die Pforte zurückgegeben. Besonders merk- Dubienka Dubois (Guillamue) 495 würdig ist D. durch die tapfere Verteidigung der Türken im 1. 1788, die aber doch endlich durch Loudon am 26. Aug. 1788 zur Capitulatio» gezwungen wurden. Dem Türkisch- Dubicza gegenüber liegt das östr. Dubiha, ein starkbefestigter Markflccken mit etwa 3200 E. Dubienka, eine kleine Stadt am Bug im poln. Gouvernement Lublin, mit 2000 E., ist historisch dadurch merkwürdig geworden, daß hier am 17. Juli 1792 Kosciuszko im offenen Felde mit 3000 Polen ein ihm drei- und vierfach überlegenes russ. Heer zurückschlug. Dublin, die Hauptstadt und der Sitz des Lordlieutenants von Irland, liegt im Hintergründe einer 3'/- Stunde langen und 2 Stunden breiten, von Bergen umgebenen Bucht und wird vom Liffey in zwei Thcile getrennt, welche sieben Brücken, darunter die Essex-, die Königin - und die Carlilebrücke, verbinden. Sie hat meist breite, regelmäßige, vortrefflich gepflasterte und erleuchtete Straßen, darunter die prachtvolle Sackville-Street mit einer 13U F. hohen cannelirten Steinsäule in der Mitte, auf deren Spitze Nelson's Statue steht, Hohe und zierlich gebaute Häuser und schönePlätze. Unter den letztem zeichnen sich St.-Stephans- Green aus, ein regelmäßig viereckiger Platz, der mit der bronzenen Bildsäule Georg's II. geziert ist, und der Phönixpark am Westende der Stadt mit der 21 NF. hohen Bildsäule Wellington's. Nur die Liberty, ein kleiner Theil der Stadt, wo die Hefe des Volks wohnt, hat hüttcnähnliche Häuser und gewährt einen unangenehmen Anblick. Die schönsten Gebäude sind das Schloß, der Palast des Herzogs von Leinster, das Zollhaus, die Gerichtshalle, die Kornbörse und das UniversitätsgebLude, worin 3NN Studenten wohnen, mit zwei schönen großen Gärten, einer Bibliothek, einem Museum, anatomischem Theater u. s. w.; ferner das vormalige Parlamentshaus, in welchem jetzt die Bank ist, ein großes, mit prächtigen Säulen umgebenes Gebäude, die Börse und die Kasernen, welche 6000 M. fassen. D. zählt über 310000 E., darunter etwa 75000 Episkopalen, 9000 Dissenters. Es gibt daselbst 26 anglican. Pfarrkirchen, unter denen die des heil. Patrik, des heil. Goorg und die Christuskirche als Gebäude sich vortheilhaft auszeichnen, 18 Kirchen und Kapellen für Katholiken, sechs für Methodisten, drei für Quäker, vier für Presbyterianer, eine für Lutheraner, eine für Calvinisten, zwei für Independenten, zwei für Wiedertäufer und eine jüdische Synagoge. Außer der schon 1320 gestifteten, aber erst >591 eröffnten Universität hat D. eine Akademie der Wissenschaften, eine Gesellschaft zur Verbesserung des Ackerbaus, eine Malerakademie und viele andere wissenschaftliche Anstalten. Zahlreich sind die milden Stiftungen, z, B- für Soldatenkinder, für Matrosenkinder, für Wöchnerinnen, für Fieberkranke, für verführte Mädchen (das Magdalenenasyl), für syphilitische Kranke, für Irre u. s. w. Unter vielen Manufakturen treiben wenige ihr Geschäft ins Große. Die vorzüglichsten sind die in Seide, Baumwolle und Leinwand; nächstdem gibt es Hut-, Stärke-, Tabacks- und Glaswaaren- fabriken, mehre Zuckersiedereien und ansehnliche Branntweinbrennereien. Dagegen ist D. der Mittelpunkt des irländ. Handels; ausgeführt werden hauptsächlich Branntwein, Schlachtvieh, Pökelfleisch, Speck und Leinwand. Der Hafen wird durch einen mit großen Kosten 1738—55 aus Granitsteinen aufgeführten, 30 F. breiten Damm gebildet, der über eine Stunde ins Meer hinausläuft und an dessen Ende ein Leuchtthurm sich befindet, der 1761 erbaut wurde. Eine schöne Allee umgibt die fast kreisförmig gebaute Stadt. Im Norden derselben beginnt der Königskanal, der 23 M. weit westlich bis Tarmonbarry am Shannon geführt ist. D. soll im 9. Jahrh. von Normänncrn gegründet worden sein und war dann seitdem 10. Jahrh. der Sitz eines normännischen Königsgeschlechts. Das Bisthum daselbst wurde 1038 gegründet und später zum Erzbisthum erhoben. Im Anfänge des 12. Jahrh. von Engländern erobert, bildete es nun bis ins 15. Jahrh. eine besondere Grafschaft. Im I. 1309 erhielt die Stadt das Recht, sich einen Mayor zu wählen, dem seit 1665 der Lords- ritel gegeben wurde, und seit 1531 ward es der Sitz des Vicckönigs. Dubois (Euillaume), Cardinal und franz. Minister unter der Regentschaft des Herzogs von Orleans, war der Sohn eines Apothekers zu Brive-la-Gaillarde in der Auvergne und daselbst 1556 geboren. Als dreizehnjähriger Knabe kam er nach Paris in das Collegium St.-Michel, wo er sich tüchtige Kenntnisse erwarb, und wurde dann Hauslehrer. Durch Bekanntschaft mit Saint-Laurent, dem Unterhofmeister des Herzogs von Chartres, gelangte er in das Haus des Herzogs von Orleans, der ihn später zum Lehrer des jungen Priw.rn machte. Obschon von häßlichem Äußern, wußte er sich doch durch ein kluges, gewandtes Be- 496 Dubois (Paul Frans.) tragen, wie durch Witz und Anstelligkeit, selbst bei der Herzogin sehr beliebt zu machen und erhielt auch das unumschränkte Vertrauen seines Zöglings, theils indem er demselben Liebe zu den Wissenschaften einflößtc, theils durch weniger ehrenvolle Dienste. Damit, daß er die Verhcirathung seines Zöglings mit einer natürlichen, aber legitimirten Tochter Ludwig's XIV., einem Fräulein de Blois, nach dem Wunsche des Königs und gegen den Willen der in ihrem Stolze gekränkten Herzogin Mutter zu Stande brachte, betrat er die erste Stufe seiner unge- mefscnen Laufbahn. Ludwig XIV. gab ihm dafür zunächst die Abtei St.-Just in der Pi- cardic, um ihm Gelegenheit zur Ausbildung seiner diplomatischen Schlauheit zu geben, erlaubte er ihm, nach London zur franz. Gesandtschaft zu gehen. D. knüpfte hier durch seine srühern Bekanntschaften mit vornehmen Engländern wichtige Verbindungen an, insbesondere mit dem Lord Stanhope, der ihm später förderlich wurde. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich versah er unter dem Titel eines Secretairs die Stelle des geheimen Raths und Agenten des Herzogs von Orleans, und als dieser 15 l 7 die Regentschaft übernahm, wurde er von ihm gegen die Abmahnungen der einflußreichsten Personen, die den Günstling fürchteten, zum Staatsrath erhoben. Als die Politik des span. Hofs, die der Cardinal Alberoni leitete, den Regenten in Verlegenheit setzte, wies D. auf die Verbindung mit England hin und erbot sich zum Unterhändler. Hierauf nach London gesendet, brachte er schon 1718, nachdem er sich durch Lord Stanhope am Hofe Georg's I. Einfluß zu verschaffen und die Abneigung desselben gegen den Regenten zu überwinden gewußt hatte, das Bündniß zwischen England, Frankreich und Holland zu Stande. Die Beschuldigung, daß er sich von England habe erkaufen lassen, war wol weniger begründet, als daß er sich selbst den Wez durch Bestechung zu bahnen suchte. Zur Belohnung erhielt er vom Regenten das Ministerium des Auswärtigen und auf Verwendung des Königs Georg sogar das Erzbisthum von Cambray. Mit Schlauheit wußte er sich dann auch den Cardinalshut zu verschaffen. Zm I. 1722 zum Premierminister erhoben, fing nun sein Einfluß wie sein Ehrgeiz an sich schrankenlos zu äußern. Eine außerordentlicheGeschäftsthätigkcit und daneben die wildesten Ausschweifungen jeder Art führten ihn jedoch zeitig dem Grabe zu. Er starb am 10. Aug. 1723 und hinterließ große Reichthümer. Der strenge Saint-Simon schildert ihn in seinen Memoiren als einen verworfenen, wollüstigen, eiteln, falschen und lügnerischen Mann; doch vergißt er, daß D. einen scharfen und thätigen Geist besaß, nie gewaltsam und grausam war und unter den verderbtesten Menschen und Verhältnissen emporwuchs; unter seinem Namen erschienen „Llemoires" (4 Bde., Par. 1829), ein zusammengelesenes Machwerk. Vgl. Lemontey, „üistoire a regellos" (2 Bde., Par. 1832). Dubois (Paul Franc.), Director der Normalschule zu Paris und Deputirter, geb. 1791 in Rennes, besuchte das College seiner Vaterstadt und studirte dann unter Cousin in der Normalschule. Von 1818—21 war er nacheinander Professor an den Colleges zu Fa- laise, Limoges und Besancon. Im I. 1821 seiner Stelle entsetzt, ging er nach Paris, wo die meisten ehemaligen Schüler Cousin's sich sammelten. In Paris traf er mit seinem Freunde Jouffroy zusammen, der ihn in die Philosophie einweihte, und mit ihm trat er dann, von Cousin angeregt, in einen Carbonariclub. In dieser Zeit übersetzte er für Guizot's große Sammlung die Chronik von Flodoard. Mit seinem Landsmanne P. Leroux gründete er sodann > 82-1 den „Links", dessen Hauptredacteur er fünf Jahre lang war. Er war vom Anfänge an die Seele dieses Journals, für das er damals kritische Artikel schrieb; doch erst als «s unter Martignac's Ministerium ein politisches Blatt wurde, sah sich D. in seinem wahren Elemente. Von ihm sind die meisten leitenden Artikel, von 1828 bis zu Anfang des I. 1830, wo er sich von CH. de Remusat mußte ablösen lassen, weil er eine mehrmonatliche Gesängnißstrafe zu bestehen hatte. In der That war D. dem politischen RadicaliSmus näher als Duvergier de Hauranne, Duchatel, Re'musat und die andern Redactoren des „Llake"; seine Opposition war schärfer und zuletzt auch maßloser als die von Thiers, Mignet und Carrel im „National". In literarischer Hinsicht werden seine glänzend geschriebenen Artikel immer einen hohen Werth behalten, besonders zeichnen sie sich durch eine scharfe, gewandte Dialektik und die eindringliche, bezwingende Kraft der Sprache aus, wogegen freilich die festen Grundgedanken nur zu häufig halb oder ganz falsche liberale Redensarten sind. Als die Julircvolution die liberale und doctrinaire Jugend an die Geschäfte brachte, wurde D. zu Du Bois (Felix Heinr.) Dubos 49« einem der Gencralinspectoren des öffentlichen Unterrichts ernannt und 1831 auch von der Stadt Nantes in die Kammer gewählt. Wegen eines antiministcricllen Votums im J. 1834 durch Guizot wieder abgesetzt, lebte er eine Zeit lang amtlos, bis er nach Guizvt's Austritt zum Professor der franz. Literatur an der Polytechnischen Schule ernannt wurde. Später erhielt er auch ^eine Gcneralinspcctorstclle wieder, und im Sommer 1838 unternahm er eine Reise nach Deutschland, um namentlich das preuß. Untcrrichtswcsen zu studiren. Im I. 1839 wurde er an Villcmain's Stelle Mitglied des Conseils für den öffentlichen Unterricht und 18-10 nach dem Eintritte Cousin's in das Ministerium dessen Nachfolger als Director der Rormalschule. In neuester Zeit schrieb er einige politische Broschüren im Interesse des Ministeriums. Du Bois (Felix Heim.), bekannter unter dem Schriftstellernamen Bodz-Neymond, gegenwärtig Vortragender Geh.Rcgierungsrath in dem Departement für Ncufchatel zu Berlin, gcb. am 20. Aug. 1782 zu St.-Sulpice im Val-dc-Travers, verlor seinen Vater schon im zweiten Jahre. Seine geistvolle Mutter ließ ihm auf dem kleinen Erbgute, das sie bezogen, so weit die bedrängten Umstände es erlaubten, eine angemessene Bildung geben. Im 18. Jahre ging er nach Genf und brachte dort und in Lyon mehre Jahre in literarischer Thätigkeit zu. Im I. 1804 wendete er sich nach Berlin, wo er dem General voy Beville empfohlen war, durch den er eine Hauslchrerstelle auf dem Lande erhielt, worauf er sich cifrigst der Erlernung der deutschen Sprache widmete. Nachdem er sich entschlossen, in Preußen zu bleiben, studirte er auf dem franz. Gymnasium Philosophie und Medicin, während er sich seinen Lebensunterhalt durch Unterrichtgeben erwarb. Seiner Sprachkunde verdankte er es auch, daß er die Feldzüge von 1813—14 im Gcncralstab der Nordarmce, als Hauptmann, mitmachte. Nach dem Frieden ward er im Departement der auswärtigen Angelegenheiten angestellt und machte von da aus die Carriere, die ihn auf seinen gegenwärtigen Posten führte. Antillen war ihm sehr gewog'ewvnd vermachte ihm seine Manuscripte, mit der Ermächtigung, sie herauszugeben; doch wurden sic mit politischem Sequester belegt, wogegen D. vergebens protestirte. D. hat Manches, besonders in sprachlicher Hinsicht, dann auch mit Bezug auf sein Geburtsland geschrieben. Wir erwähnen seine „Umbildungslehre der franz. Zeitwörter" (Berl. 1818) und seine „Oonsillerstions sur Is propriete, In situativ» politique et I» coustitutio» s »nesie, I» peintme et la mnsiqiie" (Par. 1719; 6. Aust., 3 Bde., 1755) aufstellte. Bei vielen falschen Behauptungen erweiterte er doch den engen Gesichtskreis der franz. Kritik. Die Grundlage seiner Theorie ist ihm das Bedürfniß des Menschen, seine Ecmüthskräfte zu beschäftigen und seine Empfindungen in Thätigkeit zu setzen. Auch als historischer Schriftsteller hat er sich durch die „Histoire üe la Iig»s <7smdrai" (2 Bde., Par. 1721) und „Histoire eritiqiie lle I'etsdlissement lls la monsrclüe trsny. <1s»8 les Oaules" (2 Bde., Amst. 1743) einen Namen erworben. Zur Belohnung seiner diplomati- Conv.-Tex. Neunte Ausl. IV. 32 498 ' Dncange Duchcsnc (Andre) scheu Dienstleistungen erhielt er 1723 eine geistliche Pfründe, nachdem er bereits >720 beständiger Secrctair der franz. Akademie geworden. Er starb zu Paris am 23. März >712. Dncange (Charl.), s. Du fr es ne. Ducate'n, s- Dukaten. ^ . Ducäton ist eine Silbermünze, welche in frühem Zeiten von Holland, Mailand, Mantua und Modena geprägt wurde. Der ital. Ducaton war I Thlr. >8 Sgr., der hol- länd. oder silberne Ruyder, aus dem 18. Jahrh., > Thlr. 24 Sgr. werth. Duchatel (Charl. Marie Tannegui, Graf), franz. Staatsminister, Mitglied der Dcputirtenkammer und der Akademie, bekannt als ökonomistischer Schriftsteller, stammt aus ! einer Adelsfamilie der Normandie und ward am l i). Febr. 1803 zu Paris geboren. Nach / Vollendung seiner juristischen Studien nahm er seit >823 unter dem Schilde der doctrinairen ? Schule thätigen Antheil an dem ,,(-!!ol><-" und der „lievue frni^sise". Bei der Entwicke- lung seiner Ansichten über die politische Ökonomie zeigte er sich als Anhänger der Theorie von Malthus. Sein „Droits 834 als Handelsminister ins Cabinet, aus dem er, eine kurze Unterbrechung im Herbste abgerechnet, erst im Febr. >836 I mit den übrigen Doctrinaires trat. In diese Mt fällt besonders seine anerkennungswerthe f Thätigkeit für die Vorbereitung einer durchgreifenden Reform des franz. Zollwcsens, zu welchem Zwecke er im Sept. 1834 eine große Commission Sachverständiger versammelte, deren ! umfassende Arbeiten er in ihren Resultaten 1835 veröffentlichte. Die Wichtigkeit und Verdienstlichkeit der von ihm herausgcgebencn „vooiments Kistoriques sur Is Droncs" (Par. 1834, Fol.), einer vollständigen statistischen Geschichte Frankreichs, erkannte die Kammer von 1835 dadurch an, daß sie dem Herausgeber eine Geldbewilligung machte. Im Sept. 1836 trat D. mit seinen Freunden, nach dem Streite über die span. Fremdenlegion, als Finanzminister wieder in das Cabinet ein. In der nächste» Kammersitzung legte er eine Reihe großartiger Entwürfe über die öffentlichen Arbeiten und die dazu nöthigen Geldmittel vor; allein der Rücktritt der Doctrinaires am 7. März > 837 hemmte die Ausführung dieser Plane. Auch D. gehörte nun im I. 1838 zur Opposition gegen das Ministerium Mole. Nach der gewaltigen Ministerkrisis und der Erneute von 1839 ward D., als einer der liberaler» Doctrinaires, am 13. Mai in dem von Soult gebildeten Ministerium mit dem Portefeuille der inner« Angelegenheiten bedacht. Am 25. Jan. 1840 bei der Dotationsfrage des Herzogs von Nemours legte er mit den Übrigen sein Amt nieder und machte dem verhäng- nißvollcn Ministerium unter Thiers Platz; doch schon am 29. Oct. desselben Jahrs nahm er seinen Platz als Minister des Innern im Verein mit seinem Freunde Guizot wieder ein, . dessen Politik er gegenwärtig ganz zu der seinigen gemacht hat. — Sein Vater, Charl. ! Jacq. Nicolas Graf D-, geb. am 29. Mai 1751, der vor der Revolution in der Verwaltung zu Bordeaux angcstellt war, wurde durch Bonaparte seit 1801 zu hoher Stellung und Würden befördert. Namentlich war seine Gemahlin, eine Tochter des Senateur Grafen Papin und durch ihre Schönheit berühmt, Palastdame der Kaiserin Josephine, und dann auch der Kaiserin Marie Luise, ein besonderer Gegenstand der Aufmerksamkeit des Kaisers. In Folge der Restauration verlor auch D. seine glänzende Stellung. Im Nov. > 827 im Departement der untern Charente zum Deputirten gewählt, wurde er nun auch wieder ^ von der Regierung berücksichtigt und am 25. Jan. 1833 zum Pair ernannt. Duchcöne (Andre), im Lateinischen l^tiesnius (.^liclreus), I)»cliem»8, <2»oreston»8, der Vater der Geschichte Frankreichs, wie man ihn genannt hat, wurde zu Jsle Bouchard in Touraine im Mai 1584 geboren und studirte zu Laudon und Paris. Von Jugend auf Duchcsne (Jean) Duchoborzen 499 waren Geschichte und Geographec seine Lieblingsfächcr. Durch hohe Gönner, die er sich durch seinen Fleiß erworben, wurde er Königlicher Geograph und unter dem Ministerium Richc- licu's, der ihm sehr zugctha» war, Königlicher Historiograph. Er starb am 30. Mai 1649 auf eine sehr traurige Weise, indem er auf einer engen Straße von einem Karren gegen die Mauer gequetscht wurde. Wichtig ist besonders seine Sammlung der „üistorise kr-mcocum scriptores couet-mei sl> ipsius Aeiitis origine rxl kkilippi IV. tempor-e" (5 Bde., Par. 1636 — 40 , Fol.), die sein Sohn Franc. D., gcb. 1616, gest. ebenfalls als Königlicher Historiograph 1693, vom dritten Bande an fortführte, und welche noch insbesondere deshalb geschätzt wird, weil sie Vieles enthalt, was man im Bouquet's Sammlung vergebens sucht. Unter seinen übrigen zahlreichen Schriften, deren mehre ebenfalls von seinem Sohne in neuen Auflagen herausgcgeben wurden, verdienen noch besonderer Erwähnung seine „ttisto- rioe Xnrinannorum scriptores nnti^ur" (Par. 1619, Fol.), eine Sammlung, welche auf drei Bande berechnet, von denen aber nur dieser eine erschienen ist, und seine genealogischen Werke, namentlich die „blistoire geneslogiczue de lu msisnn de Aloutmorenc^ et de !.<»- vsl" (Par. 1624, Fol.) und die „Ilistoire ^eneslngic;ue de lu Micison de Vergi" (Par. 1825 , Fol.), welche die Geschichte Frankreichs vielfach erläutern. D. war ein sehr fleißiger Arbeiter; mehr als hundert Folianten soll er noch in Handschrift hintcrlassen haben. Duchcsne (Jean), Conservateur der Kupferstiche und Karten an der königlichen Bibliothek zu Paris, zum Unterschiede von seinem ebendaselbst eingestellten Sohne der Ältere genannt, geb. am 25. Dec. 1779 zu Versailles, wurde, nachdem er zwei Jahre im I^xces lies urts in Paris studirt hatte, bereits 1796 an der Nationalbibliothek in der Abtheilung -der Kupferstiche angcstellt. Von seinen frühcrn Schriften nennen wir den „Rapport s„r In tönte de I-» statue de äeanne d'Vrc" (1805) und die „Notice sur la vie et les ouvrages de ä»Ie, Rsrllnilin Slansart" (1895). Im I. 1812 unternahm er auf kaiserlichen Befehl eine Reise nach Holland, um die Kupfcrstichsammlung im Haag mit der in Paris zu vergleichen und die letztere zu vervollständigen > die von ihm bei dieser Gelegenheit entführten Schätze mußten jedoch 1815 zurückerstattet werden. Im I. 1824 hatte er im Aufträge des Ministeriums die engl. Kupfcrstichsammlungcn zu untersuchen, worauf er einen „kompte remlu d'ime vozgge tait en Vngleterre" (Par. 1824) hcrausgab, und 1827 machte er eine Kunstreise durch Deutschland, worauf er sich in den Stand gesetzt sah, seine „Vo^gge »I'uu iconnpliüe" (Par. 1834) erscheinen zu lassen. Von seinen übrigen Schriften erwähnen wir noch die „Notice des estsmpes exposees s la bibliotliegue du roi" (Par. 1819), und den „Rsssi sur les nielles, grsvnres des orkevres ttoreutins du c^uinrieme siecle" (Par. >826, mit Abb.). Auch war er Mitherausgeber der „Isogropkie de» llvmmes celdkres ou re- cueil de tue simile de lettre» sutograplies" (Par. 1827 fg.). Duchesnois (Catherine Josephine), geborene Rafin, die erste tragische Schau- spielcrin ihrer Zeit in Frankreich, geb. um 1789 zu St.-Saulve bei Valcncienncs, verrieth von ihrer Kindheit an einen entschiedenen Beruf zur Schauspielkunst. Sehr jung betrat sie niit vielem Beifall die Bühne zu Valcncienncs. Sich selbst indcß nicht genügend, trat sie zunächst nicht wieder auf, sondern suchte sich unter Leitung des Dichters Legouve weiter auszu- bildcn. Wegen dieses von dem gewöhnlichen abweichenden Bildungsganges machte sie sich die Häupter der Bühne zu Feinden, sodaß sie erst 1892 , auf Bonaparte's Befehl, Zutritt auf dem l'beütre kron<,'<üs erhielt. Doch gleich bei ihrem ersten Auftreten in der Nolle der Phadra gewann sie durch reine, anmuthige Sprache, Einfachheit und Wahrheit des Spiels, tiefes Gefühl für Poesie und Wärme ihres Vortrags den allgemeinsten Beifall; ebenso als Her- nüone, Semiramis, Dido und Roxane. Nachdem inzwischen die reizende Georges ebenfalls die Bühne betreten, wurde sie nach dem Wunsche der Kaiserin Josephine 1894 förmlich angestellt, was nun einen heftigen Kampf zwischen den Anhängern der beiden Nebenbuhlerinnen veran- laßtc, besonders war der Kritiker Geoffroy (s. d.) einer ihrer heftigsten Gegner. Aber bald entschied sich, trotz des Parteigcschrcis, die öffentliche Meinung zu Gunsten der D. Kränklichkeit entfernte sie seit >898 wiederholt auf lange Zeit von der Bühne, nichtsdestoweniger wußte sie seit >822, wo sie wieder regelmäßig aufzutrcten begann, ihren alten Ruhm zu behaupten. Mit dem I . Apr. > 839 verließ sic die Bühne und starb am 8. Jan. > 835. Duchoborzen hcißt eine Sekte in der russ. Kirche, welche durch Gleichstellung der 500 Ducis Dnclvs kanonischen und apokryphischen Bücher der heiligcnSchrift zu mancherlciAbwcichungcn von der herrschenden Lehre gekommen ist, die Lehre von der Kirche in den Sakramenten idealistisch auffaßte, keine Gotteshäuser und Priester hat und den Eid sowie die Kriegsdienste für unerlaubt hält. Die Duchoborzcn traten zuerst in der zweiten Hälfte des l 8. Zahrh. unter der Regierung der Kaiserin Anna in Moskau und andern Städten auf. Unter Katharina II. und Paul l. hatten sie mancherlei Bedrückungen zu erleiden. Alexander l. ordnete eine mit christlicher Milde geführte Untersuchung über sie an; doch nachdem sie ihr Glaubensbekennk- niß eingereicht, erlangten sie Duldung und zeichneten sich seitdem durch stillen, unbescholtenen Wandel aus. Sie bewohnen hauptsächlich die fruchtbaren krimschen Steppen jenscit des > Don, wohin sic > 803 aus den verschiedenen Gouvernements sich übersiedeln mußten. Duclö (Jean Franc.), franz. dramatischer Dichter, bekannt insbesondere als Bearbeiter mehrer Shakspeare'scher Stücke, geb. am 14. Apr. 1733 zu Versailles, trat ziemlich spät erst als dramatischer Dichter auf und vermochte auch nicht sogleich Glück zu machen. Dieses gelang ihm erst, als er Shakspeare's „Hamlet" auf die franz. Bühne brachte, den er, gleich de» übrigen von ihm bearbeiteten Stücken dieses Dichters, dermaßen verwässerte und dem franz. Volksgeschmacke anpaßte, daß man das Urbild kaum wiedererkennt. Sein Stil ist zuweilen hart, aber edel und voll Würde. Im I. 1778 wurde er Mitglied der Akademie und später Secretair bei dem Grafen von Provence, dem nachmaligen König Ludwig XVlll. Ein treuer Diener der Bourbons lehnte er unter Napoleon die jährlich 40000 Francs cintragende Stelle eines Senators und das Kreuz der Ehrenlegion ab, zu einer Zeit, wo er fast darben mußte. Während der glänzenden Zeit des Kaiserreichs lebte er in der größten Zurückgezogenheit in Versailles. Die Rückkehr Ludwig's XVII1. versüßte sein Alter/ Höchst entzückt war er, als der König ihm bei der ersten Audienz einige seiner Verse recitirte. Er starb am 30. Jan. 1816. Seinen „Oeuvres" (5 Bde., Par. 1824 und öfter) schließen ^ sich an die „Oeuvres postliumes" (2 Bde. , Par. 1826). Vgl. Campenon, „I^ettres SM lr> j vie, le caractere et les eerits cle O." (Par. 1824) und Leroy, „bitucles morales et litte- raires s»r >a zrersonne et les ecrits cle 1>. (Par. 1832). Duclos (Charl. Pineau), ein ausgezeichneter franz. Charakteristiker, geb. am 12.Febr. 1704 zu Dinant in Bretagne, kam in früher Jugend nach Paris, wo er seine Anlagen mit Erfolg ausbildete und sich der Literatur widmete. Romane gehörten zu seinen ersten Leistungen, und einer derselben, die „Ovniessions o»isXI" (1745) gab D. ! „Oonsiclerutiuns sur les moeurs cle ce siöcle" (1740) heraus, in denen er sich als geistreicher und gewandter Charakterzeichner zeigte, und durch die er seinen Ruhm gründete, sodann als Fortsetzung dieses Werks die „lOeiuoires pour servir a I'kistoire clii l8ieme siede" (1751). Sein Talent für die Charakteristik bewies er auch in seinem Hauptwerke, den „M- moires secrets cles regnes cle lOouis XI V et cle I/>o»is XV", die er schrieb, nachdem er zum Historiographen an Voltaire's Stelle ernannt worden, die aber erst später erschienen (2 Bde., Par. 1701; deutsch von Huber, 3 Bde., Berl. 1702-03). Er wurde 1730 Mitglied der , Akademie der Geschichte und 1747 der franz. Akademie, als deren Secretair er nicht nur ! viele Lobreden, die in seinen Werken aufbewahrt sind, zu halten, sondern die Redaktion des „Oictionnaire cle l'scsclemie", welcher 1762 erschien, zu besorgen hatte. Die Frucht einer Reise, die er 1766 nachJtalicn machte, sindbie„0onsiile,-i>tionssni-l'ltslie"(l70l; deutsch von Schleusner, Jena 1702). D. war in seinem Umgänge geradeaus und derb, übrigens aber weltklug und gewandt und behauptete den Ruf unbestechlicher Rechtlichkeit und Biederkeit bei seinen Zeitgenossen; nur in den Memoiren der Madame d'Epinay ist er verleumdet worden. Seine Mitbürger in Dinant bewiesen ihm ihre Achtung 1744 dadewch, daß sie ihn, obgleich er in Paris lebte, zu ihrem Ma re ernannten, und die Stände von Bretagne, ' denen er als Abgeordneter angehörte, erwirkten ihm bei Ludwig XV. den Adel. Er starb am 26.Mär; 1772. Seine „Oeuvres com;,letes" gab zuerstDcsessarts (lOBde., Par. 1806), neuerdings Belin (3 Bde., in der Sammlung „Vrosateurs fi-rui^uis") heraus, mit einer wich- l tigen Biographie D.'s von Villcnavc. > Ducos Du-Deffaud 501 Dllcos (Roger, Graf), der während der franz. Republik und im Kaiserreiche die hoch, sten Würden bekleidete, war 175-1 in der Gegend von Bordeaux geboren. Beim Ausbruche der Revolution Advocat, kam er 1792 für das Departement Le Landes in den Nationalcon- vcnt. Hier stimmte er zwar für die unbedingte Vcrurthcilung Ludwig's XVI., hielt sich aber dann in der unentschiedenen Masse verborgen, die weder zu der Bergpartei noch zu den Girondisten gehörte, und entging darum auch jeder Verfolgung. Im Jan. 1794 wählte ihn der Jakobinerclub zu seinem Präsidenten, wobei er sich als strenger und entschiedener Demokrat benahm. An den Händeln der Häupter untereinander nahm er ebenso wenig Thcil als am Sturze der Schreckensherrschaft. Unter dem Dircctvrium machte er sich jedoch als entschiedener Vertheidiger der Republik gegen die Umtriebe der Royalisten bemerkbar und hatte auch in der Sihung am 18. Fructidor bei Abfassung der Vcrbannungsdccrete im Rathe der Alten den Vorsitz. Der District des Oratoriums zu Paris wählte ihn hierauf wieder in den Gesetzgebenden Körper für das I. Vl (1797); allein die Wahl ward mit vielen andern, als von den Nadicalen betrieben, verworfen. Hierauf kehrte D. in seine Heimat zurück und versah im Departement Leslandes das Amt eines Friedensrichters. Erst bei den Ereignissen im I. 1799 erinnerte sich Barras seiner als eines brauchbaren Werkzeugs und verhalf ihm mit Merlin de Douai ins Dircctvrium (s. d.). Bei den Vorbereitungen zum Sturze der Regierung gab er sich blindlings den revolutionairen Entwürfen Sieycs' hin, wofür er »ach der Katastrophe vom 18. Brumaire zum Mitgliede des provisorischen ConsulatS gemacht wurde. Als er dann Lebrun sein Amt überlassen mußte, ward er als Vicepräsident in den Senat versetzt und bei Errichtung des Kaiserreichs als ein williger Diener Napvleon's in den Grafenstand erhoben. Dessenungeachtet Unterzeichnete er den Senatsbeschluß vom I. Apr. 1814, der den Kaiser gesetzlich des Throns beraubte, erhielt aber dafür von den Bourbons keine Auszeichnung. Bei seiner Rückkehr im I. 1815 ernannte ihn Napoleon zum Pair von Frankreich. Nach der zweiten Restauration mußte D. 1816 als sogenannter Königsmörder Frankreich verlassen. In der Gegend von Ulm verlob er im März 1816 bei dem Umsturz seines Wagens das Leben. D. war einer jener Männer, die in Folge der Mittelmäßigkeit ihres Talents und Charakters von Andern brauchbar befunden werden und darum ihr Glück mache». — Verhängnißvoller ist die kurze politische Laufbahn des Conveittsdcpu- tirten Jean Fran;. D. Der Sohn eines reichen Kaufmanns zu Bordeaux, kam er 1791 im Alter von 26 Jahren in die Gesetzgebende Versammlung, dann in den Convent, wo er die Grundsätze und das Schicksal der Girondisten thcilte. In der Anklageacte Amar's begriffen, wurde ec am 3 1. Oct. 1793 mit Vergniaud und mehren Andern hingerichtet und starb mit hohem Muthe. Bekannt ist seine geistreiche Rede bei dem letzten Banquct der Gi- rondistcn in der Nacht vor ihrer Hinrichtung.— Seines Bruders Sohn, Theodore D., geb. 1899 und Kaufmann in Bordeaux, wurde 1834 von dem Departement der Gironde in die Kammer gewählt, zu deren linkem Centrum er gehört. Du-Dessültd (Marie de Vichy Chamrond, Marquise), eine der geistreichsten Frauen des 18. Jahrh., geb. 1697 aus einer edeln Familie in Bourgogne und erzogen in einem Kloster zu Paris, entwickelte schon in zarter Jugend liebenswürdige und glänzende Eigenschaften. Ihre Altern verheiratheten sie 1718 an den Marquis Du-Deffand, der weit älter war als sie; als daher der Tod ihrer Großmutter sie in den Besitz einer Rente von 4999 Livres setzte, ließ sic sich von ihrem Gatten scheiden. Eine Zeit lang soll sie der Gegenstand der Leidenschaft des Regenten, Herzogs von Orleans, gewesen sein. An dem glänzenden Hofe der geistreichen Herzogin von Maine zu Sceaux kam sie mit Voltaire, Polignac, Fontenelle, Lamotte, Madame de Lambert, Mademoiselle Delaunay in nahe Berührung. Von den Reizen der Hauptstadt angezogen, wendete sie sich dahin, wo sie den Umgang der ausgezeichnetsten Männer und Frauen ihrer Zeit suchte, die sie nachher in ihrem Hause versammelte. Jm J. 1759 hatte sie das Unglück zu erblinden; aber der Verlust ihrer Augen weckte nicht die Wchmuth in ihr, die man bei Erblindeten sonst gewöhnlich antrifft. Sic war in steter innerer Erbitterung, fand an nichts Gefallen und sah Alles schwarz und widrig. Rousseau sagt von ihr, sie könne keine Meinung ohne eine Art Krampf äußern und suche ihre leidenschaftlichen Meinungen mit einem wahren Despotismus durchzusetzcn. Selbst ihr Freund, Horace Walpolc, an den ihre „Briefe" gerichtet sind, die Miß Berry (4 Bde., Par. 502 Dndcvant Duett 1812) herausgab, ein Mann, den sie abgöttisch verehrte, schrieb ihr: „Sic messen Alles nur nach den Huldigungen, die man Ihnen darbringt. Sie vergiften sich Ihr Leben durch übermäßige Ansprüche, die Sie machen, und verscheuchen Ihre Freunde, die wohl fühlen müssen, daß sie Ihnen nie genug thun können." Aber voll Verstand und Talent war sie, und auch ihre Grazie und Liebenswürdigkeit werden von Vielen gerühmt. Voltaire nannte sic die scharfsichtige Blinde (i'aveuxle duirvo^-mte). Sie lebte nach ihrer Erblindung noch 3V Jahre und starb am 23. Sept. 1780. « Dudcvant (Aurore, Marquise), die unter dem Namen Georges Sand so berühmt ß gewordene Schriftstellerin, ist 1803 im Departement der Jndre geboren und die Tochter eines S ohns des bekannten Marschalls von Sachsen, Namens Dupin. Nach einer streng klösterlichen Erstehung einem Manne vermählt, mit dem sie nicht sympathisier» konnte, entzog sie sich 1831 diesem Verhältnisse durch die Flucht und begab sich nach Paris, wo sie, nach einigen literarischen Versuchen in verschiedenen Journalen, zum ersten Male mit ihrem Freunde Jules Sandcau, der sich später durch eigene Productioncn bekannt gemacht hat, in einem selbständigen Werke „K,,S6 et Rl-Uicbe" (5 Bde., Par. 1832) unter dem Namen Georges Sand auftrat, der anfangs beiden Autoren gemeinschaftlich sein sollte. Dieser Roman ließ indcß nur an wenigen Stellen daß herrliche Talent ahnen, das sich zuerst in ihrer „Iinliuim" (2 Bde., Par. 1832) wahrhaft entfaltete. Dieses Werk, in dem sich ein glühendes Herz, welches in gegenwärtigen Verhältnissen keine Befriedigung fand, Lust macht, erregte das ungewöhnlichste Interesse. Selbst Die, welche ihre überspannten Emancipationsidcen, die ihren eigenen herben Erfahrungen bcigcmesscn werden können, verwarfen, mußten doch die vollendete Form, die hinreißende Sprache, die plastische Abrundung ihrer Gestalten und den großen Gedankenreichthum ihrer Werke, die nun in schneller Aufeinanderfolge erschienen, bewundern. Von ihren ersten Romanen, in denen sic ihre Tendenz noch am entschiedensten verfolgte, heben wir „I.elis" (3 Bde., Par. 1833), „Valentine" (2 Bde., Par. 1832) und „I^enne v>enni" (Par. 1835) hervor. Ihre „Eettres 6 M. weit aufwärts ist er befahrbar und nur mit Hülfe der Flut können Seeschiffe bis Oporto gelangen. Duett heißt ein aus zwei verschiedenen Hauptstimmen bestehendes Tonstück, das entweder gar keine, oder eine, ja selbst mehre begleitende Baß- und Mittelstimmen haben kann, Dufay Dugnay-Tronin 503 in welchem erstem Falle zugleich der Sah ein zweistimmiger Sah ist. Ist das Tonstück ein Jnstrumcntalstück, so nennt man dasselbe insbesondere ein Duo, cs mag eine oder mehre Stimmen zur Begleitung haben oder nicht. Dufay (Guilielmus), der älteste eigentliche Contrapunktist, geb. zu Chimay im Hennegau, war bei der päpstlichen Kapelle angcstellt und starb >432. Seine Composttionen beweisen schon einen fertigen, tüchtigen Contrapunktistcn. Dnfresne (Charl.), Seigneur du Cange, daher oft auch blos Ducangege- nannt, ein durch seine historischen und linguistischen Arbeiten rühmlichst ausgezeichneter franz tl Gelehrter, geb. zu Amiens am 18. Dec. 1616, gehörte einer alten edeln Familie der Picardie an. Nachdem er im Jesuitencollegium seiner Vaterstadt die erste wissenschaftliche Bildung erhalten und dann in Orleans die Rechte studirt hatte, wurde er 1631 in Paris Par- lamentsadvocat, verließ aber sehr bald diese Laufbahn, um sich in der Zurückgezogenheit in seiner Vaterstadt lediglich wissenschaftlichen Studien zu widmen. In Amiens kaufte er sich >6-15 eine königliche Schatzmcisterstelle; als aber daselbst 1668 die Pest ausbrach, wendete er sich nach Paris, das er von nun an nicht wieder verließ und wo er am 23. Oct. 1688 starb. Fast kein Fach der Wissenschaften blieb ihm fremd; insbesondere aber beschäftigte er sich mit klassischer Philologie und Geschichte. Unter seinen historischen Werken gedenken wird« „Ri- stoire tilin^Ie sous les empereurs trruihiüs" (Par. 1657, Fol.), der „Ilistoria L^raiitiim" (Par. 1686, Fol.) und der von ihm herausgegebenen „üistoire cie 8»int-I,vui», roi ,io v,»„ce", von Joinville (Par. 1668, Fol.). Seine beiden Hauptwerke aber sind das „61«88->riiiin »6 8crh>t«»e8inet>i»e et iiiliiiiaolatinitstis" (3 Bde., Par. 1678, Fol.; herausgeg^von den Vcncdictincrn, 6 Bde., Vcn. 1733—36 und 3 Bde., Bas. 1762, Fol.) und das „6Ia88i>r,»m sei 8crij,tor«8 ineilise et inlimae graecitstio" (2 Bde., Par. 1688, Fol.). Supplemente zu dem erstem lieferte der Benediktiner Carpentier (4 Bde., Par. F >766, Fol.) und einen Auszug daraus unter dem Titel „Olosssrium mannsle ack scripto- rcs etc." besorgte Adelung (6 Bde., Halle 1772—84). Eine neue Ausgabe „cum supple- luenti» iuteAris 6i»rpenterH et!nlt1itams»t>8 Xlielungü et sliorum" hatHenschel(Bd. 1 — 3, Par. 1846—43) besorgt. Durch beide Werke, die von großer Gelehrsamkeit und bewundernswürdigem Flciße zeugen, hat sich D. wie um das Studium der Geschichte des Mittelalters, so insbesondere um das der Diplomatik, ein ausgezeichnetes Verdienst erworben. Außerdem erwähnen wir noch seine Ausgabe des Joannes Cinnamus (Par. 1676, Fol.), des Zonaras (2 Bde., Par. 1686, Fol.) und das „dlkronicon pusvlisl«" (herausgcg. von Baluze, Par. 1686, Fol. und Ven. 1729). Seine hinterkassenen handschriftlichen Samm- , lungen bewahrt die königliche Bibliothek in Parisi Dufresny (Charl. Niviere), franz. komischer Dichter, geb. zu Paris 1648, warein Großenkel der unter dem Namen lk>a belle sarciiinere bekannten Bäuerin Anet, welche die Neigung Heinrich's IV. auf sich gezogen hatte. Unter sehr ungünstigen Umständen wußte er sich seinen Weg zu bahnen. Musik,Leichenkunst, Architektur Gartenkunst und Poesie waren seine Licblingsuntcrhaltungen. Sein Familienverhältniß brachte ihn an den Hof Lud- wig's XIV. ; seiner Gewandtheit verdankte er die Anstellung als königlicher Kammerdiener, und später die Stelle als Aufseher der königlichen Gärten. Er war unter den franz. Gartcn- . künstlcrn der Erste, der in seinen Anlagen dem engl. Geschmacke folgte. Leichtsinnig und vcr- ^ schwenderisch verkaufte er seine Stellen für eine mäßige Summe an einen Andern und in der Folge auch eine von Ludwig XIV. ihm ausgesetztc Leibrente von 3666 Livres. Im Vereine mit Regnard, der ihn aber weit überragte, arbeitete er sodann für das Hheater. Die Entwickelungen seiner Stücke sind gewöhnlich schwach und sein Witz ist oft matt; dessenungeachtet gehören seine Lustspiele, namentlich „I?es;>rit cie contrmliction", „I-e clcuikle venvsge", „I.s Mariage-fsit et rompu", zu den vorzüglichsten Konversationsstücken der Franzosen. ImI. 1716 erhielt er durch eine neue Gnade des Königs das Privilegium über den „»1er- - eure galant", welches er 1713 wieder verkaufte. Auch durch den Herzog von Orleans erhielt ^ er ein Geschenk von 266066 LivreS. Nichtsdestoweniger gcrieth er in den letzten Jahren in Noth. Er starb in Paris am 6. Oct. 1724. Seine Werke erschienen mehrmals gesammelt (6 Bde., Par. 1731; 4 Bde., 1747); eine Auswahl besorgte Auger 12 Bde., Par. 1816). Duguay-Trouiu (Nene), einer der größten Seehelde» Frankreichs, geb. am 16. Juni 504 Dnguay-Trouill 1673 zu St.-Malo, verließ als ein Taugenichts >689 die Schule zu Cacn, wo er sich zum geistlichen Stande vorbereiten sollte, und machte sodann auf einer von seiner Familie ausge- rüsteten Fregatte seine erste Seereise. Im folgenden Jahre diente er als Cadet auf einem Schiffe von 28 Kanonen. Durch dringendes Bitten bewog er den Capitain desselben zum Angriffe auf eine 15 Segel starke engl. Handelsflotte, wobei drei Fahrzeuge genommen wurden. Hierauf vertraute ihm seine Familie eine Fregatte von 13 Kanonen an, mit der er 169 l, zufällig an die irländ. Küste getrieben, zwei Fahrzeuge zerstörte. Zur Belohnung für diese That erhielt er vom Hofe ein Schiff von 18 Kanonen. Mit diesem nahm er, während der großen Seeschlacht am Cap Lahoguc, an der engl. Küste zwei Fregatten und sechs Kauffahrer, und 1693 im Kanäle nach schwerem Kampfe zwei Linienschiffe, jedes von 28 Kanonen. Im I. 1693 kreuzte er mit einem Linienschiffe von 39 Kanonen an der holländ. Küste; im Kampfe mit einem engl. Geschwader von 6 Schiffen wurde er verwundet und gefangen. Die Liebe einer jungen Engländerin befreite ihn aus dem Kerker. Nach der Rückkehr nach Frankreich erhielt er sogleich wieder den Befehl über ein königliches Schiff und nahm an der engl. Küste sechs Kauffahrcr und zwei Fregatten. Im I. 1695, vereinigte er sich mit Beaubriant zu einem Zuge an die irische Küste, wo sie drei schwerbcladeue Schiffe der Ostindischen Compagnie, die zusammen 135 Kanonen am Bord trugen, erbeuteten. Ludwig XIV. empfing hierauf den einundzwanzigjährigen Helden bei Hofe und sagte ihm jene Schmeicheleien, womit er das Talent zu belohnen und zu entflammen pflegte. Nach kurzer Rast in der Hauptstadt eilte er auf einem von ihm erbeuteten Schiffe in die span. Gewässer, wo er zwei holländ. Fahrzeuge nahm. Mit dieser Beute segelte er, ohne erkannt zu werden, an der großen engl. Flotte vorüber; als sich ihm aber eine Fregatte näherte, überwältigte er dieselbe und kehrte damit in den Hafen von St.-Louis zurück. Im 1.1696 überfiel er, nachdem er sieben Monate über den Tod eines Bruders in düsterer Schwermuth gebrütet, mit drei Schiffen die Flotte von Bilbao und machte unermeßliche Beute, die er aber in der folgenden Nacht durch einen Sturm wieder verlor. Im folgenden Jahre ward er dafür zum Frcgattcncapitain der königlichen Flotte ernannt. Im I. 1793 gericth er bei einem dichten Nebel mit zwei Linienschiffen und drei Fregatten in eine holländ. Kriegsflotte von 13 großen Schiffen; er begann sogleich einen Kampf, um seinen Fahrzeugen die Zeit zur Flucht zu verschaffen, und flog dann mit vollen Segeln aus dem Bereiche der Feinde, welche That er selbst für sein Meisterstück erklärte. Von jetzt an war er das Schrecken der Holländer und Engländer in allen curop. Meeren; bald zerstörte er im hohen Norden die Geschwader der Walsischfahrer, bald bedrohte er die engl. Küsten, bald lauerte er den über den Ocean rückkehrenden Handelsflotten auf. Im I. 1797 erhielt er von der franz. Negierung den Befehl, mit einem mäßigen Geschwader im Vereine mit dem Grafen Frobin die engl. Flotte, welche dem Erzherzoge von Ostreich, dem Nebenbuhler Philipp's V. von Spanien, Waffen und Lebensmittelzuführte, anzugrcifen, und es gelang den beiden Helden, nichtallein die 69 Transportschiffe sondern auch die viek großen Kriegsschiffe, welche dieBedeckung bildeten, theils zu nehmen, theils zu zerstören. Die Festungswerke von Rio de Janeiro galten damals für unüberwindlich, und erst1719 war ein Angriff der Franzosen unter Duclerc auf diese Stadt kläglich gescheitert. D. faßte den Plan, diesen Flecken auszulöschen, brachte mit Hülfe mehrer Kaufleute eine kleine Flotte zu Stande, erschien im Sept. 1711 in der Bai von Rio deJanciro und hatte nach elf Tagen das unerhörte Unternehmen vollbracht. Sechzig Kauffahrer und fünf Kriegsschiffe sielen in seine Hände oder wurden zerstört, und eine Contribution von 619999 Crusados vermehrte die zahllose Beute. Ludwig XIV. erhob hierauf den Sieger, dessen Tha- ten ans Wunderbare streiften, in den Adelsstand. Unerklärlich ist es bei alle dem, daß D. in der königlichen Flotte nie ein ansehnliches Commanbo, und bei seinen ausgezeichneten Fähigkeiten nie eine angemessene öffentliche Stellung, erhielt. Erst der Herzog vonDrleanS berief ihn in den Staatsrath, und Ludwig XV. Mcktc ihn, als der kurze Glanz der franz. Marine schon im Untergange begriffen, mit einer Flotte in die Gewässer der Levante, uni dort daS Ansehen Frankreichs aufrecht zu erhalten. D. starb am 27. Sept. 1736 im Schoose seiner Familie. Im Privatleben war er äußerst still und einfach; doch hinterließ er ein nur geringes Vermögen. Seine „Nemoires" wurden von Beauchamps (3 Bdc., Par. >739, 3.) hcrausgcgebe». Vgl. Richer, „Vios 760 zu Bourgneufin Burgund, wurde als ein gebildeter Mann 1781 vom General Dumouriez zum Oberst eines Frcicorps ernannt, das er aus eigenen Mitteln gebildet hatte. Der Eifer, womit er seine Soldaten an dieDiSciplin zu gewöhnen suchte, bewog demnächst den General Lamarlicce, ihm das Commando von Nuremonde anzuvertraucn. Während vun die franz. Armee über die Maas ging, behauptete D. de» für die Verbindung mit Holland wichtigen Posten von Herestall. Zugleich führte er auf eigene Hand einen kleinen Krieg, in welchem er Züge großer Kühnheit und Tapferkeit an den Tag legte. Nach der Niederlage bei Neerwinden, am 16. März 1793, verbrannte er im Angesichte des Feindes die Brücke über die Loo und ging dann über die Schelde. In dem Gefechte am 6. Juli im Holze zu Villeneuve brachte er, obschon aus zwei gefährlichen Wunden blutend, die vor den Östreichern fliehenden Jnfanteriecvlonnen mit gezogenem Degen zum Stehen. Bei Eröffnung des Feldzugs von 1794 behauptete er mit geringer Mannschaft unter einem vernichtenden Feuer der Ostreicher La-Capelle, und während der Obergeneral Pichcgru Landrecies zu entsetzen suchte, bemächtigte sich D. der Stellung bei Priche und eroberte die östr. Schanzen. Im Mai 1794 befehligte er die Avantgarde der Truppen, welche die Feinde von der flandrischen Grenze vertreiben sollten; er ging über die Sambre, machte durch seine Kühnheit die Unfälle von Grand- Zcan theilweise gut, trug am 26. Juli zum Siege bei Fleurus bei und belagerte unter Kleber Mastricht, woraufer zum Divisionsgeneral ernannt wurde. Im I. 1795 war ec bei der Armee an der Küste von Brest thätig, wurde darauf zur Nheinarmee verseht, mit der er nun an allen Ereignissen der Feldzüge 1796 und 1797 Theil nahm. Im I. 1798 erhielt er das Commando des rechten Flügels bei der römischen Armee unter Championnct. Während der Letztere nach Rom marschirte, nahm D. die Ortschaften Civita-dcl-Tronto, Vomano, Pescara und endlich Sulmona, wo er bei einer Besprechung mit dem General Lcmaire von den insurgirtcn Einwohnern überfallen und gefährlich verwundet wurde. Ohne diesen Streich zu rächen, setzte er seinen Marsch, Schritt für Schritt gegen die Insurgenten unter Anführung des berüchtigten Progni kämpfend, fort und nahm unter großem Blutvergießen den befestigten Platz Jsernia. Nach Vereinigung mit der Armee wirkte er mit bei der Einnahme von Neapel am 23. Jan. 1799, unterwarf dann Apulien und Calabrien und wendete Alles an, das Land wieder zu beruhigen. Mit Championnet zugleich in Folge der Strei- ligkeitcn mit dem Civilcommissar Faypoult abgcsetzt, erhielt er kurz darauf unter dem Erster» ein Commando in der Alpen - und im Frühjahre 1806 in der franz.-batavischen Armee. Jm J. 1805, nachdem er zum Grafen und Ritter der Ehrenlegion erhoben worden war, führte er ruhmvoll eine Division der ital. Armee über die Etsch, dcn Tagliamento und Jsonzo und nahm Theil an der Eroberung von Neapel. Von 1808—10 kämpfte er in Spanien und vcrtheidigte namentlich mit seltener Tapferkeit Barcelona. Auf die Anschuldigung Auge- rcau's, daß er mancherlei Ausschweifungen nicht unterdrückt habe, wurde er nach Frankreich zurückgesendet und blieb nun ohne Anstellung. Erst im Feldzüge von 1814 erhielt er eine Division unter dem Marschall Victor und kämpfte mit verzweifelter Tapferkeit bei La-Ro- thure, Montercau und ArciS. Nach der erste» Abdankung Napoleon'S wurde er Gencral- inspecteur der Infanterie. Als aber der Kaiser von Elba zurückkehrte, erklärte sich D. für denselben und erhielt die Pairswürdc und den Befehl über die Junge Garde. Er blieb auf dem Schlachtfelde von Waterloo. Bekannt ist feine Schrift „krecio Iiistnriczue eu iullueuce clans la tircticzue «1e» cliükvrents siecles" (Lyon 1806, 2. Aufl., Par. 1811). Duilills- Aus dem röm.-plebejischen Geschlecht, das diesen Namen führte, ist namentlich Cajus D. berühmt, der als Consul im I. 260 im ersten punischen Kriege mit der erste» röm. eigentlichen Kriegsflotte den ersten großen Seesieg der Römer bei Mylä an der Nordküste von Sicilicn über die Karthaginienscr, besonders durch Anwendung der von ihm erfundenen Enterhaken, erfocht. Das Andenken an den Sieg ward, nachdem D. im Triumph in Rom cingczogen war, durch Aufstellung einer mit den Schiffsschnäbeln der eroberten Schiffe gezierten Säule (Coliunns rostr-its) erhalten, von deren Inschrift das Bruchstück einer vcrmuthlich schon im Altcrthum gefertigten Nachbildung sich in Nom befindet, während die daselbst aufbcwahrtc Säule nur eine moderne Nachbildung ist. 506 Dujardi» Dulaure Dujardin (Karel) ein Holland. Maler, gcb. >6-18 zu Amsterdam, war ein Schüler von Berghem und ausgezeichnet in Landschaften, Thierstückcn und Bambocciaden. Sehr jung ging er nach Italien. Auf der Rückreise machte er zu Lyon bedeutende Schulden, sodaß er, seine Gläubiger zufrieden zu stellen, sich genöthigt sah, eine reiche, aber schon bejahrte Wirthin zu heirathen, worauf er sich in Amsterdam niederlicß. Unter Zurücklassung seiner Frau ging er später wieder nach Rom, wo er mit großem Aufwande lebte. Von da wendete er sich nach Venedig und starb hier > 67 8 in der Blüte des Lebens. Seine Landschaften haben Geist und Harmonie, seine Figuren Charakter und sein Colorit den kräftigen Ton seines Lehrers. Seine Stücke sind selten und werden theuer bezahlt. Auch gibt es von ihm eine Sammlung von etwa 52 Blatt, die er mit ebenso viel Geist als Leichtigkeit geätzt hat. Duisburg, eine Stadt im Regierungsbezirke Düsseldorf der preuß. Nheinprovinz, unweit des Rhein, mit welchem sie durch einen aus eigenen Mitteln angelegten Kanal verbunden ist, hat 6388 E., ansehnliche Fabriken in Wolle, Seide, Sammet, Baumwolle, Leder, Taback und Essig und lebhaften Handel mit diesen Fabrikaten, sowie beträchtlichen Speditionshandel mitColonialwaarcn. Die daselbst >655 gestiftete Universität wurde >881 aufgehoben und in ein Gymnasium verwandelt. In der Nahe liegen zwei bedeutende Eisenhütten. Dukaten wurden zuerst in Italien geprägt. Den Namen erhielten sie nach der Umschrift „8>t tibi, 6tiriste, »latus, tzuem tu regis, iste Oucatus", Welche sich auf den ersten Münzen dieser Gattung findet. Seit dem 12. Zahrh. wurden sie in Italien vielfach geprägt und namentlich später in Venedig so zahlreich, daß die gewöhnliche Annahme dieser Stadt die erste Prägung zuschrcibt. In Deutschland verdrängte der Dukaten erst weit später den Goldgulden; doch wurde er dafür nachher auch fast von allen deutschen Reichsständen geprägt. Die meiste Verbreitung erhielten die krcmnitzer und die holländischen Dukaten, welche letzter« in vielen Ländern nachgeprägt wurden, so namentlich auch in Polen während des Aufstandes im I. >838. Außer den einfachen Dukaten prägte man zwei - bis zehnfache und ebenso auch Dukaten in Thcilcn bis zu '/z- Dukaten. Diese letztetn sind unter dem Namen der Lin sendukaten bekannt und mehr Medaille als Münze. Von den östr., wie von den holländ. Dukaten gehen 67 Stück auf eine kölner Bruttomark; sie wiegen 3,188 franz. Gramm. In Hinsicht des Feingehalts aber weichen sie voneinander ab; der östr. hat 284,88 Grän fein Gehalt, der holländ. 283,88; von den östr. gehen 67,84365 Stück, von den holländ. 68, >837 5 Stück auf eine kölner Mark fein. Duker (Karl Andr.), ein berühmter holländ. Philolog, geb. >678 zu Unna in der Grafschaft Mark, besuchte zuerst das Athenäum zu Hamm und ging um >698, um seine Studien zu vollenden, nach Franeker, angezogen durch den ausgebreiteten Ruf des Jak. Peri- zonius, zu dessen liebsten Schülern er gehörte. Um >788 wurde er Professor der Geschichte und Eloquenz in Herborn, >785 Conrector an der Schule im Haag und >7>6 Professor zu Utrecht, wo er mit reichem Segen wirkte und >734 aufseinen Wunsch eine ehrenvolle Entlassung erhielt. Hierauf lebte er noch eine Reihe Jahre zu Asselstein und Vianen, bis er, hochbejahrt und erblindet, im I. >752 zu Meyderich bei Duisburg im Hause seiner Verwandten starb. Seine Ausgaben des Florus (Leyd. >722; neue Ausl., >742) und besonders des Thucydides (Amst. >744, Fol.), sowie seine Anmerkungen zu Livius in Drakenborch's und zu Sucton in Oudendorp's Ausgabe, zum Aristophanes u. s. w. sichern ihm den Ruhm eines der gründlichsten Philologen des vorigen Jahrhunderts. Dulaure (Jacq. Antoine), franz. publicistischer und historischer Schriftsteller, geb. zu Clermont in der Auvergne am 3. Dec. >755, studirte anfangs Architektur, wendete sich aber dann dem Studium der Erdkunde zu. Er gab einige Karten heraus und schrieb Mancherlei über pariser Denkmäler. Als die Revolution ausbrach, erklärte er sich mit Wärme . für dieselbe und wurde von dem Departement Puy de Dome im Sept. >792 als Abgeordneter in den Nationalconvent gewählt, wo er für den Tod Ludwig's XVI. stimmte und zur Partei der Gironde gehörte. Am 28. Oct. >793 angcklagt, verbarg er sich gegen zwei Monate in Paris und St.-Denis. Auf der Flucht nach der Schweiz im Dorfc^Lamarche festgenommen, rettete er sich durch seine Geistesgegenwart und gelangte endlich wohlbehalten in der Schweiz an, wo er sich nun durch Zeichnen erhielt. Nach dem 9. Thermidor zurückberu- fen, wurde er >795Mitglied des Unterrichtseomitc. Nach dem Schlüsse der Cvnventssitzung Dullcr 507 > ernannten ihn drei Departements zu ihrem Abgeordneten; da er aber das vierzigste Jahr noch nicht erreicht hatte, so kam er in den Rath der Fünfhundert. Im I. >798 von seinem Departement zum dritten Mal als Abgeordneter erwählt, beschäftigte er sich im Gesetzgebenden Körper hauptsächlich mit Vorträgen über das Untcrrichtswescn. Seit der Errichtung des Consulats zog er sich von der Politik zurück, nachdem er jedoch 18N8 durch den Bankrott eines Notars sein Vermögen verloren, nahm er eine Finanzstelle an, aus der ihn 1814 die Restauration vertrieb. Er starb zu Paris am 18. Aug. 1835. Unter seinen , Schriften sind hervorzuhcben die „Vescription «Iss princip-uix lieux de kr-uice" (6 Bde., Par. l788—9V), „Ltreanes ä In nokle.-se" (1790) und andere Schriften gegen den Adel, welche er wieder abdrucken ließ in seiner „Histoire sbreFee «los ditkerents cultes" (2 Bde., 2. Aust., Par. 1825), „Histnire civile, piiz-siipie et morale isse l>istori«p,e des pri»«ip»»x övenements «io Is revolution Irsnysise, depiiis In convocstion des Ltatz (»eiieraiix jus- «;ii'a» retabüssemeiit »r!ioas" (6 Bde., Par. 1823 — 25) und „1i.es rellxieuses de koitiers, episode iiistorilziie" (Par. 1826). Außerdem gab er von 1790 an das Journal „Lvangelistes du jo„r" heraus, das gegen die Verfasser der „^ctes des »patres" gerichtet war, und von 1791 —93 ein kleines Blatt „I.e tliermometre du j«>»r". Duller (Eduard), als Dichter und Romanschriftsteller rühmlich bekannt, geb. zu Wien am 8. Nov. 1809, widmete sich auf der Universität daselbst dem Studium der Philosophie und der Rechte, unterließ jedoch nicht, sein dichterisches Talent zu üben und schrieb bereits in seinem 17. Jahre sein 1828 im Theater an der Wien mit Beifall aufgcführtes Drama „MeisterPilgram", welchem die Tragödie „Der Rache Schwanenlicd" folgte. Die i einem freisinnig strebenden Talente nicht günstigen heimatlichen Verhältnisse bestimmten ^ ihn, nach München zu gehen, wo er seinen Balladencyklus „Die Wittelsbachcr" (Stuttg. 1831) dichtete und an Spindler's „Damenzcitung" and „Zeitspiegel" der thätigste Mitarbeiter wurde. Nachdem er 1831 Spindlcr nach Baden-Baden begleitet und sich >832 nach Trier gewendet hatte, gründete er 1834 in Frankfurt am Main die Zeitschrift „Der Phönix", die sich bald einen mit Recht geachteten Namen erwarb, im Geiste eines nicht extravaganten, aber entschiedenen und würdigen Liberalismus redigirt wurde, Verhältnisse halber jedoch 1838 aufhören mußte. In dieser Zeit erschienen ferner von ihm dieGedichte „An Könige undVLlker" (Stuttg. 1831), die ziemlich mittelmäßige Novelle „Berthold Schwarz" (Stuttg. 1832), „Freund Hain" (Stuttg. 1833) mit Moritz von Schwind's trefflichen Holzschnitten, „Franz von Sickingen" (Franks. 1833), ein Drama, welches ihn milder trier- schen katholischen Geistlichkeit in die ärgerlichsten Conflicte brachte, „Der Antichrist" (Lpz. 1833; 2. Aust., 1836), „Erzählungen und Phantasiestücke" (2 Bde., Franks. 1834), „Die Feuertaufe" (2 Bde., Franks. 1834), „Geschichte und Märchen für Jung und Alt" (2 Bde., Stuttg. 1834 — 35), „Kronen und Ketten" (3 Bde., Stuttg. 1835), „Phantasicgemäldc" (Franks. 1836), „Loyola" (3 Bde., Franks. 1836—37) und „Kaiser und Papst" (4 Bde., Lpz. 1838). In neuester Zeit wendete er sich von der poetischen Production und dem historischen Roman mehr ab; doch erschienen von ihm noch Dichtungen unter dem Titel „Der ^ Fürst der Liebe" (Lpz. 1842) und zum Besten des kölner Dombaues, in Gemeinschaft mit Freiligrath herausgegeben, das Gedicht „1862". Dagegen hat er sich mit Ausdauer auf das Gebiet der Geschichtschreibung geworfen. Es erschienen von ihm die „Geschichte des deutschen Volks", mit Holzschnitten (2 Bde.; 2. Aust., Lpz. 1841), „Geschichte der Jesuiten" (Lpz. 1840), eine Fortsetzung von Schiller's „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande", als Supplement zu Schiller's Werken (3 Bde., Köln 1841), ferner „Neue Beiträge zur Geschichte Philipp des Großmüthigen, Landgrafen von Hesse», ungcdruckte Briese" (Darmst. 1842) und die fünfte Section für das „Malerische und romantische Deutschland", „Die Donau" (Lpz. 1839). Gegenwärtig privatisirt er als Nedacteur der Zeitschrift „Das Vaterland" in Darmstadt. Eine edle, echt vaterländische, dem Fortschritte . zugewandte Gesinnung zeichnet ihn im Allgemeinen aus; im Roman und der Versdichtung bekundete er Schwung des Gcmüths und Kraft der Sprache, denen jedoch zuweilen eine gewisse Gewaltsamkeit und Dunkelheit Abbruch thun. ü 08 Duloii Dumas (Alex.) Dulon (Ludw.), der blinde Flötenspieler, geb. zu Oranienburg an der Havel am I >1. Aug. 1769, verlor in der ersten Woche seines Lebens durch einen ungeschickten Augenarzt sein Gesicht. Nichtsdestoweniger entwickelte sich sein musikalisches Talent so schnell, daß er schon im 13. Jahre mit seinem Vater auf Reisen ging und an den vorzüglichsten Orten Deutschlands mit außerordentlichem Beifall auf der Flöte gehört wurde. Auch auf dem Claviere und in der Compvsition leistete er Bedeutendes. In den letzten Jahren seines Lebens stellte er feine Kunstreisen ein, lebte in Würzburg und starb daselbst am 7.Juli 1826. Seine von ihm selbst verfaßte Lebensbeschreibung gab Wieland heraus (2 Bde., Zür. 1807—8). . Dumarsais (Ce'sar Chesneau), franz. Sprachforscher, geb. am 17. Juli 1676 zu I Marseille, verlor früh seinen Vater und dann auch sein Vermögen durch eine verschwenderische Mutter. Nachher trat er in die Gesellschaft der Väter des Oratoriums, verließ sie aber im 25.Jahre, verheirathete sich in Paris und ward dann Advocat. Trügerische Aussichten verleiteten ihn indcß, auch diese Laufbahn bald wieder zu verlassen. Mit vielen Kindern gesegnet und von seiner Frau gequält, überließ er letzterer seine geringe Habe, widmete sich demHofmcisterlcben und ervffnete eine Erziehungsanstalt, die ihm kaum seinen Lebensunterhalt gab. Auch die Hoffnung, einen reichen, auf San-Domingo verstorbenen Sohn zu beerben, ward ihm vereitelt. Von Armuth und Leiden gebeugt, starb er am l 1 Juli 1756. Seine Verdienste wurden von seinen Zeitgenossen übersehen, und sein bestes Werk blieb lange ^ ungckannt. Erst Degerando hat in einer vom Institut 1805 gekrönten Preisschrift die Verdienste dieses gründlichen Forschers gewürdigt. Scharfsinn und feine Beurtheilungskraft, ein reines Gemülh, einfache Sitten und Standhaftigkeit im Unglück erwarben ihm indeß die Achtung Aller, die ihn kannten. D'Alembert nannte ihn treffend den Lafontaine der Philosophen. Unter seinen Werken (7 Bde., Par. 1797) sind die „Lxporition rsisonnöopoiir opprenckre ls lang»« lstine" (Par. 1722), worin er eine Lehrart darstellt, die Ähnlichkeit - mit Hamilton's und Jacotot's Methode hat, der „Drsite »ler tropes" (Par. 1750) und die „Urincipes ,Ie ßrsmmsire" (Par. 1769), eine scharfsinnige Darstellung der allgemeinen Sprachlehre, die vorzüglichsten. Dumas (Alex.), einer der fruchtbarsten franz. Schriftsteller der Gegenwart, geb. zu Villers-Cotterets im Departement des Aisne am 23. Juni 1803, ist der Sohn des franz.Divisionsgenerals Alex. Davy Dumas. Nach demTode des Vaters im I. >807 lebte seine Mutter in großer Dürftigkeit, sodaß sie ihm nur eine sehr mangelhafte Erziehung geben konnte. In Paris, wo er 1823 ein Unterkommen suchte, verschaffte ihm, da er eine schöne Hand schrieb, der General Foy, ein Freund seines verstorbenen Vaters, eine Stelle auf dem Sccretariat des Herzogs von Orleans. Nachdem er hier einige Jahre lang Bücher aller Art verschlungen hatte, fing er an selber zu producircn. Sein Drama „Henri III et so co„r" (Par. 1828) machte seiner energischen und glühenden Sprache wegen Aufsehen. Darauf wurde er vom Herzog von Orleans bei dessen Bibliothek angestcllt, eine Stellung, die er jedock bald aufgab. Von seine» Dramen, die er in rascher Folge erscheinen ließ, erwähnen wir nur „Okri- stine IN 8tockkol,li, Vontsinebiesu et Home" (1830), „Vnton)'" (1831), ,,'I'eres»" (1832), „Angele" (183-1), „Iva tour »je Poesie", das er in Gemeinschaft mit Gaillardct arbeitete, „Osttierine IloMsrck", „OsÜAnls" und „l-es cleinoiseiles els 8sint-0)r" (1833). Von seinen Komödien fand „On msrisge so ns Oouis XV" (1831) vielen Beifall, und ^ neuerdings ist er auch in „Uslitax" und im ,Msrisge su tsmbour" als Vaudevillist aufgetreten ; indessen sollen diese letzter», sowie viele andere Stücke, gar nicht von ihm herrühren. Aus der in Paris immer weiter um sich greifenden Sitte, daß ein beliebter Schriftsteller de» Productionen jüngerer Dichter seinen Namen leiht, läßt sich die ungeheure Fruchtbarkeit allein erklären, die D. auf allen Gebieten entwickelt hat. Seine Dramen sind zum Theil gesammelt in dem ,,'Vlisstre »Io I)." (3 Bde., Par. 1831). Am ansprechendsten sind seine „>»»- ziressinns «le vo^sge 1833" und „Nonveiles impressivas", die er von seinen Wanderungen in Italien, den Inseln des Mittelmeers, Syrien u. s. w. hcimgebracht hat, obgleich man in diesen Darstellungen weder allzu große Genauigkeit noch tiefere Auffassung suchen muß. Hervorzuheben sind auch seine ,,8^eronm »" (3 Bde., Par. 1831) und „Onrricolo" (2 Bde., Par. 1832), die beide sehr lebendige Bilder aus dem ital. Leben geben. In einzelnen seiner Romane zeigt sich dieselbe Glut der Phantasie, die unS in seinen dramatischen Productionen , Dumas (Iran Bapt.) Dumas (Mathien, Graf) 50» nicht selten mit unheimlicher Gewalt erfaßt. Wir erwähne» hier nur die „Souvenirs tou>" (Par. > 835), „Ln snlle ,1'nrmes" (Par. 1838), „Le cnziitsine Ln»>" (Par. 1838), ,,51nitre X«lnm" (Par. 1839) und „Le ckevnlier «I'LnrmnntnI" (2 Bde., Par. 1811). Am wenigsten sind ihm historische Darstellungen gelungen, z. B. „6sulv et Lrnnce" (Par. 1833), „Llironiqne llo Lrnnce: Isnbel lle Laviere" (2 Bde., Par. >835), „i^apylevi," (Par. I8L»), in denen sich Flüchtigkeit mit den bizarresten Behauptungen paart. Auf der Grenze zwischen Geschichte und Roman steht seine „äennne ck'^rc" (Par. 1842), die wie die meisten seiner übrigen Werke zuerst als Feuilleton in einem Journale erschienen ist. D. schreibt, wo er sich zusammennimmt, ganz vortrefflich, und cS ist zu bedauern, daß er sein bedeutendes, unbestreitbares Talent zu einer ergiebigen Vielschreiber« herabwürdigt. Seit einigen Jahren lebt er abwechselnd meist in Paris und Florenz. Dumas (Jean Bapt.), Professor der Chemie an der Universität zu Paris und Mitglied der Akademie der Wissenschaften, der bedeutendste unter den gegenwärtig lebenden stanz. Chemikern, wurde zu Alais im Departement des Gard im Juli 1800 geboren. Er smdirte in Genf und.kam 1821 nach Paris, wo er 1823 zunächst als Repetitor der Chemie an der Polytechnischen Schule und als Professor derselben Wissenschaften an dem Athenc'e angestellt wurde. Namentlich seit dieser Zeit hat er sich durch eine lange Reihe chemischer Arbeiten bekannt gemacht, welche zum großen Theil von dem entschiedensten Einflüsse auf die gegenwärtige Gestaltung der chemischen Kenntnisse waren, und bis auf die neueste Zeit konnte er in theoretischerBeziehung, in welcher er jedoch weniger allgemeinen Beifall und zum Theil lebhaften und gegründeten Widerspruch bei Berzelius und andern deutschen Chemikern fand, als der Tonangebcr gelten, welchem fast sämmtliche Chemiker Frankreichs anhingen. Mit Ausnahme seiner früher» Arbeit über das specifische Gewicht der Dämpfe vieler flüchtiger Körper, und seiner neuern, mit Stas ausgeführtcn, über das Äquivalent des Kohlenstoffs und des Wasserstoffs, in der er sich offen für die Annahme erklärt, daß alle Äquivalente einfache Multipla von dem des Wasserstoffs seien, gehören seine Hauptleistungen der organischen Chemie an. Seine vorzüglichsten Untersuchungen betreffen hier die Alkaloide, die Ätherverbindungen, den Holzgeist und seine Verbindungen, die ätherischen Öle, den Indigo, die Weinsäure und die Einwirkung der Älkalien in der Hitze auf organische Körper. Bei diesen Arbeiten hatte er stets die Feststellung gewisser theoretischer Ansichten über die Constitution der Körper im Auge, und seine Theorien über die Natur der organischen Verbindungen und über das Verhalten des Chlors und ähnlicher Körper zu denselben weichen von den in Deutsch iand geltenden bedeutend ab. Man kann ihm vielleicht den Vorwurf machen, daß er zuweilen seine Theorien schon vor dem Versuche fertig hatte und daß er gern mehr und weiter schloß, als das Ergcbniß der Versuche, streng genommen, erlaubte. Neuerdings hat er sich, in Folge der Untersuchungen Liebig's über diesen Gegenstand, in Verbindung mit Bonssin- gault und Payen mit großem Eifer der Erörterung chemisch-physiologischer Fragen über Ernährung, Fettbildung u.s. w. hingegcben, doch ist er dabei wegen seiner avweichenden Ansichten und wegen des gänzlichen Jgnorirens fremder Vorarbeiten in lebhaften Streit mit Mulder und Liebig gsrathen, zumal da er einen Widerspruch nicht gern erträgt. Auch zwischen ihm und Berzelius ist es neuerdings wieder zu Streitigkeiten gekommen. D. hat sehr viele tüchtige Schüler gezogen, und trotz seiner theoretischen Extravaganzen gehört er zu den ersten und wirksamsten Chemikern der Gegenwart. Seine Arbeiten finden sich vorzugsweise in den „^minies lie ckimie et lle pli^siqne", doch sind sie sämmtlich auch in deutsche Journale übergegangen; von seinen größer» Werken erwähnen wir den ,,'1'rnite Oe cüimie n;,z>Ii- q»ee nux nrts" (6 Bde., Par. 1.828—43; deutsch von Alex und Engelhardt, 6 Bde., Nürnb. 1830 — 44), „Leynns sur I» z>iiilns»z>kie cbiiniqus" (Par. 1837 ; deutsch von Nammcls- berg, Bert. 1839), „Lssni sur In stntique ebimique lies vtres orAnnises" (Par. 1841; 2. Äufl., >843; deutsch von Vieweg, Lpz. 1844) und „Iliese sur In lle I'nction s organiques" (Par. 1838). Dumas (Mathieu, Graf), General und Pair von Frankreich, geb. am 23. Dec. 1753, trat früh in die franz. Cavalerie und nahm als Adjutant Rochambeau's an dem nordamerik. Freiheitskriege Theil. Nach seiner Rückkehr wurde er als Major zu militairi- schen Sendungen in die Levante und nach Holland gebraucht, und 1788 erhielt er das Di- 510 Dumcril rcctorium im Kriegsdcpot und ward Vortragender Rath im Kricgsministerium unter Puy- segur. Beim Ausbruche der Revolution organisiere crniitLafaycttcdie pariser Nationalgarde. Namentlich bei der Zurückführung des geflüchteten Königs in die Hauptstadt zeigte er eine ehrenhafte und kluge Mäßigung. Schon >790 ward er zum Oberst, 1791 zum Mitgliede des Militairausschusscs der Constituircnden Versammlung und 1792 zum Brigadegencral und Commandantcn von Metz ernannt. In der Nationalversammlung, in die er als Abgeordneter des Seine- und des Oisedepartcments trat, rieth er gegen jede gewaltsame Politik, namentlich gegen den Krieg mit Ostreich. Seine Unentbehrlichkeit im Kriegsministerium schützte ihn lange vor Verfolgung, bis er endlich in Folge eines Auswanderungsversuchs seine Ämter niederlcgen und nach der Schweiz fliehen mußte. Nach Einsetzung des Dirccto- riums kehrte er zurück; doch als Gemäßigter sah er sich bald genvthigt, nach Hamburg aus- zuwandern. Der erste Consul setzte ihn wieder in Thätigkcit; D. organisirte hierauf die Reserven für die ital. Heere, diente kurze Zeit im Stabe des Generals Macdonald und wurde 1892 Vortragender Staatsrath, in welcher Eigenschaft er den Entwurf über die Stiftung der Ehrenlegion vorbereitete, und 1805 Divisionsgcncral. Nachdem e.r noch die an Frankreich abgetretenen Gcbietstheile Italiens reorganisirt hatte, trat er als neapolit. Minister zu gleichem Zwecke in die Dienste Joseph Bonaparte's, der ihn zum Großmarschall des Palastes ernannte. Im I. 1898 nach Frankreich zurückgekchrt traf er die Änstalten zum Feldzuge gegen Ostreich und schloß am 12. Juli 1809 den Waffenstillstand von Znaini. Im Feldzuge von 1812 versah er das Amt eines Generalintendanten der Armee, sowie auch 1813, wo er die Kapitulation von Dresden abschloß, die aber vom Fürsten von Schwarzenberg nicht genehmigt wurde, worauf sich die Besatzung kricgsgefangen ergeben mußte. Als er 1814 aus der Gefangenschaft zurückkehrte, ernannte ihn Ludwig XVIII. zum Staatsrath, übertrug ihm mehre wichtige Verwaltungsgeschäfte bei der Armee und schickte ihn >815 nach Metz, wo er die Garde von der Vereinigung mit dem rückkchrcndcn Napoleon abhalteir sollte. Der Kaiser übertrug ihm deshalb nur die Organisation der mobilen Nationalgardcn. Nach der zweiten Restauration ward D. erst 1818 bei der Kricgsverwaltung wieder ange- stcllt und in den Staatsrath berufen, aber 1822 gänzlich entlassen, weil er in der Kammer standhaft zur Opposition hielt. Im I. 1830 gehörte er zu den 221 Deputaten, die durch ihre Ädresse die Julirevolution einleitcten. Nach dem Sturze Karl's X. organisirte er nochmals mit Lafayettc die pariser Nationalgarde und ward zum Befehlshaber aller Nationalgarden von Frankreich ernannt, worauf er 1831 die Pairswürde erhielt. Er starb fast ganz erblindet am 16. Oct. 1837. In der mklitairischen Literatur hat er sich bekannt gemacht durchseinen „?recis eles eveneinents militoires, NN essoi SIN I<1 jjuerro Prozente" (I2Bde., Hamb. 1799 — 1800; 2. Aufl., 17 Bdc., Par. 1817 — 25). — Nicht zu verwechseln ist D. mit dem franz. Divisionsgeneral Alex. Davy D., dem Vater des Alexandre Dumas (s. d.), der am 25. März 1702 auf San-Domingo geboren wurde und der natürliche Sohn des Marquis Paillcterie mit einer Negerin war. Derselbe trat >786 als gemeiner Husar in die franz. Armee; 1793 harte er durch eine Reihe persönlicher Hcldenthaten schon den Grad eines Divisionsgenerals erlangt und übernahm das Kommando über die Alpenarmee, mit der er unter außerordentlichen Schwierigkeiten bis an den Mont-Cenis vordrang. Im Oct. desselben Jahres mußte er den Oberbefehl in der Vendee übernehmen, wo ihn seine Mäßigung bei der Regierung in Ungnade brachte. Seit 1795 kämpfte er in Italien, ging dann unter Joubert nach Tirol und machte nach dem Frieden von Campo-Formio den Feldzug nach Ägypten mit. Auf dem Rückwege ward er, an die Küste Unteritaliens verschlagen, von der neapolit. Regierung längere Zeit in einem feuchten Kerker unter Mishandlungen gefangen gehalten, sodaß er, obschon durch eine außerordentliche Körperstärke ausgezeichnet, für den Dienst untauglich wurde und schon 1807 starb. Dumeril (Andre Marie Constant), der Veteran der franz. Zoologen, geb. 1774 in Amiens, studirte in Paris Medicin und ergriff zeitig das Lehrfach. Nachdem er die Doktorwürde erlangt, bekleidete er die Stelle des Prosectors der medicinischen Facultät und seit ^ 1800 die Professur der Anatomie und Physiologie an der l^col« gie si,a!)tiIogie generale" (Bd. 1—5, Par. ^ l 834—39 und Bd. 8, Par. 1841), die erste systematische Beschreibung aller bekannten Reptilien, durch welche eine große Lücke der zoologischen Literatur erfüllt wird. Dumfries, eine der westlichen Grafschaften des südlichen Schottlands, von 63'/i OM. mit 74000 E., ist größtentheils bergig und hügelig. Die Cheviothills durchziehen das Land ^ und haben zum Theil eine beträchtliche Höhe; die vorzüglichsten Flüsse sind der Nith, An- ! nan, Esk und Annoch. Die Einwohner beschäftigen sich mit Feldbau, Viehzucht, Fischerei l und Grubenbau. Die Grafschaft zerfällt in drei Thäler, das Esk-, Nith- und Annanthal, ? und der Hauptort ist Dumfries am schiffbaren Nith, der sich nicht weit davon in den Solwaybusen ergießt. Die Stadt hat ein Schloß, ein akademisches Collegium, mehre Kirchen und Bcthäuser der Dissenters und 11600 E., welche sich von Strumpfstrickerei, Gerbe- . rei, Lcinweberei, Brauerei und Lichtfabrikation nähren, Handel und Küstenschiffahrt treiben. ! Dumonceau (Jean Bapt.), Graf von Bergen, holländ. Marschall, geb. um ' > 760 zu Brüssel, bildete sich für das Bauwesen aus, trat aber bei dem Aufstande der Niederlande gegen Ostreich im I. 17 87 zu den Insurgenten und führte mit Geschick ein kleines, selbstgebildetes Frcicorps. Die schnelle Unterdrückung der Jnsurrcction brachte ihn mit vie- , len seiner Landsleute nach Frankreich, wo er, als 1792 der Krieg mit Ostreich ausbrach, die < belg. Flüchtlinge organisirte und über dieselben als Oberstlieutenant den Befehl übernahm. Seine ausgezeichnete Tapferkeit bei Jemappes und im 1.1793 bei Neerwinden verschaffte ihm den Grad eines Brigadegencrals. Sehr rühmend ist der Menschlichkeit zu gedenken, mit welcher er in jener Zeit gegen die gefangenen Emigranten verfuhr. Nach seinem Plane drang er 1794 nach der Schlacht bei Fleurus mit Pichegru in Holland vor und wurde Com- mandant von Amsterdam. Die neue Batavische Republik gab ihm 1795 den Titel eines Generallieutenants. Im 1.1796 dämpfte er mit Festigkeit und Mäßigung die aufrührerischen Bewegungen in dem neuen Staate. Darauf trat er 1797 an die Spitze einer batavi- schen Division, die die Landung in Irland unterstützen sollte, nnd schlug am 19. Nov. 1799 bei Bergen mit entscheidendem Erfolge die in Holland eingefallenen Russen und Engländer. Im I. 1800 führte er ein batavisches Corps nach Franken und nahm nach der Schlacht von Hohenlinden die Citadelle Marienburg bei Würzburg in Besitz. Im I. 1805 erhielt er den Auftrag, die batavische Armee zu organisircn und zur Landung an der engl. Küste mitzuwirken; bald darauf aber mußte er zur Armee Bernadotte's an der Donau stoßen. Nach der Verwandlung der Republik in ein Königreich ward er als Gesandter nach Paris geschickt, und als der Krieg mit Preußen ausbrach, kam er wieder zur Armee. Nachdem er Hameln genommen, wendete er sich nach Bremen und erhielt 1807 die Würde eines Marschalls von > Holland. Nach dem Feldzüge in Pommern wurde er in den Staatsrath berufen, und als er ^ 1809 die Engländer auf Walchern zurückgeschlagen, belohnte man ihn im folgenden Jahre mit dem Titel eines Grafen von Bergen. Obschon er sich der Vereinigung Hollands mit Frankreich widersetzte, so erhob ihn Napoleon doch zum Grafen des Kaiserreichs und Ritter der Ehrenlegion und gab ihm das Commando der zweiten Militairdivision. Im Feldzuge von 1813 leistete er Napoleon besonders große Dienste, indem er am 26. Aug. die Russen auf den Höhen von Pirna vertrieb und nach der Schlacht bei Kulm zwischen den prcuß. und östr. Corps einen geordneten Rückzug vollzog. Bei der Übergabe von Dresden gefangen, kehrte er erst 1814 nach Frankreich zurück, wo ihn Ludwig XVlll. in seinen Würden ^ bestätigte und ihm das Commando der zehnten Militairdivision anvertraute. Nach der Rück- > kehr von Elba wollte Napoleon ihm ein Commando im Heere anvertrauen; D. aber schlug ^ dies aus. Die zweite Restauration brachte ihn endlich in sein Vaterland zurück, wo er, be- 512 Dumont Dumoiit d'Urville sonders seiner bürgerlichen Tugenden wegen, sehr geachtet war und vom südlichen Brabant in die zweite Kammer gewählt wurde. Er starb zu Brüssel am 29. Dcc. >821. Dumont (Pierre Etienne Louis), einer der gewandtesten genfer Staatsmänner und besonders durch seine Verbindung mit Mirabcau und als talentvoller Verbreiter der Bcnt- ham'schen Nützlichkcitsphilosophie bekannt, wurde am >8. Juli 1759 in Genf von unbemittelten Altern geboren. Nachdem er in Genf seine theologischen Studien beendet und bereits als Kanzclredner sich einigen Ruf erworben, ging er 1783 nach Petersburg, wo er eine Predigerstelle übernahm. Obgleich er hier, besonders als Moralprediger, großen Eindruck »nachte, so verließ er doch, hauptsächlich weil eine von ihm gewünschte Heirath nicht zu Stande kam, schon >785 Rußland, um in London die Erziehung der Kinder des Lords Shelburn, nachherigen Marquis Landsdown, zu übernehmen. Seine Talente und Charaktereigenschaften machten ihn bald zun» Freunde des Ministers, der ihm eine einträgliche Sineeure verschaffte; auch lernte er damals die meisten engl. Staatsmänner kennen. Er hatte die genfer Revolution von 1782, die ganz zu Gunsten der Aristokratie ausfiel, ungern gesehen, doch tvar er auch nicht ultraliberal; in Paris, wo er sich 1788 und 1789 mit seinem Freunde Nomilly aufgehalten und »nichtige Bekanntschaften gemacht hatte, konnte er der genfer Regierung in den ersten Jahren der Revolution, wo schon von der Einverleibung Genfs die Rede war, sehr nützen, daher hielt er sich auch 1799 und >791 dort auf. Über seine Beziehungen zu den Hauptführern der Revolution geben seine hinterlassenen „Souvenir s„r 51i- i-itdss» et sur Iss deux premieres sssemblees legislatives" (Par. 1832) sehr interessante Aufschlüsse. D. h-atte an den meisten und besten Arbeiten Mirabeau's bedeutenden Antheil, und gar Manches hat er ganz allein geschrieben. Jin I. 1792, als Talleyrand und Chau- oelin als Gesandte nach London gingen, kehrte auch D. wieder dorthin zurück, und mit Er- sterm blieb er stets in freundschaftlichen Verhältnissen. Nach kurzer Anwesenheit in Genf, wo er 1792 unter schwierigen Verhältnissen ein Amt bekleidete, ging er wieder nach England zurück und sing nun an, Bentham's Ideen zu verarbeiten und dessen Werke zu übersetzen. So erschienen der „Traite de legislation civile et penale" (3 Bde., Gens 1892; 2. Aust., 1829), „Tbeoris des psines et des reeoinpenses" (2 Bde., Genf 1819; 3. Ausl., >825), „Hetitjus des »ssemblees legislatives" (Genf 18 l 5 ; 2. Aust., 1822), „Irans des preuves sudicisires" (2 Bde., Genf 1823) und „De I'organisstion sudiciaii-e et de la cadilication" (Genf 1828). Erst durch D. ist in die oft rohe Masse Ordnung gebracht »vordem Auch genoß D. fortwährend eines bedeutenden Rufs als Staatsmann, wie ihn denn namentlich auch der Kaiser Alexander 1899 eine Stelle bei derGesttzbuchcomurission antrug. Nach der Restauration kehrte er aus England nach Genf zurück, wo er 1813 Mitglied des Großen Raths wurde. Von ihm ist das musterhafte Reglement für die Sitzungen des Großen Raths; von ihn» ging auch die Verbesserung des Gefängmßwesens aus. Freilich hat er auch die wechselseitige Schuleinrichtung in Genf cingeführt, wodurch der wahren Volksbildung unglaublich geschadet worden ist. Auf einer Vergnügungsreise nach Italien starb er dort am 39. Sept. 1829. Dumont d'UrVille (Jules Se'bastien Cesar), franz. Contreadmiral, als Weltum- segler »vie durch sein trauriges Ende gleich bekannt, wurde am 21. Mai 1799 zu Conde-sur- Noireau im Departement CalvadoS geboren und zeigte von Jugend an die entschiedenste Neigung für den Seedienst. Nachdem er seine Studien in Caen gemacht, trat er in die franz. Marine als Schiffsfähndrich ein, in der er am 3I.Dec. 1839 zum Contreadmiral befördert wurde. In den I. 1819 und 1829 nahm er Theil an der Expedition unter den» Capital» Gauthicr »ach den Küsten des Griechischen Archipels und des Schwarzen Meers. Hierauf »nachte er 1822 unter dein Capitain Duperrey mit der Corvcttc La Cvquille seine erste Reise um die Welt; bei der zweiten auf dem Astrolabe 1826—29 und bei der dritten auf der Zclee 1833 führte er das Commando selbst. Zweimal scheiterte er an barbarischen Küsten, das eine Mal an den Tongainseln, das andere Mal in der Torresstraßc; doch beide Male retteten ihn seine Entschlossenheit und seemännische Gewandtheit. In» I. 1839 hatte er in» Aufträge der Juliregierung das Schiff zu führen, welches Karl X. und seine Familie von Cherbourg nach England brachte. Große Verdienste hat er sich nicht nur durch die Aufsuchung der Spuren Lapcyroust's, die Aufnahme großer Küstenstreckeu von Neuste- Dumortier 513 i land und Neuguinea, die Entdeckung zahlreicher Inseln und eines Ganzen antarktischer Länder, deren eines er nach seiner Gemahlin Ade'lie nannte, und die Durchforschung der z gefährlichsten und noch wenig bekannten Gewässer, wie der Torresstraße in Australien und der Cookstraße in Neuseeland, erworben, sondern insbesondere auch durch die Bereicherung der allgemeinen Sprachkunde mit mehren oceanischcn Dialekten und die Erweiterung der oceanischcn Naturgeschichte, weshalb ihn äuch die Geographische Gesellschaft in Paris als Präsidenten an ihre Spitze gestellt hatte. Eine Frucht seiner ersten Reise war die „Lnu- l meratio plantarum in insulis arciiizisIsFi et litoribiis ?<»iti Luxini" (Par. 1822). Nach I seiner zweiten Weltumseglung gab er die „Vc>)-gFe 6e I'^strolabe" (I0 Bde., Par. 1830 fg.) und die „Vn^age pittoresque gutonr rill mon»le" (2 Bde., 1834, 4.) heraus; auch soll er zum größten Theil die neue Reift des Astrolabe und Zelce versaßt haben. Am 8. Mai 1842 hatte er das Unglück, bei einem Unfälle auf der Paris-Versailler Eisenbahn, nebst seiner Gattin und seinem einzigen, 14jährigen Sohne, Jules D., dessen Unterricht er sich selbst mit großer Liebe unterzogen hatte, in so trauriger Weist zu verbrennen, sodaß eS nur dem Professor Demoustier, der ihn auf seiner zweiten Reise um die Welt begleitet hatte, möglich war, seinen Schädel unter vielen andern hcrauszufinden. Durch Subskription soll ihm ein Denkmal errichtet werden. Dumortier (Charl. Bartholome), berühmt als Naturforscher, Publicist und Mitglied der bclg. Kammer, wurde zu Tournay 1797 aus einer achtbaren Handelsfamilie geboren. Er genoß eine sorgfältige Erziehung, widmete sich ausschließend den Naturwissenschaften und machte zu diesem Zwecke große Reisen durch Deutschland, England und Frankreich. Erst als seit 1825 die niedcrländ. Regierung die den Belgiern verbürgte Freiheit des Unterrichts bedrohte, wandte er sich den politischen Angelegenheiten zu und gehörte bald zu den , Männern des entschiedensten Widerstands. Er redigirte die damals an die Negierung gerichtete erste Petition um Abhülfe der Beschwerden und veranlaßt dadurch eine so große Menge anderer Petitionen, daß man diesen Schritt als den ersten zu den Ereignissen des I. 1830 anschen kann. Als einflußreiches Oppositionsglied trat er in den Lomits >>atr>nti,;ue und wurde 1829 in die Provinzialstände gewählt. Kurz vor dem Ausbruche der Revolution schrieb er unter dem Namen Belgiens eine Reihe Briefe über den Zustand des Landes, die sich durch ganz besondere Heftigkeit gegen die Negierung und den König der Niederlande aus- zeichneten. In den Tagen des Sept. 1830 trat er an die Spitze der bewaffneten Bürgergarden in Tournay wie in der ganzen Provinz Hennegau und zeigte in dieser Eigenschaft Muth und Entschlossenheit, besonders als er fast ohne Begleitung in die von den Holländern besetzte Citadelle ging, um die Capitulation der Stadt zu verhandeln. Der zu Tournay nicht überwiegenden katholischen Partei angehörend, ward er zwar nicht in den Congreß gewählt, ! wol aber von den Wahlbezirken Tournay und Soignies zugleich in die erste verfassungsmäßige Kammer. Hier eröffnete er seine politische Thätigkeit damit, daß er aufdie Untersuchung der Unglücksfälle antrug, die das belg. Heer im Aug. 1831 beim Einfalle des Prinzen von Dramen erlitten hatte; zu gleicher Zeit bekämpfte er heftig die 2 4 Artikel (s. Belgien), ! in besten die londoner Conferenz Holland mehr bewilligte als früher. Als Berichterstatter ^ über die Gemeindeverfassungsgesetze trug er auf die ausgedehnteste Selbständigkeit der Provinzen und Gemeinden an und mußte deshalb seine Vorschläge nicht selten den bedeutendsten Veränderungen unterliegen sehen. Die Heftigkeit, mit der er diese und andere Niederlagen seiner demokratischen Politik hinnahm, verminderte sehr bald, ungeachtet seiner Aufopferung und seines rechtschaffenen Charakters, seinen politischen Einfluß in der Kammer. Mit der Wiederanregung der belg. Frage gegen das J. 1838 nahm auch seine Popularität einen neuen Aufschwung. In einer Flugschrift „Belgien und die 24 Artikel" setzte er sehr schlagend und vollständig die Gründe auseinander, warum der Vertrag der 24 Artikel in seiner alten Gestalt für Belgien keine Geltung mehr haben könne; auch deckte er darin die Ungerechtigkeiten ^ und Jrrthümer auf, die gegen das Interesse Belgiens bei der Vertheilung der Schulden des frühern Königreichs der Niederlande begangen waren. Diese Schrift, die zuerst in der „ks- vus ,1s gruxelles" erschien, that eine außerordentliche Wirkung und erlangte In kürzester > Zeit eine ungemeine Verbreitung. Die Regierung, die Volksstimme beachtend^ ernannte " Conv.-Lex. Neunte Aufl. IV, 33 514 Dumouriez hierauf D. zum Mitgliede einer zur Untersuchung der in den 24 Artikeln enthaltenen Fi» nanzbestimmungen niedecgesehten Commission. Die Art, wie von Holland. Seite seine Auseinandersetzungen widerlegt wurden, veranlaßte ihn im Oct. 1838 zur Herausgabe der „OK- servutious comp.ementaires sur le parts^e des dettes des Aa^s-Lils", in denen er die frühem Aufstellungen zu begründen und die Gegner zu widerlegen suchte. Auch ist D. auf dem Gebiete der Botanik als geistreicher Forscher bekannt. Von cigcnthümlichen Ansichten ausgehend, stellte er in den „Oommentstiones dotsnicas" (Tournay 1822) ein neues Pflan- ^ zensystem auf, dem man zwar ansieht, daß es auf gründlichen Vorarbeiten beruht, welches l aber keine allgemeine Aufnahme erfuhr. Außer vielen in Denkschriften zerstreuten Abhandlungen gab er auch eine „Florida delgica" (Tournay 1827) und eine „Klinge äungermaii- nidsarum Luropae indigen." (Tournay 1831) heraus. Seit 1829 ist er Mitglied der Aka- ^ dcmie der Wissenschaften zu Brüssel, deren Reorganisation er nach der Revolution mit großem Eifer betrieb. Dumouriez (Charl. Franc.), franz. Eenerallieutenant, gcb. am 25. Jan. 1739, trat 1757 in das Heer, welches der Marschall Estrecs in Deutschland befehligte und wurde im Gefechte bei Klostercamp als Verwundeter gefangen. Nach seiner Auswechselung im I. 1761 erhielt er den Grad eines Hauptmanns. Unruhigen und ehrgeizigen Geistes, nahm er jedoch 1763 den Abschied und bereiste Corsica, wo er ohne Erfolg den streikenden Parteien Plane vorlegte; dann wendete er sich nach Spanien und Portugal und verfaßte daselbst seine Schrift „Ltat present du kortugsl" (Par. 1769). Als inzwischen 1768 Genua die Insel Corsica an Frankreich abgetreten, ward er als Oberst und Stabschef dem kleinen Besatzungs- Heer beigegeben. Unverträglichkeit führte ihn indeß bald zurück, und er übernahm nun eine j Sendung an die Conföderalion zu Bar und wohnte 1771 dem Feldzuge gegen Rußland bei. ! Im I. 1772 wurde er von Ludwig XV. ohne Zustimmung des Ministers Aiguillon zu Un- ) terhandlungen mit Schweden verwendet und deshalb zu Hamburg verhaftet und in die Bastille gebracht. Ludwig XVI. ließ ihn bei seinem Regierungsantritte frei und gab ihm 1778 das Commando von Cherbourg und zugleich den Grad eines Brigadegenerals. Bei Berufung der Eeneralstaaten schrieb D-, um gewählt zu werden, eine Flugschrift, in der er der Volksstimme huldigte; doch mußte er sich zunächst mit dem Commando der Nationalgarde von Cherbourg begnügen. Bald nachher trat er zu Paris als Jakobiner auf, erhielt nun eine revolutionaire Sendung nach Belgien und wurde 1790 Generalmajor und Militaircom- mandant in der Niedernormandie. Im I. 1791 trat er aber mit den Girondisten in Verbindung und wurde demzufolge Generallieutenant und 1792 für kurze Zeit Minister der auswärtigen Angelegenheiten. In Übereinstimmung mit den Ansichten der Girondisten bestimmte er Ludwig XVI. zur Kriegserklärung gegen Ostreich, begab sich hierauf zur Armee Luckner's an der Nordgrenze und übernahm den Befehl über das von dem auswandernden Lasayette ^ verlassene Corps. Um die Deutschen vom Vordringen in der Ebene der Champagne abzu- halten, nahm er seine Stellung bei Grandpre. Als aber der östr. General Clairfait am 14. > Sept. 1792 den Engpaß von Lacroix-aux-Bois erzwang, mußte er sich, um die Verbindung mit Chalons und Paris nicht aufzugeben, auf St.-Menehould-sur-Aisne zurückziehen. Diese geschickte Bewegung rettete damals Frankreich und bewirkte den Rückzug der Preußen. Im Winterfeldzuge von 1792 führte D. 80000 M. nach den Niederlanden und schlug am 5. und 6. Nov. die Östreicher unter dem Herzoge von Sachscn-Teschen und Clairfait bei Jc- mappes. Streitigkeiten mit dem Minister Pache über die Hcervcrpflcgung bewogen ihn damals zu einer rücksichtslosen Veröffentlichung des Briefwechsels mit diesem. Auch beschäftigte er sich zu jener Zeit nach eigener Versicherung mit Planen zur Flucht des angeklagten Königs und reiste deshalb zwei mal nach Paris. Den Feldzug von 1793, der die völlige Eroberung Belgiens und Hollands bezweckte, eröffnete er mit der Beschießung von Mastricht. Am 18. März kam cs in der Ebene von Tirlemont bei Neerwinden zwischen ihm und den Östreichern unter dem Herzoge von Koburg zu einem hartnäckigen Treffen, in welchem sein > aus Nationalgarden gebildeter linker Flügel unter Miranda geschlagen wurde und in wilder Flucht der franz. Grenze zueilte. Dieser Anfall, an dem D. durchaus keine Schuld hatte, verursachte fast die gänzliche Auflösung des franz. Heers, und mit den Trümmern der Armee mußte er über Löwen den Rückzug nach Brüssel antreten. Bei allen Parteien verhaßt Düna Düngung 515 als Abtrünniger und seinen blutigen Sturz voraussehend, faßteer jetzt den Entschluß, sich gegen den Convent zu wenden und die Herrschaft der Bourbons, wahrscheinlich in der Person des jungen Herzogs hon Chartres, den er mit sich führte, herzustellcn., Zu diesem Zwecke unterhandelte er mit dem Herzoge von Koburg um die Unterstützung derÖstreicher, versprach die Auslieferung der Festung Conde und sandte die Volksrepräsentanten Camus, Ouinette Lamarque und Bancak, als dieselben am 2. Apr. erschienen, um von ihm Rechenschaft zu fö- ^ dern, als Gefangene ins östr. Hauptquartier. Da aber sein Ausruf an die stanz. Truppen, 1 sich mit ihm zur Herstellung des constitutionellen Throns zu vereinigen, fast ganz fruchtlos blieb, sah er sich am 4. Apr. 1793 genöthigt, von den Versailler Freiwilligen verfolgt, mit dem Prinzen durch die Schelde zu der östr. Armee zu flüchten. Der Convent setzte aufseinen Kopf den Preis von 399909 Livres. Aus dem Gebiete des Kurfürsten von Köln, dann auch aus England verwiesen, schweifte er nun in der Schweiz, Deutschland und Italien her- ! um, bis er in der Nahe von Hamburg auf dän. Gebiete eine Zufluchtsstätte fand. Hier erschienen von ihm, außer mehren Streitschriften, die „Nemoir«» Nu general v." (Hamb. 1794) und deren Fortsetzung „I.a vie «1u general v." (Hamb. 1794), die vervollständigt (4 Bde., Par. i 822) der „6ollection cles memoire» relatik a la revolution tranh/' einverleibt wurden. In seinem Asyle wurde er von den gegen Frankreich kriegführenden Mächten häufig zu Nathe gezogen, auch erhielt er (894 von der engl. Regierung die Zusicherung eines Zahrgelds von 1299 Pf. St. und die Erlaubniß, sich in England aufzuhalten. Nach Frankreich durste er nie wieder zurückkehren. Noch in seinem 89. Jahre überreichte er 182 l dem neapolit. Parlamente einen Vertheidigungsplan gegen die östr. Invasion. Er starb in der ! Nähe von London am 14. März 1823. ^ Düna, auch die südliche Dwina genannt, einer der bedeutendsten Flüsse des westli- 7 chen Rußlands und der russ. Ostseeprovinzen, entspringt an der Westseite des Wolchonski- ! Waldes aus mehren kleinen Seen und Sümpfen in der Nähe der Wolga. Sie wird bei Riga 1599 Schritt breit und ergießt sich bei Dünamünde nach einem Laufe von 149 M. in den j Rigaischen Busen der Ostsee. Schon bei Welisch wird sie für größere Flußschiffe fahrbar; doch ! ist sie in ihrem Mittlern und untern Laufe, wegen vieler Strudel und Versandungen, schwer zu beschissen; Seeschiffe können nur bis Riga stromaufwärts gelangen. Durch einen Kanal ist sie mit dem Dniepr in Verbindung gesetzt. Historisch merkwürdig ist sie durch die Schlacht, welche >791 die Schweden unter Karl XII. über die Sachsen und Russen gewannen. Dünamünde, eine kleine Festung an der Mündung der Düna (s. d.), im Kreise Riga des russ. Gouvernements Livland, enthält blos Häuser für die Besatzung, sowie ein j Staatsgefängniß. In der Nähe liegen die Ruinen eines vom Bischof Albert gegründeten s Cistcrcienserklosters. Im nordischen Kriege war D. ein Zankapfel zwischen Sachsen, Schweden und Russen, bis die letzter» sich 1719 in Besitz des Ortes setzten. Dunciäde, abgeleitet von äunce, d. i. Schwachkopf, ist der Titel von Pop e's (s. d.) satirischem Heldengedicht auf die schlechten Dichter seiner Zeit. Denselben Namen gab auch ^ Charl. Palissot (s. d.) seinen satirischen Gedichten auf die franz. Encyklopädisten und Philo- ! sophen. Schirach's deutsche Dunciäde (1773) machte wenig Glück. 1 Dundonald (Lord), s. Cochrane (Alex. Thom.). Dünen heißen im Allgemeinen die in der Nähe des Strandes aus dem vom Meere ! herausgeworfenen Sande sich bildenden Sandhügel und Sandflächcn; insbesondere aber die sandigen Erhöhungen an den Küsten von Flandern zwischen Dünkirchen und Nieuport und im Departement der Gironde. Die Dünen sind wegen der Beweglichkeit ihrer Bestand- theile nicht nur an und für sich für die Vegetation wenig geeignet, sondern cs wird der Sand auch durch den Wind sehr tief landeinwärts getrieben und so der fruchtbare Boden versandet. ^ Durch Anpflanzungen ist es jedoch den Strandbewohnern gelungen, auch die Dünen zu begrenzen und sie zum Theil nutzbar zu machen. ' Düngung heißt das Verfahren, die durch Ausdünstung, Gährung, Fäulniß oder irgend eine Art des Verbrauchs oder der Zerstörung der organischen Wesen entschwundenen Stoffe, aufs neue der Erde, der Vegetation zuzuführen. Alle jene Theile selbst, welche dazu dienen, heißen D ü ng er. Zwar bezeichnet man mit Dünger gewöhnlich nur die grobem 33 * 516 DÜNgUNg j Überreste von Pflanzen und Thiercn, die in den Ställen u. s. w. Vorkommen und der Erde wiedcrgegeben, in dieser in Humus übergehen. Die geringen Humustheile können es aber keinesfalls allein sein, die so große Massen von Früchten erzeugen, es müssen dazu vielmehr noch andere Stoffe Mitwirken, nämlich die Atmosphärilien Lust, Thau, Regenwasser, Schnee, Licht, Wärme, Frost, Elektricität, Feuer, indem die Atmosphäre vermöge ihres Gehalts an Wasser, Kohlensäure, Sauerstoff und Stickstoff wirklich alle Materialien zu liefern vermag, aus denen die Pflanzen bestehen, mit Ausnahme der wenigen feuerbeständigen Be- ! standtheile. Ja in der neuesten Zeit ist sogar von Theoretikern die Behauptung aufgestellt worden, daß der Humus zur Ernährung der Pflanzen weit weniger beitrage als die in der Atmosphäre schwebenden Gase. Namentlich istesLiebig (s.d.), der die Annahme von der unmittelbaren Nährkraft der Humusbestandtheile verwirft. Die verwesenden Pflanzenreste werden ihm zum beständigen Kohlensäure-Quell, und diese, die in der Atmosphäre schwebt, nebst dem meteorischen Wasser und dem von ihm fest und numerisch eonstatirten Gehalte der ^ Lust und damit des Regen - und Schneewassers an kohlensaurem Ammoniak sind es, die theils unmittelbar in die Pflanzen übergehen und deren Gehalt an Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoffund Stickstoff bedingen, theils die Verwitterung und chemische Zersetzung der Gebirgs- arten und anorganischen Bestandtheile der Bodenarten einleiten und deren Aufsaugung mittels der Pflanzenwurzcln vermitteln. Ganz andere Lehren als Liebig stellt dagegen Sprengel auf. Sprengel will Dasjenige, was er mit Humus bezeichnet, keineswegs als eine der ausschließlichen Bedingungen des pflanzlichen Ernährungsprocesses betrachtet wissen; er erblickt namentlich auch in der Kohlensäure der Lust und in dem meteorischen Wasser Quellen des Kohlenstoff- nnd Wasserstoff-Gehalts der Gewächse, und es spielen in seiner Lehre die anorganischen Stoffe, wie sie durch Auslaugungs - und Einäscherungsprocesse ermittelt ! werden, insbesondere basische Körper, eine wichtige Nolle, indem sie zum großen Theil die ) Aufsaugbarkeit der Bestandtheile und Verwandlungsproducte des Humus von Seite der Wurzelfasern vermitteln. Der Humus ist nach Sprengel ein nach Umständen vielfach verschiedenartig gemengtes Verwesungs - und Fäulnißproduct organischer, zunächst pflanzlicher Wesen, verschieden nämlich nach der Art und den Bedingungen, unter welchen die Selbst- zcrsetzung vor sich gegangen und nach der chemischen Beschaffenheit der Gewächse und Pflan- zentheile, welche jenen Processen anheimgefallcn sind. Die chemische Ziehkraft damit in Be- < rührung gelangender Basen, das bei so vielen, in unfern Laboratorien, wie im großen Haushalt der Natur sich so häufig offenbarende Bestreben derselben, in den Zustand salziger Verbindung überzugehen, disponire gewisseBestandtheile des Humusgemenges zur Säurebildung. Daraus resultiren Humussäure, in meteorischem Wasser lösliche Verbindungen, als solche von den Wurzeln aufsaugbar und die Verwandlungen während des Ernährungsprocesses durch sofortige Auflösung in ihre Grundbestandtheile unter dem höher» Einflüsse der sogenannten Lebenskraft bedingend. Diese Sprengel'sche Lehre, mit der auch Hlubeck und andere Chemiker übereinstimmen, erfreut sich des Beifalls der Landwirthe weit mehr als Licbig's Lehre, der offenbar der Kohlensäure eine größere düngende Kraft zuschreibt, als sie gegenüber dem Humus hat und haben kann. Auch widerstreitet Licbig's Lehre den Erfahrungen, welche die Praxis bisher geliefert hat, ganz und gar, da jeder Acker nach längerer oder kürzerer Zeit 1 verarmt und wenig oder gar keine Früchte mehr trägt, wenn er nicht mehr gedüngt, wenn er nicht mit Stoffen versehen wird, welche sich in Humus verwandeln. Man unterscheidet animalischen, vegetabilischen, vegetabilisch-animalischen (Stallmist), flüssigen Dünger, Compost oder Mengedünger und mineralischen Dünger. Unter allen diesen Düngcrmaterialien ist der Stallmist derjenige Dünger, den sich der Landwirth am leichtesten und sichersten in der erfoderlichen Menge verschaffen kann, und der auch in der Hinsicht für ihn der wichtigste ist, weil sich aus ihm der eigentliche Humus bildet. Der Stallmist wirkt zwar nicht so schnell als die rein animalischen Düngmittel, zersetzt sich aber eher als die vegetabilischen und befördert deshalb nicht nur die Productionskraft des Bodens, sondern wirkt auch zersetzend auf den Humus ein. Die vegetabilischen Düngmittel sind nur ein willkommener Düngerzuschuß und eignen sich ihrer kühlenden Eigenschaften halber a»t besten für leichte Bodenarten; von den mineralischen Düngmitteln glaubte man lange Zeit, daß sie nur nahrungvermittelnd seien, daß sie die schon im Boden befindliche Pflanzennah- Dunin Dunin-Borkowfti 517 rung nur auflöslicher und gedeihlicher machten; in der neuesten Zeit aber hat man, und besonders Hlubeck, nachgewiesen, daß der mineralische Dünger auch Theil an der eigentlichen Pflanzcncrnährung habe. So viel ist indcß gewiß, daß diese Stoffe nur vorsichtig angewendet werden dürfen und daß sie in einem humusarmen Boden von keinem wohlthätigcn Erfolg sind. Vgl. Sprengel, „Die Lehre vom Dünger" (Lp;. 1838), Hazzi, „Über den Dünger" (6. Aust., Münch. 1836), Liebig, „Die organische Chemie in ihrer Anwendung ausAgri- ^ cultur und Physiologie" (5. Aust., Braunschw. > 842) und Lobe, „Düngerlehre" (Lp;. 1842). Dunin (Mart, von), Erzbischof von Gnesen und Posen, stammte aus einer zwar ' nicht reichen, aber angesehenen adeligen Familie in Masovien und wurde am 11. Nov. 1774 geboren. Seine Ausbildung erhielt er in der Jesuitenschule zu Rawa, auf dem Gymnasium zu Bromberg und seit 1793 im Collegium gcrmanicum zu Rom, in das er durch Vermittelung seines Oheims,Laurentius vonD., der Jesuit war, ausgenommen wurde. Im 1.1797 in Rom zum Priester geweiht, kehrte er in sein Vaterland zurück und wurde 1808 Kanonikus in Gnesen, 1824 in Posen und gleichzeitig auch wegen seiner Kenntniß der deutschen Sprache königlicher Provinzialschulrath. Nach dem Tode des Erzbischofs Wolicki im I. 1829 zuerst zum Administrator der Diöccs und dann 1831 zum Erzbischof erwählt, machte er sich namentlich durch manche das Schulwesen betreffende Verfügungen verdient. Im Anfänge des 1.1837 fühlte er sich durch die Praxis, die sich in Bezug auf die Einsegnung gemischter Ehen in Posen allmälig festgestellt hatte, dermaßen beunruhigt, daß er bei dem Ministerium und einige Zeit darauf bei dem Könige selbst mit der Bitte einkam, man möge ent- wedevdas Breve Pius' VIII. auch für seine beiden Diöccsen publiciren oder ihn in Rom um neue Bestimmungen nachsuchen oder nach der Bulle Bencdict's XIV. von 1748 verfahren i lassen. Als ein abfälliger Bescheid erfolgte, untersagte D. seinen Pfarrern in einem Hirtenbriefe vom 27. Febr. 1838 die unbedingte Einsegnung gemischter Ehen bei Strafe der Suspension, von welchem Schritte er den König in einem Schreiben benachrichtigte. In Folge davon durch eine Cabinetsordre verwarnt und zum öffentlichen Widerrufe jenes Hirtenbriefs aufgefodert, schien D. einer Einigung nicht abgeneigt, allein die Verhandlungen zerschlugen sich. Nun wurde der Hirtenbrief durch Ministerialrescript außer Kraft gesetzt und gegen den Erzbischof eine Criminaluntersuchung wegen Überschreitung seiner Amtsgewalt eingeleitet. Vor Publication des Erkenntnisses berief ihn der König im März 1839 nach Berlin, um noch einmal eine friedliche Ausgleichung zu versuchen; da jedoch diese nicht zu Stande kam, so wurde ihm am 25. Apr. das Urtheil publicirt, welches auf sechsmonatliche Fcstungsstrafe und Unfähigkeit zu irgend einem Amte im preuß. Staate lautete. Zwar erließ ihm die Milde des Königs bald darauf die Festungsstrafe; allein er verwirkte sie aufs neue dadurch, daß er im Oct. eigenmächtig Berlin verließ und nach Posen zurückkehrte. Er wurde nun nach Kolberg abgeführt und blieb daselbst in Haft bis zum Aug. 1840, wo ihm Friedrich Wilhelm IV. gegen gewisse Erklärungen die Rückkehr in seine Diöcesen gestattete. Bald nach dieser wies er den Klerus in einem Hirtenbriefe an, von der Foderung der üblichen Versprechungen bei gemischten Ehen abzustehen, aber sich auch alles Dessen zu enthalten, was solche Ehen zu billigen scheine. Ein anderer Hirtenbrief vom Febr. 1842 bestimmte, bei bereits cingegangenen gemischten Ehen solle es nach dem Gemüthszustande des katholischen Ehegatten beurtheilt werden, ob ihm die Sacramente zu verweigern seien oder nicht. Im Sept. 1842 kehrte D. krank von Marienbad zurück und starb am26. Dec. 1842. Vgl. Pohl, „Martinson D., Erzbischof von Gnesen und Posen" (Marienburg 1843). Dunin-Dorkowski (Stanislaus, Graf), ein geachteter poln. Gelehrter, geb. im Mai 1786 zu Koda in Galizien aus einem der ältesten poln. Grafcngeschlcchter, studirte, nachdem er seinen Cursus auf der Universität zu Lemberg beendet, auf der Bergakademie zu Fceiberg unter Werner insbesondere Mineralogie, worauf er zur Fortsetzung seiner Studien von Werner's Empfehlungen begleitet, sich nach Paris begab. Hier schrieb er die „06- servstions generales sur les rapports lies äiLerentes structures cle la terre"(Par. 1809), durch welche die Franzosen zuerst den wichtigsten praktischen Tbeil der Geognosic Werner's kennen lernten. Im1.1815 machte er eine wissenschaftliche Reise nach Italien, wo er auf dem Vesuv den Sodalit entdeckte und über die er 1820 in poln. Sprache berichtete. Nachdem er 1817 mehre Analysen der Mineralien bekannt gemacht hatte, darunter auch die des bair. 518 Dünkirchen TantalitS, wurde er 1818 von der Akademie zu München zum cvrrespondirenden Mitglied ernannt. Doch wenige Jahre nach seiner Rückkehr ins Vaterland mußte er in Folge einer schweren Krankheit dem Studium der Geognosie und Chemie entsagen. Um so eifriger war er nun, sich in andern Richtungen hin thätig zu beweisen. Abgesehen von der Humanität gegen die Untcrthanen auf seinen Gütern, denen er mit bedeutenden Opfern einen großen Thcil der Frohnen erließ, stiftete er 1818 die Landwirthschaftsgescllschaft in Galizien. Auf Veranlassung der Stiftung der Ossolinski'schen Bibliothek zu Lemberg im I. 1827 schrieb er die Abhandlung „Über die Pflichten eines Bibliothekars" (Lemb. >829) und erhielt in Folge davon 1829 den Ruf, die Leitung der Bibliotheken und gelehrten Anstalten in Warschau zu übernehmen, den er jedoch ablehnte. Später gab er den in St.-Florian bei Linz auf- geftindcnen poln.Psalter mit einer historisch-philologisch-kritischen Einleitung (Wien >834) heraus und als Entgegnung auf eine Kritik dieses Werks die Schrift „Zur Geschichte des ältesten poln. Psalters u. s. w." (Wien 1835).— Auch seine Neffen, Joseph undAlcx. von D-, haben sich bereits als Dichter in der poln. Literatur vortheilhaft bekannt gemacht. DÜttkircheu, stanz. Dunkerque, d.i. die Kirche an den Dünen, im ehemaligen stanz. Flandern, jetzt zum Departement des Nordens gehörig, sechs M. von Calais, eine der ersten Handels- und Fabrikstädtc Frankreichs und eine Festung zweiten Rangs, zählt 25090 E- und hat eine Seeakademie, eine Zeichen- und eine mathematische Schule sowie eine Bauschule. Der Hafen, welcher 200 Schiffe faßt, ist einer der besuchtesten in Frankreich, obschon wegen einer Sandbank an seinem Eingänge nur kleine Schiffe cinlaufen können, und vor Wind und Sturm gesichert. Durch Kanäle steht die Stadt mit Bergues, Bourburg, Fur- neS und Nieuport in Verbindung. Sie hat bedeutende Fabriken in Eisenblech - und Kupfer- geschirr, Taback, Stärke und Töpferwaaren, Porzellan und Spiegel, große Seifensiedereien, Schiffbauereien und Scilerwerkstätten, Bierbrauereien und Branntweinbrennereien. Jährlich gehen viele Schiffe nach Island und Neufundland auf den Walfisch-, Stockfisch - und Heringsfang. Neben den Fischen und den Erzeugnissen der eigenen Industrie treibt sic starken Handel mit Colonialwaaren, Getreide und Steinkohlen. Die Stadt ist schön gebaut und wird von breiten und geraden Straßen durchschnitten. Unter den öffentlichen Plätzen zeichnen sich der Champ de Mars (sonst kiace ck'srmes) und der Dauphineplah mit Jean Bart's Statue aus. Unter den öffentlichen Gebäuden sind das Rathhaus, welches 1642 erbaut wurde, die in dcrBauart das Pantheon in Rom nachahmende St.-Eloykirche von 1440, die Kasernen, welche 6000 M. fassen, das Marinegcbäudc u. s. w. hcrvorzuheben. D. war in altern Zeiten der beständige Gegenstand der Eifersucht zwischen Frankreich und England. Um 1540 wurde es durch die Engländer den Spaniern entrissen, 1558 von den Franzosen erobert, im Frieden aber den Spaniern zurückgegcben. Der Prinz von Conde nahm es 1646, doch sehr bald entrissen es den Franzosen wieder dieSpanier. Von neuem 1658durch Turcnne erobert, erhielten es zufolge geschloffenen Vertrags die Engländer. Ludwig XIV., der es 1662 um 5 Will. Livres von Karl II. zurückkaufte, bot Alles auf, um diesen Platz unbezwinglich, und den Hafen zu einem der bequemsten in Europa zu machen. In den Kriegen zwischen England und Frankreich hatten die Freibeuter von D. dem engl, und holländ. Handel großen Schaden zugefügt; dieses und der wachsende Flor dieser Stadt bewogen England, es zu einer Hauptbedingung des utrechter Friedens von 1713 zu machen, daß Frankreich auf eigene Kosten die Festungswerke wieder abtrage und dieses Meisterwerk der Kriegsbaukunst vernichte. Man suchte sich zwarfranzösischcrseits durch Grabung eines neuen Kanals zu Moerdyk, eine Stunde von D., zu entschädigen; auch bemühten sich die Einwohner von D., den Hafen in der Stille wicderherzustellen; allein die Engländer drangen immer von neuem auf die Vernichtung dieser Arbeiten. Der pariser Friede von 1763, den England vorschrieb, wiederholte in Rücksicht auf D. die Bedingung des Friedens zu Utrecht. Lord Chatam erwiderte dem franz. Unterhändler, Grafen Bussy, der sich vergebens bemühte, in Rücksicht D.s andere Bestimmungen festgesetzt zu erhalten: „Das engl. Volk betrachtete die Schleifung D.s als ein ewiges Denkmal der Unterjochung Frankreichs, und der Minister würde seinen Kopf wagen, der es sich erlauben wollte, darin andere Bestimmungen zu machen." Es wurde sogar ein engl Commissair in D. angestellt, der über die Erfüllung dieses Punkts wachen und von Frankreich unterhalten werden mußte. Allein im pariser Frieden Dünnwald Dunois und Longueville 519 von 1783 wurden jene Artikel aufgehoben. Seitdem wurde an der Wiederherstellung D.s gearbeitet, so weit es die Lage Frankreichs erlaubte. Im Aug. 1793 machte der Herzog von Uork alle Anstalten, die Stadt, die den Engländern fortwährend ein Stein des Anstoßes blieb, wegzunehmen; allein die unvermuthete Annäherung des Generals Hvuchard und ein wü- thender Ausfall der Belagerten nothigten ihn, sich unverrichteter Sache zurückzuziehen. Dünnwald. (Joh. Heinr., Graf von), kaiserlicher Generalfeldmarschall, wurde um 1620 von armen Ältern, wahrscheinlich als uneheliches Kind, zu Dünnwald im Bergischen, ^ Köln gegenüber, geboren, nach welchem Orte er sich später nannte. Er wählte den Soldatenstand und zeichnete beim Reichscontingent sich zuerst in der Schlacht bei St.-Eotthardt in Ungarn 1664 aus, sodaß der kaiserliche Feldherr Montecuculi sein Augenmerk auf ihn richtete. Hierauf trat er in kaiserliche Dienste, und schon >670 erhielt er das Commando über ein Kürassierregiment. Jm Z. 1674 zeichnete er sich in dem Treffen bei Ensisheim sowol durch Tapferkeit und Geistesgegenwart aus und ihm gebührt ein großer Theil der Ehre dieses Tages. Zm folgenden Jahre wurde er bei Mühlhausen gefangen genommen, jedoch sehr bald gegen einen franz. General ausgewechselt. Nachdem er in der Schlacht bei Saßbach die Franzosen geschlagen, erhielt er >675 vom Kaiser das Erafendiplom. In dem darauf folgenden Türkenkriege zum Feldmarschalllieutenant ernannt, erwarb er sich neue Lorbern bei der Belagerung Wiens, indem er namentlich 12000 Türken den Rückweg abschnitt und sie in die Donau trieb und nach Sobieski's Siege den Flüchtenden den Weg verlegte und das ungeheure Heer schnell vernichten half. Auch >684 vernichtete er bei Backan ein ihm bciweitcm überlegenes türk. Heer, indem er es in einen Morast trieb. Bei der Belagerung von Ofen schlug er mit geringen Streitkräften die Türken, die die Stadt entsetzen wollten, ^ und selbst eine bedeutende Wunde hinderte ihn nicht, seinen Sieg zu verfolgen. Nach der ^ Schlacht bei Mohatsch mit 10000 M. zurückgelaffen, um das Land zwischen der Donau und Drave zu decken, begnügte er sich hiermit nicht, sondern griff den Feind an, trieb ihn zurück und eroberte ganz Slavonien. Im Feldzuge von >688 führte er als Generalfcld- marschall die Reiterei im Heere des Herzogs von Lothringen und deckte namentlich die Belagerung von Belgrad. Im folgenden Jahre kämpfte er am Rhein gegen die Franzosen, wo er vorzugsweise durch geschicktes Hin - und Hcrziehen und durch rasche Angriffe die Schwäche des Reichs verdeckte, die Fortschritte des Feindes hemmte, und das bedrängte Heidelberg entsetzte. Im I. 1691 wurde er wieder gegen die Türken in Ungarn gesendet. Hier soll er in der Schlacht bei Salankemen, wo er den linken Flügel befehligte, aus Verdruß unter einem jüngern Feldherrn, dem Fürsten Ludwig von Baden, zu kämpfen, anfangs nicht in der beabsichtigten Weise angegriffen haben; als jedoch der Kampf einmal be- gönnen, stritt er mit der an ihm gewohnten Tapferkeit und Geistesgegenwart, fiel dem Feinde durch eine Wendung in die Flanke und erstürmte, nachdem er ihn geschlagen, das Lager. Nach der Schlacht wurde er nach Wien vor das Kriegsgericht beschicken; doch starb er auf der Reise dahin zu Essek am 31. Aug. 1691 an gebrochenem Herzen, nach Andern an Gift. Dunois und Longueville (Jean, Bastard von Orleans, Graf von), geb. am 23. Nov. 1402, war der natürliche Sohn des von dem Herzoge von Burgund ermor- 1 deten Herzogs Ludwig von Orleans , zweiten Sohnes König Karl's V. , mit seiner Geliebten, Dolantha, der Frau deS Ritters Albrct le Flamm! de Cany. Zum Priester bestimmt, entlief der feurige und thatcndurstige Jüngling seinen Lehrern und trat als Hauptmann und Kammerherr in die Dienste des Dauphin, der ihn sehr liebgewann und mit zahlreichen Gütern in den Dauphine beschenkte. Im 1.1422 mußte er als Geisel für den mit Karl VII. unterhandelnden Grafen Richmond an den Hof von Bretagne gehen, worauf er auch ge- waltig in der Gunst des Königs stieg und von demselben mit einer Menge Herrschaften belehnt wurde. Der Bastard von Orleans, wie er sich ungeachtet seiner vielen Besitztitel nannte, i rechtfertigte 1427 diese Gunst, indem er das von Engländern belagerte Montargis mit ge- i ringer Mannschaft, statt nur zu verproviantiren, glänzend entsetzte. Als die Engländer Orleans belagerten, gesellte er sich mit einem kleinen Corps den Vcrtheidchern zu und behauptete diesen Platz, bis >429 die Jungfrau von Orleans (s. Jeanne d'Arc) zum Entsatz her- > beieilte. Nach der Schlacht von Patay am 18. Juli 142 9, wo er glänzend mitwirkte, durch- ! zog er mit einem geringen Corps die von den Engländern überschwemmten Provinzen und 520 Dunsis Md Longueville nahm einen festen Platz nach dem andern. Seinem aus der Gefangenschaft zurückkchrenden Halbbruder, dem Herzoge von Orleans, stellte er großmüthig eine Menge Familiengüter zu- rück und erhielt dafür die Grafschaft Dunois, nach der er sich nun nannte. Nachdem ihn der König, wegen seiner Thcilnahme an der sogenannten Pragueric, einer Verschwörung gegen - den mächtigen Connctablc, begnadigt, vertrieb er l-t-12 den gefürchteten Talbot von Dieppe, wofür er mit der Grafschaft Longueville belohnt ward. Im I. >448 übernahm er den Befehl in der Normandie und reinigte bis 1450 diese Provinz, sowie bis 1455 auch meist Guyenne durch die Einnahme aller festen Plätze von den Engländern. Ludwig XI. schickte ^ ihn nach seiner Thronbesteigung 1462 als Gouverneur nach dem sich an Frankreich ergebenden Genua, beraubte ihn aber kurz darauf aus Argwohn und Eifersucht aller seiner Ämter. D. stellte sich deshalb an die Spitze des Bundes kour le bien public und erhielt in dem Friedensvertrage zu Maur am 29. Oct. 1465 wenigstens seine consiScirten Güter wieder. Im 1.1466 ward er Präsident einer Commission, welche die tiefgesunkene Rechtspflege verbessern sollte. Am 24. Nov. 1468 starb er zu Lay unweit Paris. — Seine Nachkommen, mit wenigen Ausnahmen ausgezeichnete Persönlichkeiten, stiegen an Würden und Reichthümern, und schon sein Enkel Frans. II. wurde von Ludwig XU. 1505 zum Herzoge von Longueville erhoben. Karl IX. und Ludwig XIV. erklärten die D. zu Prinzen des königlichen Hauses, unterließen jedoch die gesetzliche Einregistrirung der Würde. Seit LouisI., gest. 1516, waren die D. auch souveraine Fürsten von Neufchatel und später im Besitze der Grafschaft Valengin. — Henri II. Herzog von Longueville, Fürst von Neufchatel und Valengin u. s. w., geb. am 27. Apr. 1595, trat, gleich den übrigen Großen über die Herrschaft Richclieu's erbittert, bei der Conferenz zu Fleury, 1626, in die Verschwörung gegen das Leben des Letztem. Im I. 1637 führte er ein Armee- j corps nach Hochburgund und kämpfte in den folgenden Jahren mit vielem Glücke in Loth- ^ ringen, im Elsaß, am Rhein und in Italien. Mazarin schickte ihn 1645 aus den Kongreß nach Münster; allein gekränkt, daß er hier nicht unterhandeln sondern nur mit seinem Namen und Thaten glänzen sollte, zog er sich zurück und ließ sich um so leichter für die ehrgeizigen Plane seiner Schwäger Conde und Conti gewinnen. Als aber 1649 die Unruhen der Fronde begannen, suchte man ihn von der Leitung des Aufstandes zu entfernen, weil man ihm nicht Kühnheit genug zutraute. Mit dem Frieden vom 11. März 1649 kehrte er an den Hof zurück, wurde zwar 1650 mit seinen Schwägern verhaftet, aber durch die Schritte seiner Gemahlin bald freigegeben, worauf er allen politischen Jntriguen entsagte und in edler Wirksamkeit aufseinen Gütern am 11. Mai 1663 starb. — Seine Gemahlin zweiter Ehe war die aus den Händeln der Fronde berühmte Anna Genovefa von Bourbon- Conde, vermählt am 2. Jan. 1642. Schön, geistreich und kühn, führte sie ihr Bruder, der Prinz Conde, zum Kongresse nach Münster, wo sie eine wichtige Rolle spielte und in die ! politische Jntrigue eingeweiht wurde. Nach dem pariser Aufstande am 5. Jan. 1649 trat ! sie an die Spitze der Misvergnügten und suchte, nachdem sie ihren Anbeter, den Prinzen ! Marsillac, und Conti gewonnen, auch ihren Bruder zum Beitritt zu bewegen. In dieser Rolle war das Stadthaus ihre Residenz, und hier war es auch, wo sie am 29. Jan. 1649 ^ von dem Prinzen Charl. Paris entbunden wurde. Während der dreimonatlichen Blockade ^ der Hauptstadt übte die Herzogin den größten Einfluß über die Gegner des Hofs; auf ihrem Zimmer wechselten die galanten Gesellschaften mit Kriegs- und Fricdensangelegenhci- ten und die Bedingungen des am I t. März 1649 Unterzeichneten Vertrags wurden bei ihr entworfen. Als 1650 ihre nächsten Verwandten, die Häupter der Verschwörung, zu Paris verhaftet wurden, entkam sie in die Normandie und gelangte nach vielfachen Abenteuern nach Rotterdam, von wo sie nach Stenay, dem Hauptquartier des großen Turenne, ging, den sie für die Partei der Fronde gewonnen hatte. Hierauf erließ sie ein Manifest gegen den Hof, verhandelte mit Spanien und andern auswärtigen Höfen um Hülfstruppen zur Be- freiung ihres Bruders, Gemahls und der andern Häupter, kehrte aber, als der Hof 1651 f die Gefangenen freigab, nach Paris zurück und unterhandelte den Frieden mit Spanien. Als zwischen ihrem Bruder, dem Prinzen Conde, und der Königin neue Zerwürfnisse ausbrachen, floh sie mit demselben nach dem unruhigen Bordeaux, unterwarf sich aber hier vor dem Erscheine» der königlichen Armee mit den Übrigen am 31. Juli 1653. Durch den Ab» DunS Dunstan 521 fall und die feindlichen Schritte ihres begünstigten Liebhabers, Larochefoucauld, wie cs scheint, zur Besinnung gebracht, entzog sie sich nun der Welt und starb am 15. Apr. 1678 unter den härtesten Bußübungen. Vgl. Willeforce, „I.s vie «Io >a üncbessv ,1s I.onxue- ville" (Par. 1738 und Amst. 1739). — Ihr jüngerer Sohn, Charl. Paris, Herzog von Longueville, früher unter dem Namen des Grafen St. - Paul bekannt, erhielt nach dem Tode seiner Brüder die Güter und Würden seiner Familie. Er zeichnete sich 1667 im Feldzüge nach den Niederlanden, >668 in der Franche-Comte aus und zog nach dem aachcner Frieden bem bedrängten Kandia mit zu Hülfe. Als eine mächtige Partei in Polen den König Wisnowiecki zu entthronen gedachte, trat man auf Sobieski's Vorschlag mit dem Herzog Longueville, dem liebenswürdigsten und schönsten Prinzen seiner Zeit, in Unterhandlungen, um ihm die Krone aufzusetzen. Dieser Plan wurde jedoch durch den Tod des Herzogs am I2.Zuni 1672 vernichtet, indem er bei dem Rheinübergang am Tollhuys ein Opfer seines kühnen Vordringens gegen die Holländer ward. Mit ihm endete der legitime Stamm des Bastards von Orleans. — Franc, von Orleans, Marquis von Rothelin (Röcheln in Schwaben), hinterließ einen natürlichen Sohn, Francois, Bastard vonRo- thelin, der 1600 starb und der Stifter dieses in der Geschichte Frankreichs nicht ungenannten Hauses wurde. Mit Alexander von Rothelin, der als franz. Generallieute- nant 1764 starb, endete auch diese Nebenlinie. Duns (Joh ), genannt S cot us, einer der berühmtesten Scholastiker und das Haupt der sogenannten Scotisten, geb. um 1245 zu Dunston in Northumberland, nach Andern zu Duns in Südschottland, studirte zu Oxford, wo er in den Franciscanerorden trat und nachher mit großem Beifall als Lehrer austrat. Im Z. 1304 wurde er von seinen Ordensobern nach Paris gesendet, wo er ebenfalls mit vielem Erfolge lehrte, und dann nach Köln, wo er am 8. Nov. 1308 starb. Als einer der feinsten und scharfsinnigsten Denker seiner Zeit erhielt er den Beinamen voctor subtilis. Er war Realist und im Gegensätze von Thomas vonAquino(s. d.), mit dem er fortwährend im Streit lag, behauptete er, daß das Allgemeine (universale) nicht blos der Möglichkeit (potenlia) sondern auch der Wirklichkeit nach (sctu) in den Objecten gegründet sei, und als Realität dem Verstände gegeben werde. (S. Scholastiker.) Auch war er einer der eifrigsten Vertheidiger der unbefleckten Empfängniß der Jungfrau Maria. Er suchte die Nothwendigkeit und Wahrheit der göttlichen Offenbarung zu erweisen und den kosmologischen Beweis für das Dasein Gottes zu schärfen. Seine Commentare über Aristoteles und Petrus Lombardus, die voller spitzfindiger Dunkelheiten find, und seine übrigen Schriften erschienen zu Lyon (12Bde., I63S, Fol.). Wie D. mit Thomas von Aquino so waren auch die Scotisten mit den Thomisten in unaufhörlichem Streite, der aber der Wissenschaft wenig Gewinn gebracht hat. Dunst. Bekanntlich werden die Flüssigkeiten durch die Wärme, wenn dieselbe den gehörigen Grad erreicht hat, in Dampf (s. d.) verwandelt und kehren bei abnehmender Temperaturhöhe nach und nach wieder in den tropfbarflüssigen Zustand zurück. Ein Stadium dieser Verwandlung ist die Dunstform. Wenn die Dämpfe sich insoweit condensirt haben, daß sie noch keinen eigentlichen Niederschlag bilden, sondern gleichsam in Tropfen in der Luft sich schwebend erhalten, so nennt man sie Dünste. Sie bilden dann kleine kugelförmige Bläschen, deren Durchmesser sich nach ihrer höhern oder niedrigem Temperatur richtet. Nebel und Wolken sind eigentlich nichts Anderes als Dünste, welche durch Erniedrigung der Tem- peratur in den tropfbarflüsfigen Zustand übergehen. Durch Aufnahme verschiedener Gase werden die Dünste verunreinigt und können dann beim Einathmen schädlich werden. Dunstan, der Heilige, Erzbischof von Canterbury, wurde aus vornehmem engl. Geschlecht ums I. 925 geboren. Als Jüngling kam er an den Hof des Königs Ethelstan, wo er sich durch seine Kunstfertigkeiten in Musik und Malerei Neider zuzog, die ihn vertrieben. Er ergriff nun den Mönch- und Priestcrstand und erregte großes Aufsehen durch sein aste- tischcs Leben in einer Zelle, die angeblich 4 F. lang, 2 F. breit und von sehr geringer Höhe war. König Edmund rief ihn als einen frommen und wunderthätigen Mann an den Hof zurück, wo nun D- in geistlichen und weltlichen Dingen zu seinem und der Kirche Vorthcil den größten Einfluß gewann. Seine Macht wuchs noch unter Edred; allein unter Edwin wurde er als ein strenger Sittenrichter vertrieben und sein reiches Kloster, dem er als Abt Vorstand, 522 Dunstkreis Dupaty zerstört. Er floh nun nach Gent, wo er durch sein heiliges und wunderthätiges Leben viel Aufsehen erregte. Als sich 957 Edgar, der Bruder des Königs, eines Theils des Landes bemächtigte, kehrte D. nach England zurück und wurde zum Bischof von Worcester erhoben. Nach Edwin's Tode erhielt er 959 auch das Bisthum London und nach dem Tode seines Freundes, des Bischofs Odo, das Erzbisthum Canterbury. Zm I. 96« reiste er nach Nom, wo er vom Papst Johann XI I. sehr huldvoll ausgenommen wurde. Wie sehr er seine Stellung zu benutzen wußte, zeigen die -18 Klöster, die er stiftete und dotirte. Mit fanatischer Härte verfuhr er gegen die Priester, die nicht ehelos bleiben wollten. In die politischen Verhältnisse griff er mit großer Anmaßung ein. Nach Edgar's Tode setzte er 975 gegen den Willen der Großen und des Volks dem Knaben Eduard die Krone auf. Als derselbe nach einigen Jahren von seiner Stiefmutter ermordet wurde, krönte er auch deren Sohn, Ethel- red. MitLetzterm scheint er seinen Einfluß verloren zu haben. Erstarb 988. Da er der Stifter der Congregation der Bencdictincr war, so gilt er für den Verfasser der „Decrcta ;>ro »reime sancti Lsneciicti, libellus concoreiise moliasterinrum in Viiglia". Daß er die Orgel erfunden habe, ist eine Fabel. Dunstkreis, s. Atmosphäre. Duodecimalmaß nennt man die Einthcilung der Einheiten in zwölf gleiche Thcile, z. B. der Ruthe in >2 F., des Fußes in 12 Zoll u. s. w. Dieselbe ist namentlich beim Längenmaß die im Leben gewöhnlichste Eintheilungsart, und deshalb bequem, weil sich 12 ohne Bruchtheile in 2, 3, 4 und 6 gleiche Theile theilen läßt, vbschon cs unter den Mathematikern längst eine ausgemachte Wahrheit ist, daß das Decimalmaß wegen seiner Übereinstimmung mit unserm dekadischen Zahlensystem beiweitem den Vorzug verdient. — Duo - decimalrechnung wird die Rechnung nach dem erwähnten Maße genannt. Duodenme heißt in der Tonkunst ein Intervall, dessen beide Töne um zwölf diatonische Stufen voneinander abstehen, oder die Quinte der Octave des Grundtons. — Duo- decimole, eine Figur von zwölf Noten, deren Zeikwerth dem von acht Noten derselben Bezeichnung gleich ist, die also um so viel schneller zu spielen sind. Duodräma, ein im vorigen Jahrh. Mode gewordenes, jetzt von der Bühne ver- schwundenes kleines Schauspiel, welches sich aus dem damals beliebt gewordenen Monodrama gestaltete und den lyrischen Charakter des letztem dadurch zu einem mehr dramatischen steigerte, daß mit der einen blos reflectirenden und empfindenden Person das Monodrama im Duodrama noch eine zweite in Handlung und Conflict gesetzt wurde. Dupäty (Charl. Marguerite Jean Bapt. Mercier), franz. Strafrechtslehrer, geb. 17-1-1 zu Röchelte, war seit 1767 Advocat und später Präsident beim Parlament zu Bordeaux. Sein strenger Rechtssinn zog ihm gleich vielen Andern die Verfolgung des Ministc- rialdespotismus zu, den in den letzten Regierungsjahren Ludwig's XV. der Herzog von Aiguillon mit der Dubarri und dem Abte Terra! in grenzenloser Weise übte. Da D. gegen den Herzog von Aiguillon, als dieser wegen schlechter Amtsführung als Gouverneur von Bretagne vom Parlament zu Rennes in Anklage versetzt worden war, im Namen des Parlaments von Bordeaux geschrieben hatte, so wurde er deshalb 177« als Staatsgefangener eingezogen und später verwiesen. Erst Ludwig XVI. rief ihn zurück, indem er ihn zugleich zum Präsidenten des Parlaments von Bordeaux ernannte. Seine aufgeklärten Grundsätze stimmten aber so wenig mit dem verrotteten Geiste seiner College» überein, daß er sich nach schweren Kämpfen nach Paris zurückzog, wo er nun ganz der wissenschaftlichen Muse lebte und besonders für die Verbesserung der Strafrechtspflege wirkte. Besonders merkwürdig ist seine Denkschrift, durch welche er 1786 drei unschuldig vcrurtheilte Bürger aus Chau- MVNt Vom Tode des Rads rettete. Seine „ketlexinns llistnriqiies sur les lois criminelles" (Par. 1788) klärten das Publicum über die Verderblichkeit des geheimen Gerichtsverfahrens und des Misverhältnisses der Strafen zu den Verbrechen auf. In den anonym erschienenen „I,ettres sur I'Italie en 1785" (2 Bde., Par. 1788; deutsch von G.Förster, 2 Bde., Mainz 1789; 2. Aufl., I8V5) tritt der feine Kunstkenner mit dem warmen Menschenfreunde zugleich hervor. Er starb zu Paris am 17. Sept. 1788. — Sein ältester Sohn, Louis Marie Charl. Henri Mercier D., geb. zu Bordeaux am 29. Sept. 1771, der Wie- derhersteller der Bildhauerkunst in Frankreich, hatte ursprünglich die Rechte studirt und war Duperrs 523 M IS Jahren Advocat. In Folge des Aufrufs trat er wahrend der Revolution als Dragoner in das republikanische Heer und wurde dann als geographischer Zeichner angestellt. Seit 1795 widmete er sich ganz der Bildhauerkunst, namentlich unter Lemot's Leitung und von > 804— l I in Rom. Nach der Rückkehr wurde er Mitglied der Akademie der schönen Künste und später Professor an der Lcols lles begux-srts. Er starb am 12. Nov. 1835. Seine Hauptwerke sind Ajax, von Neptun verfolgt, im Louvre, Philoktet, vor dem Schlosie zu Compiegne aufgestellt, und Orest von den Furien verfolgt, eine treffliche Composition, die er aber nur in Gyps ausführte. — Sein Bruder, LouisEmanuclFclicite'Charl. Mercier D., geb. zu Blanquefort in der Gironde am 30. Juli 1775, diente früher mit Auszeichnung in der Marine und war dann beim Geniccorps angestellt. Er ist einer der fruchtbarsten neuern Theaterdichter, dessen kleine Lustspiele und Vaudevilles durch Witz und lebendigen Dialog anziehen. Seine Oper „I>es valeis llsns I'antickambre", in welcher die Negierung eine Satire fand, zog ihm eine kurze Verbannung zu. Unter seinen übrigen Leistungen ist das satirische Gedicht llelsteurZ" (1819) ausgezeichnet. Im 1.1836 wurde er in die Akademie ausgenommen. Duperre (Victor Guy, Baron), ein franz. Admiral, Pair und vormaliger Minister, geb. zu Röchelte am 20. Febr. 1775, trat nach Beendigung seiner Schulstudien in die Handelsmarine und machte 1791 eine Reise nach Indien. Im folgenden Jahre nach Frankreich zurückgekehrt, ließ er sich durch Pen Holland. Krieg bewegen, in die Kriegsmarine zu treten. Jm J. 1796 wurde er im Kampfe gegen Sir Edward Pelew, den nachhcrigen Lord Ex- mouth, gefangen genommen und nach England gebracht, aber 1799 ausgewechselt. Als 1803 der Krieg von neuem ausbrach, wurde er beim Generalstabe der boulogner Flotille angestellt und machte darauf eine Expedition nach den Gewässern Afrikas und Amerikas. Nach seiner Rückkunft erhielt er 1806 als Fregattencapitain das Commando der Sirene und brachte auf diesem Schiffe 1808 Truppen nach Martinique. Auf der Heimkehr schnitten engl. Kriegsschiffe vor Lorient im März 1808 ihm den Weg ab; allein es gelang ihm nach einem Kampfe, der Bord an Bord über eine Stunde lang dauerte, die Passage zu erzwingen und sich nach der Insel Groix zu flüchten, von wo er drei Tage nachher im Angesichte des Feindes Lorient erreichte. Zum Lohn für diese heldenmüthige That ernannte ihn Napoleon zum Kriegsschiffscapitain. Er übernahm nun das Commando der Fregatte Bellona, fuhr 1809 von St.-Malo nach Jsle-de-Francc, kreuzte sodann im Indischen Meere und bemächtigte sich der engl. Corvette Victor, mehrcr Handelsfahrzeuge und der po>-tug. Fregatte Minerva. Am I . Jan. 1810 kehrte er im Angesichte des engl. Geschwaders, welches Jsle-dc-France blockirte, mit seinen Prisen nach dieser Insel zurück. Ein Vierteljahr später steuerte er mit den Schiffen Bellona, Minerva und Victor von neuem ins Meer, begegnete drei Kriegsschiffen der Ostindischen Compagnie und bekam deren zwei in seine Gewalt. Als er darauf nach der Insel zurückfuhr, fand er eine bedeutende Flotille vor, welche den nordwestlichen Theil blockirte, und das Fort an der Hafeneinfahrt von den Engländern besetzt. Nichtsdestoweniger drang er in die Bai, trug darin über vier brit. Fregatten den Sieg davon und nahm das Fort. Doch England bot nunmehr Alles auf, um sich der Insel wieder zu bemächtigen, und schickte ein starkes Geschwader von Kriegsschiffen dahin ab, sodaß die Kolonie am 4. Oct. 1810 zum Capituliren sich genökhigt sah. Nach D.'s Rückkehr nach Frankreich gab ihm der Kaiser den Baronstitel und erhob ihn vom Mitglicde der Ehrenlegion ausnahmsweise zum Kommandeur desselben Ordens. Noch im I. 1811 ward er Contreadmiral und erhielt den Befehl über die Seemacht im Mittelländischen Meere. Zu Anfang des 1.1812 führte er das Obercommando über die franz. und ital. Streitkräfte im Adriatischen Meer. Er war damit beschäftigt, in dem Hafen Venedigs ein Geschwader zu bilden, als die Ereignisse von 1813 und 1814 die Räumung Italiens herbeiführten. Da die hierauf bezügliche Übereinkunft vom 20. Apr. 1814 nicht ausdrücklich von der venet. Marine sprach, so weigerte sich D. anfangs, die franz. Schiffe auszuliefern und that cs erst auf erneuerten Befehl des Vicekönigs. Im Juli 1814 erhielt er den Ludwigsorden; während der Hundert Tage war er Seepräfect zu Toulon und schützte diese Stadt vor den Unternehmungen der zu Marseille gelandeten cngl.-sicilischen Truppen. JmJ. 1818 kehrte er nach den Antillen zurück, uni das Commando der dortigen franz. Stationen zu übernehmen, 824 Dupetit-Thouars Dupin (Andre Marie Jean Iacq.) das er bis 1821 behielt. Im I. 1823 bekam er das Commando des Geschwaders, welches ^ , Cadiz belagerte. JmJ. 1830 war er cs, der dieLandung an der algicrischen Küste vollführte , und zur Einnahme der Hauptstadt Algier sehr viel beitrug. Nachdem er schon unterm 16. , Juli 1830 von Karl X. zum Pair erhoben, diese Ordonnanz aber bei der Julirevolution ^ annullirt worden war, wurde er unterm 13. Aug. 1830 durch Ludwig Philipp von neuem - zu dieser Würde erhoben. Von 1834—36 führte er das Marineportefeuille, das er auch in ^ dem Ministerium vom 29. Oct. 1840 wieder übernahm; doch Kränklichkc.t, die ihn schon ^ ^ in den letzten Jahren von seiner Thätigkeit als Admiral abgehalten hatte, nöthigte ihn sehr - ^ bald, seine Entlassung einzureichen. ; Dupetit-Thouars (Aristide Aubert), berühmter stanz. Seefahrer, geb. am 31. Aug. 1 1760 zu Boumois bei Saumur, wurde als Knabe beim Lesen des „Robinson" vondcmWun- ^ ; sche, Seereisen zu machen, mit solcher Lebhaftigkeit ergriffen, daß er miteinem andern Schul- s genossen aus der Kriegsschule zu Lafleche entwich, um in Nantes als Schiffsjunge zur See ^ zu gehen; doch wurden beide aufgegriffen, ehe sie das Ziel erreicht. Der berühmte Geolog > x Dolomieu, der zu jener Zeit zu Lafleche in Besatzung lag, wirkte Verzeihung aus. In der ( Kriegsschule zu Paris war er allerdings fleißiger als früher, doch mußte er, als sich keine x Aussicht zur Beförderung im Seedienste zeigte, unter der Landmacht Dienste nehmen. Beim ^ Ausbruche des Kriegs mit England im 1.17 78 fand er endlich Gelegenheit, in die Marine ^ zu treten, und zeichnete sich in den Gefechten in den westindischen Gewässern in dem Grade g aus, daß er nach dem Frieden von >783 zum Commandanten des Kriegsschiffs Tarleton er- ! nannt wurde. Mit Eifer suchte er sich nun zum vollendeten praktischen Seemann auszubil- > ' den. Als das Gerücht sich verbreitete, daß Lapeyrouse auf einer wüsten Insel gescheitert ( wäre, sammelte er Unterzeichnungen zur Ausrüstung eines Schiffs, das Lapeyrouse aufsu- ^ chen und zugleich den Pelzhandel auf der Nordwestküste von Amerika treiben sollte. Doch > ^ Unfälle aller Art verfolgten ihn auf dieser Fahrt, auf der ihn sein Bruder, welcher Botaniker ^ war, begleitete. Nachdem er, von den Portugiesen gefangen genommen, lange Zeit im Kerker y zu Lissabon zugebracht, vertheilte er, was ihm die portug. Negierung als den Ertrag des ver- ^ kauften Wracks seines Schiffs gegeben hatte, unter seine Mannschaft und ging nach Nord- ^ amerika, wo er zwei Versuche machte, die Nordwestküste zu Lande zu erreichen, und mit La- ( rochefoucauld-Liancourt den Niagarafall besuchte. Als in seinem Vaterlande der Revolu- ? tionssturm sich gelegt, kehrte er zurück und nahm wieder Seedienste. Auf dem Zuge nach ^ Ägypten befehligte er ein Schiff von 80 Kanonen, auf welchem Dolomieu ihm zur Seite z war. Er sah voraus, was zu befürchten war, wenn man Nclson's Ankunft in der genommc- , nen Stellung auf der Rhede von Abukir erwarten wollte, und rieth, sogleich unter Segel zu ^ gehen. Obschon man seine Stimme nicht beachtete, focht er dessenungeachtet mit Unerschro- ^ ckenheit gegen die siegreichen feindlichen Schiffe und fiel im Kampfe am 1. Aug. 1798. — ^ Ganz in der neuesten Zeit machte sich der gleichfalls stanz. Admiral Dupetit-Thouars ^ dadurch einen Namen, daß er am 6. Nov. 184 3 die Königin Pomare auf Otaheiti, die sicü ^ unter stanz. Protection gestellt, wegen Verletzung ihrer desfallstgen Verpflichtungen für ent- § setzt erklärte und die Insel in Besitz nahm. ( Dupin (Andre Marie Jean Jacq.), stanz. Deputirter und früherer Präsident der , k Kammer, Generalprocurator beim Cassationshofe, Mitglied derstanz. Akademie und der Aka- : demie der Wissenschaften, wurde am 1. Febr. 1783 zu Varzy geboren und ist der Sohn des ^ Advocaten Charl. Andre D., der in der Revolution Mitglied der GesehgebendenVersamm- lung und des Raths der Alten war und 1843 zu Clamecy, 85 Jahre alt, verstarb. Als sein j Vater 1793 in Haft kam, übernahm die Mutter den Unterricht ihrer Söhne und suchte sie durch die röm. Geschichte für Freiheit und Ruhm zu begeistern. In Paris bereitete er sich zum < praktischen Juristen vor und wurde 1806, nach der Wiederherstellung der in den ersten Jahren § der Revolution aufgehobenen Rechtsschulen wieder als der erste Doctor der Rechte promo- z virt. Durch seine „krincipis juris civilis" (5 Bde., Par. 1806) und den „krecis kistorigus 1 j du droit romsin" (Par. 1809), der aber von der Policei unterdrückt wurde, bewies er sich < als einen fruchtbaren Schriftsteller im Fache des röm. Rechts und erhielt hierauf >810 eine j Professur der Rechte. Hierauf gab er das „Dictionnaire des srretes modernes" (2 Bde., i Par. 1812, 4.) heraus. Das Staats- und Völkerrecht bereicherte er durch die „Dissertation ; 525 Dupin (Charl., Baron) ,ur le äuwuiue lies wers" (Par. 1811). Zm Z. 1815 wurde er in die Kammer gewählt, wo er sich durch edeln Freisinn auszeichnete. Er widersetzte sich dem Anträge, Napoleon den Retter des Vaterlandes zu nennen, stimmte für des Kaisers Abdankung, verlangte, die De- putirtenkammer solle sich zur Nationalversammlung erklären, und sprach gegen den Vorschlag, Napoleon II. zum Thronfolger auszurufen. Nach der zweiten Restauration konnte er, weil er das gesetzliche Alter noch nicht hatte, nicht in die Deputirtenkammer gewählt werden und widmete sich nun ausschließend dem Berufe als Sachwalter. Im Verein mit den beiden Berryer vertheidigte er den Marschall Ney, in welcher Angelegenheit er auch einige kräftige Denkschriften verfaßte, unter denen diejenige, welche die Übereinkunft vom 3. Juli 1815 zu Gunsten des Angeklagten anzuwenden suchte, großen Beifall erhielt. Blieb ihm in dieser Rechtssache nichts als die Ehre der Vertheidigung, so war der Erfolg seiner Beredt- samkeit um so belohnender, als er 1818 die Engländer Wilson, Bruce und Hutchinson vertheidigte, die wegen der Thcilnahme an Lavalette's Entweichung angeklagt waren. Ebenso vertheidigte er die Generale Alix, Savary, Gilly und das Andenken des Marschalls Brune. Gleich gewandt als geistreich sprach er zur Vertheidigung Be'ranger's. Überhaupt versagte er Keinem, der vom Parteihasse verfolgt wurde, seinen Beistand, und insbesondere trat er auf als Vertheidiger der gefährdeten Freiheit der Presse. Zn dieser Zeit schrieb er die werthvollen „Dettrcs sur Is Profession ll'svocut" (2 Bde., Par. 1818; neue Aust., 1828), „05- servstions sur plusieurs points importants cle notre legislstion criminelle" (Par. 1821), „De la jurispriillence Oes srrets" (Par. 1822), „Dais communes" (2 Bde., Par. 1823), „Lxumen 833) bewies er unter Anderm, daß die Republik für Frankreich nicht tauge, daß Frankreich sie nicht wolle und daß Ludwig Philipp nicht als quasilegitim, sondern „cpioicpie Donrbon" der Einzige gewesen sei, den die Franzosen zu ihrem Könige hätten wählen können. Gegenwärtig soll er mit der Abfassung seiner Denkwürdigkeiten beschäftigt sein. Dupin (Charl., Baron), Pair von Frankreich und Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der der moralischen und politischen Wissenschaften, des Vorigen Bruder, geb. am 6. Oct. l 7 84, erhielt seine Bildung in der Polytechnischen Schule zu Paris. Von 1803 an diente er «ls Ingenieur auf der Flotte; namentlich zeigte er sich 1805 sehr thätig bei der Anlegung des Hafens von Antwerpen. Im I. 1808 ging er als Freiwilliger auf dem Geschwader unter dem Admiral Ganteaume nach den Jonischen Inseln, wo er Secretair der damals errichteten Akademie zu Korfu wurde und die Stiftung von Olympiadenpreisen für Schriften in alt- und neugriech. Sprache veranlaßte. Im I. 1811 bereiste er Italien. In Toulon rettete er 1813 die schönen Bildwerke, die Puget für Ludwig's XlV. Galerien gear- 526 Dupin (Philippe) Dupont (Jacq. Charl.) beitet hatte und welche nachmals eine Zierde des von D. gefristeten Museums der Marine zu Toulon wurden. Nach dem zweiten pariser Frieden machte er eine Reise nach England, das er während eines Aufenthalts von 2» Monaten in verschiedenen Richtungen durchkreuzte. Nach der Rückkehr wurde er 1818 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und bei der Stiftung des Conservatoriums der Künste und Handwerke im Z. 1820 als Professorbei demselben angestellt. Nachher unternahm er eine Reise nach England, von der er 1824 zurückkehrte. Noch in demselben Jahre wurde er zum Baron ernannt, und 1827 kam er in die Deputirtenkammer, in der er fortwährend als thätiger Beförderer gemeinnütziger Zwecke sich zeigte. Jm J. 1832 nahm ihn auch die Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften als Mitglied auf und 1837 wurde er zum Pair erhoben. Sein Hauptwerk sind die „Vn^aFesOansIaKranOe-Lretagneen 1816—10" (6 Bde.,Par. 1820—24,4.,mitAtlas; 2. Aust. 1825; deutsch, 4 Bde., Stuttg. 1825), eine umfassende Darstellung derVorzügeund Mängel der brit. Verwaltung in Beziehung auf Landmacht, Seewesen, Artillerie, Straßenbau, Gemeindewesen, Bergwerke, Gewerbsamkcit und Handel. Ferner erwähnen wir die „6eometrie et mscsmgue Oes srts et wetiers et Oes beaux-arts" (3 Bde., Par. 1825 —27; deutsch, 3 Bde., Par. 1825— 27), „korees proOuctives et eommercisles 0« la b>cmce"(2 Bde., Par. 1827, 4.) und „ib.e petit proOucteur trany." (7 Bde., Par. 1827 fg.), Dupin (Philippe), der jüngste Bruder der beiden Vorigen, einer der ausgezeichnetsten Advocaten Frankreichs, wurde 17 95 geboren. Nachdem er in Gemeinschaft und zum Theil unter Leitung seines ältesten Bruders seine juridischen Studien gemacht hatte, that er sich mit diesem zugleich unter den eifrigsten Gegnern der Restauration hervor. Überhaupt bildete er sich durchgehend nach seinem Bruder, nur ist bei ihm die rauhe Manier des Lehtcrn durch größere Übung abgeschliffen. Seit der Zulirevolution wurde er ein Freund der neuen Negierung, obgleich er alle Anträge, eine politische Rolle zu spielen, entschieden ablehnte. Unter diesen Umständen war seine Stellung sehr mißlich, wenn er z. B. als Advocat der Witwe Desgravier's gegen die Civilliste auftrat. Er zog sich hierbei indessen mit ebenso großer Gewandtheit aus der Verlegenheit, als im Proceffe Conde, wo er den Verdacht, um den Tod des Prinzen gewußt zu haben, vomHaupte LudwigPhilipp's abzuwälzen hatte. Gleich seinem ältesten Bruder ist er in seinen Reden der wahrhafte Repräsentant des Mittelstands; er ist witzig, sehr entschieden, in der Form aber nicht selten sehr nachlässig. DuplesstS (Jos. Sifrede), ein ausgezeichneter franz. Portraitmaler, wurde 1725 zu Carpentras geboren. Seine künstlerische Ausbildung verdankte er einem damals geschätzten Maler, dem Bruder Imkert, einem Mönche. Im I. 1745 ging er nach Rom und trat in das Atelier des P. Subleyras. Sehr bald zeichnete er sich in der Historien- und Portrait- malerei sowie auch in der Landschaft aus. Nach vier Jahren kehrte er nach Frankreich zurück; doch kam er erst in seinem 57. Jahre nach Paris, wo er besonders wegen seiner schönen Bildnisse sehr beliebt ward. Erstarb 1802 als Conservator des Museums von Versailles. Seine Portraits zeichnen sich durch Leichtigkeit und Zierlichkeit aus; viele der merkwürdigsten No- kabilitäten, die damals in Paris verweilten, wie Bossuet, Franklin, Gluck, Marmontel, Ncckcr u. s. w., sind von ihm gemalt worden. Duplicität bedeutet in der Philosophie das Zerfallen in Gegensätze oder auch den Gegensatz zweier Kräfte, z. B. das Entgegenwirken der zurückstoßenden und anziehenden Kraft, und im gemeinen Leben öfter die Äußerung eines Dinges auf zwiefache Weise, daher auch die Zweideutigkeit oder Zweizüngigkeil. Duplik heißt in der Rcchtssprache der vierte der in einem rechtlichen Verfahren von den beiden Parteien einzugebenden schriftlichen Sätze; sie erfolgt von dem Beklagten, als Antwort auf die Replik des Klägers. (S. Proceß.) In neuerer Zeit hat man diese Bezeichnung auch auf den Schriftenwechsel in literarischen Streitigkeiten übergctragen, wo damit die zweite Nechtfertigungsschrift eines in einer Druckschrift Angegriffenen bezeichnet wird. Dupont (Jacq. Charl.), genannt del' Eure, franz. Deputirter und vormaliger Minister, einer der ehrenwerthesten Männer des liberalen Frankreichs, geb. am 27. Febr. 1767 zu Neubourg in der Normandie, war anfangs Parlamenksadvocat in dieser Provinz und wurde 1792 zum Maire in seiner Gemeinde erwählt. Während der Revolution und des Kaiser- reichs rvar er nacheinander Bezirksverwalter, Richter zu Louvier, öffentlicher Ankläger beim Dupont (Pierre, Graf) 527 Criminalgerichte des Eurcdepartcments, Mitglied des Naths der Fünfhundert, Präsident des Criminalgcrichts zu Evreux und seit 1811 Kammerpräsident des kaiserlichen Gerichtshofs zu Rouen. Seine eigentliche politische Rolle begann indeß erst während der Hundert Tage, wo er als Vicepcäsident der Nepräsentantenkammer alle Versuche Napolcon's, seinen früher» Despotismus zu erneuern, kräftig bekämpfte. Nach der Schlacht bei Waterloo entwarf er die Protestation der Kammer wider Alles, was die verbündeten Mächte gegen die Unabhängigkeit Frankreichs unternehmen könnten. Das Ministerium bestrafte ihn dadurch, daß es ihn seiner Stelle als Mitglied des obersten Raths des EuredepartementS entsetzte. Dafür erwählte ihn dieses Departement, in welchem er das höchste Ansehen genoß, 1817 zum Deputirtcn, und von nun an saß D. stets auf der äußersten Linken. Am entschiedensten trat er auf, als nach dem Tode des Herzogs von Bern das Ministerium die Gelegenheit günstig glaubte, um einige Einschränkungen der öffentlichen Freiheit durchzusehen. Im Z. 182es epbemerickes ten, in und außer der Versammlung in die heftigsten und drohendsten Streitigkeiten. Nach dem Schluffe der Sitzung kaufte er eine Druckerei und gab ein Blatt heraus, das den brausenden Strom der Revolution hemmen sollte. Deshalb als royalistischer Reactionair ange- > sehen, mußte er sich nach den Ereignissen im Aug. 1792 auf dem Lande verbergen, wo er ^ seine „ktlilosopliie cke I'univers" (3. Aust., Par. 1799) schrieb, eine Schrift, in der er das sittliche Verhältniß aller Wesen untereinander festzustellen suchte und die Liebe für das Princip des Daseins erklärte. Sein Aufenthalt wurde aber entdeckt, und nur durch den Fall Nobespier- re's entging er dem Schafot. Ein Jahr später trat er in den Rath der Alten und benahm sich daselbst sowie in seinem Blatte „Historien" so heftig gegen die demokratische Partei, daß er nach den Ereignissen des 18. Fructidor mit seiner Familie in den nordamerik. Freistaaten ein Asyl suchen mußte. Zu Neuyork beschäftigte er sich nun mit der Landwirthschaft, schrieb für das Nationalinstitut, dessen Mitglied er geblieben, eine Reihe nationalökonomischer und physikalischer Denkschriften und unterstützte mit Rathschlägen die nordamerik. Regierung, bis ihn die Revolution vom 18. Brumaire noch einmal in sein Vaterland zurückführte. Jede Staatsanstellung zurückweisend, stellte er sich hier an die Spitze mehrer gemeinnützigen Anstalten, übernahm das Directorium der Bank der Handelskammer und lebte dabei eifrig j einer wissenschaftlichen Thätigkeit. Im 1.18l 4 wurde er zum Secretair der provisorischen ^ Negierung und darauf von Ludwig XVIII. zum Staatsrath ernannt. Bei der Rückkehr Napoleon's hielt er es für gerathen, nach Amerika zurückzukehren, wo er sich unausgesetzt mit seinen Söhnen der Leitung großer industrieller Unternehmungen widmete, die sie an dem Delaware gegründet hatten. Er starb am 6. Aug. 1817 mit dem Ruhme eines thätigcn, tadellosen Lebens, eines ausgezeichneten Talents und wahren Menschenfreundes. Seine Denkschriften und journalistischen Arbeiten sind außerordentlich zahlreich und umfassen alle Fragen seiner bewegten Zeit. Dupuis (Charl. Franc.), ein ausgezeichneter franz. Gelehrter, geb. am 1 6. Oct. 1712 zu Trie'-Chateau bei Chaumont, war der Sohn eines armen Schulmeisters. Der Graf La- 7 rochefoucauld, der des Knaben seltenes Talent erkannte, verschaffte ihm Eintritt in das Col- lege d'Harcourt. D. erwarb sich so schnell umfassende Kenntnisse, daß er im Alter von 21 ! Jahren Lehrer der Rhetorik am College de Lisieux wurde; dabei hatte er auch den Rechts- ! kursus durchgemacht und sich als Parlamentsadvocat einschreiben lassen. Durch die Be- Dupuytren 529 kanntschaft mit Lalandc, der ihn seiner Lieblingswiffenschaft, der Mathematik und Astronomie, wieder zuführte, kam er auf den Gedanken, die alten Mythen durch die Astronomie zu erklären, und dieses Verfahren wandte er allmälig auf die ganze Theologie der Alten an. Er begann zuerst mit dem Thierkreise von D e n d e r a h (s. d.) und wies nach, daß derselbe einst der astronomische und landwirthschastliche Kalender der Völker Oberägyptcns gewesen sei. Nach mehren Mittheilungen im „äouriml tel-l)ieu" (4 Bde., Par. 1830—34 ; deutsch von Weyland, Par. 1832—34, und von Bech und Leon- hardi, 2 Bde., Lpz. 1832—34). Seine Grundsätze über Behandlung der Verwundungen im Kriege, worüber er in den Kriegsjahrcn >814 und 1815 und in den Julitagen >830 viele Beobachtungen anzustellen Gelegenheit hatte, wurden von Paillard und Marx unter dem Titel „l'rsite tlieorique et pr-ltique tles blessures psr armes lle gnerre" (2 Bde., Par. 1834; deutsch von Kalisch, Berl. 1836) herausgegcben. Vgl. Cruveilhier, „Vie lle II." (Par. 1841) und Bouisson, „karsllele lle Delpeeb et lle D." (Montpell. 1841). Duquesne (Abraham, Marquis), einer der großen Seehelden Frankreichs im 17. Jahrh., wurde 1610 zu Dieppe geboren und von seinem Vater, einem durch eigenes Verdienst zum Schiffscapitain emporgestiegenen Seemanne, für das Seewesen sorgfältig gebildet. Bereits im I. >637 zog er als Capitain eines Kriegsschiffs in dem Kriege Frankreichs mit Spanien die öffentliche Aufmerksamkeit durch die glücklichsten Erfolge auf sich. Im 1.1639 leistete er in der Schlacht bei Coruna, 1641 bei Taragona und >643 auf mehren Punkten der franz. Macht die ausgezeichnetsten Dienste. In Folge der Unruhen verließ er während der Minder- jährigkcit Ludwig's XIV. sein Vaterland und trat in schweb. Dienste, wo er den Grad eines Viceadmirals erhielt. Als solcher schlug er nach Ausbruch des Kriegs mit Dänemark im I. 1643 die dän. Flotte bei Gothenburg, sodaß die dän. Landarmer die Belagerung des Platzes aufgcben mußte, und eine Reihe Niederlagen, die er der vereinigten dän. und holländ. Flotte nacheinander beibrachte, zwangen Dänemark 1645 zu dem nachtheiligen Frieden vonBröm- sebro. Nach Frankreich zurückgekchrt, fand er die Spanier I65v zur Unterstützung von Bordeaux bereit, das sich gegen die franz. Regierung erklärt hatte. Sofort brachte er aus eigenen Mitteln ein Geschwader zusammen, führte cs an die Mündung der Gironde und zwang die Stadt zur Unterwerfung. Als Ludwig XI V. später den Holländern den Krieg erklärte, kämpfte D. gegen Ruyter undTromp 1672 und 1673 mit Glück imKanal und den niederländ.Gewässern. Der Aufstand Messinas gegen die span. Herrschaft rief ihn sodann nach dem Mittelmeere zur Unterstützung der Insurgenten. Mit geringen Strcitkrästen kämpfte er hier ein ganzes Jahr gegen die vereinigte Seemacht Spaniens und Hollands, bis cs ihm 1676 gelang, die feindliche Flotte an der Küste von Catanea gänzlich zu schlagen, worarff Frankreich von Sicilien Besitz nahm. Ludwig XIV. trug indessen Bedenken, dem tapfer« Diceadmiral, als einem Protestanten, den höchsten Grad in der Flotte zu gebm; er belohnte ihn mit der Besitzung Bouchet bei Etampes und dem Titel eines Marquis. Bei der Aufhebung des Edicts von Nantes wurde D. allein von der allgemeinen Verbannung der Protestanten ausgenommen. Von 1681—83 züchtigteer die Raubstaaten Tripolis und Algier. Seine letzte Hcl- denthat war die Demüthigung Genuas. Er starb zu Paris am 2. Febr. 1688. Wie viele große Seehelden, war D. im Privatleben von milden und bescheidenen Sitten. Dur, d. h. hart, im Italienischen msggiore, im Französischen msjeur, nennt man diejenigen Tonleitern und Accorde, denen die große Terzie eigen ist. Dnrandus (Guilielmus), einer der berühmtesten scholastischen Philosophen, dem sein Zeitalter den Beinamen des Voctor resolutissünus beilegte, war zu St.-Pourcain in Cler- mont geboren, weshalb er sich auch O. a 8sncto korciano nannte. Er studirte in Paris, lehrte dann in Nom, wurde >318 Bischof zu Puy und 1326 zu Meaux, w» er 1332 starb. Anfangs ein Anhänger des Thomas von Aquino, wurde er nachmals dessen Gegner. Als Heller Geist strebte er stets n'ach Bestimmtheit der Begriffe und Deutlichkeit des Ausdrucks. Heftig trat er den Scotisten entgegen. (S. Scholastische Philosophie.) Sein Hauptwerk ist ein Commentar zum Petrus Lombardus (1568, dann von Merlin, 1515, und öfter; zuletzt Ven. 1586, Fol.). Durango, einer der westlichen unter den vereinigten mexikanischen Bundesstaaten, hat einen Flächeninhalt.von 2660 H>M. und 256066 Bewohner, darunter noch viele, freie Indianer. Der Hauptreichthum des Landes besteht in Erzeugnissen des Mineralreichs, und obgleich der Bergbau unter den politischen Stürmen sehr gelitten hat, so fördert er doch noch viel Silber, Gold und Kupfer zu Tage. Außerdem werden in D. ausgezeichnete Maulthiere gezogen, welche für die besten in Mexico gelten. — Die Hauptstadt Durango, der Sitz der Durante Durazzo 53t höchsten Behörden und eines Bischofs, mit 26999 E., am Flusse Sanceda, auf einer 6499 F. hohen Plateauflache, wurde >551 gegründet und besitzt mehre prächtige Kirchen und Klöster. — Die kleine Stadt Durango in der span. Provinz Biscaya, mit 3699 E., welche Eisen - und Stahlwaaren und besonders gute Degenklingen verfertigen, war früher der Sitz einer Grafschaft und wurde in neuerer Zeit dadurch merkwürdig, daß der span. Prätendent Do» Carlos hier längere Zeit sein Hauptquartier hatte. Durante (Francesco), einer der größten ital. Kirchencomponisten, geb. >693 in Neapel, verdankte seine erste Bildung dem berühmten Aless. Scarlatti. Nach Nom zog ihn der Ruf Pasquino's und Pittone's. Nachdem er daselbst einige Jahre mit Ernst und Eifer den musikalische» Studien abgelegen, kehrte er nach Neapel zurück, wo er sehr jung Kapellmeister und Director des Conscrvatoriums der Poveri di Giesu Christo wurde, dem er bis zur Aufhebung des Instituts imJ. >749vorstand. Hieraufhieltersich in Deutschland aufund beisci- ner Rückkehr wurde er >743 Vorsteher des Conscrvatoriums zu Neapel, wo er >755starb. Er componirte fast ausschließlich Kirchenmusiken und leistete namentlich in der kirchlichen Vocalmusik Ausgezeichnetes. Unt-t seine Schüler gehören die berühmtesten Componisten des >8. Jahrh., wie Pergolcse, Sacchini, Piccini, Euglielmi, Traetta, Jomelli u. A. Durantis (Wilhelmus), ein Nechtsgelehrter des 1 3. Jahrh., gewöhnlich nach seinem Hauptwerke Specu lator genannt, wurde in Puimisson in Languedoc >237 geboren und studirte in Bologna. Nachdem er hier und in Modena als Lehrer des kanonischen Rechts aufgetreten, ging er in päpstliche Dienste, in denen er zu hohen Würden aufstieg. Nachdem er schnell die niedere Stufe des Dienstes überschritten, begleitete er >274 den Papst Gregor X. zur Kirchenversammlung nach Lyon. Unter Papst Martin IV. wurde er l 281 geistlicher Vi- carius in den Gebieten von Bologna und Nomagna und >283 auch weltlicher Statthalter derselben;imJ.I285 Bischof von Mende in Languedoc, welches Amt er jedoch erst >291 antrat, und zuletzt Statthalter von Nomagna und der Mark Ancona. Er starb zu Rom am I. Nov. >296. Unter seinen Schriften sind die vorzüglichsten das „Speculum juckiciale", der erste Versuch eines Systems des gesammten praktischen Rechts, das nachher bis ins 17.Jahrh. herab gegen 49 Ausgaben erlebte; der „6omment->rius i» conciliuin IngUuneuse" über die zu Lyon erlassenen Dccretalen; und das „Rationale clivinornin oflicionnn", enthaltend eine Beschreibung aller gottesdienstlichen Handlungen und insbesondere noch dadurch merkwürdig, daß es unter die frühesten Erzeugnisse der Buchdruckcrkunst (Mainz >459) gehört. Duras (Claire, Herzogin von), bekannt als Schriftstellerin, geb. zu Brest >778, war die Tochter des Schiffscapitains Grafen von Kersaint, der zu Anfang der Revolution eine Nolle spielte und 1793 als Opfer der Guillotine fiel. Seine Tochter war damals noch sehr jung und flüchtete sich erst nach den Vereinigten Staaten, dann nach England, wo sie sich mit dem Herzog von Duras, der hier im Gefolge der königlichen Familie lebte, vermählte. Gegen das I. > 890 kehrte sie mit ihrem Gemahl nach Frankreich zurück, ward mit Frau von Stacl und andern merkwürdigen Personen jener Zeit bekannt und versammelte einen auserlesenen Kreis um sich. Während der Napoleon'schen Herrschaft lebte ihr Gemahl ziemlich eingezogen und begann erst nach der Rückkehr der königlichen Familie, der er bis London entgegcnreiste, seine Laufbahn als Hofmann wieder. Die Herzogin, welche etwas vom freisinnigen Geiste ihres Vaters beibehalten hatte, ließ sich durch die Hofgunst nicht blenden. Sie nahm besonders Interesse an der Beförderung gemeinnütziger Anstalten und stiftete auf eigene Kosten eine Volksschule, in der sie die Methode des gegenseitigen Unterrichts cinführte. Zur Veröf- fentlichung einer Novelle „Omika" (1823), in der sie die Folgen aristokratischer Vorurteile schilderte, wurde sie nur durch das dringende Bitten ihrer Freunde bewogen. Der Beifall, den dieser erste Versuch fand, munterte die Verfasserin zu einem zweiten auf. Es war dies „Rclousrü" (>825), der aber, ungeachtet seines größern Gehalts, weniger Beifall er- hielt als der erste, der auch auf die Bühne gebracht wurde. In ihrer schriftstellerischen Laufbahn wurde sic durch den Tod unterbrochen, der sie zu Nizza im Jan- >829 überraschte. Durazzo, das alte Dyrrhachium, eine.befestigte Stadt im ober« Albanien, am Adriatischen Meere, mit etwa 9999 E. und einem guten Hafen, war im frühen Alterthum ein Zankapfel für Griechen, Bulgaren und Serbier und dann der Griechen wichtigste Feste im S4* 532 Durchbrechen Durchfuhrhandel Westen. Unter dem griech. Kaiser Michael Dukas wurde D. als Herzogthum dem Nikepho. rus von Brienne übergeben. Bei der Theilung des byzantinischen Reichs kam D. an Vene- big. Durch ein Erdbeben im 1.1273 gänzlich zerstört, wurde cs vonAlbancscrn wieder auf- gebaut und kam 1315 als Herzogthum an Philipp von Tarent, dann an Navarra und später an Neapels Jm J. 1502 wurde es von den Türken erobert, denen cs seitdem verblieben ist. In und um D. werden sehr viele röm. Alterthümer gefunden. Durchbrechen. Das Durchbrechen der feindlichen Schlachtlinien ist eine dem Spreu- ^ gen des Centrums in Feldschlachtcn ähnliche Evolution in Seegefechten. Zu diesem Zwecke i wendet sich eine bestimmte Anzahl Schiffe auf ein gegebenes Signal schnell aus der Linie und geht mit vollen Segeln quer durch die feindliche Linie, um den Feind schnell auf der andern Seite zu beschießen, wo er oft zwei bis drei volle Geschützladungen erhalten hat, che er darauf zu antworten vermag. Fast alle Seetrcffen zwischen den Holländern und Engländern, und s zwischen diesen und den Franzosen, geben uns Beispiele des Durchbrechens der feindlichen Linie. Der niederländ. Admiral Nuy ter (s.d.) scheint der Erfinder dieses Manoeuvres zu sein; er führte es vorzüglich gut 1066 bei Dünkirchen aus, w^er mehre Male durch die Flotte des engl. Admirals Monk brach und sein schon abgeschnittencsVordcrtreffen rettete. Inzwischen kam dieses Manoeuvre doch, wenigstens bei den Engländern, in Vergessenheit, bis cs zuerst wieder der Admiral Nodncy in der Seeschlacht am 12. Apr. 1782 zwischen den Inseln Dominique und Les Saintes anwendete, wo er einen vollkommenen Sieg über die franz. Flotte unter Lagrasse davontrug. John Clerk, der seine Ansichten über das Durchbrechen in dem „bizsn)' ni> liaval tactics" (Lond. 1782; neue Aust., 180-1) nicderlegte, behauptete bereits I780denFlaggencapitain des AdmiralsNodney auf dieses Manoeuvre aufmerksam gemacht q zu haben. Allein die Familie Rodncy leugnet, daß der Admiral von Clerk's Idee etwas ge- ^ wußt habe. Mit dem glänzendsten Erfolge wurde dieses Manoeuvre in der Folge von Howe, ^ Duncan und Nelson, von Letzterm namentlich beiAbukir (s. d.), angewendet. Durchdringlichkeit oder Penetrabilität heißt die Eigenschaft der Körper, vermöge welcher sie im Stande sind, andere Materien durch ihre Zwischenräume hindurchzu- laffen. Allerdings legt man den Körpern von einer andern Seite auch Undurchdringlichkeit , bei, ja man macht diese sogar zu einem Charakter der Materie; allein, da hierunter nur daS Unvermögen einer Materie, in den Raum, den eine andere wirklich erfüllt, einzudringen, verstanden wird, so widersprechen sich beide Eigenschaften nicht. Feste Körper sind, wenn sie blos unsichtbare oder feinere Poren haben, wie z. B. die gegossenen Metalle, Glas u. s. w., ohne Änderung ihres Zustandes nur für die sogenannten unwägbaren Materien durchdringlich, und nicht einmal für alle; denn wenn auch die Wärme durch jeden Körper hindurchzudringen vermag, so geht doch das Licht nicht durch die undurchsichtigen, die Elektricität nicht durch die nicht leitenden Materien. Feste Körper mit gröbern Poren, wie Schwamm, Löschpapier, sind im Allgemeinen nur für solche flüssige Materien leicht durchdringlich, welche sich an sie anzuhängen oder sie zu netzen vermögen, wie denn Wasser und Säuren leicht durch Filtra von Läschpapier oder Leinwand hindurchgchen, während Quecksilber, welches diese Stoffe nicht netzt, nur mittels Drucks hindurchgctriebcn werden kann. Die Durchdringung beruht hier aufder Kapillarität (s. d.). Gase dringen vermöge ihres Bestrebens, sich zu ^ mischen, sehr leicht durch poröse Wände, z. B. Ballen. Eine besondere Art der Durchdrin- ^ gung ist die Endosmose, nämlich das allmälige Durchschwitzen von Flüssigkeiten durch thierische Häute. Diese besonders von Dutrochet untersuchte interessante Erscheinung ist namentlich für den Stoffwechsel bei Ernährung lebender Körper durch die Blutgefäße wichtig. Durchforstung nennt man im Waldbau die Methode, zufolge deren man aus den jungen Wäldern, deren Bestände in gutem Boden ein Alter von 30, in schlechter»! von 40 Jahren erreicht haben, alles übergipfelte und unterdrückte Holz hcraushaut, um dadurch einen kräftigern Wuchs der starken Pflanzen zu bewirken. Durchfuhrhandel oder Transits Handel nennt man den Handel, welcher es da- ^ mit zu thun hat, fremde Maaren durch ein L-.nd in ein anderes zu führen. Der Durchfuhr- Handel ist höchst vortheilhaft für die Spediteurs, welche die Förderung der Waaren durchs Land übernehmen; denn gewöhnlich werden die Waaren an einen Spediteur gesandt, welcher dafür sorgt, daß bei der Durchfuhr die Landesgesetze beobachtet werden, und darauf sieht, Durchgang 533 ' daß sichere Fuhrleute angenommen, die Colli unbeschädigt erhalten und die gesetzlichen For- ! men beobachtet werden, so lange sie in seinem Lande bleiben, sowie auch, daß sic, wo es nö- 1 thig ist, an der Grenze einem andern Spediteur zu gleicher Besorgung überliefert werden. Er ist aber auch vortheilhaft für Fuhrleute, Schiffer und selbst für inländische Producenten, insofern er ihnen Gelegenheit verschafft, die Landesproducte bequem und wohlfeil weiter zu schaffen, und in der Fremde dadurch Bekanntschaft mit den Landesproducten zu erhalten, ^ und zu erfahren, welche in andere Länder mit Nutzen verführt oder selbst erzeugt werden können. ! Durchgang heißt in der Musik die Verbindung zweier accordeigncr Töne durch einen oder mehre dazwischenliegende Harmoniefremdtöne. Regelmäßig heißt der Durchgang, wenn er auf die leichte, unregelmäßig, wenn er auf eine schwere Taktzeit fällt. Trifft der letztere mit dem Anschlag des Accords zusammen, so erscheint er als Vorhalt (s. d.). — Durchgänge odir Vorüb ergänz e der untern Planeten, des Mercur und der Venus, vor der Sonncnscheibe finden statt, wenn diese Planeten zur Zeit, wo sie in gerader Linie zwischen der Erde und der Sonne oder in ihrer untern Conjunction stehen, eine sehr geringe Entfernung von der Ekliptik oder von einem der Knoten ihrer Bahn haben, in Folge deren man sie dann mit Fernrohren vor der Sonnenscheibe als dunkle Flecken, weil sie uns in der untern Eonjunction ihre dunkle Seite zukchren, vorüberziehen sieht. Wenn die Bahnen beider Planeten mit der Ekliptik zusammensielen, so müßte diese Erscheinung bei allen untern Conjunc- tionen derselben beobachtet werden, also bei Mercur aller 116 Tage, bei der Venus aller Nt Monate; da aber ihre Bahnen gegen die Ebene der Ekliptik geneigt sind, so gehen sie zur Zeit der untern Conjunction meist über oder unter der Sonne hinweg, nur wenn sie zu ^ dieser Zeit einem Knoten ihrer Bahn sehr nahe sind, gehen sie scheinbar durch die Sonncnscheibe. Beim Mercur können diese Durchgänge nur im Mai und Nov. stattfinden, ^ weil die Knoten der Mercursbahn so liegen, daß die Erde im Anfang jedes dieser Monate durch die Knotenlinie geht; doch sind die Durchgänge im Nov. häufiger als im Mai. Die Durchgänge im laufenden Jahrhundert fanden statt oder werden statt finden in den I. > 802, 1815, 1822, 1832, 1835, 18-15, 1848, 1861, 1868, 1878, >881, 1891, 1894; > sie wiederholen sich in Zwischenräumen von 2'/,, 3'/>, 6, 7, 9^, 13 Jahren. Vorhcrge- sagt wurde ein Mercursdurchgang zuerst von Kepler und seiner Berechnung gemäß von Gassendi am 7.Nov. 1631 wirklich beobachtet; zwar soll schon Averrkoes im 13.Jahrh. den Mercur in der Sonne gesehen haben, doch ist dies durchaus unmöglich. Seltener, zugleich aber auch ungleich wichtiger sind die Durchgänge der Venus, welche sich in Perioden von 8, 1N5'/2 und 121^ Jahren ereignen und zwar immer um den 5. Juni und 6. Dec., weil um diese Zeit die Erde durch die Knotenlinie geht. Seit Chr. Geb. sind etwa 39 Durchgänge der Venus vorgekommen, darunter aber nur drei beobachtet. Der erste derselben wurde 1639 von Jcrem. Horror in England beobachtet; den vorhergehenden von 1631 hatte Kepler zwar vorher berechnet, aber durch ein Versehen blieb er ungeachtet der Bemühungen Gas- scndi's unbeobachtet. Seitdem haben nur noch zwei Venusdurchgänge stattgefundcn, nämlich 1761 und 1769; im laufenden Jahrhundert sind gleichfalls zwei zu erwarten, im Dec. 1874 und 1882, im folgenden findet keiner statt, dann aber im Juni 2994 und 2912 § u.s.w. Edmund Halley (s.d.), der 1677 auf der Insel St.-Helena den Durchgang des Mercur beobachtete, war es, der zuerst auf die große Wichtigkeit der Venusdurchgänge aufmerksam machte. Sie geben uns nämlich das sicherste Mittel, die Parallaxe (s. der Sonne genau zu bestimmen, deren Kenntniß für den Astronomen äußerst wichtig ist- Eine einfache Zeichnung ergibt, daß diejenigen Bewohner der Erde, welche den Eintritt der Venus in die Sonnenschcibc zuerst sehen, im Osten, diejenigen aber, welche ihn zuletzt scheu, im Westen desjenigen Beobachters liegen, der eben Mittag hat; füx die erstem geht die Sonne eben unter, für die letztem eben auf. Der westliche Ort sieht aber im Vergleich zum östlichen den Eintritt soviel später, als Venus Zeit gebraucht, um einen Bogen von etwa 7 46 Secunden zu durchlaufen oder vielmehr sich dem Sonnenmittelpunkte um soviel zu nähern. Da sich nun die Venus der Sonne zur Zeit ihrer untern Conjunction in einer Stunde beinahe um 234 Secunden nähert, so wird der westliche Ort den Eintritt beinahe >2 Zcitminutcn später sehen als der östliche, und diese Verspätung ist eine bloße Wirkung der Parallaxe. Da also die Parallaxe in Beziehung auf die Verschiedenheit des Eintritts 534 Durchlaucht Durchmesser eine so große Wirkung hervocbrkngt, so wird man auch umgekehrt aus diesen wirklich bcvb« ' achteten Verschiedenheiten der Eintritte an verschiedenen Orten der Erde die Parallaxe, als ! die Ursache derselben, mit großer Schärfe ableiten können, und dies um so mehr, da die Beobachtungen des Eintritts eines ganz schwarzen Fleckens auf dem lichten Hintergründe ^ der Sonne mit der größten Genauigkeit angestellt werden können. Weil aber diese Beobachtungen desto entscheidender sind, je zweckmäßiger man die Orte auf der Erde wählt, so wurden in den I. 176t und 1769 von allen aufgeklärten Regierungen Europas Astronomen mit großen Kosten in entfernte Welttheile geschickt. Encke, der ihre Beobachtungen berechnete, fand für die mittlere Parallaxe der Sonne 8", 5776 Secundcn, oder für die mitt- lere Entfernung der Sonne von der Erde 20,666800 geographische Meilen. Die Durchgänge des Mercur, die öfter vorfallen, sind zu diesem Zwecke bciweitem nicht so geeignet, weil bei ihnen die Zeit zwischen dem ersten und letzten Ein- oder Austritte nur zwei Zeitminu- ten beträgt. — Über den Durchgang durch den Meridian s. Culmination. Durchleucht ist dem lat. Serenitas oder Serenissimus nachgebildet, welches schon den röm. Kaisern Honorius und Arcadius und nach ihnen den fränkischen und gothischcn Königen beigclegt und für höher geachtet wurde als das Hoheit (Olsitucka). Im Deutschen erhielten das Prädicat Durchlauchtig 1375 zuerst die Kurfürsten durch Kaiser Karl IV.; seit Kaiser Leopold I. wurde dasselbe indcß auch andern altfürstlichcn Personen, und zwar ! zuerst 1663 an Würtcmberg gegeben, während die andern Durchlauchtig Hochge- ! boren blieben. Als später das Durchlauchtig immer allgemeiner wurde, erhielten die weltlichen Kurfürsten sowie die geistlichen, wenn sie fürstlicher Herkunft waren, und auch die Erzherzoge von Ostreich das Prädicat Durchlauchtigst. Untereinander gaben sich die . alten Fürsten, zufolge gemeinsamen Beschlusses vom 13. Mai 1712, ebenfalls das Prä- ^ dicat Durchlauchtigst; hinsichtlich der neuen rcichsfürstlichcn Häuser aber verabredeten sie , unterm > 3. Dec. 1736, denselben auch Durchlauchtig, oder Durchlauchtig Hochgeboren, zugestehcn zu wollen, wofern selbige fortfahren würden, ihnen das Durchlauchtigst und in der Unterschrift Dienstwilligster zu geben. Nachdem mit der Auflösung des Reichsverbandes ein Theil der Fürsten, zu höher» Ehren aufgcsticgcn, das Prädicat Durchlaucht den übrigen souverain gewordenen Häusern, welche in der neuen Rangliste dem Großhcrzoge folgten, überlassen hatte, ein anderer aber mcdiatisirt und deshalb seine hohe Titulatur vielfältig beanstandet worden war, stellte endlich in Beziehung auf die Letzter» der Bundesbcschluß vom 18. Aug. 1825 ein Rang - und Titelregulativ fest. Demzufolge sollte den mittelbar gewordenen, vormals rcichsständischen fürstlichen Familien, oder vielmehr, wie ein späterer Bundesbeschluß vom 12. März 1829 beschränkend aussprach, nur den Häuptern derselben, das Prädicat Durchlaucht gewährt werden. Inzwischen ist dasselbe auch selbst den blos crb- ländischcn, nicht zum Reichsfürstenstande gehörigen Fürsten Hardenberg, Putbus, Pücklcr, Wredc u. A. beigclegt worden. Durchlauchtigst nennt sich, wie ehedem die Republiken Venedig, Genua und Polen, so jetzt der Deutsche Bund. Durchmesser einer krummen Linie heißt in der Geometrie eine gerade Linie, welche die Eigenschaft hat, alle unter einem bestimmten Winkel gezogenen einander parallelen Sehnen zu halbiren. Beim Kreise sowie bei der Ellipse und der Hyperbel gehen alle Durchmesser ^ durch den Mittelpunkt; beim Kreise und der Ellipse werden sie in diesem halbirt. Nur der ^ Kreis hat aber die Eigenschaft, daß alle seine Durchmesser gleich sind; jeder derselben halbirt die auf ihm senkrecht stehenden Sehnen. Das letztere thun bei der Ellipse nur zwei Durchmesser, nämlich der größte und der kleinste von allen, welche selbst aufeinander senkrecht stehen und die große und kleine Achse der Ellipse genannt werden. Von den übrigen Durchmessern heißen je zwei, von welchen der eine die dem andern parallelen Sehnen halbirt, con- ;ugirtc oder zugcordnete Durchmesser. In der Parabel sind alle Durchmesser der Achse parallel. Von den krummen Linien höherer Ordnungen haben viele gar keinen Durchmesser. Auch bei Körpern und zwar bei solchen, die von krummen Flächen cingeschlosscn ^ werde», ist von Durchmessern die Rede. Bei einer Kugel heißt jede gerade Linie, welche zwei Punkte ihres Umfangs verbindet und durch den Mittelpunkt geht, ein Durchmesser; ebenso bei einem Sphäroid oder Ellipfoid. Alle Kugcldurchmcsser sind einander gleich und werden im Mittelpunkte halbirt; das Letztere gilt auch von den Durchmessern der Sphäroide Durchschnitt Dürer 535 lind Ellipsoide. Unter dem scheinbaren Durchmesser einer Kugel versteht man den Winkel, unter welchem ihr Durchmesser, aus der Ferne gesehen, uns erscheint, oder, genauer ausgedrückt, den größten Winkel, de» zwei von einem Punkte aus nach entgegengesetzten Seiten einer in der Entfernung sichtbaren Kugel gezogenen Gesichtslinien miteinander bilden können. In diesem Sinne ist z. B bei den Himmelskörpern von einem scheinbaren Durchmesser dieNcde, der desto größcrist, je größer der wirkliche Durchmesser eines Himmelskörpers, desto kleiner aber, je größer die Entfernung desselben ist. Daher kann es geschehen, daß zwei an Größe sehr verschiedene Himmelskörper doch denselben scheinbaren Durchmesser haben, wie die Sonne und der Mond, indem hier die relative Kleinheit des letzrern durch seine große Nähe ausgeglichen wird, ja zuweilen mehr als ausgeglichen, sodaß er sogar größer als die Sonne erscheint; cs kann ferner geschehen, daß derselbe Himmelskörper zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden scheinbare Durchmesser hat oder in sehr verschiedener Größe erscheint, je nachdem er uns näher oder von uns entfernter ist. So hat Venus, wenn sie uns am nächsten ist, einen fast siebenmal größer» scheinbaren Durchmesser, als wenn sie von uns am weitesten entfernt ist. Aus dem scheinbaren Durchmesser eines Himmelskörpers kann man, wenn außerdem noch die Entfernung bekannt ist, leicht den wirklichen Durchmesser suud hiermit den Inhalt) desselben berechnen ; überhaupt jede dieser drei Größen aus den beiden andern. Bei den Fixsternen, die uns auch in den besten Fcrnrühren als bloße Punkte erscheinen, ist von keinem scheinbaren Durchmesser die Rede, weshalb auch ihr wirklicher nicht bekannt ist und selbst dann nicht bestimmt werden könnte, wenn ihre Entfernung uns bekannt wäre, was im Allgemeinen nicht der Fall ist. Durchschnitt, s. Profil. Durchsichtigkeit heißt die Eigenschaft der Körper, dem Lichte den Durchgang zu ver- statten. Sie findet bei verschiedenen Körpern in sehr verschiedenem Grade und in allmäliger Abstufung von vollkommener Durchsichtigkeit oder Wafferhclle, wie beim reinen Wasser, Diamant, Bcrgkrystall, Glas u. s. w., durch das Halbdurchsichkige und Durchscheinende bis zum Undurchsichtigen (Opaken) statt. Ans der Dichtigkeit und chemischen Beschaffenheit eines Körpers läßt sich auf seine Durchsichtigkeit »och kein Schluß machen; dieselbe hängt nämlich von einer gewissen Gleichartigkeit der Masse ab, wie sie sich nur bei großen Krystallen, sogenannten amorphen Körpern, z.B.Glas, und Flüssigkeiten findet; jede Ausscheidung einzelner abgegrcnzterTheilc im Innern einer Masse stört die Durchsichtigkeit; daher sind krystallinische Körper meist undurchsichtig, Gemenge von Wasser und Ol erscheinen milchig, Krystallc werden undurchsichtig, wenn sie ihr Wasser an der Luft verlieren (verwittern), Glas wird trübe, wenn es in seiner Mischung eine Änderung erfährt. Am vollkommensten durchsichtig sind immer farblose Körper, da gefärbte stets einen bestimmten Lheil der Lichtstrahlen absorbiren. Aber selbst der durchsichtigste Körper läßt das Licht nicht ohne allen Verlust hindurch. (S. Licht.) Düren, eine Stadt in frcundlichcr Umgebung an der Noer, im preuß. Regierungsbezirke Aachen, mit mehren Kirchen und Klöstern, einem Gymnasium und 7 566E., welche sehr betriebsam sind und Fabriken in Papier-, Tuch-, Woll-, Leder-, Eisen - und Quinquaillcrie- waaren unterhalten, hieß zur Zeit der Römer Marcodurum und soll seinen Ursprung dem Marcus Agrippa verdanken. Die fränkischen Könige hielten daselbst mehre Kirchenversammlungen und Reichstage, und Kaiser Ruprecht erhob den Ort zur Reichsstadt. Dürer (Albrecht), der Stifter einer zahlreichen deutschen Malerschule, geb. zu Nürnberg am 20. Mai I -17 >, war der Sohn eines geschickten Goldschmieds aus Ungarn und erhielt von seinem Vater einen sorgfältigen Unterricht. Früh entwickelte sich sein Talent, und obgleich er im l 5. Jahre schon bedeutende Fortschritte in der väterlichen Kunst gemacht hatte, so entschied er sich doch für die Malerkunst. Michel Wohlgemuth, damals der beste Maler in Nürnberg, nahm ihn 1 186 in die Lehre. Nachdem er ausgelernt, bereiste er von l 196 an Deutschland, den Elsaß und die Schweiz. Im 1.1191 kehrte er in die Heimat zurück, wo er, seinem Vater zu Liebe, des berühmten Mechanikers Hans Frey zu Nürnberg Tochter heirathcte, die, ein unfreundliches Wesen, in der Folge ihm sein Leben gar sehr verbitterte. Im I. 1566 ging er nach Venedig, wozu ihm sein Freund, der nürnberger Rathsherr Willibald Pirkheimer, ein Capital vorschoß, und malte hier die Marter des heil. Bartholomäus für 536 Dürer die St.-Marcuskirche, welches Gemälde Kaiser Rudolf kaufte und nach Prag bringen ließ. Nachher ging er auch nach Bologna. Auf seinen Stil hatte diese ital. Reise keinen Einfluß, obschon erst nach der Rückkehr aus Italien im I. >507 die eigentliche Zeit seiner Meisterschaft beginnt. Sein Ruhm erscholl bald weit und breit; Maximilian I. ernannte ihn zu seinem Hofmaler und Karl V. bestätigte ihn in dieser Würde. Noch in den Jahren der vollen Kraft starb er am ersten Osterfeiertage, den 6.Apr. >528. D. ist unbedenklich einer der größten und herrlichsten Meister der deutschen Kunst, obgleich sein Streben nicht auf das Ideal-Schöne ging und, den Zeitverhältnissen gemäß, nicht gehen konnte. (S. Deutsche Kunst.) Bestimmte und entschiedene Charakteristik lag zunächst in der Absicht seiner künstlerischen Darstellungen; ein ungemein klarer Blick für die Formen des Lebens und für die wechselnden Erscheinungen desselben machte es ihm möglich, dies Streben auf höchst energische Weise durchzuführen. Dabei war ihm ein Adel der Gesinnung, ein sittliches Bewußtsein eigen, das seinen Darstellungen dennoch ein so anziehendes wie würdevolles Gepräge aufdrückt. Wie seine Productionskraft höchst bedeutend, so war seine Phantasie, von tiefsinnigen Ideen bewegt, stets von den lebendigsten und mannichfaltigsten Anschauungen belebt- Überhaupt ist das Phantastische ein Grundzug seines künstlerischen Charakters, der überall bei ihm durchklingt und nicht selten die sinnigsten Erzeugnisse zur Folge hat, der aber auch manche Sonderbarkeiten, namentlich in einer zum Manierirten sich neigenden Führung der Gewänder und in einem gewissen Schillcrglanze der Farben, veranlaßt. Mit rastlosem Flcißc hat er eine überaus große Anzahl, zum Lheil aufs zarteste ausgeführter Werke geliefert. Vorzüglich schöne Gemälde aus der ersten Zeit seiner vollen künstlerischen Kraft, nach seiner Rückkehr aus Italien, sieht man in der Galerie zu Wien, und die Darstellung der heil. Dreifaltigkeit mit vielen Heiligen und Seligen (1511) ist vielleicht als das bedeutendste von diesen zu nennen. Aber noch ungleich höher stehen einige Arbeiten aus seinen letzten Lebensjahren, die beiden großen Bilder mit den vier Aposteln, die sogenannten vier Temperamente, in der Pinakothek zu München (von 1528, gestochen von Ncindel) und das Portrait des Hieronymus Holzschuher im Besitz der Holzschuher'schcn Familie zu Nürnberg (ebenfalls von > 526, gestochen von Wagner). Doch kann man den Neichthum seines Talents nur nach der großen Summe seiner Handzeichnungen, besonders derer in der Galerie des Erzherzogs Karl zu Wien, seiner Holzschnitte und Kupferstiche abmessen. Den Kupferstich behandelte er auf eine überaus zarte, durchgeführte Weise; auch gilt er als der Erste, der die Ätzkunst eingeführt. Zugleich hat er sich in bildnerischen Ärbeiten versucht, und man besitzt von ihm noch einige vortreffliche Schnitzwerke in Speckstein. Er erfand das Mittel, dieHolzschnitte mit zweierlei Farben zu drucken, und die gläserne Copirscheibe. Auch als denkender praktischer Mathematiker war er rühmlich bekannt. Sein Werk „Underweysung der Messung mit dem zirckel unn richtscheyt, in Linien ebnen unnd ganhen corporen" (Nürnb. 1525, Fol., und öfter) gibt treffliche Vorschriften über die Perspective, besonders zur Ezltwerfung des Schattens der Körper, wozu er eine eigene sinnreiche Maschine in Vorschlag brachte. Er drang darauf, die ganze Malerkunst, so weit sie die eigentliche Zeichnung betrifft, auf mathematische Gründe zurückzuführen. Auch sein Werk „Von menschlicher Proportion" (Nürnb. >528, Fol.) enthält vieles Treffliche. Er schrieb in Deutschland das erste Buch vom Festungsbau „Etliche under- richt zu Befestigung der Stett, Schloß und Flecken" (Nürnb. >527, Fol.); den Schriftgießern zeigte er, wie man mit Hülfe der Geometrie die Buchstaben, besonders die Versalien, nach bestimmtem Vcrhältniß anfertigen müsse. Zu seinen vorzüglichsten Kupferstichen gehören die Fortuna, die Melancholie, Adam und Eva im Paradiese, Ritter, Tod und Teufel, die Mäßigung, der heil. Hubertus, der heil. Hieronymus und die kleine Passion in > 6 Blättern; unter den Holzschnitten, welche ihm bcigelcgt werden, heben wir als die vorzüglichsten hervor die große Paftlon, mit dem Titel >3 Blätter (1510, Fol.), die kleine Passion, mit dem Titel 37 Blätterst 51 >, 3.), die Offenbarung des Johannes, mit dem Titel >5 Blätterst 502), das Leben der Maria, mit dem Titel 20 Blätter (15 l 0). Doch hat Bartsch mehr als wahrscheinlich gemacht, daß D. nicht selbst in Holz geschnitten habe. Er machte blos Zeichnungen auf die Holztafeln, die dann von Formschneidern, deren es in jener Zeit viele tüchtige gab, geschnitten wurden. Ein echt deutscher Künstler war er, zugleich ein frommer Mensch. Als Schriftsteller arbeitete er auf Veredlung und Reinigung der deutschen Sprache hin, worin WillibaldPirk Durham Durham (John George Lambtou) 537 heimerihmbeistand. Die „Oiwra^iO.vureii" (Arnheim 1603, Fol.) enthaltenblosdie beiden erwähnten mathematischen Schriften und die über den Festungsbau. Vgl. Heller, „Das Leben und die Werke D.'s", wovon aber blos der zweite Band, welcher die Werke D.'s enthält, erschienen ist (Lpz. 1831), Noch, „D.'s Leben" (Lpz. 1791) und (Campe'S) „Reliquien von D." (Nürnb. 1328): Bei der Säcularfcier seines Todes am 7. Apr. 1828 wurde in Nürnberg der Grundstein zu seinem Standbilde gelegt, das Nauch verfertigte und der nürnberger Bildhauer Burgschmidt in Erz ausführtc. Durham, eine der östlichen Grafschaften Englands, unter dem Titel einer Pfalzgrafschaft, hat ein Areal von 45'/, OM. und eine Bevölkerung von etwa 25-1090 Seelen. Der Boden des Landes ist im Norden und Westen gebirgig und daher ziemlich rauh und unfruchtbar; der östliche größere Thcil mehr eben und schön und mild. An der Küste erheben sich hohe, schneeweiße Kalkfelsen mit imposanter Aussicht aufdas Meer. DieBewohner treiben Ackerbau und Viehzucht, auch Bergbau und nähren sich außerdem durch rege Industrie und beträchtlichen Ausfuhrhandel. Hauptsächlich fabriciren sie Eisen - und Bleiwaaren, Glas, Papier, Leder, irdenes Geschirr, Vitriol, Salmiak, Leinwand und Drell. Viele reiche und angesehene engl. Familien haben hier ihre Landsitze. — Die Hauptstadt ist Durham, mit 15000 E. auf steilem Hügel am Wcar in reizender Umgebung, der Sitz eines Bischofs, welcher zugleich Pfalzgraf von Durham ist und sehr bedeutende Einkünfte genießt. Unter den öffentlichen Gebäuden verdienen besondere Erwähnung der große, auf einem hohen Felsen gelegene Dom mit dem Grabmal des Beda Venerabilis; ferner das Schloß, die alte Oswaldskirche, die Paläste des Bischofs und des Gouvernements und das Schatzkammerhaus. Eine Quelle, 8-0- vali 3-10 König David Bruce von Schottland durch die Engländer völlig besiegt und gefangen genommen wurde. Durham (John George Lambton, Graf von), ein ausgezeichneter engl. Staatsmann, gcb. am > 2. Apr. 1792, stammt aus einem schon Jahrhunderte in der Grafschaft Durham angesessenen Geschlechtc. Nachdem er schon 1797 seinen Vater verloren, wurde er durch seinen Stiefvater, Charl. William Windham, erzogen und dann auf der Schule zu Eton und auf der Universität zu Cambridge gebildet. Im I. 1813 trat er für seine Grafschaft in das Unterhaus, wo schon sein Vater als Whig und Freund von For seine Stimme gegen torystische Vorurtheile erhoben hatte. Reich und unabhängig, begabt mit klarem praktischen Verstände und einem von einer edeln Natur getragenen Wohlwollen, begann er seine politische Laufbahn mit seltener Festigkeit und einer ehrenwerthen Offenheit. In seiner ersten Rede nannte er die Losreißung Norwegens von Dänemark durch den wiener Frieden einen Act, der die Geschichte, Sprache und den Volkswillen mit Füßen trete, und im folgenden Jahre bezeichnet« er die Vereinigung Genuas mit Sardinien als einen Treubruch von Seiten Englands. (S. Castlereagh.) Von demselben Standpunkte aus bekämpfte er mehre Maßregeln der inncrn Politik, wie die Kornbill des jetzigen Grafen Nipon, die Bill über Bewilligung von 10000 Pf. an die königlichen Prinzen, die Bill über die Fortdauer dcS Fremdengesetzcs und des Nestrictionsactes und im I. 1818 die Jndemnitybill, welche auf Unverantwortlichkeit der Minister hinauslief. Im I. 1819 gab ihm, bei Discussion der sogenannten sechs Acte (s. Chartismus), die „Manchester Massacre" Gelegenheit, die Rechte des Volks aufs kühnste zu vertheidigen; auch stimmte er für den Antrag, der einen Tadel gegen die Minister wegen ihres Benehmens gegen die Königin Karolinc bezweckte. Zugleich suchte er den öffentlichen Sinn in seiner dem Torysmus bisher verfallenen Provinz zu wecken und durch öffentliche Meetings zu befestigen. Im Apr. 1821 war cs D-, der im Unterhaus: einen vollständigen Plan der Parlamentsreform entwickelte, dessen Grundzüge später bei der vor das Haus gebrachten Wahlreformbill benutzt wurden. Bei Auflösung des Cabincts Lord Goderich's, im I. 1828, ward D. zum Pair ernannt, und zwei Jahre später, bei der Bildung des Ministeriums des Grafen Grey, seines Schwiegervaters in zweiter Ehe, trat er als Lord Siegelbewahrer ins Cabinet. In dieser Stellung nahm er den bedeutendsten Antheil an der von der Negierung vorgelegtcn Neformbill. Mit der beharrlichsten Festigkeit 538 Dürkheim Duroe vertheidigte er in de» I. 1831 und > 832 gegen die Tories seine College» und die Maßregel, in der England eine höhere Stufe seiner politischen Entwickelung errang. sS. Reformbill.) Nach dem errungenen Siege mußte indessen der Unterschied zwischen ihm und de» gemäßigten Whigs, namentlich seinem Schwiegervater, stärker hervortretcn. D-, als ein unabhängiger, wenn auch keineswegs schwärmerischer Staatsmann, gedachte nun die Bahn der Reform weiter zu verfolgen, während die eigentliche Whigpartei die Neformbill als eine Schlnßmaßregcl betrachtete. Seine Thätigkeit im Cabinet war hiermit vorüber; ohne so- gleich sein Portefeuille niederzulegen, waren es nun besonders wichtige auswärtige Missionen, denen er sich unterzog. Als Lord Lambton zum Grafen von Dur Ham erhoben, ginger im Juni >832 als außerordentlicher Gesandter nach Petersburg, wo man ihn mit großer Auszeichnung empfing. Der Zweck dieser Reise war wol weniger, wie man vermuthete, auf eine Verwendung für die Polen gerichtet, als vielmehr auf die belg. Angelegenheiten und auf die Herstellung des guten Vernehmens zwischen Rußland und England. Durch das persönliche Interesse, das er dem russ. Hofe cinflößtc, zog er sich jedoch, ungeachtet seiner für England günstigen Wirksamkeit, von den Tories Verhöhnung, von den Whigs Neid, von den Radikalen laute Mißbilligung zu. Nach seiner Rückkehr trat er aus dem Ministerium, machte im Aug. 1833 während der Anwesenheit Ludwig Philipp's eine Reise nach Cherbourg, der man ebenfalls einen öffentlichen Charakter beilegte, und erhielt 183-1 eine Sendung nach Paris, deren Gegenstand wahrscheinlicher oriental. Frage ausmachtc. In jener Zeit war er bei dem schwankenden Benehmen Lord Brougham's im Obcrhause der Einzige, der die Volksintcresscn mit Nachdruck vertheidigte. Ein neuer bedeutender Wirkungskreis siel ihm nach dem Ausbruche der canadischcn Unruhen (s. Kanada) zu, indem er zum Ge- ncralgouvcrnenr und Eeneralcapitain sämmtlicher nordamerik. Colonicn ernannt wurde. Er sollte nicht nur die Wirren des Augenblicks ordnen, sondern auch Vorschläge zu einer definitiven Gestaltung der nordamerik. Verhältnisse machen, und niit fast unumschränktcn Vollmachten durch die sogenannte Canada-Acte versehen, langte er am 21. Mai >838 zu Quebec! an. Seine Schritte, die alsbald wohlthätig auf die Beruhigung der Kolonie wirkten und auch Anerkennung fanden, wurden indessen von seinen zahlreichen Parteifeinden in England mit Argusaugcn bewacht und sogleich in den beiden Häusern der bittersten Kritik unterworfen. Im Juni halte D., weil er weder eine allgemeine Amnestie noch eine Gerichtsverhandlung in der noch immer aufgeregten Lage des Landes für gerathen hielt, kraft seiner Vollmachten die revolutionaircn Häupter in Kanada auf unbestimmte Zeit nach der Insel Bermuda verbannt. Dieses Urtheil ohne richterlichen Spruch, das allerdings ans dem Gesichtspunkte der Verwaltungspolitik gerechtfertigt schien, ward namentlich von seinen Gegnern aufgcgriffen, und Lord Brougham brachte am 8, Aug. eine Bill vor das Oberhaus, welche die Maßregel zwar entschuldbar, aber für eine Überschreitung der Vollmacht erklärte und auf Annullirung der Ordonnanz antrug. Nach kurzem Widerstande von Seite» der Minister, wobei Lord John Russell wenigstens die Verbannung nach Bermuda als Gewalt- uberschreitung zugab, ging die Bill durch. D., aufs höchste erbittert, appellirte jetzt an das kanadische Volk, nahm seine Entlassung und langte am 30. Nov. 1838 in England wieder an, um seine Verthcidigung vor den Häusern zu führen. Kränklich und mit der Überzeugung, daß er als ein selbständiger, den Partcirücksichten abgeneigter Charakter vor der Hand fast vereinzelt stehe, zog er sich nun von den öffentlichen Geschäften zurück. Er starb am28.Juli 1810 zu Cowcs auf der Insel Wight. In seinem Privatleben war D. völlig fleckenlos und von der liebenswürdigsten Persönlichkeit; sein Tod machtein den politischen Verhältnissen Englands einen tiefen Riß, denn beim Rücktritte der Whigs von der Verwaltung blieb nun nur die Rückkehr zu einer Toryregierung übrig. Dürkheim , eine am Ostfuße des Hardtgebirgs gelegene Stadt in dem bair. Kreise Pfalz, an der Jsenach, hat ein Schloß, die Hardenburg genannt, und zählt 4500 E-, welche wichtigen Weinbau und Weinhandel treiben und Papier und Taback sowie Metallarbeiten fabricircn. In der Nähe befinden sich die Saline Philippshall, die Ruinen der ehemaligen Abtei Limburg und Reste der aus den Römerzeiten hcrrührenden Hcidenmauer. Durlach, s. Baden. Duroc (Michel), HerzogvonFriaul, General des franz. Kaiserreichs, geb. am Dürrenberg Durst 539 !5. Oct. 1772 zu Pont-ä-Mousson aus einer altadeligen Familie, wanderte beim Ausbruche der Revolution als Artillcricschüler zu Chalons aus, kehrte aber bald zurück und entging nur mit Mühe dem Schafot. Im I. 1796 kam er als Adjutant des Generals Lespi- naffc zur ital. Armee, wo ihn Bonaparte durch seine Talente und liebenswürdiges Betragen licbgewann und ihn beim Übergange über den Jsonzo (in Friaul) am 19. März 1797 zum Bataillonschef beförderte. An seinen Gönner gekettet, machte er hierauf den Feldzug nach Ägypten mit und zeichnete sich besonders in dem Treffen bei Salehieh und im Sturme auf Jaffa aus. Zum Brigadechcf ernannt, kehrte er mit Bonaparte nach Frankreich zurück, wo er am 18. Brumaire beim Sturze des Tirectoriums sehr thätig war. Der erste Consul sandte D. nach der Katastrophe mit diplomatischen Aufträgen nach Berlin, und während der Friedcnsunterhandlungen von Amiens erhielt er eine Sendung an die Höfe von Petersburg, Stockholm und Kopenhagen, wo er überall mit Glück das Interesse der franz. Politik zu wahren wußte. Nach seiner Rückkunft ward er Divisionsgeneral und bei der Thronbesteigung Napoleon's Großmarschall. In dieser Nähe und als Liebling des Kaisers übte er >.mf die Entschließungen desselben fortwährend einen großen, vortheilhaftcn Einfluß, mäßigte die Zornausbrüche desselben undmachte in den schwierigsten Verhältnissen den rechtschaffenen Vermittler. Während des Vordringens der franz. Armee nach Wien erhielt er eine frucht- .ose Sendung »ach Berlin. Er langte kurz vor der Schlacht bei Austerlitz im kaiserlichen Hauptquartier an und übernahm dann das Commando der Division Oudinot's. Im I. 1896 nach der Schlacht bei Jena Unterzeichnete er den Frieden mit Sachsen, und 1897 nach bcr Schlacht bei Friedland vermittelte er den Waffenstillstand, worauf er vom Kaiser zum Herzoge von Friaul erhoben wurde. In der Schlacht bei Aspern commandirte er mit großem Erfolge die Reserveartillcrie auf der Insel Lobau. Aus Rußland eilte er 1812 mit dem Kaiser nach Frankreich und leitete dort die Reorganisation der Garden. Auf der Höhe bei Markersdorf in der Obcrlausitz fand er am Abende des Tags nach der Schlacht bei Bautzen, ganz in der Nähe des Kaisers, am 22. Mai 1813 seinen Tod durch eine Kanonenkugel, die auch den General Kirchner tödtlich traf. Napoleon betrauerte ihn als seinen unersetzlichen Freund und setzte seiner Tochter noch auf Helena ein bedeutendes Vermächtniß aus. Dürrenberg heißt der berühmte Salzberg im ehemaligen Herzogkhume Salzburg, jetzt im Kreise Obcrbaicrn, eine Stunde von Hallein, in der Nähe von Bcrchtcsgaden (s. d.), und cs ist das dasigc Salzwerk schon seit l 123 im Gange. — Ein anderes Salzwerk Dürrenberg an der Saale im preuß. Hcrzogthume Sachsen, drei Stunden von Merseburg, wurde unter der sächs. Regierung seit 17 63 gangbar. Von hier und Kösen bezieht Sachsen seit der Theilung des Landes zufolge einer Convention von 1819, die mehrmals erneuert worden ist, bis jetzt seinen Bedarf an Salz. Durst. Durch die Lebcnsprocesse im thicrischen Körper wird unaufhörlich eine Menge Feuchtigkeiten verbraucht, deren Ersah zur Erhaltung des Lebens unbedingt nöthig ist, daher das Verlangen, sie durch Trinken zu ersetzen. Eine krankhafte Steigerung des Durstes findet statt bei Zuständen, in denen die Gefäßthätigkeit, die Lungen - und Hautausdünftung abnorm erhöht ist, also bei Fiebern und Entzündungen, oder welche eine bedeutende Absonderung von Flüssigkeiten im Körper verursachen, daher bei Wassersüchten, ferner durch einen örtlichen Reiz aus die Theile, in welchen er sich fühlbar macht, durch gesalzene oder gewürzte Speisen oder durch ätzende Substanzen, endlich durch bloße Nervenaffectionen. Verminderten Durst findet man in einzelnen krankhaften Zuständen; daß man aber Monate und Jahre lang das Trinken entbehren könne, mag bezweifelt werden. Thiere, besonders kaltblütige, ertragen den Durst weit länger als Menschen; es ist bekannt, wie lange das Kameel in der Wüste ohne,Waffcc bestehen kann und wie man lebendige Amphibien an Orten cingeschlos- sen gefunden Hai, wo ihnen durchaus kein Wasser zukvmmen konnte. Auch durch Gewöhnung kann der Durst vermehrt und vermindert werden. Der ungelöschte Durst tödtet den Menschen schneller als Hunger und endet das Leben unter den furchtbarsten Qualen, die bis zum Wahnsinn sich steigern. Kalte Getränke löschen den Durst besser als warme. Das Einsaugungsvermögen der Haut ist stark genug, um das Trinken zu ersehen, daher das Bad den Durst stillt und feuchte Witterung ihn vermindert. Bei den Pflanzen spricht sich der Durst durch Erschlaffung aller ihrer Theile aus. 540 Durutte Duffe? Durutte (Jos. Franc., Graf), franz. Gcncrallicutcnant, gcb. am I-t. Juli > 767 , trat zu Anfänge der Revolution in die franz. Infanterie. Er stieg in den Feldzügen der Republik schnell zu hohem militairischen Graden auf und wurde 1 863 zum Divistonsgcnecal und Commandanten der zehnten Militairdivision zu Toulouse ernannt. Im Kriege von 1860 gegen die Östrcicher war er besonders in Italien thätig beim Übergänge über die Piave und den Tagliamento. Im I. >812 hielt er mit seiner Division Berlin besetzt, dann Danzig, und gegen Ende des Jahres folgte er der Armee nach Rußland. Unter Negnier hatte er am > 3 . Febr. I 8>3 den wesentlichsten Antheil an dem mörderischen Gefechte bei Kalisch. In dem Feldzuge von > 8>3 bildete er mit den beiden sächs. Divisionen das siebente Armeecorps unter Regnier. Nachdem er in den Schlachten bei Bautzen und Großbeeren tapfer gesiechten, rettete er durch den hartnäckigen Widerstand, den er am 6. Sept. dem Bülowsschen Corps in der Schlacht bei Dennewitz leistete, vielleicht das franz. Heer vor gänzlicher Zertrümmerung. Hierauf nahm er Theil an der Diversion gegen Berlin und der Entsetzung Wittenbergs. Als am > 8. Oct. in der Schlacht bei Leipzig die sächs. Truppen zu den Verbündeten übertraten, wurde das sächs. Geschütz sogleich gegen D.'s Division gerichtet, die dadurch furchtbar litt. Beim Rückzuge der franz. Armee bildete er einen Theil der Arriere- garde. Im Feldzuge von >8 >4 entsetzte er Thionville; auch vertheidigte er mit großer Standhaftigkeit Metz. Nach dem Sturze des Kaisers erhielt er von Ludwig XVIII. den Befehl über die dritte Militairdivision zu Metz. Dessenungeachtet übertrug ihm Napoleon nach seiner Rückkehr das Commando der vierten Division im Armeecorps Drouct's. In der Schlacht bei Belle-Alliance kämpfte er mit verzweifelter Tapferkeit. Nach der zweiten Restauration wurde er nicht wieder angestellt und zog sich ganz aus dem öffentlichen Leben zurück. Dusart (Cornelius), ein holländ. Maler, geb. zu Harlem > 665 , gest. > 764 , war ein Schüler des Adrian van Ostade und malte wie dieser Scenen des ländlichen Lebens. In Betracht der Energie der Farbe und des Tons kommt er seinem Meister sehr nahe; seine Bilder sind daher sehr gesucht, ebenso aber auch die nicht ganz unbedeutende Anzahl seiner Kupfcr- blätter, die er in einer geistreich freien Manier behandelte. Dusch (Joh. Jak.), einer der bessern deutschen Dichter und Prosaiker zu Anfänge der klassischen Periode, geb. zu Celle am > 2 . Febr. 1 725 , studirte zu Göttingen neben Theologie insbesondere schone Wissenschaften und engl. Literatur. Nach beendeter Studienzeit war er mehre Jahre Hauslehrer und privatisirte dann von >756 an in Altona, wo er nachher am Gymnasium angestcllt wurde und den Titel als dän. Justizrath erhielt. Er starb zu Altona am > 8 . Dec. > 787 . Als Dichter hat er sich vornehmlich in der didaktischen Gattung und im komischen Epos versucht. Mit Wahrheit der Gedanken verband er einen gefälligen Vortrag, aber es mangelte ihm eine lebendige Phantasie; seine Darstellung ist bald zu blühend und geziert, bald matt und schleppend, und in den didaktischen Dichtungen der Lehrzweck allzu sichtbar. Seine Prosa ist in manchen seiner frühern Schriften, z. B. in den „Moralischen Briefen zur Bildung des Herzens" (2 Bde., Lpz. > 759 ; 2 . Aust., > 772 ), geziert und schwülstig und streift in das Gebiet der Poesie. Seine Romane, z. B. die viel gelesene „Geschichte Karl Ferdiner's" (3 Bde., Bresl. > 776 — 86 ; völlig umgearbeitct unter dem Titel ,Der Verlobte zweier Bräute", 3 Bde. in 6 Theilcn, Bresl. und Lpz. > 785 ) und „Die Pupille", die J. G. Müller nach des Verfassers Tode herausgab (Altona > 798 ), zeichnen sich für ihre Zeit durch Vermeidung des Unnatürlichen, Unsittlichen und Schwächlichempsind- samen in Charakteren und Sprache vortheilhaft aus. Vielen Beifall fanden auch seine „Briefe zur Bildung des Geschmacks" (6 Thle., Lpz. 1764 — 73 ; 2. Aust., > 773 — 79 ). Duffe? (Joh. Ludw.), einer der bedeutendsten Pianofortespieler und Componisten für dieses Instrument, geb. zu Czaslau in Böhmen > 761 , zeichnete sich anfangs als Künstler auf der Harmonika aus. Im I. >786 ging er nach Paris, später nach London, wo er >796 in Verbindung mit seinem Schwiegervater Conchettini eine Musikhandlung und Notenstecherei anlegte. Im I. 1 799 wendete er sich nach Hamburg, später nach Berlin, wo er der Vertraute und Begleiter des durch seinen rühmlichen Tod, wie durch seine großen Talente, namentlich für Musik, bekannt gewordenen Prinzen Louis von Preußen wurde, auf dessen Tod er auch eine Sonate unter dem Titel „kllegie" schrieb. Nach des Prinzen Tod^ erhielt er >866 eine Anstellung bei dem Fürsten von Isenburg, im folgenden Jahre bei Talleyrand, Düsseldorf DutenS 54l mit dem er nach Paris ging, wo er am 20. März 1812 starb. Die Zahl seiner Compositioncn ist sehr groß; auch wurden sic fast durchgehend mit großem Beifall ausgenommen. Bekannt ist insbesondere auch die von ihm mit Plcycl hcrausgegebcne „Metkcxlc nonveila, pmn Io piiliin et notrinunent ;>n„r le (loigster" (Lond. 1796 und öfter). Als Componist zeigte er viel Eigcnthümlichkeit, reiche Erfindung und ein Feuer des Gefühls, welches auch iu seinem trefflichen, sichern und eigentlich großen Spiele unverkennbar war. Düsseldorf, im gleichnamigen Regierungsbezirke der preuß. Nhcinprovinz, dem volkreichsten unter allen Regierungsbezirken der preuß. Monarchie, der aus 98'/, mM. 789999 E. zählt, der Sitz der Negierung desselben und die ehemalige Hauptstadt des Her« zogthums Berg, am Rhein, mit dem sich hier die Düssel vereinigt, liegt in einer herrlichen Gegend und ist eine der schönsten Städte am Rhein. Sie theilt sich in die Altstadt,Neustadt und Karlsstadt. Die Straßen sind zum Theil regelmäßig angelegt und die Häuser durrbgehcnd von gebranntem Stein erbaut. Die Neustadt, welche insbesondere viele schöne Gebäuve aufzuwcisen hat, wurde >699-1716 vom Kurfürsten JohannWilhelm von der Pfalz erbaut, die Karlsstadt 17 87 vom Kurfürsten Karl Theodor angelegt. Letztere besteht aus mehren Vierecken, die einen großen Platz cinschließen, und ist namentlich in neuester Zeit bedeutend an Umfang gewachsen. Zu den Sehenswürdigkeiten gehören die Collcgiat- und Hauptxfarrkirche mit den Grabmälern der alten Herzoge von Jülich und Berg, unter welchen sich das marmorne Mausoleum des Herzogs Johann auszeichnet, die prachtvolle, aber etwas überladene Andreaskirche, früher den Jesuiten gehörig, die bronzene Neiterstatue des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz, welchem D. sein Emporkommcn verdankt, auf dem Markt, eine zweite marmorne Statue desselben Kurfürsten in der Mitte des Schloßhofs, die Sternwarte im ehemaligen Jesuitencollegium, das Antikencabinet und die schöne Sammlung physikalischer Instrumente. Das alte Schloß, welches beim franz. Bombardement von >795 zur Ruine wurde, ist jetzt wiederhergcstcllt, und es befindet sich darin die Malerakademic. Die Zahl der Bewohner beläuft sich auf 39999; sie sind meist Katholiken bis auf 5699 Evangelische und 490 Juden. Die 1699 in D. gestiftete Gemäldegalerie, die reichste an Werken von Rubens (das jüngste Gericht) und andern großen Meistern der niederländ. und flamänd. Schule, sonst die vorzüglichste Zierde D.s, wurde 1895 nach München gebracht; nur die kostbare Sammlung von etwa I -1300 Originalhandzeichnungcn und 23590 Kupferstichen und Gypsabdrückcn ist zum Gebrauche der Käsigen Kunstakademie (s. Deutsche Kunst) noch vorhanden, und cs wurde dieselbe von Seiten der rheinischen Ritterschaft im I. 1841 durch Ankauf einer Sammlung von mehr als 300 Aquarellzeichnungen nach den besten ital. Meistern vermehrt. Außer der Malerakademic hat D. eine Kunst- und Bauschule, ein Gymnasium, eine Realschule und viele andere wohlthätige Anstalten. Ein preuß.-rheinländ. Kunstvercin wurde daselbst 1828 gestiftet. Bedeutend sind die Färbereien, Baumwoll-, Taback-, Leder-, Wagen-, Tapeten- und viele andere Fabriken. Auch hat D. vielen Gemüsebau, und berühmt ist der von dort in alle Gegenden versendete Senf. Höchst wichtig sind der SpeditionS- und Zwischenhandel, besonders die Rhcinschiff- fahrt; D.s Hafen, seit 1829 ein Freihafen, ist einer der besuchtesten am Flusse. Nach Holland und dem Kleveschen besteht eine sogenannte Bcurt- oder Nangfahrt, welche ausschließlich von neun Schiffern betrieben wird, sodaß fünf davon die Transporte nach Amsterdam und die vier andern die Transporte nach Dordrecht und zurück besorgen. Die Dampfschifffahrtsgesellschaft zu D. befährt gegenwärtig mit neun Schiffen, welche an Eleganz die aller andern Gesellschaften übertrcffcn, täglich den Rhein sowol bis Mainz als auch bis Rotterdam, und die übrigen Nheindampfschiffahrtsgesellschaften haben daselbst ihre Agenturen. Mit Elberfeld ist D. durch eine Eisenbahn verbunden, die 1840 eröffnet wurde. D. kam, nachdem die Herzoge von Jülich, Kleve und Berg ausgestorben, an die Pfalzgrafen von Ncuburg und war dann Residenz des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz, bis Heidelberg wieder aufgebant war. Im I. 1795 nach einem heftigen Bombardement von den Ostrcichcrn durch Capitulation an die Franzosen übergeben, blieb D. bei Frankreich, bis eS im luncvillcr Frieden >801 an Baiern zurückgegcben wurde. Hierauf kam es zum Herzog- thum Berg, dessen Hauptstadt es war, und 1815 mit demselben an Preußen. Dutens (Louis), ein durch seine Reisen in Europa und durch eine Menge Schriften, 542 Duttlinger welche den fcingebildeten Weltmann beurkunden, berühmter Franzose, geb. zu Tours in einer protestantischen Familie am l 5. Jan. 173», schrieb noch als Jüngling das Trauerspiel „I.a retour tl'Olzsse ü Itl>u»ine", welches ihn zur Überzeugung brachte, daß er nicht zum Dichter geboren war. Als eine seiner Schwestern auf Befehl des Erzbischofs von Tours in ein Kloster gebracht worden war, verließ er Frankreich und ging nach England. Hier empfahl ihn Betty Pitt an ihren Bruder, den großen Chatham, allein es fand sich keine Beschäftigung für ihn, sodaß er nach Frankreich zurückkehren mußte. Neue Aussichten vcranlaßten ihn jedoch, wieder nach London zu gehen, wo er Lehrer im Hause eines reichen und wissenschaftlich gebildeten Engländers wurde, der, als er merkte, daß D. gründliche Kenntnisse vermissen ließ, dessen Lehrer ward. Schnell hintereinander lernte nun D. mehre lebende und todte Sprachen. Nach dem Tode seines Zöglings übernahm er den Unterricht der taubstummen Schwester desselben, verließ jedoch, als das Mädchen sich in ihn verliebte, aus Pflichtgefühl das Haus ihres Vaters. Bald nachher begleitete er den brit. Gesandten Lord Mackenzie als Se- cretair nach Turin, wo er nach des Lords Abreise bis >762 als Geschäftsträger blieb. Nach England zurückgekchrt, erhielt er durch des Lords Vermittelung eine ansehnliche Pension. Später übernahm er wieder die gesandtschaftlichcn Geschäfte in Turin, bis eine reiche Pfründe, die ihm der Herzog von Northumberland verschaffte, ihn nach England zurückführte. Seitdem machte er mehre Reisen durch den größten Theil von Europa und auf diesen Bekanntschaft mit den meisten europ. Gelehrten. Er starb als brit. Historiograph und als Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu London und der der Jnscriptionen zu Paris am 23. Mai 1812 zu London. Die von ihm hinterlassencn Werke beweisen feiste Vielseitigkeit. Er unternahm die erste und bis jetzt immer noch umfassendste, wenn auch bciwcitcm nicht vollständige Ausgabe von Leibnitz's Werken (6 Bde., Genf 1769, a.). In seinen „Uecker cbes s»r I'origine »es rlecouvertes sttrikuees ,-rux moclerires" (2 Bde., >766 und öfter) stellte er das Wissen und Erfinden der Alten beiweitem zu hoch. Sein ,,'l'ocsin" (Rom 1769), der dann unter dem Titel „^ppel su Kon svns" (Lond. >777) erschien, enthält scharfe Ausfälle gegen Voltaire und Rousseau, wie er überhaupt ein Gegner der reformirenden Philosophie war Historisches Interesse hat seine „blistoire 789). Auch schrieb ec mehre sehr tüchtige Abhandlungen Über Numismatik U. s. W. In seinen „doiisiclerations tlieologikpres s»r les mozens cls rennir toirtes les eglises ckretiennes" (2. Aust., Par. >798) schlug er vor, ein Cvncilium sollte eine allgemeine Concordicnformel nach den Beschlüssen der Kicchenversammlungen der ersten sechs Jahrhunderte aussprechen, und dieser die gesamnUe Christenheit als Glau- bcnsformel ihre Zustimmung ertheilen. Seine Belesenheit in den Romanen beweist seine ,,'Uskle genektloAnpre ctes keros sie romcrn". Allgemeinen Beifall fanden die „i>leinoires ü'nn vozageur cprr se repose" (3 Bde., Par. >866 ; deutsch, 2 Bde., Amst. >868). Ein früheres ähnliches Werk war interessanter für die skandalöse Chronik bedeutender Männer seiner Zeit; er fand aber für gut, die ganze Auflage, ehe sie sich verbreitete, vernichten zu lassen, und erreichte seinen Zweck. Duttlinger (Joh. Georg), bekannt insbesondere durch seine Wirksamkeit in der bad. Ständeversammlung, geb. am >3. Apr. >788 zu Lembach bei Stichlingen aufdcm Schwarzwalde, wurde zuerst in dem ehemaligen Rcichsstiste Sanct-Blasicn, dann auf den Universitäten zu Freiburg und Heidelberg gebildet. Nach einer Reise ins Innere Frankreichs, um die Verfassung und Praxis der franz. Gerichte durch eigene Anschauung kennen zu lernen, trat er in die praktische Laufbahn ein, zuerst als Praktikant beim Criminalamte zu Emmerdingen und hernach > 815 als Advocat bei dem Hofgerichte zu Mörsburg. Im I. >817 wurde er Privatdoccnt an der Universität zu Freiburg und im folgenden Jahre außerordentlicher und > 820 ordentlicher Professor. Seit Einführung der Constitution in Baden war er fortwährend Abgeordneter. In der ersten Ständeversammlung von >819 sowie in der von >82» versah er, als jüngstes Mitglied der Kammer, die Stelle des ersten Sccrctairs und nahm als Redner thätigen Antheil an jenen die ersten Spuren einer beginnenden constitutionellen Entwickelung in Deutschland bezeichnenden Verhandlungen. Unter den Deputieren, welche in Folge ihres bei dieser Gelegenheit erlangten politischen Nuss auch die Negierung auszuzeichnen suchte, wax D., der > 82 > mit dem Chaxaktex eines Hofraths bekleidet wurde. Den Ruf Duumviri 543 als Appcllationsrath nach Lübeck und spätere Berufungen an mehre deutsche Universitäten lehnte er ab. Auf dem Landtage von 1823 wirkte er als Viccpräsidcnt thätig auf der Seite der Opposition, und im Vereine mit Föhrenbach und Grimm bildete er auch auf den zu einem traurigen Schattenspiele herabgcsunkenen Landtagen von >825 und 1828 jene muthige, aber freilich erfolglose Opposition, welcher hernach die Volkskammer von >831 ihren Dank zuerkanntc. Seit >827 Mitglied der Geschgebungscommission, entwarf er die > 831 von der Kammer zum Gesetz erhobene Civilproceßordnung nach den Grundsätzen der Öffentlichkeit und Mündlichkeit, der Kollegialität und der Trennung der Justiz von der Administration, wofür ihm als Anerkennung vom Großherzoge Leopold am 3I.Dec. 1830 die Ernennung zum Geh. Rathe zweiter Clafse wurde. In der Kammer von 1831, die unter günstigem Verhältnissen zusammentrat, nahm D. an allen Verhandlungen wesentlichen Antheil. So war er Berichterstatter über Welcker's Motion auf Preßfreiheit und über das vorgelegte Preßgesch; er stellte den wichtigen Antrag auf die Vervollständigung der Gesetzgebung über Verantwortlichkeit der Minister, der aber zuletzt bciderAdcls- kammer unerledigt liegen blieb, und schloß sich der Protestation Rotteck's gegen die Bundcs- ordonnanzen vom >0. Nov. 1831 an. Auch auf den spätem Landtagen stand er stets auf der Seite der liberalen Partei, unterschied sich aber von Notteck u. A. dadurch, daß er fortgesetzt eine sehr besonnene Haltung sich bewahrte. Beides war z. B. der Fall in den Kammersitzungen von 1833, wo die Zurücknahme des Verbots aller Volksversammlungen verhandelt wurde, ebenso auf dem Landtage von l 835, wo D. bei den Berathungen über den Anschluß Badens an den preuß. Zollverein für den Anschluß stimmte, ferner aufdem Landtage von 1837, wo er in Bezug auf den Antrag des Deputieren von Jtzstein an die bad. Negierung, dieselbe möge beim Bundestage für die Aufrechterhaltung der landständischen Verfassung Hannovers kräftige wirksame Schritte thun, den Beschluß durchsetzte, über diesen Antrag ohne alle Discussion abzustimmen. Auf dem außerordentlichen Landtage von 1838 entschied D. als Deputationsmitglied hauptsächlich die Annahme des Gesetzentwurfs über den Bau der Eisenbahn von Manheim bis an die baselcr Grenze; er sprach dem außerordentlichen Landtage die Befugniß zu, Petitionen gleich dem ordentlichen zu empfangen, und nahm bei Verhandlung der hannöv. Angelegenheit für die Kammer das Recht in Anspruch, für die Wahrung der landständischen Verfassung in andern deutschen Staaken sprechen und wirken zu dürfen. Für die Kammersitzung von >831 wurde er, nachdem er seit 1823 auf allen Landtagen als Viccpräsidcnt fungirl hatte, zum Präsidenten gewählt, und während dieser Zeit starb er in Folge eines Nervenschlags am 12. Aug. 1831. In Folge seiner langen parlamentarischen Erfahrung hatte er eine Hauptstimme bei allen Streitfragen über die Geschäftsordnung; von Charakter war er sehr gutmüthig; als Redner ein gefürchteter Gegner, rasch und treffend, und mit lakonischem derben Witzworte schlagend, scharf logisch und beißend in seiner Ironie; zum Präsidenten befähigte ihn die Schärfe seines Unheils, die Schnelligkeit seiner Auffassungsgabe und die Richtigkeit und Genauigkeit seiner Fragstellung. Als Schriftsteller hat er sich bekannt gemacht durch die Herausgabe der „Quellen des bad. Staatsrechts" (Bd. I, Karlsr. 1822), sowie als Hauptredacteur des von ihm im Vereine mit G. von Weiler und I. von Kettennacker herausgcgebenen „Archivs für die Rechtspflege und Gesetzgebung im Großherzogthume Baden" (3 Bde., Freib. > 829— 35). Ebenso hatte er Antheil an der Gründung und Redaction des „Freisinnigen", der jedoch 1832 verboten und um dcssenwillen D- eine Zeit lang verfolgt wurde, sowie an der „Landtagszeitung". Duumviri, d. h. Zweimänner, war die Benennung mehrer Beamten im röm. Staate, deren Bestimmung durch einen erläuternden Zusatz angegeben wurde. So die duumviri per - cluollionis, welche über perduellio, d. i. Bruch des gemeinen Friedens, richteten, wie es scheint, nur eine außerordentliche Behörde waren, und namentlich als Richter über Hora kius (s-d.), als dieser seine Schwester getödtet hatte, von Tullns Hostilius bestellt wurden. In den Zeiten der Republik soll nach Einigen Manlius (s. d.) von ihnen gerichtet worden sein; später werden sie nicht mehr erwähnt, außer in dem Processe des von Cicero vertheidigtcn C. Na- birius gegen den von dem Tribun T. Atrius Labienus, als dieser ihn wegen Ermordung des L. Apulejus Saturninus anklagte. — Duumviri navsles werden als cineaußerar- dentliche Behörde zur Erbauung und Ausrüstung einer Flotte im I. 311 v. Chr. und im 544 Duval (Alex.) Duval (Valentin) 2. Jahrh. v. Chr. ein paar Mal als Flottenführer zur Sicherung der Küsten erwähnt. — Diinmviri sscrorum oder sscris fi>ci»nllis hieß die priestcrliche Behörde, der die Bewahrung und Auslegung der Sibyllinischcn Bücher anvcrtraut war, bis zu der Zeit, wo statt zwei zehn Männer dazu ernannt wurden. (S. Decemviri.) — Endlich heißen Duumviri schlechtweg, oft auch nach ihrer hauptsächlichen Bestimmung zu Handhabung der Rechtspflege mit dem Zusätze snri dicnndo, die beiden höchsten Magistratspersoncn in denMuni- cipicn und Colonien, an deren Stelle an manchen Orten auch Triumviri u. s. w. Vorkommen; sie wurden von dem Senate dieser Städte, den Decurionen (s. d.), gewählt und hakten neben der Rechtspflege auch die Oberaufsicht über die städtische Verwaltung. Den Titel Eonsules führten sie nie, wenn er ihnen auch manchmal aus Schmeichelei beigelegt ward. Duval (Alex.), einer der beliebtesten neuern theatralischen Dichter in Frankreich, geb. am 6. Apr. 1767 in Rennes, machte im Seedienste den amerik. Krieg mit und war dann Sccretair bei der Deputation der Stände der Bretagne, die in Paris bestand, angestcllt, bis er als Ingenieur-Geograph bei dem Kanalbau von Dieppe verwendet wurde, worauf er sich der Baukunst widmete. Als die Revolution ihn aus dieser Laufbahn gerissen hatte, führten ihn 17!)l die Verhältnisse und seine Neigung auf die Bühne. Als Freiwilliger machte er die ersten Feldzüge des NevolutionSkriegs mit. Nachdem er zum Vkestre trsn^sis zurückgc- kehrt, traf ihn das Schicksal der übrigen Mitglieder dieses Theaters, ins Eefängniß geworfen zu werden. Nur durch den Muth eines Schreibers im Comite des Wohlfahrtsausschusses,, der cs wagte, die Anklagedocumente bei Seite zu schaffen, entging er dem Blutgerüst. Nach dem 8. Thermidor in Freiheit gesetzt, widmete er sich nun ganz der Literatur und galt in kurzem für einen der glücklichsten Lustspiel- und Operndichter. Von seinen Stücken haben sich mehre auf dem Repertoire erhalten. Im I. 18l2 wurde er Mitglied der franz. Akademie und 1839 vom Minister Montalivct zum Conservateur der Bibliothek des Arsenals ernannt. Er starb am 19. Jan. 1832. In seiner „ll.ettre s Nr. Victor H»Fn de I» littei-sture romsntiqne" (Par. 1833) vcrtheidigte er die classische Schule und gab der romantischen den Verfall der dramatischen Kunst in Frankreich Schuld. Eine Sammlung seiner Schriften erschien schon 1822 (9 Bde., Par.). Duval (Amaury), einer der ausgezeichnetsten Gelehrten Frankreichs, der ältere Bruder des Vorigen, geb. am 28. Jan. >760 zu Rennes, bildete sich zum praktischen Rechtsgc- lchrten und trat schon im 29. Jahre mit Auszeichnung als Redner imParlamente von Bretagne auf. Später verließ er jedoch diese Laufbahn, um sich dem diplomatischen Fache zu widmen, und wurde 1785 Gesandtschaftssecretair in Neapel. In Italien sammelte er während seines mehrjährigen Aufenthalts reichenStoffzu einem schon früher entworfenen Werke über die Alterthumskunde. Als er 1792 in Nom war, erhielt er durch Basseville, dem damaligen Gesandten der franz. Republik, die Stelle eines Sccretairs. Bei dem Pöbelaus- stande in Nom im Jan. 1793, der dem Gesandten das Leben kostete, kam er selbst in die größte Gefahr. Bei den geringen Aussichten, die sich in der diplomatischen Laufbahn damals zeigten, wendete er sich bald nachher ganz gelehrten Arbeiten zu und begann in Verbindung mit Chamfort, Ginguene, Say u. A. die „vöcsde plnlosopingue", woran er den thätigsten An- theil nahm. Im I. 1897 wurde diese Zeitschrift mit dem „Nercure de krsnee" vereinigt, den D. bis 1816 herausgab. Schon unter dem Directorium wurde er Bureauchef für Wissenschaft und Kunst im Ministerium des Innern und >811 Mitglied des Instituts. Im I. 1815 verlor er die erstere Stelle; doch blieb er Mitglied der Akademie der Inschriften und schönen Künste. Er starb zu Paris am 12. Nov. >838. Seine Schrift „Des sepultures ober les snciens et les modernes" wurde mit dem Preise gekrönt. Er gab den Text zu De- non's „Nonuments des srts <1u dessia clier les peuples tsnt snciennes cpie modernes" (3 Bde., Fol.), zu Baltard's „ksris et ses Monuments" (3 Bde., Fol.) und zu Moisy's „lkontsines de ?sris, snciennes et ovuvelies" (1813, Fol.); besorgte die Ausgabe des Montaigne (1829) und Scarron (1821) und war ein fleißigerMitarbeikerander „Uistoire littörsire de Is Vrsnce", für die er Bd. 13 —17 arbeitete. Duval (Valentin), Bibliothekar des Kaisers Franz 1., ein durch seine frühem Lcbens- schicksale und die Art seiner Studien merkwürdiger Gelehrter, geb. 1695 als Sohn eines armen Bauers zu Artonay in der Champagne, hieß eigentlich Jameray und wurde, nachdem ex Dux 545 in seinen 10. Jahre verwaist und noch nicht 14 Jahre alt Dienstlostgkeit halber aus seinen Geburtsorte getrieben. Hungernd, bald auch von den Blattern befallen, irrte er in dem schrecklichen Winter von 1709 auf offenem Felde umher, bis der Bewohner einer Einsiedelei, in die er kam, ihn aufnahm. Er theilte dessen Lebensweise und Geschäfte, ward durch ihn fromm, ohne abergläubisch zu sein, und lernte von ihm lesen. Hierauf trat er zu St.-Anne bei Luneville in den Dienst von vier unwissenden Eremiten, die ihm ihre sechs Kühe zur Hut übergaben. Einige Bände der „Blauen Bibliothek" waren seine Lecture, zugleich lernte er hier ohne alle Anweisung schreiben, und ein Abriß der Arithmetik, der in seine Hände fiel, leitete ihn zuerst auf ernstere Studien. In der Stille eines Waldes erhielt er die ersten Ideen von Astronomie und Geographie; einige Karten, ein Stück Rohr als Tubus, auf einer Eiche befestigt, war das ganze Lehrgeräth des wißbegierigen Knaben. Um sich Geld zu Büchern zu verschaffen, machte er Jagd auf die Thierc des Waldes, und der Verkauf seiner Beute verschaffte ihm nach einigen Monaten ein kleines Vermögen von 40 Thalern. Er fand ein goldenes gestochenes Petschaft und ließ den Fund durch den Prediger bekannt machen. Ein Engländer, Namens Förster, meldete sich als Eigenthümer, erhielt dasselbe jedoch nur unter der Bedingung zurück, daß er D. das Wappen genau erklärte. Erstaunt belohnte Förster ihn so reichlich, daß seine nach und nach aus seinem Jagdgewinn angeschaffte Bibliothek bis auf 200 Bände sich vermehrte, indem er auf sein Außeres auch nicht das Mindeste verwendete. Die Studien entfremdeten ihn freilich seiner Heerde, worüber die Eremiten unwillig wurden. Ja einer derselben drohte ihm sogar mit dem Verbrennen seiner Bücher. Dies empörte D.'s Gemüth. Er ergriff eine Feuerschaufel, trieb damit den Bruder aus seiner eigenen Wohnung und schloß sich in dieselbe ein. Auch den andern Brüdern öffnete er nicht eher die Thür, als bis sie mit ihm eine förmliche Capitulation gerichtlich abgeschlossen hatten, worin sie ihm völliges Vergessen alles Vorgefallenen geloben und täglich zwei Stunden zum Studiren zugestchen mußten, er selbst aber für Kleidung und Kost ihnen noch zehn Jahre zu dienen versprach. Eifriger als je setzte er nun seinen Selbstunterricht in dem Schatten des Waldes fort, wo seine Kühe weideten. So von seinen Landkarten umgeben fanden ihn einst die jungen Prinzen von Lothringen. Man machte ihm den Vorschlag, seine Studien bei den Jesuiten zu Pont-ä-Mousson fortzusetzen; aber er nahm das Anerbieten nur unter der Bedingung an, daß seine Freiheit dadurch nicht beschränkt würde. In kurzer Zeit machte er so reißende Fortschritte, daß der Herzog Leopold 1718 ihn mit sich nach Paris nahm, neugierig auf den Eindruck, den diese neue Welt auf ihn machen würde. Doch D. äußerte mit Frei- müthigkeit, daß alle Pracht der Hauptstadt, selbst der Glanz ihrer Opern, weit hinter der Majestät des Auf- und Untergangs der Sonne zurückblicbe. Nach seiner Rückkehr ernannte ihn Leopold zu seinem Bibliothekar und zum Professor der Geschichte auf der Ritter-Akademie zu Luneville. Diese Stelle und der Unterricht, den er dort studirenden Engländern, unter welchen sich auch der später so berühmte Lord Chatham befand, ertheilte, verschaffte ihm die Mittel, seine alte Einsiedelei von St.-Anne neu aufbauen zu lassen. Als Lothringen an Frankreich abgetreten worden war, ging er mit der dorthin geschafften herzoglichen Bibliothek nach Florenz, wo er zehn Jahre wohnte. Kaiser Franz rief ihn als Vorsteher der Münz - und Medaillensammlung nach Wien, wo er am 13 . Sept. 1775 starb. Bei aller Gelehrsamkeit war D. äußerst bescheiden. Seine „Oeuvres" mit einer Biographie wurden von Koch (2 Bde-, Petersb. und Strasb. 1784 , 4 .) herausgegeben. Vgl. Kaiser, „Leben D.'s" (2 Aust., Nürnb. 1788 ), zum Theil aus D.'s eigener Handschrift bearbeitet. Dux, eine herrschaftliche Stadt im lcitmcritzer Kreise des Königreichs Böhmen mit etwa 1200 E-, in einer fruchtbaren und schönen Ebene eine Stunde von Teplitz, ist besonders berühmt wegen des dasigen, dem Grafen von Waldstein gehörigen Schlosses, das mit einem weitläufigen englischen Park und reizenden Anlagen geschmückt ist. Dasselbe enthält eine ansehnliche Bibliothek, bei welcher der bekannte Casanova deSeingalt (s. d.)in seinen letzten Jahren angestcllt war, eine Gemäldegalerie und Waffensammlung, ein Kunst- und Naturaliencabinet. In einem der Höfe befindet sich ein schönes Bassin, welches Albrecht von Waldstcin, Herzog von Friedland, aus Kanonen gießen ließ, die er 1632 den Schweden bei Nürnberg abgenommen hatte. Auch erinnern an diesen manche andere Sehenswürdigkeiten des Schlosses. Namentlich wird D. von Teplitz auS sehr häufig besucht. Conv.-Lex, Neunte Ausl. IV. 35 546 Dwernicki Dwina Dwernicki (Jos.), poln. General, wurde am 14. Mär; 1778 zu Warschau geboren. Seine Altern besaßen mehre Güter in Podolien und Galizien. Nachdem er bereits in der poln. Legion für Frankreich gefochten hatte, nahm er 1809, mit einer aus eigenen Mitteln ausge- rüsteten Schar freiwilliger Reiter an dem siegreichen Feldzuge Poniatow,ki's in Ostgalizien am Dniester Theil und wurde darauf zum Escadronschef ernannt und mit seinen freiwilli-. gen Podoliern dem 15. Ulanenregimente zugetheilt, mit dem er 1812 nach Rußland ging. Nach der Schlacht bei Mir kam er zum Corps Dombrowski's, welcher den kleinen Krieg bei Mohilew und Bobruisk führte. Als Parteigänger wurde er schon in diesem Feldzuge durch seine raschen Unternehmungen den Russen ein furchtbarer Feind. Nach dem Rückzuge über die Bereszina kam er nach Warschau zurück und wurde Major und Commandeur des neuorga- nisirten 15. Ulanenregiments. In Dombrowski's Division wohnte er den Gefechten bei Kalisch und Posen bei. Nach den Schlachten bei Leipzig und Hanau ward er Offizier der Ehrenlegion und 1814 bei Paris, nachdem er den bedeutendsten Antheil an den letzten Tha- ten der poln. Reiterei genommen, Oberst. Nachdem D. in sein Vaterland zurückgekehrt war, erhielt er das Commando des zweiten Ulanenregiments, daß er auf eine hohe Stufe der Vollkommenheit brachte, und wurde als der älteste Oberst bei der Krönung des Kaisers Nikolaus zum Brigadegeneral ernannt. Nach dem Ausbruche der Revolution im I. 18.70 wurde ihm die Organisation der dritten Division der Cavalerie übertragen, die er mit der gewohnten Schnelligkeit betrieb, sodaß cr bereits am 0. Febr. 1831 mit zehn Escadrons, drei Bataillonen Infanterie und einer leichten Batterie den kleinen Krieg zur Deckung Warschaus auf dem rechten Flügel gegen die Russen unter Geismar und Creutz beginnen konnte. Am 14. Febr. traf er bei Stoczek auf dem rechten Weichsclufer mit dem General Geismar zusammen und erfocht hier, trotz der Übermacht der Russen, den ersten Sieg über dieselben. Noch auf dem Schlachtfelde erhielt er den Befehl des Generalissimus, den bei Pulawy über die Weichsel gegangenen General Creutz schleunigst anzugrcifen. D. ging sofort über das noch schwache Eis der Weichsel zurück, vereinigte sich mit den zusammengerafften neuen Truppen des Generals Sierawski, fand die Avantgarde der Russen unter dem Fürsten Adam von Würtemberg bei Nowawicz, schlug sie am 19. Febr. und zwang den General Creutz, über die Weichsel zurückzugehen. Nach der Schlacht von Grochow wurde er nach Volhynien gesandt, um dort den Aufstand zu organisiren. Da er aber daselbst eine sehr kalte Aufnahme fand, so zog er sich längs der galizischen Grenze hin, um nach Podolien zu kommen, wo er auf kräftigere Ünterstützung hoffte. Er nahm eine feste Stellung bei Boremel gegen das Rüdiger'sche Corps, gewann auch am 19. Apr. einige Vortheile, mußte aber nachher der Übermacht weichen, bewerkstelligte jedoch seinen Übergang über den Styr. Auf den Aufstand in Podolien im Rücken der Russen hoffend, nahm er bei Mokalowka an der galizischen Grenze eine unangreifbare Stellung, wurde aber hier von Rüdiger mit bedeutenden Streitkräften so eingeschlossen, daß nur der Rückzug nach Galizien ihm offen blieb. Da er seine Vernichtung vor Augen sah, und in der Hoffnung, daß man ihn aus Ostreich mit den Seinen nach Polen wieder entlassen werde, trat er den 27. Apr. nach Galizien über. Hier wurde sein Corps entwaffnet und mußte kriegSgefangen nach Ungarn ziehen. Er selbst lebte in Laibach, bis er 1832 nach Frankreich ging. Dwina, d. h. die Doppelte, der größte, schiffbare Fluß im nördlichen europ. Rußland und im nördlichen Europa überhaupt, entsteht aus der Vereinigung der Suchona und des Jug bei Ustjug Weliki, die beide den morastigen Waldungen auf dem Rücken des Uwalli entströmen. Nachdem sich die Wytschegda mit der D. verbunden hat, durchströmt die letztere das nördliche Tiefland. Schon 12 Meilen vor ihrer Mündung hat sie eine Breite bis zu einer halben Meile und so weit aufwärts steigt auch die Flut. Bei Archangel wird sie eine Meile breit und erweitert sich zu einem inselreichen, 5 Meilen breiten Lima«, der einen bedeutenden Busen des Weißen Meers bildet. In vier Hauptmündungsarmen ergießt sie sich in das Meer; unter diesen ist der östlichste, der tiefste und schiffbarste, allein durch eine Barre geschlossen, über welche Kriegsschiffe nur mittels der Flut gelangen können. Der Lauf der D. beträgt 160 M. und ihr Stromgebiet 6000 OM. Der Wasserreichthum derselben ist wegen der morastigen, waldreichen Umgebung ihrer Quell- und Nebenflüsse ungemein groß und Dyadik Dyk 547 zwar zu allen Jahreszeiten, obwol vom Nov. bis zum März starker Frost den Strom mit Eis bedeckt. Die Schiffbarkeit der D. beginnt bereits an der Quelle Suchona. Dyadik oder DyadischeS System nennt man das einfachste aller Zahlensysteme, in welchem schon zwei Einheiten einer Classe eine Einheit der nächstfolgenden Elaste bilden. Es gehören dazu nur zwei Ziffern, l und 0, während man zu dem dekadischen Systeme zehn Ziffern nöthig hat. Die l bedeutet in der Dyadik auf der ersten Stelle von der rechten zur linken Hand eins, auf der zweiten aber zwei; die 0 dient blos zur Bezeichnung der Stelle, welche die t einnimmt; auf der dritten Stelle bedeutet die l vier, auf der vierten acht u. s. w., wie dies aus folgender Zusammenstellung hervorgeht: Dekadisch: l, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, S, 10, 20. Dyadisch: 1,10, II, 100, lOI, 110, III, 1000, 1001, 1010, 10I00,u.s. w. Um eine gegebene dekadische Zahl dyadisch auszudrücken, muß man jene, hierauf den Quotienten und so alle folgende Quotienten durch 2 dividiren und die Reste dieser Divisionen, mit Einschluß der 0, wo die Division aufgeht, von dem letzten angefangen, von der Linken nach der Rechten nebeneinanderstellen. So gibt z. B. die dekadische Zahl 45 die Reste dieser Divisionen 1,0,1, I, 0, l, also ist 45 gleich 101101. Da größere Zahlen nach dem dyadischen Systeme sich nur durch viele Ziffern ausdrücken lassen, so ist dasselbe für den Gebrauch nicht geeignet. Des dyadischen Systems gedenkt zuerst Joh. Caramuel, Bischof von Campagna und Satriano in Neapel, in seiner „ülatbesis biceps" (Campagna 1670). Leibnitz scheint es 1697 selbständig für sich gefunden zu haben. In der Hoffnung, dadurch den chines. Kaiser zur christlichen Religion zu bekehren, machte er dem Jesuiten Grimaldi in China seine Entdeckung bekannt; allein ein anderer dort lebender Jesuit, Bouvet, wollte gefunden haben, daß die Chinesen dieses Zahlensystem schon vor mehr als 4000 Jahren gekannt hätten, und daß die Erfindung desselben dem Kaiser Fohi, dem Gründer des Reichs und der chines. Gelehrsamkeit, zugeschrieben werde. Dyer (John), ein engl, didaktischer Dichter, geb. 1700 in Wales, studirte anfangs, wendete sich aber dann zur Kunst. Ohne etwas Ausgezeichnetes zu leisten, durchzog er um des Erwerbs willen als Maler das Land, wobei er indeß die Natur mit künstlerischem Auge beobachtete. Ein beschreibendes Gedicht, „Krongsr Kill" (1717), das Denham's „6ooper's Iiill" durch Einfachheit der Darstellung, Wärme des Gefühls und reizende Naturschilderung übertrifft, machte ihn zuerst als Dichter bekannt. Später machte er eine Reise nach Italien; kränklich zurückkehrend widmete er sich nun dem geistlichen Stande und erhielt nach und nach mehre Pfründen. Sein didaktisches Gedicht über die Wolle und ihre technische Anwendung, ,,1'ke üsece" (1754), behandelt den widerstrebenden Stoff mit Glück, aber der anspruchlose Ton der Dichtung machte aufseine Zeitgenossen, welche blendenden Schimmer verlangten, keinen Eindruck. Auch sein Gedicht ,,1'ke rums ot Lome" (1740) ist reich an einzelnen Schönheiten. Er starb >758. Seine kleinern Gedichte erschienen zu London 1752 und 17 57 und bilden den 53. Theil von Johnson's Dichtersammlung. Seine „?oems" erschienen 1761 zu London. Dyk (Anton van), ein niederländ. Meister und der berühmteste aller Portraitmaler, wurde zu Antwerpen 1599 geboren. Sein Vater war ein geschickter Glasmaler, und seine Mutter berühmt als Stickerin von Landschaften und Figuren. Heinrich van Balen wurde sein erster Lehrer; durch ihn, der lange inJtalien studirt hatte und gute Zeichnung mit blühendem Colorit verband, erhielt D. gleich anfangs eine treffliche Methode. Bald übertraf er alle seine Mitschüler; hierauf nahm ihn Rubens in seine Schule auf und übertrug ihm die Ausführung mehrer großen Zeichnungen, zu denen er ihm nur flüchtige Entwürfe gab. Eine Amazonenschlacht und die Cartons für die Tapeten, welche die Geschichte des DeciuS Mus darstcllten, erwarben ihm das volle Vertrauen und die Achtung des Meisters. Eigene Neigung sowol als die Eifersucht des Rubens bestimmten ihn indeß, sich fast ausschließend der Portraitmalcrei zu widmen. Viele haben behauptet, Rubens habe, um den mit ihm wetteifernden Schüler zu entfernen, denselben zurReise nach Italien veranlaßt; allein größern An-, theil hatte hierbei wol die sorgsame Liebe des Lehrers für den vielversprechenden Jüngling. Ehe D. die Reise antrat, malte er noch drei Gemälde: ein Lcce Komo, einen Christus am 35 * 548 Dyk Ölberge und die Gemahlin des Rubens für seinen Lehrer, wofür ihm dieser ein herrliches weißes Roß schenkte. Wenig Meilen von Brüssel, in dem Dorfe Savelthem, ließ sich D. durch die Liebe für ein Bauermädchen so fesseln, daß er geraume Zeit daselbst verweilte und zwei Altargemälde für die Dorfkirche ausführte, auf deren einem seine Geliebte als Madonna dargestellt ist, und auf dem andern er selber als heil. Martin auf dem Rosse des Rubens. Als Rubens sein Verweilen daselbst erfuhr, bot er Alles auf, um durch einen kunsterfahrcnen Italiener, den Ritter Nanni, Ruhmsucht und Kunsteifcr wieder in des Jünglings Seele zu entflammen. Endlich gelang auch dieses und von Nanni begleitet, eilte nun D. nach Venedig. Hier bildete er sich besonders nach Tizian und Paul Veronese und eignete sich die Glut und den Schmelz ihres Colorits an. Als sein Reisegeld ziemlich aufgegangcn war, ging er nach Genua, wo er viele Portraits zu malen bekam und sich große Summen erwarb. Sodann unternahm er die Reise nach Rom, wo der Cardinal Guido Bentivoglio sein Beschützer wurde, dessen Portrait er ausgezeichnet schön malte. Dies und die Portraits des dort lebenden Engländers Robert Sherley und seiner Gattin machten bald so großes Aufsehen, daß der andern Künstler Neid ihn bewog, nach Genua zurückzukehren, wo er wieder viele Portraits und historische Gemälde ausführte und sich Tizian's großen Stil immer mehr aneignete. Hierauf besuchte er Florenz, Turin und Sicilien, wo er ebenfalls Vieles arbeitete. Als die Pest ihn vertrieb, ging er wieder nach Genua, wo er das berühmte Altarblatt für Palermo beendete. Nachdem so sein Ruf durch ganz Italien verbreitet war, kehrte er in sein Vaterland zurück. Hier führte er viele große historische Gemälde und Altarblätter aus, unter welchen letztem besonders der heil. Augustin in Antwerpen und die Kreuzigung in Courtray berühmt sind. Man erzählt, daß Rubens ihm seine älteste Tochter zur Gattin angeboren habe, daß aber D. sie ausschlug, weil seine frühere Liebe für deren Mutter, Helena, die zweite Gemahlin Rubens', noch nicht ganz erloschen war. Um seinen Neidern zu entgehen, folgte er den Einladungen des Prinzen von Oranien, Friedrich's von Nassau, an seinen Hof nach dem Haag zu kommen. Hier malte er den Prinzen, dessen Gemahlin und Kinder, und diese Bildnisse wurden so bewundert, daß bald fast alle Fürsten und Reichen von D. gemalt sein wollten. Später reiste er nach London und Paris, doch kehrte er bald nach Antwerpen zurück. Ein Crucifir und eine Geburt Christi, die er für Dendermonde malte, gehören zu seinen schönsten Werken. Sein Ruhm wuchs inzwischen so, daß man in England cs sehr bereute, ihn nicht mit mehr Achtung ausgenommen zu haben. Daher ließ König Karl l. ihn entladen; doch D. würde nie dahin zurückgckehrt sein, wenn nicht sein Freund Digby ihn dazu überredet hätte. Dieser stellte ihn bei seiner Ankunft dem Könige vor, der ihm eine goldene Kette nebst seinem reich mit Diamanten eingefaßten Bilde umhing, ihm den Bathorden ertheilte, ein ansehnliches Jahrgehalt aussetzte und eine Sommer- und eine Winterwohnung einräumte. D. vergalt diese Güte durch rastlosen Fleiß; er bereicherte England mit seinen Meisterwerken und führte außer einer Menge Portraits viele mythologische und historische Gemälde aus. Seine Prachtliebe zeigte sich in dem überaus glänzenden Hause, welches er machte; seine Feste, an denen Fürsten und Damen ersten Ranges Theil nahmen, übertrafen alle andere an Glanz undSin- nigkeit, und die ersten Tonkünstler und Mimen wetteiferten, sie durch ihre Talente zu verschönern. Überdies hielt er sich eine Anzahl schöner Mädchen, von denen er die Modelle zu seinen historischen Gemälden entnahm. So verschwendete er sein Vermögen, seine Kräfte und feine Gesundheit; doch würde sein reicher Kunsterwerb ihm das erstere ersetzt haben, wenn er sich nicht in das Studium der Alchemie vertieft hätte. Der Herzog von Buckingham suchte ihn auf andere Wege zu bringen und ihm neuen Lebensmuth zu geben, indem er ihn mit der wunderschönen Maria Ruthven, der Tochter des schott. Grafen von Gore, vermählte. D. besuchte mit ihr seine Vaterstadt und ging von da nach Paris, wo er die Galerie des Louvre zu malen wünschte. Da aber Poussin diesen Auftrag schon hatte, kehrte er sofort nach England zurück. Bereits krank und erschöpft schlug er dem Könige den Plan zu einer Tapetenmalerei vor, wo die merkwürdigsten engl. Feste und Prachtzüge abgebildet werden sollten, und erbot sich, die Cartons dazu zu fertigen. Doch ehe solches zur Ausführung kam, ereilte ihn 1641 der Tod. Er wurde feierlich in der St.-Paulskirche begraben; seine Grabschrift verfaßte der Dichter Cowley. Die vorzüglichsten Galerien besitzen Gemälde von ihm; seine Portraits zeichnen sich durch ungemeine Wahrheit und Natur, leichte treffliche Behandlung Dyriameter Dynamik 549 ^ und Farbengebung aus; Alles ist mit breitem Pinsel gleichsam nur hingeschrieben, flüchtig ' und kühn, und doch sind die Tinten herrlich und weich verschmolzen; seine halben Töne scheinen in der Nähe ins Graue zu spielen, doch sind sie, in gehöriger Entfernung betrachtet, vom wärmsten Lebensodcm durchhaucht; Alles ist klar, nichts weder bunt noch kalt, Alles ruhig, ungesucht; die Stellungen sind der Natur abgelauscht und stets der Individualität eines Jeden am angemessensten. Nie wählte D. vorübergehende leidenschaftliche Momente, still und unverdreht steht jedes seiner Portraits vor uns und läßt uns klaren die Tiefe seines Wesens schauen. Meisterhaft leicht wußte er die Haare zu behandeln; er liebte schwarze Kleidung ! und einfache, grünlichgraue Hintergründe; die Stoffe der Kleidungen wußte er täuschend darzustellen; doch kommen seine spätem Arbeiten den frühem an Zartheit der Ausführung und Vollendung nicht gleich. Seine andern Gemälde haben unstreitig auch in technischer Hinsicht ausgezeichnete Verdienste, doch blieb ihm wahrer Zdealstil immer etwas fremd; seine Madonnen sind mehr Erden- als Himmelsköniginnen. Auch hat man von D. eine große Anzahl herrlicher Kupferstiche, die sehr gesucht sind. Dynameter, auch Auzometer oder Auxometer genannt, ist ein Instrument, welches dazu dient, die Vergrößerung eines Fernrohrs zu messen. Zwar kann dies ganz einfach dadurch geschehen, daß man irgend einen Gegenstand gleichzeitig mit dem einen Auge durch das Fernrohr, mit dem andern Auge aber unmittelbar betrachtet und das im Fernrohr gesehene Bild mit dem durch das unbewaffnete Auge gesehene vergleicht. Betrachtet man auf diese Weise z. B. ein Ziegeldach und findet, daß 4 Ziegel im Fernrohr 80 mit bloßem Auge gesehene Ziegel bedecken, so vergrößert das Fernrohr 20 mal. Bei dieser Bestimmung wird dann crfodert, daß man mit beiden Augen gleich gut sehen kann, und dasselbe ist bei der von Schröter angegebenen Projectionsmaschine der Fall, nicht aber bei den von Adams ^ und Ramsden angegebenen Instrumenten, die einander übrigens sehr ähnlich sind. Dynamik ist als Gegensah der S t at ik (s. d.), welche sich mit dem Gleichgewichte der Körper beschäftigt, die Lehre von der Kraft, welche zur Bewegung der Körper crfodert ' wird. Die Dynamik ist ein Theil der Mechanik, und da man ebensowol feste als flüssige Körper bewegen kann, so hat man zum Unterschiede die Lehre von der Bewegung der flüssigen Körper Hydrodynamik oder Hydraulik genannt, während die Statik derselben Hydrostatik heißt. Die Dynamik muß nicht allein die aus der Erfahrung hervorgehenden Gesetze der Bewegung sondern auch die Wesenheit der Kräfte betrachten. Übrigens hat der Begriff der Dynamik eine viel weitere Anwendbarkeit, die sich soweit erstreckt, als die Wirksamkeit gewisser Kräfte, seien es nun körperliche oder nicht, mathematisch bestimmbar ist, wie denn z. B. die Psychologie Herbart's (s. d.) auf einer solchen Dynamik Dessen, was im Bewußtsein geschieht, beruht. Weil jedoch die Art und Weise, wie der Begriff der Kraft bestimmt und zur Erklärung der Erscheinungswelt angewendet wird, von entscheidendem Einflüsse auf die ge- sammtc wissenschaftliche Naturansicht ist, so bezeichnet das Wort dynamisch undDyna- mismus noch bestimmter einen Gegensatz zu mechanisch und Mechanismus. Unter einer mechanischen Naturansicht versteht man diejenige, welche die Naturerscheinungen und ihre Veränderungen lediglich aus der Lage, Stellung und den wechselnden Verbindungen der letzten Bestandteile der Materie zu erklären sucht, wie dies der bis auf den heutigen Tag in ^ der Physik und Chemie vorherrschende Atomismus unternimmt; unter einer dynamischen diejenige, welche den Naturerscheinungen gewisse qualitativ bestimmte Kräfte unterlegt, deren 1 Wirksamkeit die mathematische Bestimmtheit der Phänomene zu einersccundairen Folge habe. Daß die atomistische Naturansicht die dynamische niemals ganz hat verdrängen könne», hat seinen Grund vornehmlich in den Erscheinungen des organischen und geistigen Lebens, welche > sich niemals durch die Voraussetzungen des Atomismus genügend erklären lassen. Dabei kann sich die dynamische Naturansicht entweder so gestalten, daß sie Dem, was den Erscheinungen zu Grunde liegt, gewisse Kräfte als inwohnend denkt, und Beispiele dafür sind , die Attractions - und Nepulsionskraft, auf welche Kant die Entstehung der Materie zurück- s führte, die Lebenskraft für den Organismus, die Seelenvermögen für das geistige Leben; I oder so, daß sie die Entstehung der Kräfte sammt der mathematischen Bestimmtheit ihrer - Wirkungsweise aus den qualitativen Verhältnissen Dessen, was die reale Grundlage der Phänomene bildet, abzuleitcn sucht, in welcher Beziehung namentlich Herbart's Metaphysik 550 Dynamometer Dyveke zu nennen ist. Jedenfalls bilden Mechanismus und Dynamismus keinen unauflöslichen Gegensatz, sondern sowie jeder Versuch einer mechanischen Naturerklärung doch irgendwie gewisse Kräfte voraussetzen muß, so kann keine dynamische Naturlehre sich wissenschaftlich vollenden, ohne ihre Principien bis dahin zu entwickeln, wo sie eine mathematisch bestimm- tere Anwendbarkeit auf die individuellen Erscheinungen gestatten. — In der Musik bezeich- net Dynamik die Abstufung der Stärke und Schwäche, namentlich in Bezug aufrhythmi- sche und declamatorische Accentuation, worauf in neuerer Zeit, z. B. von Nägeli, eine eigene Lehre gegründet worden ist. Dynamometer oder Kraftmesser nennt man ein Instrument zur Bestimmung des Maßes bewegender Kräfte und in specieller Anwendung der menschlichen und thierischen Muskelkräfte. Der nach verschiedenen früher« Versuchen von Regnier im I. l807 der me- dicinischen Facultät zu Paris vorgelegte und von ihr als vollkommen zweckmäßig erkannte Dynamometer wurde in neuerer Zeit von Muncke mit einigen Verbesserungen versehen. Dynast, seiner griech. Ableitung zufolge eigentlich ein Mächtiger, hieß bei den Alten insbesondere ein mit Herrschergewalt Begabter, der aber nicht bedeutend genug war, um den Königstitel erhalten zu können. Der davon hergeleitcte Ausdruck Dynastie bedeutet eigentlich eine Herrschaft, dann aber vorzugsweise eine Herrscherfamilie, eine Reihe von Herrschern aus einem und demselben Geschlechte. Die Dynasten des Mittelalters, in dem Sinne als Freiherren (über, ckomini, liberi barones), deren Vorzug aber nicht noch- wendig auf der Freiheit ihrer Besitzungen vom Lehnsnexus sondern vielmehr auf der Freiheit des persönlichen Standes beruhte, mögen zwar genealogisch ihren Ursprung in den Häuptlingschaften der alten Germanen suchen, ihre staatsrechtliche Bedeutung aber erhielten sie erst seit dem l l. Zahrh. bei Verfall der Gauverfassung, durch die Bildung eigener rcichsfreier Territorien oder Grafschaften im neuern publicistischen Anne, welche aus einzelnen Stücken der alten Grafschaften und aus einzelnen Herrschaften bestanden. Der In- begriff solcher Grafen und Herren bildete, im Gegensatz zu denjenigen Grafen, welche eine wirkliche in ihrer Familie erblich gewordene Gaugrafschaft als ursprüngliches Neichsamt regierten, den seit dem 12. Jahrh. sogenannten Landgrafen, einen Dynastenstand oder den Stand der alten Freiherren. Diese gehörten als Semperfreie (viri egi-egi»« libertatis) dem fürstenmäßigen hohen Adel, die Mittelfreien, blos Ritterbürtigen, dagegen dem niedern Adel an, und die ursprüngliche Bedeutung der Freiherrlichkeit blieb bis ins > 5. Jahrh. in Kraft. Seitdem aber das Prädicat Herr, Freiherr und selbst Graf an Personen des niedern Adels, welche weder Landeshoheit noch Reichsstandschaft besaßen, als bloßer Titel vergeben wurde, nahmen die alten Dynasten sämmtlich den ihnen gebührenden gräflichen Titel wieder an, und es fiel sonach die bis dahin zwischen den hochadeligen Fürsten und Grafen einerseits und dem niedern Adel andererseits bestandene Mittelstufe der Herren oder Dynasten weg. Dyskräste, eigentlich eine üble, fehlerhafte Mischung, bezeichnet sowol eine eigen- thümliche selbständige Krankheit, als auch den verderbten Übeln Zustand der Säfte des menschlichen Körpers, wie er durch Krankheiten, z. B. Syphilis, Skorbut, Gicht u. s. w., oder durch fehlerhafte Diät herbeigeführt wird. Dasselbe wird durch das Wort Kakochymie ausgedrückt. Ein sehr verwandter Begriff ist der des Wortes Kachexie (s. d.). DyvKe, d. h. Täubchen, von den lat. Chronikenschreibcrn Columbula genannt, geb. 1488 zu Amsterdam, die Tochter der Sigbrrt Wylnis, ist bekannt durch ihr Liebesverhält- niß zu dem dän. Könige Christian II. und in Werken der Dichtkunst viel gefeiert worden. Christian lernte sie in Bergen I5V7 kennen, wo sich ihre Mutter als Schenkwirthin nieder- gelassen hatte; sie ergab sich ihm und folgte ihm nach Opslo und nach seiner Thronbesteigung im 1.1513 auch nach Kopenhagen, wo der König, trotz seiner Vermählung mit Jsa- Hella, der Schwester Kaiser Karl's V., sein Verhältniß mit ihr fortsetzte und ihrer ränkesüchtigen Mutter einen unbegrenzten Einfluß auf die innern Angelegenheiten des Landes gestattete. Obgleich nun die D. selbst sich von jeder Einmischung in die Regierungsangelegenheiten gänzlich fern hielt, so wurde sie doch von der Adelspartei gehaßt und als geheime Grundursache alles Übels hetrachtet, sodaß die Vermuthung, der plötzliche Tod der D. im 1.1516 sei durch Gift erfolgt, welches ihr der Adel, namentlich die stolzen Verwandten des um die Liebe der D. werbenden Schloßhauptmanns Torben Oxe, in vergifteten Kirschen E 551 Eau de Colognc beigebracht, fafl jur ©ewifheit geworben ifl. Bad) bem Sobe ber ®. 6tat() ber Straftet Ghriflian’« in feiner ganzen SÖUbtjeit her»or; er ließ etfl gaaburg, ben ©chafcmeifler, t)in* rieten, weil biefer geäußert, Sorben Dpe tjabe mit ber £). gebuhlt, fobann aber, angeblich burch eine nächtliche 6rfd)einung bewogen, biefen felbfl. ®ec eigentümliche Gontraf! $wi« ftf)en bem unbänbigen graufamen ßljaraftcr be« .ftönig« unb ber zarten Blilbe ber ®., bie auf ben ätönig ftef« mit befänftigenber ©d)mctd)elfraft gewtrft batte, lieg fd)on »on früher Seit an bie ©efcbtdjte be« Stäbchen« als einen banfbar poetifd)en ©toff erfdjeinen. ©antföc, ein bän. Sinter, fd^rieb bereit« gegen (Snbe be« 18.3af)t:b- ein in .Kopenhagen oft aufge» führte« Srauerfpiel „£)t)»efe", welche« »on Stanthep in« ®eutfcf)e überfegt würbe. (Slltona 1798; neue StufT., £pj. 1810). Bo»elUfltfch»hiftotifch behanbelte benfclben ©toff G. Stünd) in feinen ,,95iographiftt>'t>iflorifcf) c n ©tubien", rein nooelliflifch 2. ©djefer unb Sromltg, al« hifiorifchen SRoman ber SDäne 3- G, -paud) in „SBilbelnt Sabern" unb 3ba grief in „©pbrecht Bplm«" (®re«b. unb 2etpj. 1843), al« Srauerfptel -p. SDtarggraff im „Saubren »on Slntflerbam" (2pj. 1839) unb g. »onDtiefhoff in ber Sragöbie ,,®ü»efe" (Berl. 1843). f. Son unb Sonarfen. (Sari, ein engl. 3lbel«titel, entfranben au« bem bdn. 3arl, würbe bei ber Groberung Gnglanb« burch bie Normannen im 3- 1066 bahin »erpflanjf unb be-fonbet« unter Jtönig ©te»han, 1135 — 54 , jur ©tanbe«au«ä»ichnung auch ohne 3lmt. 3«at machte ©tephan’3 Siachfolger, Heinrich II., ben Berfud), biefen Sitel wieber abjufdjaffen; allein im ©egen» theile würbe burch benfelben bet fächf. 3lbel«titel SUberman (f. b.) »erbrängt, fobajj nun Garl bi« in bie Stifte be« 14. 3aljrh- bie I)öct)fie ©tufe be« engl. Slbel« bejcichnete. Sluf bie jweite ©tufe Würbe ber Garl herabgebrängt, feitbem Jtönig Gbnarb III. 1355 feinen ©oljn, ben fogenannfen ©chmarjen Prinjen, jum -perjog(Duke), unb auf biebritte, al«9tid)arbll. ben Stöbert Bern 1385 jum Starqui« »on Sublin ernannte. Eau de Cologne ober Äölnifcheö SBaffer. Dbgleid) im ©ebiete ber eigentlichen Pharmacie unb Jpeilmittellehre aud) bie granjofen mit bem Samen ber Eaux nur wirtliche« über normalifchen Pflanjentheilen, Blüten u. f. w. abgejogene« 2Baffer »erflehen, j. 33. Eau de menthe poivree, Pfeffermünzwaffer; Eau de fleurs de tilleul, Sinbenblütenwaffcc u. f. w., fo hat jtch bod), im 3ufammenhange mit ber franj. Bezeichnung be« Branntwein« (Eau-de-vie), im ©ebiete ber Parfümerien unb Siechmittel ber Same ber Eaux für eint Klaffe »on glüfftgfeiten geltenb gemacht, welche gar fein SBaffer enthalten, fonbern nur SBeingeift ftnb, in welchem burch DefltUation mit Pflanjenförpetn ober auch burd) unntit* telbare 3luflöfung wohtriechenber ätherifcher Die unb -patze mannigfache Siechftoffe aufge» löft ftnb. Biele biefer Eaux haben ihren Barnen nach ber Dualität ber Siechftoffe, 5. B. ba« au« fübfranj. 2a»enbel bereitete Eau de iavande; anbere bagegen »erbanfen ihreBencn» nungen nur ben gabrifanten, Wte Eau de mille fleurs, Eau de la reine u. f. w.; anbere enb» lieh fnüpfen ihre Barnen an bie gabrifation«orte ober beflimmte Gigcnnamen, wie Eau de Cologne, Eau de Saxe, Eau de Luce u. f. w. 21m befanntcflen hat fich unter allen btefen Parfüm« ba« »or langer Seit burch bi« gamilie garina in Jtöln erfunbene unb feitbem »or» jug«weife »on ben ©liebem biefer gamilie fabricirte Eau de Cologne gemacht. £)er ©treif barüber, Wer gegenwärtig eigentlich echte« Eau de Cologne bereite, ifl, wie alle im Patfu» meriehanbel fo häufige ©treittgfeifen ähnlicher 3lrt, infofern ein »Öllig unnüber, al« bie ur« fprüngliche Borfcf)tift jur Bereitung be« Eau de Cologne nie publtcirt, alfo auch gar fein Begriff feftgeftellt worben ifl, ber hier al« Stafjflab bienen fönnte. Sille biefe Stiftcl finb unb bleiben Sluflöfungen riedjenber ätherifcher Die, unb zuweilen auch öon -Parzen, 5. B. Benjoe, in SBeingeift unb werben burch SBafferzufa$ milchig getrübt; obfehon e« in ben meifien gälten chemifcf) nicht wohl möglich fein wirb, über bie 2Irt ber aufgelöflen Biechftoffe befiniti» ju entfeheiben. — £>a«Eau de Luce entfernt fich »on bet eigentlichen patfume« 552 @6be unb grlut .V t-i tie; e« ifl eine milchige Sluflöfung »on ätherifd)em33cmfleitwl inSlntmoniaf, »on fe£>r burch bringenbem ©eruch; baher als Gied)< unb SJelebungSmittel, überhaupt a(S Gegenmittel in Slnwenbung, welfbe SBirfung übrigen« aucf) anbere SRiect)it>äffcr in milberm ©rabe haben. ©übe unb ^luf nennt man ba« abwedhfelnbe, in 24 ©tunben jmcimal mieberfetjrenbe ©teigen unb galten be« Gteerwaffer«, bas imSlttgemeinen folgenben Perlauf hat. ^Beginnt «tan bie 33eobad)tung jur Seit be« l;bd)flen SBafferflanb« ober ber »ollen gluf, fo bemerft man anfangs gar feine Anbetung, benn ein erfl langfame« ©tnfen be« SBaffer« (Sbbe), ba« bret ©tunben lang immer fcfyneller, bann aber wieber (angfamer wirb unb nach 6% ©tunben »öllig aufhört, wo bann ber tieffle SBafferflanb ober bie tieffle ©bbe eingetreten ifl unb ganje ©egenben am Ufer, bie erfi mit SBaffer bebedt waren, troden gelegt finb. Gad)= bem biefer tieffle ©tanb wenige Glinuten gebauert hat-, beginnt ein erf! langfame«, aber immer fcfjncller werbenbe« ©feigen be« SBaffer« (glut), ba« brei ©tunben nach bem Slnfange am fdmellflen ifl, bann wieber langfamer wirb, bi« nach 6‘/ 4 ©tunben, »on ber tiefflen Gbbe an gerechnet, ba« Glecr wieber feinen hödjflen ©tanb (^)od»meer) erreicht hat. ®ie Seob- adjtung biefer Gtrfdjeinungen wirb übrigen« baburcf) nicht wenig erfdßwert, baß ba« ©teigen unb gallen ntd)t ruhig unb allmälig fonbern in unaufhörlichen auf- unb ntebergehenben Stellen ober Schwingungen »on fiatten gef)t. ®er Unterftfiieb $wifcf)en bem t>öct)fien ttnb tiefflen SBafferflanbe ifl nad) Seit unb Drt feft »etfefieben. ©old>e Glecre, bie an ben mei- flen ©eiten eingefdjloffen ftnb, wie bie Sflfee unb ba« ©ehwarje Gleer, haben feine 6bbe unb glut, nod) weniger alfo ba« Jtafpifcfye SGcer, ba« nur al« ein großer ßanbfee ju betrachten ifl; im SHittellänbifdjen Gteere ifl 6bbe unb glut jwar merfltd), aber fef>rfcfjruac^. ®ie Seif »on einer t>of>en glut jur näd)flen bauert 12 ©tunben 25 Glitt., baher ftnb jwei fold)e Seiträume etwa 50 Gtin. länger alS'ein Sag, unb mithin treten ©bbe unb glut an jebent Sage 50 Glm. fpäter al« am »orhergehenben Sage ein, fobaß immer erfl nad) 14 Sagen Gbbe unb glut wieber auf biefelben SageSflunben fallen. ®emnad) »erfpätet ftd) bie glut an jebent Sage fafl genau um ebenfo »icl, al« ber Durchgang be« GtonbS bttref) ben Giert- bian, unb tritt an ben Sagen be« Geumonb« unb SSollmonb« genau tu benfelbett ©tunben ein. Um biefe Seit tfl zugleich bie glut am höchflen, jur Seit be« erffen unb lebten Glonböiertel« aber am niebrigften; jene glut nennt man ©pringflut, biefe Gi pp* ober taube glut. ßnblid) hat man beobachtet, baß bie glitten um bie Seit, wo ber Gtonb in feiner 6rbnä£)e fleht, merflid) f)öf)er ftnb al« um bie Seif, wo er in feiner ©rbferne fleht. Sei biefer tn bie Slugen fallenben Uberetnfltmmung jwifchen ben ©rfchetnungen ber ©bbe unb glut einerfeit« unb ben ©fellungcn be« Glonb« anbererfeif« lag e« nahe, einen ßaufatjufammenhang jwi- fdjen biefen unb jenen ju »ermüden. ©cljon Jlepler leitete bie ©bbe unb glut »on ber.Slnjie- Ijung be« GtonbS her; aber eine wollig befriebigenbe ©rflärung, bie noch je§t adgentein al« richtig angefchen wirb, gab jtterfl Gewton um 1687 , unb ®an. Sernoulli, Glaclaurtn, ßuler, fiaplace führten fte nur in ihren©injelheiten weiterau«; bie breißrflen öerattlaßf burch eine im 3 . 1738 »on ber parifer Slfabemic ber 2Bi(fenfchaften aufgeflellte Preisfrage, ber ßeßte in ben ®enffd)riften betfelben Slfabemie »om 3 . 1775 . intmelSförper fomol ihren höchfien als ihren ttcfflen ©tanb errei* cfjcn, je ttadjbcnt ffe burch bic f«bttc£>c ober nörbliche £äifte beS SDlet-ibianS gehen, eS mag über ober unter bent .fmrijonte gefchchen, unb je naher ber SJtonb bem Senitf) ober Slabit eineb DrtS fleht, befio größer mitb bafelbfl bie $lut fein. 3n_aßen benjenigen fünften ber ©rbobcrfldche, welche jmifdEjen ben »orhtn bejcicfjnefcrt bciben fünften gerabe in ber ©litte liegen, finbct ber tieffie SBafferfianb ober bie ticffte ©bbe flatt, mäf)renb jene bie Ijöctifte glut haben. SBicmol nun bie obige Slnnal)me, baß bic ganje ©rboberfläche mif.Sßaffer bebetft toärc, mit ber SBirfliehteit nicht übereinßlimmt, fo bef)ält bocf) bie mifgetheilfe ©tflärung in allen $aupfpunften ißre Stich tigfeit, ba befanntlid) ber größte Sf)eil ber ©rboberfläche »om ©leere eingenommen mitb; nur fällt, mie mir foglcid) fehen mcrben, bie Seit beS Eintritte ber glut mit bent höchfien ober tiefften ©taube beS ©tonbS in ber Sieget nicf>t genau jufammen. ®a fieb) bie ©rbe in 24 ©tunben »on SBefien nach -Dfien um ihre Slchfe bretjt, fo bemegt ftd) ber ©tonb fcfjeinbar »on Dfien nach Sßeflcn um bie ©rbe unb !ef)rt, ba ficb> feine mirftid)e SSemegung »on SBefien nach Dfien mit biefer fcheinbaren »erbinbet, erfi vtadE) 24 ©tunben 50 ©tin. rüiebcr junt SÖleribian juritef. SBätjrenb biefer Seit fiet>t er aber fetyr »erfetjiebenen fünften ber ©rbe im Senith unb Stabir, fomie überhaupt im ©icribian; bie Flutwelle rüctt bafjer auf ber ©rbe fort, unb nach 24 ©tunben 50 ©iin. haben bfefetben ©egenben mieber glut, mete^e fte anfangs hatten. Stad) biefer ©rflärung müßte jeber Drt ber ©rbe immer ju ber Seit Stuf haben, t»o ber ©ionb im ftdjtbaren ober unftrfjtbaren Sheile feines ©teribianS fiel)!; fte tritt jebod) faßt immer erfi fpäter, oft »iel fpäter ein, t»aS »on ber Srägheif beS SßafjerS, ber gegenfeitigen Stetbung feiner Steile, bem SBiberfianbe ber üüfien u. f. t». herrührt. ®er Seitraum, melcfjer jwifc^en ber ©ulmination beS ©ionbS unb ber barauf folgenbett »ölten glut »ergeht, t>eißt bie ^tafenjeit ober baS ^pafenetabliffement unb ifi an einem unb bemfelben Drte mit geringen Sibmeichungen immer gteid) groß; er gibt jugleid) biejenige SlachmittagSjlunbe an, ju melier am Sage beS SieumonbS, an melchem ber ©tonb gleichzeitig mit ber ©onne burd) ben ©leribiatt gef)t, .bic »olle glttt eintritt. ®iefe ^tafenjeit ifi in ©ibraltar null (alfo tritt Ijier bic glut immer gleichzeitig mit ber ©ulmination beS ©IonbS ein); in Slicuport unb an ber ©ntSmünbung beträgt fte '/* ©tunbe, in Dfienbe 20, in £upl;a»en 40 ©?in., in üBliefjingen I ©tunbe, in ßabij l 1 /*, in Sonbon 2%, in Slotter» bam 3, in Siffabon 4, in Slmfierbant 4y 2 , in Hamburg 5, in ^Mpmouth, Simericf, ©t.» ©ialo 6, in S3rifiol 6 3 / 4 , in ®ublitt 9 3 / 4 , in S3oulogne, ®o»er unb ®ieppe 10—11, in ßioerpool, ßalais, ^ortSntoutl) 11 ©tunben unb barüber) in ®ün£trc^en 12 ©tunben. Slbcr ber 9)lonb ifi nicf)t bie einzige Urfac£)e ber Grfcljeinitngen ber ©bbe unb gluf, fon* bern auct) bie ©onne übt einen ät)nlie|en, micmol i^rer ungeljeucrn ©ntfernung megen weit fd)t»äd)ern ©influß auf baS SBcltnteer aus. S^ar ift tfjre Slnjiet)ung auf bie ganje ©rbe fafi 180 mal größer als bie beS SÖionbS, aber nur auf ben Unterfcfjieb ber Sinterungen, mld)t auf bie nähern unb entferntem fünfte ber ©rbobcrfläcEje auSgeübt merben, fommt eS |ier an, unb biefer Unterfcijieb ifi bei ber ©onne »erljättnißmäßig (b. fj- im 5Berb)ältniffe jur gan= jen Slnjiel)ung) «eit geringer als beim Slionbe. SitdifSbejiowentger toirb bie SBirfung ber ©onne infofern gar fefjr merflicl), als fte bie beS SDlonbS enftoeber »erfiärft ober fd>«ädt>t, unb jugleid) ben ©intritt ber glut um einige ÜJtinuten bef(i)leuntgt ober »erjögert. Seibe Urfadten, bie Sinterung beS ÜJtonbS unb bie ber ©onne, mitten jufammen unb bringen bie größte glut reroor, menn SJlonb, ©rbe unb ©onne in geraber Sinie fieren (mte bieS um bie Seit beS SMmonbS fomot als beS SleumottbS ber gaß ifi), meil bann SJfonb unb ©onne ge» nau in benfelben ©egenben ber ©rbe glut rer»orbringen. ©fert bagegen ber SJlonb im erfien ober leßfen S3iertel, alfo 90° »on ber ©onne entfernt, fo faßen SJionbflut unb ©onnen» ebbe, ©onnenflut unb SRonbebbe jufammen, ©onne unbSDionb mitten barer etnanber btrect entgegen unb bie ^»öre ber mitflicT fiattfinbenben 3luf, ber Unterfdjieb beS röcTfien unb nie» btigfien SBafferflanbS, ifi meniger bebeutenb als ju jeber anbern Seit. SluS ben bereits oben angegebenen ©riinben tritt bie röcTfie glut ober ©pringftut gemörnlicT erfi einige Seit nacT bem Sleumonbe ober SSoßmonbe ein, j. S5. in ben franj. ^)äfen am SltlantifcTen ©ieere 1 */* Sage na^er; baffelbe gilt »on ber niebrigfien ober Siippflut. ®a fief) nun bie ©inmirtung beS SßonbS ju ber bet ©onne (in ber riet in Siebe fle^enben £injtcf)t) ungefärt mie 5 ju 2 554 ©bei »erhoff, fo wirb fiel) bic größte glut Jur fleinfien etwa wie 7 ju 3 »erraffen. 25ieS ifi aber nur ber mittlere ober burcfyfcfynittltcfye Unterfdjieb; baß ber wirftiefje nod) oiel beträcb)tltdb)er fein fann, ergibt ft cf), wenn man auf bie ungteicfje ©ntfernung beiber .fumtnelSförper Siitcf* ftd)f nimmt. ®ie größte, bie mittlere unb bie fleinfie SBirfung ber Sonne »erhalten fiel) wie 21, 20 unb 19. JMe SBirfungen beS SRonbS wie 59, 50 unb 43. gäUt nun bie fleinfieGnt* fernung ber Sonne mit ber fleinfien beS SOionbS jufammen, in welchem Salle if)te gemein* fdjaftlicfje SBirfung am größten fein muß, fo ifi bie Springflut gleich 80, fällt aber bie fleinfie ©ntfernung ber Sonne mit ber größten beS SDlonbS jufammen, in welchem gaEe bie fOionb- ftut jut Seit ber Quabraturcn ober SRonboiertel bie größte ©erminberung erletben muß, fo ifi bie ©ippflut gleid) 22, b. 1). bie i>öc£>fie glut »erfjält ftd) jur niebrigfien beffelben Srts wie 80 ju 22, ober jene ifi fafl »iermal fo groß als biefe. SCußer ber ©ntfernung beiber .fjint* melSförper »on berGrbe ifi aud) E)re ©ntfernung »on bern Äquator »on ©influß; benn je näfjer fte bem Sfquator fielen, befio größer ifi ifyre SBirfung. ®a nun um bie Seit ber^qui* noctien beim ©eu* unb ©oEmonbe beibe bem Äquator nat>e ftnb, fo ifi bann bie Springflut am größten. Sagegen ifi bie ©ippflut um bie Seit ber Slquinoctien niebriger, als um bie ber Solfiitien, weil ber SKonb im erfien unb leßtett Viertel um jene Seit am weitefienoomSlqua* tor entfernt, um biefe Seit aber ifjm qm näctjfien fielst, ©o beträgt in ©refl nad) 16jäf)rigen Scobacf)tungen bie burd)fd)ntttlid)e Slquinoctialfpringflut 6 4 /io, bie ©olfiitialfpringflut 5 h /io, bie ©olfiitialnippfluf 3'/ 10 , bie SXquinoctialtiippflut 2'/ 3 SRetreS. ©roßen ßinfluß auf bie *^>öf>e ber glut f>at aud) bie Drtlicfjfeit. Suerfi ifi im SÜllgemeinen bie ©bbe unb glut für je* ben Drt ber ©rbe befio befräd)flid)er, je näßer er am Äquator liegt, was bafjer rüljrt, weil fOlonb unb.Sonne nie feljt weit (biefe niefjt über 23'//’, jener nid>t über 28 I /j 11 ) »on ber ©bene beS SlquatorS entfernt fein fönnen; in tjöljern ©reiten werben biefe ©rfd)eimtngen immer unmerflidf)er unb in ber ©ät)e ber ^>olarfreife Ijören fte gänjlid) auf. Slußer ber geo* grapl)ifd)en ©reite wirft aber aud) bie ©efialt unb Sage ber Jfüjien unb Snfeln auf bie bort fiattfinbenbe ©bbe unb glut wefentlid) ein, weSfyalb bie .£>öf)e ber glut oft in nal)ebenad)bar» ten ©egenben fet)r »erfd)ieben ifi. 3m Stillen SReere ober ©roßen Dcean ifi bic glitt gro» ßentfjeilS fet>r fcf>wad> unb beträgt 5. S. bei ben ©efeEfcfyaftSinfeln nicljt leicl)t über 1 g., bei ben ©anbwid)infeln nid)t über 2% g. u. f. w. 3m Sltlantifcfjen SReere fieigt fie bei St.« Helena 2—3, bei ben Sporen 5 — 8, bei ben ©anarifefjen 3nfeln 7—8, an ber amerif. Äüfle 6—30 unb mel>r guß, in ber gunbpbap nod) weit l>öf)er, an ber fran$. unb engl, üüfie 18—20 g., bei St.*ÜRalo, am wefitidjen ©nbe beS JfanalS Samandje, über 46, janadjeini* gen Angaben über 60 g. 3« ber ©orbfee fieigt bie glut an ber @lbe* unb SBefermün* bung 12, bei $elgolanb 6, bei Slmfierbam nur 1'/, g. 3m SRittellänbifdjen SReere ifi fte, wie bereits erwähnt, fel)r fd)Wad); bei ©eapel unb SEoulon beträgt fte nid)t leid)t über I g., bei ©enebig nur 1 l /i — "i'/% g. u. f. w. ©ei netgleicbenben Eingaben biefer 3lrt ttjut man am bejien, bie mittlere glutfjöße anjugeben, unb jwar ben mittlern ©etrag ber SEotalflut, worun» ter man bie fyatbc Summe bet $öf)en jweier aufetnanberfolgenben »ollen gluten über ber jwifd)cn iljnen Uegenben tiefflen ©bbe »erfleljt. Sie beträgt im SRiftel auS fcl)r »telen ©eob* adjtungen in Gfjerbourg 2,70, in Sieppe 2,87, in ©reff 3,21, in ©t.*9Ralo 5,98 fDletreö. 3n ben glüffen gel)t bie glut oft weit (anbeinwärtS, befonberS wenn biefelben ein geringes ©efälle fjaben, unb l)inbert baburd) ifjren Sauf; fo foll fte im Slmajonenfirome bis 120 2R. »on ber 9Rünbung nod) merflid) fein. 3n ber Siegel bauert aber in ben glüffen bie ©bbe länger als bie glut, unb ber ©bbefirom beroegt fiel) alfo (angfamer als ber glutfirom, 5. ©. in ber Sfjemfe bet Sonbon legt jener 3 '/ 2 , biefer 5 g. tn ber Secunbe jurüdf. 3e l)öt)et lanb* einwärts man in ben Strömen fommt, befio fpäter tritt bort bie glut ein, was für bie firont* aufwärts fafjrenben Skiffe »on ©ort^eil ifi unb ißre gal)rt nid)t wenig beförbert, wäßrenb ein mit ©bbe firomabwärts faßrenbeS Sdjiff bie 33ortf>eile ber ©bbe ntd)t fo lange genießt, ba eS halb an Orte fommt, bei benen bie iljm entgegenwirfenbe, bie galjrt »erjögernbe glut früher eintritt als an bemDrte, ben eS »erlaffen Ijat. ©bei (3of). ©ottfr.), ein burd) ©eelenabel unb uneigennüßige SBirffamfeit auSge* jei^neter SRann, geb. am 6. Set. 1764 ju 3ülltcl)au in bet Sieumarf, fiubirte ju granffurt an ber Dber bie Slrjneifunbe unb tjielt ftd), nacl)bem er f)ier promooirt, bis jurn grül)jat)re 1790 ju feinet weitern SluSbilbung in SBien auf. ®ann ging er in bie ©d)Wtij, unb 1792 ©beliitfl (Sbett unb S3runn 555 lief ec ficb all praftifd^er 2lrjt in granffurt am SRain nieber. Outd) feinen greunb .ft. G. 0 l I n e r (f. b.) in ^3atid !am er in 23erbinbung mit mehren Häuptern ber ftanj. 9te»olu« tion, unb nidE>t wenig trug er bureb feine Überfegung »on ©iepel’ ©Triften (1796) p beren Verbreitung in Oeutfdjlanb bei. Oelhalb in Seuffcblanb »erbäefjtig geworben, tjielt er el für geraden, fic£> 1796 nad) fParil p begeben, wo er nun »ielfacb mit ben politifdjen 23er- I)ältniffen unb ber fortfdjreitenben Gntwicfelung ber ftanj. ^Resolution ftd) befcf>dftigte, of>ne fief» be6t>atb ben naturvoiffenfe^afttidtjen, befonberl ptsrjftologtfcfjcn gorfebungen p entfrem* ben. Um bal 3. 1801 erhielt er, in Slnerfennung feiner Verbienjte um bie ®cE>voeij, bal bet- »etifebe 35ürgerred)t, unb all biefel in golge ber 2tuflöfung ber fjebetifeben SRepubUl erlofd), 1805 bal prd)erf4e Gantonbürgerrecbt unb 1820 bal 33ürgerred)t in ber ©tabt 3ürid^. £)od) etfl feit 1820 nat)m er in 3ürtcb feinen bleibenben Slufentljatt unb jtarb bafelbfl am 8. Dct. 18 3 0. Oal Grgebnif feiner Steifen bureb bie ©d)weij nach allen Stiftungen waren mebre feljr fc^ä|>bare 2Ber!e über bie natürlitbe unb fiatifliffe 33efd)affenbeit biefel Ranbel, in benen er fxd) all einen febarfftnnigen 33eobad)tet ber Statur betunbete. 2tm befanntefien ifi feine „Anleitung, auf bie nüglidjfie unb genufoollfle 2lrt bie ©ct>weij p bereifen" (3ür. 1793; 3. Stuft-, 4 33be., 1810; im Stulpge bearbeitet »on Gffer, 8. Stuft., 3ür. 1842). 9täd)jibem ftnb p 'erwähnen feine „©cbtlberung ber ©ebirglsölfet ber ©djweij" (2 83be., £üb. 1798—1802), bie Schrift „Über ben S3au ber Grbe in ben Sllpengebirgen" (3ür. 1808), bie „Sbeen über bie Organisation bei Grbförpetl unb über bie gewaltfamen Veränderungen feiner Oberfläche" (SBien 1811) unb bie „ÜÄalerifcbe Steife bureb bie neuen S3erg* ftrafen bei Ganfonl ©raubünbfen" (3ür. 1825). ©eit feinet Überftebelung nach 3ütidj wibmete er unaulgefegt ben Innern Verbaltniffen ber ©d)weij bie größte Slufmerffamfeit. ©b^Iittg (Gb r >fl°bb ®an.), all ©eograpb unb bureb eine Stenge ©ptacbbüd)er feiner 3eit tübmlid)fl befannt, geb. 1741 p ©armiffen im ^)ilbelbeimifd)en, fiubirte p ©öttin* gen feit 1763 Sd^otogu- Sklb jeboeb gewann er bie oriental, Sprachen, befonberl biearab., fowie bie politifebe @efd)icbte unb bie clafftfcbe Literatur ber ©rieten, Stömer unb Gnglän- ocr lieb, fobaf er bie Ideologie »erlief unb ftd) ganj bem ©tubium ber febönen 2Biffenfcbaf- ten wibmete. Um ftcb ein anberel gortfommen p »erraffen, ging er 1767 all tpaullebver nach Reipjig unb nahm 1769 eine ©teile an ber »on bem Gommerjienratbe SBurmb p 4>am» 6urg gegifteten #anblunglafabemie an. $iet gab er, weit el bamall an guten ©praebbü* cbern fehlte, 177 3, pnäcbfl für biefe fietjranflalt, feine „Vermochten Sluffäge in engl, $)rofa" l)eraul, bie feebl Stuflagen erlebten, unb benen er ähnliche $anbbüd)er für bie ital., ftanj., Span. unb tjollänb. Sprache folgen lief. Sugleid) befc£)äftigtc er ftd) etftigfl mit geograpbi= fchen ©tubien, arbeitete in btefem gad)e für fafi alle gelehrte 3eitungen Oeutfd)lanbl, überfegte »iete engl. Steifebefd)reibungen unb übernahm bei ber neuen Slttlgabe ber gvofen 33üfd)ing’fcben „©eograpbie" bie Searbeitung Portugal! unb ber norbametif. Vereinigten Staaten, ©ein tpauptmerf „Grbbefebteibung unb ©efcbichte »on Storbamerifa" (7 23be., $amb. 1794—1816) fanb nicht blol in Guropa fonbern noch mehr in ben norbametif. Staaten gerechte Slnerfennung. Stach SButmb’l Stbgange übernahmen 1770 SSüfdjunbG. gemeinfebaftlid) bie Reifung ber -fjanbellafabentie unb gaben feit 1784 bie „Jpanblungl» bibliothef" heraul. 3m 3- 1784 würbe G. fProfeffor ber ©efcbichte unb ber gried). Sprache am hamburger @t)mnaftum, unb fpäter erhielt er auch bie SCufffd>t über bie ©tabtbibliothef. 3n ben legten jehn 3ah ren f e * nc $ Sebenl war er »öllig taub unb flarb am 30. 3uni 1817. ©eine Slmerifa betrefenbe S3ibliotb>cf »on mehr all 3900 üBanoen wuroe 1818 »on 3ftael Sbowbino p 33oflon in Slmerifa gefauft unb bem £ar»arb'Gollege bafelbfl gefefjenft. @ben unb Srumt (griebr., 33aron »on), ©eneral, plegt im Oienfie ber fRepublif Golombia, geb. 1773p älteujburg in ©cbleften, ber ©ohn einel preuf. ©enerallieutenantl äf ar 12t u g. » on 33., geb. 1734, gefl. 1792, machte in preuf. SJienflen 1787 ben gelbpg in ^pollanb unb 1792 unb 1793 bie gelbjüge gegen bie granjofen mit. SRatbbem er 1799 feinen Stbfdjieb genommen, trat er 1800 all SRittmeifier in engl. Dienfie unb würbe 1806 SDiajot. 3m 3-1807 biente et all greiwiUiger in bem Gorpl S3lücbet’l, unb im Oec. 1808 erhielt er bal Gommanbo über bie engl.»portug. Region in Oporto. Gr b> £ U fttb f e h c bra», erwarb ftcb bie 2tcbtung bet portug. Station unb würbe »on ber portug. ^Regierung pm Dbetjien ernannt, ©leicbwol warb er bei ber neuen Organifation ber portug. 2trm« 556 (Sttettbüb ©otfe§ ©Jette burch Sorb SSeccöforb im 3. 1809 blog alg Sberfllieufenant angeflellf. 6. foberte begljalb feinen Slbftfjteb, welchen ijm auch ©eregforb bewilligte, wäfjrenb bie portug. Stegkrung ifjn jurn ©ouBerneur son Seftwal ernannte. 3n ber ffolge befehligte er bie 2000 SOi. ftarfe SopalSufitanian Segion in ber Schlacht bei ©ufaco, 27. Sept. 1810, in ben 8inien »an Corres ©ebrag unb bei ber ©erfolgung SJlaffena’g. 3m 3'. 1811 jum engl. Dberfllieutenant unb $um portug. Srigabegenerat ernannt, comtnanbirte er eine ©rigabe 3nfanterie in ber Schlacht bei^uenteg b’Dnor, bei ber ©tnfchliefung Bon Sllmeiba, Bor Stobrigo unb bei ©abajoj unb 1812 ein Sorpg in Spanien. 3m 3- 1813 würbe er ©ouBerneur ber ^)roBinj S£raj=og» SBtontcg unb 1814 Dberfl in ber engl. Slrntee unb Slbjutanf beö SPrinj* Stegenten, au« bem portug. ©icnfle aber auf ©etrieb ©eregforb’g, jebodh ojne bie Suflimmung ber portug. Stegierung, entlaffen. @r blieb inbef in Portugal; botf) 1820 würbe er burd) feine geinbe in bie angebliche ©erfchwörung beg ©eneralg grepre Berwiifelt, Berjaftet unb $ur ©erban* nung aug Portugal Berurtljeilt unb auch aug bem engl. Sienfle entlaffen. hierauf begab er ftch 1821 nach ©olombia, wo ©olioar ihn alg ©rigabegeneral anflellte. 6. leifiete ber Sie* publif in ben baraitf folgenben Jtriegen Bielfache 35knfle, unb bie colombifche Slrntee Ber* banfte ihm Borjuggweife ihre prganifation; hoch fcf)on wenige Sahre nachher trat er gänj* lid) Bon bem Schauplafce ber Dffentlichfett ab. ©bettbtlb ®offc§ nennt man in ber cf)riftlichen ©laubcnglehre bie ©otfähnüchfeit beg SDtenfchen. ®en Sagen ber Hebräer jufolge ifl ber SOtenfch nach bem ©benbilbe ©otteg gefchafen unb infofern bag ©benbilb ©otteg, baf er über bie Spiere h crr f c bt/ baf f e > n Seben unoerleflich ifl unb baf er mit ©off in greunbfehaft fleht. Stad) ber 2tnftd)t beg fpätern 3u* benthumg beflanb bag ©benbilb ©otteg im ©tenfdjen barin, baf er mit ©ernunft unb $rei* heit auggerüflet war, ©ottegerfenntnif befaf unb bie ^perrfchaff über bie ©rbe übte. 3ut Steucn Sieftament, weicheg bie Sehre Born ©benbilb ©otteg burchgehenb anerfennt, ifl fowol Bon einer angeborenen alg burch üttgenb unb grömmigfeit ju erflrebenben ©ottäpnlichfek bie Siebe. Sluguflinug nahm an, baf bag ©benbilb ©otteg in einer angeborenen ^eiligfett beflanben habe, burch bie Sünbc aber unwieberbringlich oerloren worben fei, unb feine SOtet* nung würbe im firdjlichen Spfleme bie gelfenbe. 35k Socinianer festen bag ©benbilb in bie .&errfchaft über bie Spiere, bie Slrntinianer in bie irbifefje Unflerblidjfeit. Stach ben Slnfid)* ten Steuerer befleht baffelbe barin, baf berSÄenfd), alg Bernünftigeg unb freieg SBefen, burch ftttliche ©ollfommenheit ©oft ähnlich werben !ann. ©beitbürftflJeif helft bie ©leichhtil beg ©eburtflanbeg, auf welche befonberg bie 35euffchen fletg Biel ©ewicht gelegt unb Bon welcher fie Biele Siechte abhängig gemacht ha* ben, baher fchon in ben früheflett Setten bie Berfchiebenen ©eburtflänbe ftch föhe ber fchiefen ©bene jur Sänge berfel* @6enl)ot$ (£&erfmtb tut Satt 557 ben, ifi atfo bcf!o Keiner, je Keiner bie Hö£)e ber [triefen ©bene im Bergleich jur Sänge ifl. 3ft j. B. biefe« Berljältniß 1 ju 100 (tjat bie ©bene eine (Steigung ober ein ©efätle 1 in 100), fo ifl bie erfobertid)c J?raft nur ber lOOfle Tf)eil be« ©ewicht«, unb man ?ann j. B. eine Saft Bon 100 $)f. mit 1 fPf. dfraft im ©leichgewicht ermatten ober am Herabgleiten tjinbern, unb bei einer geringen äfraftBermehrung in bie £öi>e bemegen. hierbei ifi jeboch auf bie Sleibung nod) feine 9tücffid)f genommen, welche Bon Bugen ifi, menn ber .Körper auf ber ©bene nur erf>alten werben foU, in welchem ffaUe fetjr oft gar feine weitere jfraft angewanbt ju »erben braueftt, nacEttfteilig bagegen unb ber Bewegung ftinberlid), wenn e« ftcf> barum hanbelt, ben .Körper hinauf ;u bewegen, in welchem gälte bie nacf> bem Borigen befltmmte Jfraft in ber Siegel noc| beträchtlich Bergrößerf werben muß. — 3nber©eograpl)ie l)eift ©bene eine au«gebehnte Sanbflrecfe of>tte alle ober boct) nur fefjr wenig über ba« BiBeau fid) erfjebenbe 6rl)ö£)ungen. Bimmt man babei auf bie abfolute $öf)e ber ©egenb Büinften Baponne unb Borbeaur unb bie Haibe non 9Jland)a ^ in ©panien. 3u ben Hochebenen (plateaux) gehören bie Bon Quito unb Bon SBerico. ©fcettholj. Sa« echte ©benhotä ifi fehr h art / etwa« brüchig, fdjwer, Bon tief» fchwarjer garbe unb etwa« beißenbem ©efd)matf; beim Berbrennett entwickelt e« einen ei» gcnthümlidten nicht unangenehmen ©erucfj. ©hebern war e« al« auflöfettbe«, fchweißtrei» | benbe« fBittel officinell, jegf gebrauchen e« Borjüglid) bie Jlunffttfchler junt gurntren. (Die I Baume, welche ba« echte ©benljolj liefern, gehören in bie ^flanjenfamilie ber©benaceen unb finb 5lrten ber ©attungen Sio«ppro« unb SKaba, Bon welchen bie erfiere burch eßbare grüd)te fidh au«jeichnet. ©ie fomnten nur auf ben ofiinb. 5lrd£)ipefn, auf 9Jlabaga«far unb SBauritiu« Bor, haben einen weißlichen Splint unb nur ba« Herjholä ififchwarj unb hart. Sa« fretifche ©benholj h atfl uf olioenfarbenem ©runbe fchöne braune Slbern, fommtBon einem ©traudje (Anthyllis cretica) unb ifi außerorbcntlid) hart. G« nimmt eine feine fPoli» tur an unb wirb ju allerlei muftfalifchen Sufirumenten Berarbeitet. — Uned)te«©ben» h o l j, welche« jwar Bon fchwarjer garbe, aber geringer ifi al« bie obengenannte ©orte, lie« fern Biele wenig gefannte Baume Snbien« unb Slmerifa«; j. B. ba« braftlifche fommt Bon ber Sltripalme (Astrocaryum). (Sfbenntaf, f. ©pinmetrie. int SSfttf, erfier Herjog to °u SBürfemberg, würbe 1445 geboren, acht Sahre nach, ber Theilung ber würtemb. Bedungen jwifchen feinem Batet, bem ©rafen Sub» ’ wig bem.Slltern, welcher bie uracher, unb beffen Bruber, ©raf Ulrich, Welcher bie ncufener ober fiuttgarter Sinie fiiftete. Beim frühzeitigen Tobe feine« Bater« unb feine« altern Bruber« noch minberjahrig, übernahm fein Sheim Ulrid) bie Bormunbfd)aft über ihn. Jfaum 14 3ahre alt, entfernte er ftd) jeboch heimlich au« 3I5ürtemberg, trat gegen feinen Dheim auf unb Berlangte, baß er ihm fetbfi bie Stegierung überlaffen folle. Unterfiüßt Bom Äur» fürfien griebrich Bon ber 5)falj, feiner ÜWutter Bruber, fegte er fleh auch witflidj , jurnal ba , Ulrich ^ e * b cm würtemb. Bolfe Berhaßt war, in ben Beftjj feine« Sanbe«, fümmerte fleh aber hernach, roh un b wilb, wie er war, unb betSagb, bem Rechten, Tanjen unb alten 5lu«fchwei» I fungen über bie ©ebühr ergeben, nicht um bie Berwaltung beffetben, fonbern ließ Slnbere in 1 feinem Barnen regieren, ©ine 2lnbad)t«reifc, bie er nach ^alafiina machte, bewirffe inbeß in ihm eine Bölltge ©inne«anberung, unb feine Bermahlung mit ber trefflichen ^)rtn}efjin Barbara Bon Blantua trug Biel bei, ihn barin ju befefligen. 3n geräufchlofer, aber fefler unb ununterbrochener Thafigfeit wirkte er nun für ba« innere SBopl feine« Sanbe«. 5Stan 558 ©Bethatb (2tug* ©oftloB) i hatte erfannt, Wie fchäblich bie Steilung für Sanb unb gamitie geworben, welche jüngfl ! jwifdjen feinem 83ater unb Di)eim fiattgefunben Ejatte. ®atjer fcfjtof er für« Grfie mit feinen Settern, ben ©rafen ber neufener Sinie, fo enge SSimbniffe, baß jeber Jfrieg einer Einie »on nun an ein gemeinfdijaftlicfjer für beibe würbe; bann »erfjinberte er ba« Sctftücfeln in noch mehr Sijeite, Bereinigte enblich beibe #älftcn wieber ju einem ©anjen burd) ben mit feinem Setter, bem jüngern ßberljarb, 1482 ju ÜJtünftngen gefchloffenen Vertrag unb machte bie Unttjeilbarfeit be« Sanbe« auf ewige Seifen jurn Sanbe« * unb gamiliengrunb* gefeg. Um biefem ©runbgefeg, beffen ©arantie Jfaifer unb Neich übernommen hatten, nod) ( mehr Jfraft unb geftigfeit ju geben, jog er bie brei Stänbe, Prälaten, SRitterfc3E>aft unb Eanbfchaff, jurföerijanbtung bei biefem unb ben näd)fifo(genben Serfrägen unb übertrug it>nen bie Überwachung unb üöewahrung berfetben. 3n biefen Serfrägen waren namentlich auch Sefiimmungen, woburch er jene« jüngern Gberljarb, feine« mutmaßlichen Nachfolger«, gürftengcwalt befdjtänfte. So würbe er ber Schöpfer ber fiänbifchen Serfaffung feine« Sanbe«. Slud) burd) bie ©täbfeorbnungen, bie er Stuttgart unb Tübingen gab, fowte burd) Stiftung einer Unioerfttät in legterer ©tabt im 3- 1477, enblich burch ^etfiellung firenger Sucht unb Drbnung in ben Älöflern feine« Sanbe« machte er ftch vielfach »erbient. Dbgleih man ihm felbfi, einem ©ebote feine« Sater« gemäjj, faum Eefen unb Schreiben gelehrt hatte, fühlte er bennod) fpäter ben ebeln Srang, al« SNann noch ftch au«jubtlben. 6r lief ftch öon ©eiehrten, beren Umgang er liebte, manche« SBerf ber Sitten in« ®eutfche über- fegen,unb fdjrieb manche« üNerfwürbige, wa« er gelefen unb gehört hatte, felbfi nieber. ®ie Überfegung be« „#itopabefa" (Ulm 1473) wirb ihm jeboch mit Unrecht beigelegt, ©ein Söotf hing an ihm mit anhänglicher Siebe; baher burfte er »or Jfaifer unb dürften fagen, baf er im bichtefien SBatbe im ©djoofe jebe« feiner Unterthanen ftdjer übernachten fönne; biefi Siebe fprad) ftdj auch l n bem uaioen ©prudje ber SBürtemberger au«, baf, wenn ber Safer im Fimmel flürbe, nur Sater 6. ihn erfegen fönne. @t liebte ben grieben unb trug nament* lieh al« oberfier $auptmann be« ©chwäbifchen Sunbe« »iel jur 6rf)attung »on Nulje unb Crbnung bei; aber wenn feine @h re unb ba« 2Bof)l be« Staat« e« »erlangten, griff er felbfi gegen 5Näcf)tigere furchtlo« ju ben SBaffen. Sluch gegen Jfaifer unb Neich erfüllte er feine j Pflichten, wie e« einem waefern Neid)«für)len jiemte. ®iefe Serbienfie erfannte Jfaifer SJfapimilian I. unb erhob ihn, ohne fein Suchen unb SBiffcn, ju SBorm« 1495 jum Jperjog, unb bie unter ihm bereif« wieber »ereinigten S3eftgungen ber gamitie bieffett be« Nf)ein jum ewig unteilbaren #erjogtf)um SBürtemberg. Nur furje Seit genoß ber neue $erjog biefe SBürbe; er fiarb bereit« im gebt. 1496, finberlo«. (Sinige 3af>« nach feinem Süobe erflärte SJfapimilian an feinem ©rabe: ,,-ipiet liegt ein gürfi, flug unb bieber wie feiner im Neich; fein Nath hat mir oft genügt." Sgl. Pfeffer, „®. im S3art, erfler Jperjog in SBürtein* berg, au« echten, größtenteils hanbfcf)riftlid)cn ®efchicht«quellen" (S£üb. 1822). — SDfit iljm ift 6 b e r h a t b, genannt ber ©reiner, ©raf »on SBürtemberg, nicht ju »erwechfeln, ber währenb feiner Negierung, 1343—92, al« frieg«luf!iger gürfi bem Jfaifer unb ben NeichSfiänben fet)r »iel ju fchaffen machte. (Slug, ©oftlob), al« Serfaffer »iel unb gern gelefener 6rjäf)lungen rühm* lichfi befannt, geb. 1769 $u Seljig im jegigen preuß. ^erjogtum ©achfen, würbe, al« er ( fd;on im jwölften 3af)te feinen Sater öerlor, »on bergamilie »onSJiabai al« ^>ffegefof)n aufgenommen. SBäljrenb er ju Eeipjig Sheologie fiubtrte, erwachte in golge beSSejudh« ber bamaligcn Nidjter’fchen unb SBinfier’fchen ©emälbefammlungen bie Neigung jur bilbenben Jfunft in ihm fo lebhaft, baß er ftch berfetben, aller ^)inberniffe ungeachtet, eine Neifje »on Salden hingab. Nebenbei fchrieb er »iel in ^5rofa unb in 33erfen, ohne jeboch etwa« ba»on ! öffentlich mitjutheilen. ßrfl al« er 1792 in ber Slnfünbigung einer belletrifiifchen Seitfdjrift ! ,,3ba’« S3lumenförbd)en" ba« Slnerbieten la«, gelungene Beiträge mit brei Soui«bor für ben Sogen ju honoriren, fchrieb er eine fleine ©rjählung unb benugte ba« erhaltene ©elb «u einer Neife an ben Nhein, wibmete ftch aber hierauf in -&atle wieber rein wiffenfhaftlichen . Swecfen, inbem er j. S. an be« altern SJlecfel pathotogif^en unb an Neil’« Unterfucbungen i ber Ner»en unb be« ©eht'rn« eifrig SE^eit nahm. Nadjbem er tnbeß bie ©rjählung „Sifi um Sifi, ober, wa« ein Jfuß nicht »ermag" unb, in golge einer Neife in bie fächf. ©chweij 1196, „2)fop Saßleur’« fämmtliche SBerfe" getrieben, wußte ihn Seder enblich, burch ©Bewarb C3oÜ* Slug.) 559 K>iebert>oIte bringenbe Sluffoberungen, jurn SWifarbeiter an feinem „SEafchenbuche" unb ben „Gelungen" }u gewinnen. Stad) unb nach erfd)ienen »on it>m „Setbinanb SEBetner, bet atme S'lötenfpieler" (2 33be., Jpatle 1 8 H ‘2 ; neue Slufl., 1808 ), „§et*Glof" (Ipalle 1803 ), „©efammelte ©Stiften" (4 58be., Lpj. 1803 — 7 ), „Seberjeichnungen »on Genf! ©djerjer" (^>alle 1805 ) unb, auf SSeranlaffung »on ©att’ö 23orlefungen in^alle, ,,3fd)ariotl) .fttairs Sehren unb SEhafen" (Jpalle 1807 ). ©pater minberte jwar bie Leitung ber ®efd)äfte ber 9fenger’fcf>en SSudjhanblung, welche er nach feine« Sreunbe« @d)iff SEobe übernahm, feine fd)riftfleUerifd)e Sljätigfeit, bod) gab er mit Lafontaine bie SWonatSfdwift „©alina" (8 SSbe., Valle 1812 unb 1816 ) heraus, welche mancherlei Arbeiten öon if)m mit unb ohne feinen Stanten enthält, unb allein „Slatterrofen" (Valle 1817 ); auch übernahm er nach SSater’« Sobe bie Stebaction »on beffen „3al)rbuch ber häuslichen Slnbacht", ba« er felbft alljährlich bi« jit beffen Slufhören ( 1834 ) mit wertvollen ®aben au«f!affete. ©ein erjählenbeS Schicht »oll herrlicher ®emi'tt^licJ>feit, „Vannd)en unb bie Äuglein", in je^n 9lbtf)eilungen (•S>alle 1822 ; 9 . Slufl., mit ©fat)tflid>en öon ©peefter, 1842 ) würbe nic^t nur in« Sateint- fd)e fonbern aud) in« Vollänbifcfte (Slmji. 1840 ) überfegt, unb fein gröfereS ©ebidjt in Verametern, „Ser erfte 9Jlenfd) unb bie Grbe" (Vatte 1828 ; 2 . Slufl., 1834 ), be^anbelt bie ©djöpfung in einfad) würbiger Haltung unb lebenbiger DarfMung. Slud) beforgte er eine SluSgabe »on SEtebge’« SEBerfen (7 SSbe., Valle 1822 fg.). ©eine „©efammelten ©driften" erfdEjiencn in 20 S5änben (Valle 1830 — 31 ) unb feine „23ermifchten ©ebid)te" in jwei SSänben (Salle 1833 ). 97ad)bem er 1834 in fur^em Swifdjenraume feine Stau, geborene SWaoillon, »erwitwet gewefene ©cfjiff, unb feinen ©tieffoljn burcf) ben SEob »erloren, hielt er fid) einige Seit bei feinem greunbe SEtebge in DreSben auf. 3m 3- *835 »erfaufte er bie 9tenger’fd)e 23ud)hanblung unb aud) fein S3ejtgtf)um in ®iebidE>enflein bei Valle unb wen* bete fiel) nad) Hamburg. Gine Steife nad) Stalien gab Uint SSeranlaffung ju bem SEBerfe „Stalien, wie e« mir erfdjienen ifi" (2 S5be., Volle 1839 ), wobei er e« weniger auf eine S3efdjrcibung feiner Steife, al« auf eine SBiberlegung »on ®. Sticolai'S „Stalien, wie e« wirflich ifi" abgefefjen (atte. Sugleid) burcf) btefe Steife auf« neue für bie Äunfi erwärmt, fing er 1840 an al« Dilettant 58erfucf>e in ber Ölmalerei ju machen. Stad) ber gtofen geuerS* brunft in Hamburg im 3- 1842 , bei ber aud) er fefr »iel »erlor, fam er ju bem Gntfdjluffe, ftd) in DreSben anäujtebeln. ©BetBütB (3of). Slug.), unter ben efleftifdjen ^filofopfen, welche ber SEBolffdjen ^3f)i(ofopl)ie am näcffien fianben, einer ber au«ge}eid)netflen, geb. am 31 . Slug. 1739 ju Vatbcrflabt, flubirte in ^)alle 1756—59 SEfeologie, würbe hierauf $au«lel)rer beim grei* ferm »on ber Vorft unb bann Gonrector am ©pmnafium unb jweiter ^)rebiger an ber ^o«* pitalfird)e in feiner SSaterfiabt. Doch fe(r halb legte er feine Slmter nieber unb begleitete ben Sßater feine« Sögling« nach SSerlin, wo er in Stufe ben SEBiffenfrfjaften leben fonnte unb mit Sticolai unb 5Nenbel«fof)n bie engfte greunbfd)aft fcflof. gut feine Sufunft beforgt, trat er nachher wieber in ben ^rebigerflanb unb würbe $)rebiger bei bem berliner 5trbeit«t>aufe. Um biefe Seit fcf)rieb er feine „Steue Slpologie be« ©ofrateS" (2 SSbe., S3erl. 1772 ; 3 . Stuf!., 1788 ). Diefe« SEBerf, ba« nad) SBolffcfen ©runbfägen bie 9tecf)te ber gefunben 33ernunft gegen bie Slnmafungen flrenggläubiger Theologen in ©djuf) nafm, fanb allerbing« in unb ' auf er ©eutfcflanb grofen Seifall; allein Sielen war e« anflöfig, baf ein ^Orebtger in folcfer i Slrt über 9teligion«facf>en philofopfire. Da G. unter foldjcn Umflänben auf eine weitere | SSeförberung in Serlin nid)t rechnen fonnte, fo nahm er 1774 bie $)rebigerfielle ju Gfar* lottenburg an; bocf) auch h* e,: machte man wegen feiner Ginfefung ©chwierigfeiten, bi« bie* felbe burcf ben au«brüctli^en Sefehl Äönig gtiebtief’« II. erfolgen mufte. hierauf würbe G. 1778 Stofeffor ber $)hil°f°PBi e ' n J&oll«! in Solge ber Verausgabe feiner „Sillgemeinen SEheorie be« Denfen« unb GmpfinbenS" (Serl. 1776 ; 2 . Slufl., 1786 ) warb er SJtUglieb j ber Slfabemie bet SBiffenfchaften, 1805 ®eh- Stath unb 1808 Doctor ber SSheologtc. Gr ! flatb am 6.3an. 1809 . Deutfchlanb »erehrt if>n al« einen flaren populairen Denfer unb 1 jugleich al« einen angenehmen unb unterhaltenben @d)tiftfieller. ®egen ben Sluffchwung ber fpeculatioen ^hü°f 0 Ph' e / namentlich gegen Äant unb Sichte, fämpfte er in ber legten Seit feine« Leben« ohne Grfolg. S3on feinen jahlreichen in $orm wie in ber ©praefe muflerhaften Schriften erwähnen wir feine „Sittenlehre ber SSernunft" (SSerl. 1781 ) 560 ©Bemater ©Betffetn 2 . SCufl., 1786), „Vorbereitung jur natürlichen 3-l>coIogie /y (Halle 1781), „SBccn'c ber frönen Jtünfle unb 2Biffenfc£)aftcn /y (Halle 1783; 3. Sluff., 1790) unb „$lUgemeine @e* fcf)icf>tc ber $)f)ilofophie" (Halte 1788; 2. Slufl., 1796); ferner feinen „ijlmpntor" (S3er(. 1782), baS „Hanbbuch ber tflhetif" (4 S3be., £atle 1803—5 ; 2.2luft., 1807—20), bctt ,,©ei(f beS UrchrijlenthumS" (3 33be., Halle 1807—8) unb feine „SSermifctjten ©cfjriften" (2 S3be., Halle 1784—88). 3n feinem „Verfuch einer allgemeinen beutfcfjen ©pnoitpmtf" (6 S3be., Halle 1795—1S02; fortgefeft unb erweitert tton SRaaf, 12 Vbc., 1818—21 unb Bon ©ruber, 6 fflbe., 1826—30) übertraf er Stilen, was btS batjin geleiflet worben war. Sludf) fein „©pnonpmifcheS Hanbwörterbud) ber beutfdhen ©prache" (Halle 1802; 8 . 3lufl., S5erl. 1838) fanb grofe SSeacljtung. ©Bermaier (3oh- ©rbwin ©hrifioph), befannt als pharmaceutifchet ©chriftjleller, geb. am 19. 2lpr. 1769 p 2Relle im DSnabrütffchen, wo fein Vater 3lpotl)rfer mar, erhielt burdE) biefen feinen erffen Unterricht, worauf er ftcf) in ben 3lpothefen p Naheburg unb Sßraunfcfjmeig weiter auöbitbete. Von ©öttingen, Wo er SSKebicin flubirte, ging er 1794 all ©hirurg mit ben hannö». Gruppen nach S3rabant unb benu|te bann, als fein Regiment ftd) pritcf jog, einige Seit in Sepbcn ben Unterricht bee berühmten VrugmanS (f. b.). Nad) ber Nücffehr mit feinem Negünenf nahm er feinen Slbfchieb unb ging pr Vollenbung feiner ©tubien wieber nach ©öttingen, wo er 1797 bie mebicinifche ®octorwürbe erlangte. Hierauf prafticirfe er eine Seit lang in Nfjeba «ob in DSnabrücf, würbe 1805 tedlenburgi- fcher ^>of* unb 2Rebicinatrath, 1810 als beS NuhrbepartcmentS nach ®ortmuni »erfe|t, 1816 pm NegterungS« unb ÜJfebicinalrath in Jfleoe beförbert unb 1821 in gleicher ©igenfehaft nach ©üffelborf berufen, wo er am 21 . gebt. 1825 ftarb. ©eine fchriftflellerifdje SBirffamfeit befcfjränft fich fafi ganj auf pharmaceutifdje ©egenftänbe. Unter ben hierher gehörigen ©griffen »erbienen befonberS herborgehoben p werben fein „Herbarium vivum plantarum officinalium" (14 Riefte, Vraunfchw. 1790 — 92) unb feine ,,^3f>armafognofti« fchen Tabellen" (Spj. 1804; 5. berm. unb berb. StufT. oon ©chwarfe, 1827, gol.). ©BetSBotf, eine reufifche öperrfchaft im SSoigtlanbe, entftanb baburch, bafj bcr 1647 abgetheilte jüngjle 2lfl ber 1535 gegifteten jüngern Sinie beS Kaufes Neuf (f. b.), nämlich ber SljlNeuf = Sobenfiein, (ich 1678 wieberum fpaltete unb fein ©ebiet, bie bisherige Herrfcfjaft Sobenjlein, bergeflalt unter bie brei ©ohne feilte, baS ber ältere baS 2lmt unb bie ©fabt Sobenjlein, ber mittlere baS furj pbor erworbene Slmf unb ©d)lof ^irfcljbcrg, ber jüngjle aber, Heinrich X., ein aus brei »oneinanber getrennt liegenbett Kartellen gebil* beteS ©riffheil erhielt, unb ba in bemfelben Weber eine ©labt noch ein ©chlof jtch befaitb, et baS bis bahin Bon ber gamilie SNagwth befeffene ®orf unb 9fittergut GberSborf (gegen« wärfig ein SNarftflecEen mit 1200 ©., worunter 450 Herrnhuter) faufte, wo er 1690 ein ©chlof erbaute, baS er p feiner Nejtbenj wählte. 311S 1711 ber Hirfchbergifche 3>beig wic> ber abjlarb, fiel oon beffen Sanbfheile bie eine Hälfte, nämlich baS ©täbtehen Hirfd)berg unb fteben Dörfer an 6., fobaf nun bie feitbem in bie 3lmter ©. unb tpirfehberg abgetheilte Herrfchaft etwa 3% OSN. enthielt, dagegen blieb bie 1802 burch Slbgang beS geraifcf)er SlfteS ber jüngern reufifchen Sinie erlebigte Herrfchaft ©era nebft ©aalburg unb einem SEhetle ber pflege Neichenfels, pfammen 7 3 / 4 DSU., ungetheilt in gemeinfchaftlichem 33eftb beS 9IjleS ©chleij unb ber Swcige Cobenjbein unb ©berSborf. 97ach bem Slbflcrben ber fürfllü eben Sinie Sobenjlein in ber gräflichen Nebenlinie ju ©clbi^ int 3. 1824 famfowol bie ©pecialherrfchaft Sobenflein, als baS anberc SSiertcl ber ©emeinherrfchaft ©era an ©., beffen gürfl jtch feitbem Neuf p Sobenjlein unb S. nannte. (©. £ o b e n fl e t n unb 9J e u f.) ©Betficitt, eine alte ehemalige ©raffchaft in ©chwabett an berSllurg gelegen, mit bent Haupforfe ©berjiein ober Gberfleinburg unb ben Nuinen beS ehemaligen ©chloffeS Gberjlein ober 2Ht=6berj!etn, fam feit bem 14. 3afwf>- nat B un ö uach an S5aben, baS noch * m S3eft|e berfelben tfl, unb umfafte bie je|ige ©tabf ©ernSbach, ben glccfen SRutfenfiurm, bie 15 ®örfer mit 13000©. auf einer SSobenfläche »on etwa 4‘/j@tunben Sänge unb 2y a ©funben S5reite. ®aS ©rafengefchlecht, baS barnach ben Namen führte, hief fdf>wäbi- fche. ®er erjle befannte ©raf war JBertholb, ber um 1140 lebte, ber le$fe ©raf Jbafi» mi r » o n ©., mit welchem, ba er nur eine Softer hinterlief, biefeS berühmte ®efchlecht, baS julehtin jweiSinien, eineprotejlantifchtunb einefatholifche, ftchtrennte, im3- *660 erlofd). 561 (Stiert («$rm&r, Slbolf.) Unter ben bajmifchenltegenbcn 59tifgliebern ber gamilie finb befonbers SB o (fr a ni t> o n G. bunt) feinen langen unb fräftigen, aber unglücklichen .Stampf gegen biegürftengemalt fcer ©rafen »on SBürtemberg unb Sernharb 11 . »on G. all Sßerleitjer beS GrbfolgegefegeS feiner ganulte ermähnenSmertl). — Gin anbereS gleidjnamigeS, jebod) mit bem »orftehenben nid)t »ermanbteS @efd)lecht maren bie fäcf>fifcf>en ©rafen »on 6., bie im korben SeutfdjlanbS auf ber im jefeigen ^erjogtljum 33raunfchmeig gelegenen Surg Gbetftein ur= fprünglict) fefhgft maren. Sie Ratten in 9tieberfad)fen unb SBefifalen anfebjnlictje S3efTfeun= gen, j. 25. bie Erntet $»rfi, J-ürftenberg, Dttenftein, ©roljnbe, 6r,en, SDfjfen, fJMe, bie Stabt .pol$minben unb ©üter in ^aberborn unb ben ©raffchaften Sippe, ©raf Dtto ron G. erhielt in Sommern bie £errfd)aft Sleugarten unb ftiftetc bie pommerfche Sinte, bie 1603 mit Subroig Ghrijtopf) erlofd). ©raf Hermann »on G., ber legte Spröjjüng ber fdcbtf. Sinie, ber in ber erften $älfte beö 1 5 . 3uh r f)- ftarb, gab feine -Öerrfcfjaft Gberftein 1408 feiner Sodjtcr Glifabetl), bie mit ^>ewogDtto bem Sahnten oermäljlt mar, jum S3raut= fd>afee mit. SSgl. „Ärieg »on Jpochfelben, ©efdjicfyte ber ©rafen »on G.’in Schmähen" (ÄarlSr. 1836 ) unb Spilcfer, „25eiträge zur altern beutfcf)en @efcf)id)te", 95b. 2 , auch mit bem iXitel „©efdjidjte ber ©rafen »on 6. unb ihrer 25efigungen, aus Urfunben unb gleictjäei- tigen Quellen" (2 Abteilungen, Arolfen 1833 ). (Sbert(tfriebr. Abolf), berühmt burd) feine fct)äfebaren f>ibliograpJ>ifdt)en Slrbeiten unb all einer ber »orzüglichften 93ibliotf»efare ber neuern Seit allgemein anerkannt, mürbe am 9.3uli 1791 ju £aud)a bei fieipjig geboren unb »erbanfte bem Unterrichte feines 23aterS, ber all ^)rebtger am ©eorgenljaufe ju Seipztg 1 807 jtarb, unb bem 23efucf)e ber leipziger 9lifolaifd)itle feine erfle üBtlbung. Seine burd) bie »äterlic^e SSibliotljeE gemeäte Siebe jur Siteratur* unb 25üd)erfunbe mürbe baburd) genährt, baj? er »on 1806 an einige 3at)re lang AmanuenftS bei Unterbibüotf)efarS ber leipziger 9latl)Sbibliothef mar. Seit 1808 ftubirte er unter brüefenben 93ert)dltniffen, bie nid)t of)ne Gitiflujj auf feine Gljarafterbilbuiig blieben, ju Seipjig unb bann furje Seit ju SBiftenberg 2l)eologie; boch menbete er ft$ fpäter, befon= berS bunt) Sippolb »eranlaft, »or^ugSmetfe ben f)tftorifd>en Stubien zu. 9tad) SBollenbung bei afabemifd)en GurfuS unb nad)bem er ftd) burdt) bie beiben fletnen Schriften „Über öffent= liehe S3ibliothefen, befonbcrS beutle Uni»erfitätSbibliotf)efen" (ffreib. 1811) unb „Hierar- chiae in religionem ac literas commoda" (Spj. 1812) befannt gemacht f)Utte, nahm er 1813 an mehren Arbeiten für bie neue Qrganifation ber leipziger Uni»erfttätSbibliotl)ef Shell unb mürbe hierauf 1814 Secretair an ber föniglichen öffentlichen 95ibliothef ju S5reeben. AlSfol= eher arbeitete er mit ungemeinem gleif unb mit fetfener AuSbauer im Sntereffe ber 25ibliotl)cf rcie all Sd)riftfMer. GS erfd)ienen »on ihm Saubmann’S Seben unbSSerbienfte" (Gi= fenb. 1814 ), „Sorq. Saffo nach ©inguene bargeftellt, mit ausführlichen AuSgaben»erzeid)= niffen begleitet" (Spz- 1819 ), „Sie SSilbung beS 25ibliotl)efarS" (Sp§. 1820 ) unb „@efd)ichte unb 25efcf)reibung ber föniglichen öffentlichen 23ibliofl)ef ju SreSben" (Spz. 1822 ). Unter bem Flamen ©ünther fchrieb er in berfelben $)eriobc bie „Sarftellung ber großen 93ölfer= fchlacht bei Seipjig" (Gifenb. 1814), „©efdüchfe bcS ÄriegS ber 9fuffen unb Seutfchen gegen bie gran^ofen" (Gifenb. 1815 ) unb „Seben SJapoleon Sonaparte’S" (Gifenb. 1817 ). Sie SReichhaU'Sfr't ber breSbener 33ibltotl)ef, bie ihm für feine bibliographifcben Stubien ein mciteS Selb öffnete, unb grünbliche SSorftubien gaben ihm ben SKutl), ftch an ein allgemeines bibliograpl)ifd)eö Sepifon ju magen, burch baS er bie befchränftern 3lnfid)ten auSlänbifcher Bibliophilie auf ben hohem Stanbpunft beutfdjer SSüdjerfenntnif ju erheben »erfuchte. .Sein Seutfd)er hatte fich »or ihm ein fold)eö Siel gejtecft, unb mie man auch immer fegt über bie 3bee eines allgemeinen bibliographifcf)en SerifonS überhaupt ober über baS G.’fdje 2ßert felbfi benfen mag, fo »erbient hoch baS legtere jebenfallS bie Slnerfennung, baf eS bie auSlänbifchen SDiufter meit übertrofen hat, unb billig benfenbe Sadjfenner merben eS immer bemunbern, baf ber erfie SSerfud) eines allgemeinen bibliographifchen SerifonS fo ausgezeichnet auSftel. 3m 3- 1823 erhielt er ben Soppelruf als Qberbibliothefar unb ^)rofeffor nach SreSlau unb als herjoglich braunfchmeig.SStbliothefar nach SBolfenbüttel unb entfchlof fich/ bie legtere Stelle anzunehmen. Sod) bereits im 9lpr. 1825 mürbe er als 33ibliotf)efar nach SreSben zurück berufen, einige fDfonate baraufzugleid) zum $}ri»atbibliott)efar beS ÄönigS, 1826 zum £of* Gon». »8er. Steunte TCufl. IV. 36 o62 ©üert (Soff- Slrnolb) ©6erf (.farl ©gott) rstf; unt> 1828 jum Sbcrbibltcfhefar ernannt, welche ©teile er ber Sbat nad) oom Anfänge 1 an pcrraaltete. G. fafte ben Söeruf bed SBibliot^efarö in feiner ganzen SBütbe unb 2Bid)> tigfeit anf; cd raufte aber and) Stiemanb geiftreid)cr als er bie öerfctjiebcnen SBejiebjungen bed bibtiott)cfarifcf)ert gebend aufzufaffen unb ju fd)ilbern; freilich jtnb feine Stnfobcrungen and) oft fo bod) geftcllf, baff nidEjt SSiele ihnen raerben ju genügen permögen. 2ßie in SSolfenbüt* tet, fo raar er auch in Sredben literarifd) feljr tljätig. Gs erftbienen oon ihm: „3ur -Spant* febriftenfunbe" (2 33be., 2pj. 1825—27), raeldied SBerfcd erficr S3anb ben jraeifen bed SBerfed „Sie ©ilbung bed S3iblioff)efard" bitbet, raätjrenb ber jrneite audt) ben befonbern I Sätet „Bibiiothccao guelferbytanae Codices graec. et lat. classici" führt; „Sic Gulturpe* ( rioben bed oberfüchf. SRiffelalterd" (Sredb. 1825) nnb „Überlieferungen jur ©efd>tdt)£e, Sitcratur unb dtunfi ber23or* unbSWitmelt" (25b. 1 unb 2, ©f. I, Sredb. 1825—26). 9?äd)ff biefenbeenbete erba0,,f?tIXgenreinebibtiograpf)tfcf)e S?ejrifon y/ (2S3be., 2pj. 1821—30, 4.). Slujjerbem lieferte er zahlreiche Seifrdge $u 3eitfd)riftcn, namenflid) ju ber hallefd)en unb jenafchcn „2iteratur$eitung", ben „©öttingcr gelehrten Slnjeigen" unb junt „-^ermed", unb encpflopäbifchc Slrbeitcn. Gr ftarb am 13.2?op. 1834 in $olge eines raenige Sage por* her auf ber S3ibliothef erlittenen ©turjed Pon ber Seiter. ©herf (3oh- Strnolb), befannt als beutfeher Sichter unb Überfcfcer, befonberd engt. SBerfe, geb. 1723 ju Hamburg unb auf bem bortigen 3ohanneum oorgcbilbet, hatte an fpa* geborn nicht blöd einen raohItl)ätigen Unterftüfser fonbern auch mahrhaft Päferlid)en greunb. Surd) -f>ageborn raarb ihm namentlich and) bie grofe Siebe zur engl. ©Sprache eingcftöfjf. Gr finbirfe feit 1743 in Scipjig Sheologie; ba aber bie bigotc hamburger ©ciftlicf)feit an einem ( »on ihm öerfertigten unb som SRufifbirector (Börner componirten -^ochjeitdgebichte grofen Slnfiof nahm, fo oertaufchtc er, bie ©chraierigfeit einer fünftigen geijtlid;en SlnfMung er* I fennenb, bie Sheologtc mit ben humanifiifchen ©tubien. Gr fchlofj ftd> an gleichgefinnfc bicE)* J terifche grcunbe, raie Geliert, ©dileget, 3ad)ariä unb Pon Gronegf, an unb nahm mit ©ifefe ' unb Gramer Sintheil an bem „Sünglinge", einer bamald fehr gefehlten 2Bochenfcf)rift, unb an ben „S5remifd)en 25eifrägen // . Stuf Gmpfehlung bed 2tbtd 3?rufalcm raurbe er 1748 an bem neugegritnbefen Garolinum zu S3raunfchmeig ald Sehrer ber engl. Sprache angeftellt unb unterrichtete jugteid) ben Grbprinjen Äart SBühetm gerbinanb, nachherigen-fperjog oon 23raunfchraeig, in berfelben. Um biefe Seit fafte er ben Gntfchluf, feinen Sanbdlcuten bie SBcrfc ber befien engl, dichter unb ©d)riftficller burd) Überlegungen in fProfa befannt ju mad)en. Sad 23orjüglid)fie, raad er in biefer -£>infid)t lieferte, raaren ©looer’d „Seonibad" (1749) nnb gjoung’d „9tgd)tgebanfen" (4 23be., S3raunfchm. 1760 - 71 ; 2. Stuft., 5S3be., £pj. 1790—95), beren Überfegung ihm ben 9tul)m ber SRcifierfchaft in ber Überfegerfrmfi erraarb. 3m3- 1753 raurbe er junt orbentlichen fProfeffer am Garolinum, fpätcr juin Refrath ernannt unb ftarb am 19. SRärj 1795. Gr felbft fammelte feine SBcrf'e unter bem Sätel „Gpifieln unb ocrmifchte ©ebicf)te" (-£amb. 1789), benen nad) feinem Sobe Gfcfen* bürg noch einen SSanb hinjufügte (1795). S3efannt ift -Sflopffocf’d raeiffagenbe Dbe an ihn. ©berf (Äart Ggon), ein namhafter unb talentooller Sichter, geb. am 5. 3uni 1801 ju fßrag, rao fein Sater, ein geift- unb fenntnifreicher SRann, bceibeter Sanbedaboocat unb fürftüd) fürftenbergifcher ^ofrath raar, erhielt feine raiffenfcf)afttid)e S3ilbung theild burd) 1 ben SSater unb in einem Grjiehungdinftitut ber ^)iariften ju SBien, theild auf ber Unipcrfität ju ^5rag. S5ei ben; burd) literaeifd)e S5itbung unb ©cificdfreiheit ausgezeichneten dürften ^arl Ggon ju fyürffenbcrg würbe er 1825 SSibliothefar unb Strd)ioar unb 1829 3?atf) unb SlrchiPbirector. Gr jeigte fid) fdjon frühzeitig äuferfi probuctiP, inbem er, fein ©alent per* fennenb unb übergnftrengenb, noch auf ber Uniperfität an 20 Sramen oerfaßte, bie jraar als 3ugenb« unb ÜbungdPerfudhe ittdjf gebrueft raurben, aber ihm hoch für bie $anbhabung ber ©prache unb ber poetifdjen^orm eine guteSdjute raaren. ©einSSalent ift jebod) raefent« lieh I^rifd) unb nicht bramatifd), banon jeugen nicht blöd feine „Sichtungen" (2 S5be., $)rag 1824; 2. Stuft., 1828), in benen formelle @eroanbtl)eit ber -£>auptoorjug unb befonberd efne Ziemliche Slnjaht trefflicher 23atlaben unb 9toman;en ju finbeu ift, fonbern felbft feine gröfem Sichtungen „SBlafta, ein böhmifch=nationaled^)elbengcbicht in breiS3üd)ern"(fPrag 1829), itnb „Sad Älofter, ibpllifche Grjahlung in fünf Gefangen" (©tuttg. 1833), legterc eine feucht feiner Steife, bie er 1829 nad) bem Sobe feines Saterd bur^ ©übbeutf^lanb machte. dbiouiten ©bro 563 S 3 eibe @ebicf>te, bie ftd) befonberS burch tprifrfjen ©dfwung unb 3ieint>eit unb ©leganj ber Sprache auSjeichnen, würben hauptfäd)lid) in Sognten, beffen Sagen ihnen ju ©runbe lie= gen, mit warmer SEheilnahnte aufgenommen. ®ie SieblingSform feiner Jugenb, bie brama* . tifchc, hat er fpäter weniger angebaut. Such gefielen 1828 fein ®rama „Sretiflaw unb Jutta", welcf>e$ freilich ' n SBiett unb fDlündjen fein ©lücf machte, unb 1835 baS Trauer» fpiel „® jcjimir" auf ber prager Sühne. ©biotttfeit, f. St a j a r e n e r. (Übolt (Slnna be SRenboja, gürfltn »on), befannt burch bie brantafifche Seganblung ©chiller’S, p>ar bie Tochter beS SicefönigS »on $5erii, beS 35on £5iego ^)ufarba be ÜRenboja unb, als beffen einzige ßrbin, ^»erjogin »on granca»illa unb giirfiin oon SRelito. ©egen 1535 geboren, hatte fie fid) mit bem bereits in höherm Slfter ftchenben fRut ©ornej be ©p-lna »ermählt, ber als ©ünftling König fPgilipp’S II. »on ©panien, nach einem neapolit.©täbt= eben, jum gürften »on ©boli erhoben worben war unb bie ©qtegung beS®onß arloS (f, b.) leiten follte. ®ie junge gürftin, fd)ön, wiewol angeblich einäugig, geiftreich, »oll©ucht nach ©enuf unb äperrfchaft, fpielte am Jpofe bie erfte Stolle unb war felbft »on bem Könige hoch begünfligt, als ftd) berfelbe 1559 mit ©lifabetb »onVatoiS »ermählte, womit fie ©influf unb Stnfehen »erlor. Von ben abfcheulichen Jntrigucn, beren SJtittelpunft fie nun würbe, ift nur fo »iel gewifj, baf fte fid) um bie ©unji beS ®on ©arloS bewarb, jeboch »erfd)niät)t würbe unb beShalb auS 3tacge mit 25on Juan b’Sluftria, bem natürlichen ©ohne KarfS V. gegen ben ‘prinjen jufammentrat. @ie wufte ftd) baS Vertrauen beS Son ©arloS ju ermer* ben unb hinterbrachte bann ihrem ©emat)l, bem £)on Juan unb bem $crwg SUba, baf fie fämmtlid) »on bem fPrinjen gegaft feien, auch baf berfelbe ein fträflicheS Sergältnif mit ber Königin unterhalte. ©rfiereS war wahr, 8 cgtereS jcbocb ohne Zweifel erfunben. S^ar würbe fie »on bem gemeinfamen Sunbe ber Scanner gegen ben ^3rin$en auSgefdjloffen; allein ber ©taatSfecretair Slntonio SDerej, ber in bie ©eheimniffe eingeweiht worben war, fucgte ihre SRitwirfung bei ber Jntrigue wteber ju »ermitteln, um ihre ©unfi ju gewinnen, nach ber er eifrig firebte, unb in berSEgat gelang eS ihm auch balb, nicht nur bie ©unfi fonbern auch baS $er$ ber gürftin ju erobern. ®ie SRittgeilung über baS unerlaubte Sergältnif beS ^rinjcn jur Königin »eranlafte ben König, bie gürftin jur erfien öpofbante unb SBäcgterin ber Königin einjufegen, unb in biefer ©tellung gelang eS ihr, mit bem .Könige ein fträflicheS StebeSnergältnif anjufnüpfen. ©o trug fte nicht wenig baju bei, ben unglüdlicgen Printen auf bie Sahn ju führen, bie ihm auf baS ©dfafot gebradhf haben würbe, wäre er nicht plög= lieh ' m 3-1568 wäfjrenb beS $)roceffeS geftorben. ®er halb barauf erfolgte £ob ber Königin ©lifabeth fieigerte ihren ©infiuf. ®er 3lbftd)f ihres ©emahlS, ftch öon tgr fchdben ju taffen, fam fte ju»or. ©inepolitifcge Jntrigue follte enblid) auch ihren ©furj hetbeiführen. ©ie hatte bem ®oti Juan 1576 bie ©tattgalterfcbaft in ben Stieberlanben »erfegafft. 5US nun biefer feinen ©eheimfecretair ©Scopebo an ben $of fenbete, um feine egrgeijigen ^Mane in £>inftd)t ber Stieberlanbe weiter ju »erfolgen, unb h*er $)erej ben 91bftd)ten ©Sco»ebo’S entgegentrat, hinterbrachtc Segterer bem Könige fPgilipp SSerhältnif beS ^)erej mit ber gitrfiin ©boli. ^h*ltpp/ ber wohl einfah, baf er »on allen dreien betrogen werbe, befd)lof, ftch ihrer 9lUer ju entlebigen, unb jwar burcheittanber felbft. ©r lief ben ©Sco»ebo jucrfl burch ben $)crcj tobten unb bie Scrwanbten beS ©rftern bann Klage gegen fPercj erheben, baf berfelbe mit biefem SJlorb nur ber Stäche ber ffütftin gebient habe. ^3erej unb bie giirftin würben nun Seibe »erhaftet unb Grfterer erft 1585 »öllig in Freiheit gefegt. 3Bann bie gitrfiin bie grei* heit erlangt, ift ebenfo wenig befannt wie it>r SobcSjahr; fte fiarb aber in tiefer Verachtung. SaS erhebenbe geuer ber Seibenfdjaft unb bie tragifche Steue, womit ©chtller biefe grau aue« gefiattet, ifi nur burch bie ®i(htung, nicht burd) bie ©efd)id)te gerechtfertigt. ©bro, lat. Iberus, einer ber fbauptftröme ©panienS, entfpringt auf ber Sierra bcStep-- nofa in ber $)ro»inj Zoro beS fpan. Königreichs Seon, bem alten Jberien. Slbweichenb »on ben übrigen in weftlidjer Stiftung bem Sltlaittifchen SJteere 511 eilenben grofen ©frönten ©panienS, geht er in füböfilicher Stiftung burch 5lltcaftilien, Sta»arra, Slragonien unb ©a« talonien unb ergieft ftd) unterhalb Xortofa in baS fÖtittellänbifche SOteer. ©ein Sauf beträgt ungefähr 82 3R.; faft burchgängig behält er bie Statur eitieS reifenben SergftvomS, weS* halb er für bie ©d;ifahrt weniger geeignet ift; bodj Wirb er fcE>ott »on Sogrono an mit flei« OL* ,It 564 Ecce liomo Echelons nein unb non Rubeln an big ju (einem ©litrze bei ierta mit gröfern ©Riffen befaßen, ©urci) .Kanäle bat man it>n braucbbarer ju machen gefugt; bei bebeutenbfie barunter iff bei fogenannte Kaiferfanal, befjenSSau unter Kaifer Karl V. begann, bei aber burrf) bie ©cbmie* rigfeiten, auf bie man (tief, inS Steifen geriet^ bis König Karl HI., 200 2>af)re nachher, baS begonnene jffierf »ollenbS auSfüf)ren lief. Ecce homo, b-b- Sieb’, meid) einSRenfcb! rief nach 3ob- 15 - (Pilatus aus, al€ Sf>tt* ftuS nach ber ©eifelung unb Krönung bem (Bolfe »orgeftellt tnurbe, unb fo bienten (pater biefe SBorte überhaupt tur (Bezeichnung ber ®arfiellung beS letbenben S^rifiug. ©cbon b«S frühere SRittelalter legte in bas S5ilb beS ©rlöferS, baS in ber (ogenannter. Vera icon einen mehr ober ntinber fefien Stjpus gemonnen batte, gern einen füffcbmeulicben 3ug; (eit bem 15. Sabrb- mürbe auch bie Sarflellung^ber bei!. (Beronica mit bem ©cbmeiftucbe häufiger, auf melcbem baS bornengefrönte blutige £aupt (Sfjrifit zu feben mar. ®er ©cbmerj mürbe »orjüglicb burch bie (cf>arf aufmärtögejogenen Slugenbrauen bezeichnet, ba ju einem soll* (iänbig burcbgebilbetenSluöbrucf bie Jfunffmtttel jener Seit noch nicht auSreicbfen. ©eit bem 1 6.3abrb- finbet ftd) bann baS eigentliche Ecce homo, ©briffuS im (Purpurmantel unb mit ber Sornenfrone, als ein beliebter ©egenffanb aller SOtalerfcbulen, befonbers ber bologneft* fcfjen, mobet ein bebeutfamer Sufammenbang mit ber (Reformation nicht zu »erfennen ijf. ©eit bie Kirche mieber eine leibenbe mar, begannen auch bie Sarfiellungen beS ©rbenroallenS unb Reibens ©fjrifii unb ber ^eiligen ju übermiegen, mäbrenb bie altern ©cf)ulen mit (Bor* liebe bie bimmlifdbe ©lorie barjufiellen pflegten. 35ic ^of>e (Birtuofität in SluSbrucf unb (Sech* nif, bie (ich an bem öon oben beleuchteten, burch büftern ©runb gehobenen Sbealfopfe ent* micfeln lief, regte mehre ber gröften 9Ralet, befonberS ©uibo (Reni unb Slnnibale ßaracci, ju biefer Sarflellung an, obmol bie Seit zur©cböpfung eines mabrbaft erhabenen SbriftuS* ibeals nicht mehr geeignet mar. Statt beS fchmcrjlichen SlufmärtSblicfenS gaben bie fpan. SRaler öfter ein qualoolt gefenfteS (paupt, mäbrenb bie (Benetianer burch (Rebenfiguren, j. (8. burch ?mei Solbaten, einen ftarfen Sontraft jur ffigur Sb r 'Ü> 6« erzielen fud)ten. ß^afaubögett helfen bie hinter ben SeflungSmauem zu bem Smecfe errichteten ©e* lüfte, um mit bem fleinen ©emebr burch bie ©dbteflöcher feuern ju fönnen. ©djeUeö, ein »on bent ©renzfluffe ©uterS burcbfcbnitteneS, fbeilS faoopifcbeS, tfjeifg fran;. ©täbteben, in einem tiefen SEtjalfeffel gelegen, melier »on ben $öben ber grofen Kar* tfjaufc, bem (Bergrücfen be la ©rotte, bem SDent*bu*if)at unb ber burch (Rouffcau’S tlaffifc^e ©djilberung berübmfgemorben’en ©ebirgSpartie Ra ©tjaiüe gebilbet mirb, trägt feinen (Ra* men »on ber fd)mierigen, ebebem mir mittels Reitern ju bemerfffelligenben (Paffage über bie hohe SelSmauer, melchc »on biefer ©eite ©aoopen »erfcblieft. ^)erjog ©manucl II. lief hier 1673 bie Seifen 100 S- tief unb in einer Ränge »on 1000 .Klaftern burchbauen unb eine ©träfe anlegen, melcbe aber aufer ©ebraueb f'arn, (eitbem baS (Rapoleon’fche SRiefenroerf, ein 24 S- b°h er nnb rbenfo breiter Sunnel, Ra ©rotte genannt, melier ben Seifen in einer Ränge »on 900 S- burcbläitft, eine bequemere (Paffage bietet. Echelons ober ©taffein nenntman bie einzelnen Sbeile einer gebrochenen Singriffs* ober (BertheibigungSlinie, bie jmar in gleichen Slbffänben aufeinanberfolgen, aber md)t bin* ter*, fonbern nebeneinanber, fobaf jebcS nächfi hintere ©cbelon baS näcbfl »orbere feitmärtS überflügelt, ©ine ©^ladjtlinic fann auf »icrcrtei (Seife in ßd)elonS formirt fein,-nämlich entroeber »om rechten ober »om (infen Slügel, ober »on beiben Slügeln zugleich, ober entlieh in ©cbelonS aus ber SRitfe. ®ie S3emcgungen im ©cbelon gemäbren ben (Bortbeil, baf man bieStont leicht »eränbern fann, unb finb fonach feb» geeignet, ben Stinb über bie mabre 3Ibfi^t ju fäufchen; ferner, i;af man nicht SlileS zugleich ins ©efeebt bringt, fonbern einen Shell feiner .Kräfte mabrt. ®ie(Racbfheile befielen barin, baf ber^ufammenbang beS ©an- gen leicht »erloren gebt unb bie Sübrung ber einzelnen ©cbelonS fef>r gefebidte (Befehlshaber »erlangt. SEBenn bie ©chelonS nur flein finb, j. 5B. aus einzelnen (Bataillonen befleben unb Ziemlich bicht feitmärtS aufeinanberfolgen, fo entftebt bie »on Sriebrich II. fo beliebte fchiefe ©cblachtorbnung. S3efichen bie einzelnen ©cbelonS aus gefchloffenen D.uarreeS, fo gemäb« biefe ged)troeife guten ©ebufc gegen eine umfebmärmenbe zahlreiche feinblicbe ©aoalerie. Sluf biefe Slrt formirt, burdf jogen bie franz. ®i»ificnen bie grofen ©benen SlgbptenS unb tre|ten allen (Unfällen ber zahlreichen SRamlufenfcbmätme. ©djemon ©<$# 565 ©cffentOtt, ein ©ol>n be» fJJtiamug, mürbe öon Siomebed erfegt, mctyrenb er mit fei* ncm Stüber ©fromiog in einem SBagcn fuf)r. (f cbemoö, ber ®of>n be« Sleropug, mar nad) Spfurgug .Jtönig ju Segea in SWabten. Unter feiner Stegierung fielen bie fberafliben in ben ^eloponneg ein, mobei 6. ben Epilog im ;}meifampfe töbtete. 3n Folge ba»on muften jene geloben, innerhalb 50 Sauren feinen ©infalt meljr ju unternehmen. ©eine ©cmaf)lin mar Stmanbra, be$ Spnbaseug Sodjter. ©^ep^tOtt, ber ®of)n beg fiterculeg, ben er nebfl bem $)tomacf)ug mit bet ^fopfig i in ©icilien sengte, menbete ftd) fpdfer mit feinem Sruber nad) 2lrfabien, mo fte bie Statt fPfegea nad) if)ret SRutter ^Pfopl) ig benannten. (Scf)Cpölo3, ber ©of>n beg 2lncf)ifeg, ein reicher ©tfponier, fdjenfte bemSlgamemnon, um nid)t mit gegen Sroja jiefjcn ;u muffen, ein fd)öneö fjbferb, 9ltf)e genannt. — 6cf) cpo* (o$, ber ©of)n beg Sfjafpftu^, ein Trojaner, erlegte ben 3fntilod)og. (Scfyettoö ober &d)ettäoä, eine ©rfcfjeinung, bie ftef) in ©efialf eine? Satterg in ber ©cf)lad)t bei SJtaratfjon einfanb unb, nacfjbem fte mit einem Pfluge niete Feinte erfcf lagen, plöflief) »erfd)manb. Sllg man be$f>alb bag Qrafet befragte, befahl biefeg, jenen 3Äann alg einen -Sterog ju »crefjren. ©c^fto6, ein Jtönig unb graufanter Sprann in ©pintg, s« meinem 9tntinoo6, ber freier ber Penelope, ben Sefffer 3to§ fefiefen molfte, baf er ifn »erftümmeln follte. Sttan brauchte näntlicfj ben S'tamen biefeS SKanneg alg ein ©cfrecfbilb. ©eine emsige Socf)ter SDlefope ober ülmpfiffa bienbete er, meil fte fiel) ifjrem ©eliebfen fjingegeben fjatte. ©^inotbett ober ©eeigel bilben eine Sfbtljeilung bet ©frat>tfeiere (f. b.) unb 1 gehören fonadj $u ben ntebrigern Srganigmen. ©ie ftnb meifi »on Slpfelgeftalt, mit einer | fefjr regelmdfig gebilbeten dfalffdjale beflcibet unb mit bemeglicfjen »iefgefialfigen ©fadjeltt j befejst. 3n bem SUittelpunfte nacl) unten befinbet ftd) eine grofe, mit einem fefjr fünftlicf)cn I jfauapparafe »erfef)ene Öffnung, bag SSRaul, tiefem gemeiniglid) gegenüber fiefenb eine Heinere Öffnung, ber Elfter. 3f)r innerer Sau ift »erfjdltnifmdfig einfaef). Saufenbe oon fleinen cplinberförmigen güfen, melcfje burcf) bie regeimäfigen ^Porenreifjen ber ©cf>ale fjetöortreten, »ermitteln ein langfameg, fdjnecfenartigeg dfriedjen auf bem SÖZeerS- boben. Sie fRabrung ber ©cfjinotben befiefjt in fleinen Soncfglien unb feffftfenben ^5ffan* jent^ieren. Ser9lrten gibt eg ungemein »iele unb smar nidjt allein in ben märmernSKeeren. ^)in unb mieber merben fte gegeffen, inbem ifre ©ierfiöde einen aufternartigen ©efdjmacE i fjaben. — Serfieinerte ©eeigel fjeifen @d)tniten; fte ftnben ftd) in erflaunlid)en SRengen 1 in ben jungem unb jüngften Formationen, namentlich in ber ilreibc. Ser gemeine SRann nennt ftedfrötenfieine unb glaubt, baf fte »on alten Jtröten berffammen, eine Fabel, bie fefott bet ^3liniug oorfommt. SBerflcinerte ©c^initenffacfein, 3u bennabeln genannt, merbett an benfelben Drten gefitnben; fte meidjen oft fet>r »on benjenigen je&tlebenber 5lrten ab. ©olbfuf, Slgafftj u. 9f. f>aben bie Gfcfiniten feft genauen Unterfucf)ungen untermorfen. ©tfltoit, einer ber ©parten, melcfje aud ben gefäeten Sradjensäfjnen bed Äabntod ent* ßanben, ber tapferfie unter ifjnen, erfielt oom Äabrnod bejfen Socljter 2tga»e sur @emal)Un, ( mit ber er ben fPentl)eud jeugte. — © cf) i o tt, ein ©ofjn be« SÄercur unb ber Slntianira, ber 1 Sruber beS ©urptud, mar Sfjeilnefjmer am Slrgonautensuge unb an ber fafpbonifdjen 3agb. Eehiquier l)eift bie fd)acf)bretfötmige ©tellttng ber Gruppen, fobaf bie einjelnen 2lb* Reifungen ber smeitenßinie auf ben ifrer Fronte gleichen gmifcfjenräumen ber Stbtfeilungen in erffer Sinie fletjen unb bafer ungefjinbert burd) fte »or*, ober jene burcf) biefe jurücfgefjen fönnen. ©ie mar früher allgemein unb mirb aud) gegenmärtig, feit ©tnfüfjrung ber ßolon* nenflellung, mieber f)dufiger gebraudjt. SRatt bebient ftcl) biefer ©efec^t^meife am fjäuftgften bei Stüdjügen in grofen ©benen, menn berFeiub fifjarf nadfbrängt. ©ie gemafmf ben Sor ttjeü, baf bie Hälfte ber ©treitfräfte fletS Front gegen ben Feinb mad)t, mafrenb bie anbere Hälfte unter ifirem ©c^u§ eine ©trede surücfgefjt unb bann if)rerfeitd mieber Front macf)f, 1 mag ftef) allmdlig mit beiben Steffen mieberfjolt. ©egen bebettfenbe ßa»alerteangrtffe pflegt fid) bie Snfanterie in Sataillongquarre'eg ju formiren, mefdje mit 100 ©cfjritt Stbfianb ttn* fer ftd^ uttb in jmei Srcffen mit ebenfalls 100 ©d)ritt Sifiance geffeilt merben. 3n bie 3mi* ft^enräume ftellt man algbann Slrtillerie. (Scf)0 ober 335iber^all fjeift baä SSieberjurüdfe^ren eines ©t^alf« »on einer in 566 m ber 3tid)fung ber urfpritttglid) erzeugten Schallwellen beftnblicben SBanb. SJutt finbef jtoat SurücEwerfung ber Schallwellen an jeber SBanb flatt, welche biefelben auf ihrem SBcge treffen, unb eg braucht eine fotefje SBanb nid)t einmal feft $u fein; fo rührt , 5 . 33. bag Stollen beg Sonnerg gutn 3it>eit »on ber Surüdmerfung »on ben SBolfen her. Santit aber ber gu- rütffeEjrenbe ©cball and) wieber beutlicb »erttontmen werbe, alfo ein ©djo entfiele, muffen folgcnbeSSebingungen erfülit fein. Sie0ticbtitng ber SBanb gegen bie anfommenben ©cball- prahlen muf eine fenfrccijte fein, wenn ber ©cball wieber $u bem Df)r beg ©rjeugerg jttrücf* fctjren foll; fdjiefe SBänbe werfen ben ©cpaU nad) einer anbern 9Jid)tung jttrücf, Woburd) nid)t feiten ©d)og entfielen, bie ben SBiberball beg an einem beftimmten Drte erzeugten Sauteg an einem anbern bcfiitnmten Drte »ernebnten (affen, wie j. 33. ju ©cnetap bei Stouen. Sie guritefwerfenbe SBanb muf ferner, befonberg wenn bagßdjo SBortc beutlid) wieberbolen foll, intSlllgcmcinen eben, ober fo gefrümmt fein, bap fte wie einfjobtfpiegel bie ©cballftrab- (en concentrirt; lefctereg ifl nbt()ig, wenn eine fefjr weit entfernte SBanb nod? ein beut(id)eg ©cbo geben foU, weil fonfi »on ben mit ber ©ntfernung ftd) augbrettenben ©cballfkatjlcn j nur gu wenige jurücf gelangen. Sod) fi'nb bie Slnfoberungen an bie ©benljeit ber SBanb nidjt ! fef>r grop, benn fonfi fönnte j. 33. ein SBalbranb fein ©dfo bilben, wie bodj häufig genug gefd)iel)t. Sie ©ntfernung ber gurüefmerfenben SBanb muf enb(id), wenn bag @d)o »on bem urfpritnglidben Baute ftch bent(ict) trennen foll, minbefteng fo grop fein, baf ber ©cball gumfMn- unb Hergänge bie Seit braucht, welche für itnfer Df)t nötbig ifi, wenn eg gwei auf- einanber folgenbeSlönc beutlicb fd^eiben foll. SeptereSeit ifi */ 9 ©ecunbe; ba nun ber ©djalt in ruhiger Suft in ber ©ecunbe 1080 g. gurüdlegt, fo wirb eine minbefteng 60 g. entfernte SBanb eine ©plbc beutlicb wieberbolen fönnen. 3fi bie ©ntfernung fleiner, fo entfielt nur | ein unbeutlicber Slacbball. 3 ft über bie ©ntfernung gröper, fo fann bag 6 cf )0 fo »ici ©plben | hören (affen (ntcbrfplbigeg Sdjo), atgin berbig tumSBiebetfommen beg ©cbatls etfober- j liehen Seit gefprodjen werben fönnen. Sa« @d)o am ©rabntal ber SOlctella in ber ©antpagita, ! welcbcg nach ©affenbi einen ganzen £eranicter wieberbolt, ber etwa 2 ©ecunbcn tum SUtg- fprechen erfobert, mup baber attg ungefähr 1500 g. ©ntfernung fommen. ©oldje ©d)og ftnb feiten, weil bie gehörige ©ntfernung ber SBanb nur feiten mit einer ju bem gehörigen Sufammenbalten ber ©cballfirablen erfoberlicben ©eftalfuttg jufantmcnfällt. 33efinben ficb in ber Siicbtung beg ©challg mehre SBänbe (gelfen, SRauern u. f. w.) in »ergebener ©nt- fernung, unb finb bie Sifferenten biefer ©ntfernungen gehörig grop, fo bilbet iebc SBanb ihr ©cbo für ftd), unb biefe ©dfog werben bann bintcrcinanber attg Df)r gelangen. Sie berübm* [ tefien ©chog biefer Slrt beftnben fid> beiStogneatb in ©d)ottlanb, bei Jfobleng, auf ber gropen i ©ang bei ber 33afiei in ber @äd)f. ©dfweig u.f. w. ©in gang ähnlicher ©ffect entffefjf, wenn oer ©chall auf gwei SBänbe trifft, bie untereinanber einen SBinfel machen unb bann burd) $in> unb Verwerfen ber ©cballftrabten bag ©cbo ähnlich »et»ielfad)en, wie g.S3. bie ©piegel eineg Äaleiboffopg bie 33ilber. Ser berühmtere ©ffect biefer Slrt wirb »on ben beiben glü- geln beg ©chloffeg ©imonetta bei SDZailanb ergeugt, weiche einen ^iftolenfd)up 60 mal ; wieberbolen- — 3 n ber SDtpfbologie ifl © cf> 0 eine Stpmpbe, »on welcher 3 uno oft, wenn fie ihren ©emabl Supiter bei ben Stpmpben ertappen wollte, burd) lange ©efpräcbe bingebal» ! ten unb fo baran gebinbert würbe. Sur ©träfe bafiir »erwanbelte fte biefelbe in einen geig, r boch fo, bap ifjr bie ©tintme jur SBieberbolung beg festen SBortg, bag fte hörte, blieb. Stach Slnbern »erliebte ftch 6 . in ben Starciffüg unb grämte ftd), alg biefer ihre Siebe nid)t erwi- berte, fo febr, bap pe »erfebmaebtete unb nur bie ©timme unb ©ebeine übrig biteben. @if (3t>b- a bt »on), ber befannte ©egner Bittber’g, würbe I486 in ©cf, einem Drte in ©c|waben, geboren, wo fein Später, SKtd). SJtapr, Sauer unb bann Slmmann war. 5Kit guten Slnlagen auggejfatcet, erwarb er ftch früb^eitig burd) bag ©tubium ber .ftireben- »äter unb ber ©cf)olaftifer eine ©elehrfamfeit uttb eine Sigputirfertigfeit, ber nadjmalg felbfl Sutber unb SRelanchtbon ihre Slnerfennung nicht »erfagten. ©r war Soctor ber Rheologie, Äanonicug in ßicbfiäbt unb ^)rofanjler ber Unioerfttät ju 3 ngolpabt, alg er jtterfl 1518 1 gegen Butber’g Siefen mit feinen „Obelisci" auftrat, bie er angeblich nu t prioatim auf Verlangen beg Sifchofg »on ©ichpäbt »erfapt batte. Surcb biefe ©d)rift in einen ©treit mit ätarlflabt »erwicfelt, fam ©. imDct. 15 18 ju Sluggburg mit Sutber überein, bie ©ache folle burch eine Sigputation ju Seipjig jwifchen ihm unb üarlftabt gefcblichtet werben, allein 567 mw @a$of feine ©itelfeit Bereitete i(jn, jugteief) £utt>er in ben .Stampf ju jieben, inbern er im Programm jur ©ilputatton niedre S(nfidE)fen Butber’l an griff. ®ie golge biefel geiehrten Jfantpfm, ber »om 27. 3uni— 16. 3uit 1519 mährte unb ©.’l Stebefertigfeif, aber auch nur biefe bemunbern lief, mar ein heftiger Scbriftenmecbfel jmifdjen biefem, Sutf)et unbSJtelancb« tijon. 6 . öerJe&erte bie SBtttenberger all „Sutfjeraner" unb ging, ti)ei(l »on perfönlicbeut Jpaffe, tbeill »on gugger(f. b.) angetricben, im 3- 1520 nad) 9tom, um ftrenge SDlaf« regeln gegen biefeiben ju ermirfen. SJiit einer S3erbammunglbulle gegen Butber unb mit bem Sluftrage, fte 51 t »erbreiten, fcijrte er jurücf, fanb jeboci) bamit an mannen Srten fo ernfien SBiberflanb, baf er j. 33. in Beipjig in bal Paulincrflofter filterten nutfte. Spater ftnben mir 6 . mieber auf bem Sieicfystage ju Slugiburg im 3- 1530, mo er gegen ben 5?et- jog SBilbelm »on SSaiern bie merfmürbige Sluferung tf)at, „mit ben .Sircf)cnPd'tern getraue er flcE) moi bie Sluglburgifcbe ©onfeffion ju miberiegen, aber nid)t mit ber Sd)rift". -fpier nafym er auch an Slbfaffung ber bafijolifc^en SBiberlegunglfcbrift, fomie an ben SSereitii» gungloerfucbcn 3ii)cil, bie ftrf) an ben 3teid)ltag anfnitpften, allein ebenfo fruchtlos blieben, mie bie Sffeligionfgefprä^e juSBorrnm im 3- 1540 unb 51 t SbtegenSburg im 3- 1541, bet melden©, ebenfaltö gegenmärtig mar. ©rftarb 1543. ©ie Sucht ju glänzen unb eine SlioUe §u fpielen, ntuf all ber fjcroorftcrfjenbe 3ug feinel 61jarafferl bezeichnet merben, nebenbei »ielieic^t auch ©elbgier; menigftenl fagt Suttjer: „3ob- ©cf ift über mir reich mör* ben", mal fid) mit ©.’l näljerm 23erl)ä(tniffe 51 t Bugger in SSerbinbung bringen liefe. ©äfjel (3of. -pilariub), einer ber griffen Stumilmatif er, geb. ju ©mersfetb in Unter* öffreief) am 13. 3an. 1737, oerbanfte feine gelehrte ©rjtefjuttg unb Slulbilbttng ben 3efui* ten, in beren Drben er fpäter eintraf. 9tad)bem er in bemfetben ber 0Jcif)C nad) »erfd)iebene Lehrämter befleibet batte, fam er all 2 ef>rer ber SScrebtfamfcit an bal 3 efuitencollcgium nad) SBien. 5Met mar el, mo er, mit ber Slufftd)t bem SKünjcabinetl beauftragt, ©efd)macf an einem gadje bcs SBiffenl gemann, bal bureb tl)n tut SSijfcnfcbaff erhoben merben follte, naebbem er eingefeben, baf bie »orbanbenen nuntilmafifcben SBerfe in feiner SBeife genügen fonnten. Sei feinen Slrbeiten unter jiü$ten i^n bie zahlreichen Sammlungen SBienl, namentlich bal f'aiferlicbe SDtünjcabinet, bureb einen auferorbentlicben Steicbtbwm antifer SJlünjen. ©ine Steife nad) Stalien im 3- 1772 befeftigte bie bereite gemonnenett 2 tnfrcf)tert unb »ermebrte bureb bal 2lnfd)auen ber Stücfe felbfi btc t’bm bereite eigene dfemttnif ber attfifen SWünjen. Stad) feiner Stücffebr aus 3falien erhielt er in SBien mit ber Profeffur ber Slltertbumefunbe bie 9litfftd)t über bas faiferlict>e SDfiinjcabinet. ©r ftarb ju SBien am 17. 50fai 1798. Stadlern ©. junaebfl bureb feine ©inteitung in bie alte Stumilmatif bie Slufmerffamfeit aller ÜJiünjfrcunbe erregt, folgten halb gröfere SBerfe, in betten er jum Sbeü bie ©rgebniffe feiner gorfebungen in ben Sttünjcabineten Stalienl, bie Seltenheiten bei faiferücben ©abinetl in SBien befannt machte, ©abin geboren bie „Numi veteres aneedoti ex mtfseis Caesareo Vindoboneusi, Florentino etc." (2 S3be., SBien 1775, 4.) unb „Sylloge I. numorum veterum aneedotorum thesauri Caesarei" (SBien 1786, 4.). Sal ©rgebnif feiner SCrbeitcn im SlUgcmeuten legte er in ber „Doc.trina numorum veterum" ( 8 Sbe., SBien 1792 — 98, 4.) nicber, ein SBerf, meld)d noch gegenmärtig, frobbem baf manche barin aulgefpro^enc Slnftcbten bureb neuere jorfebungen unb ©ntbeefungen »er« fd)iebenartige SSJiobiftcationen erhalten haben, all unerrcidjt bajlebt. Saffelbe enthält bal ©efammtgebiet ber alten Sötün^funbe in ein miffenfcbaftlicb georbnetel SpPem gebracht, melcbcm bie gcograpf>tfcbe Drbnung §um ©runbe liegt, ©ingefireute Slbbanblungen über einjelne ©egenftänbe ober über ganje Leihen »on SKünjen geben bem ©anjen einen um fo gröfern SBcrtb, all babureb cineltbcill bie Sebanblung gerechtfertigt, anberntbeill Slnftcbten miberlegt merben, auf voeld)e man früher irrtümlich fufte. Slufer biefem fpftematifeben SBerfe »erbanfen mir ©. auch noch bett Äatalog bei fatferlidien ©abtnefl, ben er auf ©runb ber 2?orarbeiten »on gröblich unb -Rl)cll cufammenflellte („Catalogus musaei Caes. Vin- fclbfi unb au« ftdj herau« merben, unb fo mürbe er, inbem er feinen Stiftungen, bic man urfprünglidj al« ©cijö» pfungen bejeichnen fann, ben ©tempel berSriginalitäf, ber grünblicl)ften Gbarafterifti'f unb bcr munberbarfien ?iaturmaf)tt)eif aitfbrücfte, Sillen SRufter unb ber eigentliche Schöpfer ber beutfchen S3ühnenfunfl. ©leich fiarf im Sragifchen mie im ätomifchen, befonber« in ben ©olboni’fchen unb SRoliere’fchen Stücfen, mufte er feine fötpetlichen Schier, 5 .23. feint hohen Schultern, feinen nicht »ortheilhaften S3au, feine bicfen Ä nöcf)el, ja felbft ben SRangel eine« treuen ©ebächtniffe« fo ju »etbeden, baf man feiten etma« baoon gemalt marb. Un» gemeine Jtenntnif be« menfchlichtn $erjen« unb bcr Sitten in jebern Staube, Seuer unb fRichtigfeit in feiner Seclamation, paffenbe Slction unb treffenbe« ©eberbenfptel erhoben 6 . ju einem ber erften bramatifchen Äünpler. ©ein Sluge mar glünjenb unb jebe« 2 lu«brud« fähig, fein Drgan non einer $ülle unb im 3 orn non einer fo bonnernben ©emalt, in rühren» ben Stellen non einer fo herjfchmeljenben, bie Spänen ber 2h c >5tahme uttmillfürlich in bic Slugen leefenben SBeichheit unb Sattheit unb überhaupt non einem 2 Bof)llaut, baf, mie 3ff* lanb felbfl gefianb, feine« ©(eichen nid)t mieber gefunben merben fonnte, baf fogarSchröber, meldjer alle berühmte Schaufpieler unb Schaufpielerinnen bi« jurn Sermechfeln nad)ju* ahmen oermod)fe, ©. nachjuahmen gar nicht nerfuchfe, roeil er baju erft @.’« unnadjahnt» liehe« -Organ haben müffe. gafl Wein non ©eftalt, etfehien er auf ber S3ühne intpofaut unb mie ;itm p)errfcben geboren. Sie competentefien Jtunfirichter feiner Seit, Sefjtng, Schröber, SReper, SchinB, Sfflanb, Gngel unb Jto|ebue, tonnten nicht genug SBorte ftnben, um bie muuberbaren SBirfungen feine« Spiel« ju fchtlbern. 3m 2ragifd)en mar feine tieferfchütternbe Sarftellung be«Oboarbo bicSpige feiner Stiftungen. Sabet mar G.ftet« eifrig bemüht, fid) liferarifch fortjubilben unb mit ben geiftigen Gntmidclungen ber Seit Schritt ju halfen, al« SDtenfch hochgeachtet unb burd) Sittlichfeit, 2lnfprurf)lofigfeit unb Sieligiofitat au«gejcid)net. (Stf tttüljl, ein Sorf an ber Saber, im bair. Greife 37ieberbaiern, mürbe benfmitrbig burch bic Schlacht am 22 . 2lpr. 1809 . Ser linfe Flügel ber 2luffMung be« öfir. .jpeer« mar nämlich In ber Schlacht bei 2lben«berg (f. b.), unter ©rjherjog Subroig unb ©cneral filier, gefchlagen unb baburd) »on ber Sauptarmee getrennt unb bi« übet bie Weine Saber auf ber Strafe nach Sanb«hut jurüdgefrieben morbett. .ftier »on SRapoleon »on Born unb »on SRaffena auf bem regten Sfarufer im 3tüden, am 21.31 er. angegriffen, mürben bie Öftreicher abermal« gefchlagen unb mit noch gröferm 23erluf}e über bie 3far gemorfen. Uit» terbeffen hafte ber Oberbefehlshaber, Grjherjog Jfarl, nicht nur fRegenöburg am 20 . 2lpr. befefct, bafelbfi ein franj. ^Regiment gefangen genommen unb mit bem Gorp«, ba« unter Jtolomraf »on jenfeit fRegenSburg fjeranjog, (Ich Bereinigt, fonbern auch auf bem rechten Sonauufer burch bie SBegnaljme beruhen »on Slbach (Slbbach) am 21 . eine Stellung bet 6 ., bem $auptpaffe »on 3tegen«burg, genommen, »on mo er an bcr Spi|e »on »itr 2ltntce» torp«, unter JRofenberg, ^»ohenjollern, .Rolomrat unb gürft 3 e>hann »on Sierf)tenfrein, ben Sieger »on 2lben«berg im fRücfen bebrohte unb ber Strafe nach Sonaumörtf), ba« ben Sc* ft| »on SSaiern entfehieb, ftch ju bemächtigen hoffte. 2lücin Sa»ouft h>elt am 21 . bie mei* tetn Sortfdjritte ber Streicher auf unb mufte burch feine rcieberholten fiürntifchen Eingriffe ben Grjhetjog über 9tapo(eon’«3lbftthtenunb namentlid) über beffen Operation gegen Sanb«» hut ju täufchen. 2lm 22 . Stachmtttag« erfcf)ien auf einmal SRapoleon, ber filier’« 23erfof* gung bi« über ben 3nn bem SRatfchall S3effiere« überfragen hatte, mit ben .peertfeilen unter Sanne«, 9Raffena, ben SSürtembergern unterSöanbamme unb ben .Rurafftecbioifionen 9tan» feutp unb St.*Sulpice »on ber lanb«huf»regen«burger Strafe her, bem Sorfe @. gegen» über, mo bereit« bie SSaiern unb Saooufi im Steffen ftanben. Sa« mürfemberg. Gorp« (Sftjfctn 569 bitbete Napoleon’« 2lBanfgarbe, nafm gleief im Anfang ber Scflacft ba« (Dorf Burgfau* fen unb befe^te Itnf« unb rccft« ber peerflrafje bie SBatbungen, woburef ba« perBorbreifen unb ber 2lufmarfcf ber Steiterei erlcieftert mürbe, .pierauf erftürmte ber bair. ©eneral Set» bewifc mit jwei bair. ^Reiterregimentern eine öflr. Batterie Bon 16 ätanonen, welcfe trefflid) pofürt, bie Strafe Bon 8anb«fut naef 9icgen«burg befind) unb furcftbar wkfte. Dem* ndeffl überflügelte 8anne« bie Dflreicfet auf ber linfen glanfe in bemfelben 2lugenblide, wo (Daoouff Sefebre unb SRontbrun Bon Born angriffen. (Die Dflreicfer, in if)te jweite Stellung bei bem Dorfe G. jurüdgebrängt, hielten wieber @tanb; aber flürmenb naf m bie mürtemberg. Snfanterie ba« Dorf. Salb nadlet mürben bie übfiteicf er auef au« bemSBalbe, ber fRegenSburg bedt, Bertrieben unb in bie ©bene geworfen. Secf jet>n Eaoalerieregtmen* ter braefen nun über Spierling in bie Gbene Bon 6.Bor, warfen brei öfir. epufarenregimen* ter über ben -paufen unb feftugen auef bie Bier itüraffterregimenfer, welche ber Gtjferjog jur Unterflüf ung fcf idte, in bie glucf t bi« Traubing. Daburtf warb bie öflr. Snfanterie umflügelt unb in Unorbnung gebracht, welcfe fefr halb ju eiliger 5'(ud)t ftef umwanbelte. 3n ber fRad) t füfrte ber Grjf erjog feine füefenben Scfaren auf Scfiffbrüden über bie Do* nau, wo er fYef> f intet bem fcf leef tbefefligten SRegenSburg jum SRüdjugSfampfe aufflellte, bi« bie granjofen auef biefe Stabt unb ba« mit ifr Berbunbene Stabt am -pof am ‘23. unb 24. mit Sturm einnafnten. Die Dfüreicfer, Bon benen nur etwa 28000 2R. gegen 65000 granjofen in« ©efeeft !amen, Berieten bei G. 6000 9R. unb 16 ©efefüfe; ber Serlufi ber granjofen war bebeutenb geringer. Napoleon, ben am 23. eine matte jfttgel leieft am gufje gefireift fatte, erlief am 24. einen SageSbefefl, in welcfem er bie grueft be« fünftägigen gelbjug« ber brei gewonnenen Scflacften bei Sann, 2lben«berg unb G. unb ber ©efeefte bei grciflng, Sanbsfut unb 9?egen«burg jtt 100 Kanonen, 40 gafnen, 50000 Gefangenen, 3 Ponton« unb 3000 gufrwerfen angab. 3ug(eicf ernannte er Daoottfi, perjog Bon Sluerfläbt, jum g ü r fl e n B o n G d m it f l. 3n golge biefer Äämpfe muffe ber öflr. ®eneral Sellacf kf SSRiincfen räumen, wofin ber früfer Bertriebene Äönig Bon Bakrn am 25. jurüdfefrte. Sugleicf faf ber öftr. Dberfelbf err fid) au« ber Dffenfioe in bie DefenftBe Berfeft unb mufte ft cf naef Söfnten jurüdjief en, bem geinbe aber flanb ber 2Beg naef SBien offen. ©cf fleht (gerb., Baron Bon), ein getfireiefer ^ublkifl unb fatfoliftrenber ^filofopf, geb. ju Äopenfagen tm Sept. 1790, trat wäfrenb feine« mefrjäftigen Slufentfalt« inSRorn jut fatfolifefen dfirefe über. 5Racfbem er feine Stubien in ©öttingen unb .peibelberg been* bet unb auf biefen Unwerfitäten an ben burfdfenfefafttiefen Bewegungen Sfeil genommen fatte, wofnte er im Süfow’fcfen grekorp« allen gelbjügen in ben 3- 1812, 1813 unb 1814 bei. 211« aber biefe« ^Regiment etn preufifcfe« werben follte, faf er ftef be« feffigen 2Bibet* fianb« wegen, weiefen er gegen biefe SRafregel an ben Sag gelegt fatte, genötfigt, feine Gut* laffung al« Dfftjier ju nefmen. 2luf gürfpraefe be« Baron« Ban Gapellen trat er nun in nieberlänb. (Dienfte unb würbe mit ber Seitung ber SDiilitair* unb GiBilpolicei in ©ent beauftragt Stefe Stelle befleibcte er auef wäfrenb be« 2lufentfalt« berBourbon« in biefer Stabt. Seine Spmpatfic mit ben religiöfen unb politifefen ^rincipien, welcfe in granfteief ju2ln* fange ber JReftauration jur ©eltung famen, moeften ifn fauptfäcflid) Beranlaffen, ben nie* berlänb. ®ienfl mit bem franj. ju Bertaufcfen. Gr Berbanfte ber Bermenbung Bon ®ecaje« ben Sofien eine« ©eneraleommijfair« ber 23olicei in ÜRarfeille unb würbe 1 SIS al« ©eneral* infpeefor auf bem ^oliceiminiflerium angefiellt. Ginige Seit barauf ging er inbef jum 2Ri* nifierium ber auswärtigen 2lngelegenfeken über, wo er bi« jum 2lu«brutf e ber 3ulircoolu* tion blieb. Gr nafm lebf aften 2lntf eil an nerfefiebenen ropaliflifcfcnSeitf^riften unb grün* bete 1826 ein eigene« Soutnal „Le catholique", ba« er ^um Drgan feiner politifefen unb religiöfen Uberjeugungen macftc. ©effenungeaeftet arbeitete er ju gleicfer 3eit an Berfcfie» benen anbern periobifefen Blättern, unter anbern am „Avenir". Überall jeigte er ftef al« einen bef arrlief cn 2lnf änger ber SDffenbatungSpf ilofopf ie. Seine Scnbenj bejeief net er felbfi in ber Ginleitung ju feinem 3ournale, inbem er fagt, er beleuefte alle ©egenftänbe, bie er be* fanbele, mit bem Siefte be« reinen Äatf oliei«mu«. Gr ifl ber fRieftung, welef er 2Raif!re, Bonafb unb eine 3ek lang auef Samennai« angeförten, auef naef bem 2luff ören be« „Catholique" (1829) treu geblieben unb fat feine 2lnftcft in jaflreicfen Brofcfüren Berfocften, unter benen Wir nur fein „De l’Espagne, considerations sur son passe, sur son present et 570 ©cuabor @bba son avenir" ($)ar. 1836) t>cröort>c6en. ©egenwärtig arbeitet er an einer ©efd)id)te bet 9Kenfcf)t)eit, in ber f>auptfä(f)tict> bic »erfchiebencn Sprachen, Literaturen, ^Religionen unb bie ! »olitifdhen Bewegungen berücfjlcf)tigt «erben follen. 3« bem Swecfe f>at er ffd) mit befonbe* rer SBortiebe bemStubium beSQrientijugewenbet. gür Seutfchlanb t>at er »or;üglid)e Be> beutitng burd) feine jahrelange Mheilnaf)me an ber augiburger „Allgemeinen Seitung". ©cuabot, einer ber bret im 5Ro». 1831 auiber ehemaligen Stepublit Solombia(f.b.) gebilbetcngreiftaatenAmerifai, ift burd) ^3cru, 33raftlien, fReugranaba unb bai Stille SReet, int Dften burd) bie 6 o r b i U e r a S (f. b.), unb im ©üben burd) ben SR a r a n o n (f. b.) be* , grenjt unb Ijat über 600000 6 ., barunter bie äbälfte Snbianer. ®er Staat jerfällt in bie brei Separtementi ©cuabor ober Quito, ©uapaqutl unb Affttat), mit ben #aupfffäbten Quito, ©upaquil unb Sucnca. Sunt ®epartement ©uapaquil gehören bie unbewohnten ©allopagoi ober Sdjilbfröteninfeln (120 dSR.). ®ie .fjauptffabt bei ganzen Staats ifl Quito (f. b.)> bie itauptfiabt ber ehemaligen fpan. 3ntenban$ war fRiobamba, bai, 1707 burch ein ©rbbeben $crftört, an einer anbern ©teile wieber aufgebaut werben mujjte. fRad) ber $h e ^ un 3 SolombiaS entbrannte in 6 . ein lange bauernber SSürgerfrieg. 33ergc= beni fud)te ber ^rcifibent »on ÜReugranaba, ©cneral St.*Anber, bie flreitepben Parteien ju »ermitteln unb bai fpaupt ber einen Partei, ©eneral glorei, einen frühem Anhänger 33 o (i» a r ’ i (f. b.), $um fRi’tcf trifte ju bewegen. ®iefev fämpfte, anfangs gefchlagen, aber fpäter fiegreich, tl)eils gegen ben ©eneral 33arragan, ber bie ^Regierung »ertheibigte, tf)eilS gegen Sfocafuertc, unb erfl im SRärj 1835 fam jwifchen biefem unb glorei SSerföfjnung unb griebe ,u ©tanbe. ©ine am 9. Aug. 1835 eröffnefe Sonffituirenbe fßerfammlung gab bem neuen greiffaate eine burch *> en Songref »on 1838 nicht wefentlid) »eränberte SSerfaffung, woburch in ähnlicher SBeife, wie in Sleugranaba unb 33enejuela, ein fPräftbent an bte ©pifse ber »olläiehenben ©ewalt gefiellt unb bie ©efefsgebung einem Songreffe »on jwei Äammern , übertragen ifl. fRocafuerte würbe jum fpräfibenten ernannt unb unter feiner »erflänbigen Leitung traten ©ebeihen unb 9lul)e ein, bie 1837 burd) ben Streit jwifd»en ©hilc unb ^ertt jwar bebrohh aber nicht gefiört würbe, ©tn militatrifcher Sluffianb in SRiobantba würbe 1838 burch bie Gruppen ber ^Regierung unterbrüeft unb bie unruhigen Bewegungen in ber an SZeugranaba grenjenben S>ro»inj LoSfPaffoi blieben ohne golge. Auf SRocafuerte folgte ©eneral glorei in ber ^räfibentenwürbc, ber gegen fPeru alte ©elb= unb ©ebietifoberum gen erneute, weihalb biefei tum dtriege ri'tftcte; hoch würbe berStreit $wifd)cnbeiben®taa> ten noch gütlich beigelegt. 6 . tief burch einen 33e»ollmäd)tigten, ®on fp. ©ual, ber iRegie* rung ju SRabrib ein ®ecret bei Senats unb Songreffei 51 t Quito »om 27. SRärj 1839 | überreichen, wonach fpan. Äauffahrteifchiffe in bie .?>äfen ber SRepublif jugelaffen werben unb bafelbft jeben <3d)uh geniefen foUtcn. hierauf gewährte Spanten am 18. gebr. 184Ö bie gleiche SSergitnjfigung ben Schiffen bei jefst unter bem SZamcn ber fRepublif ©ettabor befannten amertf. Moratoriums bei Königreichs unb ber ^3räftbentfc£)aft Quito, ©nbtich aber, am Schluffe bei 3. 1841, fam jwifcfjen 6 . unb bem SÖluttcrlanbe ein förmlicher grie» 1 beni* unb greunbfdjaftiPertrag jtt ©tanbe, bem ber Abfdjluf einei auf ©egenfeitigfeit ber j SSortheile begrünbeten-fjanbeti* unb Sd)iffahttS»ertragS folgte. Am 20 . ®ec. 1S41 erlief I bie SZepublif ein ®ecret, wonach bie birect aui ©itropa in ihren .fbäfen einlaufenben Schiffe ^ eine ©rleid)terung »on 5 ^Jrocent an allen Mariffäfsen erhielten. Ser Bwecf biefer SRafre» gel war bie 33eförbentng bei birecten äpanbeli, ba biiher bie 9Zepublif, jum 9Zad)theile für ihre Ausfuhr, fafi einjig burd) ben 3wifdjen»erfehr über SZeugranaba ober ^3eru mit europ. Sßaaren »erforgt wttrbe. Soch erfannte man bie 33crminberung ber Mariffäge für allju ge* rtng unb faf) einer weitern fRebuctton berfelben entgegen. 33on ber frühem co!ombifd)cn ©taatifchulb hat 6 . »ertragimäfig ben »ierten Mf)etl übernommen. ©ballt in fRorbhoEanb, am äupberfee, etwa 6 SR. »on Amflcrbam, mit 4000 ©., einem äbafen, bebeutenbem Schiffbau, ©aljffebereien unb Mhranbrcnnereien, ifl befonberi wegen feiner Jtäfemeffen befannt, bie fehr bebeufenb ftnb. ®ie ebanter Käfe gehören ju ben 1 ©üfntilchfäfen, wiegen 3'/ 2 —20 ^)f. unb finb »on »or^üglidjer ©üte. ©bba, b. h- Stammutter, heifen bie beiben Sammlungen iilänb. Sichtungen, in wet* chen ber ganje Schag altffanbina». SRpthen aufbewahrt iff. Sie ältere ober Sämun* bifcheSbba, fo genannt nach bem iilänb. ^rieffer Sämunb Sigfufon mit bem33eina* Csb&er ©belffehte 571 ntett §robi, b. i. ber ©elebrte, melcbe» fte in ber erften Hälfte be« 1 l.Sabrb.iufammenbtacbfc, enthält Sieber fomol mptbiftben al« epifefjen Sn^attg au« »erfd)tebenen Seiten, jeboeb in«gc* fammt, trenn auch t)ier unb ba fpäter Gi)riftüd)e« eingefloffen, au« ^cibnifcfc»er Seit, »en benen bic eptfcEjen Sieber ju ben ältefleit ju gehören febeinen. Ste ctfle Hanbfcbrift baöon mürbe 1643 in3«lanb »on bentffiifdjofe ju©falbolt, Srinjulf ©»eno entbedt. Sie Haupt* au«gabc (3 Sbe., Äopenf). 1787 — 1828 , 4 .), enttjaltenbbertUrtcjct mitlat.Überfegung, Sin« merfungen unb reichen ©[offen, mürbe »on bem9lrne=®tagnänifcben3nffitutbeforgtunb »or» jüglid)en SCntbeii, bauptfäebtid) an ben beiben lebtenSänben, batte ginn 50b a g it u ff e n (f.b.), ber auch ba« beigegebene „Lexicon inythologicum" beforgte. 97od) öor Sollenbung biefet gtofen 9lu«gabe batte Slfjeliu« eine Hanbau«gabe nad) 9ta«B’« fltecenfton beforgt (©totfb- 1818). 9lud) bte Srüber ©rimm bitten au« ber Hanbfcbrift „Sieber ber alten Ebba" mit trefflichen 9lnmetBungen berau«gegeben (Setl. 1813 ). Seutfche Übcrfegungen beforgten fo* bann ©tubacb (Slürnb. 1829) unb Scgt« in ben „gunbgruben be« alten Sorbett«" (Spj. 1829). Einzelne Steber iiberfegten ^erber, Seiti« (©ineb), ©rätcr, g. fDtaper unb Sttmüller. — Sie jüngere 6 bba, beten Snfamntenflellung man gemöbnlicb bem berühmten 3 «länber ©norto ©turlufon (f. b.) im 13 . 3ab»b. üufebreibt, tfl eigentlieb ein Sebrbucb ber altnor- bifbben fßoetiB, ba man auch in ebrifiltdjer Seit bie 9tfenlet>re noch ju poetifebem ©cbmude benugte. Sen Hauptbeftanbtbeil berfelben bilbet eine profaifd)e »olljtänbige SOlptbologie. Sad)bent 1928 bie Hanbfcbrift aufgefunben morbenroar, beforgte Siefeniu« bie crfle 9lu«> gäbe mit bän. unb lat. liberfegung (Äopetib- 1665 ); bte befle aber »erbanBcn mit 9taSf (©todb- 1818 ); in« Seutfche mürbe ber ntptbologifdje Sbeil »onSüb« (33erl. 1812) übertragen. Surcb jum 2 !b c üallcrbing« übertriebene Sobpreifuttgen,mic»on ©cbimntelmampbem berücbtigtenÜberfcger ber Ebba, mürbe eine ^JolemiB ©d)löjer’«, Slbelung'« unb Süb«’ bec* , »orgerufen, melcbe feit 177 3 , mo jucrfl ©dblojer al« ©egner auftrat, mit grojjer Sitterfett ' bic Echtheit ber Slfcnlebre, mte fte ficb in ben beiben Ebben barfMt, befämpfte. Sur ba« lange »erjögerte Erfcbeinen einer »ollfiänbigen 2lu«gabe ber altern Ebba fonnte einen folcben. ©treit auftaueben taffen; gegenmärtig ifl eine grage über bie Scftbeit ber altffanbina». ÜJlptbologie ebenfo überflüfftg al« über bie ©praefe felbji. Sgl. Stüller, „Sie Ecbtbeit ber Slfenlebre" (beittfcb) »on ©anber, Jfopenb- 1812 ). ©bber, ein glttf, ber auf bent SBeftermalbe in ben pteuf. Sbeinlanben tntfpringt, einen $b e ü be« ©rofberjogtbutn« Reffen unb ba« gürfrentbum 2BaJtecf burcbflrömt unb ftd) in Äurbeffen brei ©tunben oberhalb .ftaffel in bie gulba ergieft, ift befonber« be«batb i beEannt, meil er ©olbfanb mit ftef) führt. ©d)on int 9lnfange be« 14. 3etf> r h- »«ben ©olb* mäfd)ereien in ber Ebber ermähnt. 9lu« Ebbergolbe liefen ©raf Philipp H- «nt 1480, ui-.b bie Sanbgrafen Äarl »ott Reffen int 3- *677 unb gtiebrid) 11. 1775 Sufaten fcblagen. 3« neuerer Seit gab ber Dberfl »on Efdjmege (f. b.) ftd) »iele Stiibe, biefe ©olbmäfcbeteicn mieber ergiebiger jtt machen, ju meld)cm Sebufe er and) 1832 eine Slctiencompagnie etricb* i tete, bie aber au« Stängel günfltgen Erfolg« ftd) mieber auflöffe. 91tts bem gemonnenen ■ ©olbe mürben 1836 ©ebaumünjen geprägt unb ben Slctionair« für 1% STplr. abgelaffett. ©befliltf (©erarb), einer ber berübmteflen Jlttpferflecber, geh. ju Slntmerpen 1649, erhielt, naebbem er ftcb in feiner Saterjlabf bie Elemente feiner jfunfl ju eigen gemacht, in fPari« feine 3lu«bilbung, mo ihn Submig XIV. bureb ©ttnffbe$eigungen 5 « feffeln mufte. 911« Äupfetfleeber be« Aönig« nnb 5Uitglieb bcrSUalerafabemie ftarb er bafelbfi int 3-1707. Unter feinen überau« jablreicben dfupferjftcben ftnb befonber« bie feil, gantili« nach Sfafael, 9llepanber’S 93efud) bet ber gamilie be« Sariu« nach Scbntn, ba« 9?eitergefecbt nach Seo* narbo ba Sinei unb »or allen ba« ü'reuf, »on Engeln umgeben, nach Sebrun, ju benterfen. Sei feinen gröfern Slättern nach biflottfdjen ©emälben »erfuhr er ohne grofe 2Bal>l; »iele Silber ftnb erft butcb feine SfJleijlerbanb berühmt gemorben. 9lttd) in ^orfrait«, beren er eine grofe 9lnjabl binterlaffen bah n^ar er fefjr glücEltct). Ein reinlicher unb babei glänjen- -5 ber ©rabfticbel, correcte, leichte Seidptung, Streite ber Sat^r unb eine unnaebabntltd)e Harmonie in ber 9ltt«fftbrung meifen E.’« Sßerfen ben erffen 3?ang unter benen feiner Safion an. — äBeber fein Srttber, 3ob- ©•/ geb. 1630, noch fein ©obn, Stfolau« E., geb. ju ^>ari« 1680, gefl. 1768, melcbe ihm in feiner Jlunft ttacbeiferten, erreichten ihn. ©ieifjefne beifen im 9Tllgemeinen bie bureb Surcbftd)tigfeit, ©lanj unb geuet, gacb- 572 ©fcelffettte loftgleit ober fc^orte gärbung unb bebcutcnbe Spät te auögejeichnetftcn SRineralien, alfo na» mentlid) Siamant, SRubin, ©aph», ©ntaragb, Setpll unb Slquamartrt, ©hrpfoberptl, ©ftt)» foütf), SEopag, girfon ober ^pacintf), ©ranat (ebler unb böhniifcher), Surmalin, 3lmetl)t)fl unb Dpal. .£> a 1 b e b e l fi e i n c »erben bann anbere t)atbburcf)fid)tige, »egen fchöner Färbung unb 3«*cbm'ng auch ju ©chmudfleinen »erwenbbare ©feine genannt, j. S. ©halcebon, Jtarneol, 3ldjat, Dnpr, ©arbonpp, heliotrop, Safucflcin, SEürliö, SasptS, 3lbular, Slpinit, Sabrabor, Dbftbian, ©agat unb ^ecbfoble, SSernfietn u. f. »., »on benen ntef)re füglich nicht einmal unter bit £albebelfleinc gerechnet »erben fönnen. 9lud) ben in feinen reinflen Sarie» taten febr fdjägbaren Serglrpfiall unb £Raud)topag pflegt man meifl nicht unter bie ©bei» fleine 51 c rechnen. 25er SBertl) ber Gbelfleine richtet fleh überhaupt febr nach bet ©eltenbeit, ber 9Robe u. f. ». unb ifl nicht immer im genauen 23ert>ältrtiffe ber ©cf)önbeit. Sefonberet SBBertt) »irb bei manchen ©feinen auf gatbenfpiel, garbenwanblung, Srifiren unb ©d^tl» lern gelegt, fo 5 . S. beim Dpal, Sabrabor, Slbular u. f. ». Sille ©chmudfleine »erben ent» »eber gefcf)tiffen ober gefd)nitten. ©efdfnittene, b. h- mitSaöreliefg »etfehene, ©chmucEfleine, © a m e e n (f. b.) genannt, »enn fte erhabene, Sntaglien, »enn fte »ertiefte Silber jeigten, »aren »orjügtief) &*i ben 3Uf«n beliebt, »eiche im ©d)neiben ber ©feine eine grofe SReifler» fchaft erreicht hatten, obgleich fte baö ©chleifen ber ©feine nicht bannten. (©. ©fein» fcfjneibefunfl.) Sag ©chleifen ber Gbelfleine befielt in ber itunfl, bie ©feine fünfllidj bergefialt mit regelmäfig angeorbneten glädjen (gacetten) ju »etfehen, wag burch ©chleifen auf ©chleiffcheiben mit $ülfe eines ^>ul»erg »on enffpred)enber £ärte, ent»eber ©mirgel ober bem eigenen ©taub beg ju fchleifenben ©teinS, gcfchieht, baf baburch bie für Terror» hebung ber befonbern ©igenfdjaften beg ©teing günfiigfie 2 icht»irlung entfielt. 2 ln jebem gefchnittenen ©feine ftnb ju unterfdjeiben ber Dbertheil (^aöillon), »elcher auch nach bem gaffen fTdjtbar bleibt, ber Untertheil (©ulaffe), »elcher »on ber gaffung »erbeeft »irb unb Stunbifie ober 9tanb, welcher bag Ober > unb Untertheil »erbinbet. Sie äjauptfehnittformen ftnb ber Srillanf, mit einem Dberfheil, welcher eine mittlere ebene gacefte (bie Safel) unb barum in j»ei ober brei 9feif)en 24—32 gacetten hat, einem Untertheil, welcher ber 2afel gegenüber eine flcinere ebene glädje, bie ©alette, enthält unb barum in j»ei Leihen S—24 »ier= big fünffeitigegacetten trägt; bieSiofetfe, bereu Untertheil nur eine ebene gtäcf)e bilbet, »ährenb ber nach ber SERitte fpifsjulaufenbe Dbertheil 1 2—24 in *»ei 9?eif>en liegenbe ga» cetten hat; ber Safelfiein mit plattem Ober» unb Untertheil unb weniger niebrigen Slanb» faceften; ferner ber 25tdflein, Sreppenfchnitf u. f. ». Ser mugliche, b. h- einfach gewölbte ©cfc>nitt fomrnt nur bei halbburchftd)tigen ober opalifirenben ©feinen »or, 5 . 33. beim Opal, £ürfig, Dnpr u. f. ». Sie Slrt, wie bit gefchnittenen ©feine in SRinge u. f. ». eingefejjt »erben, t>etft bie gaffung; fte ifl bei ganj fehlerlofen burcfjftchtigen ©feinen am beflen ä jour, b-h-ber ©fein »irb »on ber gaffung unb amSfanbe umgeben unb ifl oben unb unten frei; in allen anbern gällen fe|t man ben ©fein in ein ber gorm beS Untertheilg angemef* feneg Jläftchen ein unb »eif babei burch Särbung biefel jfäfldjeng, Unterlage »on Sinnfolie, ©olb* unb ©ilbcrbläffchen u. f.». tf)eilg ben ©ffect beS ©teinS fünftlid) $u erhöhen, tljeilg »orhanbene gehler gefefjidt ju »erbeefen. Sie hauptfädjtichfien gehler ber Gbelfleine ftnb fleine SRiffe im Snnern, gebern genannt, »olfige Trübungen u. f. ». Setrug »irb tljeilg baburch getrieben, baf man theure ©feine burch wohlfeile erfefct; tljeilg baburch, baf man bie ©feine aus mehren StyU « 1 jufammenliffet (Soubletten), wobei häufig nur ber Dbertheil echter ©fein, ber Untertheil aber Serglrpftall ober ©laöfluf ifl; fheilS cnblich baburch, baf man ben ©feinen gefärbte ©lagflüffe fubflituirt, bit jefct befonberö in granfreich in grofet Sollcnbung »erfertigt »erben. Sie meiflen unb theuerfien rohen Gbelfleine ftnben'fid) in Dfl» inbien unb Sraftlien; hoch hat auch Guropa einjelne Gbelfleine »on »orjüglicher Dualität, $. ffi. bie böhmifchen ©ranaten, faljburger ©maragben u. f. ». Sie fRomenclatur ber 3u» »elenhänbler ifl juweilen »on ber mineralogifchen fehr »erfdfjieben, fobaf j. 83- mit bem 5Ra» men SRubin brei ganj »erfchiebene ©feine — rotf)er ©aph», ©pirtell unb rother SopaS — bejeichnct »erben. Ser fpanbel mit Suwelen ifl jum gröften Sheil in ben J^änben ifrael. Jlaufleute, aber gegenwärtig nicht mehr »on ber Sebeutung wie früher. SRan »erlauft bic Gbelfleine nach & em ©e»ic£)t, nach Suwelenfarat ju 4 ©ran; 72 Suwclengran ftnb l 2ofh Äölnifch. Sei ben feltenern ©feinen fleigt ber $Prei<5 nicht im einfachen Serhältniffe ber ©ben ©beffa 573 ©chwere; es ifi babei »on großem ©influf, ob »on bau fraglichen Steine gtof e Gpemptare feiten ftnb. ©o ifi j. 33. ber Slubin unb ber ®apt)ir in fleinen ©remplaren mcift billiger alb ber ®iamant, aber bebeutenb tfjcurer alb gefärbter ®iamant, wenn er in reinen ©pemplaren »on über 3 .Karat @ewid)t »orfommt. IRofje ©feine haben ungefähr ben halben ^3reib ber »erarbeiteten. fBgl.glabung, „©belfleiniunbe" (SSien 1828 ), 2ancon, „L’art du lapidaire" (fPar. 1 830 ), ©chulje, „^>raftifd)eb.£)anbbud) berSuwelicrfunfi unb ©belfieinfunbe" (Süueb’ Iinb. unb Spj. 1830 ) unb 33lum, „Sagenbuch ber ©belfteinfunbe" ( 2 . Slufl., ©tuttg. 1835 ) - ©ben, f. fParabieb. ©beffa?imnörblichen9)lefopotamien, öftlich »on 33iram ©ttphrat, ift jebcnfaUs einefeht alte ©tabt; ood) entbehrt bie wol erfi in djriftlicher ober ntohammeb. Seit enfftanbene ©age, baf SRimrob, ober nach einem anbern S3erid)t Slbraham’b Seitgenofftn .Kf)abtba bie ©rbauer ton 6. gewefen feien, fowie baf 3lbraf)am fid) hier aufgehalten unb Slitnrob ihn hier in ein geuerhabe werfen laffen, weld)eb eine plöflieh h er »orfprubelnbe Quelle, bie nod) gegenwärtig gejeigtwirb, gelöfd)t habe, aller hifiorifchen S3egrünbung; ebenfo zweifelhaft ifi e«, ob bas ©red) beb Sitten Sefiamentb ©beffa fei. SBahrfcheinlicf) waren bie älteften 33ewof)ner ©.b bem ©abäibmub ergeben unb »crehrten inbbefonbere bie ©öttin Slfergatib (f. ®crfeto), wie bie nod) gegenwärtig in jwei heiligen Seichen befiet)enben Überblcibfel beb biefer ©ottin gewibmeten gifchcultub beweifen. ©rfi mit ber Eroberung ber perf. 9Ronard)ie bitrch bie ©riechen wirb bie @efcf)id)te ©.b lichter, inbbefonbere foll ©eleufub »iel für Slergröfcruttg ber ©tabt gethan haben. Um biefeSeit erhielt fte auch m>n ber gleichnamigen macebon. ©tabt ben Flamen ©beffa, unb nach bem ber Sltergatib, fpäter bem 3lbraf)am heiligen duell ben Spanten JTalltrrhoe, aub welchem burd) SSerfiümtnelung bie fpr. unb arab. Slawen Urhoi unb 9lof)a, fowie ber je$t gebräuchliche Srfa, entftanben. Dbfchon »on biefer Seit an bie | ©riechen, Slrntenter unb Slraber fiel) immer mehr mit bem fpr. Urfiamme ber S3e»ölferung mifchten, fo warb in 6. bod) bab ©prifdje am reinfien gefproefen. Unter Slntiodjub VII., nad) welchem ©. auch Slntiodjia genannt warb, bilbefe bafelbft SDrhoi 33ar ©l)e»je, wahr» fchcinlich ein Slraber, 137 ». ©l>r. bab nach ü) m genannte obrf)ocmfd)e, eigentlich orrhoe* nifche SHeicf). Unter feinen unter bem ©hrennamen Slbgar bekannten Siacbfolgetn, bie »on 9Jlitf)ribateb an mit ben Slömern in rneijt feinbliche 33erüt)rung famen unb in ben $3artl)er* frtegen halb auf ber, halb auf jener ©eite ftanben, ifl ber aub arfacibifd)em©efchlechte fiarn* menbe 31 bgar (f. b.) Uchomo ber befanntefte wegen ber gabel »on bem SBunberbilbe 3efu, bab fpäter eine Slrt SJallabium ber ©tabt bitbete, unb ber Teilung beb Slbgar Ud)omo burd) ben Sipofiel Sfwmab, ber bab ©hrifienthum in 6. geprebigt haben unb in bemfelben begra» ben fein foll. SSaljr ifi eb jebocf), baf bab ©hrifienthum jeitig ©ingang in 6. fanb. ®ie jweibeutige Stellung, welche bie .Könige »on 6. in ben Kriegen ber Slömer mit ben Slrme» niern unb^arthexn einnahmen, unb ihr enblicher Slbfalt »on ben erlern bewiriten, baf Kai* fer Srajan ben Sujiub D.utetub gegen 6. fenbete, ber bie ©tabt $erfiörte, bab Sleid) eroberte unb ben Slömern jinbbar machte unb ben .König alb ©efangenen nach 9iom führte. Swar , fiellte Jtaifer^>abrian bab obrhoenifche Uleich wieber her, allein eb blieb fortwäljrenb »on ben ( Slömern abhängig, bis eb naef) mancherlei 2Bed)felfätien in feinem 3nnern, enbltd) 216 »on ben Slömern »öllig unter bem Slawen ber Colonia Marcia Edessenormn ju einer röm. SJli* litaircolonie gemacht würbe. SBäfjrenb biefer Seit unb befonberb nad) ber Sheilung beb röm. 9tcicf)b, bei ber eb jum oftröm. Sljeite fant, entwif eite ftch feine SSebeutung in ber ©efchichte ber d)rifilid)en Kird)e immer mehr. SJiehr alb 300 Klöfter follen in feinen SJiauern gewefen fein, baju war eb ber ©ijj beb Gphraent Sprub unb feiner ©chule. Sluch tn ben arianifchen, monophpjttifchcn unb nefiortaiüfdjen ©treitigf'eiten fpielte eb eine bebeufenbe SfoKe. ®ie Slubbreitung beb 3blam, bie ©. 641 unter bie -f)errfd)aft ber arab. Jlhalifcn brachte, machte jeboch ber SBlüte beb ©hriftentf)umb in biefer ©tabt ein ©nbe, unb bie nun fotgenben innern unb äufern Kriege unter bem Jlhalifat bradjen auch i^ ren Weltlichen ©lans utib Sleichthum, * bib fte 1040 ben ©elbfchucEen in bie Ipänbe fiel. Swar gelang eb ben bpjanf. Jtaifern, fte wieber ju befreien unb nod)malb an ftd) ju bringen; allein ber Statthalter, ben fte hwfchicf» ten, machte ftch unabhängig, war aber harten S3ebrängniffen »on ©eiten ber Sürfen aub* gefegt. ®ebljalb war eb im erfien Kreujjuge bem 33ruber ©ottfrieb’b »on SSouillon, S3albuin, leicht, mit ^)ülfe betßinwohncr, bie in ihm ihrenSletter fatje« unb ihren eigenen gürjien er* 574 ©bgemorth bec ^)errfrf)aft über bte Stabt 51 t bemächtigen unb G. jur fjauptpabt einer ©raffdjaft jtt machen, ju ber er aud) nod) Samofata unb Sarubfd) ermarb. Uber 50 Sabre beftanb btefe ©raffdjaft, algBoIlmcrf beS jerufalemifchen Sieidjg gegen bic dürfen, unter ber ^crrfchaff »erfdpebener aufeinanberfotgenber fränfifd)er gürfien. 3 n ben fortmäljrenben Kämpfen mit ben dürfen tjictten ft cf) biefe tapfer trog beg lijeftigen Einbringens biefer, big eg enblid) unter bem »crgnügunggfüdjtigen ©rafen Sosceiin II. bem ^)crrfc£>er »on SOiofui, Bengi, 1144 gelang, bte Stabt unb Burg ju neunten. Elite djrtpcije üird)en mürben in e9lofd)een »ermanbeit unb ber 36tam »on nun an in G. t)errfd)enb. Gin Berfucl) ber Gin* mof)ner im 3- 1146, bag türf. 3od) abjufd)üttetn, »olienbete ben 9luin ber Stabt; pe mur« ben »on Bengi’g Bachfolger, Burrebin, gefd)lagen, bie Stabt jerpört, unb mag nicht nieber* gcmegelt mürbe, in bie Sflaoerei, geführt. Bad) »ielen EBechfelfällett, bie G. nad)einattber in bie $änbe ber Sultane »on Slgppten, Slum, ber SBongolen, SEurfomanen unb Werfer brachten, bic eg mei)rmalg ftd> mieber ergeben unb mieber burd) Jlricg fyerunterfommen Ue* fen, fo ingbefonbere unter Sämur, ber eg big auf ben ©runb jerfiörte, fatn eg 1637 burd) Grobcrung an bie dürfen, bie eg nod) bepgen, unb unter benen eg pd) mieoer aug ben üErüm* mern unb ju einer Elrt Blüte erijob. ©egenmärtig jatjit G. 40—50000 G., mo»oit 2000 armenifdje Ghripen, bie übrigen SEürfen, Etraber, Äurben unb 3«ben pnb. Bon Elltertf)ü* mern pel)t man nur nod) bie SErümmer ber alten S3urg, »on ber Sage für ben $)alap Elim* rob’g gehalten, unb bie Jtatalombcn im Seifen unter berfelbcn. Sonft ift nod) merlmürbig bie bem Elbrafjam geheiligte fBophee mit bem aug bem Sibrafyamgqueli gebilbeten Sifcfpeiche, in meldjem fortmäljrenb geheiligte gifdje unterhalten merben. Überhaupt gilt G. im Grient für eine burd) Elbraham’g Elufentfjalt geheiligte Stabt. ©bgettortl) (EJlaria), geb. 1771 ju Gbgemorrt)tomn in Srlanb unb in Gnglanb er* jogen, entmicfelte, nachbem pe ihrem Bater, 91 ich- So »eil G., 1782 mieber nach Srlanb gefolgt mar, fefyr halb unter beffen nad) praftipher SEüd) tigfeit Prebenben Scitung unb unter ber Elufpdjt einer erpen unb jmeiten Stiefmutter, foroie inmitten eineg gefelligen gebilbeten Jfreifeg bie alg Schriftpeilerin pe augseid)nenbe feine Beobadjtungggabe. 3h rc literarifcije Berühmtheit begrünbete pe burd) bte -iperauggabe ber „Essays on practical education" fl798). 3Bie hierbei, fo benugte pe aud) fpäter ben 9iatf) ihres ESaterg big ju beffen SEobe im 3- 1817. ©emeinfam fct>rieben pe ben „Essay on irish bulls" (1803); aud) gab pe bie „Memoirs of Rieh. Lovell E., begun by himself and concluded by his daughter" (2 Bbe., £onb. 1820) heraug. 3h r erper, Elttffeljen erregettber 9loman mar „Castle Rackrent" (9onb. 1802), eine treue Sdplberung beg Gharaiterg unb Supanbeg ber unterpen irifchen Bolfgclajfen. Sann folgten „The modern Griselda", Leonora", „Belinda", „The Patronage", „Ormond", „Tales of fashionable life" unb „Helena". 3®ifd)enburd) geman* tten ihre Grjählungen für bie Sugenb Beifall unb Badjahmer, befonberg „The parent’s assistant" „Moral tales" unb „Populär tales". Sittliche Stvede, fdjarfeg Urtheil, reine Sprache unb flareSarpellung traten bei ihr mehr her»or alg glänjenbe $)h anf ape ober tiefe Gharafteripif. Sen Einfang einer »on ber Berfafferin überarbeiteten Sammlung ihrer Schriften machen bie „Tales and novels" (18 Bbe., Sonb. 1832 fg.); bie meipen berfel* ben pnb tng Seutfche überfegt. (Übict heifst im ElUgemetnen eine öffentliche Befanntmad)ung. Sie Surigbictiong- gemalt ber mit ber 9ted)tgppege betrauten Beamten im röm. Staate erhielt eine mtchftge Sd)tanfe burd) ben ©ebrauch, ber namentlich bei bem Elmtgantritt ber Oratoren Paftfanb, bie ©runbfäge, nach benen pe ihr Elmt »ermalten roollten, burch ein Gbict augjufprechen, fo »eit überhaupt beren BePimntung ihnen anheimgegeben mar. fMetburd) erhielt bte Sott* bilbung beg Slechtg burch bie richterlichen Beamten einen Petigen Gharafter. Beben biefen Gbicten, bte man baljer perpetua nannte,, famen auch bergletd)en für inbi»ibuelle Salle, fo* »ie bei anbern SOlagipraten, 4 . B. ben Elbilen, »or. So bilbefe pd) eine -pauptqitelle beg gan 4 en röm. 9led)tgft)pemg, »eiche alg gegrünbet auf bag amtliche Slnfehen feiner Urheber (jus honorarium), bem eigentlichen förmlich gefegten (jus civile) entgegengefegt mürbe. Sm Berlauf ber Beit fonnten pd) aber biefe edicta perpetua alg jährliche Grlaffe ber ÜÄa* giPrate mit fortmährenber 5Böglid)feit einer Beränberung unb UmgePalfung nicht erhalten, lief $abtian im 3* 131 n, ß|r. burch Saloiug Sulianug ein bleibenbeg Gbiet mit all* Gbicfattabuttg öftinburg 575 gemeiner Slutorität, baö fpecietl mit bem Stauten eines perpetunm bezeichnet Wirb, jufam* menftellen. Slls fpäter alle gcfefgebcnbe (Seroalt in bcn auöfd)lieflid)en Sefi& bcr Äaifer kam, rourbc auc£) oon biefen bie Gbictöform noch bisweilen beibef)alten. ©eitbem ift ber SlameGbict allgemeinen lanbeöherrlidjen Serorbnungen gteichbebeutenb mit patent, Statt* bat u. f. ro. geblieben. ©bictallabung l)eipt eine öffentliche, burct) offenen S!tnfdt>Iag an mehren ©eridjtö* ftellen unb, roie eS jc§t geroöhnlich gefchietjt, burd; Ginrüfung in öffentliche SSlätter bewirkte 1 fSorlabung, roclche bann erlaffen roerben muf, roenn entwcber ber Slufenthalt beS Sorju* labettben unbekannt ift, ober unbekannte Sntereffenten, 5 . SB. ©laubiger, Geben u. f. ro., jur SBahrnehmung ihrer Siechte aufgefobert roerben muffen. Stur ein competcnteS ©eädjt kann ' ben fo Sorgelabenett geroiffe Triften fegen, innerhalb beren fte ftch bei 2$erlujt ihrer Sin* ^ fprüche (f. ^)räclufion) ju meibcn haben; ^)rioatauffoberungen ber Slrt ftnb ohne recht* liehe SBirkung unb bie in neuerer Seit üblich geworbenen Srohungen, fdumtge ©cfjutbner , mit Stennung iljreö StamenS öffentlich 511 mahnen, ftnb eine unerlaubte ©elbflljülfe. (Üfcict l>on Sfanteö, f. Hugenotten. ©biltburg, bie Hauptfiabt ©d)otttanbö, in einer wol)langebauten©egenb©übfchott* lanbS, befielt auS ber Slltfiabt, ber Sleuftabt ober Sterotoron unb bcr @t.*ßeonharbShid unb bilbet gegenwärtig mit ber eine halbe ©tunbe baoon entfernten Hafenfiabt 2 e i t h ein^ufam* menhängenbeS ©anje. Sie ift eine ber fünften unb häj?lid)ßen ©täbte zugleich- Sie Sllt* ftabt, nur oon ben unferften Glaffen bewohnt, hat fd)led)tgebaute Häufet unb enge, winkelige, fefjr unreinliche ©trafen. Sie Haufer liegen auf unb an einer Slntjöhe, über* unb unter* cinanber, fobaf einige berfelben auf ber einen ©träfe zef)n, auf bcr anbern nur zwei ober brei ©tockroerke haben. Gine tiefe Äluft, bad 9lorth=2od), trennt bie Slltfiabt sott bcr Slnt)öf)e, auf welcher bie Steuftabt liegt. Sie Scrbinbung jwifchen biefen getrennten Steilen wirb burd; sroci Srüäcn, bie Storb* unb ©übbrüde, bewirkt. Grflere, ein Söleifterfiüd ber Sau« kiinfi, ifi gegen l 100 g. lang unb befielt auö brei kühn gewölbten Sogen oon 68 g. Höhe, welche, befonberö oon unten betrachtet, eine höchfi malertfche SBitkung heroorbringen, unb fowol burd) ihre 2eichtigkeit alö burch ihr fctjöneS Serhaltnif gefallen. Sie ©übbrücke gel;t übet bie in ber Sertiefung flehenben Haufer hinweg, ©anj am öjllichen Gnbe ber Slltfiabt liegt baö alte Slefibenzfdjlof ber frfjot. Könige, H»l pro ob (f.b.). Sie mit fchönen Slnlagen gefdjmüdte Umgegenb bietet zahlungsunfähigen ©djulbnern ein Slfpl. H'uter bem ©d)!offe erhebt ficf> ber über 800 g. hof)e Reifen Slrthur’ö ©eat. Slm entgegengefegten wefilichen Gnbe ber Slltfiabt liegt auf einem 400 g. h°h en Seifen bie alte fefie Gbinburg*Gafile, bie je* bod) aufer bcr herrlichen Sluöflcht nidüö Slnjichenbeö barbietet. Slnbere merkroürbige, fegt anfehnliche, jum Shed auch ftihöne ©ebäube ber Slltfiabt ftnb bie alte ©t.=©ileökirche mit einem fehr hohen Sturme, baö alte fPatlamentöE)au3, fegt ber ©ig mehrer ©erichtöhöfe, baS 17SO im Sau begonnene, aber erft in neuerer Beit oollenbete fdjöne Unioerfititsgebäube, bie im eblen ©tile auögefül>rfe Sörfc, baö 3ud;thaus (Brideweli) unb bas königliche ölranken* hauö. Sie Sleufiabt tfi ber ooltkommene ©egenfag ber Slltfiabt unb kann ftch mit ben fd)ön* fien ©täbten in Guropa meffen. Sie 3 — 4000 g. langen unb über 100 g. breiten ©trafen mit fchönen, auö Quaberfieinen erbauten Häufern burchfc£>neiben fich tu rechten SBinkcln, unb grofe freie $piage, barunter ber SBaterlooplaf, ber Slnbrew’S*©quate unb bcr SJlorapplag tragen nicht wenig jur Serfihönerung beö ©anjen bei. Sie oorjüglichfien ©ebäube ber Sleu* ftabt ftnb bie nach ber 9)auISkirdje in 2onbon in kleinerm SDlaffiabe gebaute ©f.*©eorgen* firefje unb baö 1 7 7 4 erbaute prädjtige Slegifierofftce ober ©eneralarchio Oon ©djottlanb. Sluf bem am öfilichen Gnbe üegenben Hügel Galtonljill beftnben fich bie 1818 erbaute ©ternwarte unb unweit baoon bie über 100 g h°h e Säule ju Ghren Slelfon’S. Um mit biefem Hügel bie bie füblidje ©renze ber Sleufiabt bilbenbe ^rin^enflrafe }u öerbinben, würbe 1815— 19 bie prächtige 33rü 6. in ben Sefijj bei engl. 33ucf)f)anbel$, nament« lieb «fcf)cinen bi« siele Seitfcbriften unb ettcpflopübifcbe SBerfe. ©in 2Baifenl) a ul mürbe febon 1628 »on bent patriotifdjen ®olbfd)miebe, ©eorg geriet, gegrünbet; auferbem bat ©., näcbfl bem grofjen föniglicben Hospitale, SSerforgunglbäufer für »ermabrlofte SBaifen, für 33linbe, für gefallene SDtäbdjwi, für SEaubjiumnte, für arme Jfaufmannltöcbter u. f. ». ©ie gabriftbätigfeit ifi nicht bebeufenb unb befdjjränft ftrf) auf ©bamll, bie bi« in gans »or* jüglidber Slualität gefertigt »erben. Stehen ben Sllebrauereien ftnb in ber Umgegenb bie SEbi^fpbrennereien »on groferS3ebeutung. UberSeitb ftnbet ein anfebnlicber ©infubrbanbel nicht nur für ©., fonbern für bal ganje innere ?anb fiatt; auch b at Seitb felbfl einige bebeu« tenbe 3nbufiries»eige; berühmt ftnb namentlich bie ©lalbütten unb ©eifenfiebereien. ®er ältefie Sb e *l ber ©tabt ifi unfireitig bie fefie ©btnburgb*ßafHe, bie auch all Castrum puel- larum ermähnt »irb. 3nt 10. 3 a b r b- fommt allcrbingl febon bie ©tabt ©bin »or; allein | Scbeutung erlangte biefelbe erfi, all fte unter ben ©tuartl jur £auptfiabt ©tf)oftlanbs »urbe. 3m 3-1701 mürbe fte bureb Seuer fafi getns, jerftört unberft 1767 bie 5Reu|!abt ange< legt. SSgl.33omer, „History of theuniversity of£." (3§3be., ©binb. 1820—30)unbbeffen | biflorifcb befebreibenben Üert ju bem JTupfermerfe „Edinbnrg illustrated" (©binb. 1829) ©bitfja, bie ^eilige, geb. 961, gef!. 984, mar bie Jobbter beb engl, -ffönigl ©bgar unb ber SBalfribe. 3m Jülofier ju SBilton »on ihrer SDiutter erjogen unb in ihrem 15.3 a b re all Sionne eingefleibet, mibmete fte ihr furjel geben ber Slulübung flöflerlidfjer Pflichten j unb ber Sröfiung unb pflege armer Ätanfen. 9M)t blol reiche Slbteien, auch bie nach bem £obe ibrel föaterl unb tyrel auf S5efet>l ber ©tiefmutter ©IfPibe ermorbeten 33ruberl, bei heil, ©buarb, ihr angebotene jfrone feblug fte attl. ©ie ruht in ber »on itjr erbauten jfirebe ©t.«Senil, unb ihr ©ebäcbfniftag ifl ber 16. ©ept. 3b* öon einem ÜJtöncbe ©olcelin ge» fcbricbenel geben mürbe §uerfl »on ©uriul, bann »on SRabillon, sulept in ben „Acta San- ctorum" ber 33oUanbifien beraulgegeben. ®ocf) bemerft SSRabillon, baf gleichseitig brei an= bere ^rinsefjtnnen © b i t b n Sftonnen gemefen unb belbalb bie ber ^»eiligen beigelegfen üb at ‘ fachen einigermaßen ungemif feien. ©bntUttb, ^lantagenef »on SBoobflotf, ©raf »on Jfent, ber ©obn ©buarb’l I. »on ©nglanb, übernahm 1324 auf S3efebl fcinel SSruberl, ©buarb’l II., bie SSertbeibigung ber engl. ÜBejT&ung ©uienne gegen JTarl IV. »on granfreicb, »arb aber beffen ©efangener. 3n ^5aril »erbünbete er ftcb mit ©buarb’l II. ©emablin, Sfabella, unb unterflü^te mit feinem altern SSruber, bem $ersoge »on Storfolf, beren ganbung in ©nglanb. ©r entthronte 1327 ben Jfönig unb übernahm für beffen minderjährigen ©obn, ©buarb III., bie SRegentfcbaft. ©ineSntrigue Sfabella’l unb ibrelSalanl, SRogerSÄortimet, fiürste ihn, unb bie im fParla= ment »erfammelten 33arone »erurttjeilfen iljn 1329 mit ©inmilltgung bei Jfönigl }um 5£obe. ,,©l mar leicht gemefen", fagt^ume, „Slicbter, el mar febmer, einen fjenfer $u finben." ©brift (6l) ober 91 bu Slbb’allal) SRobanttneb, einer ber berühmteren arab. i ©cograpben, auch ber Stubifcbe ©eograpb genannt, geb. su ©epta, bem je|igen ßeuta, in Slfrifa 1099, gefi. jmifdjen 1175 — 86, Bereinigte bie Jtenntntffe feiner Sanblleute mit ber SEBiffenfcbaft bei Slbettblanbel, bie am £ofe Jtönig fRoger’l II. »on ©teilien blühte. Sluf SScranlaffung biefel Jlönigl febrieb er ein grofel geograpf)ifrf)e5 SBerf, „Nashat ul muschtäk etc.", bal man früher blol im Stuljuge einel Unbefannten fannte (arab., 9?om 1592; lat. »on ©ionita unb ^elronita, ^)ar. 1619, 4.), fomie in Sluigaben unb Searbet« tungen einseiner Slbfcbnitte, s- S- ber SSefcbretbung ©panienl (»on ©onbe, 9Rabr. 1799), Slfrifal (»on ^»artmann, ©ötf. 1796), ©prienl (»on fRofenmüller, Sps. 1828) u. f. ». Sßollftänbig »arb baffelbe 1829 in ber föniglicben Sibliotbef ju fParil entbeit in einer ju Sllmeria in ©ranaba in maurifeber ©ebrift gefebriebenen |>anbf^rift burch Säubert, ber eine Überfegung beffelben in Auftrag ber parifer ©eograpbifcbtn ©efellfcbaft (2 SSbe., ^)ar. 1836 fg., 4.) beforgte. ©buarbI., ffonig»on©nglanb 1272— 1307, geb. 1240, ber ©obn unb fttacb* felget #einricb’$ III., mar an ©eifl unb Äörpet ein gemaltiger, in ben Kämpfen mit ben ©fcuatb II. ©buatb III. 577 wilben 83aronen gcfläf>tter SEUann. 9IIS Kronprinj unternahm er, oon ©regor X. bewogen, einen Kreujjug unb tanbetc 1271 ju Sicca; hoch aus ©langet an ©littcln muffe er fdjon im nächflen 3af)te nach Guropa jurtteffehren. 911S er unterwegs ben Sob feines SßaferS erfuhr, ging er fogletc^ nad) §raiifreich, um^3^ilippTII. feiner franj. 33cjt|ungen wegen ju hulbigen, unb fef>rte erft 127 4 nach Gnglanb jurücf. ■pier unterwarf er fiel) in jetmjäfjrigen blutigen Slnjlrcngungen bie SBallifer. Stls 1290 ber fcljot. 3ü)ron burd) ben SEob ber Gnfetin bcS Königs SUepanbcr oöllig oerwaifte, behauptete er jugleid) mit bem fPapjle bie SDberlehnS» berrlidjfeit über Sdjottlanb. Unter Slnerfennung biefeS 3led)tcS lief er tnbef bem 3ohann SSaliol bie fd)ot. Krone jufprechen. 911S brei Safjre barauf bie Streitigfeiten G.’S mitgranf» reich unb mit ben nochmals ftd) ertjebenben SBalltfern, SSaliol ben SSerfucf) machen liefen, baS engl. 3od> abjuwerfen, naljmG. benfelben 1295 gefangen unb fegte in Schofflanb einen engl. Statthalter ein, welche ©lafrcgel it>n bis ju feinem Gnbe in blutige £dnbel mit ber fcf)ot. Nationalität oerwicfeltc. 3war gelang eS ihm, 1304 ben fiif)nen Häuptling SBallace burd) -Einrichtung ju befeittgen; allein halb barauf erhob wieber 23ruce gegen if>n bteffahne beS SUtffianbS. G. ftarb 1 307 auf einem Buge gegen benfelben. 3llS SSerbefferer ber9fcd)tS» pflege erhielt er ben Flamen beS engl.3uflintan> bennoeb war feine ^Regierung äuferfl will» fürlicb- Gr »erfammelte baS Parlament nur ju ©etbbewilligungen unb lief, um ausGonftS» cattonen bie ©littet ju feinen Kriegen ju gewinnen, bie SSefxgtitel beS SlbelS unterfueben. ©bltftlb II., König öon Gnglanb 1307—27, ber ©ol)n unb Nachfolger beS SSorigen, geb. um 1284 , führte als Kronprinj juerft ben Sütel als ^3rittj Oon SBaleS. SEräg unb »er- gnügungöfüdjtig gab er gegen ben Sfatb feines SSaterS bie Unterwerfung ber Schotten auf. Slud) rief er feinen oerbannten ©ünflting, ^ierS oon ©aoeflon, aus ©uienne jurücf, waS wicbcrbolte Gmpötungen ber eiferfüdjtigen ©rofen jur ffolge batte. Grft 1313, nach Gr» morbung ©aoefion’S, fam eine 2tuSföt)nung jit ©tanbe. 3egt erfl wenbete er ftd) gegen bie Schotten, würbe aber am 2 l. 3uni 1314 bei ©tirling oon SSruce gefchlagen; ebenfo wenig Wollte es ihm im Kampfe mit ben Schotten um bas gerrüttete 3rlanb gtücfcn. SSon innern Eä'nbeln bebrobf, muffe er mit SJtuce 1322 einen SBaffcnflillflattb fehliefen, ber bem jyrie» ben gleich ® cc 5lbel «ämlich erhob ftd) wieber gegen bie fönigtid)e ©lad)t, um angeb» lid) einen neuen ©ünflling ju fbürgen. Kaum war ber Streit ausgeglichen, als G.’S Schwa» get, König Karl IV. »on granfreid), ber -Ettlbigung wegen Bwifl attftng. ®er rathlofe .König fehiefte beShalb feinen Sohn, ben Kronprinjen, jur ^mlbigung über ben .Kanal, nad)» bem fdfon feine ©emahlinSfabella, mit ihrem föniglichen93ruber einen für Gnglanb fdiimpf-- licheit Vertrag gefchloffen hatte. ©fit biefer SEreulofigfett noch nicht jufrieben, oerbttnbefe ftch Sfabclla in tfranfreidj mit Gbmttnb (f. b.), ^lantagenet öon SSoobjlocf, unb erfdjien mitbiefem,fowie mit ihrem ©alan,9foger ©lortinicr, unb einer grofen©lengeUnjufrtebencr 1326 auf engl. S3obcn, um angeblich bem ©ünfiling Spencer mit ©ewalt ju flürjen. 9lad)bcm man ben König feflgenomtnen, würbe berfelbe 1327 burch einen ^arlamentsbe» fchluf ber Krone beraubt unb furj barauf ju 23erflpcaflle ermorbet. ©buarbül., König oon Gnglanb 1327—77, ber Sohn unb Nachfolger beS Vorigen, geb. 1312 ju SBinbfor, flanb währenb feiner ©linberjäbrigfeit unter ber 33ormunbfd)aft Gbmttnb’S (f. b.) unb, nachbem biefer hingericf)tct worben war, beS 9Iogcr ÜJIortimer. Gittc thatfräftige ^erföniid)feit, gelang eS ihm in'ocf 1330 baS 3od) 9)Iortimer’S abjufchüt» fein, ber mit S^otflanb einen fehr fchimpflicben Trieben gefd)loffen hafte. ®urdb bie Schlacht bei $altbonf)ill im 3- 1333 flellte er bie engl. Dberhcrrlichfeit in Sdjottlanb wieber her. Nach bem SEobe feines ftnberlofen DheintS, bcS Königs Karl’S IV. oon Srattfreich, machte er eifrig Slnfprüdje auf bie franj. Krone, unb obfehon baS franj. Parlament bem falifchen @efe|e gentäf bie Krone bem üon SSaloiS übertragen hatte, nahm er bod) ISappen unb Sütel eitteS Königs oon ffranfretch an. 9Iad) langen beSfallftgen 23erhanblungen fam eS jurnKriege, unb am 24. 3uni 1340 würbe ^h^'PP öon Srattfrct^ Oon feinem Nebenbuhler in einer furd)tbaren Sccfchlad)t im Kanal gefchlagen. Gin Sanbheer oon 200000 baS G. mit grofen Kofiett jufamntengejogen, muffe er jeboch glcidh wieber aus SJtangel an ©elb etttlaffen. Grfl nach einem mehrjährigen ÜBaffcnflillflanbe würben bie Seinbfeligf eiten auf franj. S3oben eröfnet, aber anfänglich ohne grofe Grfolge. ®ie Schlacht <5oit». = 8er. Neunte 2fufl. IV. 37 578 ©buarb IY. bei Greep im ©ommer 1346, in bet beibe $errfd)er pcrfönlid) befehligten, »erlich enbtidjj ben Gnglänbern einen »ollftanbigcn ©ieg; furje Seit nachher würbe aiicf) »on ihnen bec fdjot. Äönig Sa»ib mit einer franj. ©treitmadft bei SleDilcroß gefcf)tagen unb gefangen, unb im 3af) re barauf (Sataiö genommen. 3n ben SSerljanblungcn, bie nun ^3apff Gtemeng II. eröffnete, erflärtc [ich 6. jut Aufgabe feiner Slnfprüdje bereit, wenn $ranfrcicb auf bie Sbert)crrlid)!eit ber Sauber »crjid)fcn wollte, bie er unb feine ©emal)lin alg franj. Sehen be» faßen. Sa nid£)t nur ^ßilipp, fonbern auch fein SRachfolger Äöiüg 3of)ann biefen 23orfd)tag jurücfmieg, griff G. wieber jit ben SSsaffen. Gr felbft mußte 1355 $ranfreich, wo et auf einem ©treifjuge begriffen war, »crlaffcn, um bie eingefallenen ©chotten ju jüchtigen, beren ©ebiet er auf eine fo fchreefliehe SBeife »ermüffete, baß feine St) at 3cif)r:b)unberte im 5tnbenfen beg SBolfg blieb. SBährcnb beffen aber war fein ©ol>n, Gbuarb (f. b.) ber ©chmarje $Prinj, »on SSorbeauj: aufgebrochen unb hatte am 19. ©ept. 1356 bag franj.$eer in ber ©c^larf>t bei ^oitierg gänjlich gcfcf)Iagcn unb benitönig3»hann gefangen genommen. $a$ franj. Parlament bewilligte webet bag ungeheure Söfegelb noch b*e beanfprud)fe $er« auggabc aller alten 33eftßungen ber engl. Äönige; G. ging bat)er 1359 mit einem großen £cere wieber über ben Äanal, brang big 9?f>eimg »or unb erfdjien im folgenben 3ah re Bor fParig, beffen SSorffäbtc er »ermüftefe. Sic fd)led)fe SBefchaffenbjeit feineg .£>eerg jmang if>n jeboch nach ber Bretagne jurüdjugehen; auf biefent fehreefiidjen Slüif juge gelobte er ben ^rieben auf ben ibnteen. 3m ÜBcrtrage, ber nun am 8. SRai 1360 ju ©tanbe fant, Derjich« tete G. auf bie franj. Ärone, auf bie alten 35efi(jungcn feineg $aufeg, auf alle Groberungcn mit 9lugnaf)me »on Galaig unb ©uigneg, bagegen erhielt er ©uienne, Poitou, bie ©raf» fchaft ^5ontf)ieu mit Doller ©ouoerainetdit unb bie ^Bewilligung Don brei SDtill. ©olbfronen alg Söfegelb für ben ilönig. Siefcr Vertrag würbe aber webet Don 3ol) aim m>eh ® on beffen ©ohne Äarl V. Dolljogcn. Sie Grfcf)öpfung unb Sllteröfchwäche G.’g uttb bie Ärdnflidjfeit feines Sütjronfolgerg, beg ©d)Warjen $)rinjen, Derhinberten inbeß ben Slusbrucf) entfdjeibenbcr ■Jeinbfeligfeiten. Sie Gnglänber unternahmen jwei 3al)®c t)inbitrch ©treifjüge burch bie franj. ^)ro»injeti, Derloren aber allmälig alle feffe s P(äfje big auf Galaig, Sorbcau» unb 33aponne. G. ffarb barüber aug ©ram, unb nach bent Sobc beg ©thwarjen Stirnen Don Sillen »erlaffen, 1377 ju ©ßene. ©eine chrgeijigen Gntwürfe unb feine SBillfür hatten bem engl. Süolfe SBunben gefdjlagen, bie fein Gtfer, womit er bie -öebung ber Snbufiric unb beg ^»anbclg betrieb, nicht heilen fonnte. Soch erwarb er fid) bag fßerbienff, Siecht unb ©e« fefs gegen bie übermüfhtgen 33arone ju befeffigen. 3m 3- 1349 hatte er ben ^ofenbanb« orben (f. b.) geftiftet. ©buatb IV 7 ., Jtöuig Don Gnglatib, 1461—83, mürbe 1441 geboren. Ser ©of>n beg ©djwarjen ^rinjen, SRidjarb II. (f. b.) mar bem@roß»atcr gefolgt, Dcrlot aber 1399 Jtrone unb Sehen. Gbuarb III. hatte inbeß aud) jmei anberc ©ohne, Sioncl unb 3»hn, ge« nannt Don ©aunf, hintertaffen. Ser ©el)n beg Settern, $erjog Don Sancaffer, bemach« tigte ffd) nach Slicharb’g if - &obe, alg Heinrich IV. (f. b.) beg engl. 2h ron ^ mib ftcherte betffelben feinem -t>aufe burch ein Statut Don 1406, bag bie Dorberechtigten Slachfommen Sionel’g, nämlid) bie ^erjoge »on §)orf, augfcfjloß. SBtrflidb) folgte ihm nun fein ©of)n alg Heinrich V. (f. b.) unb 1422 beffen ©oßn alg Heinrich VI. auf bem engl. &h tone - Ser Sc|tere gelangte im Sllter »on neun SJlonaten jur .frone unb im neunten 3al)re warb er ju ^parig alg Jlönig »on Sca»freich gefrönt. Ser Slbfall beg -^erjogg Don Surgunb unb S5ebforb, ber bie £Kegentfd)aft für ben Unmünbigen führte, ffürjte Gnglanb aufg neuem innere Scrriittung unb »erurfachte ben SSerluffter franj. S3eft§ungen big auf'Galaig. Sind) jum JDtann herangewadjfen, jeigte ffd) ^peinrid) fel>r fdjwad); er überließ bie ^Regierung bem mit granfreich im Gin»erflänbniffe ffehenben SSitliam bc la anb feine jPh®0”anfp®üche fidtenb machte, fich nad) bem ©efechte bei ©t.«3llbang im SJlai 1455 jum ^rotector erflärte unb ©uffolf hinrichfcn ließ, hiermit begannen bie »ernic£)tenben Kampfe jwifchen ben Jpaufern §)orf unb Sancaffer ober ber ötrieg ber SBeißen unb Stoßen Slofe, bie Gnglanb 30 3ah re h* nburc ^ w ’t ®t«t unb ©reuet erfüllten. SRidjarb fiel in ber ©flacht be ne ffc an fei % & n« gei . ßei 3li ge bif ßei • im au Uf« ©i ein ßie teil in fed get bin Sh «in Sü uni trij 3R S5< m gef 5°l un ßn Sei un bei na »i mc © . 15 Sh un ; ihi ©buarb OPrtttj mm SSBalee) 579 bei SEafefielb, unb fein Sogn $09 nun, mit bem mastigen ©rafen bon SBarmid oerbunben, nacgßonbon unb mürbe bafelbfl am4.9Rai 1461 algdtönigSbuarblV. auggetufen. Sofort fleltte er füg an bie Spife feiner 3lngdnger unb brachte bem epeere .fbeinricg’g jmifcgen SEomton unb Sarton eine furd)tbare SRieberlage bei. SRacg biefem Siege lief er fid) frönen, ernannte feine SSrüber, ©eorg unb SRkgarb, ju £erjogen oon ßlarcnce unb ©locefler, mägrenb oag Parlament feine brei Vorgänger alg Ufurpatoren bejcidjnefc unb über $einticg unb beffen gamilie, mie über 150 $5erfonen bag ÜEobegurtgeil augfpraeg. Unter berfegiebenen Stuf» jiänben mütgete mm Sagte ginbureg bag Scgmert beg »fjenferg, big -Seinttcg 1465 gefan» gen genommen unb in ben £omer gebracht mürbe. Snjmifcgcn fegte eine anbere Singelegen» I . geit bag fReicg in Snipörung; 6 . fjatte burd) feine 23erf>eiratf;ung mit ber Socgter ber $et* jogin oon SSebforb, Slifabetg, unb bie Veborjugung, bie nun beren Vermanbtc fanben, ben 3ieib ber ©rofen, befonberg ber Familie 'Jieoü ermeät, ju ioe!cf>er ber ©raf bon SBarmid?, jyelbgecrunbSRintfrer, gorb SRontaguc, ©ouberncur ber öfrücgen 3Rarfen,unb ©eorge, Stj» bifegof bon §)orf gehörten, bie big jegt bie ^Regierung geführt gatten. SRacgbem füg nod) ber $etjog bon Slarence mit biefer Partei oerbunben unb bie Socgter SBarmicfg, Sfabella, ge» geiratget gatte, braeg ber Slufftanb unter ber Seitung SBarmicfg log, fobaf ber forglofe 6 . im $Rob. 1470 über Rpon naeg Jpollanb entfliegen mufte. apeinrieg VI. mürbe nun mieber aug bem Emmer auf ben 2gron ergoben unb ein ^5arlamentgbefcgluf erflärte 6 . für einen Ufurpator. 25er Vertriebene fegrte jeboeg fegon im SRärj 1471 bureg Unterfiügung feineg Sdgwagerg, beg $erjogg bon Surgunb, naeg Snglanb jurüef, braegfe burd) flugeg Zögern ein .jpecr bon 50000 ÜR. jufammen, ju bem aueg fein SSruber, ber .fjerjog bon Slarence, i (lief, unb lieferte ber JRotgen SRofe bie Scglacgt bei Varnet, in ber ÖDeiuricg gefangen, 2Bar= I mief unb SRontague aber getöbtet mürben, ©leicgjeitig maren aueg bie Königin SRarga» * rctga unb igr Sogn, $)tinj Sbuarb, mit einem franj. ^)ülfgcorpg in Snglanb gelanbet. 6 . I feglug biefeg öpeer am 4. 3Rai 1471 ju Semfgburg, mobei tgm bie Königin unb igr Sogn in bie .fjdnbe freien. Segtcrer mürbe furj barauf in ©egenmart beg ifönigg megen einet teilen Slntmort nicbergegauen, unb eine SRengc engl, ©rofe muften nun mieber bag Vluf* gerüfi beffeigen. Slm 22 . fDRai 1471, am Sage feineg Sinjugg in Sonbon, lief ber blut« bürfiige .Rötüg fogar ben unglücfltcgen £einrid) VI. im Corner ermorben. 25a nun 6 . feinen Egron für befefiigf gielt, berbanb er ficg mit bem eperjog bonSurgunb gegen granfreieg unb ging mit einem .fbeere naeg Salaig. Von feinem Vuubeggcnoffen berlaffcn, lief er ficg bon Submig XI. ben Trieben unb bie Sluglicferung SRargaretga'g bon Slnjou um 50000 jfronen unb ein reicglicgeg Sagrgelb für ficg unb feine fRdtge abfaufen. 2Bas bie innere $5olitif bc* trifft, fo mürbe er aueg barin bon £abfud)t befümmt. Sr berfolgte unb bebrüefte unter ber SRagfe beg Volfgfreunbeg Slbel unb ©eiftlicgfeit unb ergielt babureg reicglicgc SRittel jur SSefriebtgung feineg ©eijes unb feiner fcgmelgerifcgen Sebengmeife. Sein SSruber, ber Iper» jog bon Slarence, ber ficg miebergolt gegen bie SBillfür ergob, mürbe beg ^oegberratgg an* geflagt unb am 18. fyebr. 1478 int Emmer, mie man begauptet, unter SRitmirfung beg aper» 509 g bon ©locefler, ermorbet. SBenige Sagte bor feinem Snbe jerfiel 6 . mit Scgottlanb | unb aueg mit $ranfreicg, meil bie Verlobung mit feinen Emcgtern gebroegen mürbe. Siacge ftnnenb ftarb er am 9. Slpr. 1483 unter augenblicflicger fReue über fein fcgulbbetabeneg geben. Sr ginterlief aug feiner Sge mit Slifabetg fünf Emcgter unb jmei Sögne, Sbuarb unb 3f i cg a r b, im 2Uter bon jmölf unb elf Sagten. Veibe mürben, naegbem ficg igr Dgeint, ber eperjog bon ©locefler, alg 0iicg arb III. (f. b.) am 26. Suni 1483 bie Ärouc aufgefeft, nad) ber Stjäglung beg SEgomag ÜRoore, einige 2Bod)en barauf im 2omer fdglafcnb mit Vetten erflidt. 25elarocge gat bag ScgicEfal ber betben ^5rinjen jum ©egenftanbe eines @e* mälbeg, 25elabigne jum Stof eineg 25ramag gemäglt. (Sbuafg, ^5rinj bon SSBaleg, Sürf bon Slquitanien, bon feiner fRüftung aueg ber Scgmarje ^5rinj genannt, ber ältefle Sogn Äönig Sbuarb’g Ul. bon Snglanb, mar am ■ 15. Suni 1330 ju SBoobfiod geboren. Scgon im 3- 1346 begleitete er feinen Vater in beit I Jbtieg nad) S ran f«>d) untl legte beretfg in ber Scglad^t bei Srecg groben eineg gelbcnmütgigen unb ritterlicgen Sgaraftcrg ab. 9llg fpäter bie geinbfeligfeitcn bon neuem augbraegen, fegiefte ign ber ^önig nadg ©uienne. 2Rit einem ^>eere bon 60000 2R. braeg er gier 1355 bonS3ot-> 58Ö ©buatb Gfarl) beaup auf unb brannte binnen jweiSWonafen auf einem 3us e burcf)S füblicbe granfreid)‘500 ©tabte unb 35örfernieber. ©in gleict) »erljeerenber 3»8 im folgenden 3af).re mit nur 12000 SW. führte am 19. ©ept. ju ber ©d)lacbt bei SpoitierS, in ber bie franj. Übermacht gefrfjla- gen unb ber Äönig Sodann gefangen warb. ©. befjanbette feinen ©efangenen mit großer ©hrerbiefung, fd)Ioß mit bcm®aupf)in einen Saffenflillfianb unb ging 1357 ttad) ©ngianb jurütf, wo er mit ben größten ©fyren empfangen würbe. Wad) einigen Sauren machte ihn fein Batet jum @ou»erneur ber franj. Befißungen unb ernannte it)n §um gürflen »on Slqui- tanien. 6 r hielt nun längere 3eü frieblicf) ju Borbeaup einen glänjenben <£>of unb erwarb fid) burd) fein cbleö Sefen bie Wetgung beö BolfS. 311S 1366 ber »on Heinrich »onlErafia* mare »om cafiilifchen 3d)rone vertriebene^eter ber ©raufame (f. b.) ju Baponne et» fdjien, nahm ftcf) @. feiner an. ©r rief bie burd) beS .RönigS »on granfreid) Bemühungen mit ÖErafbamare nach ©panien gejogenen engl, ©ölbnercompagnien (f. ©onbottieri) un» ter-feine gähne unb jog intgebr. 1367 mit 30000 Weitern nach ©afiilien, um für^eter ben ÖEljron wieberjucrobeni. Wach »ergeblidjen Unterhanblungen »ernichfete er am 3. Slpr. 1367 bei Wa»arette bie ungleich flärfere Slrntee .fjeinrich’ö; »on ^3eter aber fah er ftd) info» fern getäufdfjt, als biefer fich weigerte, bie .ftoften berSppebition ju tragen. 6 . hatte eigentlich ben gclbjug auö Haß gegen Jfarl V. »on granfteich, ber SEraftamare unterftüßfe, unternommen, fich felbfi unbSnglanb jebod) baburch ben größten Wad)tf)eil ^gefügt. Bon einerfchlet- chenbcn Jtranfheit befallen, führte er bieWefte beö burd)SWangel unb Jpi^e »ernichtetenHeetö nach Borbeaur jurüd. Um bie großen ©d)ulbcn ju tilgen, in bie er burd) SPeter’S Sott» brud) geraden, legte er feinen Säubern brüefenbe Slbgaben auf, weöf)alb fich bie ©roßen beim .Röntge »on granfreid) als bem DberlehnSherrn besagten, itarl V., ber fich nach ber, 5 weiten Wieberlage Meters mit Jlönig Heinrich »on ©afiilien »erbunben, foberte ©.jurWechtferfigung »or ©eridjt, unb als biefer mit einer JfriegSerftärung antwortete, fiel ein franj H ccr in bie engl. Beftßungen ein unb bebrohte fogar 9lngouleme, wo fich ber franfe SPrinj mit feiner ga* milie aufhielt. Woch einmal raffte er fich jeßt »erjweifelt auf, unb fein Warne war immer noch f° 8 e fü rc h te h baß fich tior feinem Banner baö franj.^eer auflöfie unb in biefefien^Mäße warf. 6 . erfchien, in einer ©änfte getragen, juerfi »or Simogeö, baS fich ben granjofen feig ergeben hatte, naj)m bie ©tabt unb ließ ungeachtet aller Bitten 3000 SWanner, Seiber unb ftinber niebernteßeln; ben fran^. Wittern, bie fich tapfer »ertheibigfen, fd)enffe er bie greifet. Bon ber 9lnfirengung biefeö 3t<8^ erfchöpft unb burd) ben Bcrluf! feineö ältefien ©ohneS ©buarb tief betrübt, fehrte er nach ©ngianb jurücf, wo er, jurüefgejogen »on Hof unb ©e» fd)äften unb nicht ohne Beforgniß »or bem ©htgeije feine« Bruberö, Sohn »on Sancafier, 1376 flarb. SWit feinem SEobe fd)ien baS ©tücE unb ber ©lanj feines HaufeS erlofdjen. ©buarb (Rarl), al$ Gnfel Jtönig Safob’S II. (f. b.) »on ©ngianb unb ©oljn 3afob ßbuarb’S ber gräten bent genannt, war 1720 $u Wom geboren, wo fein Batet bei Siemens XI. unb Snnocem Xlll. in hoher ©unft fianb. 35er leßfe fönigliche ©prößling beS Kaufes ©tuart, erwachte in ihm fcf)on früh ©ebanfe an Siebergewinnung beritrone fei» nerBäter. ©r ging beSfjalb 1742, »om rörn. Hofe unterfiüßf, nacfjSPariS, woerfiubwigXV. für feinen GroberungSplan gewann, ©ine franj. glotte, bie ju bem 3wecfe mit 15000 SW. auS bem Hafen »on 35üntirchen auslief, jerfiörte theilS ein heftiger ©türm, theilS ber engl. 3lbmiral WorriS. @. war nun auf fich felbft unb fein ©lütf befd)ran!t. SWit erborgtem Selbe rüffete er ein ©d»ff »on 18 dtanonen auS unb lanbete am 27. Suni 1745 mit einigen erge» benen Dfftjieren unb 1500 glinten an ber norbwefilichen dfüRe ©chottlanbS, wo bie Berg* fd)otten unb »iele SWiSoergnügte fid) um ihn fcharten. 9In ber ©piße feines fleinen #eerS fchlug er bie ihm »on Gbinburg entgegenfommenben Gnglänber unb eroberte bie wichtige ©tabt SPertf). ©r ließ (ich nun gum Wegenten unb feinen Batet gunt Äönige ber brei Weiche auSru» fen unb nahm fogar am 19. ©ept. 1745 ©binburg, wo er fich einem^)ofe unb einer We» gierttng umgab unb »on granfreid) bie 3 ufage auf balbige Unterfiiißung erhielt, ©chon am 21 . ©ept. fchlug er bei SPreflon SPanS ein ©orps »on 4000©nglänbern unb nach furjer Belagerung nahm er am 26. Wo», ©arlisle. Wach biefem bebeufenben Siege »erlegte er fein Hauptquartier nach Sanchefier unb bebrohte in einer Gntfernung »on 20 SW. Sonbon, wo feiner »iele Anhänger harrten. ®ie engl. Wegierung, bie ben geinb anfangs »erachtete, »m SUh feit war Gu niff' »ert felj ben ' ©nt unb unb föer mb ©nt ßrb brat beffe gob in fi VI. I fehr | f4»to f aufg Sah' liehe 8« S ©ar! „Hi: Son ßnbe ! »A r einet fah - 1 fehrl ©efi sich« 1 (4 3 175 , Wüt tlte mail fehrt wie betn lndi fren ■ JU 3 I auch ! pofii I iecti i flert ©fcttiat&S @c£$out 581 würbe je|t beßürjt unb man rief einen 2f)d( ber in Seuffcßlanb ftefjenben Saeuppen 511 pfiffe. Sülein fc^ott in ben erßen Sagen öon 1746 warb G-, in beffcn -fpeere ©langet unb Uneinig» feit tjcrrfdjten, öon ber engl. Übermacht jurüdgebrängt. Ser ©ieg bei galfirf am 23. 3an. war fein te$fer; at« er am 27. Slpr. gegen ben|)erjog öon Gumbetlanb bie @cblad)t bei ßulloben (f. b.) wagte, warb er gefdßagen unb fein ^)ecr jerßreut. Gr mußte in bicSBilb» niffe ©efjotttanb« fließen, wo er mit junger unb taufcnb Gefahren ju fampfen hatte. Gin sertrauter fd)ot. Gbetmann, Dnell, brachte it>n an bie Jtüfie, wo er in einem JEatjnc öon 3n» fei ju Snfet, öon fi)öble ju Söf)le ßüd)tete, benn bie ©erfolget burcf)fpctyfen alte SBinfel, um ben Preis öon 30000 Pf. ju öerbienen, bie auf ben Äopf be« Unglücflid)en gefegt waren. Gnblicf) traf er bei Sodjnarach eine ber brei franj. Fregatten, bie nad) if>m auggefenbet waren, unb am 29. ©ept., nadjbem er fünf fd)reeflid)e ©lonate »erbracht, öerließ er ba« fcf)of. Ufer unb fam tn gänjlicher Gntblößung ju fUofeau bei ©lorlaij: in ber ^Bretagne an. Surd) bie Perwenbung ber Pompabout erhielt er öom franj. $ofe ein 3nf)rgetb öon 200000 ßiörc« unb öon ©panien eine 9lente öon 12000 Subtonen. Ser aadjener Triebe, in welchem feine Entfernung au« granfreict) in einem geheimen Slrtifel feßgefe|f war, öerleitete it)n in ber Erbitterung ju rafenben SluSßhweifungen, fobaß er unter 33ebcdung an bie itat. Grenze ge» brad)t werben mußte. hierauf ging et ju feinem Töater, 3 afob III., nad) 9lom, wo er bis ju beffen Sobe am 1.3an. 1766 in gutem ©ernebmen lebte, bann aber ficf> bureß lächerliche gobetungen, bie er unter bem ©amen eines Grafen öon Sllbanp ber Gtiquette wegen machte, in fortbauernbe ©treitigf eiten öerwiifelte. SeSbalb begab er ßcf) nad) fßtorenj; allein piu« VI. riefen bei ©ertuß feiner Penfton wieber jurücf. SfJlit ber ©Seit jerfallen, Ijatte er ftdj ' fetjrbem Srunfc ergeben, unb bieG^c, bie er 1772 mit einer Prinjefftn öon ©tolbetg=@ebern | fctjtof, um fein Gefdjtedjt nicEjf auSfterbett ju taffen, muftc 1780 au« biefem ©runbe wieber \ imfgciöß werben. (@. Stlbanp.) Gr flarb ju 3lom am 31.3an. 1788, nacf)bem er brei Jatjre öortjer feine natürliche Sodjter au« granfreidj jtt ßd) gerufen unb biefetbe au« fönig» lieber ©tadjtöottfommentjeit (egitimirt unb jur Gtbin erflärt batte. ©ein Seicbnam würbe ju $ra«cati mit ftmiglidjen Gtjren begraben, wobei fein barnatS noch tebenber ©ruber, ber ßarbinat öon gjorf, geß. ja $ra«cati am 13.3uti 1807, baSSobtenamt hielt. ©gl.pid)ot, „Histoire de Charles Edouard, dernier prince de la rnaison de Stuart" (Par. 1830). ©bttMtbö (3?id^arb), einer ber frütjefien engt. Sfjeatcrbidjter, geb. 1523, geß. 1566. 33on feinen öieten ©tüden epißiren nur nodj brei, ba« erfle au« bent 3- 1562. ©ie be* , ßnben ßd) nebß mehren feiner Schichte in ber nad) feinem Sobc erfd)iencnen ©ammtung „Aparadise of dainty devices" (Sonb. 1578). — ©corgeG., geb. 1693 ju ©tratforb, einem Sörfctjen ber ©raffdjaft Äent, folttc Kaufmann werben, ergriff aber benSöanberßab, fab .fjottanb, granfreid), Seutfdjtanb unb Norwegen, wibmete fidj, nad) Gngtanb jurüdge» Jcbrt, bem ©tubium ber 91aturgefcf)id)te. Gr würbe 1733 58ibliott>efar bet 5£Hebicinifc^cn ©efeltfdjaft ju Sonbon unb flarb ju ^Maißon am 23.3uti 1773. 9loci) immer flet)t in botjer Sichtung fein „A natural history of uncommon birds and of soine other rare aniruals* ( (4 33be., ? 01 lb. 1743 —51), fortgefegt in „Gleaniugs of natural history" (3 §$bc., £onb. 1758—64); beutfet) in ber „Sammlung öerfd)icbenerauSlänbtfcf)erfettenerS3öge!" (9 33be., , Slürnb. 1-49—71). — S5rpan G., geb. 1743 ju SSeßburp inSEittfbire, berSoßn armer ittern unb ba« SUteßc öon fed)$ ©efebwißern, ging ju feinem mütterlichen Dbetnt in 3 n» maifa, wr er bie ättern unb neuern ©praßen erlernte. 9?eieß bureß baS Grbe feine« Sbdm«, febrte er nnd) Gngtanb jurüd, würbe ©litgtieb be« Parlaments unb ber fönigtidjen Stfabe» wie ber SSiffenßbaften unb ßarb ben 16 . 3u(i 1800. SSon feinen öieten ©ebriften ßnb bie bemerfenSwcrtbeßcn „Civil and commercial history of the british colonies in the West- lndies (2 33be., Sonb. 1793; 3. Stuß., 3 S3bc., £onb. 1801) unb „Historical survey of the french £olony in the island of S.-Domingo" (2 S3be., Sonb. 1797; bettffd), £pj- 1798). (secEfjout (©erbranb öan ben), öietleicbt ber bebeutcnbße ©cbüter JKembranbt’S, geb. • ju Stmßerbam 1621, begann mit Sitbniffen in bcrSlrt feine« großen Sebrcr« unb ging bann aud) ju bißorifd)en Sarßettungen über, ©ute, tebcnSöotte Jtöpfe, Originalität in ber Gom» ' jpofition unb meißerbafte Seteudjtung ßnb ibm nießt abjufpreetjen, allein über bie rein fub» ■ jectiöe unb boeß alle ©cbüler fRembranbt’« faß bämonifd) beberrfetjenbe fRicßtung be« ©lei» ! ßer« iß auch er nicht binaitSgefomnten unb tbeilt fogarmit biefem ben ©langet an 3 «id) nun 9 - 582 ©fcttbi @8 ebe Silber Don ihm ftnb unter anbern in SDtüncben unb in Serlin. Gr fiarb 1674. Stuf franj. Stieben ifi fein Stame burd) ©. bc GbeSne überfegf. ©fcttH ifl ein Gbrentitel bei ben Sötrfen, enffpredfenb bem beutfe^en^err, ben fidf bie Staate unb Gioilbeamfen, oft aud) anbere StanbeSperfoncn beilegen, wogegen bic^of* unb SOtilttairwürbcnträgcr ben ähnlichen Sätet 2t g a (f. b.) führen, häufig wirb ber Sätet Gfenbi mit bem Stamen be« 2lmt« in Serbinbung ausgesprochen. So tjeiff j. S. ber erfle Seibarjt bc« Sultan« ^>afim=Gfenbi, ber fPriefier im Serail 3mam=Gfenbi u. f. w. — 9t e i S * Gf e nbi beifjt ber SJtinifier ber auswärtigen Slngclegenbeitcn. Egalite Wirb inSbefonbcrc »on ber ©(eid;beit im potitifeben Sinne gebraucht, weSfiatb aucE) Libertc et Egalite jum SSafitfprurf) ber franj. Stepublif würbe unb ber fperjogßubwig Sof. Philipp »on Srlean« (f. b.) ben tarnen Ggalife annabm. ©gbert, berSobn Gatmunb’«, dfönig« »on dient, flüchtete »or Sertbric, ber feit 784 ben S&bron ufurpirt batte, nach Sranfreid) an ben $of Jtarl be« ©rofjen, febrte nach Ser* tbric’S Stöbe 799 jurüef unb würbe erft dfönig »on SBeffep, bann bureb gewaltfame Seteini* gung ber fieben 9teid)e 827 erfter diönig »on Gnglanb au« ber fäcf>f. ®pnafiie. 2tuf feinen Sefet)! erhielt ba« »ereinigte Üteicb ben Stamen Gngtanb. Gr fiarb 837 , unb feine dirone »ererbte an feinen Sobn Gtbetwotf. (tpanS), ber 2lpoftel ©rönlanb5, würbe am 31 . 3an* 1686 in Norwegen ge* boren, flammte jebodj »äfcrticberfeif« au« bem bän. ditrebfpiel Ggcbe in Sectanb. Sereit« im 22 . Sabre at« ^>rebiger §tt 2Bogen im Stifte ®rontbeim angcfiellt, legte er 1717 fein 2tmt nieber unb ging, bureb ein flehte« Vermögen unterfiügt, nach Sergen, um »on bi« au« ftef) nad) ©rönlanb ju begeben; bocf>erftnach mehren 3abrcnunbunfaglid)erSemübung gelang c« ibrn, bie Scbwierigfeitcn ju befeitigen, bie ftef> feinem Gntfdjlitfj entgcgcnflellfen. Gnblicb war bie Summe »on 10000 Stblrn. jufammengcbrad)t, unb er jum SDtifftonarin ©rönlanb mit einem jährlichen ©ebalte »on 300 Stbtnt. ernannt. 59tit jwei Schiffen, be* gleitet »on feiner grau, feinen jwei Söbnett unb 46 fßerfonen, lief er am 12 . 50tai 1721 non Sergen au«; am 3 . 3uli lanbefc er in ber Stäbe »on Saal« 9fe»ier in ©rönlanb, unter 64 ° nörbl. S. Sein milbeS, freunbtidje« SBefen gewann ibm recht halb ba« Zutrauen ber Gingeborenen. Stacb jahrelanger Slnftrengung fam er enblicb fo weit, bajj er ihnen ba« Göangclium in ihrer Sprache ju prebigen im Stanbe war, wobei ihm fein ältefier Sofit -£ülfe leiften mufte, wobureb er ftd) nur um fo mehr bie Siebe unb Gefurcht ber ©rönlänbet gewann. SJtcbre UnglücfSfälle, j. S. bie Serbeerungcn ber Slaffern im 3- 1734 , brobten feine Scfirebungen ju »erniebten. ®ie Serbreitnng be« Gbrijlentl)umS gebieb aber immer mehr unb fiärfte feinen fDlutb). 2lucb ber .fbanbel, »on beffen ©ebenen bie gorfbaucr feiner SJtiffton abbing, batte »on 1728 an guten Fortgang genommen. 2luf diofien ber bän. Stegierung würben ihm in $otge ba»on mehre SStiffionare ju äjHtlfc gefenbet. 2lucb 9Jtät)ri> fd)c Srüber nahmen, »on ber bän. Stcgierung baju aufgefobert, Säjeil an G.’« Sefirebttngen, ohne jeboeb beffen apofiolifdje fPrapiS erreichen ju fönnen. Stad) einem ununterbrochenen Slufentbatfe »on 15 3ab rcn ©rönlanb unb naebbem ba« SJtifftonöwerf gefiebert war, febrte er enblid) nach ®äncmarf juriief, wo er 1740 jum Superintenbcnten ber grönlänbi* feben SJtiffton ernannt würbe. ®urd) 9?atb unb Stbat, wie bureb ©rridjtung be« Semina* rium« für grönlänb. SJtiffionare unb bureb ©griffen wirfte er unabläffig für ©rönlanb, bi« er im Sto». 1758 fiarb. Son feinen Schriften über ©rönlanb erwähnen wir „Set gamte ©rönlanb« npe fPerlufiration eller Staturcl=.£ifiorie" (diopenb. 1741 ; beutfeb »on dirünig, Serl. 1763 ) unb „Sntflaenbelig Stelation, angaaenbe ben ©röntanbSfe fOtiffion« SegpnbelSe og jfortfaettelSe" (dtopcnb-1 738 , 4 .; beuffd) dpamb. 1 748,4.). GS gehörte ju G.’S Gigenbeitcn, baf er ba« Stubium ber Stiebende liebte unb e« noch int bobon Sitter als eine unfebulbtgc Siebbaberei trieb. Seine belbenmütbtge $rau, ©erfrube Stafcb, fianb ihm, bi« ju ihrem SEobe im 3* 1731, in allen ©efabren unb Srangfalcn tbätig bei. — Sein ältefier Sohn, $)aul G., gcb. 1708 in Storwegen, geji. 1789 in .ffopenbagen, War bc« Safer« würbiger SJtitbelfer unb Stacbfolger im grönlänb. Sebramte »on 1734 — 40 . Stach feiner Stücffebr nach ®änemarf würbe er $)rofeffor ber Rheologie, ®ireefor be« SBaifen* häufe« unb SStitglieb bc« SJtifftonScollegium«; nach be« Sater« Siobe SCuffeljer ber grönlänb. Stiffton unb jum Sifcbof ernannt. Gr fe|te bie 3tacbrid)ten be« SaterS über bie grönlänb. ©get ©gcjict 583 SDiiffton fort unb gab 1789 fein Soutnal „ßfterretninger ont ©ronlanb" (beutfd), Kopcnl). 1790) heraus, »ollenbete 1766 bie »on feinem 33ater angefangenc Überfehung beS 9?euen •EeffamentS inS ©rönlänbifche, lieferte einen grön(änbifd)en Katechismus (1756), gab ein grönlänb. = bän. Siituat (1783) heraus, überfc|tc ben 2f)omaö a KempiS inS ©rönläw bifc^c (1787) unb fcfjrieb auch ein grönlänb. »bän. = laf. SSSörterbucf) (Kopenl). 1750) unb eine grönlänb. * bän.»lat. Sprachlehre" (Kopenl).1760). — Ser Sohn beS gestern, 6.2. ß., ber als gieutenant auf einer ßntbcckungSteifc nacf> ber Dfifüffe ©rönlanbS auSgcfanbt mürbe, bie er auch befdjrieb (Kopenl). 1789; 2. Slttfl., 1796), fiarb 1804 als Sd)ijfScapitain. ©get, bieHauptffabt beS »ont elbogncr.Steife beS Königreichs Böhmen abgefonberten ßgerbejirfS, an ber ßger, am gufe beS gichtelgebirgS, mit etwa 10000 ß., bie »icle ©et' bercien fomieTudj*, Hut* unb ^eugfabrifen unterhalten, ift bcfonberS burd) bie nahgele* genen Heilquellen berühmt. Ser ßgetbezirf, beffen Bewohner, etwa 30000, bie ßgerlänbcr genannt, fid) burch gebensweife, Sitten unb Fracht »on ihren Nachbarn unterfcheiben, mar früher ein unmittelbarer S£t>eil beS Scutfd)cn 3tcid)S, mürbe aber fpätcr nach langen Streik tigfeiten über ben Befig beffelben gwifchen Baiern unb Böhmen auf immer mit lej)term Bereinigt. Sie Stabt hat fiebeit Kird)en, barunter bie präd)tigc Hauptfircfje, ein ©pmnafütm unb öielc anbere Unterrichts = unb 2Bol)ltbätigfeitSanflalten, auch einige Klöftcr. Sic ge* ^ungSmerfc mürben 1808 gefd)leift. Sie hatte im Hufjitcnfricge, int Srcipigjährigen Kriege mie im Öftreictjifcfjen ßrbfolgefricge fetjr »icl ju (eiben. 3n bent fogenannten alten ßommanbantenhaufe mürbe am 25. gebr. 1634 SBallenflcin, unb in ber alten Burg, bie je()t9tuine ift, murbett am Slbcnbe »orljcr bie faif.Sciterale 3llo unb Terzfn ermorbet. ßinc Stunbc nörblid) »on ß. bcfttibet ftdf> ber ßgerbtitnnen, welcher früher wegen ber 9läf)e beS SorfeS Sd)taba fchlabaer Säuerling hi«Ü, jc|t aber gewöhnlich granjcnSbrunncn genannt wirb, ba ftd) in feiner Umgebung feit 50gaf)ren ein neuer Drt, granjcnSbtunn ober Katfer granjenSbrunn, gebilbet hat, ber ju ben befud)teften Babeorten gehört. Slufcr ber granzcnSqitcttc ftnb noch bie gitifenquelle, ber falte Sprubel, bie Salzquelle, bie ©aSqucllc ober ber ^)oltcrbrunnen unb bic 9ftincra(fd)lamm = ober Söloorbäbcr in ©ebraud) gejogen worben. Siegran;enS = unb gitifenquelle gehören git ben alfalifch = fatinifd)cn ßifenqucllen, ber falte Sprubel gu ben cifcnf)a(tigcn Säuerlingen unb bic SaljqucUe ;u ben alfalifch* falinifd)en Säuerlingen. Sämmtliche Quellen haben eine Temperatur non +9° 9f. Bcnugt werben bic granjcnöquellc unb ber falte Sprubel als ©etränf unb als Bab, bieguifenqucUe nur als Bab, bic Salzquelle nur als ©etränf unb bic ©aSqucllc gur Bereitung »on @aS* bäbern. Sie Hauptwirfung, bic nur burch 91ebenwirfungen etwas mobtftcirt jätf) in atfen Quellen micbcrftnbct, ifi auflöfenb, reinigenb unb flärfenb, baher fte bei allgemeinen unb örtlichen Schwächejuflänben, UntcrleibSftodungen, gemiffen Krankheiten ber ®efd)led)tS* fnfiente beiber ©cfd)lcd)ttr, Kacherien, als Borbcrcitung zu flärfern fiuren unb als 9lach= cur nach bem ©cbrauche oott fiarf auflöfcnben unb fdjwächcnbcn SRineralwäffern ihre Sin* menbuttg ftnbett. 3m3- 1826 würbe ein neues HauS gu ben ©aSbäbern eingerichtet unb L827 ein ©cbättbe gu ben Souchc* unb SKoorbäbcrn aufgeführt. Bcrfcnbct werben jäh»* lid) 150 — 200000 glafchcn »on ben gum ©etränf benugten Quellen, unb eS flnb bic gla* fchett ber alten giillungSmetl)obe fchwarg, bie ber neuen, »on SSerjeliuS angegebenen, bei welchen bas SBaffer wenig ober nichts »on feinem ©cfjalte »crliert, rotf) geflegelt. Ser ßger» brunnen war fdfon im 16. 3ah r h- bekannt. 3n ber neuern Seit würben bic Quellen »on TrommSborf unb BerzeliuS analpfirt. Bgl. fionratl), „Sie neuen Babcanftalten ju gram gcnSbab" (^)rag 1830), Serie, „granjenSbrunn, in topograpl)ifd)er, naturgefd)icf>tlicf)er, pittoresker unb mebicinifd)er Hmftcht" ($3rag 1830) unb |3alliarbi, „Sie Schlamntbäber ju granjenSbab" (2. Slufl., gpg. 1843). ©gerta hief jene ßamene ober Slpmphe, »on welcher ber Sage nach König 9luma feine ßultuSeinrichtungen erhalten haben foll. Sen Hain, Wo bicfeS gcfchalj, weihte Sluma ben ßamenen. Drte, bic ber ß. geweiht waren, führt man gwei an, ben einen bei Slricia, ben anbern bei Sffont »or bem fapenifchen Thore, wo man noch eine ©rotte ber ß. geigt. Übrigens war ß. nicht bloS eine weiffagenbe, fonbern auch eine Sehen gebenbe 9?pmphe, weS* halb fic bcfonberS »on fd)wangern grauen angerufen würbe. ©gejia, f. Segcfie. 584 ßj$e ©tjmottb ((äefdjtedjf) helft ein fanotTjirtt)fd£)aftUrf)egSitf}rumcnt jur Gbntmg, dlldrung mibCocferuitg • beS BobenS, jur Gntfentung bcs Unfcauts aus bcm ‘älcfcr unb jum Unterbringen ber Sa* men. 3e nad)bem man baS Sine ober Stnbere auSfübrcn miE, menbet man auch t>erfd)iebene Gggen an. Stufet ben gemöbnltcben grojjen unb deinen Gggen bat man j^vtre^enegflen, metebe bei ber Bearbeitung ber SScbaiffrüdjtc angercenbet merben; üluetf eneggen jur Bertilgung ber CUtecfcn; Schlangen eggen jur ^utöerung ber Grbflöfe; bie febot. Saat» unb bie IR bomb ot bat egg e jur .Klärung berSlcferfrume; bie fcf)ot. IR oltegge, oefonbcrS für ferneren Boben geeignet; bie Garr’fcbe SRcfferegge, bic flaft ber fen URcffer bat; biegebrocbeneGgge, beren man fi'cb auf fcbntalen, gemölbten Beeten bebient, bie Branbegge, jum Sufamntenbäufen ber abgefebälten SRafenflücEe u. f. m. SDic Ggge fott febon bei ben Sfraeliten in Slnmenbung gefontnten fein; Bon ben IRömevn mürbe ftc ohne Smeifet febon jur 3tc?erbeflellung gebrauebf. ßgtnbarb, f. Ginbarb. ßßinottb, ein berühmtes bottänb. ©efdjlecbt, baS oon einem Jüngern Sobne beS ®ra* fen Strnutf Bon ^ottanb abjuflammen unb feinen Barnen Bon ber in ber Bäbe Bon Sttfmaar in ERorbbottanb gelegenen Slbtei Ggmonb erhalten ju hoben febeint. 311S Scbtrmoögte ber« fetben bauten fid) bie G, bafelbft gegen Gnbe beS II. Sabrb- eine Burg, bie aber gleich ber | Stbtei in ben Unruhen beS 16. Sabrb. ju ©runbe ging, mäbrenb brei örtfebaften noch gegen» martig ben Barnen Ggmonb führen. — Unter Sobann U. oon G. ju Slnfauge öcS 15. Sabrb- trat für baS ocbBerräfber mit Bcrlufl ihrer ©iifer baS S*anb oertaffen. 3m3. 1417, nach bcm 5£obe beS ©rafen, fud)tenficb bieG-jmar burd)2Baf» fengematt ihres BcfigeS ju bemächtigen, allein fie mürben Bon ber ©räjän Saf'obine nochmals Bcrtcicben, bis ihnen 1421 3obann Bon Baiern, ihr greunb unb ber Db c ' m ber ©räftn, Ber* tragSmäfig bic ©i'itcr jurücfBerfcbafftc. Sa bie ©emabtin Sobann’s Bon G., SRaria, bie Tochter beS legten SIrfet unb bie Bicbtc IRepnalb’S IV., beS legten EerjogS Bon Selbem unb Sültcb, mar, fo batte baS epauS G. nicht nur Slnfprücbe auf baS grofe Grbe beS EaufeS 3tr!el, fonbern aud) auf bic EcrjogSfrone Bon Sülid) unb ©etbern. 3n ber SH)at mürbe nach bem Slbleben IRetjnalb’S, SIrnolb Bon G., ber ältefle Sohn Sobann’S, jum E^joge Bon ©clbern unb jjütpben ermäblt. Sobann fiarb 1451. — Sein jmciter Soi)n, SBilbelm IV. oon G., erhielt nach bem Stöbe beSBaterS alle Ggntonb*9lrferfd)cn ©üter, bie auf erbalb 3ü* lid) unb ©etbern lagen. Gr flattb feinem Bruber in ber Behauptung beSEerjogtbumS reb* lieb bei, mürbe nach beffen Stöbe Bon .Hart bcm .Kühnen Bon Surgunb jurn Statthalter Bon ©etbern bellctlt itnbftarb 1483. — ®cr Sohn bcSScfstcrn, SotfannHI. Bon G., noch reicher unb mächtiger a(S feine Borfabren, mürbe 1486 oom röm. Könige Btajcimitian junt ©rafen Bon G. erhoben. Gr mar 32 Sabre Statthalter Bon ^jollanb unb flarb 1516. — i Sbm folgte Bon 15 Äinbcrn 3 o b a n n IV., © r a f b o n G., ber ficb 1516 mit gran jiSca, ber Stocbfcr Safob’S II. Bon 2uremburg=§ienneS, oermäblte unb babureb tn granfreicb ju ungc» beuetm SBeftge, unter Slnbcrm auch ju ber ©raffchaft ©aore unmeit ©ent gelangte, bie feine SBitme 1540 jum gürflentbum erbeben lief. Gr flarb 1528 ju 9Railanb im©cfotgeäfaifer Äarl’S V. — Sein ältefier Sohn unbSRacbfolgcr ^arl 1., ©raf Bon G., flarb, nachbent er bem Äaifer 1541 auf bcm 3uge nach tilgtet gefolgt, halb barauf juSKurcia unb batte feinen Bruber Samoral ©raf Bon Ggmonb (f.b.) juntBacbfolger, nach beffen Einrichtung bie gamitiengüter confiScirt unb fämmtli^e Stitel eingejogen mürben. — Ser ältefle Sohn beS Emgerid)teten, itipp, ©raf B on G., ein 9Rann Bon IRiefengeflalt unb grofer SRit» terlid)!eit, fämpfte in feiner 3ugenb gegen bie füan. Eerrfcbaft, erhielt aber 1577 int ffrieben ju ©ent bie Stitel feines BaterS jurüd unb blieb feitbent bem älatboliciSmuS unb bem Jbö* nige ^b^ipp H. Bon Spanien treu ergeben. Bach Bieten füfmen SBaffcntbaten im Partei* friege ber Bieberlänber, marb er mit einem deinen EülfScorpS bcrlatbolifdjen £igue injfranf» reid) beigeorbnet unb fiel mit feinem Eäuflein SBallonen nach ber tapferflen ©egenmebr am 14. URärj 1590 in ber ©ebfacht Bon 3»rp gegen Eeinridj Bon Baoarra. — ©ein Bruber, 585 ©Sfmottb (Samoral, ©raf hott) Samotat TI., ©raf bon G., erhielt enblid) auch bic }errütteten Familiengüter juritcE, mußte biefelben aber öffentlich Perfleigern itnb ffarb in bi'trftiger Sage 1617, feinem Brubet .ffart II., ©rafen oonG., bie leeren 2rtel hinferlaffenb.— $)rocop Ftanj, ©raf oonG., ein ttrenfcl beS jule^t ©enannten, gingSlrmuth falber in frans., barm in fpan. jlriegSbienfte unb flarb alsBrigabcgeneral am 15.Sepf. 1707. SJlit ihm erlofd) ber $aupt* flamm ber G. — Gine berühmte Seitenlinie ber G. finb bie ©rafen oon Buuren, gefliftet oon Fricbrid) oon G., einem Sohne 2Bill)elm’S IV., ber ftd) 1464 burd) ^eiratl) bie $err* fchaft Buuren erwarb, bie 1402 oom Haifer jur ©raffefjaft erhoben warb. — 3u if)r gehört SRajrint clian oonG., ©raf oon SSuuren, ber in ben JTriegen Jfarl’S V. bie Slieberlänbet befehligte unb als Statthalter unb ©eneralcapifain oon.fjollanb am 23. 2)ce. 1548 flarb. ©flmonfc (Samoral, ©raf oon), ^3rins oon ©aorc, geb. 1522, befannt burd) fein Sdjicffai unb bie bramatifcf)e, aber oöllig ungefd)id)tliche SDarflellung ©eethe’S, erbte oon feinem altern Brüher JlarlSSefig unbSBitrben unb oerf)eiratf)ete fid) 1544 mit einer 2 ocf)ter beS ^falsgrafen 3ol)ann ju Simmern. Gr begleitete mit feinem -Stüber Jfarl V. 1541 nach Sllgier, war auch fpäfer auf allen ,ftricgS= unb FtiebenSsügen in beffen ©efolge, ohne fleh in* beß befonberS auSjUjeicfjnen, unb unterhanbelte 1553 mit bet Königin oon Gnglanb wegen ber Vermählung beS Snfanten ^h*iiPb- Vad)bem gelterer ben fpan. SEfjron befliegen, focht G-, als Befehlshaber ber 9?eifcrei, mit großem ©lücFe 1557 in ber Schlacht oon St.*£luenfin, im folgenben 3af)re in ber oon ©raoelineS unb würbe, als fPh*l*W für immer nach Spanien jurüeffehrte, oon bemfetben jum Statthalter ben ^roeinjen gtanbern unb Slrtois beftellt. 3n biefer Stellung näherte ftd) G. ber mit ber fatfjolifchen ^olitif ^>h*ßPP’$ unjufriebenen Partei in ben Vicbcrlanbcn unb würbe aus einem Höfling plöfslicf) ein SDIann beS VolfS. Sein floljer, hochfahrenber Gharaftcr unb feine fpätere fpanblungSweife beuten aber an, bafj er hierbei gteid^ feinem Bufenfreunbe, bem$}rinsenoon IDranicn, weniger burd) höhere SftüJ* fichten als burd) eigenes Sntereffe geleitet würbe. Vachbem bie ^erjogin SKargaretha Oon ^arma gegen ben SBillen ber Unjufriebencn jur ©eneralflatthalterin ber Slieberlanbe einge* fegt, trafen G. unb ber fPrinj oonDranien in ben SfaafSrafl), erhielten auch benBefefjl über bie wenigen fpan. Gruppen unb begannen bamit auf bie Gntfernung beS GarbinalS Slnton ^)errenof, ber als Vlinifler bie Regierung in ben Vicberlanben führte, 51 t arbeiten. S ie brach* ten eS aud) in ber £f) at bahin, baß biefer 1564 fein Slrnf nieberlegen mußte, worauf nun bie national-proteflanfifche Partei ftd) ber öffentlichen Slngelegenheiten ju bemächtigen fuc£>te. Um baS gute Vernehmen mit bent Könige beflo flcherer ju begrünben, würbe G. 1565 nach Spanien gefenbet, wo er unter frieblidjen Verfpredjen fefjr gut aufgenommen unb mit ©na* benbejeigungen überhäuft würbe. 3US aber biefer Scnbung harte Strafgefeße folgten, als bie nieberlänb. Freiheiten oerle|t würben unb bie Snquifttion eingeführt warb, geriefh G. in t)öd)fle Grbitterung unb öerhtnbcrte wenigflenS nicht baS Sufammenfrefen ber unsufriebenen ©roßen, bie im Febr. 1566 ben S3unb ber ©eufen (f. b.) flifteten. Gr vermittelte bie bei ber Statthalterin um Vfilbcntng ber harten Gbtcfe eingcreidjfe Bittfcfjrift unb erfdjien bei bem Fcfle, baS bie Unsufriebenen nad) bem errungenen Vortheil feierten. 3u ben nun her* oorbredjenben Slttfftänben, bie gerabe in ben »on ihm oerwalteten ^roPinjen ben brohenbfteit Gharaftcr annahmen, fe^te er bie 9Me beS Vermittlers jwifchen ber ePierjogin unb bem Volfe fort unb oerfchaffte int Slug. 1566 ben Sufurgenten neue unb Portheilhafte Sebingun* gen. ®ie ernfle Gntwidclung ber flfePolution machte ihn inbeß für feine Stellung unb fein Vermögen beforgt; er legte baljer eine ihm ergebene 83efafcung nadf ©ent, burd) bie er bie Sfluhe aufrecht hielt, bie Jfatholifen in ihre Äirchcn einfe^te unb bie GalPintflen befchtänffe unb sum She*t ^art beflrafte. S3ci ber Belagerung non ValencienneS leiflete er tl)ätigen33ei* flanb, fchwor ber ^erjogin bie 3lufred)thaltung ber alten SReligton unb brach mit bem bringen pon Dranicn unb ben ©eufen Pollflänbig. 9luhe unb Srbnung fdjienen burd) ihn herge* flellf unb aufrecht erhalten, als ^Ph'^PP^- **** SCpr. 1567 ben ^erjog Sllba als ©eneral* iieutenant in bie Vieberlanbe fchidte, worauf ber ^3riuj oon Sranien unb anbere Häupter beS SlufflanbeS baS Sanb Perließen, währenb G. biefen Vorfchlag aus Veforgniß um feine ^5riPatangelegenhetten juritcCwieS unb fid) burd) feine SRücffehr junt ^)ofe Pöllig gefiefjert hielt. Slls Sllba sttShiooPille ben nieberlänb. Voben betrat, ging iljmG. entgegen unb fud)te fich bie ©unfi beffclbcn ju erwerben. Gr fcf)ien baS Vertrauen beffetben gewonnen ju haben, 586 ©ßotömuS (Sflje ald er plögtich am 9. ©epf. 1567 nach einer ©faafdrafljftgung, in bcr bie Befefiigung bei Sanbed »erfyanbetf worben war, mit $oorn »erraffet unb tton SSrüffct nach berGitabeEe »on ©ent gebraut würbe. ®ie ©tänbe »on Brabant fuchten 6. bcm »on Stfba eingefegten foge» nannten SStutratEje ju entziehen, wie benn 6. als Bitter bed golbenen Blicjjes ebenfalls bit Gompefenj beffe'lben befirift; aber SlEed war »ergebend. Grd warb iljm aufgegeben, ftd) ge- gen 90 jflagepunffe ju red^ffertigen; unb ald er unter fortgefegter Befireitung ber Gompc- tenj bie Grlebigung »ielerfünfte »erfäutnte, fo würbe am 14.BZai 1568 »onStlba bad Gon» tumacial-Grfenntnifi audgefprochen unb am 4. 3uni G. nebfi bem ©rafen £oom ald .fboch» »errätfjcr jum Sobe »erurtfjcilt. §lnt folgenbcn Sage fielen bie Häupter Beiber auf bem BZarfte $u Brüffel. SDbfc^on 6., für ben fiel) bie höchficn Betfonen »erwenbeten, btd jum legten 3fugcnbliofffe, fo ftarb er boef) mit grofjcr gaffung. 9lld er ben ©freid) empfing, fanf feine ehemalige ©etiebte, 3of)anna Sa»tl, tobt nicber, unb bad Bol! tauchte fehmerjergriffen Sitdjer in bad Blut ®ercr, bie wenigftend bie BZärttjrer ber Freiheit fc^ienen. Sufer bem ältejien ©ofjn ^5l)ilipp Ijinf erlief er elf cf)etid)e JÜnber; feine bewegliche unb unbewegliche äjabc würbe mit grofer ©trenge in Befd)lag genommen. Bgl. Bcrdjt, „®cfcl)icl)te bed ©rafen G." (Spj. 1810). I @(fOt§mu6, ©clbfilicbc ober ©elbfifucfjt, l)eift biejenige Bidjfung bed -Sollend, »ermöge beren ber Bienfeh in feinem Sollen unb .fjanbcln nur fieh fclbfi unb bie Be- friebigung feiner eigenen Begietbe im 3tuge hat. 3ebe Bcgicrbe ifi ihrerBatttr nach egoifiifd); beim jie will nichfd ald ihre eigene Bcfriebigung, unb infofern ifi bcr Ggoidntitö bie natürliche ©enfungdart bed BZcnfchcti, ber fiel) über ben Ggotdmitd erfi bann erheben lernt, wenn er feine Begierben unb ben Sunfch, ftc ju befriebigen, einer hohem Äriti! unterwirft. ®er Ggoid- ■ ntudfann bat)er in ben ftttlidjcn unb gcfetligen Berührungen ber BZenfd)cn fegt unfittlicf) . werben, ja alle fittlid)e Sgatfraft, bie ganj wcfcntlid) auf ber Unterordnung bed eigenen 3n* f tereffe unter allgcmeingültige ©efege beruht, unterbrüefen. Scbc Scibcnfdjaft, bie bie fitfli- ehetr ©chtanfett nicht achtet, ©enuffudjt, ^labfucht, GE>rfwd)t u. f. w., fann bic ©eftalt bed Ggoidmud annehmen; biefer ifi fo »iclförmig ald bic Begierben, Beigungen unb Sciben- fthaften ber BZenfdjcn unb äufert fiel) baher je nach bm @efd)äften, Bebürfniffen, bcr bürgerlichen ©tcllung, ben Berhaltnijfen bed Berfehrd u. f. w. l)öcf)fl »erfchiebenartig. Blau unterfd)cibct je nad) ben ©egenfianben bcr Bcgicrbe unb nach ben Bütteln, welche man ju ihrer Befricbigung anwenbet, einen feinen unb groben Ggoidmud, eine UntcrfdEjcibung, bie bcdgalb fegwanfenb ifi, weil, wad in bcr einen Bftcfficbjt ein fcheinbar feiner Ggoidmud ifi, in ber anbern ein fetjr grober fein dann. ®cnt Ggoidmud ifi fcüiedmcgd ber ffodmopolitid- mud (f. b.) entgegengefegt, fonbetn bad Sohlwollen, bic Siebe, bic ©erechtigfeit u. f. w., überhaupt jebe ©efinnung unb Senfungdart, welche ben BZcnfcgen »ou bcr eigenen Bcgicrbe emancipirt unb fein Sollen in ben ®ienfi einer ftttlichcn 3bee fiellt. (Sgc (matrimonium) heift badBanb, welches Btaun unfc Seife bed BZenfcbcngcfd)lcd)td aneinanberfnüpft unb igrcBcrbinbung über bad blöd ©innlidje unb Sgierifcge erhebt, in» bem fte bcrfelbcn bie eblcrc Siebe, gegenfeitige Slcfitungunb itnbebingte Eingebung jurSrunb- lagc gibt unb bad ©efeg ber ©etbfibchcrrfchung, namentlich bcr Gntgaltfamfeit bed ©innen- genuffed mit jebem Zubern, bad gegenfeitige ®ulben unb (Ertragen, bad treue 5htdf)arren beieinanber in Botf) unb Sob gtnjufügt. ®ie ©elbftbeherrfchung hat ber BZenfch »or bem Spiere »oraud, in ihr liegt bad wefcntlid) BZenfcglicge, bic Sürbe bcr BZenfcggcit. ®ie ®h c ifi ber Slnfang ber Familie, jened heiligen JTrcifed, »on welchem bic Srjichung, bie ßnffal» tungber Einlagen unb .Kräfte, »orjüglid) bet moralifdjen unb getfiigen, beginnt, unb in welchem ber Gh aM ft ei: , burd) ihn aber bad ©cf)icffal unb ber ftftlidje Serth ber Bölfer be-flimmt werben. BZ an erfennt bie gortfehriffe etned Bolfd in echter Sulfur, b. h. in hariuonifdjcr Sludbilbung bed ©eifted unb ^»erjend, Beinheit unb dfraft, in feinem fünfte mit gröferer Befiimmtheit ald in feinen ©efegen über bie Gf) e> jeichnet SZömcr unb ©ermanett »or »ielen Slnbcrn aud, baf fte fefjr früh fdjon feine ^5olt)ga«rtc gefiafteten, benn nur jWifchen Sweicn, swifchen (Einem Btanne unb Giner grau, ifi eine Glje in ihrer »ollen moralischen Sirfung, jened »oEe Bertrauen möglich, i ene ©intjeit bed SoEend unb Sirfend, ja bed ganzen ©eind, jene Harmonie, welche bie erfic Bebingung einer guten Gr^tehung ber ^inber ifi. ®ie moralifchen SZadfittjeife ber Bielwcibcrei fönnett burcf) befonbere äufere Berhalfniffe o87 (?6e eines ©olfö gemilbert unb bie ©fchrfjeit bcr grauen GineS ©fanneS burd) feiere zufällige Umßänbe einigermaßen enffd)itlbigt »erben; nid)tSbeßo»cniger iß bic ©eßhränfung auf bie einfache Gf)e btr crße ©d)ritt, »eichen eilt SSolf tf)un muß, wenn cS ßdj auf eine höhere ©tufe fd)»ingen will. Sie Gl)e tjat eine hoppelte ©eite, welche ßctS unterfd)ieben unb feßgehaltcn »erben muß, inbem ße ju gleicher Seit auf tnoralifcße ©otßwcnbigfeit, »enn man ße religiös auffaßt, unb auf rechtliche greifet gegrünbet iß. 3h r ent SBefen nad) iß ße burdjauö rnora» lifcf), unb bie «Sitte eines ©olfS, b. h- bet ©rab ber wahren ©Übung beffetben, gibt ißt ein ©efeg, eine ©tbnung, »on welcher fein ©injiger abjuweichen befugt iß; bagegen muß bic SBaf)l, welche bic Gtnjelnen juetnanber führt, »ollfommen freigegeben fein; benn jcbcr3»ang iß bem SScfcn ber (Sijc entgegen. ©etradßen »ir nun ben ©ang, »eichen baS 9led)t ber (ätje bei ben ©ölfern genommen t>at, fo wirb baS ©cfagte ba»on burcßgefjenbSeßäftgung fmbett. Sem rohen üRenfdjen iß bie grau nur ein ©fittel jur Sefriebigung ber ©inntidßeit unb eine ©fla»in, »on welcher er bie fd)»erße Strbetf unb bic niebrtgßen Sienßc »erlangt. Gr lauft fte bajtt »on ihrem ©ater ober itjren ©rübern unb ßößt ße öon ßd), »enn ße iijm nicht mehr gefällt. SaS Aaufcn ber grau blieb inbeß nod) lange, »enigßenS in manchen gormeit unb 9fed)tcn, auch bet f c h r gebilbeten ©ölfern üblich- Gin großer gortfdjritf iß eS, wcnnßd) in bcr G£)e felbß bie ©leichheit beibet ©efcf)led)tet herßcllt, »enn bie SBürbe unb baS Üfedjt bcr .^auSfcau ober ber ©fatrone, »ie ße bei ben Stömcrn hieß, anerfunnt »irb, »omit bic Slutoritat beö ©lanncS, bie ßcf) attS feiner $j}ßid)t als 95efcf)it§er unb Grnähtcr »on felbß er» gibt, recht gut beßehen fann. Nebenher iß aber bei ben meißen ©ölfcrn noch lange bie ©efugniß bes ©fanncS, mehr als eine grau ju nehmen, ttjeilS bic »illfürliche Sluflöfung ober ©cfjeibung üblich geblieben, unb baS 3»eite hat ju genauem gefeglid)en ©eßimmun» gen über bie ©ermögenörcd)tc bcr Gljefrau gefitfjtt, »eiche nirgenb fo fei» begünßigt waren als im alten 9tom. Sie grau genoß hier in ber legten Seit einer, fo »iel als nur immer mög* lieh burd; ©efege gefieberten ©elbßänbigfeit. ©ie hatte Slnfputd) an ihre gamilic auf eine ©iitgabe, unb Seffen, »aS ße bem ©banne ber Gl)e wegen jubrachtc, fonnte ße »eber burd) ©erfchwcnbung beS ©fanncS, nod) burch beffen ©laubiger, auch burd) ihre eigene ©c£)»äd)e unb Übereilung nicht »erlußigwcrben. Ghclcute Eonnten, einanber nichts fchenfen, unb bic grau fonnte ßd) für U)rcn Gf)cniann »erbürgen. Sic'©d)cibuiig bagegen ßanb in bcr SBillfür ber Ghdeute, unb eS »ar auch h*er beni Gthrißentljunie »orbehalten, ben legten ent» fcheibenben ©cfjritt für bie äpciligfeit bcr Gge o u th un - GhrißuS verbot bie »iUfürlidjcn ©cheibungcn, aber noch »ergingen 3ahrl)unberfe, ege biefcS religiöfe unb fird)Iid)e ©erbot in bie »eltlid)e ©efeggebung überging. Sußtntan’S fd)»anfenbe ©efeggebung »ont 3. 542 (©ooelle 117 ) blieb julegt babei ßet)cn, baß bie Qfydcute ßd) nur »egen beßimmfer Urfacljen sonetnanber trennen follten. 511S aber bie fatholifchc Airdje bie Gf)e für ein ©acrament er» flärt hatte, fpraeß ße auch bic Unauflöslichfeit einer »ahren, einmal gültigen Gl)e ans. (©. Ghcfcheibuitg.) Stc ^Reformation »et»arf j»ar bie Gigcnfdjaft ber Gl)e eines ©a» cramenfS, allein bie .f)ei(igfeit berfelben unb bie Autorität bcr JTirdje über ßh £ f at ^ cn f> e . aufredjt. 5Rur in einigen Sänbcrn näherte man ßch feßon früh berSlnßdß, baß bic ©h e »etter fei als jeber anbere bürgerliche ©ertrag, unb in ^lollanb würben fdßon frühzeitig bie Ghen »or ber bürgerlichen Sbrigfeit gefchloffen. SieS naßm bie franj. 9tc»o(ution auf, in» bem ße überhaupt alle Urfunben über ©eburf, $eirafh unb Sob, bie fogenatmten actes de l’etat civil, ben bürgerlichen ©camten übergab, unb felbß unter ber Sfcßaitration waren alle ©emühungen ber ©eißltchfcit »ergcbenS, bie gührung biefer Urfunben, »oburch ße ihren Gtnßitß fchr »erßärft haben würbe, »icbcr ju erlangen. SaS SBefen berGhe blieb aber auch bei biefer gperabfegung in bic Gtaße eines bürgerlichen ©crtragS bet SBillfür ber©ürgercnt» nommen unb in biefer $inßcht unangetaßet. Sei ber Sehre »on ben 3?ed)tSgtunbfägcn über Gfje fommen fotgenbe c^aupfpunffe in ©etradjt. Sie Gljehinberniffe gehen tf)eilS aus einem ©tangel natürlicher gähigfeit hcr»or, theilS beruhen ße auf ©orauSfegungen, bie burd) bie poßtioc ©efeggebung feßgeßellf ßnb. 3h»e SBirfung iß »erfchieben, je nad)bem bei ihrem ©orhanbenfein bie Slufljcbung ber Ghe »on SlmtS »egen erfolgen muß, ober ©erjid)ftcißung barauf ©eiten bet ©efheiligfen erfol» gen fann; ferner, je nachbcm ße bie Ghc überhaupt, ober nur bte mit beßimmten fperfonen auSf^ließen. ©oran iß ber ©fanget ber SBiUenSfähigfeit unb bie SBahrheit ber SBißenSbe* 588 ©fje&ntdj fiimntung ju nennen. SBiHenSunfreie, 5 . 23. SBahnfinnige, Äin&er u. f. w., fönnen feine ©je fdfjliefjen. Swang fjebt bie gefdjloffene Ghe auf, bem 3rrti>ume ift nach ber richtigem nur bann eine gleite .Straft beijulegen, wenn et fünfte betrifft, burefj bie baS SBefen ber ©je fefbfl gefätirbet wirb. SieSlbhängigfeit oon briften^Perfonen bebingt nach oerfdjiebenen pofitioen ©efe|gebungen, j. 95. bei ben ©olbaten, bie fftotfjwenbigfeit ber Ginwilligung ber* fclben jur Gingeljung ber ©je ©eiten fotc^cr 2tbfjängigen; altgemeiner ifibcrölterliclje Gott* fenS al$ eine SBcbingung ber ©ülftgfcif ber 6 tje anerfannf unb begrünbet. Gbenfo wirb tine bereits befiefjenbe Verpflichtung, fei eS ber etjetidje Sreufdjmur, ober, nach fatfjolifetjem itirchcnrechfe, ein feierliches ©elübbe ber Gntfjattfamfeit, frennenb wirfen. Sie Ipinbetmffe flSrperlicher Ünfäfjigfeit, j. 25. SDtangel ber ©cfcfjlechtSreife unb gefctjlectjtlictjeS Unoermögen, »erben im pofitioen Sfcdjte »erfcfjiebcn normirf. SaS (relatioe) .fünbernif ber 2?erwanbt* frfjaft ifl oon jeher eins ber wtdjtigfien getoefen, unb nicht fowol in ber ^t>r>fifdb>en Statur als in bem moralifcfjen ©cfüfjle alter SBölfcr begrünbet, wcldE>e (ich über tljierifche 3?ofjeit erfje* ben. Sie ©riechen erlaubten noch, bi* ©cfjtoefter ju heirafhen, was bei ben Stömern fdfjon #or bem Ghrifienthume oerboten war. Sie flrengen mofaiftfjen ©efe^e bilbeten bie ©runb* tage ber chrifitichen. Stofes oerbof bie Ghe jtotfehen Stlfern unb Jfinbern, jwifchen ben in jWeiter Sinie 23erfchwägerten, jmifchen ©efcfjwifiern, mit ber ©ehwefier ber grau, beS 25a* terS unb ber SSutter, unb mit ber SBitwe beS ©heimS. ©eijilicfjfeit bchnte, um ihren Ginftuf ju erweitern, bie 2 ?erbote bis ju bem 14. ©rabe ber 23erwanbtfcljaft unb felbfi auf eine eermcintlich geifiliclje 23crtoanbtfchaft aus, j. 23. jwifcfjen Rathen; aber bie neuern @e» fefcgebungen haben biefe SSerbote toieber gemilbert unb meifi bis auf ben oierten ©rab (®e* fchtvifierfinber) befcfjränft. Surch S iS penfa tio n (f. b.) wirb jeboch auch 5Wifd)euDh c i m unb Stichfe, Steffe unb Sante bie Glje häufig geflattet. Ipinjicfjtlich beS Gfjebru cljS (f. &•) als GhchinberniffcS ift baS fanonifcfjc Oon bem bürgerlichen Stechte mehrfach mobifteirf wor* ben. ©jen jwifdjen Gfjtifien unb 3ubcn finb nach allgemeinen ©runbfäfcen beS fat£jotifct>cn wie beS coangelifchen JtirehenrcchtS nicht erlaubt; einjelne 2anbeSgefe|gebungen, j. 58. in grcnfrcich, fowie in 58tecf(enburg unb in ©adjfen*2Beimar, machen inbef f>ier»on eine 2tuS* nähme. fSictfacEje ©treitigfeiten haben namentlich in neuerer .Seit bie 61)en jwifcfjen .5tatl)o* lifen unb Goangelifdjen fjeroorgerufen. (©. @ emifch te Ghen.) 2BaS bie ©djliefjung ber Ghen antangf, fo foberf baS öftere fanonifche Stecht jurn Safcin einer gültigen Ghe nur bie Grflärung .beiber STf)eile Oor bem Pfarrer, Wetdjc noch gegenwärtig baS SBefentlidje ber Stauung auSmachf. (©. © p 0 n f a l i e n.) SaS neuere Stecht hat bie firtfjlidje Ginfegnung unb baS oorangeheftbe öffentliche Stufgebot (f. b.) fjinjugefügt; bagegen wirb itigranf* reich, 25elgicn unb ben Stieberlanben bie Ghe burdj bie Grflärung oor ber bürgerlichen Obrig* feit gefchloffcn, nachbem baS Aufgebot oorftergegangen ifi. (©. auch © ewiffenSehe unb © l a u b e it S e 1) e.) Sie Stechte ber ©affen finb int SBefentlicfjen gleich, foweit nicht aus ber Statur beS VertjältniffeS felbfi befonbere Pflichten für ben SStann entspringen, bie grau ju befefjühen unb jit ernähren. Saher muff er ihr fogar wäljrcnb eines ©djeibungSprotcjfcS Unterhalt unb bie ©ericfjtsfofien oorfcfjiejjen. Sagegen ifi ihm bie grau häuslichen ©efjor* fam fdjulbig; fic muf i^m in feine Heimat folgen, felbfi wenn er gegen ihre Steigung eine anbere erwählt; bafür tritt fie aber auch ' n f e ' nf äufern 23erf)ältmf[e, 3tamen unb ©tanb ein. Sie SSermögenörecljfe ber Ghegaften beruhen im rönt. unb bcutf^cn Stechte auf ganj »ergebenen ©runbfihen. (©. ©iitergemeinfehaft.) Sie ©ericljtöbarfeif in Ghefachen war in frühem Seiten rein fircfjlich, unb bie Ghefachen würben baher oor ben geglichen ©e* richten, ben SSifcljöfen ober bem Gonfifiorium, oerljanbelf. 3n neuerer Seit finb fie häufig an weltliche ©ericfjfe gewiefen worben; boefj finbet in biefer SSejtehung in Seutfchlanb noch eine gtojje 93erfchiebenheit fiatt. feine firdjltd) oollgültige Ghe (matrimonium ratum) ifi auch bann oorhanben, wenn einige bürgerliche SBirfungen, j. 23. bie Sljeilnahtne an ©tanb unb SBürbe beS 59tanneS, oolteS Grb = unb Stachfolgerecht ber Äinber tt. f. w. auSgefcfjloffen finb, WieinberSRorganatifdjenGhe (f. b.). 25gl. Nippel, „Uber bie Ghe" (SBerl. 1774; 5. Stuf!., 1825) unb Jpartihfch, „Ghewcht" (ßpj. 1828 ). @hc6rudh (adulterium) nennt man bie grobe finnlicfje 23erle|itng ber ehelichen Slreue. SRo^eSSölfer legen jum SEheil ßar feinen 2Bertfj auf bie eheliche SEreite unb bieten ihre grauen gremben oft felbfi jum ©enuffe an. Gewacht aber einmal baS ©efüfjl ber Giferfucht, fo (SJjeloftgleit (SJjefdieifcttttfj 589 toirb bet ausführliche SSejTg beS 2BcibeS jur ©brenfacbe; bie grauen »erben bewacht, ein» gefcbloffen unb bte Untreue mit ben bärtefien ©trafen gealjnbet. Sodf »o 23iel»eiberei er* laubf ifl, Ijat bet üSlann allein ein 9fed)t auf bie Treue ber grau, unb noch im alten 9tom galt nur ber unfeufc£)e Umgang ber »erfjeiratfieten grau mit einem Slnbern für ©bebrucb, gleidf)ttte(, ob blefer felbfl »erljeiratljct »ar ober nicht. Ser 2Rann, »eldjer feine grau, unb ber üßater, melier feine Tod)fer im ©bebrucbe traf, fonnfe fie nebft intern SOtitfc^ulbigen un* geflraft umbringen. Gin ©efefc beS Jtatferö SluguftuS flraft beibe Verbrechet mit 23er6an» nung unb 23erlufl eineö TbeilS ihres 23ermögenS. Äaifer dlonfiantin fcbärfte biefeS ©efefc bafjin, bafj ber ©bebrccber mit bent ©d)»erte bingerid)fet »erben follte, unb nad) einer 23er» orbnung Suflinian'S foll bie Gljebredjerin mit förperlidjer 3üd)ttgung unb Gittfperrung in ein Jllofier befiraft »erben. 2Bie ftreng bie Seutfdjen einen Gt)ebrud) beftraften, mag fol» genbe ©feile aus einem alten fäcfyf. 2Beid)bilbred)te geigen, »o eg fjeifjt: „Gr (ber beleibigfe Tbeil) foll fte S3eibe binben aufeinanber unb unter ben ©algen führen, unb bafelbfleinSrab ntad)cn fteben ©c^uf» lang unb ebenfo tief. 3n baffelbe foll er g»ei 2lrttie »oll Sornenge» büfcb legen unb bann bas 2£eib mit bent Slücfen barauf; ben griebenSbred^er über fte unb über S3cibe »ieber Sornen, unb bann foll er burcb fte 93eibe einen eigenen *Pfal)l bttrd)fd)la» gen unb baS ©rab mit Grbc jufüEen." Sie rötn. ©trafgefefce für ben ©bebrucb blieben in granfretd) bis gut Uteöolufion gemeines 9?ecbt; in Seutfc^fanb »urbett fte in bie die icfjSge» fefcgebttng aufgenommen. Sie cbrtfUidje JUrdje Ijat ben SSegriff beS Gf)ebrud)S auch auf bie eheliche Untreue beS fOtanneS Übergefragen unb bicfelbe gleich ftrafbar geachtet. SarauS er» gaben fid) bie 23egriffe »on boppeltem Gbebrttd), »o beibe ©djulbige, unb »on einfachem, »o nur ber eine Tbeil t>ert>eiratf>et ifl. Ser hoppelte Gl)ebtud) follte nad) ben ©efcfcen niedrer Sa'nbcr, j. 23. auch ©adjfenS, früher mit bent Tobe gefiraft »erben. 23on biefen ©trafen ging man tn neuerer Seit nach unb nad) ab, unb g»ar juerfl in Gnglanb, »o nur firdjlid» SSupen eintraten, bie aber nachher auch abgefommen ftnb; bie ©träfe »or »eltlid)cn ©crid)* ten hörte gang auf, unb bent beleibigten ©bemanne »arb bloS ©cbäbenflage gegen ben 23er» führet feiner grau gugeflattben. 3n granfreid) »urbe ber untreue ©bemann in ber Sieget nicht gut ©träfe gegogen, »aS in bie neueSefefsgebung übergegangen ifl. Sie efjebrecfjerifcbe grau fann t)ter nur auf 23erlangen beS SDtanneS mit ©efängnif »on brei SUfonaten btS gu j»ei Sauren, unb if)r SOiitfd>ulbiger mitglcicfjem ©efättgniffe unb einer ©elbbufie »on 100— 2000 grancS befiraft »erben, ber untreue ©bemann aber nur bann mit einer ber »orgenann* ten gleichen ©elbbufe auf 23erlangen ber grau, »enn er in ber cljelidfen SSoljnung felbji eine Goncubine unterhalten tjat. 2lud) in Seutfdjlattb ftttb bte ©trafen »egen Gf)cbrud)S fafi überall gemilbert »orben; bas öflr. ©trafgefefcbucb belfanbelt ben ©bebrud) als fPoli» ceioergetjen unb firaft ihn am SDtanne »ie an ber grau auf .Silage beS unfcf)ulbigen TbeilS mit 2lrrefi »on einem bis gu fed^S SDlonaten; baS preufj. 2lllgemeinc 2anbred)t fefst auf ben ©bebrud), »enn beShalb eine Glje getrennt »irb, ©efängnijjflrafe, bie bei boppeltem ©he* bruchebiS ju einjdhrigerSudjthauSjirafe fieigen fann; bie neuernbeutfehen ©trafgefe|büd)er, j. 53. in ©achfen unb 233ürfentberg, gehen nicht über brei SHonate ©efängnifjflrafe hinaus. ©belofiflfeit, f. Gölibat. ©f>e*>actett (pacta dotalia), auch Ghefliftungen, Ghe»erfräge heilen bie bei Gingehung ber Ghe feflgefejjten ©eflintmungen, »eiche, ab»eichettb »on bem gemeinen Sterte, über bie 23ermögenS= unb Grbrechte ber ©begatten bisponiren. 3n Unterer S3egte* hung ift namentlich j»ifd)en ben »ertragS»eife errichteten ©hefiiftungen, »eiche un»iberruf» lieh, unb ben in gorm eines lebten 5B3itlenS errichteten, »cld;e »tberruflich ftnb, juunterfchei» ben. Sie 23ermifd>ung »on röm. unb beutfehen SlechfSgrunbfäben hat biefeS 3lechtS»crhält* niji eomplicirter gemacht, als eS feintr 5Ratur nach ifl} neuere 2anbeSred)te brauten man* nid)fad)e SRobiftcationen in baffelbe. (divortium). Surch bie d)rij!lid)e Kirche unb ihren Ginfluf auf bie ©efe|gebung »urben bie »illfürlichen unb eigenmächtigen Trennungen ber ©begatten »erboten. ©hrtfli SSBort bei SBlattl). 19, 9: „S33er ftch »on feinem SBeibe fcheibet, eS fei bentt um Hurerei »illen, unb freiet eine anbere, ber bricht bie Ghe", ifl hierin enffcheibenb ge»efen. Sie fatholtfche Mitdje geht aber »eiter, fobaf fte eine Trennung beS 23anbcS ber ©he burch* aus ni^t jugibt, auch niefjt wegen ©hebruhS, fonbevn nur eine Trennung beS 23eifammen« 590 ©hefeetloBttiffe ©fite lebcnS, eine fogcnannfe ©Reibung »on SEifc^ unb S3etf, gefiaftet, bei ber aud) feer unfdjulbige SEt>eit ftd) nicht wiefeer »erheiraten barf. (Sine 3ßieber»erheirathung ift bloS bann geftattet, wenn bie Ef)e für nichtig, b. i. gar niefjt »orhanben, erflärt wirb, was wegen SroangS, 33e- trugS, SrrtljumS in wefentlicfjcn fünften, einer frühem Ehe, eineö ©etübbcS ber Äeufchheit, wegen unfeufdEjen Umgangs miteinander wäfjrenb einer frühem anberweiten El)e mit dem SOerfr>rerf)en, fid) bei bem Sobe beS andern (Regatten ju heiraten, wegen 9)iorbö an einem frühem ©atten unb ju naher Sßerwanbffchaft gefchefjen fann. ®ieprote|iantifc£)ei£irci)ei)icit fid) an feie Sefjre ©fjrifli unb, indem fte bie Ehe »on ifjrcr moraliften ©eite auffafte, iäjjt fte die ©ijefdjeibung eintreten, nicht bloß wegen Untreue in ber finnlicfyen 33ebeutung, fonbern auch wegen böslicher 23erlafjung, b. I). wegen (Sntfernung otjne bie Slbftcht ber 3h"tc£fel)r, wegen Stadifrellimgen nacb) bem geben, grober unb lebensgefährlicher SKiShanblungen, 2Ser= urtbeitung ju cnteijrenben ©trafen, 3uci)fi)au$ »on Tangerer ®auer, unb endlich feibft wegen blofer Un»erträgiid)feit ber ©cmütbSart, un»ertilgbaren paffes unb SöiberwiUcnS, jebod) nidjt iDejfen, ber bie ©djeibung »erlangt, denn biefer fönnte fotdjeS eines andern e^efereefjeri- fd)en f)ManeS halber bloS »orfc^ü&en j auferbem auch wegen unordentlicher gebenSwcife, burch Weldjc ber ®tann.ftch in die Unmöglichfeit öerfejjf, bie Pflichten beS 23efd;ü§erS unb Ernährers ju erfüllen. Überdies hot man noch angenommen, $.33. in Schweben unb in dluv helfen, bajj ber proteflantifche£anbeShcrr Eheleute, wenn fie beide barum bitten, aus oberflbt- fchöflicfjer SWadjf fcfjctfeen fönne, was eigentlich nur als eine 33efiätigung der factifchen £ 0 = jung ber (Sfw toon ©eiten beS Staats unb der jhrdje anjufehen ift. 2lm richtigfien wirb wol bie Sache aufgefaft, wenn man als ^rincip annimmt, baf 3lllcS jur Trennung berechtigt, was bem einen Steile offne ©cEjulfe »on feiner Seite jur wahren Unmöglichfeit macht, gegen den 2lnbern noch Sichtung unb 33erfrauen ju hegen. 33lofeS Uuglücf aber, wie Jfranfheit, Slrmutf) unb andere geiben, müffen 33eibe miteinander tragen, fo fcfjwer eS auch fallen mag. So find auch ungefähr bie SdjeibungSurfachen im preuf. 3lllgcmeincn gaubrcchte befiimmt, nur bajj wegen 3Baf)nftnnS beS einen STheilS, unb auf den ©rund gegenfeitiger Einwilligung finberlofe Ehen gefchieben werben bürfen. ®er neuerlich in $>reufen jur SBeröffcntlicfjung gelangte Entwurf eines ©efe^cS über Ehefcheibung unb bie Strafen beS ®hebrudjs hat »iel* fachen äBtberfprucf) erfahren, da er theilS bie (extern fet>r hoch nornürten, 5 .33. für ben doppelten Ehebruch als üjfinimum fechS SJfonafe ©efängnif, teils feibft bei allgemein aner* fannten EhefdjeibungSgrünben, wie lebensgefährliche SDliShanblungen, erft ein* bis $wcijäh> rige Trennung »on 3üfd) unb SBeft »orfdjrieb, theilS endlich eigentümliche formen beS Ehe» proceffeS, 5 . 33. bie SSefiellung eines “öcrtheibtgerS ber Ehe, einführtc. Sn England halt die Scheidung, welche nur bas DberhauS auSfpricht, fef>r fchwer, und eS müffen eine ©d)ctbung »on 2üfch unb S3eft durch bie geiftlichen ©eridjte unb eine mit Erfolg angeflellte Schäden* flage wegen criininal conversation »orangclien. Sn $ranfrcich wurde während ber 9iepu= blif bie Scheibung ben Eheleuten »öllig freigegeben; Napoleon h»b jedoch bie eigenmäcf)ti= gen Scheidungen wieder auf, unb im „Code civil" wurden nur Untreue beS ÜJtanncS, ber jebot mtr 631111 erf! untreu wirb, wenn er eine Soncubine in der gemeinfchaftlichcn SEofp nung gehabt hat, unb Untreue ber grau, SJtiShanblungen unb grobe Snjuricn, SScrurtheilung ju entehrenden Strafen unb beiberfeitige Einwilligung, doch feieS nur, wenn der SWann über 25 unb bie grau über 21 3aljrc alt ift, unb unter »ieltn görmlidjfciten, als gültige ©rünbe ber Ehefcheibung anerfannt. Stad) ber fßefiauration wurde auch in Sranfreich bie gänjlidje Scheidung burd) baS ®efc§ »om 28 . SOiai 1816 wteber abgefchafft. ©Ijeöerlötmiffe, f- ® P 0 n fa l i e n. ©hte >P bie Slnerfennung perfönlicf)en 2Bertl)eS. 59tan hat Ehre, infofetn man burch feine Handlungen unb ©ejinnungen auf biefe Slnerfennung Slnfpnid) machen darf, unb in biefer SBejiehung rebef man auch 01111 innerer Ehre, wäf)renb ber SluSbtucf: in Ehren flehen, mehr auf bie äujjerc Ehre fleh bezieht. E hr er b ie t u it g ift bie mit auferer Ehrenbezeigung »erbunbene Hochachtung gegen Höhere; Ehrfurcht ein höherer ©rab jener Hochachtung »erbunben mit Slnerfennung unb Unterwürfigfeit. Dft aber werben biefe SluSbrücfe bloS als SRebenSarten ber Höflichfeit gebraud)t. ®aS mehr ober minder lebhafte 33ewuftfein Neffen, was man feiner Ehre fc^ulbig ift, helft Ehrgefühl, baS gemäfigte unb natürliche Streben nach Ehre Ehrliebe, baS ju lebhafte ober leibenfd)aftlid)e Streben aber Ehrgeij unb im ©Ijtenämfet ©jjreulietg O&fmfHatt ©off fr.) 591 erhöhten SDtafe ß h r f u cf) t. Sie auferc ßljre, reelle »on ber innern asu$gcf)en follte, ift ju* nad£)fi bic bürgerliche ßljre überhaupt, melche Scbem jufommt, bem man nidjts ©efehmibri* gcs »ormerfen barf, bann bie 2lmfS- ober ©tanbeSefjte inSbefonbere. ©o befielt j. 95. bie (gfjre beb -RriegcrS in ber Sapferfctt, bie ßljre beS .Kaufmanns im ßrebit u. f. m., unb mer biefe bcnt ©tanbc jufommenben ßigeitfchaftcn miberrechtlid) einer ^erfon abfpridit unb itjr bie hierauf jtcf) be$iehenbeßhre niefit bezeigt, begeht eine@f)ren!ränfungober 3 njuric (f. b.). fDtit ber bürgerlichen ßf)rc tjt bie ßhrlichfett genau »ermanbt, »eichen 2luSbrutf ber Sprachgebrauch auf flrenge Stcdjtlichfeit inSejiehung auf frembeS ßigetttljum befcfjränft hat, »eil biefes baö ßrfie tft, maS man im bürgerlichen ©erfeljr »on jebem fOtenfchen »erlangen barf. Socf) fagt baS Sted)tSfprÜd)mort: Quilibet praesuinitur bonus, donec probetver con- trarium, b. i). mau ntuf 3eben auf erlief) für einen ehrlichen SJtann galten, bis baS ©egentljcil ermiefen ifl. Serßhrlichfcit ifi bie ßfjrlofigfei t ober Snfamie (f. b.) entgegengefeft. (S^rcuämtcr Reifen folchc ©teilen, bie mit feiner ober nur fef)r geringer 95efolbung »erfnüpft ftnb unb nur ber ßf)re megen gefugt ober beflcibct »erben. ©lofe Reichen »on Ehrenämtern ftnb bie ßhrcnfitel, »ermöge melier Scmanb gar nichts »on SlmtSmegen ju tlpm bat, fonbern bloS einen gemiffen Stang in ber bürgerlichen ©efellfcfjaft genieft. ßh» renbamen unb ßljre ncaoaliere nennt ntan hP^ et£ ®iencrinnen unb Siener fürft» lidjer ^5erfonen. ©htCttlwg (ßb r 'P' an ©ottfr.)/ ©el)- SDlebicinalratf) unb orbentlidjer fProfeffor ber Siebtem an ber Uni»erfität ju ©erlitt feit 1839, einer ber au5gejeicf)netflen 9?aturforfcf)er ber ©egenmarf, geb. am 19. 2lpr. 1795 ju Scliffcfj, befucfjte ©cfjulpfortc unb be$og 1815 bie Unitierfität ju Seipjig, t»o er anfangs Rheologie ftubirte, nach einem halben 3 aljre aber ftd) ben mebieittifchen ©tubien jttmenbefe, unb jmar mit um fo mehr Steigung, ba ihn »on früher Sttgenb an grofe Siebe jur Staturfunbe erfüllt hatte. Sie SJtilitairpflidjt 50 g ihn 1817 ttad) Serlin, )»o er nun jugleid) bie SJtcbicin praftifefj »erfolgte, ©elbflänbig unternahm er ju* nachfl phpjtologifchc Unterfitdjungen; bcfonberS befd>äftigte ihn bie grage über bie ©ermanb- lung organlofer ©ubftanjen int organifdjen jtörper, bic ihn jur genauem S5ctracf)tung ber fleinfien DrganiSmett führte. 3m 3. ISIS erlangte er bie mcbicinifcfje Socformürbe. ©ein längfl gehegter Sßunfcfj, eine gröfere Steife ut naturmiffenfcljaftlidjen SmecEen ju unternehmen, ging in ßrfülluttg, als bie Stfabemie ber SSiffcnfcfjaftcn tn 25erlin im 2lpr. 1820 ihm unb feinem ff reunbe e nt p r i cf; (f. b.) bie Mittel 51 t einer Steife nach Slgtjptcn barbot, baS ber ©cneral »on SRinutoli in antiquarifcher ©ejieljung 51 t bereifen tm ©egriffc fianb. Sie Steife mar anfangs auf jmei Safjre berechnet, »erlangerte fleh aber allmalig auf fecfjS 3ahre. •hemprid) fiarb in 2 lgtjpten, ß. fehlte im -herbfi 1826 nach ßuropa jurüef unb nntrbe hierauf jum auferorbentlichctt ^3rofeffor ber SJtebiein an ber UniocrfEtät ;u ©erlitt ernannt. 3 «t 3. 1829 begleitete er ttebjl ©ufi. Stofe 21. »011 Jpumbolbt auf feiner Steife nach Elften bis an ben 2lltai. ßinen 2lbrif feiner erften Steife enthalten bie „Staturgefchichtlichen Steifen burch Storbafrifa unb SScfiajten in ben 3. 1820—25, »on SB. g. $entprich unb ßhr. ©ottfr. ß." (23b. l, 2lbtf). l, ffierl. 1828); bennaturhiftorifdjen ßrtrag bcrfel&en befchreiben feine „Sym- bolae physicae" („Maininaliutn", Dtc. I etil, ©erl. 1828—33; „Avium", Dec. 1, 1828; „Insectoruin", Dec. I—IV, herausgegeben »on -Slug, 1829—34, unb „Animalium evertebratorum", Dec. I, 1828, §ol.), beren Sortfe|ungen, »ielleicht in §»Ig £ ber etmaS 51 t foflfpicligen Slnlage, bis je|t nicht erfdjiencn ftnb, benen ftch aber gemiffermaf en feine ©Schriften „Sie Jtorallenthiere beS Stotljcn SJteerS" (©erl. 1834) unb „Sie 2lfaleph«t beS Stothen SJteerS" (Söerl. 1836) attfchliegen. Sie erfolgreichfie ShatigEeit »ermenbete ß. auf mi- froffopifche Unterfuchungen, bie ihn »on jeher »orjttgSmcifc befchäftigten. 3n (folge einer höchft fcharfen UntcrfuchungSmethobe hat er bie gröften unb midjtigften ßntbeäungen gemacht. hierher gehören bie attfetnanber folgenben, im Sufammenhange llehcnbcn gröfern 2lbhanbtungen: „Drganifation, ©pflematif unb geographifcheS ©erhälfntf ber 3nfuftonS* thicriheii" (©erl. 1830), „3ur ßrfenntnif ber Srganifation in berStichtung beS flcinftett fRaunteS" (erfler unb jmetter ©eitrag, ©erl. 1832—34) unb„3ttfäfce jur ßrfenntnif grofec Srganifatiott im fleinen Staunte" (©erl. 1836, mit jtupf.). Siefen Slnbeutungen, bie gro- feS 2luffehen machten, unb in melden f^on ßu»ier, ber bie fpätern 2lrbcifen ß.’S nicht erlebte, ben Slnfang eine! neuen ScitalferS für gemiffe 3»eige ber Siaturmiffenfehaft erblicftc, 592 ©IjrettBetd ($ttebt.) folgte halb nacfjfyer bal umfaffenbe SBerf „Die 3nfuponlthierchen all Bollfomntene Drga* nilmen, ein Slid in bal tiefere ßeben ber organifd£>enStatur" (Spj. 1 838, Jol., mit 64 fct)on geflogenen auf ben oorftefflid)en.£>anbjeichnungen bclSerfaperl berul)enben ötupferfafeln), bal in Sezug auf 3nhalt unb äußere Sluljiatfung ju ben gröftcn gierben ber beutfdjen Site* ratur gehört. 2Bar nun auch über biefe bem unbewaffneten Singe unpdpbare SBunberwelt fctjon feit Seuwenljoef Biel geformt unb manche! Sebeutenbe entbedt worben, fo gelangte bod) d. jucrft ju einer fo tiefen ßrfennfnif ber Drganifation unbSebenlweife ber Snfuforien, baf man it)n all ben eigentlichen Schöpfer einer wiffenfchaftlidjen unb, foweit wir je|t ur» teilen fönnen, in ihren ©runblagen feften Snfuforienfunbe betrachten inuf. Shetll burch SufäUigfeiten, theill burd) ßombinafionen würbe 6. auf bie ßntbedung ber foffilen 3nfu= ponlflpere, b. h- ber ihnen angehörenben ganzer anl Äicfclerbe, geführt, So grof unb allge» mein auch bal Staunen war, all 6. befannt machte, baff Jficfelguhr, gewiffc fPolirfchicfer, bal im hohen Storben zur geit Bon -^ungerlnoth genoffene Sergmelp, Biele Feuerpeine unb JTreibe jum größten Steile aul folgen organifdjen Überreden beftänben, fo überzeugten fid) bod) bie Staturforfdjer leicht unb fcfmetl Bon ber 9tid)tigfcit jener flauncnlwcrthen ^hatfadje, bie 6. in feiner Slbhanblung „DieSilbung bei europ., libpfchen unb uralifchcn Jfreibefelfenl unb Jfreibemergell aul mtfroffopifchenDrganilmen"(Serl. unb Spj. 1 83!», Fol., mit 4 äfupf.) all in brei SBeltthcilen ftd) wieberljolenb nachwicl. Daf auch bie Dammerbe zum grofen Sheile aul 3nfuforien beftche, hatte er früher in einer Slbhanblung „Die foffilen Snfuforien unb bie lebenbige Dammerbe" (Serl. 1837, Fol. mit 2 .tupf.) befannt gemacht. Sill um 1S41 bicfclbe dntbeefung flcf> auch auf ben dorfmoor erftredte, ber einen grofen £heil Ser* linl tragt, entftanb eine gewiffermafen fomifche Scnfation in ber Dauptpabt, bie jeboch Bon ©., burch SRifthcilung feiner ^Beobachtungen über bie Sangfamfcit ber Sewegung jener un* terirbifcf)en 2lp eri1J clf, un ^ bis ©cringfügigfeif ber ben ©ebäuben baher entpehenbenSefah* ren beseitigt würbe. (Sine glüdltd)e Slnwenbung feiner umfaffenben Sefanntfdjaft mit ben mifroffopifchen Secthieren rnadjte ß\, all er eine bcf'annte fd)öne 9taturcrfd)einung burch jene erflärte; feine Slbhanblung „Dal Seudpcn bei SÄeere!" (Serl. 1835, 4.) gilt all Sftuper fdjarfer Untcrfud)ung unb uteiperhafter DarPellung. gortbauernb mit bem erwählten ©e* biete befdhäftigt, wal unter anbern bie Slbhanblung „äturje Stadiridjten über 274 feit bem Slbfchluffe ber dafein bei gröfern 3nfuforicnwcrf! neu beobachtete Snfuforienarten" (Serl. 1840, 4.) bewicl, ergriff 6. bilweilen auch f crncr Iwswbe fragen, bie er aber immer mit ©eip bcfjanbelte; aulgcjeichnet unter biefen Slbhanblungen ip bie „Über bie naturwijfen* fdjaftlid) unb mcbicinifd) Böllig unbegrünbctc Furcht Bor förperltchcr ßntfräftung berSölfer burd) bie fortfehreitenbe ©eipelentwidclung" (Serl. 1842, 4.). ©eine ncuepe fcl)r aulführ* lid)e Slbhanblung betraf bie „Serbreitung unb ben ßinpuf bei ntifroffopifdjen Sebenl in ©üb* unb Slorbamertfa" (Serl. 1842, 4.). 3n ber Statur ber Dinge liegt el, bajj manche bcrSlngaben, zumal aber gewiffe Folgerungen ß.’l BonfPhppologen, SCrjten unb@eognopen SBtberfpruch erfuhren. ©efe|t abeb auch, baf Bielleichf einzelne jener allgemeinem Sä^e un* haltbar befttnben würben, fo hat ß. immer bal SSerbienp, felbp bie SSBiberlegung baburch »erantaft zu haben, baf er eine Sahn brach, auf welcher bie jefct zahlreichen Stachfotger ohne ©dhwierigfeit pd) bewegen fönnen. (©. 3 nfuforien.) Gljtcnberg (Friebr.), SBirflid)erDberconpporialrath unbDberhofprebtger in Serlin, geh. ju dlberfelb am 6. Dec. 1776, würbe 1798 ^Jrcbiger in Plettenberg, 1803 §u3ferlob)n in ber ©raffdjaft SRarf, 1806 Dberconpporialratf) unb^»of* unb Domprebiger zu Serien unb 1834 zum Dberljofprebiger erhoben. Sorgfältig hat er inlbefonbere bie ©efahren, wel* chen bal weibliche ©efchied)t in Slbpcht auf Sleligioptät unb ©ittlicfjfeit aulgefegf ip, erfaft, unb gewif in manchem weiblichen Kerzen ben Sinn für pttliche Slnmuth unb prunflofe Jpäul* lichfeit gewedt unb gepärPt. Son feinen jahlreidjcn Schriften pnb zu erwähnen „$anbbuch | für bie äPhetifdje, moralifche unb religiöfe Silbung bei Sebenl, mit befonberer Stüdpdjt auf bal weibliche ©efchleiht" (ßlberf. 1807); „SBeibücher Sinn unb weiblid>cl Seben" (Serl. 1809; 3. 3lup.,2Sbe., 1836) ;„Släfterbem©eniulberSBeiblichfeitgeweiht"(Serl. 1809) «nb „Slnbad)tlbuch für ©ebilbefe bei weiblichen ©ephledpl" (2 Sbe., Spz- 1816; 5. Slup., 1836). gu feinen „3teben an ©ebilbefe aul bem weiblichen ©efd)ted)te" (ßlberf. 1804; 4. «up., 2 Sbe., 1827—29) bilbet fein SBerf „Derßhatafter unb bieSepimmung belSRan* 593 ©htenhetger Ätaufe (g^tenfclö neg"(Glberf. 1 SOS; 2. 5tufT. r I S22) bag ©egenftücf. SBie fdjarf G. bic fttflidhen .Straffe bet Seele unb bie tiefem Neigungen, befonberg bet hohem (Staffen beamtet (jat, beweifen feine „Sieben an gebilbcte SDlenfcijen über bic {jeiiigfien Slngclegenheifen beg ©eiffeg unb $erjeng in unfern Sagen" (3 Sbe., Süffelb. 1802—4), „Silber beg Sebeng" (3 Sbe., Glberf. 1811 — 15; 2. Stuft., 1831) unb „Gufebia, Slätterfür bie taugliche 3lnbacf)t" (2 Sbe., Spj. 1838). Slufierbem »erbienen genannt ju »erben ber „©eifi ber reinen Sittlichkeit in Sejie* hung auf bie Serebelung ber menfrf>tief>en 9 f latur ,/ (Semgo 1802) unb „Guphranor; über bie Siebe" (2 Sbe., Glberf. 1805—6; 2. Slufl., 1809—17). Sen pt)itofopt)ifct)en Slicfmit ftetem ^)infc^ducn auf bag »irfliche Seben beurfunbefen befonberg feine Schriften „Übet Senfen unb S>»cifeln Jur Slufflärung einiger SfRig»erfiänbniffe in ber f»h ern ^5^iIofopt)ie / ' (#alle 1801), „SSaljrheit unb Sichtung über unfere gorfbauer nad) bem $obe" (Spj. 1803), „Sag Scfjiäfal" (Glberf. 1805), „Sie praftifrfje Sebengweieheit" (2 Sbe., 1805—6) unb „gür grot»e unb Srauernbe" (gpg. 181S; 3. SJlufl., 1835). Unter feinen fPrebigfen jeirfjnen ficb aug bie „Sefrad)tungen über bie »id)tigfien SIngelegenheiten beg religiöfcn Sinneg unb Sebeng" (Serl. 1812), fowie mehre feiner »ielen ©elegenheifgreben. ©^renbetgetÄIaufe, ein in früher Seit fei» feffer^unftinSEirol am Sech, benannt nach ber benfelben bef)errfchenben gcfie Ghrenberg, »urbe 1552 »om .Sfurfürft-Worifc »on Sadjfen umgangen, ber in golge ba»on beinahe ben .Raffer dtarl V. in Snngbruä gefangen genommen hatte. 3m Sreifigjährigen Jtriege »urbe fte 1634 »om^erjoge oon äßeimar »er* gebeng belagert; bagegen 1703 »on ben Saicm unb kttrj nachher »icber »on ben dfaiferlicher erobert. 2Bäf)renb beg 9te»olutiongfriegg »urbe fte gefcfjleift. ®^rett9rciffbctn, eine »icbtige ^efiung am rechten Ufer beg Sibcin, -Stoblenj gegen* über, auf einem 800 g. hohen greifen, »ar »ahrfcheinlicf) fd»n Jur Seit ber Slömer ein be* fefligteg Gaftell unb »urbe um bie -Witte beg 12.3ahrf). »om Grjbifdjof »on Srtcr, Hermann, neu erbaut unb fpäter anfetjnlidE) erweitert. 3n ber fpäfern Seit, namentlich im Sreifjigjähri* gen .Kriege, »ar fte »on grofer2Bid)tigfeit. 2Bäl)renb ber griebengunterhanblungen ju 9ta* flabt »urbe fte 1798 »on ben granjofen »ölferrecf)tg»ibrig eingefcbjtoffen, enblid) nach natlicher Slodabe am 29.3an. 1799, aug SRanget an Sebengntitteln, übergeben unb 1801 gefprengt. Webfi bent an ihrem gufie liegcnben Stäbfchen Shalehrenbreitftein, noch im 17. 3ahrf). SRülheim im Shal unb bann futje Seit ^>ljilipp#tb)al genannt, »o bag ehe* malige furtrietfcf)e, jegt ju militairifchen S'reien »er»enbetc 9teftbcnjfd)lofj ftch bcfinbet, unb mit bem ganzen baju gehörigen Slntte fant fte 1803 alg Gntfdjäbigung an ben gürffen »on 9laffau=2Betlburg, in golge beg wiener Gottgreffeg aber an fPreufen, worauf fte unter ber Seitung beg fe^igen prettf. ©encralg »on Elfter (f.b.) feit 1815 »ieberf)crgejMt unb bebcutenb »erfiärft »urbe. (S. itoblenj.) $öd)fi intereffante unb grünblidje SDRitttjeilun« gen über G. enthält ber „Wheinifchc Slntiquariug" (Sb. 2, Sief. 1, Jtoblenj 1843). ©hbbMctflürunq, f. St'b bitte. ©hrettfel# (3of. 9Rid> »on), ein um Schaf* unb Sienenjuchf fe^r »erbienterfKann unb genialer Sd)riftfMer, geb. ju SBien, »ar »on Sugenb auf mit grofern Gifer ber Sanbwirthfchaft jugefhan. Sbwol er für feine Sehren nicht ben minbcflen Slnffang fanb, fo lehrte er bod) nicht »on bem einmal betretenen fPfabc juritcf, fonbern fampfte nur um fo mehr für bag Surd)brtngen feiner 3tnftcf)ten, bie aber fdjon beghalb feinen Gin* gang ftnben konnten, »eil !£hacr benfelben entfliehen entgegentrat. Surch feine Schrift „Schn ©ebote ber hohem Schafjucht" bewirfte er weiter nicfjts, alg baj? ber .Stampf jwifchett ben Parteien nur um fo heftiger entbrannte. SBie jur Serbefferung ber Schafzucht fcheiter* ten auch feine *piane jur Serbefferung ber Sienenjuchf. Ser $)lan, bie Sienenjucht burch Slctien augjubreiten, fanb feine Unterfiü^ung, unb felbft ber auf eigene .Stoffen angelegte grofeSienenfianb mufte, nad)bent er »aljrenb begÄriegg jweimal jerflört unb »ieberherge* flellt worben »ar, 1815 aufgegeben »erben. 3lud) fein Slnfrag auf Grridhtung einer Sie* nenfchttle fanb bei ber Scl)örbe fein ©ehör, unb alg er bamit »or bag publicum traf, eine uttgünffige Seurtheilung. Slupcr ber Schaf* unb Sienenjudjt ntadife er ftd) auch um bie Grhebung beg Sauernflanbcg baburch »erbienf, baf er an »ergebenen Drfcn herabgefom* mene flehte Sauem»irthfd)aften faufte unb fte »ieber in guten Stanb fegte. Sngbefonbere Gon». = fcr. Neunte Tfufl. IV. 3S 594 ©IjDengctithfe machte er gdi and) Berbient burch fein Mittel gegen bie Älauenfeuche. Stufet ben angeführten ©driften erwähnen wir noch feine „Stnweifung jur ©ienenjuegt" (Joamb. 1805), „Uber ba! ßtcctoralfcgafut’bbicßlectoralmoEe''(9}rag 1822), „Öberbie ®ret>franft>eit ber ©d)af<“ (SBien 1824), „SBicfann bie gefunfene Sanbmirthfcgaft wieber gehoben werben?“ (^5rag 1828), „Sie ©iencnjudg nach ©runbfäfen bev Sgeorie unJ) ßrfagrung“ ($>rag 1829), „Sargellung meiner neuen ©cgafcultur" (^)rag 1831) unb „Sic epodfpunfte ber heutigen beutfehen Sanbwtrthfcgaft" (^)tag 1832). ß. garb am 9. SDtärj 1843 ju Untermanbling bei ©cgönbrunn. SBenn auch nicht felbg ber glüeblicgge ©cgafjücgter, gebührt ihm boch ba! unbefirittene Verbieng, baf er in Sgreicg §uerfl barauf aufnterffam machte, wie e! für ben ©chafjücgter noch ein höhere! Siel gäbe, at! blo! siele unb babei meifi nicht feht feine, ba* gegen mehr berbe, rauhe at! milbe, feibenartige SBoEe ju jücgfen. ß. war e!, ber juerft ba! '' ßlectoralfchaf jur Verfeinerung ber berben Slegrettiheerben ancmpfagl. Saf gar siele Schaf* ; jücgter bie ©ad)e einfeitig unb fehlerhaft angriffen, ig nicht bem 9?af(>geber jur £aft ju legen, j ©gpettgerichfe nennt man bie jur Unterfuchung unb ©citegung son ßhrenfaehen | niebergefeften @ericgte. Ser ßgrenpunft (point d’honncur) erlaubte nämlich feine gewöhn* HdE>e richterliche ßntfeheibung berfelbcn, fonbern foberfe, baf biefelben son ben ©etgeiligten mit eigener Äraft unb eigenem fOlutgc im 3 w e if a m p f e (f. b.) erlebigt würben. Sie auf biefe SBeife seranlafte SKenge son Sweifämpfen brachte bie Slbeligen mancher ©egenben auf ben ©ebanfen, bureb) ßljrengeridhte benfelben ju fieuern. Siefelbcn würben au! gogen Slbcligen jufammengefef t unb Pont Sanbe!fürfien begütigt; fte urthcilten nach einem eigenen . ßhrenredhte unb hatten einen ßgrenmarfcgaü an ihrer ©pifc, ber jusor bie ©chilbe unb | SSCt>nen Seffen erprobte,, ber Bor bem ßgrengeriegte erfrfjeinen wollte, ©olche ßhrengeridjfe beganben befonber! in Dgrcicg, ©cglegen unb in ber Sauftg; boch gnh f*e, feitbem ber Slbel : dufhörte, ein abgefchloffenc! ©anje ju bilben, überall eingegangen. Sie unter ben ©tuben* ; ten erhaltene ©itte, ßhrenfaehen bureg SueEe ju fehlsten, machte auch unter biefen bie ßinriegtung son ßgrengeriegfen wünfegen! werft). SBogltgätigcr wirffen in!befonbere auf Unisergfäten bie ßgrengeriegte ber S3urfcb)enfd^aft, welche juerg bem wibergnnigen Suell* wefen ernglicg entgegenjuwirfen fuchfen. Sie Jtraff, welche höf>ere ©egätigitng ihren ©e= fchlüffen hätte serleil)en fönnen, fuegten bie dichter buteg eigene ßnergie ju erfefen. Sa! ßhrcngericht hatte ju untcrfuchen unb 511 entfeheiben. 2Bar ber ©runb be! Suell! ein nid)* tiger ober geringfügiger, fo würbe bajfelbe annuliert. Stacg bem ©rabc ber ©eleibigung würbe auf Surüdinagmc, Slbbittc, ßgrenerflärung ober 9lu!fcgliefung erfannt unb nur nach ©elcibigungcn, welche burd) alle! Siefe! nicht gefühnt werben fonnten, ber Sweifampf gefiattet. Seber, ber ffdt> bem ©efegtuffe be! ßhrcngericht! ju fügen weigerte, warb ber Sie* nommage befcgulbigt unb hatte ftch, ege er ben flreitigen Swctfampf begehen burfte, jusor mit brei son ben ßgrenriegtern ju bejeiegnenben Verbünbefen ju fchlagen. Sa t>terju jebc!mal bie gewanbfegen ©cgläger au!gewählf würben, fo finb nur wenige beutfege ©ur* fehenfegaften in ben ffaE gefommen, baf ihre ©efeglüffe erfoiglo! gewefen wären. Viit ber Unterbrücfung ber beutfehen ©urfegenfegaft haben inbeffen auch bie ßhrengerichte unter ben ©tubenten, wenn ge aud) nicht überall aufer ©rauch famen, boch an Slnfegen unb .graft serloren. ßrg tn ber neuegen Seit würbe in golge ber häufiger jur öffentlichen -genntnif gelangenben Suelle unb mehrcr, bei welchen SEöbtungen sorgelen, in!befonbere burch bie SJtorif son ^>aber’fcf>c SueEfacge in .garlöruge im 3.1843 ben ßhrengerichten eine gröfere Slufmerffamfeit jugewenbef. Ser Freiherr sott Slnblaw machte fogar in ber bab. Kammer son 1843 eine ÜJtotion auf ßinführung berfelben, ber aber in bem ßommiffton!bericgte ber ergen Kammer niefjt beigegimmt würbe, weil man ber Überjeugung fei, baf bie ßhrenge* richte mehr ©chaben al! Stufen gifteten unb baf bem SueEwefen nur burch eine weife unb fräftige ©efefgebung unb confequenfcStnwenbung berfelben begegnet werben fönne, unb bie bann auch i>* c cr ft e Kammer am 5. §ebr. 1844 serwarf. Sie in ben Staaten, wo in ben neuegen Seiten ©ürgergarben errichtet würben, eingeführten ßhrengerichte haben in zweifelhaften gälten bie ßntfeheibung, ob ein fOlitglieb, welche! geh gröbere, Vergehungen hat ju ©egulbcn fommen lagen, ber fernem £heitnaf)me an bem Sngitute würbig fei ober nicht. 3h r Slnfehen ig babureg gegegert, baf bie 9lu!fcgliefung ben Verlug ber ßgrenbür” gerreegte naeg geg jiegt. — Sie ßgrengericgfe beim Vlilitatr gnb entweber au! mehren djjreittcBtott t>95 eigen? gewählten Effijieren, ober and;, »nie in ^reugen, au? bcm ganzen Cffijtercorpg eine? «Regiment? jufammenge[e|t, um über jweibeutige ^»anblungen eine? Sffijier?, bie nicht »or ba? gorunt eine? Kricg?gerid)t? gehören, au entfrfjeiben. Stad) ber preuf. Stilitaimrfaffung fattn ber 2lu?fprud) berfetben nur eine ber foigenben »ier Kategorien enthalten: l)»öllige ffreifprechung be?2lngeflagten, 2) Vcrluft be?2l»ancement? für eine beflimmte Seit, 3) Gut« laffung au? bem Dienfk unb i) Gntlaffung au? bem Efftjierfianbe. 3cber Sffijier ohne 2lu?naf)me tjaf ba? Stecht, auf ehrengerichtliche Unterredung gegen einen anbern Sffijkr beffetben Gorp? anjutragen, wenn er bureb beffen Sefragen bie Stanbesehre gefährbet glaubt. ©^renfegion, gegenwärtig ber einjige in granfreief) unb $war ein Verbienftorben. Die franj. Stepubiif tjatte bie fünf föniglichen Stitferorben abgefdjafff unb erfannte au?ge« jeicfjnete »aterlänbifd)e Söerbtenfic nur burd) ein einfache? Danf»otum an. SSonaparte, ber bei feinen $errfd)erbeftrebungen metjr ben perfönlid)en Gt)rgei$ at? ben ^3atrioti?mu? be» rücfjtctjtigen muffe, fanb bie? nicht genügenb unb tief in ber 23erfafftmg?uifunbe »ora 3- VUI au?gejeicf)n-eten Kriegern ^Belohnungen »crfprecfjen, bie bann in Ghrenwaffenffb.) beftanben. 211? er leben?längltd)er Gonfttl geworben, t^at er einen Schritt weiter unb legte ben Sefe|gebenben Körpern einen alletbing? grogartig gefaxten Gnfwurf jtt einer 2lrt Erben »or, ber unter bem Stamen ber Gfrenlegion alle Talente unb £ugenben in Stilitair unb Gi»il untfajjen unb mit Dotationen au? ben Stationalgüfern »erfehen werben follte. (S. Dotation.) Sbfcfjon bie Stofi»e be? Gnfwurf? für ben repubiifantfehen Seift äugerft fdjonenb abgefagt waren, fo erregte berfelbe bod) ben heftigfien S35iberfprudE) unb nur burd; geringe Stajorifäten würbe er jum Sefe$ erhoben. 2Tm 13. SJteffibor be? 3- X (3. 3uni 1 802) crfchien hierauf eine Gonfularorbre, welche bie Ghrenlegion ® e ^ en r ' e f* witt* ben 16 Gohorten errietet, beren jebe mit einer jährlichen Stente »on 200000 granc? au?« geftaftet war unb einen eigenen Slittelpunft nebfl felbftänbiger Verwaltung hatte. Die Go« ' h ortc zahlte 7 Srogofftjiere mit je 5000 $tanc?, 20 Gommanbanten mit 2000 fgranc?, 30 Effijiere mit 1000 grranc?, 350 Scgionaire mit 350 granc? jährlichen Sehalt?. 2ln ber Spijsc ber Gohorten ftanben bie au?gcjcichnetfien Senerale, unb bem Sanjen war ein Srogf anjler »orgefe^t. 2UIe, welche Gh»m Waffen empfangen, würben aufgenommen unb über« bie? eine groge Stenge neuer Segionaire ernannt. 2TI? SBotiapartc ben $h ron & E ffi £ 8/ warb auch bie Ghrenlegion ä ur Vegrünbung ber bäuerlichen Stacht »eränberf unb erweitert. Der Kaifcr fcfjuf eine Decoration, bie er an bie 2lrmee unb bie Segionaire be? SS&rgerflanbc? feierlich erteilte, unb ernannte eine groge 2ln$af)l neuer Stitglicber, welche bte frühere fejt« gefcbte3ahl weit überflieg. DenoerfchiebenenStangjtufen würbe einehöchfic, bie berGraml- Aigles beigefugt. Die Decoration beftanb au? einem fünfftraljltgen, weigemaillirtcn Stern, auf beffen einer Seite ba? mit Gicf)en* unb Sorberfranj umgebene Vilbnig be? Kaifer? mit j ber 3nfu}rift „Napoleon empereur et roi" enthalten war; bie Stiicffeite jeigte ben 2lblcr mit Sligen in ben Krallen unb bie3ufd>rift „Honneur et patrie". DieSBeftimmungen über j ba? fragen biefer Decoration (Aigle) waren »on ber gegenwärtig gebräuchlichen nicht »er« fchicbcn. Die Söhne ber geworbenen Segionair? erhielten auf Staat?fojlen it>re Grjiet)ung in 1 Soceen unb ben Stilttairfchulen; für bie S£öcf)ter würben feit 1809 »ier befonbere unb treff« I lidj au?geflattete Gr$iehung?anjbaltcn errietet. Die SBourbon? wagten ben in ba? Stehen ber Station etngebrungenen Erben bei Grneuerung ber alten nicht ju unterbrüefen, »eränberten aber bie Decoration unb bie innere Gtitrichtung. Die Ghrenlegion würbe au? einem Vcr« bienft« in einen Stitterorben »erwanbelt. Stan unterbrüiftc bie Gohorten, um ba? Slnbcnfen an bie reichen Dotationen ju »ernteten, fe|te an bie SteEe be? faiferlidjen S3ilbniffc? ba? eine? populairen König?, Heinrich’? IV,, an bie Stelle be? Slbler? bie Silien unb nannte ben Stern Kreuj, bie Gommanbanten Gommanbcur?, bie Segionaire aber Stifter. Ginc Er* bonnance »om 19. 3uti 1814 entjog ben Srben?mitglicbern bie Slheilnahme an ben SBahl« collegien, unb bie Grjiehung?häufer würben faft ganj unterbrüdt. Gine burchgreifenbere Dc?organifation ber Ghwoltfiioo f°ü te treten, al? Stapofeon »on Glba jurücf« fehrte unb ben Erben in feiner frühem SBcife tjerfteUte. Die reichen Dotationen ber Gbren« legion in freraben Sänbern waren aber »erlorcn gegangen, unb bie Segionaire biteben auf ba? SBubget unb bie Staat?rente angewiefen, wie e? gegenwärtig noch ber gall iß. Stadt ber 38* ■7 596 (Efjmtmitglte&et ©fjtettfttafett ^weiten SJefiauration würbe IS IG bie SRcntc berSrbenSmifglieber probiforifd) auf bie Hälfte prabgefep unb nur bie Unferofftgicre unb ©olbaten waren baoon ausgenommen; bet neuen ßrfyebungen aber folltc jebe Sfente Wegfällen, ©o blieb ei bis $ur 3ulireöolufion, welche bie alten Srbcn unterbräche, bie (Sfjtenlegiott mit einigen Slbanberungen aber beibepelt. Sie brei Lilien würben itt jwei breifatbige Sahnen »eränbert unb ber ©tern mit einer bönig* Zicpn Jtrone oerfefjert. Bach bem ©efep bon 1802 follte eS nicf)t me£)r als 5250 Segio= naire, 450 Dffijiere, 400 KommanbeurS, 100 ©rofoffigicre unb 80 ©rofjbreuge geben. Kinc örbonnang im 3- 1805 erhöhte bieSafp ber Segionaire auf 7250, eitte anbere bom 20.3Rät$ 1S16 bie ber Dffigiere auf 2000. Sagegen gab eS am 31. Del. 1838nicpwe= niger als 4472S becorirte Stifter ber Kpenlegton, 4500 Dffigiere, 838 GommanbeurS, 20-7 ©rofoffigiere unb gegen 100 ©rofjbreuge, baberDrben feit ber Sulirebolution fel)t häufig auch an SluSlänber gegeben würbe. Sapr ftellte in ber ©ijjung ber .Kammer bon 1839 ber Baron 5Rountcr, weil man bie ßrtpilung beS DrbenS unter folgen Umftänben für gar feine SluSgeicptung mep erachten fönne, ben Eintrag, bie 3al)l ber Bitter ber Kpenlegion auf 15000 gu befchranben, ber auch angenommen würbe, aber bie f öniglicp ©anction nicf)t erhielt. ©^renutifgtieber irgenb einer Korporation ober ©efcltfcfjaft ftnb ©olcp, benen man burch bie erteilte Slufnafjnte einen Beweis bon ^>ocfjacf)tung geben will, otjne baf fte bie fPflicpen eines 9RitgtiebS ju erfüllen haben. 3n biefer Beziehung ift bie ©itte oon Knglanb ausgegangen, wo bei ber »orherrfcpnben Kntwtcfelung beS corporafibctt ©eifteS unb bei ber 2lcpung, in welcher eine nüpiep Sfjätigfeit fiep, bie Botnepnen unb -öopo eS ftcb gut ©pe rechnen, bon einer ©fabt ober Sunft gu SRitgliebern erwählt gu werben. ®o ftnb ber •fbergog bon BMington, ntepe SERiniftet unb pp ©taatsbeamte, gleichwie früpr ber $er« gog bon ©uffep unb anbere Botabilifafcn, Kpcnmeifber ber ©epteiberinnung guSonbott; fte pbett als SReiftet berfelben förmlich aufgefchworen unb etfepinen bet beren feierlichen SnnungSmahlen. Ktne folclje Gpenbegeigung wirb aber in Knglanb in ber Siegel nur bann angenommen, wenn fte ohne SStberfpntd) unb einfttmmig ertheilt ift. 3n einem anbern ©inne ifi eS in Ofranfreicf) üblich, baf SWifglieber eines Kollegiums, wenn fte mit Kpen Wegen SUterS ober Jtranfpit auStreten, boct) Gpcnmitglieber (President«, Conseillers ho- noraires) bleiben unb bei feftlicpn ©elegenpiten auf pren alten ipiäpn erfepitten. (Sp^nrecflte. SaS neuere ©taatSrecp hat bie ber Bepräfcntatitwerfaffitng gu ©runbe Hegenbe 3bee auch auf bie Berhältniffe ber ©tabt« unb SanbeSgenteinben analog angewen» bet unb eine Beteiligung ber fetbfMnbigen ©emeinbeglieber an ber Berwaltung ihrer ©e* meinbeangelegenpitcn ins Seben gerufen. 211S ©runblage biefer Berechtigung genügt feboch nidjt bie prioafrecplich pnreichenbe Krlangung beS Bürgerrechts, fonbern cS hat bie £Rücb» ficht auf bie Bebeutung beS SßtrfenS für baS öffentliche SBop hi« noch engere ©epanfen burch bie $eflfe|ung ber bürgerlichen renrecf)tc gegogen, beren Berlufb hauptfachlich burch Zpanblungen, welche beS öffentlichen BerfraitenS unwttrbtg machen, herbeigefüpt wirb. Bur Wer biefer ©wenreepe tf>eifb)aftig, ifl flimntberecpigf unb wählbar tn Begug auf ber» gleichen ©emeinbeämter unb fann fonft an ben ©emeinbeangelegenheitcn in ber burch be* fonbere Drbnungen »orgefepiebenen SBeife 3jpil nehmen. ©htettfcf>Üfc p'P i« ber ^eralbtf berjenige 3£pil beS äBappcnfcplbö, welcher gwi» [eben bem obern Banbe unb berSRitte beffelben liegt. Ser $Ma| beS 6p en fchilbS wirb auch wol bieKh*enftelle genannt, weit ba bie fogenannten ©nabenjeipen angebracht ju wer» ben pflegten. Bei ben Sfömern nannte man Kl) re ofcplbcpn ein in ©olb ober ©ilber gear» betteteS ©tücf, welches an einer Äette »on gleichem SRetaU (Gh tcil fette) um ben^talS getragen würbe. ©S war bieS eine SluSjeichnung für -Stieger, unb fte ftnbet ftch häufig auf ©rabfieinen bargcfiellf. ©hlfltjibufbtt* Unter biefem fRamen hat man fep »erfepebene ©trafen »erfianben. fRamentlich bannte bie frühere ©trafgefepebung »erfchiebene ©trafen, welche bcfchimpfenb wirffen unb bie ©h rc Verbrechers aufhoben, aber bamtf fretlidh auch io ber SRegel fein Kpgefüp »erntchtefen; bte neuere Seit hat peroon, jeboch immer noch miSbräucpicf) genug, baS Branbmatfen unb bie öffentliche 3luSfMung am Pranger in einigen ©efefcgebungen betbehalten. Bon anbern Kfjrenfirafen, bte als bloS befcf)ämenbe bejeicfjnet ju werben pflegen, aber freilich auch fe£>r oft töbttich auf baS Kpgefühl Wieben, wie bie Äircheobufe, ift ©fjtenfitöm ©fjtettffücEe 597 man aud) mef>r unb mefjt jurücfgefommen, fowie aucE) bie 2lbbitfe bet 3njutien »ielfadj als ungeeignete Strafe erfatwt worben ift. 9tur bic gelinbefte ßhrenffrafe, ber 5Ber»etS, pflegt nod) alb Strafminimum »orsufommen. ßf)rlopgfeit als golge »on gewiffen ferneren Strafen Peilt pd) aus benfelben ©rünben als ungeeignet bar, unb an beren Stelle haben neuere Strafgefeigebungen ben SScrlufi ber bürgerlichen ©£) r e n r e ch t e (f. b.) gefe|t, mit benen jugleid) bie ßntfc(jung oon öffentlichen Ämtern jufammenhängf, »eiche Weniger für eine befonbere Strafe als »ielmef)r für eine golge ber Strafe anjufehen ift. ©^rettftl'önt, »on ©eburt ein Schwebe unb ßabinetöfectefair bei ©ufta» HI., nahm nach beffen Sobe im 3- 1793 SEhcil an bet gegen bie ÜRegcntfchaft beS -öcrjogS »on Süber» manlanb gerichteten 23erfchwöritng, welche ©ufta» IV. »or ber burd) baS Sefiament ©u= paö’S III. gefe|lich beftimmten Seit für »olljäftig $u erflären ben fpian hatte., unb an beren Spifce ber 23aron $rmfelt (f. b.) fianb. Stach ber ßntbeefung berfelben würbe 6 ., ber ftch berebt unb geiftreich »ertheibigte, jum Schwert »erurtheilf. ßr ging mit Stube unb ßntfchloffenheit jum SBlutgericftc. Seine hagere ©eftalt unb fein langer rotber 23art, ben man ihm »äbrenb einer ncunmonatlichen ©efangenfehaft nicht abgenommen hatte, gaben ihm ein »itbeS unb tühnce 2lnfef)en. Stuf bem S3lutgerüfte las er mit Äaltblütigfeit bie ba» felbfi angehefteten SiobeSurtheile, unb fchon war ber Scharfrichter bereit, ben SobeSpreid) $u führen, als man igm ©nabe anfünbigte. Sie Sobeöprafe würbe in lebenslängliche ©efan» genfehaft auf ber geftung Jtarlftein umgewanbelt. 211S ©ufta» IV. $ur Stcgierung gelangte, tarn auch ß. wieber in Freiheit; hoch ftatt ber ©unftbejeigungen, beren feine SRitfchulbigen theilhaftig würben, muffe er ftch mit einem 3 at)rgef)alt begnügen unb lebte feitbem in gänj» lieber Slbgefchiebenheit. ©hlk Itffücfe (pieces honorables) ober .iperalböfiquten helfen ber SSBappenf unp eigene giguren, welche aus ber ungleichen SSertheilung ber Snncturen in ben ^piäfen eines 2Bappenfcf)ilbS entfiehen. Sie fontmen alfo nur in geteilten Schiiben »or, wo bie einjelnen ^Pläfce »erfdjiebene Sincturcn haben. Stimmt eine Sinctur fo »iel $))la£ ein alö bie anbere, fo entfloht eine Section, unb fobalb bie eine überwiegenb ift ober mehre ipiäfe einnimmt, eine eperalbSpgur. Sie .fjeralböpguren bilben ben ©egenfaf ber gemeinen giguren, welche legrere, auch SSÜber genannt, entweber natürliche ober fünftlichc ftttb, je nachbcm fie auS na» tätlichen Singen, 5 .23. Spieren u.f. w. ober aus Jtunper$cugniffcn, $.23. ÜBaffen, befielen. Sen Urfprung ber ^teralbspguren leitet man »on ber ©ewohnheit ber ätrieger her, bte Schilbe mit allerlei farbigen Strichen $u »erjieren. 3»t 2lllgemeinen theilf man bie-fiteralbö» figuren in eigentliche unb uneigentlichc. ßS fann nämlich ein Sdplb nur burch Linien ge» theilt werben, unb biefe Sinien müffen an ben 9fanb beS SchilbS ffofen, mithin auch bie ^cratbSpguren felbft; in btefem galle ift eS eine eigentliche. Stofen bie &heilungSlinicn nicht an ben Sd)ilbeSranb, fo ift bie barauS entftehcnbc gigut entweber feine äjerqlbSpgur ober eine uneigentliche j $u tiefen rechnet man $. 25. 9tinge, ätugeln u. f. w. 3 m Übrigen theilt ] man bie .fteralbSfiguren in einfache, bie auS SchilbeStljeilungen entfiehen, unb jufammen» gefegte, welche aus ben einfachen gebilbet werben, gür bie einfachen eperalbSpguren gibt eS ’ folgenbe ^bedungen beS SchilbeS: 1) [entrecht, barauS entftefjt ber f a b l (pal, palus, co- lnmna), 2 ) duertheilung, bie gigur ift ber Qucrbalf en (fasce, fascia, taenia) j ber ^ 3 laf über bem Salten heif t Sd)ilbeöhaupt (chef), ber barunter Sdplbeöfuf (23oben, Champagne), 3) bie Steilung fdjrägrcchtS, bie gigur ip ber Schrägbalfen (baltheus, Seifte, Schräg, Lande) ; ber obere $Pla$ ift baS rechte Schräghaupt, ber untere ber rechte Schrägfuf (chef diagonal unb Champagne diagonale dextre) ; 4) Sljeilung fdjräglinfS, bie gigur heiff Iin« fer Schrägbalfen (23anbelier, harre, contrebande) , ber obere unb untere 5piaf f)etffert linfeS Schräghaupt unb linfer Schrägfuf. Sa man bie Steilung beS SchilbeS burd) mehre Sinien »ornchnten fann, fo ip es natürlich, baf ein Sdplb mehre pfähle, Quer» unb Schrägbalfen haben fann. 3« biefem gälte müffen bic Süncturen ungleich »«theilt fein, unb bie im Staunte überwiegenbe Sinctur bilbet baS gelb, bie Weniger 9iaum cinnehmenbe bie gigur. 2lufer= bem gibt eS noch folgenbe, aus gegeneinanberlaufenben Sinien entpehenbe einfache -fjeraibs» figuren. Sie Söieruttg ober lebige 23ierung (franc quartier, canton d’honnenr), fo ge» | nannt $um Unterfchiebe »on einem ^£>ette beS quabrirten SchilbeS, entpeht burch ci nc h a ^ e ! fenfrechte unb halbe Querlinie, welche im SDJittelpunft bei SchilbeS jufammentreffen. 598 Stimmt fie einett fteirtern Sfjeil beg ©d)ilbeg alg ben inerten ein, fo heijit fte Keine iebige Bierung (Ievure), eine $igur, welche in ber Heralbif bcs franj. Äaiferrcichg unb in ben engt. SBappen eine bebeutenbe Stolle fpielt. ©röfjct alg ber oierte S£^eit beg ©chilbeg fit grand canlon, quadrans honorarius major. Saufen im ©cf)itbe jwei ftfjräge Sinien gegen* einanber unb tfjeifen baffelbe in brei ^ta$e, Don benen bie beiben äufern eine unb biefetbe Sinctur haben, fo entfielt in ber Wlittc bie ©pige (pointe, cuspis). Siefe ifr entweber auf* rcci)tftcf)enb (chappe), ober gefiürjt (chaume), je naef)bem bie Sinien am obern ober untern ©d)ilbranbe jufamntenlaufen; fchrägrechtg ober fchräglinfg, wenn bie Sinien im rechten ober linfen obern ©djtlbwinfel jufammcnfiofjen unb im umgefehrten Jalle fchrägrechtg ober fchräglinfg gefiürjt. Stedjtg wirb bie ©pi|e genannt, wenn bie Sinien am rechten, linfg, wenn fie am linfen ©d)ilbranbe jufammenlaufen. Berühren bie jufammenlaufenben Sinien nicht ben ©d)ilbranb unb gehen nur big in bie Btitte beg ©chilbeg, fo tjl bieg eine abgefürjte, erniebrigte ©pijsc (pointe mantele). Sie legte ber einfachen Figuren i|t ber ©tänber ober •Siegel (giron, conde, conus). ©ie befielt aug ber Fjalbert Bierung, alfo aug bent achten Steile beg ©chilbeg unb wirb burch eine fcfjräge Sinic, bie aug einer ber ßefen beg ©d)itbeg laufenb an eine ihr entgegenfommenbe halbe fenfredt)te ober halbe Duerlinie in ber Stifte beg ©djilbeg flöfjt, gebitbet. Sie jufammengefepfen Heralbgfiguren entfielen aug ben einfachen unb finb fotgenbe: 1) bag .Streu}, 2 ) ber ©parren unb 3) bie ßinfaffung ober bet ©d)ilbegranb. Sic Heratbgfiguren überhaupt haben ihr bejlimmtcg Staf für ben Staunt, ben jie einnehmen müffen; fo ,(.58. wenn empfahl im ©chilbe ift, muß baffetbe in brei gteid)e S£t)eile getheitt erfcheinen. Bei mehren pfählen ober Balten gilt bie Stege!, baf bann bie ©dutbfläche einen fpiafc mehr §ät>len muß, alg SSatfcn it. f. w. oorhanben finb. Bei brei pfählen mürbe alfo bag ©d)ilb in jteben gleid)e $h e ^ e 3 df)cilt erfcheinen. SBirb biefeg Ber* haltnif nicht.beobachtet unb erfcheinen bie Sigttren Keiner, fo nennt man fie verjüngte (di- mimitas), unb ber oerjüngte fPfahl f>dft bann ©fab. Jöcralbgftguren, welche weniger alg bie ^»ätfte ber oorfebriftgmäßigen Breite haben, nennt man wol auch Reiben, obgleich biefe Benennung eigentlich nur bern ©djrägbalfen jufief)t, wenn er flatt beg britten weniger alg ben felgten ber gatten ©chilbfladw einnimmt. ift ber Stame einer fdjwcb. jijamilie, bie aug Scutfdflanb fiamntt, wo fie ©dfeffer hieß. Ser fchweb. ©fammoatcr 3of)- 3af. G. war ein tapfererDfftjiertut Sienfte jtatl’gXlI. unb ftarb 1731 alg Dbrifi. — ©ein©obn, Slug. ©raf ß., geb. 1710, hat fid) namentlich algßtbauer bergeflunggwerfe ju©oeaborg unb alc5 ©ctjöpfer berfdjweb. ©checrenflotte einen berühmten Stamen gemacht. 3nt ©iebenjährigen Kriege führte er furjt Seit ben Oberbefehl, fonnte aber bann, oon ber geheimen fPolitif ber dföntgin unb anberrt Umjtänben gebunben, wenig augrichten. ßr würbe in ben ©rafettfianb erhoben unb ftarb 1772 alg jßclbniarfchall. — Sticht Weniger berühmt ift ber ©oljn beg Sefjtetn, .Starl Slug, ©raf oon©., geb. 1745. ßr biente fet)r jung in Sommern an ber ©eite feineg Baterg, jtubirte bag franj. ©eewefen tn Breft unb half feinem Batcr bei bet Slnlegung oon ©oeaborg unb bem Bau ber ©cheerenflotte. Stoch beoor er bag breißigfte 3al)r erreicht hatte, war er fdjon Dbrifi. Beim Beginn beg ftnnifdjen Jtricgg im 3- 17 8 S würbe er junt Slbmiral ernannt, ßr führte ben Befehl in ber erfien ©ecfdjlacht ju ©oenffftmb am 24. Slug. 1789 unb hatte fd)on eine Slbtheilung ber ruff. glotte gefchlagen, alg bie Hauptmacht berfelben im ©unbe einbrang. . ©ein ^lan, ftd) jurücfjujiehen, würbe »om Könige ©uflao Hl. nicht gutgehet» ßen; baher legte er ben Befehl nieber. Stach bem Sobe ©uftaö’g Ul. (teilte ihu bie neue Stegierung 1792 mit bem Sütel eineg ©encralabmiralg an bie @pi|e beg ganzen ©eewefeng; aber eg paßte Weber fein lebhafter ©eift für eine folche mafchinenartige SSirffamfeit, noch ftimmte feine Senlart mit bem ©elfte ber bamaligcn Stegierung; weghatb er aud) oon biefer ©teile wieber abtrat, um fid) nun für fein übrigeg Sebcn oon allen öffentlichen ©efebaften jurücfjujieh* , n unb ftd) ganj bem ©tubium ber Staturwiffenfdjaften unb ber Jtunft ju wib- men. Bon feinem Bater, welcher meifierhaft jeichnefe, tn Dl malte unb graoirte, hatte ©. fowol feine militairifc|en alg feine fünfHertfdjen Slnlagen geerbt unb Stufe gefunben, jie auljubilben. ßine im 3- 1789—82 nach Statien unternommene Steife hatte itjn für bag Slntife begeifiert unb ihn ju feiner „Steifebefchreibung" (©toefh- 1186 , mit .Rupf.) unb jt» her tlafjifd)en ©d)rift „Sie ^)t)ilofopl)tc ber fd^önen fünfte" (©toefh- 1786) oeranlafjt. ©jjrettwaffett ©t 599 6t roar ein ©eifte«»erwanbfer SBincfelntann’«, ben er jebotf) md)t fannte, jwar nicht fo ge« fefjrt, aber tiefet unb geifireid)er. gür bie moberne itunft t>atte er wenig Sinn, nur in ben SBerfen bet Sitten woUte er bie echte Schönheit anerfcnnen. SJtit ber bamal« in Schweben herrfdjenben Gultur fianben feine Stnfkhten im fdjreienbften SBibcrfprudfe, weshalb er »on feinen 33e?annten al« genialer Sonberling angefiaunt würbe, wäfyrenb bie Übrigen it»n gar nid)f fannten. @rfi nad) ber SluSbilbung ber äfi^ctifc^en Gultur in Schweben fdjricb Sitter« bom in „Phosphoros" (1813) über it>n eine treffliche (SfaraiteriftiE, unb feitbem haben pammatffölb, Seffow, Senfkorn u. St. fein Spfiem in« Sicht gefegt, ©egenwärtig ift er allgemein al« ein §war einfeitiger, aber fcfcjarffinniger ifunfttheoretifer anerfannt. G. ftarb im 3. 1800 in Srebro auf einer Steife nad) bem 9teid)Stagc ju Slorrföping. ©^tettroaffen nennt man fofibare unb fcf)ön gearbeitete SBaffen, welche einem Sol« baten jur 5Belot)nung einer tapfern 2b at »ber wegen foitft eine« bebeutenben 23erbiettfie« »erefjrt werben. ®ie ßfrenwaffen haben ihren ttrfprunt) in einer fetjr frühen Seit/ wo e« nod) feine Srben gab unb wo ber Sieger ba« Schwert be« Uberwunbenen befarn. Sod) auch, nachbem bie Srben aufgefommen, erhielten bi« auf bie neuefie3eitf)erabfiegreid)e§elbf)erren «m Gnbe be« gelbjug« unb ^öt>ere Sfftjiere für au«gejeid)nete £h atcn en tttjebcr »on Seiten be« Staat« ober »on ihren dtameraben $ur befonbern SBelotjnung Gljrenwajfen. 3« Sranf« retef) waren fte jur Seit ber SJcpublif nad) Slbfdjaffung alter Srben eine Seit lang, al« ba« einfach« 35anf»otum nicht ntel)r au«reid)en wollte, bie etnjtge militairifdje SluSjcichnung, unb e« würben l)iernid)t nur Ghrenfäbel, Gfjrenbegen unbGf)rcnfIinten, fonbern aud)Ghrcn« trompeten unb 6h ren trommelfiöde (baguettes d’honneur) auSgetlfeilt, bi« 1802 bie Stif« tung ber Gfjrenlegion ^ ; ng p e g en trat g n Stujjlanb ftnb nod) gegenwärtig bie Ghrenwaffcn neben ben Srben eine fiefjenbe Slu«jeid)nung für tapfere S^gaten £>ö£)erer SDffiäiere. ©i. Stile Drgani«men, bei welchen bie Seugung burd) ben©egenfag jweier ®efd)led)« ter »ermittelt wirb, pftanjen ftd) burd) Gier fort, b. h- burd) gefd)loffene SBlafcn, in welchen unter entwicfelnben äufjern SBebingungcn ein neue« otganifdje« Snbioibuum ftd) geftaltet. Sion biefern allgemeinen Siegriffe auSgehenb, wirb man auch bie Samenförncr ber $)flan* jen ju ben 6ietn redjnen miiffen. Stile Gier gleichen ftch infofern, al« fte au« mehrfachen füllen befielen, bie einen .Steint unb aufjerbem eine Subfianj enthalten, welche bent legtern im erften Stabium ber Gntwicfelunq jur 9laf)rung bient. Schlieft man nun auch bie riet» gewaltigen spflanjeneier »on ber SSetrachtung au«, fo bleiben immer nod) oiele gönnen übrig, unter welchen ba« thierifebe Gi erfchetnen fann. Swar ftnb bie innern SSefianbtheile fid) fafi überall gleich unb beftehen au« bem Sotter, ben eine bünne gefäfreid)e Silafe umhüllt, au« bem fpäter gebilbt'ten Giweif unb enblich au« einer jweiten .pütle, beren äufjere Schicht ftch entweber nach unb nach mit ifalf überdreht, ober hoch ftärter unb feftcr al« bie innern ift. 3lUetn ba« SSerhaltnif jener wefentlichen S3eftanbtl)eile ift ebenfo wenig immer baffelbe al« bie auf erfte Umfteibung unb ©eftalt ber Gier ftd) gteichblcibt. Sehr »erfdjieben ift ba« Gi eine« Snfeft«, j. 25. bes Seibenfchmetterling«, »on bem Gi eine« gifd)e« ober 25o« gel«. Jtein Gi wirb ftd) ohne ben Sutritt eine« feine Äetmfraft crmecfetiben ^rincip«, b. t). ohne ^Befruchtung, ju einem neuen Srganiömit« entwicfeltt fonnen. 3« bem befruchteten, fo eben gelegten 6i erfennt man eine wciffichc Stelle, bie Starbc, gemeinhin ber ptahnentritt genannt; fte flettt ben erften Slttfang be« künftigen Srgani«mu« bar unb erfcheint bei ftar« fer 3Setgröftrung.»on jufammengefegterm S5att. Sa man jttmal im SSogelei bie wagrenb ber üBrütung anfang« jiemlid) fchnetl »on ftatten gehenben SJeränberungen jene« Äeint« bequemer beobachten fann, fo tft biefe gortbilbuitg »011 jeher »icl fiubirt worben, in neuefict Seit aber mit fo grofjem Grfolge unb in fo weiter Stu«behnung felbft auf niebere S^pierctaffen, baf fjlerburch eine gleichfam neue unb fej)r wichtige SSiffcnfchaft, bie Gntwicfelung«gefchid)te, entfianb. Sie gier toerben geboren entweber mit unentwiefettem jfeime unb bebürfen ba< her bcrS3rütung (f. SBrüten), ober fte »erweiten im SJtutterförper bi« jur »ollftänbigen 2tu«bitbung be« jfeün« jum organifchen 3nbi»ibuum unb reifen im Sütgenbltcfe ber@eburt. Stuf biefen 2Serfd)iebenheiten beruht ber S3egriff »on eierlegenbcn unb »on naeftgebärenben, gewöhnlich, bod) unrichtig, lebenbiggebärenben Rieten. Slttch bie menfcf)licf)c grucht ent» Widelt ftd) au« ßiern, bie freilich al« fcljt fteine, ben S3ogclciern unähnliche 33lä«d)cn er« feheinen unb nad) il)rem Gntbecfer ©taaf fc^e Gicf)en genannt worben ftnb. Sur Gilbung 600 ©tdje dMcfmibotff eine« GieS Votrb ein Gierfloä BorauSgefe|f, b. t). ein Organ, welches in bcn Betriebenen Staffen btr Spiere unb^flanjen eine ungemeine SRannidffaltigfeit unb §tbflufung ber Sil* bung gemäßen täjjf, immer aber ber Soben ober Präger ifi, auf meinem baS Gi ftd) ent* midelf. Jn gieren niebriger Stufen liegen biefe Gierflöcfe oft an ber Oberfläche, in ben SEBirbetfhieren unb ©tieberttjieren immer in ber Siefe ber Jtörperf> 8 £>Ie. Oie Silbung feim* fähiger Gid>en auf ihnen beginnt natürlich nur erfi mit Gintritt ber gefchtcchttichen EReife ober Pubertät. (©. 3 eugung.) J ©idje (quercus) ifi ber ©efchlechtSname einer grofen Slnjahl Saumgattungen. Slls bie befannteflen Slrten berfetben finb $u ermähnen bie gemeine Giche, meit fte fetjr fpät 1 auSfd)lägt unb erfi fpät fid) entlaubt, aud) SB i n t e r e i d) e, megenber ©chmere, $ärte unb > Oauerljaftigfeit ihres $oljeS ©teineid)e unb megen beS traubenartigen Slneinanberrei» henS ihrer Sicheln $raubeneid)e genannt, ©ie mirb über 120 g. (joch, int Ourdjmeffet | 4 —6 bicE, mächfi in 120—200 Jahren aus unb erreicht ein Elfter »on 4—600 Jahren. JDr #olj ifi fefl, fermer ju bearbeiten unb mirb ju SBafferbauten »orge^ogen; ihteERinbe bient jum ©erben, aud) mirb aus ihr, fomie aus ben auf ben Slättcrn jtfjenben ©alläpfetn, eine gute fchmarje $arbe bereitet, unb ihre Gichetn finb eine feltr nahrhafte Fütterung. SfRef)re SEheite ber Giche maren fchon bei ben Sitten offxcinelt unb merben noch gegenmärtig j in ber Slrjneifunbc ;u innerlichem unb äußerlichem ©cbraud)e Bermcnbef. OaS jur j3eit Bon i $ungerSnotf) aus Gichetn gebaefene Srot hat KranEljeiten oeranlaft; in ERormegen jebod) fött man ftd) beffetben ohne 9iacS)tt)eit bebienen. Jn neuern Seiten mürben gebrannte Gichetn . häufig fiatt bcS Kaffees empfohlen. Oer gemeinen Giche ficht junächfi bie © t i e t e i ch e ober I ©ommereiche, meldjc 100 — 180 hoch, 6—8 g. bicE mirb, 2 — 400 Jahre mächfi unb ein 1 OOOiährigeS Sitter erreicht. Oie über baS füblichc Guropa »erbreitete K 0 r E c i d) e | trägt eßbare grüßte; Bor$üglid)en ERtt|en gemährt ihre ERinbe, bie, fo (ange ber Saum jung j ifi, alter acht bis jel)n, im höt)ern Sitter aber alter Bier Jahre abgefcf)ä(t unb als KotE Ber» , arbeitet mirb. Oie GerriScid)eim fübtichen Guropa liefert bie fogenannten Knoppern ober j franj. ©altäpfel; Bon ber ebenbafelbfl einhei;ntfd)en K c r m c S e i ch e fommen bie JEcrmcS» t'örner, metche bie .fjülten einer ©d)ilbtauS finb, unb bie Färber ei d) c in fRorbatnertEa gibt bie jum ©etbfärbcn öiet gebrauchte als Ouercitron beEannteERinbc. Schon bei mehren Söl* fern im höchflen Sltterthume, mie bei ben Werfern unb Jfraeliten, flaut» bie Gidjc in hoh cm Slnfehcn; bei ©riechen unb ERömern mar fte bem Jupiter geheiligt. Sei bcn .Retten fpiette namentlich bie SfRtflel ber Gid;e in ber $etlEunbc ber Oruiben eine mid)tigc ERolle. Jn Gi* chenhainen öerehrten auch bie atten Oeutfdsen ihre ©ötter, unb in ihnen Berfammeltcn fte ftd) ju gcmeinfchafttichen Serathungen, bis baS (Shriflentlumt biefetben lichtete. ®ic^Ctlborff (Jof., Freiherr Bon), prettß. ©eh- ERegierttngörafh im SüRinijterium ber geifltichcnSlngetegenheiten unb jmar in ber Stbfheitung für bie EaffjolifcheKircbe, alöOid)tet einer ber fpätern, aber talentBollften ERadffotgcr ber lnrifch=romantifd)en Schule, mürbe an» 10 . SRärj 1788 auf bem feinem Sater jugehörigen Sonbgutc Subomi| bei ERatibor in Ober fdjteften geboren. Grbefudftc baS fattjolifche ©pmnaftum ju SreSlau, ftubirfe Bon 1805 an bie Siechte in glatte unb in apeibelberg, begab ftd; Ipicrauf IS08 nad) ^EariS unb lebte j bann mehre Jahre in SESicn. Sei Slusbrud) beS .Kriegs trat er im $cbr. l S13 als freimittiger Jäger in bie preuß. Slrmee, in ber er, nact)bem er im .fjerbft 1813 Dfftjier gemorben, an ben getbjügenbiS 1815 Sheit nahm. ERacf)bem er 1816 nach Oeutfd)lanb jurücfgeEehrt, mürbe er ERefetenbar bei ber Eöntglid)en ^Regierung in SreStau, 1821 ERegierungörath in Oanjig, 1824 in gleicher Gigenfchaft nach Königsberg in Preußen unb fpätcr nach Sertin Berfcgt unb hier 1841 jum ©eh- ERegierungSratl) ernannt. Son feinem poetifchen latente feilte G. äuerfl unter bem Siamen glorenS mehre BiclBcrfprechenbe Sieberproben in fliegenben Stäftern mit; bann erfdtienen oon ihm „2thnung unb ©egenmart", ein fRomatt, h er auS» gegeben Bon Sonque (Slürnb. 1815); „Krieg ben ^3h’*’^ ern// / e i n bramatifchcS 9Rärd)en in Bier Slbenteuern (Sert. 1824); „Stus bem Sebcn eines SEaugenidjtS" unb „OaS 9Rar= morbitb", jmei SloBetten, nebfl einem Slnhange BonSaltabcn unb SRomanten (Scrt. 1824 )5 „SReierbeth’S ©tücf unb Gnoe", Sragöbie (Sert. 1828); „Gjetin Bon ERomano", SErattcr» fpiel (KönigSb. 1828); „Oer tc|te ^)etb Bon SRarienburg", SErauerfpiet (KönigSb. 1830); „Oie freier", Suftfpiet (Stuttg. 1833); „Siel Särmen umSRichtö" (Sert. 1833); „Oie 601 <(3ofi. 2H&t. gWebt.) Siebter unb if>re ©efellen", fflooelle (Serl. 1834), eine Sammlung feiner „©ebichtt" (23er(. 1S37; 2. Stuf!., 1S4 3), ba« non if)m bearbeitete, trefflicf>efpan. 23olfsbitd> „Der ©raf Sucanor be« Don 3uan SRanuel" (Serl. 1840; 2. Slufl., 1843) unb eine (Sammlung fei* ner „SSerfe" (4 33be., 33erl. 1 841 — 43). Da« Iprifdje Glement ifl burchmeg bei ihm oor» maltenb, bafyer e« feinen bramafifchen Dichtungen, fo fcfjönc ©injel^eiten fte aud) f>aben, unb feinen gröfern 3fomanen an fjllaflif unb SRunbung, aber rtirf>t an romantifrfjer 2Bun* berlidjfeit unb Unorbentlichfeit fehlt; bagegen ftnb feine Hehlern SRooeUen, hierunter oor allen bie ,,9lu« bem Seben eine« Saugenicht«", in it>rer 9lrt roaljrhafte SReiftetflücEe. Unter feinen Siebern unb Sallaben gibt e« oiele treffliebe, burefy duffere unb innere SDlelobie, burd) Sattheit be« ©efiihl« unb almungeoolle ©üfjigfeif auegejeidmet, mährenb anbere burd) fdjalfljaften 2Bifc anfpred)en. 6rfi in neuerer Seit ifl fein 3Bt§ meniger {jarmlo« unb pole* mifd) bitter gemorben; man ftefjt ibm jitroetlen eine ©ercijtbeit an, bie gegen bie bem Dichter fonfl eigentümliche ©emütblicbfeit iit nicht mohltljuenber SBc-ife abftiebt. ©id)l)Otn (3oi 9llbr. ffriebr.), I)r., preufj. ©eb- Staat«minifler unb SRinifler für bie geifilicf)en, Unterricht«* unb SRebicinalangelegcnheiten, geb. am 2. SRärj 1779 $u SBertheim, mürbe fefjon al« .Knabe burd) feinen 2?ater, melier .£>offammerrath in Dtcnflcnbc« 9fetch«grafen oon Sömenflcin*2Bertheim unb ein S5emunberer griebrid) be« ©rofjcn mar, mit einer folctjcn S3orliebe für fPreujien erfüllt, bajj er im 17. 3al>re bie Uniuerfität }u ©öt* tingen mit bem SSorfapc bejog, nach Vollbrachten juriflifdjcn Stubtcn .^cimat unb SSafer» lanb in fPreufen ju fud)en. Die §üh run 8 eine« jungen SDlanne« au« angefehener gamilic biente ihm al« SSermittelung $um Übertritte in ben preufj. Staat. 3«t 3. 1800 al« 2lu«cul* tator bei ber flewefctjen ^Regierung angeflellt, bemog ihn ber SBunfd), fobalb al« möglich eine felbflänbige Sage ju geminnen, 1801 bie Stelle eine Slubiteur« unb 9tegiment«quarticrmei* fler« anjunehmen. *Rad)bcm er ba« brüte (Spamen beflanbcn, mürbe er 1S06 al« Slffeffor beim Äammergericht in S3erlin angeflellt, mo nach ben UnglücE«fällen, bie im gebauten 3at)re über ^)reufen hcreinbrachen, feine ©eftnnungen ihn mit ben Scannern oereinigten, bie an ber SBiebergeburf ihre« fßaterlanbe« nicht oerjmeifelten. ©emeinfdjaftlicf) mit bem nadjheri* gen ©eneral Oon 6l«ner hatte er bie öon Napoleon freigegebenen preufj. ©efangenen oon 1806 unb 1807 an ber frans- ®wn$t ju übernehmen. 3m 3- ■ 810 mürbe er .Rammerge* rirf>t«ratl) unb erhielt bie Stelle al« Spnbicu« bei ber ncuetrtchteten Uniöerfttdt ju SSerlin. 5Rach bem Aufrufe be« .König« jur 23olf«bemaffnung im 3- 1813 mibmete 6. im 9lu«fd)uffe für Sanbmehr unb Saitbflurnt }u Serien biefer Sache feine gattje Bfyätigfcit. SRad) 2luf* fitnbigung be« SBaffcnflillflanb« im Slug. 1813 folgte er al« Sreimilliger ber fd)lef. Slrmce bi« jur ©innahmc oon Seipjig. £ier eröffnete ftd) ihm ein neuer 2BitBung«frei« in ber bem SRinifler Oon Stein anoertrauten ßentralrcgterung ber gegen jfranfreich öerbünbeten SOtächfe über bie eroberten Sanbc. Die SBirlfamfeit biefer ÜSetmaltung, an ber 6. oon Einfang bi« (Snbe einen erfolgreichen 2tntt>eil nahm, tfl oon il)m felbft in einer ohne feinen Slawen er* fchienenen Drucffchrift „Die (Sentralöermaltung ber SSerbünbeten unter bem gteiherrn oon Stein" (Deutfdjlanb 1814) befchrieben morben. 2lu« feiner ?lnü«tl)ätigfeit al« .Kammer* gerid)t«rafh, in bie er gegen @nbe be« 3- 1814 jurüefgefehrt mar, berief ihn nach SBiebcr» au«bruch be« Ärieg« im 3- 1815 ber StaatSfanjIer, giirfl oon .£>arbenberg, um ben Staat«* minifier oon Slltenflein in ber Sermaltung ber feefegten frans, ^rooinjen ju unterfliegen, ©ans befonbere Serbienfle ermarb er ftch bei biefer ©elcgenheif auch > n S3esieh un 9 au f Sßiebergeminnung ber oon ben Jranjofen meggeführten Jtunft* unb miffenfdhaftlichen Schale unb um bie Siquibafion ber sahllofen^rioatreclamationcn au« ^teufen unb anbern beutfehen Sanben an granfreid). 3n Slnerfenntnif berfelbcn !am er in ba« SDlinifterium ber au«mär* tigen Stngelegenheiten al« ©eh- Segation«rath unb halb barauf auch al« oortragenber Slath bei bem Staat«fansler oon ^arbenberg, unb bei ©rrichtung be« Staaterath« im 3- *817 mürbe er unter bie 3«hl ber SJlitglieber aufgenommen, mclche ba« befonbere Vertrauen be« .König« ba$u au«ermählte. 3n biefer neuen hoppelten Stellung nahm Gf. an ber Segtün* bung be« innern unb äufjern preuf. Staatlrecht« fortmahrenb einen fct>r mtcfjfigen Slntheil, mte er benn auch burch bie Serljanblungen mi? bem gröffen 2h £ > [e ^ cr beutfehen Staaten unb mehren europ. ^Rächten über 2erritorialau«gleichungen, Jlufsfchiffahrt tt. f. m., in«be* fonbere megen grtimachuttg be« ittnetn epanbel« unb Serfehr« in Deutfchlanb bie entfehie* 602 ©it^ettt (3o$. ©otffr.) bdTfflen SBerbienfle erwarb, bic auch fottsot »on ^teufen wk Bon Bieten anbern Staaten burdj ’ 28erlei£)ung BonSrben unb anbern 9luSjeicf)nungen Slnerfennung fanben. 3nt 3. T83I würbe er jum SBirflichen Sei). Statt) unb ®irector im fDtinifferium ber auswärtigen Singe» legcntjeiten unb im Dct. 1840 jum 2BirfIid>en Staatsmänner erhoben. I ©ithhottt (3ot). ©oftfr.), einer ber auSgejeidincfften beutfdjen ©eletjrten in Jtunbe ber morgenlänb. ©praßen, ber biblifdjen Jtritif, ber 2tteraturgcfd)ict)te unb @efd)id;töfor« fdfung, geb. am 16. Set. 1752 ju ®örenjimmern im gürftentt)ume ^)ot)entot)e* Dtjringen, ' würbe, nad)bem er in ©öttingen flubirt hatte, anfangs Stector ber Sd)ttle ju Ctjrbrttff im Verjogtljum ©otlja unb 1775 ^Jrofeffor ber oriental. Sprayen an ber Unioerfttät ju 3ena. , 3m 3. 1 '88 9 ing er in gleicher ©igenfdiaft nach ©öttingen, wo er 1811 ®octor ber Geologie, 1313 SDlitbirector ber .königlichen Societät ber SBiffenfcbaften würbe, 1819 ben £itel als ©el). erhielt unb am 25. 3uni 1827 fiarb. Seine Äenntnif ber morgenlänb. Sfiteratur unb ©efdjichfe jeigtt er juerfl in einer „©efchichte beS ofiinb. VanbelS Bor $Wo» §ammeb" (ffiotha 1775); bann in einer lat. getriebenen Überfielt ber älteflen ©enfmate ber arab. ©efdfichte (@otha 1775) unb in einer Slbfyanblung über bie ältefte 2>2ünjgefd)id)te Per Slraber (3ena 1776), bie gewifftrmafen ein 3lnt)ang ju ber Borfycrgebenben Schrift ifl. 3n ©öttingen wibmete er ftd) oorjüglidj ber „ffritit ber biblifdjen Schriften. ®ie grüd)te i feiner gorfefjungen waren feine „Stllgemeine Sibliotljef ber bibtifchen Siteratur" (10 83be., £p$. 1787—1801), bie bem früher Bon if)m in fßerbinbung mit mehren ©eleljrten heraus» gegebenen „Stepertorium für biblifcf>e unb morgenlänb. Literatur" (18 S5bc., £pjf. 1777— 86) ftd) anfcfjlofj; feine „(Einleitung in baS SllteSEejtamenf" (4.3lufl., 5 33be.,@ött. 1824), ' „©inleitung in baS 9teue SkfJament" (5 33be., ©ött. 1824—27), „ginlcitung in bie apo* fr 9 Pf)ifrf>en Schriften beS Sllten SieftamentS" (©ött. 1798) unb enblid) fein „Commen- j tarius in apocalypsin Joannis"(2 S3be., ©ött. 1791). ®urd) biefeSBerfe förberte er wefent* ■ lld) bie föerbreitung einer gefunben, auf bie Äenntnif beS biblifdjen SlltertljumS unb ber | morgentänbifdjen ®en!weife gegrünbeten 25eurtf>eilung ber biblifd)en Schriften unb an fie i fdjlof ftd) feine, Bon 3<>h- ?>l)if. ©abler mit ßinleitung unb Slnmerfungen herausgegebene „tlrgcfc£)id)te" (2 33be., Stürnb. 1790 — 93), in welcher ©. bie mofaifetje Urfunbe einer fritifdjen Prüfung unterwarf. Df)ttc biefen gorfdjungen untreu ju werben, wie fein SBerf „®ie (jcfcräifctjen Propheten" (3 S3be., ©ött. 1816—20) bejeugt, wenbete er ftd) fpätcr metjr jum ©ebiete ber ©efcbidjte unb jwat junächfl jur Siterargefdfidjte. ©r ^atte ju 3cna unfe ©öttingen fefjon in feinen öffentlichen Verträgen mehrmals bie ©efchichte ber jtfammfen Literatur behanbelt unb baburd) Sinn unb fUeigttng für biefen $wi g beS afabcmifchcn StubiumS erroeeft. 3efct entwarf er ben ^Man jur Verausgabe einer ©e» fd)id)te ber fünfte unb SBiffcnfdjaftett feit ber 2Sieberl)erftcIlung berfelben bis ju ßnbe tes 18. 3ahrh-, welche 1796 begann. 6r fchrieb ba$u eine unoollenbet gebliebene „Sltlge* meine ©efchichte ber ßultur unb Siteratur beS neuern ßuropa" (2f8be., ©ött. 1796—99), gab aber fpäter bie Leitung biefeS Unternehmens ab. Stofflich gearbeitet ifi feine „gitcrar* j gefd)id)te" (Sb. l,@öft. 1799; 2.3lufl., 1813; S3b. 2, 1814). Sein untfaffenbereS SSerf , „©efchichte ber Siteratur Bon ihrem Anfänge bis auf bie neuejfen Seiten" (6 33be., ©ött. ( 1805—12; 93b. 1, 2. Slufl., 1828) blieb unbeenbigt; eS ijl nur bie allgemeine Überficht ber £iteraturgefchicf)te in ben altern, mittlern unb neuern Seiten unter ben serfchicbenen S3ölfern unb bie Sitcratur ber fchönen Stebefünfle geliefert worben, Bon ber Literatur ber ein* jelnen SBiffenfchaftcn aber bloS bie Bon Stäublin bearbeitete ©efchichte ber theolegifcfjen SBiffenfehaften Bollenbet. ®i_e Steihe feiner ®arfMungen aus bem ©ebiete ber SSölferge» fchid)te begann er mit einer „Überficht ber franjöftfchen SteBolution" (2 33be., ©ött. 1797), nach ben bamalS jugänglichen Q.uellen unb VülfSmitteln bearbeitet. ü)tit feiner „SBelt« gefehlte" meifl na^ ©atterer’S ^lan (5 S3be.; 3. Slufl., ©ött. 1818—20) beabfichtigte er, um jum Sluellenfiubium hinjuleiten, eine Sammlung beweifenber Stellen auS ben Guellenfchriftflellern beS SllterthumS unb beS SKittelalterS, für bie neuere Seit eine SluS» wähl ber wichtigflen StaafSurfunben herauSjugeben; eS ftnb jeboch bloS bie „Antiqua histo- ria ex ipsis veterum script. lat. narrationibus contexta" (2 S5be., ©ött. 1811 — 13) unb bie „Antiqua historia ex ipsis veterum script. graecor. narrationibus contexta" (4 S3be., fpj. 1811) erfdjienen. Schäfbar befonberS wegen ber reichhaltigen Literatur, obwol nicht @{c&ljotn (Ärttl Stiebt.) CctcfjSfelh 603 frei »on Strtbümern unb gehlern, ifl aud) feine ,,©efd)ic£)te ber brei testen 3abrbunberte" (6 33be., 3. Slufl., Vannoo. 1SI7-1S). Seine le$fe ^ifiorifcfje Schrift iff „Sie Urge« fdjidjte beb erlauchten VaufeS ber SBelfen" (Vannon. 1817), morin er bie Slbjlammung beS melfifcben güriienftammS bis ju ben fernften gefd)id)tlid)en Sputen hinauf »erfolgt. 5Wei)re einzelne Slbijanbtungen Bon iijnt flehen in ben „Commentarii societatis reg. scien- tiarum Gottingensis'' unb in ben „gunbgruben beS DrientS". 58on 1812 an leitete er aud; bie Verausgabe ber „©öttinger gelehrten Sinnigen". ©idjijorn (-Sari Stiebt.), Dr., preufj. ©et). Dbertribunal» unb ©et). Sberjuffyratt), aud) StaatSrath unb SRitglieb ber ©efc&commiffion, ausgezeichnet als gorfd)er im ©ebicte ber beutfd)en Staats» unb 3ted)tSgefd)id)te, ber Sotjn beS 23orerroäbnfen, geb. am 20. 5 Rob. 1781 juSena, ftubirte in ©öttingen, mo et auch einige Sa^re als $>ri»afbocent Sßorlefun* gen hielt. 3m 3- 1804 mürbe er ÜRitglieb beS Sprud)colIegiumS ju granEfurt an ber SDber, im folgenben Sabre auch ^rofejfor ber SRcdjte an ber Unioerfitdt bafelbft unb 1811 in lc§» terer ©igenfdfaft bei ber UniBerfität ju S5erlin angefleltt. Stud) folgte er 1813 bent Stufe tu ben SBaffen, mürbe Slnfübrer einer Scbmabron unb etmarb fid) baS Gifertie Jtreuj. Stach feiner ütffebr aus bem gelbe im 3- 1S14 lehrte er mieber inS3erlin, bis er 1817 einem Stufe nach ©öttingen folgte, mo er mit gtofem SSeifalle beutfchcS 3tcd)t, jtirebenreebt unb StaatSrecbt lehrte. 3m 3* 1819 mürbe er jum hanitoB. ^jofvath ernannt; bod) JEranf* licbteitS halber fat) er jtd) genöthigt, 1828 feine Sortefungen ein^ufJellen unb ficb ganz in baS fPriBafleben auf ein Bon ihm bei Tübingen erfaufteS ©uf jurütfjujiehen. 3m 3- 1831 nach Scbmalj’S Tobe nahm er inbefj mieber einen Stuf als ^rofejfor nach SBerlin an; gleichzeitig mürbe er auch im SRinifterium ber auSmärtigen SCngelegentjeiten befd)äftigt. Seine ^ro» fejfur legte er fd)on nach jmei Sabrcn nteber. 3m StaatSbienjle aber mürbe er hierauf jum ©eh- Dbertribunal» unb ©eh- SegationSratl), 1838 ^um SRitgliebe beS StaatSrathS, 1842 jum ÜRitgliebe bet ©efefccommiffton, 1S43 jum ©eh- Sberjufdzrath unb 1844 auf bie Seit Bon 1844 — 40 an SaBignp’S Stelle jum Sprucbmann beim®eutfcbenä3unbeöfd)ieb6gcricbt ernannt. ®ie ®efd>icbte Deutfdjlanbs in befonberer Sejiebung auf »XuSbitbung ber Staats» Bcrfaffung unb ber Bolfsth&mlicben 9ted;te unb ©cfejsgebungen mar früh bet ©egenfianb feiner gorfebungen, beten ©rgebnif feine „T>eutfd)e Staats» unb 9fed)tSgefd;id)te" (4 S5be., ©ött. 1808 — 18 ; S5b. 1, 5. Xufl., 1843; Sb. 2 unb 3, 4. Stuft., 1835—36; Sb. 4, S.SlujTL, 1836) mar. ©emeinfdjaftlid) mit Sanignp unb ©öfeben, je|tmitSJuborff, gibt er bie „Seit* fdjrift für gefcbid)tlicbe StecbfSmijfenfcbaft" (II 23be., SScrl. 1815 — 43) heraus. Stufet» bem ftnb noch ju ermahnen feine „Einleitung in baS beutfrf>e fPtmatred)t mit ßinfd)lug beS ?ehnrecbtS" (4. Slufl., ©ött. 1836) unb bie „©runbfähe beS ÄircbenrecbtS ber Eat!)oIifd)en unb eBangelifdjen SteligionSpartei in £>eutfd;lanb" (2 ÜSbe., ©ött. 1831—33). Slud) in bem Efie’fdjen SegitimitätSfEreite fctjrieb er, unb jmar gegen 3ad)atiä unb dtlüber (S5erl. 1835). — !Rid)t ju Bermechfeln ijt @. mit bem 2Birflid)en ©eh- Statbe unb ©eneralprocu» rator beimrhein. SienifionS* unb SaffationSbofe SlmbrofiuS V«bert 6., berimgebr. 1S32 ebenfalls SDlitglieb beS StaatSrathS mürbe. (Sicfjöfelb, ber norbmefilicbe Sanbfirtd) Thüringens, begriff jur Seit öer beutfdjen ©auBerfaffung baS eigentliche 6id)Sfelb, Bon SRühlbaufen bis Veiligenffabt ficb erfheefenb, ben SBeflgau, am regten Ufer ber Unftrut, jmifeben Sangenfalca unb SRüblhaufen; bie ©ermartnarf, an ber SBerra; unb bas Dnefelb, nörblid) Bon ^Jeittgenflabt, meldje Bier ober» cicbsfclbifd)en ©auen Bon Thüringern unb hin unb mieber Bon SBenben bemohnf maren, mahrenb baS fogenannte UntereicbSfelb, ober bie Thtberfiäbtcrmarf unb ben SiSgau, Sacbfen innehatten. T>ie namhaftcflen ber hier bei SSerfall ber ©aue hetBortretcnbcn gröfern Territo» rialbefther, über 20 an ber 3al)l, maren bie ©rafen Bon Äatlenburg, fRorbheim, Steinhaufen, ^Mcffe, bie tl)üringifct>en ©rafen Bon ©leiden (f. b.), mclcbe baS eigentliche ßicbSfelb be* fafen, bie £anbgrafen Bon Thüringen, bie SieidjSjlabt SRühlbaufeit, baS Stift £iutblin* bürg, baS S3iSthum VitbeShcim unb baS ßrjbiSthum SRainj. fRac^on baS Sanb in ber unruhigen $eit Vetnrid) beS Sömen ferner heimgefud)t roorben mar unb ber Sefi|flanb bereits oielfadje ißerdnberungen erlitten hatte, trat 1236 baS Stift SUtebünburg bie SOlarF TJuberflabt an bie thüringifetjen Sanbgrafen ab, nach beren balbigem SlbfEerben biefelbe bann an bas braunfehmeig. fam, meinem Vrinricf) ber ?öme bereits bie Äatlenburgifchen 604 fianbe «»erben hatte. ©eträchtlicher waren bie Grwerbungen, welche nach unb nach bie Grzbifcfjöfe non SRainj non intern erfien feften fünfte, Sluftebcrg, aug auf bem Gicf)«fclb malten unb bie fic burd) ihren bortigen ©iceborn nerwalten liegen; bal)in gehören nantent* lief) ber 2lnfauf be« eigentlichen Gich«felb« non ben ©rafen non ©leiden im 3. 129-2, in Solge beffen ber ©ame Gid)«fclb, al« norjugoweife auf bem mainjifchen Territorium ru^enb, feine fpätere politifche Sebeutung erhielt; ferner ber Grwerb ber ÜRarf ®uberfiabt im ßaufe be« 14. Saljrl). unb bie 2lu«bel)nung tl)rcr Roheit über niele um« unb jwifchen* liegenbe ©ebiete. 2lm beflen aber forgten fte für ©efejliguttg ihrer baftgen ©lacht burth 2lnbau be« Sanbe«, ©rünbung non Stabten unb zweefmägtge Snflitutionen. ©ur in ben 3- 1465 — 76 hatte ba« fonft glücfliche Sanb burch bie SBillh'trlichfeiten be« bantaligcn mainj. Qbcramtmann«, ©rafen Heinrich non Schwarjburg, niet ju leiben, unb mährenb ber ©eligion«fämpfe im 16. unb 17. 3ahrh- würbe baffelbe eine«tl)eil« non Seiten be« £anbe«herrn burch bie gewaltfamc UnterbrücEung be« auch hier auffeimenben ^roteftanfi«* mug, anberntheil« burch bie Decupation unb ©etf)eerung feinblicbjer Tttuppen hart ge* prüft; hoch erholte e« ftd) nach bem weftfälifchen Stieben fehr halb wieber unter ber wohltätigen Regierung be« Kurfürften Sohann ^hiüPb »®n Scbönborn. 3n Solge einet ©efiimmung bes (unenitler Stieben« nahm ^Jreufen 1802, als Gntfci)äbigung für ©erlufte auf bem linfen Sihetnufcr, unter anbern ba« Jurmainj. Gicl)«felb, nebfi ber SteicfBflabt SRühlfjaufen, in ©cft| unb begann al«balb, bemfelben eine jeitgemägere Drganifation ju geben; ehe biefc jeboch Oollenbet war, würbe ba«2anb 1807 bem neuen .Königreiche SBefifalett einoerleibt unb bübet-e nun einen ^)auptbefianbtheil be« .Ipar jbepartement«. 3m 3- 1813 würbe c« non ^reugen wieber erobert unb barau«, nachbem 1815, zufolge be« wiener Trac» tats, bie ®iftricte ®uberjtabt, ®iebolb«haufen unb ßtnbau an 2)annooer abgetreten worben waren, bie brei jutn SiegierungSbejitf Grfurt gehörigen, Greife .fbeiligenffobt, äSorbiS unb ©lüfjlhaufen gebilbet. ©gl.233olf, „politifche ©efcl)ichtebe«G." (2©bc., ©ött. 1792—93). ©icfjjittbf ober Gicftfiätt, früher 21 1 chftäbt unb in altern Seiten auch Gnfiätt ober G t n ft et t (lat. Aureatum, Arborfelix ober Drypolis), eine Stabt an ber 2Utmühl im bair. Jtreife Sberpfalj mit ©egeneburg, ifl ber Si| eine« ©ifefjof« unb hat gegen 7 000 G. ®ie norjüglichfien ©ebäube ftnb ba« Scf)log ber herzoglichen gamilie fieuchtcnbcrg, ba« 1684 erbaut unb 1705 anfehnlid) erweitert Würbe, bie alte Kathebrale mit fehönen ©e* mälben unb bem ©rabmale be« heil- SBilibalb, bie .Kirche be« ©onnenllofler« zur heil. 2Bal* burgi« mit beren in einer befonbern auf einemSelöfiücEe tuljenben ©rujlbeinen, au« welchem ba« fogenannte 2Balburgi«öl träufelt, unb ba« im 3- 1-144 erbaute ©athhau«. ®ie Stabt hat eine öffentliche ©ibliothef, ein ©pmnaftum, ein .Kletifatfeminar unb ein ÜRöncij« * unb ein ©onnenfloftcr. 3n bem herzoglichen Schlöffe befinben ftd) anfehnliche Äunjl«, 2Ilter* thum« * unb ©aturalienfantmlungen. 2ln 3Bol)lthätigfett«anflatten, bie auch non bem »er* fiorbenen Herzoge 2lugufi oon 2euchtenbcrg, bem ©entahl ber .Königin oon Portugal, mit einem bebeutenben Segat bcbacht würben, erwähnen wir ba« $u Gnbe fee« 17. 3ahrf). gcflif* tete reiche Spital, ba« SBaifenhau« unb ba« Srüberhau«. G« gibt bafelbft Gifettgug* unb Sfeingutfabrifen, Tuchwebereien unb grofe ©ierbraucreien, auef) eine Schleifmühle. 3n ber Ulähe auf einem hohen Seifen liegt bie ehemal« befefJigte ©5ilibalb«burg, bie lange Seit bi« 1725 bie SReftbcnj ber ©ifcfjöfe oon G. war, bann zur 9Juine würbe, fegt aber wiebet* hergeflellt ifl. G. wuch« nach beP ©rünbung be« ©i«thunt« fchnell zum bebeutenben Qtte heran unb erhielt bereit« }u 2lnfange be« 10. 3ahth- ©tabtrccht. ®er 2lufftanb ber ©ütget im3* 1239, ber nur burch Öen Jfaifer gebämpft werben fonnte, »eranlagfe nachher un* ftreitig bie Grbauung ber 2Bilibalb«burg. ®urch ben burch übergroße ©ebrüefung oeran* iagten Gntfchlug, gemeinfam bie Stabt zu öerlaffen, ertrogten ftch bie ©ürger oom ©rafen #on $irfchberg, ber bie 2lboofatie hatte, 1291 bie magifiratifche ©erfaffung. ©iel hatte bie Stabt in ber Solsezeit zu leiben, fo 1363 burch einen SBolfcnbruch, 1397 burch bie $3efi, 1460 im .Kriege mit bem ©larfgrafen2Ubrecf)f »on ©ranbenburg unb wälfrcnb bc«®reigig* jährigen Ärieg« bureb Tljeucrung, ©ranfafchagung unb Seuer, fo wie burch bie Stanzofen in ben 3. 1703 unb 1796 unb 1800 burch Grpreffungen. ®a« ©i«tl)um G. würbe 741 »om heil, ©onifaciu« gefiiftet unb befonber« burch bie Steigebigfeit ber ©rafen oon $irfcf)* berg cu«geflattet. ®a« ju bemfelben gehörige Sürfienthum batte 1802 einen S'lächemnhalt ©ithjlabt (§dttt. ÄatI Stbcalj.) ©ib 605 von 20 D9JJ. mit ungefähr 60000 ß. unb 135000 ©ulben ßtnfünfte. 3n ^otgc bec ©d« cutarifation fam eS 1302 als gürfientbum an Saiern, noch in bemfelben 3a£>re an bcn ©roffarjog gerbtnanb öon SioScana, bcr eS aber nach bem preSburger grieben als Jturfürft »on ©aljburg 1805 wieber an Saiern abfrat. 3m 3- 1817 würbe eS nebf! ber Sanbgraf* fdjaft Seucbfenberg (f. b.) jum grofen Steile bem Sicefönig öon Stalien, ßugen Seau» barnaiS, nad)bem berfelbe auf ein bureb ben wiener ßongref ihm in 3talien jugefit^crteS 1 gürfientbum »on 50000 ©celen »erjictjtet batte, als eine freie ©tanbeSfarrfcbaff unter 1 bair. SanbeSbofait sugewiefen, öon welcher berfelbe ben Sütel eineö ^»erjog^ öon Seucfaen* berg unb gürfien öon @id£)fiäbt annabnt. ®aS neue SiStbum $u 6 ., welches bem ßr$bis« ! tburn Samberg untergeorbnet ifi, wurbein golge beS 1817 jwifeben Saiern unb bem $)apfie abgefcbloffenen ßoncorbafS unb ber ßircumfcriptionSbulle öon 1821 errichtet unb unifaft auf ungefähr 58 D3R. gegen 150000 ß. ©idijiäbt (üpeinr. Äarl Slbrab-), einer ber öorjüglicbfien ^>b^°I° 9 cn unb $umani« ften ber neuern Seit, geb. am 8 . Slug. 1770 ju Dfcbaf, befucfae feit 1781 bie ©djulpforte unb be$og 1785 bie llniöcrfaät ju ßeipjig, wo er fab befonbcrS unter 9JtoruS ber Sbeologie wibmete, juglcid) aber bie bumaniftifefan ©tubien eifrigfi betrieb, in benen ^Matncr, Sed unb 9iei$ feine öorjüglicbften Sebrer waren. 9lad)bem er hier 1795 jum auferorbentlicfan 1 fProfeffor ber fPhilofopfae ernannt worben war, ging er 1797 auf Seranlaffung beS^iof» ratl)S ©d)ü|, ber bamalS einer wefentlicben Seibülfe bet ber Sfebaction ber „Sillgemeinen fiiteratursjeifung" beburfte, nach 3 ena, warb bafelbfi nach SBalcb’S Sobe Sirector ber Satei« nifeften ©cfeUfdiaft, bie ihm ihre neueSrgantfafion unb neues ßeben oerbanff, unb nach bem Slfcgange öon ©cfath im 3- 1803 orbentlicber fProfeffor ber Sercbtfamfeit unb SMcfafunft. üUodb in bcmfelben 3 abre begann er bie neue „Settatfcfa allgemeine Siteraturjeitung", bie unter feiner ßeitung eine lange Ofeibc öon 3 afaen burd) @rünblid)feit unb ©ebiegenfait ber I Siecenftoneit ftc£) auSjeiebnefe. ©eine Serbienfie würben im Serlaufe ber Seit auch öon aus« wärtigen Uniöerfaäfen unb gürfien bureb ßrtfailung öon SBürben, Süteln unb Drben mehr* fad) anerfannt. ©eine $aupfwerfe finb tbeilS SluSgaben öon Slaffifern, bie aber leiber un« öollenbef geblieben ftnb, wie öon ®ioboruS ©iculuS (2 Sbe., ^alle 1 S 00 — 2 ), öon Sucres (Sb. I, Spj. 1801), tt>eilS fritifdje, baS ©tubiurn ber echten 3nterprefation beförbernbe Slbbanblungen, Wie „I)e dramate Graecorum comico-satyrico" (Spj. 1793), „Quaestio- nes philologicae" (2 $efte, Spj. 1796 unb 3ena 1804), Unterfudbungen über Sifaofrit, Sübull, #oras, ^b^ruS, Saler. Sato u. f. w., tbeilS Überfe&ungen bifiorifeber SBerfe, bie ftd) sunäcbft auf baS griecb- unb röm. Slltertbum belieben, unter anbern SUitforb’S ,,©e« fefaefae ©riccbenlanbS" (6 Sbe., fipj. 1802—8). ßr gehört ju bcn SBenigen, beren lat. Stil bureb ßleganj, ©ewanbtbeit unb JTraft ftcb auSjei^net unb mit9?ed)t clafftfdt) genannt werben bann, woöon er in mehren ©ebäcbtniffcfaiften auf berühmte Serfiorbene feiner Seit, unter benen Wir bie „Oratio Goethii memoriae dicata" (3ena 1832) beröorbeben, fowie | in einigen meiflerbaften lat. ©ebiebten ben glänjenbften SeweiS gegeben bat. | ©i& ober ßibfdjWur (jusjurandum ober juramentum) nennt man bie feierliche Serftcfarung unter Anrufung ©ofteS unb bei ber Hoffnung auf beffen ©nabe in ber gorrn ,,©o wafa mir ©ott helfe!" baf man ßtwaS tbun werbe, ober baf man ßtwaS für wahr halte. Seim ßibfebwur wirb ®aS, was uns aufS böcbfle jur SBafafait oerpflicbtet, ins Se* wuftfein gebracht. ®en ßib bannten fc^on bie alten Sölfer unb leifieten ihn bei manchen für heilig gehaltenen ©egenfiänben; baS ßbriftentbum fennt nur bie oben angegebene gor« mel böcbfienS mit ben Sufäjtcn: „unb fein heiliges ßöangelium" ober „bureb 3efum fibrt» ftunt". ®ie üatbolifen fügen bem Planten ©otteS noch bie Slnrufung ber -^eiligen l)inju j bagegen halfen einige cbrijllicbe SfeligionSparteien, 5 . S. bie SJlennoniten, eS für fünblicb, ju febwören unb geben nur eine feierliche Serftcberung bei SRanneSwort. ®ie ßibe jerfaüen in jwei Jpauptclajfen. J)ic erfa ©taffe bilbet bie ßibe, Woburcb ttwaS als wahr öerftcfjert wirb 0- assertorium), entweber weil man eS aus eigener SBabrnebmung weif (j, veritatis) ober ! weil man nach reiflicher Überlegung eS für wafa halt, eS öon anbern glaubwürbigen fieuten fo gehört t>at, ober aus anbern juöerläfjtgen ©rünben wenigftenS feinen ©runb bat, baS ©e» gentfaU für wahr anjunebmen (j. credulitatis seu ignorantiae). 3« biefen affertorifefan ßiben gehören bie meifien im ^rocef öorfommenben ßibe, fo ber in neuerer Seit auf we- 606 ®ibe$feu , (pi&erbutten nige gälte Befcfjtänftc ©efähtbeeib, bag man glaube, geregte Sache &u haben, bag man eine Sufi ntrf)t oi)ne rechtliche Utfadfe fuefte u. f. w.; ber »on einem SEijeile bem anbern angetragene £aupteib über bie 9 bic£)tigfeit einer ftreitenben 3:£>atfa<±ic ü- delatum); bet »om £ßicf)ter demjenigen, meld)er einen Seweig beinahe geliefert t>at, ober gegen melden ' einSlnfang einegVeweifeg »organbenift, aufjulegenie nott)WenbigcGib (j. necessa- | rium), melier im erften gälte atg Grfülluwggeib benSeweig ergänzt, im legten ben j »orljanbenen Verneig alg 9 t ein i g un g g e i b wieber entfräftet (j. suppletorium ober j. pur- gatorium), n>elcf)er lebte and) im Griminalproceg »orfommt; ferner ber diffeffiong« eib, woburd) nun oerftefjert, eineUrfunbe nicht auggeftcllt, getrieben ober unterfrf)rieben ju haben, unb berSBürberunggeib, bag man ben Staben, melden man burct) ungerechte ^»anblung eineg Slnbern erlitten, auf fo ober fo £)ßd) anfcftlagett muffe u. f. w. die jweite ^auptclajfe bilben bie Gibe, woburd) man etwag Jlünftigcg ju tljun getobt (j. pro- missorium). dat)in gehören bieitrönunggeibe ber 9?egentcn: gerecht juregieren, bie ©efege ju beobachten, SBitwen unb SBaifen ju befeftügen, bem Volte nug ju fein, wie bet beutfefjeJtaifer fcfjwor; ber Untertan en- unb Vürgereib: treu, gehorfam unb untertänig ju fein; berSehngeib: treu, holb unb gegenwärtig ju fein; bie mannigfaltigen Slmtgeibe, welche bie Slmtgpflichten nur augbrüeflid) nennen, nicht aber erft aufle* gen; bie 3 e u g e n c ib e, wenn fie »or ber Grfiattung beg Seugniffeg abgelegt werben, benn nachher abgelegte finb affertorifche; ferner bie juratorifchen Gautionen, bag man irgenb eine Verbinblid)fett, wofür man eigentlich reale Sicherheit (bellen follfc, erfüllen, fich aug einem . beftimmfen Orte nicht entfernen, auf Grfobern fich ftellen wolle u. f. w. Gibe ju unerlaubten Sweden binben nicht unb cnffdjulbigen nicht, wenn fte 5 .58. erzwungen worben ftrtb, ein Verbrechen ju begehen ober ju »erfdjweigcn. Vgl. ©öfchel, „der Gib nach feinem ^rincip, , Vegriff unb ©ebrauch" (Verl. 1837). Über Gibegbrud) f. Steincib. 1 (Sibedjfeit Ober Saurier (Saurii) bilben bie jweite Drbnung in ber Glaffe ber 9tep= , tilien ober Amphibien unb unterfdjeiben ftd) theilg burcf) fefte anatomifche Äennjeichen, 1 theilg fchon burd) äugereg Slnfchen »on Schilbtröten, Schlangen unb gröfchen. Stit Slug* nähme weniger ©attungen »on fchlangenartiger ©eflalt haben alle äugerlid) her»ortretenbe güge, bie, meift »ier, fct>r feiten nur jwei an ber 3af)i, halb mehr jum Saufen, beim Gharnä- leon fogar jum .Klettern, halb jum Schwimmen eingerichtet finb. 3hr faft immer etwag langgeftrecfter itörper ift mit tnodjigen ^Panjern ober mit feljr mannichfach gebilbefen Schuppen unb Schilbern, bei einigen mit einer fdjuppenlofen unb geringelten $aut bebeeft. die gärbung ifl oft fehr lebhaft unb bei einigen, ben Ghamäleonen, einem merfwürbigen SBechfel unterworfen, die Jbötpergröge ift fehr »erfdjieben, inbern einige auglänbifche Sitten bäum jwei Soll in ber Sange mejfen, Ärofobile aber big 24 g. lang gefunben worben finb. SlUe finb mit Sahnen »erfeljen, bie aber nur jum gehalten einer Veute, nicht jurn flauen bienen. Stet fehr wenigen Slugnahmen ernähren fic fich nur aug bem &h* cr reiche; währenb bie tleinern Sitten fich mit Snfeftcn begnügen, finb bie grogen furchtbare 3fau6thicte. Sille j legen Gier, entwicfeln aber bei bem gortpflanjungggefd)äft Weber .Kunfltrieb noch befonbere j gürforge für bie 9tad)fommen. 3n ben füttern Grbgegcnben ift ihre Sahl nicht grog; j deutfchlanb befigt etwa acht Sitten, bie währenb beg SBintcrg in Schlaf »erfüllen, im Sommer aber fehr beweglich unb ganj unfchäblich finb. 3 n Slquatoriallänbern erfcheinen fte hingegen in grogen Stengen unb oon mannichfachfter ©efbaltung. directen Singen jiefyt ber SJIertfrf) nicht »on ihnen, inbern nur rohe Voller bag gleifch gewiffer Sitten, 5 . V. bet Sllli* gatoren, SEeju unb Seguan in Vraftlien, geniegen. dag bie Vorwelt mit gewaltig grogen unb oft fehr abenteuerlich gebilbefen eibechfenartigen Steren bcoötfert gewefen, beweifen bie häufigen »erfleinerten Steffe »on 3 ehth 9 °f auru§ «-f. w., bie man im Surafalf, dolomit unb Siag, in deutfcblanb um Vollingen in SBürfemberg unb S3anj in granfen finbet. ®ibetböttcn heifen bie jarten Srufifebern ber fogenannf en GiberoberGibergang (Anas mollissima). diefet nugbare Schwimm»ogel lebt im hohen Vorben unb hält fich befonberg häufig um S^lanb unb ©rönlanb auf; aud) finbet man ihn auf ben gäröer, ben I Drfabifchen 3nfeln, Vooaja-Semlja unb Spigbergen. Griff über jwei g. lang unb migt mit auggebreiteten glügeln über 3% g.; er brütet im 3ahre breimal unb jwar juerfi gegen ©nbe beg Stonatg 3uni. Um bie Gier unb 3ungen in bem aug ©rag, Stoog u. f. w. ju- ©tbgcnoffeufdjaft ©tgent^tt» 607 fantmengefebten Stefle »or ber .Saite ju bemalen, rupft ftch bie Stutter eine Stenge Gebern au« ber ÜBrujl unb füttert bamif baffelbc fo au«, baf, «enn fit barauf ft|t, man fte felbjt faum fiel)t. Sur SBrutjeit barf in 3«lanb unb SJtormegen bei t>ot>er Strafe feine Giber ge» tobtet «erben. Selten aber fommen fte ba« erfie unb jmcite Stal jum SBrüten, ba if>ren Stcflent um ber Gier unb gebern willen bie SBemohner eifrig nad)fpüren; nur ba« britte ! Stal läft man fte au«brütcn. Sod) gehört ba« Sluffuchen ifjrer Stefler, bie meij! auf fteilen Slippen über bem Steere hängen, ju ben gefaf)r»oIlffen Unternehmungen. Sal)er hat man fttf> bemüht, bie ©iber jum ^auOtbicre ju machen, unb e« ifl folche« auch ‘ n neuerer Seit im , normeg. Stifte Srontheim gelungen. Sie ©röntänber tragen bie .jpaut ber Sunen mit ben gebern al« Unterfleiber auf bem btofen Seibe; 3«länber unb Stormegcr treiben einen febr an» fefjnlichen ^>anbel mit ben gebeut ober Sunen, bie man in Sangbunen ober ©ra«bunen theilt, »on benen bie etflern bei ber Steinigung mehr Stühe machen. Sie brei Stefler, meid« eine Giber jährlich baut, geben ficher$)f. Sunen, bie ftd) freilich burch bie Steinigung auf bie Jpalfte »erminbem. günf SPfunb ber beflen Sunen reichen aber auch hin, um ein gan^c« SBett ju füllen. 3«lunb allein liefert jährlich 2—300 $)f. gereinigte unb 1 500—2000 Sßf. unreine Sunen. SBegen ihrer Jtoflbarfeit «erben bie Sunen häufig »erfälfeht; bie echten ■ erfennt man inbef an ber braunen garbe mit meiflichem Jtern unb baran, baf fte beim Schütteln nicht au«einanberjlieben. ©ibgenoffettfcfiaff, f. Sdtmeij. '©ifel (Eiflia) heift ba« $oef)lanb g«ifd>en Stofel, Sthcin unb Stuhr, in ber preuf. Srooinj Stheinlanb, ba« früher ben ©ifclgau bilbete unb bann jum Grjflifte Syrier ge* horte. Sa« ©ifelgebirge, »eiche« einerfeit« mit ben Slrbennen, auf ber anbern Seite i mit bem $unb«rüif in 33erbinbung fleht, trägt buvchmeg bie Spuren »on geuer* unb SEBaffer* re»olittionen unb erhebt fich im Surchfd)nitt nicht über 14—1600 g. über ba« Steer. Sie Gifel ifl ein unfruchtbarer Banbflrid), bagegen reich an Staturmerfmürbigfeiten, namentlich an erlogenen S3ulfanen, Jleffeltljälern, ®ebirg«feen, Staate genannt, an mincralifchen Duellen, unter benen bie ju 33crtrid) jmifdjen 2rier unb Äoblenj unb ben 33irre«bronner SBrunnen ju ermähnen, fowie an zahlreichen 33erfleinerungen »onSoopfjpten unb Schalthicren, »e«halb fte auch in neuerer Seit für met)re 9taturforfd)er ein ©egenftanb forgfältiger Unter» fud)ungen »ar. Sur Seit ber röm. ^errfchaft fcheint ba« Sanb fehr cultioirt gemefen ju fein, »ie aufgefunbene Senfmalc bemetfen unb in«befonbere ber Umflanb, baf Slgrippa unter Sluguflu« bre grofe ©onfularifche Strafe burch baffelbe bi« nach Jtöln führen lief. 23gl. Schannat, „Eiflia illustrala", nach her lat. $anbfchrift beutfef) bearbeitet »on SBärfch (2 33be., Slawen 1825—29, nebfl Slbbilb.), Steininger, „Sic erlofchenen SSulfane in ber Gifcl unb am 9tieberrl)ein" (Stainj 1820) unbSeffelben „S3emerfungen über bieGifel unb bie Sluoergne" (Stainj 1824), bibbert, „History of the extinct volcanos of the basin of Neuwied" (Gbinb. 1832) unb $arlef, „Sa« Sab ju 33ertrid) im ©rofherjogthum ! Stiebcrrhein" (Jfoblenj 1827). i ©tgenfhtttn (dominium) heift ba«jenige 9?ed>t an einer förperlicfjen Sache, »ermöge ! beffen man jie al« bie feinige au«fcf)lieflich ju gebrauchen unb beliebig barüber ju »erfügen berechtigt ifl. Snfofern e« bemnad) ber Snbegriff aller an einer Sache möglichen Steckte ifl unb fonach auch 2kräufcrung«red)t umfaft, ifl bamit jugleid) bie Stöglid)feit einer 33e» fchränfun^ biefe« Gigenthum«red)t« burd> ben freien SBtllen be« ©igcntf)ümer« gegeben, »orau« auf ber anbern Seite Stetige an fremben Sachen, j. S3. Seroituten, ^Jfanbrechte u. f. ». entgehen, ©in Stiteigcnthum (condominium) ftnbet rechtlich infomeit fiatt, al« mehren ^erfonen gemeinfchaftlich eine Sache nach inteltectuellen ^heilen gehören fann. ©egen ben btofcnSeftjj (f. b.) grenjt geh ba« Gigenthum naturrechtlich burch ben au«* brücfticken fetbjtbcmuften SEBülen eine« bleibenben fßcrhältniffe« »on ^Jerfon jur Sa^e ab, ba ber blofe SSeft^ biefe« SBillen« ober bod) be« Stecht« baju entbehren fann. Sa« pofitioc j Stecht gilt nach nähern SSeftimmungen fomol hinfichtlid) be« 6r»erb« be« Gigenthum« al« auch h' n Wtlid) ber SBirfungen be« leftern im ©egenfafe ju benen be« SSegfe«. 3n«bcfon» | bete gehört bal)in bie SSer j ä h r u n g (f. b.). Sie au« bem Gigenthum fliefenbe Jtlage, «o» ‘ burch man feine Sache bei jebem S3efl|er berfelben in Slnfprucf) nehmen fann, helft bie SSinbication (f.b.). 608 ©ileitbutg ©ttibilbungöfrftff ©ileitbutg, baS al(c 3 Iburg, eine Stabt im9fegicrungSbe$ir{fIRerfeburg ber preuf. ^)ro»inj ©aebfen, an bet SJiulbe, mit einem Schlöffe, bat etwa 5600 6. unb einige anfefyn» liebe Fabriken. 6. roirb bereit» im 10. 3abrb- ermähnt unb mar bantale ber Si| einer ©raf» fdjaft, mal jeboeb nicht aufer allen 3meifel geftcllt ift. 3nt 3- * 009 kam eS an bic ©rafen »on SEBettin, 1184 an bie Jperjoge »on ©aebfen, 1370 an Söbmen unb 1394, naebbem eS 1386 abgebrannt morben mar, bureb Äauf an bie ÜJtarfgrafcn »on Steifen. Sgl. ©imon, „ßitenburgifebe 6b ron '^' (8pö- 1 "23, 3.). ©ilfctt, ein fleiner Ort im gürftenfbum Scbaumburg = £ippe, 293 über bem SJteere, beft^t elf Stineralquellen, »on benett ber ©eorgenbrunnen, baö Sulianenbab, ber Slugenbrunnen unb bic neue äöiefenquelle am bäufigften benuft merben. Siefe »ier Ouellcn geboren ,u ben erbigfalinifcfjen Scbmefelquellen unb haben fämmtlicb eine Temperatur »on -f- 9° biä 10° 3t. 3)1 an gebraucht fie als Sab unb als ©etränf; in elfterer gorm mirfen fte fpccifrfcb reijenb unb erregenb auf bie £aut, auf bie ©cbleimbäute, baS Srüfen», £pmpb> unb Senenfpfiem, in leistetet auf bgS ßeber= unb ^Jfortaberfpftcm unb auf ben Sarmkanal, unb leifien baber gegen ebronifetje Übel bee .£>autfpfiemS, hartnäckige, gichtige unb rbeuma» tifebe Sefcbmerben, Stockungen in ben SigeftionSorganen unb in ber Üeber, Sruft»erfcblei= mungen, rf>ronifc£>e Stetalloergiffungen unb Seiben ber ©cfcblecbtS» unb Urinorgane feljr rtfpricflicbe Sienfie. ferner »ermenbet man baS SSaffer 511 ©aS», Sampf» unb Soucbe» bäbern, fomie ben SDtineralfcblamm ju Stoorbäbem. Sie ©inriebtungen ju Untern gehören utit ju ben älteften in Seutfcblanb. Sic Sabeanftalten ftnb oortrcfflicf). Unterfudjt mürben bie Ouellen unb ber Schlamm »on SBurjer unb Su Stenil. Sgl. 3ägcl, „Über baS fcbmefel« haltige Stineralmaffer unb bie Säber ju ©." (Sückcburg 1831) unb $o£$cntbal, „6. unb feine Umgebungen" (ÜJtinben 1831). ©itttbcd, in ber banno». ^roötnj ©öttingen an ber 3lme, bie ehemalige .fjauptftabt beb öürjtentbuml ©rubenbagen, mitetma 5000 ©., barunter etma I00 3uben, ifl »on ihrer frühem Sebeutung febr berabgefunfen. Sie bat jmei proteflantifcbe Stifte, baS SUepauberS» fiift unb baS jur3ungfrau SDtaria, mehre -Riechen, barunter bie 2l(epanberS{ircbc mit ber Segräbnifflätte ber alten -fjerjoge »on ©rubenbagen, eine gelehrte Schule unb mehre am febnlicbe SBobltbätigkcitSanflalten. Samentlicb merben hier »orjüglicbe SBebereien geliefert unb baS alte berühmte eimbeefer Sier bat ficb in feinem Stufe behauptet. 3b r m Urfprung »erbanft bie Stabt ben häufigen SBallfabrten jur bafigen Jtapelle bcS b«l- SSlntS, bie »om ©rafen Stlejranber »on Saffel 1094 jum Stift erhoben mürbe. Sreimillig ergab fleh um bie Stifte beS 13. Sabrb. bie Stabt an ben £er$og »on Sraunfcbmetg. ©inter, f. SJtafe unb ©emiebte. ©inbilbungSfraft beift im Spracbgebraucbe bcS gemöbnlicben SebenS, fomie ber- jenigen pfpcbologifcben Slnftcbten, bie ben einzelnen (Staffen geiftiger $)beinbar an feitierlei ©efefc unb ütegel ftch binbenber Störer eine« regetmäfigen Senfen« unb SBollen«, ber mit unwitt» fürlidEjen Slffoeiationen (f. b.) launenhaft unb abjtchfSlo« fpielf, balb al« ein IQuälgeift, balb al« ein erbeiternber ©eniu«, balb, wie in ben Goncepttonen be« Siebter« unb Äünftler«, ober in ben tieffinnigen Gombinationen be« ^>f>itofop^cn, be« SRathemafifer«, be« Staat«» mann« u. f. w., al« ein höherer ©eifi, ber ungeahnte Steife eröffnet unb in ihnen bewufjtooll herrfcht, fcf>on biefe Plannichfaltigfeit »on Slujjerungen, bie mit ben Functionen feljr oerfd)ie» benartiger anberer Seelenoermögen oft fo nahe jufammengrenjen, baf eine genaue Scheibe» linie ju jiehen ganj unmöglich ift, fann barauf aufmerffam machen, baf bie Sinnahme ber GinbilbungSfeaft al« eine« befonbern Seelenoermögen« nicht« erflärt, weil biefe Grtlärung felbfl wieber eine anbere barüber oorausfeft, warum benn biefe« Sßermögen auf eine fo über* au« oerfcf)iebene SBeife wirte. Fü* eine nüchterne Forfchung, bie über bie Phantafte nicht felbfl wieber phantaflren will, ifi ber allgemeinfle 3ln!nüpfung«pun!t bie St>atfarf>e ber Übe» probuction fchon gehabter SBorflellungen, ohne welche oon einem geifligen geben gar nicht würbe bie Ütebe fein fönnen, welch« aber balb Ooltflänbig, treu, in feflbeflimmter Dtbnung unb ^Reihenfolge erfolgt unb bann bie Phänomene be« ©ebächfniffeS unb ber Grinnerung bejeichnet, ober unoollflänbig, untreu, in neuen, in« Unenbliche hin wechfelnben Üteihen fief) immer anber« gefbaltet unb fßerfnüpfungen ber 23orflellungen herbeifütjrt, benen oielleicht nicht« in ber (Erfahrung entfpricht. Siefe Übeprobuction ifi bie phanfajirenbe, bie in benPfjä» nomenen be« Staunte«, überhaupt in Söerbinbung mit gewiffen förperlichen Suflänben (Fie* bem u. f. w.) ober auch in SRomenten leibenfchaftlicher Slufregung am fenntlichflen unb ftärtflen au« bem 3ufammenhange ber Grfaljrung herau«tritt. Sine anbere weit greifenbe Sbatfacfje ifi, baf bie Übeprobuctionen balb unabfichtlich ftch «egen, balb abjtcf)tlich hetoorge» rufen werben, fct)r häufig aber in ihrem Verläufe eine SJbifchung abfichtticher unb unabftd)t» lieber geifiiger Shäfigfeiten oerrafhen. 3n ber abficf)tlicben Übeprobuction, bie jum Sf)eil probuction neuer Formen unb SSerbinbungen fammt ben ihnen entfprechcnbcn ^Begriffen ifi, oerräth ftch eben bie Söerwanbtfchaft be« Phanfaftren« mit bem füttfilerifchen Schaffen unb bem wiffenfchaftlicf)en Senfen. Sollen nun biefe mannigfaltigen Gtfcheinungen auf einen gemcinfamen GrtlärungSgrunb $urücfgeführf werben, fo liegt er in berübciljenbilbung ber 23orflcllungen überhaupt, in ber SJerwebung biefer übeihen untereinanber, fowie barin, baf neuentfiehenbe Übeihen mit ben fefjon oorhanbenen in mannichfaltige Söethältntffe be« ©egenfa&e« unb berSJerfnüpfung gerathen müffen, woburch fte ftch gegenfeitig entweber un» terbrücEen, ober affocitren unb reprobuciren, überhaupt ftd) nachetnanber richten, gefialten, umformen. Sie ijuunffübrung ber einjelnen Phänomene auf biefen allgemeinen ©runb» gehanten unb bie Übachweifung ber ©efepmäfigfeit, welche in ber fd^einbaren ©efcplofigfett herrfcht, namentlich auch bie Übachweifung ber 33ebingungen einer abftchtlid) reflcctirenbcn Phantafie oerlangt jeboef) fehr ausführliche Unterfuchungen, welche ber SluSführung ber Pf 9 ch ol o g i e (f. b.) überlaffen bleiben müffen. Slufer ben SBcrfen über Pfpchologie unb Slnthropologie ftnb unter ben altern Schriften, bie jeboefj oon ben frühem pfpchologifchen Slnftchten ftd) abhängig jeigen, aber empirifcf) brauchbaren Stoff barbieten, unter anbern ju nennen Pbeifier, „Über bie GinbilbungSfraft unb ihren Ginfhtjj" ( 2 . Slufl., 3ür. 1794 ), SJbaaf, „SSerfuch über bie GinbilbungSfraft" ( 2 . Slufl., #alle 1797) unb Siebemann, ,,Un» terfudjungen über ben SJtenfchen" (3 S5be., gpj. 1777 ). ©infaefcheit unb ©infalt. Gin f a ch ifi, was feine ober nur wenig SScflanbtheile hat, ober wa« freh auf ba« SBefentliche befdhränft, baher fo oiel al« fchmucflo«, ober enblich, Wöbet feineäufammenfepung unb feineSSermifd)ung mitSlnberm jlattfinbet ober wenigflen« ftch wahrnehmen läf t, unb in biefent Sinne fpridjt man oon G i n f a ch h«i 1 ober S i m p l i • cit ät eine« ©egenfianbe«. Ginfa 11 ift urfprüngtich mit Ginfachheit gleichbebeutenb•> hoch Gon#.* 8 er. Steunte 2CufT. IV. 39 610 dinfattwtttfel dtttgetoeibe gebraucht man biefe? SBort fottsol im lobenben al? im tabelnben Sinne. Unter dinfalt be? 23erjianbe? »erfleht man eine S3efcf)tänftf)eit beffetben, bit entweber angeboren ober au? .Kranfheit unb SDlangel an Übung entfianben ober enb(id)Solge ber Unmünbtgfeit ifi. 9)1 ora« lifrfje dinfalt (egt man bem SJlanne ftf)Iic()fen $erjen? unb einfacher Sitte bei, unb ift bafjer bie dinfalt be? öperjen? unb ber Sitten unter unoerborbenen 50tenfd)en fiet? ein hohe? 2ob. 2Der einfältigen SJetfianbe? ifl, fann nid)t nad) weitau?fcf)enben unb oerwicfelten 9lbftd)ten banbeln; wer einfältigen .öerjen? ifi, will e? nicht. 33er Stimme feine? ©emiffen? folgcnb, flügelt er nicht über feine Pflichten, er übt fie au?, unbefümmert um ben ©runb berfelben. Sein geben ifl naturgemäß frei oon gupu? unb Ziererei, e? jeid^net ftdt> au? burch eine Über« einjlimmung ber ©eftnnungen unb Jpanblungen, welche alle entfernte eigennüfcige Sieben* ab|Td)ten au?fd)licft, we?halb biefe dinfalt be? ^perjen? bem SBcltflugen off a(? dinfalt be? S3erfianbc? erfcheinf. 33er dinfättige ifl bem ©ewanbten, pfiffigen, Söcrfrfjmigten u. f. w. entgegengefegf. 33er moralifd) dinfättige gewinnt burch 2iebcn?würbigfett, aber ohne e? $u wollen, unb nähert fid) ber unoerborbenen Äinblid)feit. 33er dharafter ber dinfalt ifi 91 ai* oetät(f.b.), bie fiet? mit ber Unfdjulb oerloren gel)t. 33ie dflf)etifchedinfachheit be« fiel)* im funfilofen Sufammenflimmen aller einzelnen Sheile eine? Jtunfiwerf? jum ©anjen. 9Ule SDlittel oerfd)mäf)enb, wobutch eine fiete 9lücfftd)t auf ba? ©efallen bie Slufmcrffamfeit an fich ju reifen fud)t, nie frentben Slnfoberungen gehordjenb, nod) bem Scitgeifi fröhnenb, fpridjt bie äjlfjetifche dinfait ihre innerfie Seele anfpruchlo? au?. Sie gibt nie mehr al? ber Sweä febert; ihre Äunfimittel finb bie einfachftcn; ihre Slnorbnung unb 93erbinbung ift bie natürliche unb faflichfie; nie fud)t fteS3eifall aufSlebenwegen; fie ifi fern oon allem ©efud)* ten, allem $)ruttf unb aller Überlabung. Sie ifi nicht reich unb bienbet nicht» aber fte ifi ftd)er, tüchtig, wahr unb innig. 3h r ©ang ifl ein geraber, fefler ©ang junt Siele; überall jeigt fid) eine gewiffe finbltche Slufrichtigfeit. Sind) oon ihr fann man fagen, baf fie mit ber Ünfchulb oerloren gehe, betttt bei ben 91cuern ifi fie erworben ober fünfilicf), bei ben Sitten war fie un* roiUfürlid); fäjon ben Stömern würbe e? fdjWercr, biefen ©eifl ihren SBcrfcn einjubauchcn. Übrigen? barf man bie dinfalt nicht mit dinförmigfeit oerwechfeln, weld)e in ber 9lh n * lichfeit ber ä£t{>eire eine? 33inge? in ^)infi'cht ihrer gönn befleiß. dinfattWtnW heift in ber Söaffeniehrc berSßiitfel, unter welchem cineabgefchoffene .Kugel ben drbboben trifft. 3)ie Theorie nimmt ihn hoppelt fo grof an al? ben Slichtung?« winfcl, unb ben SBinfel, unter welchem bie .Kugel abpraUt unb weiter geht (ben Slbprallwin* fei), unb wieber boppelt fo grof, al? ben oorangegangenen dinfallwinfcl. 33ie drfahrung wtberlegt aber häufig biefe S£t)eorie un & reief) an Slnomalicn. ditt« Uttb SluSfuljt. Unter dinfuh r oerftef)t man alle? 3)a?, wa? ein 2$otf ober ein Staat an SBaareit unb ^>anbel?artifeln oon bem attbern ober au? bem Sluelanbe bejiefjt, unter 91 u ? f u h r 33a?, wa? in folcher SBcife oerführt wirb. (S. 33 e u t f d) e r .£> a n b e l.) 9lu?« unb dinfuhr befiimmen fid) nach ben $)robucten unb bem Sufianbc ber Snbuftrie eine? 2an* be?, bem^3rohibitiofpfieme (f.b.), ba? burch din* fowie 9lu?fuhroer bote (f. b.) bet 2anbe?probucfe unb anberer SBaaren, burch Solle (f. b.) unb 9lu?fuf) rprämieit (f. b.) bieSewerbe unb ben $anbel förbevn ju fönnen meint, ficht hier ba? Spfiem ber $an« b e l ? fr e i h e 1 1 (f. b.) entgegen. dingelegt nennt man ein in ein gtöfere? Stonwerf, namentlich eine-Dper, eingefügte? Stücf, ba? ein fcfjon üorhanbene?, unjulängliche? erfe(jen, ober einer Dlolle ober Situation mehr S3ebeutung geben foll. 3)af ba? eingelegte Stücf bem dharafter be? ©anjen unb ber einzelnen Slolle cntfprechen müffe, follte fich 00,1 feU>Ü »erflehen, leiber aber ifi e? nteifi nur ein fParabefiücf eine? Sänger?, ba? oft mit bem Stile be? ©anjen in grellem SBibcrfprucf) fleht, oft nicht einmal in bie Scenenfolge paft. dingeWeibe nennt man im gewöhnlichen geben biejenigen Organe be? menfchlid)en unb thierifä)en .Körper?, welche in feinen brei gröften fohlen, in ber Sd)äbel •, ber 95rufi« unb berUnterleib?höhle, liegen. Jpier^u gehören ba? @ef)itn mtfbemSlücfcnmarfe, ba?^)ctj, bie gungen, bie gebet, bie SfRilj, ber SRagen mit bem 33armfanal, bieSlieren mit bem ganzen urinabfonbernben Slpparat unb eine grofe SOlenge benannter unb unbenanntcr 33rüfcn, bei bem weiblichen @efchled)t noch auferbent bit ©ebärmutter mit ben dierfiöcfcn. 33iefe 33enrti« tion genügt allerbing? einer firengern SBiffenfdjaftlichfeit in^inficht auf bie dingeweibeiehre @{ttl>at& ©infielt 611 ober ©ptattc^notoQie nicht völlig, ireil biefe ßefjre als ein SlfjeU bet 31 na tont ie (f. b.) nit^t allein bie SJefjanblung beS©ehirnS unb SlücfenmarfS, fowie beS-fperjenS, welche alsGentral* punfte beS9?er»en* unb ©efäfjfpflemS betrachtet Serben, ber9ter»en* unb ©efäflehre überweifl, fonbern auch &ie Sehanblung einer SRenge Drgane, bie außerhalb jener genannten fohlen liegen, »ie ber Sinnesorgane, ber äußern ©efchlechtstheile unb aller Drüfen ftch felbfi »in* bicirt. Von biefent, bem Stanbpunfte ber Splancf)nologte, auS betrachtet, würben Ginge* Weibe bie in einjelnen Abteilungen beS äiörperS jerfireut liegenben, jufammengefepten, für befonbere Verrichtungen beS JtörperS ober ber Seele befiimmten Drgane ju nennen fein. ©iitgettetbettmtmep, f. Gntojoen. ©ittfiatb ober Gginfjarb, befannt inSbefonbere als Siograph ifarl beS ©roßen, »on ©eburt ein Deutfcher, geb. in ben lepten Sahren ber ^Regierung ^ipin’S ober in ben er* flen Jfart beS ©rof en, farn fet>r jung an ben $of beS Septem, wo er ben Unterricht beS 211 c u i* n u S (f. b.) genoß. Durch feine Salente unb Äenntniffe erwarb er fich bie ©unfi beS äfaiferS, ber ihn nicht nur $u feinem ©eheimfchreiber unb $unt Dberauffeher ber öffentlichen Sauten ernannte, fonbern auch feine Tochter ©mma jur©emahlin gegeben haben foll. Unter bie »on ihm, wenn auch nicht begonnenen, bodj groß tentheilS ausgeführten Sauten gehören bie Srücfe ju SRainj, bie faiferlichen §>faljen ju Sngelheim unb Aachen unb bie Safilifa in ber leptern Stabt. Gr war ber ftctc Scglciter beS ÄaiferS auf allen feinen Bügen unb Steifen, unb nur einmal trennte er ftch oon ihm, als er 806 int faiferlichen Aufträge ftch J u ^Papfl Sco begab. Stach bem SEobe Jfarl beS ©roßen gefiel er ftch nicht mehr in bem ©eräufdje am #ofe Sub* wig’S, obfehon er »on biefem mit gleichem Vertrauen beehrt würbe. Daher erbat er fich w>n bemfetben bie einfant im Dbenwalb gelegene Villa SRühlheim, wohin er fich mit feiner ®e* mahlin wenbete. Später erbaute er bafelbfi ein Jflofler nach ber 9*09*1 beS heil- Senebict, Seligenfiabt genannt (tm ©roßfjerjogthum Reffen), in bas er felbfi, nachbem er mit feiner ©emahlitt baS Abfommen getroffen, fie nur als Schwerer $u betrachten, als SDtönch eintrat, unb in welchem er am 25. 3uü 844 fiarb unb nebft feiner ©emahlin, bie 836 ftarb, begra* ben würbe, ©egenwärftg finb beibe Särge in ber itapelle int Schlöffe Grbach aufgefiellf. Seine „Vita Karoli Magni", bie eigentlich wehr ein ^anegprifuS ifl, fdt>rteb er furj nach beS JfaiferS SEobe, unb wenigfienS »or bem 3. 820. Sie würbe im SRittelalter als Schulbuch benupf unb beShalb unenblidf) oft abgefchriebett. Die beften Ausgaben beforgten Schmincfe (Utr. 1711, 4.) unb fßerp in ben „Monumenta germ. hist.'' (Sb. 2 ) unb Sbeler (2 Sbe., -£antb. 1839); ins Deutfche würbe fie überfept »on Äunifcf) in Stebow’S „Äarl ber ©roße" (Altona 1814). Seine „Annales regum Francorum, Pippini, Karoli Magni, Lutlowici Pii ab a. Chr. 741 ad a. 829", bie burch fpätere Bufäpe »ielfach enfflellt finb, würben am beflen ebenfalls »on^Jerp in ben „Monumenta germ. hist." (Sb. 1) herausgegeben. Außer* bem haben wir »on ihm noch „Epistolae", 62 an ber 3al)l, abgebrueft in ben Santmlun* gen »on Souquef unb DucheSne unb in SBeinfen’S „Eginhardus vindicatus" (ffranff. 1714, gol.), bie für bie Gefehlte feines BeitalterS nicht unwichtige Seiträge enthalten. ©inheit bejetchnet theilS baS ©lement berBahh bie numerifdtje Ginheit beS ©egen* ftanbeö (j. S. bie Ginheit ®otteS, im ©egenfap beS $)olptheiSmuS), %itS bie Übcreinftim* mung eines jufammengefepten ©anjen. Die logifcheGtnheitifi Übereinfiimmung ber ©ebanfen. So rebet man »on Ginheit beS Segrip, b. h- »on ber Bufantmenfiimmung fei« ner SRerfmale in ber ©efammtöorfiellung, biäöer Segriff bejeichnet, »on ber Ginheit eines SpfiemS u. f. w. Die äfthetifche Ginheit ifl bie Übereinfiimmung ber Steile eines SBerfS, b.h-ih r * wechfelfeitige Seflimmung burcf)einanber ju einem eben burch biefeS gegen* feitige Verhältnis feiner SEh e 'l* gefallenben® anjen. Dbaber beShalb bie Anftöht ber Saum* garten’fchen Schule, baß überhaupt in Ginheit beS 9Rannid)faltigen bie Schönheit befiehe, crfcf)öpfenb fei, ifl eine anbete Stage; WenigfienS ifl unmittelbar beutlich, baff nicht jebebelie» bige Vereinigung eines SRannichfaltigen fchön fei. (S. Schön.) — Ginheit, als biejenige Gigenfcfjaft eines JfttnfiwerfS, »ermöge welcher alle Slfjeile beplben Bufammenhang unter fich wie mit ber ©runbibee beS ©anjen haben, bie innere Voth»enbig?eit ber Gh ara f f * re unb ber ^anbtung, wie ber gorm unb beS SnfjaltS, barf feinem Jfunfiwcrfe fehlen. Da* gegen hat bie ßet)re ber Alfen »on ben brei bramatifchen Ginbeiten 51 t »ielerlei 9RiS»erflänb* niffen Anlaß gegeben, inbem befonberS bie franj. Aflbetifet »om Drama außer bet Ginheit 612 (gtttljottt ©ittfönttttett ber $anbtung, btc ftch »om Sratna toic »on jebcm poetifcf)en .ffunflwerfe »on felbfi »erfleht, auch btc ginf)eit ber Seit unb bei Srtl fobertcn, ohne ju bebenfen, baf, infoweif bie mitten btc ginlfeit bcr Seit uttb bei Drtl in ihren ©ramen beobachteten, btel »on ber ginrichtung ihrer Sühne abhängig war. Slber felbfi bie Sitten beobachteten biefe Sieget nicht immer; in ben „gutneniben" unb im „Sljae" wirb bie Scene »eränbert; in ben „£racf)inierinnen" muf man ftch »orflellen, baf bie Seereife »on j£heffalien nadf guböa breimal »ollbracf)t wirb, unb in ben „Schufgenofftnnen" geht toährenb einel einzigen gljorgefangl ein ganjer gelbjug »on 3 ltt>en nach ^heben »or. ©ie gegenwärtige beweglichere Sühneneinrichtung ertaubt, Wenn auch nicht jum Sortfieil ber plaflifcljen Stbrunbung, bodj gewif jtt ©unfien einer grünbtichern pfpchologifcljen ©ntwicfelung unb mannichfattigern gfjarafteriflif ein freierel Spiel mit Drt unb Seit, wobei nur bie jtt bunte SBillfür, wie fte 5. S. in ber ©per getrieben wirb, »erwerflich erfcheint. Dh ne h* n >fl bie ßinheit ber Seit felbfi bei ben franj. clafftfchen SEragifern btol fcheinbar, unb wenn nur bie innere geifiige ginheit, wie wir fte »on jebetn jfunflwerfe »erlangen, fcfigehalten ifi, fo wirb uni bie Sorfülwung ganjer Sebenlab« fchnitfe auf ber Sühne ebenfo glaublich bünfen, all eine^tanblung, welche ben ohnehin jwet- felhaften Stnfpruch macht, nicht länger ju bauern all ber £f)eaterabenb felbfi, an welchem fte bem publicum »orgeführt wirb. ©ilthortu ©er ©laube an bal Sorhanbenfeitt einel Shierl oon ^ 3 ferbegefialt, welche! auf ber SJlitfe ber Stirn ein gerabel fpifel ^»orn all mächtige unb gefährliche SBaffe trägt, ifi fehr alt unb weitverbreitet, benn Slrijlofclel, $>timul unb Sllian wiffen »on btefem ©efdföpfe Siele! ju berichten, obgleich fte befennett, baffetbe niemall felbfi gefchen ju haben. Sil! fein Saterlanb wirb halb Snbien halb Slfrifa angegeben. Siachbent man bal ginhorn unter bie fabelhaften SEhtere oerwiefen, haben ftch in neuern Seiten boch wieber Stimmen tu ©unfien feiner gpifienj erhoben, inbem Sfeifenbe, bie »om gap, unb anberc, bie oon Siubien her nach dem 3nncrn Slfrifal »orjubringen »erfaßten, unter ben gingeborenen weit »onein- anber entfernter Sänber biefelbe Sage antrafen, ober wol auch Zeichnungen bei Shierl an gellwänben u. f. w. entbeeften. ©a bal Sorfontmen einel Säugthier! mit einem cinjigen wirflichen $orn aul anatomifchen ©rünben nicht wahrfcheinlich ifi, übrigen! feit jwei 3af)r- taufenden Siiemanb bal ginhorn wirflich fah, fo wirb wol bie alte Slnftcht bie richfigfie fein, baf bie gabel nur burch ©ntbeefung von Zeichnungen entflanb, burdf welche rohe gingeborene gewtffe gerabhörnige Slntilopen »orjuflellen »erfucht hatten, bie im profil unb ohne alle Äenntnif ber $)erfpecti»e hingejeicfjnet, nothwenbig eitthörntg erfcheinen muffen. — ginhorn (licorne) helfen auch bie J^aubifen in ber ruff. Slrtillerie, bie ftch »on andern ba- burch unterfcheiben, baf fte 10—12 .Kaliber langftnb unb eine abgerundete fegeiförmige .Kammer h a & en - ®ie ruff. gelbartillerie führt viertel - uttb halbpubige ginhörner; bie le&tern fiimmen mit ben jehnpfünbigen, bie erfiern mit ben ftebenpfünbigen jicmlich überein. ©infommett l)eift b*e ©efammtfumme ©effen, Wal Sernanb in einem befiimmten Seifraume aul feinem fachlichen ober perfönlichen Sermögen, nach Slbjug bei jum Scjuge bei ginfommen! erfoberlichen Slufwanbel, erwirbt unb wal thm nun jur Slnfammlung ober Slnlegung in bleibcnben Seftbthümern, alfo jum Übergang in fachliche! Sermögen ober jur Serwenbung unb jum Verbrauch (gonfumtion) bereif fleht. Unter bem perfönlichen Sermögen wirb bie in STfjätigfcit gefeffe Setrteblfähigfeit »erfianben, unb bal ginfommen fann auch ju ihrer Sermehrung »erwenbet werben. ®al fachliche Sermögen fann fowol in eigenen all in fremben ^änben, j. S. bei Slulleiljung, Sermiethung unb Serpachtung, für feinen gigenthümer bal ginfommen begrünben. Sofern bal ginfommen bie ©efammtfumme aller belfallftgen Sejüge einel Snbioibuuml umfaft, unfcrfcheibet man el »om getragener ftch nur au f ügcnb ein fpectellel ©ut ober ©efchäft bejieht, unb fofern ber 2lb- jug belauf bie grwerbung Serwenbeten erfolgt, »on ber ginn ah me, bei ber jener Slb- jug nicht flattfinbet. Sei Serechnung bei ginfommen! wirb immer in 2 tnfd£)lag ju bringen fein, ob el lebiglich aul Früchten eine! fortwirfenben unb un»erntinberten Stammöermögenl befleht, ober ob bal gapital, wie langfam immer, bei Sejieljung bei ginfommen! allmälig mit »erjehrt Wirb, ^»ierfommt el barauf an, baf bal ginfommen im Serhältnif ju bem Sermögen, aul bem el flieft, fo grof fei, baf ftch c * n Überfehuf anfammeln läft, ber bal allmälig »erjehrfe gapital wieber barflellt ober el reprobucirt. Streitig ifi el, ob bei Serech- ©infommettjfeuet 613 «ung be« ©infommen« bet notf)Wenbige 2ebengunterf)alt, ber bann wieber nach ben (Staffeu ber ©efellfdjaft al« ein flanbeSmäßig Betriebener betrautet werben müßte, ba ber große Kaufmann nicht wie brr Tagelöhner leben fann, in Slbjug ju bringen fei, unb man hat bes* fall« swifefjen einem rofyen unb einem reinen ©infommen unterrieben, wätwenb man auch Wot ba« rot>e ©infommen mit ber ©innaljme Bermechfelt hat. ®ie ©efammtfumme be« ©in* tommen« alter einzelnen Haushaltungen im 23olf, unter Hinzurechnung 35effen, wa« bem Staate unmittelbar juwächfl, bilbet ba« Stationaleinfommen; wa« bie Stegierung ju Sefireüung ber öffentlichen Sluggaben bejie£>t, ba«©faaf«einfommen. ©infommettfieuer. 6« ißt ein allgemein anerfannfer ©ag: Sebe« SRitglieb ber ©efellfchaft foü im S8ert)ältniß ju feinen .Kräften ju bereit Slufwanb beitragen, unb wenn man aud) zuweilen an feine ©feile ben anbern ju fegen anriett): Seber foll nad) SRaßgabe feine« Slntheil« an ben Süorttjeilen ber ©efellfchaft beitragen, fo fieljf boef) tljeil« bem legt ein bie ©chwierigfeit ber ©rmittelung entgegen, t^eil« bürfteSSeibe« in ber Siegel wenigftenö an* näherungSweife jufammenfallen. Stach obigem ©age betrachtet man e« allerbing« al« bie rechtliche Stichtfdjnur ber Sefieuerung, bie ©feuern nach 2Serl)ältniß be« ©infommen« zu »er« theilen, unb e« müßte fomit jebe ©teuer eine Ginfommenfieuer fein. 3war läßt (ich Sem entgegenfieUett, baß jener ©ag »ielmehr eine SSermögenSfieuer rechtfertige unb baß e« ben ©taat nicht präjubiciren bürfe, wenn Semanb au« feinem SSermögen bei fchlechter SBirtfj» fchaft nur ein geringe« ©infommen jief)t. Snbeß bie ©teuer foll boef) nicht ba« SSermögen fclbfl angreifen, fonbern nur feine grüd)te in Slnfprud) nehmen, bie eben ba« Gintommen hüben, unb bie Ginfommenfieuer fann allerbing« fo gefialtet werben, baß fte ftd) nicht an ba« wirtliche ©infommen binbet, fonbern Bon bem bei oernünftigem SSerfatjren oorauöjufegen* ben natürlichen ©infommen au« einem befiimmten SSermögen au«gel)t. Slber auch wenn man »on bem ©age au«geht, baß ba« ©teuerfpfiem barauf gerichtet fein müffe, bie Pflichtigen nach S3erhältniß if)re« ©infommen« zu treffen, fo erwädjfi wieber bie grage, ob ba« auf bem SBcge einer birecten ©rmittelung biefe« ©infommen« unb SSelegung bejfelben mit einer ein* jigen, ben gefamntten ©teuerbetrag umfaffenben Slbgabe erfolgen fönne unb folle. SerSbea* i li«mu« entfefjeibet ftef) leicht baljin, wer bie SSirflichfeit in« Sluge faßt, muß ba»on abfeßen. ' 6« muß oorau« bemerft werben, baß, wenn man alle ©feuern in eine einzige Berwanbeln, j ja eigentlich, ba nach benfelben Principien auch bie meiflen Stegalien in SBegfall fommen I müffen, fo ziemlich ben ganzen ©taatSbebarf burd) eine einzige ©teuer beefen wollte, biefe ©teuer eine fe^r hohe, fegr merfliche werben unb jebe Ungleichheit in ihrer SSerfhetlung einen fehr fühlbaren Srucf bewirten müßte. 6« müßte alfo, wie auch bie ganze ©onfequenj be« Princip« erfobert, fehr genau bei ihr genommen werben, ©iner genauen ©rmittelung be« inbiBibuellen ©infommen« flehen nun aber unfere fünftlid)en unb Berflochtenen SSerhältniffe, unfer ©elb * unb ©rebitwefen, bie gegenfeitigen SSerwtcfelungen ber ©efchäft«leute, ber pri* Bäte ©harafter unfer« £eben« unb SSSirthfdjaften« Bielfad) entgegen. Sticht blo« bie abfdjä* genben SBefjörben finb 3trtf)ümcrn unb S3erfud)ungen auSgefegt; bie Slbjufdjägenben wiber* fireben ber Bollen ©ntfd)leierung ihrer SSerhältniffe; fef)r SSiele im SSolfe ftnb auch gar nicht i im ©tanbe, if>r reine« ©infommen jemal« richtig }ti berechnen; fiefennen e« felbfl nicht; bann ber befiänbige SBechfel befonber« in ben SSerhältniffen ber mittlern unb niebetn ©e> werbtreibenben, ber, wie oft unb naf>e man auch bie Termine fegen möchte, bod) bie ©cf)d* gung Bon heute in acht Sagen fd)on ungenau macht; bie großen «Schwierigeeiten, welche bie ©rebitBerf)ältniffe in ihren Bielfachen formen barbieten; enblicf) bie unBermeibliche ©e* j fahr, baß ber 3teblid)e unb ©infid)tSBolle bei biefer Ginrichtung ben Unreblichen unb Seicht* j finnigen mit übertragen muß: ba« Sille« hat noch immer ben ©ebanfett einer einigen birecten Ginfommenfteucr al« einen unausführbaren erfdtjeinen laffen. Sluch jeigt bie Grfaf)rung, baß, je weiter bie SSerfaffungen ben ©inn für perfönliche Freiheit unb ba« politifdje Stecht Berbreiten, befio fchwicriget e« wirb, birecte ©teuern in einiger SluSbeßnung ju erhalten, i Sluch au« biefent ©runbe finb in ©nglanb bie inbirecten ©feuern meßr unb mehr in ben SSorgtunb getreten, mäljrenb bie in neuefler Seit, neben ben befiefienben Slbgaben, noch fut ba« außerorbentlicfje S3ebürfniß eingeführte Ginfommenfieuer fo gefialtet werben mußte, baß fte h«uptfäd)lich bie t>ö^ern ©laffen trifft. 3« Slmerifa aber ifi e« fafl unmöglich, birecte ©ttuetn ju halten; ba« bortige SSolf hat ben entfchiebenflen SBibetwilien gegen jtc. SUler* 614 ©ittfortt ©ittlögcttt bingS fall baS ©infontmen nach feinem Verhaltniffe getroffen werben; aber ei fott baS ge* fetjefjen, inbem man mef)rarfige ©feuern begrünbef, welche ftd) an beffimmfe, leicht erfenn* bare, äujjere Objecte Ratten, aus benen ftef) ein fidlerer ©dffuff auf baS ©infommen itjre« VcfffcerS jiefjen (äff. Sitte ©feuern fotten ©infommenffeuern fein, gang befonberS aucf> bie inbirccfen, bie, wenn fie richtig berechnet ftnb, baS Verljältniff beS ©infommenS »iel genauer treffen, als irgenb eine Slbfd)ä|ung ei »ermödjte. Unterliegen nun auch bie VorauSfe|ungen, »on benen bie bloS an beffimmte äuffere Objecte ffch haltenben, gum 2f) ciI mc ^ r au f bcn 6 » trag als auf baS ©infommen gerichteten ©feuern auSgeljen, manchen Errungen, fo läfft ftcl> bod) tfjeilS auch fffer öicl leister unb ftcEjercr burdE) »erbefferte 6 inrid£)tungen bem Übel ab* Reifen, tfjeilS fann jebe einjelne ©teuer fo niebrig gehalten »erben, baff eine Ungleichheit »e* nigffenS niemals brücEenb »erben fann, unb ber »on ber einen ©teuer gu hoch ^Betroffene mag bafür »on ber anbern weniger berührt »erben. Sie in neuern Setten zuweilen gur Sprache gefommene progrefff»e ©infommenfteuer beruht auf einer mit ber ©röffe beS ©in* fommenS gunehmenben Seffeuerung, fobafi baS groffe ©apttal nidEjt bloß in bem Verhält* niffe, in bem eS gröffer iff, fonbern in einem ffeigenben Verhältniffe höher befieuert »i>b. SiefeS ©pffern ift ungerecht, artet in »erfchleierfe ©üteroertheilung aus unb »erminbert, wenigffenS in ber auSgebehnfen Slnwenbung, bie feine Slnhänger im ©inne haben, ben Sin* reij gur ©rwerbung grofjer ©apifale. StucE) richtet man in Setreff feiner ßinfräglid£)feit ßrwartungen barauf, btc nur aus Unfennfniff beS »»fliehen SebenS unb ber bei alten 8 uruS* fteuern gemachten ©rfahrungen her»orgehen fönnen. 6 S würbe ßtngelne brüefen, bem ©an* gen wenig einbringen unb ben Vorteil burdE) SUactjtheile auf anbern ©eiten überwiegen. ©infortt ober $J3eferSforn (Triticum monococcum) tfl eine SBeijenarf, bie feinen fo guten Soben als ber Sinfel »erlangt, nicht fei)» empffnbtid) gegen bie SBitterung iff unb als SBinter* unb ©ommerfrucht gebaut »erben fann. Sie entljülffen .Hörner liefern ein ffhöneS gelbes Vtefff. ©inlagcrtt ober © i n r e i t e n war ein alfbeutffher 9led)fSgebrauch, nach v»etdhem bei einer übernommenen Verpflichtung, im Satt biefelbe nicht gehalten würbe, gewiffe $)erfoncn ffch auf erfolgte fogenannte ©inmahnung an einen beffimmten Drt in ©ewahrfam begaben unb hier, bis gur wirftidjen ©rfüllung ber bebungenen Verpflichtung ober bis gur ©rlebigung burdE) ein anberweitigeS Slbfontmen, gleidffam bie ©teile eines ^fanbeS (pignus personale) »ertraten. Siefer ©ebrauch, bet oft fälfdffid) mit ber gewöhnlichen, »icl altern ©eifelffhaft »erwechfelt wirb, läfft ffdE) bis in baS 13.3af)rh. hinauf urfunblich nadEjweifen unb würbe im 14. unb 15. Sahrh- fef)t allgemein unb jwar nicht bloS, wo eS auf ©tcherffettung eines ©elb» ober ©üterbefffceS ober auf bie ^Bewahrung eines an»ertraufen ©egenffanbeS anfant, fon* bem aud) bei Verträgen ber »erfdffebenffen Slrt. Sie $)erfoncn, welche ffch gum ©inlager »erffhrieben, waren entweber bie urfprünglidE) Verpflichteten fetbff, ober ihre SBürgen, ober audE) Seibe; gürffen pflegten ffdE) nur gegen ihren DberlehnSherrn, gegen ©eiffliche, gegen ihre Sanbffänbe, feltener jeboch gegen ihres ©leichen perfönlich gu »erfchreiben 5 bei ©eifflidjen aber befradhtefe man frühzeitig baS perfönlidje ©inlager als mit ihrer ÜBürbe unöerträglich, unb eS trafen baher bie Sürgen für ffe ein, beren 3at)l, je nach öer SBicfffigfeit ber ©ache ober nad) bem ©tanbe ber Verpflichteten, immer fehr »erfchieben war. Ser »ertragSmäffig beffintmte Ort, an welchem baS ©inlager gefchehen fottte, war nicht eine 33urg, »eil bieS bie perfönlid)e Freiheit beS ©inlagernben gefäf>rbet haben würbe, fonbern eine ©tabt ober ein glecfen, unb oft warb fogar eine Verberge ober ein ©affhauS barin auSbrücflid) »orgefchrie* ben. Äam e'S gum wirflichen ©inlager, welches man Seiffung nannte, fo mufften bie ©inge* mahnten ober, wenn folcheS geffattet war, beren ©tettöerfrefer bei ©träfe ber ©hrloffgfeit mit einer feffgefefcten üftannfefjaft am beffimmten Drte etnreiten unb bort, im Übrigen in ihrer Freiheit unbefchränft, auf eigene ober, wenn eS SBürgen waren, auf .Hoffen beS Ver* pflichteten gehren. Siefe fofffpielige Sehrung aber unb bie VtiSbräudf)e, »eiche bamif getrieben würben, trugen mehr noch «1$ bie ©inführung beS biefem ©ebraucf)e abholben röm. | SfecfffS bagu bei, baS ßtnlager attmälig in Slbnahme gu bringen. 3n einer faiferlichen Ver- | orbnung»on 1548 warb baS©inlagerred)t (jus obstagii) gwar im Sangen noch aner* fannt, jeboch bie 2 Jtaf)nung in frembe Sänbcr »erboten, dfaifer SRapimilian II. fegte 1574 für feine böhnt. Sanbe feff, wie »iel höd)ffenS bei einem ©inlager »ergehrt werben bürfe, unb ©inquatfieruttg 615 halb barauf würbe in bem 3leid)labfd)iebe ju Sranffurf öon 1577 bie Seijiung ööllig auf* gehoben. ®orf) öermodjfe auch biefel Slekhlgefeg nicf)t fogleicf) bie gänjlid)e Abfd)affung jeneö alten Sraud)l ju bewirfen, öielmehr bauerte berfelbe in öielen ©egenben nod) bil junt ®reifigjähtigen .Kriege fort, unb in^olfletn bat erftd) fogar bi« auf bie neuere Seit erhalten. dinquartieruna (metata bellica) ifl einer öon ben ©egenftdnben bei öffentlichen Slechtl, bem bie neuefle Seit eine ganj oeränberteSlichtung gegeben hat. ®al ältere Staats» recht nahm ben Sag an, baf el jur Schulbigfeit bec Unterthanen gehöre, ben im Solbe bei Sanbelgerrn fletjenben Äriegöleufen auf 5Dlärfd)en unb in SBinterquartieren ®ad) unb Sach ju geben. 3n Sranfreid) erfchien barüber unter Subwig XII. 1514 eine umfaffenbe Ser» otbnung. 333äl)renb ber SReöolution aber würbe burch bal ©efeg oom 8 . 3uli 1791 biefe Serbinblid)feit ber Staatlbürger in Anfegung ber jlehonben Sefagungen ganj aufgehoben unb in Anfehung ber auf bem 5D?arfd)e beftnblichen Gruppen auf bie blofe Wohnung, geuer unb Sicht befchränft, unb babei §ugleid> bie (Einquartierunglfreiheit bei Abell unb anberer Staffen abgefd>afft. 3n ®eutfchlanb waren biefe S3erbältniffe burch bie hoppelte Staatlfjo» heit bei dtaiferl unb 9?eidf)6 unb ber Sanbelherren, fowie burch bie befonbern Pflichten bet 9leid)lfidble gegen ben Äaifer fdjon früh fetjr öermüfelt unb würben el noch mehr, all SBat* lenfiein im ®reifigjährigen Jtriege bal Spflent ber SRequifitionen ju gebrauchen anfing, wobutch er fein £eer nicht nur auf Jtoflen ber feinblichen Sänber fonbern auch auf .Soften ber Verbündeten feinel .Ipertn, bei .Saiferl, öerpflegte. ®ie Sefdjwerben barüber hatten jur Solge, baf im prager Stieben öon 1635 , im weflfäl. Stieben unb in ber SBahlcapitulation öon 1658 gegen begleichen Selaflungen ber reichlfiänbifchen Sänber Sürforge getroffen würbe. 33on neuem fant bal (Sinquartierunglwefen wdhrenb bei Siebenjährigen .Kriegl in ®eutfchlanb jur Spraye; boch ein beiweitem wichtigerer ©egenffanb ber ^Betrachtung würbe el, all in Solgc ber Soalitionen gegen Sranfreich franj. ^»eere nach unb nach alle beutfehe Sänber überfchwemmten unb öon ihnen, in feinblichen wie in öerbünbeten Staaten, ihren öollffänbigen Unterhalt unb 511 weilen noch mehr öerlangten. 3Han hatte fich baran gewöhnt, bie (Einquartie- rung, welche nach ben ältern Siechten nur in bem ^»ergeben ber SBohnung unb ber Sheiina’.jme ber gemeinen Sotbaten an Sicht unb Seuerung bei SBirtl)l beflanb, all eine auf ben 2Bof)nhäu» fern ruhenbe Sieallaff art jicfeE)en, unb blieb biefem ©runbfage ated) treu, all ju jenen einfachen Seiflungen noch bie foflbare 33erpflegung frember .Krieger hinjufam. Sei ber dltern Art, (Einquartierung ju oertheilen, war ein gtofer Sfetl ber Staatlbürger öermöge it>reS Stanbl unb befonberer fPrioilcgicn frei; auch halle man in Setreff ber (Einquartierung manche Verträge gefchloffen, bie nunmehr eine ganj anbere Sebeutung erhielten, allbte^ar» teien urfprünglid) beabftd)tigt hatten. Schwierig würben burch biefe ßinquartierung namentlich bie 33erl)ältniffe jwifchen jachtern unb 33erpachtern. Vgl. SBeber, „Über bie fReparti* tion bet Krieglfchäben" (äßürjb. 1798 ; 2 . Auf., 1809 ), .ftagfelb, „Prüfung ber ©runb» füge über bie fPeräquation ber Äriegllaflen" (Sranff. 1802 ), Seietlein, „Seitrdge ju einer lünftigen wiffenfchaftlichen Searbcitung bei .Kriegleinquattierunglwefenl" (Sranff. 1807 ) unb Schmib, „Über 33ertheilung ber -Krieglfchäben unb ber (Einquartierung inlbefonbere" (.fMlbburgl). 1808 ). 3lm einfad)flen gelangt man wol ju einem Slefultate, wenn man öon ber unleugbaren 33erbinblichfeit bei Staatl aulgeht, jebem (Einzelnen Schuf gegen alle Se= fdjäbigungen öon aufen ju gewähren, ju bem (Snbe alle -Kräfte bei Staatl baran ju fegen unb ihm bann, wenn öon ber 33erfolgung biefer Anfprüche an ben Stinb abgeflanben wirb, ben Schaben felbft ;u erfegen. ®iel untfaft aud) alle jufällige feinbliche Sefchäbigungen, welche ber 33efd)äbigte fid) nid)t burch eigene Sd)ulb jugejogen hat. ®ie unmittelbare Auf* nähme unb Verpflegung ber Krieger trifft bann einen 3ebcn, welcher, gleicf)öielofca(l ©gen= thümer ober all SOliether, ben erfoberlidjen Slaum inne hat; fte muf na 4 bem ©efege ber ®lti^h e il/ int 33etl)ältmffe ju bem 33ermögen ber Sürger öertheilt werben unb bahei feine Sefreiung ffattftnbcn, welche nicht unbebingt nothwenbtg für ben öffentlichen ®ienfi tfl. Slber bie ©crechtigfeit fobert, baf biefe Seiflungen, welche boch ihrer 9Zatur nach in ihrer er» flen Slultheilung einen £t)cil ber Sürger mehr all ben anbern belaflen, burch allgemeine Auflagen wieber öergüfet unb aulgcglid)en werben, unb biefe allgemeinen Auflagen fönnen ohne Ungercchtigfeit nach feinem anbern Sftafflabe all bem einer reinen SSermögenlfleuer aulge» fchrieben werben, ©ine Sammlung öon Serorbnungen unb literarifchen 9lachrid)ten über 616 ©tittetett ©tnjtebel ((Sefchledjf) Einquartierungen lieferte ©rattenauer in bem „Stepertorium aller bie Krieg?laflen, Krieg?» fcf)äben unb Krieg?einquartierungen betreffcnben ©efc&e" (2 23be., 23re?l. 1810 —11,4.). ©iltrebcn (exceptiones) ftnb bie einer Klage enfgegengefefcfen ©egengrünbe, au? toeldjen entmeber ber 23e!lagte glaubt, 51 « ©inlaffung auf bie .Klage, in ben fProcef, gar nicht betbunben ju fein (ableljnenbe, t>erjögcrlieJ>e ßinreben, exceptiones dilatoriae) ober Welche fonfl bem 2lnfprud)e be? Kläger? ju beffen ganjen ober tfjeilweifen Slbmeifung ent* gegengefefjt werben ($cil 6 in ber ber SUittel, welche baju berwenbet werben, unb bie gerabe auf bie* fern 2Bege manchen Kranff)eiten am beflen begegnen. SSenu&t werben ju ©inreibungen fafl alle animalifdje, begetabilifdje unb mineralifd)e Stoffe be? 2 lrjneifd)a|e? in mannichfal* figen Sufammenfc&ungen, ju benen jebe ^tjarmatopöe unter bem tarnen Salben unb ßini* mente eine jiemliche SDlenge 23orfd£)riften enthält. 23iele Slrjneifubflansen, bie flüfftg ftnb, fönnen allein eingerieben werben; bie feflen werben jubot in ^uloerfornt gebracht, mit Oien, gelten u. f. w. innig gemengt unb fo ber £aut bargeboten, ©ine notljwcnbige 23or* fld)t?maßregel ifl, bor bem ©inreiben ftd) ju erfunbtgen, ob ba? betreffenbe SHittel mit bloßen $änben eingerieben werben fann. ©ittr eiten, f. 6 in lagern. (üinfeffnitt, f. 6 afür. ©tnftebel, ein bielberjweigfe? fäct>f. Stbelögefchledjf, ba? wafjrfd^einlid) bon ben fdjon im 13.3ahrl). borfontmenben Kämmerern bon ©nanbflein abflammt. Oer 2lljnf)err aller nod) lebenben Steige ifl Konrab bon ©., ber 1426 in ber ©d)lad)t bei 2lußig gefangen, nach feiner 23efreiung in ba? ©elobte 3anb wallfat>rtefe, bon wo er nad) 20 jät>rtger ©efan* genfe^aft bei ben Slurfomanen 1455 jurücEteljrte. — ^)einr. Jpilbebr. I. bon 6 . ifl mertwürbig, weil er ben Styeilungöbettrag bom 26 . 2lug. 1485 jwift^en KurfütflSrnflunb «£>erjog 2llbred£)t ju Stanbe brachte, burcl) welchen bie beiben ^»auptlinicn be? fäcfjf. £aufe? fiel) conflituirten. — $einr. dpilbebr. 11 . bon @. warSutljer’? greunb unb ein eifriger 83efötberer ber Sleformation. 211? ber 23auernfrieg begann, fragte er bei Sutljer an, ob man mit gutem 3ted)fe freien 9Uenfd)en ®ienfle jumutfjen unb ol)ne 23ejaf)lung fte bon ihnen erjwingen fönne, unb obmol biefer foldje? nid)t in Slbrebe flellte, fejjfe er bod) foglcicf) auf beffen 9?atl) ba? ju jaf)lenbe £ef)ngelb herab. — ©eorg ^»aubolb 00 n ©., al? ©onftflo« riaipräfibent unb Liebling be? Kurfürflen Slugufl ein bielgeltenber SUann in Sadjfen, er* Warb bie oberlauft&ifd)e Stanbe?herrfd)aft Scibenberg, beren bei bem Königreiche Saufen gebliebener Slntfjcil feit ber 8 anbe?thctlung 9leiber?borf heißt, unb feinem 23ejt&er, jufolge be? Staat?grunbgefe|e? bon 1831, ben fiebenten $>la& in bererflen Kammer ber fädjf.Stänbe gibt. — Sein Soljn, $an? ©eorg bon ©., würbe burd) ben Kurfitrflen 2lugufl bon Sadjfen 1745 , wo biefer 3leich?bicar war, in ben SReidfögrafenflanb erhoben. — ®erälteflc Sohn beffelben, ^)an? ©eorg, ©rafoon ©., bet bie Stanbc?hettfd)aft erbte, würbe 1764 ©abinetöminifler, hieltftch aber in berfpätern Seit feine? fieben? meifl in 9leibcr?borf auf. ©r machte fleh um bie ©ultur ber Oberlauf^ fetjr berbient unb war ein eifriger greunb ber 23rübergemeinbe. — Ülach feinem £obe fpaltete fleh gamilie in jwei Sinien. Sein ältefler Sohn, ©eorg, ©raf bon ©., gcb. 1767 , folgte ihm im 33eft$e ber Stanbe?berr* fdjaft. 6 r war lange 3 al)re fdchf. ©efanbter am ruff. ^)ofe unb flarb al? 2 Birflid)er ©eh- £Rath am 3 . 2lpr. 1840 . — Oie Stanbe?f)errfd)aft ging nach ihm auf Kurt #einr. ©rnfl, ©rafbon©., über, geb. am 14.5Dlätj 1811. — #an? ©eorg’? jweiter Sohn, ®etlebKarl, ©rafbon©., erhielt bie ©üter SSBoffenburg, ©hrenberg unb ÜJtücfenbcrg. einftebcl (©efcfjlecfit) 617 Erftarb 1810 al« fächf Eonferenzminifler unb ermarb fiel» grojje 23erbienfle burch Sorbe» rung mehret Steige ber ©taat«»ermalfung. — ©ein ©ofn, Jtarl, ©raf »on E., gefe. 1770 , ftütjer fäcfjf. ©efanbfer am bair. $ofe, flarb al« ©eh- Statt) am 25 . gebt. 1841 ju Nürnberg. — 3hm folgte al« #aupt ber jungem Sinie fein ©oljn, Jtarl, ©raf »on E., geb. 1801 . — ©in 33ruber be« Vater« be« le|tern ifi Dette», ©raf »on E., ber bi« 1830 fäcfjf. Eabinet«minifter mar. ©eboren ju SBolfenburg im fäc£>f. Erzgebirge am 12 . Dct. 1773 , mürbe er nach furjer Vorbereitung in untergeorbneten Dienfloerhältniffen ©eh. ginanjrat^, bann Jtrei«hauptmann be« meifn. Jtreife« unb »on tiefer ©feile au« am 14 . 2J?ai 1813, al« ber Jtönig auf Stapoleon’« Verlangen naef) Dre«ben jurüifgefetjrt mar, jurn Eabinet«minifier unb ©taat«fecretair ber innern Angelegenheiten ernannt unb zugleich mit berSeitung be« au«märfigen Departement« beauftragt fiatt be« ©rafen ©enfft »on $PU« fach, &ie Verhanblungen mit Dftreich geführt hatte unb noch »or be« Jtönig« Slbreife »on ^rag in öfir. Dienfie getreten mar. Er begleitete ben Jtönig im Dct. 1813 nach Setp- Zig, folgte ihm nach Verlin unb fpäter nach ^re«burg unb leitete bie »on feinem ©djmager, bem ©rafen »on ber ©chutenburg.Jtlofierobe, unb fpäter zugleich »on bem ©eh- Slath »on ©(obig geführten Unferhanblungen mährenb be« miener Songteffe«. Unter biefen Umfiän» ben befefiigte er fleh immer mehr in be« Jtönig« Zuneigung, bie auch biefer ihm am Sage feiner Stücf fef>r nach Dre«ben burch Verleihung be« Drbcn« ber Slautenfrone unb 1816 burch Ernennung zum Drben«fanzler zu ertennen gab. Die obere Leitung ber au«märtigen Sin* Gelegenheiten behielt E. auch, al« für biefelben ein Unterflaaf«fecretair angefiellt mürbe; zu* gleich übernahm er nach Grtebigung ber Dberfammerherrnflelle bie früher mit berfelben »er* bunbene Dberaufficfjt über miffenfchaftliche unb Jtunfifammlungen in Dre«ben, unb nach bem SEobe be« Eonferenzminifler«, ©rafen »on ^ohenthal, ben Vorft| in ber fächf. SSibelge* fcllfchaft unb im fächf. 3Jliffton«»ereine. Slufjerbem hatte er ©elegenheit, burch ^räft* | bentfehaft in ber Eurie ber Prälaten, ©rafen unb Herren, bie er al« ©timmführer be« Dom* fiift« Steifen hatte, unb feit feiner 2Baf)l al« 3tittcrgut«befiher in ben engem ritterfdjaftli- cfjen 5lu«fchuf auf hoppelte SBeife bei ben Verhanblungen berSanbfiänbeeinjumirten. Stach Jtönig griebrief) Slugujl’« &obe mujite feine SBirtfamfeit unb fein Einfluf um fo mehr fiel« gen, ba ber Jtönig Slnton bei Lebzeiten feine« Vorgänger« alten Slegierung«gefchäften fremb geblieben unb baher auf frembe Slathgeber angemiefen mar. Um biefe Seit begann bie©el>n* i fucht be« Sanbe« nach einer Veränberung ber »eralfefen hemmenben Verfaffung«formen, I bie man fchon früher »ielfach gefühlt, aber au« Sichtung »or be« »erflorbenen Jtönig« $Per* I fönlichteit jurücfgehalfen hatte, ftcl) immer lauter au«zufprecf)en. Slber meber bie öffentliche Meinung, bie (ich allenthalben geltenb machte, noch bie fräftige Dppofition, bie ber Sanbfag »on 1 830 jeigte, »ermocfjten eine Anbetung ber Dinge ju bemirfen. @o mürben bie Sreig* niffe im ©ept. 1830 herbeigeführf, bie bei ihrer offenbaren £enbenz auf Einführung jeitge* mäjjerer©taat«*unb Vermaltung«formen, »or allem juerfi auf 23efeitigung be« folgen Sie* formen abgeneigten SDtinifier« gerichtet maren. Vtan machte ihm feine beharrliche Dppoft* tion gegen ba« neue Seffere, feine Hinneigung zu ber ptetifiifchen Partei, burch bie er ftch habe »erleiten taffen, Slnfjänger berfelben »orjug«meife zu ben geglichen unb anbern Ämtern , z u beförbern, feine in bie Siechte Slnberer eingreifenben SHafregeln zur $ebung be« S3etrieb« 1 feiner Sifcnmerfe, überhaupt feine »ielfach eigenmächtige Hanblung«meife zum Vormurfe, unb erreichte bamit, bafj ber Jtönig enbtich burch ein ^anbfcfjreiben am ÜJtorgen be« 1 3. ©ept. E. ben SEBunfcf) zu ertennen gab, um feine Sntlaffung nachzufuchen. Die« gefchah, unb feit* bem zog fleh G. mit einer bebeutenben fPenfton auf feine ©üter zurücf. — Stoch gebenfen mit be« auch al« ©chriftfieller befannten griebr. .£>ilbebr. »on ©., geb. am 30 . Slpr. 1750 Zu üumpjig bei Slltenburg. fPräftbent be« Slppellationogeri^f« in 3ena, SBirflicher ©eh- Slath unb Dberhofmeifter ber ©rofherjogin Suife »on ©achfen-SBeimar pafite er al« Vtann »on ©eijl ganz * n ben Jtrei« ber Dichter unb Denter, mit meinem mährenb ber ©lanzpe* riobe be« meirnar. $of« Jtarl Slugufl unb feine ÜJtutter Slmatia fleh umgaben. Er naf)m i an Slllem, ma« geifiige Unterhaltung hiejj, ba« lebhaftere Sntereffe, fdjrieb ©chaufpiete unb Heine Dpereften, übernahm Stollen, gefeilte lieh mit feinem £iebling«infrrumente, bem Vio* Iontell, zum Drehefier unb metteiferte in Siebern, Slooellen unb äfihetifchen Entmicfetungen mit ben gtofen föteiflern jener Seif. Dem frönen ©efchtechte, für beffen Steize tr »iel ®m* 618 ©htftebelu ©infim^ung pfdnglicbfeit (>attc, bewies ec flcfö bie ©alanterie eines SRanneS »on 2Bcft unb erlieft beS» halb in ben Jpofcirfcln ben Flamen beS „greunbeS". Seiber bereitete bie S3öSwilligfeit eint« it>n faft 25 Safjre tjinburc^ tprannifirenben, it)m aber unentbehrlich geworbenen SBefcnSitjm oft bie bitterfien Sorgen, unb bie eigene Unad)tfamfeit auf fein .fjauSwefen fowie bie geniale 23erad)tung beS ©elbeS, welches er bod) bei feiner Seibenfcbaftlicbfeit fürs Spiel oft boppelt nötfjig brauchte, jwang iljn oft, namentlich in feinen legten SebenSjabren, ju mancher fcf)nterj» lieben ©ntfagung, felbfi tn ®em, was ber äufere Slnflanb foberte. Sebensfatt flarb er am 9. 3uli 1828. @r bearbeitete mehre Stücfe ßalberon’S für bie weimarifebe S3ü^ne, gab bann, ofjne ftt^ ju nennen, „©runblinien ju einer Stjeorte ber Scfyaufpielfunfi" (Spj. 1797) heraus unb lieferte eine freie, metrifcf)e Überfegung beS Sitten$ (2 S3be., Sp$. 1806). ©tnftefceltt, ein berühmtes SSenebictinerfitft im febweij. Ganton Sc^wps unb näcbfl Soretfo unb S.=3ago ber befud)tefic 2Ballfaf)rtsort in (Europa, 2736 g. über berSReerS« fläche, ifl öftlicb unb Weftlicb »on jwei Steifen SBergcn umfd)!cffen; füblid) öffnen ftcb baä Sllptf)al unb baS Sibltbal. ®ie Strafe nach bem Serge ©jel unb nach 9?apperSweil führt über bie Sit>t mit ber fogenannten SeufelSbrücfe unb »orfyer an bem $aufe »orbei, Wo SljeopljrafluS fParacelfite (f. b.) geboren fein foll. ®aS Älofier, in einem ftnfiern unb früher weit auSgebebnten SSalbe, gegen SRifte beS 10.3at>r^. gegrünbet, in altern Urfun« ben Eremus Deiparae matris, Eremitarum coenobium in Helvetiis genannt, unb im Saufe ber Seif bis ins 16. Satjrlj. (>erab wieberbolf gan$ ober fbeilwetfe burcf) geuer jerfiört, bilbet ein grojjeS 476 g. langes, 414 g. breites ©ierecE; bie Jlircfte fiebt in ber SRitte ber $aupt* fa^abe. Secüljmt ift befonberS baS ©nabenbilb ber fc^warjen „SRaria ju ben ©infiebeln", bei bem ftcb am 14. Sept. bie metfien 2Baüfat>rer einjinben. ®ie 3^1)1 ber fyieftgen ©omium i nicanten, l)auptfäcf)licf) aus ber Schweis, ®cutfd)lanb, Glfaf, Sotbringen unb Stalien, t>a* j in ben lebten brei 3al)tl)unberten im ®urcbfd)>ütte jät>rüci> 1 50000 betragen. ®as Stift befigt eine sicmlicf) bebeutenbe 83ibliotbef unb batte bis jur beloetifdjen Staatsumwäljung j einen fc^r reichen, »on bem marfgräflicben .&aufe 33aben=33aben mit befonberS foflbaren ©aben auSgeflatfeten J?irdE>enfcbeiltc 1274 ben Albten beS reicbSfreien ÄlofierS bie gürflenwürbe unb fdion früh gaben ibm bie Jtaifer burd) Scben* fungen Slnfprücbe auf SSetbepläge ber Sd)wp|er, was lange Streitigfeiten mit ber Sanb> fdjaft jur golge batte. Spätere goberungen »erwicfelten baS äflofier in einen fotfwäbren* ben unb erft in neuerer Seit auSgeglicbenen 3wifl mit ber SBalbfiabt ©infiebeln. ®iefe leg* tere bilbet jc^t einen anfebnlitben glecfen, ber feine Stabrung faft ausfcbUef Ud) »on bcnSSaü- fabrern {iebt unb nicht weniger als 55 SSirtbSbäufer unb 20 ScbenfWirtbfcbaffen jäblt. I ®ie gefammte Jfircbgemeinbe ju G. bat 6045 ©. SSgl. Sfdjubi, „ßinftebelnfdje S^roniC" (©infiebeln 1823). ©inftebler, f. Slnacboreten. ©infprütgenbet SSinfel (rentraut) beijjt bet swei unter einem SSinfel jufammen* ftofenben forfiftcafortfcben Sinien ber SSinfel, beffen Öffnung bem geinbe jugefebrt ifi, im @egenfa|e beS auSfpringenben SBinfels (saillant), beffen Scheitel gegen ben geinb gerichtet ift. ®er einfpringenbe SSinfel tjt bie ftärffie fortifkatorifebe gorm, unb ber aus* fpringenbe bie fcbwäcbfte. 3ener flanfirt unb »ertbeibigt ftcb felbft, biefer bebarf baju einer äufern, britten, Sinie. ©infpti^ung ober Snjection nennt man in ber ^)eilfunbe baSjenige ©erfahren, wobei SSaffer ober flüfftge SRebicamente mittels einer Spri|e in irgenb eine natürliche ober wibernatürlicbe ^>öb^ c ober Öffnung beS ätörperS eingebracbf werben. 3« ben le|tern ge^ö* ren bie tiefer gebenben SSunben, bie -fjoblgefcbwüre unb giftelgange. ©in allgemeiner $eil* jweÄ ber ©tnfprtfungen läft fid) nicht angeben, ba fte nach SRafgabe ber SRittel, beren man ftcb baju bebient, jur ©rreiebung ber »erfcbiebenflen 3wede benu|t werben. SnSbefonbere bienen ju Ginfprigungen Slufgüffe unb Slbfocbungcn »on ^flanjen, Sluflöfungen »on 9Re* fallen unb ©ptracten, SRilcb, ©fftg, Öle u. f. w. tfjcilS allein, t£>eilS in »erfebiebenen 3ufam* t menfegungen. Slud) ®ämpfe werben auf biefr Slrt in baS Snnere beS ÄörperS geleitet. ®ie Sprigen, welche man babei anwenbef, ftnb an gorm urtb fKaterial febr »ergeben unb rieb* ten fid) nach ber ©ifialt ber Öfnung, in welche ihre Spige eingebracbf, unb nach ber glüf* (gtttfljetrttttfl @i$ 619 ftgfeit, ioetc^c »on ihnen aufgenommen werben foll. 9IIS Grftnber ber Gh Teilungen wirb dato GenforinuS angegeben. Über bie Ginfprigungen ber Anatomen f. Slnatomie. ©ittf^cilUttiJ (tlivisio) ifi nid)t, wie im gewöt)u[id)en ©pradjgebrauc^e gefdjietjt, mit ber ^crt^ctlunQ (partitio), b.f). ber Slngabe ber93efianbtheile (partesintegrantes) eines jufammengefegten ©anjen ju »erwekfeln, auch) nidjt mit ber Slnorb nung (f. b.) ber Un» terfudbung unb Darflellung, 5 .93. bei einer $3rcbigt, einem Staffage u. f. w. Gintheilen bezeichnet »ielmehr bie logifdje Dperation, butd) welche ber Umfang eines attgemeinen 93e» gtiffS in »oltftänbigen Steifen ber itjm unfergeorbnefen Strtbcgriffe bargefteüt wirb. Diefe Itrtbegriffe, bie GinthcilungSgliebet (membra divisionis), entfielen baburdE), baf ber einju» tijeitenbe ©attungsbegriff (totum divisum) burd) toerfetjiebene ÜJlerfmale beferminirt wirb, welche in ein er 9teit)e liegen, unb alfo urfprünglik felbfl Determinationen eines ber SOlerf- male ftnb, bie ficE) in bem einjuttjeüenben 93egriffe »orftnben. S'tad) ber 3at>t ber SStjeilmtgS» glieber heift bie Gintheilung Dichotomie bei zwei, Üricfofomie beibrei, ^olpfomie überhaupt bei mehren 3 Eh £ ttu« 0 § 0 tiebern. Das SJlerfmal beS eingekeilten 93egrijfS, nach beffen mög* liehen Determinationen fid) bie Gintheilung richtet, heift ber GintheilungSgtunb (fundamen- tum ober principium dividendi), unb jebe Gintheilung bebarf eines folgen GintheilungS» grunbcS, weil fonft bie ©lieber ber Gintheilung nicht in einer Steihe ber Unterorbnung un» tcr bemfelben höhetn S3egriffe liegen würben. Gs gibt baher für jeben SSegriff fo üiel mög» lid)e GintheilungSgrünbe, wie öiele feiner SDterfmate nähern 93eflimmttngen jugänglichftnb; baljer man 5 . 93. ben 93cgrijf SÖlenfcf) nach ben Unterfchieben beS SClterS, beS ©efchlechfS, ber Stänbe u. f. w. eintheilen fann. Die Slnwenbung mehret GintheilungSgrünbe führt ju coor« binirten Gintheilungen, 9lebeneintheilungen (codivisiones), bie fortgefegte Gintheilung fkon gewonnener IXheilungSglieber 511 fubotbinirfen, Untereintheilungen (subdivisiones). Gine »ollflänbige Gintheilung, bie utgleicf) eine erfc£>öpfenbe Elaffification fein würbe, fann eigent» lieh nur burdj bie Gombination aller ber GintheilungSgrünbe erreicht werben, bie ftch auf ben fraglichen 93egriff anwenben (affen, eine goberung, bie befonberS bann wichtig wirb, wo bie ganze Aufgabe eines wiffenfcbaftliken ©ebietS lebiglich bartn befleht, ein erfköpfenbeS, burdjgängig georbneteS Glaffenfpftem aufjujtellen, 5 - 93. in ber 93ofantf, Zoologie unb 2Ri» neralogie. Die Gintheilung ifi fpnthetifk, wenn man »on bem ©attungSbegriffe juben9trt» begriffen fortfkreitet, analptifk bagegen, wenn man bie gegebenen 9lrfen in ihre SUetfmale Zerlegt unb burk Slbflraction ju ihren ©aftungSbegriffen auffleigt. ferner unterfkeibet man in ben 9laturWiffenfkaften bie fünfiliken Glaffenfpfteme »on ben natürliken. Sene beru* hen barauf, baf man unter »ielen mögliken GintheilungSgrünben einen herausgreift unb barnak ein gegebenes ©ebiet etnjutheilen fudfjt, }. 93. bie Pflanzenwelt nak ber ßai)( ber Staubfäben; biefe bagegen fuken burk bie 93erfnüpfung ber ben »erfkiebenen SppuS einer Eiaffe »on Slaturwefen kurafteriftrenben SJIerfntale juglcik eine georbnefe Überftkf ber or» ganifken 23erhältniffe berfelben ju »erfkaffen. 3n philofophifken Unterfukungen finb bie GintheilungSgrünbe, bie auS ber Aufgabe unb SHikfung ber jebeSmaligen Unterfukung her» »orgehen, benen »orsujiehen, bie ftk bloS auf wiUfürlicbe 9lbjlractionen grünben. Übrigens liegt cS in bem 93egrtffe ber Gintheilung, baf bie einzelnen SheilungSglieber ftk untereinan* ber auSfkliefen, jufammengenommen ben Umfang beS 93egriffS erfköpfen müffen, unb tn ihrer Üieihtnfolge feine Sprünge (hiatus in dividendo) unb Sücfen enthalten bürfen. (Divi- sio fiat in membra proxima.) uennt man in ber SNünjfunbe Ptejetiigen S^alet ober &d)auflü(fe, welke »on mehren gütflen jurn ©ebäktnif gefkloffener Verträge ober jum Slnbenfen »on 93ereinigungen unter ©efkwißetn gcfklagen würben. Die berfelben ifi jiemlik be» beutenb. Sie famen gegen Gnbe beS 16 . Sahk- auf unb waren im 17 . unb 18 . fef>r ge» wöhnlik- Die befannteflen ftnb unfireitig bie ber braunfkwetg. gürflen; fonfl gibt eS beren nok »on 93aben, ben fäkf- ^erjogti)ümern, Stolberg, SJlanSfelb u. f. w. Gtö ifi fpecififk leikter als Sßaffer, welkes eben gefrieren will, weSf)alb eS auf bem» felbeit fkwimmt, unb eS »erhält ftk bas fpcciftfke ©ewicht beS »on Suftblafen freien GifeS ju bem beS SBafferS beim grojlpunfte wie 0,9198 bis 0,9321 ju 1 . Die golge ba»on ifi, baf baS SEBaffer pk beim ©efricten mit grofer ©ewalt auSbehnt. Die 93ilbung beS GifeS gefkiefit in bet Siegel an ber Dberfläke unb nikt am 93oben ber ©ewäffer, weil »ermöge 620 (SiSbetge einer befonbern Gigenfhümlidfleit bag SBaffer beim Sroflpunft unb naf>e an bcmftlbcn min* bcr bicffl unb mithin fpccififcE> leidster if! alg bei einem SBärmcgrabe »on 3° SB., wo cg feine gröjjte Oidftigfeit hat, meghalb bag jum groflpunft erfältete unb mithin gefrierenbe SBaffer nac^ ber Oberfläche fleigt, mäfjrenb bag noch nicht 5 « biefem fünfte gelangte ben untern SBaum cinnimmt. Unter befonbern Umflänben bilbet fld) jebod> augnahmgmeife auch Gig auf bent ©oben ber ©emäffer, metcheg bann ben Stamen ©runbeig erhält. 3 nt Slllgemeinen friert SBaffer bei 0 °, wenn eg jeboch in fehr flarfer ©emegung, ober wenn eg umgefeljrt in ganj »ollfontmener SBuhe ifl, »ermag eg fleh big mehre ©rabe unter 0 ° abjufühlen, ohne ju gefrieren, allein eine leichte Grflhütterung ober bag ^ineinmerfen eineg feflen Äöt* perg reicht in le^tem Salle hin, bag ©efrieren augenblidlid) einfreten ju laffen. SReermaffer unb überhaupt ©aljmaffer erfobert jum ©efrieren eine größere Äälte alg reineg SBaffer, unb bag ©alj fcheibef fleh habet am ©oben aug, fobaf folcheg Gig burch ©chmeljen reineg SBajfer liefert, ^»eftiactc Äätfe gibt bem Gife gröbere £ärte unb Sefiigfcit; bag Gig ber^olarlänbet fann man faum mit bem Jammer jerfdjlagen. 3m flrengen SBinter 1740 baute man ju ^etergburg aug bem Gife ber Sterna ein #aug, meldjeg 52 '4 g. lang, 16 y* S. breit unb 20 S. hoch mar, ohne bafj burcf) bie Safl beg Oadjeg, meldjeg gleichfallg aug Gig beflanb, bag ©ebäube im minbeflen märe »erlebt morbett. ©or bemfelben flanben jmei SRörfer unb fcdjg Äanonen »on Gig, bie auf ber Oreflbanf gearbeitet maren, mit Saffeten unb SBäbertt, ebenfallg »on Gig. Oie Jtanonen hatten bie ©röfe ber ©ecfjgpfünber; man lub fle aber nur mit l /i $>f. unb febte Äugeln »on geflopftem $anf, einige Sflale aber auch eiferne barauf. Oag Gig ber Äanonen mar ungefähr 4 Soll bid, unb bennoch miberflanb eg ber ©emalt bet Gpploflon. @o mie fefle Äörper beim ©efrieren fleh abfeheiben, fo gefchieht bieg auch mit glüfflgf eiten, bie beg ©efriereng nicht fähig flnb, unb hierauf beruht bie Goncentration gei« fliger glüfflgfeiten burcf) ©efrierenlaffen. Oa mir im ©d)nee unb Gig bag befle SRittel haben, SBahrunggmittel unb ©etränfe abjufühlen, fo ifl bag Gig mäfmenb beg ©ommerg, befonberg in ben heijjern Sänbern ein ^>aupfgegenflanb beg Gomforfg, megfjalb baffelbe in Sänbern, mo eg meber im SBinter friert, noch h»h c ©ebirge in ber 9fäl)e flnb, jährlich meit herbeigefchafft mirb. ©o »erforgt 5 . ©. ber €tna halb Station mit ©chnee unb Gig, unb in gatten ©dflffglabungen mirb eg »on üflorbanterifa nach Oflinbien »erführt. 5Dtan bemalet bag Gig enemeber in tiefen, mit hoppelten Spüren »erfehenen .Stellern (Giggruben) ober in ©lacieren über ber Grbe auf, melche aug hoppelten #ol$mänben befletjen, beren Bmifchen- räume mit Äof)len ober irgenb einem anbern flhledjten SBärmeleifer erfüllt flnb. Oie Gt&eugung fünfllichen Gifeg fcheint fd>on ben eilten nicht unbefannt gemefen ju fein, ©egenmärtig bebient man fleh baju nicht feiten ber ©erbunflunggfälte (©efrieren beg SBaf» ferg unter ber Suftpumpe, in poröfen irbenen ©efäjjen u. f. ro.; auch gehört hierher bag hier unbba jmiflhen bem lofen ©teingerölle mancherSerge an ber SRitfaggfeite beobachtete ©om* ntereig), am hauflgflen aber bie Jtälte, melche bei Sluflöfung gemiffer ©aljgemenge in SBaffer entmidelt mirb. UnfereSucferbäcfetbebienen fld)meifl eineg@emengeg»on©almiaf, Äochfalj unb ©chnee ober Gig. ©ringt man in ein folcheg ©emenge eine aug SBaffer, SRild), Suder, grudflfäften u. f. m. bereitete glüfflgfeit in einem metallenen ©efäjje, melcheg man fortmährenb barin herumbrefjt, fo erflarrt bie glüfflgfeit nt einem förnigen Gife. hierauf grünbet fleh bie ©ereitung ber unter bem ©amen ©efroreneg (franj. Glaces, fpan.Sorbets) beliebten Grftiflhungen. ©iöberge t>eiflcn SRaffen »on Gig, bie fleh in ben beiben $)olarmeeren burch bie ba* felbfl herrflhenbe grofje Äälte bilben. Oiefe ©erge flnb oft über 250 S- über ben SBaffer* fpiegel erhoben unb bebeden aneinanberhängenbe ©treden »on »ielen SXuabrafnteilen. @ie haben bag Slnfeljen »on blenbenbmeifen Äreibefelfen ber fonberbarflen formen. grifefle ©räche berfelben glänjen mit einer grünen ober blauen $arbe. Slug bem fpeeiflfchen @e* michte beg Gifeg hat man beredhnet, baf biefe Gigberge noch achtmal fo tief unter bag SBaffer reichen, alg fle fld) über baffelbe erheben. SBan glaubt, baff fle nicht im SReere felbfl, fonbern am Ufer beffelben entfielen unb »on ba allmälig in bag SBeer fortrüden, mie man benn auch fl n ben ©letflhern in ber ©d)meij u. f. m. ein folcheg Sorfrüden bemerft hat. Oaraug läßt fleh auch öie Grfcheinung erflären, bafl fle oft mit Grbe unb ©teinen ganj überbedt flnb. ©on ihnen flnb bie Gigfelber »erfchieben, bie fleh nur menig über bie Oberfläche bef •CSt ©tfelctt @tfett 621 SJleerS erheben, aber oft 2—300 geogr. DSjf. bebetfen. d5efäf)rlicf)er für bie Schiffer ftttb i* bie baDon lo«getrennten ©tücfe ober ba« SEr e i b e 16 , ba« burd) bic Strömungen be« fBleer« it Dom $)ole nach ©übweflen, juweilen bis in bie 5Roif)e be« Äquators geführt wirb, t ©ifelcn (3o£). griebr. ©ottfr.), orbenflichet ^3rofeffor ber ©taat«wijfenfcbaften ju it #alle, geb. am 21. ©ept. 1785 ju Stotljenburg an ber ©aale, erhielt feine Silbung in :f ©erlin auf bem griebrich§gpmnafium unb feit 1805 auf ber Unioerjttät ju Erlangen, too it er Rheologie flubirte. Slad) SoEenbung feiner ©tubien warb er ßrjiebjer eine« jungen, fetjr t reichen ©rafen. 3lu« biefer Sage, bie er ju mehrfachen wiffenfdjaftlichen ©tubien benu&tc, i, rifj ihn ber 33efreiung«frieg, an bem er 1813 unb 1814 al« greiwiEiger Sheil nahm. Stach • bem grieben habilitirte er ftdf> al« $)rioatbocent in ©erlin unb mürbe 1820 auferorbentücher, r i 1821 orbentlichec fProfeffor ber @taat«wiffenfd)affen in 33re«lau unb 1829 nach -Stalle b i Derfe&f. 2Bie halb er fleh hier ba« perfönlid)e Serfrauen feiner Umgebungen erwarb, geht r barau« hrrDor, baß er fchon 1832 jum unbefolbeten ©tabtrath erwählt würbe. 3« feinen r Schriften fprid)t fid) ein fernhafte«, mit fid) einige« ©emüth au«. Gr ifl ben Gytremen ab* x geneigt unb hält an ben einmal erfaßten SInfidjten fefl. ©eine-S>auptwerfe finb bie „@runb* b jüae ber ©taat«wirthfchaft ober ber freien Solf«wirthfd)aft unb ber ftrf> bawuf bejiehenben >, 1 5tegierung«funfl" (Serl. 1818), ba« „Jpanbbuch be« ©pjlem« ber ©taat«wiffenfd)aften" 5 (S3rc«l. 1828 ), welche« mehr ein SBerf ber tiefen philofoptjifc^cn ©peculation al« ber praf* , tifchen spolifif ifl, unb „®ie Sehre »on ber Soll «wirthfehaft in ihren allgemeinen Sebingungen c unb in ihrer befonbern Gntwicfelung" (-£>alle 1843 ). Sßon 3afob’« „©taat«fxnanjwiffen* fchaft" beforgte er eine neue, fehr »ermehrte unb oerbefferte 3lu«gabe (-Stalle 1836 ). Sind) e gab er eine „©efdjichte be« Süßow’fchen greicorp«" (-Stalle 1841 ) h«rau«, bie mit »ielem t ; S3eifalle aufgenommen würbe unb in einem 3af)re jwei Sluflagen erlebte. > I @ifert» Unter allen ÜJtetaEen ifl unbejweifelt ba« Gifen ba« wicfjtigfle unb nüfctichfle, l i ba fein ©ebrauch mit allen Steigen ber SEechnif unjertrennlid) ttcrwebf ifl. G« ifl eine che* , mifche Sufammenfepung »erfchiebener Glemente, unter benen ber Äof)lenfloff in ben »erfchie* i benarfigflen Serhältniffen oorwalfef, unb eben biefe Serhältniffe bebingen bie Derfchiebenen Gigenfchaften unb ben »erfchiebcnartigen ©ebraud) biefe« SDlefaE«. 35a« Gifen ifl fteben bi« achtmal fdjwerer al« SBaffer unb hat eine mehr ober weniger bunfelgraue garbe unb mehr ober minber mefaEifchen ©lanj je nach ber Sötengebe« in ihm enthaltenen Jfohlenfloff«. G« geht mit ben nteiflen SWetaEen unb mit Dielen anbern Körpern innige Serbinbungen ein, »eiche bann fehr oerfdjiebene Gigenfchaften beffelben bebingen. ©o entfloht j. 33. au« einer Überlabung be« Gifen« mitilohle ber ©rapljit; Gifen, ba« mit ©djwefel Derbunben ifl, wirb rothbrüdjig, währenb ein Sufdjlag oonSPb og Pb 0 r faltbrüchige« Gifen erzeugt. Gine Serbin* fcung be« Gifen« mit ©d)wefelfäure gibt ben («genannten Gifenoitriol. ®a« SWetaE felbfl fommt in feijr öerfcfjiebener ©eflalt in ber Statur Dor, unb bie Grje werben theil« bergmän* nifd> gebaut, theil« ju SEage, al« SJiefen* unb Stafcncrje, gewonnen unb burd) 5Cu«fd)meljcn jugute gemacht. £>ie -S>aupteigenfchaften be« Gifen« finb feine große -öärte, Derbunben mit ei* - ner bebeutenben $}äl)igfeit unb Glaflicität. Surd) ©foßen, -Stämmern, SJeibung, Gleftricität, ja fogar burd) lange« 9tul)igfleben wirb baffelbe magnetifch- 3n ber -S>i£e läuft ba« blanfe Gifen an unb wirb roth, bunfelblau unb gelb. Steigert ftd) bie -S>i|e unb tritt bie Suft ; ju, fo entflehen Drpbe, j. 33. ber ©lühfpan, ber -S>ammerfd)tag, bie Gifenfcf)tacfen unb ber Gifenfafran. fOiit ben ©äuren gibt ba« Gifen Derfd)iebene Drpbationeflufen, welche inbeffen wol noch nicht a ^ e befannt ftnb. Gewinnung be« SJletaü« au« ben Grjen werben, te|tere in Derfchiebenartig geformten Dfen, mit Jtohlen eingefcb>icf)tet, gefchmoljen. ®iefe Öfen, Schachtöfen, finb entweber ©tiieföfen, in welchen burch einen flarfen GrjfaJ j unb beflänbigeö Slbfd)taden unter Ginwirfung ber ©ebläfeluft ein einjiger SEcfaEflumpen I Don fehr Derfd)iebenartigem ©ehalte erzeugt wirb, ober fte finb SRennfeuer, Suppenfeuer, Gataionifdje Öfen, in welchen ber ^5rocef burch geeignete SJlanipulationen jwedmäf iger geleitet unb ein beffere« $)robuct erhielt wirb. 2>ie Schachtöfen, »eiche mit gefd)loffener S5rufl ) arbeiten, heißen S3lauöfen, bie, welche mit offener SSrufl arbeiten, -S>ol)öfeu, au« welchen ba« gefchmoljene SletaE burd) bie ©tichöffnung abflieft, währenb ber Dfen im Gange bleibt unb Don oben her immer Don neuem mit Jtohlen unb Grjen befdjicft wirb. £)urd) aEe biefe ^roetffie wirb aber nur ein fehr ungleichartige« ÜJletaU, ba« fogenannte 91 0 h e i f e n, erlangt) 622 ©ifen welches nod) einer mehrfachen Bearbeitung unterworfen werben muf, um ©tabeifen obet p Stahl ju werben. ©elbfi ju beffern Gifengufarbeifen ifi baS Stoheifen nicht in bem Bu- n fianbe ju »erwenben, in weichem eS aus bem ^>oi;ofen fommt. 35aS Stoheifen jerfällt naef) n bergarbe feinesBruchsin weifeS unb graues Stoheifen, bie beibe jwar gleich »id ötohlenflof, aber in fefjr »ergebenem BerbinbungSjuftanbe enthalten fönnen. ®ic Vertut S beS grauen StotjeifenS iff fßrnig, bie beS weifen flrahlig-blättrig; erficreS ifi weief), festeres 2 fehr ijarf. b ®aS Stoheifen tjat einen fo grofen ©ehalt an Jfohlenfioff, baf nid)t allein feine ©efjn* b barfeif fonbern auch feine ©efefjmeibigfeit fafi ganj »erloren gehen unb eS fpröbe__ unb » brüchig wirb. Um eS in ©tabeifen ober ©cbmiebeeifen ju »erwanbeln, muf if)m biefet Über- f< fetjuf au Jtof)lenfroff faft ganj, um eS aber in ®tat)I ju »erwanbeln, jum grofen Steife j b entjogen werben. ©taffl nämlich nennt man baS Gifen bann, wenn fein ©ehalt an Jfoljten- i S fiojf noch fo bebeutenb ifi, baf eS nach bem ®lüf)en in bebeeftem Staunte unb bem plöflidjen ii Slblöfchen in faltern SBaffer eine bebeutenb gröfere Jparte als »orfjer erlangt. ©tabeifen a unb ©tal)t laffen jtd) fdjweifen, b. f). jwei ©tücfen biefeS SRefallS glüljenb gentad)f unb g unter bem Jammer gemeinfd^aftlicf) bearbeitet gehen eine innige mecfyanifcfje Berbinbung f ein. Stoheifen ifi nie fchweifbar. b Um aus bem Stoheifen ©tabeifen ober ©taf)l ju erhalten, b. h- baffelbe aus feinem f (proben Sufianbe in ein ntefir ober weniger hartes, be^n« unb fchweifbareS unb etaftifdjeS a SÄetall ju »erwanbeln, muf tljm ber ©ehalt an Jtotjlenfioff mehr ober minber entjogen t werben. ®iefeS ifi ber 3wec? ber grifdjarbeifeti, welche barin befielen, baf man baS ; f ©fen umfcf)mcljt unb in noch t)aIbfTüffigem Bufianbe einem ©ebläfe auSfe|t. ®iefe ; Slrbeiten werben meifientl)eilS noch auf befonbern gerben angefiellt, unter benen wir i b ihrer »erftfiteberten Sonfiruction nach bie Butfchntiebe, bie beutfdje grifcf)* unb JTochfchntiebe ' bie ©ulttfchmiebe, bie Jpalbwallonettfchmiebe unb bie Slnlauffchnttebe als bie befien nennen. ' e Stuf erbem gibt eS noch eine grof e Blettge »on ^rift^feuern, bie mehr ober minber »oneinanbet 1 t untergeben finb, beten 2lufjat)lung t)ict ober ju weit führen würbe. 3n neuerer Beit wirb g aber bie $rifd)arbeit weniger auf gerben als in glantntöfen unternommen, unb man nennt f biefeS Verfahren bann ben ^ubblingprocef. ®ie burd> ben einen ober ben anbern ^3ro- g cef gewonnenen grtfchfiücfen werben noch einer weitern Bearbeitung unterworfen, inbem i man ihnen auf ben Hammerwerfen bie im Raubet gebräuchliche $orm ^ 0 n langen, quabrati» 5 fdt)en, runben ober platten Stäben gibt. ®te Slufwurfhdmntcr, beren man fid) bei biefet 5 Strbeif bebienf, hoben ein fehr bebeutenbeS ©ewicf)t unb werben metfi burch SBaffer, oft | < auch burch anbere mechanifche ^ülfSmittel in Bewegung gefegt. Sie befinben ftc£) ju biefem ( Bwccfe in einem befonbern ©erüfte fo angebracht, baf ihre Bahn ben SlmboS immer auf t einer unb berfelben ©teile triff unb bie Schmiedearbeit nur burd) bie Stiftung, in welcher ) man ben ©fenflumpen ben jammern barbietet, birigirt wirb. 3e nad) ber 2lrt ihrer Slufhän* f gung ober beS SlngrifS ber Jfraft, welche fte hebt, hat man@d)Wanjhämmer, boppelarmige t I unb einarmige, ober Slufwurfhämmer. ®ie leichtern Jammer (bis ju brittehalb Sentnern) er- , ! halten noch c * n£ claffifche, oben ober unten angebrachte $reU»orrtd)tung, ben ^Prellflof, obet i wenn fte oben liegt, ben Steitel, welche ben Jammer mit »ergröfetfer ©ewalt auf baS ©fen 1 fd)lcubert. Bei ben ganj fchwetert ©tirnhämmern, welche »orn gehoben werben, erfefct baS ' »ergröferfe ©ewicht bie ^relloorrichtung. ®ie gefrifchten unb aus bem 9iohen jit ©täben , bearbeiteten Gifenmaffen werben bann, unter leichten unb fct»nellgef>enben jammern, nach berSlrt ihrre Slrbeit: edhämmern, Banbhämmern unb Bainhämmern, ober auf SBalj- unb ©chneibewerfen weiter auSgearbeifet. ®ie SBaljwerfe bef eben aus jwei bis brei über* i etnanber tn etnem fehr fefen ©erftfie angebrachten SZBaljen, welche burch -^ £ il £ ober noch i beffer burch Schrauben einanber näher ober entfernter geflelft werben fönnen, unb auf beren ; cptinbrifcher Dberfläche Sfinnen »on ber §orm eingebreht finb, welche bie Stäbe nach bet Bearbeitung haben follen. ®iefe furchen werben eine nach ber anbern immer fleiner, unb ber Stab muf biefelben ber 9feihe nach »on ber gröften bis ju ber feiner Befitmmung ent* I fprechenben pafiren, wobei er immer »on neuem geglüht wirb. ®ie ©dweibewerfe finb ebenfalls SBaljwerfe, »on biefen aber baburch unterfchieben, baf auf ber SRitfelwalje er* höhte Steifen jid> befinben, welche genau in bie »ertieften Steifen ber Dber* unb Unterwarf : ©ifettacfj 623 paffen, fobaf ber Apparat fdjneibenb unb prcffcnb jugleich wirft, wafjrenb bie äBatjwerfe nur baS 2e|tere tfjun. ®aS Stabeifen wirb auch ju ® r a h f (f. b.) »erarbeitet. S31 e d) (f. b.) wirb aus bengtifchftücbeu unter eigenen jammern bereitet, ober gemaljt. 25a ber Stahl »ont Gifen nur in feinem .ftol)lenjtoffgehalfe »erfd)ieben ifi, fo ifi auef) bie {Bearbeitung beS 9Jof)fta^tS im 9tol)en in 3Ulem ber beS StabeifenS conform; ba jeboef) ba$ guppenfiücf, ber Schrei, wie er aus bemgrifdffeuer fommt, noch »iel ju ungleichartig ifi, um bas ©tetall $u feinem Arbeiten ju »erwenben, fo muf baffeibe rafftnirt werben. 25ieS gefcf)ief)t burd) mehrmaliges Umfdjmieben, bei bent man mehre bünngereefte, banbförmige Stäbe au$ »erfdjiebenen grifd)ungen in ein ^)acf »ereinigt, glüht, jufammenfe^weift unb »on neuem aus* fefimiebet ober waljf, beim ©lüf)en aber ben Zutritt ber fuft fo »iet als möglich »erfjinbert, ba ber Stahl fonft feinen ©ehalt an äfof)Ienfioff »erlierf unb Gifen wirb. ©tan mad)t auch SSlafenflahl,Gerne ntjiahlauö »orjüglidfcm Gifen, welches man »on Jloijte umgeben in »erfchloffenen tliönemen ©efäjjen einer ©lühhi&f/ welche ben Sctjmeljgrab faft erreicht, auSfefct, unb ben fo erlangten Stal)l nachher raffinirt. 25er ©uffiatjl, bie feinfie unb gleichartig^ ©tafytart, wirb aber eriangt, inbem man Gementfiaht in Siegelöfen mit abge* fcijwcfclter Äot)(e (Goafs) umfchmeljt, bann in eiferne gormen auSgiefjt unb forgfältig bei möglichfl geringem ßuföutritt auSfd)miebet. £)ie Schmeljung gefehlt in fef)r feuer* fefien Siegeln unter einer 25ecfe »on ©laSpul»er. Sie Gifenfabrifation ifi nirgenb f)öl)cr auSgebtlbet worben als in Schweben unb Gnglanb, unb erft in neuerer Seit haben auch bie beutfdfen epüttenwerfc biefen gabrifjwcig fel)r »er»ollfommnet. Schon im 3- 1580 er* fanb 2orb ®ublcp baS Verfahren, bas Gifen aus feinen Grjen mittels Sfeinfchtejufchmel* jen, bod) fant baffeibe erft ljunbert Saljre fpäter in allgemeine Aufnahme. 3m 3- n 40 wur» ben in Gnglanb auf 35 Dfen nicht mehr als 340000 Gtr. Gifen bereitet, währenb int 3. 1827 auf 284 Dfen 13,800000 Gtr. gewonnen unb noch 260000 Gtr. auS Schweben eingeführt würben. 3cfct werben burchfchnittlid) jährlich etwa 14 ©tili. Gtr. tn Gnglanb unb im übrigen Guropa etwa 16 ©iill. Gtr. probucirt, welches, ben Gtr. nur roh ju 2'/ 2 Shlr. geredfnet, einen SBcrth »on 75 ©tili. Shlrn. gibt. 2Bie feljr ber SBerfl) beS ©letalis burch feine {Bearbeitung fieigt, wirb man aus ber Slngabe erfehen, baf bei ben feinften Sin* gelhafcn baS ^5funb beffeiben ju einem greife »on beinahe 100 Sl)trn. »erfauft wirb. ®ie ungeheure ©ifenprobuction refultirf aus bent enormen SSebatfc beS GifenS, ba jejjt eine grofe ©tenge »on ©egenfiünbeit aus bcmfelben bereitet wirb, ju benen man ftch fonft ganj atiberer ©taterialen be-biente. 3Bir erinnern hier an bie eifernen geuerherbe, Dfen unb Sd)ornfieine, an bie 83rücfen, Sreppen, ®ad)ßühle, an bie Raufer unb Skiffe, an bie SBafferleifun* gen, ^umpwerfe u. bgl., welche man jefct aus Gifen barftellt, bie un$ät)tig Keinem @e* rätfje nicht }u erwähnen. Gbcnfo erfobert ber ©lafdjinenbau eine fehr bebeufenbe ©taffe »on Gifen ju Santpfmafchincn, SBalj * unb ^ragemafchinen, ^reffen, ©ebläfen unb 25reh* fiüf)!en, unb in neuerer Seif hat man fiatf ber ^tanffeilc im ©tafcljincnbetriebe unb Schiff* baue »ielfach Jtetten unb 25rahtfei(e angewenbet, weiche grofe Sßortheile gewähren. 3Beld)e ©taffen »on Gifeu für bie Gifenbahnen erfobert werben, ba»on fann man fid) einen Segrijf machen, wenn man hebenft, baf eine beutfehe ©teile ©oppeleifenbahn etwa 12000 Gtr. Sd)tniebceifen unb 6000 Gtr. ©ufeifen erfobert. SBie »iel Gtfen im eigentlichen Sinne »erbraucht wirb, b. h- aus bem ätreis ber gabrifation fallt, mag ber Umfbanb beweifen, baf j. 58. ein gewöhnlicher Sefdjlag ber Staber eines gradjtwagenS monatlich gegen 60 ^5f. abgenufcf wirb, woju noch 2<) 95f. »on -^ufbefchlagen fommett. 2?g(. Stinmann, „©efdjichte beS GifenS" (aus bem Sdjwebifchcn »on Äarfien, Siegnifc 1814), ätare«, ,,^)anbbud) ber Gifenhüttenfunbe" (5 S3be., 3. 3lufl., 1841 fg., mit SltlaS), unb £e Slanc unb SBalfer, ,,^ra!tifd)e Gifenhüttenfunbe" (beutfd) »on Startmann, 2 S3be., ©Beim. 1837 —39; 2. 3lufl., 3 S3be., 1842-43, mit ItlaS). ©tfettabh, baS altelsenacum, bie^taupt* unb Steftbenjfiabt beS junt ©rofherjogthum Sachfen=3Beimar=Gifenad) gehörigen ehemaligen gürfienthumS gleiches StamenS, brei©tei* len »on ©otha, mit etwa 9400 G., ift ein recht netter Drt. GS hat mehre öffentliche fPla|e, barunter ben fehr regelmäfigen ^rebigcrplah mit GSplanabe unb ben GrploftonSptap, unb mehre fd)öne öffentliche ©ebäube, barunter baS ehemalige 1742 neuerbaute Stefibenffchlof, baS StafhhauS, baS ©pmnaftum, welches urfprünglich ein 25ominicaner«©tönchSflofler war, 624 ©ifeitfiafittett unb bie neue Sürgerfchule. Unter ben hier Kirchen jeic^net fief) bie St.*©eorgen!trcht auä. G. ifl ber Sif eines gtojjfjersogüdjen 3nfiijcot(egiumS unb beS DberconftfioriimtS, unb tS bcflehen bafelbfl aufer bem ©pmnafiunt, welches frütjec eine lat. Schule mar, in ber auch Sutljer als Gurrettbaner einige Seit unterrichtet mürbe, bie »on tl)m 1529 eine beffere Gin* richtung erhielt unb 1707 in ein ©pmnaftum umgemanbelt mürbe, unb ber 1825 eingemeih* ten Sürgerfchule auch ein Sanbfchullehrerfeminar feit 1817 , ein gorflinflifut, eine Sei* rfjenfchule, eine greifdule, eine Sibelgefellfchaft feit 1817 , ein Seih* nnb ^PfanbhauS feit 1797 , eine .£>ebammenfchule feit 1817 , ein SBaifeninflitut feit 1694 , ein StabtfranfenhauS, eine ©trafarbeitSanflait unb mehre anbere n>ol>ltf>ätige §lnflalten unb Ginridjfungen, na* mentlich auch ein Seidenbaus auf bem in einen Slumengarten »ermanbelfen grtebfmfe. Slehre gabrilen, namentlich in Farben unb SBollenjcugen, ftnb in fch»ungf)aftemSetriebe. G. ge* hört unter bie ältefien (Stabte Thüringens; im 3- 1070 unter Bubmig bem Springer mürbe fie »on neuem näher ber SBartburg aufgebaut. Shren Sluffchmung »erbanft fte ber SB art* bürg (f. b.), als ber ffteftbenj ber Sanbgrafen »on Thüringen unb ber Seit, namentlich »on 1672 — 1741 , mo fte felbfl Sieftbenj eigener gürflen mar. Sehr befchäbigt mürbe fte am 1 . Scpf. 1810 in golge ber Grploftort mehrer fran.j. fPul»ermagen; an baS Greignif, jugleich bie Stelle bcffelben bejeichnenb, erinnert ber GpploftonSplaf. Sgl. Storch, „Scfdjteibung ber Stabt G." (Gif. 1837 ). — ®aS ehemalige gürflentlfum G., melcheS feit 1815 als Kreis beS ©rofherjogthumS SBeimar nebfl einigen hinsugefommenen fulbaifcljen unb heff. fParcellen, ungefähr 2oy 2 DSDi mit SOOOO G., urnfaft, theilfe bie SchicEfale Thüringens unb fam mit biefem 1440 an Sachfen unb bei ber Teilung jmifchen griebrich bem Sanft* müthigen unb feinem Sruber äBilhelm an ben Settern, nach beffen Tobe es 1482 mieber jurücEjiel. Sei ber Theilung im 3- 1485 fant eS an bie GrnefiinifdEje Sinie, bei ber eS »er* blieben ifl. S3cr jüngere Sohn 3»h ann Sriebricf) beS Stiftlern, 3ol)ann ®rnfi, fliftete 1596 bie ältere Sinie G.; ber fiebente Sohn beS £er$ogS 3ohann »on SBeimar, SU» brecht, 1640 bie mittlere Sinie G.; öeibe flarben aber mit ihren Stiftern, jene 1638 , biefe 1644 , mieber aus. ©eorg, ber fünfte Sohn beS^crjogS SBilljelm »on SBeimar, mürbe 1672 ber Stifter ber jüngern Sinie G., bie inbef auch febjott mieber mitbejfcn Gnfel, SBilhelm Heinrich, 1741 erlofch- Sgl. Schumacher, „Sermifchte Sacfjrichten jur füchf. @e* fchichte, befonberS aberber Gtfetiachifchen ©efchicfjte" (6 Sammlungen, Gif. 1772 ). ©ifenbajmetl* ®ie ßrfinbung ber Gifenbahnen ifl in ihren ©utnbjügen, ben Sah* nen mit feflflehcnben ©eleifen, nicht fo neu als fte auf ben erflcn SlicE hin erfdeint, benn mir ftnben ihre Spuren fdjon bei ben ©riechen unb Ütömern. 3« ben Stuinen beS Tempels ber GereS $u GleuftS ftnben mir bie beutlichflen Sterfmale »on Schienen, melche als ©eleife für bie SBagen gelegt maren, unb bie 9tömer ernannten febt moljl, melche Sortheile eine mögliche magerechte Strafe unb feflc, glatte ©eleife für ben Transport haben; baS bemeifen bie Überrefle ber Slppifchen Strafe. 3n ben beutfehen Sergmerfen ftnb fchon feit 3af)rhun* berten bie fogenannten #unbegefiänge gebräuchlich, melche aus mit ©eleifen »etfehenen ^oljblöcfen beflehen, unb als bie -Königin Glifabeth »on Gnglanb, um bem engl. Sergbau «ufjuhclfen, gefehlte Sergleute aus ®eutfchlanb fommen lief, mürbe biefe Ginrichtung auch i« jenes Sanb hinüber »erpftanjf. SBir finben, baf fchon im 3- 1676 in ben Steinfoh* lenbergmerfen »on 3temcaflle*upon*Tpne folcbe ^ol^bahnen mit Sortheil angemenbet mur* ben. Später, 1776 , belegte Gurr bie $oljblöcfe mit eifernen Schienen unb brachte an ber ^Peripherie ber Stäber einen »orflehenben 9ting an, melcher baS Slbglettcn berfelben »on je* nen Schienen »erhinberte. 2>er nach unb nach eintretenbe ^oljmangel unb bie vermehrte Gifenprobuction liefen flatt ber bis bal)in gebräuchlichen Sangfchmcllen furje Sluerfchmellen anmenben, auf melche bann gufeiferne ©eleife »on gröferer Stärfe, oben gemölbt (emellen frei lagen. 3nt3. 1797 erfepte SarnS bie duerfchmellett burch Steinblöcfe. ®ie gufeifernen Schienen (rails) fprangen jeboch, namentlich bei fieinernen Unterlagen fehr oft; man mahlte beShalb fiatt berfelben ge* fchmiebete, an beren Stelle enblich bie jef t überall gebräuchlichen gemalten Schienen traten. Sie auferorbentlichen Sortheile, melche bie Gifenbahnen im Sergbau unb gabrifenbetriebe gemährten, jogen halb bie allgemeine Slufmerffamfeit auf biefelben unb erregten ben SBunfcf), jte auch « u f gemöhnlichen Strafen ausgeführt ju fehen. ®ie erfle berartige Sahn mar ©tfcnBftSiteit 625 bi« int 3. 1825 »ollenbete StodtowSarlingtonbahn, welcher fef)t fcatb bie fiiöerpoot«3JJan= d^eficrbatjn, in granfreich bic »on ©f.«Stienne natf> Stnbrejieujc, in Dftreicf) bie unter ©erfl« ner'S Leitung erbaute Sahn jwtfden ber Sonau unb bcr ÜHolbau unb in Slmcrifa bie £utinc 9 *Soflonbal)n folgten. Sfter erft bie Cfrftnbung ber ®antpf wagen (f. b.) unb bie t)of»e Stufe ber Sollfomntenheit, ju ber biefelben jegf gebracht worben ftnb, haben ben 6i* fenbaljnen gattj bie fotoffafe Sebeutfamfeit gegeben, woburd) fxe eine wahre SBeltbegc* benf)eit geworben finb unb ftch ben weltumgeflaltenben ßrftnbungen Sompaf, ©cf)iefpul»er unb Sucf)bruderfunft an bie ©eite ftellen fönnen. 9?adE> furjent .Stampfe gegen ifjre SEBiber- fader, welche entweber ju furjftchtig waren ober mutwillig bie Slugen gegen bie glänjenben fSortheile ber Sifenbafjnen fchtiefenb, ft cf) biefem ßulfurfortfcfjritte mit aller ©ewalt ent« gegenflemmten, flef>t ba« Sifenbahnfpflent überall ftegreich ba, unb felbft ®ie, welche früher fid) ifoliren wollten, muffen je|t notljgebrungen bem allgemeinen 3uge folgen, fobafj fclbff Spanien, ben neueflen 9tadE)ricf)ten jufolge, bamit umgeht, Gifenbafjnen anjulegen. 3n fehr furjer Seit wirb ftcf) ein Sifettbahnnef) über ganj ßuropa legen unb ben fernen Dflen bem SBeflen, ben ©üben bem Storben »erbinben. fDtonate, bie fonfl ju Steifen erfobert würben, fd)Winben jefct ju Sagen, unb bie Sulfur wirb auf eifernen ©Zwingen bi« in bie fernsten ©egenben bringen, bie Sänber werben ihre Äenntniffe wie it>re ^robucte fd)neü aubtaufdjen, unb manche ifolirenbe Scfjranfe wirb fallen müffen, bie fonfi für 3afirl)unbette errichtet fcf)ien. 2Btr wenben un« nun ju ber Sonflruction ber Sifenba^nen felbfl, au« welcher ftch ihr eigentliche« SBefen barflellen wirb. Stuf einem planum, welche« möglich# in geraten Sinien unb mit möglich ff geringer ©teigung angeorbnet werben muf, werben Unterlagen gelegt, welche $wei Siethen ßifenfdienen tragen, bie um bie ©eleifeweite »oneinanber entfernt ftnb unb auf biefelben entweber unmittelbar aufgenagelf ober burch eine befonbere Sorrichtung, bie foge« nannten ©chienenftühle, barauf befefiigf ftnb. iDie ©eleifeweite ifl fehr »erfcf)ieben unb halt Ttch jwifchen »ier unb fteben i?.; jeboch ifl Icfctere^SBeite, welche bie ©reat=2Befternbahn in Snglanb abopttrt hatte, für fehr unbequem befunben worben. ®ie gebräud)lichfie SBeite ifl bi« je&f 4 g. bi« 4 g. 8 Soll, ^»inflchtlich ber Unterlagen ftnbcn wir »ier Spfleme befolgt. Sei bem erflen, bem amerifanifchen, ftnb in ba« fpianum, fenfrecljt auf bie Stichtung ber 25af>nlinic, furje Schwellen cingefenff, auf welche bann Sangfcffwellen, ber Sahnridtung nach, aufgefämmt werben, welche bie ©«hienen tragen unb biefelben alfo ihrer ganzen Sänge nach unferflügen. Dbgleich man hier ben Sorttjcil erlangt, leichtere Schienen bi« ju 8 ^)f. für ben gufj anwenben ju fönnen, fo fahren ftch hoch folrfje Sahnen nicht befonber« gut. ®iefe« Spflem würbe nur auf wenigen beutfden Sahnen angewenbet unb ifl auch bort jum 3f)eit Wieber befeitigf worben. ®a« jweite, belgifcfjc, Spjlem lägt bie Sangfdfwellen gänjlicl) fort unb legt nur SQuerfchwellen in ben feflen Soben be« planum«, befeftigt auf biefen bie gttfeifer« nen ©chienenfiühle (Chairs) unb in ihnen bie etwa 15 %. langen Schienen. SlUerbing« et« foberf biefe« ©pflem, ba bie Schienen allemal auf 3 Sänge frei liegen, »iel flärferc ©die’ nen (ben gufi 12—18 ^f.), aber e« fährt ftch, ber Slaflicität ber Schienen wegen, auf bie« fen Sahnen »iel beffer, unb fte ftnb, wenn anber« ba« fPlanum gut bearbeitet war, »iel bauet« haftet. Sin brifte« Spftem erfegt bte hölzernen D.uerfdwel(en burch fleinerne, unb ein »ierte« legt nur unter bie ©d)ienenfiüi)Ie grofe Steinblöde auf eine burchgefjenbe fPftafierfcf)icht. 3)iefe Sahnen ftnb allerbing« fehr bauerhaft, befahren ftch auch gut, bocf> foflen fte »iel unb fönnen nur bort mit Sortheil angewenbet werben, wo Steinmaterial wohlfeil, #ol} aber theuer ifl. 3>a« Sebürfntf, bei einer Sifenbahn bie Steigungen fo gering als möglich ju er« langen, macht ein fehr genaue« Stubium ber Slrace für bie Saljn nötf)ig, um ben Stuftrag . unb Stbtrag für ba« fPlanttm möglichfl in ein ©leichgewicht ju fe|en, überhaupt bie @rb» bewegteng fo gering al« möglich *u machen. Um alljugrofe Steigungen ju umgehen, wirb man oft Umwege am $ufjc ber Serge hin machen müffen, ober man wirb tiefe 6infrf)nitte machen ober gar ganje Serge burcljbohren unb «Tunnel anlegen. Solche «Tunnel ftnb tn ©nglanb fehr häufig un‘o oft fehr lang. So hat $. S. bie Shefftelb«ÜRancheflerbahn einen «Tunnel »on 15000 ff. Sänge. Ströme unb Ärettjwege werben burch Srüden unb Stabucte befeitigt, unb lefctere geben oft ju fehr »erwideften Slttfgaben Seranlaffung. So fommt auf ber 9?orth=üJ?iblanbbahn ber Sali »or, baf bie Sifenbahn unter bem ßromfoxbfanat aber 6on». =8er. Steunte 2tufl. IV. 40 t>26 CcifcufiaJjimt übet bet ganbftrafe fortaebjf, ivetc^e felbfi wieber an biefer ©fette ben gluf Slmber überfe$t, j fobaf ftch auf biefem fünfte »ier ßommunicationSlinien übereinanber beftnben. Siabuct'e finb überhaupt in ßnglanb häufiger als auf bem ßontinente, wo man lieber bie Kreuzwege über bic Sal)n felbfi geben {äff, unb lef fercr an biefer ©fette eine etwas »eränberte ßonfiruc* tioit gibt. 25er gröfte Siabuct auf bem ßontinent ifi auf ber §crbinanbS=9lorbbahn, bit^t oor Srünn, 1617 j. fang imb wirb oon 72 elliptifhen Sogen getragen. Ser gröfte Tunnel | auf bentgontinent ber 5160 g. lange Äöntgeborfer Tunnel jwifhen Köln unb 3larf)eti. Slttjugrofe Steigungen, welche auf feine anbere SBeife zu umgeben finb, werben mittels fo* genannter fefiefer gbenen befahren, inbem auf ber 5>öl>e eine fefiftebenbe Sampfmafhine ; aufgefiellt wirb, welche bie SBagen an ©eilen htnaufzicht, wäbrenb btefelben bei ber Thal* I fahrt ihrem eigenen ©ewidjte übcrlaffen werben. SRannicbfacbe grfabrungen haben inbef gezeigt, baf man beffet tb)ut, lieber bie gröften ©elbopfer jur Sefeittgung beö HütberniffeS ju bringen, ba bie fiten Sampfntafhincn, nachhaltig gar ;u tbeuer werbenb, bie erlangten grfpanüffe halb »erjebren. ©teigungen, bereu Serf)ältnif 1:120 überfteigt, finb faunt noch mit gocontofiöcn ju befahren, obgleich man auch noch ftärfere erzwungen hat- Sie ääcgfrümmungen muf man nach einem möglichfi grofen^atbmeffer abrunben, ba biegaf)rt in furzen .Krümmungen tf)eil 6 aufhaltenb, theils gefährlich ifi, auch bie Sahn fiarf abnuft. ■Krümmungen, bereu Stabiub unter 400 ff. fällt, finb fc^on unbequem. 2BaS bie Steife beS spianumS betrifft, fo muf man fie bei .KojienaufmanbeS für ganb unb Slrbeif wegen fo öiel als möglich befhränfen. Sic Hauptfrage ifi, ob eine Sahn mit einfachem ober mit Soppcl» i gcleifen angelegt werben fott, ba bei ft’hr frequenten Sahnen ein Segegnen ber TrainS auf f bemfelben ©cleife $u öermetben ifi. SebcnfattS wirb man am befien fhun, bei Slnlequng oon s Sahnen) welche fpäter eine gröfere grequenj erwarten laffen, bas planum für jwei ©eleife ju i bauen, im Slnfangc aber nur eins berfelben ju legen unb baS zweite fpäter nachäufübren. SBenn j man bebenft, baf eine eingeleiftge Sahn auch fiettenweife breiter angelegt werben muf, um birf nöfhigen SluSWeichepläf c für bie einanber begegnenbenBüge 511 erlangen, fo wirb baS Einlage» ' capital für jwei ©eleife in ScrücEftchtigung ber nachher entfieljenben Sortheilc nicht unter* hältnifmäfig »ergröferf werben. SBelher fSiaterialien man (ich pm Oberbau bebienen fott, j müffen bie goealoerhältniffe beftimmen, bocE) wirb man fich an ben meiflen Orten für baS ßi* , chcnhotj ju ben Olucrfhmcilen entfheiben, ba es baS relati» wolfffeilfie ifi, unb wenn eS mit ! einer Stuflöfung ton Ouecffilbcrfublimat gefränft (epanifirt) ifi, eine bebeutenbe Sauer hat. : S5ban hat, namentlich jur ßrreihung längerer horizontaler ginien unb 511 Überwinbung ber : gröfern ©teigungen, »erfchiebene Sorfcfläge gemacht, bereit ßrfolge aber ihrem 3 wecEe nicht immer enffproeffen haben. Sahin gehört j.S. ber, eine Sahn auf eine möglichfi grofe Sänge baburdl) fafi horizontal 51 t machen, baf man ihre Heitren ©teigungen fummirt unb auf eine j grofe fdjiefc ßbene bringt, welche man bann burch fiationaire Sampfmafd)inen ju überfiei* j gen firebt. Sahin gehören auch bie seif acting planes ber ßnglänber, bei welchen ebenfalls ! fhiefe gbenen angebracht werben, weihe aber fo angeorbnet werben müffen, baf ber Train, | welcher bicfelbcn erficigen fott, burch einen anbern, Weiher auf ber entgegengefegten ©eite , bergab läuft, hinaufgezogen werben fattn. Saju gehört aber eine immer gleihmäfige unb ! regelmäftge Slnorbnung ber gahrten, weihe wol nur beim ScrgwerfSbetriebe, niht aber auf gewöhnlichen gifenbahnen ju erlangen fein bürfte. Sabnalls unbulirenbe (wellenförmige) I Sahnen folten fo confiruirt werben, baf ftarfe ©teigungen fo regelmäfig einanber folgen, baf ber SSagcnjug beim Hinabfahren eine fo grofe SluSharrung in ber Sewegung erhalte, baf er bie barauf folgenbe Steigung mit geringer Siahhnlfe ber Sampfmafhine wieber überwinben fönnc, itnb fo fort. Slmcrifa hat baS ßifenbahnprmcip, welches borf, wo eS an rafher ßommwnication ■ unb an Transportmitteln auf fo ungeheuren ginien oorjüglth mangelte, fo grofe SSortheile oerfprah, mit ber gröften gnergie ergriffen, unb eS ifi feineSwegS eine überfpannte Sin* nähme, baf Slmcrifa allein bcbcutcnb mehr ßifenbahnen hat als baS gefammte guropa. . Täglich fafi entfielen bort neue Sahnen, unb bie SefriebScapitalien werben mit enormer j ©hntUigfctt zufammengebraht. 3m 3- >840 waren fhon gegen 750 beutfhe 9)1. ßi* i fenbahrt oollenbet unb mehr als 1300 9)1. im Sau begriffen. gnglanb ifi je|t nah allen 9iid)tungen hin oon ßifenbahnen burhfhnttten, unb tt ©ifeitBafctteu 627 »erben borf im ©anjen etwa 530 beutfehe 5Dt. mit SocomctiBen befahren, wobei alfo bie bttrd) $)ferbe bebienten, meift in Sergwerfen liegenben nicht mitgered)net finb. SSon Son* bon allein gehen $ehn Sahnen aus unb jwar naef) (Solcfjeftcr, Sifhop=©tortforb (Gatnbribge), Sirmingham, Sriflol, ®outf)ampton (5Porfgmouth), Gropbon, Srigf)ton, SlacfwaU, ©reenwid) unb SoBer. Sin biefe Sahnen fliegen ftd) bie Sahnen OtugbbipSiotfingbam, 2eicefter=©wanington, SirminghatmSerbp, Serbt)=9totbcrham, 2ecbg»3)otf=Sarlington, ©tocfton*Sarlington, 2eebg=©elbp=#ull, 2eebg=5ötanchefier, 50tand)efter=2iBerpool, 50tan* chefler*Sirmingham, 50tand)efler=Solton, Sirmingham=Solton, StrminghannSlottceffer, SoltomSeigl), 6^efter»a3irfenbeab. ferner bie Sahnen ©loinbon-Gheltenham unb SSriftol* Gretcr. Slbgefonbcrt liegen bie Sahnen 5>tewcaflle*Garligle unb 50tarp=porf, S^enacafile» ^ortb'Sljiclbg, Surf)am*5)tcwcafHe=@unberlanb, boef) werben fie mit bem -ipauptcompler Berbunben fein, fobalb bie Sarlington'51tewcajllebahn Bollenbet fein wirb, worauf baö Gtfen* baljnneb über Gnglanb alg Bollflänbig betrautet werben fann. Sn ©djottlanb beftcht je^t» nur eine einzige ^auptba^n, bie Bon Gbinburg nach ©laegow, an welche ftd) mehre ßtoeig* bahnen fdjliefen. Stlanb bat bie Sahnen »on Sublin big .Singgtomn, SelfafMPortgbown unb Sublin=Srog£)eba, bod) noch unooUenbct. Sic in Gnglanb auf bie Gifenbaf)nen Ber* weubeten Kapitalien, welche fdmmt(id) burd) Slctiengefcllfdhaften aufgebracht würben, fittb wahrhaft ungeheuer, benn wenn biefelben im 3-1840 febem mehr als 400 50till. $hit- betrugen, fo barf eine Sinnahme Bon 420 50lill. j£l)lrn. in biefem Slugenhticfe nicht überfpannt erfd)ci= neu. Sie theuerflen Sahnen ftnb bie Bon Sonbon nach SlacfmaH unb nach ©reenwid), wo bie beutfehe 501. auf 10 50iiU. 2l)k. unb auf 8 50tiU. 2l)lt. fommt. Sei ber woblfeilften Sahn foftet bie beutfehe 501. etrca 235000 &f)lr. Sie ^erfonenfrequenj ber engl. Sahnen ifl fehr bebcutenb, benn im 3 - 1 842 würben auf 50 ©ifenbahnen 18,453504 ^)erfoncn be* förbert, Bon betten auf Me SonbomSlacfwallbahn allein etwa 2,156000 farnen. Sie ©in* nahmen aller engl. Gifenbahnen im 3 - 1842 würben auf 4,000000 ^>f. ®t. angefchla* gen, woBon etwa ber Biertc SEfwü auf ben SBaarentranbport fomntt. Sie SahrcgbtBibenbcn lagen auf ben Betriebenen Sahnen jwifc^en 15 unb 3 $)rocent, fechö Sahnen gaben gar feine SiBibenben. Siefe Sahnen werben mit S29 SocomottBen befahren, Bon betten 005 fed)gräberig, bie übrigen Bierräbcrig ftnb, ttttb man tbeilt bort nicht bie 3bee, baff bei lef fern bie Uttglücfgfälle häufiger wären. Sie in Gnglanb erreichte ©chnclligfeit auf ben ©i;ctt* bahnen beträgt burcE>fcf>nittlid£) 29)4 engl. 501. in ber ©tttnbe. Slm fchncllftcn fährt man auf ber 9torbofibaf)n, 36 engl. 50t., unb am langfamflen auf ber 50tancf)efter‘Sirmingham= bahn, 26 50t. in ber ©funbe. granEreid) jc&t bamit befchäftigt, ein grofjeg Gifenbahnne| über bag gan;e Sattb ju legen, bag auf bem Rapier allerMngg fchon fertig ifl, Bon welchem aber nur hier unb ba fleine ©tücfe Bollenbet ftnb, fobajj wol noch Biele 3al)re bis jur Sollenbung beffelbett erfo* berlich fein werben, unb bieg um fo mehr, je Bielfadjer etnanber enfgegengefe§te Snteveffcn hnttmcnb bawiber auftretcit. ©eit bem 11.3uni 1842 hat fytz ber ©taat bie Gifenbabn* ongelcgenheit theilmeifc jtt feiner ©ad)e gemacht unb $war bergeffalt, baff er ben Unterbau beforgt unb ben britten S^eil beg Sobeng lauft, beffen übrige $wei Svittel bie ©emeinben beftreiten, bttrd) bereit Sereid) bie Sahnen gehen, ^rioatinbuflrie beforgt ben Sberbau unb ben Sctricb unb Bertangf bafür auf eine befiimmte Seit ben 5)tiefbrauch ber Sal)n unter ge* gebenen Scbingungen. Sorhanben unb gatt$ ober theilweife im ©ebraud) ftnb bie fegt bie Sahnen ^>arig=©t.=©etmain (19 ÄilomctreS), ^arig=58erfailleg reeftes Ufer (19), linfeS Ufer (17), 5Parig = Otouen ( 128 ), ^)arig=0rteang=Korbeil ( 133 ), 2pon=®t.=Gtiennc (60), ©t.=Gtienne * Slnbrejieup (20), 3tnbre}icur = 3toanne (68), 50tontbaifon = 5Dtontronb (IS), ©tragburg=Safel ( 140 ), 5Dtühlhaufen=3rf)ann (1 9), 50tontpellier=Gcfte ( 27 ), 2llaig*5)tignteg* Saueairc (66), 2llaW=2a granbe Gombe(18), Sille jttr belg. ©renje (14), Salcitcientte« jur belg. ©renje ( 12 ), Sorbcauj:=£a Sefle (52 Jfilometrcg). 3m ©aitjen 830 ifilometre§ ober 103 3 / 4 bsutfehe 9Jt. 5!luferbem noch etwa 11 59f. an Sahnen für ©teinfohlengruben. Sefchloffen bagegen ifl bie Slugführung ber Sahnen Bon 5J)arig über Sille jum ifanal, Bon ^)arig über Sltancp nach Strasburg, Bon fPatW über Stjon nach 50tarfeille unb jum 50Jittel» länbifchen 50tcere, oon ^3artg über Sorbeauy unb Saponne nach ©panien, Bon ^)arig über 628 ©ifettbaljtten 2ottrS unb Nantes nad) bemDcean, »on S)ariS nach SourgeS in bie SRitte granEreicf)S, »ont 5SWitteltänbif(ä)en SReer über Dijon unb SRüldhaufen jum 3f?E>ein unb »om Dcean über Sorbeaur, Souloufe unb SRarfeille zum 3Rittellänbifd)en SReere, in Allem etwa 4000 .Silometreö ober 500 beutfdje 2R. Seiten ifi §uerfl »on bem fchr richtigen ®runbfa|e auSgegangen, baj; baS ganje Gifenbaf)nwefen ©ad)e ber ^Regierung fein tnüffe, unb bie wohltätigen folgen biefer 3bee haben ftd) nur ju febr betfjätigf. Die belg. Sahnen ftnb bie befien unb werben am befien unb mit ben geringften SRitteln bebient. DaS ganze Sanb wirb »on zwei ftd) faft recf)twiiiEItg Ercujettben Sahnen burchfchnitten, beren eine »on Dfienbe über ©ent, SRecheln unb Süttid) nach SeroierS gut preufj. ©renje geht, (ich bort mit ber Jtötn=5tad>ener Sahn »erbinbenb, wälfrenb bie anbere »on Antwerpen über SRecheln unb Srüffel nach SRonS geht, um ftd) an-, bie franj. Sahn ju fdjliefien, welche einfi SalencienneS mit 2)ariS »erbinben foli. ©ittzelne .fleine ßnacigbatjnen, j.S. nach ©t.«Srönb unb Sille mit eingerechnet, beträgt bie ganze Sänge etwa 76 beutfehe SR. Obgleich bie flache Sage Selgiettö wenig ©rbarbetten barjubieten fcf)ten, fo erfoberten biefe Sahnen bod) bei Sirlemont bie Anlage eineö Sunnets »on3000 %. Sänge, unb bie ©treefe jwifchen AnS unb Süttid) auf nur fecl)ö SR. 18 SunnelS, jufam» men l1000 %. lang unb oft burch $els getrieben, 20 Srücfen, Siabucte, ©infehnitte »on 90 %. unb Dämme »on 100 $. Jpöfje. Selgien geht je^t bamit um, fiatt ber hölzernen Duer« fchwellen folche »on gewalztem ©ifen ;u legen, weldEje, mit einem fd)ü|enben Überzüge »er« fehen, eine unbegrenzte Sauer »erfpredjen. fRuftanb beft^t feit bem Dct. 1836 eine ©ifenbahn »on Petersburg nach SarSEoje« ©e(o unb Pawlowff; t^ollanb feit bem ©epf. 1839 eine folche »on Amfierbam nach apartem unb Stalien feit bem Dct. 1839 eine Sahn »on Neapel nad)Portict unb feit bem Dct. 1843 bie Sahn »on Si»orno nach Pifa unb bie Sahn »on Pabua nach Penebig. Deutfd)lanb ergriff bie ©rftnbung ber ©ifenbaljnen gleich anfangs mit grofer Seben» bigEeit, benn frfjon im 3-1828 würbe ein S£h c ^ ber Serbinbungöbaf)n jwifd)en ber SRolbau unb ber Donau befahren, im Slug. 1832 aber fd)on bie ganze, 17 SR. lange Sahn »onSub« weis nach Sinz eröffnet, ©päter unb zwar 1836 würbe biefe mit Pferben befahrene Sahn noch unt 9 SR. bis ©munben am SSraunfee »erlängert. Da inbeffen bie Dampfwagen in ihrer SeröolIEommnung fo mächtige gortfdjritte machten, lenEte ftd) bie AufmerEfamEcit auf bie Scnufcung ber ©ifenbahnen burch Dampffraft, unb eS würbe im 3- 1835 bie erfie Dampfeifenbahn »on SEürnbcrg nach % SR. lang, angelegt, welche gleich int zweiten Sahre eine Dioibenbe »on 20 Procent braute. 3m 3- 1837 würben bie Seipzig=Dreöbener Sahn unb bie gerbtnanbS«5Rorbbahn begonnen, worauf bie Anzahl ber ©ifenbahnen itt Deutfd)lanb in folcher ©chnelle anwuchS, bafj je£t etwa 251 SR. unb ba»on226 mit Dampf« traft unb 26 mit PferbeEraft befahren werben. Die btS je^t in Setrieb beftnblichen ftnb: bie .SaifcfyferbinanbS'Slorbbahn (40‘/ 3 SR.), Serlin« Anhalt (20'/,), Sertin«©tettin (18), Stnz’SubwetSfn 1 /,), 3Ragbeburg=8eipzig(16), Seipjig-Drefben (15y 2 ), 9tf)einifche ©ifen« bahn (11 y 2 ), Serliwgranffurt an ber Dber (10%), SreSlau«Dppeln (10%), SEBten« ©loggnifc (10), SRanf)eim«.SEarlöruhe (9 7 / 8 ), Sinz«©munben (9 1 6 ), 3Ritnchen=AugSburg (8), SRagbeburg«£alberfiabt (7%), Sreölau=$reiburg (7% 8 ), 2Bolfenbüttel*Dfd)erölebeti (7%), Sraunfchweig*2Bolfenbüttel"£arzburg (6), Saunusbahn (5 5 / 4 ), ©äd)fifd)=Saittfd)e Sahn (5%), £antto»er«Peine (4%), Serlin=Potöbam (3%), Düffelborf«©lberfelb (3'/ 2 ), ^>amburg«Sergeborf (2‘ 6 ), Slttrnberg^ürtf) (%). Son biefer ganzen Sänge hat Preufen 100 SR., Dflreich 77, ©adjfen 21 unb bie übrigen ©taaten geringere Sängen. Slud) für Deittfchlanb ift etn allgemeines ©tfenbahnnefs projectirt, bejfen eine ^tauptlinie ftd) »on Hamburg überSerlin, Seipzig, DreSben, S^rag, SBiett unb ©rä$ nach Srtefi jieht, währenb eine anbete »on ©tettin über Serltr. fieipjig, Nürnberg nach 2Ründ)en unb bem Sobenfee geht. Sluferbent ftnb noch bie nötigen SerbinbungSlinien »on Serlin burch ganz ©chleften Zur $erbinanbö*5Rorbbal)n unb bie für ben weftlid)en Sheil unb z>»ar »on Jtöthen über SRagbeburg, ^pannoöer, S^aberborn nach Düffetborf mit einem Slrme nach Stowen, unb »on dralle über ©ifenad) unb äEajfel nach SranEfurt unb eine Sinte »on SRanljeim über ©tuttgart unb Ulm zum Sobenfee, theils im Sau begriffen, theils hoch in ber Ausführung gefichert. SiS jum ßnbe beS 3-1842 hatten bie beutfehen ©ifenbahnen, »on benen brei auf ©ffettbüfjttett 629 Staaf«foflen, bieübrigen burcf) Slcficngcfcllfchaften gebautwürben, bie Summe »on 50 9Jtill» Sl)tr. gefoflet, »on benen fafl ber fünfte Sljeit au f bie gcrbinanb«=9torbbaf)n fallt. 3m Surd)fcf)nitt fofiet bie ÜDteile Gifenbatjn mit allem 3ubef)ör 275000 Sl)lt. Set ber rtjeini» fefen Gtifcnbaljn, al« ber ttjeuerften, fomnten 723707 SEtjtr. auf bie -Steile, mäljrenb bie wohl* feilfle, bieSinj=GntunbcnerSahn, 63900 S£t)ir. für biefOtcile ju flehen fommt. SieÜIctien« capitale ber 18 Gefellfd)affcn, welche Sahnen bauen, belaufen ftef) auf 53,100000 STtjtr., woju nod) 14,300000 £f)lr. 3lnleit)en fommen. Sie fPerfoncnfrequenj auf allen beutfd)cn 5Sat)nen betrug im 3- '836 528106 ^erfonen unb flieg bi« jum Gnbc bei 3- 1843 bii auf etma 8 SDtill. Sie frequentefie SSatjn ift bie 2Bten=Gloggnt£er, meiere im 3- 1842 ],15l393fPerfonen unb bie geringfie bieStn}=Subweifcr, welche in bemfelbcn 3a^re 14247 fPerfonen beförberfe. Sie ©cfammteinnaljme alter beutfdjen Gifenbahnen betrug im 3- 1842 4,628328 SE^Ir., ba»on famen auf bie gerbinanb«*9torbbahn 878585 2l)k., auf bie 2eip$ig=Sre«bener 535028 SE^lr., auf bie Sctpäig=9Jtagbeburger 531585 SEtjlr., auf bie 33erlin = 3lnf)altifcl)e 530722 $f)lr. 3m SScrifältniffe ju ihrer Sänge hatte bie SBien* ©loggni&er Sahn mit pro Sag unb SDteile 147 Sljlr. bie gröfte Ginnahme, bann folgt bie Saunuibatjn mit 125, bie SerliH=$)ot«bamer mit 124 unb bie 9türn6erg=gürther mit 103 Sl)lt. pro Sag unb SOleilc. Sie Steigungööerhältniffe ber beutfdjen Sahnen finb im Slllgemeinen günfltg unb fallen mit nur fet>r wenigen Qluinatjmen in bai Serhältntf jwi* fd)en 1:200 unb 1:500. Schiefe Gbenen fommen nur auf berSüffelborf=Glberfelbcr Salm »or unb jwar eine öon 6648 g. Sänge bei 1: 38 Steigung, unb eine »on 7800 g. i! Sänge unb 1: 30 Steigung. Sunnels ftnb auf brei Sahnen, jmifetjen Jföln unb ber bclg. I ©renje fünf non 5160, 2480, 816, 3360 unb 468 g. Sänge, auf ber 2Bicn=Gloggnifcer t Sahn einer »on 522 J. unb auf berßcip$ig--Src«bener S3ab>n einer »on 1740 g. Sänge. Sie f fühnjten Stabucfe liegen mieber auf ber rt>ein*belg. Sahn, einer öon 70 g. $öhe unb ber anbere in $wei Sogenflellungcn überetnanber öon 112 g. ^ö^e; bie längjten ftnb ein SSia* { buct »on 2300 g. Sänge auf ber Seipjig^Sreobcner SSatju unb ein anberet »on 1617 g. Ü Sänge auf ber gerbinanb«=9torbbahn. Stur wenige Sahnen ftnb gttJcifpurig, bie mefflen l>a* I: ben nur ein Geleife. Ser Oberbau ifl'öerfdjieben, unb man ftnbet Sahnen ltacf) allen »eir Spficmcn, bod) fdjeint man ftef) je$t »orjug«wetfe bem belgtfd)en fjingeben ju wollen. Sie Sahnen werben »on 273 Soeomotiöen befahren, bie mcifl fed)«räberig ftnb, »ierräberige ftnb al« gefährlich auf mehren Sahnen ganj ober bod) für ben^erfonentranbport »erboten. Son biefen Socomotioen ftnb 180 engl., 44 beutfefje, 27 amerif. unb 16 bclg. gabrifate. 2Ba« f bie Sieibenben ber Sahnen betrifft, fo gaben im 3- 1842 bie 9türnberg=gürtl)er 15 ^3ro= I cent, Serlin=f}W«bam unb SDtagbeburg=Seipäig 7, Subwei««Gmunben 6'/ s , SaunuSbalm i 6, 9torbbal)n 5'/^, Serlin«Slnljalt 4%, 8eipsig = Sre«bcn 4 5 /, 2 , 2Bien = Gtoggni| 4 2Dtünd)en=2lug«burg 3 unb Süffelborf=Glberfelb 2'/ 2 ^5rocent. tpamburg=Scrgcborf gab gar feine Sioibenbe. Sie mannigfachen Unglücf«fälle, welche man ben mit Sampffraft befahrenen Gifenbatp . nen Schulb gab, unb ber grofe ,!foff enaufwanb für bie Soeomotiöen unb ba« Srcnnmatcrtal ! machten ben SBunfd) rege, einen anbern SJtotor als ben Sampf für biefe Sahnen $u finben. I Ser engl. Sngenieur Sallance fiel juerfl auf bie Sbee, ben Suftbrucf bajtt anjuwenben, unb wollte eine cplinbrifche Sahn erbauen, welche luftleer gemacht unb in ber bie $)erfcnen« wagen, an einen Sreibfolben befefligt, burch ben Srud ber atmofphärifchcn Suft »orwärtd bewegt werben füllten, üftan fah jeboch fefjr halb baS Sächerlidje biefen Sorfchlag^ ein, unb bie 8ad)e blieb fo lange auf ftd) beruljenb, bis bie sperren Glegg unb Gebritber Samttba bie« felbe mobifteirt wieber aufgriffen, nach *b rem © 9 Ücme eine fProbebaljn »on 1200 g. Sänge , bei 2Bormwoob=Scrubb§ anlegten unb baburd) bie Slu^führbarfcit bocumentirten. Sticht«« beftoweniger gelange«ihnen nur mit »ielerSJtühe, eine©efellfchaftaufjuftnben, welche ihnen einen Sheil ihrer Sabn ju einem Serfttcbe imGrofen überlief. Sic« warbicGefellfd)aft ber | Sublin«Jting«townbabnin3rlanb, weide ba^u eine Zweigbahn »er.Salfep nach äfing«town jum Steintran«port für ben Hafenbau beflimmte. Siefe Sweigbafn »on etwa % beutfdje 9R. Sänge ifi je$t »ollenbet unb bem Serfehr eingeräumt. Sie Stefultate ftnb ganj übet Gr> Wartung günftig, benn auf ber Sahn, beren geringfie Steigung 1: 120 unb beren hödjfie 1: 57 ifl, unb welche fajlnur au« Gur»en unter 400 g. Stabiu« beflebt, fahren bie 3«ge 630 ©ifett&aljttett mit »oller ©id^crf)ctt mit einer ©d)nelligfeit »on 30—60 engt. (6 — 12 bcutfdjen) SJl. in ber ©tunbe, itnb ba« Socomott» allein l)at bie $at)rt mit einer ©chnclligfcit »on 14 beut» fd)cn 9R. in ber ©tunbe gemacht. Sie Saf)n felbfl ifl in Slllern wie eine gewöhnliche Gifen» bal)n confiruirt, aber in ber SJlitte z»ifd)en beiben ©d)ienenreihcn liegt ber ganzen Sänge ber S3al)n nach ein 9200 gj. langer gußeiferner Gpünber »on 15 Soll innen« Surd)meffet, melier an beiben ©eiten burd) Sentile gefchloffen, mit einem ©augrofjr in SJerbinbung ftcl)t, ba« *u einer Suftpumpe »on 67 Soll Surchmeffet füf>rt unb auf biefe SBeife mittel« einer Sampfmafd)ine öon 1 00 ^Pferbefräften in 6—8 ÜJlinuten fo »eit luftleer gemacht »er» ben fann, baß ein mit bem Sreibcplinber »erbunbener 33atomefer auf 25 Soll fleigf. Sn biefem Sreibciffinber be»egt ftd) ein genau fd)ließenber Steibfolben, unb e« ift flar, baß, fo« halb ber Gplinber ganj ober $um Sfjeil luftleer ift, unb (jinter ben Kolben atmofpb)ärifd)e Suff eingelaffcn »irb, biefe ben Kolben mel» ober minber fdjnell »or fiel) t)in treiben muß unb j»ar bei »ollfommen luftleerem Gpünber mit einem ©e»icf)te »on 14 fPf. auf ben Quabratjoll ber ätolb'enflädje. Siefelbe Kraft »irb alfo auch eine bemSreibfolben angehängte Saft mit fortbe»egcn. Siefe Saft ift nun liier ba« auf ber S3af)n laufettbe Socomoti» mit bem angefyängten Srain. G« ift flar, baß, um ben Kolben mit bem Srain ju »erbinben, eine glatte oon biefem jit jenem laufen, alfo bieGplinberwanb burd)fd)neiben muß, Sa nun aber biefer ©chnitt burd) bie ganze Sange be« Sreibcplinber« gehen muß, fo »ürbe er, »enn er ftet« ofen »ärc, bie (Erzeugung be« luftleeren Kaum« »erljinbern. Sie Grftnber haben batjer biefen ©d)lib mit einer lebernen, mit Gifen befcf>lagerten Klappe bebedPt, »elclje burd) eine hinter bem Kolben bcßnblidie Kollenöorrichtung fo »iel nötljig gehoben, nacf)bem aber burd) eine am Socomotio beßnblic^e Kölle »ieber jugebrüeft »irb. Sieben ber .Klappe iß ein .Kanal, in welchem eine 50tifd)ung »on 933ad>S unb Saig beftnbttd) ift, welche nach bem ©dilufe ber Klappe burd) ein am Socomoti» beftnblidje«, mit glüfenben @teinfol)len gefüllte« Kol» gefd)molzen »irb, unb fo bie Klappe luftbid)t »ieber fdßicßt. Sie glücftidjen Gr- folge ber Salfet)-King«to»nbal)n haben allerbing« fanguinifd» Hoffnungen erregt, bodj bitrften biefelbcn faum in Grfüllung gehen, fobalb e« fiel) um eine längere 95at>n al« biefe, »eldje et»a % beutfdjc 9Ji. hat, hanbelt. Slllerbing« fparen biefe SSaljncn Socomotioe unb Steuerung, »enn man aber bebenft, »eichen Koftenauf»anb (außer ber Safn, bie allen an- bern Gifenbafjnen ganz gleich ift) ber genau gearbeitete Sreibcplinber mit feinem Apparate mad)t, »enn man ferner bebenft, baß, ba be« Gpünber« »egen feine SBcgfreujungen möglich ftnb, bie S5af>n ganz im Aufträge ober Slbtrage liegen muß, ba alle SBcge unb gilüffe über ober unter berfelben burdjgefü^rt »erben müffen, fo bürften jene Grfparniffe halb aufgezehrt fein. Kun fommen aber nod) bie f»en Sampfmafchinen mit if»en ©augröf»en unb Suftpumpen baju, beren minbeften« auf jeber beutfd)en SDteile eine flehen unb ben ganzen Sag arbeiten, alfo aud) geljeijt »erben muß, ba bie § 8 at)n nur rentiren fann, »enn bie Süge ununterbrochen aufeinanberfolgen, fo möchte ber©d)luß auf ber H mofphärifche Gifenbahnen nur auf ganjfurje Siftanjcn unb bort angelegt »erben fönnen, »o c« barauf anfommt, Saften fdjnell unb in ununterbrochener golge zu beförbern, alfo 5 .33. in 33erg»erfen, großen g-abrifanlagen u. bgl. H'tr aber ftnb ohnehin f»e Sampf» mafd)inen mit ununtcrbrod)cncr Hetjung, »cldje bei einiger SSergrößerung leicht bie Suffpumpen mit bebienen fönnen. Sott »erben ohne 3»eifel biefe Gifenbahnen trefflich rentiren. Gbenfo »ie man ben Srucf ber aftnofphätifchen Suft jum gorttreiben ber SBagenjüge auf ben Gifenbahnen benugt hat, ift aud) in ber neueften Seit in Gnglanb »on ©huftle»ortl) ber 33orfchlag gemad)t »orben, ben SBafferbrucf }u biefemStoecfe 5 U »er»enben. 33e» fanntlich ffeigt SBaffer, ba« »on einer bebeutenben Höht l)era&fäUt, in einer Kofre »ieberum ju einer ziemlichen Höhe 5 fann e« aber nicht fteigen, fo übt c« bennoch gegen bie ihm enfge- genflehenben Körper einen Srud au«, Welcher mit jener Höht im Söerhälfniffe fleht. 5Kan will alfo an bem einen Gnbe ber 33ahn einen Shurm errichten, ber f)odj genug ift, baß ba« SBaffer, »eiche« au« bem Keferöoir auf feiner Höht £)trabfäHt, höher hinauf brüefen muß, al« ber höchfte ^)unft ber 33ah« liegt. 3lu« bem Kefersotr foll ein §allroh» ba« SBaffer in einen Gplinber führen, ber ähnlich gelegt unb conftruirt ift »ie ber Sretbchlinber ber afmo* fphärifchen Gifenbahnen unb ben in bemfelben beftnblicf)en Kolben nebft bem baran befe« fügten Srain »or ftd) her flößen. Sie Sbee ift ttjeoretifch richtig, möchte ftdb» aber im ©roßen ©tfettbetg ©ifettgttf 631 faurn mit Spulen ausführen laffen. SBenn man bebenft, welche SReferöoire nöff)ig ftnb, um baS SpeifewajTer ju liefern unb baS auSgebiente SKaffcr, bas aus bem ©glinber bod) wicbcr auSfliefjen mujj, auf^unetjmen, weldje äSafferleitungSrögren erfobertid) werben, unb VDctcfje jfofien für ben Sljurmbau unb bie jur Hebung be® SBafferS in baS 3tefer»oir nötigen fPuntpwerE'e, welche eine Sampfmafd)ine treibt, aufjuwenben finb, fo fann man rticf)t be» greifen, warum ber ©rfinber biefe» ©pjtcntS nicf)t gleid) ba® SBajfer in ber ßbene mittel® einer SampfbrucEpumpe in ben Sreibcplinber preffen unb fo feinen 3wecf erreichen fönnfe, of>ne bie ®ad)c fo unnötljig ju compliciren. 3ebcnfatls würbe er feinen Swecf ebenfo ftdjer unb bennod) »iel einfacher erreichen. ©ifettberg, im SSJJittelalter auch Sfenberg ober Sfenburg genannt, eine ©tabt im .perjogthunt ©achfen=3lltenburg, $er fällt in bie alte unb bie neue ©tabf welche legtere ben fd)önfien SEtjeü öon 6. bilbet, unb hat ungefähr 4500 ©., bie ftd) burd) Slderbau, Söie^judjf, .panbel mit .poljwaarcn unb einige gabriffhätigfeit, namentlich in $5or*eIlan unb ©teingut nägren, ein fel>r alte®, 1676 in feiner jegigen ©efialt erbaute® ©d)lo£, bie ©brijtianSburg, mit einer ältrchc unb einer ©fernwarte, unb ein ©pmnaftunt. ©egenwärtig ifi es bie 9teft» benj beS .perjogS ©eorg »on @ad)fen*3lltenburg. Sajj @. in alten Seiten eine ©raffchaft gebilbet habe, beruht auf einer SSerwechfelung mit ber ©raffchaft Sfenburg. ©S gehörte ben SRarfgrafen Oon SEReifen unb würbe burd) Dtto ben fÄeid)en mit fÖtauern umgeben. 33ct ber SanbeStheitung im 3- 14S5 !am eS an ben Äurfürfien ©rnft, bann an bie altweimarifche unb fpäter an bie gott>aifche Sinie. Ser fünfte ©ohn be® .per$ogS ©ruft beS frommen »on ©otha, ßprtfficin, geb. 1653 , ein wttnberlicher 9lld)emifi, ber namentlich gern SRebatllen prägen lief, gef!. 1707 , würbe nad) beS fBaterS SEobe 1675 ber ©tifter ber S?inie ©achten»©., bie mit ihm auch rnicber erlofch, worauf ©. wieber an ©otha fiel, baS eS bei ber SEheilung im 3 - 1 826 an Slltenburg überlief. 33gl. ©fchwenb, „©tfenbetgifche (SproniE^ (©tfenb. 1785 ; umgearbeitef unb fortgefegt »on -23aif,33b. 1 , ©ifenb. 1842 ), ©d)ultcg, „9?achrtcb)t »on 6." (3eita 1799 ) unb SBacE, „SaS alte 6." (©ifenb. 1839 ). (gifettgufd Sic Jtunfl, baS ©ifen in gorrnen $u giefen, war fdjon ben Sllten befannt, beim nach ^HiniuS in feiner „Historia naturalis" hat fd)on SIrtfionibeS ©fatuen »on ©ifen gegoffen, aber erfl in ber neuern unb neueren Seit ift biefe dfunfi ju einem fo hohen ©rabe »on SMEommcnljeit gebiegen, baf man jegt bie feinfien ©d)mucffad)cn unb Sluincatllericn au® ©ufeifen hcrjupellen »ermag. SSir haben oben in bem Slrtifcl ©ifen baS Verfahren angegeben, burd) welches man bas ©ifen au® feinen äRetallen gewinnt, unb baS Slbjiehen beS SDletallS auS ben fogenannfen ©tichöfen, wo cS tn bie ©tücEformen, ©änfe, läuft, ift eigentlich fcfjon ©ifenguf. SaS fo gewonnene 3Jof)cifen if! aber noch f e h r ungleichartig, hart unb fpröbe, unb mangieftbarauS nichts ?lnbereS alS-pcrb* unb Dfcnplatten unbgrofe©nf* ftüif e, an welche man feine befonberS hohen Slnfoberungen ber ©leganj unb beS SBiberfian» bcS gegen ©töfe u. bgl. macht, ©obalb man aber feinere ©ufarbeiten machen will, muf baS 9tof)eifen noch ein* ober jweimal umgefd)moljen werben, .pier^n bebient man fid) ber glamntöfen, wo man grofe SRaffen braucht. Siefe Öfen haben einen Sumpf, eine »ertiefte ©teile, an welcher ftd) baS SOletall anfamntclt unb »on bort entweber burd) bie ©tid)öffnung abgetanen ober mit ifellcn auSgefdjöpft unb $ur gönn gebraut wirb. 3« fletttern SDZctall* mengen bebient man ftd) flcinerer Öfen, welche für GoafSbefd)icEung 6 g., für -po^foblen* befd)icfung bis ju 20 g. ^>öpc haben. Sicfe Öfen ftttb entweber ©turjöfen, b. h- jtc hängen auf ihrer SOZitte in Sapfen, unb baS gcfü)mol;ene SRctall flieft, wenn fte geftitt;t werben, jur ©idjtöffnung auS, ober fie ftnb ©ttpolöfen, b. I). fte ftepen auf einem feflert gunbamentc unD haben eine ©tid)öfnung. Sie legtere Slrt ift beffer unb jegt fafi allgemein eingeführt. Sie gormen jum ©ifenguf werben jegt fafi ohne SluSnahme aus magerrn ©anbe ober aus Schm gemacht. 3» einem eifernen, auS »ier »erhältnifmäfig hohen ©eitenwättben befichcnbcn SZagmen wirb baS aus ^>ol;, SBach® ober SRetall »erfertigte fÖiobell flach auf einen prooifo* rifchen S5oben gelegt, mit itoi>lenfiaub cingepubert, bann eine Sage ©anb aufgeftebt unb fcfl* gebrüdt, biefer folgt eine jWeite unb fo fort, bis ber 9taf)mcn, bie glafcfc, fefl eingebrüeft unb gcflampft »oll ift. Sann wirb bte glafche gewenbet, bie nötigen SJerbinbungSfanäle für baS 5DZctall gemacht, baS SDZobell mit ben für biefen SwecE angebrad)ten penfeln bchitffant auS* gehoben, unb bie gorm ifi jum ©uffc fertig, muf jebod) Ettrj »or bemfelben noch etwas ange* 632 ©ifenutatttt $cijf, gteicbfam gcHnbe gebrannt werben. gür ©ufflücfc, welche auf beiben ©eiten red)fd jinb, bat man hoppelte glafd)en, beren jebe bic Hälfte bed fDlobelld enthalt unb bie mit Ha* fen ober Schrauben »äbrenb bed ©uffed jufammengebaltcn »erben. SBcnn bie erfle glafdje geformt unb gewenbet ifi, täft man bad SDlobeE, bad ju biefem jSwccfe feiner®icfe nach burdf* fdjnitten fein ntuf, in ber glafcbe liegen, bringt bie j»eite Hälfte bcffelben genau aufbieerftc, pubert 9Uled mit Äofjle ein, fegt ben ^weiten 9tabmen auf unb bilbetnun auf ber erflen gorrn bie j»eite. ®ad »eitere Verfahren bid junt ©uffe ifi »ie oben. äufammengefeftere ©egen* ftänbe erfobern gormen aud brei unb rneljr glafcben. gür Unterfdjncibungen unb bei freien Figuren u. bgl. muf man -Sternflüde formen, welche biefe Unterfcifneibungen füllen unb beim ©uffe in bie Haupfform gelegt »erben. 5Dlan formt auch »ol für fefjr fünfilid>e fleine @e* genflänbe bad SftobeE aud 2ßacl)d, macht bann bie ©anbform unb fcttmelgt bad SJJlobeE ^eraud, »orauf man ben ©uf einbringt. .£>of)le ©egenflänbe, »ie 5. S3. Gplinber, 33otnbcn u. bgl., »erben in formen gegoffen, in »eichen ein ©anb* ober 8ef>mforn befefiigt ifi, bejfeit ^Ibfianb »on ber eigentlichen gorm bie fOletallfiärfe bed ©uffiücfed beflimmf. ©ferne ©c* fd)ü|röf)re unb bohle ©egenflänbe, beren innere SBänbe eine fet>r genau bearbeitete unb fejle Oberfläche haben [ollen, »erben ntafff» gegoffen unb bann audgebofyrtunb, »ie j.S3.®ampf* mafdjinencplinber, noch auf grofen ®rel)bänfen audgebrel)t. ©oll ©cbmiebeeifen unb ©uf« eifen mifeinanber »etbunben »erben, fo »erben bie auögefcfjmtebcten SEljeile »or bem ©uffe an ifjre ©teile in bie gorm gelegt; bodf> »irb biefe SSerbinbung »egen ber Gontraction bed 59letalld beim Grfalten nie gatt$ innig, unb man ffjut beffer, biefe Steile fpäter einjufebrau« ben. Güte befonbere Slbart bed Gifenguffed ifi ber @ dj alenguf, ber namentlich beiSBal» jen unb anbern ©egenfiänben, welche eine giadljarfe SDberfiädEje erlangen füllen, in Slnwen* bung fornmt. -£>tcr »irb bad SETictaU in gufeiferne gormen gegoffen. ®ad ©ufeifen fann, »enn erfi bie äufere, fet)r barte Sage befeitigt ifi, gebohrt, gebre^t unb gefeilt »erben, auch !ann man ©d)raubcngewinbe barin einfdjneiben, ed entaiEiren, ja baffelbe burd) befonbere ^roeeffe ganj weid) machen. ®ad biegfame, falt unb »amt hämmerbare ©ufeifen ifi eine Grftnbung bed Oberlieutenant gifdjer in ©cfiaffbaufen. ®ie Jturtfi, bad Gifen ju bronjiren, »urbe feit bem 3. 1780 »or^üglicb auf ben gräflich ©nftebeffeben Hüttenwerten $u Saucb* barnmer »er»oEfotnmnef. 9ludgejeid;net febötte Gifengufarbeiten liefern bie berliner fönig- liebe Gifengieferei, bie parifer ©iefereien unb bie fürfllidj falnt'fcben Hüttenwerte. ©ifenutamt (©oftfr.), ®octor ber SDiebicin, befannt burdj feine politifeben ©d)i(f* falc, »urbe ju SBürjburg 1795 geboren unb ifi ber ©obn eined armen ©djubmacberd. ®urcb Salent unb »iffenfcbaftlicben Gifer audgejeid)nef, machte er juerfl juriflifebe ©tubien unb erwarb ftcb grünblid)e Slecbtdfenntniffe, bie ihm fpdter auf feiner publiciflifcben Sauf* bahn }u flaften tarnen. Gegriffen »on ber aUgemcinen S5egeiflerung nach ben Greigniffen bed 3- 1813, reihte er ftcb unter bie gähnen ber heimatlichen JTrieger. Stach bem gelbjuge, in welchem er ftcb c ‘ n ntilifatrifcbed Gbrenjeidben »erbient batte, »enbete er ftdf) bem ©tubium ber SEebicin ju unb batte fpäter ben 23ortbeil, baffelbe unter ber Slnlettung © cb ö n l e in ’ d (f. b.), mit bem er in ben freunblicbflen SBerbälfniffen flanb, ju »er»oEflänbigen. 3« ber er* fien ^eriobe feined ©tubentenlebend hielt er ftcb jur ®eutfcben95urfd)enfcbaft. SntS-.^Sl trat er bem auf mehren beutfcf>en Unioerfttaten gegifteten fogenannten Sünglingdbunbe (f. ©ebeime politifdje iBerbinbungen) bei. hierauf »urbe er gegen Gnbe bed 3> 1823 mit Slnbern oerbaftef, nach SOlüncben gebracht unb ein 3abr fpäter, ba eine einflwei* lige Aufhebung ber Unterfucbung befd)loffcn worben »gr, nach .Rarleflabt bei SSürjburg gewiefen. 3« ber golge burfte er jebodi nach feiner 33afer)labt jurüdtebren, »0 er ftcb halb eine audgebebnfe ärztliche ^)rarid erwarb. Slld bie Sb t0l1 befleigung bed dtöntgd Subwtg ben greigefinnten in S3aiern eine neue griff ber Hoffnungen eröffnete, grünbete G. bad mit ©eifl rebigirfe, »on audgejeiebneten ^ubltciflen mittelbar unb unmittelbar unferflüfcte unb »on einem jablreicben publicum auf bad günfligfle aufgenommene „S3airifcbe SSolffblatt" (1829—32) unb mit ihm bad erfle Organ einer frifeben, rührigen, nicht blöd in leeren SIE- gemeinbeifen »erfcb»immenben Dppofttton. ©leicbjeitig lief er auch „griebricb »on ©oaue’d politifcbed SEeflament" (Grlang. 1831) erfebeinen. Unter bem Ginfluffe einer bewegten Seit febärfte ftcb f c ' ne * n 'b rcm S5«9tnn »on oben her »ielmebr begünfligte, ald gehemmte Oppo* fttion ; unb befonberd »om 3Tiai 1 832 an, unter ber Herrfcbaft einer ihre! liberalen ©cbleierd @{fenft$mtb ©tfettflucS 633 entfleibefcn unurnmunbenen SReaction, Bermehrten ftd) bie Bezugnahmen unb Scnfurlüefen. 25ama^ Beröfentlichtc 6. auf befonbere Beranlafjung ein politifcheS ©laubenSbefenntnif, roorin er ein erbliche«, unserie^Iicbes unb unBerantmortlicheS Äöntgttjum, unb biefem jur ©eite eine BationalBertrefung in ©inet Kammer al« politifcheS 3beal aufftcHte, inbem et jugleich für Dcutfc£)lanb bie Derftellung eine« monard)ifd) rcpräfentatiBcn, auf bem t)iflori=> fcfjen ©rttnbe ber frühem J?reiSeintl)eilung geglichenen BunbeSflaatS, als t»ürtfc£)enSnjert£> erflärte. 5Rur gan$ beiläufig unb ein einjigeS SRal mar auch bie fRebe Bon einem beutfd)en Jöberatiofpfleme nadf Slnalogie beS norbamerifanifd)en. Ungeachtet ber Berhältnifmäfigen SRäfigung in einer 3eit, als bie progrefftoe Bemegung ber liberalen 3been ben ©injelnen oft mit unmiberffehltd)er®emult ergriff, marb©. ant21.©ept. 1832 }uSSürjburgöer^aftetunb nach 9Ründ)en gebracht. SRan fnüpfte fReuereS mit 2Uterm jufantmen, unb ba man SRajc» ftätsbcleibigung unb anbere poltttfche Bergehen $u entbeefen glaubte, fo mürbe er, aufer ber Slbbitfe »or bem Bilbniffe beS .Königs, &u lebenslänglichem ©efängniffe Berurtheilt unb nach ber Befte -Oberhaus bei $)affau abgeführt. Der Bon ben Bertretern ber SRebictn auf ben Berfamntlungen beutfd)cr 9laturforfd)er geäußerte SBunfd) feiner greilaffung blieb unbeach* tet. @rf! ju ©nbc beS 3- 1 841 traf baburch eine @tleid)terung ber -fjaft für ben bttreh ihre lange Dauer leibenb ©emorbenen ein, baf er unter policeilicher Begleitung unb Beattfftcl)* tigung in ©tabt unb Umgegenb fid) ergehen burfte. Born 3- 1 830 bis auf bie ncuefie Seit herab hat S. jahlreiche unb barunter toertf)Bolle mebictnifdje ©Triften herausgegeben, mor* unter bie „ifranfheitöfamilie SRheuma" (3 Bbe., Gtl. 1841—42) eine ber lebten ift. ©ifettfdhmib (Seonharb 5!Rartin), befannt burch feinen Übertritt Bon'ber fatholifdjen jur protejäantifchen Jfird)e, mürbe am 8. fRoB. 1795 ju 3ngolfiabf geboren, ©eine Boriül* bung erhielt er auf bem ©ptttnaftum $u £anböf)Ut unb ju fReuburg an ber Donau unb ftu* bitte feit 1814 auf ber lanbShuter UniBerfifät juerft fRechtömiffenfchaft, bie er jeboch halb mit ber $)f)‘üüogie unb 2f)eologie Bertaufchte. ©alat’S philofophtfdje SSorträge, ©tubium ber Bibel unb grepler’S „5lnfid)ten Bon ^Religion unb .Kirchenthum" mirften bei ihm bahin, baf er an manchen Dogmen feiner Kirche Slnflof nahm, unb einem ibealen JbatholiciSmuS ftd) juncigte. DieS mar feine ^Richtung, als er 1818 fProfeffor an ber ©tubienanftalt ju SReuburg mürbe unb 1819 bie geglichen 2Beil)en empfing. 3nbef halb ermatten feine ämcifel Bon neuem, jumal ba er 1822 burd) Belegung an bas ^rogpmnaftum ju 9Rün* cf)cn mit bem freifinnigen Director Bon SBeilier in Berbinbung fam. 3mmer tiefer erfannte er bie 5Rangell)aftigfeit beS Bon fatholifdjen Dogmatifern geführten BemeifeS aus ber 2ta= bitton unb gelangte burch eifrige Sforfcbungen, ju melchen er feit 1824 als fProfeffor am ©pmnaftum ju 5lfdjaffenburg reiche fOlittel in ber ©nmnaftalbibliothef fanb, enbltcf) bahin, baf er im 9Rai 1828 jur protefiantifcf)en .Kirche übertrat. 3« Sdge baoon mürbe er, jeboch mit Belaffung feines ©harafterS unb ©cljaltS, nach ®d)rceinfitrt Berfe|t, mo er feitbem in unangefochtener ©tille feinen ©tubien lebte, auch *833 am bafigen ©pmnafium als 2ef)ret unb fRcctoratSoerroefer unb noch * n bemfelben 3ahre als mtrflieber fRector angeftellt mürbe, jeboch fchon am 27. ÜRai i S36 ftarb. Bon feinen SBerfen ermähnen mir auf er bet ©djrift, burch welche er feinen Übertritt rechtfertigte, Bornehntlich folgenbe: „Über bie Bcrfudje neuerer 3eit, baS röm. fatfjolifcheitirchenthum burch e ' n fogenannteS Urd)riflenthum ber äbirchenoäter ju begrüttben' 7 (ÜReufi. a. b.D.,1829), baS in Baiern Berbofene ,,9tömifd)=!atholifcheü)lef» buch" (fReufb. 1829), ferner „Über bie Unfehlbarfeit allgemeiner Soncilien ber fatf)olifchen Äird)e" (fRcujl. 1831) unb „Bergleichenbc Darfiellung aller allgemeinen Berbinblidjen unb proBinjiellen Ätrchenfahungen ber fatholifchen Äird)e" (Bert. 1832). SBegen feiner ,,fPo» Ipmnia, einer ttjeoretifch-praftifchen ©ammlung über baS ©efantmfgebiet beutfeher ^3rofa unb Dichtfunft" (9 Bbe., Bamb. 1827—29) ifl er fel)t angefeinbet morben. ©ifenftuef (Sfjriftiair ©ottlob), SlbBocat unb Dberfteuerprocurator in DreSben, Bi* eepräfibent ber §mettcn .Kammer ber fächf. ©tänbeBcrfammtung, mürbe am 3. Dct. 1773 ju Slnnaberg geboren, mo fein Batet Bürgetmetffer mar. ©r befuchte baS baftge ©pmnaftum, bejog ju Dfiern 1791 bie UniBcrfität ju Seipjig, mo er ben 9ied)tSmifFenfehaften ftd) mibmete, unb ging jur gortfehung feiner ©tubien im |)erbfte 1794 nach ©öttingen, mofelbfi er feine befonbere fRetgung jur ©efcht^te unbber©taatsmiffenfchaftinhöherm@rabebefriebigtfanb als Borher in ßetpjig. 3m3- 1798 lief et ftch als SRechtSconfulent in DreSben nieber unb er* 634 ©ifettttmffct I langte fefjr halb einen fcljr aubgebrciteten Stuf alb ©adimalter. Sie Sfegierung hemieb ifjm ' ihr Vertrauen baburd), bajj er im 3. 1817 ju ber Gommiffton behitfb ber Sfeguürung bet Jfriegbfd)ulben gezogen unb 1820 jtint Sberfieuerprocurator ernannt mürbe. Sefonbereb 3luffel)en erregte er burd) feine SSertfeibigung gifcher'b, beb angeblichen Sftaubmörberb beb $}rofefforb ©erf). »on Jfügelgen in Srebben int 3-1821, bie alb SRufiermerf in Hermann’« „Slnleitung $ur gritnblid)en Slbfaffttng ber Verfhctbigungbfchriften" (©rintrna 1826) auf* genommen ifi. ©efdjaftöreifen, bie er 1824 nad) Saiern unb Dftreicb, 1828 nad) ben 9lie* berlanben, nad) granfreid) unb ©ngtanb machte, ermeiterten burd) bie eigene 2lnfd)auung abmeid)enber gerichtlicher unb politifdjer Snftitutionen feine Äenntntffe unb feinen SßlicE unb I machten ihn Bon befangenen 5lnftd)ten in jutifiifchet mie in politifdjcr -!pinftd)t frei. Sab grofje unb allgemeine Vertrauen, bab er bei feinen SRitbürgern genofi, bemäljrte ftd) in ben ©eptembertagen beb 3 - 1830, mo er bie auf allgemeine £anbe§münfche gerichtete Vorfiellung für 5Reuftabt=Srebben abjufaffen beauftragt, junt Gentmunrcpräfentanten unb jimt Vor* fiel)er berfelben, foreie alb 3lbgeorbnetcr ber Stabt Srebben für ben confiitutrenben Sanbtag Bon 1831 gemä£)lt mürbe, ©eine Söerbienfte ertannte bie Sfegierung 1832 burch ©rtl)ei* lung beb GioilBerbienfiorbenb an. Slud) nad) Segtünbung ber neuen Verfaffttng ift er um unterbrochen für bie ©tabt Srebben üRitglieb ber jmeiten Kammer gemefen, in ber er eine bebeutenbe ©timnte hat unb bie ihn auf bent ffanbtage Bon 1842—43 $u ihrem Vicepräft* benten hatte, ©r ifi ber 9Rartn beb liberalen brebbenetSürgerfranbb. Sei unerfd)üfterlichem j greimuthe iff er ber märmfie Verfechter ber Verfaffung, ber gröfte greunb ber formellen ! ©lcid)heit unb'Bertheibigt bie Berfaffungbmäfjigen 3ied)te ber Sfegierung mit ebenfo aufricf)* tigern ©ifer alb bie ber ©fänbe. ©nergifd) unb unöerbroffen bekämpft er allen proBinjiellen unb ©tanbebfeparatibmub unb nimmt babei lebenbigften Slntfcil an allen Ipumanitätbfra* gen, mie er unter Slnbernt bei Seraffung ber Gtiminalgcfehbücher burch feine berebte ©rflä* ■ rung für 3lbfd)affung ber Sobebftrafe unb gegen ©infttl)rung £örpetlid)er 3üd)tigungcu unb ; auf bem lebten ffanbtage in ©adjen ber öffentlichfeit unb SRünblichfeit bemieb. ©eine 9lub* brudbmeife ifi oft fcharf unb betfenb unb jeigt eine cigenft)ümlict)e Driginalität ber SSenbun* gen, mebhalb man ifn jiemlid) treffenb mit Supin, bem er and) in Sejug auf feine politifdje SJidjtung ähnlich ifi, »erglidjen hat. Sind) an ber ftäbtifefen Vermattung Srebbenb nahm ertroh feineb Slltcrb, bab ihn Bon biefer Verpflichtung freigefprod)en hätte, alb ©tabtoer* orbneter 9tjtft>eil, bib er ju Slnfange beb 3 - 1 S44 Bott biefer SBirffamfcit jurüeffrat. ©ifentuaffer merben biejenigen üRinetalmäffet genannt, bereu 3Birtung ber ber 3lrj= neipräparate aub ©ifen ähnlich ifi. Verfchtcben finb biefe äßirf'ungcn, je nadjbem bab ©ifen in Jfohlenfäure ober in ber meniger flüchtigen ©d)mefel* ober ©aljfäure gelöfi ftd) in ihnen finbet unb ber ©ehalt an anbern fejicn Sefianbtheilen, mie fohlen*, fdjmefel* unb fafyfauren ©rben unb Sllfalicn, größer ober geringer ifi. SRan unterfebeibet bemnach 1) erbig=falinifd)e, meldje außer bem fohlenfauren ©ifen Botmalfenb ©lauberfalj unb anbere Sllfalien unb ©r* ben enthalten, 5. S. ^prmont, Sriburg, SReinberg, Stebcnfiein, Socbtet, Srüdenau, Sfo* hitfeh, Slumate, ^affi), ©d)meri!on u. f. m.; 2) alfalifd)=falinifd)e, bie ftch öon ^ en vorigen burch tinen beträcf>tlirf)en ©efalt an fohlenfaurem Sfatron unferfchetben, j. S. granjenb* brunnen, Slumenftein, ©ngifiein, ©heltenham, fiarromgate u. f. 3) alfaltfch=erbige, in melchen neben bem fohlenfauren Sfatron nod) befonberb »iel iohlenfaure Jfal£= unb Salferbe enthalten ifi, 5. S. ©paa, SDiatmebp, ©chmalbach, ©uboma, Sfeinerj, Slltmaffer, glinbberg u. f. m.; 4) erbige, in benen man menig fof)len|aureb Sfatron, befio mehr aber foflenfaure unb fchmefelfaure ©rben finbet, 5. S. SIBilbungen, 35orf=@eibmar, ^reienmalbe, Soulogne» fur*mer, Siouen u. f. m.; 5) Vitriolmäffer, beren dpauptbeftanbtheil fd)mefel», jumeilen auch faljfaureb ©ifen ifi unb in benen ftch nebenbei noch fcfjvüefel* unb faljfaure ©al^e, meniger ifoljlenfäure unb fohlenfaurcb Sfatron befinben, j. S. ülleribbab im ©elfethale, unb 6) Sllaum roäffer, in benen bab fchmefelfaure ©ifen, menn auch oft nicht in beträchtlicher SRenge, Bor* hanben, bod) bie SBirfung beb Sllaunb fräftig unterfiü|t, j. S. 9Rfd)eno, Sttcfomina 11. f. m. Sie SBirfung ber ©ifcnqucllen befieht im SlUgcmetncn barin, baf fte bie ©nergie beb ©efäf* fpficntb erheben, inbent fte bie ^lafiicitäf beb Slutb Bcrntehren, b. t). inbem burch ihren ®e* btaud) bab Slut reicher an ©toffett mirb, melche aub biefem heraubfretenb ben Berfd)iebenett ©eroeben beb Üörperb eine gröfere ©tärfc unb ©panniraft oerleihcn, mobei aud) zugleich @ifertt StfenteS Äreuj 635 Me franffjaft erhöhte 9?d^6arfeit beb 5Rcroenft)ftemö herabgefiimntt wirb. 3fl in einem ©fett« iraffer tiiel freie JEo£)ienfäure Borfjanben unb baS Gifen felbft burcf) Kohlenfäure gelöft, fo tritt biefe SBtrfung fd>rteUer ein, geht aber auch fcb>neUer oorüber, unb man nennt ein auf biefe 2lrt wirfenbeS Gifcnwaffer ein flüchtiges. 3ft bie Jtoljlenfäure nur in geringer SfRenge ba unb bas Gifen in Schwefel» ober ©aljfäure gelöft, fo erfolgt bie SBitfUng langfamer, ift aber befio nachhaltiger, unb biefe Slrt Gtfenwäffer nennt man fernere. Der Übergang Bon ben flüchtigen §u ben fdjweren GifenqueEen wirb burd) bie 9ltif>e berer gebilbet, bie im ©an* jcn biefelbe .£>aupfwirfung haben, beren SRebenwirfungen jebod) burd) tfiren gröfern ober geringem 3leicf)tl)um an Kohlenfäure unb erbigen ober alfalifdjen ©al^tn bebingt «erben. ©iferit ift ein namentlich in ber altern 3ted)töfprad)e häufig angeroenbeter SluSbrucf für Das, waö für befianbtge Seiten ober unablösbar fefigefc^t ifi; fo fpricf)t man Bon einem cifernenGapital, baSnom ©chulbnet toeber abgetragen, noch Born ©laubiger eingefobert «erben bann, oon cif er ne nt 58 i e £) unb eifernem SnBentarium, baS bei betn ©ttte befiänbig bleiben unb im gaEe beS Abgangs burd) neue« erfe|t «erben muff. ©ifetne Ärone htiöt bie Krone, mit «eichet feit bent Gnbe beS 6.3af)rf). bie tont» barb. Könige,.bann Jtarl ber@rojje fo«ie bie SRefjrjgf)l ber beutfchen Könige, bis auf Karl V. herab, IS05 Napoleon unb 1838 ber Kaifer non Dftrcid), gerbinanb 1., als ^Regenten ber Sombarbei gefrönt «urben. @ie befiehl auS einem einfachen, brei 3oE breiten golbenen mit Gbelfieinen befegten fReifen unb hat ihren 9t amen Bon bem fchmalen eifernen pfeifen im Snnern berfelben, ber einer Sage zufolge auS einem 9Zagel Born Kreuje Ghrifii gefchmiebet unb bttrch 5papfl ©regor ben ©rofjen ber lombarb. fPrinjeffin ^htobolinbe gefchenft «orbcn fein foB, bie nun befjufS ber Krönung ihres ©emaf)lS Agilolf 593 bie Krone barauS fertigen lief, bie bann ber @tiftsfird)e ju SRonja im 9RaitänMfd)en jur 9lufbewaf)rung übergeben würbe, «o ftch biefelbe noch gegenwärtig befinbet. fRapolcon fiiftete nad) feiner Krönung in Italien 1805 ben Drben ber eifernen Ktone, ber 1814 aufgehoben, unterm 12. gebt. 1816 aber burd) ben Jiaifer oon Dftreid) wieberf)ergefieEt würbe unb aus fRittcrn, Gom* manbeurS unb DignitaireS befiehl. ©tfentcö ijtettf ♦ Die Stiftung biefeS preuf. DrbenS erfolgte am 1 0. SRarj 1813 beim Sluebmcfe beS Kriegs ^teufenS gegen granfteid) ünb ging aEein aus bem ©eifie unb ^terjen beS Königs griebrid) SBilhelm’S 111. herBor, ohne irgenb eine Borhergehenbe Sera* thung. Gr würbe nur für bie 3cit beS .Kriegs mit granfreich gefiiftet unb foEte eine Grinne* rung an bie bamalige eiferne Seit fein, unb an bas gleiche Dtbensjeidjen ber Dcutfchen fRit* ter im .Kampfe gegen bie Undjrtfien unb Unbeutfd)en, zugleich aber baS ©ebachtnif beS ©e* burtStagS ber Königin Suife Bon ^)reufen (10. ÜRärz 1776) erneuern. Derfelbe ifi aus zwei Glaffenunbbcm@roffreuje jufammengefeft unb nur Bon^Preufen Bergeben worben zur23e* Zeichnung ber fßerbienfie um baS SSaterlanb, mochten fie im gelbe ober in ber Heimat burcf) Eingebung für bie bantals fo bringenben ©taatSzwcfe erworben fein. Die Decoration be* ficht auS einem fdjwarjen Kreuze Bon ©ufeifen in ©Eber gefaft, baS als 3nfd)tift ben fRa* menSjug F. W. mit ber föniglichen Krone unb einer föerjierung Bon Gichenblättern nebft ber 3ahreSjahl 1813 trägt. DaS ©roffteuz ift boppelt fo grof als bie Kreuze ber beiben an« bem Glaffen; ber gürfi 93lüd)er erhielt bajfelbc in einer golbenen Ginfaffung. DaS ©rof« freuj wirb um ben K>a(S, bie erfte Glaffe auf ber linfcn.Srufl, bie zweite im Knopflocbc ge« tragen, unb zwar, wenn eine bem geinbe gegenüber ausgeführte 3d) at belohnt werben foEte, an einem fchwarjen 23anbe mit weifet Ginfaffung, im anbern gaEe an einem weifen 33anbe mit fchwarser Ginfaffung. ©tatutenmäfig fonnte bie erfie Glaffe nur nach bereits erfolgtem Sefige ber zweiten Glaffe erworben werben ; baS ©roffreus war nur für gewonnene ©cbdach» ten unb rühmlich eroberte ober hartnäcüg ocrtl>eibigte gefiungen beftimmf. Die33ertf)eilung beS Gtfetnen KreujeS währenb beS gelbjugS anlangenb, fo ernannte ber König, wenn ber ausführliche S3erid)t beS commanbircnben ©cneralS über eine Schlacht ober ein @efed)t mit ben 33orfd)lagSlifien eingegangen war, bie befonberS empfohlenen ©olbaten, Unteroffiziere unb Dfftjiere, bie baS Kreuz erhalten foEtert. SBoEtc ber König noch einem ober mehren Df« ftjteren beffeiben ^Regiments baSKrcuj Berlcihen, fo würbe folcheS ber 2Baf)l beS DfftjiercorpS überlaffen, gür bie übrigen oorgef^lagenen Unteroffiziere unb ©emeinen fepte ber König eine angemeffene3«h l au ^ un & “berlief biefBertheilung bem tommanbirenben ©eneral, wel« 636 ©tfetnc SOldSfc «her babet gemöhnlid) bi« Summt beb Scrluftce an lobten unb Sermunbeten, mie fte in ben eingereichten ßifien angegeben maren, jum ©runbe legte. Siefcb ^rincip bat inbeffen nicht immer jur Slubmittelung ber Sapferften geführt unb bei bem trefflichen (Seifte, »on bem bab preuf. ^)eer in ben 3.1813, 1814 unb 18 J 5 befeelt mar, ift mancher 23erbienft»olle unbe* rücffichtigt geblieben. Übrigenb haben auch nach ben beenbigten gelbjügen bib in bie neuefte 3eit Siele ber jum ©ifernen Jtreuje mährenb beb Jfriegb Sorgefchlagenen bie burch ben S£ob ber frühem Snfjaber erlebigfen Secorationen nach ber 3?eif)e erhalten unb dtönig $riebrid) SBiihelm IV. hat halb nach feinem Negierungbanfritte im 3- 1840 burch (Ernennung »on Senioren unb Subfenioren beb ßtfernen Jtreujeb aub ber 3al)I ber altern Stifter bie große SSebeutung biefeb Srbenb im -Öeere unb SSolte immer feflct ju begrünben gefucht. ©ifetttc SDtaSfe nennt man ben Staatbgefangenen unter ber Negierung £ub« mig’b XIV. in gtanfteid), bejfen ©efchichte ein Staatbgeheimnif geblieben, weil fich baran »ahrfcheinlich ©emaltthat unb Verbrechen fuüpften. Von ihm erhielt man bie erfte Jtunbe burch bie „Meinoires secrets pour servir ä l’histoire de Ferse" (Slmft. 1745—46), benen jttfolge er ber -fjerjog »on Vermanboib, ein natürlicher Sohn ßubmig’b XIV. unb ber Val» liere gemefen fein foll, ber eine Ohrfeige, bie er im Streite feinem Jpalbbruber, bem@rofbau» phin, »erfcht, mit einiger ©infperrung habe büfen muffen. Sbfdjon eb gemif, baf ber ^>er= jog »on Vermanboib 1683 geflorben unb alfo flcherlich nicht ber Unbefannte fein tonnte, fo fefte hoch bie 3u»erjlchflid)feit ber ^Behauptung bie (Semüfher in Vemegung, unb eb erfcfjien nun beb ©he»alier Stouljt) Stoman „L’homme au masque de fer" (öbaag 1746), ein eien» beb Stacf)merf, bab inbef »iel gelefen, befprochen unb »erboten mürbe. Voltaire in feinem ,,Siede de Louis XIV" (1751) ftellte ftrf> bei Befrachtung ber Slnetbote »on bem Stanne mit ber eifernen Stabte auf ben Stanbpunft beb <5efcf)ict)tfdt>teiberS. Sen Slnfang ber ©e» fangenfehaff fe|t er inb 3-1661, einige Stonate nach Stajarin’b S£obe. ©er ©efangene mar nach t£>m jung unb »on ebler ©efialt. Stuf feinen Steifen »on einem ©efängniffe jum anbern trug er eine 9Jtab!e, bie ihm miftelb angebrachter Stahlfebern ju fprcchen unb ju effen erlaubte; man hatte ben Befehl, ihn ju töbten, follte er je bie Stabte abnehmen. Ser Stinifier ?ou»oib befuchfe ihn auf ber 3nfel Starguerife »or feiner Überjtebelung in bie S3a* fülle unb fprach elmfurchtbooll unb nur flefjenb mit ihm. 3« ber Baflille mürbe berSeheim* nifoolle fo gut alb möglich eingerichtet unb mit Slllem »erfehen, mab er nur münfehfe. 3n einer fpätern Sluflagc feiner Schrift behauptet Voltaire, baf ber Stinifier ©hamtllarb ber £efte gemefen, ber um bab ©eheimnif urfprünglich gemuft habe. Von mem Voltaire biefe Nachrichten hatte, ifl nicht befannt; feine Vertrautheit mit ben hofften Spcrjonen feeb -pofb, namentlich mit bem Starfchall Sti^elieu, tonnte ihn jeboef) leicht ju bergleichen ©el)eim niffen führen. 3njmifd)en hatte fleh bie Ärifit beb ©eheimniffeb bemächtigt unb erfchöpfte fich in $ppothefen. ©inige hollänb. Schtiftfleller behaupteten, baf ber ©efangene ein junger frember ©beimann, ber ^ammerherr ber jtönigin Slnna unb ber mafjre Vater Submig’b XIV. gemefen. £agrange»©hancel fuchte im „L ? anne litteraire" »on 1759 ju bemeifen, baf bie Stabte tein 3lnberer alb ber $erjog »on B e a u f o r t (f. b.), ber atönig ber galten, fei, mab Saint=3lulaire in feiner „Histoire dela Fronde" fehrfcfilagenb mibcrlegt. Saint'jjdr fuchte in berfelben 3eitfcf)rift »om 3- 1768 barjuttiun, baf man in bem ©efangenen ben -fjerjog »on Stonmouth, ben natürlichen Sohn Jfarl’b II. »on ©nglanb, $u fuchen habe, ber inbef am 15. 3uli 1685 ju Sonbon öffentlich albSlufrührer enthauptet mürbe. Beglaubigte 3luf» fchlüffe über bie eiferne Stabte gab juerft ber 3efuit ©riffet, ber neun 3ahre in ber SSaftille alb S5eidhf»ater fungirte, in feinem „Traite des differentes sortes de preuves qui servent k etablir la verite' dans l’histoire" (ßüttich 1769), inbem er bab getriebene Sournal Su* jonca’b, beb töniglichenSieufenantb in berSafliile, für bab3- l698an$og, fomie bab S£obten» regifler beb Äirchfpielb St.=$5aul. Nach biefem 3»urnale tarn SatnüStarb am 18. Sept. 1698 »on Starguerite, mo er ©ouöerneur gemefen, an unb führte in einer Sänfte einen ©efgn» genen mit fie »erbrannt, bie Stauern feines 3immerS abgefragt unb frifcf) getüncht, bie Fliefe beS FufbobenS aber er» neuert worben, aus Furcht, berfelbe fönnte etwa irgenb ein Seichen jurSlufflärungüber feine ^)erfon tjinterlaffen haben. Übrigens fegt ©riffet ben Slnfang ber ©efangenfdjaft auf baS 3- 1683 unb neigt ffd) in ber F°age über bie ^erfon ju ber Slnfic^t in ben „Memoires se- crets" hin. 3m 3- 1770 »eröffentlichte ein alter Haupfmann, SBaron »on Hef, in bem „Journal encyclopedique" ein atteS ita(. Socumenf, auS bem her»orging, baf ein Unteri)änbler 1 beS ^JerjogS »on Stantua aufgehoben, nach $)ignerol geführt unb bafelbff »on @aint=9RarS bewacht worben fei, womit ofenbar auf ffRaftioli hingebeutet war. 9?ad) langerm Schwei» gen fam SSolfaire in feinem „Essai sur les moeurs" auf bie SRaSfe jurücf; er brachte aber nichts SteueS, fonbern behauptete nur, baf er feine Stachrichfen theifweife aus einem SSriefe »on Watteau, einem nahen S3erwanbten »on Saint*!lRarö, gezogen, ber ben ©efangenett fetbft bewacht habe. 3n ber fiebenten SluSgabe beS „Dictionnaire pliilosopliique" erzählte hierauf SSolfaire unter bem 9lrt. „Anna" bie ©efdEjichte nochmals, »erbeferte feine Strthü» mer über baS Saturn au» bem 3ournale Sujonta’S unb fchlof mit ber 23erffcherung, baf er mefr Wtffe afS ©riffet, a(S granjofe aber fchweigen wolle. Snbef war ber Slrtifel, angeblich ' »om Herausgeber beS SEBerfö, mit einem ßufafe begleitet, ber frei fagte, bie SRasfe fei ein älterer 93ruber Subwig’S XIV. gewefen. Slnna »on Dffreich hübe b'tefen Sohn mit einem Siebhaber erjeugt, unb fei fo über ihre »ermeintliche Unfruchtbarfeit enttäufdjt worben; nach einem hierauf »ermittelten Sufammentreffen mit ihrem ©emghl habe ft* bann Subwig XIV. I geboren. Ser ßegtere habe erff »on bem SSrubcr itenntnif erlangt, als er miinbig gewefen ■ unb benfelben einfperren laffen, um ben möglichen Folgerungen »orjubeugen. ßinguct in ber „Bastille devoilee" fdEjrieb biefe Sßaterffhaft bem Herzoge »on 23ucfingham (f. b.) ju. Saint»3Richel »eröffentlichte 1790 ein SSucE), in welchem er bie ©cfjicffale beS Unglücklichen erjählte unb eine geheime SBermähtung ber Jtönigin Stnna mit Stajarin nachwies. Stuffal» lenb bleibt es immer, baf fich ber H°f fortwährenb mit ber Slngelegenheit befchäftigte, unb baf man SllleS anwenbete, über bie §)erfon bes©efangenen baSSunfel $u erhalten. 33ouche in feinem „Essai sur l’histoire de la Provence" (1785) erflärteohne©runb bieganje @acf>e für eine Schichtung Sßolfaire’S. 511S bie Söaffille fiel, unterfu^te man eifrig baS Simmet beS ©efangenen unb bie HauSregiffer; allein gerabe baS SBlatt über ben ©eheimnif»ollen war fichtlich herauSgeriffcn unb jebe Slachforffhung »ergebenS. SaS 3ournal „Loisir d’un patriote framjais" fpract) am 1 3. Slug. 1789 »on einer in ber SSaffille gefunbenen Schrift, bie muthmafen lief, bie SSRaSfe fei ber »on Saint»9RarS erff ju^ignerol gefangen gehaltene Finanjmtniffer Fouguet (f. 60 Ibert) gewefen; allein Stiemanb hat baS Rapier gefehen. Ser Slbbe Soulaoie, ber bie fBlemoiren beS SRarfdjallS Stid)elieu ( 8011 b. unb ^)ar. 1790) »eröffenflichte, wollte nach einem 4,011 bem Grjief>er beS ungliicfli^en ^rinjen auSgefcrtig» ten Socumente bartljun, baf bie eiferne 3RaSfe ein jäwillingöbruber Subwig’S XIV. gewefen. Subwig XIII., heift eS in biefen SRemoiren, habe ben ^rinjen insgeheim erziehen taffen, um j baS Unheil ju »ermeiben, baS nach ber ^rophejeiung eines Hirten auS ber Soppelgeburt für baS föniglichc Haus erffehen follte. 9?act) ffRajarin’S SEobe erff hübe Subwig XIV. »on bem 33ruber Äenntnif erlangt unb benfelben, ber aus einem S3ilbniffe erfahren, baf ber Jtö» nig fein 33ruber fei, auf ewig einfperren laffen. Stichetieu, fügte man hinju, fei in baS ©e= I heimnif nur eingebrungen, weil es ihm feine ©eliebte, bie fPtinjefffn »on SJaloiS, mitgetheilf, bie eS wieber nur um ben unwürbigffen ^JreiS »on ihrem üBater, bem Stegenten unb H er ä °8 »on DrleanS, erfahren. Dbffhon eS nicht fd)Wer iff, bie Unechtheit biefeS SocumentS ju er» ] fennett, bie befonberS auch ber Franjofe 3acob nadjgewiefen hat, fo würbe hoch biefe Slnffd)t ■ jur 3 eit ber Ste»olution faff bie allein geltenbe. Sind) 3fd)otfe in feinem Srauerfpiele „Ser 9Rann mit bet eifernen SRaSfe", bie Ftan^ofen Slrnoutb unb Fournier in bem Srama ■j „L’homme au masque de fer"(l832) unb $hümmel in feinen „Steifen ins mittägliche Franfretd)" h°üen ben ©egenffanb in biefer SSeife behanbelt. SaScafeS im „Memorial de St.-Helene" »erfichert fogar, bie Slnefbote gehört ju haben, ber ©ouoepneur »on SDiargue» rite fei ei'n Herr »on 33onpart gewefen, beffen Tochter ber ©efangene geliebt unb enblid) jur Frau erhalten h«be. 2luS biefer ©he ffamme bie Familie 33onapatte unb Stapoleon fei beS» 638 (giSgcutg dföleBett halb bourbonifchen ©efdjlechtb. 3m 3- 1 1 95 fd)on t>attc ftd^ ©enac be SJlcittjan m feinen „Oeu- ; vres philosophiqucs ct litteraires" (fpamb.) beftimmt bafjin geäufbrt/ ber SRann mit bet eifetnen SDtabfe fei fein Slnberer alb SDtaftioli, ber SRtnifler beb .^erjogb Oon SKanfua, unb bieb aub itai. Slctenfiüden beiegt. Sentfelbcn folgte SRou^^ajfüac in feinen „Recherches his- toriques ct critiques sur l’hominc au masque de fer" ($J)ar. ISOO). Sann Veröffentlichte Selorf „Histoire de l’homme au masque de fer" (^Jar. 1825), worin er bie gleiche Sin* ficht aub atdE)it>a(ifdf)en ®ocumenten bemeifen wollte, ©egen Sclort ifi befonberb bab nach* gelaffene SBud) beb alten ©jcoalier be Sauie’b „L’homme au masque de fer" (fPar. 1825) gerichtet, in bem behauptet wirb, bie ciferne SJlabfe fei ein armenifcher Patriarch, Stamenb J Slrwebifb, ber alb Opfer ber 3efüiten oon ben granjofen aufgehoben unb jeu fparib gefangen gehalten worben fei. 6b ift inbef erwiefen, baf biefer SRann, beffen ©efangennahme 1099 frattfanb, ju fParib frei lebte unb ftarb, nachbem er jum jfatholicibmub übergetreten. 6ben* fowenig ifi bie 33ehaupfung gegrünbef, bajj man in ber üDlabfe Heinrich Sromwell, ben jün* gern ©ohn beb $)rotectorb, ju fuct)en habe, ber allcrbingb 1659 »on ber politifchen ©eene »erfchwanb, ohne bafj man weif, wo er lebte unb fiarb. 3n neuefier Seit fud)te ber SMblio* Phile ^). 8. 3«ob (Saeroip) in feinem „L’homme au masque de fer" (fPar. 1837) mit sie* iet ©elehrfamfe.it ju bemeifen, baf hinter ber eifernen fSlabfe Siiemanb anberb alb ber Ju- nanjminifier gouquet gefiedt habe, wab aber befonberb »on 33erd)t in ©chloffefb „Sltcfjia für ©efchichtc" wiberlegt würbe. Stnbcre bcutfdfje ©eiehrte entfeheiben ftd), ohne jeboch ba* mit 23oltaire ju wiberlegen, bahiit, baf bie eiferne SJlabfe ber SJlinijter beb ^erjogb itart i gerbinanb öon SKantua, SJtafttoli, gewefen, ber gegen Submig XIV. 1678 ftch anheifrfpg gemacht, feinen fperrn ju bewegen, bie gfefiung Safale (f. 6 a t i n a t), in bie »ertragbmafig ! nur öfir. S5efa§ung aufgenommen werben burfte, an granfreid) aubäitliefern, auch bereitb 100000 ©cubi unb reiche ©efchenfe erhalten hatte; bab ©eheimnif aber fogleich an ©a* »open, ©panien unb Dftreich »errietf). Um ftch ju rächen, foll 2ubwig XIV. benfelben auf j bie franj. ©renje haben loden unb am 2. SDlai 1679 bort gefangen nehmen laffen. i ©iögaitg tritt bann ein, wenn nach h arter itälte bie obere ©ibbede eineb ©tronteb ' bricht unb in grofen ©tüden, jugleicf) mit bem ©runbeife forttreibt. Sa burch bab benfelben j bewirfenbe Sljauwetter Jttgleid) bie Ströme anfchmcUen unb wegen beb 6ifeb nicht fchnell genug abfliefen fonnen, haben bie ©tbgänge gewöhnlich Überfchwemmung in ihrem ©efolge, welche ber fchwimmenben 6ibfcf)ollen wegen bie Sllleb mit ftch fortreifen, fel)r gefährlich fütb. Slm gefäl)rlichften ifi aber ein 6 i b fd) u %, wenn bie ©Rollen fiep jwifdftn ben engen Ufern, beb gluffeb, auf einer Untiefe ober öor einer 23ritde anhäufen unb ben Slbfluf beb äBafferb hinbern. ©inen folcfjen 6ibfd)ug $u fprengen, werben fiatf beb frühem ©chtefenb mit fchwe* ren ©efd)ü§en unb beb S3ombenwerfenb, grofe mit einem ßünber unb ©prenglabung »er* fehene unb mit langen ©fangen unter bab 6ib gebrachte 33ombcn mit ©rfolg angewenbet ober x erpichte Tonnen unb .Saften, mit 30—60 fPf.fßuloer gelaben unb mit einem SBombcnjün» j ber oerfehen, bie man mit bem ©trome unter bab 6ib treiben läft. (§fi$leben (Islebia), im 9iegicrungbbejirf SHerfeburg ber prcitf. Tronin; ©achfen, ber ©eburtb* unb ©terbeort 8utf)er’b, bie ehemalige $aupffiabt ber ©raffchaft SKanbfelb, be* fleht aub ber Slltfiabt, berSteufiabt unb bem Sorfe Stcuhelfta, bab 1815 in bic©chufge» noffettfehaft ber ©tabt gejogen würbe, ©ie jählt 7800 ©., barunfer gegen 40 .Satholifen t.nb etwa 800 3uben unb hat öier alte $auptfirchen, barünter bie Slttbreabfirche mit vielen Scnfmalen beb alten ©rafen »onSJtanbfelb unbanberermerfmürbigerfPerfonen, unb biefPe» ter=$)aulfircf)e, inberbei berSJeparatiir 1834—37 auc£> b er alte Slaufflein, an welchem 2utl)er getauft worben fein foll, wieber in ©ebrauef) genommen würbe. Sab jefige föntglid)c ©pm* ttaftum würbe öon 8utber, jwei Sage »or feinem Sobe, am 16. gebr. 1546 gefiiftet unb eb foll an ihm nach ©miger SWeinung ber betannte 3oh- Slgricota (f. b.) alb erfter fRector «ngefiellt gewefen fein. Sab ©eburtblfaub Suther’b, welcheb bei mehren geuerbbrünften im* mer gerettet worben war, brannte 1689 bis auf bab untere ©todwert ab, würbe aber burch milbe S3eiträge wieber aufgebaut unb 1693 alb greifchulc für arme SBaifen eingerichtet. Unter ber weftfälifchen .pertfcljaft tarn auch biefe ©tiftung ihrem Untergange nahe, bis 1817 ber .König griebrich SBUhelm 111. »on ^reufen bie ©eburtbjlclle Suther’b in feinen ©d;uh «ahm, worauf bie ©djule unter befonberer SWitwirtung beb bamaligen ©uperintenbent 639 GHSttteet @iter SSccger nad) unb nad) erroeifert jur Sufher’S greifchule umgefialtet unb beffer funbirt, auch 1819 hinter bem alten Sutljer’S .£>aufe, tu welkem man mehre Reliquien gufljer’ö bevcaE>rf, ein neues ©ebäube aufgeführt unb mit ber ©djute ein ©d)ullehrerfeminar Berbunben mürbe. 6 . ijl ber ©ifc eine« 35ergamtd unb hat SSergbau auf ©über unb .ffupfer, jmei ©cfjmelj* Jütten, ein SSitriolmerf, meines feit 182 3 baS fogenannte GtSlebener@rün liefert, unb eine SSergfchule, auch feit 1834 ein rool)(eingericf)tete$ 5trmenf)auS unb ein .Stanfenhauö. S3erüt>mt iil aus früher Seit baS eiSlebener 33ier, ötrappet genannt. Der Drt mag jiemücf) alt fein; mirb aber jum erften9JlaI ermähnt, als bafelbft auf bcm©d)(offe 1082 einGonoent beutfd)er gürflen ben lott>ringifcE)en Jpevjog Hermann, ber hier refibtrte, ;um beutfdjen .Stönige mahlte, unb mürbe beSljalb im folgenben 3al>re pon ben .ffaiferlirfjen jerftort. Stadler mieber aufgebaut, gab befonberS ber 25ergbau 5Seranlaffung gu feiner Grmeiterung. StadjbemeS mäfjrenb bet SSauernunruljen 1525 jum Stjeil jerftört morben mar, mürbe bie Steuflabt an» gelegt. Durch einen grofen SSranb im 3. 1601 mürbe auch baS ©cfjlof eingeäfchert. 3»» Dreifigfährigen Kriege mürbe bie ©tabt mieberljolf geplünbert. ©iöttteet ober ^olarmeer nennt man im Allgemeinen bie ben Storb* unb ©übpol umgebenben SBaffcrmaffen unb unterfdfeibet fonaef) ein nörbltdjeS unb ein füblicfjeS GiS* ober ! fPolarmecr. ffieibe, jumal baS füblidje, ftnb megen ber aufgehäuften GiSmaffen (f. GiS» ! berge) nur jum fleinftcn Steile befahren unb befattnf. Unter benSufeln ftnb ©rönlanb, 3slanb,©pifsbergenunb5toPaja*©emljabiebebeutenbfien. 3nbem ft'tblidjenßiSmeere, an meld)eS fid) baS ©tille, baS 5ltlantifd)e unb 3nbifd)e Sfteer anfdjliefen, ahnet man nad) ben neueren Gntbeäungcn eine grof e continentale Sanbntaffe, bie man bereits baS 51 n t a r f* i tifcE>e ^ol ar lanb (f. b.) genannt hat. DaS nörblt d>e GtSmeer, meines bie Jtüfien Bon Guropa, 5lften unb Amerifa befpülf, burd) bie DaPiSfirafe mit bem Aflanttfdjen unb bie SSeringSftrafe mit bem ©tülen SOteere in SSctbinbung fleht, ift namentlich Bon S5ering, I Goof, Utof, S3ad, fParrt), S3aer u. 5t. unterfucht morben. (©. Storbpolerpebitionen.) ©iSfiUltf t ober © e f r i e r p u n! t Ijcif t ber feftc ^5unft in ber ©cale ober ©rababthei» lung eines Th £rmomcf£r ö (f- b-)/ burd» meldjen berjenige©rab ber dtälte bezeichnet mirb, beimeld)embaS2Baffer juGiS friert, ober genauer, bei meldjem baS GtS 51 t f^meljen anfangt. I 9Jtan bejetdjnet ibn mit Stull unb beginnt oon ihm aus bie Säfjlung fomol ber SBärme* als ber dfältegrabe, mefdje l>öl>ern unb niebrigern Temperaturen unb zugleich Tfjermoraeterftän» ben entfprechen. @il clfcif ift bie aus einer falfdjen Sfid^tung beS GhrfriebS entfpringenbe Uberfchäfung äuferer, Bergänglicher, unrcefentlidjer 33orjüge, Betbunben mit bem SSefireben, betgleichen SSorjüge ftch anjucignen unb baburch in ben 5lugen 5lnberer einen hohem SSerfh |u erhalten. SBenn man jumeilen baS meiblt^e @efd)lecht BorzugSmeife beS Fehlers ber Gitelfeit befdjul» bigt, thut man bemfetben unredtf, ba Gitelfeit bei bem männlichen ®efchled)t ebenfo häufig anjutrefen, menn auch au f anbere Dinge gerichtet ift. Da bie Gitelfeit in ben Slugen Berftänbiger Seute fietS mehr ober minber lächerlich macht, fo ifi burd) -fberBorhebung ber 3Sicf)tigfeit bloS äuferer unb geringer 23orjüge, burch 23orhaltung Deffen, maS bem 5Jlen» fchen allein bleibenben SSerfh gibt unb burch -fMnmeifung auf bie nadjtheiligen SBirfungen ber Gitelfeit, btefem gehler enfgegenjumirfen. — Unter Gitelfeit mirb auch oft bie S3er* gänglichfeif ber Dinge felbft Berflanben. (Sitet h ei ft giüfftgfcit, melche einer ofenbaren ober Berborgencn Gntjünbung (f. b.) ihre Gntftehung Berbanft. Der gutartige Giter (pus) bient baju, im GiterungSprocef baS burd) eine Bon innen ober aufett bemirfte SSermunbung 33erlorene ober Serfiörte }u er» fe^en, maS auch an ben fleinen gleifchmärjchen erfichtlich ift, bie ftd) unter ihm auf ber fran» fen ©teile anfefen. SUangctt aber ber Statur bie .Straft, mcld)e eine gutartige Giterung be« barf, ober tritt fottfi ein fiörenbeS SRoment ein, fo entfielet aus bem gutartigen ein bösartiger Giter (sanies), ber, fd)arf unb äjjenb, bie umliegenben Sheile ^erfrört, auf biefe SScife jur SSergröferung ber franfhaft abfonbernben Stäche beiträgt unb 58erfd)märung ober SBcrjau* chung erzeugt. (©. 5tbfcef.) ©oll bie gute Giterung ben Grfolg hüben, ben bie Statur ba* mit bejmedt, nämlich Grfa| beS SJerlorenen, fo muf ber Gttcr flets einen SluSgang haben. SSeil ein foldjer bei innern Giterungen fehlt, fo nehmen biefetben, fetbfi menn fie anfangs gut 640 ©fbaffttta ©fleftifet waren, nteip einen frfjltmnten Sluggang, benn ber ßiter wirb in bie S3tutmaffe aufgenommen «nb fo eine franfbafte ©efebaffenbeit beß ganzen Drganigmug berbeigefübrt. (gfbatäna t>iepen mehre Stabte ©orberafteng. Sie berübmtepe »on ihnen war bie Hauptpabt Stebieng, bie nach bem Sturze beg Steberreid)g auch bie Serferfönige jur Som* merrepbenj wählten. 6. war, bei einem auf em Umfange »ond ">» Stabten, mit fieben Stauern umgeben, bie, ba jte am Slbbange eineg Hügclg jebe nach innen ju bötjer lagen, übereinanber beröorragten unb pcb bureb Sinnen »on »erphiebener garbe unterphieben. 3n ber Stifte ber inncrflen Stauer, ber S3urg, lag ber Sonnentempel unb ber töniglirfje Sutap, an benen alleg HoljWerf »on Gebern* ober Gppreffenbolj, unb Sach, ©alfen, Secfen unb Säulencapitäle mit ©olb* unb Silberplatten belegt waren. So grof war ber in unb an biefen ©ebäuben »on ben mebifeben unb perf. .Königen angebäuftc 9teict)tbum, baf, naebbem febon Slleranber ber ©rofe unb Seleutug ©ifator bei ber ©roberung bet Stabt tiefe, auggeplünbert batten, Slnfiotbug ber ©rofe noch immer in ber ©urg allein für 4000 Talente Silber wegnebmen fonnt e. Später fiel bie Stabt in bie öpanbe ber ^)artber, beren .Könige jte ebenfallg jur Som» merrepbenj machten. ©adf bem Untergange beg partbifeben Steichg »erpel fte immer mebr, ■ fobaf man jegt bäum noch anjugeben »erntag, wo fte gcflanben bubt- 3lm wahrpheinlicbpen ift, baf bag heutige $amaban am ©Iwenb, in ber perf. ^robinj 3raf=3tbfebemi, bag alte 6. fei. ©inige Säulenfragmenfe, Keilpbriften unb ein halb »erfebütteter, trefflich in Stein aug* gehauener £öwe jtnb bafelbft bie einigen Sengen ber frühem Stacht; aitfjerbcm jeigt man bag angebliche ©rabrnal »on Starbochai unb ©pber. häufig ftnbet man noch Stünjen, ge* febnittene Steine u. bgl., welche ftcb meift auf ben Stitbragcult bejieben, tn ben Ptuinen »on ^tamaban. — Slufer biefem ©. ftnb noch ju erwähnen 6 f b a f a n a in Serien am $ufe beg Karmel, wo Kainbpfeg ftarb, unb ©f bat ana in Serftg, welche ben Stagiern gehörte. i ®fel nennt man junäcf)P bagjenige unangenehme ©efithh weicheg bureb einen n>ibri= gen ©inbruef, ben bag ©ebirn entmeber bureb bie Sinne ober bureb eine momentan ober an* bauernb erhöhte Ginbilbunggfraff empfängt, mitteig beg Sungcn-Slagenneröen ftcb big auf ben Stagen fortpflanjt, wo eg bie Steigung jttm ßrbrechen hemorruft. 3» feinem Urfprunge würbe biefeg ®efüt>l ebenfo gut pfpcbtfcb wie pbpppb fein fönnen, wäprenb eg in feinem wei* tern Verläufe unb feinen SSirfungen einen birecten unwillfürlicben Ginflup beg ©eipeg auf ben Körper barlegt. Hieraug folgen bie anbern ©ebeutungett beg SBorteg, in beren einer cg rein pfpdEjipb aufgefaft mit Slbpbeu fpnonpttt wirb, wäbretib bie anbere nur pbppftbe bag ©efübl bejeiebnef, weicheg bem ©rbreepen »orangehf, auch wenn biefeg nicht burdf bag ©e* bim »ermittelt wirb, bei welchem aber bie ©rbrechen erregenbe Urfache auf ttntgcfehrtem SSege, »om Stagen burd) bag ©ebirn, ©egenftanb beg Slbf^cug wirb. 3n berStebictn wirb ber ©fei bei ber fogenannten ©felfur alg Heilmittel benugt. Statt bewcrfpelligt biefe Heil* methobe bureb fortgefegte ©erabreiebung »on ^Brechmitteln, nantentlid) beg ©reebweinpeing in fo fleinen ©aben, baf fte nur Übelfeit, jebod) fein ©rbrechen erregen. Sa bag anbauernbe ©efübl beg ©felg bag ganje ©eroenfppem gewaltig aufreijt, ja big jitnt ©cipigcn ficE> fort* pflanjt, fo gebraucht man biefeg ©erfahren, um ju erregen unb umjupimmen, »orjüglicf) bei | Sähmungen unb ©emütbgfranfbeiten. Sllg eine ber angreifenbpen bat biefe SOtettjobe »iele I Slnfeinbungen erfahren unb ip tn SBirflicbfeit auch nid)t nur wegen ber ©eroenaffection, fonbern auch wegen if)reg fchwäcbenben ßtnfluffeg auf bie©erbauunggorgane nur mit grofer ©orpclp anjuwenben; befonberg »erlangt bie Körperconpitution beg ihr ju untetwerfenben 3nbi»ibuumg eine entfeheibenbe ©erücfpd)ttgung. ©fleftifer heift ©iner, ber »on SlEent Sag, wag ihm bag Sepe pbeint, augwäblt; beghalb nennt man biejenigen Sh^ 0 f°Phen, bie fein bepintmteg pbilofopbifcbeg Sebrgebäube ober SpPem haben ober annebmen, fonbern aug allen bag nach ihrem Urtfjeil ©Sagre aug* Wählen, ©fleftifer. ©ine folcbe efleftifche Sb**°f°P*Ü e petg in ©efabr, bie wiffenföbaftlicbe Gonfequenj einer fubjectioen ©orliebe ju opfern unb »ielleicbf fogar unser* einbare Säge in einem wiffenpbaftticben ©anjen juserbinben. (S. Spnfretigmug.) 1 Sn berSefchtchfe ber ^)b^ 0 f°Ph' e wirb unter ber efleftifchen^>£)ilofop>^ie irtSbefonbere ' biejenige »erpanben, welche bie Stebren beg ^ptpagorag, Platon unb 3lripotelcg in ©in SpPem }tt »eretnigen fud^t, wiemol bie H a uptrepräfcntanten biefer Sb>*ofopbte, Sl»üo unb ^Jroflug, il;re Sogmen nicht jufammenlafen unb »on aufen bet }ufammenfe|ten, fonbern eine Sin- ©HWif 641 ficht aufffellten, welche bie Stefultafe ber altern ^hilofophie ju einem eigenen confcquentcn ©anjen Berbanb. (S. Stlepanbrinifche Schule.) (Sfliptif ober Sonnenbahn tjeift berjenige größte Ärei§ an ber .Fnmmelgfugef, ben bie Sonne in ihrem feheinbaren Sauf um bie ©rbc jährlich Bon Slbcnb gegen SDtorgcn befchreibt. SBcit man »ahrnahm, baf fld) in ber Släfje bicfeS dtreifeg bie Sonnen« unb SJtonbBerfinflerungen begeben, fo Berantaffe bieg bie ©riechen, biefen -ffveiS bie ©fliptif ju nennen (oonek!ipsis,b.i.?j;inflernif). Sei einiger Slufmerffamfdt jlefjt man, baf bie Sonne nicht alle Sage in gleicher ^ölje burch ben SStiftaggfreig geht, fonbern fld) in Straubem gangen um bie ©rbe ju bewegen fcheint; auch bemerft man täglicf) bei ihrem ^luf=unbUnter= gange anbere Sterne in ihrer 9Säf)e unb jwar Bon Sag 51 t Sag mehr nach Offen liegenbe. ©tan nimmt ferner wahr, baf bie Sonne jweimal im 3al)re, nämlich um ben 21 . SfJtärj unb ben 23. Sept., in bent Äquator fclbfl fleht. ®ie fünfte beg Stquatorg, bie fogenannten 9tad)tgleid)enpunfte, in welchen bie Sonne an biefen Sagen fleht, finb bie ®urchfd)niftg« punffe beffelben mit ber ©fliptif. ©nblid) ftnbef man $wei Sage im Sah«, an welchen bie Sonne ihre größte unb ihre fleinfle mittägige ^)öhe am Fimmel erreiefjt t>at; jene ftnbet um ben 21 . 3»uni, biefe um ben 21 . ®ec. flatt. SBcil fleh an benfelben bie Sonne ju menbett unb bem Äquator, non welchem fte fleh big bahin entfernte, wieber ju nähern fcheint, fo helfen biefe Sage Sonnenwenbcn, unb bie fünfte, wo bieSBenbung felbfl ju erfolgen fcheint, ©tillflanbg* ober Sonnenwenbepunfte (solstitia, solis stationes); in biefen fünften f)at bie Sonne ihren größten Stbflanb Born Äquator erlangt. ®ie erflärten Bier fünfte ber ©fliptif finb ooneinanber um einen Sluabranten, b. i. um 90 u , entfernt, ©tan fheilf jeben biefer Quabranten ober Sierfel beg ganjen Jfrcifeg in brei gleiche Sogen, beren bafjer jeber 30° enthalt, ferner jeben ©rab wie gewöhnlich in 60 ©tinuten, jebe ju 60 Secunben. $ier« burd) verfällt bie ganje Sonnenbahn in jwölf gleiche Sogen ober Seichen, unb man benennt biefelben nad) geWiffen Sfernbilbern, burd) welche bie ©fliptif geht, unb beren jebeg um gefäf)r 30 u non bem anbern entfernt ijl. SDiefe jwölf Sternbilbcr ober ^ifflmelgjeichcn folgen »om grühlinggpunfte X an Bon SBeflen nach Oflen fo aufeinanber: X SBtbber am 20 . ober 2 1 . ©tärj, ^ SBage am 23. Sepf., \j Stier am 20 . 2lpr., rtf Scorpion am 23. ober 24. £>cf., Xf Swillinge am 21 . SRai, $ Schuf am 22. StoB., @ Ärebg am 21. ober 22.3uni, ,5 Steiii&ocP am 21 . ober 22 .©ec., •Q, Söwe am 22 . ober 23.3uli, )( SBajfcrmann am 20 . San., 11p Sungfrau am 23. Slug., Sifd) e am IS. ober 19. j?ebr. (®ie beigefeffen ©tonafgfage jeigen an, wann bie Sonne bei ihrem jährlichen Umlauf in ben Slnfang cineg jeben Seicheng tritt.) ®a bie beiben erwähnten ®urchfd)niffgpunftc ber ©fliptif mit bem Slquator nicht fefl finb, fonbern in jebem 3al)re um 50 Secunben, in jebem 3af)rhunbert beinahe l°23 ©tinuten rücfwärfg, b.i. wcfllicf), gehen (f. fßorrücfcn ber Stach fgfeirfjen), fo finb feit ber Seit, wo jene jwölf Seiten erfunben würben, biefe Stern« bilber in ber ©fliptif jefct fefjr Bcrriiit worben, fobaf bag Sternbilb ber $ifd)e, bie früher im lebten Seichen flanben, je§t im erflcnSeichen, bag beg SBibberg, ber früher im erflen flanb, jejst im jweiten Seichen fleht u. f. w., ober baf bie Sfernbilber alle um ein ganjeg 3cid;en Bon 30" Borgerücft finb. ®ie neuern Slflronomen nehmen aug eben biefem ©runbe gröften* fheilg feine Stiicfficht mehr auf biefe Seichen unb Sternbilber unb jählen bie Bangen Bon bem jebegmaligen Srühlinggpunfte auf ber ©fliptif Bon 0°— 360°. Sind) ber SBinfel ber ©fliptif mit bem Slquator, bie fogenannfe S d; iefe ber ©fliptif, ifl neränberlich; er bc» trägt jeft nahe 23 .'/j 0 , wirb aber alle 3ahrh l *nberte um beinahe 50 Secunben fletner. SBenn er immer fort abnähme, fo würbe enblicf) bie ©fliptif mit bem Äquator jufammenfallen unb ein immerwährenber grüf)ling auf ber ©rbe entfielen; er nimmt aber nicht immer ab, fon» ber fdpoanft periobifd) jwifchen jwei beflimmten ©renjen, bie er nie überfleigen fann, hin unb her. Stach btn barüber angejlcllten 3?ed)nungcn war er um’ 2000 B. ©hr. am gröften unb beinahe gleich 23° 53'. Seitbent nimmt er ab, big er gegen bag 3- 6,500 n. ©hr. am fleht- flen unb gleich 22° 54' fein wirb. Son ba wirb er wieber big ju bem3- 19300 junehmen, einen SBcrth bon 25° 21 7 erreichen unb bann wieber fleincr werben. Sonn. = Cer. Keimte Huft. IV. ®iefe Slnberungcn, 41 642 ©flöge ©UfHclf&t welche ?aum einige ©rabe betragen, fönnen auf bi: 3 al)re?}eiten feinen wefentlichen ©tn< fluf duffem, unb biefe werben ffd) baljer nach einer großen Steifie öon 3 af)rtaufenben nod) immer fo regetmäffig folgen, wie fte e? biöf)er gethan haben. ©flöge, b. i. ba? oorjügtich Sluögcwählte, l)iefj urfprünglid) in ber röm. ^oeffe nad) einer ganj allgemeinen Raffung jebe^ fleinere, au?gewäf)lte ©ebicfff, unb nod) in ber Jtaifer* jeit begriff man unter bem Stamen ©flogen eine Sammlung ober 2lu?waht oon ©ebid)* ten gleichen 3nf)alt?, fobaff man felbfl bie Gpiffeln unb Satiren be? £oraj Eclogae ju nennen pflegte. 2 Jorjug?weife aber gaben bie lat. ©rammatifer ben bufolifcffen ©ebidffen be? SJirgiliu? (f. b.) unb ©alpurni u? (f. b.) biefe Benennung, um ba? 3bp ll (f. b.) be? Theofrit eintgermaffen baburcf) ju erfeffen, unb auch bie neulat. $)oeffe be? SWittelalter? nahm biefelbe wieber auf unb begriff barunter bie jaljlreidjea- halb gröffern halb fleinern Gebuhte, bie off ber bufoliftfjen ^)oeffe nur tfyeitweife unb ber gorm nach angehörten, ba^er bi? in bie neueffe 3eit, befonber? bei ben Stalienern, Spaniern unb ©eutfcf)en, ber 3lu?brud ©flogen oon ben Wirten* unb Sd)äfergebichten irrtümlich beibef)altcn worben iff. ©fffäfe, eigentlich) ba? Stufferffchfein, nennt man ben Suffanb einer phantaffiffhen unb ffhwärmertfchen Slufgercgtheit, in welchem Sentattb in ©efafjr fommt, feine eigenen fPljantafiebilber mit wirtlichen ©egenffänben ju öerwcdjfeln. Stamenttid) iff bie ©effhidffe ber religiöfcn Schwärmereien reich an SSeifpielen fold)cr2d'ufcl)ungcn, wo ffd) bie ©laubigen eine? unmittelbaren Umgang? mit ©ott, ©h r iff u ^ ben ^eiligen u.f.w. ju erfreuen glaubten. $äufig, and) bei ben mobernen ©eiffetfehercien, mögen phpffologiffhe Urfad)cn, Störungen unb Überredungen be? Sieroenleben? u. f. w. mit im Spiele fein. ©Ig'tn ober Dle't'n, reine? Dl ober Dlffoff, iff einer ber beiben 33effanbtf)eile, welche alle fette Öle be? $5ftan$en* unb alle gelte be? Tf)ierreid)? jufammenfe^en; ber anbere iff Stearin (f. b.). ®ie flüfffgen Die enthalten natürlich weit mehr ©la't'n, al? bie fetten Tatgarten. ©? erffarrt erff in oiel größerer Ädlte al? Stearin, iff ber dtrpffallifafion nicht fähig unb löff ffch oiel leichter in SBeingeiff. 3 m ätleinen trennt man baher ba? ©lain oom Stearin am beffen burch SBeingeiff. 3m gröfern Sffaffffabe bebient man ffd) be? Stuöpreffen? ber Die unb gelte bei einer Temperatur, wobei bae Stearin oöllig feff, ba? ©lai'n aber noch oöllig ffüfffg iff. Steine? Glai'n iff, ba e? in ber .Stätte nicht bief wirb, ein fef)r gute? Schmier* mittel für feine Sffafdffnen teile. Stoch beffer eignet ffch baju bie au? bem ©tarn baburcf), baff man e? an ätatf binbef unb bie SSerbinbung nachher wieber burch @ch»efetfäure jerfefjf, meiff al? Stcbcnprobuct ber Steariufäurefabrifen (f. Stearin) gewonnene ©larnfäure ober Dtfäurc. Sie muff aber bann forgfältig oon aller beigemengten Schwefelfäure befreit fein, weil biefe bie metallenen Steile angreifen würbe. ©lafficitaf ober geberfraft heifft ba? SScrmögen ber Jtörper, nach einer burch duffere .Strafte f)eroorgebrachtenSlu?bchnung erber Sufammenbriidung, ober auch äufammen* brehung, 5 . 33. bei gäben unb Seilen, oon felbff ihre frühere ©effatt wieber anjunehmen. So wenig e? wahrffheinlicf) einen ätörper gibt, ber abfotut unelaffifch wäre, fo wenig gibt e? oollfommen elaffifcfje feffe ätörper, währenb bie glüfffgfeiten, unb namentlich bie £uft* arten, allerbing? oollfommene ©laff icität beffffen, b. h- .nad) jeber, auch noch fo groffer i 3 u* fammenbrüdung ffet? oollfommen ihr frühere? SSolumen wieber annehmen, fobalbbieju* fammenbrüdenbe .Straft befeitigt iff. ©? folgt barau?, baff bie .Straft, mit welcher ffch biefe Jtörper wieber au?bef)nen, berjenigen genau gleich fein muff, welche ben ©rud au?übte, unb baff ba? 23olumen ber Suftarfen ganj Oon bem ©rüde abl)ängt, unter bem ffe ffehen. ®a? bem ©rüde proportionale 23effreben ber ©afe, ffch au?jubef)nen, bezeichnet man mit bem Stamen ©icpanffofraff, Spannung ober Tenffon. ©ic Tenffon eingeffhlojfener ©afe wäd)ff auch mit ber Temperatur nach bem Sttariotteffhen ©efeffe. S3ei ©ärnpfen ffnbet wefentlich ©affetbe ffatt, nur iff bie Steigerung ber Tenffon für gleiche Tempcraturjunahmen gröffer, ba bie ©irfffigfeif eine? gefättigten ©antpfe? mit ber Temperatur wächff. (S. ©ampf.) Stuf biefem Verhalten ber Suftart unb ©ämpfe beruht bie Gonffruction ber Suftfiffen unb !?uftfebern, ber SBinbbüd)fen (f. b.), ber SBinbfcffel an geuerfpriffen, ber ©ebläfe (f. b.), ber ©ampfmafd)inen (f. b.) u. f. w. SJtan mifft bie ©lafficität ober Tenffon ber Suftarfen unb ©ämpfe im Stilgemeinen babureff, baff man bie ©rudgröffe beffimmt, welcher ffe ba? Gleichgewicht hält, ©iefe ©rudgröffe aber wirb am einfad;ffen burc| bie -fböhe einer ©lutea ©Hm 643 Quedfilberfäule ober SBafferfäule gemeffen, unb hierauf berufen bie SDianometer (f. b.), bie S a r o nt e t e r (f. b.) unb Sarometerproben. S3ci SocomotiBen wirb bie ©röße be« ®rud« wegen ber ©djwanfungen am befien burch bie s&ufammenbrüdung t j ncr @pj ra ^ e j) er g e . mefTen, auf welche mittelbar ober unmittelbar ber ®ampfbrud wirft (geberwage). 2Ba« bie ©lafiicität ber fefien Körper anlangt, fo pflegt man fte gewöhnlich baburch ju meffen, baß man bie Sluöbefjnung befiimmt, welche ein jiabförmiger .Körper erleiben fann, of>ne eine bleibenbe Sluöbeljnung ju erfahren. SDian nennt bann ©lafiicität«gren 5 t ben S3rucf)tf>eil ber ganjen Sänge eine« Körper«, um welken er ftd) imSJiapimum Berlängern fann, wenn er noch nach Slufhören be« 3ug« «ollfiänbig bie frühere gorm wieber annehmen foll; ©lafi icität«große ifi bagegen ba« ©ewid)f, welche« erfoberlich ifi, um einen Kör» per bi« jur ©renje ber ©lafiicität ju bel>nen; ba« ^Jrobuct beiber gibt ba« wahre SWaß ber ©lafiicität. 2Bo man bie SEragfraft Bon Körpern in Slnfprudf nimmt, $. S. bei ben ®räf)ten für ®ral)tbrüden, ifi e« nötljig, bie ©lafiicität be« SDiaterial« genau ju fennen, ba bie Sc» iafiung eigentlich nie bi« ju Grjeugung einer bleibenben Verlängerung fleigen foll. (@. g e fl i g f e i t.) SOtan fann, wenn burd) Verfuge ©renje unb ©röße ber ©lafiicität gefunben finb unb ba« fpecififche ©ewic^t be« Körper« befannt ifi, fctjr leicht bie ©lafiicität«größe burch einen Stab au« ber unterfudjten ©ubfianj fetbfi Bon beftimmfer ®ide unb Sänge barflellen (9Robulu«ber@lafiicität). ® ie befanntefien elafiifct>en fefien Körper ftnb Stahl, jebe« gehärtete -Metall, Kautfd>uf, gtfd)bein, ©Ifenbein, thicrifd)e.£>a«reunbgcbern, manche ^)oljarten u. f. w. 3« nacf)bem nun bie ©cfialf unb Statur ber Körper Borjugömeife bie ©ntwidclung ber ©lafiicität beim Siegen, beim ®el)ncn ober beim Sufammenbrüden begünfiigt, wenbet man bie elafiifchen Körper technifch ju ©rjeugung, Hemmung unb Slb» änberung Bon Sewegungen, ober auch, wie bei ben ®pnamometern (f. b.) ju Meffung Bon Kräften an. Stuf bie beim Siegen unb ©trcden tf)ätige ©lafiicität grünben ftd) alle geb ern (f. b.) unb bie ntannid)fad)en Slnwenbungen be« gifchbein«; wegen ber Slafiicität beim Swfammenbrüden werben Matraben, ©toßfiffen u. f. w. mit Stoffyaaren gefiopft, mit ©piralfebern ober Kautfd)ufplatten netfehen u. f. w. ®a ein elaftifcfjer Körper, wenn er geftofen wirb, bie Kraft, welche ihn auf biefe Slrt jufammenbrücfte, mel;r ober minber Bollfiänbig wieber jurücfgibt, fo finb bie SBirfungen be« © foße« (f. b.) bei elafiifchen Kör» pern ganj anbere al« bei unelafiifd)en; barauf beruht bie3lnwenbung ber SBagenfebern, ber ©tofjapparate an ©ifenbaljnwagen u. f. w.; aud) macht man bie Sillarbfugeln Bon ©Ifen» bein, weit fte nacl) ben ©efefcen be« elafiifd)en Stoße« wirffam fein follen. ßnbtid) ifi noch ju bcmerfen, bafi SEempcraturwed)fel, ju lange anpaltenbe ®el)nung ober 3ufamntenbrüdung u. f. w. nachteilig auf bie ©lafiicität wirten, wie man ftd) fe^r leicht beim ©ebraudje Bon Kautfchufartdeln unb Bon Separaten, bie auf geberfraft beruhen, überzeugen fann. — ©lafiicität«meffer ober ©laterometer pflegt man im engem Sinne biejenigen ber erwähnten Snfirumente ju Sefitmmung ber Spannung Bon ©afen unb ®ämpfen ju nennen, welche für abgefdjloffene Stäume befiimmt finb, alfo befonber« bie Sarometerproben. ©latea, je|t bie Stuinen Bon ßlefta, nad) ®elpl)i bie bebeutenbfie Stabt in ^o» ci«, widjtig al« ^3af au« SEljeffalien unb Söotten, war Bon ©lato« (f. b.) gegrünbet unb lag mel)r am nörblid)en Ufer be« Kcpljifu« in einer fruchtbaren ©bene. 6« würbe Bon ben Werfern jerflört unb Bon öon Vincebonieit Bor ber ©cf)lad)t bei Sljäronea erobert; fpäter aber fd)lug e« bie Selagerung be« röm. gelbl)errn %. glaminiu« ab. Serüljmt war ber bafige Stempel be« St«fulap unb eine wunbertljätige Silbfäute ber SJiinerBa. ©lätoö, ber ©ol)n be« Slrfa« Bon ber Saobife, be« Kinpra« Stochter unb Vater be« Slgppto«, ^ereo«, Kpllen, 3«eibigt, in ^)h oc ' s l,n ^ 9 *ünbete bie Stabt ©latea (f. b.). ©Um, eine f leine 3nfel Bon 1 '/* DSÜ. im 9)2ittelldnbifd)en Witt re, 9 VI. Bon ßorfica, unb burch ben jwei Wl. breiten Kanal Bon $}iombtno Born ital. gefilanbe getrennt, gehört ju bem gürfienthum o mb in o (f. b.) unter to«canifcher Dberherrticpfeit. 3l)te ©ejialt ifi fehr unregelmäßig; fafi burchgeljenb Bon Sergen bebedt, unter benen ber Saoanna über 3600 g. auffieigt, h«t fie nur wenigt SEhäler unb ©benen Bon größerer 9lu«bet)nung. ®a« 41* 644 @!6e Klima iff fef>r gtfunb unb rnilb *, Sltferbau unb aber ftnb fefyt öemachlafftgt, fo* bafj nicf)t einmal bag nötige ©etreibe gewonnen wirb, fonbern eingefüfyrt werben rnttf. 3*>r $aupfreid)thum befiehl in ben SSergwerfen, welche jährlich über eine SRill. Gtr. Gifen, treff* lieben SRarntor, Sllabafier unb anbere SRineralictr als Slugbeute liefern. Slug ben @alj« fümpfen wirb fe^r »tel Seefalj gewonnen. 93ebettfenben Grtrag gewähren auch ber £h ul1 ’ ftfd)* unb ber Sarbellettfang fowie ber SBeinbau. ®ie 3a()l ber S5ewobner beläuft ftd) auf 13000. SRanufacfitren unb gabrifen fehlen gänjlid). Sluggeführt werben bie obenerwähn« ten Staturprobucfe. ®ie öorjüglichfien Sfäbfe fTnb bag fiarf bcfefiigfe S)orto«$errajo, einer ftcfjern fRljebe, mit 3000 G., fRio«$errajo, mit 2000 Cf., S3orfo=8ongone, an einer gu« ten 9?h ebc / mit 1500 G., unb SRacciana, mit 1200 G. 3« G. gehören noch bie fleinen 3n* fein Gapraia, ^ianofa, ^almaola unb SRonte=Gf)rifio. 3m Sfltertljume Ijief G. Slthalia unb war fd£)on bamalg feineg 5D?etaUreic^tf>umg wegen berühmt, fpäter 3(oa unb im SRittel* alter 3löa. Sie 3«fel gehörte fchon in früher Seit alg fpan. Sehen ben $cr$ogen öon Sora unb gürfien öon fPiombino, bodb> befafen ber ©rofherjog öon glorenj bag öon Gognto I. 1536 erbaute 9iio=2rerrajo unb ber König öon Sictiien S5orfo=Songone; auch blieb fte unter fpan. Dberherrlidjfeit, alg König Sbh'KPP öon Spanien 1557 bag ©ebiet öon Siena, jtt bent fte gehörte, an Gognto I. öon §lorenj abtrat. 3m 3- 1736 fam fte ttebf! bem dürften« thumfPiombino unter bie Dbe*herrlid)feit SReapelg unb blieb eg, big biefeg 1801 int lune« »iller ^rieben biefen fogenannfen Stato begli ^3reftbii an bag neue Königreich Gtrurien ab« trat. SJlacf) Slapoleon’g erfter Slbbanfttng würbe bte 3nfel G. mit öollen Soiwerainetäfg« reifen ihm überlaffen unb war in feinem S3eft§e öotn 4. SRai 1814 big 26. $ebr. 1815, an welchem Sage er ftd) nach Sranfreich etnfcf)tffte. ®urd) bie wiener Gongref acte fam fte nebfi Sbiombino 1815 wieber an ihre frühem S3eft|er unter togcanifcher Sattbeghoheit. bei ben fRöntern Albis, böhnt. Labe genannt, einer ber bebeufenbflen jlrtüffe ©eutfdjlanbg, entfpringt in Söhnten nahe an ber fcf)tef. ©renje, im höchfien Steile beg SRie« fengebirgg, 4200 $. über bem SReeregfpiegel, aug einer SRenge SSafferabern, Seifen ober Briefen genannt, bie auf ber Gib«, SRäbel«, Seufelg« unb ©eigen SBiefe zahlreiche S3runnen, barunferben Glbbrunnen, bilben, bie ftd) }u ben beiben flarfen S3ädhert, bent SBeifwaffer unb bem Gl beb ach ober Glbefeifen, bereinigen. 97 och beöor ftd) tiefe beiben legtern öeretnigf, fällt ber Glbefeifen öon bem fRücfen beg $ocf)gebtrgg 200 g. in majefiäti« fchent Glbfall, in ben 2000 tief eingefchnittenen, wilb romanfifchett Gib grttnb, ber ftd) in eine Stenge ©rüttbe theilf, bie unter bem Flamen ber Siebengrünbe befann t ftnb. Jpier mit bem SBeigwaffer unb anbern fleinenSemäffern bereinigt, burd)flrömt nun bie Glbe alg wil« ber ©ebirggfirom bag fiellenweife fehr eingeengte Glbthal, meift bie ©renje jwifchen ben $errfd)affen $ohenelbe unb Starfenbad) bilbenb. Stad)bem fte füblid) öon SRelnif bie SRol« bau unb bei Shereftenflabt bie Gger aufgenommen, tritt fte eine 93iertelflunbe oberhalb ^errenfretfdjm aug Söhnten in Sachfen ein; hierauf burchftrömtfte bie prettg .^roöinjen Sach* fen unb Sranbenburg, mit Ginfd)lug beg £er$ogthumg Slnhalt, fcheibef fobann |>annoöer öon SRedlenburg, äpamburg unb Jpotftein, brei SR. oberhalb theilt fte ftd) in mehre Sinne, bie mehre Snfeln bilben, unb erfi I 1 /» SR. unterhalb Hamburg öereinigt werben, worauf fte nach einem Saufe öon 155 SR. unbnad)bemfte nach unb nach über 50 glüffe aufgenontmett, in einer Sreite öon brei SR. ftch * n bie Slarbfee ergieff. 3h» ©tromgebiet ttntfaff 2800 □SR. Schiffbar wirb fte für mittlere Kähne öon SRelttif ttnb für groge Kähne öon SJirna an; Seefchiffe fommen mit ber glut big Hamburg. Sie ifl fehr ftfdjreicf), theilg an See* ftfehen, bie aug ber See herauffommen, um ju laichen, theilg an glugftfd)en, welche bie in fte einmünbenben glüffe ihr jufüfjren, theilg an eigentlichen fogenannten Glbftfdjen. Slucf) ftnben ftch Siberbaue an ihr. SRit ®antpffd)tffen wirb fte öon ®regbett aug aufwärtg unb öon SRagbeburg aug abwärfg befahren. ®ie Schiffahrt auf berfelben war aber feit frühen 3ei* ten brüdenbett Sagten unb einfeitigen Slnorbnungen unterworfen. ®er ntagbeburger Stapel, bie Schiffermonopole, häufige Sollffäften, hoheSölle, ungleichartige Schiffahrfganorbnungen ber öerfchiebenen Uferffaaten, gegenfettige, auf befonbere ftnanjielle Snterejfen geri^fete Se« fchränfungen, SBülfür ber Schiffahrtg* unb 3ollbeamten, Sernachläfftgung berSBafferflrafe unb Seinpfabe u. f.w., muffen bie^)anbelgfati sielt f ber: ©ch genn aber meh' foitu unb Gon ©ad ' tourl um öerl ber ©Ibetfelb 645 nen. Grfl 1819 , nachbem jur Slegulirung bet bereit« im parifer grieben au«gefprochenen @c^ifabrt«freibeit auf bem wiener Gongrejfe allgemeine ©runbfäfe aufgeflellt worben wa* ren, erfolgte auf Sßcranlaffung Dftreicf)« in ® te«ben ber Sufammentritt einer Glbefchiffahrt«» commiffion, bei welcher Slbgeorbnete Dflreich«, ^»reufen«, ©achfen«, £anno»er«, ® änemarf«, «Kccflenburg«, bcran^aftifc^en^)äuferunbberfreien@fabt^)amburgerfcbienen. Sufolfle ber sonberfelbenam23.3unt 1821 abgefcf)toffenenunbam 1 .SERätj 1822 in Jtraft getretenen Gon* »ention genief t bie Glbefchiffahrt für alte fünftige Reifen inSejug auf ben Jpanbel »ölte greiheit son bem fünfte an, wo bie Glbe feffiffbar ifl, bi« in bie offene ©ec. ^teufen entfagtebeni ■Swang«* unb Umfchtag«rechte ju SOtagbeburg. JteinUferflaat barffünftig einen ©chiffer jwin» gen, gegen feinen SBitlen irgenbwo au«* unb einjutaben. 3eber fann Sracf)t unb SRücffrachf neh* men, wo er will. Sille au«fchliefliche SPrioilegien, welche bie ©cl)iffat)rf«freil)eit befcfjränften, würben für immer aufgehoben. Sin bie ©feile ber frühem »erfcfjiebenartigen Sluflagen traf eine fefle, im 58crl)älfnif ermäfigfe Slbgabe, welche »on ben @chiff«labungen unter bentSla* men Glbjoll, unb al« SBegegeib »on ben gahtjeugen unter tarnen Slecognitconggebüh* ren erhoben wirb. ®iefer flredenweife »ertheilte Glbjoll, ber ohne gemeinfame Übereinfunff niemal« erhöht werben fann, barf im ©anjett »on SDtelnif bi« Hamburg nicht mehr at« 27 (Srofchcn 6 Pfennige Gon»ention«münje für ben Gentner 25ruttogowid)t betragen unb würbe }u S3elcbung ber innern Snbuflrie, ber 3lu«fuhr ber Sanbe«probucfe unb be« fßerfehr« ber erfien Seben«bebitrfniffe bei »ielenSlrtifcln auf ‘/) bi« ju '/m herabgefefct. ®ie9tecogmtion«* gebühren haben nach »*« Glaffen einen unabänberlichen SEarif. Sil« befonbere Slbgaben bauern fort bie SJlauthen*, Erahnen*, SBag* unb Stieberlaggebühren, fowie bieStücfen» «ufjug* unb ©chleufengelber, boch mit ben 33efchränfungen, baf bie erfien nur »on ben in ein Sanbe«gebiet einjuführrnben SBaaren, fobalb fte ben gluf »erlaffen haben, gefobert, bie beiben lebten ©attungen aber nicht ohne gemeinfame Übereinfunft erhöht, unb »on 3n« wie Sfu«länberu auf gleiche SBeife nur bann erhoben werben bürfen, wenn fte fleh ber »orl)anbe- nen Slnflalten bebienen ober 33rücfen unb ©dfjleufen pafftren. Ginen »orjügtichen Slnjlanb währenb berllntcrhanblungen »eranlafte ber brun«häufer ober flaberSoll, ben#anno»er al« einen ©eejoll anfah unb be«hatb bie wiener Gongrefaete, welche bem 33ucf)fiaben nach nur freie ©ct)iffahrt bi« an bie ©ee au«fpricht, auf benfclben nicht anwenbbar hielt. Stach ntan* chett Debatten würben bie Glbuferjlaatcn baburch jufrieben geflcllt, baf fleh ö?anno»et »er« pflichtete, ben brun«f)äufer Solltarif »orjutegen unb ihn nicht wittfürlich unb nicht anber« al« im Ginoerflänbniffe ber babei interefflrten ©taafen, namentlich ber freien ©fabf öpamburg, ju »erätrbern ober ju erhöhen. ®änemarf unb^amburg haben inbeffen ihre auf befiehenben £>bfcr»anjen unb SSerträgen begrünbefe ©erecljtfame »erwahrf. ©o haben bie Glbfchiffer, Welche früher mit grofem ätoflcn* unb Seitaufwanb an 35 SoUflätten anhalten muffen, gegenwärtig nur noch an 14 Sollgebühren ju entrichten. ®urd) einige allgemeine S3orfchriften in ber Glbefd)iffahrt«acte ifl jwar ba« Saftige ber Sfteoifioncn, Welche ftch bie einjelnen ©taa» tett »orbehalfen halben, etwa« gemilberf, aber beiweitem nicht fo, wie c« ba« Sntereffe ber Jpanbet«fchiffat)rt fobert. ®ie Glbefchiffahtt«acte behnt ftch nicht auf bie Stebenflröme au«, »klmehr behält fle ben betreffenben ©taaten befonbere« Stbfommen hierüber »or; boch «Härte ■ ber preuf. S3e»ol(mächtigte in bet ©chlufconftrenj ber Unterhanblungen, baf patentirte Schiffer ber Stebenflröme bie nämlichen 3?ed)te wie Glbefd)iffer auf feinem ©tromantheile geniefen füllen. Sluf bie Glbcfcf)iffa£)rt felbfl unb ba« ihr fo feringenb nöthige gute gahrtuaffec aber würbe währenb biefer ganjen Seif gar feine Stücfflcht genommen, fobaf bie Glbc immer mehr »erfanbete unb oft 50 felbfl 100 ©chiffe an einer ©teile feflfafen ober nicht weiter tonnten, unb nicht fetten brei bi« »ier SBorfjen auf höhere« SBaffer warten muffen. Gnblich, unb woi nicht ohne burch bie öffentliche ©timme baju »eranlaft worben ju fein, traten bie Gommifjarien ber Ufcrflaaten im 3- 4842 in ®re«ben wieber jufammen unb tiefen »on Sachöerflänbigpn bie Glbe in ihrer ganjen Sänge unterfuchen. 3n öffentlichen 25lättcrn Würbe jWar halb nachher, wie e« fdjien, amtlich »erfprochen, baf Stile« gethan werben würbe, um bie über ba« gahrwaffet ber Glbefchiffahrt erhobenen .Klagen ju befeitigen; »on ben öethanblungen felbfl aber, bie im gebt. 1844 enbeten, ifl bi« jefct nicht« »eröffentlicht worben. ©tberfclb, im 5Regierung«bejirf ®üffelborf in ber preuf. 9theinpro»inj, an bet Sßupper, ifl bie withtigfte gabrifjlabt ^teufen« unb eine ber wic£)tigften in ganj S46 ©f&euf ©Ibitta ©euffdjlarib. Sie jäf)ft gegen 40fK)0 @., baritnfer 14000 .ffatholifen unb 400 3uben unb hat eine neuerbaufe tatfjolifche Jtirche, eine protefiantifdje, feie 1752 eingetoei^f mürbe, unt eine reformirte dfirclje, ein fd)öneS StathhauS, ein ©hmnaftttm, eine .£anbclS= unb eine ©e« mcrbfchule, ein ?eihhauS unb eine ©parfaffe unb mehre ttjotjtt'tjätige Slnftalfen. 9lud) be* fielen bafelbft eine ©ibelgefellfchaft, eine ©tiffionSgcfetlfchaft, bie ftd) an bie in ©armen an« fd)lic£t, mo fTct) baS rbeinifebe ©tifftonSf)auS befinbet, unb eine $euer»erftcf)erungSgefellfd)aft. ©agegen bat ftd> ber ©teticanifd)e©ergmer!Söerein unb bie 9fb e i r, tf c t>*iuefttnbifd)e^>anbetS» gefellfchaff, mellte bi« begrünbet mürben, naebbem bie SHieilnehmer riete Söertufte erlitten, auflöfen muffen, ©ie 3al)i ber gabrifen ift ungeheuer; ihre hauptfäd)lichfien Gtjeugniffe ! beftchen in ©eibe, }. ©. goularbe unb S£afd)entücher, in SauntmoUe, namentlicb bebruefte j Kattune, in Beinmanb unb SBolle; nächftbem ftnb SCürfifchrothfärbercicn »on ber gröften ! Sebcutung. 2ln ber ©teile, mo jegtS. ftel)f, befanb ftd) im 12. 3ahrl). «neSurg ber©pna« ften non Slrerfelb. ©pater mürbe biefelbe mit ©erg vereinigt unb mar bann eine Seit lang im ©efijje ber Familie -Dteffetrobe. ©ie erfte Slnfiebelung im 2Buppertf)ale »eranlafjte baS flare, jur ©leicbe ganj befonberS geeignete©ergmaffer berSßupper, unb bereits im 3- 1532 erhielten hierauf bie StnfTebler ber fogenannfen Freiheit, mie noch gegenma’rtig ein S£b e ^& et i ©tabt beift, ein fPri»ilegittm auf bie ©arnbleidje > bod) erfi 1610 mürbe 6. bie ©tabtgerccb« tigfeit jugctbcilt. $atbbaummollene Senge fertigte man hier feit bern Slnfange beS 18. 3abrb-) bie ©eibenfabrifation begann 1760, bie Sitrfif^rotbfärberei feit 1780. ©er$ar.« bei in 6. ift überaus mannigfach, unb lebhaft unb bte^onbs, mit benen gearbeitet wirb, ftnb febr bebeutenb. 3n feinem 9luffcf)munge jtt immer hob«« Sliite, ben eS jur Seit ber Soli* fperre nahm, ift eS burd) ben Sollrerein nur geförbert morben. ©tit ©üffetborf ift 6. butch , eine ©ifenbahn »erbunben. ©id)t bei 6. beginnt baS glcidE)gemerbreicf)e ©armen (f. b.). (Slbeuf ober Gslboeuf, auch 6lbeuf=fur«©eine genannt, eine ©tabt, im fran;. ©epartement ber 9tieber=©eine, jur Stormanbie gehörig, am (inten Ufer ber ©eine, mit 10300 ©., ift eine ber gemerbtbätigften ©täbte $ranfreid)S unb namentlich berühmt megen , ihrer Sucbfabrifen, beren erfte 1667 errichtet mürbe unb bie bebcutenbeSDiaffenSOlitteltuche j liefern, meldje $um grofen SEheil > n Sranfreid) abgefegt, aber auch ins SttuSlanb, nad) 3ta« iien, Spanien unb felbfi nach ber Sesante »erführt merben. 6.fd)eint früher ju ben Stamm« befi&ungen beS normännifd)cn$aufeS.£>areourf gehört ju haben unb tarn burch©erheiratl)utig in ber Stifte beS 16. 3af)tb- als ©tarquifat an ben $erjog diene »on £ot bringen (f. b.), moraufeS 1581 »on dtönig Heinrich III. jum .£er$ogtf)um unb jur Mairie erhoben mürbe. 1 ©thing, eine anfehnliche §abrif- unb $anbelSftabt im SftcgicrungSbejtrf ©anjig bet SProoinj SBcfipreufjcn, am fchiffbaren Sluffe gleiches StamenS, ber burd) ben dtraffuhlfanal mit ber Stogat, bem öfi(id)en 5(rme ber ÜBeidjfel, in ©erbinbttng gebracht ift, befielt auS btt Slltftabt, ber ©euftabt, bem Speicher unb mehren innern unb äufjern ©orftabfen unb jaljlt gegen 20000 6. ©ie ©tabt ift jmar mit ©tauern unb SBallen umgeben, bod) mirb fte nicht ju ben Heftungen gerechnet, ©ie hat neun e»angelifche, eine fatfjolifdje unb eine mennoniti« fdje it'irdhe fomie eine ©pnagoge; als ©ebäube jeidjnet ftd) barunter bie ©taricntirdje auf, ein ©au beS 14. Safmh- Sütjjer bem 1536 gefüfteten ©pmnaftum, baS im ©eftge einer S3i« I bliothe! »ott 10000 ©dnben ift, unb mehren anbern UnterridljtSanftalten, beflel)en bafelbft ein SEBaifenfjauS unb mehre »ortrefflief) eingerichtete Slrmen« unb Jtranfenanftalten. ©ef)t bebeutenb ift bie ^Pott«Somle’fche Stiftung, aus ber nicht nur baS 3ubuftrichauS unb bat jfranfenftift jum grofen 2Eh e '^ unterhalten merben, fonbern auch »ielen anbern 5lnftalten Unterftübungen jufliefen. ©iefelbe »erbantt ihre ©egritnbung bem reichen ßnglänbcr 9ti4 (Tomle, geh. 1755, ber 1810 fid) in 6. nieberlief unb 1821 in ©anjig flarb, unb beffen ©«> mahlin, geborenen ^Pott. ©ie ^abrifen unb ©tanufacturen liefern hauptfadjlich SBebereic», Seber, Segeltuch, Sabacf, ©eife, Sidjorte, Starte, (Sfftg unb ^itriol; aud) gibt eS ftarfe Srennereien unb ©rauereien, Färberei, Seinmanbbrttcferei unb Dlmithlen. ©er ©eehanbd ) ift fetjr lebhaft unb mirb burd) ben guten fjafen unferfiügt; ju feiner 6rleicf)terung fmb öf< fentliche SSaagen, ein fPadhof unb ©chiffsmerffe angelegt. 6. entftanb aus Stnfiebelungen, namentlid) lübecEer unb bremer (Soloniften, um bie in ber erften Hälfte beS 13. 3ah4 »on ben ©eutfdjen Stittern bafelbft angelegte ©urg. ©ie ©tabt erlangte lübecEer Stecht/ unb im 14. 3ah»h. fogar bie ©efugnif, nad) Sübef ju appclltren; auch würbe fte frühseitij ®Iei ®lt>on 647 tti bi« beutfcbe <£>anfa aufgenommen unb blitzte in Schnelle fo auf, bajj 1341 bie Sleuflabf angelegt »erben muffe. 3t)« Stufe baueefe, fo lange fte unter ber ^»errfetjaff be« ®euffct)en Drben« flanb; boct) fdjnelt [an! fte non ihrer #öbe tjerab, al« fte 1454 nom Drben jlct) loS* rif unb pd) unter poln. Scbup pellte. ©anj herabgefommen, erholte pd) 6 . erft »ieber, al« c« 1772 an Preußen fam, jumat ba ®anjtg noch bi« 1793 bei^olen nerblieb. Später fattf eg »ieber 5 bod) in neuefier 3 eit firebt e« mit einer eigenen Sfütjrigfeit nach neuer Stufe. @Ici (2lngelo b’), befannt al« ^Bibliophile, flammte au« ber peneppben gamilie bet ©rafen b’ßlci unb »utbe am 2. Dct. 1754 ju glorenj geboren, 6r machte toiete Steifen unb brachte »ätjrenb feine« 2lufenfl)alt« ju SJlailanb, gtorenj unb SBien, an »etdjem Centern Drtc er »ätjrenb ber franj. fjerrpbaft in 3tatien meifl »o|nte unb pcb mit einer ©räpnSin* jenborf »ermät)tte, eine foftbare Sammlung alter Drude jufammen, »etct)e er, 1814 nadj gtorenj jurütfge!et)rt, im 3uti 1818 feiner Saterpabt 5 um ©cfdjenfe machte, unb bie na* menflict) eine fafi nolipänbige Steife ber Sltbinen unb ber ®rutfe non ^ßannarj ofme güäe enthält. 6rftarb5u3Bienam20.Dct.l824. 211« Sd)ttftpcller fjat er pet) bureb feine Satiren unb Gpigramme befannt gemacht, bie it)m 5 »at niete fßeinbe jujogen, aber an Sliccolini, ber 6.’« Siograptpe fcf>rieb, einen berebten unb competenten Serttjeibiger fanben. ©Idingen, eine efjemat« berühmte unb reicb«unmittelbare Senebictinerabtei, 5 »ei Stunben non Utm, auf einem peilen Serge, »urbe um 1 128 nom fDtarfgrafen Jfoitrab nott SRcißen, an ben bie früher an biefer Stelle pebenbe Surg al« SOlitgift feiner ©ematjlin Siut* g.atb, einer Socbter be« .fee^og« grtebrid) non Schwaben, gefommen »ar, gefliftet unb 1 803 in golge be« 91eid)«beputation«bauptfcb[uffe« al« ©nfpbäbigung an Saiern gegeben. 3u biefer Seit umfaffe pe ein Streal non et»a 2 Q5D1. mit 4000 6. unb 69000 ©ulben ©in* fünften. Unter ben Pafflicben äflopergebäuben ragt bie Jtircbe pernot, bie 1773 nom Sti|e getroffen, bamal« im anttfen ©efebmaef »iebert)ergePellt würbe. 2luf unb an bemfelbett Serge, welcher bie 2lbfei fragt, liegt ba«X*orf Dber = Glcf)ingen, eine halbe Stunbe,norb* öplid) banon ba« ®orf Unter* ©Id) in gen. 2lm 13. Dct. 1 805 »urben bei 6. bie Dprei* djer unter bem gelbmarfdjalllieutenant goubon bitrcp bie «ramofen unter Step gefctjlagen, »e«f>alb gelterer nachher ben Sätet eine« -öerjog« oonßfcbingen erhielt. (Ülfciftta, ein £)orf bei ©reif«»atb, ip »egen ber bapgen föniglicpen preitf. Staat«* unb tanb»irtl)fcf)aft(ic{jen Slfabemie befannt, bie früher 51 » Uninerptät @reif«»alb gehörte, 1834 aber, naebbem ber SDtiniper non Sllfenpein febon 1827 bie be«fallpgen Unterbanblun* gen begonnen, jur Staat«anPalf erhoben »urbe. Grper ©ireefor berfelben »urbe ber $5ro* fe'ffor ber StaatS»irtE)fcf)aft 51 t 3ena, $tiebr. ©ottl. Sdjulje (f. b.) uitb bie 21 tipalt am 25. Sötai 1835 eröffnet, »orauf biefelbe, auf ba« freigebigpe au«gePaftct, einen fcbnetlen 2luffd)»ung nahm. ®od)fcbon imSJtai 1839 nab» Schule, ba erpebnonobenniebf genug* fam unferpüpt glaubte, feine ©ntlaffung unb fetjrte nacb 3 ena juri'tcf, »obin ib» eine grofe Slnjabl ber 2 lfabemifer folgte. ®ie 35ircction erhielt ^app au« Sarmpabt, unb bie 3 at)l ber Stubirer.ben ntebrte pd) fetjr halb »ieber. 211« $>app 1843 $um ©eb- Sinanjratf) beför* berf »arb, »urbe ©ilbemeiper an feine Stelle berufen, ibm aber blo« bie Slbminipration ber SBirtbfdbaft, bem$ProfefforSaumparf bagegen bie ®irection übertragen unb bie Stnpalt mit ber Uninerptät ju ©retf«»alb in eine angemeffene Serbinbung gefe|t. ®ic 5 U 6 . gehörige Dfonomie umfaßt 1800 SRorgctt £anbe«, Stinbnieb* unb feine Scbülf«»iffenfcbaften, Sb'erarjneifttnbe unb l?gnb»irthfcbaft«red)t. ^ap fämmftidber Unterricht ip mitpraftipben®emonprationen unb Übungen nerbunben, »05U bienöthigenSamm» lungen unb Apparate norhanben pnb. ©fboit (3ob« Scott, ©rafnon), 3>air unb Sorbfanjler non ©rofbrifannien, »ar ber Sohn eine« äfol)lenhänbter« &u Slewcaple an ber Spne unb am 4. 3uni 1751 geboren. 6 r »ibmete pcb mit großem ©ifer 5 U Drforb ben SBiffenpbaffen, al« ein 2lbenteuer, ba« mit feinem nüchternen unb geregelten geben in 3Biberfprucb flanb, feine Stubien unterbrach- ©r 648 ©Iborabo ©lefant cnffü^rfc nämlich Biip SurfeeS, bie Tochter eines BanquierS ju Beweaffle, rnib liep fiel) mit •J)t in Schottlanb trauen. 9lad)bem ftdfe bet 3orn ber gamilie gelegt, wibwete er fiel) ju £on* bon ben StechtSWiffenffhaften unb würbe 1776 2lb»ocat. ©ein erfteS Sluftrefen im öffentlichen geben war nid)t gläitjenb. Gr gab fein ©efchäft als Sachwalter auf unb trat cnblich in untergeorbneter Stellung in bieJfanjlei beSgorbfanjlcrS. #ier ä°8 er burch feine Slrbeifen bie 2lufmerffamfeitber gorbS Sdjnrlow unb Bsepmouth aufftcJ) unb würbe um 1783 jum lönig« liehen 9?ath ernannt. Sludj fam er für ben BurgflecEen SBcoblq unb fpäfer für Boroughbribge inSUnterhaus. BomBeginn feiner politifchcngaufbahn jetgte er fleh als einen eljrenwert^en, aber hartnäefigen Sorp, ber bemBolfShaffe wie benBolfSwünfchcn unbeugfam entgegentrat. SBcnn auch fein groper 9?ebner, fo ergriff er bod) nicE)t ohne SBirtung baS äßort, wo eS fiel) um 3?ecf)fSerläuferung hanbeltc. ©ie Siefonnbill unb bie Gmancipation ber irift^en itatlw* lifen betrachtete er als ben beginnenben Verfall GnglanbS. ©tc grünblidjen Sicdjtsf enntniffe, bie er im Parlamente an ben &ag legte, brachten ihm 1788 bas Slrnt eines ©cneralfachmal* tcrS, unb 1793 würbe er ©cncralftScal. Bachbcm er 1799 unter ben fd)Wierigflen Perhält« niffen baS 2lmt eines gorboberridjterS verwaltet, würbe er als ©raf Gtbon auf Glbon in ber ©raffdjaft ©urhant jur PairSWitrbe erhoben unb bann 1801 gorbfanjler, welches 9lmf er bis 1806, wo baS SBinifierium gor eintrat, befletbete. Schon im folgenben 3af)re nahm er inbep feine Stellung als äfanjler wieber ein unb blieb barin bis jum 3- 1827, wo Ganniitg anS Shtber fam unb gpnbhurft gorbfanjler Würbe. 3m Proceffe ber Königin erwies er ftd) jwar rücfflchtSöoll gegen bie Perfon, aber fehr gewiffenhaft. gangfam, aber fid)er in feinem Urtheil unb feinen amtlichen Gntfd)cibungcn, jog er fleh burch fein Sägern nicht fetten baS Plisfallen aller Parteien ju. Gbcnfo beflagte man fiel) oft über bie .fjartnädigfeit, mit met* d)ct er bie geringfte Sleform unb bie 2lbffellung ber fchrcienbften Plisbräuche »on ftd) wieS. 3n feinem Betragen fein unb gewanbt, in feinen Befirebungcn »on eiferner SluSbauer, hat er gezeigt, wie auch ein wenig begünfligteS Talent burch biefe Pugenben bie fwchfien öffent» liehen Stellen erringen fann. Gr flarb ju gonbon am 15.3an. 1838. ©Iboräbo, b. h- baS golbene, nämlich #nnb, nannte man in Guropa ben angeblich an ©olb unb Gbelfieinen überaus reichen ganbffridj in Sübamerifa, auf welchen bie Sagen ber Peruaner unb Snbianer oon einem ©olblanbe hinjubeufen fehienen. 3lad)bem burch Drellano, ben Begleiter Pijatro’S, bie gabel öon einem folgen Saube weiter auSgefd)nu«ft Worben war, würbe baffelbe feit bent 16. 3ahrh- als eine auSgemadfte Sache angenommen unb in bie GorbilleroS be los 3lnbeS im fpanifd)cn ©upana, am See Parime, in bem jepigen Bcnejuela, »erlegt. ©lücfSritterunb unternehmenbe Ptänner, unter ben Untern auch Ph' l 'PP öon Jütten im 3- 1541, bemühten fich in Plenge, baffelbe aufjufenben; allein obfcljon ein Gnglänber gegen baS Gnbe beS 10. 3afwh. felbffeine Befdjreibung unb Jtarfe beS ganbeS etfeheinen liep, fo mupte boch baffelbe gleid) bent See Parime fehr halb in baS Slcich ber ©idjtung »erwiefen werben, was inbep ben Spanier 2lntonio SanfoS nicht abhielt, noch 1780 auf eine Gntbedung biefeS ©olblanbeS auSjugehen. 3n ber ©ichferfpracfje ifl G., ähnlich bem Schlaraffenlanbe, jum 3beal eines erfehnten glücklichen SlufentljaltS geworben. ©leafifche ©chule nennt man bie ©ruppe griech- Phtlofophen, welche mit iteno* ph an eS (f. b.) aus Jbolophon, ber fich in Glea, einer Stabt in Unferifalien, niebcrlief, be« ginnt, unb ParmenibeS (f. b.) unb 3eno(f. b.), bie BeibeauS Glea waren, fowic ben PlcliffuS (f. b.) aus Samos umfapt. ©ie Bliitejeit biefer Phitofophen fällt ungefähr 540—460 ö. Glw- 3hte Bebeufung für bie ©efchichte ber Philofophie ifi bcShalb fcl)t grop, weil fte im ©egenfap ju ben ionifebjen Phpfiologen unb ju ber gehre beS .f>erafli( (f. b.), ber alles Sein leugnete, gerabe biefen Begriff beS reinen, mit allen aus ber ftnnliche« SBahrnehmung entlehnten Plcrfmalen unoermifchfen SeinS jurn Stüppunft ihrer Specu» lation machten. ©a baS eine unb fchlechthin unöeränberltche Sein ihnen alle Bielheit unb allen SBedffel bet Grfdjeinungen auSjufchliepen fehlen, fo traten fie mit merfwürbiger Gon- fequenj auf alle wiffenfdjaffliche Grflärungber GrfcheinungSweltBerjicht, unb biefe Schroff« heit ihres einfachen ©runbgebanfcnS würbe fpäter bie Beranlaffung $u ben Berfuchen pia< ton’S, bie Begriffe beS SeinS unb beS SBcrbcnS miteinanber $u »ermitteln. Bgl. Ghr. 21, BranbiS, „Coinuientationes cleaticae" (2lbtl). 1, Slltona 1813). ©lefaut, bas gröpte ber Sanbfäugthiert ber Sejtwelt, erreicht eine ^>öt>e von 12§ H ©tegang ©legie 649 hat ein nur flellenwciS bünnbef)aarfeS gell, jwci grofe ©tofzäf)ne, Welche baS ©Ifenbein (f. b.) liefern, einen ungemein bewcglidjen fangen Süffel, ber burd) S3erfc^mcljung »on ! Safe unb Cberlippc gebifbet wirb, unb plumpe, fäulenförmige giife mit 4—5 3cf)en. 3m jootogifdjen ©pflcme flef)t ber ©lefant unter bett Pachpbermcn ober ®icEf)äufern. Plan , unterfcheibet nad) Silbung beS ©d)äbclS unb ber Sacfenja^ne, ber 3al)l ber SRäget unb ber gönn berDfjren zwei Sitten, ben afrifanifdjen unb ben afiatifdhen ©lefanten. ®er erflere lebt im Snnern SlfrifaS btö an bie ©renjen ber ©apcolonie, ifi fet>r wilb unb wirb feiner 3äf)ne wegen gejagt. Sluf ben lefctern beziehen fiel) hingegen bie jafyüofen Slnef- boten, bie feit uralten Seiten über Urtfjeildfraff, ©chatfftnn, ®anf bar feit, S«d)fud)t, Gm- pfinblid)feit ber ©lefanten umlaufen unb gröftenthcilS übertrieben finb. 3m wilben Suflanbe fömmt biefer zumal in fpinterinbien nod) je|t »or, aud) inGeplon; gezähmt ifi er ein nüfc» litf)tS 3«9 = unb 8afltl)ier. SU« [olcfeS fpiclt er nodj immer in ben Kriegen ©übaficnö eine Solle, obgleicf) man il)tt fefjon feit fefjr langer Seit nicht mehr als SSitfämpfer in bie »orber- flen Seiten ber ©chlachforbnung flellt, wie biea bie ©riechen unter Sllepanber unb fpäfcr bie ' Sörnertraten. SBeife ßlefanfcn flnb Jlaferlafenober3llbinoSunbin3l»a,Pegu, ©iant ©cgenflänbe bet Verehrung. 33orweltliche©(efanten finb 9Jlammutl)e(f.b.). ■ ©legttltj (elegantia) be^cic£)net in fptadjlicher ^inftdjf ftf>on bei ben Söntcrn bie mit Älar^eit »erbunbene ©orrcctf)cif ber Sebe, wobei ea namentlich barattf anfommt, baf ber SluSbrucf, inbent er treu unb wahr baa ©ebachte wicbergibt unb zugleich grammatifch ber richtige ifi, natürlich, angnneffen unb treffenb fei. ®te ßleganj erfoberf bafer nicht nur einen »ollflänbigcn Scfb bea ganjen ©prachfcfjafceS fonbern auch eine ßenaue Äenntnif bea Sprachgebrauchs, um baapaffenbe fletö mit ©id)erl)eit wählen unb gleichfam heraudfühlcn ju fönnen. 3« fpäterer Seit würbe ©leganj auch in anberer Sezieljung gebraucht, wie i bei ben Stalienern »orzugSweife »on ber Slnmutl) im Vortrage cinea SEonflücfeS, bei ben ' granjofen »on ber ©cwähltheit unb Sierlichfeit in ber äfleibung. ©legte (gried).) bezeichnet urfprünglid) ein in © i fl i cl) e n (f. b.) verfertigtes ©ebicht, ohne Sücf'jtcf)f auf Stiljalt unb Umfang, baher man aud) baa in $erametern unb Pentametern abwechfelnbcVerSmaf »orzugSweife baa elegifche nennt. 2>ocherfdjeint bie ©legte i fchon frühzeitig bei ben ©riechen als eine befonberc®ichtart unb würbe als fold)e namentlid) bon ben 3oniern auagebilbet. ©ic bilbet hier ben Übergang bon bem ©poS zur fitjrif, fobaf in iljr ber ©egenflanb in feiner objeetwen 2Birflid>feit z' Dar erfaßt, baran aber baa fubjectibe ©efühl unb bie befonberc Slnfcfjauung gefnüpft wirb. SllS ©runbeharaffer flclltc (Ich baher . fehr halb ber Sluabrucf berjenigen ®emütf)Sflimmung heraus, welche burd) baS ©efühl beS 1 ©chmerzca ober ber ©ehnfudjt ober ber bangen Seforgnif erzeugt wirb, unb fo bilben Stuf» munterung zur SEhotleaft, bie ©nontc, baa Gpigramm, SicbeS- unb Swbtenflage bie »er* fchiebenen Slrfen ber elegifchen Dichtung bei ben Sllten. 3n ben früheren Seifen würbe bie ©legie ber Hellenen zu JlriegSliebern benu|t, in benen man zur tapfern Vertf)cibigung bea VaterlanbeS auffoberte, wie biea »on Äallinua (f. b.) unb PprtäuS (f. b.) gefächen ifi; bie ©norne wählte man bafür zur Seit ber bürgerlichen Setwürfniffe, wie bieS ^heogniS (f. b.) unb © o l o n (f. b.) traten; felbfl baS ©pigramnt rechnete man hierher, infofern man 1 barin baS Slnbenfen an einen Verdorbenen ober an ein fonfiigca wichtiges ©reignif feierte. Vorzüglich aber war eS ber poefifcije fanfte ©rguf bet Trauer ober ber ©ehnfucht unb Siebe, ber fpäter, wie bei ben Slleranbrinern, baS eigentliche SBefen ber ©legie auSntachte, unb in biefer engem Sebeutung haben auch bie Sömer biefe ®id)tgattung aufgenommen unb ange- Wenbct. 95ei biefen fanb namentlid) bie erotifcfje ©legie ©ingang unb bilbete fleh ^ier auf Ziemlich felbflänbige SSeife aus, wie bei Sabull (f.b.), ©atull (f. b.) unb £)»ib (f. b.), Währenb bei Properg (f. b.) baS gricch- ©lement wieberutn meh» h e »oortritt. hieraus geht hcr»or, baf, wie bie Slbleitung beS SBortS felbfl feh» unficher ifi, fo auch S3o0tiff unb baS Sßefen ber ©legie lange Seit fchwanfenb war. Sei ben SZeuern fütben wir bie ©legie . in einer hoppelten Sichtung auSgebilbct, einmal alS eigentliches Trauer • ober Älagegebid)t, j. S. bei bem Serlufle eines greunbeS u. f. w., fobann als ein contemplati»eS ober betrag* tcnbeS ©ebicht, worin eine aus SBehmutl) unb SBonne gemifchte ßmpftnbung »orherrfcht; auch haben bie Seucrn, abWeichenb »on ben Sllten, für bie eigentliche ©legie rneifl baS tro* d)äifche VerSmaf gewählt, Wie ^öltg unb SKatthijfon, ober felbfl baf Sbenmetrum bazu 650 ©leftra ©leffticitai benugf, in meinem Sinnt manche Dbett oon äflopfiocf Glegien genannt Werben fönnen. Über baS etegifdhe ©ebidjt ber Sllfen ogl. Jf. ©djneiber in JSaub’ö unb Greujer’ö „©tubien" (33b. 4, SEI)- I) unb Gäfar, „De carminis Graec. elegiaci oiigine et notione" (SOiatb. 1837). Gine gute Sufantmtnfiellung ber gried). Glegtfer unb ihrer 95rud>ftücfe lieferte ©d)neibewin in „Delectus poet. eleg. Graccor." (©ött. 1838), eine treffliche beutfdje Überfegung SB. G. SBeber, „35ie elegifdjen ®idjter ber Hellenen" (granff. 1826). ©Icffta, bie S£ocf)ter beb 21 gantemnon (f. b.) unb ber Jflptämneflra, bie ©chwefter beb Srefleb (f. b.) unb ber (f. b.) ; oerbarg nach itjreb SSaterb Grntorbung ihren elfjährigen 33ruber, ba aud) biefer umgebracht werben füllte, unb brachte ihn nach SJ)l)oci$ junt ©trophioö, um in tf)m einen SRädjer jener ©chanbthat ju erjiehen. ©ie felbft würbe Pont Stgiftljoö aufb fd)ntachooltfle behanbelt unb an einen geringen ÜRann aub Slrgoö »er» heirathet, ber fte jebod) aub Sichtung nicht berührte. 5Rad) ber fRücffehr ihreb SBruberb war fte biefemauf alle SBeife behülflid), an bemSigi^hob unb beröflptämnefiraSRadje ju nehmen. Slach S3olljirec!ung biefer SEf)at würbe fte mit bem SPplabeö, bent treuefien greunbe ihreb SBruberb, oertnäf)lt unb oon ihm SRutter beb SRebon unb ©trophioö, nach ih tem &obe fl ber in ber SRahe U)reb SSaterb begraben. — Gleftra hief auch bie Tochter beb Dfeanoö unb ber Sethpb, bie ®cmahlin beb SEhaumab unb bie SRutter ber 3rib unb ber ^parppen; ferner bie SEodjter beb Sltlab, »om 3eub SDZutter beb SSarbanob unbSafton, unb enblid) bie ©d)we» fier beb ftabmob, nach ber baö Gleftrifche SEhor in Sieben benannt fein foll. ©leftricität, abgeleitet »on bent gried). elektron, b. i. Skrnflein, nennt man bie Ur- 1 fache einer ganjen Glajfe »on Grfcheinungen, beten öfenntnif wir ber weitern S3erfolgung ber fd)on oon S£) a ^ gemachten S3eobachtung oerbanfen, baf gewiffe Körper, namentlich 33ernfMtt, $arje, ©iegetlacf, ©lab, ©eibe, ^»aare, SÜSolte u. f. w., wenn fte mit anbern ge* rieben werben, bie gähigfeit erlangen, leichte ät'örper an^ujiehen. ®ie hauptfäd)lichflen Gr« fahrungbfä^e über bie Gleftricität ftnb folgenbe: Sille Körper jerfallen in jweißlaffen, nämlich in folche, welche burd) SReiben ihrer Oberfläche eleftrifch werben, aber immer nur an ben geriebenen ©teilen, unb in folche, welche burd) SReiben unter ben gewöhnlichen Umftänben nicht eleftrifch werben fönnen, wol aber baburch, baf man fte mit einem bereitb eleftrifch gemachten .Körper berührt, in welchem galle ftd) aber ber eleftrifche Suftanb, wenn bie S3e- rührung auch nur * n einem fünfte fiattfanb, über bie ganje Oberfläche Perbreitet. ®ie erfie Glaffe nennt man 5Rid)tleiter, Sfolatorett ober ibioeleftrifche .Körper, bie jweife bagegen Seifer ber Gleftricität. j3ur erflen gehören alle t>arjartige .Körper, ©laö, ©eibe, thierifche Saare, trodene Suff u. f. w., jur jweiten alle SRetalle unb glüfftgfeiten, mit 3luönaf)me ber Die. ®a alfo ber oon geucfjtigfeiten burdjbrungene thierifche .Körper unb bie fafl nie roll- fomtnen trodenen Oberflädjen ber SEifche, gufböben u. f. w. Setter jlnb, b. h- jebe ihnen mit* getheilte Gleftricität nttt ber gröften ©chttclligfeit über ihre ganje glädfe Perbreiten unb baburch gewiffermafen unenblicb oerbünnen, fo ergibt ftd) barauö bie Unmöglichfeit, in metallenen Slpparaten, fo lange man fte mit ber £anb faft ober ohne weitere S3orfid)t hinftellt, Gleftricität in merfbaretn ©rabe aitjufamnteln; wol aber geht biee, wenn man biefelben auf güfe Pott ®laö ober $ar$ ffellt ober mit ähnlich befchaffcnen ^»anbgriffen erfaft, b. h- bie- c felben ifolirt. S25enn man Sciter ifolirt, ftnb fte aud) fähig, burch SReiben fchwa^ eleftrifch ju werben. Slnbererfeitö ergibt fleh, baf man oon einer noch f° grofen^)arj« ober ©laöpche, wenn fte eleftrifch gemacht worben ifl, burch 23erüf)rung mit einem Seifer immer nur ber ge* rabe berührten ©teile, nie ber ganzen Dfeerfläche, bie Gleftricität entzieht, unb baf man fo» na^ baö SReiben ibioeleftrifcher Äörper wol benugen fann, Gleftricität ju erzeugen unb ihre Grfchetnungen in fehr fleinem SRafflabe ju prüfen, nicht aber, um grofe SRengen Gleftricität auf einmal wirfen ju laffen. 3u legterm 3wede ntuf ntatt oielmehr bie Gleftricität beö geriebenen äförperö oon'einem ifolirfctt Seiter aufnehmen laffen, ber fte allmälig anfammelt, aber bei ^Berührung an einem fünfte fogleich mit einem SRale abgibt. ®arauf grünbet ftch s bie Ginrichtung ber Glef trifirmafchinen (f.b.). SSetrachten wir nun bie Grfd)einungen, welche an einem ifolirten Seiter, ber burd) SRittljeilung oon einem geriebenen äförper eleftrifch geworben iff, ja in fleinerm SOiafflabe auch an bent geriebenen Äörper felbft, (ich geigen, fo ftnb fte hauptfächltch folgenbe: Siähert man einen beweglichen uneleftrifd)en Äörpet bem eleftrifirten ober aud) ben beweglichen eleftriflrten bent unbeweglichen uneleftrifchen, (gleffttciföt 651 fo Wirb er oon iijm angejogen, gleichoiel, aud welcher Quelle bie ©leftricität hergammte. ®er bewegliche Körper nähert ftd) bis jur 58erüf)rung, wobei bei einiger ©tärfe ber ©lef» tricität oorher ein fleineter ober größerer $unfe überfpringt, haftet für je Seit unb wirb bann wieber abgegofen. ®ie eleftrifdje ^ätigfeit tfi nteifi oon ber ©nfwitfelung eines eigen- tpmlic^en fdjwachen @erud)d begleitet. Sfähert ntan jwet bewegliche ifolirte Setter einan* ber, »on benen ber eine burch geriebenes ©lad, ber anbere burd) geriebenes Varj eleftrifd) ge* worben ift, fo jieljert ge geh an unb fallen nach gatfgefunbener JBerührung uneleftrifd) ju* rücf; ftnb aber beibe aud berfelben Quelle eleftrifc£> geworben, fo flogen fte ftd) ab. tätigt man einen leichten unb eleftrifd)en Äörper an einem ©eibenfaben jwifdjen jwei eleftrigrten auf, welche ihre ©leftricität and entgegengefegter Quelle hüben, unb nähert ihn bann bem ©inem etwad, fo wirb er juerg Bon biefem angejogen, nach einiger Seruhrung wieber abgeflogen unb nun Bon bem gegenüberjiehenben angejogen werben. JjMeraud folgt alfo, baf ed jwet ent* gegengefegte 3ugänbe gibt, Bon benen ber eine, biepofitioe ©leftricität, beim 9feibcn Bon ©lad mit SBolle, ber anbere aber, bie negatioe ©leftricität, beim Steiben Bott Varj mit SBolle entgeht, Äörper, welche urfprünglid) ober mitgetheilt biefelbe ßlettricitäf enthalten, flogen geh ab, folche aber, bie mit ungleichartiger ©leftricität gelaben gnb, jiehen geh an. Sd jeigt geh nun, baf bei ©rjeugung Bott ©leftricität burch Sfeibung jweier Äörper aneittanber allemal bie beibett geriebenen Äörper entgegengefegt eleftrifd) werben, unb wenn man in folgenber Sfethe: Äagenfell, ©lad, SBollenjeug, trocfeneS Rapier, ©eibe, ©icgel* lad ober Varj, S5erngein, Schwefel — einen Äörper mit bem anbern reibt, fo wirb allemal ber in ber 9lcif)e Boran flehenbe pogtio, ber nachfolgenbe negatiB eleftrifd). Steuere S5cob* ad)tungcn haben gelehrt, baf bie ®ämpfe reinen SBafferd, inbem ge geh an ben metallenen ©efäfen, in benen ge entwicfelt würben, reiben, auch ©leftricität erregen unb jwar fo, baf ber ®ampf getd pogtio, ber Äegel aber negatiB eleftrifd) wirb. Sind biefen unb ben Bothergehenben ^Beobachtungen ergibt geh, baf jeber fogenamtte uncleftrtfche Äörper fowol negatioe ald pogfioe ©leftricität enthält, aber in folgern gegen» feitigen ©leichgewichte, baf geh bie SBtrfungen beiber aufheben; bad ©leftrigren eines Äör* perd begeht nun baren, baf bie Skrbinbung ber beiben ©leftricitäten getrennt wirb. ®tefe Trennung gefehlt junäd>g fo, baf geh bie entgegengefegten ©leftricitäten an bie entgegen* gefegten ©nben begeben, wad man mit bem Stamen ber eleftrifdjen föerttjeilung belegt ; ju ©rjeugung biefer Trennung ig ed nur erfoberlich, einen eleftrigrten Äörper bem uneleftrifdjen bis auf eine gewige ©ntfernung, beren SBeite gef) nach bem ©tabe bet elcftri* fehen Spannung richtet (eleftrifche Sltmofphäre), ju nähern. 33ringt man einen tan» gen 50letallförper, an beffen beiben ©nben Äugeln gnb, in bie Stähe eines garf eleftrigrten Äörperd, j. 58. bed ©onbuctord einer @leftrigrmafd)tne, fo wirb bie bem Sonbuctor näher liegenbe Äugel bie entgegengefegte, Bon bem Sonbuctor alfo angejogette; bie abgelebte ba* gegen biefelbe ©leftricität jeigen, wie ber Sonbuctor. ®a aber hier bie Trennung beiber ©leftricitäten nur Bon ber garten Slnjiehung abhängt, welche ber Sonbuctor äuf ert, fo Ber* einigen geh nach ©ntfernung biefer Urfache beibe ©leftricitäten wieber, unb ber Äörper er* fcheint uneleftrifch wie juBor. ©oll baher auf biefc Slrt ein bleibenber 3uganb erjeugt werten, fo muf man nach ©intritt ber SSertljeilung bie eine ber beiben ©leftricitäten ableiten. ®ied gefdjieht entweber burch leitenbe 58erül)rung mit ber Vanb ober burch SJtetattbräljte, bie man nach bem 33oben leitet u. f. w., in welcher SBeife j. 33. an jeber 6leftrigrmafd)tne bie ©leftricität bed Steibjeugd abgeleitet werben muf, wenn bie ©leftricität bed Splinberd frei werben foll, ober ed gefd)iel)t auf bie Slrt, baf man ben eleftrifchen Äörpet, welcher bte S3ertl)eilung bewirfte, fo wett nähert, baf ein gunfe überfptingen fantt, ober wirtliche 58e* rührung gattgnbet. ßd Bereinigt geh bann bie negatioe ©leftricität ber bem Sonbuctor ju» gelehrten Äugel mit einem Steile ber pogtioen bed Sonbuctord, unb ed bleibt alfo ein Über* fchuf att pogtioer ©leftricität jurücf, b. h- bie anbere Äugel erfchcint jegt pogtio gelaben, and) wenn man ben Sonbuctor wieber entfernt. 5Dtan benugt biefe S3erthei(ungdwirfung ju Songruction gewiffer ©lef trometer (f. b.), ju manchen eleftrifdjen ©ptelwerfcn, j. 58. bem eleftrifchen ©locf enfpiel, unbenblidj ju Vergeilung foldjer Slpparate, welche bie Slnfammlung gröferer ©leftricitätdmengen ober bie congante ©rjeugung fleincr eleftri» feget SBirfungen beabsichtigen. SDtan fann nämlich burch wieberholte Skrtljeilung unb Slb* 652 ©teftricttät leitung ber ett,.n Sleftricität in einem Seite» bie anbere Sleftricität in einem ©rabe anfarn« mein, ber nur in ber ©röge ber (eitenben Oberfläche unb in ber BoUfommenheit ber Sfoli* ruttg feine ©renje ftnbet. Berftef)f man bager eine @la«ptafte auf beiben ©eiten mit SRe* tallbclegen, welche niefjt communiciren, ttnb nähert biefe glatte einem geiabenen Sonbuctor, fo werben burch bie Bertheilung«wirfung, meiere burch bie ifoiirenbe ©la«platte nicht getjin- bert wirb, bie Sleftricitäten in beiben SBetegen ftch fo feijeiben, bag bie eine an ber ®la«fläd)e, bie anbere aber an ber Oberflädje ftd) anfamnteit; lägt man nun bie Oberfläche beweinen Beleg« in leitenbe Berührung mit bentBoben fommen, ober fagt man fle mit ber #anb an, währenb man in bie anbere au« bem genäherten Sonbuctor Junten überfd)lagen lägt, fo Wer* beu »on beiben Oberflächen bie Sleftricitäten abgeleitet, unb an ben ©la«fläcg)en bleiben bie entgcgcngefegten Sleftricitäten jurücf, unb biefe Sfnfammlung finbet nur in ber ©rüge bet SRcfaKbelcgc unb in ber ©tärfe ber bie beiben Sleftricitäten »on ihrer Bereinigung abgal* tenben ©la«fcf)icht ihre ©renje. Berbinbet man bann bie beiben Belege burch einen foge» nannten 31 u«lab er, b. f). einen gabelförmigen, an ben Snben mit jfugeln »ergebenen, an einem ifolirenben ©laSgriffe befefligten ®ral)f, fo gleichen mit einem SM burch einen fbar- fcn$unfen bie auf beiben ©eiten angefammelten Sleftricitäten ftd) au«; ber befchriebene Slpparat aber heift bie gran!lin’fcheS£afel. ®en!t man ftd) eine folcheglatte cplin* brifch ju einerglafchejufammengebogen, fogibt bie« bieSepbener glafdfe, beten innerer, burch ritten (eitenben ®raf)t mit ber fbugel »crbuubenet unb bereu äugeret Beleg ftch fo »erhalten, wie bie beiben Belege ber SEafel. ®ie SBirfung ber gfafcf)c fann man nod) ba* burch »erflärfcn, bag man mehre glafchen bergefialt combinirf, bag alte äugere unb alle innere Belege untereinanber leitenb »erbunben finb, fobag alfoSabung unb Sntlabung aller $lafd)en einer folchen Batterie mit einem SRal gefchiehf, unb e« ifi hierin ba« fräftigfle SRittel gegeben, bie SBirfung fch» flarfer eleftrifcf)er Snflabungen ju prüfen, ©anj analog biefett Snjlrumenten wirft berSonbenfator, beffen 33efiimmung e« ifi, fleine Sleftrici* fät«mengen, bie für ftd) auf Sief trom et er (f. b.) nicht wirfen, fo anjufammeln, bag fit nadjgewiefen werben fönnen. (©. auch ® l e f t r o p f) o r.) 3llle bi«her erwähnte Srfd)einungen fegten »orau«, bag bie eine ber beiben Sleftrici* täten »on ber Sinwirfung ber «nbern befreit unb in einem ifolirten Jförper angefamntelt fei, unb ftc erflärten ftch nteifi au« bem SSefireben ber Sleftricität, ftch lieber mit ber entgegen* gefegten ju Bereinigen. SJlan nennt baher biefen Suflanb ben ber eleftrifchen ©pan* nung, unb e« richtet ftch biefe Spannung nicht fowol nach bem abfoluten SRage bcr»or* hanbenen Sleftricität al« nach ber relatiöen Slnfammlung in Be^ug ju ber Oberflächen* gröge be« ifolirten Körper«, ©obalb bie Bebingutigen ju einer 3lu«gtcid)ung »organben finb, gegt bie ruhenbe, gefpannte Sleftricität in Bewegung über, unb im SRoment ber 3lu«> gleicgung bewegen ftch bie entgegengefegten Sleftricitäten in entgegengefegfen Sichtungen. Srctcn babei nur ifolirte Seifer in SBirfung, fo gefehlt ber Satur ber ©ache nach bie 3lu«* gleichuitg mit einer ber ©pannung entfpreegenben ^eftigfeif, aber fiete in einem SMnent, unb t« lafftn ftd) baher an biefen fällen feine Beobachtungen über bie ©efege machen, nach bcnenftch bie Bewegung ber Sleftricität, berfogenannte eleftrifd>c ©trom, richtet. SJfan fann aber fehr leicht einen bauernben eleftrifchen ©trom erzeugen, Wenn man währenb ber Sr* jcugttng ber Sieftricifät bie entgegengefegte Sleftricität nicht ableitet, fonbern burch eineÄette wieber an benSrjcugungöpunft ber anbern Sleftricität jurütfführt. Berbinbet man j.B. an einer Sleffrtjtrmafchine währenb be«®regen« ben Sonbuctor burch rine -Rette mit bemSeib* jettge, fo wirb jWar burch bieSeibung forfwägrenb ber erflere poftti» unb ba« legtere negafi» eleftrifch, aber beibe Sleftricitäten gleichen ftch burch ben®ragt continuirlich wieber au«, unb wir haben bemnach im ®ragte einen ©trom ber pofiti»en Sleftricität »om Sonbuctor nach bem Scibjeuge f)iu unb einen ©trom ber negatioen in umgefef)rter Sichtung. 5Ran pflegt jebod) bei Sfngabe ber ©trom«richtung immer nur bie Sichtung ber pofttipen Sleftricität anjitgeben. -fjierburd) ifi ein Büttel gegeben, bie SBitfungen be« eleftrifchen ©trom« auf bie Setter, burch '»eiche er ftch bewegt, unb bie ©efege feiner Bewegung ju beflimmen. 6« ifi bereit« angegeben Worben, bag bie burd) Seibung ju erregenben eleftrifchen ©fröme nur fegwad) ftnb, benn bie Seibung erzeugt gleichjeitig feine grogen SJJengen »on Sleftricität, wenngleid) in ftarf gefpanntent Suflattbe. dagegen cntwicfelnSeiter burch bloge gegenfeitige Sleffttctfäf 653 ffiertfrung fortbauernb fotd^c Glcftricitäflmengen, bie jwar ju Sarfietlung bet Grff einttn» gen gefpannter Gleftricität weniger geeignet ftnb, aber bie Grff einungen bei Stroml Dor- juglweife geigen. (S. ©alDanilntul.) Gnblif bat ntan auf gefunben, baf in SWetall- bräfyten burf itngfeief)c Grwärntung (f. £f)ermocleftvicität) ttnb burf Ginwirfung eincl fiatfen Magneten (f. SRagnetoeleftricität) eleftriff e ©tränte erregt werben, fo- wie nntgefcbrt ein eleftriffer ©front gatt$ unleugbar tuagnefifebe Gigenffaften bat unb weicbel Gifett magnetiff titaf en fann. (®. Gleftromagnetilmul.) JBeobaf fungen ber lefsfern 2lrt Derbanfen wir bie Jfenntnig Don bent innigen 3ufammenl)ange ber Gleftrici- tat unb bei SJi a g n e t i I m u I (f. b.). Sie bilfjer fpecielt berührten Grffeinttngen werben mit betn befonbern kanten berSieibungIcleftricitäf belegt, ^»iertjer geboren auch bie ftf juweilen beim Jfrpfialliftren, beim fPuloertfiren harter Jiörper u. f. w. jeigenbett eleftri- (eben Grff einungen. Raffen wir furj bie ©untme Seffen, wal wir über bie Gleftricität wiffen, jufammen, fo ergeben ftf folgenbe Sähe: Gl gibt jwei enfgegengefefcte Gleftricitäten nach ber bualifli« ff en Slnftft Don Spntmer; nach ber granflin’ffen ober unitarifeben Slnfift aber erflärt ftd) bie poftfioe Gleftricität atlÜberffuf, bie negative all Mangel, ber uneteftriff e 3ttfta"b all SNittelmaf einer in allen Jförpertt Dorbanbenen eleftriff en -äflaterie; noch wat>rfdt)cin« lieber ftnb bie Gleftricitäten feine befonbern unwägbaren Stoffe, fonbern, wie bie SBarme u. f. w., nur SufHnbe ber SDiaterie. Sfber Jtörper ifi beiber Gleftricitäten fähig, aber für gewöhnlich tritt Weber bie eine noch bie anbere beroor. Surf gewiffe Ginflüjje, alfo Siei* bung Don Siif tleitern, JBertfrung Don heterogenen Ceitern, Slnnäberung eleftriff er Jtörper (23 e r t b e i l u n g bei gefpannter, 3 n b u c t i o n bei firömenber Gleftricität genannt), wirb in beit Jförpern bie eleftrifcbe it bergefialt rege, baf ftcb bie entgegengefeffen Gleftricitäten p olarifcb trennen unb an ben entgegengefeffenGuben (^olen) jur Grff einung fontmen. Saburf wirb bal SSeftreben beiber nach Slulgleif ung rege. Siebmen wir bann bie eine ber beiben Gleftricitäten weg ober beben fte auf unb umgeben ben Jtörper mit Stif tleitern, fo fantmein wir bie anbere Gleftricität im ;3ufianbe ber Stube ober Spannung an; Derbittben wir bagegen bie fPole bureb einen ßeiter, fo bewegen ftcb &' e beiben Gleftricitäten fo lange nach entgegengefebten Stiftungen, bil fte ftcb oolljiänbig attlgcglicbett haben, unb el entfiebt baburf ein elcftrifcber Strom. Sie Grffeinttngen, Welfe rubenbe unb ffrötttenbe Gleftricitäten bccDorbrtngen, ftnb febr Derff ieben. Sie rubenbe Gleftricität äußert ftf junäf ft nur burf Slnjiebung ber ungleif artigen, alfo auf ber uneleftriff cn Jtörper, ba biefe Dorber burf SBerfeilung eleftriff werben, unb burf Slbfiofttng ber gleifartig eleftri- ffen Jtörper; ber ©rab ber Sfnfammlung, beren fte fähig ifi, riffet ftf naf ber Dbcrflä- f ettgröfe ber Jtörper unb ber 23oUflänbigfeit ihrer 3folintng, unb bie SBeite, bil auf weife fte atijiebenb unb abjiofenb wirfen fantt (eleftriff e Sltmofpbäre), ftebt im birecten Sßerf>ält- niffe btefer Slnfamntlung ober Spannung. SStan mißt baljcr am befien bie nfenbe Glcftri- cität burf Stbfiofung uttbSlnjiebung. Stuf jeben in ben SSereif ber eleftriff cn Sltmofpbäre fotumenben Jtörper bat rubenbe Gleftricität bie SBirfung, in ihm ebettfalil ein 2lulcinan= bertreten ber Gleftricität (23ertt>eilung) ju bewirfeti. fDlit bem ©rabe ber Spannung wäf jt auf bal Slulgleif unglbejireben ber Gleftricität, unb fle ifi bann im Stanbe, felbft ©f if * ten Don Stiftleitern ju burfbref en. Siel geffiebt feil! allmälig, befonberl attl Gefeit unb Spieen, unb ifi bann mit einer ffwafenSifterff einung imSunfeln Derfnitpft, weife ftf bei pofitiDer unb negatioer Gleftricität anberl atilnimntt, tbeill bei Slnnäberung cinel Seiferl plöfclif unter ber Gtff einung bei eleftriff en gunfenl unb eigcntf)ümlif ent ©e- räuff e. Sie Siefc ber Sf if ten Don Stiftleitern, weife ein gunfe ju burf bref en Der- mag, riffet ftf naf ber Dorbanbenen Spannung. 3ttbem ber gunfe Stiftleiter burf brift, bewirft er eine bebeufenbe mef aniff e Grff ütterung unb Grabung berfelbett, woburf ftf bie Störungen bei 581 i | e I (f. b.) erflären. (S. aufGleftrometeor.) Ser eleftriff e gunfe ifi ein fräftigel 23ereinigunglmittel Don ©algemengen, bereit f etniff e 33erbinbung er häufig unter Gpplofton unb Stf f entwief elung bewirft (e l e f t r'i ff e i ft o l e). Sägt man einen gunfen auf eine ^arjplatte ff lagen, Welfe mit einem feinen ^ulDtr befireut ifi, fo bewirft bie Grff ütterung eine befiimmte, für pofitioe unb negatioe Gleftricität Derff iebette 31 norbnung bei ^ulberl (S i f t e tt b e r g ’ f f e g i g u r e n). 33ei Stif tleitern fann Don einer 654 ©leftricität großen Spannung ber Sleftricität nicht bie Siebe fein, »eil »egen ber Unfähigfeit biefer Jlörper, bie Sleftricität an ihrer Oberpäcfje fortjuleiten, jebeö Dberfldcfjet^eiliijen für pd) wirft. SJlan faitn fie bafjer »ol burd) Steibung in ber Sief trifirmafcf>tne (f.b.)unb bcm Sief troppo r (f. b.) $u Erzeugung »on Sleftricität bcnu&en, bod) muß man biefelbe auf ifolirte Seiler (S o n b u c t o r e n u. f. ».) übertragen, wenn irgenb eine größere SBirfung mÖglid) »erben foll. Die Sleftricität fantmelt pcp PetS nur auf ber Oberfläche ber Körper an. Die ftrömenbe Sleftricität geigt feine Srfcpeinungen ber Slngiepung unb 2lbpo* ßung niepr. Sie be»egt fid) mit einer ©efcpwinbigfeit, »eld)e für irbifd)e Entfernungen nicpt mcpr meßbar ifi, unb ebenfalls auf ber Oberfläche ber dtörper. Die »erfepiebenen Jför* per fegen aber ber gortleitung ber Sleftricität einen »erfepiebenen SBiberpanb entgegen, »o* burd), ol>ne 23erntinberung ber ©efcpwinbigfeit, ein Söerlufi an 0.uantität ber Sleftricität entfleht. Die fogenannten Sticptleiter, benn abfolute gibt cd niept, laffen nur äußerfi flehte Stengen »on Sleftricität burd); unter ben Seifern ftnb »orjugSweife bieVZetalle unb baS SBaffer ju nennen. 2lber auch bie Vtetalle ftnb in biefer SSestehung fef>r »erfcpicben, unb ihre Seitungöfäpigfett pept et»a in folgenbent Verpältuiffe: .Rupfer 100, ©olb 94, Silber 74, 3inf 29, SDtefpng 2S, Platin unb Sifen 16. SDtan »enbet baher ju SeitungSbräpten »or» jugSwcife .Rupfer an. Übrigens »äd)fl bie SeitungSfäpigfeit eines JfötperS mit ber ©röße beS O-uerfcpnittS unb umgefehrt »ie feine Sänge. Seifet man einen Strom burch eine Sei» tung, beren SBiberjlanb im 23erpä(tniß jurStärfe beS Stroms ju groß ip, j. S3. burch einen bünnen Draht, fo entfleht eine bebeuteitbe Srpißung beffelben, bie bis junt ©lühen unb Verbrennen fleigen fattn. ©eht ein Strom burd) einen flüfjigen Setter, fo »irb biefer in ber Stegei epentiph jerfegt, unb eS »erben babei für gleiche Quantitäten burchgegangenerSleftri» cität auch ffetS gleiche ’Üquioatente gerfeßt; baS SBaffer cerlegt pd) babei in SBafferfioffgaS unb SaucrpoffgaS, unb man fann burd) SDtejfung ber in gleid)en Seiten entwicfelten ©aS» mengen ben Strom felbft meffen. (S. 23o Itantc ter.) Sigettfhümlich enblicp ifi bie 2Bir» fung eleftrifcher Ströme auf bie Vtagnetnabel unb überhaupt bie SBecpfelWirfung jwifepen SftagnetiSmuS unb Sleftricität, unb bie Slblcnfung, »eld)e eine Vtagnetnabel burch einen eleftrifchen Strom erfährt, ifi baS befteVtaß für eleftrifche Ströme. (S. ©alöanonte ter.) Daß S3ernfiein beim Steiben eleftrifch »irb, »ußte »aprfcheinlicl) fd)on SEpaleS, befiimmt aber Sdjeophrafi. Srft im 3. 1600 pellte inbeß ©ilbert ein »ollfiänbigeS Verjeicpniß ber burd) Steiben eleftrifch »erbettben dförper auf. .Rurje Seit nachher bebienfe ftd) ©uerif e (f. b.) einer burch *me .Rurbel gebrehten Sch»efelfugel als Sleftriprmafcpine, bod) »urbe bie erftc eigentliche Vtafcfpne biefer 2lrt erft um 1750 »onRaufen inSeipjig confiruirt. SUle bis bahitt »onVople, SZewton, £a»fSbee, ©rep, bu gap unb DefagulierS angepellte Verfucpe hatten »orjüglicp bie SlufpeUung beS UnterfcpiebS jwifepen Seifern unb Sticptleitern unb bie S3enu(jung ber Sfolirung für 23erfucpe jum Stefuttate. SB. Jfleip erfanb 1745 bie Sepbener glafcpe. g r a n f l i n (f. b.) pellte 1750 juerp eine S£peotie (bie unitarifepe) ber Sleftricität auf, welcher 1759 bie bualipifd)e S£h eor *c »on Spmmer folgte, granflin »ar cS auch, bet juerp bie eleftrifche Statur beS ©e»itterS mit S3ePimmtpeit nach»ieS. Später haben fid) befonberS SSeccarta, Saoallo, Sichtenberg, »anSDtarum burd) neue Verfucpe über SZeibungS» eleftricität befannt gemacht; burch Volta (f. b.) »urbe ber Sa$ »on ber eleftrifchen 23er» theilung ins .Rlare gebracht. 3nbeffen fannte man bis bapin nur ben einen 3upanb ber Sief» tricität unb hatte nur fef>r un»ollfomntene .Renntniffe »om eleftrifchen Strome. Die Snt* beefungen 23olta’S unb ©al»ani’S(f. b.) über VerüprungSeleftricität, ÖrPeb’S (f. b.) über SleftromagnetiSntuS unb Seebetf'S (f. b.) über &hermomagnefiSmuS beginnen fomit bie neue, »orjügtiep burch Bearbeitung ber Sehre »on ben eleftrifchen Strömen auSgejeicp* nett Slra ber ©efchichte ber Sleftricität, »eiche fap ganj in baS gegenwärtige 3a^rE>unbert fällt, unb in »elcpet außer ben ©enannten befonberS noch ®a»p (f. b.), geepner (f. b.), Oh» (f. b.), garabap (f. b.), be 8ari»e (f. b.), Vecquerel (f. b.), Danietl (f.b.), ^oggenborff(f. b.), Seng, Sacobi (f. b.), $)faff (f. b.) u. 21. fleh u m bie 2luSbilbung eines gegenwärtig auch tecpntfcp unb inbuftriell wichtig »erbenben 3»cig$ ber $)p»pf Wt ‘ bient gemacht haben. Die Sleftricität fpielf auch m bet ^panjenwelt eine bebeutenbe Stolle, bod) iP ber Sinpuß, ben pe auf bie Vegetation auSübt, noch nicht hinlänglich ergrünbet. 2)tepr( I ©leftttfdjet Selegtctpp ©leftrotpemte 655 pfaturforfcper paben butcE) Verfucpe gefunben, bafj bic Gleftricität, unb j»ar namentlich bie poptioe, ba« 2BacpStpum ber ^flanjen aujjerorbentlicp förbert. Sa baö ©ebeit)en berfppan» jen ganj »orjüglicp »on einer »ollfommenen Gntmicfelung itjreö .PeimS abpängt, unb bie Gnt»icEelung oft fepon in einigen ©tunben ipr Gnbe erreietjt, fo fann bie freie poptioe Glef» tricität auep feibft in bem Salle günpig auf bie 2lu«bilbung ber fPpanjen »irfen, wenn ipr Vorpanbenfein nur »on furzet Sauer ip. Sie f)öt>ern 2uftfcpicpten enthalten mepr Gleftri» eität als bie ntebern. Sn ben untern 2uftfcpicpten ip biePKenge ber Gleftricität be« SRorgen« grefer al« am Sage, fo»ie auep im Seüpjapre bie Stfntofppärc mepr Gleftricität empält al« in ben übrigen Sapreöjeiten. Sie Gleftricität »erlangt jeboep, um ju ben fPPanjen &u ge» i langen, eine« 2eiter«> troefene 2uft »erfkttet ipr fap gar feinen Surcpgang, SBaffer unb SBafferbünpe leiten pe bagegen, ©oll alfo bie Gleftricität ber Sltmofppäre ben fppanjen nü|cn, fo muffen pe jene mittel« Seucptigfeit einfaugen föitnen. Sa nun bie al« $pau pep nieberfcplagenben SBaflerbünpe bie Gleftricität ju ben^panjen leiten, fo erflärt pep pierau«, »eSpalb ber Sfjau überhaupt im Srüpjapre bas ^>panjen»acpstpum fo fet>r beförbert unb »e«palb ©amen, bie man über 9?acpt auf bem 2lcEer liegen lägt, ein beflere« ©ebeipert jeig» ten al« fogleicp in ben S3oben gebracht. Sßarum aber bei Dfiminb auSgefaetc ©amen oft niept gut gebeipen, unb bie Vegetation überhaupt bei biefem SBinbe nur tuenig fortfepreitet, bie« pnbet feine Grflätung barin, baji in Seutfcplanb bei Dpmtnb bie »enigpen eleftrifcpen Vieberfcpläge erfolgen, bie meipen ereignen pep bei 2Bep»inb. SBecquerel (f. b.) pat über bie Gleftricität in Vejug auf bie $)panien»elt folgenbe Slnpcpten: Sie erPen Süngerarten pnb biejenigen, melcpe fo»ol au« unorganifepen Jfötpern al« au« »egetabilifepen ©ubpan« jen unb auep au« tpierifepen Körpern bepepen. Sie animaliprte unb mit Slfaun »erfepfe Pople ip baper ein fetjr guter Sünger. 3f>rc SBirfung ip niept nur eine epentifepe fonbent ' aucb> eine ppqpfcpe, »eil pe iprer bunfeln Sarbe »egen »iele ©onnenpraplen aufnimmt unb I folglich bie Semperatur be« SSoben« erpöpt, bann aber, »eil pe eine fepr grofe SDtenge fop» i lenfaure« SCmtnoniaf enthält, »elcpe« bie fcfjjuefelfaure Sponerbe «rfefit, fobap fcp»efelfaure« Slmmoniaf entpept, Sponerbe nieberfällt unb Poplenfäure frei »irb. Sei biefen SReactionen i entpepen eleftrifcpe ©trömungen, bie einen grojjen Ginpup auf bie Vegetation paben. ©feftrifcfjer £elepvaplj, f. Selegrapp. ©leffriftrmafcpine peifif jebe meepanifepe Vorrichtung ju Grjeugung »on SReibung«» eleftricität. ©ie bepept in ber Siegel au« einem fuget*, cplinbet* ober am bePen fcpcibenför» migen ©laSförper, »elcper auf einem ifolirten ©ePell brepbar befepigt ip> gegen feine Sber* fläcfje »irb burep ©cpraubenbrmf ein ebenfall« auf Sfolirfüfen Pef>enbe«, »on einer 2Retaß* faffung umgebene« 2eberfiffen (ba« Sleibjeug) angepreft, »eiepe« mit bem fogenannten Äien* maper'fcpen Slmalgam (2 Speile CluecEplbet, 1 Speil 3inf unb l Sljeil Sinn) eingericben ip. 2Bäf)renb be« Srefjen« entwicfelt pcl) auf ber Dberpäcpe be« ©laSförper« poptioe, auf bem Sfeibjeuge negatioe Gleftricität. 3£ nadjbem man nun ben an ben ©laSförper angerüeften unb burcl) ©augfpi^en bie poptiöe Gleftricität aufnefjmenben Gonbuctor ober bie metallene gajfung be« Sfeibjeug« mit bem SBoben teifenb »erbinbet, fann man im erPen Salle negative Gleftricität in ber Saffüng be« fPcib^eug«, im [extern poptioe Gleftricität im Gonbuctor pef) anfammeln taffen. (@. Gleftricität.) Sie gröfte befannte SRafcpine ip bie im 2ep» ter’fd>en SJiufeum in hartem, »elcpe j»ei 65 Soll im SurcpmePer paltenbe ©epeiben unb 8 Sictbjeuge pat. Spre eleftrifcpe Sltmofppäre ip ef»a 24 g. »eit, unb Sunfen fcplageit 2 S. »eit au« bem Gonbuctor über. 3 11 «in« Gleftriprmafcpine gepören ge»öpnlicp noep einige Vebenapparate ju Slnfcpaulicpmacpung ber £aupterfcpeinungen, alfo aufer einigen glafcpen unb einem Gleftrometer, ge»öpnlicp noep eine fogenannte eleftrifcpe ©pinne, ein eleftrifcper ^uppentanj, fogenannte Vligpäuscpen ju Vacpapmung ber äBirfung be« SSlipe« u. f.». Snbejfen fommen ©pietereien biefer ?lrt mit Siecpt mepr unb mepr au« ber SJtobe. Pieuerbing« ip burep SlrmProng unb Jarabap empfoplen »orben, bie Gleftricität«ent»iielung beiSfetbung be«au« einem Jteffet ent»eicpenben SBaperbampf« baburcpjubenu|en, baf man ben Jfeffel auf ©la«füpen ifolirt, unb in 2onbon ip auep eine Gleftriprmafcpine biefer 3lrt mit bem »otlpänbigPen Gefolge aufgepedt »orben. (gtefftodjemte, SBenn ein eleftrifcper (gal»anifd>er) ©trom burep eine Slüfpgfeit gept, fo erfäptt biefelbe, fobalb pe eine gc»iffe, noep nicptoollfontmen ermittelte S5efd;afenpcit pat, 656 ©leftromttöttcftSntttJ «ine cfyentifdje 3«fe|ung, wie bie« befonberö burd) Saat) nachgewiefen würbe, ber ficf biefe« Sfittel« jur Slbfheibung ber SRetalle ber Sllfalien unb Geben bebiente. garabap nennt bie unter biefen Umfänben fd) jerfebcnben Jförper Gleftrolpte. G« gehören hierher Bor alten ba« SBafer unb befonber« bie GhlorBerbinbtingcn ber Sftctalle unb bie nteifen Salje. Sn mäfferigenSluflöfungen wirb attemat Borjug«wcife ba« SBafer unb ba bie babei frei» werbenbcn 93ef anbtheite be« SBafer« häufig auf bie fonf noch in berSluflöfung »ortjanbenen Jtörper eine Ginwirfung haben, fo treten fecunbatre 3erfebung^robucte auf; fo if j. 33. bie 9lbfheibung berSttetalle au«»erbünnten9luflöfungen»onüRefalIfaljcn, bieGntwicEelungBon falpetriger Säure au« waferhattiger Salpeterfäure u. f. w. nicht ber urfprünglichen SBir« fung be« Strom«, fonbern einer SRebucfion burd) ba« entwicfclte SBaferfoffga« $u$ufd)rei* ben. 33ei jeber printairen clcftrochemifhen 3erfe|ung jerfällt ber Gleftrolpt in jwei Stofe, beren einer Bon ber mit bem poftioen $)ole be« gatoanifd)en Slpparat« öerbunbenen glatte (Gleftrobe), ber anbere tiom negatioen ^ote angelegen unb bort abgefefct ober entwiefeft wirb. Senen nennt garabap ba« Stnion (beim SBafer ber Sauerf off), biefen ba« Nation (beim SBafer ber SBaferfoff). S3eibe werben in ben ä'quiöalenten cE>emifd£)en 33erl)ältniffen frei, unb bie Quantität ber 3erfc£ung if ber Quantität be« Strom« proportional. Slu« biefen S 3 eobacf)fungen unb au« ber Süf>atfad 5 c, baf eleffrifhe gunfen auch fh* wirffame SJiiftet ber 93ereinigung Bon ga«förmigen Körpern fnb, fobaf man j. 58. ba« au« SBafer burd) einen eleftrifd)en Strom entwicfelfe ©ernenge Bon Sauerftof unb SBaferf of burcf j einen hinburchfdjlagenben eleftrifhen gunfen wieber ju SBafer Bereinigen fann, geht nun allerbing« bie grofe 23erwanbtfcl)aft rfjemtfcher unb eCeftrifcher SThätigfeit heroor. 95 e v 5 c« tiu«(f. b.) hat nun barau« gefdfofen, baf bie Gleftricität überhaupt Urfache alter chemi» fd)en SSerbinbung fei, unb baf man fd) festere at« ba« Sfefuttat einer Slnfeliung entgegen* gefc|t eleftrifcher Körper ju betrfen habe, wobei freilich ber eigene Umftanb, baf in biefem j gatte bie 9ln$iel)ung auch nach ber 58erül)rung fortbefehh alfo ofenbar feine Böllige 9lu«« gteichung beiber Gleftricitäfen f aftfenbet, nur fchwierig ju erflären if. 3ener 9lnfd)f ge* mäf wirb nun in jeber SSerbinbung berjenige Jfötper, welcher bei eteftrolptifd)er äerjefung, bie freilich bei fefjr Bielen Jförpern gar nicht faftfinbef, ba« Slnionbilben würbe, ber negafioe, ber aber, welcher ba« .Ration bitben würbe, ber poptiBe genannt, bem Sage gemäf, baf un« gteid)artige Gleftricität fich anjietjt. ©leidjwie nun auch M ber 9leibung«eleftricität ba« fJlcfultat Born gegenfeitigeit SSerhatten beiber Jförper abhängt, fo if auch fein Jförper abfo» tut negatiB oberpoptw im eteftrochemifdhen Sinne, fonbern e« gibt eine eleftrod)emifche Spannung«reit)e,in welcher alle jförper fo fehen, baf fe in SSerbinbung mit ben nach* folgenben popfiB, mit ben Borhergehenben negatiB werben, wobon e« jeboef) im Ginjelnen fepr Biele 9tu«naf)men gibt. Sie negattofen Jförper fnb Sauerfoff, Glfor, 83tom, 3ob, Schwefel; bie popfiBfen SBaferf of unb bieSDletalle berSllfatien; mehr in berSttifte fehen -Sfo^le, ^3ho«phor, Slrfenif, Slntimon u. f. w. Sie pofitiBfen Sttefalte bitben mit Sauerf of Borjug«weife 58afen, bie negatiBern unb bie SSetalloibe Säuren. Sieben SBerjeliu« if Bor« jüglich S. ©metin al« 33ertf)eibiger biefer S£f>corie 511 nennen, bie neuerbing« Bielfache unb gegrünbete Ginwenbungen erfahren hat. Gin Seitenfitcf-jur Gleftrod)emie if bie chentiphe 6 leftricität«theorie Bon be Sarioe u. Sl., welche umgefehrt ben chcmifcfjen ^)rocef at« bie Ur« fache aller galoanifchen Sihätigfcit anfeht. (S. @aloani«mu«.) ©leftrontafnefiömuö, 3 m 3. 1820 beobachtete Drfeb(f. b.) juerf, baf ein burd) einen Schliefung«brat>t fch bewegenber eleftrifcher Strom bie gähigfeit habe, eine in ber Slähe befnbliche SKagnetnabel abjulcnfen. Sie« war ber Stnfang einer SReihe ßnt« bedungen, an welchen befonber« 91 m p er e (f. b.),91 r a g 0 (f. b.), gar a b a 9 (f. b.), S 4 We ig« g er (f. b.) 3ih c ^ genommen haben, unb beren Hauptinhalt etwa folgenber if: 3 «ber eleftri« fcf>e Strom, er fei nun burd) ©alBani«mu«, 3leibung«e(eftricität, Slotation, ungleiche Gr» Wärmung, ben fl)ierifchen f3rocef eleftrifcher gifefje (f. b.) ober felbf erf burct> SHagncti«* mu« erregt, Bereit fch felbf al« einSJlagnct, befcn^ole aber eine jur Dichtung be«Sfrom« rechtwinfligc 39id)fung haben. Stellt man baljer eine afatifchc, b.h-Bon ber Cinwirfung bt« Grbmagneti«mu« befreite, SJfagnetnabel (f. Sfagneti«mu«) über einen foldjen Sei» tung«brahf, fo nimmt fe eine Stellung an, bie redfwinflig ju ber be« Sraft« if, unb jwar fo, baf man, in ber Sfidfung be« Strom« fefjenb, ben Slorbpot recht« hat. Sie burch einen (SfcfttomagnetiömuS 657 Strom erzeugte Sthweidjung ber 3Jiagnefnabel »on ber normalen Stiftung ifi ber Starte biefe« Strom« proportional, unb barauf berufen bic gewöhnlichen ©aloanometer. Segt man niedre £eitung«bräbte mit paralleler Strom«ricbtung nebeneinanber, fo abbirf fiel) ibre2Bü> fung, unb man fann bal>er bie SBirfung eine« Strom« »ielfacb multipliciren, wenn man ben £eitung«brabt in »ielen fpiralförmigen äBinbungen, welche untereinanber, 5. 95. burd) Über» fpinnen be« Stabt« mit Seibe, ifolirt ftnb, um bie fSRagnetnabel berumgeben läft. Sarauf beruht ba« empfinblicbfie Snfrrument zur Skeffung fel>r fcfywadjer elef trifeber Strömungen, ber S9iultiplicator oon Scbwetgger. ^ängt man eine folcE>e Srabtfptrale, burch welche ein Strom gebt, frei an einem doconfaben auf, fo ftellt fte (ich, wie ein SERagnef, in bie ^Richtung » 011 9iorb nacf> Süb. £äff man einen Strom in fpiralförmigen SBinbungcn um einen Stab »on weichem, unntagnetifchem difen geben, fo wirb auf bie Sauer be« Strom« ba« difen felbfi ju einem 9Jtagneten (9lrago unb garabap), beffen ^olftcllitng »on ber Strom«rid)= fung abbängt unb beffen Stärfe tbeil« ben Simenjtonen be« difenfiab«, tbcil« ber Stärfe be« Strom« proportional ifi. (S. © a l» a n i« m u «.) Stuf legtere Siet fann man Sftagnete »on auferorbentlidber Stärfe erzeugen unb biefe wieber benugen, um febr fiarfc Streichmag» nefe barjufieEen. Sa bie Stellung ber ^3o(e eine« dleftromagneten »on ber Stiftung be« Strom« abbängf, fo bat man, wenn man jtch eine« fogenannten ®protrop«(dommu= tator«, Stromwenber«), b.b- einer 93orrtd)tung, welche bie 9Jid;tung be« Strom« im Staate beliebig umfebren fann, bebienf, barin ein Sftiftel, bie ^otfrellung be« dleftro* magnefen ju »eränbern. Solche ©protrope haben 9lmpere, ©auf, Steinbeil unb Sacobi an» gegeben, hierauf beruht bie 9lnwenbung eleftrifcber Ströme jur X e l e g r a p b i e (f. b.), in» bem man eine SRagnctnabel Durch 3lbänberung ber Strom«ricbtung beliebig nach recht« unb linf« au«fcblagen taffen fann; ferner bie »on Steinbeil »orgcfcblagene SJtetbobc, Uhren in einem weiten Umfreife nach einer einigen ju reguliren, unb cnblicl) bie SOfögltcf)feit, ben dleftromagneti«mu« al« Sföafchinenfraft anjuwenben. Stile folrfjc Skafcbincn beruhen int äBefentlichen barauf, baf man ein Spfient beweglicher SRagnetfiäbe einem Spjiem unbe» wegticber SÖtagneten gegenüberfiellt; alle biefe 5Jtagnetcn ftnb dleftromagneten, unb man fann baber bie Sage ihrer $)ole burch ba« Spiel be« dommutator« abänbern unb babureb eine folct>e Slbwecbfctung jwifeben 9lnjiel)ung unb 2lbflofuttg ber beweglichen fJRagneten bureb bie unbeweglichen ber»orbringen, baf babureb eine fortgebenbe rotirenbe 93ewegung ber erfiern in bemfelben Sinne entfiebf. Sie drörterung ber 95ebingungen, »on benen bie Kraft» äuferung fold^er 59lafd)tnen abbängt, »erbanfen wir Sacobt in ^Petersburg. Sa bie Kraft eine« eleftrifcben Strom« felbfi feiner unenbticben Steigerung fähig ifi, fo ftnb e« natürlich auch feine SBirfungen nicht, «für jebe gegebene 2lrt ber Stromerzeugung gibt e« eine ©renje, über welche binau« ba« SSerbältnif ber SBiberfiänbe fo ungünfiig wirb, baf bie Steigerung ber .Kraft in feinem SScrbältniffe mehr ju ber crfoberlidjen fBermebrung unb 23ergröferung ber Apparate fleht- Sa ferner bie »ergebenen SSirfungen beffclben Strom« unter ftcb proportional ftnb, fo wirb bei ülnwetibung naffer gal»aiüfcber95attericn für jebe magnetifd)e SBirfung eine entfpredbenbe djemifebe nicht ju umgeben fein, unb e« zeigt ftcb bann, baf felbfi innerhalb ber erreichten ©renzeit ber Kraft bie babureb »erattläfte donfunttion an 3inf bie eteftromagnetifebe Kraft tbeurer mad)t al« -ßanbarbeit ober Sampffraft. Sie« ftnb bie ©rünbe, warum bie SSerfuc^e »on Sacobi, SBagner in granffurt am SDlain, bem »on ber Seuffcben 93unbe«»erfammlung 1840 eine 95clobnung »on 100000 gl. jugefidE>ert würbe, wenn er eine bieSocomotiöe erfegenbe eleftromagnetifcbeSDiafcfjine berfielle, S.töi)tet (f.b.) in Leipzig, unb früher »on Stratingb, Saüenport, 95auer u. 91. nicht ju einer Kraftent» widelung über eine gewiffe ©renze biuau« unb auch ju biefer nicht auf eine cntfprecbenb billige SfBeife führen, alfo feine«weg« bie SHufionen, welche man ftcb gewacht batte, realifiren fonnten. Siefe 93erfucbe haben inbef wenigfien« bie mecbanifdje 9tu«fübrbarfeit ber 9lp= parate gezeigt unb bie gorm ber 9Jiafd)inen unbbefonbet« bie dinrtebtung ber dommutatoren fo weit »eroollfommnet, baf ihnen ein bauernber fZSertb nidjt abjufpreeben ifi. d« fontntt nun zunäcbfi barauf an, SRetboben ber Stromerzeugung aufzufnibcn, welche bie befien ber frühem wenigfien« ebenfo »eit übertreffen, al« bie Seiftung ber ältern 9lpparate burch bie ginffoblebafterie »on 93unfen (f. @al»ani«mu«) übettrojfen worben ifi} 9Jletb)ober 6on».sSer. SKeunte tfttfl, IV. 42 658 dlefftomefeow felefttoyjjor aber, metdje jugteicb eine billigere Jjjerffeltutig ber Kraft boffen'foffen. Uifoinbet ^at, betrachten mir bie Sortfcbrifte, metcbe in biefer Schiebung in ben testen ;ct>n Ssäbren gemacht ftnb, ■ fo fönnen mir faum crrtfllitJ) an ber einzigen Grrcicbung bicfeö 3iel« jmeifeln. 3»at bat bie aug Gttingbaufen, Sdfubartb unb Steinbeil befiebcnbe Gommiffton bie neuefte 9Jia- fcfjine »on SSagner noch nicht geprüft, bocb läft ficb »oraugfe&en, baf fte, fo »erbienfttid) fie an ftcb ifi, bag urfprüngticb geflecfte 3 a g e l (f. b.) enttaben. 2Bat)r- fcbeiniid) eieftrifdjer Statur ftnb auch bie fogenannten SBafferbofett (f. b.) unb Sonb- ijofcn, fomiebag fogenannte Gtmgfeuer (f. b.), Gg ift aber gar fein3meifel narben SSerfudjett »on Sauffure, Scbübler u. 9t., bajj in bet 9ttmofpbäre auch bei bem beiterfien Stimmet freie Gteftricität unb jmar pofttioe »orbanben ift, beren Spannung in ben SJiittagg- ftunben, bei Sicheln u. f. m. mäcbfi. 3Jlan bat ftcb über bie duelte ber atmofpbärifcben Gteftri» citat »ietfacb in $ppotbefen erfd)öpft. Seitbent aber nacbgemiefen ift, baf ftcb bei ber lebhaften 23erbantpfung »ott SBaffer Gteftricität entmidett, b. b- ber SBafferbantpf pofttt», ba$ ©cfäfi negati» mirb, fc^eint man faum jmeifetn gu föntten, baf bie atntofpbärifdbe Gleftrici- tat bie Sotge ber auf unb über ber Grboberfläcbe fiefg »or ftcb gebettben 23erbuttflungen uttb Gonbenfationeit »on SBaffer ift, unb bag Steigen ber Spannung gegen SRittag, bie 83er- mebrung ber ©emitterregen gleichseitig mit ben S3tifett, bie eteftrifcbe Statur beg^tagelg fprecben fämmtlicb für biefe 9tnjicbf. Gg ift bemttacb bie Gteftricität nicht Urfacbe fetter Gr- fcbeinungen, fonbern fte mirb erft frei itt ffotge ber atmofpbärifcben SSerbunffungg- unb Gott- benfationgproceffe. ©Icffromcfct nennt man Snftrumenfe, melcbe baju bienen, bie Gpiftenj freier, alfo rubenber ober gefpattttfer, nicht firöitienber Gteftricität (f. b.) nacbsumeifen, nacbS3e* finben auch ben ©rab ihrer Spannung ju meffen. Kommt eg btog barauf an, bie Griffen} »on Gteftricität überhaupt naebjumeifen, fo genügen baju jmei leichte Körper (Strohhalme nach 23otta, ©olbbtäftcben nach S3ennet), benettman burd) eine metattene Raffung bie Gteftricität mittbeitt, morauf fte ftcb, alg gleichnamig eteftrifcb, abftofen ntüffen. Säft man einen bemcglicben Körper auf gleiche 9trt »on einem fefffiebenben abftofen, fo fann man ben ©rab ber 9lbffofung unb fontif auch ben ©rab ber Spannung burcb einen ©rabbogeit meffen (Dluabrantencteftrometer »ott ^)en(p). Gteftrifirt matt enblid) ein ©olbblättchett, roel« d)eg bcmegtich smifebett jmei statten aufgehangen ift, bie mit ben enfgegengefeften fPoten troefetter 3amboni’fd)er Säulen (f. ©at» anigmug) »erbunben, alfo mit entgegengeft&ter Gteftricität gelabett ftnb, fo mirb bag SBtäftchen »on jenem $)ote angejogen, ber ber ntifge- tfjeilten Gteftricität entgegengefefjt ift, unb man befiimmt baburch jugteich bie 9(rt ber freien Gteftricität (S3of>nenberger'ö GleEfrontcfer). Sotten fel)r fchmache ©rabe »on Gteftricität nacbgemiefen merben, fo muf man bie Raffung beg ©olbbtättcbeng mit einem Gon ben- fator (f. b.) »etbinben. 83on bem Gteffrometer unterfcheibetftcb bag Gleftroffop baburch, baf? Gteftricität btog ttadjmeifl, nicht miff. ©leffröpbot, b. h- Gteftricitätgfräger,ifi ein Snfirument, metcheg auf ber eleftrifcben 93ertbeitung (f. Gteftricität) beruht, »on SSitfe erfunben, »on SSolta 1775 »erbeffert mürbe unb baju bient, mät)renb langer Seit ohne »eitere 23orbereitung fteine Gleftricitätg- mengen in gefpattntem Suftanbe ju liefern. Gr befielt aug einem buchen »on äpat}, am heften aug Kolophonium mit efmag Schettacf unb SEerpentbtn jufammengefchmotjen, ber in einer metallenen ober auch nur mit Silberpapier ober Sfaniot überjogenen Raffung liegt, unb auf melden ein gteid)fattg teitenber, an feibenen Schnüren hängenber ®een an feiner Sberflädje eteftrifd) ift, mai er bei ttocEetter Suft Monate lang bleibt, wieberl)olt ftd) biefe S8ertl)dlungimirfung bei jebem 3luffe|en unb 2lbf)cben bei ®edeli. Man benupte bal)er fonfi Gleftrophore ju Gntjünbung bei SEBafferfiofgafei in ©aifeuerjeugen. ©eit Gntbedung ber äßitfung bei$Mattnfchwantmi ift jebod) biefe 2lrt geuerjeuge auf er ©ebrauch gefommen. (SlefttljOlt, Äönig öon Mpfeitä, 23ater ber 21lfm ene (f. b.), mar ber ©ot>n bei ^Jerfeui unb ber 2lnbromeba. (©. 21 m p f) i f r u o.) ©lemenfargeiflet mürben nad) bem ©tauben bei 23otfi im Mittelalter bie ©elfter genannt, meldje ben öier bamali angenommenen (Elementen oorftanben unb in ihnen lebten unb (>crrfrf)ten. ®ie Glementargeifter bei geueri tjiefen ©alamanber (f. b.), bie bei SBafferi Unbincn (f. b.), bie ber Suff ©plphett (f.b.) unb bic berGrbe ©nomen (f.b.). ©ie pflegen Umgang mit ben Menfdjen, neden fte gern, tf)un if>ncn aber in ber Siegel nur ©utei, unb bloi menn fte gereijf merben, fc^aben fte ihnen. 23on ben ©efpenftern (f. b.), ben rüiffeljrenben ©eiftern einei oorpin lebenben menfd)!td)en SBefetti, itnferfcfyeiben fiel) bie Glementargeifter baburd), baf fte für ftd) befletjenbe, förderliche Grfdjdnungen ftnb. @temeutarutttcmcf»t bejeidjuet eigentlid) ben crfteti Unterricht in jebem gadje, met= d)er Slnfangern, bie nod) feine SBorfcnntniffe beftpeit, ertfjeilt mirb; gemöljnltd) aber oerftefjt matt barunter entmeber ben 23olfifc^u(unterrid)t überhaupt, ober benjenigen Unterricht, mcl= 4er ei mit ben 2lnfcingen allei menfd)lid)cn SBiffeni, folglich auch allei ©chulunterrid)ti ju 4un hat. Mit Siecht mirb in ber neucfteti Seit bie lepte S5ebeutung bei SBorti mehr unb mef)r oort)errfd>enb, ba ber 23olfifd)ulunterrid)t auf feinen l)öl)ern ©tufen bod) einen anbern Gtjarafter erl>alten foll, ali ber bei bloßen Glementarunterricf)fi. ®iefer befd)äftigt ftd) in ber engffen SSebeutung bei SSorti mit ben 2lnfangigrünbett bei Sefeni, ©d£>reibeni, Steel)* neni, mit bem fogenannten 2lnfd)auungiuntcrrid)te unb ben EBorübungen für ben eigentli» chen Sieligioniunterridjf, fällt im 2lllgemeincn in ben Seitraum t>om fünften bii jum neun* ten ober zehnten Sebenijapre, ift im ©runbe für 25olfi=, 23ürger=, Siealfdjulen unb ©prnna* ften, mie für jebei ©efchledjt berfelbe, unb mirb tljeiti in befonbern für ftd) bejleljenben Gle= mentarfc^ulen, momit auch nod) jept nid)f feiten bie SSolfifcfjulen ober ^dmairfdjulen bezeichnet merben, ober nur in einzelnen, integrirenbe S3eftanbtf)cile öon ©d)ulen auimad)en= ben ©taffen, ober enblid), mie bei ben meiften 5Bolfifcf)uien, melchc nur einen Seljrer haben, in einer befonbern, eine eigene Glaffe bilbenbett 2lbtf)eilung erteilt. ®et Sehrgang für ben Glemenfarunterridjf hat feine befonbere Gigentl)ümtid)feiten, ba er, mie bei jebem anbern Unterrichte, halb analptifd), halb fpnthetifcf) fein ntuf; bie für ben Glementarunterricht geeignetfien Set)rforinen aber ftnb bai 23orfpred)eu unb 3tachfpred)en, theili cinjeln, tf)eili im Gtjore, bai SBorjeigen unb 2Sormad)en, bai einfad)C, mefjr fofratifdje ©efprärf). 2lnfd)au= liebfeit ift eine mefentlicfye ßigcnfdjaft einei guten Glemcntarunterricfyti. ®a ber Glemen= tarunterrid)t bie ©runblage jebei nad)folgenben Unterrichts ift, fo leud)tet feine 2Bid)tigfeif unb bie einei guten Glementatlebreri, moju eine eigenthümlidje, nid)t jebem guten Seljrer jufommenbe ®iipofttion gehört, oon felbfi ein. ©lentenfe, ©runbftoffe ober Urftoffe hdpen, abgefehenbon ber ftopifdjeu Se= beutung ber SBorte, in ber man baruntcr bie 2lnfangigrünbe j. S5. einer SBiffenfdjaft »cr= ftef)t, bie einfa^en S3eftanbtl)eile ber Äörper, bie feiner meitern Sedcäung nteljr fähig ftnb. ®ie älteflen griech- 9laturpl)ilofophcn nahmen halb ein, halb mehre Glemente an, meld)e fte für bie S5eftanbtheile aller ®inge hielten, unb liefen aui ihnen aEe übrige Grfd)cinungen herborgehen, unb jmar entmeber burd) SSeränberung bei einen Glementi, ober burd) 23erbin= bung unb Trennung rnehrer Glemente. EBorjugimeife nahm man oier Glemente an, ttäm= lid) getier, SBaffer, Suft unb Grbe. S5ai aber bie Sitten Glemente nannten, ftintmf mit ben gegenwärtigen ^Begriffen baöott nicht mehr überein) jene bejeichneten bamif bloi bie »ier oerfchiebenen gönnen, unter betien bie Materie etfd)einen fann, ben fogenannten unwägba* ßßö ©fetttenfe ren ober tntponbetabeln Sufianb, in welchem ßidt»t unb äBärnte erfcheitmt, bat tropfbaren, ben luftförmigen unb ben feficn, wäf)renb man gegenwärtig ben SBegrtff Glemente auf bie einfachen SJefianbtheile ber Materie unter jeber beliebigen gorrn bejietjt unb hiernach webet Sßaffer, nod) ßuft, nod) Gebe mehr für Glemente anfeijen fann, ba fte ftcl) fänimflid) nocf) in einfachere SBefianbttjetle jerlegcn unb aus it)nen wieber zufamntenfeßen laffen, unb man felbft bal puer al^ eine SSerbinbung »on ßid>t unb ÜBärrne [ich »orfiellcn fann. Sic neuere GbC‘ miehatgefunben, baß, abgefel)en»on ben fogenannten unwägbaren (Elementen, Sid)t, SBätnte, Gleftricifät unb Magtietilutus, welche $ur wägbaren Maffe ber dförper nichts beitragen, alle irbifdje äförper aul ber SSerbinbttng »on 56 einfachen Glementen befielen. Uber bie allgemeine Gintf)etlung ber Glemente in mctaEifche unb nid)tmetallifd)e f. Ghem* c - ®eü 1800 finb »on ben befannten Glementeii bal 3ob, 33rom, giluor, ®elen, 33or, Äiefcl ifalium, Siatrium, Sifhiunt, 33art)um, Galciunt, Strontium, Aluminium, Magneftüm, Yttrium, Scrtjllittm, jfirfonium, £ 1)0 ritt trt, Mangan, Ger, Santljan, Sibgm, ^)aEabtum, Sribium, 9tl)obiuni, Dlmium, Gabmiunt, SSanabin unb Tantal entbeeft worben, unb aud) bie GnfbecEung bei SBafferfioffl, Sauerfioffl unb SticEfiop, bei SBolframl, Molpbbänl, GhromS, 3ntanl, Uran! unb SJTellutö fällt noch in bie tcßfbn 25 3al)rc bei öor > 9 en 3ah r * hunbertS. SSon nichtmetallifchen Glemcnten fomnten am häufigften »or: Sauerfioff, SBaf ferfioff, Äohlenfioff, SttcEfioff, Schwefel unb Silicium; benn Sauerfioff mit SEBafferftoff hübet bal äBaffer, Sauerfioff mit Sticffioff bie uni umgebenbe ßuft, Äohlenfioff in 5öer* binbung mit Sauerfioff, SESajfcrfioff unb Sticffioff unb einer fleinen Menge »on ^holphor, Schwefel unb Metallen alle pflanjlichett unb thierifchen Äötper; Silicium enblicb unb Schwefel tn SSerbinbttng mit Sauerfioff bie Äiefelcrbc unb Schwefelfäure, welche in bet Slfd>e unb in unzähligen Steinen unb Geben ftd) »orftnben. 2$on metallifchen Glententctt ftnben ftch am häitfigflen: bas Äaiiuiu, Slatrium, Galcium, Magnefiunt, Gifen, inbem bie fünf erfiett, in 23erbinbung mit Sauerfioff. .Kali, Siatron, .Ralf, Magnefta unb $h onet ^ e barfieKen, bie nicht nur im Mineralreiche fehr »erbreitet finb, foitbern auch bauptfächlid) bie Slfche ber thierifchen unb pflanzlichen Körper bilben. Ginige Glemente fontmen in ber 5ia= tur zuweilen in reinem ßufianbe »or, fo namentlich ber Schwefel unb ber -Kot)letifioff (alt Siamant), auch manche gebiegene Metalle; in ber Siegel aber trip man fte nur $u zwei ober mehren mifeinanber »erbitnben unb muß fte burch chemifche Mittel trennen, um fte in reinem Sufianbe ju erhalten. 3n ber Matf)ematif, unb zwar in ber höhern ©eontetrie, finb Glemente gleid)bebeu= tenb mit unenblich Weinen ©roßen ober mit ben fogenannten Sifferentialien. Man fiellt ftd) bie Sinien all aul unenblich Sielen unb unenblid) fleinen, fietig ancinanber gefügten fiinieti »or unb bie lebten heißen bie Glemente ber erfien. Gbenfo befielen bie flächen unb .fförpet aul unenblich fleinen flächen unb .Körpern, bie ihre Glemente ftnb. 3n ber Sljironomie enb> lieh bezeichnet man burch G l e m e n t e biejenigen Gigenfdjaften ber SSaßnen ber fJMancten unb .Kometen, woburch fte'ftch untereinanber wefentlich unterfcheibcn, fobaji man $.33. bie .Rome ten bei ihrer SBieberfeßr baran erfennen fann, Was burcf) ihre äußere Giefialt, bie felbfi »er- änberlid) ifi, nicht möglich wäre. Sie Slfirononten hüben fTd) baher »on jeher bemüht, biefc Glemente mit ©enauigfeit ju befiimmen. Siefer Glemente ftnb fed)l: I) bic Steigung bet Gbene ber 33ahn gegen bie Gfliptif; 2) bie Sänge bei (auffreigenben) Jtnotenö ober ber S33itt= fei ber SurchfchnittSlinie ber S3al)n unb ber Gfliptif mit ber Sinic bet Siaditgleichcn; 3) bie Sänge beö ^3eriheliumö ober, was baplbe ifl, ber SSinfel ber auf bic Gfliptif projicirtett gro< fen 3ld)fe berSSahn mit berSinie ber Stachfgleichen; 4) bie ©röfe ber großen Slchfe bet 33ahn; 5) bie Gpcenfricität ber SSafjn ober bic Gntfernung ber S3rennpunfte »on bem Mit telpunfte, in Sütieiten ber halben großen Slchfe auSgebrücft, unb 6) bie Gpoche ober ber Dtt beö Planeten in feiner 33ahn für itgenb eine gegebene jfrit. lltoch ifi bie Umlauföteit übrig, aüein biefe befiimmt ftd) aud bem »ierten Glemente burch baS fogenannte brittc ©efeß -Äcr* ler’ö, nad) welchem bic Sluabrate ber Umlauföjeiten ftch wie bie britten Potenzen ober 3Öttt= fei ber großen Stchfen »erhalten, fobaß, wenn bie legten befannt ftnb, auch bie erfien all gege* ben angcfeljen werben föttnen. Gl ifi bie Slufgabe ber Sljironomen, aul ben bloßen S3eobacb- tungen einel Planeten ober ätometen »on berGrbe aul btefefechl Glemente abjuleiten. Siefe Aufgabe ifi fchwer, felbfi bann, wenn man, wie bei ben Äometen gewöhnlich, bie S3al)n ald ■ eine in b an gut bere eilif lanc näß ber I fo« unb niet int «Pre : in I Gpi gibt tritt ! f*tt fiitr $en unb i m ; fein ' Suft Sch i wiei mit auf auf ; bol, 1 ßenc ebel Sltt: befi Sch ftnb , mit Got fob ber im : übe ben ber gen dpä glei orb Är, lett ©lernt ©lepfjantiaftS 661 eine Parabel »orau«fe|f, in »eitlem Satte ba« »ierte jener ©lemenfe unbeachtet bleibt, Weil in ber Parabel bie große 3ld)fe unenblid) groß ip, alfo als befannt angefehen werben fanrt, an bie ©fette be« fünften aber ber 3lbpanb be« fPerihelium« »on bem S3rennpunfte tritt giir biefe pataboltfd)e Stufgabe, Die ÜteWton problema perquam dificillimwn nennt, hat Dl* > ber« bie bejte 3luflöfung gegeben. die allgemeine Sluflöfung unter ber 58orau«fe$ung einer i elliptiphen 33gf)n haben ©uler, gaplace, ßagtange u. 31. wieberholf »erpicht, bi« e« Saugte* ■ lang, jte auf eine SBeife aufjulöfen, bie für diejenigen, welche ber Statur biefer Slufgabe i näher famen, nicht« mehr ju wünphen übrig läßt. i ©lernt ober 61 enthier, ein ^>irfch »on ©röße unb fafi »on ©epatt eine« $)ferbe«, e ber hochbeiniger al« feine SSermanbten im männlichen begimmbarc 3llter be« Sempel«, beffen ©rünbung in eine Seit fallen mag, wo ber ^ ©chiwacultu« noch ber herrfchenbe unb ber be« äBifchnu wenig »erbreifet war. ©egenwärtig f ‘ pnb biefe.@rotten eine äBoljnung für 5Thie»c^ welche hier Fühlung fuchen; ber Sußboben ifl l! , mit hineingefpültem ©chlamm unb mit ©taub bebedt. ; ©lephatttiäftö ip ber Siame zweier ifranfheiten, bie mit anbern Sormcn unter bem £t ©ottectiönamen 31 u«fa| (f. b.) aufgeführf werben, die ,ttran!l)eit, welche bie gried). Sitjfe '! : 1 fo benannt haben, ip ber fnottige 3lu«fa| (Lepra nodosa) unb bezeichnet eine Sßeränberung llt ber ^>aut, bei welcher fnottige 33eulen auf berfelben entpehen, bie pd) nach unb nach of f er P °‘ im Verlauf »on mehren Sahren über ben ganjen Körper »erbreiten, unb enblicE) in ©ephwüre ft übergehen, weldie eine blutige, efelbafte Sauche abfonbern, immer weiter um pd) greifen unb I ben Körper fo jerftören, baß einjelne ©lieber ftdf> gänzlich ablöfen , bi« ber äfranfe enblich rt ber ©ntfräftung unterliegt, die anbere Äranff)ett, »on bsn arab. Slrjten ©lephantiafi« 8' genannt, ip eine ©ntartitng ber öbaut, bie ftch mehr auf einen einzelnen Zfyeü, befonber« bie i 5 ' | ^»änbe ober bie Süße, befdjränft unb nicht 33eulen, wie jene, fonbern eine mehr »erbreitefe ir ' gleichmäßige 3lnfchwettung herbeiführt unb ben befallenen Xtyil julcfst auf eine fo außer* orbentliche 3lrt entpettf, baß er ba« 3tu«fel)en eine« ©lefantenfuße« befommt. 3luch biefe , .Rranfheit h«t bi« jeßt alter Äunphülfe 2ro| geboten, obgleich bie Jfranfen oft bei übrigen« ’jj leiblichem SBepnbcn viele Satjre ein fo entartete« ©lieb mit geh herumtragen. S3eibe U6el 662 ©lejiljatttttte ©IettffS ftnb Befonberb in füblitfjert Säubern, in 'Ägypten, Arabien, Oft- unb SBefttnbien einheintifdj. Seltener fontmen fte in ©uropa rot, nur im SVittelalter in ben Seiten ber .Sfreujjüge fam ber fnollige Slubfaf and) nach Vlitteleuropa, mo er furchtbare Verheerungen anrichtete. C£Iep$a.}tttne ift ein« fruchtbare jjnfel im Vit nahe bei ^h* ( a an bcr ©renje jwifchcn ägtjpten unb Äthiopien unb nicht ju »ermechfeln mit 6t eph ante (f. b.). Stuf bent füböfl* liehen 6nbe berfetben tag bie gleichnamige Stabt, im Sllterthunt berühmt alb Stapelplafs für ben ätt>iopifen .panbet, wie burch einen Sempel beb Änuphib, einen Vilmeffer unb einen Srunnen, welcher bie Sommerfonnenwenbe anjeigfe. Unter ben mieten Srüntmetn ägtjpt., grieef)., röm. unb arab. Sauwerfe haben (ich jwei merfwürbige Sempel in ägppt. Stil erhalten, bie jeboef) »ielleicht erfi au« ber Seit ber Ptolemäer (iammen. ©leppHOt, ber Sohn beb ©fjalfobon, Slbanterfitrfl in ©uböa, mar einer ber freier 1 ber Helena unb muffe alb fotcher mit gegen Sroja sieben, mohin er bie Slbanten auf 40 Schiffen führte, unb mo er nach $o»ner fiet. Vach Spfopfjron fehrte er »on Sroja jurütf, begab fief) auf bie Snfel Drtf)ronob, mürbe aber »on ba burdj einen brachen oertrieben unb ging nach Slmantia. ®IeujtÖ, eine nicht unbebeutenbe Stabt in Slttif a, auf ber Äüfte beb Saronifchcn Vteer- bufenb, norbmefttich »onSlthen, ber jefige Ort S eöfina, mar im Sllterthume befonberb bc- rühmt megen beb geheimen ©ottebbienfleb ber Sereb unb ^roferpina, ben man nach bent Vamen bebOrteb bie ©leufinifchett Vtpfferien ober ©cheimniffc nannte. Sie mären bie älfefien unb ehrmürbigfien in ©ried)enlanb unb urfprüngtich mol nur ein Vational- unb ©rntefeff, ber ©ereb für bie »erlichenen grüchte ju banfen, beb »origen Sufiattbeb ju ge- benfen unb beb gegenmärtigen (ich S u «freuen, alle $einbfchaften aufjuheben, »ielleicht auch neue ©efefe unb Unternehmungen gemeinfchaftlich $u »erabreben. Somol ber Stifter alb bie Seit ber Stiftung finb unb unbefannt. 2Bic frdb) aub biefen rohen Spielen unb geierlid)- i feiten bie mähren SVpfierien gebilbet haben, barüber fehlt eb ebenfalls an beftimmfen Slttga». \ ben. Der Ort, mo fte gefeiert mürben, mar ber »om Saumeifier Sftineb erbaute Sctebtem- ' pel }u 6., in einem mit einer 5Vauer umfchloffenen Vaunte. Uber bie SRpfierien felbft, bie man in bie gtofen unb fleinen theilte, mirb im SEBefentlichen übereinjlimmenb bei ben Sitten j golgenbeb berichtet: Sllb .perculeb nach Althen fam, um (ich in bie Vtpflerien einmeihen $u i laffen, burfte noch fein frember ©riecht jugelaffen merben. Um aber ben ebenfo gefürchteten alb »erehrten .perob nicht ju beleibigen unb hoch bie alten ©efefe nicht ju »erleben, fegte man bie fleinen Vfpfierien ein, mit benen er ft begnügen mufte. Diefe bienten fpä'ter alb Vor- . Bereifung $u ben grofen; $u jenen aber bereitete man (ich burch allerlei Slnbachtbübungen, i heilige ©ebräud)e unb fymbolifche .panblungen »or, bereit Swccf mar, bie Ginjuweihenbcn menigftenb auf eine Seit lang »on ber SBelt, ihren ©efehäften unb greuben abjujiehen, um einen »orjüglidjen ©rab »on Sinnebänberung, Slnbadjt unb Sehnfud)t nach ben ju hoffen- ben Offenbarungen in ihnen ju erweefen. Diefe Veinigungbseit bauerte ein Saht, unb Vte- manb burfte bei Sobebfirafe ungereinigt an ben fVpffcrten S^eil nehmen. Sie ©inweihuns) gefdhah jur Vachtjeit, bie ©in$uweil)enben hatten bie Jpäupter mit Vierten umfränst uni) muften beim ©intritt ihre p)änbe mit gemeihtem SBaffer mafchen; auch würbe allen öffent- ■ lieh »erfünbigt, baf fte ftch ben ©eheimniffen nur mit reinen .pänben, reiner Seele unb reiner , griech- SRunbart n ; '£)ern folltcn. Die freier ber SVpfierien ftng mit bem 15. Sage beb 9Ro- natb Srobromion an unb bauerte neun Sage. Sie befianb hauptfächlid) in mpfiifchen Vor- fiellungen ber ©efchtchfe ber ©ereb unb ^roferpina, ber Qualen beb Sartarub unb ber $reu< ben ©Ipftumb, weldje auf eine Scgeifierung etmeefenbe SBetfe bargeftellt mürben, unb beren 3mecf mol fein anberer mar alb burch bilbli^e Darfiellung über ben Volfbglauben erhabene Veligionbbegriffe, namentlich bie Unflerblirfjfeit ber Seele, bie Strafen ber Söfett unb bab ©lüd ber Sugenbhaften nach biefem Beben, unter bem Volfe felbfi ju »erbreiten. ®ie 6in- gemeihten flanben unter ber ©öfter befonberm Schu§, unb fte allein maren ber greuben beb fünftigen Sebenb gemif. ©anj öerfchieben »on biefen fleinen maren bie großen SKpflerien, ) melclje bie geheimen Sehren enthielten, bie ber .pauptjwecf ber ganzen Slnfialt waren unb im Snnerfien beb -petligthumd »on bem piierophant (f.b.) nur SBenigen mitgetheilt würben. Sh^e ©eheimhaltung war bei ben fürchterlich (len Strafen geboten. Sludh unbSob traf Den, ber bab Schweigen brad). Vicht unwal)rfd)einlid) ifl eb, baf biefe Sehren bafjin abjwedten, ©leuatioit ©ffenktit 6ß3 ' bie SBolfereligion unb bie SERgtßen berfetfeen ju erftären unb ißrem wahren ©e^altc nacß bar* jußellcn. 23gl. Duwaroff, „Essai sur les mysteres d’Eleusis" (3. Stitfl, ^)ar. 1816), unb greller, „®emetct unb fPetfepßone" (.&amb. 1 S37). ©letoation ßeißt in ber Slrtillerie bic einem SZBurfgefcßüg gegebene .fyößenricßtung, Woju man ßcß beS Sluabranten bebtenf. S3ei ^»aubi^en beträgt bie fleinße übliche ©teBation 1 ”, bie größte 20 °— 22 "; beiSRörfern fann man ißret meeßanifeßenßinrießtung wegen feine fleinere ©leBation als 30° nehmen, bie größte befragt 75°. 5Racß ber £ßeorie gibt bie S(e»a= tion Bon 45" bei einerlei Sabung bie größte SBurfweife. ®urdß eine gefd^icCte Kombination »on ©leoation unb Sabung iß eS bem Slrfillerißen möglicß, bic ©ranate ober S3ombe, je naß)» bem ber eS fobert, an baS Biel ju bringen. S3ei äfanonen wirb bie .fjößenrießfung mit’ telS beS Stuffa^eö (Ia hausse) bewirft. S3ei ben ^)aubi§en bebienf man ßcß beS SluffageS nur beim äfartätfcf)=, Sßrapnel- unb 9?ollgranat’geuer, beim SBurffeuer mit ©ranaten aber be> ßänbig beS SQuabranten. ©Ifern 2Bie mastig ber ©laubc an bie fRatur befeelenbe ©eißer gewefen, jeigt ßcß barin, baß ein 3aßrtaufcnb naß; ber SSefeßrung jum Kßrißcntßum fotdtje SBefen noeß fort’ leben im ©lauben ober wenigßenS in ben Siebern beS SSolfä, fo aufSslanb, in ben ffanbina* Bifcßen 9feießen, hrSeutfcßlanb, befonberS aber inSnglanb unb Scßotflanb, wo ßcß mit bem ©ermanifeßen ©alifcßeS Bereint ßat, ja felbß in Srlanb. 9Ran nennt ße Sieblinge, gutes 33olf, -ffolbcßen, ßilleS 23olf ober ftieblicße Seute. Sic ßnb ben SRenfcßen gleicßgebilbet, boeß febr flein unb jart, unb woßnen in bügeln, wo ße gan; nacß SRenfcßenweife leben; in 33' lanb iß ißre 93erfaffung fo genau ber politifeßen SSerfaffung ber 3 nfel naeßgebilbet, baß aueß ißr Dberfönig in 25änemarf feinen Sig ßat; in ßtiglanb unb Scßottlanb ßeßen ße unter einer ©Ifenfönigin. Sie fommen auf bie Dberßäcße ber ©rbe, wo ße, aber gewößnlicß un= ßeßtbar, ißr blaues Sßieß weiben unb bei SRonbfcßein auf bemfRafen ißre Siingtänjc ßalten. Sie lieben bic 9Rußf unb ßnb feßr gefeßieft barin; in ®änemarf ßat man eine eigene Klfcn* weife, bie aber gefaßrlicß ju fpielcn. fiäußg fommt eS in ben SSolfSliebern Bor, baß bießlfen’ toeßter bureß Baubcrfang ben ebeln SRitter ju ßcß loßt. 2Bcr in bie ©ewalt ber ßlfcn gefal= len, muß ßeben Saßre in ißrem ®ienfte bleiben. Sic ßeßlen gern ungetaufte Jfinbcr, ßnb geteilt ben SRenfcßen gefaßrlicß, ißr 2lnßaucß bringt Äranfßeit ober Sob. ©locfengeläutc Berfdßeucßt ße, ba überßaupt bie Trauer um baS geßürjte^eibentßum in ißnen fortlebt. ®ie Sllfcn in berSlfen’ßRptßologie treten nießtfobebeutenbauf. ®ie Sicßtalfen woßnen fern i Born 3rbifcßen in ißrem glänjenben ^»immelSreicße, bic S cß w a r j a l f e n tief unten in fRiß’ ! ßeint. Sie ßnb im 23olfSgtauben mit ben Zwergen (f. b.) Berfcßmoljen, beren 5Rame in ®eutfcßlanb aueß ben ißren Berbrängt ßat. SRit ißnen ßängf aueß feer 31 Ip jufammen, ben ber 3lberglaube in ©eßalt eine« ßäßlicßeti 2ßiereS wäßrenb ber fRacßt ben SRenfcßen als feßwere Saß auf bie Sßruß feßen, unb ißn ängftigen laßt. 5ögl. 3af.©rimm’S ßinlcitung 51 t feiner Übcrfegung ber „Srifcßen ßlfenmärcßen" unb (Rnigßtlep) „SRptßologic ber Jcen unb Cslfen" (beutfeß Bon SBolf, 2 33be., SBeint. 1828). ©ffenbetn nennt man bie langen Spigjäßne, welcße neben bem Sfüffel beS Klefanten ßeßen, gewößnlicß 4—5 1 /» g. lang unb am ©runbe 6 Soll ßarf ßnb. Qs gibt weifeS unb gel= be« Klfenbein, unb aueß erßereS Bergelbt feßr leießt, wenn eS ber Suft atrSgefegf wirb; boeß fann eS buteß bie ©inwirfung ber Sonnenßraßlen wieber gebleicßt werben, ^ften, unb n.v mentlicß Dßinbien, liefert baS beße ©Ifenbein, geringeres 3lßifa. ®ie Änocßen, welcße wir unter bem Stamen 61 f e n b e i n aus anbern ©egenben, namentlicß auS Sibirien crßalfcn, ßnb meiß Säßnc anbercr Sßiere, 5 . 93. beS SBalroffeS, ober gegrabenes ©Ifenbein, beßcßenb ausÜberreßen beS SRammutß unb anberer großen Slßiere. ®urcß 3Serfoßlen beS ©IfenbcinS im Berfcßloßenen fRaume erßältman baS fogenannte gebrannte ©Ifenbetn, welcßeS feßon BonSlpelleS als garbe benugt würbe unb jegt unter bem ßtamen beS Jfölner Scßwarj befamtt iß, aber aueß aus anbern Änocßen bereitet wirb. ®aS in offenen ©efägen calcinirtedlfenbein gibt weißgebranntes ©Ifenbein, baS man jum $)ugen ber Metalle anwenbet. ®ie ©rietßen braueßten baS Glfenbein felbß bisweilen ju foloffalen ©ötterbilbern unb jwar Berbunben mit ©olb. So waren 5 . 83. am olpmpifeßen 3euS beS ß)ßibiaS bie nadften SEßeile Bon ©lfen= bein, ©ewanb unb $aar Bon ©olb. Slucß follen bie ©rieeßen bie .Runß befeffen ßaben, baS ölfenbein ju fpalten unb ju biegen, fobaß eS, naeß Dtfr. SRüßer, möglicß war, glatten Bon 664 ©Iftifce ©lgtit »utb tum ÄiitcarMite 12—20 3oE SSreite ju gewinnen. ERid)tö ber Art f)at ftd) erhalten; nur äfleinigfeiten, voie ! gigürcfjen, Sheatermarfen u. f. w. uitb fogenannte Diptpdja (f. D i p t pd) o n) ftnb auf uns gcfontmen unb noch baju gehören biefclben inSgefammt bcr fpätcften Seit beS rönt. SRei» djes an. 3m SERittelalter blieb baS Glfenbein ein beliebtet SERaterial für fird)lid)en unb pro» fanen Schmucf, $eiligenbilber, SReliquienfaflen, 33ifd)ofSftäbe, Prunfläftdjen u. f. ro. GinsS ber gianjsotifien SSerfe if! baS elfenbeincre SRobell beS Portals ber Jfartfyaufe Bon poifft) umreit ^parig, je|f im SouBre, aus bem 14.3afyrf). 33efonberS feit Albrecf)t Dürer unb SETIU d)el Angelo, bie t>iel in Glfenbein arbeiteten, natjm bie S5ei)anb(ung bic-feS Stoffs einen neuen Auffcfiwung unb biibete im 16.unb 17.3al)rt). einen berreichfienätunffzweige. SReit^ an elfenbeinernen Prachtgefäfj en aller Art ftnb Bor allen bie Sammlung in 9Ründ)en, bie Jtunft» fammer in SBerlin, bie Säle beS Souore in Paris, bie Ambrafer Sammlung in Sßien u. f. >b. Die beliebteren ©egenflänbe ftnb Sagben, ©eilten, 33accl)uS$üge in ber Art beS fRubenS u. f. m. SRit ber SRitte beS 17. 3ahrl). werben biefe Arbeiten jufeljenb faber unb manierirter unb hören hunbert 3al)re fpäfer fafi oöllig auf. (gegenwärtig werben wieber mit öiclem Gtfer, bod) feiten mit eigentlich fünftlerifc^em Sinn unb mehr nur Born Sfanbpunfte beS SuruS aus, befonberS in Paris, Biele Arbeiten in Glfenbein tfyeilS gebredjfelt, tljeilS gefdjnittcn. Sßorjüg* lief) faubere unb feine, wenn auch iüd)t immer gefd)macfBollc Arbeiten liefern bic Gfjinefen. ! Auci) bann man baS Glfenbein burd)Äocf>en in *5arbenbrüt>cn fe£>r fc£)ön unb bauerbjaft färben. : ©Iftibe, bie Sodffer Alfrcb beS ©rofen unb Sd)Wef!er Gbuarb’S I. Bon Gnglapb, | geb. 884, mar an ©tljelreb, ©rafen Bon SRercia, Bcrmäljlt unb nach beffen Sobe 912 Statt» i halterin ber ©raffdjaft. Sie beftegte 917—20 bie Dänen, würbe beSljalb Jt ö n i g Glfribe genannt, fiarb 923 ju Samworth in SBarwicffhire unb ruht ju ©loceflcr an ber Seite if)teS ©ematjlS im ©ebäube beS Bon i£>r bem £>eil. Petrus errichteten äEloflerS. — Glfribe l)tef ■ auch bk Tochter Drbgar’S Bon DeBonfhire, um melche megen beS fRufS ihrer Schönheit ) •ffönig Gbgar Bon Gnglanb burd) feinen $reunb Gtf)elwolf freien lief. Der aber freite fte für fich unb fchilberte fie bem Jtönig als häflid). ERadjbem Gbgar ftd) Bont ©egenttjeil über» | Zeugt, erfchlug er Gthelwolf unb Bermäljlte ftd) mit ber SBitme 964. SERarggraff hat baS in feinem Prauerfpiele „Glfribe" behanbelf. ©Igitt Uttb Pott ÄittcarbittC (SüwutaS ©ruce, ©rafBon), berühmt als eifriger Sammler antifer Äunflmerfe, geb. am 20.3uli 1766, flammte aus einer gamilie, bie ihren Urfprung Bon .ffönig Stöbert 33tuce Verleitet, unb erhielt eine treffliche ßrjiehung unb wiffett», fchaftltche Silbung. fRachbem er feit 1792 als engl, ©efanbter am öfrr. £ofe in ben fRtcber» ianben gemefen mar, ging er 1799 in gleicher Gigenfdjaft nach Äonjlantinopel. SSon bort im folgenbenSahre jurüdberufen, bereifte er@ried)enlanb unb befchäftigte bafelbffauf eigene Äoffen mehre ausgezeichnete Zünftler, barunter geobor 3wanomitfch, mit AuSmeffungen unb 3eichnungcn. Durch fte mürben alle merfmürbige ®en!male ber ffiaufunf! fomol in Slthen felbfi mie in anbern 2h e ii en ©riedjenlanbs genau auSgemeffen, ©runbriffe, Slufrtffe unb Slnjtchten ber einzelnen aufgenommen unb Biele Basreliefs unb architcütonifihe ; 9Rerfmürbigfeifen abgeformt. ®ie ßerftörungSmuth ber dürfen, Bon ber ftd) 6- bei feine'. 3lnmefenheit in Sitten felbfi überzeugte, bemog ihn, fo Biele SüBerfe ber Sculptur als möfi lieh war, aus ©riedjenianb nach ©nglanb z u bringen, um fte Born Untergange zu retten, j Durch Slnfirengungen unb Aufopferungen gelang es ihm, aus ben jcrflörten STempeln in Athen, aus ben neuern SERauern, bie zunt Slheil aus Sruchflüden alter Denfntale zufam mengefeft maren, unb burd) üRadjgrabungen eine foflbarc Sammlung marmorner S3ilb> Werfe, fowie Bon EBafett, SSilbmerfen in Sronje, (Samcen, Sntaglien unb grted). -ERitnjen Zufammenzubrtngen. ERad)bem er bie ©rgebniffe feiner fReife unb gorfd)ungen in bem „Memorandum on the subject of the Earl of Elgin’s poursuits in Greece" (Sonb. 1811; 2 Aufl., 1815; beuffd) unter bem Sütel „6.’S ©rwerbungen in ©riechenlanb", £pj. 1817, befannt gemacht hatte, brachte er feine Sammlung 1814 nach ßnglanb; eins ber Schiffe ( jebod), auf melchem ftch ^tele SaSreliefS befanben, fcheiterte bet ber Snfel Gerigo, unb nur wenige älifien mürben gerettet. Sie Art ber Grmerbuttg biefer Jfoflbarfetfen fanb allerbingS im Parlamente bei ben 23erl)anblungen wegen beS AnfaufS berfelben flrenge Sabler; auch oon EBproti tm „Childe Harold" mürbe @. beShalb heftig angegriffen. Durch Parlaments« oefdjluf würbe inbef bie ganje Sammlung 1816 für 35000 Pf. St. angefauft unb unter ©lia gebt ©liutinatiott 665 bem tarnen j„Elgin marbles" bent ©ritifchen SRufeum ein»erleibt. ®ie »orjüglidhflen @tü Je biefer ©ammlung, meld)e nacf) Ganosa’S Urteil baS Höchfte in bei: ftunfi aus ben Seiten beS ^tjtbiaS unb ^rafiteieS enthält, ftnb bie 2rüntmer »on 11 ©tatuen, melcfje ins« gefammt ÜReifiermcrfe finb, unb mehr als 6OSaSreliefS, fämmtlid) »om ^arti)enon(|.b.') ju Sitten, eine foloffale ©tatue »on bem ®enfmal beS S£f)raf^ltuS, »erfdjiebenc ©ruchftüde »on anbern ©ebäuben in Sitten, eine Stenge ©afen unb eine reiche ©ammlung Snfdjriften aller Slrt. Slbgüffe ber Glgin’fd)en SJlarmorS befxnben ftb£) in ber ©ammlung antifer ftunft» roerfe in SDreSben unb anbermärtS. ©gl. Gbmin Spon, „Outlines of the Eigin marbles" (2onb. 1816, gol.), nadigcfiodjen unter bem Sütel „SDie Glgin’fdien SRarmorbilber", in Umriffen auf 62 Safetn, „The Eigin marbles, from the temple of Minerva at Athens" (2onb. 1816, gol.) unb 2amrence, „Eigin marbles from the Parthenon at Athens" (2onb. 1818, gol.). Gr mar einer ber fd)ot. 2Bal)lpeerS, ©enerallieutenant in ber brit. Slrmee, SRifglieb beS @cl). SRaflfS unb Gurator beS Sritifd)en SRufeumS. Gr jlarb am 14.Slo». 1842 in ^)ariS, mo er ftd) niebergelaffen f>atte. ©liaSeöi, f. 2c»ita. Gfliaö, ^ropljet im 9?eict>e Sfrael, gebürtig »on Sf)iSbe im ©tamme Slaphtali, trat um 920 unter bem Könige Slpab auf. Gr jeidfnete ftd) als flrenger Giferer für ben3ef)o»ah» culfuS unb als ©cgner ber SaatSparfei aus, mcld)e burcf) bte ©emaljlin beS fÜönigS, bie phömjifche ^rinjefftn Sfcbcl, begünfligt mürbe, muftc jebocf), als ber Slnfyang ber ©aalS» Propheten mud)S, an ben3orban unb bann in baS ftbonifcbe ©täbtcfien ©arepta entmeicben. ©pater erfolgte jmar feine SluSföhnung mit5lf)ab unb bie befannte ©d)lacf)tung ber Saals» propljeten (l flott. 18, 36 fg.), allein bte Sßutf) Sfebel’S jmang ifjn aufs neue, nad) ©erfeba in 3ubäa ttnb »on ba in bie arab. SBüfie ju flüchten. Stach einiger Seit nochmals jurüdge* fehrt, leitete er, um ber Sebooabpartci bie Sberfjanb ju »erfd)affcn, gegen bie Jtönige oon ©prien unb Sfrael eine ©crfd)mötung ein, metcheS Unternehmen fein ©dtjüler unb Stachfol* ger, Glifa, fpäter ausführte. Slud) gegen ben Aönig SldjaSja, ben ©ohn unb Stachfolger Slhab’S, eiferte G. unb »etfünbete ihnt nahen Sob. Hod)betagt jog er ftd) mit Glifa in bie SSsüfie jurüd, foll beim Übergänge über ben Sorban bie gluten beffelben burch feinen SRan» tel geteilt hüben unb bann »or ben Slugen feines ©d)ülerS unter ©türm ober Ungemiftcr gen Fimmel geführt morbett fein (2 flön. 2, 11). 3nbcf mürbe biefe Himmelfahrt fd)on »on Gpfjraem ©pruS bejmeifelf, ba nach 2Glmottic. 21, 12. ber jübifche JtönigSoram einige 3al>re fpäter »on GUaS 3ufd)riften erhielt. Unter ben Suben ju 3efu Seit herrfdjte bie SJlei« nung, »or bem Grfcheinen beS SRefftaS merbe GliaS jurütffomnten. Ser Gharaftec beS G. ift, menn man auch ben SRafftab feiner Seit an ihn legt, »on Herrfchfucht unb ©raufamfeit nicht fteizufpredjen; maS aber baS munberbare ©epräge feiner Sf>aten unb ©d)iJfale be» triflff, fo lägt ftd) bie factifd)e ©runblage fchmerlich ober nicht beftimmen. ©liaöfeuer ober GlmSfeuer nennt man fleine raufchenbe glämmd)en, melche ftd) manchmal an h»h cn t befonberS fpi|igen Äörpern, j. ©. an SRafien unb ju 2anbe an ben @pi|en ber ffird)thürme unb ben ©itterfenflern hoher ©ebäube bei ftarfer ©emitterluft jei* gen unb »on ein« ober auSfrrömenbet Gleftricität abhängen, mithin benfelben Urfprung |a» ben, melchen baS mittels bergleftriftrmafchine her»ot;ubringenbe ele!trifd)e ©pi|enlid)t hat. Gin folcheS Seuchten an ben ©pi|en ber SRaflbäume ber ©chtffe hat bie griech- fDlptpc in ber ©age »onftaflor unb^)ollup »ermebt, unb noch gegenmärtig gilt baS2eud)ten berSRaft» bäume ben ©chiffern als Sittlichen, baf fie »om ©türm nichts ju befürchten haben. ©Iictu§ r ein ©einame beS Jupiter, bem Sluma unter biefem Slanten einen Slltar auf bem 9l»entinifchen ©erge errichtete. Silan hat ihn aus bem gried). ffatabateS ju erflären ge« fud)t, bagegen haben Slnbere biefe ©enennung auf bie ffenntnifj ber ©lijableifer bejogen, bie man ben Gtruriern beimift unb »on ihnen erfl ben ^Römern jufommen lägt; hoch unter« liegt biefe Hhb ot htfe nod) manchen Sweifeln. ©limiltattOtt heift in ber mathcmatifd)en SlnalpftS baS ©erfahren, mittels beffen man eine ©röfe, bie in mehren gleichzeitig fiattfinbenben, aber mefentlich »erfchiebenen unb »oneinanber unabhängigen ©leichungen »orfommt, herauSfchaft, fobaf baburch eine ober mehre ©leichungen erhalten merben, morin bie meggefdjaffte ©röfe ftch nicht mehr beftnbet. 3n bet Sllgebra ntuf biel immer gefd>ehen, menn jmei ober mehre unbefannte ©röfe» aus 666 @IiÄ ©fifaBetff (Me -fmltge) einer gleich grofen Stnjaijt »on ©leichungen beffimmf werben feilen; man eltminirf bann eine ©röfe nach ber anbern unb »evminbert baburd; gleichzeitig bie Sahl ber ©leichungen, Z- 33. au« feeff« ©leichungen mit fech« Unbefannfen bilbet man fünf ©leichungen mit fünf Unbefannten, au« biefen wiebet eiet ©leichungen mit eiet Unbefannfen u. f.w., bi« man jiilejit eine ©leidiung mit einer unbefannten ©röfe erhält, bie man nun auf bie gewöhnliche SBeife auflöft. ©inb bie ju eliminitenben ©röfen in ben gegebenen ©leichungen auf höhere Potenzen erhoben, fo iff bie ©limination oft fdjwer unb felbff für ben gegenwärtigen 3u* ffanb ber Slnatpff« unmöglich. SDie Stimination iff übrigen« »on ber größten SBidffigfeit für ba« ganze ©ebiet ber SRathcmatif, baher fich aud) bie größten fÖlafhematifer, wie Newton, Sagrange, ©ulet u. 21., bamit beffhäftigt haben. (gltd, eine fleine Sanbfchaft im fPcloponne«, welche weftlich an ba« Sonifcffe SJleer, nörbUch an 2lchaja, öfilief) an bie ©ebirgeSlrfabien« unb füblidj an SReffenien grenzte. Sie war zwar ziemlich gebirgig, aber auch «ich an frönen unb fruchtbaren Stjalgegenbett, bie non ben beiben fbauptflüffen, bem Sltpffeu« unb ^)cneu«, bewäffert würben, baher wir hier fchon frühzeitig biühenben Slcfcrbau unb eine zahlreiche Senölferung finben. ©ine befonbere Se* beutfamfeit unb dpeiligfeit erlangten hier bie JU Dlpmpia (f. b.) gefeierten Spiele, welche ben ©inwohnern h<>h e $ Slnfehen, bem Sanbe felbfi lange Seit eine fegen«reiche Stuhe »er* fchafften, ba nicht einmal ftembe Ärieg«heere bewaffnet burchziehen burften, bi« enblich im peloponneffffhen ffriege bie 2lthcner mit .fjintanfefsung ber Unoerleblichfeit be« 33oben« bie ffüffengegenben plünberten, benen halb bie Sacebämonier, 2lrfabier unb SSRacebonier folgten. — ®ie $aupfffabt 6li«, welche mehr länblidj angelegt war, fpäter befeffigt würbe unb noch zur 3fömerzeit beffanb, hafte berühmte ©pmnaffen, Stempel unb anbere SRerfwürbig* fetten unb ffanb an ber Spi|,e be« eleifchen S täbtebunbe«. ©ItfaBetf), bie ^»eilige, »on Thüringen, einer ber trefflichffen &e« SRittel* alter«, geb. zu SPre«butg 1207, war eine Stodffer Slnbrea«’ II., ffönig« »on Ungarn, unb ber ©ertrub, einer geborenen Herzogin »on SReran. ©eben 1211 warb fte bem elfjährigen Sub* wig, bem Sohne be« Sanbgrafen -Hermann »on Thüringen, jut ©emahlin befiimmf, nach ber SEBarfburg geführt unb an Jpermann'« funff * unb gefangliebenbem fbofe erzogen. ffjoch fchon frühzeitig zeigte fte eine entfehiebene Steigung für ffrengc flöfferlicheJReligion«übungen. SU an hatte baher bie 2lbftcf)t, fte zu ihren Eltern ;urücEz«fenben; aber bet S3räutigam, ber 1215 nach feine« Safer« Stöbe bie ^Regierung angetrefen batte, wollte fte nicht entlaffen, unb 14 3af)te alt, warb fte ihm 1221 »ermählt. SSeibc ©atten waten fich mit ber unerffhütt«* lichffen Siebe itnb Streue zugethan. SBäfjrenb er in ritterlichen Sügen feinen ^elbenmuff) unb feine ©rgebenheit gegen ffaifer unb SReicb bewährte, übte feine ©attin bahetm bie füllen Stugenben ber Söohlfbätigfeif unb 9Silbc. Sie fpann unb nähte ©ewänber für 3lrme unb fpeiffe zur Seit einer ^>unger«noth täglich 900 ®tenfd)en. Sie »erffhmähte alle Sequem« lichfeiten be« Sehen«, fleibefe fidf in fd)tcd)te .Kleiber, lief ffd) be« 9?acf)t« z um ©ebete Weden, ba« oft mehre Stunben lang währte, unb in einem geheimen gimmer befonber« greitag« unb jttr Seit ber gaffen »on ihren Wienerinnen gcifeln unb beflagfe nicht« mehr, al« baf ffe nicht geWürbigt worben fei, ihre 3itngfraufd)aft zu bewahren. 3M Seichtoater, ffontab » o n SR a r b u r g (f. b.), beffärfte ffe nicht nur in biefen ©eftnnungen, fonbern »erpffichtefe ffe auch jur ©nthalffamfeit »on allen Speifen, al« bie ffe ffdi felbff erwerben würbe, fowie tu bem ©elübbe unbebingten ©eljorfam« unb ber ffeuffhheit nach erfolgtem Stöbe ihre« ®e* maffl«. Seiber trat biefer gall halb ein. Subrnig nahm 1227 an bem »on ffaifer griebrich II. befdffoffenen ffreuzzuge Slnfheil unb ffarb noch > n bemfelben 3ahre an einer bösartigen Seuche ju Dtranto. SRit bifferm Schmerz empfanb ffe bie Strennung »on ihrem ©emabl, mit noch bittererm bie SRachricht »on feinem Stöbe. 3« biefem Unglücfe farn noch Me üble 33ehanblung, bie ihr Schwager HeinrichSRafpe, welcher biefffegierung übernahm, ihr wibeo* fahren lief. 23on ber SBarfburg mit ihrem Sohne Hermann unb ihren beiben Stöchtern burch ihn »ertrieben, irrte ffe fdjujffo« im SBinter burch bie Strafen ©ifenaef)«, ba SZiemanb, au« gitrcfft »or be« Sanbgrafen Sefefff, ffe aufjunehmen wagte, ©nblicff lief ber Siffhof »on Samberg, ihr mütterlicher Dheim, ffe unb ihre ffinber auf ba« Schlof Soffenffein h®* len unb gewährte ihr anffänbigen Slufenthalt. Seine Sorffhläge zu einer anberweitigut ^>eirath wie« ffe mit geffigfeit jurücf, bagegen erfefffen ffe noch einmal in Thüringen, al« blt ©lifabetlj (Äöttigiu öon ©«glaub) 667 itbifcfjen Überteftc itjrcö t)ingefrf)iebenen ©emahlS, oon beffert ^Begleitern jurücfgebracht, un* fer feierlichen Zeremonien ju Steinharbsbrunn beflattet mürben, liefen jurüefgefehrten tfüring. Gbeln flagte fic auef) ihre erlittenen Ärünfungen. Gntrüftet festen fte -Seinnd) Stafpe mit folgern Sacijbrucf $ur Siebe, baf in itjm befjerc ®efüf)le rege mürben. Sr fötjntc fid) mit ber Vertriebenen aus, berief fte mieber nach ber SBartburg unb fefte fte in ben S3e» ftp tfjrcö ViitthumS. 2)a fte aber tfr geben in heiliger ©füle jujubringen münfehte, fo räumte er ihr bie ©tabt Siatburg nebft allen baju gehörigen Dörfern, Ginfünften unb ©erechtfanten ein ttnb fe|te ihr etn jährliches Gütfommen öon 500 Star! ©über auö. 3m 3- 1229 begab fte ftch hierher, füftete ein Hospital unb lebte in bemfelben ganj ber 3(tibad)t unb 2Bohltt)dtig= feit unb bem ©ehorfam gegen ihren beäpotifefen S5eid)toater Äontab oon Starburg. ©te betete oft ben gröften Sfeil ber Siadht, arbeitete um Sohn, lebte tn ber armlichften Steife, trug ein niebrig grobes ©emanb oon einfach grauem Suche, beforgte bie niebrigflen 23tenfte unb pflegte unb martete aufs müheoollfte bie ärntften, cfelhafteften Äranfen. Äonrab oon Starburg oolljog oft felbfl an if>r bie fc^ärfften ©etfelungen, entfernte fpäter fogar ihre bei* ben treuen Jfammetfrauen Gifentraut unb 3ubith, beten 3lnblicf an bie oergangene ©töfe erinnern fonnte, oon ihr unb gab ihr einen gaienbruber jur SSeforgung ber ©efchüfte, ein frommes Stäbchen auS nieberm ©tanbe ttnb eine alte SBitmc, bie taub unb mürrifcf) mar, um ihre ©ebulb ju üben. Güte @efan 8 tfcf)aft, bttreh meldje ihr Vater fte einlaben lief, in ihr ©eburtSlanb äurücfjufehren, mieS fte, ber flehentlichen Sitten ungeachtet, ab unb blieb in bem oon ihr errichteten ^oSpifale, mo fte am 19. 9toö. 1231 in ber Slüte ihres SllterS ftarb. Stach ber Seifefuitg in ber oon ifjr jit Gfren beS ftetf. granciScuS gestifteten Äapelle mirfte ber ®laube in ber Stäfe ihrer ©ebeine oiele SBunbcr, fobaf bet Papft ©regor IX., auf bie Sinnige Äonrab'S oon Starburg, bem Grjbifcfof ©iegfrieb III. oon Stainj, bem 3lbt Stai* munb oon GberSbach im Stheingau unb bem Steiftet Jtonrab oon Starburg felbft eine Un* terfuchung auftrug, morauf ihre ^»eiligfprechuttg ju Pftngftcn beS 3. 1235 gemährt unb ihr SobeStag, ber 19. Stoo., jurn Sage ihrer Verehrung befiimmt mürbe. Set Äaifet Stieb* rief felbfl nahm bei ber feierlichen Grhebung ber geiefe in ©egenrcart oieler gürflett unb Sifcföfe unb einer unjählbaren VolfSmengc ben etjten ©tein ihres ©rabmalS heraus unb fefcte berfelben eine golbenc Ärone auf baS |)aupt. Über ihrem ©rabe ju Starburg legte bet ganbgraf Äonräb mit ben Scutfcfen Stiftern ben ©runb ju einem herrlichen Som, beffen Äitche baS ©tanbbilb ber ^»eiligen auf einem umgitterten 3lltar unb in einer öerfchlojfenen ©acriftei'jene fojibare gäbe umfchlof, beren oiele in ©Uber unb ©olb gearbeitete erhabene .fpauptgefialten Glifabetf in ©efellfchaft beS lehrenben unb gefreujigten -£>eilanbS unb ber heil. Staria, umgeben oon jmölf 3lpofteln, barftellen. Steliquicn oon ihr bef nben ft cf 51 t SreSlau unb imÄlofter berGlifabetf)inerinnen inSötcn. Sitrcb ihre Sochter «©Sophie, meldje mit Heinrich bem ©rofmittfigen, -f)erjog oon Srabant, öcrmühlt unb bie Stuftet Heinrich beS ÄinbeS mar, mürbe fte bie ©tammmutter beS fürftUcf) heff. -Kaufes. Vgl.Sufti, „G., bie ^»eilige" (3ür. 1797; neue oerm. Stuf., Starb. 1 S35, mit3lbb.) unb Greujer,„3ur ©emmen* funbe, antife gefchnittene ©feine 00 m ©rabmal ber feil. G." (gp$. unb Sarmft. 1834). ©lifttbethf Königin oon Gnglanb, geb. am 17. ©ept. 1333, mar bie Soffer .ftein* ricf’S VIII. unb ber ifm heimlich oermählten 31 n n a S 0 1 e 9 n (f. b.). Sßährenb ber Stegte* rung ihrer $albfcf)mefier, ber fatfolifchen Äönigin St ar i a I. (f. b.), als Safiarb betrachtet, als Protefiantin oerfaft, rettete fie ftch nur bttreh fefieS unb tlugeS Senefmen 00 t bem ju- gebaeften Untergange, ©ie mufte ftch öffentlich junt JfatholiciSmuS bebennett, lebte 00 m -fpofe entfernt ju 3lfhribge, mürbe inbeffen boef ber Sheilnahme an einer Verfchmörung gegen baS geben ber Jtönigin befcfulbigt, in ben Sotoer gefe|t unb bann nach &em ©djloffe SBoob» ftocE oermiefen. Stach furjer Seit öon neuem angctlagt unb gefangen gefegt, fanb fte einen gürfprecher an ^h^PP lf - 90n ©Pinien, bem ©cmafl Staria’S, ber babei meniger aus Stit* gefüfl als ^olitif fanbelte, meil er füreften mufte, baf burch bie Sefeitigung ber Sochter ber 3tmta Solepn bie engl. Ätone mit bem Sobe Staria’S an bie ©emaflin Sranj’S II. oon granlreid), Staria ©tuart, fallen mürbe. G. lebte hierauf, oon proteftantifchen unb fatholi* fchen greiern als muthmafliche Sfronerbin umlagert, in einer ärt ©efangenfehaft auf bem ©d)loffe ^jatftelb. 23er Sob Staria’S im 3- 1558 Oerlieh ifr bie greifeit unb, nach ben oon ihrem Vater getroffenen, aber oon feinem Parlamente beflatigten Veftimntungen benShron. 668 ©lifabetfj (Äöttigitt «on ©itglattb) 3t>r Schwager, %>t)ütpp II. Bon Spanien, bewarb (leb nun um i^rc .!panb; hoch G., bie ftdj fdjon ber Religion halber mit biefera fanatifdEjen ©tarnte nicht Bermählen mochte, wufte ihn burch §lrtigfeiten hinzuhalten, bis fie ihre .Krone etwas befeftigt hatte. Sa ihr ber Papjt Paul IV. als einem Saflarbe bie 3lnerfcnnung oerweigerte, rief fie ihren ©efanbten aus Dom ab unb befd)lof mit großer gefügten bie Deformation burch ganjßngfanb einjuführen. Sas zufammengerufene Parlament, bas fte unter berDegierung ber Schweflet jum93aflarb hatte erflären muffen, hulbigte ihr im San. 1559 als Königin unb betätigte ihrem ©Sillen gentdf baS föniglicfje Supremat in fircfjlichen 9lngelegenl)eiten, wie eS fchon unter ihrem Pater fiattgefunben. Sebet StaatSbiener mufte biefen Supremateib letfien, in welchem ber .frone bie höchfie Jtirchengemalt »erliehen würbe. SBon ben 15 SBifchöfen oerweigerten ben Gib 14 , Bon 9400 ©eifilichen aber nur 160 ; biefe SBibcrfpenfligen würben abgefe^t unb bie bifchöflicheitirche mit öeränbertem SultuS jur StaatSfircfje erhoben. S3ereitS am 2 . 3lpr. 1559 enbete @. burch ben grieben ju Ghäteau=GambreftS ben Krieg mit granfreich, in welchen Gngtanb nur ;u ©unjlen Philipp’S 6 - öerwiielt worben war. 5llS granj II. öon granfreich nach bem SEobe feines PaterS mit feiner ©emahlin ©laria Stuart (f. b.), gegen bie S3eflimmungen biefeS griebenS, Xitel unb ©Sappen beS Königreichs Gnglanb an* nahm unb bamit baS Grbredjt ber Xochter ber Slnna SBolepn nichtig erftdrfe, unterfiü^te fte bie in Schottlanb ber Deformation wegen ausgebrochenen Unruhen; auch gelang eS ihr, nadE)bem ein zur ltnterbrücfung beS SlitffianbeS nach Schottlanb abgefanbteS franj. .fjülfS* eorpS jur Kapitulation gezwungen worben war, ©laria Stuart ju bem Perfprechen ju be* wegen, nach bem Xobe ihres ©ernahtö ben engl. KöntgStifel abjulegen. Sille bie oielen 33c= Werbungen um ihre £anb waren »ergebenS; auf einen beSfallfigen Slntrag beS Parlaments antwortete fte, baff fte eine Gf)re barein fefe, „bie jungfräuliche Königin" ju bleiben. 3h r tu Slnbeter, Sorb Subiep, ben fte fchon imXower hatte fennen lernen, erhob fte ittbef juttt @ra* fett ßeicefier (f.b.)unb 5111 « erfien©tinifler. S3ei einem männlichen Gharafter befaf fte bie Schwachheit, für bie fcf)önfie grau GuropaS gelten ju wollen; als baljer nach granj’S II. Xobe im 3. 156 1 ©laria Stuart nach Schottlanb jurüiffehrte, um bieDegterung ju übernehmen, entflammte ber ©ebanfe an bie Dähe ber burch SiebenSwürbigfeit unb Schönheit auSge* zeichneten ©laria ihren $af unb ihre Giferfucht weit mehr als bie Pebenbut)lerfchaft berfel» ben auf bie engl. .Krone. Sie burdh Gnglanb erbetene Surdjreife würbe ihr abgefd)lagen, unb als ftü) ootlenbS ©Iaria nicht mit Sublep, bem ©ünflltnge ber G., fonbern nach bem ©Sillen ihres SSolfS mit Sorb Sarnlep Bermäljlte, ber als Slbfömmling beS Kaufes Senop bie nach* flen ©nfprüdje auf bie fcf)ot. frone befaf, gerieth fit in ben unbänbigfien 3orn. Sie lief bie ©erwanbfen Sarnlep’S in ben Xower fegen unb beten ©üter einziehen. j3ubem gaben ber Seichtftnn unb ganatiSmuS, mit bem ©laria ihre Degterung führte, ihr nur ju halb ©eie* genheit, bie fcf)ot. ©rofen in offenen Slufflanb gegen ihre Königin ju bringen. 911S ©laria Stuart nach itjrer gludjt aus bem Schlöffe Sod£)le»en 1567 auf engl. SSoben Schuf fuchte, lief fte biefelbe unter bem Dorwanbe Begaffen, baf ftef) ©laria erfl Bon ber Xljeilnahme an ber Grmorbung Sarnlep’S reinigen müffe. SaS unfluge unb haferfüllte 33enehmen ©la* ria’S, bie 33efreiungSBerfucl)e burch Dorthumberlanb, ©Seflmorelanb unb ben $erjog Bon Dorfolf, ber ©lorbanfchlag S5abingfon’S auf baS Sehen G.’S, befonberS aber ber Bon Papfi PiuS V. gefchleuberte 58annflud), bewogen enblid) G. ihre nach einer zwanzigjährigen ®e* fangenfehaft noch immer gefährliche Debenbuhlerin am 8 . gebt. 1 587 hinrichfen zu taffen. Sie golgen biefeS Schritts füreftenb, lief fte ihren Staatsfeeretair SaBifon wegen Über* fchreitung feiner Pollmacht beflrafen unb 3afob VI. Bon Schottlanb, ben Sohn bet ©laria Stuart, burch SluSfidhten auf baS Grbe ber engl. .Krone befänftigen. Heinrich III. Bon granf» reich aber war felbfi in ben wüthenbfien Sürgerfrieg BerwicEelt unb beShalb nicht zu fütef* ten. Dbfchon G.Bon 1566 — 71 fein Parlament berufen unb bie ©lacht beffelben überhaupt miSachtet hatte, fo hafte boef) baS engl. SJolf ihren SeSpotiSmuS weniger als ben eigenfücf)* tigen ihres Paters; benn fte benufte bie ©ewalt, um bie materielle Slüte ber Dafion zu entfalten, unb befefiigte baburdh mehr als burch anbere ©littet ihren Xhron. Sie hatte bie Krengfle Drbnung in bie ginanzen gebracht, baS ©elbwefen geregelt, einen grofen Xfeit ber Schulbenlafi beS Staats bezahlt, ohne bem SBolfe Safien aufzubürben, baS Sanb Bortreff lief) bewaffnet, Slcfetbau unb ©lanufacturwefen burch Spfer unb weife ©efefcgebung geför* 669 ©Ufabeflj (Äaiferüt von ‘Jtuflanb) betf, vorzüglich aber ben gebenStterv GnglanbS, baS Seewefen, ju glänjenbet GntWtiSelung gehoben. Snbeffen brot)te it>r von Spanien ein mächtige« Ungewitter, wo Philipp II. eine furchtbare Seeerpebition vorbereitete, um feine langverhaltene3?ache an 6 . $u üben. Schon 1 578 hatte G. bie Ä'iifien Perus burch ben bühnen granj ©rabe (f. b.) verheeren taffeni in föorauSftcht beS .Kriegs vernietete berfetbc 1586 eine grofe fpan. äranSportflotte $u Ga= bij, wäf)renb gteirf)jeitig SEhomaS Gavenbifh 19 fdjWerbelabene Schiffe ber Spanier in ben fiibtirt)en Pteeren wegnahm. Stm 29. Ptai 1588 enbtid^ ging bie fogenannte fpan. 31 r- maba (f. b.) von 13« .ft'riegSfchiffen von ßiffabon auf unter Segel. 6 . hatte btefer unet> hörten Ptacfjt nur 28 JlricQ^fdjiffe unb 50 Heinere, gröftentheilS von ber Stabt gonbon auSgcrüflefe gahrjeuge mit etwa 1 5000 Pt. cntgegen^ufiellen. ©em 3lbmiral Ghatl. jvarb, unter jtüfct von ©rate, .fpawfinS unb grobifher mürbe bie Rührung biefer Keinen flotte anvertrauf. .Saum war aber bie 3lrmaba unter bem allerbingS unfähigen Ptebina Sibonia im itanal erfcf)ienen, als ftc von einem Sturme auScinanber unb auf bie Sanbbänbe ber flanbrifchen .ft'üfle getrieben würbe. ©ie Kühnheit unb ©emanbtbeit ber Gngtänber voll» enbete bie von bemGlemente begonnene Serftörung, unb Spanien erlitt einen unermef liehen S3erlufl, mährenb Snglanb unb feine Äonigin für immer gerettet waren, ©urch ben 3tuS= gang biefeS Kriegs flieg bie 3lnf)änglichfeit berGnglänbet für bie Königin jur S3egeifierung. Gtnen grofcn Schmerz hatte G. in$wifd)en burch ben am 4. Scpt. 1588 erfolgten 2ob ihres! an fid) verbienftlofen ©ünftlings erfahren. Sbfchon fte bereits 55 3 af)te ääf)ttc, erfe|fe fte benfelbcn burch feinen Stieffohn, ben 21jährigen ©rafen Stöbert von Gffepff. b.). 31IS Heinrich IV., ber 1589 bie fr an 5 . .Srone errungen, von ber !atholifd)en 2igue unb ^>t)Uipp II. hart bebrängf mürbe, unterste fte benfelben mit ®elb unb Gruppen unb führte auch nach bem Separaffrieben Jpeinrich’ö ben Ärieg gegen Spanien fort, bis flebalb barauf, 1598, ber 3mb ^fjilipp'S II. von ihrem gefährlichen ffjeinbe befreite. SBeniger glücblich gefaltete fich bas Privatleben ber Königin, ©urcf) ungemeffene ©unftbe^eigungen verwöhnt, benahm lieh ber junge, ungeftüme ©ünftling übermüthig unb verging ftch oft an feiner alfernben jperrin. GinfI all fte ihm im StaatSrathe, weil er ihr verächtlich ben Stücben juwanbte, eine Dh r f e ’9 c 8 ab, legte er f°9 ar b' e 4?anb an ben ©egen, unb bennoch fanb er SSerjetttung. $ur ©ämpfung einer Gmpörung fehlte fte ihn bemnächft nach Stlanb, wo er fich aber f° ungefchttft benahm, baf er feine Gruppen verlor unb einen fchimpflichen SSerfrag eingehen mufte. 3CIS er hierauf gegen ber Äönigin S3efet>l nach gonbon eilte, um biefelbe burch einen guffall ju befchwichtigen, erithob fte ihn beS SlnflanbS (jatber feiner SBürben, lief ihn aber 511 m Stt^tn ihrer bewahrten ©unfl ben ®rab eines ©eneralS. Stichtsbeftoweniger fpielte ber unbanbbare ©ünfiling bie Stolle eines SBeleibigten, befchimpfte bie alternbe, aber immer noch eitle Königin für ihre Perfon aufs empftnblidjfie unb braute fogar eine 33erfchwörung mit auswärtigen Ptächten unb ju gonbon einen Stufruhr hervor, fobaf ftch G. genöthigt fah, ihm ben Procef machen unb am 25. gebt. 1601 nach Unheil unb Stecht hinrichten 51 t Iajfcn. Stach btefemGreigniffe in tiefe Schwermut!) verftnfenb, bie ihr übriges geben lähmte unb verbitterte, flarb fte nach langem Seiben am 24. Ptärj 1603, nachbem fte Safob VI., ben Sohn ber Ptaria Stuart, jum Stachfolger ernannt hatte. Stuf ihren 83efehl bnrfte iljr Seichnam nicht unterfucf)f werben, weshalb man auf ein förperlicheS ®ebrecf)en gefchloffcn hat, baS fte an ber SSermählung hinberte. 3n ihrer äufern Grf^einung war G. majeftätifch, ihr Gharafter urfprünglich ebel unb grofmüthtg, aber burch Sc£)icffale jur Sparte, ja felbjt jur ©raufamfeit geneigt. 3» ber Ginfamfeit ihrer frühem 3al)re hatte fte nicht verabfäumt, ihrem ©eifle eine umfaffenbe wiffenfchaftliche SBilbung ju geben; fte laS unb überfefte bie Seiten, bannte bie neuern Sprachen unb befaf Jtenntniffe in ©efcf)ichte unb fiiteratur. 2}gl. Gamben, „Annales rerum anglicar. et hibernicar., regnante Elisabetha" (2onb. 1615), Suct) Stibin, „Memoirs of the court of queeu E." (2onb. 1818) unb Purner, „History of the reigns of Eduard VI, Mary and E." (4 S5be.; 2. Stuft., Sonb. 1829). ©lifahcfp, äbaiferin von Stuf lanb, bie Tochter Peter bes ©rofen unb Jfatharina'S I., würbe 1709 geboren. 3h rcn Silben Seibenfchaften ganj h'ngegeben, fah fte es anfangs mit ©leichgüttigbeit an, baf bie Jtaiferin Stnna 3 man ow na (f. b.), ohne SSücbficht auf ihre SRechte, ben Gnbet ihrer eigenen Schweflet .Katharina, 3wan, ben Sohn beS ^»erjogS Stnton von SSraunfchweig unb Slnrta’s, einer Softer ber ebengenannten Äafharina, ein itinb von 670 (SKfaBetlj (Äatferitt boit Stugfottb) jmei SJtonaten, jum Stachfolger einfegte, ebenfo baf Slnna, näd) Verbannung bes alSSteid)«* otrmefer eingefepten Viron, ftd) jur Stegentin mahrenb ber Ptinberjährigfeit it>rcg ©ohng auSrufen lief. 2lts man aber <5. in bent ruhigen ©enuffe ihrer fdjmujigen greuben unb in ber 33efriebigung itjrer niebrigen Seibenfcfjaften ju fiören unternahm unb ii)t anmutbete, ftd) mit einem Jjägticfjen ©cniahle, bem unförmlichen unb itnleiblid)en Slnfon Ulrich tion SSraun* fchmetg*35eBern, bem Sruber beg ©entab(s ber Stegentin, ju »erf)eirathen, fo miberprebte fie nicht länger beit Verfugen, bte matt machte, um fte auf ben ^brott 51t fegen, unb überlief ftch ben b>?atbfcf)lagen Seflocq’S, eineg 2BunbarjtS, ber, »oll ßlmgeij, eine ju fpielen j»ünfd)te. 3m .pintergrunbe leitete jeboeb eigentlich bte geheimen gäben ber Verfchmörung ber franj. ©efanbfe, Ptarquis be Sacbetarbie, ber auch bie nötigen ©clbfuntmcn aug granf* reich herbeifdjaffte. Dem franj. pofe lag nämlich bamalg »iel baran, Ufuf(anb in feinem Snnern ju befd)äftigcn, bantit es bet bem eben auSbrechenben öfir. ©rbfolgefriege für fÖta= ria STberefEa Partei ju ergreifen gebinbert märe. VeretfS batte man fdjon einen SSbeil ber preobrafchettSfopfchen ©arbe für bie Prinjeffin ©. gemonnen, alg bte Verfdjmörung beinahe entbeeft morben märe. Die plaitberbafte Prahlerei beg eiteln Sejtocq b atte 9lufmerffamfett erregt, unb bie Stegentin mar nid)t bloS »01t ihrem eigenen Ptinifter Dftermann, fonbern auch 1)011 bent engl. unb öfir. ©efanbten, ja fogar »on Äönig griebrid) lf- »on Preufen ge* marnf morben. 3lud) fegte fie mirflid), auf bie bringettbe Vorftctlung ber Sbrigen, bie Prtn* jefftn 6. über bie untlaufenben ®erüd)te, baf fte »errätbcrtfdte Slttfchläge int ©d)ilbe führe, jurStebe; allein ein STb^nenftvom berfelben unb bie Vctheucrungcn ihrer Unfdjulb mad)* ten bie Stegentin fo fteber, baf fte »on nun an alle SBarnungett »erachtete. Um fo mehr aber eilten jegt bie Vetfchmorenen, ihren Plan augjufüf)ren. Durch i'cftocq gefchrecft, entfehieb ftch enblid) ©.; in ber Stacht »om 5. junt 6. Dec. 17 41 mürbe bie Stegentin nebfi ihrem ©e* mahle »erbaftet, anfangs »on einem Drtc junt anbern gefdjicft, gulegt aber auf bieSufel ©holnwgort) in ber Dmina am SBeifen Pteere »erbannt, mo Slntta 1746, ihr ©emabl erft 1780 fiärb. Der junge 3man aber mürbe in jenem clenben ©cfättgniffe 51t ©cblüffelburg alSSbiot erlogen unb unter Äatharina’S II. Stegierung 1764 bei einem jum©cf)eine »er* anfialtefen 33cfrciungS»crfud)e »on bem Sieufenant, ber ihn bemachte, getöbtet. Slnna’S 3ln* bänger, namentlich Plünnicf), Dftermann unb ©olomün, mürben 511m Xobe »erurtbeilt, aufs Vlutgerüfi gebracht unb bort erfl in bem Slugenblitfe, mo fte, unter ben äpänben beS 5iad)= ricbterS niebergebeugt, ben XobeSftreid) empfangen follten, »on 6., bie nicht gern ein XobeS* urfbeil unterfebrieb, begnabigt unb nad) ©ibirien »erbannt. PtorgcnS S Uhr mar bte nädjt* liebe 3te»olution beenbigt unb am Siacbmittagc bulbigten alle Gruppen ber neuen üatferin. Sadjefarbie mürbe gtänjenb befebenft, Sefiocq erfier Seibar^t, Präfibent beS Ptebicinalcolle* giumg uttb ©eh- Staff), unb bie ©arbecompagnie, metebe ihr beigeffanben, in ben Slbelgftanb erhoben. gugleidj begnabigte bie Äatferiit über 20000 Pcrfonen, bie gröftentbeilS mäfjrenb ber Stegierung Slnna’S 11. nach ©ibiriett »erbannt morben maren, unter ihnen auch ben ehe* maligen $erjog »on Jturlanb, 33iron, unb lief fte in ihre Heimat jurüeffommen. Slllein 6. mar nicht jum -perrfd)en geboren; fte mar ofjne .Straft, -Slenntnif unb Sitfl tu ben Stegierungg* gefebäften, nach mie »or ihren grobftnnlichen Seibenfcfjaften jugetfjan unb abhängig »on Sieb» lingen, an bie fie bie ©tttfünffe bes ©taatg »erfchmenbefe. ©emeine, lüberliche Ptenfd)en be* mäebfigten ftd) anfangs ber böebfiett ©teilen, bie jeboef), ihrer gänzlichen Unfät>igfeit unbUn* miffenbeit halber, »on ben eigentlichen ©efdjäften ftd) fern hielten unb ihren (finfluf bloS baju benupteti, um ftd) Xitel, Drben unb Stei^thümer ju ermerbett. ©ehr halb aber tarn bie Leitung ber ©efchäfte micber in tüchtigere ^)änbe; Stomanjom, Seflujem unb äßorott* jom führten, fobalb nicht efma einer ber »ielen Liebhaber ber äfaiferin fte einmal bemog, ftch nach ben ©efdjäften ju erfunbigen, bie jfügel ber Sfegierung. Um ftch auf bem Sprotte JU be* fefiigen, mar fte junächft bemüht, an bem jungen fPrinjen Äarl^3eter Ulrich, bem©ohn ihrer ältern »erfiorbenett ©chmefier 3fnna, »ermählf gemefenen äperjogin »on 4>olflein=©otforp, ftch eine ©fü|e ju »erraffen, ©ie berief ihn 1742 nach Petersburg, erflärte ihn unter bem Flamen Peter ju ihrem Slachfolger unb »ermählte ihn fpäter, um bie Xhrottfolge ä u ft ehern, mit ©ophie Slugufie, ber Xocfter ©hrifiian Slugufi’S, DerjogS ju3lnhalt=3erbfl. Der Ärieq mit ©chmeben, beffen SluSbruch fie, um bie Stegentin 3lnna ju befchäftigen, »or ihrer Xhron* befteigung im Vereine mit granfreich »eranlaft hatte, mürbe unter ihrer Stegierung burcö @lifaliet$ (ß&ttfHne) 671 ihren gelbntarfd)aU gac» mit o »ielent @lücfe fortgeführt unb enblich bamit gefd)foffen, baf fRuflanb in bem Stieben ju 5lb o (f. b.) am 17. Slug. 1743 aufer bem Sanbflridfe ju SBi* borg bi? an ben Äpntenefluf ftc£> einen bebeutenben Gtnfluf auf ©d)i»eben ftctjerte, inbem es bemfetben einen bem tu ff. ipaufe »ermanbtengürften jum 2f)tottfo(get aufbrangte. Umbiefe 3eit entfpann ftc£> aud) eine SSerfchmörung gegen 6. burd) SBermanbfe Derer, welche fte nati) Sibirien gefd)idt hatte, unb benen man benSetflanb 93latiaSferefia’s unb griebrid)’? 11. »er* Reifen t>atte. Slllein burd) bie un»orftd)tige Siebe be? Dberfllieutenaitt? £apun burd) ben ©eneral gertnor unb biefen mieber burd) ©olti* tom, bi? jute^t 95uf urlin an beffcn ©teile trat. 3 war ftegten bie ruff. Gruppen in ben ©d)lad)* ten bei ©rofjägernborf unb bei Jtuner?borf uttb eroberten Dolberg, eine burd>greifenbe Gnt* fc^cibttng aber »ermochten fte nid)t fcrbeitufüljren. 9?od) »or bem Gnbe be? .Krieg? fiarb 6. am 5. San. 1762. ©ie grünbete bie Unioerfttät ju 9Äo?fau unb errichtete ein ©eecabetten* corp?, fomie bie Slfabemie ber fdjönen Äünfle ju $)eter?bttrg; aud) lief fte an bem @efe|* buche arbeiten, ba? unter ^>ctcr I. begonnen mar, bocE) ohne e? ju »ollenben. dpdirte unb SBeichheit »ermifdtten ftd) auf eine feltfame SQBeife in ihrem Sf)arafter; beim mährenb fte al? Jjfegentin nie ein 2obe?urtbeit unterjeid)nete, lief fte bie graufamflen Seibe?firafen anmcn» ben unb Saufenbe in ben Ginöben ©ibiriett? unbÄamtfdjatfa? fcf)mad)tcn; fie meinte2!l)rd* nen über ba? UtiglttcE be? .Krieg? unb »ergof, um eine perfönliche 6mpfitiblid)feit ju befrie* btgett, ba? SMitt in ©frönten. SSt? in bie fpätefien 3af)rc ihre? geben? fröhnte fte ber ftnn* liehen Siebe. 9)10 bem gelbntarfchall fRajuntorofft), ber erfl ihr SSebtenter, bann ihr Äam* metherr, julefst ihr im ©tillen angetrauter ©emaht mar, erjeugte fte eine 3Sod)ter uttb jmei ©ohne. Sin ihrem $ofe herrfchten ©ittenloftgfeit, Slngcberei unb 33erfolgung?fud)t; bie 9ted)t?pflege mar gehemmt, bie ginanjen maren zerrüttet. Sluffallenb hulbigte fte ber Gitel* feit. Stach ‘h rem 3Sobe fanb man 30000 »erfd)iebene .Kleiber in ihrer ©arberobe. 3nS3eob* achtung ber firchlichen ©ebräuchc mar fte auferft fireng unb nicht frei »on abergläubigen 9Jleinungen uttb SSeforgniffen. 3h r folgte auf bem &h rone e t e r 111. (f. b.). (Sltfttbetb (Ghnüinc), bie ©emahlin griebrid)’? II. »on $)reufen, eine^)rinjefftn»on Sraunfchmeig • SBolfenbüttel, geb. am 8. 9!o». 1715 ju 95raunfchmeig, ermarb ftd) burd) ihren ebeln Gharafter, ih te 2ugenben unb ihren gebilbeten SSerftanb allgemeine Sichtung. 3ur 33emiäf)lung mit ihr im 3- 1733 burd) feinen SBater gejmungen, hafte griebrid) bi? ju beffen 2obe im 3- 1140 »on ihr getrennt gelebt; nad)bem er ben &hron beftiegen, gab er bie unjmeibeuttgflen SSemeife, mie fehr er bie au?gejeichneten Gigenfchaften feiner ©emahlin «erehre, obgleich fte nie feine 3ärt(id)feit befaf. Gr fd)enfte ihr ba? ©d)lof ©chönhaufen, mo fte gemöhnltd) ben ©ommer jubrachte, unb bemte? ihr fterbenb nodh feine 23eref)rung, inbem er, aufer bem herfömmlichen SBttmengelbe »on 40000 2f)ltn., ih c noch «ine jahrli^e Stente »on 10000 Slhlrn. beflimmte; „benn fte hat", erflärte er, „mährenb meiner ganjen Stegie* rung mir nicht bie minbefte Sleranlaffung jum 9)tt?»ergnügen gegeben, unb ihre unerfchüt* terliche Smgenb »erbient Ghrfurd)t unb Siebe." ©ie fiarb am 13. 3an. 1797. 3h* Seben mar eine ununterbrochene 3Seif)e »on 2Bohlthe'I$ite) Osltfa&effj ©jjatloffe flexioi. sur l’etat des affaires publiques en 1778, adressees aux personnes craintive3 w (33erl. 1778) unb „La sage revolution" (33etl. 1779), welche Schriften tiefes ©efüf)l unb Reifen S5ti<£ beurfunben. Vgl.$)reuf, „Se6enegefd)icf)te griebtid) beSSrofen" (Verl. 1833). ©lifnbetlj (^3£)ilippine SRarie gefeite »on granfreid), SRabame), bie Schwefter 2ub« Wig’« XVI. unb bte . Softer be« Sauphin Subloig, be« Soljn« 2ubwig’« XV. »on Statt!» reich unb ber SJlaria 3ofeph*ne, fPrinjejftn »on Sachfen, war ju Verfailie« am 3. SOZai 1764 geboren, Schon im Sllfer »on bret Safjren SBatfe, jeigte fte fid) in früher Sttgenb »on t>efti= gern unb fjocbfaf)renbem SSefen; »on U)rer einfid)t«»oUen ©rjieherin, einer ©räfttt »on SM* fan, würbe fte fo trefflich geleitet, baf fte fpäter al« ein SJlufter ber Eerjen«güte, firenget Sitte unb gebiegenerSBeiblidjfeit galt. 3hrebefd)loffeneVerheiratljung mit laiferSofept) 11. jerfcjjlug ftd) au« unbcfamtten ©rünben, ebenfo bie Vermählung mit bem ^»etjoge »on Slojla, ; weit man beffen 3?ang für fte nicht angemeffen hielt, ©ine innige greunbfd)aft »erbanb fte mit ihrem 33rttber, ßubwig XVI., ber fte oft ju Sfattje jog unb ihr einen herrlichen Sanbftft ju S)2ontraül fd)enffe, wo fte fern »on ben Sntriguen be« E°f® in auSerwdhlter ©efellfchafi unb unter guten SBerfen einen grofen Sheil be« 3al)te« juferadljte. SU« man ihr jährlich 25000 £i»re«9lenfe ju ^Diamanten au«fc§fc, wie« fte biefe Summe für unbemittelte greunbe an. Seim 3lu«bruche ber ^Resolution begab fte ftd) jur gamilie ihre« Vruber« unb hielt e« für ihre Pflicht, alle Scfudfale bcrfetben ju theilen. Sluf ber »erunglütften gludjt be« 16* nig« am 20. 3uni 1791 fam fte in grofc ©efaljr, inbem man fte für btelönigin hielt. Sille« Slbmahncn« ungeachtet begleitete fte ben lönig unb beffen gamilie in bie Slationaloerfamm» lung unb warb am 13. Slug. 1792 mit in ben Stempel abgeführt. £ier wibmete fte ftthgani ihrem unglücflicfjen Vruber unb feinen linbern unb leerte atlmälig ben leid) ber bittcrflen fieiben unb Prüfungen. S2ad) ber Einrichtung ihre« Vruber« unb ihrer Schwägerin fdjicn j fie mit ihrer 52id)te, ber Ecrtogin »on Slngouleme, beren ©rjiefjung fte ftch eifrig angelegen , fein lief, ganj in Vergeffenheit gefontmen ju fein, al« fte ant 9. 9)2ai 1794 »on gouquier* 3än»ille plöflicf) »or ba« 92e»olution«tribuna( gezogen unb aufer ber &h e ^ na h me an ben föerfchwörungen ber Sapef« gegen granfreid) be« ®iebflal)l« ber Ironbiamanten ju biefem Swecfe befchulbigt würbe. Slm 10. fJJlai »on bem 6on»ente »erurtheilf unb unmittelbar tarauf nebfi 24 Anbern jur ©uillotitte geführt, flarb fte mit ebler gaffung unb Stanbljaf» tigfeit. 3h r Verbrechen beflanb eigentlich bartn, baf fte mit ihren entigrirten Vrübcrn Vriefe gewechfelt. SSgl. ©uenarb, „Histoire de Madame E. ;/ (S)ar. 1802). (SlifaBcfB Err^ogin »on Crlean«, bie jweite ©emahlin be« E er ä°9$ ^h^PPT- 8011 ^^ 0 ”« (fb-)r be« Vruber« Subwig’6 XIV. »on granfreid), war am 2 7. SM 1652 ju Eeibelberg geboren unb bie SEodifer be« lurfürfien larl Subwig »on ber^falj. ©in E er ä 0 9 öon lurlanb, bem fte anfang« jur ©emahlin befiimmt war, entfernte ftch h e * m “ lieh au« Eeibelberg, al« er ftch «r»t *h r »ermahlett follte; beim fte war »on fetjr fleiner ©e» fialt, berben, rauhen unb babei ftoljen ©harafter« unb hatte fafl männliche SRanieren. Sw 3. 1671 mufte fte ftch, nachbem fie »on ber reformirten jur fatf>olifchen lircf)e übergefreten war, an« politifchen 92ütfftd)ten mit bem Eerjoge sott Drlean« »ermählen. Slucf) an bem galanten E«fr Subwig’« XIV. behielt fte inbef ihr eigentliche« SBefett unb bie beutfehe Sprache bei; nicht«bef!oweniger erjwang fte ftch, inbem fte auf Slugenb unb ©hrc hielt, Sichtung unb Sin* ’ fehen. Sin ben Vergnügungen be« üppigen E»f« «ahm fte fafi gar feinen Slntljeil; bod) liebte fie bie 3agb, hatte an Eunben unb ^)ferbcn grofen ©efallett unb crfd)iett häufig in männlicher lleibung. SubWtg XIV. liebte fte befonber« wegen ihrer SKunterfeit unb ihre« berben SBife«, ergöffe ftch, wcntl 1> e bie Snfrigtten unb bie Sdimeicheleien ber E»flinge burch ihre ©erab* f>«it aufbedte unb lächerlich mad)te unb befanb ftch fef> r gern in ihrer ©efellfchaft auf ber 3agb. ©egen bie grau »on SRaintenon nährte bie Palatine, wie man fte al« pfätjifdje ^)rin* gefftn bei E«fe nannte, einen grimmigen E«f, ben biefe reichlich ihr wieberöergalt; aud) bem lönige fonnte fte e« nie »ergeben, baf er ihren Sohn, ben grinsen Philipp II., Eerjog »on D r l e a n « (f. b.), mit feiner natürlichen Tochter »ermählfe. Um biefe ihre Schwieger» . tochter ju fränfen, überfaf) fte felbfl bie gröbflen 3lu«fchweifungen ihre« Sohn«, ju einet | Seit, wo e« ihr »ielleicht möglich gewefen, ihn auf beffern 2Beg ju führen. 9Bie fte bie beutfehe Sprache liebte unb wäljrenb ihre« funfjigjährigen Aufenthalt« am franj. E°fe immer noch für gewöhnlich fprad), behielt fte «uch grofe Anhänglichfeit an ihre 2anb«leute, befonber« an 673 SItfcfje Schule (ültte beutfcfje ®elef)rfe. fRamentlidj Bermittclte jic ben 23riefwcd)fel Leibni|’g mit ftanj. ©efe^r- ten. 3nbef würbe fte bie unfd)ulbige Urfad)e unermeflirfjen Unglücfg für tt)r bcutfdjeS 93ater* lanb. 3f»re 3lnfprüd)e nämticf) auf bie SlUobialBerlaffenfchaft ifyrcS Sruberg Lubwig, beg le|ten Äurfütjlen Bon ber $)falj, aug berSimmernfd)en Linie, unb auf alle bie nad) ber 9fu* perrinifchen ©onflitution an bie ^>fal§ gefontmenen Länber gaben Lubwig XIV. ben 93or* Wanb, Bon 1688—93 bie (Gebiete ber 9)fal$ furchtbar ju »erljeeren. ©nblich würbe bieder» jogin burch einen Sdjiebgfprud) beg $)apfteg im 3. 17 02 burd) eine bebeutenbe ®elbfumme abgefunben; aud) famen burd) fte bie äTunfIfd)ä|e berfturfürjlenöonberfPfaljanbaS^auS Orleans. 9lad) bem Sobe itjreS ©emat)I3 wollte fte ber Äönig auf SSeranlaffung ber 9Rain* ; tenon in ein Jtlofler fd)icfen; allein in it>ren religiöfen ©runbfäfen siel ju aufgeflärt, willigte fte nicht barem unb blieb am Jpofc. 3hr Sohn bewahrte ihr immer bie größte Sichtung. 3n ihrem Sßifwenftanbe befchäftigte fte ftd) mit Slbfaffung ihrer SRemoiten; im ®ruc! ftnb Bon ihr erfd)ienen „Fragments des lettres originales de Madame Charlotte E." (2 33be., fPar. 1788; neueSlufl. unter bem Sütel „Melanges historiques, anecdotiques et critiques", fPar. 1807) unb „Memoires sur la cour de Louis XIV et la regence, extrait de la corre- spondance allemande de Madame Charlotte E." (^)ar. 1822). Sluf bie ©rjiehung ihrer Äinber war tl)r wenig Ginfluf geflaftet. Sie fiarb am S. ®ec. 1 722 ju St.* 6 loub. — 3hre Socfjter, GUfabeth ©harlotte, SRabemoifelle be ©hartreg, 9 £ h- am ,3> ® £ Pf- 1676, würbe 1698 mit bem $erjoge Jfarl Leopolb Bon Lothringen »ermählt. Slug ihrer ©he entfproffen 13 Jbinber, barunter itaifer granj I. Sie war eine grau Bon ©harafter, muffe, feit 1729 SBitwe, in brangooller Seit mehrmals bie 9?egentfd)aft übernehmen unb lief ftch 17 36 jurfouBerainen gürflüt Bon ©omnterep ernennen. Siefiarb am 24. ®ec. 1744. I ©lifthe @djule ober ßretrifche Sd)ule, fo genannt nad) ihren beiben wichtig* f flen 23ertretern, ^h a£ b° aug ©i$ unb SRenebemug aus Sretria, war ein SRebenjweig ber 3Regarifd)en Schule (f. b.). 3h rc 5ln^änger f^etnen ftrf) »oriitößmeife tn ber Strivocn- bung ber fleptifdjen ©ialeftif ber 9Regari!er, infofern biefe bie obfectiee ^Realität ber ©at* tungSbegriffe unb bie 9Röglid)feit einer ©rlennfnif burch fpnthefifdje Urtheile bezweifelten, gefallen ju haben. ©lifton heiff in ber ©rammatif bie Slbwerfung ober Slugflofung eineg furjett S 8 o* calg am ©nbe eineg SBorteg, wenn bag näd)ftfolgenbe2Bort wieber mit einem SSocale beginnt, um ben Jp ia t u S (f. b.) ju Bernteiben. 3ur SBejeidjnung berfelben wenbef man ben Sipo* flroph (f- b.) an, 5 . S3. ,,hab’ ich" flatt „habe ich". ®* nc weitere Slugbehnung erleibet bie ©lifton in ber ®id)terfprad)e ober SSergfunfI, befonberg bei ben ©riechen unb Römern, in* bem bei jenen felbfl ®ipl)thonge auf biefe SBeife attggeftofen werben, bei biefen auch bag 9)1 mit feinem oorhergehenben 93ocale, wenn bag näd)fle SBort einen 3Socal ober ein •£> im Sin* fange hat, Bon bem Lefer beim SSortrage »erfchlucEt wirb, ohne baf ein äufereg Seichen bet ben ^Römern bafür flattfinbet. 33erfd)teben baoon ift bie Grafig (f. b.). ©lite nennt man im Slllgemeinen bag Slugerlefene ober S3efie in einer Sad)e. Unter ber ©lite einer ®efellfchaft »erfleht man bie burch Stellung, SSilbung unb SEalent auggejeichnetflen ©lieber berfelben. 3m SRilitairwefen bezeichnet man mit bem SRamen ©liten bie für befonbere 3wede aug ben tapferfien unb erprobteren Solbaten jufammen» gefe|tcn Sruppenabtheilungen. Solche ©litencompagnien würben namentlich in granfreid) wcif)renb beg fReoolutiongfriegg gebilbet unb bei befonberg gefährlichen Unternehmungen an bie ©pi|e geflellt. Sie f)iefcn bei ber Sinieninfanterie ©renabiere, bei ber leichten Snfanterie SJoltigeurg. Sllg 3ourban 1796 bei SReuwieb über ben SRh^in ging, führte er biefe Unternehmung augfcflief lid) burch fämmtlid)e ©renabiercompagnien aug. S3ei bem Sin* griffe Sainf-Spt’g auf bie öflr. Stellung bei fRotljenthat würben fämmtliche ©renabiercom* pagnien jurUnterflü|ung ber^palbbrigabe Secourbe aufgeflellt. fRapoleon alSHaifer beflimmte, baf jebeg S3ataillon jwei ©litencompagnien habe, welche auf bie glügel geflellt würben, bie | ©renabiere auf ben rechten, bie 25oltigeurg auf ben linfen. ©twag fpäter würbe aud) bei I jebem©aBalerieregimente eine ßlitenfchwabron errichtet. ®ie 6 rrid)tung Bon 61i*. ten truppen im Slllgemeinen hat Bielen SBiberfpruch gefunben, weil baburch Giferfud)t erjeugt unb ber überbleibenbe Sheil beg S5ataiUong, nachbem bie ©liten htrauggejogen ftnb, Oon». * 8 er. Sleunte Jfufl IV. 43 trsz ' • 674 (ÜütjCtt @mot umfofchlechtermich. ® erSerfuch, ganje Glitenbataillone juformtreu, (>atftd^nir« gcnb als ji»ccfmä|iig bemährt. ©in anberer micf)tiger Sachtheil ber ©litencompagnien befielt barin, baß, menn fte jit einem befiimmten taftifchenSmecfe betafdjirtmerben, ber ganje innere Sufammenijang eines SataillonS baburcf) gcflört mirb. ©Itjtir, abgeleitet non elixare, b. i. auSfodjen, Reifen mef)« Ptebicamente, voetd)e auS SBeitt ober SBeingeiW unb »erfd)iebenen fyarjigeit, bittern Pftanjenjioffen befiehcn. 3cfct gebraucht man bafür gemöhnlid) baS 2Bort £ i n c t u r (f. b.), »on melier ftcf> jebod) baS ©lipir burd) feine mehr bicflicfye, unburchfichtigeSefchaffenheit unb feinen geringem geifligen ©eljalt unterfcheibet. Sefannt fittb inSbefonbere gt. Jpoffmann’S unb Stoughton’S Ptagen» elirire unb -palicr’S faurcS (Sfipir. (SIIc, f. Ptaße unb ©emicf)te. ©ttettboroug^ (ßbmarb Sa», S3aron), Sotb, geb. 1750 ju ©reat=Salfeb in ©um» berlanb, ein Sohn ©bmonb Sam’S, SifcfjofS »on ©arliSle, erhielt ben erfien Unterricht auf ber Jtartljaufe in Sonbon, fiubirte ju Gambribge unb mibmete ftrf> bann §u Sonbon ber 9icd)tSmiffenfchaft. ©leid^jcitig mit ©tSfine unb Scott trat er als Sad)malter auf unb ge> mann fetjv balb ben SSorrartg »or biefen berühmten Plännern. ©inen allgemeinen 3luf er« marb er fid) feit 1785 burd) bie Scrtf)eibigung »on SBarren .£> a fi i n g S (f. b.). 5tuf ber Seite ber AnfJäger fianben in biefem berühmten Proceffe Surfe, gop unb S^eribatt; nichtSbefio« meniger gelang eS 6. nach fünfjährigen Anfertigungen, baS Oberhaus »on ber Sd)ulblofig» feit beS Angeflagfen ju überjeugen unb bie gretfpred)ung bejfelbcn ju bemirfen. AIS ein ge« miffenhafter unb energifefter Aboocat mürbe er 1S01 junt ©eneralftscal unb 1802 junt Oberrichter am ©erid)t ber -RingSbend) unb $ura Pait erhoben mit bera £itel eines Satott »on ©llenborougf), einem gifdjerborfe, aus meinem feine Familie flammte. AIS Sorb ©ren»ille an bie Spifce beS PlinifieriumS trat, erhielt 6. Si(j im StaatSrathe, maS als gegen bie Serfaffung große Plisbilligung erregte. 3nt Parlamente bemieS er ftd) als ent« fdjiebenen £orp unb inSbefonbere als heftigen SBiberfacher ber irifchen Äatholifen, beren ©mancipation er für flaatSgefährlich anfal). ifurj »or feinem ©nbe legte er baS 9cid)teramt ttieber aus Ärger über bie greifpredjung SBilliam $one’S burch bie 3urp. ©r fiarb am 13. 2)ec. 1818 unb hinterließ auS feiner ©he mit einer Urcnfelin beS £l)omaS 2R»ruS, jaßl» reiche Jlinber, bie in Jtird)e unb Staat tüchtige Plänner gemorben ftnb. — Sein ältefter Sohn, ©bmarb Sam, Saron ©., geb. 1790, ßrbe feiner SBürben, mürbe unter SBellington Pütglieb beS PlintfleriumS unb Präftbent beS ©entralbureauS ber irtbifcf)en An« gelcgenheiten. ÄIS foldher enthüllte er bie Abfeitfcf)aft gefobert, weil er of>ne anfcf)einenb genügenben ©runb im ©ec. 1837 non itanton fiel) nad) ÜJiacao juruef- gezogen, im 9Rärj 1839 auf Verlangen beS cf)inef. ©ouncrneurS Sin bic engl, äfaufleute ju IltiStieferung ihrer Dpium»orräti)e »eranlaft, im Sehr. 1849 »or bem anrüefenben cljinef. gclbfyerrn §)if) 9Racao geräumt, Ijierburd) unb burcf) fein übriges 93ert>attcn ©nglanb ;ur .SWcgScrflärung genötigt unb auef) bann nod) unentfchloffen in feinen 9Raf regeln unb $u nachgiebig in feinen Unterfjanblungen ftcE) erwiefen £>atte j bod) gelang eS ihm, ftd) ju recht* fertigen. — ©eorge ©., ber als Sontreabmtral in ben cljinef. ©ewäffern ffationirt 1840 bie ©rpebition gegen ©hina befehligte, würbe jugleid) mit bentSorigcn 1841 abberufen. (©beneser), ein engl. 9taturbichter, geb. 1781 in SJlaSbro, einem ©orfe bei ©Ijeffietb, unb jübifdjer $erfunft, tjat jtd) bie Äorngefepe jum Sterna gewählt, ©eine ©ebidjte (3 Sbe., 1838) jfrofen non fchroffer, oft unnerbauter, SieteS auf bie ©pijje frei» benber ^)oIitif, ftnb jebod) feineSwegS ohne poetifchen SBerth unb flehen bei ben 9J2itglic= bem ber Corn-law-league in hohem Anfehen. ©egen ©nbe beS 3- 1S42 lebte er noch in AtaSbro, wahrfdbjeinlicb) weniger nont ©rfrage feiner SHufc als etneS ©ifenhanbelS. ©tfiof (©eorge AugufiuS), Sorb ^eathfielb, ber Sctfheibiger non ©ibralfar, geb. ^u ©tobbS in ©ehottlanb 1718, erhielt feine Silbung in ©binburg unb in ber frant. 9Rilitairfd)ule ;u Sauere unb nat)m 1733 ©ienffe bei bem 3ngenieurcorpS }u SSoolwicb. AIS Dberftlieutenant bei ber reitenben ©renabiergarbe begleitete er im 9)1 ai 1743 ©eorg 11. nach ©eutfchlanb, als biefer SRatia Shetefta gegen Stanfrctd) unterftügte, unb würbe @cne= rafabjutant. 3«t Siebenjährigen ifriege focht er als JDberftin 9?ieberfad)fen; alS Gl)ef eines ^Regiments leichter Sfeiterei, baS er fclbfi geworben hatte, würbe er hier jum ©eneralmajor, nach bcm Stieben jum ©enerallieufenant unb 1775 jum ©ounerneur non ©ibraltar beför= bevt. Spanien, baS mit Stanfreid) nerbunben feit 1779 an bem Kriege jroifchen ©nglanb unb 9lorbamerifa S£l)eil nahm, hatte noch »or ber JfriegSerflärung ©ibraltar ju 2öaffer unb ju Sanbe eingefdjloffen, unb brei Sahre würben nun auf bie Anwälten 51 t einer Selagerung nerwenbet. 3m Sunt *"82 langte enblid) ber #erjog non Grillon, ber DberbefehlShaber ber fpan. $eere, »or ©ibraltar an; ein firner non 30000 9R. Stanjofen unb Spaniern ftanb am Sufe beS gelfenS; jeljn wohlgefd)ü|te fchwimmenbe Satterien mit 147 metallenen unb 250 eifernen dfanonen follten bie ©roberung nollenben. Am 13. ©ept. 1782 näherten fte ftd) ber Sefiung; bod) ©. lief über 4000 glühenbe äfugeln auf bie feinblichen Satterien werfen, worauf fchon am SRachmiftag mehre berfelben in rollen glommen ftanben. 3 wölf ätanonier» boote, bie auS ber Sefiung unter bem ©apitain ©urtiS auSlicfett, »erhinberten bie Soote ber Selagcrer hetbetsufommen, unb am näd)flen 9Äorgen war bie Sernicf)tung ber Satterien beenbet. 9lad)bcm 6 . auch ben Angriff non ber Sanbfeite ncreitelt unb überbieS ein ©türm grofen Schaben in ber fpan. flotte angerichtet hatte, fo nerwanbelte ftch feit ber 9Jlitte 9to». 1782 bie Selagerung in eine blofe ßinfcf)liefung, welcher ber am 20 . 3an. 1783 $u 5öer* failleS Unterzeichnete Stiebe ein ©nbe machte. ©er äfönig non ©nglanb überfdhiefte ©. ben Sathorben; bie Sefafung non ©ibraltar aber, bie fo grofe AuSbauer bewiefen, erl)iclt eine Sahne mit ber 3nfdijrift „9Äit ©lliot 9fuhm unb Sieg". 9tad) bem Stieben fehlte ©. nach ©nglanb jurücf unb würbe jum Sotb fjeafhfietb ernannt. @r flarb am 6 . 3 uli 1790 in ben ©äbern zu Aad)en. 3u ©ibraltar würbe ihm ein ©enf mal errichtet. — 8 o r b © 11 i o t, ber ältejle ©ohn beS ©rafen »on ©t.‘©ermanS, geb. am 29. Aug. 1798, war unter Stelling* ton 1827 — 30 8 orb ber ©chafsfantmer unb würbe 1834 UnterfiaatSfecretair ber attSmät* tigen Angelegenheiten, im 9Rai 1835 non SBellington ju einer ©enbuttg nach Spanien »er' Wenbet, wo er eine ©onnention ju ©tanbe brachte unb bann ©eneraffecrctair beS Sorb* lieutenantS »on 3tlanb. ©chon 1824 mürbe er für ©ornwaH ins Parlament gewählt. (gried).) nennt man in ber Sprachlehre unb SRfjetottf bie SBeglaffung eines 9öorteS, beffen Segrif jur SeröoUfiänbtgung eines ©ebanfettS hiujugebacht werben muf. Sie ift theilS burch ben Affect beS @pred)enben bebingt, theilS burd) ben 9tad)brucE,. ben man burch bie dfürje erreichen will, waS befonberS bei ©entenjen unb fprüchwörtlichen SRebenSatten ber Sali ifi- Sem SRiSbraud), ber früher in ber grammatifchen ©rflätung bet 43 * 676 ©ßtpftmkr ©Ktptifchc Functionen alten ©d)riffffeller mit ber gröffentheilg unffatthaften Einnahme »on ©Uipfcn getrieben mürbe, tjat juerff @. Hermann entgegengemtrft in ber ©djrift „De ellipsi et plconasmo" in ben „Opuscula" (83b. I). Sen ©egenfag bitbet ber fptconagmug (f. b.). — 3n ber SDTufif »erficht man unter ©lüpfe bic übergangene ?luflöfung einer Siffonam, inbent fo* gleich einanberer9lccorb fotgt. — 3n ber©eometrie nennt man ©tlipfc eine frummeSinie beg jmeiten ©rabeg, einen ber brei Äegelfchnitte, ber entfielt, menn ber ®d)nitt fo geführt mirb, baf er beibe entgegengefegte ©eiten ber Jtcgetfläctje trifft. Sie ©Uipfe iff unter ben Äegelfchnitten bie einjige gefdffoffene gigur, mäfjrenb bie beiben anbern, bie Parabel unb bie $pperbel, in unenblidje Slffe auglaufen. Sie größte gerabe Sinie, meidfe man jmi» fd)en jmei fünften ber ©Uipfe jietjen bann, bjeift ihre grofe Stcfffe, unb bie in ihrer fObitte barauf fenfredffe, bie bteine Sld)fe. 33eibe ttjetlen bie ©Uipfe in »ier gleiche unb ähnliche Steile. Sie ©nbpunbte ber grofen 8ld)fe Reifen bie ®d)eitetpunbte. Stuf ber grofen 3td)fe gibt cg jwei fünfte, metdje bie Gigenfchaft haben, baf bie ©umme ihrer ©ntfernungen »on jebem fünfte ber Peripherie ber ©Uipfe gleich ber grofen Std)fe ift; man nennt biefe fünfte bie 33rennpunftc. 85efeffigt man batjer einen gaben mit feinen beiben ©nben in biefen SJrennpunften unb fpannt man itjn mit einem ©tift, fo mirb biefer ©tift, menn er ffch fo bemegt, baf er ffetg gefpannt bleibt, eine ©Uipfe befd)reiben, beren grofe 3ld)fe gteirf) ber Sänge beg gabeng iff. Sieg iff bie einfadjffe 8lrt berGllipfographen, b.i). ber 9Jlafct)i- nen, bie man jur S5efd)teibung berßUipfen »orgefdffagen hat. ©ine Sinie »on einem 33renn* punfte nach einem fünfte ber Peripherie ber ©Uipfe f)eift ein Stabiug SSector. Sie @ntfer* nung jebeg ber SBrennpunfte »on ber Plittc bet grofen 9ld)fe nennt man bie ©pcentricitat ber ©Uipfe. 2Benn biefe ©pcentricitat oerfebminbet, b. h- wenn bie beiben SSrennpunfte in ben SOffittelpunft ber grofen Sldffe faUen, fo mirb aug ber ©Uipfe ein Äreig; ber Äreig iff affo nur ein befonberer, einfacher gaU ber GUtpfe. 3e gröfer bie ©pcentricitat ber ©Uipfe im 93er* gleicf) jur grofen 3td)fe berfelben iff, beffo gröfer mirb bie 23erfd>iebenf)eit ber beiben 3ld)fen unb beffo mehr metd)f bie ©Uipfe »on einem Äreife ab. ©chon bie alten ©riechen, befonberg SlpoUoniug, haben ffd) »iel mit ben ©igenfd)aften ber ©Uipfen unb überhaupt ber .Segel* fchnifte befdjäftigt, unb bie Steuern haben biefe Unferfudiungen fleißig fortgefegt. ©ttipftmber, b. i. hohlgebogene ©Uipfe, hetft in ber Ptatliematif eine Guröe »on boppelter .Krümmung, in melier ffd), menn ein fenfrecfjter Gplinber mit freigförmiget 33affg burch eine Äuget geht, ohne baf bie 8td)fe beg ßplinberg burd) ber Äuget SJlittelpunft geht, biefe beiben glächen fdjneiben. SBenn aber jmei folche Spltnber ffch fdjneiben unb ihre Stchfen aufeinanber fenfrecht ffehen, fo heift bie fo enfffehenbe 6ur»e Gpflotmber (f. b.). ©Htpfograph, f- ©Uipfe. ©Uipfotb heift in ber ©eometrie ein .Körper, ber burch bie Umbrehung einer ©Uipfe um ihre grofe ober Heine Stdffe entfleht, mo bann bie auf bie Umbrehunggachfe fenfredffen ©dritte aUc Äreife ffnb. SRidjtiger fagt man eUiptifcheg ©phäroib (f. b.). ©ttipticifät nennt man in ber ©eometrie benjenigen Quotienten, metcher erhalten mirb, menn man ben Unterfdjieb ber beiben Sldffen einer ©Uipfe ober eineg burch Umbrehung erhaltenen GUipfoibg burch bie grofe Sldjfe bioibirt. Siefer Quotient iff immer ein echter Sutd) unb jmar beffo Heiner, je meniger bie ©Uipfe »on einem .Streife ober bag GUipfoib »on einer Äuget »erfdffeben iff. 3n ber matbematifchen ©cographie iff bie GUipticität ber ©rbe, bie alg ein ©Utpfoib angefehen mirb, gleichbebeutenb mit ber Slbplattung berfelben. ©Ilipfifdje Functionen, in ber hohem 9lnalt)ffg unb ©eometrie. Sie ganje 3nte* gralrechnung, biefer fo höchff michtige SUjetf ber Ptati)ematif, befielt im ©runbe nur aug Sruchffücfen unb iff nod) fehruimoUfommen. Dfjne ber Siffcrentialgleidjungen mit mehren »eränberlichen ©röfen gu ermähnen, beren gröfter Sfjeil er ff noch J u bearbeiten iff, laffen ffch felbff noch eine f e h c grofe Slnjahl »on Sifferentiataugbrücfen mit einer einzigen »erän* berlichen ©röfc nicht integreren, ©ehr oft bleibt nidjtg übrig, alg biefe Slugbrücfe in SReitjen aufjulöfen ober ffe nach ber Ptethobe ber Quabraturen ju behanbeln. Unter biefen Umffänben hat man gefugt, bie Saht biefer 9lugbrücfe menigffeng baburch ju »erminbern, baf man bie gemeinfdjaftliche Slbhängigfeit ganjer ©taffen »on gormeln »on einer einjigen gefugt hat, unb fo entffanb ber michtige j3metg ber SUnalpffg, ber bie 83ergleid)ung ber Stebuctionen ber »erfchiebenen 3ntegralaugbrücEe enthält, ©o haben mir bereit« eine grofe Slnjaiff »on ©fliptifcfje Hhpotljefe ©Ci8 677 ®ifferentialien, b« ftch in ihrer Sntegration auf Kreisbogen ober auf gogarithmen jurücf» führen (affen, unb ba bereit« berechnete SEafeln ber ©inu$, GoftnuS u. f. re., foreie ber goga* rühmen »ortjanben fmb, fo fann man jene SCusbrücfe ebenfalls als befannt annehmen. Slllein eS gibt noch unjäljlige 3luöbri'tcfe, welche jtcf) reebet burdf) Kreisbogen noch bittd) gogarithmen integriren (affen. Gin foldjcr SluSbrucf ifl g. 58. ber Stutf), beffen 3äf)lct clx unbbeffen Slenner bie Sluabratrourjel aus bem fpolpnom a + bx -J- cx 1 + fache jutücEfühten (affen, nämlich auf Pd

    ft in ber 3lffronomie bie Bon bem Gnglänber ©ctl)*2Barb, geb. 1618, gefi. als Sifdjof Bon ©alisburp 1683, neubegrünbefc unb mobificirte Sinnahme Bon ber Sereegung ber Planeten in Gllipfen. ©d)on Soutllarb, geb. 1605, geft. ju ^)uri$ 1694, in feiner „Astronomia philolaica" (fj)ar. 1645) hatte grear bie Bon Kepler entbeefu Sereegung ber Planeten in Gllipfen angenommen, aber er ftellte ein anbereS ©efefc für biefc Sereegung auf als baS, welches Kepler gefunben hatte. Souillarb reurbe Bon ©eth* SBarb in einem eigenen umflänblichcn SZBerf e „Inquisitio in ßullialdi astronomiam" (Erf- 1653) reiberlegt, aber auch ©eth«2Barb nahm baS Kepler’fcbe ©efe|, nach welchem bie oon bem 9tabiuS Sector befchriebenen Flächen ftch wie bie feiten Berhalten follcn, nicht an, unb fubfiituirte ihm bafür baSjenige, nach wetdhem bie SBinfel beS auS bemanbern Srennpunftc, Wo bie©onne nicht ifl, gezogenen StabiuS Sector ftch wie bie Seiten Berhalten follcn. ®icfcS reurbe unter ber Senennung ber einfachen elliptifchen Hppotljefe Bon Bielen 3lflro= nomen jener Seit mit grofern Seifall angenommen, wie Bon SEarb, fPapen, ©treet, SBing. ©päter hat fRicolauS SRereator in feiner „Hypothesis nova astronomica" (gonb. 1 664) an biefcrHppothefe mancherlei fonberbare Gorrectionen angubringen gcfud)t, um fte benSeobach- tutigcn mehr angupaffen. 3«6t ifl biefe ^)ppothefe, welche aujjer Gafftni fein bebeutenber Slflronom als richtig angenommen hat, längft ber oerbienten Sergeffcnheit anheimgefallen. (SBiliiam), ein Berbienter SRifftonar, lernte urfptünglid) als Suchbritcfer unb übernahm 1S16 Bon ber lonboner 5RifftonSgefeUfd)aft ben 3(uftrag, bem oon engl, ©tau- benSboten auf ben ©anbreichinfeln geprebigten Ghriflenthume eine fefieSafiS gu Berfd)affen. ®c«halb lief er ftch m Gintec nieber, reo König fPomare nach Sereältigung ber bem alten Glauben ergebenen Häuptlinge auf Etahcite, am 12.5Roo. 1815 ftch entfliehen für bie neue gehre erflärt hatte. ®ie Saft« follte Slufftärung fein, ben SBeg gu ihr bie treffe bahnen. 5Rad)bem et in Ginteo feine Srucferei aufgefchlagen, begann er mit einem otahitifd>en Such- flabirbuche; bem er einen Katechismus, SibelauSjüge unb ba* Goangeltum be< gucaS folgen 678 ©IlnBojiCtt (Sllota lief. 3Cud^ mit bet 5Bud)binbetfunfl befannt, verbreitete er, von gönnte «ntcrftü^t, bie gebrucftcn ©adjen über gimeo unb bie benachbarten 3nfeln. ©ehr halb mürbe er Selber unb @c§riftf!etter. 3tt golgc ber Aneignung ber Sanbcöfpradje mit ben Sitten unb ©e» bräunen ber Snfulaner hoppelt vertraut, fc£>rieb er bie „Narrative of a tour through Hawaii or Owhyhee" (Sonb. IS26), „Poljnesian researches" (2 S3be., Sonb. 1829 ; 2. Aufl., 4 S5be., 1831) unb jUlefsf polemifcf) „Vindication of the South-Sea missions froin the misreprensations of Otto von Kotzebue" (Sonb. 1831). ©ttltboffett oberGllbogen, a«dE> ©teinelinbogen, böf)m. Sofef, lat. Cubitus, eine föniglidje greiflabt wnb bie -&auptftabt beS gleichnamigen KreifeS, 56 DSU. mit 235000 6., im Königreiche S3öl)mcn, mit 2100 g., liegt am Unfen Ufer ber Gger, auf einer in bie teuere weit auSgebaucf)ten feilen SBetgecfe, unb ift ringsum mit SRaucrn um- geben unb nur mit einem einzigen SEt>ore verfetjen, mcöhalb eS im SJlittelalter für fe£)r fcft galt. Kaifer ©igiSmunb verpfänbete bie ©tabt unb anbere Seftfcungen an feinen Kanjler, Kaspar von Schieb, ben er jum ©rafen erhob; boch ÖMeronpmuS ©raf von ©chlieb ftellte fte 1547, ber unaufhörlichen geljben mit ben halöjlarrigen ^Bürgern mübe, bem Kaifer ger» binanb I. mieber jurüd; bocf) G. faufte fich fet>r halb von ber föniglichen Kammer los unb mürbe nun jur föniglichen greiflabt. @Uöra, ein ©orf in SSotberinbien, in bem unter brit. SDbcrhofjeit flehenben König» reich ®efan unmeit ber ©täbte 21 u r u n g a b a b (f. b.) unb © a u l a t a b a b (f. b.) im fclft* gen ©fjatSgebirge gelegen, ifl berühmt burd) bie munberbarcn Xempelgrotten, melche in einem neben bem ©otfe gelegenen, eine Steile lang in ber gorm eines .£)albfreifcS fich h* n ” jiehenben ©ranitberge auSgcljöhlf ftnb unb fich io einer Sfeihe *mn korben nad) ©üben jiehen, ben Gingang, nach ber W 1 ’ 11 ®eite -fralbfreifeS, gen SBefien gerichtet. ©ie 3af)l berfclben ifl noch nicht genau ermittelt, boch.jählt GrSfine 19 ^)aupttempel, beren heutige Planten von ben gegenmärfigett S5rahmanen herrühren, bie fte nach ihren Anftchfcn von ben ' bafelbfl vorhanbenen SBilbmerfcn benannten. Alle Steifenbe flimmen im Grflaunen über biefe SBunbermerfe überein, von bencn eS faum begreiflich ifl, mie SRenfchenfräfte, felbfl in einer Steifte von 3ahrhunberfen, fte auöjuführen vermochten. Kein ähnliches ©ebäube in 3nbien, nur bie nubifchcn unb ägppt. $£entpclbauten taffen ftch bamif vergleichen. SSei ihrer Ausführung hanbettc eS fich nämlich um nichts ©cringereS als barum, fomol bie Tempel ; felbfl mie eine SJtenge von Kapellen mit ihren unzähligen SSilbfäulen, fReliefS, Drnamenten, j ©äten, ©alerien, kreppen, 23rücEcn, ©äulen, ©äulcngängen, griefcn, DbeliSfen, Koloffen t von innen unb von aufen nach einem genau entmorfenen ©runbriffe aus bem lebenbcn : gelfen in votlenbeter tedmifcher Ausführung jtt hauen, fobaf nichts gemauert ober aus j einzeln bearbeiteten ©tücf cn baran gefegt mürbe; ein Unternehmen, bas bei bem phantaflifd)- J groteSfen ©tit, in meinem bie ©ebäube mie bie SSilbmcrfe aufgeführt ftnb, nicht minbet Runflfcrtigfeit als unenbliche Umficht neben ber Anmenbung ber ungcheuerflen Kräfte verlangte, menn man bie ©röfe unb Fracht ber SSautcn in 58efrad)t sieht, in benen man f)Mä$e ; in gelfen gehauen fieht, melche baS ©oppelte ber gröftcn bcutfd)en öffentlichen fpiä|e über* ! treffen, unb in benen inmitten biefer fPldfje freiflehenbe ^3agoben in ben vollenbetflen Umriffen gemetfjelt ftnb, mit ben retchflen 58ersietungcn unb ben häufig in ben foloffalflen 33erl)ältniffen ausgeführten groteSfen S3ilbniffen ber inbifchcn mpthologtfdjcn 3dd ete , f))er» fonen unb ©tenen. ©er bebcutenbfle unter allen biefen Tempeln ifl ber Kailafa. SSei feinem Gingange unter einem IBafcon tritt man in eine fßorhalle von 138 g. Steife unb 88 g. SKefe, mit vielen Säulenreihen unb Stebenfammern; von hier gelangt man burch einen ©äulengang über eine ÜBrücEc in eine ©rotte von 247 g. Sänge unb 150 g. SSreite, in bereu SRiffe man eine gelSmaffe flehen lief, bie man aber mieber aushöhUe, unb baS eigentliche ^teiligthum barauS auSmcifelte. 25iet Siethen fPilaffer mit foloffalen Glcfanten tragen ben Ungeheuern gelsblocf, ber fo su fdjmeben fcf>eint. ©ie Höhlung im Snnern bef- fclben ifl 103 g. lang unb 56 g. breit, aber nur 17 g. hoch, benn über ihr ifl auS bem . gelfen eine ^Jpramibc von 100 g. Jpöl)c gefunkten, bie man, mie alle SBänbe ber $öhle, mit Silbmerfen überlaben hat. 23om ©adje biefeS 9Rono£itl)entempelS, baS mit einer auS bem gelfen gehauenen ©alerie umgeben ifl) gingen Srfitfen ju anbern ©etfengemölben. 3n ber gröf ern Aushöhlung ftnbet man viele Reiche, Heinere DbeliSfen, ©äulengänge unb ©phin» ©önMttften ©loafj 679 genan ben SBänben aber Taufenbe non ffiilbfäulcn «nb mi)tJ)ofogifd)cn Satfiellungen, beten ©eflaltcn 10—12 g. $ 01)0 haben. Saft alle ©ottfeiten ber inbifefjen 59Zr>t£)ologtc liebt man hier, fowie Satfiellungen Pon Stumpfen auS bem fRamapana unb SRafabfarata j auferbent zahlreiche Snfehriften in bis jefjt noef) nicht erfocfcfjten ©haratteren, bic webet bie j jejigen 33raf)mincn noch bie SfchatnaS ju lefen werfiefjen. Sie anbetnTempelgrottcn geben bem Stailafa nur wenig nach- Dft ifl baS ©ebirge bei ihnen ganj burebbroeben, fobaf brei» fach übercinanber Surcljgänge bureb baffetbe gehauen finb. Sille Säulen unb Pfeiler finb nadb eigentbümlicben SDrbnungen unb, fo wie bie giguren, mit wunberbarer ©leicf)mäfigtot ; unb ©auberfeit gearbeitet, ©ämmtliche SSilbnaerCe waren bemalt, wooon noch bie ©puren . übrig; einige ber Tempelgrottcn ftnb mit_ einem fleinbarten SDiörtel überzogen, bei anbetn bie SBänbe fpiegelblanf polirt gemefen. Uber Sllter unb religiöfe SSeftimmung biefer Tempel I bat man ftcb noch nicht ju einigen oermocf)t. Saf bic brabmitiifcben ©agen Pon ihrer @r» bauung bureb 9?ajab=3lu »or fafi 8000 3af»ren, ober burci) bie ©ohne beS ^anbu fabelhaft ! finb, bebarf feinet 33emeifeS; jedenfalls muffen fie jünger fein als bie ©pen „SRamapana" ober „ÜRaljabharata", weil fie Sarftellungen aus biefen ©ebiebten enthalten, unb auch jünger als bie Tempelgrotten auf ©lephantc unb ©alfette, weil eine Piel reichere Stunfl ftcb in ihnen Zeigt. Überhaupt !ann ihre SluSfjauung nur in einem mächtigen, reichen, mit ben nötigen [ .fjülfSmitteln ber Stunfl unb SBijfenfchaften auögerüfleten Staat möglich gemefen fein; fie muf alfo in einet Seit gefchetjen fein, wo bie inbifchen 33ölfer fchon auf einer hohen ©tufe ber ©ultur flanben, aber noch nicht Pon auswärtigen ©roherem unterjocht waten, fonbern in ber 33lüte if>reS religtöfen wie ihre« bürgerlichen SebenS ftcb befanben. 3BaS ben ©ultuS betrifft, bem fie angehörten, fo fielt ©rStine jehn ber neunjeljn ^)aupttempel für bubbfiftifcf, bie übrigen neun für brahmanifch; SRfobe bagegen halt, wenn nicht alle, fo hoch bie meifien ^ für bubbbiflifchen UrfprungS. ©llttKUtgett, bie ^»auptflabt bcs gleichnamigen DberamtS im würtemberg. 3apt?r'eife, fonfl ber gefürfleten fPropftei gleiches StamcnS, liegt in einem freunblichen Tfale an Satt jwifchcn jwei $ügeln, beten einer baS feföne ©cflof, bet anbere bie Stircfe ber SOtaria ponSoretto tragt, bie als SBallfafrtSürche in grofem Stufe fleht. Sie©tabt ifl gut angelegt unb gut gebaut, unb bie ©tiftSfircfe, im gotbifeben Stile, ein fefenSwertfeS ©ebäube. SU ehemalige Sefuitenfircfe würbe ben ^Proteflanten eingeräumt. ©. fat2800 ©., ein ©pmna fium, ein Snjlitut für junge Sfraeliten, eine Seicfenfcfule unb bas StreiSzwangSarbeitSfauö. Sie hier 1813 gefliftete latfolifche ©pecialfcfule würbe 1817 mit ber Unioerfttät ju Tübingen pereinigt. SBerüfmt ftnb bie hier abgchaltenen $)ferbemärfte. — Sie gefürjlete ^topfl ei 6. war eine ber berühmteren in Seutfdflanb. SaS Stlofler bafelbfl foll bereits 704 gefliftet worben fein. 3m 3- 1460 würbe bie Slbtei mit SSewilligung beS ^apfteS fä* cularifirt unb in ein SRitterflift Perwanbelt, an beffen Spife ber bisherige Slbt nun otlS ge» fürfleter ^ropjt trat. Ser le|te gefürflete tropft war ber Sturfürfl pon Trier unb S3i« ! febof pon SlugSburg, GlempnS SSenjel, ^)rinj Pon ©achfen, gefl. 1812. Stachbem 2Bür» temberg fefon in bem ©eparatPertrage mit ber franj. Stepubli! im 3- 1796 ftch baS ©ebiet ber ^ropflei @. als fünftige ©ntfcfäbigung auSbcbungen hatte, würbe ifm baffelbe burch ben fReichSbeputationShauptfchluf pon 1802 jugefproefen. ©S umfafte ju biefer Seit 0 — 7 D9R. mit 17000 @. unb foll 80—100000 gl. ©infünfte gewährt haben, ©ine Starte beS ©tifSgebietS gab fPrafl 1746 in Pier 33lättern heraus. ©Intöfeuer, f. ©liaSfeuer. 6löaf> unb im ^Mural ©löhim ifl einer ber hebt. ©otteSnamen unb bezeichnet Sen, welcher angeflaunt unb gefürchtet wirb. 9Ran hat bie fpiuralform mit ber auch nach SRofeS’ Seit herportretenben Neigung ber Hebräer jum ©öfenbienfl in SScrbinbung gebracht unb batauS gefolgert, baS hebt. SSolf fade urfprünglich mehren ©öttern gebient unb biefen bann einen Dbergott, ben Sefooah ©lohim, porgefegt. Slllein nach & em ©prachgebrauche hebt ber f Plural ber SBorte, bie ©ott ober $err bezeichnen, bic 6int)eit ber s })erfon nicht auf. Ü6ri» genS wirb ©loah unb©lohim im Sllten Teflamente auch #Cin anbern ©öttern auf er Sehoöah gebraucht, unb ©ohne ber ©lohim ober ©lohim fcflechthin feifen nicht feiten bie ©ngel unb Stönige.— ©lohimurfunbe haben bieStrittfer beS Sllten TeflamentS bic Quelle ber» jenigen ©tücEe beS erflen S5uchS SRojis genannt, in welchen auSfchlieflich ber 5lame ©lohim 680 Eloge @Ifaf gebraucht wirb, wäl)tenb ftc anbere Stücfe, in benen ©ott 3ch»»ah ©lohim hci£t, auf eine 3ef)o»af)urhinbc uiriicfführtcn. SRarf) ben neueften gorfchungen aber (affen ftef) ctot)iflifc£)e unb jet)oriüifd)eScftaubt()ci(c int ganjcn^cntateud) unb in ben anbern l)ifforifd)en33üd)err be« SUten Seftamente untcrfchetben. Eloge, b. i. gobrebe, »on bem tat. clogium, womit bic Sitten äunädffi eine 2luffd)rift auf ein ©rab, auf 2lf)nenbilbern unb Notiotafcln bcyeichneten, bilbet in ber fran;. giteratur feit ben Seiten gubwig’« XIV. einen eigenen Smeig ber 23erebtfam!eit, ba e« banial« in ber Stfabemie Sitte warb, bie »erflorbencn SNitglieber berfetben in ben Nerfammlitngen burd) öffentliche Neben ju ehren. Non ba an erhielten biefe Elogcs eine regelmäfige Kunflgcflalt unb obg(eicf) man ben eigentlichen Sroecf, berühmte Scanner nur nach ihtem wahren Ner« bienfie ju loben, häufig »ergajj unb einer blofjen ^)öflichfeit ober Schmeichelei Naum gab, wie benn auch ber $Panegt)rtcu« (f. b.) ber Sitten ^liefst in fdEtale Sobrebnerei au«geartet war, fo fehlt e« hoch auch nicht an folgen gobreben, bie ftd) burd) mehr al« blojje beclamato* rifche Künfle empfehlen. Sie eigentliche ©poche ber ©logien begann mit gontcnelle, unb ei jeichnen ftd) bie feinigen (2 ffibe., $)ar. 1731) burch Klarheit, geichtigfeit unb 6legan> ber SarfMung au«. Seine Nachfolger fugten ihn burch rebnertfehen er batirt größtenteils jene fiaatSrechtlidje ©ielgeflaltigfeü, welche ben Stic* berelfajj bis junt mcftfälifdjen grieben, ja felbft noch btS jur franj. Stetiolution auSjeidjnet, mäljrcnb Dberelfaß unter ber planmäßig fortfcfjreitenben Herrfdjaft ber Habsburger, jumat feitbem bie Grbtodjter »on $3firt ihnen biefe ©raffdjaft jugebrad)t hatte, menigftenS eine Seit lang unb fo lange als bie Habsburger nic£)t it)re fdjmeijcr. HauSbeftßungen auS bem Auge »crloren, ein, bis auf geringe Ausnahmen, gefchloffeneS ©ebief bilbete. ©pater jebodj fam unter Herjog ©igiSmunb »on ber tirol. Seitenlinie beS tjabSburgifcfjen StammS biefeS fd)öne Lanb roieber in SßerfalX, inbem eS berfelbe 1469 an Jtarl ben Jtühnen »on ©urgunb »erpfdn* bete. Auch nacfybem eS 1474 eiitgelöfl unb mieber an bie öflr. Hauptlinie gefallen mar, betrachtete bicfelbe jene abgelegenen ©efißungen, bie feit 1421 gemeinfdjaftlid) mit bem ©reis- gau burch bie in GnfiSheim eingefefste Dberbefjörbe regiert mürben, nur als ein Stiftet jur Abl)ülfe ihrer ©elbnoth, unb »erpfänbete ba»on, fo »iel fie nur fonnte. CSrffc mit Grjherjog Leopolb, ber 1625 ben Dberetfaß nebfi Sirol unb ben übrigen ©orlanben als abgefonberteS S5ej7&thttm erhielt, fchien eine beffere 3cit getommen ju fein, allein fein £ob im 3- 1632 madjte baS treue 93olf mehrloS gegen bie Angriffe ber ©djmeben unter Herjog SSernljarb »on SBeimar unb lieferte eS in bie ©emalt ber granjofen. 3m meftfälifdjen Frühen trat Lcopolb’S ©ohn auf Anfüften ©aicrnS gegen eine Gntfcf)übigung »on 3 fDJill. Francs fein ctfaffifd)eS Gigentl)um, befiet>ertb aus ber ©raffdjaft fPfirt (©unbgau), ber Lanbgraffdjaft Dbcrelfaß unb ber Sanboogtei über bie jel)n SteidjSfläbte, an Franfreid) ab, unb baju aud) noch burd) ein biplomatifd)eS 23erfef)en bie Lanbgraffdjaft Sltieberelfaß. Stur maS ber mächtige ©ifdtof unb baS ßapitel »on Strasburg unb einige anbere 3teid)Sftänbe, mte bie Her* joge »on SBürtemberg unb »on Lothringen, bie ©rafen »on ©elbenj, Leiningen, Fugger unb »on Lichtenberg unb bie Freiherren »on glecf enflein, befaßen, ingleidgen bie SieicEjSritterfcbsaft, beficfjenb aus 47 Familien, unb bie SteicfjSjläbte, baS mächtige ©traSburg, Hagenau, ©djlettfiabt, Dbcrehenheim, 9toSf)eim, Golmat, SSljüringheim, sjltünfler im ©rcgorienthal, nebfl ben jurn ©peiergau gehörigen SBeißenburg unb Lanbau, blieben noch beim Steicfje. ©och auch alles ©iefcS mürbe halb eine Seute FranfreicfjS, unb mit ©traSburgS 2Begnaf)me im 3. 1681 mar bie Steunion beS ganzen Glfaß »ollenbet, ja noch über benfelben hinaus baS Lanb norbmärtS öom ©elßbach bis jurn dueich, baS nie jum elfafjtfchcn Storbgau fonbern jurn ©peiergau gehört hatte, unb mo»on 1815 nur ber S£heü ’ m Soeben ber Lauter jurücf* gegeben mürbe, ju biefer neuen franj. fProöinj gefchlagen unb im rpSroijfer Farben »on 1697 bie ganje Abtrennung fanctionirt, mit Ausnahme einiger menigen reichsftänbifdjen ©ebicte, melchc erft bie franj. Steoolution, bie alle hier noch fortbefianbenen beutfdj-mittelal» Etlichen 3nflitutionen ummarf, als eine »on ber Satur felbft angemiefene Groberung »er* fcljlang. @o mürbe baS fchöne Lanb unb einer ber ebelfien Stämme bem beutfdhenSSotfe ent* frembet, bem Fcinbe bie Herrfdjaft über ben beutfehen Schein in ber SeitbcSUnglücfSfdjmäf)- lid) preisgegeben, unb, maS noch fchmählicher ift, in Seiten beS @lüc?S nicht jurüefgefobert. ©gl. ©d)öpflin, „Alsatia illustrata" (2 ©be., .Stolm. 1751 — 61, Fol.), ©effelben „Alsatia loiiiatica" (2 ©be., Stanlj. 1772—75, Fol.), unb ©olbert) unb ©chmeighäufer, „Anti- quites de l’Alsace" (fj)ar. 1 828, Fol.). (Franj »on), befannt als Lujtfpielbidjter, mürbe am 1. Dtt. 1791 ju ©erlitt geboren, gehört einer Familie an, bie »äterlicherfeitS auS H°Hanb, mütterlicherfeitS auS Franfreid) flammt unb burch politifdje Ummäljungen mit ©erlufl i^reS SlamenS unb ©ermögenS jur AuSmanberung genöthigt, in ^teufen eine neue Heimat fanb. ©eine gelehrte ©chulbilbung erhielt er auf bem ©rauen öblofler in ©erlin; boch mürbe biefer Unterricht in F»l0e ber Kriege »on 1806—9 burch mehrfache Steifen, felbft nach $3ariS, unterbro- d)tn. Stachbem er anfangs als Freimütiger, fpäter als Gaöatcrieoffijier bie Felbjüge feit 1813 mifgemad)t, mürbe er nach t,cm Srteben jum StegierungSfecretair in Jtöln ernannt, mo er auch bie„2Banberungcn burch ötöln unb beffen Umgegenb, in einer Steihe »on ©riefen an Sophie" lJtöln 1S20) unb halb barauf, anonpm, bie ©chrift „©er neue Achilles, hiflori- fcheSfijje auS bem ©efretungsfauipfe ber ©riechen" erfd)einen ließ. ©emnäd)fi unternahm 1^2 ©löucr ©loenicf) ec Steifen nach ©ttglanb, [jottanb unb burcf) ®etitfcf)(anb, I823 nach Station, »on mo er nach zweijährigem Slufentbatt miebcr nad) [einet 23aterjiabt jurüdfehrte. 3tij»ifd)cn batte fein bramatifcbeS ©füd „Jomm t>er ! /y feinen Stamm ben S3üf>vten befannt gemacht unb bie SJcranlaffung gegeben, bajj er 18-27 jur Drganifation unbSeitung beS[boftbeaterS ju ©oif)J berufen mürbe, welchem Slmte er mit großem ©ifer unb ©rfotge obtag, fpäter jeboct) frei» mittig entfagte. -Über fein Suflfpict „35ie [bofbatne" correfponbirte er jmei Sab« lang mit Soettje. 35er erften SluSgabe feiner „©djaufpiete" (©tuttg. 1830) tief er eine jmeite febr oermetjrte folgen (2 S3be., Sp$. 1835). Stud) ifl er ber 5ßerfafjer ber „Stnftcbten unb Um* riffc au« ber Steifemappe zweier greunbe" (2 ffibe., äSert. 1830) unb ber fomifdjen Dper „35er ÜDoppctprocef ", metefje »on SttopS ©cbniitt componirt mürbe. Slucb crfd)ienen »on itjnt „^otitifdje Stooelten" (S3ert. 1S3S). ©s fehlt ©.für baS Sufifpiet nid)t an ©efetjmaef unb S3übncnfenntnif, bagegen für bie Sragöbte an poetifetjer Süefe. 6. tfi berjogtid) farf)fen=fo> burg=gottiaifdE)cri?egation«ratt) unb befleibet ben ©efanbtfcbaftSpoflen am[bofe ju SJtüncben. (Sitittct (3ot>- ©ottfr.), preuf. Dfonomieratb ju SDtünfierberg in @ct)tejfen, geb. am 14. San. 1784 juSotteSbcrg in ©d)teften, tjatte bereit« atS Äürfd)ncr auSgelernt, als er fid) erft ben wiffenfebafttteben ©tubien ^umanbte. ©r befudjte öon 1801 an baS ©pmnaftunt ju £anbSt)ut, bezog 1805 bie Unioerfttät ju .[batte, mo er St)cotogic, ^3t)itologie unb spbil°* foptjie fiubirte, muffte aber 1 806 wegen SDtanget an ©etbmittetn bie Uniöerfität oertaffen unb eine ©fette alS[?auStet)rer in SSatbenburg annet)men. 3m3- 1807 machte er inbef baS tf)eotogifcf)e Spanten inS3reSlau. ©eit 1810 unterzog er fid), neben bem Untecrid)t feiner 3og- linge, jugleid)ber§3eroirtf)fd)aftungbeS Oon feiner^brinjipatin erfauftenfianbguts, unb nad)« bem er (td) 1814 mit berfetben oerc£>eticf>t, mibmete er fid) ganz ber Sanbmirttjfctjaft. Um fid) barin noch metjr auSjubitben, ging er 1819 auf furze Seit ju S^aer nad) SDtögelin. 3m 3- 1822 übernahm er ben $3ad)t ber ©tabtgütcr oon SJtünjfevberg. ©eit 1830 machte er met)re Steifen in Dftreict), S3öt)men, ©iebenbürgen, Ungarn unb anbermürts, bie bauptfäcblicb bie fBerbreitung ber 59terinofd)afjud)t in biefen Säubern jum 3med tjatten. Stt« ©djriftjlcUcr t>at er ftd) bebeufenben Stuf erworben; einen befonbern SBertf) haben feine ©d)riftcn über ©ebafjuebt. SEBir ermähnen baoon „Übcrftcbt ber europ. oerebctteit Schafzucht" (2 23be., [Prag 1831), „SRcine ©rfabrungen in ber hobst« Schafzucht" (2. Stuft., ©tuttg. 1835), „[banbbud) ber oerebetten Schafzucht" (©tuttg. 1832), „35aS gotbene 23üef ober bie Sr> Zeugung unb ber SScrbraucb ber SJtcrinomotte in öfonomifeber, mercanttUf^er unb fiatifri* feber [binftd)t" (©tuttg. 1838), „®aS ©belfcbaf in alten feinen ^Beziehungen" (©tuttg. 1840), „©ibäferfatedbiSmuS" (2. Stuft., fßrag 1841), „®ie ©ebafjuebt©cbteftenS" (SBreet. 1842); ferner „35ie bcutfd)e Sanbrnirttifcbaft nach it)rem jeijigen ©tanbe bargefleltt" (2 SBbe., ©tuttg. 1830—32), „®ie [Politif ber Sanbmirtbfcbaft" (2 33be., ©tuttg. 1835), „35ie ©itbung beS Sanbrnirtb«" (©tuttg. 1836), „©fijjen über Ungarn" (Spj. 1841) unb „35ie beutfebe rationelle Sanbmirtbfd)aft" (^3efib 1841). (Stifter ift ber Stame mebrer gtüffe. 35ic ©tb marjefitfier entfpringt in ber Dber« taufig unb ergieft ftd) jwifdjen Sorgau unb SEBittenberg in bie ©tbe. Stn ihr liegt in ber preuf. ^rooinj ©adbfen bie ©tabf ©tftermerba mit einem ©ebtoffe, 900 6. unb bcbcu* tenber opoljftöfc, unb an ihrer SluSmünbung ber Rieden ©tfier, mo am 3. Dct. 1813 35tücber unb §}orf auf baS linfe ©tbufer übergingen unb bei SBartenburg über ben ©enerat Söertranb fiegten. 25ie!ffieife©lfler entfpringt oberbatb beS ©fäbtcbcnS 61 fi e r im fäd)f. fßoigttanbc an ber böbm. ©renje unb fällt, nad)bem ftet) in ber Stäbe Oon Seipjig bie Suppe oon ihr abgetrennt bat, bagegen bie Steife aufgenommen morben ifl, bei [batte in bie ©aafe. 3« ib* fa»tb bei Scipjig 1813 ^oniatomfti feinen $ob. Stn ihr liegt im fäcf>f. SJoigtlanbe bie gewerbtbätige ©tabt ©tflerberg, mit 2000 ©., bie oorjugSmcife Sltuffelinmeberei unb Sobgerberei febr fdjmungbaft betreiben. ©lO^ttibb ([Peter 3of.), orbenttidjer ^rofeffor unb UnioerfitätSbibtiotbcfar ju S3reS= tau, einer ber eorjügtiebfien ©cbüter unb treuefien Stnbänger oon ^ernteS (f.b.) unb feiner ©djute, mürbe ant 29. 3an. 1796 ju ©mbfen im StegierungSbejirfe Stachen geboren. 95tit tüchtigen Söotfenntniffen, bie er auf ben ©pmitaften ju35üren unb ju üötn gefamraelt batte, bejog er bie Slfabemie ju SRünjter unb mürbe btor bei feinen tbeotogifeben unb pbtlofopbi> fc£)cn ©tubien bureb bie SJorfräge [bermeS’ fo angejogen baf ec biefem im 3- ■ 820 nach ®h)ftum ©l$et>ir ö83 Sonn folgte unb im faft täglichen Umgänge mit fffm ffd) weitet auSbilbete. 35ic Anffcl» Imig, bie er im 3- 1821 als £cl)rer am ©pmnafium ju Äoblenj erhielt, gab et feffon nach jroei 3af)tcn wieber auf, um an bet Unioerff'tät $u Sonn Sffeologic unb ^ffilofopffic als fPrioatboccnt ju lehren. SieS ttjat er mit folgern Erfolge, baff ifym im 3- 182(5 eine auffcrorbentlicffe ^rofeffur ber ^Pffilofopffie $u Sonn, 1829 aber eine orbentlicffe ^rofeffur berfelben SBiffenfcffaft $u SreSlau übertragen unb im 3affre barauf jugleicff bie ficitung beS Seopolbinifcffen ©pmnafiumS anoertraut würbe. Stil nad) fermes’ SEobe bet Äantpf gegen beffen ©pffern unb Anhänger loöbracff, oeröffentlicffte 6. bad erfte £eft feiner „Acta Uevmesianu" (@ött. 1830; 2. Auff., 1837), um naeff^uweifen, baff bent päpfflidfen Ser» bamntungöbreoe eine unrichtige £)arffcllung beS .fjermeffaniömuS ju ©runbe liege. £>urd) Überfenbung biefer ©dffrift unb mehret Stiefe an ben Earbinal be ©regorio hoffte er eine Surücfnaffme ber Serbammung ju erzielen, allein bie Antwort erinnerte ihn, baf er ge» leffrig unb unterwürfig fein müffe. hierauf reifte et felbff mit S raun (f. b.) im grühjaffre 1837 nach 3iom, um perfönlid) für eine ÜReoiffon beS UrtbeilS ju wirfen. Seibe fanben auch ^ e ‘ m Earbinal ftambruSchtni unb betm^5apffe felbff eine wofftwollenbe Aufnahme unb erhielten baS Serfprecffen, ber Sefuitengencral Sloothaan folle auf ©rurib einer neuen Uber* feffung oon fermes' ©effriften mit ihnen »erhanbeln. Effe ff £ jeboeff biefe Uberfeffung ooll* ffdnbig einreichen tonnten, gab ihnen 3tootf)aan auf bie Sitte, bie anfföfigen ©teilen aus ber pffitofopffifeffen Einleitung ju $erme$ ! ©djriften ju bezeichnen, im -Jtamen beS ^3apffeS ben Sefd)eib, baf bie Überfcfung, ba fie nicht fertig mitgebracht worben fei, unterbleiben fönne, Zumal ba ber $>apff aus ben „Actis" »on E. erfehe, wie richtig er bie .fjermeS’fchc fieffre beurtffetlt habe, unb baf berfelbe feine Entffheibung nie abänbern werbe, Sogleich würben ffe bebeutet, ffc tonnten ffeimilehren £>er nun fotgenbe Sriefwecfffel jwifeffen E. unb Staun cincrfcitS unb Sfoolffaan unb SambruScffini anbererfeitS, fowic bie oon Erffetm im Sec. 1837 beim papffltdjen Senfor eingercichten „Meletemata theologica", beten Prüfung Oer» weigert würbe, oermochten ben ©tanb ber ©aeffe fo wenig ju änbern, baf bie Slemonffran» ten, offne irgenb etwas erlangt ju hoben, imAug. 1838 nach Seutfcfftanb jurüdleffrten. ,©en Sericfft über ihre Steife gaben ffe in ben „Actis romanis" (epannoo. unb £pj. 1838). ©eitbem hat E. als fProfcffor in SreSlau forfgewirft, unb 1838 würbe er bureff bie Ernen» uung jum königlichen Sibliotffefar an ber UnioerfftätSbibliothef geehrt. Son feinen ©effrif- ten erwähnen wir noch feine „Storalpffilofophie" (2 Sbe., Sonn 1830—32). ©Ihftunu ®aS Elpfium ober elpftfcffe gelb liegt am Erbtanbe im SBeffen, am umgebenben ©trome -DceanoS, wo, wie im Aufenthalte ber ©öfter, im Dlpmp felbff, nie eine Erfcffeinung ber rauffen SaffreSzeit eintritt, alfo immerwährenber grüffling fferrfefft. Db eS als ein Eilanb ober ein ©efilbe am ober auf bem SDceanoS ju benfen fei, hat £omer nirgenb beutlicf) auögefprocffen, obgleich dpeffob unb ©pätere oonEilanbcn ber ©eit» gen fprechen. ©o oicl iff gewif, baf biefer homerifd)e Aufenthalt ber ©eligen auf ber Erb* fd>eibe liegt unb noch tcineSwegS ein iTtjeil beS .pabeS iff. Serglcicffungömetfe nannte man in $)ariS einen ber oorjüglicffffcn Sieblingögärten Elpfee, welcher nebff Slontbrillant in ben fogenannten E l p f e i feff e n g e l b c r n liegt. ©IjCPit ober E 15 e 0 i e r, lat. Elzevirius, eine berühmte Sucffbrucf erfamilie, wclcffe oor^ügtid) ju Amffetbatn unb Scpben in ben 3- * 592—1080eine Stenge fefföner Ausgaben beforgte. £ubw. S., 1592—1017, war Suchhänbler unb zugleich Rebell be‘i ber Unioer* fftät $u £epben. ®er erffe ®rucf, ben er beforgte, war ber beS EutropiuS oon Üterula (ßepb. 1592). ®urd> iffn würbe zuerff baS V oont U unterfchieben. — Subw. E. hatte zwei ©ohne, StatthpS E., geb. 1505, unb ÄgibiuS E, ber 1599 als Suchhänbler im £aag üorf'ommt. SUatthfS E. ffarb $u £epbcn am 0. Sec. 1640 unb hinterlief oier©öffne, 3faaf, Abtaffam, Sonaoentura unb3afob.— 3faa!E. brucftc jufiepben feit 1017 unb ffarb 1628; Abr. E., geb. 1592, bruefte ebenfalls jit Sepben feit 1622 anfangs allein, bann mit feinem Sruber Sonaoentura, namentlich bie kleinert Ausgaben in 12. unb 10., welche ihrer Sierlicffteit unbEorrectheit wegen nod) gegenwärtig gefd)ä|t werben, unb ffarb am 14. Aug. 1052;SonaoenturaE., berjuerff 1608 erwähnt wirb, war feit 1618mit feinem Sa» ter unb )eit 1622 mit feinem Sruber Abraham affociirt unb ffarb ju Sepben 1652 futj naeff frinem Sruber Abraffam; 3af. E. wirb 1626—29 als Sucffffänbler im ^>aag er« 6S4 @Ij$etmet ©mail wähnt. — Stbraham’S Sohn, 3ph- ©., geb. 1622 , war 1652 — 55 mit ©an. 6 . Umber* fitätSbuchbruifcr ju Serben, bruefte bann allein unb flarb am 8.3uni 1660. — ^efer ©. bruefte ju Utrecht 1668—72. — ©er Sohn Sfaat’S, Subw. 6., errichtete 1640 ju Slnt* flerbant eine eigene ©rueferei, »erbanb ftd) 1655 mit ©an. © unb flarb um 1662. — ©an. 6., 23onattentura’S Sohn, geb. 1617, einer ber SEljätigflen aug &cr gantilte, bruefte 1652—54 mit3ohann ju Serben, hierauf bis 1662 mitSubwig unb bann allein; im 3. 1680 trat er mit Slbrah- SBolfgang in SScrbinbung unb ftarfe batb barauf am 16. Sept. beffelben 3ahrS. ©ein« SBitwe, Slnna 33aernjep, fegte baS ©efcfiäft nur bis I6SI fort, worauf feine fBerlagSarfifel unb öielleicht aud) feine ©rueferei an Slbrtan SDloetjenS im •fjaag übergingen. äBenngleich bie ßtjesiere in gelehrten Äenntniffcn überhaupt, wie ins» befonbere in 9lücf fleht ihrer griech- unb fjebr. SluSgaben öon ben beiben Stephanus (f.b.) in $ariS übertroffen würben, fo waren fte bod£> unübertrefflich in ber 2luSwaf)l ber SSerfe unb in ber ©legan} ihrer Settern. 3hte SluSgaben beS SSirgil, Seren} unb anberer rönt. Slafftfer, fomie beS Sleuen SEeflamentS, beS ^JfaltcrS u. f. w., mit rothen Settern gejiert, ftnb SReiflerflücfe ber SEppographie in -fjinficht auf ©orreetheit wie auf Schönheit. 211S eine ben ©Ijeöieren eigenthü'mliäje HJlarinte erjählt man, fte hätten einen grofen Sheil ihrer ©rufe burch grauen corrigiren taffen, in ber SSorauSfefung, baf btefe babei ftch nie eine eigemnäch» fige 23eränberung beS SEepteS erlauben würben, ©ie fogenannten ßljeoier’fchen „Res pu- blicae", eine Sammlung fleiner Schriften jur Staatenfunbe, ftnb nicht fämmtlich 6lje» oicr’fdje ©ruife, fonbern, ba fte nidhf fowol »on Seiten beS tppograpljifcben als »ielmchr beS wiffenfchaftlichen SntereffeS gefammelt worben, oerfcf)iebentlid) mit ©ruefen aus anbent ©fficinen in Sebe} jufamntengeflellt. 2Jgl. Sa gape, „Catalogue complet des republiques imprimes en Hollande in-16" (^ar. 1842, 16.). ®te ©l}eöiere hüben mehre Äataloge ihres SSertagS reranfialtet; ber legte, »on ©an. 6. (5lntfl. 1674, 12.), umfaftauch »tele nicht bon ben ßljeoieren felbfi gebruefte Schriften. 9Sgl. Slbrp, „Notice sur les imprimeurs de la famille des Elzerires" ($3ar. 1806) unb SJlobier, „Theorie des editions Elzevirien- nes“ in feinen „Melanges tires d’une petite bibliotheque" ($)ar. 1829). (Slbam), ein gefd)d|ter SanbfchaftSmaler, geb. ju granffurt am SOlain 1574, war in 9fom Schüler nieberlänb. £anbfcf>af(er unb gehört fo ziemlich bcr9iicf)tung beS $)aul 33ril an. ©amalS hatte ftch bte Sanbfchaft noch nicht böEig öon ber £iflorten* malerei cmaneipirt, baher finbet ftef) in ©.’S flehten S3itbd)en immer ein finniger sJufamnten* hang jwifdjen ber reichen phantaftifdh gehäuften Siatur unb ber Staffage; legterc ift meifl biblifdher ober mptfifchcr Slrt. ©ie SEcchnif, befonberS bie gärbung, ifl höd)fr fleifig unb in ihrer SBcife »ollenbeter als bei SSril. @. flarb in grofem ©lenb im 3- 1620. ©mail. ®aS ©mail war fchon ben Stilen befannt unb l)ief bei ihnen encaustum ; aber erfl bie neuere Stil h at baffelbe auf ben ©ipfel ber SSollfommenheit gebracht, baf man gegenwärtig gan}e ©emälbe in farbigem ©mail barflellt. ©ie ©runblage beS ©matlS bilbet eine im geucr leicht füefenbe fiefelfaurc SSerbinbung, welche an ftd) farblos ifl unb ber man burch SSJletallorpbe bie gewünfchten garben mittheilt, unb bamit flrengflüfftge SDtetaüe, bei ßmailgentälben bünne äfupferplatten überjieht. ©ie gewöhnliche SRocaitfe ober Unterlage pr SRalerei ifl ein weif eS ©mail, baS man erhält, wenn man 10 Steile 83lei unb 3 Steile f3tnn burch anhaltenbeS ©lühen in Dppb »erwanbelt unb biefem 2 Jfod)falj unb 10 ^hetle C.uar} ober geucrfleinputner }ufe|t. Um farbige ßmailS }U erhalten, nimmt man SJletall» oppbr unb fegt biefen entweber einen »erhältnifmäfigen $h ( ^ S^ocailte ober bei hellen unb burchfichtigen garben nur gluf, b. h- Sluar} unb Salj, ju. ©ie SHaffen werben jufammen« gcfchmotjen, nach öem ßrfalten feingepulttert unb gefchlämmt unb fpäter auf ben aus 9to* caillen beflehenben, auf ber äfupferplatte fchon eingefchmoltenen ©rttnb mit einem ^Jinfel unb Spiföt aufgetragen unb wieberum ins geuer gebracht, ©in anbereS ©mail ifl baS, welches man auf eiferne Äochgefchirre bringt, um fte }u emailliren. ©S hat im Slllgcmeinen biefelben S5eftanbtheile, nämlich ätiefelerbe, Sleioppb, Slatron ober Äalt, Salpeter oberSSorap, ©ie bleihaltigen ©maillen ftnb jeboch ^ er ©efunbheit nachtheilig, unb eS ifl baher bie Stuf» gäbe, biefelben gattj ju befeitigen. Sie^)auptgrunblage ber bleifreien ©lafuren ifl gelbfpath unb Sarpt. 3« neuefler Seit gebient man ftch ba, wo eS nicht auf einem weifen ©tunb gnfommt, ber $of)ofenfchlac!en. ®aS ©mail wirb für folche ©efchirrc ebenfalls fein gt* Omanattott dtnattctyation bes SleifcjjeS 685 pul»crf, gcfdjlämmf, bann mit SBafferju einem bünnen S3rei gemalt, in bie ©efäge ge* goffen, bann umhergefd)»enft nnb ber Überfluß abgegoffen. Sann fe|t man bie ©efäge ber 9J ott>glüi)t)ibe au«, »eiche bag Gntail in giug bringt unb mit bem SRetalle bauertjaft »erbinbet. ©ntanatton ifi überhaupt fo »iel alg Slugflug. 3n ber Geologie unb ^3t)ilofopt>te ber SCltcn »erfleht man unter Gmanationgfpfiem ober Gmanatigmug bie Setjre »om Augfluffe aller Singe aug einem f)örf)fien ^rincip. Stad) biefer Setjre ift ber Urfprung ber Singe nur ein Übetflrömen ber göttlid&en güUe, ein Augfirötnen beg 2id)tg aug innerer Slotf)»enbigfeit, feine freie STJ>dtigfeit ©otteg. Sag »on bem urfprünglicl) SSollfontmenen Abgebilbete entfernt fTcf; nad) ©raben immer meljt »on feiner Quelle unb wirb ftufentoeife immer fcf)led)ter, »oburd) man bie Gntfieljung beg SBöfen ju erflären glaubte. Siefe Setjre flammt aug bem Drient unb finbef ftc^ befonberg in ber inb. SÄpthologie unb in ber altperf. ober ba!trifd)=mebifd)en Setjrc beg fjoroafier (f. b.), fo»ic in ben fpätern ©pflemen ber Sieuplatonifer in Alepanbrien. 3n bet d)rifIlidKf)eologifd)en Sogmatif tjeigt Gmanationg l e 1) r e bie 23orflellung unb Set>re, »ermöge melier ©ofjn unb heiliger (Seift alg Aug* flüffe »om S3ater, alg ber erfien ^erfon in ber Sreieinigfeit, angegeben »erben. 3« natur* hiflorifd)er 33cbeutung»urbebie G nt a n a t i o n g t h e o r i e »on ber Gntfieljung beg 2id )ti (f. b.) juerfi burd) Steroton aufgefiellt. ©mttttetpafiott f)eigt im Allgemeinen bie Gittlaffiutg, Befreiung aug einem 3u* fianbe ber Abt)ängigleif. Urfprünglicl) bejeidjnete man bamit bei ben SRömern bie gretlaf* jung etneg JTinbeg aug ber »äferlidjen ©e»alt. S3ei einem ©ohne befianb bie alte gorm ber Gmancipation barin, bag ber SSater 3enen breimal jum ©d)ein an einen Sritten »erfaufte unb ebenfo oft »on biefem jurücf ertjielt, »orauf bie greilaffung burd) SRanumiffion »on ©eiten beg SSaterg erfolgte. Siefe gorm fam ab, alg 500 n. Gt)t. Jtaifer Anafiafiug bie Grnanci* pation auf faifcrlicf)eg SRefcript eintreten lieg; burd) Sufiinian aber »arb halb barauf »er* orbnet bag bie bloge SBtllengerflärung big SSaterg »or ber Obrigleit jur Gmancipation genüge. ßmanctpatton be§ §letfcheS bat man in ben le|ten Secennien bie ^Befreiung bet finnlidjen, nach SSefriebigung burd) materielle ©enüffe firebenben SSegierben »on ben ©d»ran» fen genannt, veelc^e ihnen auf ber einen ©eite bie ©itte unb bie ^Religion, auf ber anbern bag SSorurtfjeil unb bie Stört) entgegenfiellf. Sag SBort ifi neu, bie ©ad)e ifi alt, fo alt alg ber ©egenfa| }»ifdjen bem Srange beg Staturtriebg unb ber fittlidjen 9tort)»enbigfeit, für bie rüdfid)tlofe SSefriebigung beffelben eine ©renje ju befümmen unb ju beamten. Sie obige 33ejeid)nung lef>nt ftd) an ben djrifilicfjen Sprachgebrauch an, ber bag gleifdj bem ©etfie gegenüberfiellt, unb »äljrenb bie alte SBelt ber ©riechen biefen @egenfa| in biefem Umfange nicht fannte, bilbete et fiel) in ber d)tifilid)en SEBelt burd) bie mönd)ifd)e Afcefe beg SRittelalterg unb burd) bie SReinung, bag »or$ugg»eife bie Gnttjaltung »on finnlidjen ©e» nüffen, bie üafteiung beg gleifdjeg jur ^»eiligfeit führe, in ber fcEjrofffiert ©efialt aug. Sähet entfianb bie Eroberung, fich »on bem SSerfehre mit ber SBeltJogjureigen, bie Gheloftgfeit ber ©eifilichen, bie Auflegung freiwilliger S3ügungen unb Ähnliche! mehr. 3n biefem ©inne ifi bie ^Reformation, bie bie Statur in ihre 3ted)te »iebereinfe|te, ein groger Act ber Gmancipation, unb bie ganje Gntwicfelung beg mobernen 2ebeng, »eldje in ber S5enu|ung unb S3erarbeitung Seffen, »ag bie Statur barbietet, fich eüt ungeheure! ©ebiet menfdjlidjet $hätjg!eit geöffnet hat, führte nicht jur S3erad)tung fonbern jur Anerfennung unb felbfi jur Überfchä|ung Seffen, »ag bem Stu|en unb ber 35equemlid)feif, bem 9 ieid)tt)um, bem S3ergnügen, ber Gleganj unb bet Weiterleit beg äugern Sebeng bient. Sabucch »urbe ber ©eifi ber grioolität unb ber ©enugfudit, ber namentlich im 18.3ahrf). »on ben Wöfen unb ben beeorjugten Glaffen ber ©efellfd)aft augging, geförbert, unb bag Sleifd) hafte fich theil- »eife factifch »iel früher »eit über alle fittlid» ©chranfen hinaug emancipirt, ehe man »on ber Gmancipation beffelben $u reben anfing. Sie philofopf)ifd)e unb bie religiöfe Gthil »er- fianb eg nicht, bie ©renjen jmifchen ben erlaubten, jum 2 hcd unentbehrlichen ©eniegungen unb ben fittlidjen Anfprüchen auf firenge Sucht unb ©elbftoerteugnung allgemein unb boch mit genügenber ©chärfe ju befiimmen, »ag 5 . 33. ©chleiermacher in ber S3orrebe ju ©d)le* gel’g „ßueinbe" mit ber ganzen @e»anbtheit feiner Sialeftif augeinanberfe|te; bie Jtunfi unb ^3oefie »aren überbieg längfl, unb ohne bag eg nötljig ifi, fich babei auf Wdnfe’g „Arbinghello" ju berufen, ju ber Ginficht gefommen, bag fie eineg gefunben, frifchen Staturlebeng bebürfe, 686 ©mancipatio« bet grauen unb fo ivieberf)oItc fTcE) im 19.3af)tf)., mal fdjon im IS. 3a(ir{). otjne biefeß beftimmtc Stieb* mort bagemefen mar; man oerfuchte, fiatt ber Grtöbtung beg bic Gmancipation beffelben 511 m Bebenlprincip ju mailen. Sie Slnmenbung bicfel ^>rincipö trat in ber Bitcra- tur in Berfd)iebcncr ©efialf auf; rneifi lief bic fociale Sfilbung unb bal ©efühl für Sitte unbStnfianb balS3cbürfnifjempftnben, bcnStafurbienfi, ben manprebigte, mit bem Schleier ber Schönheit unb Slnmutl) ju »ert)ül(cn. Sill SScrtreter biefer 3tid)tung, bic burd) ihren ©egenfafc ju mancherlei 23erfud)en, ben ©eift ber mittelalterlichen Slfcefe butd) bic 33cgi'm- fiigung ber Drthobopte, bei ^Metilmul, bei 9Jtönd)thuml unb ber ^rief!er£)errfcE)aft mieber herauf 51 t befchmören, ein größere« @emid)t befam, all fie an ftcf> batte, finb eine Seit iang genannt morben Sp. ijj ein e (f. b.), S. SB i e n b a r g (f. b.), 8 a u b e (f. b.), 5Dt u n b t (f. b.) unb@uhfom(f. b.), bei betten je ttad> itjrcr 3 nbit>ibua(ttät balb ptjttofopfjtfctjc, halb poetifdte, baib fociate, balb enbltd) einfach ^cbonifdE>c Glemente ftd) gettenb machten. S5ei ^»eine mürbe bal Sinnliche überhaupt gegen bie Slrroganj bei ©eifiel in Schup genommen. SBienbarg mollfe bie Schönheit all bie Seele ber materiellen SBelt anerlannt miffen; Saube rnollte Weiterleit, jierliche ©efelligleit; SSlunbt oertiefte ftd) in bie ©ebeimniffe bei G£)rifienthuml, um bie SBiberfprüdje ber SUateric unb bei ©eifiel ju löfen; ©uplom richtete ftcb unmittel* bar auf bie gefelligen Snfiitutionen. Sic Gfje *fi biejenige, morin Statur unb ©eifi, ©efühl unb ©ebanfe jur untrennbaren Ginbeit oerfrf)ntelten unb mo alfo auch Sal, mal benn eigentlich Gmancipation bei Fleifd)el heijjcn follte, am unjmeibeutigfien jur Sprache fornmen mufjte. SBal bei btefen fritifcf>en ^oeten mehr all Sichtung erftf)ien, marb in Franlreich burch ben St.-Simonilmul jum pta!tifd)en Grnfi, in Seutfd)tanb burd) bic Slulbeutitng bei ^tegelianilmul }urfPhü°fopf)ie gemacht. Sie^olemil fdjlang ftd) baher befiättbig burch biefe oerfchiebehen Glemente hinburch- Sie „Goangelifd)e Jfirchenjcitung" fchrieb in ber &hat geifireid)e Slrtilel über biefe 2lngclcgenf)eit, melche an S^iefe ber Grfaffung, an ©lanj ber Siebe, an SBip bie leid)tftnntgen unb fophiftifcf)cn Seclamationcn SJtenjel’l beimeitem übertrafen. SDtenjel mar fanatifch genug, bie Gmancipation bei Fleifdiel fo roh ä u nehmen, all menn el babei nur um Drgien, mie unter ber Slegentfdtaff, ober unt S5orbcllnubitäteu ju t|un märe. Sillein melche Schmalen, SSerirrungen unb fiftliche Flachheiten auch ben genannten Sd)riftfiellern Oorlommen, fo ganj gemein mollüftig, fo ganj bem fPriap hutbi- genb mar Stiemanb oon ihnen. Siejenige Gmancipation, nicht bei Fleifd)el, fonbern 0 0 m S'lcifche, melche bie mahrle Freiheit bei fittlichen ©eifiel bebingt unb trägt, unb melche jeber eblere SÖlenfch burch bie Gntfdjeibung überSal, mal er geniejjcn unb entbehren mill, bei ftd; felbfi burd)führt, haben fchon bie Sllten mit bem SScgriff ber Sophrofpne, ber S5efonnenl)eit unb bei SDtafel bezeichnet, unb mo nicht enfmeber rohe ®enufjfud)t ober fchmäd)lid)e .Stopf- hängerei fd)on jur Werrfdjaft gelangt ifi ; mirb bal 9tatürtid)e unb bal Sittliche gar nidjt in einem folchen ©egenfap erfd)einen, baf bal Gtne bal.Slnbete burchaul öernichten unb aulfchliefen müfte, um ftd) felbfi ju erhalten; im gebilbeten, ftttücf) enfmidelten 5Dtenfcf)en ifi meber ein naturlofer ©eifi noch eine geifilofe Statur, unb mal er all SStenfdj fittlicf) erreichen unb mitten lann, lann er nur auf bem ©ebicte ber Statur mitten, beren ©lieb er ifi. (gmancipation her grauen nennt man bie Befreiung bei meiblichen ®efd)led)tl »on ben Sdmanfen, mit melchen el Staturoerf)ä(tniffe unb gefellfd)affliche Ginricf)tungcn umgeben. Siefe Schranfen crfd>einen im Saufe ber Gu(turgefcf)ichte bei oerfd)iebcnen S3öl- fern all fehr oeränberlichje roher unb uncultioirter ein 2 ]oll ift, befio fchmerer lafietauf bem SBeibe bal phpfifch« Übcrgemicht an .Kraft unb Stärfe, melchcl bie Statur bem 9)tanne gegeben hat; bal SBeib ifi, mie noch je|f 5 . S3. im Srient, bann faunt efmal Slnbercl all Stlaoin ober Spielmerf, unb menn oon einem 3l»ecte ihoel Safcinl bie Siebe ifi, fo mirb für benfelben nur bic Fortpflanjung ber ©attung unb bie Sefriebigung bei SJlannel gehalten. Surch ben Ginflttf bei @h r *ftenthuml in föerbinbung mit ber eingeborenen Sichtung bei SBeibel, bie ben gerrnan. SSolflfiämmen eigen mar, hat in Guropa bal Snfiitut ber nto- nogamifchen Ghe feine allgemeine Sanction erhalten, unb baburch ifi bal SBeib ju ber >f)öhe ber gleichberechtigten ßebenlgenoffin bei SJlanttel erhoben morben; ber SSegriff ber Familie hat einen fittlichen @el)alf befommen, ber bal SBeib bent Ungefiüm ber männlichen S3cgierbc entreift unb bic Slaturoereinigung ber ©efcblechter jugteid) all Präger geifiiger unb fittli- «t>er S5ejiehungen erfcheinen läft. ©leichmol tonnten auch ‘ n biefem SSerhältnijfe ber Frau 687 ßmftucipatioH brr 3«bctt ' bie folgen if>rctr natürlichen ©djwächc unb Slbfjängigkcit nid>f ganz »crfd)Wiuben; baß btc Slaturbeffimmung beS SBeibeS eben an btc gamilie, folglich an bie Vereinigung mit bent SRannc g bnnben ift, fütjrt ju einer natürlichen S3cfd)cänkung if)vet ©clbftänbigkeit inner« halb ber ©efellfthaft, unb biefe factifrf>e Unfelbftänbigkcit beS lüeiblirfjcn ©cfdffcchtS wirkte voteber rückwärts auf bie ©efe^gebung unb auf bic ©rjictjung beS weiblichen ©efd)kd)tS, fobaß bem leßtcrn bie ©pf)ärcn ber allgcnieincn unb öffentlichen Sl;ätigfeit, bie ätunft, bic SBSiffenfcfjaft, ber ©taat »erfchloffcn blieben, unb baS SBeib ffd) ganz unb gar auf bie gami» lie befcfjränft fat), für welche eS ihm, im gälte einer uitglücflichen @f)e ober ber ®heloftgfeit, an jebent ©rfafce ju fehlen fefffen. ©injelne ausgezeichnete wciblicf)e3nbi»ibucn burchbrachen ! überbieS biefe ©d)ranken mit ©rfolg, fie glänzten auf ben gelbem ber Jlunft unb ber SBif* fenfthaft, felbff beS ©taatS als ßiegentinnen; unb fo cntflanb in einem Zeitalter, welches, burch bie innern Umwanblungen ber gcfclXfctjafttichen Verhältniffc getrieben, jeglid)e Über« lieferung mit ffeptifcf>ert S3licken ;u betrachten anfing, bie grage, ob nicht bie ganze fociale Stellung ber grauen burch eine anberc ©rjiehung unb burch eine größere SLt>eiInat>me ber* felben an öffentlichen Slngelcgcnheiten wefentlid) »erbeffert werben könnte. ©ine kräftige Stimme, bie barauf brang, erhob ftch in ber ©nglänberin SRariaSBollftonecraft burch bie©d)rift „Siettung ber 9ted)te beS SBeibeS" (beutfd) »on ©akmann, 2 S3be., ©chnepfentf)al 1793); gleiche ©effnnungen befamtte il;r fpäterer ®emal)l SBill. ©obwin (f. b.) in feinem „1n- quiry conceming political jusiice" (8onb. 1792); einen Slnwalt, ber bie ©aefje ber grauen mit ebenfo »iel 2Biß unb feiner ^Pfpdwlogie als feefer ^argbopie »ertf)eibigte, fanbenjie auch an 2ff)- ®• 15011 H * P Pet (ff b.), ber außer einer ©d)rift „Uber bie ©ffe" auch «ne «Über bie bürgerliche Vcrbefferung ber SBeiber" fcf>rieb, in ber er allen ©rnftcS ben 33eweiS ju führen fuchte, baß man ben SBeibern alle SRed^tc unb ©efehäfte beS SDlgnncS im ©taatsleben wie ; im Privatleben verletzen unb übertragen folle. Sieben vielen Übertreibungen hatten biefe @d)riftffeller auf manche Übelftänbe, namentlich in ber gewöhnlichen ©tjiehung beS weibli« d)en ©efd)lechtS, aufmerkfam gemacht, unb manchen biefer Ubelffänbe fat bie ©efe^gebung unb bic Vcrbefferung beS ©rjiehungömefenS feit jener Seit abgcljolfen. Sie Unnatur jeboch, bic in ber birccfen unb unmittelbaren ^h e ^ na h mc ber grauen an ben öffentlichen Singelegen« beiten liegen würbe, tjat alle barauf bezügliche goberungen ganz »on felbff wirkungslos ge* macht, unb fo iff man in ber neueffen Seit auf bie fogenannte Gmancipation ber grauen »or* jugSweife »on ©eiten ber Gf)e jurüdgefommen. Sticht nur bie ©aint*©imoniften (f.©aint« ©imon), fonbern auch fo geiffreiche grauen, wie bie SJlabame Subeoant (ff b.), fud)ten bie Vcbingung für bie Gmancipation ber grauen in ber Slufloderung ober gänzlichen 3luf= febung ber ©he, unb wäljrenb beutfehe fd)riftffellernbe grauen ftef) eine Seit lang in ©ntfa* gungSromanen gefielen, fud)ten bie Subeoant u. 31. baS Unglück ber grauen nicht in ben 5)liS* griffen unb bem SRiSoerljalten ber 3nbi»ibuen, fonbern in bemSnffitute ber ©he felbff. Saß eS ein großer 3rrtl)um iff, wenn man bie grauen beSfjalb für unterbrücf t hält, weil ihre Slaturbe* j ftimntung an bie ©he unb bie gamilie gebunben iff, braucht kaum bemerkt ju werben; bie ge* ! bilbete grau, bie ben 3ufammenf)ang menfehlicher unb gefellfthaftlicher Verljältniffe zu über* fd)auen im ©tanbe iff, follte eS tief fühlen, baß bie gamilie bie ©runblage jebeS georbncteit | ©taatSlebenS ift unb baf bie grau als ©attin unb SJlutter ihrer Stätigkeit eine Veftim* I mung geben kann, bie burch intenffoe Innigkeit SaS reichlich erfeft, waS bie Streitigkeit beS SKanneS an weitgreifenbem ©influf »orauS höbelS unb allem Srucf, aller fchnöben ©cgierbe ber SRädffigen prctSgcgcbcn, »on ber ©efefgebung bebriidt, »on ber fOlcinung geächtet, in ben wichtigffen funkten »on ber ©emeinfehaft ihrer Slitbürger aus* gefdjloffen würben, unb wie ffe bod) bei allem Srude Zunahmen an 3al)l, an SReichthum, an 6S$ ©mattctyötiott bet Subett politifc^ec ©ebeufung, wie Einzelne »on fnen burf ®elbmaf t itub Atugheit gtofen Stn« jluf errangen, Slnbere fte^ in ber SBiffenff aft, and) wol in einzelnen dfünffen, befonberS ber Sfaufpielfunfi unb ber SJluftf, einen »erbienten Stifnt erwarben, 9Ule aber burf länger al§ ein 3al)rfaufenb eine ftanbfafte Shfänglif feit an ben fort »erfolgten ©lauben ber Später, an bie flrengen ©orff riften unb ©ebräufe frer re(igiöS*politiff en ©efefgebung, an Sitten unb 2Befen freS ©olfS bewahrt t>atten, bis erft in neuefier Seit eine gröfere Slnjahl »on 3uben, aus ben auf erlief) gebitbetern Staffen, ftf »on »ielcn ©orff riften, ©ebräuf en unb ©ewofjnheiten beS Subent^umS loSmaf te unb einem gewiffen dfoSmopolitiSmuS }u* flrebte, of>ne bof ben nationalen SfpuS gänslict) »erleugnen $u fönnen. Sie Seiten, wo bie Suben aus SteligionShaf gebrüeft unb »erfolgt würben, ftnb nun allerbingS für bie meifien europ. Sänber »orüber. Saburf t>at fid) bie Sage ber 3ubett in etwas gebeffert unb befon* berS ber Staat fleljt fnen wefentltd) milber gegenüber. Slber in »ielen Staaten bleibt fnen immer nof »iel ju wünffen übrig, unb ber ®ewerbSf)af unb baS ©ationalsorurfetl. Zeigen ftf nif t »iel weniger feinbfelig als ber ©laubenSljaf. Sie 3uben aber »erlangen »öl* lige ©leif fiellung, fte Wollen in bie »olle ©emeinff aft ber bürgerlichen 9tef te unb fPflif * ten aufgenommen werben unb fiüfcen ftd) babei auf bie, befonberö feit ber zweiten Hälfte beS 18. 3al)rf). »erfünbeten Sehren »oller ©ewiffenSfref eit, bie allerbingS nur ba befiebt, wo ber religiöfe ©taube auf bie bürgerliche Stellung unb überhaupt auf bie äufjern rechtlichen ©erhältniffe burchauS gar feinen Sinfluf hat. Einzelne Staaten haben biefem ©erlangen ber 3uben nachgegeben, bie meifien nicht. 3luf im ©olfe ftnb bie Meinungen fef)r gett>eilt, unb manf er SEBortfüt)rer beS SiberaliSmuS hat ftf gegen bie Smancipation ber 3uben aus* gefprof en, wäbrenb wieber Slnbere, bie fonfi nif t eben biefer gähne folgten, halb ernfllif für jene SRafregel fprachen, halb ftch babei auch wol nur einen Schein beS SiberaliSmuS }u erwerben fuften. Siberale, benen eS um ©olfSgunfi ju tl)un war, haben meifi ©ebenfen getragen, ftch offen unb entff teben für bie 3uben ju erflären; benn populair tfi bie Sache ber 3«ben nicht. 3n SBetreff ber ©egner ber 3ubenemancipation müffen wir ju»örberfi jwifchen Senen, bie in bem ©tauben fein ^»inbernif ft'nben, unb Senen, bte, wenn auch inberniffe fiatuiren, unb in Solche, welche begleichen als bleibenbe betrachten. 5Ranf e nämlich fagen: SlllerbingS foll bie religiöfe Überzeugung feinen Sinfluf auf bie bürgerlichen 9lef te äufern, unb am menigfien follte baS eine ^Religion, aus beren Schoofe baS Shrifbenthum tjeroorgegangen ifi, beren SRoralgebofe auch für bie Shriflen gelten, beren heilige ©üf er auch biefen heilig ftnb, unb bie einen reinen SJlonofeiSmuS lehrt. Slllein, fagen fte, eS ifi bod) ganz natürlich, baf bie 3uben in bem lan* gen Srucfe, in bem fte gelebt haben, fo SOTanf eS angenommen haben, waS fi&oor ber Jpanb noch nicht geeignet macht, in bie »olle ©emeinff aft unferS ©ürgerlebenS aufgenommen ju werben. 3h« SRehrjal)! ifi fef)r ungebilbet; fte ftnb meifi nur jum dpartbel, befonberS Sf a* cherhanbet, geneigt, anbere ©erufSarten wiberfieften ihnen; fte würben unfere #anbelS= unb ©ewerbsteute ruinirett, wenn fte jefct, unb be»or fte anbere Stiftungen angenommen hätten, gleichgefiellt würben; fte follen emancipirt werben, aber nur nach unb nach unb naf bem fte baju erzogen worben. ©ieleS in biefen Säfsen haben bieSuben faitmfelbfi in Slbrebe gcfieltt, aber immer entgegengehalten, baf eS im Areife herumführc, baf bie 3uben bie Stiftungen, bie fte im Srucfe angenommen, nur in ber »ollen grefeit »erlieren, im Srucfe aber ff merlid) ftf ganzbenfelben entwinben würben. So werbe bie ©eff ränfung immer wieber zur Urjaf e »on Srff einungen, burf weif e man bann biegortb«uer ber ©effränfung reftfertige. Übri* gcnS Weifen fte barattf hin, baf in ©efreff beS jübiffen dürfen* unb Sf ulwefenS »tele ©er* i befferungen erfolgt feien, baf immer mehr 3«ben ftf einer hohem ©ilbung theifaftig ge* | maft hätten, baf fte SRäfigfeit, ber gute Sharafter ihteS gamilienlebenS, fte Firmen* pflege, baS günfiige Seugnif, was ihnen bie Sriminalfiatifiif gebe, auf »on Sfjtrtfien aner* ' fannt würben. Snblif berufen fte ftf auf bie Staaten, in benen eine »olle Smancipation bereits fiattgefunben. SDtan hat auf zuweilen bie leftere »on ber Slbfiellung gewiffer jübt* ff er Sinrif tungen, bie fren ©erfef)r mit ben Sh r *P en h emmen , f- S5* beS Sabbaf, ber Speifegefe&e, wol gar »on einem Ülufgeben beS ganzen 2almub abhängig maf en wollen, ©tttöttctyaftott her Suhett 689 dagegen haben junächfl bie Subeit oielfacff protefiirt. 5Dtand>e ©egner bcr Subenemantipa* tion finb eS aber für immer, ©ie fagett aud), baS religiöfe SRomcnt foll hier nid^t in 33etrad)t fontnten, fte behaupten aber, bie 3uben feien nicht bloS eine oerfcf)icbcne DeligionSfefte, fon- bern ein Berfcf)tebeneS 23olf, mit einem gan$ ausgeprägten, Bon bem unferigen grunbBcrfd)ie= benen SEppuS unb mit @igentf)ümlidffeiten, gegen meld)e in unfern üöölfern ein cntfcf)ic= bener SBibermille Borf)errfd)e. ©ie feien feit länger als einem 3aE>rtaufenb grembe unter uni unb mürben es immer bleiben. ©S fei ferner if>r DeligionSgebäube nid)t bloS ein eigent* lief) religiöfeS, fonbern ein foctal=politifd)cS, unb eS gingen barauS unüberfietglidje ©d)eibe= | mänbe herBor. (Snblid) mache bie 3uben ihre ganj befonbere Neigung unb @efd)idlid)feitfür bcn .Jpanbel unb ihr unbebingteS, inniges Sufammenhaltcn allerbingS gefährlich für bie ®^ri= ficn unb man bürfe fte nic£>t ju fetjr auffommen laffett, bamit fte nic£)f ben ßfjrtjten über bcn Äopf miidjfen. ®ie 3uben unb ihre 23ertl)cibiger behaupten bagegen, wenn fie aud) alle biefe Umfiänbe jugeben wollten, waS fie natürlich nicht in gleichem SRafe tljun, fo feien biefelben bod) eben nur eine golge beS ®rudS unb ber 33efchränfung unb mürben eben in ber greiheit ftd) oerlieren. ©ie berufen ftd) auf bie Grfafjrung in ben Säubern ber Gmancipaticm, ftnbett aber aud) bäbei manchen SBiberfprud). (Snblid) bie jmeite ^»auptclaffe ber ©egner ber (Smancipation, welche auf baS religiöfe fDloment allerbingS ©ewiefjt legt, hat in neuern Seiten burd) bieSbee beS „cE)riftlid)en ©taatS" neue ©tärfe ertjalten unb behauptet, aud) ohne fict> für intolerant in religiöfer 23ejief)ung auSgcbenjulaffen unbbteSuben etwa unteres ©laubenS willen »erbamntenjuwollen, bod): unfere ©taaten feien d)tiftlid)e, auf baS Gl)riftentl)um gegrünbet, nad) feinen S3orfd)riftcn eingerid£)tef, unb fo fei eS natürlich, baf bie Stntjänger nid)tcl)rifilicf)er ©laubcnSbefenntniffe barin jwar gebulbet, aber nicht im ©taatSwefen mitwirfenb fein fönnfen. ®en bagegen erl)o= ■ benen (Stnmanb, baf ber ©taat mit ber Religion nichts ju fchaffen haben folle, weifen fte natürlich als petitio principii jurüd. 9Ran hält il)nen aber auch bie ^Behauptung entgegen, baf factifch unfere ©taatSeinrichtungen feineSmcgS bcn non ihnen behaupteten ©tempcl ber Ghriftlichfeit fo entfehieben trügen, wie fie BorauSfeßfen, worauf fte aber auf bie noch juermar» tenbe (Sntmidelung Berwcifen, Bon ber freilich bie SCnfTc£)fen unb 9UtSfid)tcn fehr Pcrfchiebene i finb. 2Büf)renb ferner bie belebter geworbenen d)rifiltd)en Dichtungen bie 3ubcn entfcfjre' bener jitrüdweifen, währenb ferner auf gewichtigen ©teilen bie 9lnftd)t entfianben tfi, in ge= wiffen gegen Deligiott unb ©taat gerichteten ©trebungen, befonberS tn manchen Sluferun* gen bcr treffe fei ber jerfefenbe, fcharfe, bialefttfche, jugleid) fchlangenglatte unb freche, unb bie @hrfurd)t Bor ®em, was uns heilig iff, nicht fennenbe ©eifi ber 3uben ju fpttren unb bie jübifchen Siteraten hätten einen guten $h e ^ an ber miSbeliebigen Dichtung ber öffentlichen Meinung; währenb fte alfo auf biefer ©eite in einige Ungnabe gefallen finb, werben fte oon ber rabicalen ©eite, unter 23ortritt S5runo SSauer’S, jurüdgewtefen, weil fte ftd) Bott ihrer i Deligton nicht loSfagen wollen, ©oweit aber aud) in ihrer ÜRitte latere 3lnftd)ten im Deti» gionSpunfte auftauchen, jeigt ftc£> theilS ein ftarfer SBiberfianb unter ihnen felbfl, thcilS ein SWiSfallen ber im ©taate herrfchenben ©ewalten. ©änjltd) auSgefd)loffen ftnb fte in (Sttropa | nur Bon Dorwcgen. 3n ©panien, wo fte feit 1 837 gebulbet werben follen, gibt eS hoch nur wenige ober feine. SCucf) in Portugal haben fte feine ©taatSbürgerred)te, unb eS gibt bort faft nur beutfdje 3uben. ©cbulbet, aber wie in ©panien unb Portugal Bon mehr rcltgiöfcn als politifchen Dichtungen bebrüdt, ftnb fte in Stalien. ®agegen fcf)einen in Dufjlanb, wo fte, befonberS tn ben poln. fProBinjen, ungemein zahlreich ftnb, mehr politifcf)e ©rünbe §u fo manchen harten SRaßregeln gegen fte oeranlafjt ju haben. 3« ber ©chweij, wo man auch fehr intolerant gegen fte iff, waltet wol ©ewerbSneib, bem bie 23erfaffung erweiterten ©in« fluft öffnet, Bornehmlich Bor. fDilber unb gemäßigter, aber hoch, überall unter Bielfach abge= I ffuften 33orftd)tSmaßregeln unb Sefchränfungen, werben fte in Dfiretd), ^reufen, ben übrt= ; gen beutfdjen ©taaten, in ®änemarf unb ©djwebcn behanbelf, unb hier überall hat bte t ©taatSBerwaltung in neuern Seiten fDandfeS jur SSerbefferung ihres SBefenS unb ihrer Sage gethan, nirgenb aber fte in Bolle ©emeinfehaft aufgenommen. 3lm nächfien ber Bollen (Smancipation ift man unter biefen ©taaten noch < n -Rurheffen gefommen. 3uod)firdje unb ber Umflanb, baf baS faff)olifche3rlanb als einerober» res Sattb betrachtet unb behanbelt würbe, Ratten bte bat)iu bie Äatholifen bee brit. Deid)6 gefcfjlid) »on allen öffentlichen Ämtern, alfo aud) »om (Eintritte in bie Parlamente, entfernt gehalten. Heinrich VIII. (f. b.), ber bie Deformation in Gnglanb begann, halle juerft befcf)ränfenbe ©efefje gegen feine im firengen KatholtciömuS »erharrenben Unterthanen für nöthig erachtet. Siefelben würben noch gefetjärftunter ber Königin Gltfabetl), welche ben Sin» ntafungen Papfr Paufs IV. bamit begegnete, baf alle fircf)tiche unb weltliche 33eamte burch ben fogenannten ©upremateib (f. b.) »erficE>ern muffen, baf fte bie Königin für red)tmä» fig unb für bie 3nf)aberin ber oberfiten ©ewalt in getfHichen unb weltlichen Singen halten unb als folcf>e gegen Sebermann »ertt>eibigen wollten. Siefer Gib würbe wieberholt gefetjärft unb fpäter »on ben SBeamten auch noch e * n ©laubenölehren betreffenber Gib, j. P. gegen bie PranSfubflantiation, ber fogenannte Slbjutafionöeib, gefobert unb ber Untertl)anencib fo geformelt, baf ihn fein Jbathoiif leiften fomrte. Sa nun ein ©efef »on 1673 »orfcfjricb, baf biefe Gibe »on allen ^Beamten geleistet, jugleid) aud) beim Slntritt beS Slmtö baS 3lbenbmal)l nach proteftantifchem DituS empfangen werben müffe, fo nannte man btcfeS ©efef, Woburd) Sille auf bie Probe geflellt würben, bie PrüfungSacte, welche ebenfalls öfter wieberholt unb gefdfärft würbe. Siefe Gibe fonnten jebem Untertan abgefobert werben,, unb eö würbe bie Perweigerung biefer GibeSleiftung hart geahnbet; auf anbere ffälle, ben Übertritt jur fatfjo- lifchen .Kirche, ben Slufenthalt eines fatholifchen ©eiftlichen im Sanbe, fogar auf 25et)erber= gen eines folgen war bie PobeSflrafe gefeft. 3war famen bie ©trafgefejse nad) unb nach aufer Übung unb würben burch « £ u £ ©efefe gemilbert, aud) ben Supremat» unb £ulbi» gungSeib fuchte man fo *u faffen, baf fte Pon .Katl)oü?en geleiftet werben fonnten. Silber nach allen biefen ÜJtilberungen blieben bie Jtatholifen boch »om Parlamente unb allen ©taatSam» tern auSgefd)loffen. Sie Ungerechtigfeit würbe allgemein anerfannt, aber nicht abgeftellf. Grft fettbem Pitt ben 3rlänbern bei ber »ölligen Pereinigung ihres SanbeS mit Gnglanb bie Slufhebung ber ©efefe gegen bie Äafholifen »erfprochen unb als er biefe »om .Könige ©eorg III., ber ftd) burch feinen .ftrönungSetb tu Slufredjterhaltung berfelben »erpflichtet glaubte, nic^t erlangen fonnte, »on feiner ©teile als Ptinijler jurüeftrat, erfi feit biefer &it gehörte bie Gmancipation ober bürgerliche ©leichflellung ber ÄatEjolifen §u ben anerfannt nothwenbigen unb bringenben Deformen, ohne weldje namentlich bie 3lufrecf)thaltung ber Duf)e in 3rlanb fleh nitfü ermöglichen laffe. Slber fo oft aud) baS Unterhaus biefe Gntanci» pation befchlof, flets »errnarf biefelbe baS QberljauS. G a n n i n g (f. b.) ftellte ftd) bie Grnan» cipation als bie l)auptfäd)lid)f}e Slufgabe feines SRinijleriumS unb tief empfanb er ben Schmer}, als bie hohe Slrifiofratie unb ©eifllidjfcit aud) ihm eS unmöglich machte, fte burch» jufuhren. Soch faum war fein £auptgegner, ber ^»erjog »on SBellington, ins Pliniflerium getreten, als biefer fetbfi fühlte, baf nur ®ered)tigfeit gegen bie Äatf)olifen ben Sluöbrttd) ber gcfäf>rlidE)fien Unruhen »erlitten fönne, unb burd) ihn würbe nunmehr SaS burchgefüljrt, was er, Ganning tief »erwunbenb, unbeitgfam befantpft hatte. Sie Gibe würben nun fo ge» ftellt, baf fte »on jebem Jtatfjolifen geleiflet werben fönnen; fte gehen gegen bie Grmorbung ober Slbfefung eines etwa »om Papfte epcommunicirten .Königs unb gegen bie Slnerfcnnung irgenb einer weltlichen ©ewalt beS PapfleS im Deiche. SBet als Katholif biefen Gib leifict, fann ju allen Ämtern gelangen, nur Pormunb beS .Königs unb Deidjööermefer, ©roffattj» ler, fiorb Siegelbewahrer, Sorb Statthalter »on 3rlanb unb erfrer föniglicher Gontmiffar bei ber oberften fird)lid)en Peljörbe »on ©chottlanb fann er nid)t werben, ©leid) barauf nahmen mehre fatholifche PairS, wie ber ^»erjog »on Porfolf, unb Slbgeorbnete, wie S’Gonncll, ©htel u. 31., ihre ©ife im Parlamente ein. Slber freilich fobert eine »öllige Gmancipation, mnigfienS beS faft galt} fatholifchen 3rlanbS, noch eine tiefer greifenbe Plafregel. SBäljrenb nämlich bie Srlänber ihre ©eifllid)en burd) freiwillige Peitra'gc unb ©tolgebühren ohne irgenb eine Unterfiüfung »om Staate unterhalten, genieft bie .£>od)fird)e, ohne SDüfjwal» tung, nach drehte ber frühem Groberung, alle reiche Sotationen, welche fonfi bie fa» tl)olifd)e SanbeSfirdje befaf. Siefe Slufrecbterhaltung eines fremben GultuS, bent baS Polf nicht angehört, ift eine brüefenbe unb empörenbe Änechtfchaft, bie nicht nur potitifd)e Deckte 69 i (Smanctpfttion fc« ©djufe fonbern auch bie ©emiffen »erlebt. ©« bitbet biefe« 23cr^ättnig ba« eine dlcment bet fort» bauernbeti unb tiefgätjrenben Unjufciebentjeit inSüanb, bie ftd) gegenmärtig in ber 9t e p e al* affociation (f. b.) auöfprirfjf. ©mancipation her ©cfjule. SSenn e« ftch auch tjifiorifcb) nicht nadjmeifen läft, baf bie ®d)ute rein fircfyticfyen Urfprung« ifi, fo liegt c« hoch aufer altem gmeifet, baf bie Äircfje unb ber Kteru« ben mefenfiid)ften 9lntt)eit an ber ©rünbung be« Schulmefcn« gehabt haben. ®ie Schuten mürben junächfl gepflegt in ben Ktöfiern, Ratten urfprünglid) nur ben SmecE, für ben 33eruf ber ©eifltichen Borjubitben, unb fetbft nadjbem ber Schulunterricht burd) ben Jpinjutritt metttietfer 2Biffenfd)affen ermeitert morben mar, btieb berfelbe eine Db» liegentjeit ber ©cijflidjen. 9lu« 25cquemlid)Ecit jogen ftdf) biefe aber nad) unb nad) baoon ju» rücf unb überliefen if)n ben niebern Kirchenbienern, moburch bie ©ntftel)ung eine! eigentlichen Seljrerfianb« begrünbet mürbe. 9lber ma^renb be« ganzen 9Kittetalter« gatten bie Setjrer at« clerus minor für eine niebere Drbnung ber ©eifiltdjfeit, bie @d>ute für ein fird)tict)e6 Snfti* tut. Sie mar für fiel) nicht«; jte t>atte in bem ©emeinrnefen nur burd) bie Kirche ©ettung; ber Setjrerjfanb mar ber ©eifttid)Eeit ganj untergeorbnet. ®iefe übte über bie Schulen unb bie Beßrer »olle ©emalt. Sic richtete bie Schulen nad) ben SSebürfniffen ber Kirche ein, be= fiimmte bie Unterrid^fggegenflänbe, prüfte bie Sebjrer, fiellte biefe an, beaufjtd)tigte bie $t)ä= tigfeit bcrfelbcn, bacfjte unb £>anbette für fic. ®ie ©eifltichen ftanben ju ben Seljrern ganj in bcmfelben 23ert)ältmffe mie 23ormünber ju SOtünbclit, ober mie23äfer ju unmünbigen Söhnen. ®iefe« SBerhättnif mürbe burd) bie 9teformation ntdb)t geanbert, fonbern erfjiett fid) bis in bic neuere Seit herein. ©rfi al« burd) 9touffcau unb bie fPhitantl)ropijlen mannigfache föer-- befferungen in bie ©rjieljung unb ben Schulunterricht eingeführt mürben, bie$)äbagogif ton ber atfjeologie ftd) lo«rif, ber ^>t)itofop(>ie fid) anfdjlof unb eine miffenfdjafttidjere ©eflatt er= hielt, bie 33itbung ber 2el)rer flieg unb bteSlnficfjt Born Staate ftd) Beränberte, mürbe nament» lid) Born 3-1169 an bie Stellung ber Schule jur Kirche, ber Seljrer ju ben ©eifllichen ein ©egenfianb Btetfacher unb eifriger, mitunter leibenfdjaftlic^er SSefprechung. ®ie©pmnafien entjogen fleh oh ne äufere ©eräufch juerfi ber ScBormunbung ber Eird)lid)en 33el)ör= ben unb ber ©eifltichen unb ftnb gegenmärtig in ben ntetflen proteflantifchen Staaten als Böllig emancipirt Bon ber Kird)e ju betrachten. 9lttd) bic in ben lebten Satjrjehnben entfian* benen 9teal= unb hohem 33ürgerfd)uten ftnb ber J?ird>e unb ben ©eifltichen nid£)t in bem Sinne untergeorbnet morben, mie e« früher fetbji bie ©pntnafien maren. 9tur bie 3}otE«fd)ulen in ben Stabten unb auf bem 2anbe haben in ben nteiflen S3e$ief)ungen ihre frühere Stellung jur .Rird)e beibehalten unb ber feit mehren 3ahrjcf)nben geführte .Stampf für bie Sctbftdm bigEeit ber Schule bejteht fid) Borjugömeife ober au«fdjliefenb auf biefe Schulen, gür biefe SetbflänbigEeit in größerer ober geringerer 9lu«bel)nung fprad>en ftcf> nach unb nach öffentlich au« Süfdiing, 9?efemi|, ©ebiefe, Schutte, Seibcnfutcfer, Stephani, ^tarnifd), 3- #. Kelber, ©rate. $)ufiEud)em©tan$om, fpölifs, Scf)err, kühner, 5Dlol)t, 9tehm, SBanber, ®ie= fiermeg, 9letttg u. 91. 911« ©rünbe für bie auch ber SSolfSfthule §u§ugefle^enbe Setbfränbig= fett merben befonber« h eröor Ö e h°^ eit ^ er fanget an päbagogifdjer Jtennlnif unb Srfahrung unter ben ©tiebern be« geifltichen Staub«, ber ermeiterte @efd)dft«Erei« ber Eird)lid)en 95e- hörben, bie 9lu«behnung unb miffenfd)aftlid)e33egrünbung ber ^JäbagogiE, bie gehobene 2oit= bung ber fiehrer, bie hohem 9lnfoberungcn an bie Schute, metd)e nid)t allein für bie Kirche fonbern aud) für ba« bürgerliche Scben bilben fotl; ferner bie innere Unabhängigfeit ber Schute Bon ber Kirche, heroorgehenb au« ben Berfcf)iebenen ^rincipien, aufmetchefte gegrün^ bet ftnb; ba« Snfereffe be« allgemeinen conftitutionellen Seben«; bie Erfahrung, bajj bie Schuten unter Eird)Itd)er SSermattung hinter ben Joberungen bet Seit jurüdbleiben. ®te Partei ber ßmancipationifien ifl übrigen« in ftch nicht einig, unb eS machen ftch in berfetben befonber« brei 9tid)tungen bemerEticf). ®ie eine berfetben geht nur auf 93efeitigung ber mit« unter noch f e h r unmürbigen SSerhättniffe, unter mctchen bie SöolE«fchuttehrer leben, ohne bie Stellung ber 93olE«fd)ule jur Kirche im SBefentüchen Beränbern jumollen. ®ie jmeite brängt ju einer felbfiänbtgen SBermattung ber Schutangetegenheiten burch Sad)BerfMnbige. ©ine britte graction enbtich mtll ba« 95anb jmifchen Schule unb Kirche böltig löfen unb jene in* «erlich un & auf erlich Bon biefer unabhängig machen, ©egen bie ©ntancipation fchrieben ®ach- 692 ©m«mtel I. röbet, folget, Schott, ©uvfr, Dtfo, Silie u. 31. Sie ©rünbe für biefe 3ftiftcf)f werben gefugt in bem fjiftortfcfyen Stechfe, weld)e« bic JTirdje auf bie ©chule tjafac; in ber 3bce ber Jtivdje, welche allumfaffenb fei unb bie 3bee ber Schute in fid) begreife, wobitrd) eine naturgemäße innere unb äußere Slbhängigfeit ber ©d)ulc oon ber Jtirchc begrünbet werbe; in ber burcf) ©mancipation ber @d)ule i>erbeigcfüi)tten ©efäbrbung ber Sieligion; in bem Sntcreffe bc« Staat«; in ber im Stttgemeincn noch niebern SSitbung be« Sehrerfianb«; in äußern 23er* hältniffen, namentlich auf bem 2anbe, woburch eine ©mancipation ber 23olf«fcf)ulc non ber Jfirc£>e pcaf'tifrf) unmöglid) werbe, wenn man bic erfterc nicht ber SBillfür ber £ ehret ^)rci« geben wolle. SBeber bie ©rünbe für noch bie gegen bie ©mancipation ber 23otf«fd)ule finb al« burd)au« unhaltbar anjufchen, unb ba« 2Bal)re für bie gegenwärtige 3eit möd)te in folgen* bem liegen. ©ie ©cfjule, infofern baruntcr bic ©efammtljeit aller S3i(bung«anftalten oer« fianben wirb, hat jwar benfelben lebten 3wecf wie bie ilircf>e, nämlid) ben, bem ÜJfenfdjen bic Streichung feiner 2eben«befiimmung möglich ju machen, aber beibe wenben bei ber ©r« ftrebung biefe« legten 3wecf« nicht burchgdngig biefelben Spittel an, unb jebe gc!)f babei auf cigenthümliche 3lrt ju SBerte. ^)ierburd) wirb eine SSerfc£)iebent)eit in ben nähern 3wcden bei* ber begrünbet, unb für bie @d)u(e bie Siothwenbigfeit einer fclbftänbigcn Stellung, bei aller innern ÜZBecbfelbejiehung, weldse jwifchen ihr unb ber jtird)e fiattfinbet. ©a$u fommt, baß .Kirche unb ©eiftliche al« fold)e bem ©tubium ber mehr unb mehr wiffenfehaftlid) ftd> bc* grünbenben, oiel oerjweigfen fPäbagogif unb ber Unterrichtdwiffenfchaftcn nidjt folgen fönnett, ba ihr eigentlicher SSeruf ihre Shätigfeit hinlänglich in 3lnfprud) nimmt, unb baß alfo eine fachgemäße unb gcbeihlidje Seitung ber ©chule burch firchliche 33ef)örben unb ©eiftlicf)c jegt nidjt wohl möglich ifi; fttner, baß bie ©chule nicht gebeten fann, wenn bic Sehrer, wa« ihren eigentlichen SSeruf ober ben Unterricht unb bie ©chulbi«ciplin betrifft, bem ©ittbünfen ber ©eiftlid)en ohne äBeiterc« hütgegeben finb. ©e«ljalbifi e§ ftcfjer anbergett, l) baß bie 2.tolf'ö= fchullehrcr nicht mehr al« .Kirchenbiener einer niebern Drbnung, fonbern al« ©lieber be«£eh= rerftanb« überhaupt gelten, bie gebührenben ©tanbe«red)te erhalten, in ihrem Slmte felbfiän« biger gefiellt unb oon ihrem eigentlichen SSerufe nicht attgemeffenen niebern itirdjenbienften, j. 33. bem Jfüfieramte, bem ©lodenläuten u. bgl., befreit werben; 2) baß bie Slngclegenhei» ten ber 23olt«fchulc »on ©achfunbigen geleitet unb jur ©chulaufftcbt©lieberbe«äMt«fd)ul= lehrerftanb« felbfi mit herange^ogen werben. ©urch biefe 3ugef!änbniffc würbe ba« 33anb jwifdjen ©chule unb .Kirche, fo weit e« auch gegenwärtig noch h e üfam ift, nicht .jerriffen, fon« bem nur fefier gefnüpft, jumal wenn bie S3olföfct>utc, wa« ihr 33eruf ift, bie religiö«=ftttliche S3ilbung fiel« al« ben ©entralpunft ihrer ^hätigfeit betrachtet, ©etbfi ber ©rnfluß ber ©eift= liehen auf bie Sanbfchulen, ber ftcher nicht Wohl entbehrt werben fann, würbe baburd) nicht aufgehoben werben. 3n ben meijten, namentlich ben großem beutfehen Staaten ifi übrigen« ba« SBerf ber ©mancipation ber 2?oIf«fcf)ule wirflid) begonnen, theil« burch Slufftellung be« fonberer ©chulbehörben auch für ba« 58olf«fcf)ulwefen, theil« burd) ÜbcrWeifung ber Schul» eermaltung an weltliche S3el)örben unb Slnfiellung fachfunbiger ©chulreferenten bei benfel» ben, unb bie $rettnbe g ec ©mancipation ber ©chule bürfen ftd) ber Hoffnung, baß ihre 3tn» ficht weitern ©ingang ftnben würbe, um fo mehr hingeben, je mehr fte fiel) t>or ju weitgreifen« ben 3lnfobcrungen hüten, unb bic innere 3lbl)ängigfeit ber Schule oon ber .Kirche aufrecht ju erhalten fuchen. ©manuell., .König oon Portugal, ber ©roße, auch l>cr ©lücfliche genannt, geh. am 3. SDtai 1409, beflieg al« ber ©nfcl .König 6bnarb’«, Stoffe 3llfon«’V. unb @efd)Wi» fierfinb unb Schwager Solenn’« II., nach be« £egtern $£obe 1495 ben portug. Sh ron - erhielt in Spanien bie forgfältigfie 3lu«bilbung feiner großen 3lnlagen unb führte oor feiner Sh^onbefleigung ben Sütel eine« -£>erjog« oon 33eja. ©ine feiner erften ^Regierung«* hanblungen war bie jäufammenberufung ber ©orte«, ohne welche er auch fpä’tcr nie etwa« 2Bid)ttge« unternahm, ©ann bereifte er perfönlid) bie ^rooinjen, orbnete bie SScrwaltung unb ließ ein ©efegbuch anfertigen, ba« unter feinem Stamen befannt ift. Sngleich wuden auf feine Slnorbnung ©djulen für« 93olf unb für höhere 33i(bung gegrünbet unb au«ge$eicf)* nete Salente auf Steifen nach ®eutfcf)lanb unb ^rantreid) gefenbet unb an feinem heitern, in Sitte aber ftrengen öpofe alle bebeutenbe Jtünftler unb ©eiehrten oerfammelt. Siffig auf bie ©rhaltung ber Steligion bcbacht, machte er ebenfowol bem Zapfte Sllepanbcr VI. ©tttafljtott ©tttbeit 693 Seewürfe über befreit lcfierfjafte^ Scbcn, itste er ben .fiurfürpen gttebricb ben SBeifen öon ©ad)fen öon ber beginncnben Jfircfyenreformation abmabiite unb Subcn unb bie -Kauten jur lEaufe jwang. ®ttrcb feine SSemübungen warb Portugal bie etfie Seemacht unb ber SRittelpunft beS Raubet« ber bamaltgcn 2Bclt. ©r fenbete 23aSco be © a m a (f. b.) au«, um baS 6 ap ber ©uten Hoffnung }u utnfcgeln unb ben ©eeweg nach Snbicn auftufinben, 6 abrat ([. b.), um bießntbeefungenÜBaScobe©ama'S weiter 51 t »erfolgen, unb 6orte9leat, um baS nörbiiebe 5lmcrifa längs feinen äfüpen ju unterfudjen. ®urd) tiefe unb bie ©rpebi» tionen unter Sllbuquerq uc (f. b.) im 33eppc aller fübafrif. Äi’tflen unb bea 3nbifd)cn §lt* djipelS eröffnefe er baburd) feinen Hanbetspotten unb beut ©olonialwcfcn ein unernteflid)eS gelb. 9lid)t jufrieben bamif, trat er aud) inSSerbinbungen mitfPetpen, 5ltf)iopicn unb 1516 mit 6 l)tna. SOZinbcr glücflicf) war er mit ber ©roberung SParoffoS. 3tlS er am 13.®ec. 1521 flarb, befanb pd) Portugal nad) innen unb aufen in bem blübenbpett SuPanbe; eS befaf georbnete gütanjen, eine grofe glotte, flarfe gelungen, reiche Strfenale, eine fricgerifdjc 2 Ir-- mee, blübenben Hanbel unb ©ewerbe, ®efe| unb föetfaffitng unb unctmeflicbc ©olonien. ®aS 23olf nannte beSbalb feine Regierung baS golbene Zeitalter Portugals. 6 . war in erfier ©be öermäblt mit SfabeUa, ber SEod)fer gerbinanb bea Äatbolifd)en, bie naef) bem SEobc it)tea 83ruberS ben Sitjron öon ©apilien einnabnt unb ihrem ©emabl bie SBürbe eines s ))tin-- jen öon ©apilien öerlieb- Sn jweiter ©be »ermäblte er ftd) mit SSJZaria »on Sapiltcn, ber ©cbwefier feiner erflen ©emablin; auS biefer ©be flammten Sobattn, fein Siadjfolger, unb Sfabella, bie Jfaifcr Jtarl V. beirattjetc. ©ine brittc ©be fdjlof er für} öor feinem SEobe mit ©leonore öon £)preid), ber ©d)Weper Jfarf S V. 33gl. „®om ©., iför.ig öon Portugal'', nad) Dforio’S SBerfen bearbeitet (2p}. 1795). ©matbton, -König »on ^Äthiopien, war bei SEitbonuS unb ber Sturora ©obn, ein33ru» ber bea SJlemnon, unb würbe öon Hercules getöbtet. ©lnbargo (fpan.) nennt man bif S5efd)lagnabme ber in einem Hafen 'liegenden @d)iffe, entweder um ftcb ib rct 5 U bemächtigen, wie beim SluSbrudje eines .Kriegs mit ben ©ebiffen ber feinblicben 9Pacbt gefd)iot>t, ober tmt fte auf eine gewiffe Seit, }.S5. wenn in bem Hafen fPüpttngcn pattpnben, bie noch nicht befannt werben follen, am SluSlaufen }u binbern. ©mblcnt, f. ©innbilb. Gmbonpoint, f. ©orputen}. ©mbrpo btifl bie menfd)lid)e ober tbierifdfje SeibcSfrucbf in ihrem erflen ©ntfleben ober baS in ben grucbfbalter gebrachte ©i, Welches noch nicht fo wett entwicfclt tft, baf man bie Ubeilc, welche bie ©attung unb baS ©efcbledjt be}eid)ncn, erfennen fann. ®ie Seit, in welcher biefc ©ntwicfelung erfolgt, ip nach ber ©igenfebaft einer jeben SEbiergattung öerfdpe* ben. ®er menfcblicbe ©ntbrpo ifl in ber britten 3Botf)e pd)tbat, }u ©nbe ber »ierten bat er bie ©röfe einer 9tmeife ober gltege unb läft bereits eine büpfenbe ^Bewegung bemerfen, bie man als ben Herjfd)lag erfannt bat. ©r ip noch burcbpdjtig, was pd) im jweiten SPonate, in welchem er Slugen, IPafe, SPunb unb Db ^* 1 befomntt unb bie ©liebmafen angebeutet werben, »erltert. 3m britten ÜPonate befommt SllleS mehr SluSbrucf, baS @efd)led)t wirb beutlicber, unb er beift nun getuS (f. b.). ®ie ©mbrpologic, ein &b c 'l ber ^Jt)^fi°lo» gie, untfaft bie ßetjre »on ben naturgemäfen SBcränberungen, bie ber SEUenfcb öon feinem er* Pen ©ntpeben bis }u feiner ©eburt erleibet. — Slucb in ber S3otanif »erpebt man unter ©mbrtjö bie erPeSilbungber^pan}e, folangepenocbinber@amenfapfcl eingefdjloffenip. ©mlmöcabe helft in bet SÄilitairfpracbe ein Hinterhalt ober ein Öerped, ober im SlUgemeinen eine galle, welche bem geinbe gelegt wirb. Hinterhalt unb 33erpecf pnb jeboeb wefentlicb »ottetnanber »erfd^ieben. fffienn matt }.S5. bengeinb burd) einen »erpelltenfRücE» }ttg }ur b'b>9 en U1 ’b übereilten Söerfolgung »erleitet, bis er in ein SEerraitt gerätb, wo man burc| eine bereit gehaltene füeferöc mit Söortbeif über ihn berfallen fann, fo fagt man, man habe ben geittb in einen Hinterhalt gelocft, Wie «S }. S. üJtoreau mit ben DPreicbern im 3- 1800 bei Hobtnlinben tbat. Verbirgt man pd) aber beintlicb in ein pbüfccnbeS, watbigeS SEerrain unb fällt plöjpicb über ben nichts SöfeS abnenben geinb her, fo beift eS, man habe ihm ein SJerPecf gelegt, wie es }. S3. bie preuf. ©aöalerie im 3- 1813 * n bem SBalbe »on Hapnautbat, wo'jwei fran}. ®i»iponen tbeild niebergebauen tbeils gefangen würben, ©tnben ober ©bmben, in ber aus bem ebcmaligcngürpentbume DPftieSlanb gebil* ß 94 ©tttetifuS ©nteftca beten b«nnoö. Sanbroflei Slurid), btc bebeufenbflc Hro»ing in ©erbinbung fielen unb mehr als JO ©rücfen jur ©erbinbung bet Stabttbeile nöt^ig gemacht haben, unter benen (td) bie ©atbbauSbrücfe über ben ®elf unb bie Jlettenbrücfe über ben galbernelf auSjeicbnen. Unter ben öffentlichen ©ebäuben finb tu ermähnen baS ©atbbauS, 1574 nach bemfOlufier beS antmerpner erbaut, mit einer ©üft* fammer; baS 1821 erbaute Slmtbauö, baS SodijauS unb baS SBaifenfjauS; unter ben acht Äirci)en, mit ©infcbluf ber jüb. Synagoge, bie bem {»eil. SoSmug unb ®amiamuS gemeinte, 1 455 erbaute grofe reformirfe Jtird^e mit mehren ®enfmalen, bie gefd)macf»ode fati)olifd)e -c unb bie 1774 erbaute protefiantifche Äitche. ®te Stabt tjat ein föniglicbeS ©pmna* fium feit 1836 unb ©lementarfchulen für ade ©efenntniffe, eine ©ntbinbungstehranflalt unb eine ©emerbfcbule, jmei naturforfrfjenbe ©efedfebaften unb einen fßerein für bitbenbe •Ranft unb »ater(änbifd)e SHtertbiümer, ber in S5ejt§ meiner merfb»oder ©emälbe ift. ®te 3al)l ber ©inmobner beläuft ftd) auf 12000, bie ber ©tehrjabl naef) ber reformirten 5bird)e angeboren. Unter ben ©tmerbSjmeigen flehen ber $anbel, namentlich ber Seebanbel unb bie Sd)iffaf)rf oben an. ®er Slcfiö^anbet befd)ränft ftd) auf bie ©erfübtung einbeimifeber fProbucte unb gabrifate, namentlich ©etreibe, ©utfer, Ääfe, Srotrn unb Siegel. ®ie Stabt »ermittelt bie Hälfte beS ©erfebrS »on ganj SflfrieSlanb, unb fleht nach auffen »orjüglicb mit Hodanb, ©elgien, Hamburg unb ©remen in ©erfebr. Sluferbem bilbet ber gering«« fang an ber frfjot. Äüfle einen HouptnabritngSämeig. ©ad)bem ftcb bie frühere ^eringSft* fcbercicompagnie 1811 aufgelöfl, bilbete ftef) 1814 ein neuer berartiger ©erein. ©in £eud)t* tburm mürbe »on ©. fdjon 1576 auf ber Snfel ©orfum errichtet; auch befleben in 6. eine ©a»igafiongfcf)ule unb cine3lffecuranjcompagnie für Seegefabren. ©äcbflbembatbie Stabt aud) anfebnltd)e©efsftricfereien, Segeltucbfabrüen, ©erbereien, Sfrumpfmirfereien, ©rannt« meinbrennereien unb ©rauereien unb $abrifen in Sroitn, Stärfe unb SabacE. Sie mürbe, naebbem fie ftcb gegen ©nbe beS 16. 3abrb- ber Herrfcbaft ber ©rafen »on Dflfrieötanb ent» tebigt, unter bem Schube HodanbS jur freien ©eicbsflabf, morüber aber fortmäbrenbe Hän* bei jmifdjen ber Scf)u|macbf unb ben ehemaligen Herren flattfanben. 3m 3- 18 °6 fam fie an Hollanb, 1819 an granfreid), 1814 an ^)reujjen unb 1815 an $anno»er. ©tltettfuS bi c Ü & e * ben ©ömern ein Solbat, melcher feine Seit auSgebient b^tte unb nicht meiter jum JtriegSbienfie »erpflicbf et mar. äBie bie © e t e r a n e n (f. b.) fo ftanben auch bie ©mertfi unter ben Äaifern in grof em Slnfehen, Später hat man biefe ©enennung auch auf bürgerliche ©erbältniffe übergetragen unb »erfleht gemöbnlich unter ©meritug einen langjährigen treuen SfaatSbiener, ber SllferS halber in ben ©ubeflanb »erfegf morben ift. ®tlt(ffa, eine uralte Stabt in Sölefprien amDronteS, mar in frübefler Seit Houptflabt eines eigenen ©eicbS. Später fam fte unter bie Herrfcbaft ber ©ömer, bie eine röm. ©olonie babin führten. Sie mar berühmt megen ihres Sonnentempels, »on bem ber röm. Äaifer HeliogabaluS, ber hier geboren mürbe, ben ©amen führte, meil er bie Stelle eines Dber* priejlerS beS Sonnengottes (fprifd) ©lagabal) an bemfelben befleibete. 3m 3-273 beftegte hier ber ätaifer ®omitiuS SlurelianuS bie Königin 3 e n o b i a (f. b.), ju beren ©eich 6- eben* faES gehört batte, ©ach bem Sturze ber röm. ^)errfcbaft tbcilte 6. baS Schidfal ader fpti* feben Stäbte. Unter »ielen burdb Kriege berbeigeführten Seiben unb ®rangfalen fiel cS nach einanber in bie £önbe ber Araber, Ärcujfabrer, Selbfcbucfen, ©longoten, ©lamelufen unb ju* le^t ber dürfen, bie eS noch gegenmärtig befben. Jtein ®cnfmal feiner alten ^errlidjEcit ift flehen geblieben, ©egenmärtig, bemS genannt, ift eS nach oriental, ©egriffen eine burrfj Sl^erbau unb ©emerbe blübenbe Stabt mit ungefähr 20000 ©inmobnern. ©mefteft (griech-) ober ©red)mittel nennt man biejenigen Stoffe, burdb Slnmenbung baS ©rbreetjen als Heilmittel ber»orgerufen merben fod. Hierher gehören bie ©teerjmiebet (Squilla maritima), Hafelmurjel (Asarum europaeum), 3pecacuanl)amurjel (Cephaelis Ipecacuanha), ber ©rechmeinftetn (Tartarus emeticus ober Tartras kalico- stibicus), SinfBitriol (Zincum sulphuricum) unb ätupfersifriol (Cuprum sulphuricum). (Sfmigtctntett 695 Slud) Cörmcrt baju JTamiHentfyee, laueg SBaffer, laue SSJJilcf) unb 33utter»affer geregnet »er« btn, bie ntan befonberg baju braucht, um bie näcgfle SBfrluttg bcr angegebenen 59littcl $u unterhalten. 3h rc SBirfung ifi grof unb auferorbentlicg, oft über bag Sebcn cntfcgeibenb. SKan gebraust fte, um ben ffRagen Oon fcf>äbltd^en Stoffen ju befreien, fte mögen oon au» fen gineingefomnten, toie übermäfig genoffene Stagrunggmittel ober ©tfte, ober tm Snnern beg Äörperg erzeugt »orben fein, wie ©alle unb Sd)leim. Slud) entleeren fte bttrd) bie mecganifche ©rfegütterung bie Seber unb bie Sunge oon materiellen Slngäufuttgen. 3h re dß* gemeine SBirfung ifl aufregenb, inbem fte Sunge unb .fiter* 51t erhöhter SEgätigfeit reifen; ableitenb unb frantpfffillenb bei bem ©rgriffenfein anberer Organe, »0 fte ben SRcij auf bie 59tagenneroen übertragen; bie Sluffaugung beförbernb, inbem fte ben Sug bcr Safte oon entferntem Steilen bem ffRagen jtileifen, unb bie Slugfcgeibung oennehrenb burch bie Sin» tegung ber $autthätigfeit; baher ihr grofer Stufen bei häutiger Sräune, Stccffluffen, ©al» lenlranfgeiten, Segeüitob, -Stampfen aller Slrt, felbft ©pilepftc, .fteuchhuftcn, SBeebfelfiebertt, ©emütggfranfheiten, SBafferangäufungen, fRgeuntatigmen u. f. to. Sllg fo cnergtfd) ben Organtgmug ergretfenbe unb erfegüttetnbe 59littel ftnb fte jeboeh nur mit grofer 93orfid)t an- jumenben unb bie Seit ber Schtoangerfchaft unb ber 59tenftruatiott, 93rücge, ©ntjiinbnngcn innerer Organe, befonberg beg 59tageng u. f. »., oerbieten fte gänzlich. Slug btefent ©runbe ifl eg auch ben Slpotgefern oerboten, ohne ärmliche SSorfrfjrift fte ju oerabreichcn. ©ntigraitfett nennt man getoöhttlich bie Slugwanberer, »eiche für immer ober in ber Hoffnung befferet Seiten, »egen politifcher ober religiöfer SSebrüiungcn ihr 93atcrlanb oerlaffen. Oie @efc£>icf)te aller Voller unb Seiten bietet bag traurige Schaufpiel bcr ©nti» gration bar. So oertrieben religiöfer unb politifcher fanatigmug bie 3ubett unb 59taurcn aug Spanten. Sllg bie dürfen bem bt)*antin. fReidge ein ©nbe machten, retteten ftd) oiele ©riechen in bie chrifl£id>en Sänber. 59ltt ber ^Reformation begannen Verfolgung unb Slug» »anbetung im ©injelnen unb in 59taffe. Vor ben geioaltfamen 59tafregeln Sttbwig’g XIV. (f. u g e n 011 e n) flohen bie franj. fProtefianten trog beg Verbotg nach ®eutfcf>lanb, ©ng* lanb, -Öollanb unb Slmerifa. 3» 3- 1732 muften bie fProteftanten in Salzburg il)r Vater» lanb oerlaffen unb in anbern beutfegen Staaten unb über bem 59teere ftd) ein neueg 93a« terlanb fuegen. Stoch im 3- IS37 »anberten mehre ©emeinben Sürolg ber freien fReligiottg* Übung »egen nach ©cgleften aug. Oer grofen, burch bie politifchen Vergältniffe gerbetge* führten poln. ©migration oon 1795 folgte nach bem (falle SBarfcgaug bie oon 1831. 93or» jugg»eife begreift man aber unter ©wigr an ten bie »ögtenb ber franj. SReoolution aug* ge»anberten f ran jofen, wogegen man bie unter SubwigXI V. flüchtig (Beworbenen R e f u g i e s (f. b.) nennt. 5Racg bem Stuffianbe ju fßarig unb ber ©innagme ber SSaflille am 14.3ult 1789 oerliefen juerfl bie föniglicgen ^rinjen ben ftan*. SSoben. 3gncn folgten, befonberg nad) ber Sinnahme ber 33erfaffung oon 1791, alle Oie, »eiche ftd) burch bie Slbfcgaffung ber fßrioilegien oerlegt hielten ober ber Verfolgung auggefegt waren. Oer Slbel oerlief feine Scglöffer, bie Dfftjiere gingen mit ganjen ©ompagnien über bie ©renjen. Scharen Oon fPriefiern unb 5Dtöncf>en entflohen bem conftitutionellen ©ibe. Velgien, 5J>iemont, djollanb, bie Scgweij, befonberg aber Oeutfcglanb fütlfen ftd) mit biefen flüchtigen jeben Sllterg unb ©efcglecgtg. ©in Sigeil nur gatte fein Vermögen gerettet; btegröfere 59taffe befanb ftd) in auf erfier ©niblöfung unb oerfanf unter biefen Umftänben halb in bie furegtbarfie Oemora* lifation. Oem Übermutge, ber f rcchgeit unb bem Vetteln biefer eporben muften polkeilidje Scgranfcn gefegt »erben; boeg Viele ertrugen aud> igr Scgidfal mit »ürbiger ©rgebttng unb ergriffen nicht feiten bie ungewohnteren ©rwerbgjweige. 3u -Sohlen* h attc f> c h um bie ^rin^en ein -pof oerfantmelt; man hatte eine ^Regierung mit fSliniftern unb einem ©erichtö* hof eingefegt, unb bag fogenannte augwärtige %ranfreich fianb in Verbinbung unb Unterl)anb» lung mit allen frembencpöfcn, toelche bie fReoolution migbilligten. OiefeSgätigfeit erbitterte f ranfteid), oerfd)ltmmerte bie Sage beg Äönigg unb hat eigentlich bie fReoolution auf igre blutige unb graufante Vagn geflofen. Unter bem ©efegle beg ^ringen ©onbe' (f. b.) tourbe ein ©migrantenheer gebilbet, bag ber preuf. Slrmee in bie ©h am P a 9 ne folgte, aber in f ranf* reich felbji, namentlich tn folge ber ^roclamation beg -^erjogg oon ®raunfd)»«g, bag höchfle 59iigfallen erregte. Oie folge baoon »ar, baf nun gegen bie ©migranten oon Seiten franfreiegg bie fegarfften ©efege erlaffen unb igre ©üter conftgcirt würben; bei Xobegfttafe 696 ©mit ©minettj murbi »erboten, fie jtt unterftügcn ober mit ifjnen in 33erbinbung ju treten; 30000 fj)er* fonen mürben auf bie ßifie ber ßmigranten gefegt unb für immer »om franj. 33oben rer* bannt, obfdjon 23tete nur ber 23erfolgung entflohen maren unb bie SBaffen gegen t£)r SSater» lanb nid)t führen mollten. Sott) erfi nad) bent »etunglücften, »on ßnglanb unterftü|ten 8anbung«»erfudje auf Q.uiberon (f. b.) im ©ommer 1795 »erioren bie (Emigranten ben 9Rutt) ju jebem föerfud)e, in ffranfreid) mit ben SBaffen einjubtingen. Sa« frütjer au« ber beutfdjen 9feid)«faffe befotbete Gorp« ßonbe’o mugte ftd) nad) bem ffrieben »on Suncoiile förmlicf) auftöfen unb fudjte namentlich 3uflud)t in SRuglanb, mo bie Unglüdlidjen ©elber unb Sänbereien angemiefen erhielten. ©cf)on unter bem Sirectorium Ratten ftd) inbeg SSiele um bie 9iütffef)r nach Sranfreid) bemüht, greubig mürbe bafjer bie »om erfien ßonful be» milltgte allgemeine Slmneftie oon einem grogen Sh c 't e ber ßmigranten begrügf. Socb erfi nach dem ©turje Stapoleon’« fef)rte ber Sieft in bie ^eimat jurüd. SBürben, fßenftonen unb Slmter mürben nun ben fogenannten ©etreuen ju Sheil, bod) nad) ber C?h arte Bon 1314 fonntcn fie meber ihre ©üter noch ^rioitegien mieber erhalten. ßnblicf) nach ben ^cftigftcn Sleclamationen mürbe auf Stntrag be« SRinifter« fßillele ben (Emigranten, bie ihre liegen» ben ©üter »erioren, burd) ba« ©efefs »om 27. Ster. 1825 eine ßntfd)äbigung »on 30 SDlill. breiprocentiger SRenten auf ba« ßapital »on 1000 ©tili, ifranc« jugefianben. Soch biefcS ©efeg, ba« bie 33eft|er liegenber ©üter, ben alten Slbel, »or Slnbern begünfligte unb eine fet)r millfürtidje 3lu«fül)tung gefiattete, mar fortmährenb ein ©egenfianb be« lebhafteren •fbaber«, bi« nach ber Sulireöolution bie »öllige Slu«etnanberfe(sung bemirft unb bie Slente burch ba« @efe| »om 5. 3an. 1S31 ju ©unften be« ©taat« eingejogen mürbe, fßgt. 3ln» toine be @aint=@er»ai«, „Histoire des emigres fran«;." (3 33be., fPar. 1823) unb SRontrol, „Histoire de l’emigration" (2. Stuft., ^3ar. 1825). ©mit (SRapirn. Seop. Slug, .ftarl), fPritij »on Reffen, ber 33»uber be« regierenben ©rog* herjog« gubmig’« II., geb. am 3. ©ept. 1790 tn Sarmflabt, trat fehr früh ’ n SRititairbienfle, in benen er 1812 auf bem gelbjuge gegen SRuglanb al« Führer be« grogherjoglid)»tjeff. 9theinbunbe«contingent« fRapoteon burd) SRutb unb ©d)arfb(ic? auf eine »ortheilhafte SBetfe befannt mürbe. 3n Seipjig nach ber ©d)lad)t burd) bie SSerbünbeten gefangen ge» nommen, fämpfte er in (folge ber »eränberfen politifdjen Söerhältniffe im 3. 1814 unb 1815 an ber ©pi|e ber grogherjoglid) h e ff- Gruppen gegen granfreid), fanb jebod), auger einem unbebeutenben ©efedfte bei ©tra«burg, feine ©ctegenf>cit, fich befonber« au«jujeid)nen. Sagegen fam er in 9Ri«»erl)ältniffe mit bem bamal« errichteten Gorp« fjeff. (freimilliger, unb bie öffentliche SReinung mag e« ihm bei, bag baffelbe bei ber 3tüdfef)r in bie Heimat »on ben hohem ©taat«autoritäten mit fo menig Stufmerffamfeit empfangen mürbe. (Eine bebeutenbe9folIe fpielte berfPrinj feit ßinfüf)rung ber conflitutionellen üöerfaffung in Reffen, ßr nahm an ben 33etatt)Uttgen über bie ju erlaffenbe S3erfaffung«urfunbe 2h c 'l un b mar angeborene« SRitglieb ber erfien Kammer auf allen feit 1832 abgehaltenen Sanbtagen erfler fPräfibent berfelben. 3n biefer feiner parlamentarischen SBirffamfeif hanbelte er jmar fiel« mit Slnflügen »on politifd)»liberaler ©eftnnung im ßinjelnen unb bei ungeorbneten ©egenflänben, abermo e« fPrincipienfragett unb flaat«recbtlid)e ffiefugniffe galt, burd)au« im flrengflen mi(itairifch'monarchifd)em®etfIe; babeimugte er feinen Stnfid)tcn burd) dtlug» heit, Slhätigfeit, ßrfahrung unb eine geläufige Sarflellung«meife ©eltung unb bei ber 9lb» flhnmung gemicfjtigen ßinflug ju »crfd)afen. Sod) ift in (folge biefer ofen bargelegten Stn» fid)ten unb bei ber einflugreichen ©tellung, bie ©eburt unb ßinftd)t bem ^Jrin^en anmeifen, bie öffentliche SRetnung »ieEeicht ju meit gegangen, mennftc biereactionaitenSRagregeln, bie auch im ©rogherjogfhum Reffen, befonber« feit 1S32, flattfanben, feiner ßntmidelung ju» fchreiben moUte. Übrigen« hegt ber ^rinj, meldjer grogherjoglid) hefT- ©eneral ber ßaoaletie ifl unb in ber öflr. Slrmee bie ©teile eine« ffclbmarfchallieutenant« befleibet, fortgefegt »iel SReigung für ba« SRilttair. ßr ifl un»ermäl)lt unb lebt in Sarmflabt ober in bem nahen S3effungen auf feinem Sanbhaufe in gefchmadöollemunb nicht übertriebenem ©lanje, moju ihm auger feiner Slpanage «nb feinem SKilitairgehalte, auch eine leben«längliche Sotation, bie er furj »or ßrtheilung ber 3?erfaffung«ur!unbe »on feinem S3ater, bem »erflorbenen ©rogherjog Submig I., erl)ielt, bie SRittel bietet. ©miiteitj, ein ©hrentitel, ben chebcm jumeilen Könige unb Äaifer, jeboch ni^tfo ©mit ©mpecinabo 697 * fjäufäg atS Gpcetlenä, unb auch Me 33ifcf)öfe führten, mürbe, als tefctere bas fßräbicat 3Seöe- renj erhielten, cigcntt>ümtic^er Sätet ber Sarbinäte, bie bis bat)in illustrissimi unb reveren- di.*simi genannt worben waren. 35urdb eine ausbrücfliche 33epimmung ^fapp Urban’S VIII. »om3- 1630 marb berfetbe aber nirf)t nur biefen, fonbern aud) ben geiplid)ert Jt'urfürjlen unb beut ©roßmeiper beS 3ot)anniterorbenS »ertiehen. ©mir ober 31 mir, ein arab. 2Bort, baS fo »iel atS ^)errfd>enbcr bebeutet, ifi int Orient unb in Siorbafrila ein Sätet, ber einesteils alten unabhängigen ©tammhäuptlingen, anbernttjeitS alten wirtlichen ober angeblichen Stacfpömmtingen SJtohammeb’S burch feine Softer gatirne gegeben wirb. Sicfe te^tern ftnb im türt. 9teid) fet)» b)äufig, unb obwot ihrem SRange nach 5 um «pen ber oier Stäube biefeS 9teüf)S gehörig, genießen fte beShalb ; hoch nichts weniger als befonberer üSeöorjugungen unb großen Stnfehens, ba fte ben »er* fchiebenflen ffierufSgaftungen angehören, unb ebenfowot unter ben SSetftern unb bem ge* meinen SSotfe, wie unter ben 9)MahS tt. f. w. angetroffen werben. 3h rc ^risttegien be* fchränfen fid) auf unbebeutenbe ©hrenrecfpe / inSbcfonbere auf baS auSfd)tießtiche 9ied)t, Surbane »on grüner garbe, ber SiebtingSfarbe SKohammeb’S, ju tragen, Sie flehen unter ber Slufftchf beS ©mir 33afchir, 3n früherer Seit führten bie Slnfütwer in ben 9SetigionS= friegen ber SDZohammebanet fowie mehre mot)ammeban. ^>errfd>ergefc$tec%ter, 5 .33. bie Sä)a* heriben unb ©amaniben in fßerpen, bie Sättuniben in Spjppten, bie flehen erften Dmmajabeu in ©panien unb fpäfer bie ^rin^en ber Könige unb ©uttanc, »oräugSmeife ben Seifet ©mir. ©onfl wirb ber Sätet ©mir auch mit anbern äBorten »erbunben unb bient in biefer 33er= binbungbcfonberS jurSejeidjnung »erphiebenerSlmter. ©mir at SJtumenin, b.t).gitvfi ber ©laubigen, ifi ber Sätet, ben pd) bie Khatifen pP>P beitegten, ©mir at 3)luStemin, Saffelbe bebeutenb, war ber Sätet ber Sltmoraoiben. ©mir at Dmrah/ b. i. gürfi ber f gürpen, ifi unter ben Khatifen unb bei ben opinbifetjen SJtogolS ber Sätet beS erften, bie llödbjflen ©iöil* unb SDtititairwürben »ereinigenben SttinifterS; bann Sätet ber 35t)naPien ber 83uiben unb ©elbfd)ufiben; enblich in ber Sätrfei ber Sätet einjelner Statthalter »on fPro* »injen. ©mir 31 chor heißt ber Dberpaltmeiper beS tiirf. ©utfanS; ©mir Site nt ber für! 9letd)Sfahnenträger; ©mir SSajar ber Sluffeher über bie SJtärfte in ber Slürfei; ©mir Jp a b fd)i ber Stnführer ber Karaoane ber nad) 9Mfa fJMtgernben. ©mmältö ift ber Starne eines gledenS üt3ubäa, bet nad) Slngabe bet 33ibet (Suc. 24 , 13 ) unb beS 3ofept>uS 60 ©tabien ober 1 ’/ 2 SKeile wefltich »on 3erufatem tag. Stuf bemSBege bafin erfchien ber auferpanbene3efuS jweien3üngern, bie nach ber gewöfjnlichflen Annahme ju ber Saht ber 70 gehörten, unb fprach mit ihnen, ohne anfangs »on ihnen er* fannt ju werben. — ©in anbcreS ©mmauS ip bie 1 Sftaffab. 3 , 40 unb 57 erwähnte ©tabt, 176 ©tabien »on Serufatem entfernt, welche fpäter ben Flamen ffttfopoliS erhielt. ©Ittmet (Triticum didoccum) ip eine bem ®infet »erwanbte ©etreibeart, »on bem | pe pd) burch bidp an* unb übereinanbertiegenbe ©petjen unb pariere $atme mit breitem SBtättern unferfcheibef. 9Jtan hat weißen, rothen unb fchwarjen ©mmer. Slm fjaupgpen Werben bie beiben erpen Sitten angebaut unb jwar hauptfädhtid) als ©ommerfrucht, mäh* renb man ben phwarjen ©mmer a(S SBinterfrudp baut. 35aS ©mmermehl ip »on ge* ringer 33efchaffent)eit. ©ewöhnüch werben bie Körner nur gefchält unb gcriffen unb ju ©up* pen ober atS ©raupen »erbraudp. ©tttfjectttäbo (35on 3nan Sftartin 35iaj et), einer ber .fjauptanführer in ber (pan. fReöotution »on 1820 , geb. 1775 , war ber ©obn armer Sittern unb biente feit 1792 atS greiwiltiger beim fpan. £eere. 33eim ©infad ber granjofen in Spanten war er ef, ber mit jwei S3auern jwet ftanj. ©ourieren auftauerte, ben einen töbtete, ben anbern gefangen nahm unb bie 35epefd)en bem ©eneral SJtoore auShänbigfe. Stn ber ©pi|e einer ©uerritta »on 5 — 6000 SDt. that er bann bem fran$. ^)cere, befonberS ber Sefa^ung »onSPabrib, großen ©chaben. 3m 3- 1814 ernannte ihn bie Siegentfchaft &um ÖberPen unb ber Jtönig fetbP jum SJtarechal be ©amp; auch erhielt er bie ©rtaubniß, patt feines SSatemamenS 35taj fei* nen ©pi&namen Gmpecinabo, b. i. ^)e^mann, ju führen. 3n gotge einer SSittfchrift an ben .König wegen SBiebertjerpeltung ber ©orteS würbe er 1815 fepgenommen unb fpäter nach föaltabotib oerbannt. SBährenb ber Steoolution »on 1820 würbe er jweiter ©ommanbant wn föaltabotib, fobann ©ouöerneur »on S^mora. S3ei mehren ©etegenheiten jeichnete er COS GntpefcoffeS ©mpfäitgttif? ftrf) burd) SKutf), jfüf)nheit ttnb Umjtd)t aug. 5Rad) ber SRefiauration würbe er 1825 einge* jogen, in einem eifernen Jfäftg ber Verhöhnung beg ^öbetg preiggegeben unb enblid) jurn Strange »erurrtjeiit; boc£> wehrte er ftdj bei ber Einrichtung bermafen, baf er burd) bic Solbafen erflogen werben mufte. ©ntpeböfleö, ein gried). ^f)i(ofopi) aug Slgrigent in Sicilien, lebte um 450 p. Gt)r. Sei feinen SRitbürgern ftanb er alg Slrjt, Vertrauter ber ©öfter, Verfünber ber 3ufunft unb Sefdjwörer ber fRatur in folgern 3lnfet)en, baf fte il)m bie Eerrfd>aft angeboten haben fallen; allein alg ein geinb ber Unterbrücfung unb ber Grhebung über Slnbere fd)tug er fte aug unb Permod)fe fte, bie Slrifiofratie abjufd)affen unb eine Semofratie einjufülwen. Gr foU ftd) in ben tratet beg Sltna gefiürjt l)aben, um beim Volte burd) fein plö|lid)eg Vet» fchwinhen ben ©lauben an eine tjöljcre SIbfunft }u etweefen; allein wghrfdjeinlid) ift bieg eine $abel, wie bie burd) ben Spötter Sudan oerbreifete Sage, baf ber Sltna bie Sanbalcn beg etfeln ^3l)ilofopf)en aufgeworfen unb fo bem Volte ben ©tauben an beffen ©ottljeit be* nommen habe. Slnbere erjagten, er habe, bei fel)r hohem Sitter, ben SEob im SReere gefun» ben. Sei G. ift ber philofophifdfe ©ebante, felbft in einem tjö^ern ©rabe alg bei *Par* menibeg (f. b.), ber aud) in gebunbener SRebe fdjrieb, an bag poetifdje Silb unb ben SRtp tfjug gebunben. Sein Stanbpunft ift im Stllgemeinen burd) bie Ginwirfung ber eleatifc£)en ^l)ilofopl)ie auf bie Sehre ber frühem ionifd)en Vaturpbilofophen (^3l)pftologen) bebtngt. SReben Pier ooneinanber unabhängigen ©runbfloffen, Sit ft, SEaffer, geuer unb Grbe, bie er burdj mptl)ologifd)e Vamen a(g 3eug, $ere u. f. w. be^eichnete unb bie ftd) bann big 51 t ben neuern grofen Umbitbungen ber Vaf urmiffenfehaften alg bie fogenannten Pier ßleniente erhalten haben, behauptete er bag Safein jweier bewegenber unb wirtenber üräfte, ber greunbfdjaft (Siebe) unb ber geinbfehaft (Streit), jener alg beg pereinigenben, biefer alg beg trennenben ^3rincipg. So tritt bei ihm ber ©egenfetf jwifdjen Stoff unb .ffraft beftimmter auf alg bei ben frühem ^h*l°f°Pf) en - ®' c SEettentftehung bachfe er ftd) fo, baf in bie Pon ber ätraft ber Siebe jufammengehaltene uranfängtidje Ginbeit (Sphärog) ber Streit alg Urfache ber Sonberung einbrang. 3n biefem Slugfonberunggproccf, burd) weldjen bie ein» jelnen fRaturbinge entfiehen, fcheint er eine gewtffe Stufenfolge, ebenfo eine atlmälige Gut* wiefetung beg Vollfommenen'aug bem Unoolltommcnen unb einen periobifchen SEecbfel ber 2 Beltentfiel)ung unb beg SBeltuntergangcg angenommen ju haben. Slucb ift aug ben grag» menten feines Sehrgebidjfg nicht gan$ tlar, inwiefern er unter ben Glementen bag geuer für bag Subftraf beg Streitg, bag SBaffer für bag Subftraf ber Siebe gehalten, unb ber über» wiegenben &f)ätigteit beg einen ober beg anbern fPrincipg befonbere Salbungen jugefchrieben habe. Unter feinen Meinungen über einjelne Vaturerfcheinungen ift befonberg feine Sehre pon ben Slugftrömungen ber Singe ;u erwähnen, bie in bie entfpred)enben Öffnungen (^>oren) anberer Singe einbringen, aug welcher Sinnahme er in Verbinbung mit bem Sage: ©teicheg werbe nur pon ©leid)em erfannt, bie Gntfieljung ber ftnnlichen 2 ßaf)tnehmungen ertlären ju fönnen glaubte. Sem uralten ©tauben an eine Seelenwanberung fuctjte er eine ethifche Sebeufung ju geben unb näherte ftd) hierin pt)tf)agoreifd)en Slnftd)ten. Vgl. Sturi, „Empedocles Agrigent." (2 Sbe., Spj. 1805), „Empedoclis et Parraenidis fragmenta cte.", herauggegeben Pon Slmab. fPepron (Spj. 1810), „Empedoclis Agrig. carminum re- liquiae", herauggegeben Pon Sim. ätarfien (Slmfi. 1838), Sommaffd), „Sie SBeisbeit beg G., philofophifd) bearbeitet" (Verl. 1830) unb Somenico Scina, „Memorie sulla vita et la filosofia di E. (2 Vbe., Palermo 1813). ©mpcrfftafic ober Gnneperftrafe,ein 2hal in ber ehemaligen ©raffdjaft SRarf, etwa jwei SReiten lang jwifdjen hagen unb ©eoelgberg, an bem glujfe Gmpe ober Gnnepe, ift PonSlnfang big Gnbe fo mit SBafferwerfen, namentlid) Gifenwerfen, befegt, baf ein neueg anjulegen faft nicht mehr möglich ift- (gmfjfättßlichfeit ober OteceptiPifät, auch Grregbarfeit genannt, im ©egenfafe ber Spontaneität (f.b.), befiehl barin,baf eine Jtraft burd) bie Ginwirtung einer anbern $u einer gewiffen SEhätigfeit Peranlaft wirb. Sind) bem menfd)lidjen ©eifie legt man biefe Gigenfchaft bei, inwiefern er nicht felbfithätig wirft, fonbern burd) äufere Ginbrücfe jttr SEh<üi 0 frit beftimmt wirb. ©mfjfttttgtti# , f. 8 e ug un g. ©mßftttfcfatnfetf (StttfntiStnuö 699 ©mßftttbfamfeit ^cift bic gäljigfeif bed menfd)lid)en Gemünd, burd) getoiffe ®tn» briitfc leicht $u ben entfptechenbcn Gmpfinbungen befiimntt $u »erben; in engerer S3ebeutung eine auöge^ctcfjnete ©mpfänglid)feit unb ©rregbarfeit für lebhafte ©mpftnbungen unb fRül)* rungen. @£tt'öt>nlicf> pflegt man inbef biefem SBorte einen !Rebenbegrijf»on Ziererei u. f. ». betjulegcn. S3on ber ©mpfinblichf eit ift bie ©ntpfinbfamfeit babutd) unterfd)ieben, baf jene einen ©emütl)d}ufianb bejeidjnet, in »elchern man leid)t $u unangenehmen ßmpftnbun» gen angeregt »irb, »ad eine einfeitige, auf ©d)»äd)e unb itränSlic^feit beruhte Dichtung unb 33erfiimmung ber förderlichen unb geifiigen Äraft »oraudfeft. ©mpftttbung nennt man bie Auffaffung bed Rufern in bad Snnere ober bie Aufnahme eined finnlichen Gtnbrucfd in bie ©eele; im engem ©inne jebc burd) ein förperlid)e« Organ »ermittelte 33orftellung, inbern fte eben jeft ald eintretenb betrachtet »irb; bann aber aud) ben ©emüfhdjufianb, infofern et in Sufi ober Unlufi beacht, fei biefe burch äufere ober innere Anregung entfianben, mithin bad Gefühl. Sn ber altern fPfpchologie hieß bad ©nt* pfinbungdoermögen bie gähigfeit, ©inbrüefe, befonberd »on aufen fommenbe, in§ S3e»uftfein ju faffen unb galt bann für gleid)bebeutenb mit ©innlid)f eit (f. b.). Sie gtage nach bem Ursprünge ber ©mpftnbungen ifi übrigend fef>r »etfehieben beant»ortet »orben. Sie ältefie unb rohefie Anftdft ift bie »on ben fogenannten ©innedeinbrüefen, ald ob »on ben Singen eine Art materieller ©toffe audfirömte unb in bie ©mpftnbungdorganc einbtänge; berfelbe ©ebanfe liegt, nur et»ad »erfeinert, auch ba ju ©runbe, »o man bie ©mpftnbungd* »orfiellungen für Abbilber ber Singe hält. Aid man bie ©ch»ierigfciten in bem 83egtiffe einer fotchen äufern ©in»irfung bed Jförperlichen in bem ©eifitgen ein^ufehen begann, fuchte man ficE> mit ber Annahme ju helfen, baf bie ©eele ihre ßmpftnbungd»orfiellungen auf eine fpontane SBetfe felbfi erjeuge unb baf biefe mit ben SSetänberungen ber Aufemoelt nur burch eine »oraudbefiimmte ^»armonte übereinflimmen; fo namentlich Setbnif (f. b.). ©ine foldje fpontane ©rjeugung müfte auch ber Sbealidmud, ber bie objectioe ^Realität bet Aufen»elt leugnet, annehmen. 3n neuerer Seit hat .perbartbte ©mpfinbungen ald innere, burd) bie SSerbinbung ber ©eele mit bet Aufen»elt heroorgerufene, aber »on ber Qualität ber Objecte nichtd abbilbenbe Shätigfeitdacte ber ©eele aufgefaft unb gezeigt, baf bie gönn, »eiche bie Gmpftnbungd»orfielIungen begleitet, nid^t felbfi et»ad ftnnltcf) SBaf)rgenommened, fonbern bie golge ber 33erl)ältniffe ifi, in »eichen bie 23orjieIIungen felbfi ald .Kräfte unter« einanber »irfen. ©tttphäp, f. 9iachbtucS. ©mj)|»hteufe, f- ©rb;*ind. ©mjnriÖtnuS ifi biejenige Senfart, »eiche bie33egrünbung bed SBiffend in bet @r» fahrung (f. b.), alfo in ber Auffaffung bed thatfächlich Gegebenen fudjt. ©mpirifche SSBiffenf d) aften h e '§tn baher »orjugd»eife bie, »eiche auf bie ^Beobachtung unb ©amm- lung bed 3lh af fäch6d)en ih rer 5Ratur nach ange»iefen ftnb, 5 . 35. ©efc£>id)te, Slaturfunbe u. f. ». Sa nun SSegriffe unb ©ebanfen, »eiche in gar feiner nach»eidlicf)en 33e$ief)ung ju bem Gegebenen flehen, immer bem S3erbad)te ber ©rbichtung audgefeft ftnb, fo »erben bie metflen Gebiete ber menfchlichen gorfd>ung auf einer empmfd)en ©runblagc ruhen. 3nfo» fern jebocE) bie ©rfahrung immer nur einzelne gacta barbietet, ohne mit ber bloßen Auffaffung berfelben ein SBerflanbnif barüber $u eröffnen, fo fleht ber ßmpiridmud, ald bie 2 Ra« pime, fein SEBiffen auf bic ©renjen ber ©rfahrung fchlecfjthin ju befchränfen, in einer innern 33er»anbtfd)aft mit bem ©enfualidmud, ber fein anbered Seugntf für irgenb eine ©rfennt» nif anerfennt ald bad ber äufern ©tnne. Ser ©egenfaf) bed ©mpiridmud ifi bann ber SRa» tionalidmud, ber auf bem S3ebürfniffe einer nicht, blöd beobad)tenben ©ammlung fonbern benfenben Verarbeitung bed Gegebenen beruht unb ftch mehr ober »eniger felbfi ba geltenb macht, »o man feiner öjpülfe ganj entbehren ju fönnen glaubt. Siefe allgemeinen SSefiim» mungen mobifteiren ftch nun 33tS»h un 9 auf »erfd^iebene SBiffenfdjaften »erfchieben. ©o ifi 5 .35. ber fiarre 35uchfiabenglaube in ber 2h eo ^9it ©mpiridmud, bie prüfenbe Ärttif bet überlieferten Sogmen SRatior.alidmud. 3« ber ^h>t°f°Ph* e h atte btefer ©egenfaf burch itant bie SSebeutung befommen, baf ber ©mptrtdmud bic ©efammfhett aller ©rfenntniffe aud ber äufern ©rfahrung abteite, ber fRationalidmud in ge»iffen reinen SSetfianbed * unb Vetnunftbegriffen eine »on ber ©rfahrung unabhängige O-uelle bed SBiffend nimmt. Sed* 700 ©rnfmfa ©nts pa(b rechnet man gemöpnticp, menn auch nic^t mit 9Zed)f, Slrifiotetc« unb Socfe ju ben ©nt» pirifien, ^Maton unb Seibttip 511 ben SZationaliften. — Sn ber SDZebicin bilbete fiep fcpott im 3. Saprp. »• ©pr. nach bcm Vorgänge »011 Heroppitu«, Serapion unb ^Ppilinu« aus ÄoS eine Schule, bie fiep »orjugSroetfe bie empirifct>e nannte. Sie Borgängcr, bcfonber« Hero» Ppitu«, brangcn auf unbefangene SZaturbeobacptung unb forgfgme Sufammenficllung be« Beobachteten ju einer ®cfct)id)£e / aus meiner bann burd) bas Übereinfiimmen Dieter S5eob= acptungen bie unmanbelbaren Söorfcfjriften für gemiffe gatte perDorgepen füllten. Sie ©cpü» ter hingegen, ^pitinu« an ber ©pipe, fcploffen alte tpeoretifcpe ©tubien, fetbft Anatomie unb fpppffologie, au« unb hielten ftd) einzig an SErabttionen unb itjre eigenen ©tfapruttgen am Äranfenbettc. ©pater näherten fte ftd) veieber ben Sogmatifern, inbem fte ben ©pilo» gi«ntu« annapmen, b.p. bie dZunfi, au« »orpanbenen befannten ©rfaprungen auf ba« Unbe» bannte, bitrd) ©rfaprung noch niept Gemittelte ju feptiefen. 3« ber neuern Seit bcjcichncl man mit betn Barnen eine« Gmpirifer« einen Blenfcpen, ber au«9JZanget an tpcoreti» fepen mebicinifcpen Jfenntniffen bto« auf« Ungefähr nach bem Barnen ber Äranfpcit ober nach einjelnen ©pmptomen SOZittet Derorbnet, metepe ber gemeine ©taube ober eiitfeitige Beobachtung gegen jene SufäUe at« peitfam bezeichnet, ohne zu beurtheiten, ob fte ber Snbi* Dibualität be« JZranfen unb bemSparaf'ter ber JCranft)eit angemeffen ftnb. Surcp biefe Be» hanb(ung«art haben bie fogenannten ©pecifica (f. b.) ipreit Buf erlangt, ju benen auch ber rationelle Arjt in manchen gatten feine Suflucht jtt nehmen fein Bebenf'en tragen mirb. ©mfiufa, ein «on ber $efate gefanbte« ©efpenft, ein Popanz im grieep. Bolf«glau» ben, ber »etfehiebene ©efiatten annahm unb »or^üglich Beifenbcn erfchien, mirb häufig mit Samia (f. b.) »ermecpfelt ober begreift at« generelle« Appetlatiöum biefe mit in ftd). 3Ba« man ftd) Dott ihnen für eine Borjiettunq machte, lehrt ^pilofirat. ©mö, ein .ftüfienftug be« nörblicfjen Seutfcplanb«, ber in ber preufj. fProöinj fffieft» falen eutfpringt, unmeit ber ofifrieftfepen ©renje bie dpafe aufnimmt, bann bie hannö». ^3ro» »inj Dfifrie«tanb burepftieft unb zmifcpenfPojum unbBorfum in ben SDZeerbufen SoUart fiep ergieft. Slu« biefem tritt jie bei ber fogenannten Soger ©ei Slrme, metepe bie Snfet Borfum umfeptiefjen, unb münbet nach einem Saufe »on 40 SB. in bie Borbfee. 3h r SBaffer ifi jum SEpeit faljig, Jttm jEpeit feptant» mig unb beöpalb menig fifchreich- SP« SBicptigfeit für Hanbet unb Schiffahrt mürbe ba» burd) erhöht, baf fte feit 1818 burd) einen jfanal mit ber Sippe unb baburch mit bem Bpein in Bcrbinbung gebracht mürbe unb fomit ben SZpein unb bie Borbfee »erbinbet. ©ms> ober ©ntb«, ein fepon ben Böntern moptbefannter, tn Seutfcplanb feit bcm 14.Saprp. berühmter Babeort im Herjogtpume Baffau am rechten Ufer ber Sahn in einem engen, »on popen geifert cingefcploffenen SEpale, brei ©tunben »on .Sobtenj, ift reich an marmen SBineratquellen. SBan unterfcheibet ber Sage nach 1) im Äurpaufe ba« Branchen (‘26 u B.) unb ben Äeffetbrunnen (37 0 SS.) at« Srinfquelten, bieduetle unter ber-ftiiehe (37 0 B.), bie gürfienbäber (28°—30° B.), ben SZBitpctmSbrunhen (21° B.), ben SBappeit» brmtnen(24° B.), bieduelte be« OZonbet«(44° B.)unb bie duelle unter ber Strcabc(36°— 40 °B.)at« Babequellen, unb bie Bubenquette(38°B.), metepe jurSouche gebraucht mtrb; 2) bie duetten be« fteinernen^)aufe« (26°—30° 3Z.), meld>c ju fffiaffer» unb Soud>ebäbcrn unb 3) bie be« Slrmenpaufe« (27°—30 u 9Z.), meld)e at«@etränf, SBaffer» unb Soucpc» bäber angemenbet roerben. Unterfudjt mürben biefetben in neuerer Seit »on Äaftncr, ©truoe unb 5Erom«borf. ©ie gehören fammtltch in bie ©taffe ber erbig=atfalifchen SJZincralmäffcr unb unterfchetben ftch mefentlid) nur burd) ipre SEemperaturgrabe unb ben baburd) bebingten ©epalt an foplenfaurcm ©a«. Spte SBirfutig ifi berupigenb, frampf» unb fchmcrjftiltcnb unb bie Sluffaugung befonber« in ben Schleimhäuten ber 3Zefpiration«organe, be« Samt» fanat« unb ber ©efchled)t«organe bettjatigenb, baper ipre guten ©rfotge bei epronifepen 9Zer» Denfranfpeitcn, Selben berOZefpiration«organc, Bcrfcpleimungen unb ©toefungen tmSarm» fanale unb JZranfpeiten ber meibtiepen ©enifalien. Spte Slnmenbung erfobert jtemliche Borftcpt, ba fte benDrganiSmuS ffarf angretfen. SieBabeanfialten ftnb »ortrefflicp. Slucp für ^)ferbe tff ein Bab eingerichtet. ©. ifi ein« ber befueptefien Bäber in Seutfcplanb; auep fehlt e« niept an Ginricptungen, um ben Babegäften ben Aufenthalt fo angenehm at« mög» ticp jtt machen. Bgt. Srofie=^)üt«hoff, „©. unb feine Heilquellen" (BZünfi. 1831), Söring, Ccmfet ©mulftoM 701 „G. mit feinen natürlidpmarmen -öeilqucKen unb Umgebungen" (GmS 1 838) unb 23ogler, ,Übcr ben Gebrauch ber StineralqueUen, inbbefonbere berer $u G." (granff. 1840). GÜmfet (.SpieronomuS), ein Scitgenoffe Suther’S unb anfangs beffen greunb, fpäter beffen (jeffigfier ©egner in SBorf unb ©cfjrift, mar $u Ulm am 26. Stä rj 1477 auS einer Bornebmen gamilic geboren unb ftubirte Bon 1403 an in Tübingen unb bann in SSafet Urologie. UmS 3- 1 500 mürbe er Äaplan beS GarbinalS SRaintunb Bon Qucf, mit bem er einen 2i>eil StalienS unb ®eutfd)lanbS burdfreijfe unb 1302 nach Grfurt fam, mo er auS Siebe jum afabemifd)en Scben blieb unb I>umanijlifcf)e Slorlefungen i)iett, bis er 1504 ftd) nad) Setpjig menbete, mo it)n ber dperjog ©eorg im folgcnben 3af) re ju feinem ©ecretair wählte. Stad) bem SBunfdje beS IperjogS, ber bamalS fdjon bie ^eifigfpredjung beS 33t» fdjofS 33enno (f. b.) Bon Steifen eifrig betrieb, fcfjrieb er ein Sobgebid)t aufbenfelben (Spj. 1505, 4.); auch reifte er 1510 in biefer Stngelegenfjeit nad) 9tom. 9tad) feiner Stücffefyr er» ! fielt er eine fPräbenbe in Steifen unb eine anbere in DrcSbett, mo er feinen Slufentfalt i) atte, unb nafm nun bie ^rieftermcife. Stit Sutfer ftanb er fortmäfrenb in gutem, freunbfefaft* liebem 58ernefmen bis ju ber leipziger ©isputation im 3- 1519, mo er fefon oor bcrfelben für G if (f. b.) $u merben fuefte. 33alb nachher traf er nun aud) als ©chriftfMer gegen 8u« tfer auf unb $mar in f>euc^(crifcf)er, boshafter unb beimtücfif^er SBeife. Stadjbem er feit 1523 oergebenS Bcrfucft hatte, in mehren ©driften Sutfer’S Überfefung beS 9teuen %fia» mentS als eine fehlerhafte unb Berfälfcfenbe ju Berbdicftigen, flellte er ifr feine eigene Über» fefung (®reSb. 1527, gol.; 2. Slufl., 1528) entgegen, bie mciter nichts ift als eine Slbän« berung ber lutferifcben Übetfefung nad) ber SSulgata unb nach G.’S Slnftchten fomie in un= mcfenflicfen ifleintgfeifen, bie aber mit ber lutferifcben gar nicht in 2Sergleid) fornmen fann, unb ber eine grimmige gegen Sutfer gerichtete SSorrebe Borangefiellt ift. ®a G. auS Gttel» i feit auf feinen Schriften gcmöfnlid) fein gamilienmappen, einen 33otfSfopf im ©cfitbe unb als ^elmjtcr, anbringen lief, fo pflegte ifn Sutfer fpottmeife ben 58 o cf G m f e r ju nennen. Unter feinen ©griffen fat in fiftorifefer Sejiefung bie „Vita Bennonis" (Spj. 1512, gol.) | ben mcifien SBertl), ba ifr mafrfd)einlicb eine alte Berloren gegangene SebenSbefcfreibung 85enno’S $u ©runbe liegt, bie aber G. mit Bielen gabeln burefmebte. Gr fiarb in ©rcSben am 8.9toB. 1 527. 33gl. SBalbau, „9tacbrid)t Bon G.’S Beben unb ©cfriften" (3lnSb. 17 83). | ©tttfci' fpunefafiott feift bie Übereinfunft, meldje bie äfurfürjten unb Grjbifcföfe i Bon Stainj, Syrier unb Jtöln, unb ber Grjbifdfof Bon ©aljburg jur SBafrung ifrer Stecfte | gegen bie tönt. Gurie am 25. Slug. 1785 ju GmS abfcfloffen. SSeranlaft mürbe fte junächfi burcf) bie Übergriffe beS päpftlicfen SuntiuS 309 U 0 ju Stündjen; bie Sefiimmungen aber, melcfe fte traf, gingen namentlich bahin, baf bie er^bifchöflidje ©emalt in ihre alten 3techte mieber eingefeft, ber päpfiliche Sprimat bloS im ©inne ber erften Sufrhunberte anerfannt, bie Slppellation nach 3t° m Berboten, bie Geemtionen unb bie unmittelbare @erid)tSbarfcit ber Dtuntien aufgefoben fein foUten. 3ubef hatten biefe 95efchtüffe feinen nachhaltigen 6r» folg, tfeilS meil ber ^3apft burcf ben fölnifdjen SuntiuS SSartfolom. ^>acca energifch ent» gegenmirfte, fheilS meil bie Grjbifchöfe felbfl nicht gehörig jufammenhielten, theilS unb Bor« nehmlich, meil bieSBifchöfe fich baburcf Berieft fühlten, baf fte jur fBerfanblung nieft maren i jugejogen morben, unb am Gnbe auch bem entfernten Zapfte lieber gehorchten als ben nahen 1 Sletropoliten. fPiuS VI. lief bie ^unctation burch bie „Responsio ad Metropolitauos Mogunt., Trevir., Colon, et Salisb. super Nuntiaturis" (9?om 1789, 4.) meitläufig miber« legen. ÜBgl. Slünd), „©efchichtc beSGntfer GongreffeS unb feiner fPuncfate"(jlarlSr. 1840). ©ntulftoit nennt man eine Slrjnei, bie eine meife, milchähnltche glüfftgfeit barftellf unb auS bem gufammenreiben öliger, fd)leimiger unb mäfferiger ©toffe entftehf- 5Äan nimmt ba^u entmeber ©amen, bie ein fettes Dl enthalten, j. S5. Slanbein, Slohn«, ^>anf= fanten u. f. m. unb reibt biefe mit menig SBaffer, bis ein feiner Sleig entfleft, bem man bann bie Borgefd)tiebene Quantität SBaffer i^ufeft, ober ein fetteS Dl, melcheS man burch 3ufa(j Bon 3ucfer, Gigelb, Slrabtfchem ober Slraganth=@umnu u. f. m. unter fortmährenbern fRei« ben nach unb nach mit bem SBaffer nerbinbef. ©taff beS reinen SBafferS fann man auch ein Qecoct ober 3nfufum benufen. ®er Gmulfton merben oft noch anbere Slrjneifloffe bet« gefügt, bie aber meber fpirituöfet noch faurer Statur fein bürfen, meil biefe bie Gmulfton mie bie Stilch jerfefen; auch mu f m an fte fühl aufbemahren unb feine ju gtofe Quantität Ber« 702 (SitaUaae ©ttciita orbnen, i»eit fte leicht in ©äljrung übergeht. SDtan bebienf fiel) ber ßmulfton befonberS, wo tS barauf anfommt, einen SRetj abjuftumpfen, ber entweber febon im Jtörper »orhanben ifl, ober burd) baS flärbereBtebicament, welches man berßmulfion $ufe(st, erregt werben fönnte; fo bei (Sntjünbungen ber BerbauungSorgane, bei S>urd)faUfranf§)citm unb entjünblidfen äufbanben ber innern SluSfleibungen ber Urtnwerfjcuge, welche burch bie ßntulfton felbjl herabge flintmf «erben unb burd) bie jugefegten Mittel feine «eitere Steijung erfahren. (SttaHaife ober $eteröfiS nennt man tn ber ©rammatü unbSthetorif imSUlge» meinen bie Bertaufdjung beS befbiminten 5luSbrudS gegen ben unbeftimmtern ober alfge- meinem; befonberS aber bezeichnet man bamit biejenige fpntaftifche ^igur, nad) «elcf>cr Stcbefhetle »on einerlei ©attung in $infid)t it>rer Slbftammung ober gorm miteinanber »er» taufdjf «erben, $. B. «enn baS ©ubflanti» fiatt bei 9lbjecti»S, baS Slbfiracfum ftatt beS ßoncrctum, ber Gtigenname fiatt beS ©attungSnamenS u. f. «. gebraucht «irb. ©ItcEe (3ot>. granj), Sirector ber föniglidjen Sternwarte unb ©ecretair ber 2lfa= bemie ber SBiffenfcfyaften ju Berlin, geb. am 23. ©ept. 1791 ju Hamburg, »o fein S3ater ©ei(tlic£)er «ar, flubirte unter ©auf in ©öttingen unb trat bann in preuf. Slrttlleriebienfle. Gr fianb als Steutenant in ber gefiung Jtolberg, als iljn ber fäc^f. ©taatSminifler »on 8 in* b e n a u (f. b.) fennen lernte unb auf bie ©ternmarte ©eeberg bei ©ot^a brachte. -£>ier blieb er, big er 1825 Sirector ber ©termoarte in SSerlin wttrbe, «o er fpäter als ©ecretair ber matl)emafifcf)en ßlaffe in bie föniglicfye SWabemie einfraf. Gr «ar eS, ber ben »on fPonS am 26. Slo». ISIS enfbedten ifometen als einen »on fet>r furjer UmlaufSjeit (»on 3 Sauren, 115 Sagen) erfanntc, «eötjalb aud) biefer Jfomct naef) feinem Barnen genannt «irb. (©. Jlometen.) ©eine mit ber gröften Sorgfalt über benfelben angeflelltcngorfdjungen in ben beiben SIbhanblungen „Über ben Jlometen »on $)onö" (SSerl. 1831 unb 1832) machten auf ben SSSiberflanb aufmerffam, ben biefe Jtönper »on bentSUljer beSBIeltraumS 51 tleiben fd)ei* nen. 2lud) berechnete er bie fämmtlid)en Beobachtungen ber BcnuSburd)gänge (f. S ur d)= gang) in bem SBerfc „Sic Gntfernung ber Sonne" (2 Bbe., ©otl)a 1822—24). Seit 1830 beforgt er bie früher »on Bobe herausgegebenen „3lftronomifcf)en Sahrbüdjer". Bon feinen „3lf!ronomifd)en Beobachtungen auf ber fönigtidjen @tern«arte ju Berlin" ifl ber erjte Banb (Berl. 1840, gol.) erfchienen. 3« 3- *840 «urbe er Stifter ber »om Könige griebrid) Bülheim IV. geftifteten griebenSclajfe beS DrbenS pour le merite. ©Itcclabuö, beS SartaruS unb ber Grbe ©ohn, «ar einer ber ©iganten, bie mit ben ©öttern fämpften. 3 f)n überfuhr ^allaS im Jtarapfe mit bem SBagen, ober «arf bie 3 nfel ©icilien, als er entfliehen «ollte, auf ihn. Stach Stabern «urbe er »om 3upiter burch einen Blifs betäubt unb ber Sltna auf tl)n gefegt, fobaf, «enn er „(ich unter bemfelben regt, ganj ©icilien erbebt. — GncelabuS h‘ef auch ein ©ohn bei BgpptuS, «»ld)er »on ber Sa* naibe Slmpmone getöbtet «urbe. ©itctlta ober Gnjina (3uan bei), ber Bater beS fpan. SramaS, «urbe um 1469 ju ober bod) in ber nächflen Umgebung »on ©alamanca geboren. Stad)bem er auf ber borti* gen Uni»erfität feine ©tubien beenbet, begab er ftch nach b £r Siejtbenj, »0 er in bem £aufe beS Son gabrique be Solebo, erflen -£erjogö »on 9Ilba, Aufnahme fanb. SIuS nidjt ju er= mittelnben ©rünben begab er ftd) fpäter nach Stom, «0 er (cd) nicht nur als Sichter fonbern auch alSSJtujlfer fo auSjeichnete, baf er jum päpfilichcn .ft’apcUmcifter ernannt unb mit bem Priorate »on £con belohnt «urbe. 3« 3-1519 machte er eine Steife nad) Serufalem, lehrte aber noch in bemfelben 3ahre nad) Stom jurücf. Sie lebten 3ahre feines 2ebenS brachte er «ieber in feinem Baterlanbe ju unb fiarb 1534 in ©alamanca, wo er in ber Äathebrale be= graben liegt, ßine Sammlung feiner poetifchenSBerfe gab er unter bem Sitel „Cancionero" (©alamanca 1496; mit mehren neuen ©ti'ufcn »ermehrf, 1509 unb öfter) heraus. Siefer ßancionero «irb eingeleitet burch eine profaifche Slbhanblung, bie einen intereffanfen Über» blid beS bamaltgen ^uflanbeS ber fpan. BerSfunfI gewährt, unb als einer ber erflen Ber* fuche einer fpan. ^oetif merfwürbig ifl. Sie Iprifdjen ©ebichte fceftehen auS geifiliehen unb weltlichen unb jeichnen ftch, befonberö «aS bie mehr »olfSmäfigen BillanckoS unb 2etrilloS betrifft, burch eine grofe Seidjtigfeit unb «igige Slnmuth auS. 2lnt «id)tig(len aber, wenig» fienS »om literarhifiorifchen ©tanbpunfte auS, ftnb bie bramatifchen @ebid)te „Represen- taciones", b.i.Sarflellungen, betitelt; benn fte waren in bcrSfjat jurSarftellung beftimmt ®ncIaoett dnchflofiäbte 703 ■ unb mürben tut >&aufe feines ©önnerS, bes ^erjogS Bon Sllba, mirflid) bargeffellt, ja fi. felbfl trat barin manchmal in ber 9folle bes SuffigmacherS (Gracioso) auf. ®urd) fte marb er ber eigentliche SSater bes [pan. ®ramaS im engem Sinne, b. f). bramatifd)er Äunfigebichte, bie nicht-me£)r bloS in Serbitibung mit religiöfen geierlirfffeiten ober SolfSbeluffigungen in ber jUrdje ober auf bcm SÄarfte, fonbern auf einer orbentticfyen Sühne mit theatraliffhem Slp* parat unb Bor einem gebilbeten publicum bargeffellt mürben, unb ba bie Sluffüffrung feiner i Stüffe halb auch öffentlich Bor einem gröfern publicum mieberijoit mürbe, fo läjjt ffd) baS 3af)t k er ©roberung ©ranabaS, 1492, zugleich als baS ber Einführung beS itunffbramaS (comedia) in Spanien mit ziemlicher Seftimmtheit bezeichnen. Slud) biefe bramatifcben ©ebidffe E.’S ffnb t£>eilS noch geiftlichen, theilS fchon melflid)en 3nhaltS; foffnb bie altern noch eine SRpfferien, b. h- bramatifche Darflellungen bibliffher ©efd)id)ten; anbere aber behanbeln fchon Siebesthemata. Sin ihnen zeigen ffd) recht augenfällig bie gortfd)ritfe, bie ber ®icf)fer felbfl allmälig in ber .Runff unb biefe burd) ihn gemacht hat. Sloch hat «tan Bon ihm eine oerffffcirte Sefcffreibung feinet Seife nach Serufalem „Tribagia, 6 via sagra de Hierusalem" (Som 1721 ; julejst SRabr. 1780), bie aber ol)ne poetifd)en SSSerth ifl- ©nclaöen ober Parcel len heigen Heinere Staatsgebiete ober Sh e ^ e eines Staats* gcbiets, melcf)c Bon einem anbern Staate rings eingefchloffen ffnb. So mar bie ehemalige päpfflidje Sefffsung, ©raffchaft Slnignon unb SSenaifftn, ganz in granfreid) enclaoirt; be* fonberS häufig aber maren bie Enclaoen im ®eutffhen Seid)e. Sei ber Stiftung beS Shein* bunbeö mürbe jmar eine groge Slnjahl ber Keinem Staaten, melche Bon anbern umffhloffen maren, ber fianbeSffoheit ber legtern untermorfen (mebiatijirt); auch fudffcn bie fouoerain gemorbenen Staaten burch SluSfaufchungen ftch ber Reiben 2h e *len läffigen Enclaoen mög* üd)ff ;u enflebigen. SlEein noch immer blieben, befonberS im nörblictjen Seutfdjlanb, fef)r I Biele übrig, bie auch ber Eongreg ju SBien im 3- 1815 nicht ju befeitigen oermochte, ja zum 2t)eii Bermehrte, inbem nun bie anljaltinifchen Sanbe, bie untere ©raffd^aft Schroarjburg unb baS fachfen=meimar. Slmt Slllffäbt preug. Enclaoen mürben, fobag Preußen gegenmär» i fig in ®eutfd)lanb bie meiffen Enclaoen hat, obfchon eS fortmährenb bemüht mar, fo zule&t noch im 3- 1834 burch btt Ermerbung bcS ju Sachfen=Äoburg=©otha gehörigen gitrffen* thurnS Si^tenberg, biefelben ju Berminbern. SefonberS tjinberlich ffnb bie Enclaoen bei Soli* einrichtungen, inbem ffe fafi nothmenbigermeife unter baS Slbgabcfpffcm beS umfcffliefenben Staats gejogen merben müffen, maS nicht nur ein Eingriff tn bie SouBerainetät beS einge* ffhlofftnen ©ebietS zu fein fcffeint, fonbern auch ben Untertanen beffelben hoppelte Steuern auflegt, meil ffe, baoon ausgenommen, baS ganze Spjtem beS cinfchliefenben Staats auf eine fcfjr empffnbliche SBeife ffören. ®ieS zeigte ffch namentlich 1818 bei ber Einführung beS preug. SollfpffemS, beffen ©renzlinie nothmenbigermeife mit um bie anhaltiniffhen Sanbe gezogen merben mugte, maS 1821 unb 1822 Differenzen zmifcffen ber ilrone fPreugen unb bem ^erzöge Bon Slnhalt=üöthen herbeiführte, bie erff 1828 baburch Böllig befcitigt mürben, baf 3lnhalt=äföthen unb 2lnhalt=®effau bem preug. Soüfpffeme beitraten. ©nröniten ffnb Strahlthiere (f.b.) beSSReerS, bie mit SluSnaffme Bon etma jmei, übrigens fel>r feltenen Slrten, nur Berffeinert gefunben merben, einen fternförmigen ! Seib haben unb mittels eines fef>r langen geglieberten Stiels an ben Soben angemachfen | ffnb. 3n ben SReeren ber Sormelt müffen ffe in unüberfehlichec SRenge oorffanben gemefen fein, inbem ihre Seffc, namentlich bie Stcelglieber (bie fogenannten SiffhofSpfennige) im SRuffheffalfe ganje Serge bilben unb nicht minber in ber ©raumaffe mancher ©egenben, fomie in gemiffen SRarmorarten baS Borherrfchenbe SRaterial abgeben, gut ©eognoffe unb S3etrcfactfnlunbe ffnb ffe fel)t michtig unb baj)er Bon SRiller, ©olbfug, ^artinfon u. St. genau befchrieben morben. SRanfennt über 70 oerfdffcbene Slrten. ©ttCffflopähie (griecff.) bejeichnete urfprünglid) ben Snbegriff unb it'reiS aller berje* nigen Äenntniffe unb gertigfeiten, ber fogenannten greien Aünfle (f. b.), in melche« bie ’ alte SB eit bie SSilbung eines freigeborenen SRenfcffen umfdjloff. Später mürbe baS SBorf • Born Seben auf bie SBiffenfdjaft übergetragen unb Bon jeber jufammetthängenben Überffcht fomol beS gefannnten ©ebietS menfchlicher SBiffenfchaft (UniBerfalencpflopäbie)alS auch einzelner gelber berfelben (fParticularencpflopäbic) gebraucht. DaSS3ebürf= niff folcher Überffchten mürbe fcfjon in fchr früher Seit theilS zum Schuf einet nach feffcn 704 ©ttci)?IojmHe @runbfä|en an$uf}ellenben 9luSbilbung bcr SBiffenfdjaften unter fid), tf>eilS audj lut 1 ®!* leid)terung beS 9luffinbeuS einzelner ©egenfldnbe fühlbar unb immer fühlbarer, je mehr ftc^ bie Scgrtffe unb Äenntniffe mehrten. 9?act) ber angegebenen hoppelten 9tücfftd)t mürben fte halb in fpflematifdjer, halb in atpt>abctifcE>er gorm abgefafjt. DaS erfte encpflopäbifche SBcrE foll ©peufipp, ein © (bitter beb Platon, öerfafjt haben. Unter ben SRömern lieferten etmaS ilmlicf)eb jtarro unb fPliniuS ber 3lltere, jener in ben öerlorenen ©griffen „Rerum huma- narum et divinarum antiquitates" unb „Disciplinarum libri IX", btefer in ber „Historia naturalis". 9ludj bie ©ammelmerfe beb ©tobäub (f. b.) unb ©uibaS (f. b.), unb öor* äügtid) beb SOfarcianuS Gapella (f. b.), fönnen hierher gejogen merben. Snbef maren bieb immer nur nod) betulich planlofe SSerfudje; ber 9iuf)m, pfanmäfjig Gncpflopäbien unter* nommen $u haben, gebührt bem fStittelalter, bem mir eine beträchtliche SOlenge mit eifernem Steife jufammengetragencr Gncpflopäbien einjelner 2Biffenfd)aften unter bem SEttel „Summa" ober „Speculum" öerbanfen. Der Dominicaner fßincentiuS SBeltoracenfiS (f. b.), um bie SOlitte beb 13. Saljrl)., mar ber Grfte, bcr eine Uniöerfalencpflopäbie lieferte, inbem er bie ganje Summe ber itennfniffe beb SDiittelalterb in einem SBerfe oon beträcf)tli= eher ©röfje in mörtlidjen unb treuen 9luSjügen aub ben SBerfcn ber ©rfjriftfteller feI6ft bar* fiellfe, bab er in brei Steile, in ein „Speculum historiale", „Speculum naturale" unb „Speculum doctrinale", fefjicb, benen menigeSafjre fpäter ein Ungenannter ein „Speculum morale" in gleicher $orm beifügte. 9lud) ifl hier beb fogenannten fPirnaifchen9Jtönd)S 3of>ann 9inb- ner’b (f. ^)irna) §u gebenfen, ber in feinem ju 9lnfange beb 16. 3ahrl). abgcfajjten „Ono- masticon" eine (>iflortfc£) = geograp.f)ifct>e Gncpflopäbie gab. S^adf» bem Vorgänge Sttngel* berg’b mit feiner „Cyclopaedia" (33af. 1541), $)aul ©catich’S mit feiner „Encyclopaedia seu orbis disciplinarum tum sacrarum, tum profanarum" (S5af. 1559), Sfeifcb’b in ber „Margarita philosopliica" (^reiburg 1503, 4.), SDiattb). fUfartini’S in ber „Idea methodi- cae et brevis encyclopaediae sive adumbratio universitatis" (Jperbom 1606) unb SClfleb’b in ber „Encyclopaedia VII tomis distincta" (2 93be., .Iperborn 1620, $fol.) lieferte fobann ber fcfjarfftnnige S5acon »on SSerulam (f. b.) in feiner ©dfrift „De dignitate et aug- mentis scientiarum" (1605; beutfd) öon Spftngfien, 2 23be., ?)eflt) 1783) bie ©runblage einer Gncpflopäbie öoll ber tiefflen §orfcf)ungen unb füljnften 3tl)nungen, bie fein Zeitalter nicht ju faffen öermocf)te. ©eit biefer Seit mehrten ftef) bie Gncpflopäbicn in ungemeffener Sa^l, aber feine berfelben hatte ben reinmiffenfchaftlichen Smcif ber beS 93acon; benn alle bezogen ficf), SDIorhof’S „Polyhistor" (£üb. 1688; 4.9lufl., 2 S3be., 1747, 4.) auSgenom* men, entmeber auf ben Unterricht ber Sugenb unb ber Ungelehrten, mie „La Science des personnes de la cour, de l’epee et de la robe" (5. 9lufl., öon £itnierS, 4 93be., 9lmft. 1717) unb 3ol). Gf)rif!oph SBagenfeil’S „Pera librorum juvenilium" (5 33be„ Slltborf 1695), ober fte maren $um 9tad)fd)lagen für ©elef)rte beftünmf. Unter ben beutfcf>en 9Ber* fen ber le|tern 9lrt behauptet 3ablonSfi’S „9lllgemeineS Sepifon ber Jfünflc unb SBiffen* fchaften" (Sp^. 1721; jule^t öon ©d)mabe herausgegeben, 2 93be., ÄönigSb. 1767, 4.) bie erffe ©teile. DaS umfangreiche aber ifl baS öon 3- öon Bubemig, bann oon granfett* ftein, £ongoliuS u. 31. rebigirte unb öon Sebler öerlegfe „©rofje öolljlänbige Unioerfal* lerifon aller SBiffenfdjaften unb jfünfte"(64 35be., £p$. 1731—50, unb 4 5Bbe. ©upple* mente, 17 51—54, gol.), baS in einjetnen Rächern, b'efonberS in ber ©cnealogie, öiel ©uteS enthält. Sluferbem ermähnen mir noch «tit Übergehung ber 33taffen Gncpflopäbien einjeb ncrSmeige ber ÜBiffenfchaff, bie ftef) »on 3iag ju Sag mehren, bie öon .firünib,,begonnene, bann öon 3- Slörfe, hierauf öon ^). ©. gtörfe, je|t öon Äorth fortgefe^te „Dfonomtfdp te^nologifche Gncpflopäbie" (93b. 1 — 182, 93erl. 1773—1843), bte bis junt 9lrf. „Z hee" reicht, unb ungeachtet fte ftd) urfprüngltcf) auf Dfonontie unb Sic^nologie befdfrdnffe, jiem» lieh }U einer allgemeinen Gttcpflopäbie gemorben ifl; ferner bie öom S3ud>^änbler ßnoch SJichter in fieipjig unb ben ^Irofefforen Grfch unb ©ruber in -£alle 1818 begrünbete „9lllge= meine Gncpflopäbie ber SBiffenfcfjaften unb Äünfte", bie gegenmärtig bei %. 91.93roeff)au$ in Seipjig in brei ©ectionen erfcf)cint, beten erfte, 91—@, öon ©ruber (38 93be., 1818— 44, 4.), bie jmeite, $ — 91, öon 91. ©. ^»offmann (22 33be., 1827—44) unb bie britte, D—3, öon SDt. ^). G. SJleier (18 93be., 1830—44) herausgegeben mtrb; bann baS „Uni* öerfalleptfon ober neüefteS encpflopäbifcheS SBörterbuch ber SBiffenfchaften, itünfte unb ©e* (£nci)flc})äbifiett 705 ■ werbe", hetauögegeben oon H- 31. gieret; (26 Bbe., Sllfenb. 1824—36; 2. umgearbeitete Sfufl., Bb. 1 — 19, 1840—44) unb „SJfeper’S 6onoerfationS=2e]t:ifon", baS feit 1839 in Hilbburghaufen ebenfalls in mehren Slbtheilungen erfdjetnt. SnStalien begann ©oroneEi eine auf 40 — 4 5 35änbeberechnete „Biblioteca universale sacro-profana", oon ber aber nur 7 Bänbe (Ben. 1696—1717, gol.) erfdjienen; ooEenbef würbe fjMrati’S „Dizionario scien- i tifico e curioso sacro-profana" (10 35be., Ben. 1746 — 51, §ol.). (Sitten öorjüglich günfti» gen Bobenfanben bie ©ncpflopabien fett Anfänge beS 18. Sa^rl). inßnglanb (f. ßnglifd)e Literatur) fo wie, nacijbem S i b e r o t (f. b.) bie Bahn gebrodfjen, in granfreid). (@. % r a n» jöfifche 2iteratur.) Stucf) int Drienfe würben frühseitig bie ©ncpflopäbten heimifdt, bie erfie Perfafte Sloicenna (f. b.), eine atpt>abetifcf) geörbnete namentlich Habfd)i @h a ü a * ; (Snchflopctbiftett nennt man in ber frans. 2 iteraturgefcf)id)te nicht bie Blitarbeiter I an ber grofjen „Encyclopedie", fonbern beren Herausgeber, ®ib er ot (f. b.) unb b’211 ent» bert (f. b.), unb biejenigen SRäntter, welche ftd) in literarifcher «w bie genannten beiben, in gefeEiger Hinftd)t oorjüglid) um ben Baron oon H»lba^ (f. b.) fcharten. Ser Barne ©ncpflopäbiften würbe nämlich halb jur Bezeichnung einer phtlofophifi^en Slidjtung gebraucht, einer Stidjtung, ber feineSwegS aEe SEitarbeiter ber ©ncpflopäbie angehörten, wol aber SÖtänner wie ©onbiEac, JpcIttetiuS, ©aint=2amberf, Baron »on Holbach, Stimm, Sfapnal unb Blaratontel. Sie Seit ber blinben Berfe§erung beS 18. 3at)rh- unb feiner 33hilofoph en tft gegenwärtig oorüber; man lieft enblid) einmal bie SBerfe jener Seit unb finbet mit Grflaunen, baf beren Berfaffcr webet fo greuliche unb abfdjeuwürbige fOienfchen noch fo fdjwadje Senfer gewefen als man früher hat glauben machen woEen. Safj bie er» | ftaunlidfe .Straft, mit welcher baS Senfen fict) bantalS attS ben fyeffcln ber 31utorität loSrif, 1 bie Senfer auch in allerlei Srrthümer Jjineingetrieben habe, ifi nicht $u »erwunbern; aber ] bie gehler entfprangen weniger auS Übertreibung beS neuen ^rincipS felbfl als aus ber 1 £Uial ber Berwicfelung mit bem alten ^rtnäp, bie nod) nicht ju oermciben war. Sarin fam man ganz aEgentein überein, baf bie D.ueEe aEeS SenfenS in ber ftnnlichen SBahtnehtnung ju fud)en fei. ©onbillac (f. b.) hat biefeS fßrincip »ornehmlich auSgefüf)rt, unb auf feine Slbhanbtungen „Bes systemes" unb „Des sensations" (lüften ftd) mehr ober ntinbet bie Slnbcrn. SBarunt, fagt b’Sllembert in bem Discours preliminaire ber „Encyclopddie", ' foll man annchmen, baf wir Begriffe rein a priori (notionspurementintellectuelles) haben, ba, um folche ju bilben in ber $h at uichtS nötbig ifi, als über bie ©inbrüefe, bie wir etnpfan» gen, nachtubettfen. Sie rein aprioriftifchen Begriffe oon Saffer unb SEugenb, fährt er fort, ber ttrfprung unb bie Bothwenbigfeit ber ©efe^e, baS geiflige SBefen ber ©eele, baSSafctn ©otteS unb unfere fPflid)ten gegen if)n, mit ßinern SBorte, bie SBahrbciten, beren wir am unmittelbatflen unb am bringenbfien bebürfen, ftnb bie gruefjt eines crflen Bad)bcnfenS, ;u ; welchem unS ttnfere ßmpfinbungen führen. SaS Bebürfnif ber ©elbflerhaltung, fagt er, i führt sur ©rftnbung, ju ben Äünflen unb SSiffenfdjaften. SaS Senfen bemächtigt ftch aEer ©egenflättbe, fonbernb, orbnenb unb oerfnüpfenb, unb juleft auch feiner felbfl, fobafj | eS bie 3lrt }u erfennen unb su lernen ebenfaES ju einer äfttnfl macht, wie auch fobann bie j 3lrt, baS ©rfannte mitjufheilen; man gelangt auf biefe SBeife 51 t ber 2ogif, 51 t ber @pradj* | wiffenfehaft unb Bebefunft. ©r theilt hiernach aEe ©egenftänbe ber ©rfennfnif in materielle | unb geiflige unb orbnet bie SBiffenfchaften, bie ftd) mit benfelben befd)äftigen, nach ben ©celcnfräften, inbent er swei große (Staffelt annimmt, bie fowol geiflige als materieEe @e» genjlänbe befaffen, bie SBiffenfchaften beS ©ebäd)tmjfeS ober bie hiflorifdjen unb btcSBiffen» fchaften berBernunft ober bie philofoplpfchen; in eine britfe ©taffe, bie nur matcrieEc ©egen» flänbe befaft, bringt er bie H^otbringungen ber ßtttbilbungSfraft, bie fchönen äfünjtc. Unter ben tjifforifchen SBiffenfchaften flehen bie biblifdje unb bie fird)liche ©efchtchte, bie ©ott jutn ©cgenflanbehaben, obenan; bann folgt biemcnfchltd)c©efcbicbte, bie itt poütifchc 1 unb 2 iteraturgefd)ichte gecfäüt, enblich bie 3faturgefd)ichte; bie ©efd)id)te ber fünfte ift ) . nichts als bie ©efdjichte Seffett, waS ber SDtenfd) mittels feiner Smagtnation auS ben matc» rieEen ©egenflänben gemacht hat. Sie phüofophifcben SBiffenfchaften bcflehett in ber reinen SBiffenfchaft (Dntologie ober aUgemcinen SKetaphpftf), in ber natürlichen unb geeffenbarten 5£t>eologie, bie nichts SltibcreS ift als Slnwenbung beS Sladjbenf'eitS auf bie ©egenflänbe bet 60110.5 Ser. Steunte 2Cuft. IV. 45 706 ©ttbemtP (gttbltdjet Dffenbarung u. f. w. ffflan fcf)on, baf brr fogenattnfe 5ttf)eidmuS f)iev hoch nicht ohne ©ott ifl. Gbenfo wie b’Sllemberf bejeigt auch $clbetiud in feinem SBerfe „De l’csprit" bem Ghrifienthume fietd bie gröfte Achtung. 3ff bied nun £euchelei? Sann aUerbtngd mufte bte-SBcltanfchauung ber Gncpflopäbiflen in tt)ver Gonfequenj ju bem ©ebanfen führen, ben Itrgcunb bed Uniberfumd nicf>t in einem Söcfen aufer ihm, fonberti in if>m feibft ju fuepen, woju auef) bad „Systeme de la natme" »on Solbad) ed fo jiemltch bringt; fobann ift ed befannt genug, baf biefe ^)f)t(ofop^en fiep Biel über SMgion luftig machten unb baf fte, wie auch SBoltaire tpat, ihre freien Slnftcpten gefliffentlicf) unb auf aUe mögliche Sßeife ju ber= breiten fudjten. 3 ft ed alfo nur $>ftfftgfeit, baf fte baneben ©ott befielen laffen unb bed 6 f)rifienff)um$ mit ©firfurefjt ermähnen? ©ewif nicht. Sie Oteligion, fagt b’Sllentberf, pat ben 3wecf, auf ©tauben unb «Sitten $u roirfeit; bic Grfenntnif Soffen, wad ift, fällt ber 5>t)itofopt>ic anheim. Sie ^J^itofoptjen hatten allerbingS fein Sntcreffe an ben ©egenfiänbett ber Steligion; fte liefen fte bapingeftellf unb befefjäftigten fiep mit ben Gefaprungdgegen* ftänben unb ber weltlichen SJtoral, bereit Urfpruttg fte in bem ©clbft, in ber ©etbftliebe (amour de soi, nicht ju berwecpfeln mit amottr propre, Gigenliebe) fucfjten; fäntpffen aber übrigend mehr nur gegen ^Jfaffenthum unb Slberglauben ald gegen bad Ghrifientpum. 3u berjenigen 9luffaffung bed mcnfcplicpen Söcfcnd, welche gegenwärtig in ber ^>E>t(ofopt>ie auf» getreten ift, hatten fte.ed in ber Tpat nidt>t gebraut; fte blieben in ber 3re barnad) mürbe er an ber ^)of= | bibliotpef in SBien angefiellt, unb bie 3Bot)i^abent)eit feiner Sittern fieberte it)m eine glüdt= tid)e Unabtjängigfeif. ©eit 1827 legte er ftef) mit Feuereifer aud) auf bag ©tubium ber j Siaturmiffenfchaften, befonberg bcrSSofanif, unb auf bag ber t)interafiatifd)en ©»ratzen, befonberg ber chincftfdjen. S3atb machte er ftd) alg SBotanifer einen folgen Sfamett, bafi er 1830 bie Guftogfielle biefeg fyacfjg an bem -f)ofnatura(iencabinete in SBien erhielt. 3m 3. 1840 fam er in feine gegenwärtige ©tellung, unb bie gän^Iidjc Umgefialtung unb 3feor> j ganifttung beg botanifchen ©artend war bag Grfte, worauf er fein Slugenmerf richtete. Schon bie btope Sluftählitng feiner SBerfe genügt, um fein Bielfeitigeg Sßiffen unb feine | rafttofe Slhätigfeit ju beurfunben. ©etbfiänbig erfdjienen bag „Examen criticum codicis ! IV. evangeliorum Byzantino-Corviniani" (£pj. 1825) ; „Anonymi Belae regis notarii de gestis Hungaroruin über" (SBien 1827); „Prisciani de laude imperatoris Anastasii et de ponderibus et mensuris carmina" (SBien 1828); „Flora posoniensis " (^cfff) 1830); „Ceratotheca, eine neue S^flanjengattung" (S3erl. 1832); „Meletemata botanica", in 23erbtnbung mit bem dpofgärfner ^einr. ©d)ott fjerauggegeben unb nur in 60 Gjtentplaren aufgelegt (SBien 1832); „Atakta botanica" (Jjeft 1, SBien 1833, mit 50 Jlpfrn.); „Pro- dromus florae norfolkicae" (SBien 1833); „Fragmenta theotisca versionis autiquissimae evangelii S. Matthaei et aliquot homiliarum", herauggegeben int 2?ereine mit ^toffmann , son gallerglebcn unb ebenfalls nur in wenigen Gretttplaren gebrüht (SBien 1834) unb in ' einer oerbefferten unb Bermehrten Sluftage unter SXttwirfung SKajmtann’g (SBien 1S41); „Vom Bruoder Bauschen u. s. w." (SBien 1835), in Skrbittbung mit %. SBotf, in 50 i Grentplaren gebnteft; „Ue Ulpiani institutionum f'ragmento" (SBtcn 1835); „Analecta ■ grammatica maximam partein inedita" (SBien IS30), in SSerbiltbung mit GicEtertfelb; \ „Sertiim cabulicmn" (SBien 1830), genteinfchaftlich mit ftren^I; „Catalogus codd. mss. i biblioth. palat. vindob." (S5b. 1, SBien 1830); „Sler;eid)nif ber cf)inef. unb japatt. SSün= j jen beg-äHünj* unb Slntifcncabinetg in SBien" (SBien 1837); „©runbjitge einer neuen 3d)eorte ber fPflanjeiljeugung" (SBien 1838); „Genera plantarum secundum ordtnes naturales disposita" (SBien 1830—-40); „Iconographia generum plantarum" (SBien IS3S); „Stirpium novarum decades 1—X" (SBien 1830), in Slerbinbung mit Sl. ©rap, ?fen}l, S^Utterliif unb Slciffecf; „Caroli Linnaei epistolae ad Nicol. Jos. Jacquiu" (SBien 1841) mit ©djteiberg genteinfchaftlich t»cvauSgegc&en i „Enchiridion botanicum" (Spj. ' 1841); „Mantissa botanica sive generum plantarum suppl. 11." (SBien 1842); „Catalogus horti acndemici vindob." (SBien 1842); „SSebicinalpflatnen ber öftr. Sphar» tnafopöe" (SBien 1842); „©runbjüge ber Sotanif" (SBien 1843), in ©emeinfehaft mit Uttger; Sleeg Bon Gfenbecf’g „Genera plantarum llorae germanicae", nach ©pettner’g i Slobe fortgefe^t in ©emeinfehaft mit ^>utterlicE ($eft 22, SSonn 1843), unb „Sltlag Bott ■ Ghitta nach be* Slufnahme ber 3efuiten=9)lifftonare" ($cft 1, SBien 1843). Stufjerbem fjat er als SSitarbeiter Slntheil genommen an ber Bon Sleeg Bott Gfenbecf beforgten Sluggabe Bon Stob. S5rown’g „Slermifchte ©chriften", an ^öppig’g „Nova genera et species plantarum", an ben Boräüglid) auf feinen Slntrieb unternommenen „Slttnalen beg SBiener SKitfcutng ber 9iatui'gefd)icbtc", an ber „Enumeratio plantarum, quas in Nova Hollandia collegitC. L. B. de Hügel", unb feit 1840 rebigirt er gemeinschaftlich mit SJlartiug bie „Flora brasiliensis" (SBien unb SDtüncE)en 1840 fg.). £at G. burch btefe wahrhaft er= ftaunenöwerthe Sln$af)l unb SJtannichfaltigfeit feiner SBerfe ben Umfang feiner Jfenntnijfe > unb bie grud)tbarfcit feineg ©eifleg bewiefen, fo geigt ihr innerer ©ehalt nicht minber Bon Säefe beg SBtffeng, Unabhängigfeit unb ©cf)«rf€ beg Urtheilg unb ©enialität in S5eobach= tung unb Sluffaffung. Slber nicht nur burd) eigene, grofentheitg auf feine Jfoflen heraug^ gegebene SBerfe hat G. fich um bie SBiffcnfchaften Berbient gemacht, fonbern auch burch bie ‘ 45 * 708 ©itbor dngabrn ebte Sercitioilligfeif unb aufopfernbe ©rofmuth, mit ber er jebe« tüchtige, ed)t miffenfdjaft» Iic£)e Streben Stnberer ju förbern furf)f. ©ttbor, eine fjebr. Stabt im Stamme SOtanaffe, unraeit ©ilboa gelegen, iff namentlich befannt al« SBofynfifc jener Vefromantin, Bon melcher 1 Sam. 28 , 7 fg. berichtet wirb. 911« nämlich Saul im lebten Kriege gegen bic ^3i)itifier um (o fleinmüthiger jagte, weit er feinen ^Propheten auf feiner Seite fjatte, befd)lof er, ber mofaifdjen Vorfchrtft unb feinen eigenen Sanbe«gefehen jumiber, beim Schatten Samuel’« ftch Siatf) ju erholen unb menbete ficf) bc«halb Betreibet an ein SBeib in 6., ba« einen SBaljrfagergeift fjatte. S'Zacf) anfäng- lieber ÜBeigerung Berffanb ftcf) biefe auch jur ©itation, Bon bereu Vorbereitung unb näf)ern Untffänben jeboef» ber SSeric^t fcf)iüeigt. Beim 6rfdheinco Samuel’« erfannte ba« SBeib an- geblicb erfi ben König al« fotzen unb febilberte biefem, ber Bon ber ganjen Sache nicht« fab, bic Srfcbeinung fo, baf er an ber ©egenmart Samuel’« nicht jmeifelte unb ihm, ba« $aupt jur @rbe gebüeft, feine Votl) flagte. 9Ulcin ber erjürnte ©chatten Berfünbigte if>m ben 93er- luff be« 3?eich« unb nahen 3ob. Sie SBirfung b.iefer Scene auf ben 9lu«gang ber folgen- ben Schlacht mar feljr natürlich; @aul unb feine Söhne fielen. Sebenfall« hat man bic foge- nannte $e;ee Bon 6. ju jenen ©auflern ju jäf)len, meld)e Borgaben, bie Seelen Verjfor- bener au« bem 3obtenreiche heraufbefchmören ju fönnen, unb babei ber Baudjrcbnerei fid) bebienten, um bie ©efpenfferffimme nad)jubilben. ©llbretmc (Bouts-rimes). Sie Sitte, bem Sidjter SReinte Borjufchreiben, um bie- felben ju einem @ebid)fe ju benujjen, ijf erfi burch bie neuern Stegreifbichtung in Aufnahme gefommen unb foll bem franj. Siebter Sulot ihren Urfprung Berbanfen. Sa man gemöf)n= lieh bie feltfamffen 3teime unb 2lu«briicfe aufgibt, fo fönnen meifi nur burte«fe @cbid)te geliefert »erben. ©tlbtjmton, ein Sohn be«3eu« oberSlefhlio«, mar^)irt ober Säger, nach ber gemöf)n- liehen ßrjählung aber König Bon @li«. Seiner ©eredftigfeit »egen gemährte ihm 3eu«, eine SSitte ju thun, unb er baf um Unfferblid)feit, emige Sugenb unb beffänbigen Schlaf. Vach Slnbern nahm ihn 3eu« in benDlpmp auf; hi« Berliebte er ftch in biedere (Suno) unb mürbe be«megen ju emigem Schlafe Berbammt. Vod) Stnbere erjät)lcn, baf ihn Selene, mit ber er auch 50 3md)fer gejeugt haben foll, Bon feiner Schönheit entjücft, nach Karien auf ben Berg Satmo«, mo er auch ein ^»eiligthum hafte, entführt unb in beffänbigen Schlaf oerfenft habe, um ihn fo ungeffört füffen ju fönnen. Sie ßleier hingegen fagten, er fei bei ihnen geworben, unb jeigfen auch fein ©rabmal. ©ttftläbe heift baf S5efd>iefen namentlich ber Verfdjanjungeit Bon ber Seife, fobaf bie .Kugeln läng« ber innern Bruffmehrfläcfje binftreifen. Sie ijf oon grofer unb nadjthei» liger SBtrfung für bie Sinien, benn ba« ©efchüf, nach ber ganjen Sänge feiner Saffcte bem enfilirenben Sd)uffe au«gefe&t, mirb um fo leister bemontirt. Surdj 6aBali er« (f. b.) obcrKafen fucht man ftch bagegen ju beefen. — En echarpe befd)iefen ober echarpiren heift fo Biel al« fdmäge Scf)üf[e anmenben, nämlich folche, mo bie Schuflinie mit ber ju be- fd)iefenben feinblichen gront einen fpi|en SBinfel bilbet. Siefe Sdptfart iff gegen Sruppen» linien unb befonber« gegen aufmarfebirfe Batterien »irffamer al« ber fenfred)te Schuf, unb jmar um fo mehr, je fpijser ber Scfjufminfel babei iff. 3*0$ biefer Vortheile fomrnt ber 6d)arpirfchuf im freien gelbe feiten jur Slnmenbung, meil man babei in ber Siegel bie eigene glanfe prei«jugeben gejmungen iff. ©egen einjelne ©olottnen iff ber Sdjrägfchuf um nicht« mirffamer al« ber fenfrechte Schuf, mol aber gegen ganje in Bataillon«colonncn unb in mehren Treffen aufgeffcllfe Brigaben ober Siniftonen. ©ttgabin, 6 n gi ab in a ober 6 n g a t in a, ein merfmütbige« Bergthal be« 6anfon« ©raubünbten unb eine ber hödjft gelegenen ©egenben ßuropa«, h®t feinen Vanten oon Oenus, bem 3nn, ber an ber SBeffgrenje be« 3l)at« entfpringt unb biefe« in feiner ganjen Sänge burchflieft. Vom Vlalopa unb Septimer im SBeffen bi« junt tiroler gelfenpaffe ginfferntünj hat ba« 3h a * e >ne Sänge Bon 17 — 18 Sfunben. 3»ei beinahe parallel tau» fenbe gemaltige Bergfetten fdjeiben e« nörbücf) Bon ben öftr. Greifen Dberinnthal unb Vor» arlberg, ben bitnbnerifchen Shälern $)rettigau unb Saro«, füblid) aber Born VintfchgaU/ S)fürtfferthal, Bormio, $3ufd)laB unb Veltlitt. Viele öt>e be« Drtele« unb ginfteraarhorn«. 3m obern Steile finb niedre Seen, wie bet Silferfee, Sampfcererfee u. f. w. Set 3nn bilbet bofelbfi einen gall, bet nach bet 50iengc be« SBaffer« für bcn be» bcutenbfien in ber Schweij nach bem SJfjeinfalle bei Saufen gehalten wirb. 3« bet 9läf)e, unweit be« Sörfchen« St.=9Rorifs, ijl ber ftärffle Staf)lbrunnen ber Sdjweiä, ber bem ppr» monter 2Baffer fafi gteict) gilt. 3af)lreicf)e SRineralquellen ftnben fiel) aud) im öftU^en 6., wie bei ©erneb, Schuol« unb befonber« bei SEara«p, beffenDuelle eine« ber auggejeidtjnetflen SRineralwäffer Europa« liefert, ba« je|t auch öerfenbet wirb unb in ber netteften Beit immer mehr SJuf gewinnt. Sa« jum @otte«hau«bunbe be« ©anton« S3ünben gehörenbe 6. jerfällt in bie beiben £ochgerichfe £)ber=6. unb Unter»©. Sa« erftere, jwifdjen 5 — 6000 g. über ber 2Reer«fläche gelegen, tjat neun SRonafe lang firengen SBintcr unb felbft in ben brei wdrmfien Sommermonaten fällt nicht feiten Schnee. §Dbfl gebeil)t t>icr nictit, cbenfo wenig grolje« Saubholj; mol aber Slröen, Serenen unb £Rotf)tannen. griiher würben etwa« ©etreibe, ^)anf unb glacf)« gejogen, jefst nur noch wenige Kartoffeln unb ERitbcn. ISieE)äucf)t unb 2Biefenbau(3llpenmirthfcf)aff) ft'nb bie $aupfnahrung«jwetge ber Sewoljner. Sa« etwa« milbere Unter»©, hat aufjerbent ©etreibebau unb in neuerer Seit jiemlicf) biet Kartoffeln. Sie 33ebölferung, ein fcEjöner unb ftäffiger SRenfchenfchlag tontanifcher 9lb» fiammung unb Sprache, wirb auf ungefähr 11000 gefegt, wooon etwa jwei Srittheile bem untern ©. angeboren. Sie wobnt in äufammenhängenben Sörfern, in fafi burebweg fieinernen Raufern öon eigentümlicher S5auart, bie häufig mit SSalconen unb eifernem ©itterwerb gefcf)mücft unb öon ftattlicbem Slnfcben finb, aber um ber Kälte willen nur wenige unb äujjetfi fleine genfter haben. SSefannt ift bie SBanberluft ber männlichen 5Be« Wohnet, namentlich be« obern ©., bie fafi fämmtlicf) für längere Seit ihre Heimat öerlaffen unb al« Kellner, Bucfetbäcfer u. f. w. nicf)t feiten in ber grembe ein anfehnticlje« Vermögen erwerben. Sie gtofje SRehrjaljl befennt ftef) jur reformirfen Kirche, nachbem 1537 ein im fPfarrbotfe Sü« im Unter»©, gehaltene« fReligton«gefpräch bie Einführung ber ^Reformation entfehieben hatte. Sa« Dber» 6. fam fdjon im 3- 1 ■ 39 butt -Sauf an ba« S3i«thum ©hur unb warb in beffen ERamen nnb al« Sehen öon ber Familie Planta öerwaltet. 3m Unter»©, führten bie öielfarf) ftdf> butchfreujenben $errfchaft«= unb Sef)n«rechte be« 53i«tl)um« unb ber ©rafen öon 2ärol ju lange fich erneuernben gel)ben. (SjttjjBtttfiieffeit nennt man bie 3lrt be« entwerten 3ltl)men«, bei welcher organifchc geljfer berSungen felbfi ober ber biefelben umgebenbenSht'^ biefe« Drgan bauernb in feiner gunction behinbern. hierher gehören öorjüglicf) fehlerhafter 58au be« Srujifafien«, 33er» ftümmungen ber SBirbelfäule, ber fRippen, be« ©ruRbein«, aufergewöhnliche SSergröferung be« fersen« (Ipppertrophie), ^ul«abergefcf)Wülfie ober anbere abnorme 93ergröfjerungen ber in ber 33rujihöhfe liegenden 2ih f üe, franffiafte SSerä'nberungen ber bie Sungen umgeben» ben^aut, namentlich 33erbicfung berfelben, woburch fte ihrer ©lafiicität beraubt fich beim ©inathmen nicht hinlänglich au«behnen fann, ©nfartung ber Sungen felbfi, tnbem ein SEbeil berfelben jut Aufnahme öon Suft untauglich wirb ober irgenbwo in ihnen ein ©efchmür fich finbet, welche« beim ©inathmen Schmerj öerurfacht, enbltch Slnfammlungen öon SBaffer, 33lut unb ©iter in ber S3rufihöf)tc. Sie meiften biefer Slbnormitäten wiberjtehen ber ärct» liehen Kunft; am leichtefien bürfte ba« jule^t angeführte ^inbernif be« ©inathmen«, tu* gleich freilich ba« für ben Slugenbticf gefährlichfle, in günfiigen gällen burch fRatur unb Kunfi hmweggeräumt werben fönnen. Sie übrigen Urfachen ber ©ngbrüfiigfeit finb alle öon ber Slrt, baf ba« burch jie heröorgerufene Seiben bem Seben augenblicfltcf) feine ©efaljt bringt unb bafj bie Sauet beffelben fich f e B r h 0C B Belaufen fann, jeboch muf jeber ©ng« brüflige bie nothwenbige SüorfTchf anwenben, um bie burch ba« öftere ©in» unb 3lu«athmen fd)on gereijten 9lefpiration«organe nicht noch auf anbere 9lrt ju reifen, baher 2Ule« öcr« meiben, wa« ben Slutanbrang nach ben Sungen öermehrt, j. 58. fiarfe 3lnfirengungen, ©rfältungen, ben ©enuf erhi£enber ©etränfe, Überfüllung be« SERagen« u. f. w. gel, b-h- nach bem SBortfinne 83ofen, hat nach bem 33organge ber jübifcf)en Sheo* 710 ©itgel (3M. Sa!.) togie bic chriftliche -Kirche eine Glaffe höherer ©cifter genannt unb fte alß unmittelbare SSetf» jeuge ber göttlichen Ü5orfet)img gebad)f. ®a bie heilige «Schrift feine öollenbcte Gngeltchre gibt, fo hat baß Dogma mit Slttßnahme weniger fünfte, auch * n ber Jtirctje feine ftretigc gaffttng erhalten unb bietet ein ©ernifd) non Meinungen bar, in benen fld) ber Einflug ber alten Sehren öon ©eflirngciflcrn, öon Untergöttern, öon Sidjtgeiftern in ©otteß Umgebung unb öon Emanation (f. ©noftß) nicht öerfennen lägt. Slnerfannt mar immer, bag bie Engel unb bie Seelen ber SWenfchen trog ihrer hohem Slbfunft ju unterfcEjeiben feien; nur ber angebliche S i o n p f i u ß 91 r e 0 p a g i1 a (f. b.), ber in feiner „Hierarchia coelestis" bie Engel jugleich in neun Dehnungen fcf)ieb, unb einige bleuere urtheilfen anberß. Vgl. gech* ner, „Verglctchcnbe Slnatomie ber Engel" (Spj. 1825 ). dagegen fdhwanfte man barüber, ob eß nid)t auger Engel unb Vtenfcbengeigt nod) höh erc ©elfter gebe. SEBaß bieSalfl unb Varnen ber Engel betrifft, fo mißbilligte bie .Kirche beß Vlittelalterß mteberf)olt jebe Öberfchreitttng beß hergebrachten, unb namentlich fprad) fleh ein rönt. Goncil im 3. 745 gegen Slbelbert (f. b.) auch barum tabelnb auß, bag er bie ungewöhnlichen Gngelnamen Uriel, Staguel, Sintiel u. a. gebraucht habe. Slnt metfl en waren immer bie Flamen ber Grjengel SRichael, ©abriel unb Stafael in ©ebraud). Die Gnfffehung ber Engel fegten bie platonifirenben •Kircbenöäter öor Grfdjaffttng bet materiellen SBelt, bie Übrigen öerlegfen fie auf einen ber Sd)öpfungßtage, mitSlußnahme beß öicrten unb ftebenten £ageß. Gbenfo öetfehieben Waren bic Slnftchten über baß SBefen ber Engel, inbent ihnen Vtanche, unb befonberß bic jweife ©pnobe ju Vicäa im 3- 787 , einen feinen, äthcrifcfjen ober feuerartigen .Körper jufd)riebeii, bie Scholaftifer bagegen unb baß laferatten jtfehe Goncil öon 1215 ihre 3mmaterialität auß» fprachen, noch Rubere wegen ber Gngelerfcf)einungcn ber Schrift ihnen baß Vermögen bei* legten, momentan förperliche ©eftalt (corpora parastatica) anjunehmen. Von giftigen bet Engel fpricf)t juerft ber Dieter Vonnuß. Der ©taube an Schugengel, ber bet Reiben unb 3uben, am außgebilbetften bei ^h'l° flöh öorfanb, würbe in ber d)riftltchen .Kirche, Wo man ihn auf Stattt). 18 , 10 unb Slpoflelg. 12 , 15 grünbete, namentlich öon Drigeneßff. b.) öertheibigt unb hat $u allen Seiten unb unter allen firchlichen Parteien feine greunbe ge< habt, tft aber nie jur firchlichen Entfcheibung gefontmen. Sluß biefen Vorflellungen öon bem Sd)Uge ber Engel unb ihrem Slnthcile an ber SBeltregierung überhaupt erflärt ftct> bann auch bie frühe Sitte, fie anjttrufen unb ju öcrehren. grcilich fabelten bieß manche •Kirchenlehrer auf ©runb ber Stelle Koloff. 2, 18 , unb baß Goncil öon Saobicea um 360 nannte eß öerl)ütlten ©ögenbienfi; allein, nacf)bem bte Spttobc öon Vicäa im 3- 187 ben Engeln jwar nicht eine göttliche Verehrung, aber hoch eine ehrfurd)tßöollt Verbeugung ju» geftanben hatte, befeftigfe ftd) jene Sitte immer mel)r unb beftcht noch gegenwärtig in ber gried). unb röm. Kirche, wäljrenb bic eoangelifche fte öerworfen hat. @UgeI (3of). 3af.), einer ber öorjüglichftcn beutfehen fjfrofaiflen, geb. am 11. ©ept. 17 41 5 u s fpard)im, wo fein Vater ^aftor war, bcfucfjfe anfangß bic baftge Stabtfdjule, bann baß ©gmnajtum ju Vofloc? unb flubirte theilß hur, theilß inVügow, theilß inSeipjig. Später folgte er bcmSlufe alßfProfeffor an baß3oachimßthaler ©pmnafium ju Verlin, wo er aud) halb Vtitgtieb berSlfabentie ber 2Biffenfd)aften, bannSehrer beß nachmaligen Königß griebrich Sßilhelm’ß HI. unb hierauf Dberbirecfor beß berliner 3d)caterß würbe, welche Stelle er aber theilß auß Verbeug, theilß feiner fchwanfenben ©efunbheit wegen 1794 nieberlegte unb ftd) «ach Scf)«3erin menbefc. Veint fRegierungßantritte feineß ehemaligen Söglingß €et>rte er auf beffen Einlabung nach Verlin jurücE unb machte ftd) feitbem um bie Slfabcmte ber äBiffenfd)aften in mancher 9lüeoric ber Jfunf öerbanfen ihm öiel. Sein „fPhifofaPh fö r bie SBelt" (2f8be., Spj. 1788 ; 3 S3be., Verl. 1800 — 1 ), in welchem er feinen fein öorgetragenen Vemerfungen über Sitten unb Vtenfdjen burd) flare unb gefdintadöolie SarfMung eintn um fo höhf«i SReij gab, wie fein „gürjlenfpiegel“ (Spj. 1798 unb Verl. 1802 ) weifen ihm einen bebeufenben ^3lag unter ben populairen philofophifchen Schriftfiellern ©eutfchlanbß an; feine „Slnfattgßgrünbe einer SEfjcorie ber ©ltgefbetf I. ©itfelfiarbf (3oü* ©eot$ Seit) 711 Stcgtuttglarten" (Spj. l 783 unb Seit 1804) gehören ju ben erflcn glütflicbern Verfugen ber Scutfcgen in btefer 3lrt; feine „Sobrebe auf ^riebrid^ 11." (Spj. 1781) mürbe lange all ein Stuf er in btefer ©attung gepriefen, unb feine „3been ju einer Sfimif" (2 Sbe., 2pj. J785 unb Serl. 1804), mit erlauternben Kupfern »on Steil, jetgen , obgleich eine Seit lang überfragt, bodj »ielen pfqcbotogifcben ©egarffnn, freilich auch eine gemiffe profaifege Se* fd)ranftl)cit. ©eine bramatifegen Schriften „Ser banfbare ©ogn" (£pj. 1770) unb „Ser Gbclfnabe" (£pj. 1774) fnb im ©anjen nur unbebeutenb. 3« feinem trefflid^en Seit = unb ©ittengemälbe „Sorenj ©tarf" (S?pj. 1795 unb 1801) fegte er zugleich feinem ©rofoater Srafcg, einem reichen Kaufmann unb Siatl)6l)errn in Sarcgim, ein blcibenbel Scnfmal. Güte ©ammlitng feiner „©ämmtlicgen ©d)riften" erfdjien in 12 Sänbcn (Serl. 1801 —6). — Stör. Grbntann G., geb. am 29. 3uli 1767 ju flauen, gefl. all ©tabtbiafonul ba= felbft am 10. gebr. 1836, ift neben mogren anbern tbeologifcben unb päbagogifcgen ©d)tif» ten inlbefonberc all SBerfaffer bei SBerfl „Seift ber Sibel für ©gute unb $aul" (flauen 1824; 13. Stuf!., 1840) befannf. CsitfClbett I ober ber ^»eilige, Kurfürf »on Köln, geb. 1185, ber jüngere ©ob« bei ©rafen Gngelbcrt’l I. »on Sergen, mürbe unter ber Dbgut feinel Dgeiml, bc$$lbtS Heribert »on SBarben, erjogen unb befudf>te bann bie ©djule ju Stünfcr, mo er ftd) eine für bie bamalige Seit feltcne ©elebrfamfeit ermarb, ohne babei bie SBaffen- unb ritterlicben Übungen ju »crabfaumen. Sereitl 1199 mürbe er Sontpropf in Köln, mo ficb if)m bic 9Culfd)t auf bal Kurtgum barbot, melbalb er auch bal ibm im 3- 1200 angetragene Sil- tbum Stiinfer aulfd)(ug. 3111 tropft lebte er fortmagrenb ben äBiffenfcgaftcn unb mtrffc inlbefonbere fcl)r tfjäfig für bie fölner jfreimauretgütte. Um 1215 mürbe er Grfnfcgof unb Kurfürf »on Köln, unb feine Negierung bezeichnen S^tjaftn ber Kraft, SBeiöfeit unb Stcn» fdjenliebe. SQiit unermübeter ©trenge »erfolgte er alle Verbrechen bei Naubabell. Sen gegben feuerte er fomol im offenen .Kampfe, mte im Verborgenen burdj bie Seme, bie er über alle feine Sanbe ju »erbreiten fuebte. Sic gefunfene Kloferjucgt ftellte er ger; er unter» fügte ben Slcfcrbau unb bal Slufbliigen ber ©>tdbte, tilgte bie ©cgulbenlaf bei Grjbil* tbuml unb brachte Srbmtng in alle' 3tueige ber Vermattung. 31(1 1 220 ber Kaifcr naeg 3talien §og, ernannte er 6. jum ©faftbalfer bei Neicgl bielfeit bcrSllpen unb übertrug ibm bie Grjiegung feine! ©ognel $cinricb, unb G. entfpracb biefem Vertrauen in fo frdftigcr ÜZBeifc, baf man »on ibm fagte, fein Sanbfcgitg reiche biu, frei ©clette bureb bal ganje Neid) zu geben, ©leicgjcitig führte er auch nach feinel Vaterl unb altern Sruberl 2obe bie Vermattung ber @raffd)aft Sergen für feine minberjäbrige Srubcrltocgter 3rmgarb. Sa bic alte Somfircbe ju Köln fc£)abt>aft gemorben, aueg für ben ©lanj bei Grjbiltgum! ju Mein unb unbebeutenb erfebien, entmarf er im Verein mit ben Steifem ber fölner frei» maurerbütte ben Nif $u einem neuen Som, in metebem er ben ©pigbogen jur Vollenbuttg aulbilbcte; aud) fegte er jur 3lulfübrung biefel SSetfl jährlich eine Summe »on 500 Start ©ilber aul. 3luf 3tnfiften feinel Neffen, einel ©rafen Jricbricg »on Sfenburg, ber all @d)irm»oigt bei ©tiftl Gffen mit biefem in ©treitigfeiten getommen mar, unb ba er fcb ju einem Vergleiche, ben G. »orfcglug, nicht bequemen mollfe, »or bie ^efnare gelaben unb mit frenger ©träfe bebrogt, mürbe er am 7. No». 1225, all er jur Ginmeigung ber Kirche ju ©cbmetm reife, in einem fboglmcge crfcblagen. ©eine ©ebeine mürben bureb feinen Nachfolger auf ben Ncicgltag ju Nürnberg gebracht, meldet 3lcgt unb Sann über ben Störber aitlfptacg, unb bann am 26. Sehr. 1226 feierlich in Köln betgefegt. Ser Steucgetmörber mürbe ju Köln am 19. No». 1226 bingeriebfef, G. aber unter bie ^»eiligen aufgenommen. ©ttf elbarbt (3og. ©eorg Veit), orbentltcger ^rofeffor ber ägeologie jit Grlangen, ein befonberl um biforifd)e Rheologie »erbienter @elel)rter, mürbe am 12 . No». 1791 ju Neufabt an ber Stifcb im Sürfentbumc Saireutg geboren, ©eine ©tubien machte er auf bem ©pmnaf um ju Saireuth unb »om 3- 1 809 an auf ber Unioerftat ju Grlangen, mo er Scrtbolbt, ^Immon, Vogel u. 31. hörte. Nacbbent er bann megre Sagre all Jpaullegrer »erlebt gatte, mürbe er 1816 Siafonug in Grlangen, 1820 Soctor ber 2d)eotogic, im fol» genben auferorbentlicger unb 1822 orbentltcber ^rofeffor, aueg halb barauf Uniöerftätl» prebiger unb erfer Sirecfor bei bomiletifcgen ©eminarl, unb 1837 jum Kirchentafbc ernannt. SUt 3lulnagme einer gröfetn Neife, bie er 1826 nach ©egmeben, Gnglanb unb 'J L U- 712 (ÄatI Slug.) @itgcl§lmt:en öffentlichen Sibliothef ju Sregben ein, unb t 1810 mürbe er Slbjunct beg Slrd)i»arg bei ber bamaligen ©eheimen Jbrieggfanzlei, in ' beffeit ©teile er 1811 einriiefte. S3ei berSSerroanblung beg ©eheimen Ärieggrathgeollegiumg in bie dfrieggoermaltunggfammer mürbe er alg 3lrcf)i»ar bei ber (extern unb bei ber Sluflje* bung bcrfelben im 3- 1831 alg itricggminifUrialfecretair unb 3lrd)i»ar angeftellt. ©eit 1 1818 hatte er auch bie Stebaction ber ©efefcfammlung ju beforgen. Siterarifd) tf)ätig trat er juerft in 23erbinbung mit feinem greunbe SJterfel alg SSerfaffer beg „Steuen Äinberftcun* beg" auf, ber, nad) SBeijje’g SJorbilb gearbeitet, mehre Sluflagen (zuleßt 12 SBbchen, Sp$. 1797 —1814) erlebte unb ing granmüfehe unb Gnglifche überfeßt mürbe. Stad) SWerEel’g ' 3lobe(1798) »ollenbete er beffen „Gtbbefchreibung ©achfeng", melcher er ben 6 . unb 7. 23anb hinzufügte; auch beforgte er bie britte Sluegabe biefeg SBerfg (9 S3be., Sregb. 1804 — 11) unb benSlugjug aug bicfemSBerfe, bas„.5anbbud) ber Grbbefchreibung ber furfächf. Sanbe" (Sregb. 18015 5. Slufl., 1823), bag 1824 burch bie „SSaterlanbgfunbe" ( 6 . Slufl., Spj. 1832) crfe|t unb nach ©•’$ Slobe »on ©. Jflemm herauggegeben ( 8 . Slufl., 1842) unb ! burd) £>injufügung einer jmeifen Slbtheilung, bie ©efd)id)te beg fächf. SSaterlanbeg enthal* tenb (Spz. 1836), ermeitert mürbe. SBenn ftd) G. burch biefe Schriften fomie burch feine „täglichen Senfmürbigfeiten aug ber fächf. ©efdfichte" (3 58be., Sregb. 1809—12) unb ’ feine unsoUenbet gebliebene „©efchichte ber !ur= unb herzoglich fächf. Sanbe" (2 S5be., ®regb. if 1802—5) um Grmecfung ber Siebe jur hiflorifd)en unb geograptjifdien Äenntni^ beg SSa* terlanbeg, befonberg auch bei ber Sugenb, anerfennengmerthe 25erbtcnfte ermarb, fo haben atibererfeitg feine „fölalerifchen ÜBanbcrungen burch ©achfen", bie er im fßerein mit bem Äupferftedjer 23eith (Spj. 1794) herauggab, nädjft ©ö^inger'g „S5efchreibung beg Slmtg -^ohenjlein" bie erfie SSerattlaffung ju ben SSefuchcn ber ©ächf. ©d;meiz gegeben, ©eit 1813 trat G- unter bem Slamen 3i i ch a r b 9f 0 0 g juerjl in 3eitfchriften, aud) mit „Grjählungen" (2. Slufl, 2 33be., ®regb. 1 824) unb „@ebicf)ten" (2 S3be., ®regb. 1820—23) auf, unter melden legtem »iele ben ©eifi heiterer Saune unb Satire atljmen. Gr flarb am 28. 3an. 1834. Grft nach feinem $obe etfehien bie nach archi»alifdjen 9lad)richten bearbeitete £3io» graphic beg ^orzellanerfinberg SSöttger, herauggegeben »on Slug, SJfor. G. (Sp*. 1837). ©ttgelöburg h«P ba^ großartige, alte, fefle ©ebäube in 3tom, ju melchcrn bie Gngelgbrüde über bie Sliber führt. Grbaut mürbe eg »om Äaifer ^»abrian unb »on ihm ju feinem ©rabmale beflimmt, unb beghalb Hadriani moles genannt. Gg mar urfprünglich ©ttjjelöfltoftyett ©netten (Soutö Slntoine fSetttt, «perjotj toon) 713 mit fPilaficrn gegiert uttb mit parifchem fKattnor umfleibct; ju ben Statuen, bie bafclbfl aufgefiellt waren, gehörte aud) ber Sarberinifche gattn, ber unter Urban VIII. im ©rabett aufgefunben mürbe unb gegenwärtig tnSJiüncfyen aufgefiellt ifl. Ser porphptne Sarkophag be« Jtaifer€ im Sateran, ba Snnocenj II. it>n $u feinem ©rabbettkntale erwählte, 311« ßrc«cens Kom jur freien Stabt ergeben wollte, öerwanbclfe er gegen ßnbe be« 10.3er$ogthum« ©adjfen einerfeit« ein neue« bi« an ba« linke SBeferufer ftch erflteckcttbe« 5er* jogthum SBeflfalen für ben ßtjbifcfwf oon .Köln errichtet, anbererfeif« aber bie ben öftlichen Theil oon ß. in ftch fdjliefertben 2Belftfd)cn ßrblanbc ihren Seftfern jurüdgegeben unb ein neue« pfeubonpme« ^ttojogthum ©adtfen auf a«fanifcbem ©ebiet gefchaffen würbe, ber Se» griff oon bem ehemaligen ßngerlanb noch »erworrener werben, ©eitbent führten nicht nur .Rurkötn, fonbern auch b' e a«fanifchon 5 et 5°9 e 0011 @ad)fen, unb feit bent 9lu«fterben Oon ©ad)fen*8auenburg im 3- 1689 bie SBeftinifchen, ben herjoglidjen Titel oon ßngern. ©nghifü (Sotti« Slntoine^tnri Oon Sourbon, 5 cr S°9 tion )f 9 e ^- 5 U ßhantillp am •2. Slug. 1772, war berSögting be« Slbbe Klillot. S^on 1789 »erlief er fein gäfjrenbc« Saterlanb uttb burchreifle oerfchiebene europ.' Sänber. 3m 3.1192 trat er in ba« ßmigran* tencorp«, ba« fein ©rofoater, ber ^rin$ ßonbe, am Kf)ein gefantmelt hafte, utib comntan* bitte 1796—99 bie Sleantgarbe beffelben. Slu« Zuneigung jur ^rinjefftn ßharlotte oon 714 ©naljteit (gtnttS Sfttfoine #etm, =£Kt$08 «onj 9?of)an=9?orf)efott ging er I 804 nach ©ftenhcim im Babifchen, oermäf)lte ftd^ heimlich mit ihr unb lebte bafelbff al« fPrioatmann. Um biefe Seit mar Bonaparte Slachflellungen aller 9lrt auögefegt; boct> ber Eerjog non 6. enthielt ftct> jeber Sfjeilnabme an benfelben, o'bwol er barunt gewuft haben bann. 3ubef tjatte Bonaparte in ben Bcfenntniffcn eine« gewiffen Querelle fowie in bem Bon bem ©ewürjfräntcr Philipp auSgelieferten Briefwecbfel 581!= djaub’S «nb 5Dlargue’rite’S mit ben föniglichen 5prin$en, einige Slnbcutungen gefunben, baf legtere einen 5))lan entworfen, ftch be« frans- &i)ronS ju bemächtigen, baf 5))id)egru, bie E £ t* Soge Bon fPoligttac u. 91. an ber ©pige ber Unternehmung fiänben unb baf ßnglanb fle utiterflüge. Sluch Bermuthete feine geheime fPotkei, baf ber >f)erjog Bon 6. Berfleibet in fPari« gewefen fei, wa« ftd) jebocf) fdjon Bor ber Berhaftung beffelben al« unwahr erwies. Surd) einen ©pion warb überbie« bem ©taatSratfje SJteal, ber bie Unterfuchung biefer S3er= fchwörung $u führen hatte, bie falfd)e 5)?achricf)t mitgethcüt, baf 6. in Begleitung be« @e= ncral« Qumouriej öfter geheime Steifen mache. Bonaparte glaubte nun, ftd) be« ^»erjog« bemächtigen ju muffen, au« beffen papieren er nähere« Sicht ju erhalten hoffte. 3« bem @nbe warb ber ©eneral Srbener nad) Strasburg gefcf)ieff, welcher bie Berhaftung be« £et= jog« unb aller ^3erfouen feine« (befolge« einem ß«cabton«d)ef Bon ber (Senbarmerie über« trug. 6. würbe jwar gewarnt unb Bon feiner @emal)lin befchworen, auf feine Sicherheit Bebaut ju nehmen; allein nid)töbeftomeniger blieb er ruhig in ßttenheün. Stachbem Sr* bener am 14 . 501ärj burd) ©enbarnten bie Sage be« Eaufe«, welche« ber -fierjog tn Gtten* heim bewohnte, hatte auSfunbfchaftcn laffen, lief er in ber barauf folgenben Stacht baffelbe burch 3—400 501. umringen unb ben Eerjog, ber ftd) Bergeben« gegen bie Übermacht ju Bcrtheibigen fud)te, nebft feinem (Befolge unb feinen Wienern Bcrhaften unb nach Strasburg führen. ®ic« Stile« gefdjah mit foIct>ci: Gilfcrtigfeit, baf man ben (Befangenen nicht einmal erlaubte, ftch bölltg anjufleiben. 9lnt 50lorgen be« 18. würbe bie Steife mit bemEerjog nad) fPari« fortgefegt. 211« man am 20 . gegen Slbenb Bor ben -El) or tn ber >?)auptflabt anf'am, fanb man ben Befehl Bor, ben (Befangenen nad) Bincemte« jit bringen, wo er nach einem Gonfu(arbefd)luf, bem ftd) SantbacercS anfang« wiberfegte, burch eine 50lilitaircommiffton gerietet werben follte. 2lud) 59luraf, ber al« ©ouBerneur Bon fPari« biefe ßomntiffion ju ernennen hatte, foll bet Bonapartc Borflellttngen gemacht haben. fPräftbent ber ßommiffton, bie ftch am 2lbenb be« 20 . ju Bittcenne« Berfammeltc, war ber ©eneral -ftullin; bie ©cn= barmen coinntanbirtc ©aBarp, ber nachmalige -fbcrjog Bon StoBigo. ßrfcfjöpft Bon junger unb ßrmübung, war ber -fberjog faunt eingefchlafett, al« man ihn um 11 Ul)r in ber Stacht weifte unb Bor ba« Kriegsgericht führte, welche« au« acht Dffaieren beflanb. 2lnfangS itn= fchlüfftg, fällten fic um 4 Uhr SOlorgen« ba« SEobeSurtheil, weil 6. eingeftanb, baf er bie SSaffett gegen granfreich getragen habe unb baf er Bon ßnglanb monatlich 150 ©uineen befontme. 3njWifd)en war ber ^räft'bent Eullin hoch nicht abgeneigt, wegen einer fPrioat« aubienj, bie ber Eersog bei bent erften ßonful wüttfd^fe, an biefen ju berichten, al« ©aBarp, ber hinter be« 5Präftbenten Stuhle ffanb, erflärte, ba« ©efd)äft berSomtniffton fei gcenbigt. Schon eine halbe ©tttnbe barauf lief ©aBarp ba« Urttjeit im ©raben be« ©chloffe« burd) ©enbarnte« b’ßlite Boll$ichen. 5Dlif Bieter gaffung ftetlfe ftch 6. ben ©etibartncn gegenüber unb fiel mit ben äBorten; „SBohtan, meine greunbe!" Slach ber Slngabe gleurp be ©habott» Ion’«, be« ßabinetsfecrctair« Bonaparte’«, war biefer, jumal ba feine ©emahlin unb ihre Tochter .ftortenfe, auch Sambaccrc« unb Berthier bie bringenbflen Borflellungen über bie Slufsloftgicit ber Berurtheilitng 6.’« machten, noch fdfwantenb, al« fdjon bie SEobeSnachricht anfam, unb tn ber^hat fonntc er ein fo fchnelle« Berfahren nicht erwarten, ba er Slcal befohlen hatte, ben .^»erjog $u Berhören. 3n feinen „Memoires" befdiulbigfe Stapoleon SEallepranb, baf er ihm ben Brief 6.’« erft nach ber Einrichtung gegeben habe; allein @. hat feinen Brief gefcfjrteben. ©anarp’« ©djrift „Sur !a catastrophe de M. le duc d’En- ghien" (^)ar. 1823 ), welche auf SEaEepranb ben Berbad)t ber jEhtünahme warf, Beranlaffe mehr al« 20 oerfchiebene Schriften, hoch SEallepranb wufte ft^ bet SubwigXVlII. ju recht* fertigen. Supin hat bie Slctenflüf e befannt gemacht unb ba« ©efegwibrige in bem Ber= fahren ber Bon 50lurat ernannten 50iilitaircommiffion aufgebeft, wa« audh ber ©encral EitUin fclbft öffentlich jugab, nad) beffen Behauptung bie ©djutb, bie Bolljichrtng be« Ur* tfjeil« befchleunigt ju haben, ganj auf ©aoarp fänt. Slach ber Steflarautton würben bie ©e* ©itßlaub (©cogt. il Statt ft.) 715 teilte be« fjerjog« aufgefuefjt unb in ber Kapelle be« «St^foffeS ju 3?tttccmte§ beigefe^t; aud} würbe if)m bafelbff ein Senfmal erachtet. ©nglaitb, bcr-fjattpfbeffanbfbcil be« großen, mächtigen unb feit ben früf>eftcrt Zeilen blüffenben 3nfelrcieit bet auferbem noch SBale« unb ©cffottlanb untfaffenben 3nfet Britannia (f. b.), bic bei ben Börnern auch Sllbt o n (f. b.) genannt würbe, unb erhielt feinen bauten Bon ben 91 n g ein (f. b.), bieim Bcrctn mit ben 3üten unb ©aefffen ftrf) bicfelbe im 5 . 3affrff. n. Sffr. unterwarfen. Sie hierauf Bon ben Bngelfacfffen (f. b.) gegrünbeten ff eben Königreiche Bereinigte König Sgbert (f. b.) im 3- 827 $u einem Beicl)e, bem Königreiche Snglanb. Bad) ber Bereinigung ber beiben Königreiche 6. unb ©cffottlanb im 3- 1707 würbe ber Barne ©rof britannten (f. b.) ber offtctellc für beibe, weshalb wir auch unter biefem bie ©efchichte 6.« Bollffänbig geben, wäffrcnb wtr bie ©cffottlanb« (f. b.) unb be«im3- 1800 mit ©rofbritannien Bereinigten 3rlanb« (f. b.) bi« ju ihrer Bereinigung in ben betreffen* ben Sirtifeln ben geograpffifrfpffatiffifchen 9lngabcn beifügen. 3um Königreiche 6. gehören auferbem eigentlichen 6. nebft berSnfel S> i g h t (f. b.) unb bem gürffentffttme 2B a l e « (f. b.) mit ben 3nfe(n Stnglefea unb Bf an (f. b.), bie @cillt)*3nfeln unb bic an beit franj. Ki'tffen liegenben fogenannten normännifchen 3nfeln 3erfeg, ©u ernf eg (f. b.) unb Silber* net) (franj. Aurignv) nebff ©arfe. 6« grenjt im Borbett an ©cffottlanb, wirb im Dffct» Bon ber Borbfee, im ©üben Bont Kanal unb im BScffen Born ©f.=@eorg«fanat unb ber 3rü fchen ©ee begrenjt unb hat ein 9lreat Bon 2747 D3R., woBon 340 auf 9EBale« fomnten. Sic baffelbe umgebenben ©ewäffer bilben eine Bfengc Bfeerbttfen, Baien unb Buchten, na* menttieff bie Briffolbai, unb bie feffönffen äf en in fPortömoutff, ^Mpmoutff, Sonbon, So* Ber u. f. w. Unter ben mehr al« 50 feffiffbaren glitffen ffnb bie bebeutenbffen bie SEffemfe (f. b.), ber .fjumber, welcher au« ber Bereinigung be« SErent unb ber Dufe entfieht, ber ©e* Bern, See, SEgtte, 2Bearn, SlBon unb Bierfeg. Zahlreiche Kanäle, wie ber Bribgewater*, ber ffancaffer*, ber Drforb*, bec@ranb=3unction* unb bcr@ranb*SErunffanal, Bermchren bie natürlichen SBafferffrafcn. 9tuch © een fehlen nicht, namentlich in ben ©rafffffafteit Sum* berlanb, äßeffmorelanb unb Sancaffer; ju ben artfetjnlichfien gehören SBinbermoore mit 13 fleinen Sttfeln, Ulle«water, Scrwentwater, Snnerbalewater unb in SBale« ber Balafee; boch ftnb fic in«gefammt nicht wegen ihrer Stuebeffnung unb SSSidjtigfeit, fonbern wegen ihrer Schönheit unb malcrifchen Sage berühmt. Unter ben Sümpfen unb SBoräffcn ffnb bie oorjttgöweife fogenannten ©iintpfe (the Fens), ber Bioraff Bon Bomnet), bie in ©omerfet unb bie ©aliöburgfläche bie bebeutenbffen. S. iff tffeit« eben, tffcil« gebirgig; bie füblicffe Küffe begrenzen niebrige .fjitgel, bie füböfflid^e Kreibeberge; in ben norböffltcffen ©raffchaf* ten, Borfolf unb Sincoln, erhebt ffch ber Boben faurn über ba« Bleer unb bilbet Btarfcfflanb. Bott bem fübweffltcffffcn tyunttc S.« an jiefft ffch an ber wefflicffen Küffe ba« immer höher aufffeigenbe © c b i r g e Bon ßornwatt hin, welche« ffch halb mehr balb weniger ber Blitte be« Sanbe« nähert. 6« nimmt bann eine nörblidfje Bicfftung, theilt ffd) in mehre Zweige, neigt ffch nach ber SBefffüffe, macht bie wefflichen ©raffeffaften gebirgig unb fcfflteff ffch faff an ba« ©ebtrge Bon SBale« an, beffen fföcffffer ©ipfel, ber ©nowbon, ffch 3500 g. über ba« Bleer erhebt. 6.« .ftaiiptgebirge iff ba« an SBunbern ber Bafur reiche fPeafgebirgc, ba« ffch Bon ßarliöle au« burch bie ©raffchaften Surhant, §)orf unb Scrbg jiefft unb befonber« in leftcrer äuferff anjiehenbe Partien mit ben nterfwürbigffen äjöfflen bilbet, barunter bic be* rühmte, mit ben feffönffen ©talaftiten bebeefte löffle bei Gafflcton. Sine anbere merfwür* bige löffle iff bic 9ßoote«höf)le mit Bielen Uberreffen urweltlicher Sihierc. Sic höchffen ©ipfel be« fPeafgebirg«, ba« peff bi« an ba« ©h cö * of 9 e ^ r 9 c ' welche« bie ©renje mit ©djottlanb bil* bet, erffreeft, finb ber über 4000 f?. hoffe Söffarnffbe unb ber jiemlicff ebenfo ffoffc 3ngtebo> rougff. Sine ßigentffümlichfeit @.« ftnb bic grofett Bloore, cinfante SBüffen, Bon feiner auffallenben Unebenheit, welche faff nur #aibefraut fferBorbringcn unb in Bortffumberlanb, Sumberlanb, Surffam, §)orf, Sancaffer unb ©tafforb bie gröfte 9lu«beffnung haben. Slucff gibt c« grofe ebene Laiben. Sa« Klima S.« iff feuefft unb Beränbcrlicff, offne ffeitern ^)im* mcl, aber nicht ungefunb. ©owol cpi|e al« Kälte ftnb feffr gemäßigt, unb berSSinter iff mtl» ber al« in jebem anbern Sanbe unter gleicher, unb felbff unter geringerer Breite, we«ffalb man ffch in auch nur be« Kaminfeuer« bebienf. Ser groff i>äU feiten länger al« 24 ©ttntben 716 @itglan& ((Seoftt. u. 0fattji.) an, ber Schnee Berfdtywinbet in wenig Sagen, unb ba? ganje Satyr tyinburcty bleibt ba? EBiety unter freiem Fimmel. Sm ©anjen iji ber S3obcn, bic SKoore, Laiben unb unange&auten ©egenben abgerectynef, fetyr fruchtbar, jum ©etrcibcbau unb jttr EBietyjuctyt geeignet unb mit bem reijenbflcn ©rün bebecft. EHn ERaturerjcugniffen ifi 6. fetyr reicty, bocty genügen biefetben Weber jur ©rtyaltung ber S5ewotyner tiocty für ben EBerbraucty in ben jatyllofen §a» brifen. 6? tyat einen unenbüctycn EReictyttyum an gifdtyen, Sluftern, Hummern, bagegen gibt €6 wenig SBÜb, unb ba0 Staubwüb fetytt gan$; feibfl bie güctyfe werben jurn $e|en Born ©ontinent Berfctyriebcn. $olj ift nirgenb au?reictyenb oortyanben, bocty gibt e? in Suffep nocty ©ictyenwälber, unb ba0 ERutftyolj muff cingefütyrt werben, Sagegen gibt c0 fein curop. £anb, we(ctye0 fo Biel unb fo gute0 Sinn befafe al? 6., bocty wirb baffeibe nur in Sornwall unb bem angrenjenben Styeile Bon Seoonftyire gefunben; unermefjlictyen EReictyttyum befityt e0 an Stein- fotyien; aucty tyat e? SStei unb Jtupfer in EIRenge, Biel ©ifen, SSaffer» unb ERcifblei, Slrfcnif, Sinf, Slntimonium, Stobatt, ©almei, bie befie 2Balfer= unb ^orjeUanerbe, Söpfcrttyon unb SPfeifenerbe, trefflictye 33aufteine, Sctywefel, EBitriol unb Sllaun, Sctyiefer, Jfreibe, 3ttabafler, ©ranit, SPorptypr unb SOiarmor, geuerflcine fowie mineralifetye SBäffer. Silber wirb nur wenig gefunben, unb ba0 Sa($ reictyt nictyt für ben SSebarf. Sie gatyl ber SSewotyner beläuft ficty nacty bem neueflen ©enfu? auf 16 , 0309 ( 18 , WOBon 911321 auf SBale? unb 124079 auf bie normannifetyen Snfeln unb bie Snfeln um ©. fommen. Sic finb im eigcntüctyen 6. ERactyfommen ber alten ESrifen, Singeln, Sitten unb Sactyfen, ftnb ein fctyöner unb fräftiger EfRenfctyenfctylag, gemifetyt mit Üelten, ©er* manen, ERömern, Sänen unb ERormannen in golge ber Berfctyiebenen ©roberungen bef San- be0. Sn ityrem ERationalctyarafter fpiegelt ficty ber Stammctyarafter ber EBölferfctyaften, au? welctyen fit entftanben, bocty tyat auf beffen E!lu0bilbung bie infularifetye Slbgefctyiebentyeit be? EBolf?, bie eigenttyihnlictye ©ejialtung feiner gefcllfctyaftlictyen EBertyältniffe unb ba? au? ber Styeilnatyme an ben öffentlictyen Slngelegcntyeiten tyeröorgegangette Selbftgefütyl einen rnäety» tigen ©influjj getyabt unb itym bie flolse Haltung, bie Slbneigung gegen frembe Sitte, bie Sin» tyänglictyfeit an tyeimatüctye ©igcntyeiten unb alte? ^»erfommen, fowie jenen ©emeingeift unb greityeit?finn gegeben, bie ben Gsnglänber au?jcictynem EBgl. Secfen, „EBerfucty über ben engl. ERationalctyarafter" (Jpannoo. 1802 ). Siefelben Umfiänbe wirften aud) auf bie ©ntftctyung unb ©rtyaltung Bon Sitten unb ©ewotyntyeiten be? EBolf?, bie mit ber tyoctygefliegenen ©isi- lifation jum Styeil unoereinbar erfctycinen möctyten. So weictyen nur langfam bie Sitte be? 33o r e n ? (f. b.) unb bie Suff an $ a ty n e n g e fe cty f e n (f. b.), Bielleictyt audty, weil ba? burcty flimatifetye ©inflüffe bebingte ptylegmaftfctye Semperament be? EBolf? einer fräftigen anima» lifetyen ©rregung bebarf. Sie altgerman. Spielfuctyt fctyeint ficty in ber burcty alle Stänbc Berbreiteten Sffiettlufl ertyalten ju tyaben, welctyer bie tyerrfctyenbe ©ewinnfuctyt unb ber an ESJagniffe gewötynfe ©eifl eine? feefatyrenben EBolf? ERatyrung geben, unb bie ficty in ben beliebten SB et trennen (f. b.) mit ber Bolf?ttyümlictyen EReigung $u lebtyaft attfregenben E8e» lufligungen Berbinbef. Styre Spractye, eine Soctyfer ber nicberbeutfctyen, tyat Biele EJEtyafen burcty» laufen, etye fte ftety ;u ber gegenwärtigen ©eftaltung bilbete. Süctytige? tyaben fte in allen Sweigen ber Siteratur geleifict. (S. ßnglifctye Spractye unb Siteratur.) SÜBeniget iftitynen Sol^e? in ben fctyönen fünften gelungen. (S. ßnglifctye äf unft.) Sagegen tyaben fte im ^Eraftifctyen, in Slcferbau, Sanbwirttyfctyaft, ElRanufactur unb fyabrifwefen, Sctyiffatyrt unb ^anbel e? allen EBölfern ber ßrbe jusorgettyan. Sen Eüderbau förbern bie über ba? gan$c £anb Berbreiteten ©efellfctyaften (f. Gnglifctye Släerbaugefcll» fetyaften); aucty ber ©artenbau ftctyt auf tyotyer Stufe. ElRan baut ©erfie Bon Borjügtictyer ©üte, metyr SBeijen al? ERoggen, aber beibe? nictyt au?reid)enb, äfartoffeln, Slacty?, weniger ^>anf, guten £opfen, au?ge’ 3 eictynete ©emüfe, Safran, Süjjtyolj, ERtyabarber unb Sb ft. Sie @nglifctye8anbwirttyfctyaft(f. b.) tyat namentlidi feit bent ßnbe be? 18. Scttyrty. einen grofen E51uffd)wung genommen. EDlan jietyt, ^unt Styeil mit Berfctywenberifctyer Siebtyaberei, treffiictye? StinbBiety, fo ftarf unbfraftBoll wie in wenigen Ränbern ber ßrbe; auggc^eicty- nete ^Eferbe, namentlicty fogenannte ERenner (f. ßnglifctye^Eferbe); Biele unb Borjügücty fette Sctyafe unb Sctyweine; grofe unb flarfe £unbe, bie fogenannten Soggen; Biele? ge» beroiety, namentü^ ©änfe u. f. w. Sen mangelnben SBein erfe^t man bur^ ©iber (f. b.) unb anbere Dbftweine; aucty gewätyren treffliche Siere, ba? Slle (f. b.) unb ber Spor» 717 ©ngfanh (Oeogr, u. ®iatift.) ter (f. b.) einen ©rfaf bafiir. gaft biefpalftc ber©in»ol)ner bringt ifyrSeben in$abrifen ju. Ser Uteichthum unb Slufrcanb ber ©rofen, ber ftarfe Slbfaf nach ben ©olonien ttnb anbern £änbern, ber £Rcicf>tt>um ber gabrifunternehmer, bie9Jlafrf)incrie, bie ber ©nglünbcr in feinen Üfungarbeiten anmenbct, »oburch er SKillionen .Ipänbe erfpart unb bie SBaaren bem 2UtS* länber $u einem geringem greife liefert, als biefer ftc in feinem SBaterlanbe t)erflellen bann, haben ben ©e»erbgeif auf eine hohe ©fufe ber SBottfommcnhcit unb SluSbrdtung erhoben. (©. © n gli f cf) e SB a a r e n.) Sie »idgiggen gabrifen gnb in 35aum»otIe, SBollc, Sebcr, ©ifen, ©taljl, SWefgng, Tupfer, 3inn, fPor$ettan unb gapence, ©laS, auch ©cibe, geinwanb unb Rapier. Sie ©ifen* unb ©tahlarbetten »erben fafinirgenb»onfotd)er©üteunb ©chött* fjeit gemacht. 5Ran Berfertigt in gleicher SSollbommen^eit eiferne ©t^ffe, SBagen unb S5rii* km, »ie bie feingen ©tahlfebern unb Uf)rfetten, unb Bortreffliche mat^cmatifcbe, chtrurgi* fcf)e, optifcfjc unb phpgfalifcheSugrumente. ffierüfjmt finb befonberS bie engl. ßifenguf»erf'c unb bie grofen @uf gahtfabrifen, bie gabrifen ber plattirten SBaaren, bie furzen SBaa- ren »on 23itmingham unb ©hefgelb, bie feinen 3»pfer»aarett, vorgügltcf) in ©tafforbfhire unb bie ^orjetlanfabrifen in ben ©raffchaften Serbp unb SBorccger, befonberS bie Bon Sßcbgmoob (f. b.). Sie ©laSfdjleiferci »irb mit feltcner ifrtng getrieben; namentlich ausgezeichnet ftnb bie SuruSarttfel aus ilrpgaUglaS. ©leichfattS fel)t »icf)tig ftnb bic Slrbei* ten in Seber, bie SucEergebereien, S3rannt»einbrennereien unb bie ^Bierbrauereien, bereit fiel) namentlich in Sonbon mehre Bon ungeheuerer ©röfe ftnben. 3ur Skförberung beS engl. $anbelS tragen bie Bortheilhafte Sage unb bie Bielen $äfen, bie fo hoch gediegene Snbufiric, bie »ichtigen SSegfungen in anbern 3Belttf)eilen, Bortreffliche .ipanbelSgefcfe, bie Schiffahrt, bie in 6 . 27000 ©clgffe mit 3 fSlill. Sonnengehalt unb 150000 SJtatrofen beffhäftigt; ferner bie grofe lonboner 35 a n f (f. b.) rtebfl ben sielen fProBinjialbanfcn, bie Slffecuranj* gefellfchaften, bie in feiner grofen Stabt fehlen, bie fjanbelSocrträge mit fafi allen hanbel* treibenben Stationen unb bie .£>anbeISgefetlfchaften bei, »orunter bie Dffinbifche ©ompagnie (f. SD ft inbien) bie »idffigffe iff. ©eit bem grieben hat inbef ber gabrifhanbet ab* unb baS ©lenb ber arbeitenben Glaffe jugenommen, unb obgleich in ber neuern Seit bic gabrifation fo»ie ber innere SSerfehr burch 9ln»enbung ber Sümpfe unb bitrch Slnlcgung Bon .f analen unb ©tfenbahnen einen gröfern 3luffch»ung als je genommen, fo iff hoch baS bitrch Übersöl* ferttng, ©ittenloffgfeit unb ffeigenben ©enufbebarf erzeugte ©lenb ber untern (Staffen nicht geminbert »orben. Sie .fjaupthanbelsffäbte ftnb Sonbon, »elcfjcS fafi ein Sriftheil beS gan» jett engl. £anbelS beforgt, Siserpool, SBrifiol, Jpull unb ScebS. Sie herrfchenbe Äirche iff in©, unb SBaleS bie ^>o^fitä>e (f. b.), ju ber geh bie regierenbe gamilie unb bie hohen Staatsbeamten befennen muffen, unb über 13,150000 ©. befennen. Sitte übrige 9ieligtonSBer»anbfen geniefett freie Sulbung,' unb man fxnbet baljer ^reSbpteriancr ( 350000 ), jtathotifen ( 580000 ), SOiet^obifien ( 380000 ), Subepenbenten, Unitarier unb ©ocinianer ( 300000 ), SKennontten unb SBiebertäufer ( 158000 ), fjerrnhu* ter (100000), duäfer ( 60000 ), $)roteffanten ( 15000 ) unb Suben ( 15000 ). Unter ben öffentlichen Sehranfialten flehen bie beiben UntBcrfitaten ju SDpforb, gegiftet 1249 , unb juGambribge, gegiftet 1279 , bereu jebe mehr als 5000©tubirenbe jätfft, oben an; ihnen hat geh 1828 bie Bon ^risaten gegrünbete freie Unisergtät ju Sonbon attgefchloffen, bie 1842 886 ©tubirenbe zählte. ©leith ber leftcrn gnb auch bie 93orbereitungSfd)ulen, »ie ju ©ton (f. b.), SBegmingerhoufe, Ganterburp u. f.»., fotnie bie üJtehrjaht ber ßlcmentar* fthulen Bon^rioaten gegrünbet unb frei Bon ber Slufgcht beS Staats. Überaus zahlreich gnb bie »iffenfd)aftlichen Slnffalteit, S3ibliotheEen, SJlufeen, botanifche ©arten, j. 35. 51t Jle», ©ternmarten/ j. 35. @reen»icb, Slfabemien unb gelehrte ©efettfehaften für alle 3»cige beS ntenfchlichen 'SBiffeitS; fehr grof au^ bie $h e ^ na h> nc für SJliffionS» unb 35ibclgefettfchaften fo»ie für anbere Slereine ju ürchlicben unb »oplthütigen 3»ec!en. Sie politifdje ©tntheilung 6.Sanlangenb, fojerfdlltbaffelbc, abgefehensonbemin ©raffchaften gepfeilten SBaleS, in 40 ©raffchaften ober ©hireS, nämlich 35ebforb, 33erfS, 35u(Iingham, ©ambrtbge, ©peger, ©ormsatt, ©umberlanb, Serbp, Seoott, Sorfet, Sur* ham, ©gcr, ©loueeger, ^»ereforb, .f'ertforb, fjuntingbon, Jlcnt, Sancager, Seiceger, Lincoln, SRibblefer, SOlonmouth, Storfolf, Slorthamptoit, Slorthuntberlanb, Slottingham, Drforb, Sfutlanb, ©l)top, ©omerfet, Southampton (■©autpffjirc), ©taforb, ©ttfolf, ©urrep, ©uf« 718 GmpUmh (SolfltutfaffuttiO fejr, SBsrmicf, SBefimoretanb, SBiftS, SBorceper unb 2)orf'. darunter ftnb gjorf mit 277 DSÖl,, Sincoln mit 127 □©{., £>e»on mit 121 D3R. unb SRorfolfi mit 97 □9JJ. ginpcgtlicg beS Slveaif bie gröpten, $untingbon mit 17 unb SRutlanb mit 9 D9R. bie fleinpen; SOtibblefer mit 1,360000 g. auf 13 1 /. DÜR., §)orf mit 1,372000 6 . unb Sancapcr mit 1,337000 6 . auf 82 DSR., £5eoon mit 495000 E. bie beoölfettpcn. £>ie gröpten Stabte finb 2 o n b o n (f. b.) mit 1,875000, 2i»erpool (f. b.) mit 224000, 9Rancg ep er (f. b.) mit 193000, SeebS (f. b.) mit 169000, Sirminggam (f. b.) mit 139000, SSrifto 1 (f. b.) mit 115000 6. unb Ipalifajc (f. b.) unb -^ubberSpelb mit 108000 g. bie bebeutenbpen. Über Sinanjen, £anb=unb ®ecmad)t u. f. m. f. ©ropbrifannien. E.’S ©oben enthält in fiel) alle .Steinte ber .Straft beS reifen beit. SSolfSlebenS unb ber ©röpe beS brit. SBeltreicgS. Stile SRebcnlänber beffclben gaben bie ©inriegtungen, biitcf) melcge eS ignen möglicf) mürbe, an jener ÄraftentwicEelung Sgeil ju nehmen, »on 6. empfan* gen unb fiel) $unt SSgeil biefelben fegon früher angeeignet, et>e fie felbp mit bem engl. Staate vereinigt mürben. $orfdjt man ber ©efegiegte biefer 2SolfSer$iegung nach, fo ifl eS ber ©eijl ber altfächf. SJerfaffung, ber nod) gegenmärtig in SSolf unb Staat lebettbig fortmirft, ber fegon bas Slltbritifcge bis auf menige Spuren »erbrängt, ber rogem Ära ft ber ®äncn mie bem Slittertgum ber Stormannen miberpanben unb biefe feine Übetminber felbfi beftegt gat. ©S ip ber ©garafter eines freien ©emeinbemefenS, »on mclcgern jenes Sufammcn-- mirfen aller .Strafte beS SJolfS, jener ©emeinftnn ausgegangen ip, meinem nicht nur ©. felbp feinen SBoglpanb unb feine SRacgt »erbanft, fonbern melcger auch überall, mo er »ott Gr. auS aBurjel gefaxt hat, biefelbe üppige SlegetationSfraft mie in bem SRutterlaube be* miefen hat. Silles, maS bie SBelt bemegt, tp nur ein Streben nach ®em, maS 6. bisher befap, unb immer beutlicger tritt geröor, bajj ©. ber ^3un!t ip, »on meinem baS Scgicffal ber 2Belt feine fernere Stiftung empfangen mufj. Es erjiet)t in feinen ©olonien felbpänbige Staaten, »on melcben fiel) bie ©runblagen feiner Einrichtungen immer meiter »erbreiten, unb felbfi, menn baS urfprüngltcge ©ebättbe in ben ©rfdjütterungen beS SRufterlanbeS jur Sluine merben follte, fo merben jene nidjtSbepomeniger ihren Sauf bureg bie alte unb neue Sßelf fortfegen. 2Bar bodh felbp bie franj. Steöolution nichts SlnbereS als eine Sßiebcr* holung ®effen, maS früher in 6. gefegegen. Sille bie miegtigpen öffentlichen ©inridpitngen E.'S pnb aber nicht bie Früchte beS Kriegs, fonbern beS ffriebenS; pc flammen auS einer frühem Seit unb pnb in ben innern .Stampfen beS SBolfS, felbp gegen Sogann, Heinrich III., ■Start I. unb 3afob II., nur erhalten, nicht ermorben motben. Sie haben noch gtöptentgcilö ben ©garafter beS rogern SeitalterS, melchem pe ttrfprünglich angehöreu, ba man allen Steuerungen fo abgeneigt ifl, bap man lieber grofe Unbequenilicgfeiten erträgt, felbp auf» fallenbe SRiSbräucgc unb Ungerecgtigfeiten bulbet, eh« man bie £anb an SSerbefferungett ju legen magt. SSieleS, fehr 33ieleS mürbe ertragen, um baS alte ©ebättbe nicht }tt erfegüt* tern, unb boeg, menn baS ©ebättbe ju fegroanfen fegeinf, fo pnb eS nicht beffen $aupt* mauern unb Pfeiler, melcge in ihren ©runblagen noch unerfegiittert pnb, eS ip nur bie innere Slnlage ber ©emäcgem ®ie SSerbrängung ber SRaffe beS SßolfS aus allem Slntgeil am ©runbeigentgum, baS Öbermap ber Slrmutg unb beS SteicgtgumS ip eS, maS pch mie* ber in baS früher »orhanbene naturgemäpe ©leichgemicht ju fegen fucht. SRäpiguttg ip ber ©runbfon in ber innern fPolitif 6.’S. Sille öffentliche Saften ju ntinbern, ben Supanb beS SSolfS bureg geltnbe SSeganblung infomeit ju »erbeffern, bap eSnichtju gemaltfamen SJtit- teln getrieben merbe, bieS ip bie Slufgabe, meld)c aud) ettt SorpminiPeriunt »erfolgt. Selbp in ber auSmärfigen ^Solitif ip SJtäpigung baS SofttngSmorf @.S geroorben. Stacpbem eS 30 Sapre lang an ber Spige aller (Koalitionen gegen baS reoolufionaire ffranfreich gepanben unb in biefem furchtbaren Kampfe alle äfräfte beS SSolfS aufgeboten unb erfd£)öpft gaffe, leipete eS gletchfam 9Serjicht auf ben Sogn biefer Slnprengungen unb feiner Siege. GsS jog pd) »on bem fernem Kampfe gegen baS re»olutionaire ^Srincip 5 «rücf, überlicp anbem SBtäcgtcn bie etttfdjeibenbe Stimme itt ben Slngelegengetten Europas, ginberfe felbp bie* jenigen SJtapregeln nid)t, melcge feine ^Regierung öffentlich miSbilligte, unb befcgränlte fteg auf bie prengpe Steutralttäf. Erp als bie SBeltbegebengciten einen groparfigem Egarafter annagmen, gab eS bie Sleutralifät auf, ogne beSgalb in feiner ^olitit ben »ermittclnben »orp^t'St« Egarafter aufjugeben. SBie au cg bie Scgidfalsloofe fallen mögen, fo »iel bürfte ©ttglattb (äScIfSvetfaffuttij) 719 gewig fein, bag 6. fclbß bei einem pafßöen Verhalten burd) baS SSovbiib feiner Snßitutionen einen grögern ßinflitg auf bie ßntwiefelung ber Staaten auSjuüben fortfatjren wirb, als bet biogen SSaffengewalt ttnb phhßfehen Übermacht je möglich iß. Sie engl. üßolfSöerfaffung hat ebenfalls bie brei Stänbe, welche man in anbern Säubern antrifff, ben .derrenßanb ober f)ol;en 9lbel (Nobility), bie 9titterfd;aff ober ben nie» bern 9lbel (Gentry) unb ben Sürgerftanb (Commonalty) ; bie ©eißlidjfeit macht feinen Stanb im Bolfe auS, fonbern gehört in ifjren »erfdßebenen Stufen allen breien an. Sie engl. ©efege unb Sitten erfennen jeboef) nur jwei Stänbe, ben 9lbel, unter welchem bloS ber hotje 9tbel »crßanben wirb, unb bie ©emeinen, ju welchen auef) ber niebere 9lbet gehört. Siefer SfanbeSunferßhicb bringt feine Spaltung tn ben Berhältniffen beS BolfS bevbov, weil bie gamilten beS 9lbelS burcfjauS mit bem Bürgerßanbc »erßhmoljen bleiben, inbem baS 9lbelS»orred)t nur immer auf ben älteßen Sohn übcrgel)t, weil ber 2Beg ju ben f)öcf)flen Stellen unb SBürben bem Bcrbienße wenigßenS gefegUd) unb in ben wichtigßen Zweigen beS öffentlichen SienßeS auch factifch offen fiehf, unb weil ber 9lbel fein üöorrecht geniegt, burch welches in bem 9?tchtabeltgcn baS Selbßgefühl beleibigf ober in ben Seiftungen für bie ©efammtpeit baS ©efep ber ©leichheit »erlebt würbe. Sic Stellung aller Stänbe gegenein* anber iß burch bie SBerfajfung fo gut georbnet, bag etn Sebcr immer wieber beS 9lnbern be* barf, unb bag ber Vornehme ben fd)önßcn unb belohncnbßen SSfjeit fetneS öffentlichen 2Bir* fcnS nur burch ©unft unb Vertrauen ber ©eringern erlangen mag. Ser niebere 9lbel aber, welcher in manchen anbern Sänbern burch feine befonbern StaatSinterejfen unb SBorjüge in ein feinbfeligeS Berbältniß gegen baS föolf »erfept wirb, ifl in ß. Weber ßaatSrechttid) noch factifch »on bem Bürgerßanbe getrennt, ßr Iß im Parlament mit ihm im $aufe ber ©e» meinen »creinf, unb was ftch burch Sletg, ©lücf, SBiffenfchaft ober SEalent über bie gemein* famc 5DJaffe erhebt, tritt ohne 9lbelsbrief, nicht burch bie ©unß ber ©rogen, fonbern burch. fein Berbienß »on ^Rechtswegen in feine SReihen. fRie ifi eS ben ßnglänbern eingefallen, bie hohem fird£>licf>en äßürben »on ber ©eburt abhängig ju machen; niemals hat ftch *h r 3lbel babttreh »on ber -Kation 51 t trennen »erfudjt, bag er auch »on ber SRutter Seite abelige 9lb* funft erfobert ober ba»on bie Succefßonöfäi)igfeit in Samiliengüfer unb bie höchßen 9lbeIS* würben abhängig gemacht hätte, ß. hat nod) SRaria unb Slnna als Königinnen auf bem SElwone gefchen, beren SRutter, 9lnna .fjpbe, bie Tochter eines Slböocatcn war. Keine Steuer* freiheit, feine Ungleichheit »or bem ©efepe macht ben 9lbel 51 t einer Beßhwerbe für bie i'tbri* gen Bürger; nur »on manchen ©emeinbebienfien ftnb bie wenigen SorbS frei, unb ihr SRedft, in ßriminalfad)en »on bem Dberfiaufe beS Parlaments gerichtet ju werbet^ ifi, ba ihnen Solches bebeutenbe Kofien macht, fein ©egenßanb beS SReibeS, obfefjon eS mieberholt angefochten würbe. 3n ber 33ilbungSgefd)ichte beS engl. 91 b e l S fprtcht ftch jenes ©runbgefe| aus, welches man in bem ganzen ©ange ber engl. ©efefjgebung unb Betfaffung finbef, nämlich treue« Seßhaften an ben alten ßinrichtungcn, »erbttnben mit allmältgem, jeitgemägem, wicwol (angfamem Sorfbilben. Ser jepige 9Tbel trägt nod) manche f3üge »on Sem, was er fchon unter ben 9lngelfachfen war. ßinen ßrbabel in bem gegenwärtigen Sinne fannten biefe freilich nidß; einen eigentlichen ©eburtSabel bilbeten nur bie 9ltl)elinge, bie Söljne unb nächffen Berwanbteit beS Königs, ©leiden fRang unb gleiches 9led)t mit ihnen hatte ber ßrjbifchof beS SanbcS »ermöge feiner geiftlichen SBi'trbe, nicht als ©runbbejlfier. SaS Sanb war in ©aue getijetlt (SljireS, fpäfer ßountieS, ©raffchaften), an beren Spi|e ein ßalbor* man ober 9llb er man (f. b.) ftanb, »on ben Säncn ßarl (f. b.) genannt, aber nur als fönigticher ^Beamter ohne ßrblichfeit. Unter ben S»eien genoffen bie Siencr beS Königs unb ber fOornehmcn, bie Sfhane, auSgejeichnete ^Rechte, aber auch % ©tanb war feineSwegS erblich abgefd)toffen; auch ber bloge Sanbbaiter (ßeorl) fonnte ßch, wenn er ein beßimmteS ©runbeigenthum befag unb unter gewiffen SSebingungen, baju erheben. Ser Kaufmann erlangte bie SBiirbe eines Sh a » / fobalb er auf feine Koßen brei Seereifen gemacht hatte, unb wer nur ritterliche SBaffen ßch anfdjaffen fonnte, um ben König »on einem Sip jum anbern ju begleiten, hafte auch »h nc 2anbeigentf)um fchon eine SRittelßufe jum SEhan er» reicht. Sreie 95auetn in mannigfaltigen ßolonat»crhältniffen (ßeorls, ßotfetS, 95owerS, S5ureS, b. i. Bauer) unb leibeigene Siener, fowol 51 ml perfönlidjen Sienfte als jum Sanbbau 720 ©«glatt & (SMBöetfafftntg) (Süjeomnan, ©«nebeiben Saufen, 3ü)racl« bet beit Säncn genannt) malten bie übrige SJtaffe be« 23olf§ au«. Siefe Unterfdjeibungen fliegen aber um fo mehr burdjeinanber, al« ba« Sluffteigen »om Seibeigenen jutn freien, »om freien $um3ü) an unb jum ßalborman einem Seben möglich mar. ©egen ba« ©nbe ber angetfäd^f. ^3eriobe mögen ftcf> alle biefe 3Bürbcn= unb ©tanbe«unterfd)iebe ber erbitten 3tbgefct>toffent>eit allerbing« fchon feijr ge= nähert haben; bie normann. ßroberung öottenbefe biefelbe. Sie ©fatthalterfchaften ber ©aue mürben erblich unb lehnbar, aber ebenbaburd) in bem Saufe eineg Satjr^unberfö ju bloßen üffiürben. Unter .König Sodann maren fefjon bie ©arl« nid^tg al« bie erfie ©taffe ber burcf> SBittjetm ben ©roherer nach ©. »erpflanjten 33arone, $mar in ber Sieget mit grofjem Sanbbefiß, aber otjne ©rafenamt. 3n biefe« rücften bie bi«fjerigen jmeiten SBeamten bet ©aue, bie 23orfiet>er, Stifter unb Schultheißen ber ©emeinbe beg ©aue«, bie ©l)ire = gere* fang (V'icecomites ober Exactores), bie nact)t>erigen engt, ©tjeriff« (f. b.) ein, bie fief) in benfetben bi« auf bie ©egenmart ermatten haben. Sille« ©runbeigenttjum- muf te bie Sel)n«= t;errticf)feit ber normann. .Könige „anerfennen, atte 25erf)ättniffe befestigten fief) gut ßrblichfeit, auct) bie S3ifchöfe unb infulirten SXbte traten in bie SieiEje ber 33aronc ein. Sie fämmttictjen burct) it)re ©üter ju .Krieglbienft »erpflid>tcten 2e£)nbefi|er malten ben Slitterfraub au«, au« bem ftd) ein .^errenfianb »on jmei ©taffen, ben ©rafen (f. b.) unb 33aronen (f. b.), erhob, ber altein im 58eft| be« perforieren ©rfcfjeineng in bem 3teicf)«rathe (bem parla= mente) blieb, mährenb bie Stitterfd)aft benfetben nur burd) Slbgeorbnete befchicfte. Saß fiel) unter btefen SSeränberungen bie 3al)l ber freien Sanbmirttje »erminberte unb freie 3in«leute ju fjorigen ©utöunterttjanen gemacht mürben, mar nicht anber« ;u ermatten; bod) mar bie Sürgerfcfjaft, namentlich m Sonbon, fchon ju mächtig, unb ber ©tanb ber blo« gin«pflid;ti> gen Sehnleute (Freeholders) ju zahlreich, al« baß nicf)t balb bie entgegengefefste Stiftung mieber »orf)crrfchcnb gemorben märe. Ser 23olf«aufjfanb gegen bie SSebrücEungen ber S3a= rone unter Stictjarb II., im 3- 1381, mobei eine altgemeine Slbfcfjaffung ber Seibetgenfd)aft mit ihren Stu«ftüjfen gur Sprache fam, mar ein S33ortäufer; nicht »olle 2003af)re »ergingen, unb jebe ©pur »on Unfreiheit mar »erfchmunben. Sie ©runbeigenthümer alter ©taffen, auct) Svo^npfIicf)tigcn, nahmen nun alg greeholber« an ben 2Baf)len ber Stitterfchaft«* beputirten gum Parlamente Sü)^ un ^ nur ^Diejenigen, mctche fein eigene« SRed>t am ©ute hatten, bie bloßen Pächter (Farmers), unb bie e« urfprüngtief) nur al« Saßbauem, mit be> liebiger BurücEnahme »on ©eiten be« ©runbherrn, befommen hatten (Copyholders), btie> ben bao^on au«gefchloffcn, bi« auch ihnen burd) bie f))arlament«reform im 3-1832 gleiche« Stecht gügefianben mürbe. 3u ben ermähnten gmei ©taffen be« .fberrenflanbe«, ber ©rafen unb SSarone famen fpäfer noch anbere hingu, nämlich bie ber £er goge, ber SDtarqui« unb ber 3Si«count«. ßbuarb III. machte nämlich feinen ©ohn Gbuarb, ben ©djmargen ^ringen, 1355 gum-iperjog (I)uke)»on ©arnmalt unb 1362 feine jungem ©ohne ju Jperjogen »on Gtarence unb »on Sancaffer. Slucf) Slidjarb II. ernannte feine jungem Dheime gu .ftergogen »on gjorf unb »on ©toucejfer, unb feinen ©ünjfling, Stöbert beSSere, 1386 gum^ergog »on Srlanb. ©eitbent ift bie ^)erjog«mürbe bie erfie Stufe be« engt, hohen Stbet« geblieben, hoch befaß nur ber ^>ergog »on Sancaffer ein ^»erjogthum, inbem ©buarb’«lH. »ierter ©ohn, Soh- »on ©aunt, bie ©raffchaft biefe« Stamen« mit mirflicf)en -£>ot)eit«rechten jur 3lpanage erhielt. Dbfchon ba« ^)erjogthum fchon 1461 mieber mit ber Jfrone Bereinigt mürbe, fo haben fid) bod) noch auS biefer 3eit bie befonbere 5Berfaffung btefer ©raff^aft at«^fatjgraf« fd)aft (county palatine) erhalten, unb bie SBi'trbe eine« Äanjler« be« ^»erjogthum« unter ben fWitgliebern be« Sftiniflerium«. ©ine große 3ahl Familien gelangte nach unb nachjur hergog= liehen SSürbe, allein in ben blutigen .Kämpfen ber Käufer 2)orf unb Sancaffer um bie .Krone unb burch häufige SSerurtfjcilungen megen©taat«»erbrechen ftnb bie meifien bcrfelbcn mieber erlofchen. Slur noch S lt)e * ^erjogötttel finb au« ber Seit »or .Kart II., nämlich bie ber^erjoge »on Storfolf feit 1483 unb bie »on ©omerfet feit 1547. .Karl II. bebadjte »ornehmlid) feine natürlichen ©ohne mit ber hcrjog(id)en SBiirbe. ©eit ©eorg’« III. Stegierung fd)ien man ben ©runbfafs angenommen ju haben, biefen Sütel nur an ^ringen be« föniglichcn ^)aufe« ^u »ergeben. Söellington mar feit 17 6 6 ber ©rfie, ber 1814 mieber bie $erjog«mürbe erhielt. Stach ihm mürben noch bie $erjoge »on SSudingljam (1822), »on ©Icüelartb unb »on ©u* thtrlanb (beibe 1833) ernannt. Sie meifien ^erjoge haben gugfeief) ben Sütel »on SDtarqui* ©nglaitb (25oIfSt>cvfaffun<0 721 fafett, ©raffdfaften, SöiccgraffdEjaffcn unb SSaronien, fowie überhaupt bie fyofyertt Xitel einige ber niebern einfdjliefjen. bie Rer^oge unb bie ©rafen fdjob Sttcfyarb II. nod) bie gjtarqut« ein, inbem erben nadjbet äumRerjoge erhobenen Stöbert be 33ere, 1385 jum Sftarqui« »on Sublin ernannte. Sie SDtarquiSwürbe ifi nie fet)r häufig gewefen, unb im з. 1789 gab cS fogar einmal einen einzigen 3nf>aber berfelben. Rerjoge unb SJtarqui« werben im Jtanjteiftil gürfien genannt. €uf bie SJtarquis folgen gegenwärtig al« britfe äbclsftufe bie ©rafen, ©arl«, biefen bie 33i«cottnt«, bre »on Reinrid) VI. f)errüf>ren unb nie fef>r jaljlmd) gewefen finb, unb biefen als legte ©taffe beS engl, ljol)en Slbel« bie SSarone. Sie S3arone ber ©d)a$fammer (of the Exchequer), ber günfljäfen (of the cinque ports) u. f. w., gehören nicf)t jum f)of)en3lbel unb figen nid)t im Dberf)aufe, unb it)re Sitcl ftnb nicf)t erblid). Seber »om Ijoljen Slbet wirb audj 2orb genannt, unb ift $ßair be« 3Jeict)S (Baron of Parlament). Ser SHapor »on Sonbon ift bloS wäfjrenb feiner SlmtSfüf)* tung Sorb. Sie @rjbifd)6fe unb 33tfd)öfe fjaben für it>re ^3erfonen Stang unb Steckte be« l)ot)en 3lbel«, bie im SBefentlidjen fiel) auf ba« ©tfjen im Dberljaufe be« Parlament« 6e« fctjränten, ba« aber nur bie engl, ^air« fdmmtlicf), bie fcfjottifdjen bagegen burd) 16, bie iri* fct>en burd) 28 au« itjrer üJiitfe gewählte SIbgeorbncte au«üben. Stile SSürben be« engl, (jofyen 3lbel« erben nur auf bie ältcjten ©ö§ne fort, welche bei Sebjeifen be« fBater« im gernei* nen Seben ben jweiten Xitel be« älater«, unb wenn biefer feinen anbern Xitel l)at, j. 33. nur S3aron ift, ben Xitel Sorb befommen, im Äanjleifiil aber nur Esquires Reifen. 2Ba« bie übrigen SBorredjte be« fjofjen 3tbel« antangt, fo finb biefelben fet)r unbebeutenb. ©ie werben in Sriminalfällen »om Oberläufe gerichtet, in Si»i(facf)en fielen fte unter ben orbent(id)en ©erlebten. SBenn fte felbft ju ©ericf)t ftgen, werben fte nidf)t »ereibet, wol aber al« Seugen. Üble Siacfjreben gegen fte ftnb in einigen alten ©tatufen al« scandalum magnatum mit be« fonbern ©trafen bebroljt, inbeffen wirb in ber ^rapi« baoon wenig ©ebraud) gemacht. Ser niebe re 31 bei (Gentry) befielt, wenn man blo« auf bie SSebeutung be« 2Borf« imgemet* nen Seben fiefjt, au« allen Senen, welche nid)t »on gemeinen Rangierungen, ätleintjanbel и. f. w. leben; im gcfefclidjen©inne aber gehören ju ber©entrp ober bem©tanbe ber ©ent* lernen alle Siejenigcn, welcfje »on abeltger Rerfunft ftnb, baf>er aud) alle jüngere ©öfjne be« t)of>en 3lbel« unb beren Siacfjfommen, fowie Stile, welche einen perfönlidjen Stbel burd) Stmter ober SBürben erlangt tjaben. Ser niebere Stbel wirb bafjer aud) nie burd) be* fonbere SJerleifjung ertfjeilt, er ifi eine »on felbft eintretenbe golge einer gewiffen in ber bür* gerlicfjen ©efeUfdjaft erlangten ©teile. 6r wirb burct) feinen Xitel bejeidjnet, er füt>rt ben Siamen SOteifter (Master), welcher Stiemanbem »erweigert werben fann. 33efonbere ©tufen ber ©entrq burd) ©rnennung be« Jtönig«, unb jwar bie erfie bilben bie ifnigt)t*S3 anne* ret« (f. Änigfjt), bie jweite bie IBaronet« (f. b.) unb bie le|te bie-©Squire« (f. b.). 9Sgl. S3urfe, „General and heraldic dictionary of the peerage and baronetage of the british empire" (2 S5be., 4. Stuft., Sonb. 1832). Ser Unterfd)ieb jwifcfjen ber ©entrt) unb bem 33ürgerfianbe (Commonalty) ift fo gering, baf j. 33. 33lacE (tone in feinen „Commentaries on the law of England" jene felbft ju bem legtern rechnet. 3nt ftrengern ©inne gehören $um 33ürgerfianbe ober benßorn* moner« juerft alle Sanbeigentpürner, beren ®ut einen jäl>rlid)en ©rtrag »on wentgfien« 40 ©c^itl. gewährt (Yeomen), bann alle Ranbwerfer unb Xagelöt)ner (Tradesinen, Arti- ficers unb Labourers). Sie machen, wie überall, ben grofen Raufen be« 23olfS au«; aber nirgenb ftnb bittere Strmutf) unb Überfluß in einem fo fdjneibenben ©ontrafte einanber nalje geftellt al« in ©. (©. auct) 3lrmenfare.) ©ine golge biefe« grofen ÜWi«»er^ältniffe« jwifdjcn Strmutf) unb 9teid)t^um ifi, baf ber ©fanb ber mifflern freien @runbeigenfl)ümer immer mel)r »erfdjwtnbet unb aller Sanbbeftf in wenigeRänbe ^ufammenfommt, fowie aud) in Ranbel unb SJtanufacturen bie 3at)l ber blofen fiofmarbeitcr für frembe Stedjnung »er* bältniftnäfjig junimmt unb beren Sage »erfcfjlimmert. 9Ba«bie in bie tnrtern SSerRältniffe ber Station tief etngreifenben gormen be« ©runbeigentbum« anlangt, fo ift ju erwäfjnen, baf ber ©tanb freier ©runbbeftfjer, welctje iRre ©üter felbfiänbig nad) Sefjnredjt befipen, gleicf»iel ob fte ba»on itrieg«* ober Rofbienfte (Knight service, Grand-serjeanty) ju leifien t)affen, ober irgenb anbere Stbgaben unb Sienfte ba»on fdjulbig waren (free socage, villein socage), <5on».s£er. Neunte Tfufl. IV. 46 V? Y-: ■tb- 722 ©ttglattb (®faaf$t>erfftffmt8) in6.niemalsganjunferbrüät worben tfl. SluS iijmftnbbie jefcigen greifaffen (Freehol- ders) entfianben; benn fcfjort unter Äarl II. mürben alle Slitterlehn in freies ©rblet)n (free and common socage) »erwanbelf unb alle SeljnSgefälle unb dienfle, mit 9luönaf)me ber fircf>lic£)en (frank-almoigne) unb ber fjwfbienfle, 5. P. bei Krönungen, gan$ abgefchafft. Slber aud) felbfi bie frof)npfltd)tigen ©uföunterfhanen (Villeins), aus welchen bie jepigen 3inS» unb grohnbauern (Copyholders) entfianben ftnb, waren auf er jenem dienfl» »erfyälfnif immer als freie ffeute $u betrauten. dies ergibt ftd) am beutlidjften aus ber breifachen Slrt beS Gerichts, welche in ben ÜefnSferrfcfaftcn »orfam, unb, wiewol jte fetten metjr geübt wirb, hoch bem Siechte nach noch befielt. 3n bürgerlichen @ad)en befefcen ndmlid) bie gtetfaffen baS @ertd)t (Court-baron at common law, Baron’s court, Freeltol- der’s court) als ©chöffen unter bem SSorft^e beS ©utSferrn ober SlmfmannS; in ©acben ber grotjnbauern hingegen tfl ber ©utSljerr ber Stichter nach ben befonbern Siechten beS ©utSbejirfS (Customary court); in ©traffadjen bagegen hielten bte fämmtlichen Ginge» feffenen ber ^errfcbaft, greifaffen unb gtoi)nbauetn, baS Stügegerid)t (Court leet, bet ben Slngelfachfen Folkright), im Stamen beS .Königs, unter bem Porftfce beS SlmtmannS (Steward), welcher ju bem Gnbe ein Sted)tSgelchrter fein muffe. Slnflagen, welche auf gelonie unb Perrath gingen, muffe er an bte föniglicf)en Stifter abgeben; in geringem ©achen hin» gegen »eranflaltete er felbfi ein anbereS ©cf)öffenrecht (Jttry) über bie $f>atfrage unb be» fiiramte nach beffen SluSfpruche bie ©träfe. Sluch hieraus erfleht man, baf in G. fowol bie 4)örigfetf als bie gutSherrlidje ©cridjtSbarfeit ber allgemeinen PolfSfreiheit riet weniger entgegen gewefen ftnb als in anbern Sänbern, unb baf ber urfprünglid)e ©harafter ber ®e» richtSherrtiihfeit, gührer unb Porfieher freier Seufe ju fein, ftd) bort reiner atS irgcnb anber* wärtS auSgebilbet hat, unb bieS ifl eS, was bie Gnglänber als Port grof unb fraftooll ge» macht, fo »tel auch fonfi in ihren (Einrichtungen tabelnSmerth fein mag. Dbfchon eS PlonteSquieu oft nachgefprodjen worben ift, baf bie .Kraft ber engt. © f a a t S < »erfaffung in einer fct>arfen Trennung ber bret ©ewalten, ber regierenben, richterlichen unb gefeggebenben, bcflehe, fo ifl bieS boch fetneSwegS als unbebingt wahr an}unef)men. Stamentlid) baS Parlament nimmt fowol an StegierungSgefchäften als an richterlichen einen fet>r bebeutenben unb wefentlichett Slntfjeil, im Unterhaufe burd) bie flete 5lufjtd)f über bie ©taatSrerwattung unb burch bie fogenannten PrioatbillS in Pewhung auf öffentliche Sin» lagen, PlajorennitätSerflärungen, Ghefdjeibungen u. f. w., unb baS DberfauS burd) feine ©tellung als oberfler Gerichtshof ber Station, desgleichen übt ber .König im ©eheimen 9latf)c ober tn bem engern SluSfchuffe beffclben, bem ©abinetSrathe, fowol gefefgebenbe als rtchter» liehe Pefugniffe aus, auch über bie bret oberflen Gerichtshöfe eine ähnliche ©ewatt wie bie röm. Oratoren, inbem ihre ©ntfeheibungen gewiffermafen ©efef eSfraft hoben; überhaupt aber taufen biefe brei Zweige ber ©taatSgewalt in ©. fo burcheinanber, baf eS für feinen berfetben ein felbflänbigeS Srgan gibt. Gbenfo wenig läff fiel) bie ©tellung beS .Königs unb ber beiben Raufer beS Parlaments als eine SJtifchung »on 2Ronard)ie, Slriflofratie unb de* mofratie betrachten, denn auch baS Parlament tfl, wenige ©tintmen abgerechnet, welche ftd) für bie Piaffe beS Ports unb im ©eifle beffelben erheben, burd;weg ariflofratifch, inbem felbfi nach ber Sleforntbill beibe Raufer jumeifl auS ben gröfern ©runbeigentljümern jufant» mengefejjt ftnb, baS DbcrhauS nur mit einer Sutfyat »on ©eburtSariflofratie. die SBünfd)e bts Ports ftttben in feinem berfelben ein notlfwenbigeS Drgan, wol aber ftnb bte wefent» liehen Siechte beffelben unb bie ^>errfcf>aft ber ©efefse, worauf bie bürgerliche greiheit beruht, burch anbere Slnftalten gefiebert, unb baS Peflcfen biefer ß'inrichtungen ifl feinerfeitS wieber burch bie beiben Umftänbe öerbürgt, baf eineStheilS biefelben auch ber Slrifiofratie gegen bie Steigung jur willfürltchen ^»errfchaft junt Portbeil gereichen, anberntheilS bie Pcforgitif obwaltet, baf baS Port, wenn ihm jene ©inrichtungcn, $. P. bie Polfögcrichte in ber 3urt), bie Pefugnif, Perfantmlungen ju halten, unb bie Preffretheit, endogen werben würben, nicht nur biefe mit ©ewalt behaupten, fonbern leicht noch PtefreS an fleh reifen würbe, die fönigltcbe ©ewalt trägt noch bie Reichen ihres UrfprungS auS ber altgermanifchen PolfSoer» fajfung. SluSgührern einer freien jfriegSgenoffenfchaft würben bieJtönige DberlehnSfjerren beS CanbeS, ©efehgeber unb 3Iid)ter; benn bie Pefchlüffe beS Parlaments ftnb eigentlich nur Pitten. welche ber .König mit einem „le roi s’avisera" ablehnt, unb bie£)berrid)tet in Sßeft» (Snglattb (®faat$betfaffung) 723 minfler waren fef)t lange ganj öom .König abhängig, welker fie entlajfen fonnte; aber bfe fönigltcfje ©ewalt ißt burcf) eine Stenge Verträge unb ©ewofynjjeiten bcfdEjränft. ©aS Spar» lament hat fcfjon öfter bie fönigtirfje SJladf>t überwältigt; aber aut beö Parlament« große ©ewalt termag bocf) nittS gegen eine entfcfjicbene öffentliche Meinung, unb fo mögen bie ©nglänber rtictjf mit Unreäjt behaupten, baß eS in ihrer SSerfaffung brei ©inge gäbe, beren eigentliihe Seftaffenheit unb Stusbehnung nicht genau angegeben werben fönnfen, nämlich bie fPrärogafiöen ber .Krone, bie S5efugniffe beS Parlament« unb bie Freiheiten beS 33olfS. ©ie angelfächf. SSerfaffung bilbef auch hier bie ©runbtage; fie ift burch bie fogenannte Ero= berung SBilhelnt’ö I., im 3.1066, jwar mobifteirf, aber im SBefentlichen wenig öeränbert worben. (Sine allgemeine Slnwenbung beSgehnfpftemS, gröfere SluSbehnung bedanbestjerr* liehen SRechte unb Einführung ber normann. $oföerfaffung, womit bie Einrichtung ber obern ©erkhtS« unb S^egierungSbefjörben jufammenhing, waren bie £>auptpunfte ber S3er= änberung. 3lber baS SBefentliäje ber alten SSerfaffung, bie gefeßgebenbe ©ewalt ber -Kation in einer hoppelten SSerfammlung, ber Witena gemote, b. h- ber SScrfammlung ber SBetfe- ften, b. i. ber S3ifcf>öfe unb Sßornehmen, unb ber allgemeinen SöolfSöerfammlung, ber SDlicel- gemote, b. h- großen S3erfammlung, unb bie ritterliche ©ewalt beb 33olfS über feine ©tan* teSgenoffen, in bem Court-Baron unb. bem Court leet über bie Einfaffen einer ^>ertfci)aft, in bem ©rafftaftSgeritt ober County-court, unb bem Sheriffs-tum ober bem Sriminal» gericht ber ©raffchaft, in ben Slfftfen unb ber 3urtj, unb enblich in bem ©berfjaufe über bie fPairS, finb beibehalten, bie übermäßigen lehnherrlichen Siechte aber burch bie Freiheitsbriefe ber Könige bis auf Heinrich III. gemilbert worben, ©ie ©runbgefege, auf weiten bie brit. ©taatSöerfaffung beruht, ftrtb folgenbe: 1) ber alte Freiheitsbrief (Charta libertatum) Kö* nigJpeinrit’S I., geft. 1135, 2) bie Magna Charta (f. b.) ton 1215, 3) bie Petition of rights (f.b.) öon 1627, 4) bie $ ab ea S=EorpuS=5l cte (f. b.) öon 1679, 5) bie Declaration of rights, glettfam bie Eapitulation, weite SBilhelmlll. 1689 annehmen mußte, um bie .Krone ju erhalten, 6) bie ©uccefftonSacte (Act of settlement) öon 1701 unb bie ton 1705, 7) bie UnionSacte jWiften E. unb ©tottlanb öon 1707, 8) bie UnionSacte jwi- fd)en ©roßbritannien unb Srlanb ton 1800, 9) bie SmancipationSbiU tom 13. Slpr. 1829 (f. Emancipation b er ü atholifen) unb 1,0) bie 31eformbill (f. b.) öom 7. 3uni 1832 für E., nebft benen für ©tottlanb öom 17.3uni unb für Srlanb tont 8. Slug. 1832. ©ie.Krone beS .König S ton E.ift erblit, nat befonbern ©efefcen, Welte baSParlament abjuänbern SKatt hat. @te wirb öererbf nat &em ^ette ber Erflgeburt juerfi auf bie ©ohne, unb in beren Ermangelung auf bie Tötter, weite ben männlichen ©eitenterwanb* ten beS legten Königs torgehen. 3n gänjliter Ermangelung ber ©efeenbenj fommen bie nätffen ©eitenterwanbfen beS legten Königs jur Thronfolge, °h ne Unterftteb ber tollen ober halben ©eburt, aber nur infofern fie öon bem erften Erwerber ber Krone abflammen, ©ie Drbnung babei tfl eine flrenge ginealorbnung, fobaß baS weiblite ©eftlett in ber äl» tern Sinie ben männliten 33erwanbten ber jüngern fiinte öorgeht, aber unter ©eftwiftern immer bie ©ohne juerfl jur Thronfolge gelangen, ©ie Krone geht auf ben Thronfolger unmittelbar über, ohne baß eS einer befonbern 33eftgergreifung bebarf. ES gibt alfo fein 3>r>s- ftenreit, unb eS gelten in E-, wie in Franfreit, bie beiben ©runbfäge: ber .König flirbt nitt, unb ber Tobte fegt ben fiebenben in Sefig (Ie mort saisit le vif); baher wirb auch bie Sicherung Karl’S II. nitt öon ber Sieftauration, fonbern öom TobeStage Karl’s I. an gc- retnet. ©ie 5BoUjät)rigfeit beS Königs tritt mit bem 18. gebenSjahre ein} bie fRegentftaft wäprenb ber SKinberjahrigfeit orbnet ber König in feinem Tejlamente, ober wenn er es nitt gethan, baS Parlament an. ©er Thronerbe führt, wenn er ber ältejle ©ohn beS .Könige iff, ben Titel eines fPtinjen ton SBaleS, ben ihm ber .König gewöhnlich erft einige 3af>rc naigh- ©tewart ton Snglanb unb ©raf ödtt Eatricf wirb ber älteffe ©ohn jufolge einer üBeftim- tnung Ebuarb’S III. geboren, ©ie Krönung beS Königs g«fc^ief)t in ber SBeffminfierabtei- Ad ife - 724 ßttglanb (StaafSberfafjunß) burd) ben Grjbifchof »on Ganterburp, bte bcr Jtönigin burd) ben Grjbifchof »on §Jorf. £of)e 3tcid)Sümter, bte, bis auf jtuei erbliche, öom Jföntg nad) SBillfür befeft merben, ftnb: 1) bcr ©roffanjler (Lord High-Chancelor), juglcid) ©rofftegelbcmahrer (Keeper of the great Seal), 2) ber ©roffd)a§meifIer (Lord High-Treasurer), bcr fpräftbent bcr ©chapfamnter, beffen 2lmt feit ©eorg I. »on fünf Gommiffarien »ermaltet mirb, melcbe SorbS bcr ©cf)a£< fammer Reifen, unb beren erfier bie auSgebehnte ©emalt eines ^PremierminiflerS hat, 3) bcr $Präftbenf beS ©faatS* ober geheimen 9fafl)S (Lord President of the privy Council), 4) bcr gemeinte ©iegelbemahrer (Lord privy Seal), ber baS geheime ©iegel auf alle fönigliche ^)ri» »ilegien, ©djenfungen unb anbere Ürfunben brücft, bie hernach erfl, mo eS nötf)ig tfl, mit bem grofen oerfefjen merben, 5) ber ©roffämnterer (Lord High-Chamberlain), 6)ber@rof* tttarfd)alt (Lord Earl Marshall), jugtcicE) 0berrid)ter in Q5efd>Iecb>tgfac£)en, ein erfclict>e@ Sind ber ■tdtjoge »on SRorfotf, bie eS, toeil fte fatl)olifd) ftnb, bis jur Gmancipation im 3- 1829 burc| einen ©felloerfreter »erfefjen taffen muffen, unb 7) ber ©rofabmiral (Lord Hjgh- Admiral) ober Dberridjter in allen gälten, bte auf ©een unb glüffen »orfommen, tueld)eS 2lmf gegenmärtig »on Gommiffarien »ermattet mirb, beren SBorft^er erfier Sorb ber Stbraira« lifät tjeiff. 3« ©chottlanb ftnb feit bcr Sßereinigung nod» fünf Jfron» unb Staatsbeamte. Der Jtönig macht in 6. mit allen feinen 23orfabren unb 9lad)folgern ein ©anjeS aus; er ifl eine Corporation für ft cf). 33 on ber 9Jlad)t, bie S£f)ronfo(ge ju »eränbern, f)at baS Parlament fomol in ben ©treitigfeiten ber Käufer ^or! unb Sancafler, als »ornehmlich nad) ber 9leoo» iution »on 1688 ©ebraud) gemacht, inbem eS juerfl 3afob II. unb feine ülladjfommen bcr Streiten Gl)e »out Sfyrone auSfcf)lof, unb in bcr Act of settlement »on 1700 bie S£l)tonfolge auf bie protefIanfifd)e 3lad)fommetifd)aft bcr fPrinjefftn Sophie, ber jüngflen Softer bet Jturfi'trfiin Glifabetp »on ber SPfalj, einer SocfjterÄönig 3afob’S I. »on Snglanb, befdmänfte. DieSDlacht bcSÄönigS ifl an bie@efe|c gebunben unb mirb flaatSred)tlid) »on einem ©tunb» »ertrage jmifchen ifjm unb bem 23oife abgeleitet. Denn fo beharrlich ftd) auch Safob I. unb feine betben ©öf)ne auf ein »on ©ott gegebenes 3ted)t ber .fterrfchaft beriefen, fo mürbe bem» felben bod) fletS miberfprochen, unb SJtaria, 9Bilf)elm unb 3tnna befliegen ben Scroti, »er» möge auSbrücflidjer Grflärungen, nur in Jtraft einer neuen Übertragung »on ©eiten ber üJtation. Da aber babei, befonbers feit ber Steflaurafion, ber ©rttnbfafs anerfannt ifl, baf im ©taate feine ®et»alt über ber fönigtichen fletjen fann, bic^tanblungen beS JtonigS feiner Prüfung untermorfen ftnb, unb ber Jtönig über alle perfönlidje 33eranti»ortlicf)feit ergaben fein muf, meSljatb esbenn auch einer ber erflen ©runbfäfje beS ©taatSred)tS ifl: „Der Jtönig fann fein Unrecht ttjun", fo ftnb bieüftittel, moburd) bieSRegierung in ben gefeplichen Schratt» fen gehalten wirb, ju einem fef)r fünfllidjen ©pflem auSgebilbet morben. GS merben näm« lief) alle iftanblungen beS 50?onard)en im ©inne ber ©efepe erflävt unb »orauSgefefd, baf nid)tS in ber 9tbftcf)t beS JtönigS liege, maS ben ©efefen entgegen ifl. Güte offenbare ©efeb» mtbrigfeit mirb nicht bem Äönige fonbern feinen fRatfjgebern jugefdjricben, unb fomol biefe, als Siejenigen, melcf)e ftef) ju 2tuSfüf)rung einer fRec^fSöertebung brauchen liefen, fönnen beShalb in Jflage unb Unterfucbung genommen merben, ohne ftch auf ben 93efet>t beS JfönigS berufen ju bürfen. 35iefeS ©pflem ber 23erantmortlid)feit ifl einer ber ©runbpfeiler ber engt. @taatS»erfaffung; nirgenb anberS ifl eS mitfold)er 23ollfIänbigfcit auSgebilbet, nirgenb bie ©hrfurcht gegen ben 5Dtonard)en mit ber ©ichertjeit ber S3ürger fo gut »ereint als in G. Durch biefe beibenSrunbfäfce mirb eS möglich, föniglid)en 23erfügungcn, meldje benSefepett jumiber ftnb, j. SS. eine »erfaffungSrcibrige Segnabigung ober anbere Sßermittigung, ^u be» feitigen, inbem man enfmeber eine gefeflidje 33efchränfung hineinlcgt, j. 33. baf bie 33egna= bigung ben £auf beS ^roceffeS nicht hemmen ober bie fPri»atanfprüd)e nicht aufheben folle, ober angenommen mtrb, baf ber Jtönig babei hintergangeu fei. 3tud) hoben fomol baS ^3ar» tamenf mie bie ©ertchtSf)öfe baS 3Ied)t, über eine fold;c SlegierungShanblung frei ju biSctt* tiren, unb inSbefonbere ifl baS Parlament, fomie jebeS einzelne SRitglieb beS Dberl)aufeS, befugt, bem Jtönige ©egenhorflellungen ju machen. 3«ber ^3air beS SleichS ifl nämlich ge» borener ©taatSrath beS 9Jtonard)en, unb als folcher berechtigt, eine $)ri»ataubtcn$ ju er» bitten, um ihm über baS 2Bof)l beS Reichs feine SJteinung »orjufragen. ©egen eine 2lbftd)t bei ÜJtonarchen aber, bie 23erfaffung ju untergraben, hoben bie engl. @efe§e fcf)on aus bem ©runbe fein ©egenraittel aufflellen fönnen, meil burd) ©runbfa|: „Der Jtönig fann fein ©itjlttttb (SfaatSttetfaffuitg) 725 Unrecht 6cabfTdt>tigen y/ , aud) bic blofje 9Röglid)feit einet folgen Vorauöfebung audgcfchtef* fen wirb. SRatt nimmt ed ald einen anerfannten unb bewährten ©ag an, bafj ein bivectet imb enffdüebener Vcrfttd), bie Vcrfaffung ju »etniebten, eine Vieberlegung bet ^Regierung in ffet) fcl)liege, bed) über bie gtage, «aclcf>e -Staublungen einen fotd)en Angriff auf bic ßon* ftitution auemactien, ift feine ©ntfebeibung Oorhanbcn. 35cr©injclne enbiid) hat gegen9Riö* bräune ber ©ewalt bie mirffatnen ©djugmittel iitber.S>abead=6orpuö = 9lcte (f.b.), ivt ber Klage gegen ben Veamten, bet 33cfd)merbc bei bent Parlament unb in ber ^reffreiheit. SScgcn perfönlid)er2lnfoberungcn an ben .König gibt ed fein @crid)t, unb cd ifl nur berSBeg übrig, ftd) an ben ©roffanjlcr $u wenben, bamit biefer, nach Unterfucfjung ber ©ad)e, betn Könige ratfjc, eine gerechte goberung ju befriedigen. 3n fRealflagen aber gegen ben .König find befonbere SRerfjtsmittel juläfjtg. SBad bie Vefchränfttng ber Königdgewalt in ben ein* je(ncn3n>eigcn ber©taatdBerwaltung betrifft, fo gibt cd $. S5. in2lnfel)ung berfRedttöpflcge, wcldje bie Vermittlerin jwifdjen ber öffentlichen ©ewalt unb ber inbioibucllen greifet fein tuuf, für ben König fowie für bad SRinifierium faum eine SOtögiidjfcit, ben Sauf berfelben jit flöten. ®er König ifl nur S3efd)ü|er ber gefe§lid)en Drbnung, allein bie Vollflrecfung frebt ifjm nid)t ju. 6r fann feinem ^taatebeamten größere S3efttgniffe beilegen, ald if)m burd) bad ©efefc felbfl gegeben ftnb, unb alle bie Verfügungen, welche bie befonbern tecb>t= lieben Verljältniffe ber einjelnen SBürger betreffen, ftnb, wenn fte nicht Bott ben ©eriebten attdgeben, null unb nichtig. Sluch bad 33egnabigungöred)t bed Königd ifl fehr cingefrhränft. ©d fantt Weber bie SRed)te einzelner SBürger beeinträchtigen, noch ben Sauf ber einmal erl)o* betten Unferfuchnng in bem galle hemmen, wenn bad Unterhaud gegen bie höhetn ©taatd* biener ald Slnfläger auftritt. 5Racf) gefälltem Urtheil fann ber .König $wat bie eigentliche ©träfe gans ober sunt $h e ^ erlaffen, aber bie Unfähigfeit ju öffentlichen Ämtern, welche mit mehren Verbrechen, wohin namentlich ber SÖtidbraucf) ber öffentlichen ©ewalt gehört, gcfe|lich Bcrfnüpft ift, nicht aufheben. 25aher findet aud) bei älnflagen auf Verlegung ber •S)abead=©orpud*2lctc eine förtiglirfje ^Begnadigung nicht flatt. Von einer ^Begnadigung wegen einer genteinfchäblichen ^anblung fann nidft eher ©cbrauch gcmad)t werben, ald bid biefetbe abgethan ifl, unb überhaupt gilt auch bei ©nabenbriefen ber ©a§, bafj, wenn fte auf falfd)e Vorfpiegelungen gegründet find, bie ©erichte fte ald nichtig oermerfen. ®a in ben ©naben* briefen jeberjeit bad Verbrechen bed S3cgnabigten genau angegeben fein muf, fo wirb gewif nicht leid)t ein gefährlicher Verbrecher begnadigt werben. Vgl. ©hittg, „Treatiseonthelaw of prerogatives of the crown and the relative duties and rigths of the subject" (Sonb. 1 820), ®ie Sufammenfehung bed ^artamentd h aftc it>re erfle ©runblagc cbenfalld fd£>on in ber angelfächf. ^Periobe erhalten; in den erflert feiten ber normann. Periode befam fte burch bad Sehndfpfiem eine befonbere gorm, inbem hauptfächlid) nur bie unmittelbaren Va* fallen der .Krone ftd) bretmal im3al)te, JuSBcihnaditen, Dflern unb ^ftngflen, am Äofe ein* fanden. Unter Heinrich III. nahm der Ufurpator, ©imon öon SRontfort, ©raf Bon Seicefler, wieber feine 3uflud)t jur allgemeinen Volfdoerfammlung, inbem er 1205 jwei 3lbgeorbnete aud ber SRitterfchaft jeder ©raffdjaft unb jwei Bon jeder föttiglichcn ©fabt* ober Vurgge* meinbe (cities unb boroughs) berief. SIbgefehen nun batton, ob bied wirtlich eine Veiterung unb nicht eine alte ©ewohnheit war, fo würbe fte wenigflend fogletd) Bon Heinrich III., ald er wieber jur greifet und jur ^Regierung gelangt war, beibehalten. 35icfe ©fände waren meifl in ©inent SRaume »erfammelt, nur bei fchwicrigett gäüen traten bie Prälaten, bie SSarone unb bie 9litterfd)aft mit ben ©täbten (bie gemeine Sanbfdiaft), für ftd) jufammett; boef) übergaben fte bem .Röntge ihre Slntwortcn gemeinfdjaftlid). ©rft unter ©buarb III., 1327—77, wurde bie Swenniutg in ein Dberhaud (House of peers), in welchem ftch ö* c Prälaten mit bem weltlichen ^jerrenflanbe, unb in bad Unterhaud ober bad $aud ber ©e* meinen (House of comnmns), tn welchem ftd) bie fRitterfchaft mit ben ©täbten Bereinigte, ju einer bleibenden ©inrichtung. ®ic 6rjbtf(f>öfe unb Stf^öfe waren oermöge ihrer geifl* liehen SBürbe SRitglieber bed Dbethaufed, abgefehen baoon, baf nach der normann. ©robe* rung ihre ©üter jugleid) $u Sehndherrfdhaften gemadjt unb allen Pflichten berfelben unter* worfen worben waren. Vor Heinrich VIII. gehörten auch 27 infulirte läbte unb jwei ^rtoren ju ben geifllichen ©tanbedhetren, allein burd) bie Aufhebung ber Klöfler Berfchwanbcn fle. ®ie weltlichen $)aird waren nicht immer Bon $Red)töwegen 9Ritglieber bed ^5arlamentd, fonbern 726 England (DtaatSverfaffnng) wurden vom Könige dazu berufen; nach und nach aber ist Pairswürde, d. h. der hohe Adel oder die Lordschast und die parlamentarische Standes - oder Reichsherrlichkeit unzertrennlich und gleichbedeutend geworden. Doch hat der König das Recht behalten, die Zahl der Lords beliebig zu vermehren, obgleich er jetzt nicht mehr befugt ist, einem einmal ernannten Lord diese Würde zu nehmen. Unter Georg I. ging im Hause der Lords eine Bill durch, das Recht des Königs, neue Lords zu ernennen, auf eine gewisse Zahl derselben zu beschränken, doch das Haus der Gemeinen erkannte die aristokratische Tendenz dieser Maßregel und versagte ihr seine Zustimmung. Kein König hat von diesem Rechte so vielfach Gebrauch gemacht als Georg III. Von 1760—1820 wurden in E. allein, abgesehen von Schottland und Irland, 2 Herzoge, >6 Marquis, 47 Grafen, 17 Viscounts und 106 Barone ernannt, sodaß beim Tode Georg's IN. die Zahl der engl. Standesherren auf 291 sich erhöht hatte, wahrend sie unter Jakob I. nur auf 106, und im I. 1673 auf 154 sich belief. Durch die Union mit Schottland vermehrte sich das Oberhaus um 16 für eine Sitzung gewählte Abgeordnete aus dem schot. und durch die mit Irland um 28 für die Lebenszeit gewählte Abgeordnete aus dem irischen Herrenstandc und vier irische vertretende Bischöfe. In Folge der Emancipations- bill nahmen am 23. Apr. 1829 sieben katholische Pairs, der Herzog von Norfolk, der Graf von Shrewsbury die Lords Clifford, Arundell, Dormer, Stafford und Petre zum ersten Mal ihre Sitze im Oberhause ein. Gegenwärtig besteht dasselbe aus zwei Prinzen von Geblüt, 21 Herzogen, 20 Marquis, 108 Earls, 17 Viscounts, 192 Barone, 26 engl. Erzbischöfen und Bischöfen, und folglich unter Hinzurechnung der schot. und irischen Abgeordneten, aus 434 Mitgliedern. Das Haus der Gemeinen bestand bis zur Reform aus 658 Mitgliedern, nämlich 513 für E. und Wales, 45 für Schottland und 100 für Irland. Aber die Reparation dieser Mitglieder war sehr ungleich, in Hinsicht auf das Verhältniß der Bevölkerung sowol als des Grundeigenthums. In Folge der Gerechtsame der verfallenen Flecken sendeten 354 Wähler 56 Mitglieder, also den elften Theil des ganzen Unterhauses, in das Parlament. Die Grafschaft Jork hatte über eine Million, Rutland nur 20000 E-, und doch war eine wie die andere durch zwei Abgeordnete aus dem Stande der Grundbesitzer vertreten. Jede der zwölf walisischen und der 33 schot. Grafschaften sendeten einen Abgeordneten, doch waren die sechs kleinsten Grafschaften Schottlands in dieser Beziehung vereinigt, sodaß immer Caithneß und Bute, Clackmannan und Kinroß, Cromarty und Naim zusammen einen Deputaten wählten; die 32 irischen Grafschaften sendeten jede zwei Abgeordnete. An der Wahl nahmen alle Lehnbesitzer (b° reekolcker«) Theil, deren Lehen einen jäh» lichen Ertrag von 40 Schill, und darüber gewährte. Da aber die Zahl der Lehnbesitzer in den Grafschaften sehr verschieden ist, so gab es z. B. in Jork gegen 16000 Wahlberechtigte; dagegen war in andern Grafschaften der Grundbesitz einzelner Familien so überwiegend, daß sie allein einen oder beide Abgeordnete der Grafschaft ernannten. So kam es, daß etwa 11000 Personen die Hälfte aller Repräsentanten für England und Wales wählten. In Schottland wurden die 30 Grafschaftsdeputirtcn nur von 2767 Gutsbesitzern gewählt. ES waren nämlich dort nur die unmittelbaren Vasallen der Krone wahlberechtigt, und deren gab es in keiner Grafschaft mehr als 220, in den meisten nicht einmal 100, in Clackmannan nur 16, in Nairn 20, in Pceble 34, in Sutherland 35. In Irland hatte man sich genöthigt gesehen, bloße Pachter auf Lebenszeit für wahlberechtigt zu erklären, weil der Landeigen- thümer gar zu wenig gewesen sein würden; dagegen wurde 1829 in Irland der Wahlcensus von 40 Schill, auf 10 Pf. St. erhöht. Dennoch, obgleich von den 92 Deputaten der 40 engl, und 12 walis. Grafschaften 46 lediglich von einzelnen großen Grundeigenthümern, meist aus dem hohen Adel, ernannt wurden, hielt man diese sogenannten ritterschaftlichen Mitglieder (KmFkts ok slurss) noch für die unabhängigsten des Hauses; denn in Ansehung der städtischen Deputaten, deren E. 405, Wales 12, Schottland 15 und Irland 35 sandte, war die Sache noch viel übler bestellt. Die städtische Vertretung hatte sich sehr zufällig ausgebildet. Ursprünglich mußten alle mit königlicher Bürgerfreiheit versehene Orte (bornugks) sowie die Provinzialhauptstädte (Bischofssitze, cities) Deputirte schicken, weil auch sie unmittelbar unter dem Könige standen. Allein sie suchten sich, so viel sie konnten, von einer Sache loszumachen, die nur als Dienst, als eine kostspielige Last, nicht als ein Recht und ein Vorzug betrachtet wurde. Darüber verloren viele dieser Orte ihre Landstandschaft, und eS England (Staatsverfassung) 727 hielt schwer, sic wiederzuerlangen. Von dem frühem Rechte des Königs, die Landstand- schrst durch neue Privilegien zu crtheilcn, machte zuletzt Karl ll. für Newark Gebrauch; gegenwärtig ist dieses Recht der Krone erloschen. Bei dem Regierungsantritt Heinrich's Vlll. war die Zahl der städtischen Deputirten bis auf 269 herabgekommen, durch Wiederherstellung der frühern und königlichen Verleihung eines neuen parlamentarischen Wahlrechts wurden bis 1678 wieder >80 hinzugefügt, durch Einverleibung von Wales kamen >2 und durch die Vereinigung von den alten Pfalzgrafschaften Chester und Durham noch vier hinzu. Viele dieser reichsständischen Bürgerschaften (borougbs, d. h. Vereinigungen zu einem Ganzen mit allgemeiner Verbürgung füreinander) waren ganz oder zum größten Theil eingegangen und verödet (s. Lotten borougks), und dasNecht, Parlamentsglieder zu ernennen, haftete entweder aus wenigen Häusern, wie dies bei Old Sarum der Fall war, wo nur noch die Ruinen eines Schlosses übrig sind und das Wahlrecht zuletzt vom Grafen von Caledon abhing, oder war ganz in die Hände einzelner Familien gekommen. Auch in mehren größer» Städten haftete das Wahlrecht entweder nur auf sämmtlichen Freilehn (Lrceboltlers) oder gar nur auf gewissen Burglehn (bourgsgs-tsnures), sodaß der Wähler sehr wenige, z. B. in Plymouth von 60000 E. nur 230, in Harwich von >7000 E. 32, in Portsmouth von 35000 E. >00, in Bath von 32000 E- >8, in Bristol von >06000 E. nur 50 u. s. w., waren. Diese wenigen standen meist unter dem Einflüsse irgend einer der großen Familien E.s; daher kam es, daß etwa zwölf Familien allein über 100 Plätze im Parlamente zu vergeben hatten, z. B. die Grafen von Mount-Edgecumbe und von Fitzwilliam jeder 6, ebenso viel die Herzoge von Devonshire und von Bedford, die Pelham, Herzoge von Newcastle, Grafen von Chichester und Lords Aarborough 15, der Herzog von Norfolk > 0, ebenso viel der Graf von Lonsdale u. s. w. Mit den wenigen Plätzen, welche von unabhängigen Wahlmännern besetzt wurden, ward in der Regel ein schändlicher Handel getrieben; trotz aller Gesetze dagegen waren die Preise der Stimmen und die Unterhändler allgemein bekannt; ein Platz für einen kleinen Ort kostete in der Regel 5000 Pf. St. Dagegen hatten die bedeutendsten Städte, wie Manchester, Birmingham, Leeds, Sheffield und eine große Zahl Städte von 10 — 30000 E. gar keinen Antheil an der Repräsentation. Es war daher kein Wunder, daß eine bessere Einrichtung derselben, die sogenannte Parlamentsreform, zu den allgemeinsten Wünschen des Volks gehörte; denn nach der bisherigen Verfassung wa^eS den Ministern nur zu leicht, Maßregeln, welche ebenso sehr gegen die öffentliche Meinung als gegen das Wohl des Reichs waren, dennoch eine geraume Zeit hindurch zu verfolgen, und insonderheit verdankt E- seine Schuldenlast der Hartnäckigkeit, mit welcher Amerika und später Frankreich bekämpft worden sind. Allein ebenso leicht sind die Gründe einzusehen, welche sich einer solchen Reform entgegensetzten, indem es nicht mehr die Krone, sondern die herrschende Aristokratie war, deren Einfluß durch diese Reform vermindert werden mußte. Im Z. > 832 wurde endlich die Parlamentsreform, nachdem sie 50 Jahre in Anregung gewesen, durch die Gesetze vom 7. Juni für England, vom >7. Juni für Schottland und vom 8. Aug. für Irland von dem Minister Grafen Gray zur Vollendung gebracht. (S. Großbritannien.) Der Hauptzweck derselben war, die Wahlen wieder in die Hände des Volks, und zwar der Mittelclassen desselben, zu bringen, sodaß Abgaben und gesetzliche Einrichtungen auch von den gewählten Abgeordneten Derer, welche dabei in- tercssirt sind, beschlossen werden. Die Zahl der Abgeordneten blieb die frühere; für England wurde sie von 5 > 3 auf 500 vermindert, für Schottland aber von 35 auf53, und für Irland von 100 auf >05 vermehrt. Der Hauptsache nach bestand die Reform darin, daß das Repräsentationsrecht der kleinern Orte ganz aufgehoben und dafür größer» bisher nicht reprä- sentirten Städten beigelcgt; daß die bisherige Ungleichheit der Wahlberechtigung in den Städten abgeschafft und allen wirklichen Einwohnern, welche ein Haus oder eine Wohnung von wenigstens > 0 Pf. jährlichen Ertrags inne hatten und keine Almosen empfingen, eingeräumt; und daß auch die Repräsentation der größer« Grafschaften von zwei auf drei und in Kork auf sechs vermehrt, und die Theilnahme an den Wahlen, welche bisher nur den wirklichen Lehnbesitzern (bresboIOers) zustand, nun auch den Frohngutsbesitzern (<7np)ko1clsrs) und Pachtern (b>6a8ebollierz) gegeben wurde. Durch die erste dieser Maßregeln wurde das Repräsentation-recht 56 Orten ganz genommen, bei 30 andern auf einen Deputirten statt 728 England (Staatsverfassung) der bisherigen zwei herabgesetzt; dagegen bekamen 22 Städte, wie Manchester, Birmingham, Leeds, Sheffield, Davenpo«t u. s.w., das Recht, zwei, und 20 andere das Recht, einen Deputieren zu senden. Überhaupt senden gegenwärtig in das Unterhaus 26 Grafschaften je vier, sieben je drei, sechs je zwei, die Grafschaft Aork sechs und die Insel Wight einen, zusammen l 4 4 Abgeordnete; 13 3 Städte und Flecken je zwei, 5 3 Flecken je einen, die Stadt London vier, und die Städte Oxford und Cambridge je zwei und folglich ganz E. 471 Abgeordnete; in Wales sind drei Grafschaften durch je zwei, neun durch je einen, und 14 Flecken ebenfalls durch je einen, folglich Wales im Ganzen durch 29 Abgeordnete vertreten. Das Parlament ist nicht beständig versammelt, sondern in der königlichen, als einzigen dauernden Gewalt liegt daS Recht, es zu berufen und aufzuhebcn. Weder dieses noch jenes darf länger als sieben Jahre unterbleiben. Jenes geschieht durch briefliche Einladung jedes einzelnen Lords und durch Befehle an die Grafschaften und Städte, ihre Abgeordneten zu wählen. Das Parlament hält seine Sitzungen in dem alten königlichen Palaste Westmin- sterhall, der 1834 zum Theil abbrannte, sodaß für das Unterhaus interimistisch ein neues Gebäude aufgeführt werden mußte, bis die gleichzeitig in Angriff genommenen neuen Par- lamentshäuser vollendet sein werden. Im Sitzungssaale des Oberhauses befindet sich im Vordergründe der königliche Thron; von ihm führt zwischen zwei Reihen Sophas, welche die Form rother Wolljacke haben, wo der Lordkanzler seinen Sitz hat, ein Gang den Saal hinab. Zu beiden Seiten des Throns ziehen sich die Sitze der Pairs hin; rechts sitzen die Erzbischöfe, Herzoge und Marquis u. s. w., links die Bischöfe, dem Throne gegenüber die Barone. Im Vordergründe des Sitzungssaals des Unterhauses steht der mit dem königlichen Wappen geschmückte Stuhl des Sprechers, der ein alterthümliches Costum und eine ungeheure Perücke trägt, vor ihm ein Tisch zum Auslegen der Acten und für die Schnellschreiber. Die Sitze der Mitglieder umgeben den Saal in mehren Reihen. Rechts sitzt die Ministerialpartei, links die Opposition. Dem Sprecher gegenüber ist die Loge für die Zuhörer, die in der Regel zur Hälfte aus Schnellschreibern für die Zeitungen bestehen. Die Mitglieder haben keine Amtskleidung und in der Regel das Haupt mit dem Hute bedeckt; ungezwungen spricht Jeder von seinem Platze aus. Auch die bittersten Sachen, die man sich hier sagt, werden nicht übelgenommcn und sind vergessen, sobald die Sitzung geendet. Jedes Mitglied hat das Recht, Zuhörer einzuführen; doch sind eigentlich hier wie im Obcrhause die Sitzungen nicht öffentlich und die Zuhörer nur durch eine Fiction geduldet, indem man sie als nicht anwesend betrachtet. Die erste Sitzung wird vom Könige selbst, der im großen Staate erscheint, mit einer Rede vom Throne im Oberhause, vor dessen Schranken die Mitglieder des Unterhauses geladen werden, oder durch königliche Commissarien eröffnet, worauf jedes Haus besonders in einer schriftlichen Dankadresse antwortet. Nachdem sodann die Parlamentsglieder, mitAus- nahme der katholischen, den von Heinrich VIII. eingeführten Kircheneid (ostb oksuprcmi>c>), durch welchen der König als Haupt der Hochkirche anerkannt wird, und den Testeid (s. d.), die Mitglieder des Unterhauses überdies noch den Unterthaneneid (ostk «k sllegirmce) geschworen haben, wählt das Unterhaus seinen Sprecher (sps-llrer), sowie ein Comite von fünf Personen, von denen eine die Rechte des Hauses, eine die Beschwerden des Volks, eine die streitigen Wahlen, eine das Handlungswesen und eine die kirchlichen Angelegenheiten besonders zu beachten hat, worauf die Berathungen beginnen. Im Oberhause hat der Lordkanzler den Vorsitz. Jedes Parlamentsglied hat das Recht, Vorschläge zu machen, welche aber unberücksichtigt bleiben, wenn sie nicht von einem andern Mitgliede unterstützt werden. Wer nicht zugegen ist, verliert seine Stimme; die Lords können jedoch durch Bevollmächtigte (proxies) stimmen, über die Geschäfte und Formen des Parlaments s. Bill und Act. Das Parlament nimmt wesentlichen Antheil an dcr Landesvcrwaltung und der Rechtspflege. Dem Unterhause müssen, weil von ihm alle Geldbewilligungen ausschließlich ausgehen, alle finanzielle Angelegenheiten zuerst vorgelegt werden, und es ist kein Gegenstand zu denken, welcher nicht durch Bittschriften, oder Beschwerden, oder durch eigene Motionen der Mitglieder an beide Häuser gebracht werden könnte. Das Oberhaus ist als altes Baronengericht, von welchem sich die drei obersten Gerichte zu Westminster nur abgctrennt haben, noch immer der oberste Gerichtshof der Nation. In bürgerlichen Sachen macht es die oberste Instanz und das Cafsationsgericht aus, indem Nullitätsklagen gegen die Aussprüche der ober» Ge- England (Regierungsverfassung) 729 richte von England, Schottland und Irland an das Oberhaus gehören. Appellationen und Nichtigkeitsbeschwerden (writs ok error) von den Obergerichten der Nebenländer (der Insel Man, Jersey, Guernsey u. s. w. und in den Colonien) gehen an den König in seinem Geheimen Rache. In Criminalsachen sind die Lords die Urtheilsfinder oder Schöffen im Gericht des I^orä Uigb-8tevvsrch welches zusammentritt, so oft der Angeklagte selbst ein Lord ist. Die Würde des I.or<1 Ligk-8ten'srrl war sonst erblich, wird aber jetzt nur für jeden beson- dern Fall ertheilt. Wenn das Parlament aber ohnehin versammelt ist, so ist das Gericht con- stituirt (tke ieing in ?srli»ment), ohne daß es, streng genommen, der Ernennung eines l.arct lliAk 8te»iir<1 bedarf. Auch andere Personen können, wenn nämlich das Haus der Gemeinen als Ankläger austritt, vor das Gericht des Oberhauses gebracht werden. Es werden dann alle Formen des Criminalprocesses beobachtet, und die Verurthcilung kann nur mit einer Stimmenmehrheit von zwölf Lords ausgesprochen werden. Der Gang einer solchen Sache ist,höchst feierlich, aber auch langsam und kostbar. Die merkwürdigsten Criminalproceffe dieser Art in neuerer Zeit waren der gegen den Gcneralgouverneur von Indien, Warren Hastings (s. d.), wegen Erpressung und Grausamkeit, welcher sieben Jahre dauerte; der gegen den Kricgsnnnister Dundas, Viscount Melville, wegen UnterschleifS in der Verwaltung; der gegen den Herzog von Jork, als Generalissimus, wegen angeblichen Verkaufs von Offizierstellen, und der gegen den Lord Cochrane (s. d.). Sehr verschieden von diesem gerichtlichen Berufe des Oberhauses ist die Aussprechung einer Strafe im Wege der Gesetzgebung, aet ok sttainäer , wenn die Todesstrafe ausgesprochen, und bill vk pains snü penslities, wenn eine geringere Strafe beschlossen wird. Dieses besondere Recht kann in jedem der beiden Häuser in Ausübung gebracht werden; es ist weder an eine gerichtliche Form noch an die bestehenden Strafgesetze gebunden; doch muß der Beschluß von beiden Häusern angenommen werden und die königliche Zustimmung erhalten. Anna Howard, die Gemahlin Hein- rich's VIII., und Karl's 1. Minister, Thom. Wendworth (Graf Stafford) u. A. wurden auf diese Weise vcrurtheilt. Die Volksfreiheit, dieses angeborene Recht (birtk-rigkt) jedes Engländers, die Quelle fester Anhänglichkeit an Verfassung und König, besteht in der rechtlichen Sicherheit, welche ein jeder Staat seinen Bürgern gewähren sollte. Allein was die engl. Verfassung auszeichnet, sind die Mittel, welche diese Verfassung einem Jedem gewährt, um die Gesetze in Anspruch zu nehmen. Es ist nämlich ein anerkannter allgemeiner Satz des engl. Staatsrechts, daß Keinem durch besondere Befehle verboten werden kann, was nicht durch vorhergcgangene Gesetze verboten ist. Die Bürger sind also der Regierung, d. i. der ganzen Hierarchie des Beamtenstands, nicht zu unbedingtem sondern nur zu verfassungsmäßigem Gehorsam verpflichtet. Die schroffe Trennung aber des Beamtenstands vom Volke, das Zuvielregieren wird dadurch ausgeschlossen, daß die engl. Negierungsverfassung eine Menge Regierungsgeschäfte der eigenen Besorgung der Nation überläßt. Hierher gehören die Friedensrichter und die Geschworenen, die (-lranü j»r^, die Muni- cipalverfassung und vor Allem das Recht, sich zu allen gemeinschaftlichen Angelegenheiten zu versammeln und zu verbinden. Gesichert wird diese persönliche Freiheit durch die Verantwortlichkeit der Staatsbeamten und insbesondere, was dicwillkürlicheFcstnehmung anlangt, durch die Habcas-Corpus-Acte. Doch den Schlußstein des Ganzen, das wahre Palladium der Herrschaft der Gesetze, bildet die Preßfreiheit. Vgl. Hallam, „Oonstitutionul Kistorx ok L." (2 Bde., 3. Aufl., l82S, 3.). Auch in der Negierungsverfassung finden sich noch gegenwärtig häufige Spuren aus frühester Zeit. Was sich von der angelsächs. Gcmeindeverfassung verloren hat, ist nicht sowol durch Gesetze aufgehoben, oder durch Einrichtungen einer andern Art verdrängt, als vielmehr in sich selbst vereinfacht worden. Es kommt bei dieser Negierungsverfassung hauptsächlich auf die beiden Punkte an, wie die Organe der öffentlichen Macht gebildet und in welches Verhältniß sie sowol gegeneinander als gegen das Volk gestellt sind. In beiden Beziehungen bietet E. große Eigenthümlichkeiten dar. In der ersten zeigt sich nämlich, daß ein bedeutender Theil Dessen, was in andern Ländern von dem obersten Ccntralpunkte der öffentlichen Macht ausgeht, in E- dem Volke selbst überlassen ist, und in der zweiten wird die Strenge der hierarchischen Verfassung des Staatsdienstes durch eine gewisse Selbständigkeit eines jeden öffentlichen Amts, in welchem eine eigene Verantwortlichkeit des Beamten auf 730 England (Regierungsverfassung) das eigene Recht seines Amts gegründet ist, sehr gemildert. An der Spitze der Verwaltung steht der König, als Haupt der Staatsgemeinde für Krieg und Frieden, im Geistlichen und Weltlichen, mit den Ministern, den Staatssecretairen und dem Geheimen Rathe, dem Parlamente, den obersten Reichsbcamten und Gerichtshöfen. Der König ist allgemeiner Grund- Herr des Landes, höchster Lehnsherr (I^orä j,aramount) und zwar in solcher Strenge, daß, wenn er ein Gut lehnsfrei vergäbe, diese Verleihung von selbst nichtig wäre. Er ist die Quelle aller Gerichtsbarkeit und daher die Patrimonialgerichtsbarkeit unbekannt, außer daß der Besitzer eines sogenannten adeligen Gutes (I,orä ok tlls msnor) das Erkenntniß über gewisse kleine Vergehungen hat, wobei die Gerichtsbank mit Freeholders besetzt sein muß. Der König ist ferner der allgemeine Beschützer aller Unmündigen und Vormundschaftsbedürstigen, weshalb er denn auch wahrend der Vormundschaft die Einkünfte des Vermögens beziehen kann; er ist die Quelle aller Würden, Ehren und Vorrechte. Die Kirche erkannte ihn schon vor Heinrich VIII. als ihr Oberhaupt, und in dieser Eigenschaft müssen die Satzungen (ca- uonss), welche dieselbe in ihrem geistlichen Parlament (Oonvocstion) macht, von ihm genehmigt werden, wie er denn auch, obwol in Form einer bloßen Empfehlung bei den Capi- teln, alle Erzbischöfe und Bischöfe ernennt. Er ist oberster Friedenserhalter, und alle Vergehungen sind Verletzungen der Lchnstreue, des königlichen Friedens, oder wenigstens der königlichen Würde und Rechte. Frieden und Krieg und auswärtige Verhältnisse hängen von ihm allein ab, insofern er nicht Subsidien der Nation dazu nöthig hat. Er vergibt die meisten Staatsämter, kann aber ihre Befugnisse weder vermindern noch vermehren. Er ist Haupt der befehlenden Gewalt im Staate, aber der Befehl selbst kann da, wo ein Staatsamt für einen Zweig der Verwaltung besteht, nur durch dieses erlassen werden. Das Ministerium hat eine weitere und eine engere Bedeutung. In der engern gehören dazu die Cabinetsmini- ster, gegenwärtig 15 an der Zahl, unter denen die Staakssecrctairs für das Innere, für die auswärtigen Angelegenheiten und für das Kriegs- und Colonialwesen mit dem Kanzler des Lehnhofs (Lxckequer, Schatzkammer) als Finanzminister, die vier eigentlichen Departementsminister sind. Der Lordkanzler ist zwar mit der Gerichtsverfassung eng verbunden; ersteht an der Spitze der Reichskanzlei (<7»nrt ot'cllancer) ), welche für den höchsten Gerichtshof nächst dem Parlament gehalten wird, er ernennt alle Friedensrichter und mehre andere Beamte; aber der eigentliche Justiz- und Policeiminister ist der Staatssecretair für das Innere. Durch diesen gehen die Ernennungen der Richter, die Bestätigungen und Milderungen der Strafurtheile, sowie alle Begnadigungen, und ihm liegt die Erhaltung der in- nern Sicherheit und Ruhe ob. Im weitern Sinne rechnet man auch den Eencralpostmeister, den Generalkronanwalt und andere hohe Beamte zum Ministerium. Alle Minister werden vom Könige beliebig erwählt und entlassen, und in der Regel, wenn ein Minister durch eine Gegenpartei verdrängt wiro, auch die untern Stellen mit Anhängern des neuen Ministers besetzt. Der Geheime Rath (krivz- counci!) besteht aus den Prinzen des königlichen Hauses, aus den Ministern und andern vom König ernannten Männern. Die beiden Erzbischöfe, die hohen Kronbeamten und der Sprecher des Unterhauses sind, wo nicht durch Geburt, zufolge ihrer Stellung Mitglieder des Geheimen Raths. Auch die Geh. Räche werden vom König beliebig entlassen, und mit dem Tode desselben hört ihre Stelle auch von selbst auf; nach einem Gesetze von 1708 aber soll das Collegium bei einem Todesfälle noch sechs Monate fungiren, wenn der neue König dasselbe nicht früher entläßt. Jährlich wird eine neue Liste der Geh. Räche gefertigt, der darin Übergangene hört dadurch auf, Geh. Rath zu sein. In den meisten Sachen ist der Geh. Nach nur berathend, in Colonialangelegenheiten jedoch macht er eine richterliche Stelle aus, und zwar in erster Instanz in Sachen, welche die allgemeinen Verhältnisse der Provinz betreffen, die höchste Appellativnsinstanz aber in den von den Obergcrichten der Nebenländer entschiedenen Sachen. (S. auch Geheimrathsverordnungen.) Die untere Verwaltung ist auf die altgerman. Grafschaftsvcrfaffung gegründet. Alle Freie waren in Zehnschaften (Kirchspiele oder Lehnsherrschaften), Hundertschaften und Grafschaften vereinigt, und jeder dieser Vereine hatte eigene Gemeindeverbindung, allgemeine wechselseitige Verbürgung, eigene Gerichte und Kricgsverfassung. Au dem Ende ist E. in <0, Wales in 12 Grafschaften (Skires, Gaue) getheilk, von welchen früher einige, wie Chn- England (Regierungsverfassung) 731 ster, Durham, Pcmbroke, Hexam, das jetzt zu Northurnberland gehört, und Lancaster, den Titel Pfalzgrafschaften (6'oimties pslatine) führten, weil ihre Grafen königlicheRechte darin auSzuüben hatten, wie die alten Herzogthümer in Deutschland (Ouees palstini) und die Lehns- fürstenthümer, Normandie, Bretagne, Burgund, Guienne u.s.w. in Frankreich. Siehatten ihre eigenen obern Staatsbehörden, und ihre Inhaber waren mit allen Regalien beliehen, daher nahmen sie auch an der parlamentarischen Reichsstandschaft keinen Theil. Durham besteht noch, und der Bischof ist der eigentliche Landesherr, jedoch sind die Hoheitsrechte desselben seit Heinrich VI I I. sehr beschränkt worden. Auch in Chester und Lancaster ist noch Vieles von der pfalzgräflichen Verfassung übrig. Außerdem haben zwölf alte bischöfliche Städte (cities) und fünf andere das Vorrecht, eine Grafschaft für sich zu sein (cauntv corporate), d. h. das Grafenamt durch ihre Magistrate auszuübcn. Die Sheriffs (s. d.) sind, seitdem die alte Grafenwürde eingegangen, die ersten Beamten in der Grafschaft; doch stehen sie dem Lordlieutenant, dem seit Karl II. ernannten Anführer der Landmiliz, nach. Sie waren ursprünglich Beamte der Gaugemeinde, nachher ist ihre Ernennung an den König übergegangen. Doch werden sie eigentlich nicht von ihm frei ernannt, ja man hält sogar einen vom König aus eigener Wahl bestellten Sheriff (kackst sderiS) für unrechtmäßig, sondern alle Jahre werden von dem Großkanzler und einigen andern Staatsbeamten die Candidaten vorgeschlagen. Der Sheriff kann sich zu seinen Obliegenheiten Amtsverweser (linder skerigs) bestellen, und für die Kreise der Grafschaft ernennt er Amtleute (Laililks), doch muß er für dieselben haften. Der zweite Beamte der Grafschaft ist der Coroner (s. d.), dessen Geschäft eS vorzugsweise ist, die Fälle, in welchen eine öffentliche Anklage stattfindet, zur Gewißheit zu bringen. Der Oberhvfrichter (I,orä d,ek justics ok tbe King's bsack) ist der erste Coroner des Reichs und kann dies Amt, wenn er will, überall ausüben. Gegenwärtig sind in jeder Grafschaft vier bis sechs Coroner, welche von der Grafschaftsgemeinde aufLcbenszcit gewählt werden. Ihr Amt hat aber von seinem frühem Ansehen sehr verloren, da es meist von nieder« Leuten der Gebühren wegen gesucht wird. Sobald ein Leichnam gefunden wird, Jemand plötzlich oder im Gefängniß stirbt, muß der Coroner mit vier bis sechs Geschworenen die Ursache des Todes untersuchen und über den Befund einen Bericht erstatten, der dem Oberhofgerichte oder den nächsten Assisen übergeben wird. Auch Schiffbrüche und gefundene Schätze muß er untersuchen und dabei überall die Gefälle und Rechte des Königs wahrnchmen. Doch die wichtigsten aller engl. Negierungsbeamten sind unstreitig die Friedensrichter (custa- cies oder cnnservrttnres pocis), in deren Händen fast die ganze Police! und sonst noch bedeutende Zweige der Verwaltung gelegt sind. (S. Friedensgericht c.) Der oberste Friedenshalter des Reichs ist der König selbst; aber auch die meisten höhern Staatsbeamten, der Lordkanzler, Schatzmeister, Lordmarschall, der Iwrcl HiAk-dastsbls, die zwölf Oberrichter und Andere haben vermöge ihres Amts friedensrichterliche Gewalt durch das ganze Land, der Sheriff und Coroner durch ihre Grafschaft, die untern Beamten in ihrem Gerichtsbezirke. Eigene Friedensbeamte waren von jeher in E. vorhanden und wurden ursprünglich im Grafschastsgerichkc erwählt, bis Eduard Hl. das Recht ihrer Ernennung sich aneignetc, unter welchem sie auch den Namen Friedensrichter bekamen, indem ihnen l35l dieBefug- niß erthcilt wurde, über Felonie zu richten. Anfangs waren in einer Grafschastnur zwei oder drei Friedensrichter, aber mit der Zeit wurden immer mehr, und gegenwärtig ist es für alle dazu Berechtigte eine Ehrensache, unter den Friedensrichtern zu sein. Dazu berechtigt aber sind Alle, die in dep Grafschaft wohnen und ein jährliches Einkommen aus Grundstücken von mindestens lOO Pf. St. haben. Der Lordkanzler fertigt von Zeit zu Zeit ein gemeinschaftliches Patent für die sämmtlichen Friedensrichter der Grafschaft aus, und darin werden oft 5—600 dazu bestellt. Aber nicht Alle üben das Amt wirklich aus, sondern wer dieses will, muß in der Reichskanzlei ein sogenanntes veclimus poteststem erhalten und die allgemeinen und besonder« Eide geleistet haben. Ein Theil der Geschäfte der Friedensrichter kann von einem Jeden für sich allein, ein anderer nur von zweien gemeinschaftlich, ein dritter nur von der Versammlung aller Friedensrichter einer Grafschaft, welche alle Vierteljahre gehalten wird und einen Gerichtshof mit Archivrecht bildet (6ourt vkreeorä), besorgt werden. Ehedem traf man unter der großen Masse von Friedensrichtern eine gewisse Auswahl, von welcher bei einigen Geschäften wenigstens einer zugezogen werden mußt», und diese hie- 732 England (Regierungsverfassung) Jen nach dem Anfangsworte der Clausel Huornm aliquem vestrum L. <7. v »nnm esse vnlumus die Quorums; gegenwärtig aber ist dieser Unterschied beinahe ganz aufgehoben. Der Geschäftskreis der Friedensrichter hängt von ihrem gemeinschaftlichen Patent ab, wobei noch jetzt ein 1592 entworfenes Formular im Wesentlichen zu Grunde gelegt wird; durch eine Menge Statuten ist er bedeutend erweitert worden und daher im höchsten Grade ausgedehnt. Das gangbarste Handbuch für ihre Geschäfte ist Burns immer von neuem aufgelegte „äustics oftlie peace" (5 Bde., Lond. 1755). Die Friedensrichter sind Friedenshalter, d. h. sie haben den ersten Angriff bei allen Verbrechen, die erste Vernehmung der Verdächtigen und ihre Entlassung gegen Bürgschaft, oder Ablieferung in das Gefängnis zur Untersuchung; sie untersuchen mit einem Schöffenrechte (äui-z) die gewaltsamen Störungen des Besitzes und stellen den Besitzstand wieder her; sie bestrafen und entfernen alle Bettler und Landstreicher, leiten aber auch die allgemeine Armenverpflegung und erörtern die Vaterschaft und die Versorgung unehelicher Kinder; sie sorgen für die öffentliche Ordnung und die Handhabung der Gesetze; von ihnen hängt die Anlegung neuer Gasthäuser, Bier-und Branntweinlädcn ab; auch ziehen sie die Erlaubnis dazu wieder ein, wenn sie gemisbraucht worden ist. Volksversammlungen und Bittschriften von mehr als zehn Personen müssen von zwei Friedensrichtern genehmigt werden. Ihren vierteljährigen Sitzungen wohnen der Sheriff, die CoronerS, Oberconstables, die Amtleute, Gefängnißvorsteher und alle Friedensrichter bei, doch erscheint von den letzten gewöhnlich nur ein kleiner Theil. Einer der Friedensrichter, gewöhnlich einer der angesehensten Männer der Grafschaft, wird von dem Könige in dem gemeinschaftlichen Patent zum Actenbewahrer (Oislos rotulorum) ernannt. Ihren Präsidenten (Lksirmao) wählen die Friedensrichter selbst. Zn den Sessionen werden die gemeinschaftlichen Ausgaben der Grafschaft, z. B. die Unterhaltung der Straßen, Brücken, Gefängnisse und Gerichtsgebäude, die Besoldungen u. s. w-, bestimmt und auf die Kirchspiele verthcilt, die Armenaufseher, Kirchenvorsteher und andere Beamte ernannt, kleine Vergehungen, geringe und gemeine Diebstähle, Schlägereien, Injurien, Drohungen u. s. w. mit Hülfe einer 6r-tmi jurz abgeurtheilt, und Beschwerden und Appellationen gegen die Anordnungen einzelner Friedensrichter erledigt. Schon der Oberhofrichter Coke unter Jakob I. war der Meinung, daß, wenn das Amt der Friedensrichter recht verwaltet werde, es in der ganzen Christenheit seines Gleichen nicht habe. Es wird ganz ohne Besoldung geführt; die Gebühren überlaßt der Friedensrichter gewöhnlich seinem Schreiber; nur inLondon, Westmin- sicr und Manchester hat man besoldete Friedensrichter anstcllen müssen. Es gibt wohlhabenden Leuten einen ehrenvollen und gemeinnützlichen Wirkungskreis; es verbindet alleClassen und Stände des Volks, da auch die Vornehmsten sich durch die Verwaltung dieses Amts geehrt finden, und bei der großen Zahl von Friedensrichtern einer Grafschaft, welche alle gleiche Gewalt haben, wird nicht leicht ein billiges Gesuch aus Laune und Eigensinn, um die Amtsgewalt fühlbar zu machen, abgeschlagen werden. Auch sind durch diese Einrichtung alle gebildete Classen genöthigt, sich mit den Gesetzen des Landes bekannt zu machen; cs wird die unnöthige Schreiberei vermieden, unter welcher die Beamten anderer Staaten und die Geschäfte selbst erliegen; und die Nation regiert sich selbst durch die naturgcmäßeste aller Aristokratien, nämlich die Aristokratie des Verstandes und der geistigen Bildung. Die letzte Stufe der vollziehenden Gewalt bilden die Constables (st d.). Auch bei ihnen ist, die besoldeten Policeibeamten ausgenommen, die Eigenschaft des Gcmeindemitglicds und Bürgers die vorherrschende, und sonach der allgemeine Charakter einer Gemeindeverwaltung gewahrt, welcher aus allen Institutionen E.s hervorleuchtet und, weit entfernt die Kraft der Monarchie demokratisch zu lähmen, vielmehr als die vorzüglichste Ursache ihrer Macht und Größe betrachtet werden muß. Mit diesem Charakter einer Gemeindeverwaltung steht das System der Verantwortlichkeit der Staatsbeamten in der engsten Verbindung. Die Grundlage desselben ist, daß die Befugnisse und Pflichten eines jeden Staatsbeamten durch das Gesetz so bestimmt sind, daß sie nur durch ein anderes Gesetz verändert, erweitert oder beschränkt werden können. Ein jeder Staatsbeamte, vom ersten bis zum letzten, erhält sein Amtsanschen und seine Gewalt durch das Gesetz, nicht durch den Willen eines Obern, und ist für den gesetzlichen Gebrauch seiner Amtsgewalt hauptsächlich der Staatsgemcindc verantwortlich. England (Regiernngsverfagung) 733 Eine Folge dieser Stellung ist, daß Niemand, welcher wegen einer Gesetzwidrigkeit in Anspruch genommen wird, den Befehl eines hohem Beamten vorschützen kann, sondern daß die Verantwortlichkeit gerade von den untern Beamten anfangs wo sie leichter durchzusetzcn ist als gegen vornehme und mächtige Männer. Wer durch die Amtshandlung irgend eines Staatsbeamten in seinem Rechte gekränkt zu sein vermeint, ist auf Schadloshaltung zu klagen berechtigt und solches von keiner Erlaubniß irgend einer andern Behörde abhängig. In vielen Fällen sind diese Schadloshaltungen durch die Gesetze.im voraus bestimmt, in andern werden sie durch ein Schöffenrecht nach den Umständen festgesetzt. Jeder Misbrauch der Amtsgewalt zieht außerdem bedeutende Strafen nach sich, welche in vielen Fällen nicht einmal durch die Gnade des Königs gemildert werden können. So kann der König namentlich keine Geldstrafe erlassen, welche dem Beschädigten, dem Kläger oder Angeber zufällt. Der Gefangene, welcher ohne eine gesetzlich gebilligte Ursache in ein anderes Gefängniß gebracht wird, hat sowol gegen die Unterzeichner als Vollstrecker eines solchen Befehls, ebenso der Gefangene, welchem nicht binnen sechs Stunden, nachdem er es gefodert hat, eine treue Abschrift des Verhaftbefehls ausgchändigt wird, das Recht einer Klage auf lOOPf. St., und auf 500 Pf. St. gegen den Lordkanzler oder seinen Stellvertreter, wenn das nachgesuchte Ha- beas-Corpus-Mandat verweigert wurde. Um die Bestrafung aber noch mehr zu sichern, ist in vielen Fällen nicht blos der Bethciligte, sondern sogar ein jeder Dritter berechtigt, auf die Entrichtung der gesetzlichen Geldbuße zu klagen. Dahin gehören besonders die Fälle, in welchen Jemand ein Amt übernimmt, ohne die dazu erfoderlichen Eigenschaften zu besitzen, oder wenn die gesetzlichen Bedingungen, Eidesleistungen u. s.w., nicht erfüllt werden. Wer einen Sitz im Parlamente cinnimmt, ohne das gesetzliche Vermögen zu besitzen, kann von einem Jeden auf 500 Pf. St. belangt werden. Eine gleiche Klage ist gegen einen Sheriff gestattet, welcher bei den Parlamentswahlen pflichtwidrig verfährt. Selbst die Minister werden durch die in unruhigen Zeiten gewöhnliche Suspension der Habeas-Corpus-Acte nicht gegen dergleichen Entschädigungs- und Strafklagen gesichert; denn wenn die Zeit der Suspension abgelaufen ist, so müssen die Klagen der inzwischen verhaftet Gewesenen erst durch ein neues Gesetz (Intlemnitx lull) niedergeschlagen werden, dieses aber würde im Parlamente nicht durchgehen, wenn sie sich eines bedeutenden Misbrauchs der Suspension schuldig gemacht hätten. Den Schlußstein des Systems der Verantwortlichkeit bildet das Recht des Unterhauses, selbst gegen die höher» Staatsbeamten als Ankläger aufzutreten; denn was man auch gegen die Einrichtung der Geschworenen mit Grund einwenden mag, so viel ist nicht zu leugnen, daß das Urtheil durch Schöffen, zu welchen Staatsdiener nicht genommen werden, indem hierdurch das Volk selbst über seine Beamten Gericht hält, nicht wenig dazu beiträgt, dieser Verantworflichkeit des Beamtcnstands große Festigkeit zu gewähren und in der Staats- Verwaltung den Charakter der Gemeindeverfassung aufrecht zu halten. Man würde aber sehr irren, wenn man glaubte, daß bei dieser Einrichtung die Staatsbeamten ihr Amt nicht mit Festigkeit und freudigem Muthe verrichten könnten. Schon durch das Bewußtsein der Verantwortlichkeit werden die Beamten abgehalten, zu solchen Klagen Veranlassung zu geben. Übrigens wird auch auf Schädenklagen wegen Rechtswidrigkeiten der Friedens- richtcr, wo sich eine niedrige Nebenabsicht, Rachsucht, Eigennutz oder Herrschsucht nicht ergeben, von den: Oberhofgerichte kein Strafverfahren gestattet. Wahrheit, Gerechtigkeit und Redlichkeit sind Das, worauf allein gesehen wird. Zu diesen Grundzügen dcr Rcgierungsverfassung gehört dann wesentlich noch dieMu- nicipaleinrichtung E.s, vermöge deren die gemeinsamen Anstalten des öffentlichen Lebens beiwcitem mehr dem freien Willen der Bürger überlassen als von Staatswegen befohlen werden. Daß sich ein größerer Eifer für Dasjenige hervorthut, was man als seine eigene Schöpfung betrachtet und liebt, liegt in der menschlichen Natur. Die Regierung läßt daher mit Recht diesem ungebetenen gemeinschaftlichen Wirken einen großen Spielraum. Aber wesentliche Bedingung ist, daß auch dieBürgcr sich versammeln können, um dergleichen Einrichtungen zu besprechen. Dazu gehört in E. weiter nichts als die Genehmigung zweier Friedensrichter, welche Zeit und Ort der Versammlung bestimmen. Dieses Recht, sich zu berath- schlagen (s. Petition), ist durch eine Parlamenlsacte von 1820 zwar modificirt, im Wesentlichen aber nicht verändert worden. Nur aber Eingesessene der Grafschaft dürfen, und 734 England (Rechtsverfaffung) zwar unbewaffnet, dergleichen Versammlungen beiwohnen, und Sheriffs, Friedensrichter und Mayors können von denselben nicht ausgeschlossen werden. Was endlich die Rechts Verfassung anbelangt, so ist in Beziehung auf das Privatrecht, wenn man dieses nämlich in einem weitern, auch die Criminalgesetzgebung umfassenden Sinne nimmt, die Verfassung E.s nicht weniger ausgezeichnet als in Beziehung auf das öffentliche, und auch hier zeigt sich ein Gebäude, welches früher als in andern Ländern Europas eine gewisse Vollendung und Ausdehnung erhalten hat, in welchem aber deswegen, da das übrige Europa seine Nechtsverfassung sehr umgestaltete, nicht nur viel Alterthüm- liches sondern selbst viel Veraltetes anzutreffen ist. Wenngleich die Entwickelung des Rechts im Ganzen einen ähnlichen Gang genommen hat wie in andern Staaten, indem auch hier die ältesten Volksrechte früh schon untergegangen sind, und auf die neuern Rechte vom > 1. Jahrh. an ein bedeutender Einfluß des röm. Rechts nicht zu verkennen ist, so ist doch eine größere Eigenthümlichkeit des engl. Rechts dadurch bewahrt worden, daß das röm. Recht nie eine allgemeine Geltung erhalten hat, mit Ausnahme der geistlichen Gerichte und in den ihnen zukommenden Ehe-und Testamentssachen; auch in den Admiralitätsgerichten ist es nur mit großen Einschränkungen in Anwendung gekommen. Es ist in E. die ausdrückliche Gesetzgebung, da sie niemals der Negierung allein zukam, weit weniger thätig gewesen als in andern Ländern; niemals ist hier ein bürgerliches oder peinliches Gesetzbuch von einigem Umfange, nie eine Landes-, Gerichts- oder Proceßordnung zu Stande gekommen, wie solche vom 15. Jahrh. an kaum dem kleinsten deutschen Staate gefehlt haben und selbst der schwerfälligen Neichsgesetzgebung abgewonnen wurden. Die Ausbildung des Nechtssystems ist in E. hauptsächlich den richterlichen Entscheidungen überlassen geblieben, und nur zuweilen sind einige wichtige Punkte durch ausdrückliche Gesetze bestimmt worden, bei welchen aber auch fast immer nur eine in den Rechtsverhältnissen der Bürger bereits vorgegangene Veränderung anerkannt, nicht aber durch das Gesetz herbeigeführt wurde. Am meisten ist in dieser Hinsicht unter der Regierung Eduard's I-, 1272—1307, geschehen, welchen die Engländer deswegen ihren Justinian zu nennen pflegen. Das engl. Rechtssystem beruht daher auf einer zweifachen Grundlage, dem gemeinen Recht (common Isw), worunter man Dasjenige versteht, was sich in der Theorie und Praxis der Gerichtshöfe als natürliches und angenommenes Recht entwickelt hat, und dem statutarischen Rechte (Statute law), welches in ausdrücklichen, und zwar neuern, Parlamentsgesetzen enthalten ist. Es ist nämlich durchaus eine irrige Vorstellung, daß sich dieser Unterschied auf eine nationale Verschiedenheit gründe, daß das gemeine Recht angelsächs. Ursprungs sei und nach der normann. Eroberung auch nur für die alten Einwohner des Landes gegolten habe, daß das statutarische Recht dagegen nur für die Dänen und dann für die normann.-franz. Lehnsleute Wilhelm's l. bestimmt gewesen sei. Von dieser Unterscheidung findet sich keine Spur, das normann.-franz. Lehnrecht wurde vielmehr gleich nach der Eroberung allgemeines Recht des Landes, auch der engl. Vasallen, und als Wilhelm II. und Heinrich 1. dem Volke einen Thcil.sciner alten sächs. Volksfreiheit Zurückgaben, so nahmen auch die normann. Herren daran'Theil. Überhaupt aber blieb das Wesen der angelsächs. Einrichtungen stehen und fügte sich nur in die Formen und Sprache der Normandie. Der Hof, das Parlament und die Gerichte sprachen lange französisch; unter Eduard III., 1327—77, wurde die Gerichtssprache lateinisch und blieb es bis 1730, wo durch ein Gesetz das Englische eingeführk wurde. Daher sind noch jetzt alle Gerichtsformeln (writs) nach ihren lat. Anfangsworten bezeichnet. Die Veränderungen, welche sich in dem Wesentlichen der Volkseinrichtungen in dem Laufe der Zeit ergeben haben, find hauptsächlich der Gerichtsverfassung zuzuschreiben, welche als ein Theil der Hofverfassung eine Einrichtung bekam, wie sie sie in dem Herzogthume der Normandie gehabt hatte, und welche sich von der sächsischen hauptsächlich darin unterschied, daß die richterliche Gewalt bei den Sachsen den Gemeinden und vorzüglich der Gau- oder Grafschaftsgemeinde unter dom gemeinschaftlichen Vorsitze des Bischofs und Grafen zustand, nach der Eroberung aber rin Bestandtheil der königlichen Gewalt wurde, welche in der untern Instanz meist den Baronen übertragen, in der höhern aber durch die königlichen Beamten ausgeübt wurde. Den Graf.schaftsgerrchken wurden die wichtigern, sowol bürgerlichen als Strafsachen, unter dem Vorwände entzogen, daß dabei das königliche Recht, und zwar die Lehnstreue bei allen England (Rechtsverfassung) 735 schwerem, die königliche Würde in den leichtern verletzt sei. Das alte Hofgericht (^»1» re^is) bestand aus den Hähern Hofbeamten des Königs, mit einem Oberrichter (äustitiarius cspi- talis) an der Spitze, der selbst über den König richten sollte, was aber zur Folge hatte, daß dieses Amt bald wieder cinging. Dafür bildeten sich nun drei stehende Gerichtshöfe mit rechtsverständigen Rathen aus, zuerst das Oberlandgericht (6onrt ok common plei»8, tmria commiinium plncitorum) für die bürgerlichen Rechtssachen der Unterthanen untereinander, welchem einen bleibenden Sitz anzuweisen, schon König Johann in der ülsgn» cksrtavon 1215 versprach; dann das Oberhofgericht (6o„rt oklrilig'8 oder yneeo's bencll genannt, weil ehedem der König darin auf einer erhöhten Bank den Vorsitz führte), welches über Friedensbrüche und gröbere Vergehen, die als Verletzungen der Lehnstreue (Felonie) angesehen wurden, zu richten hatte und das eigentlich noch jetzt dem königlichen Hofe folgt, und endlich das Lehnshofgericht (Oourt ot'LxcKequer, iekt,aron, gehört noch der Lehnskanzler (Lbkiricellor ob tde Lxcliecpier), welcher die Geschäfte des Finanzministers besorgt. Von dem Oberlandgerichte kann an das Oberhofgericht, von dem Lehnshofgerichte und von dem Oberhofgerichtc aber an das Lehnskammergcricht (Ourt ob Lxckequer cliamber) appellirt werden, welches aus dem Reichskanzler, dem Oberschatzmeister und den Mitgliedern der beiden andern Obergerichte besteht, in allen diesen Fällen aber weiter an das Haus der Lords. Neben und gewissermaßen über diesen Gerichten steht dieNeichs - kanzlei (6ourt ok cllsncs,-^) unter dem Großkanzler, aus einem Vicekanzler und zwölf Vortragenden Räthen (Nüster ok cbancer)) bestehend. Zur Jurisdiction des Reichskanzlers gehören ausschließlich Sachen, worin der König persönlich belangt, oder die königliche Verleihung angefochten wird, Concurse, Vormundschaftssachen und Anträge, die nicht nach strengem Rechte, sondern nach Billigkeit zu entscheiden sind. Im Laufe der Zeit haben indeß auch die übrigen Gerichte die Bcfugniß erlangt, als Billigkeitsgerichte (6o»rt ob eyuity) zu handeln, die Reichskanzlei aber hat nach und nach die eigentlichen rechtlichen Entscheidungen an sich gezogen. Da bei der letztem nie ein Beweisverfahrcn eingeleitet werden kann, weil sie kein Schöffenrecht anordnen darf, so gelangt alsdann die Sache an das Oberhofgericht. Ungeachtet ihres ursprünglichen beschränkten Geschäftskreises kann doch gegenwärtig jede bürgerliche Rechtssache nach der Wahl der Parteien bei einem jeden der drei Obergerichte anhängig gemacht werden, indem man sich gewisser rechtlicher Fiktionen bedient ; z. B. um eine Sache an das Oberhosgericht zu bringen, gibt man vor, daß der Verklagte sich im Gefängnisse der Schloßvogtei (marsbs^ea) befinde oder der Schuldner des Klägers durch einen Landfriedensbruch geworden sei; um die Competenz des Lehnshofgerichts zu begründen, gibt der Kläger vor, daß er selbst ein Schuldner des Königs sei und gem bezahlen würde, wenn es ihm der Verklagte nicht durch Vorenthalten seiner Schuld unmöglich mache. Die geistlichen Sachen, Ehesachen und Testamente über bewegliches Vermögen gehören vor die bischöflichen Gerichte; die Seehandelssachen, Kapereien, Assecuranzen u. s. w. vor das Admiralitätsgericht. Außerdem gibt es eine Menge untergeordneter Gerichte für gewisse Sachen und Orte, z. B. die Psalzgr afsch asten Chester, Durham und Lancaster, dieBerggerichte (Stsnnsrics) in Cornwall und eine große Zahl von Ge- richtsstellcn in London; allein die erwähnten drei Obergerichte, die ihre Sitzungen in West- minster halten, haben über die meisten die Oberaufsicht. Da es aber für die entferntem Theile des Landes sehr beschwerlich war, ihre Rechtssachen in London zu betreiben, so wurden schon unter Heinrich U., 115-t—-89, Umreisen der Richter im Lande angeordnet, und dieses Institut, die jährlich in den Grafschaften zu haltenden Assisen ((.Geschworenengerichte), hat sich im Laufe der Zeit immer vollkommener ausgebildet. Was die Ausbildung des Aechtssystems anlangt, so wird dieser gedrängte Umriß der Gerichtsverfassung schon darthun, wie sie bei aller alterthümlichen Sonderbarkeit und bei allen Mängeln der bürgerlichen Rechtspflege doch wenigstens große Einfachheit und Festigkeit in den Grundsätzen des Rechts hcrvorbringen muß. Die Unwandelbarkeit und 736 England (Rechtsverfassung) Stetigkeit in dem Fortbilden des Rechts wird noch dadurch erhöht, daß diejenigen Gerichte, welche Archivrecht haben (6ourts ok recnrck), durch ihre eigenen Entscheidungen dergestalt ^ gebunden werden, daß sie niemals wieder davon abweichen können, ohne eine Nichtigkeit ! zu begehen, und so kam es denn, daß ein Gerichtsbrauch von solchem Umfange und solcher Bestimmtheit sich bilden konnte und daß in ihm der größte Thcil der engl. Rechtswissenschaft besteht. Er macht das gemeine Recht E.s aus. Zwar hat er sich niemals direct gegen ein ! ausdrückliches Gesetz erheben können, allein er hat durch Auslegung der Gesetze, durch sub- i tilc Unterscheidungen und vornehmlich durch Fictionen dieselben umgangen und ihre Wirksamkeit vernichtet. Dieser Theil des Rechts ist aber ursprünglich nicht bloßes Gewohnheitsrecht gewesen, sondern es sind die ausdrücklichen Gesetze der altern Zeit darin mit enthalten. ' Als bald nach der normann. Eroberung das röm. Recht vorzüglich durch die Geistlichkeit ! und namentlich durch Lansranc u. A. auch in E. bekannt wurde, wirkten ihm die einheimischen ' Rechtskundigen dadurch mit Erfolg entgegen, daß sie sich der wissenschaftlichen Form und j der allgemeinen Sätze desselben zum Vortheil ihres vaterländischen Rechts bemächtigten. § E. hat früher als irgend ein anderes Land des neuern Europa einheimische Nechtsbücher ! gehabt; Ranulph von Glanvill schrieb sein Buch „Oe legibus et colisuetmlimbus Xngsiae" ! schon um 1189, und Bracton's Werk, welches unter gleichem Titel ein sehr ausgeführtes ! System des Rechts ist, rührt aus den Zeiten Heinrich's III. her. Eduard's I. Gesetze vollendeten den Sieg des vaterländischen Rechts, indem er nach dem Muster Ludwig's IX. in Frankreich vornehmlich eine bessere Ordnung in den Gerichten herstellte. Die Rechtsbücher, welche in dieser Zeit entstanden, Britton, Fleta, Hengham, der Nichterspiegel u. s. w., ent- ^ halten großentheils noch jetzt geltendes Recht und bilden den Punkt, von welchem das gemeine Recht ausgegangen ist. Dieses ist ganz in den Entscheidungen der Gerichtshöfe enthalten, die daher auch früh schon mit großer Sorgfalt gesammelt und von Eduard II., 1397-27, an, zuerst officiell, in den alten Jahrbüchern der Gerichte, später aber auch durch Andere be- ^ kannt gemacht wurden. Diese Sammlungen haben mit jedem Jahrzehnd an Zahl und Umfang zugenommen. Bis zum Ende der Regierung Georg's III. hatte man nicht weniger als 256 solcher Sammlungen (s. Record), die das Studium des Rechts mit jedem Jahre verwickelter machen, zumal da dieses bis in die neuern Zeiten von den Lehrgegenständcn der ^ beiden engl. Universitäten ganz ausgeschlossen war. Denn da die Universitäten ganz kirchliche , ^ Anstalten waren, so wurde auf ihnen auch nur röm. Recht, welchem die Geistlichkeit stets anhing und welches in den geistlichen Gerichten gilt, gelehrt, und es würde dasselbe vielleicht i auf diesem Wege endlich doch zu einer allgemeinen Herrschaft in E. gelangt sein, wenn nicht ! ein glücklicher Umstand dem einheimischen Rechte zu Hülfe gekommen wäre. Dieses war die in der Nsgna ctisrta des Königs Johann ausgesprochene Errichtung eines obersten stehenden Gerichts in Westminster, wodurch die dabei arbeitenden Rechtsgelehrten in eine Art gelehrter Zunftverbindung traten und bald auf den Gedanken geriethen, Unterricht zu ertheilen und ihren Zöglingen das gelehrte Gesellen - und Meisterrecht, die gleichsam akademischen Grade des Lsrrister (Baccalaureus oder Licentiat) und des Serjeant st Isw (Doc- tor) zu verleihen. (S. Bar.) Junge Männer versammelten sich in gemeinschaftlichen Wohnungen, um bei der Kanzlei sin den Inns ok cbsncer^) die Theorie, in den Gerichten aber (in den Inns ok court) die Praxis zu erlernen. Aus diesen sogenanten Herbergen entstanden Stiftungen und Gesellschaften, welche noch gegenwärtig, doch fast nur als bloße Form, in der Art bestehen, daß Niemand zu dem Stande eines Sachwalters gelassen wird, welcher nicht seine Zeit als Mitglied der vier Inns ok court (Inner temple, Uiclclle temple, Oin- coln's Inn und clrrzf's Inn) ausgehaltcn hat. Der gelehrte Unterricht in diesen Anstalten ! hat längst aufgehört, dagegen sind durch Privatvermächtnisse von Charl. Viner, gest. 1756, zu Oxford 1758, und von Georg Downing, gest. 17 t 9, da der Proceß über dessen Testa- ^ ment fast 89 Jahre dauerte, zu Cambridge im I. 1899, Lehrstellen des gemeinen engl. ^ Rechts gestiftet worden. Der erste Professor der Viner'schen Stiftung zu Oxford war der berühmte Sir Will. Blackstvne (s. d.), dessen „Lommeatsries on rbs Isws ok koglsnck" noch immer das wichtigste Werk darüber sind, und zwar vornehmlich wegen des darin vorherrschenden philosophisch-praktischen Sinnes. Übrigens ist die juristische Literatur E.s England (Rechtsverfassung) 737 an systematischen Abhandlungen nicht reich; ihre Hauptwerke sind Zusammenstellungen aus den Reports für einzelne Gegenstände. Das gemeine Recht E.s umfaßt nicht blos das bürgerliche sondern auch das Criminal- recht. Den Geist desselben in beiden Beziehungen anzugeben, ist nicht wol möglich. Das System desLandeigenthums ist auf das Lehnwesen gegründet, und obgleich unter Karl I l. alle Naturallehndienste, mit Ausnahme einiger Hofdienste, aufgehoben worden sind, so bleibt doch in allen diesen Verhältnissen, besonders der Erbfolge, die lchnrechtliche Grundlage noch sehr sichtbar. Eine große Anomalie dabei ist die Freiheit der Engländer, über ihr Vermögen durch Testamente zu verfügen. Dem Criminalrechte liegt der Satz zum Grunde, daß alle Verbrechen Vergehungen gegen den König als obersten Lehnsherrn und Friedenserhalter sind; die schwerem Verbrechen werden als Bruch der Unterthanentreue (kelon;), die geringern als Beleidigungen des Königs (misckemesnors) betrachtet. Von der Felonie ist noch der Hochver- rath durch eine complicirtere Strafe ausgezeichnet. Die früher allzu häufige Anwendung der Todesstrafe wird gemildert durch das Privilegium der Geistlichen (benelit ot' cler^), welches nach und nach allgemein geworden ist und eine Verwandlung der Todesstrafe in eine gelindere, namentlich in Transportation, bewirkt, durch die häufigen Begnadigungen und durch die Gewohnheit der Schöffen, ein geringeres Verbrechen zu substituiren, §. B. den Werth eines Diebstahls geringer zu bestimmen. Da die ausdrückliche Gesetzgebung so selten in das System des gemeinen Rechts cingegriffen und die Veränderungen den Einflüssen des Volkslebens selbst anheimgrgeben hat, so scheint dies allein schon eine Lobrede für das statutarische Recht (Statute Isvv) begründen zu müssen. Dies ist aber fast in keiner Beziehung der Fall. Dieselbe liefert gerade den Beweis, daß durch ein solches partielles Nachhelfen wenig Nutzen gestiftet und nur größere Verworrenheit des Systems hcrvorgebracht wird. Die tiefer liegenden Mängel getraut man sich nicht zu heben, um nicht das Ganze zu erschüttern; einzelne Zu- sätze und Änderungen aber können das Übel nur vergrößern, denn um sie harmonisch einzuweben , bedarf es einer weit liefern Einsicht in den Zusammenhang aller einzelnen Theile des Rechts, als zu der Aufstellung neuer und einfacher Grundlagen. Daher macht man auch der engl, ausdrücklichen Gesetzgebung mit Recht die beiden entgegengesetzten Vorwürfe der Ünthätigkeit und der Übereilung. Sie wagt es nicht, schreiende Unvollkommenheiten abzustellen , den Gang des gerichtlichen Verfahrens in bürgerlichen Rechtssachen, besonders in Hinsicht auf die Erwerbung des Grundeigenthums, zu vereinfachen, alte barbarische oder auf vorübergegangenen Zcitumständcn beruhende Strafgesetze abzuschaffen; dagegen werden in jeder Parlamentssitzung einzelne Verordnungen ohne Rücksicht auf Vergangenheit und Zukunft und mit einer Leichtigkeit gegeben, welche zuweilen an Ünbesonnenheit grenzt. Daher wächst auch der Umfang der parlamentarischen Gesetzsammlung mit jedem Jahre, und der Gebrauch derselben wird, wie die Kenntniß und wissenschaftliche Behandlung der Gerichtsentscheidungen, immer schwieriger. Die Sprache der Gesetze ist, wie die Sprache der Gerichte, so breit, schleppend, tautologisch, daß sie durch das übertriebene Bemühen, klar und vollständig zu sein, unverständlich wird und oft das Wesentlichste vergißt. Statt allgemeiner Gesetze werden so lange locale und partielle Verordnungen gegeben, bis diese zwar nach und nach über das ganze Land sortrücken oder einen Gegenstand von allen Seiten ergreifen, aber nun nicht mehr zueinander passen und wol einen Haufen, aber kein Ganzes von Gesehen geben. Die Sammlung der Parlamentsgesetze, die von Ruffhead 1763 ange- fangcn und jährlich fortgesetzt wurde, umfaßt die Gesetze von der NaAna cdarta König Jo- hann's bis 1786 in 32 starken Quartbänden; eine andere enger gedruckte von Tomlins und Raithby, enthaltend die Gesetze von 1215—1817, besteht aus 16 Quartbänden, und die von Pakering besorgte Ausgabe der Gesetze von 1215 —1817 zählt 3-1 Quartbände. Daher ist denn auch das Verlangen einer neuen Redaction sowol des gemeinen in den Rechtsbüchern enthaltenen Rechts als auch der Statuten in zusammenhängenden und umfassenden Gesetzen, oder mit andern Worten, das Verlangen nach neuen Gesetzbüchern für das alte Recht in E. ebenso lebendig geworden als in andern Ländern. Nur aber langsam erkämpfte die öffentliche Meinung auch in der Verbesserung der brit. Rechtspflege den Sieg über aristokratische und Zunftvorurtheile. Vorzügliche Verdienste um die Reform der Criminal- Conv. -Lex. Neunte Aufl. IV. 47 738 Englische Ackerbaugesellschaften Englische Krankheit j gesetzgebung erwarben sich Sir Sam. Nomilly (s. d.), Sir Nob. P e e l (s. d.) und Sir ^ James Mackintosh (s. d.). Von 1823 an bis 1830 wurden nicht weniger als H28 alte Parlamcntsacken (Statute ia,rs) ganz und 443 thcilwcise, als den Zeitverhältnissen Widersprechend, zurückgenommen. Nascher und kräftiger wurde diese große Angelegenheit befördert, als Lord Brougham (s. d.), seit dem Nov. 183» Lordkanzler von England, mit seiner rastlosen Thätigkeit in das Ganze eingriff. Seitdem ist so Manches geschehen, ^ was nicht allein an sich selbst ein großer Fortschritt war, sondern was auch zu weitern nützlichen Reformen die Bahn eröffnet hat. Viele veraltete Gesetze wurden gänzlich beseitigt und die Härte anderer gemildert und namentlich die Todesstrafe in mehren Fällen abgeschafft. Wenn aber der Fortschritt nur ein langsamer und allmäliger war, so war er zugleich ein sicherer, und wenn auch das Hausder Lords wohlgemeinten Verbesserungsvorschlägcn fortwährend sich hemmend entgegenstellte, so hat die Erfahrung gelehrt, daß die Beharrlichkeit des Hauses der Gemeinen endlich zum Siege führt. Vgl. Philipps, „Geschichte des angclsächs. Rechts" (Gött. 1825), Crabb, „Geschichte des engl. Rechts" (deutsch von Schöffner, Darmst. 1839), Millars, „Historische Entwickelung der engl. Verfassung" (deutsch von Schmidt, 3 Bde., ^ Jena 1819—2!) und Abraxas, „Die engl. Staatsverfassung in ihrer Fortbildung durch Reformen" (2 Bde-, Köln 1833). Englische Ackerbaugesellschaften. Außer dem allgemein engl. Ackerbauvereine bestehen in England mehr als hundert kleinere landwirthschaftliche Vereine und Clubs, welche, über das ganze Land verbreitet, sehr wohlthatig wirken. Namentlich gilt das von I dem erstgenannten Vereine, der von der Königin einen Freibrief und den Namen agricultural societ)' erhalten, welche Beförderung des engl.Ackerbaus zum Zwecke und den Her- i zog von Richmond zum Präsidenten hat. Die Zahl der Mitglieder beläuft sich auf2300. Zur Heranbildung junger Landwirthe, und um den Ackerbauern in Einführung und Ausführung des.Neuern und Bessern mit gutem Beispiele vorangehen zu können, hat sie eine Muster- wirthschast mit einem Capitale von 1 0000 Pf. St. errichtet. Auch gibt sie ein Journal heraus und hält in den größer» Städten abwechselnd Zusammenkünfte und Ausstellungen, bei denen für die besten Producte ansehnliche Preise gewährt werden. Nächstdcm gedenken wir ^ noch der Loarck »f agricnltnre, gestiftet 1793 auf Veranlassung des Parlaments von Sir John Sinclair. Dieselbe bereitetdie aufAckerbau, Viehzucht, technische Industrie und Handel Bezug habenden Gesetze vor und steht dem Parlamente als berathendc Behörde zur Seite; zugleich hat sie sich die genaueste Erforschung des Landes zur Aufgabe gestellt. Sie besteht aus 30 Mitgliedern, welche sich vom Dec. bis Juni wöchentlich ein bis zweimal versammeln. Englische Besitzungen in Ostindien, s. Ostindien. Englischer Gruß oder Ave Maria, d. i. gegrüfietseist du, Maria, wird in der katholischen Kirche zunächst die Ansprache des Engels (Luc. I, 28) genannt, wodurch er der Maria verkündigte, daß sie den Erlöser gebären sollte. Mit Beziehung daraufwurde seitdem 6. Jahrh. das Fest des Englischen Grußes oder der Verkündigung Mariä am 25. März gefeiert. Dann aber hat man auch das kürzere Gebet an die Jungfrau, das rhcils jeder Predigt vorausgeht, thcils bei den kleinen Kugeln des Rosenkranzes (s. d.) gebetet wird, von seinen Anfangsworten Englischer Gruß oder Ave Maria genannt. Die Sitte, jeden Sermon mit einem solchen Ave einzuleiten, soll der Dominicaner Vincentius Ferreri aufgebracht haben; Erasmus verglich sie mit der bei den heidnischen Dichtern gewöhnlichen Anrufung der Muse. , Übrigens hat der Text des Englischen Grußes viele, zum Theil sehr schöne poetische und musikalische Bearbeitungen hervorgerufen. Englisches Horn (corno inglese), ein jetzt selten angewendetes Blasinstrument, das zur Oboe in einem ähnlichen Verhältnisse steht, wie das Basscthorn zur Clarinette. Es klingt um fünf Töne tiefer als die im Violinschlüssel geschriebenen Noten besagen. Englische Kirche, s. Hochkirche. Englische Krankheit (kimcbitis, franz. I» cllsrtre, engl, tlie rickets) ist eine von I skrofulöser Anlage ausgehende Krankheit des gestürmten Knochensystems. Sie tritt meist nach dem Hervorbrechen der ersten Zähne, weniger in den zunächst darauf folgenden Jahren, ! noch seltener im schon mehr entwickelten Menschen und nach vollendeter Entwickelung gar ' nicht mehr auf. Den Anfang machen Unregelmäßigkeiten in der Verdauung; hierauf de- I 739 Englische Kunst ginnen die Gelcnkenden der Knochen anzuschwellen, besonders die des Vorderarms, des Unterschenkels und der Nippen; allmälig werden dann die übrigen Theile der Knochen weich und von den Muskeln, denen sie in diesem Zustande keinen Stützpunkt mehr bieten können, krumm gezogen. Gleichzeitig erkranken die Zähne, fallen aus und ersetzen sich nur langsam wieder. Im weitern Verlaufe steigern sich diese Symptome; die Knochen werden endlich, wenn weder die Natur noch die Kunst helfend einschreitcn, entzündet, geschwürig rmd brandig, und in Folge der durchgehenden Erschütterung und Erschöpfung des Organismus erfolgt der Tod durch Entkräftung, wenn nicht schon die durch die Knochcnverkrümmung bedingte Beeinträchtigung edlerer Organe, z. B. der Lungen, dem Leben früher cinEnde macht. Das Entstehen der Krankheit wird durch Erblichkeit, durch anhaltende Einwirkung einer naßkalten, feuchten, nebeligen Wirkerung und durch unzweckmäßige Lebensart begünstigt. Man findet sie hauptsächlich in nördlichen Ländern mit feuchter Atmosphäre, z. B. in England, Holland und Nordfrankrcich; gegen den Süden zu wird sie seltener, in den Tropenländern verschwindet sie ganz. Die Heilung ist vorzüglich von einer zweckmäßigem Lebensart, die Verdauung verbessernden Mitteln, denen sich einige Specifica anschließen, -stärkenden Bädern und dem fortschreitenden Alter zu erwarten, gelingt jedoch selten und nur, wenn die Krankheit in ihren ersten Anfängen bekämpft wird, sodaß keine Spuren derselben Zurückbleiben. Englische Kunst, Das in so mancher Hinsicht reich begabte England ist in Hinsicht auf die Kunst arm, und der göttliche Funke, der allein den höhern Künstler macht, scheint in dem feuchten brit. Klima verloschen zu sein. Kein engl. Bildhauer, Stein- oder Stempelschneider, kein engl. Componist hat sich einen europ. Namen erworben. Vielleicht die bedeutendste unabhängigere Kunstlcistung Englands ist seine eigenthümliche Gestaltung der mittelalterlichen Architektur, welche, obwol nicht zu ikrem Vortheile, von den in Deutschland und Frankreich üblichen Formen beträchtlich abweicht. Schon zur angelsächs. Zeit scheint in den Ornamenten, den Capitälen und Basen ein wunderlich verschlungenes, phantastisches Gemisch von Schnörkeln und Thiergestalten geherrscht zu haben, wie sich aus Miniaturbildern jener Epoche schließen läßt. Ähnliches, doch gemäßigt und oft zur höchsten Schönheit durchgearbeitet, findet sich allerdings später auch in Deutschland. Die normann. Invasion brachte auch normann. Kunstübung über den Kanal. Aber fast möchte man glauben, die Eroberer seien auf dem neuen Boden einer gewissen Ausartung anheimgefallen; während die Bauten im Mutterlande meist einen grandiosen, freien, klaren Charakter tragen, sind die in England ausgeführten schwer und im Detail zu bunt und willkürlich. Noch deutlicher wird die Inferiorität Englands in der goth. Periode sichtbar, wo es sich klar beweisen läßt, daß dem damaligen Engländer wenigstens gewisse Seiten des Formgefühls völlig abgin- gen. In den Kirchen ist von dem reichen Polygonen Chorabschluß und Kapellenkranz der Kathedralen des Continents nichts zu finde»; eine Hintere Kapelle mit einer geraden Hinterwand und in dieser ein kolossales Fenster, das ist Alles. Das Eurtenwerk der Gewölbe wird schon früh manierirt und wächst auf unbegreifliche Weise in heruntcrhängende Schlußsteine abwärts. Ornamente aller Ärt laufen filetartig über die Gewölbe, spitzenartig den Bogen entlang, endlich in eintönig reicher Wiederholung um Portale und Fenster. Denn mit Ornamenten will es der Brite zwingen, um nur der Figurcnsculptur, in welcher er nichts Bedeutendes zu leisten vermag, zu entgehen. Betrachtet man einen solchen Dom von außen, so liegt die Vergleichung mit einer schön verzierten Bastei nicht fern. Dje engl. Kirchen sind niedrig, aber lang gestreckt, und haben drei oder wenigstens zwei Querschiffc. Über einem derselben steht der hohe Mittelthurm, meist gleich der Kirche selbst mit einem Zinnenkränze versehen, was das castellartige Äussehen bewirkt. Neben ihm spielen die Thürme der Vorderseite, wo solche vorhanden sind, eine unbedeutende Nolle. Sämmtlichen engl. Thürmen fehlt die Verwandlung des Vierecks ins Achteck, welche an guten deutschen Kirchthürmen so bedeutsam wirkt. Wo dann noch ein Helm folgt, könnte er ebenso gut auch wegblciben. Doch haben die engl. Kirchen den großen Vorzug vor den deutschen, daß sie vollendet zu sein pflegen; denn so mäßige, meist niedrige Gebäude ließen sich schon vollenden, zumal da die Borderthürme nicht Geld und Kräfte zum voraus aufsogen, wie dies in Deutschland mehrfach geschah. Wahrhaft vollkommen in ihrer Art ist dagegen die engl. Schloßbaukunst, die 740 Englische Kunst denn auch in manchen Stücken, gleichwie in Frankreich, maßgebend auf die Kirchenbaukunst einwirkte. Unter den Kathedralen sind besonders merkwürdig die zu Norwich, Nochester, Fly, theilweise auch die zu Winchester und Durham in vorgothischem Stile, und die zu Westmin- ster, Kork, Canterbury, Salisbury, Lincoln, sowie die Kapellen von Windsor und das Kingscollege in Cambridge in gothischcm Stile. Unter den gothischen Schlössern behauptet das prächtige Windsor den ersten Rang. Gegen Ende des 15. Jahrh. wurde, wie überall, so auch in England, der gothisch c Stil prunkend und überladen, und gerade hier mehr als sonst irgendwo. Allzu schmeichelhaft nannte man diese Epoche König Heinrich's VII. üoriä Avtkic; die Kapelle in Westminster ist das reichste Beispiel dieses Stils. Zahllose Bauten, die nach Beendigung der Kriege der Weißen und der Rothen Rose ausgeführt wurden, stellten diesen spät- gothischen Profanstil für lange Zeiten fest, und wie man in Frankreich gegenwärtig den Stil der Renaissance (s. d.) wieder cultivirt, so ist man in England nach großen Verirrungen im Gebiete der Classicität wieder zu dem spätgothischen Prosanstil zurückgekehrt, in welchem auch die neuen Parlamentshäuser gebaut werden. Übrigens ist nicht zu leugnen, daß dieser Profanstil an innerm Werthe über dem blühendgolhischen Kirchenstile steht und einer ernsten, malerischen Majestät nicht ermangelt. Besonders ist das Innere der sogenannten Hallen in Schlössern, Stadthäusern und Kollegien, deren noch mehre aus dem 16. Jahrh. erhalten sind, durch malerische Anordnung der gesprengten Holzdecken von größter Wirkung. Auch die engl. Ncnaissancczeit, von der Mitte des 16. Jahrh. an, ist nicht zu verachten, zumal da W. Scott's Romane sie den Deutschen so nahe ans Herz gelegt haben. Von da an beginnt Italien so stark auf England zu wirken, daß von einer eigentlich engl. Baukunst nicht mehr die Rede sein kann. Jnigo Jones (s. d.), 1572—1652, der Erbauer des Whitehallpalasts, war ein getreuer Nachfolger Palladio's. Christoph Wren (s. d.), 1632—1723, der eine ungeheure Zahl von Prachtbauten ausführte, namentlich nach dem Brande i» London im Z. 1666 und als der Erbauer der Kirchen St.-Paul und St.-Stephan in London, des PalastS Hamptoncourt und des sogenannten Theatrum in Oxford einen großen Ruhm genießt, war ebenfalls von seinen ital. und franz. Zeitgenossen völlig abhängig, doch nicht ohne Adel und Strenge in Verhältnissen und Anordnung. Was nach ihm gebaut wurde, hat meist ein sehr trauriges Ansehen. Hogarth, wenn er recht bitter sein will, läßt einen tüchtigen Nococokirch- thurm Londons durch ein offenes Fenster hereingucken. Gegen Ende des 18. Jahrh., wo aller Orten die Classicität über den Rococo Meister wurde, konnte auch England der Bewegung sich nicht entziehen, Stuart's „^ntiqmties «f Elkens" und „^ntiquities <»k,Vttic-r" brachten hier eine wahre Begeisterung für den griech. Baustil hervor, der denn auch, allen klimatischen Bedingungen Englands zum Trotze, vielfach angewandt wurde und für England noch nicht auf das richtige Maß seiner Anwendbarkeit im Norden zurückgeführt ist. Der in neuester Zeit wieder herrschend gewordene gvthische Profanstil wird gegenwärtig auf eigenthümlich tüchtigeWeise gehandhabt. Doch gibt London selbst hierzu nicht viele Belege, da die großen Eigenthümer ihre Städtcwohnungcn nur als Absteigequartiere betrachten und den Luxus lieber ihren Landsitzen zuwenden. Die Malerkunst fing in England erst seit der Mitte des 18. Jahrh. an, sich zu heben. Sie wurde hier während des Mittelalters in derselben Verbindung mit den übrigen Künsten, jedoch in weit geringerm Maße als in Deutschland, Frankreich und Italien, geübt. Im 13. Jahrh-, unter Heinrich III., kommen Wandmalereien vor, und aus der Zeit Eduard's III., im 14. Jahrh., findet man in Urkunden häufige Bestellungen auf Heiligenbilder. In der Kirche zu Shen befand sich ein Altarblatt mit den Bildnissen Heinrich's V. und seiner Familie aus dem 15. Jahrh., auch wurden in dieser Zeit häufig Bücher mit Miniaturen verziert. Der Aufschwung der ital. und deutschen Malerei wirkte auch sichtbar auf den Kunstbetrieb in England, ohne jedoch etwas Eigenthümliches hervorzurufen, und als die Reformation eintrat, ging mit den meisten vorhandenen Werken auch alle weitere Veranlassung zur Darstellung religiöser Gegenstände verloren. Schon lange vor der Reformation bis zum Ende des 17. Jahrh. waren es fast nur Ausländer, denen die eigentliche Malerei in England einigen Ruhm verdankt; unter Heinrich VII. der Niederländer Mabuse, unter Heinrich VIII. Gerhard Horenboul und der deutsche Historien- und Bildnißmaler HansHolbein der Jüngere (s. d.), der manchen Einfluß auch auf andere Künste, besonders auf die Baukunst, hatte 741 Englische Kunst und nächst zahllosen Portraits auch ganze Folgen historischer Darstellungen gemalt haben soll; Anton Moor unter Maria; Fcderigo Zucchero, Lucas de Heere und Cornelius Katel unter Elisabeth, in deren letzten Jahren sich zuerst auch Engländer, wie Hilliard und Oliver, als Miniaturmaler auszeichneten. Die Glasmalerei wurde häufig von engl. Künstlern, jedoch mehr als Handwerk denn als Kunst geübt. Jakob I. zog den Holländer Mytens nach England und begünstigte die Kunst; ebenso noch Karl 1., welcher die von Jakob angelegten Sammlungen eifrig bereicherte, und erst Rubens, dann Van Dyk an seinem Hofe mit Ehren aufnahm. Van Dyk's kurze, aber glänzende Thätigkeit als Maler des Königs scheint der Portraitmalerei in England den Vorrang über die Historienmalerei für die ganze Folgezeit gesichert zu haben. Gleichzeitig mit ihm und fast gleich vorzüglich arbeitete in Schottland Georg Jameson, ebenfalls ein Schüler von Rubens, der erste Eingeborene, der sich in großen Bildnissen Ruhm erwarb, und William Dobson, der sich nach Van Dyk selbst gebildet hatte. Die Verfolgung, welche alle Kirchengemälde unter den Puritanern traf, beschränkte die Malerei fortwährend auf Bildnisse; daher bemächtigte sich nach Van Dyk's frühem Tode Sir Peter Lely, eigentlich Peter von der Faas, aus Soest in Westfalen, der Gunst des Hofs, dessen verdorbenen Sitten er schmeichelte; dabei trieb er die Art des Van Dyk, die er nachzuahmen suchte, ins Grelle und Manierirte. Sein Nebenbuhler und Nachfolger warGottfr. Kn cll er (s. d.) «us Lübeck, der als Hofmaler Karl's ll. eine förmliche Portraitfabrik anlegte. Tüchtiger, obwol minder berühmt waren die Portraits von Jonathan Richardson. Erst mit dem Anfänge des 18. Jahrh. kam die sogenannte Historienmalerei, welche freilich damals hauptsächlich in mythologischen Scenen und kalten, oft geschmacklosen Allegorien bestand, etwas in Aufnahme durch Sir James Thornhill, geb. 1676, gest. 1734, der die Kuppel der Paulskirche und die große Halle zu Greenwich ausmalte. Seine Compositionen und Figuren sind nicht ohne Leben, aber von unedlem Stil und trüber und eintöniger Färbung. Er gründete keine Schule, hatte auch keinen irgend bedeutenden Nachfolger. Als der erste originelle engl. Maler, aber freilich in einem ganz andern Felde sich bewegend, muß William H ogarth (s. d.) betrachtet werden, 1697—>764, ausgezeichnet in charakteristischer, witziger und satirischer Schilderung der Sitten seiner Zeit und der gemeinen Laster, der Schöpfer der engl. Caricatur, die nach ihm greller, fratzenhafter und inhaltreicher, aberniemals wahrer und naturgemäßer wurde. Als Maler wenig ausgezeichnet, aber ein geistvoller Kupferstecher, gab er zuerst der engl. Malerei jene naturalistische Richtung, die seitdem durch den Sinn des engl. Volks so sehr begünstigt wurde. Der eigentlich künstlerische Charakter und eine gewisse, jener entgegengesetzte ideelle Richtung wurden in sie eingcführt durch Sir Joshua Reynolds (s. d.), 1723—92, der sich in Italien und hauptsächlich nach venet.Meistern gebildet hatte und als Präsident der 1768 organisirtcn Königlichen Akademie der Künste nicht minder durch sein Beispiel als durch seine Schriften wirkte. Er malte fast ausschließlich Portraits mit vieler Natürlichkeit und Anmuth und in wahrem, kräftigem Colorit, wobei er jedoch hauptsächlich den Grundsatz durchführte, die Wirkung auf den Hauptgegenstand zu versammeln und alle Nebendinge, auch in der Ausführung, zu vernachlässigen. Dieses Streben, welches oft einen willkürlichen, sogar manierirte» Effect zur Folge hatte und worin sich zuletzt mehr ein geistreicher Pinsel als die Wahrheit der Natur zeigt, ist von ihm auf einen großen Theil der neuern engl. Maler übcrgegangen. Während er sich aber durch die Dildnißmalcrei großen Ruhm und Gewinn verschaffte, pries er in seinen akademischen Reden, die wahrscheinlich unter Mitwirkung Burke's im Druck erschienen, die großen Italiener Michel Angelo, Rafael, Tizian und Correggio, und belebte dadurch unter den Künstlern den Eifer für Historienmalerei, die im Grunde vom engl. Volke wenig begünstigt ward. Da er aber auch hier zu viel Werth in Äußerliches und Zufälliges setzte, wurden seine Schriften der Grund vieler Jrrthümer, die noch gegenwärtig in der engl. Malerei fortwirken. Doch hat auch er manches Gute im historischen Fache geleistet, unter Anderm einige Bilder der Shakspeare-Galeric. Seine Nebenbuhler im Portrait waren Allan Ramsay und George Romncy, auch der talentvolle Thomas Gainsborough, 1727—88, dessen Hauptfach eigentlich die Landschaft war. Als der erste vorzügliche Landschaftsmaler der Engländer verdient in derselben Zeit Richard Wilson, ein Nachahmer Claude Lorrain's, genannt zu werden. Nur theilte er leider die Untugend so vieler engl. Landschaftsmaler, in Ton und Eolorit die 742 Englische Kunst Bilder von Claude Lorrain und von Poussin so nachzuahmen, wie sie gegenwärtig, d.h. nachdem sie 200 Jahre lang nachgedunkelt, aussehen, sodaß scineBildcr mit der Zeit ganz schwarz aussehen werden. Reynolds' Nachfolger als Präsident der Akademie war der nordamerik. Quäker Benj. West (s. d.), 1738 — 1820 , der zuerst als Historienmaler eigentliche Anerkennung fand, obgleich ihm das höhere schöpferische Talent fehlte. Mehr noch als durch seine Werke nutzte er der engl. Kunst durch seine Fürsorge für das Gedeihen der Akademie und seine Thcilnahme an der Gründung der Lritisk Institution ; beide Anstalten haben durch ihre Ausstellungen die Kunstliebe des engl. Publikums und den Wetteifer der Künstler auf ausgezeichnete Weise gefördert. Seine Zeitgenossen Barry (s.d.), Opie, H. Fucßly, North- cote, Romney, Wright, Copley u. A. waren ihm weder an äußerm Glück noch an Studium, aber zum Theil an Wärme und Phantasie überlegen; die^gemcinsame Eigenschaft aller zuletzt genannten Künstler ist Schwäche der Zeichnung und Übertreibung des Heroischen wie des Sentimentalen; einen durchgehenden Schulcharakter aber tragen ihre Werke nicht. Fueßly war unstreitig der bedeutendste unter ihnen und hat durch seine Gespenstersccnen, darunter das berühmte „Alpdrücken", nicht wenig auf seine Zeitgenossen eingewirkt. Als vorzüglicher Marinemaler zeichnete sich in dieser Zeit der in England ansässige PH. I. Lou - therbourg (s.d.), und als der Erste, welcher Scenen des niedern Lebens in der Art Te- niers' und Ostade's behandelte, G. Morland aus. Die Theilnahme des Publicums für die Historienmalerei wurde hauptsächlich durch die von John Boydell (s. d.) unternommene Shakspeare-Galerie und durch den Aufschwung der engl. Kupferstechkunst gefördert, da außer N. Strange, welcher nach ältern Meistern arbeitete, die vorzüglichsten engl. Künstler, wie Bartolozzi (s. d.), Woollett, Sharp, Sherwin, Middiman, I. und C. Heath, Earlom, Fittler nach Gemälden engl. Maler arbeiteten. Freilich wurde durch die von Bartolozzi in England eingeführten punktirten Kupferstiche auch eine große Menge der schlechtesten Machwerke verbreitet und der Geschmack des Publicums an die faden Darstellungen häuslicher und sentimentaler Scenen gewöhnt, welche leider auch nach Deutschland überfluteten. Bon der Mitte des 18. Jahrh. an nahm auch die Glasmalerei einen großen Aufschwung in England durch Jarvis und Eginton, ohne jedoch die vortrefflichen Farben der ältern Glasgemäldc zu erreichen, welche man in mehren Kathedralen Englands bewundert. Auch die Panoramenmalerei wurde durch R. Barker, gcst. 1806 , cultivirt. Die David'sche Schule, welche von Frankreich aus ihren Einfluß über fast ganz Europa verbreitete, hatte auf England den wenigsten Einfluß. Nur einzelne Künstler, wie Westall, fröhnten der Eleganz und dem Theatereffecte im historischen Fache; andere Neuere, wie Hilton Etty, Briggs, gingen einen freier» Weg, ohne jedoch Ausgezeichnetes zu leisten. Von lebendigerer und fruchtbarerer Phantasie war Stothard. Haydon entsprach den großen Erwartungen nicht, die er erregte. Seit 1830 erregte besonders John Martin Aufsehen durch seine kolossalen Compositionen,;. B. die Eröffnung des siebenten Siegels, der Sturz Babels, die Sündflut, Belsazar's Fest, der letzte Tag Pompejis u. s. w., welche insgesammt durch seltsame Großartigkeit und unerhörte Licht- cffecte vielös Aussehen erregten; dochhat sich diese Richtung mit ihren riesenhaften Architekturmassen, die sich überall wiederholen, und den unzähligen, um ihres kleinen Maßstabes willen des Ausdrucks unfähigen Figürchcn schon vollständig wieder überlebt. Martin's Nachtreter Danby ist wenig bedeutend. Es fehlte der Historienmalerei fortdauernd fast gänzlich an Ermunterung durch öffentliche Werke; sie mußte sich nach den Bedürfnissen hauslicherBequcm- lichkeit oder nach den Launen der Besteller begrenzen. Die Kirche, welche einer erwachenden Historienmalerei sonst die großartigste Beschäftigung zu geben berufen ist, lehnte in England seit der Reformation jegliche Verbindung mit der Kunst ab; vergebens hatten seit 1773 mehre ausgezeichnete Künstler zur Ausschmückung der kahlen Paulskirche sich erboten. Die Geistlichkeit verbat sich Solches ausdrücklich.. Den Preis trug immer die Portraitmalerei davon, die in Sir Thom. Lawrence (s.d.), 1769 — 1830 , der nach West's Tode Präsident der Akademie war, einen geistreichen Vertreter fand. Zwar besaß er in noch höherm Grade als Reynolds das Talent naiver und geistreicher Auffassung; aber er übertrieb das Princip der Vernachlässigung aller Beiwerke bis zur äußersten Jncorrectheit und haschte meist zu sehr nach willkürlichem Effect ; seine nur anscheinend mühelose Manier erweckte eine Menge geringerer Nachahmer. Nebenbuhler von ihm waren John Jackson und George Dawc. Englische Kunst 743 Außerdem machten Th. Philipps, M. A. Shec, H. Howard, Will. Becchcy, > 753—1839, Jam. Ward, N. Nothwcll, H. W. Pickersgill und W. Hobday als Portraitmalcr sich berühmte Name». Den gegründetsten Ruhm erwarb sich der Genrcmaler Dav. W i l k i e (s. d.) durch ebenso geistreiche Erfindung als naturgemäße, kräftige und vollendete Ausführung. Im komischen Humor der Erfindung wie in Schönheit der Behandlung zeichnete sich CH. R. Leslic aus; nächstdem sind zu erwähnen E. A. Chalon, W. Mulcrady und E. Landseer, der auch als Thiermaler Treffliches leistete, besonders abevCharl. Lock Eastlakc, der in gründlicher Zeichnung und schönem Colorit die Genannten weit, übcrtrafund besonders durch seine ital. Banditen sich bekannt gemacht hat. Auch die Landschastsmalerei hatte mehre vorzügliche Künstler aufzuweisen, namentlich Calcott in Marinen, und Elover in Baumgruppen; Turner und Havell dagegen sind grell und manierirt. Die Aquarellmalerei erhielt in neuerer Zeit eine solche Ausbildung, daß die Maler in Wasserfarben eine eigene Ausstellung veranstalteten. Insbesondere thaten sich Copley-Ficlding, Wild, Prout, Nobson, Gastineau, Turner, Essex, Nash u. A. in dieser für Landschaft und Architektur bequemen Behandlung hervor. Als Miniaturmaler zeichneten sich Engleheart, Harding, Newton, Robertson, Douglas und Davis aus. Im Allgemeinen hat jedoch die engl. Malere- weit mehr des Mittelmäßigen und Schlechten als des Guten aufzuweisen, und selbst unter den ersten Meistern sind nur Wenige, wie Wilkie, Philipps, Calcott, frei von Manier. Von höherer Erfindung und echtem Stile zeigt sich wenig. Das Genre wird vorzugsweise, aber zum größten Theile auf triviale Weise behandelt und die Landschaft beschränkt sich fast durchgängig auf Ansichten. Mehr als edle Erfindung und einfache Naturwahrheit der Darstellung wird das sogc- genannte Geistreiche des Vortrags geschäht, welches im Grunde nur die auf sinnlichen Effect ausgehende Willkür ist, womit das Talent seine technischen Mittel handhabt. So kann nur wenig wahrhaft Tüchtiges und Vortreffliches geleistet werden. Der Geschmack des Publi- cums ist fortwährend alltäglichen und faden Gegenständen zugewendet, und selbst die in England so häufigen und reichen Sammlungen älterer Gemälde und die Nationalgalerie zu London haben im Ganzen noch wenig auf Besserung des Kunstsinns gewirkt. Die Kunst ist dem Luxus der Aristokratie anheimgcgebcn. Als große Prachtwerke erscheinen Por- traitsammlungen lebender engl. Myladies, ihrer Söhnchen und Schooshündchen. Die Damen lassen sich so sehr und auf so manicrirte Weise schmeicheln, daß die betreffenden Maler nur I,s> murine" haben zu LhnlichenUnter- nehmungen auf dem Continent den ersten Anstoß gegeben. Die Lithographie erhielt in England dieselbe technische Ausbildung wie in Frankreich und die cffectvolle Behandlung der engl. Blätter verführte franz. und deutsche Lithographen zu derselben grellen Manier, die allerdings den Sinnen des ungebildeten Publicums schmeichelt. Doch sind die lithogra- phirten Sammlungen von Architekturanfichten aus England und Belgien von Haghc und Nash ihrer schönen Behandlung und Staffage wegen rühmlich zu erwähnen. Vgl. Allan Cunningham, „lüves okdritisil ^»inters, sculptors sncl aictiitects" (5 Bdc.,Lond. 1829 fg.) und Hamilton, engchsii scüool, u seriös ok tüe inost -qqnovecl jirockuction» m pain- 744 Englische Landwirthschaft ting sn<> rculjttur« etc." (Lond. 1830 fg.), Pafsavant, „Kunsireise durch England und > Belgien" (Franks. 1833) und Waagen, „Kunstwerke und Künstler in England" (2 Bde., ^ Berl. 1837 — 38). In der Musik haben die Engländer nie etwas Großes zu leisten i vermocht. Die altbrit. Musik, welche, ähnlich der alten schot. Musik, etwas Eigenthümliches hat, erhielt sich am längsten in Wales. In neuerer Zeit erwarb sich nur der Pianofortevir- tuos F i e l d (s. d.) einen bedeutenden Ruf. Dagegen gedeiht Alles, was zu den mechanischen - Künsten gehört, und wobei der berechnende Verstand vorherrscht, die Phantasie aber eine untergeordnete Rolle spielt, nirgend besser als in England. > Englische Landwirthschaft. Die engl. Landgüter haben die Größe von 75—700, ! ja selbst 1500 Morgen, und es werden die Ländereien gewöhnlich durch Dornenhecken oder ! Gräben in verschiedene Felder oder Schläge abgetheilt. Die Besitzer der kleinern Pachtungen ? sind in der Regel nur eine etwas höhere Gattung von Handarbeitern oder Tagelöhnern; die i der größer» Ökonomien aber bilden eine sehr angesehene und achtbare Classe der Gesellschaft. Unter diesen sind die großen Viehmäster die bedeutendsten; sie haben die reichsten, für Viehzucht und Mästung geeignetsten Landstriche im Besitz und liefern dem Lande bedeutende Quantitäten von Butter, Käse, Speck und Schweinefleisch. Wenige Güter bestehen blos aus Ackerland und einem Baumgarten hinter den Wirtschaftsgebäuden, der größere Theil derselben hat sowol Gras - als Ackerland. Der Pachtzins beträgt 3—9 Thlr. für den Morgen. Zu dem Pachtgelde ist aber noch ein Viertel desselben für Zehnten und ebenso viel auf Armen-, Kirchen- und Grafschafttaren zu rechnen. Für die Pachtungen bestehen dreierlei Arten Contracte: I) auf Willkür (at will), 2) auf bestimmte Jahre (ieases) und 3) auf ein bis drei Menschenleben (at lile). Die erstere Art ist die gewöhnlichste, und es steht dem Gutsbesitzer dabei das Recht zu, seinen Pächter auf scchsmonatliche Kündigung fort- ! zuschicken; ein gleiches Kündigungsrecht hat auch der Pächter. Jndeß kommt dies selten in Ausübung. Viele Gutsbesitzer lassen sich auf eine andere Verpachtung als die aufWillkür ^ gar nicht ein; sie bezahlen aber, wenn der Pächter irgend erhebliche dauernde Verbesserungen angelegt hat, die Hälfte der Auslagen oder liefern das Material und lassen den Pachter die Arbeit verrichten. Wo Verpachtungen auf bestimmte Jahre stattfinden, werden dieselben gewöhnlich auf 5, 10, 15 oder 7, 14, 21 Jahre abgeschlossen und zwar am Ende eines jeden dieser Zeiträume von Seiten des Pachters kündbar. Oft behält sich aber auch der Gutsbesitzer selbst eine Kündigung bevor. Der Pachter muß die Ländereien nach der Gewohnheit der Gegend cultiviren, darf weder Heu noch Stroh von der Pachtung verkaufen, ohne ein gleiches Äquivalent an Dünger wieder einzubringen, und bei Strafe keine Wiese umpffügen. Vor ungefähr 50 Jahren war die Fünffelderwirthschaft allgemein hergebracht, eine Bestellungsart, die so unveränderlich festgehalten wurde, daß man jede Abweichung davon als einen sichern Ruin ansah. Ein verbessertes Bestellungssystem zeigte sich aber bald als durchaus nothwendig, und als nach dem Beispiele mehrcr Gutsbesitzer viele der in den Pachtcontracten enthaltenen Beschränkungen beseitigt waren, wurde ein vierjähriger Umlauf bald allgemein angenommen. Der Hafer wurde aus der Rotation ganz weggelassen, und man baute dafür jedes vierte Jahr Rüben und andere Futtergcwächse, um so mehr Vieh halten und das Land in Zwischenräumen von vier Jahren düngen zu können. Seit Einführung dieses Systems ist auch mehr Land zur Weide niedergelcgt, das Drillen angenommen und eine Menge Verbesserungen eingeführt worden. Diese Vierfelder- oder Norfolker Wirthschaft hat indessen in den lehtern Jahren an ihrer frühem Popularität viel verloren, indem man ihr namentlich den Vorwurf macht, daß der Klee zu oft darin vorkommt. Man glaubte zwar diesem Nachtheil dadurch Vorbeugen zu können, daß man die Kleesorten wechselte und statt des rothen jedes vierte Jahr weißen oder gelben nahm, indeß hat der Erfolg den Erwartungen nicht entsprochen, weshalb Man sich zu neuen Rotationen versucht sah. Alle Pachtungen, sowol die großen als die kleinen, erfodern ein Capital von wenigstens 1 0 Pf. St. auf den Morgen, um sie mit dem gehörigen Viehstand zu versehen. Eine Pachtung von 150 Morgen erfodcrt ein Gespann von vier Pferden. Das Behacken der Rüben, das Mähen des Heus und Getreides, das Einzäunen, das Strohdecken der Schober und Heubinden wird gewöhnlich durch Tagelöhner verrichtet. Das Dreschen geschioht in der Regel mittels Dreschmaschinen. In neuester Zeit hat man den Versuch gemacht, daS Englische Laudwirthschaft 745 schot. Wirthschaftssystem nach England zu verpflanzen, und es haben sich selbst schot. Pachter durch die nominell geringen Pachtgelder engl. Pachtungen verführen lassen, solche zu übernehmen; doch fanden sich dieselben, als ihnen die Zehnten, die Armen-, Kirchen- und Grafschaftssteuern abgesodert wurden und sic daneben erfahren mußten, wie viel höher Tage- lobn, Gcsindelohn und fast alle nothwendige Ausgaben in England seien als in Schottland, sehr getäuscht. Außerdem verträgt sich das schot. System mit den so ganz verschiedenen Gebräuchen und Einrichtungen Englands ebenso wenig, als sich schot. Pächter in die Art und Weise der engl. Arbeiter finden können. Die landwirthschaftlichen Gebäude sind in E. gewöhnlich an der östlichen, westlichen und nördlichen Seite eines länglichen Vierecks errichtet und letzteres ist in zwei umzäunte Höfe für das Vieh getheilt. Die Südseite hat in ihrer Fronte das Wohnhaus sammt den kleinern Wirthschastsgebäuden vor sich. Hinsichtlich des Düngerwescns herrschten unter den gewöhnlichen Farmern noch sehr falsche Ansichten. Unter sämmtlichen Düngerarrcn steht der vegetabilisch-animalische oben an; als mineralisches Düngmittel benutzte man früher namentlich die Kreide; gegenwärtig sehr häufig gebrannten Kalk, Muschelschalen, Muschelsand und den Mergel. Sehr gebräuchlich ist das Rascnbrennen und das Rösten des Thons. In großer Ausdehnung werden Knochenmehl, Ölkuchen,- Malzkeime, Torf, Seetang und wollene Lumpen zur Düngung angewendet. In der Entwässerung sind die Briten Meister. Es kommt dazu ein eigenes, von Ellington erfundenes System in Anwendung, das sich auf richtige und vollkommene Anlage der Wasserabzüge, namentlich der läntlerckrains stützt. Bei Anfertigung derselben bedient man sich manches erleichternden Instruments, z. B. des sogenannten Maulwurfspflugs. Ürbarmachun- gen sind im Laufe der Zeit sehr viel vorgekommen, und man beschäftigt sich noch fortwährend damit. Sie erstrecken sich hauptsächlich auf die Cultivirung der Sümpfe und der Torf- und Grünlandsmoore. Immerwährendes Grasland kommt als Weide und Wiese vor. Die Weiden haben gewöhnlich einen minder kräftigen Boden und eine mehr hügelige Lage als die Wiesen; dennoch sind viele Weiden zum Viehmästen geeignet. Die Wiesen werden hauptsächlich zum Heumachen benutzt und haben entweder eine so niedrige Lage und so kalten feuchten Boden, daß sie nicht zu Ackerland taugen, oder sie liegen in der Nähe großer Städte, wo das Heu innner ein sehr gesuchter Artikel ist, oder an Flüssen, die ihre Bewässerung gestatten. Was die Ackerwerkzeuge anlangt, so stehen unter den verbesserten Pflügen die Schwingpflüge obenan. Vorzugsweise in Gebrauch sind der Small'sche, der Imperial-, der Doppclfurchen-, der Schnitt-, Rajolpflug und der Rasenschneidcr. Von Eggen hat man größere und kleinere. Zur gründlichen Lockerung und Reinigung des Bodens hat man außerdem noch Cultivatoren, Schnittpflüge, Schaufelpflüge, Exstirpatoren, Scarificatorcn, Tormentatoren und Grubbers. Unter den neuern Erfindungen dieser Art zeichnen sich besonders aus die sich selbst reinigende Egge (seltclvaninj; barron). Die Walze wird in jeder Wirthschaft angetroffen. Meist ist sic ausHolz, zuweilen auch aus Granit gefertigt, auch besteht sie in neuerer Zeit häufig in einem hohlen eisernen Cylinder. Säemaschinen von verschiedener Construction, für die verschiedenen Samen eingerichtet, sind fast überall in Gebrauch. Die Ackerbestellung weicht in den verschiedenen Gegenden sehr voneinander ab. Je nachdem der Boden leichter abtrocknet oder länger Feuchtigkeit hält, wird er in schmale Beete (bitsnAon) oder in breite Beete gepflügt. Die Aussaat geschieht entweder breikwürfig oder in Reihen (Drillcultur). Letztere Methode hat im Süden Englands nur noch wenig Eingang gefunden, während im Norden und in Schottland nur gedrillt wird. Das Dibbeln oder Stecken der Körner findet besonders in Suffolk, Norfolk und einigen Theilen von Essex in leichtem Boden statt. Mit zwei nebeneinandergehendcn Pferden pflügt man nur aus leichtem Boden, wo ein leichter Pflug angewendet werden kann. Auf allen schweren Bodenarten dagegen ist noch immer der alte hartfordshirer Radpflug mit derCtr. schweren Pflugschar in Gebrauch. Mit Ochsen allein oder mit Ochsen und einem Pferde voran wird nur in den Bergtheilen Westenglands gepflügt. Von den Halmfrüchten werden besonders angebaut Weizen, Roggen, Gerste und Hafer. Mais, Buchweizen und Hirse dienen fast nur als Hühnerfutter. Unter allen zu Brotkorn angebauten Halmfrüchten nimmt der Weizen den ersten Rang ein. Von den Hülsenfrüchten cultivirt man besonders Bohnen 7-16 Englische Landwirthschaft und Erbsen. Wicken werden nur zu Heu und Linsen in geringer Ausdehnung eingebaut. Unter den Futtergewächsen nimmt die Turnips die erste Stelle ein. In der Regel werden die Lurnipsselder von den Schafen abgcwcidct. Von Kohlgewächscn baut man den yorkcr, den großen schottischen, den ochscnköpsigen und den Trommclkohl. Kartoffeln werden in zahllosen Varietäten cuitivirt. Unter den Futterkräutern findet man vom Klee hauptsächlich zwei Arten, den weißen und rothen. In neuerer Zeit ist dazu noch der Inkarnatklee gekommen. Unter den vielen Varietäten des Naigrases, dessen Anbau im Wechsel mit andern Früchten geschieht, cultivirt man das jährige und das italienische. Esparsette wird vorzüglich in den Kreidegegenden Englands angebaut, Luzerne ist erst in neuerer Zeit bekannt geworden. Von Handelsgcwächsen zieht man hauptsächlich Raps auf weichem Boden, namentlich in den Marschgcgenden von Essex, Cambridge, Huntingdon und Lincoln; Senf, Lein besonders im Norden Irlands; Hanf in den Niederungen von Cambridge, Huntingdon und Lincoln; Koriander, Kümmel und Weberkarden in Essex, Kcnt, Uork und Somerset; Canarien- samcn, Kamillen, Süßholz, Pfcffermünzc, Lavendel, Rhabarber, Angelika, Wermuth, Krapp, Waid namentlich in Aork, Lincoln und Somerset. Den berühmtesten Hopfen zieht man in dem Wald von Kent und Sussex (goldspitzigcn Hopfen) und bei Surney (Farnham- hopfen). Außerdem'wird noch viel Hopfen in den Grafschaften Hereford und Worccster gebaut. Obstbau zur Cidcrbercitung wird nur in den südlichen und westlichen Grafschaften betrieben. Die Viehzucht erstreckt sich auf Pferdezucht (s. Englische Pferde), Rind-, Schaf-, Schweine - und Geflügelzucht. Das Rindvieh wird im Sommer entweder auf der Weide oder mit Grünfutter auf dem Hofe und im Winter in Ställen oder in Schuppen und Strohhöfcn mit Heu, Stroh, Ölkuchen und Wurzelgewächsen erhalten. Landwirthe, welche natürliche Graswcidc minderer Güte besitzen, geben sich blos mit der Aufzucht des Viehs ab. Andere, die gute Weideplätze und viele Wiesen haben, betreiben blos die Mästung des Rindviehs. Die Melkwirthschaft wird von Seiten der Grundbesitzer allgemein als die sicherste Bürgschaft für die pünktliche Abtragung der Pachtrente angesehen, was um so natürlicher ist, da die Milchprodukte während der letzter« 50Jahre im Preise mehr gestiegen sind als jeder andere Artikel. Zur Milchgewinnung ist am meisten geschätzt die alte yorkshirer Nace, oder eine Kreuzung der Tccswater- mit der Holdcrneßrace. Die langhörnigen Na- cen sind mehr in Lancaster, Chester und den benachbarten Gegenden heimisch, desgleichen auch die ungchörnten Suffolks, die Devonshirer und die Glamorgangs, die sämmtlich für gute Milchner gelten. Auf mäßiger Weide scheinen diese Race noch zu übertreffcn die Ayr- shirer. Die feinste Milch liefert die hochländische Kuh, während der aus einer Kreuzung der Gloucestcr- und Alderneyrace mit einem Durhambullen hcrvorgegangene Schlag Milch liefert, die sich besonders zur Käsebereitung eignet. Die Kerrykuh gibt besonders butterreiche Milch. Ziemlich ausgedehnt wird das Mästen der Kälber betrieben. Noch wichtiger als die Nindvichzucht ist die Schafzucht. Die Anzahl sämmtlicher Schafe in Großbritannien beläuft sich auf 32 Will. Die verschiedenen Landcsracen zerfallen in zwei Hauptabtheilungen, das Höhe- oder kurzwollige und das Niederungs- oder langwollige Schaf. Ehemals, wo die Wolle der Hauptzweck der Schafzucht war, wurden die Schafe selten vor ihrem fünften Jahre geschlachtet, gegenwärtig aber, wo durch die sehr vermehrte Bevölkerung der Begehr nach gutem Hammelfleisch weit stärker geworden ist und man durch Verbesserung mancher Nace und durch die reichliche Turnipsfütterung die Thiere eher zur völligen Ausbildung bringen kann, gelangen sie schon mit dem zweiten Jahre auf den Markt. Die Schafwolle wird eingctheilt in Kamm- und Krempelwollc. Die kurze, vorzüglich zu gewalkten Fabrikaten taugliche Wolle hat in England in neuerer Zeit, seitdem vom Continent so viele vorzügliche Krempelwolle eingebracht wird, ungemein an Feinheit abgenommen, während sich ihr Gewicht vermehrt hat. Bakewell (s.d.) war der Erste, der bei den Schafen eine zur Fleisch- und Fetterzeugung geeignete Gestalt herzustellen suchte, dabei aber die Beschaffenheit der Vließe fast gänzlich vernachlässigte. Vordem wurde die Wolle zu den feinsten Tüchern nur aus Spanien nach England gebracht, und dieser zunächst kam die von mehren engl, kurzwelligen Racen, besonders die Ryeland-, Dean-, Forest-, Mendir-, ILiltshirc-, Southdvwn- und Shetland-Vließe. Durch die verständige Kreuzung zwischen Merinostahren mit ausgewähltcn Müttern der genannten Racen, besonders mit 747 Englische Pferde den Ryelands, wurden in der vierten Generation Schaft erzeugt, die an Feinheit den besten spanischen ziemlich nahe kommen. Zu dieftrZeit wurden von mehren patriotischen Männern große Bestrebungen gemacht, diese Verbesserung immer weiter zu treiben, und man schmeichelte sich mit der Hoffnung, bald mit den berühmtesten span. Hecrden wetteifern zu können. Diese Hoffnung ist indeß nicht in Erfüllung gegangen. Mit desto entschiedener,« Erfolge sind die Bestrebungen nach Ecwichtsvermehrung des heimischen Schafs gekrönt worden. Bei gutgemästcten Hammeln von der verbesserten Dishleyrace sollen auf das Pfund Fleisch oft nicht mehr als zwei Loth Knochen kommen. Eine der vorzüglichsten Mastungsarten ist unstreitig die Fertweidc auf dem reichen Graslandc des nördlichen Englands und in den Marschen von Essex, Somerset und Kent. Die vorkommenden wichtigsten Schweincraccn sind: die chinesische, rudgewicker, hampshirer, berkshirer, Tonquins, Essex, Suffolk, Norfolk, Shropshirc, Woburn und Dishley. Von den aus Indien eingebrachtcn chines. Schweinen gibt es zwei Abarten, die weiße und die schwarze. Auch gibt es eine gemischte Nacc, die durch einen aus Amerika eingebrachtcn wilden Eber von ziemlich gleicher Gestalt erzeugt worden sein soll und sehr fruchtbar ist. Die größten Schweine in ganz Großbritannien, die fast so schwer werden wie ein fetter Sussexochs, gibt die Nudgcwickracc. Das berkshirer Schwein liefert das beste und feinste Rauchfleisch. Sehr geschäht ist auch ein Bastard des Schweins von Essex und Hertford. Die dishlcyer Schweine, von Bakcwcll wahrscheinlich aus der Verbindung der berkshirer mit der chines. Race hcrvorgcbracht, sind überaus fein von Knochen und wohlschmeckend. Federvieh wird von den großen Landwirthen Englands fast nur zu ihrem Bedürfnis gezogen, daher man auch in der Nähe der ländlichen Wohnungen nur selten solches erblickt und die Tafeln der Londoner zum großen Theil aus Frankreich damit versehen werden müssen. Am gewöhnlichsten kommen vor Truthähne, Gänse und Enten, welche sämmtlich gemästet werden. Kaninchen hält man in großer Menge in besondcrn Gehegen, so- wol ihres Fleisches als ihres Fells halber. Solche Gehege kommen namentlich auf dem werth- losen Sandlande in mehren der südlichen und Mittlern Grafschaften vor. Vgl. „Darstellung der Landwirthschast Großbritanniens" (deutsch von Schweizer, 2 Bde., Lpz. 1838—3N). Englische Pferde (klooci-knrses, ckovaux eis race). Obschvn die Pferdezucht in ganz England gleich blühend ist und man keinen Unterschied in der Güte der Pferde nach den Provinzen kennt, so unterscheidet man doch drei verschiedene Nacen, von denen die beiden ersten sich nicht mit Vortheil vermischen lassen, die dritte aber, eine veredelte Race, die vorzugsweise sogenannten engl. Pferde begreift. Zu der ersten Race, welche in England einheimisch zu sein scheint, gehören die ohne besondere Sorgfalt in den Gebirgsländern Corn- wallis, Devonshire und Schottland gezogenen Pferde, die unermüdlich und sichere Bergläu- fer sind. Die zweite Race umfaßt die Zug- und Last- oder Karrcnpferde, die, wahrscheinlich flandrischen Ursprungs, durch sorgfältige Zucht sehr vervollkommnet sind und vorzugsweise aus den Grafschaften Jork und Lincoln kommen. Die dritte Race, die zahlreichste, die sogenannten Vollblutspferde, ursprünglich arab. Abkunft, durch Züchtung zu verschiedenartiger Benutzung, namentlich zu Wettrennen (s. d.) sehr abgeändert, begreift alle Jagd-, Reit-, Kutsch- und Cavaleriepferde. Die schönsten darunter, was Ebenmaß und Gestalt betrifft, sind -die sogenannten Nenner (race Korsos, ckevoux eis course), die, zum Reiten weniger bequem, fast allein zum Wettlauf gebraucht und daran schon mit l8 Monaten oder höchstens zwei Jahren gewöhnt werden. Die Renner gehören in der Regel zu den ganz rein gezogenen Pferden, welche durch acht Generationen in der Familie fortgezüchtet sind. Die nicht ganz rein gezogenen Pferde der dritten Race nennt man, je nachdem sie auf einer hö- hern oder niedern Stufe der Verbesserung stehen, Viertel-, Halbe-, Dreiviertcl-Blutpftrdc. Auch unter ihnen finden sich noch sehr gute Nenner, am meisten aber sind sie geschätzt als Jagdpferde (Hunters, Kunting Korsos), und zwar um so höher, je sicherer und leichter sie auf ungleichem Boden anhaltend lange laufen oder, wie man sagt, einen guten Wind haben und über Gräben und Hecken setzen. Ebenso wählt man zu Reitpferden (ssckclie-korsos) nicht die schönsten sondern die sichersten und bequemsten. Die zur Jagd und zum Reiten nicht mehr tauglichen Nenner braucht man als Vorderpferde bei den Postkutschen (couck-korses, stoge-korses). Zu den Deichselpferden nimmt man gewöhnlich starkgebaute Zugpferde. Andere Pferde, die xooies, Fallovv»)» u. s. w., braucht man zum Reiten und als Einspän- 748 Englischer Schweiß Englische Sprache und Literatur ^ ncr, auch gewöhnlich als Reitpferde für Frauen und Kinder. Die meisten engl. Pferde wer- ' den verhältnißmäßig nach Frankreich ausgeführt; doch ist der Handel keineswegs bedeutend. Englischer Schweiß nannte man eine Krankheit, die zuerst im I. 1485 in England nach der Schlacht bei Bosworth ausbrach und neben andern sehr bösartigen Symptomen mit einem starken, die Kräfte raubenden Schweiße begann. Sie entschied sich meist in einem bis zwei Tagen und ergriff hauptsächlich junge, starke Individuen aus den höhern Ständen. Obschon sie an einem Orte nur sehr kurze Zeit, etwa eine biß zwei Wochen, austrat, st stürzte sie doch überall eine große Zahl Menschen, in einigen Städten die Hälfte, in andern ' ein Drittheil der Bewohner, ins Grab. Gelinde Beförderung des Schweißes und Erhebung der Kräfte schienen die einzigen Mittel zu sein, von denen sich ein guter Erfolg erwarten ließ. Im I. 1506 und 1517 kehrte diese Epidemie wieder, blieb aber beide Male aus die Grenzen Englands beschränkt, indem sie nicht einmal Irland und Schottland ergriff. Mit erneuter Heftigkeit trat sie in England im I. 1528 auf und ging dann im folgenden Jahre nach Deutschland, Holland, Skandinavien und Polen über, wo sie ebenfalls überall viele Menschen hinraffte. Zum letzten Male erschien sie 1551 in England. Die Ursachen, denen diese mörderische Krankheit ihre Entstehung verdankte, waren atmosphärischer und klimatischer Natur. Vgl. Hecker, „Der englische Schweiß" sBerl. 183-1). Englische Sprache und Literatur. Ehe die engl. Sprache wurde, was sie ist, hatte sie Phasen zu durchlaufen, deren keine spurlos geblieben. Urbestandthcile des Altbritannischen, Keltischen oder Galischen bilden noch gegenwärtig die unwesentlich unterschiedenen Idiome, die von den Bewohnern des Fürstenthums.Wales und der Grafschaft Cornwall, in den schot. Hochlanden und in einigen Theilcn Irlands geredet werden. Durch die Invasion der Römer wurde die Ursprache nur insofern beeinträchtigt, als jene in die Gerichtsverhandlungen wie ihr Recht, so ihre Sprache einführten. Dieses änderte sich mit der Einwanderung der Angelsachsen (s. d.) um -150, denn was das Englische vom Römischen noch hat, ist ihm später aus Frankreich angeflogen, das Alphabet und die Buchstaben abgerechnet, welche aus röm. Zeit datiren. Aber die Angelsachsen drängten Volk und Sprache in die Hochgebirge und machten ihre Sprache zum Landesgebrauch, die am durch Augustinus (s. d.) seit Ende des 6. Jahrh. eingeführten Christenthum eine Stühe fand. Das Angelsächsische wurde nun Kirchensprache, in ihr die Bibel übersetzt und nach dieser in den Schulen zu Westminstcr, Worcesier und Jork gelehrt. Die Einfälle der Dänen um 780 brachten keine neue Sprache, nur neue, dem Angelsächsischen überdies verwandte Worte. Dann kamen im Z. 1066 Normannen und erhoben durch die Gewalt des Schwerts die franz. Sprache zur Hof-, Gerichts - und Geschäftssprache; im Munde dcsVolks aberherrschte das Angelsächsische fort. Nachdem während der folgenden drei Jahrhunderte beide Sprachen zu der heutigen englischen verschmolzen waren und Eduard III., 1327—77, die letztere ! zur Hof- und Landessprache erklärt hatte, zeigte sich der Triumph des Volks in der Über- ! lcgenheit des angelsächs. Elements. Die Ausbildung der Sprache schritt rasch vorwärts; sie ' nahm, was sie brauchte und wo sie es fand. Für den Ausdruck neuer Ideen bereicherte sie > sich aus Frankreich und Italien, in Kunst und Wissenschaft aus Griechenland, für Handel und Gewerbe aus allen Weltteilen. So wurde sie eine der reichsten Sprachen und durch ^ Dichter und Redner, durch Schriftsteller und Künstler zugleich eine der gebildetsten und durch die Kraft des engl. Nationalsinns eine der kräftigsten. Fast ebenso biegsam, obschon weniger universell als die griech. und deutsche, aber beiweitem einfacher in der Wortfügung, die leichteste im grammatischen Bau und wol die schwierigste in der Aussprache, hat sie zwar kein Anrecht auf besonder« Wohlklang, klingt jedoch gut, wenn sie richtig und mit Wahl gesprochen wird. Das Richtige ist zugleich die Schriftsprache, und die reinste Mundart spricht man in London und Dublin. Von dieser gibt es indeß beinahe ebenso viele Abweichungen als engl, und irische Grafschaften, und überall ein Volkspatois. Außer eigenen, mitunter ganz angcl- i sachs. Worten sprechen die Schotten breit; die Hauptvcrschiedenhcit aber zwischen dem nord- amerik. Englisch und dem des Mutterlandes beruht nicht allein in der minder zierlichen Aussprache, sondern in geradezu wider den Geist des Idioms verstoßenden Ausdrucksformen. Nur in den wenigsten Fällen an die Entscheidung fester Regeln gebunden, schwankt die Aussprache sogar in London und Dublin und wechselt oft wie eine Mode. Es mag dann un- Englische Sprache und Literatur 749 fashionable sein, die Mrde zu vernachlässigen, aber im Widerspruche mit ihr wird John Walker's „UronoimcmF llictionsr)-" (33. Ausi., Lond. 1839) stets für eine rechtfertigende Autorität erkannt. Dieser folgt auch Flügel in seinem „Vollständigen engl.-deutschen Wör- tcrbuche", dem besten bisher erschienenen (3. Aust., Lpz. 1834), welchem Sporschil den deutsch-engl. Theil (2. Aust., Lpz. I838) hinzugefügt hat. Außerdem ist noch Kaltschmidt's „Wörterbuch der engl, und der deutschen Sprache" (2 Bde., Lpz. >837) zu erwähnen. Neben den diesen beiden Wörterbüchern Vorgesetzten Sprachlehren sind die von Wagner (2 Bde., 3. Aust., Braunschw. 1823), von Flügel (Lpz. 1824) und Cobbett (2. Aust., bearbeitet von Kaltschmidt, Lpz. 1839) und von Lloyd (6. Aust., Hamb. 1841) als die besten anzuführen. Arm wie die engl. Literatur in den dunkeln Tagen vor und während der röm. Invasion mit Bruchstücken aus Gesängen waliserDichter beginnt, ist sie doch schon in der angelsächsischen bis zur Ankunft der Normannen sich erstreckenden Periode reicher, als bisher bekannt gewesen. Der diesen Zeitraum umfassende, von Thom. Wright besorgte erste Band der von der Rovsl Society okliteraturo in London unternommenen „UioFraphia britsnmcs literaris" (Lond. 1842) weist hinlänglich nach, daß es damals neben der Übersetzung der Bibel und geistlicher Bücher andere literarische Leistungen gegeben hat als das Lied von Beowulf, das Fragment ausJudith, Ceadmon's „Paraphrase der Genesis", Bed a's(s.d.), Duncan's und König Alfre d's (s. d.) Schriften, die angclsächs. Chronik und Wulfstan's Reisebeschreibung. (S. Angelsachsen.) Wie dann unter den Normannen die franz. Sprache dem Hofe, die angclsächs. dem Volke gehörte, so schied sich auch diePoesie. Am Hofe galten die tronveres, der Dichtkunst gelernte Meister, und diesoiiFleiirs, der Gedichte kundige Sänger, sangen nordfranz. Rittergedichte und Fabliaux. Das Volk behielt seine wandernden Minstrels und mit ihnen seine heimatlichen Heldensagen und Balladen. Gesammelt wurden dieselben von Nitson, „bingchsk metrical romances" (2 Bde., Lond. 1802), Ewans, „Oill bl,Halls" (4 Bde., Lond. 1810), Ellis, „8;,eeimens ok earl) englisll metricsi romances" (3 Bde., Lond. 1811) und Percy, „Uelicjiies ok »ncieut englisü poetr)" (3 Bde., Lond. 1812). Wie hierauf beide Sprachen zur heutigen englischen, so vereinigten sich die beiden dichterischen Elemente zur engl. Nationalpoesie. Geoffrey Chaucer (s. d.), 1328—1400, ihr erster Repräsentant, heißt deshalb gemeinhin der Vater der engl. Poesie. Doch dichtete er mehr für den Hof im Hoftone als für das Volk im Volksgeschmackc. Die nächsten namhaften Dichter waren Wyat und Surrey (s. d.), Borde und Heywood, Sackville und Tye. Bedeutender war Sp enser(s.d.) in seinem „8tieplierll's cslenllsr"und der^air^gueen", gegen das Ende des 16. Jahrh. Um dieselbe Zeit strat Shakspeare (s.d.) auf. Von ihm bis auf Milton (s. d.) verdient nur Cowley' s (s. d.) schwermüthige „vavilleis" der Er- wahnung. Dagegen gilt Milton's „?e>ralli-e lost", ein religiöses Epos, selbst im Lehrtone voll lyrischer Kraft und Wärme, der engl. Poesie für ein unerreichtes Meisterwerk; minder klassisch ist sein „ksrallise regaiimll". Ihm folgte Dryden (s.d.)an der Spitze einer neuen Dichterreihe, am vorzüglichsten in der Erzählung und Satire, fein, zart und reizbar, daher scharf und verletzend, Vers und Sprache meist volltönend und glatt. Witziger, correcter und zierlicher erscheint Pope (s. d.) in Ode und Hymne, Elegie und Idylle, Satire und Epigramm. Neben ihm stehen der durchgebildete Addison (s. d.), der heitere Fabeldichter Gay (s. d.), der Naturmaler Thomson (s. d.), der sarkastisch-humoristische Swift (s. d.), der religiös-feierliche Aoung(s d.)und die gemüthlichen schot.Volkssänger Namsay(s.d.) und Bruce. Um die Mitte bis gegen das Ende des 18. Jahrh. blühten der Lehrdichter Akenside (s. d.), der Elegiker Thom. Gray (s. d.), der geistreiche Goldsmith (s. d.), der humoristische Armstrong, der Lyriker Pcnroseund der geniale Burns (s.d.). Während dieser ganzen Zeit, von Elisabeth bis auf den ersten Georg, hatten nur das Epos und das Drama auf ihrer Höhe gestanden. Die romantischen Rittergedichte wurden zur Prosa erniedrigt, die Balladenpoesie war nach Schottland geflüchtet. An die Stelle der Phantasie und der Begeisterung waren nüchterner Verstand und oft schaler Witz getreten. Der mit den Stuarts nach England gekommene franz. Einfluß feilte die Poesie, erhob aber die Form über das Wesen, verspottete die Religion und schändete die Sittlichkeit. Dem 19. Jahrh. gelang cs, die Phantasie in ihre Rechte zurückzuführen, Form und Wesen zu verschwistern und di- Fesseln der franz. Schule abzustreifen. Es erfolgte ein neues Aufleben der Vater» 750 Englische Sprache und Literatur ländischen Dichtkunst, daß man vielleicht mit Unrecht in die Schranken zweier Richtungen gewiesen, der nach dem Romantischen und nach dem Sentimentalen; Byron (s. d.), Thom. Moore (s. d.) und Shelley (s. d.) waren die Träger der crstern. Wordsworth(s. d.), Coleridge (s. d.), Southey (s. d.) und John Wilson (s. d.) die Stützen der letzter». Byron's gewaltiger Dichtergeist bekundete sich in seinem „Cbibls klsrobi", Moore's zarte Melodie in „I^sIIs Roolcb", Shelley s stürmische Leidenschaft in seinen für die Bühne nicht geeigneten Tragödien. Wordsworth, der Sänger lyrischer Balladen und des leichten Liedes, war bei aller Einfachheit in Gedanken und Ausdruck ein reiches, tiefes, in Deutschland oft , misverstandenes Dichtergemüth, doch auch tändelnd mit seinem Gefühl und nicht immer Herr der Phantasie; Coleridge, der Kenner des Menschenherzens, nur oft zu wohl gefällig in Schilderung des Furchtbaren, es zur Abenteuerlichkeit ausmalend; Southey, minder poetischen Geistes, ein glücklicher Erzähler ruhiger Naturscenen und einfacher Phantasiegebilde, doch auch Flitter für Gold nehmend; Wilson, trefflich im beschreibenden Gedichte, zu welchem er den Stoff am liebsten aus den Gefühlen des Volks wählte. Den so vertretenen Richtungen schloffen andere namenswerthe Dichter sich bald mehr, bald weniger an. Zu den Romantikern gehört Walter Scott (s.d.), der Sänger des Nitterthums, in seinem „I.sv ol tbs Isst minstrel", zu den Sentimentalen Thom. Campbell (s.d.), in seinen viel gelesene» „Llsssnres ok dope". Außerdem verdienen Erwähnung George Crabbe (s.d.), Sani. Rogers (s. d.), Leigh Hunt (s. d.), Barry Cornwall (s Proctor), Bernard Barton, James Montgomery, Pollock, John Cläre (s. d.), James Hogg (s.d.), der Schäfer von Ettrick, AllanCunningHam (s.d.), Watts, Hervcy, William Howith, Hood, Elliott („Poems", 1835), Drimer („blsi'obl lleöurnn", 1835), Willis (,MeI->nis !»n> otber poems", 1835), Nicoll („Poems »nck Izrics", 1836), Chester (,,'pke ok tbe Lllen", 1836), der Naturdichter Crocker („liingle)- Vsle", 1837), Herbert, von wel- ^ chcm das schöne Epos „Attila" (1 838), Morris („IHru urbsmcs", 1830), Bulwer („dir» »ml otber poems", 1812), Powell („Poems", 1832), Felicia H emans (s. d.), Laetitia Landon (,,'1'be von os tke pescoclc »Ntl otber pnems", 1835), Emmcline Wortley, Louisa j Twamlcy, Eliza Cook, Elizabeth Barrett (,,'I'be 8er»pbim", l 830) und Mary Chalenor . („6rsz , s biülsck, Slnl otber Poems", 1833). über die dramatischen Dichter s. Englisches Theater. Später als die Poesie bildete sich die engl. Prosa. Die Übersetzung der Bibel und einiger griech. und röm. Clafsiker war der Keim, aus welchem sie zur Reife und Schönheit sich entwickelte. Das begann jedoch nicht vor der Mitte des 16. Jahrh., und die Geschichtschreiber Sam. Daniel (s. d.) und Walter Raleigh (s. d.) dürfen als die Ersten zu betrachten sein, die sich über den Chronistenstil erhoben. Eine Stufe höher stiegen Habingdon und Milton (s. d.) in ihren historischen Werken, Phil. Sidncy (s. d.) in seinen Abhandlungen und Hobbes (s. d.) in seinen philosophischen Schriften. Weitere Schritte thaten > gegen Ende des >7. Jahrh. der Kanzelredner Ti llotso n (s. d.), der politische Schriftsteller ! Will. Temple (s. d.), der Philosoph Locke (s. d.) und der geistreiche Shaftesbury (s.d.) in seinen durch Witz und Phantasie belebten philosophischen Forschungen. Viel geschah dann durch die zu Anfang des 18. Jahrh. entstandenen Wochenschriften, den „ll'atler" (1709), § „8pectator" (1711) und „Ousrciisn" (1713). Nicht minder fördernd wirkten John- son (s. d.), Moore (s. d.), Hawkesworth, Keiner jedoch nachdrücklicher als Addison (s. d.), wie durch seine eigenen, so durch Überwachung der Aufsätze Anderer im „8pectst«r". Bald erhielt jeder Stil seinen Bildner; der satirische in Swift (s. d.), der didaktische in Hutche- son (s. d.), John Brown (s. d.) und Adam Smith (s. d.), der briefliche in Lady Mon- tague (s. d.), Chesterfield (s. d.) und Junius (s. d.), der des Romans in Richard- son (s. d.), Fielding (s. d.), Sterne (s. d.), Smollet (s. d.) und Goldsmith (s. d.), der kritische in Sam. Johnson (s. d.), der historische in Hume (s. d.), Robertson (s. d.) und Gibbon (s. d.). Edmund Burke (s. d.) gab in seinen politischen Schriften vollendete j Muster einer klassischen Sprache. Die neuere und neueste Zeit hat hier wenig oder nichts geändert. Carlyle' s (s. d.) deutsch-engl. Stil ist eine barocke Erscheinung, die weder Beifall noch Nachahmer findet, und das Einmischen fremder, vorzüglich franz. Worte und Phra- ^ ! Englische Sprache und Literatur 751 ! ftn beschränkt sich meist auf den Roman und ist eine aus der fashionablen Conversation in j die Schrift übergegangene Unart, die keinen Bestand gewinnen wird. ' Insoweit die engl. Literatur durch Schrift festgehalten und diese Schrift Prosa ist, knüpft sich ihr Anfang an die von Will. Caxton (s.d.) mittels seiner um 1473 nach London gebrachten und in Westminster errichteten Buchdruckerei vervielfältigte Übersetzung der I Bibel, mythisch-religiöser Werke und einiger alter Classiker. Wenn aber die Zeit, in welche dieser Anfang fällt, "die Zeit eines dreißigjährigen Kampfs zwischen den Häusern Jork und , Lancaster, derErweckung des Sinns für Literatur und damit dem Anbau derselben im höchsten / Grade ungünstig war, so bereitete sie dagegen das Feld herrlich zum Anbau vor durch die i Erstarkung des Bürgergcistcs, nachdem der größte Theil des normannischen Adels unter- § legen. Denn dieser Bürgergeist war es, welchem die engl. Literatur ihre cigenthümlichc Bil- > düng und die literarische Welt eins ihrer reichsten Besitzthümer zu danken hat. Die Staats- j bcredtsamkeit einführend, welche bis gegen Ende des I 8. Iahrh. England allein kannte, zeigte ! er seinen Einfluß auf die Nationalliteratur zuerst unter der Königin Elisabeth, 1558— I I 663, und es begann für solche unter ihr ein neuer Zeitraum, welcher ihren Namen trägt ^ (bllirobstkli,,, ügn). Philosophie, Mathematik und Geschichte wurden mit Eifer getrieben ' und durch Sammlungen bereichert, jedes wissenschaftliche Streben, das für das gewerbliche Leben von Gewicht war, sorgsam gepflegt. Vgl. Gray, „klistorical sbctcb «k tim nrigi» ok ' cu^b'sb „rose litersturs and ok its jirogress tili tbe reign ok llsmes l" (Land. 1835). ^ Diese Richtung erhielt sich auch im >7. Iahrh.; allerdings hinderten der Bürgerkrieg unter s Karl I., der Sieg der Puritaner und Cromwell's zehnjährige Herrschaft die Kunst und ^ Wissenschaft am Fortschreitcn; allein zugleich wurde dadurch die Kraft der Gesinnung des Volks gemehrt, aus welcher der gesicherte Nechtszustand hervorging, den cs sich aus der Revolution von 1688 gewann. Frei bewegte sich von nun an das geistige Leben der Nation, denn selbst der stanz. Einfluß,, der es eine Zeit lang bedrohte, ließ den innern Kern der engl. Literatur unversehrt. Das 10. Iahrh. blieb nicht zurück. Von ihm datirt die für die Literatur sehr wichtige, in die Öffentlichkeit hinausgetretene Wirksamkeit der theils durch Unterstützung Seiten der Negierung, theils von Privaten allein gestifteten Vereine zu Föde- runa der Künste und Wissenschaften. Die Ro^sl societ)' in London gibt jährlich ibre Denkschriften heraus „Ubilnsojikic-d transactions"; ebenso der gleichnamige Verein in Edinburg, der aus zwei Classcn besteht, der physikalischen und der literarischen. Dasselbe thun bald mehr, bald weniger die wissenschaftlichen Vereine neuester Stiftung, namentlich die Werner'sche naturhistorische Gesellschaft zu London, die geologische und naturforschende zu Cambridge, die Gartenbaugcsellschaften zu London und Edinburg, die naturgeschichtliche zu Glasgow, die Linnessche, cntomologische, zoologische, astronomische, geographische und Baukunstgesellschaft zu London. Hierzu kommen die in londoner Privatvereinen über verschiedene Zweige der Wissenschaften gehaltenen und veröffentlichten Vorlesungen; so die der institutinn mittels der eigenen Zeitschrift „llonrnal »k Science, literuture and tbe arts"; ferner die der London institntion und der koyal societ)- ok litersturs, welche letztere außerdem Ehrcnmünzen und Jahresrcntcn verleiht; dann die von der Society kor tbe dik- snsinn ok usetn! lenonIedAe herausgegebenen, für das Volk bestimmten und seinem Fassungsvermögen angepaßten Schriften über Mathematik, Naturwissenschaften, Technologie, Geschichte u. s.w. unter dem Eesammttitel „Inbrsi-y ok usekui Knowledge"; endlich die in eigenen Werken erscheinenden Leistungen der „kritisb sssociation kor tbe advaneement ok science", vielleicht nicht im Verhältnisse zu ihren reichen Mitteln, doch immer ein großartiger Beitrag zur Cultur der Wissenschaft. Hieran schließt sich die gestiegene Thätigkeit der gelehrten Zeitschriften, besonders der kritischen, die zugleich durch strenges Augenmerk auf die Form der Darstellung bei Beurtheilung wissenschaftlicher Werke allgemeine Verbreitung eines gebildeten prosaischen Stils bezwecken. Und mehr oder weniger sind alle engl. Zeitschriften gelehrten und kritisirenden Inhalts. Nein belletristische Zeitschriften kennt die engl. Literatur nicht. Zu den geachtetsten und bedeutendsten gehören gegenwärtig vor Allen das „Ldioburgk revieve" und das in London als Nebenbuhler ausgetretene „tzusrterly rs- v'b", jenes in seinen politischen Ansichten und Bestrebungen Whig und liberal, dieses Tory und ultraconscrvativ. Übrigens sind beide scharfe und strenge, aber kenntnißreiche Kritiker/ 752 Englische Sprache und Literatur vorzüglich im Gebiete der Staatswissenschaften sich ergehend, und ausgezeichnete Stilisten. Inmitten beider steht das jüngere „VVestmiuster rsvisw", einigermaßen ein Organ des Flinte Milien, mit Kraft und Erfolg nach Gediegenheit strebend. Das „bni-eign sncl cnlo- nisl guurterle^ revie>v" ist ein gewandter Interpret der ausländischen Literatur und ein gutuntcrrichteter Erzähler von Colonialangelegenheiten. Mehr Berichterstatter als Kritiker, aber reich an wissenschaftlichen und Kunstnotizen vom In- und Auslande sind die Wochenschriften ,,'1'be litersr^ Anette" und „Hl« .^tbcnseum". Nur Auszüge, jedoch meist aus tüchtigen, wegen ihres hohen Preises Vielen unerreichbaren Werken bringt wöchentlich der seit Jahren mit Glück redigirte,Mirror". Erst die jüngsten religiösen und kirchlichen Wirren haben „l'be cburcb ok LnFlsnä cpisrteiH revisvv" ins Dasein gerufen. Dasselbe vertritt die Interessen der Staatskirche gegen den Katholicismns und den diesem sich zuneigendcn Puseyismus und hat unter seinen Mitarbeitern erlesene, von Kopf bis zur Zehe gepanzerte Streiter. Den Reihen der lllsgsrines, Monatschriften vermischten Inhalts, führt als ältestes „l'be Oentlemans msj-arine", eine Art Autorität in Sachen der Alterthumskunde. Das „Kontklx msAsrine" ist trotz entschiedener Farbe in Politik und Religion freisinnig und ehrlich Sein ehemaliger Gegner, jetzt friedlicher Genosse, „l'be new montbl^ msgsrine" unterhält durch Reichthum und Mannichfaltigkeit. Ein gleiches Ziel verfolgt „l'be Metropolitan ma- As-üae". Höher steht Blackwood's„iü6inburgb msFa 2 M 6 ", gewichtig in seinen Kritiken, Tory in seinen politischen Grundsätzen, Kenner und scharfer Beurtheiler der deutschen Literatur. Fast Alles in sein Bereich ziehend, bespricht Fraser's „lllsFsrine kor town snü countr;" Geschichte und Dramaturgie, Poesie und Satire, Politik und theologische Zänkereien, selten Parteilichkeit verrathend, meist vom weltbürgerlichen Standpunkte. Für specielle wissenschaftliche Zwecke und darin bisweilen meisterhaft sind Fisher's „Oolomsl msgsrine", Free- mason's „Huarterl^ review", „l'be »lütecl Service msAgrine", „l'be lancet" und „l'be veterinsrisn^. Beachtung verdient auch das seit Oct. 184 3 erscheinende Chapman's„Weelcl> msgarine". Übersichten aller im engl. Buchhandel erscheinenden Werke mit oft vortrefflichen, wenigstens immer ein sicheres Anhalten gewährenden kritischen Bemerkungen in Journalform bringen jährlich „l'be snnusl regster" und„l'be new snnusl register", beide nur im kritischen Theile voneinander abweichend. Aus ihnen lassen die kaum unter der Presse hervorgezogenen, auch schon Supplemente erfodernden Encyklopädien sich am schnellsten und richtigsten ergänzen. Werke so nützlicher, jetzt unentbehrlicher Art fehlen nicht und werden ununterbrochen fortgesetzt. Aus älterer Zeit ist zu erwähnen „Universal engüsk llictio- nsr^ ok srts snck Sciences" von Harris, dann Chambers, zuletzt Rees (9 Bde., Lond. 1794 —86), aus neuerer und neuester Zeit „l'be englisb enc^clopeclis" (19 Bde., Lond. 1899); „l'be c^c!opeclis"(39Bde., Lond. 1892—29), Smedley's „Lnc^clopeciis Metropolitans, vr universal cliotionsrzf ok Irnowlecigs" (14 Bde., Lond. 1829 — 32), Lardner's „(lsbinet c^clopeckia" (133 Bde., Lond. 1830—33), Blackie's „?opulsr enc^clopeclis" (5 Bde., Edinb. 1835), Brcwster's „Lllinburgk encxclopeüis" (24 Bde., Edinb. 1819—39) und die „Lnc)'clope<1ia britsnnics", von Tytler angefangen, von Napier fortgesetzt (31 Bde., Edinb. 1771 —1842). An den mehrsten der in diesen Speichern wissenschaftlicher Leistungen zusammengetragenen Zweigen der Literatur blühen gefeierte Namen. Ernste philologische Studien, im Griechischen und Lateinischen, machten sich seit dem 16. Jahrh. in England bemerkbar und haben mitunter glänzende Resultate geliefert aus den Federn eines Maittaire (s. d.), Toup, B arker (s. d.), Baxter, Bentley (s. d.), Gatacker, Gale, Hudson, Creech, Wakefield, Daves, Pearce, Hearne, Masse, Barnes, Clarke, Johnson, Upton, Heath, Musgrave, Tyrwhitt, Porson (s. d.), Butler, Blomfield (s.d.), Gaisford, Dobree, Monk, Elmsley, Knight und Arnold, der besonders für Thucydides Vorzügliches geleistet hat. Auch in England hat man in neuester Zeit angefangen, die Alterthumswissenschaften mit weiser Benutzung deutscher Forschungen nach einer mehr allseitigen Richtung zu betreiben und zu bearbeiten. Aber besonders dankenswerthe Gaben schuldet den Engländern das in der neuern Zeit angeregte Studium der oriental. Sprachen, Swinton im Pal- Myrenischen und Phönizischcn; Wilkins, Woide, Pearson und Taltam im Koptischen; Chan- ning, White, Jones, Davy und Lee im Arabischen; Glad«in,Lumsdcn, Richardson, Wilkins, Price und Stewart im Persischen; Marsden im Malaiischen; Morrison, Davis, Thoms und Englische Sprache und Literatur 753 Staunten im Chinesischen; Colcbrooke, Carcy, Wilson, Haughton, Morton, Shakspcarr, Michael, Anderson, Campbell, Morris, Kennedy und Callaway im Sanskrit und in den ind.Sprachen überhaupt. (S. Orientalische Literatur.) — Die durchaus praktische Richtung des engl. Nationalcharakters gibt sich am meisten kund in der Bearbeitung der Philo so p h i e, die ihrer Natur nach ohne beharrliche Vertiefung in die Welt der Gedanken zu keiner bedeutenden Höhe gelangen kann. Die wissenschaftliche Cultur, welche sich in England und Schottland auch nach dem Untergange der Cultur noch lange hielt, wurde im8.und9.Jahrh. durch König Alfred gefördert, und mehre berühmte Gelehrte am fränkischen Hofe, wieAlcuin (s. d.) und später Erigena (s. d.) Scotus, kamen aus England dahin. Auch in der scholastischen Zeit zeichneten sich mehre Engländer als philosophische Theologen aus, so namentlich Anselm von Canterbury (s. d.), Nob. Pulleyn, Joh. von Salisbury, später Alexander »onHales (s. d.), Joh. Duns (s. d.) Scotus, Wilh. von Occam ss. d.), Joh. Buridan (s. d.) und der originelle Roger Baco (s. d.). Nach Wiederherstellung der classischcn Studien gabBacon (s. d.) von Verulam der wissenschaftlichen Forschung eine neue Richtung; er betrat die Bahn, welche nach ihm die Engländer fort und fort verfolgten. In Oxford herrschte noch Scholastik, in Cambridge Neuplatonismus; Thom. Eale verschmolz sie 1677 mit Theologie und Henry More, gest. 1687, mit Kabbala; Neuplatoniker war Cud- worth (s. d.); Hobbes (s. d.) wendete sich besonders zu Staatsrecht und Politik und hatte Algernon Sidney (s. d.) und Jam. Harrington (s. d.) zu Gegnern. Alles strebte nach Empirismus, als L o ckc (s. d.) auftrat. Er gab den Forschungen über die letzten Gründe der menschlichen Erkenntniß unter seinen Landsleuten eine bestimmte Richtung, die den Sensualismus fester begründete und während des 18.Jahrh. dem Materialismus und Skepticis- mus Eingang bereitete, sodaß die von Locke's Schule und selbst von Newton in ihrer wissenschaftlichen Würde verkannte Metaphysik völlig zurückgeseht wurde. Berkeley's (s. d.) Idealismus war eine vorübergehende Erscheinung. Dagegen suchten engl, und schot. Moralphilosophen und Theologen, z. B. Sam. Clarke (s. d.), Fr. Hutcheson, Ad. Smith, Rich. Price, Ad. Ferguson Religion und Sittenlehre gegen Materialismus und Freigeisterei zu retten. Gegen Hume's Skepticismus traten die Schotten J.Beattie, I. Oswald und Thom. Neid (s. d.) auf, der in seinem Versuche, die Gesetze des erkennenden Geistes zu erforschen, die Seelenthätigkeiten auf wenige, einfache, durch Thatsachen erkannte Gesetze zurückführt, deren Untersuchung in einer allgemeinen Thatsache endigt, die keine weitere Erörterung zuläßt, als daß es eben unserer Natureinrichtung so gemäß ist, und der daher die letzten Gründe unsers Glaubens an das Dasein einer Außenwelt in einem instinctartigen Gemeinsinne findet. Alle spekulative Philosophen Englands sind zu einer der beiden von Locke und Neid gestifteten Schulen zu zählen. Das System des Letztem erhielt unter dem Namen der schot. Metaphysik, namentlich in Schottland, durch Dugald Stewart (s. d.) eine weitere Verbreitung. Die engl. Metaphysiker folgten meist der Lehre des in Locke's Fußtapfen getretenen Ha rtley (s. d.). Kant's Lehre fand in England bis auf die neueste Zeit, wo 1838 die „Kritik der reinen Vernunft" von einem Ungenannten und 1836 die „Metaphysik der Sit- ten" von K. Semple ins Englische überseht worden ist, gar wenig Eingang; noch weniger haben die nachfolgenden spekulativen Systeme einen irgendwie bedeutenden Einfluß in England gewonnen. In der Moralphilosophie ging man in neuern Zeiten nicht auf die höchsten Gründe der Sittlichkeit zurück, sondern hielt sich auch hier in dem psychologischen Ersahrungs- kreise, so namentlich Palcy, Gisborne, Abercrombie und Mackintosh. Die philosophische Geschmackslehrc (pbilosopkz? ok critieism) verließ ebenfalls nicht diesen Kreis psychologischer Untersuchungen, weder bei Knight noch bei Alison und Beattie; nur Dugald Stewart ging auf tiefere Gründe ein. Von den Forschungen der Deutschen über Geschichte der Philosophie ist durch die Übersetzungen von Tennemann's „Grundriß" und Nitter's „Geschichte der Philosophie" einige Kunde nach England gedrungen. — Noch weniger als in der Philosophie haben sich engl. Gelehrte durch wissenschaftliche Arbeiten in der Th eologie in Masse ausgezeichnet. Doch gibt es vortreffliche Predigtsammlungen, „Sermons", und zwar ältere von Tillotson (s. d.), Sherlock, Secker, Jortin, Sterne, White und Blair (s. d.), neuere von Haverfield, Howel, Evans und Sewell. Bemerkung verdienen auch, schon um des Verfas- Conv.-Lex. Neunte Aufl. IV. 48 75L Englische Sprache und Literatur ftrS willen Brougham's „Discourse on natural tlicolo^" (Lond. 1835) und Paley's „Natural tlieolo^" (neue Ausg. von Brougham und Bell, Land. 1836). — Die Rechts gelehrsam ke kt beschränkt sich in England so sehr auf Kenntnis des einheimischen Rechts, und dieses besteht so ausschließend in der parlamentarischen Gesetzgebung und definitiven Entscheidung einzelner Rechtsfälle (Präjudicien), daß die juristische Literatur kaum der Wissenschaft angehört, wenigstens meist auf Gesetzsammlungen, specielle Rechtsfragen und Angabe praktischer Hülfsmittel zurückkommt. Eine anerkannt werthvolle Ausnahme macht das Werk von Wills „On tk« rationale ok circumstantial eviäence" (Lond. 1838). — Die Me di ein fängt erst neuerlich an, und zwar seit der 1832 begonnenen „O^clopeäia ok practica! meäicine", sich vom wissenschaftlichen Standpunkte aus zu bewegen. Bis dahin hielt sie sich .an den praktischen. Diesen nehmen daher auch die ältern Schriften der berühmtesten engl. Ärzte ein, wie Abercrombie und Gooch, und Dasselbe ist der Fall mit den spätem Schriften der geachtetsten Wundärzte, Abernethy (s. d.), Cooper (s. d.) und Brodie. Dagegen verfolgen die neue Richtung Grant („komparative anatomx", Lond. 1835), Rostock („llirtor^ okweäiciae",Lond. 1835), Clark („Dreatise on pulmonary consumption", Lond. 1835), Copland („Dictionary ok practica! meäicine", Lond. 1835), Todd („ki>- clopeäia ok sostom^ anä pli^sioloxx", Lond. 1835), Scudamore (,,1'ke goiit", Lond. 1835), Combe(,,?ii)-8iolog)' okäigestion", Lond. 1836), Johnson („Lconom^ okkesltli", Lond. 1836), Millengen („Ouriosities ok meäical experience", Lond. 1837)^ und Verith („Olianges procluceä in tlie nervouz System civilisation", Lond. 1839). — Unter den Staatswissenschaften sind vorzüglich Nationalökonomie und StaatSwirthschaftslehre von Adam Smith (s. d.), Ricardo, Malthus (s. d.) und Mac Culloch (s. d.) ausge- bildet worden, Letzterer am bekanntesten durch die „krincipler ok political econamz," (Lond. 1831) und sein reichhaltiges „Dictionarz ok commerce sncl Navigation" (Lond. 1832). Mit Benutzung dieser Autoritäten hatPorter den Gegenstand bis auf die jüngsteZeit herab- gesührt in seinem ebenso fleißig gesammelten als lichtvoll geordneten „IRe progress ok tk« nativ»" (Lond. 1836—43). Die höhere Mathematik, namentlich die Astronomie, fand in England würdige Repräsentanten in Ferguson („Die Astronomie nach Newton's Grundsätzen", deutsch von Airchhof, Berl. 1794), Bradley („DracticsI geometr;-", Lond. 1835), Mudie („Uopulsr rnatdemsticr", Lond. 1837), Herschel(s. d.), Airy („Populaire physische Astronomie, deutsch von Littrow, Stuttg. 1839), Challis, Dunlop, South und Brinkley. — Eine treffliche Einsicht in den frühem und gegenwärtigen Zustand der Naturwissenschaften gewährt Herschel's preliminarx clisconrse on tlie stiicl/ ok natural plliiosupii)'" in Lard- ner's „Osbinet cxclopeilia". Die Physik (s. d.) erhielt durch Aater's „Beobachtung der Pendelschwingungen", Dalton 's (s. d.) und Ure's „Untersuchungen der Dämpfe und Gase", Leslie's(s. d.) „Entwickelung der Gesetze der Wärme-Entstrahlung", Herschel's Schrift „Die Theorie des Lichts" (deutsch von Schmidt, Stuttg. 1831), Brewster's (s.d.) Beobachtungen über die Polarisation des Lichts, Poung's Bestreben, diese Erscheinung aus der Undulationslehr« zu erklären, und Webster's „Llemeotz ok pti^sics" (Lond. 1837) wichtige Bereicherungen. — In der Chemie (s. d.) leuchteten früher als die ausgezeichnetsten Namen Pott, P r i e st l e y (s. d.), B l a ck (s. d.) und C a v e n d i s h (s. d.), dann Humphry Davy (s. d.), Brande, D alt on (s. d.), Wollaston (s. d.), Farad ay (s. d.), Ure („0>c- tionarx ok cbemistrzk", Glasg. 1823; deutsch, Weim. 1825), Graham („Lehrbuch der Chemie", deutsch von Otto, Braunschw. 1846), und Hume („Okemical attrsction", Lond. 1842). — Die Naturgeschichte (s. d.) schritt keineswegs in gleichem Maße in England vorwärts. Man bekümmerte sich in England, gleichviel ans welchem Grunde, wenig um die neuen und Vieles umändernden Ansichten, die in Folge wichtiger und zahlreich» Entdeckungen auf dem Continente die Oberhand gewannen. Diese Unbekanntschaft mit der Fachliteratur des Auslandes, die zum Theil noch jetzt engl. Naturforschem zum Vorwürfe gemacht werden kann, veranlaßte, daß man in England mit Anfang dieses Jahrhunderts sehr hinter den Deutschen und Franzosen zurückblieb. Theils aus Bequemlichkeit, theils aus Gründen einer sehr übel angebrachten Religiosität hing man steif an dem Veralteten. Nirgend hat die sogenannte Physikotheologie ihr Ansehen so behauptet als in England, w» 755 Englische Sprache und Literatur streng wissenschaftliche Werke, selbst in der gegenwärtigen Zeit mit frommen Betrachtungen verbrämt erscheinen, und nirgend ist es für den ein öffentliches Amt bekleidenden oder sehr bekannten Mann so unrathsam, durch Entwickelung naturhistvrischer Thatsachen der biblischen Autorität entgegenzutreten. Zumal sind Geologen zu großer Vorsicht und Umgehungen gezwungen; der tüchtige Buckland wurde noch vor wenigen Zähren durch unbekannte Umstände veranlaßt, eine Art Widerruf der eigenen Lehren zu schreiben, der schwerlich redlich gemeint sein kann und in einem misglückten Versuche besteht, die buchstäblich genommene biblische Schöpfungsgeschichte mit der gegenwärtigen Wissenschaft in Einklang zu bringen. Der gedeihlichen Entwickelung der höhern Naturgeschichte hat in England außerdem noch die Abneigung der Gelehrten gegen die Art der Spekulation entgegengestanden, welcher Deutschland so viele wirkliche Resultate verdankt. Man wird daher selbst in den besten engl. Schriften dieses Gebiets selten einer durchgedachten philosophischen Ansicht begegnen, häufig wol aber dem Tadel Dessen, was man in England, mit einem feststehenden Worte „Träume der metaphysischen Deutschen" nennt. Sehr großen Schaden hat endlich der Dilettantismus gethan, der nirgend so verbreitet ist als in England, wo eine große Zahl unabhängig lebender und unbeschäftigter Leute zur Naturgeschichte und dem Sammeln gegriffen hat und gelehrte Gesellschaften in ihre Schriften die Mittheilungen reicher Mäcene aufnehmen, auch wenn sie nichts Brauchbares enthalten. Im Ganzen genommen besteht daher der Werth der engl, naturgeschichtlichen Literatur mehr in der Anhäufung eines aus allen Weltthcilen herbeigeschafften, unglaublich großen Materials, und in den fast immer vortrefflichen Abbildungen, als in Verarbeitung und Kritik. Oft fehlt die letztere so vollständig, oder es ist der Gegenstand mit so vornehmer Gleichgültigkeit gegen ausländische Arbeiten abgehandelt, daß selbst kostbare Werke nur dann brauchbar werden, wenn der Besitzer auf dem Continente sich die Mühe genommen, sie zum eigenen Gebrauche durchzuarbeiten. — Die Botanik (s. d.) genießt eine große Gunst, und wird durch überaus reiche Privatgärten gefördert, jedoch meist nur als systematische, nicht als physiologische Pflanzenkunde, für welche sich Wenige interefsiren, und in welcher allein Nob. Brown (s. d.) und John Lindley Großes geleistet haben. Um so reicher ist die engl. Literatur an Prachtwerken aus dem Gebiete der beschreibenden Botanik, theils Floren, wie die indische und nepalesische von Wallich, die javanische von Horsfield, theils Monographien, wie die Zapfenbäume und Cinchonen von Lambert, die Scitamineen von Roscoe, die Orchideen von Lindley, dieselben von Bateman, die Farrn- kräuter von Greville und viele andere, theils Sammelwerke, wie das von Wm. Curtis l774 begonnene und von Hooker noch fortgeführte, weit über 3000 Tafeln enthaltende „Lotsnical msgsrine" und viele andere von Andreas, Sweet, London und Loddiges. Zu den verdientesten Schriftstellern in diesem Fache gehören, außer den Genannten, noch Geo. Don, Adr. Hardy - Haworth, Lewis Westen Dillwyn, Dawson Turner, John Bellenden-Gawler, John Stockhouse, Dav.Don, G. A. Walker-Arno« und Geo.Bentham. — Im Gebiete der Zoologie (s. d.) haben die Engländer es zwar gleichfalls nicht an Prachtwerken fehlen lassen, wie John Gould's luxuriöse Monographien der Tukane, Kängurus, ncuholländischen Vögel, Curtis' brit. Entomologie, Swainson's ornithologische Werke, Lewin's austral. Vögel, Andr. Smith's südafrik. Zoologie u. s. w. beweisen; allein ein recht wissenschaftlicher Geist, den jedoch die zahllosen Correspondenten der zoologischen Zeitschriften nicht theilen, hat nur erst seit etwa 20 Jahren sich hervorgethan und wiegt in den bessern Werken jetzt entschieden vor. Der Weg, den einst Hunter mit so viel Glück verfolgte, blieb lange Zeit unbctreten, allein dafür hat sich England jetzt mehrer vergleichender Anatomen zu rühmen, die, wie R. Owen, den Gelehrten des Continents gleich stehen und sich durch ihre Arbeiten und großartigen Entdeckungen bleibendes Verdienst erwarben. Philosophischen Geist zeigte der Entomolog Mac Leay, der freilich ein auf Zahlen beruhendes System erschuf, welches von vielen geistlosen Nachbetern, wie den vielschreibcnden R. Swainson, mißverstanden und zum Spiclwerk gemacht wurde, aber noch immer Beifall findet. Daß es ihnen Ernst sei um die Herstellung einer wissenschaftlichen Zoologie, bewiesen in den letzten Jahren Aarrell durch seine britischen Fische und Vögel, Richardson durch seine nordamerikanische Zoologie, G- R. Gray durch die Arbeiten überReptilien und dieThiere Indiens, W. Kirby und W. Spence als Entomo» 756 Englische Sprache und Literatur logen, G. Johnston, E. Forbes und Flemming als Forscher in dem Reiche niederer Seethiere, Darwin, G. N. Waterhouse, I. E- Gray, I. Reevcs, T. Bell, I. O. Westwood u. A.; allein die Mehrzahl der engl. Zoologen beschränkt sich auf die trockene Systematik und das Veröffentlichen von haarspaltenden Monographien, wozu freilich theils das Treiben der gelehrten Gesellschaften, theils das unübersehlich große, aus fernen Ländern bezogene Material einladet. An Zeitschriften naturhistorischen Inhalts herrscht in England durchaus kein Mangel; die besten sind das von Hooker und Jardine redigirte „ülagarine kor natural bi- rwr^" nnd die Schriften der Zoologischen Gesellschaft in London und Dublin. Unter den neuen Sammelwerken zeichnet sich durch ungewöhnlich fleißige Bearbeitung die auch in das Deutsche übersetzte „Katurslüts librarx" von Jardine aus. Den fast wecthlosen zoologischen Theil der „L^clopeäia" von Lardner schrieb Swainson, hingegen sind die von R.Owen gelie- selten Artikel in der „6xclopsi1ia o5 anatom^ and pliz-sialog)" und im „Dictionary of srtr and Sciences" (Lond. 1842) vortrefflich. — Mineralogie (s. d.) und Geognosie (s. d.) sind zwar in England verhältnißmäßig neue Wissenschaften, allein sie werden dafür um so eifriger betrieben und sind sogar zur Mode geworden. Weniger Beifall findet die trockene, viele Vorbildung erheischende Oryktognosie als die Geologie, die allerdings die Einbildungskraft mehr beschäftigt und ursprünglich von Schottland ausging, wo Hutton („Tkeor)' ol tlie eartb", 2 Bde., Edinb. 1795) als Begründer des Systems der Bildung der Erde durch vereinte Wirksamkeit des Wassers und Feuers auftrat. Das Lehrgebäude Werner's fand im Schotten Jameson (s. d.) einen gerüsteten Gegner, und bald bildete sich in Edinburg eine besondere sehr einflußreiche Schule. Bei der fortschreitenden Verbreitung der Wissenschaft erhielten auch die engl. Hochschulen Lehrstühle für Geologie, während die in London und den Provinzen zusammentretenden geologischen Gesellschaften -die Zahl ihrer Mitglieder sehr schnell zunehmen sahen und ihre Verhandlungen herauszugcbui begannen. Theils durch diese Vereine, theils durch reiche Privaten und selbst durch die Negierung geschah sehr Vieles zur Förderung dieses in allgemeiner Gunst stehenden Zweigs der Naturwissenschaft. Größer als in irgend einem andern Lande ist daher die Zahl der geognostischen Monographien über einzelne engl. Provinzen, welche Henry T.Delabeche, J.E. Portlock, John Phillips, Conny- beare, Martell, Scdgwick, Bunbury, Buckland, Lyell u. A. gaben, während Jameson, Hib- bert, Mac Culloch, Hall und Mackenzie über Schottland Untersuchungen bekannt machten, der Letztere über Island, Marchison in neuester Zeit über Rußland, etwas früher Poullet Scrope über Frankreich, Darwin über Südamerika und Polynesien geognostische Arbeiten Herausgaben und selbst aus den entlegensten brit. Colonien, in Oberindien, an der Nordwestküste Amerikas, in Südafrika und den Falklandinseln geognostische Berichte cinliefen. Die Versteinerungen, an welchen England, besonders hinsichtlich derjenigen der Kreideformalion, sehr reich ist, fanden viele Bearbeiter, wie Parkinson (1804, 1822), zumal aber Buckland („Orz-anic remsins", Lond. 1823), Mantell, Conybeare, Sowerby und N. Owen. Die Ansichten der brit. Geologen sind theilweise eigenthümlich und daher abweichend von den in Deutschland vorzugsweise geltenden, allein ihre Arbeiten verdienen um so mehr dankbarste Anerkennung, als durch diese die Wissenschaft nach verschiedenen Richtungen hin bedeutende Erweiterung erhielt. Unter der großen Menge der geognostischen in England erschienenen Handbüchern sind die von Dclabcche („Keological mamial", 3. Aust-, Lond. 1841; deutsch nach der 2. Aufl. von H. von Dechen, Berl. 1832), CH. Lyell („Urinciplsz of xeoloA)-", 4 Bde., 6. Aufl., Lond. 1842; deutsch nach der 2. Ausg. von Hartmann; Duedlinb. 1832) und Backewell („lati-aduction to gcolog)", Lond. 1828; deutsch von Hartmann, Berl. 1839) die wichtigsten. Unentbehrlich für den Mann von Fach sind die „l'rsnsactious" und die „?racee<1iugs" der brit. Geologischen Gesellschaft. In der Geschichtschrcibung leuchteten die Engländer bereits im 18 . Jahrh. durch die große Weltgeschichte von Guthrie und Gray als Muster voran. Die nächsten, durch Forschung und Stil ausgezeichneten Werke, fortwährend dem Historiographen empfeh- lenswerthe Vorbilder, waren die Geschichte Schottlands und Amerikas von Robertson (s. d.), Englands von Humc (s. d.), Englands, Roms und Griechenlands von Goldsmith (s. d,), der röm. Republik von Ferguson (s. d.), des Verfalls des röm Reichs von Gibbon (s. d.), Griechenlands von Eil lies (s. d.) und Mitsord. Hallam's Englische Sprache und Literatur 757 vortrefflicher „konstitutionsl bistorx ok Linglsnd" (3. Aufl., Land. 1832) folgte Palgra- ve's, den Verlauf der Slaatseinrichtungen Englands gründlich darstellendes Werk „Vbo riss and Progress os engüsb commnnwealtb" (Land. 1832). In der neuern und neuesten Zeit fehlt es zwar nicht an würdig sich anschließenden Leistungen, aber Manche von denen, welche die Geschichte Englands, wie Smollet, Turner, Palgrave, Lingard, Fox, Godwin, Mahon, Southcy, Mackintosh, Williams („Ike »even sges okLngland", Lond. 1836), Wade („vritisd bistor)", Lond. 1839), oder Schottlands, wie Scott, Tytler, Maxwell („kbsries' expedition to 8cotland 1745", Edinb. 1841), oder Irlands, wie O'Driscol, Lenio und Moore, geschrieben haben, trifft der nicht unverdiente Vorwurf, daß sie bald religiösen, bald politischen Zwecken ihre Federn geliehen und deshalb nicht allenthalben zur Glaubwürdigkeit berechtigt sind. Wo brit. Interessen weniger in Frage kommen, gab es zu parteiischer Darstellung weniger Veranlassung. Obgleich aber jenes beim großbritan. Reiche in Ostindien gewiß nicht der Fall ist, so stehen doch die diesfallsigen Geschichtswerke von Mill, Malcolm, Gleig („kkistar^ ok britisk, lack,»", Lond. 1835) und Johnson („Ostindiens Gegenwart und Zukunst", deutsch von Richard, Aachen 1844) unangefochten. Außerdem genießen hohe Achtung die Geschichte der brit. Colonien von Montgomery und Martin; des span.-franz. Kriegs (1807—14) von Southcy und Rapier, der franz. Revolution von Alison (1835), Labaume (1836) und Carlyle (1837), des span. Erbfolgekriegs von Mahon, Spaniens unter Philipp IV. und Karl II. von Dunlop, „Hie conguest ok Vlorida b) llernsodo de 8otc>" von Theod. Irving (1835), „Vbe bistor)' c>s Verdinsnd and Isabel!» of 8psia" von Prescott (1838), des neuen Europas von John Russell, Deutschlands von Ereenwood und Strang (1837), Europas zur Zeit der franz. Revolution von Alison, Brasiliens von Armitage, Chinas von Gühlaff, Athens von Bulwer, des röm. Reichs vonKnightley, der belg. Revolution von White (1835), der Vereinigten Staaten von Nordamerika von Graham (1827 — 35), der Reformation von Stebbing (1836), „Hneen Llirsbetb and der times" von Wright (1838), „Hie Barmans in 8ic>I)" von Knight (1838), die „Vlemoirs ok llie lits and ekaracter okllenrx V" von Tyler (1838), die „Histor^ os tbe irisb rebeliion of 1798" von Harwood (1844) und im Allgemeinen die „krnlusiones bistoricse" von Duke (1837). Eine unglaubliche Menge Schriften, bald größer«, bald kleinern Umfangs, von denen jedoch die meisten, weil sie mehr Persönliches als Geschichtliches erzählen, mehr Memoiren als Geschichtswerke sind, haben die jüngsten Unfälle und Siege in Afghanistan und der glorreich beendete Krieg mit China hervorgcrufen; doch genügt Lady Sale's „visastsrs in ^tzbanistan" (Lond. 1843) her- vorzuheben. — Unter den Motiven, welche im Fache der Biographie die engl. Literatur wol zu der reichhaltigsten gemacht haben, gebührt einer Achtung gebietenden Pietät unstreitig der erste Platz. Mag es auch wahr sein, daß im Allgemeinen mehr Materialien zu- sammengebrachk als tüchtig verarbeitet worden sind, so mangeln doch die Ausnahmen nicht. Jedenfalls gehören nach mehren von den in der neuesten Ausgabe von ChalmerS' „Koners! biogrspbicsl (iictionar)" (32 Bde., Lond. 1812 —17) gesammelten Lebensbeschreibungen folgende zu den bemerkenswerthesten; bis mit 1834: Jortin's Erasmus, Boswell's Johnson (von Croker), Middleton's Cicero, Hayley's Milton und Cooper, King's Locke, Roscoe's Lorenzo von Medici und Leo X., Nitchie's Hume, Marshall's Washington, Moorc's Byron und Fitzgerald, Cayley'S More, Coxe's Marlborough, Clarke'S Jakob II., d'Jsraeli's Karl I., Scott's Napoleon, Brewster's Newton, Monk's Bentley, Southcy's Nelson, Cunningh-rm's brit. Maler, Bildhauer und Architekten, Chambers' berühmte Schotten in dessen „8cottisb biogrspbicsl dictionarx", Jrwing's Columbus, Campbell'- MrS. Sudans, Agnes Strickland's engl. Königinnen, Lockhart's Walter Scott, Gillman's Coleridge, Chorley's Felicia Hemans und Davy's Humphry Davy; aus 1835 : Cooke's Lord Boling» brokc, Williams'Hale, Taylor's Bischof Heber, Horrins'Georg III., Cornwall'-Kean, Mackintosh'- James Mackintosh, Robinson's General Picton, Prinsep's Nungect Singh und Southcy's Cowper; aus 1836 : Beechey's Joshua Reynolds, James' Eduard, der Schwarze Prinz, Malcolm'S Lord Csive, Forster's berühmteste engl. Staatsmänner, Cour- tenay's William Temple, Forsier's John Jebb, Johnson's John Selben, James' auswärtige Staatsmänner; aus 1837: Barrow's Graf Howe, Dix's Chatterton, Johnson'- 758 Englische Sprache und Literatur Eduard Cohn, Priors Goldsmith, Tucker's Jefferson, Sinclair's John Sinclair, Tal- fourd's Charles Lamb; aus 1838: Hannah Lawrcnce's engl. Königinnen vom 12. Jahrh. an, Crvker's Joseph Holt, Dickens' Grimaldi, Brenton's „äobn Lori ok 81. Vincent", Aoung's Nathaniel Bowditch, Baron's Jenner und „Wilberforce's life 1,^ liis sons"; aus 1810: „Nemoirs of tiie princess vssclilcovv", und „Ulemoirs of tlie life of 8am. komill^ K/ dis sons"; aus 1841: Blanchard's L. E. Landen und Campbell's Petrarca; aus 1842: Lonsdale's und Maxwell's Susanna Blamire und aus 1843: Pollock's Robert Pollock, Cunningham's Wilkie, die „ltlemoirs of Hiilsrles Älstlrews bx liis vlifs" (1838 — 43) und Cooper's Astley Cooper. Wiewol die Reiselust der Engländer, ihr Umherschweifen in allen Zonen und ihr Leben bei allen Völkern, verbunden mit der Schreibseligkeit des 19. Jahrh., die Ver- muthung begründet, daß Rrisebeschreibungen nebst Länder- und Sittenschil- derungcn ein bevorzugter Stapelartikelihrer Literatur seien, so grenzt doch, was nur die letzten 19 —15 Jahre in diesen Zweigen zu Tage gefördert haben!, fast ans Unglaubliche. Die Quantität der Maculatur ist freilich groß, viel Spreu unter dem Weizen, aber selbst der Weizen in solcher Masse vorhanden, daß ein in Raum beschränkter Überblick höchstens die körnerreichsten Garben aus den Ernten berücksichtigen darf. Parry's und Franklin's Nord- polrcisen (abgekürzt 1839) und die Reise der Brüder Beechcy nach der Nordküste Afrikas (1828) mögen zum Anknüpfepunkte dienen, dann sind zu erwähnen aus demJ. 1829: Ward's und Hardy's Reisen in Mexico und Everest's Reise nach Norwegen, Lappland und Schweden, Macfarlane's und Frankland's Reisen nach und Aufenthalt in Konstantinvpel, Mignan's Reise durch Chaldäa; aus >831 : Beechey's Reise nach dem Stillen Meere; aus 1832: Skinner's und Mundy's Reisen in Indien, Earle's Reisen nach Neuseeland und Carnc's Schilderungen des Morgenlandes; aus 1833: Malcolm's und Frazer's Reisen in Persien; aus 1834: Boteler's Reise durch Afrika und Arabien, Pringle's, Moo- die's und Steedman's Reisen, Wanderungen und Aufenthalt im südlichen Afrika; aus 1835: Hogg's „Visit to Alexandria, Dsmascns und Jerusalem", Lord's Algier und die Berberei, Shirrefss, Mrs. Butler's, Abdy's, Latrobe's Reisen und Aufenthalt in Nordamerika, Barrow's „Visit to lceland", Breton's „8csndinavian slcetclies", Abeel'S „Re- sidence in tltiina", Clausade's Reisen 'in Belgien und Holland, Quin's steam-voz-sge dovrn tlie Dsnube", Hoskins' „Dravels in Liliiopia", Holman's und Wilson's Reisen um die Welt, Monro's „X siimmer-ramble in 8)-ria", Noß's zweite Entdeckungsreise, Tem- ple's „kxcursivns in tlie lUediterranesn", Harriet Lloyd's „8Icetc!i6s of keroiiida", Emma Roberts' ,,8cene« and clisracteristics of Dindostan" und Madden's „Residence in tbe West-Indies"; aus 1836: Jsaacs'Reisen im östlichen Afrika, Power's „Impression» ok America", Back's und King's Reisen nach den» Nordpol, Lane's „ltlanners and cnstoms of 1l>« modern Lgzptisns", Gardiner's Reise nach dem Zooln-Lande im südlichen Afrika, Temple's in Griechenland und der Türkei, Leake's Reise im nördlichen Griechenland, Hanna's „Visit to some pari» ok Llaiti", Skinner's „llourne)? oxerlsnd to lndia", Barrow's Tour um Irland, Rich's „kesidence in Koordistan", Laing's „Desidence in iVorwox", Latrobe's „Ramdles in klexico", Smyth's und Lowe's Reise von Lima nach Para; aus 1837: „Expedition into ttie interior of ^frica", von Laird und Qldsield, Harnet Martineau's „8ociet^ in America", Auber'S „Dise anil progress of tlie britisli porver in lndia", Campbell's „Retters frnm tlie 8ontb", Spencer's Reisen in Cirkassien, Miß Pardoe's „6itx of tlie 8nltan", Cochrane's Wanderungen in Griechenland, Craven'S „Lx- cnrsions in tlie Xbrurri", Pashley's Reisen auf Kreta, Earl's Reisen im Indischen Archi- pelagus, Scott's „klamkles in Lg)pt and Oandia", HervCs „Desidence in 6reece and 1'urkex", Halliday's „Dbe West-Indies", Hoskins' „Visit to tlie great oasis ok tbe Di- liz'an desert", Spry'S „ltlodern lndia", Slade's „l'nrke^, f-reece and 5lalta"; aus 1838: Wellsted's Reisen in Arabien, Trollope's „Vienne an811 : Bafil Hall's „Lstckvvock", Combe's „I^otes on tke klnitecl 8tster ok Nortk America", Kennedy's „'I'exas", Trollope's „krummer io western Rrsnce", Stephens' Reise in Central-Ame- rika, am Chapas und Aucatan, Barrow's Tour durch die Lombardei, Tirolund Baiern, Fowler's „Rersia", Bonnycastle's „l'ke 6snal!as" und Gray's „Nortk-West snä Western ^ustraka"; aus 1812: Catlin's „likanners, customs »Nll cvnckition ns tke d^ortk American lnrlisos", Jameson's „l^ew 2«alanü, 8n»tk ^ustrsli» an«! !Vsw 8outk- tVsles", Sturge's „Visit to tke slniteü 8tntes", Burnes' Reise nach und Aufenthalt in Kabul, Garston's „Lreece revisited sn>l slcetckes in I.ovvsr big)pt", Miß Pardoe's „Ido kunAsrisn castle", Moffat's „Nissionarx Isbours in soutkern ^krica", Vigne's Reisen in Kaschmir, Bonnycastle's „Newkonmllsnck in 1812", Masfon's Reisen in Beludschistan, Afghanistan und dem Pendschab, Dickens' „American Notes" und Aoung's „Resilience on tkuito 8kore"; aus 1813: Madame Caldcron's de la Barca „lüke in klexico", „6ksnge sor tke American notss", „Lxpeclition to tkek^i^er" von Mac William, Simp- son's „Discoveries on tke nortk cosst os America", Campbell's ,,(7e^lon", Maria Child's Bricfe aus Neuyork, und aus 1 811 : Oliver's „Ligkt montks in Illinois" und Harris' „Ika Uixklsncls os Xetkiopin". Nicht minder zahlreich ist die Literatur des Romans, der zu Anfang des 16. Jahrh. in der prosaischen Umbildung alter Heldenlieder, besonders aus dem Kreise Karl des Großen und seiner Paladine, König Ärthur's und der Tafelrunde sein Entstehen fand und von da ab bis in die neueste Zeit proteusartig allerhand Gestalten angenommen hat. Zuerst erschien er im Gewände übersetzter ital. Novellen, geführt von Spenser (s. d.) und Aphra Dehn. Dann schritt er, in Sittlichkeit gehüllt, an der Hand Daniel Defoe's (s. d.) in dessen „Robinson Orusoe" (1719) zierlich und bedächtig einher. Hierauf verwandelte er sich in einen Satyr und nahm Swift (s. d.) zum Führer. Unter Richardson's (s. d.) Anleitung wurde er Spion des Familienlebens, unter Fielding (s. d.) ein ehrlicher Erzähler, wie und was die Menschen sind, denken und handeln, unter Sterne (s. d.) ein sentimentaler Schwärmer, unter Harare W alpole (s. d.) in „Schloß Otranto" ein kecker und unter der phantasiereichen Radcliffe (s. d) ein das Haar zu Berge treibender Romantiker. Unter Walter Scott (s. d.) studirte er Geschichte, wurde Professor derselben und hatte nun ein Heer von Schülern. Mit Cooper (s. d.) ging er auf Reisen und nahm unterwegs Viele in sein Gefolge. Nach England zurückgekehrt, stürzte er inS fashionable Leben, wurde Dandy und wählte Lady Blessington (s. d.) zur Dame. Nebenbei durchbrach er mit Dickens (s. d.) die londoner Kloaken und um dann in Salzwasser sich rein zu waschen, segelte er mit Marryat (s.d.) hinaus in die schäumende See und trocknete sich im Sonnenäther des Mitteländischen Meers. Aber kaum heim schlich er mit Ninsworth durch die Gefängnisse, las alte Diebs- und Räubergeschichten und machte neue daraus. Für das dadurch angestiftete Unheil Buße zu thun, wurde er religiös und zeigte als „lVemaine" (von Ward), wie die Lehren der Kirche den Weltmann mit sich, den Sünder mit seinem Gewissen versöhnen. Dies sind die Gestalten, in welchen, die Draperie bald Heller, bald greller, bald braun in blau, bald schwarz in grau, der engl. Roman seither aufgetreten ist, dies die Rubriken, unter welchen die einzelnen Dichtungen sich ungefähr ordnen lassen, ohne die zum Theil gediegenen Werke Normanby's (s. d.) und Bulwer's (s. d.) auszu- nehmen, welche doch eigentlich nur Richardson's und Fielding's Manier mit den Sitten und Gebrechen der Gegenwart neu verbrämen. Statt daher Namen über Namen und Titel neben Titel in unabsehbarer Reihe aufzustellen, Viele aus dem Schlummer der Vergessen- heit weckend, zu welchem der Tod sie eingesargt, dürfte eine Beschränkung der Liste auf die in neuester Zeit bemerkenswerthesten Erscheinungen wie dem vorliegenden Zwecke am besten dienen, so die Richtung, in welcher der Roman sich fortdauernd bewegt, am deutlichsten bc- 766 Englisches Lhearer zeichnen. Aus dem I. 1835 sind zu erwähnen: „^gnos de 5lsn»keldt", von Grattan; „Agiles Serie"; ,M) aiint pontxpvvl"; „Leikord Legis", von Miß Mltford; „lde ew- press", vvn Bennett; „lde two seiend?", von Lady Blessington; „Rienri" und „lde Student", von Bulwer; „Lrnesto", von Smith (philosophisch), „Oitbert Onrnex", von Hook; „One in Ä tdoussnd", von James (historisch); „Xnigdt and Lacksotrers", von Lady Wortley; „Llsrgaret ksvsnscrokt", von St. John; „Norinsn I.e»Iie", von St. Fay; „lde vvike", von Mrs. Norton; „putricisn and psrvenu", von Pool; „lde linvoods", von Mrs. Sedgwick; „lremord^n OM", von Mrs. Trollope; aus 1836: „lalor ok kaskion and re:>Iit)", von Frederica und Mary Beauclerc; „Oonkessions ok SN etderlzc gentleman", von Lady Blessington; „8ketcdes" und „Lspers ok tde Pickwick otuks", von Boz sive Dickens; „lde magician", vonRitchie; „lde devoted" und „lde divorced", von Charlotte Bury; „Lditd ok Olammis", von Clutterbuck; „Henriette lemple", von James; „Lome, ortde iron rule", von Miß Stickney; „Wood Leigdton", von Mary Howitt; „Iknmilit)'", von Mrs. Hofland; „dspdet in searcd ok skatker" und „Mdsdip- wsn eas^", von Marryat; „I.ord kotdsn", von Cunningham; „l'ke blsscsrenkss", von Mrs. Steward; „5lrs. ^rmzdage, or kemale devotion", von Mrs. Gore; aus 1837 : „,-tKeI^IInntt", von Morier; „Orieilton", von Ainsworth; „lde ^retduss", vvnChamier; „Attila", von James; „lde Kiouac", von Maxwell; „Victims ok socielx", von Lady Blessington; „lrelsvn^oklrelsne", von Mrs. Bray; „Lrnestblaltravers", von Bulwer; „voveton", „Ltdel Odurcdill", von Eliza Landen; „lalkner", von Mrs. Shelley; „lde gamkter's dream"; „Osckör»)'", von Hook; „llsns Lvmax", von Smith; „Lor^ OMore", von Lover; „l'tie old Oommodore" und „Ontwsrd kound", von Howard; „Vicsr ok Wrexdilt", von Mrs. Trollope; aus 1838: „koxston 6ower", von Miller; „Oonkessions ok an elderlzc Isdx", von Lady Blessington; „Werner -trilndell", von Joseph; „4>ice", von Bulwer; „iddcdolas p-liclekz", von Boz; „lde roll der", „Lomeward dound", von Cooper;aus 1839: „Oonkessions ok Harr;: lorrequer; aus 1840 : „Uarian", von Mrs. Hall; „lngliston", von Webster; „One ksult", von Mrs. Trollope; „l'tie tower", von Ainsworth; „lde Icour", von Miß Martineau; aus 1811: „like ok Ödsries O'lLatlex" von Lorrequer; „idiigdt sad morning", von Bulwer; „^Ida", von Miß Strickland; „6rs- viiie", von Mrs. Gore; „lde mone^ed man", von Smith; „lde parisd clerk", von Hook; aus 1812: „William I.angsdawe", von Mrs. Stone; „'l'tie rioters", von H. Martineau; ,,^nne kotezn", von Mrs. Thomson; „lemngin", „lasciastion" und „l'tie ma- noeuvring motder", von Mrs. Gore; „8ir klenrv Worgsn, tde buccaneer", von Howard; „l'tie trsduced", von Mitchell; „Oadv -tnne Oranard", von L. E. Landon; „lde kound- ting ok Oordova", von Henry; „lrevor Lastings", „Passion and principles", von Chamier; „l'tie totter^ ok like", von Lady Blessington ; „kirnstein", von JameS; „percivs! Leene", von Marryat; „lde Orsrins", von Mrs. Hofland; „lde nadod at Iiome", „Licdsrd 8avsge", von Whitehead; „l'tie miser's dangdter", von Ainsworth; „ltie dsck olan- tern", von Cooper; „Öad^ Singleton", von Medwin; „pdineas Ouiddzc", von Poole; aus 1813: „l'tie monsz-lender", „ltie Kanker'.? wike" und „ltie birtt» rigdt" von Mrs. Gore; „ltie la?t ok tde ksrons", von Bulwer; „lde scottisd dsiress", „Largrave" „lde Vsrnak^s" und „dessie pkillips", von Mrs. Trollope; „Lagland Oastle", von Mrs Thomson; ,Melantde, or tde daz-s ok tde Wedici", von Mrs. Maberly; „lde king's son", von Mrs. Hofland; „lde memoirs ok s Lradmin", und „Len Rradsdave", „Oabrietle", von Louise Castello; „Windsor Osstls", von Ainsworth; „Oakleigd", von Holmes; „ilke- reditd", von Lady Blessington; „8ir Oosmo Digk)-", von St. John; „lord vscre okOils- tsiid", von Elizabeth Stewart; aus >811: „Wditekriars", „lde grsvedigger", „Nsppx donrs", von Mary Cherwell; „D'Lorsa) ", „lde saldier ok kortnne", von Curling; „lde krotders", von Herbert; „lde laurringtons", von Mrs. Trollope; „lde tike and adven-- tures ok lack ok tde blill", von Howitt; „lde Iike and sdventnres ok dlartin Odurrte- rvitt", von Dickens; „lde nnloved one", von Mrs. Hostand. Englisches Theater. Wie bei allen christlichen Nationen Europas gründen sich auch bei der englischen die ersten Erzeugnisse dramatischer Kunst auf das Alte und Neue Testament, und diese Form behielten sie vom 12. Jahrh. bis zur Regierung Heinrich's Vl. Sie Englisches Theater 761 hießen Mirakelspiclc (miracle, oder i-Iszs okmirscles), dialogisirten anfangs nur biblische Geschichten, oft mit Beibehaltung der Worte der heiligen Schrift, erhielten aber nach und nach freie Zusätze und wurden, wie meist von Geistlichen geschrieben, so vorzugsweise von ihnen aufgcführt. Die Vorrichtungen dazu waren hölzerne Gerüste, bisweilen auf Rädern, und jedes Gerüst hatte zwei Zimmer; das untere war die Garderobe, das obere, ringsum offen, die Bühne. Ihren Platz räumten die miracles den moralischen Spielen (mor-üs oder moral I>la> s), d. h. Dramen mit allegorischen, abstrakten oder symbolischen Charakteren und mit einer Jntrigue, die eine Lehre zum Zwecke der Verbesserung des menschlichen Wandels sein sollte. Sie gingen aus den erwähnten Zusätzen hervor, die erst in abstracten Verkörperungen bestanden, in Personificirung der Wahrheit, der Gerechtigkeit, des Friedens, des Erbarmens, später des Todes und seiner Mutter, zuletzt in wirklichen Charakteren, jedoch mit dem Gepräge der Gesinnungen und Leidenschaften, welche man den Juden gegen Jesus beimaß. Das ermattete Interesse anzufrischen, schrieb John Heywood um >525 eine Art Spiele, welche die Brücke zur Komödie bauten, und nannte sic Zwischenspiele (interlmles). Ihre Eigenthümlichkeit war breiter Humor und derbe Theatcrzeichnung. Als sie bald nachher ihre Tendenz auf Beförderung des Protestantismus richteten, gebot Heinrich's VUl. schwankender Sinn durch die erste, in Betreff der Bühne und dramatischer Vorstellungen gegebene Parlamentsacte von >543, daß Niemand bei schwerer Pön etwas singen, reimen oder spielen solle, was den Lehren der röm. Kirche entgegen sei. Eduard VI. hob >547 diese Verordnung auf, die Königin Maria erneuerte sie >553, und weil das Gesetz häufig umgangen wurde, verbot sie >556 jede dramatische Vorstellung. Die Königin Elisabeth zerbrach die Fessel. Ihr Sinn für theatralische Schau, denn sie liebte auch maskirte Spiele („Devices to bs rbeweil besorg tbe Hueene» lkajsstie bx wa^ osmsskinge"), theilte sich schnell den Großen des Reichs mit, und nicht lange, so war das Land dergestalt voll wandernder Schauspieler (wandernde Schauspiclergescllschaften datiren nicht über Heinrich Vl. zurück, wandernde Histrionen werden schon in einem Gesetze von >258 erwähnt), daß es >572 nöthig)vurde, sie auf die Erlaubniß von wenigstens zwei Friedensrichtern anzuweiscn. DieS bewog den Grafen Leicester, seinen Schauspielern den ersten königlichen Freibrief anszuwirken, der, vom I». Mai >575, ihnen das Recht ertheilte, bis auf Widerruf „sowol zum Vergnügen der Königin als zur Erquickung ihrer Unterthanen die Kunst und Fähigkeit, Komödien, Tragödien, Zwischenspiele und Schaustücke aufzuführen, innerhalb aller großen und kleinen Städte und Flecken Englands zu gebrauchen". Zum ersten Male werden in dieser Urkunde Komödien und Tragödien der Erwähnung gewürdigt, denn obwol seit Jahren vorhanden, und zwar erstere länger als letztere, war es ihnen noch nicht gelungen, die morsls und interlmle» von der Bühne zu verdrängen. Es gelang ihnen Solches mit Hülfe des romantischen oder historischen Drama (llistor^ oder tlkranicle lüstor^), dessen Inhalt entweder einzelne Stellen alter Chroniken oder ganze darin erzählte Begebenheiten ausmachten, in beiden Fällen ohne Rücksicht auf Chronologie und innern geschichtlichen Zusammenhang. Die älteste so zu nennende Komödie „kalpb Rohster OoMor" fällt in die Negierung Eduard's Vl., vielleicht sogar seines Vaters. Die erste Tragödie, von welcher sich freilich nur eine flüchtige Notiz versinket, „kamen anä äuliet", datirt wahrscheinlich von >566. Der erste in regelrechter Form auf die Bühne gebrachte historische Stoff ist „kerrexancl korrex", vom I. >56>. Darauf erschien fast unmittelbar „äuli,is 6aes»r", der älteste Versuch eines im Englischen dramatisirten Ereignisses aus der röm. Geschichte. Von dieser Zeit an bis bald nach >576 lag das Kampffeld zwischen den spätesten moralischen Stücken und den frühesten Versuchen im Fache der Komödie, Tragödie und Geschichte ziemlich gleich getheilt. Dann traten Stücke auf, wie „ V knack to Knaw a Knave", mit unverkennbaren Spuren des Bestrebens, die vier Dichtungsarten zu verschmelzen, und es mußten nun die moralischen Stücke das Feld räumen. Der im Läutcrungsproccsse begriffene Wortgeschmack erklärte sich entschieden für die verständlichere Gattung theatralischer Vorstellungen, wie dies der erst als Bühnendichter, nachher als Gegner der Bühne bekannte Stephen Gosson in seiner „8cbool «f sbuse" von > 579 bezeugt. Die Siegerinnen über die moriil» eröffneten nun Fehde unter sich. In einem Trauerspiele aus dem J. >560, warmnA lor Kür women", dessen Jntrigue sich aus die Ermordung eines londoner Kaufmanns durch seine Frau und deren parsmour bezieht, er- 762 Englisches Theater scheinen Tragödie, Historie und Komödie personificirt, jede den Vorrang und den Besitz der Bühne fodernd. Aber die Kräfte Derer, die ihre Sache führten, waren sich ziemlich gleich; daher kein Sieg und keine Niederlage. Der Trotz des Lordmayor, Leicester's Schauspieler nicht in der City spielen zu lassen und sein strenges Verbot alles Schauspielens überhaupt hatte 1576—80 an der Grenze der City drei Theater ins Dasein gerufen, die ersten in Lon- don für dramatische Vorstellungen eigens eingerichteten Gebäude. Wie noch jetzt, so war Lon- don vom Anfänge an der Brennpunkt der theatralischen Kunst in England, und cs ist mithin die Geschichte der londoner Bühne die Geschichte der engl. Bühne. Die Königin Elisabeth nahm 1583 zwölf Schauspieler ausschließend in ihre Dienste, als tke eineen's pla^ers, und cs wurde dadurch das Ansehen der Künstler und der Kunst gehoben. Wie nicht an guten Mimen, fehlte es nun auch nicht an guten Dramatikern. Christopher Marlow (s.d.)war der Erste, welcher in seinen Dramen die reimloseJambe anwcndete, während bis dahin Prosa oder Reime an der Tagesordnung gewesen. Er schrieb 1587 — 93 namentlich „Tsmkurlsine tke 6rest", TrsgicsI kistor)' oktke like snd destk ot doctor ksustus", „Nsssscre st ksris", „äevv okNslts" und „stelle trnublegome reixn und Ismentskle destk okLdwsrd II". Vieles darin war gut, aber auch viel Bombast und Possenreißer», weder Einheit des Orts noch Einheit der Zeit. Von Rob. Greene, der im Sept. 1592 starb, haben sich erhalten: „Tke bi-tor)' ok Orlsndo Ikurio8n, one ok tke 12 keers okKrsnce", „klonourskle kistor^ ns k°risr Lscon snd L'risr Longs^", „8cottisk kistor^ ok äsmes IV", „6eorge-s-6reen, tke kinner os W skssteld" und „Tke comicsl kistorx ns^si>kon5iis, King ok^rsgon". Er hatte im Allgemeinen lebhafte und graziöse Einfälle, aber die Erfindung ist arm, die Sprache leicht, die Jamben sind fließend, nur oft geschmacklos und pedantisch. Gleichzeitig lebte John Lyly, 155-1 — 98, der Verfasser des „^lexsnder snd <7smpsspe", eines historischen, der „8sppko sndkkso", eines idyllischen, des „Lnd)-inion", eines mythologischen, und des „Notker vomkic", eines komischen Stücks. Er war geistreicher Gelehrter, aber Verstandsdichter; Gedanken und Sprache sind bei ihm gekünstelt; dennoch verdient er Beachtung, weil er der Erfinder eines bei aller Gemachtheit verfeinerten Stils war, weil seine zu Hofbelustigungen geschriebenen Dramen zur Bcurtheilung des damaligen Hofgeschmacks diene», und weil er als fashionabler Dichter von bessern Köpfen nachgeahmt wurde. Ihn aus Eli- sabeth's Gunst zu verdrängen, dichtete George Peele, gest. 1598, „Tke srrsigninent ok?s- ris", und als ihm dieses nicht gelang, unter Anderm für die öffentliche Bühne „Tke Ksttle ok^Icsrsr" und „Tsinous ckronicle ok k'dnsrd I", letzteres die erste ckronicle kistorv in reimlosen Jamben. Er bekundete darin elegante Phantasie, geschmackvollen Ausdruck und melodischen Versbau; aber es fehlt ihm an originellem Talent und an den höher« Eigenschaften der Erfindung. An Geschmack ihm nachstehend, an Kraft ihm überlegen war Thom. Kyd, der Verfasser des „deronime" und „lim gpsnisk trsged^", letztere unstreitig derzweite Theil der erster« und beträchtlich besser. Auch er war nicht frei von Lächerlichkeiten und Widersinn, doch zeigt er im Allgemeinen Gefühl und Interesse, Kraft und Kern. Mehr Dichter ist Thom. Lodge, >556—>616, dessen Schäferlieder und lyrische Gedichte >819 einer neuen Auflage gewürdigt wurden. Zu seinen besten Dramen gehört das historische „Tke vvonnds ok civil wsr, livel^ set kortk in tke tr»e trsgedies vkNsriussnd 8xI1s". Alle seine vorgenannten Zeitgenossen überragte Thom. Nash an Witz und Satire, nicht als Dichter. Sein spöttisches Stück „Tke isle ok dogs" brachte ihn ins Gefängniß ; sein vorzüglichstes, „Dido, gueen ok Osrtksgo", schrieb er mit Bcihülfe Marlow's. Endlich ist noch zu erwähnen Henry Chettle, angeblich Verfasser von 38 Dramen, von welchen indeß nur vier sich erhalten haben und von denen überdies nur eins, „Hostinsn, or s revenge kor s kstker", ein Trauerspiel voll Blut und Mord, als echt sich Nachweisen läßt. Dies die Bedeutendsten unter den unmittelbaren Vorgängern und Zeitgenossen Shak- speare's (s. d.), der zwar >586 oder >587 von Stratford am Avon nach London kam, aber nicht vor 1593 Originaldramen schrieb, sondern bis dahin neben seiner Schauspielcr- profession sich mit Umarbciten älterer dramatischer Dichtungen beschäftigte. Seine Stärke bewies er, daß er von der Flut, die ihn umwogte, sich nicht fortreißen ließ, und sein Verdienst um die engl. Bühne ist es, daß 'er sie von den Schlacken reinigte und den Läuterungsproceß des Volksgeschmacks aus die rechte Bahn leitete Er fand eine Bühne und ein Drama, aber 763 Englisches Theater ihr Charakter war Unnatur, mochte es Schaugepränge oder schwarze Kunst, Geziertheit oder Blutgier sein. WaS ihm den Sieg gewann, war der unfehlbare Triumph der Natürlichkeit, deren Dichter er war. Ununterstützt von Interesse oder Leidenschaft haben seine Werke durch Jahrhunderte alle Schattirungen des Geschmacks und alle Veränderungen der Sitten überlebt; ein Geschlecht hat sie dem andern behändigt, jedes sie von dem andern empfangen, um ihnen neue Kränze zu flechten, weil er die kühnste Phantasie hinübergetragen in das Reich der Natur und die Natur in die jenseit des Wirklichen liegenden Regionen der Phantasie, weil deshalb jedes seiner Dramen ein treuer Spiegel des Lebens, jede seiner Gestalten ein zum Leben organisirtes Individuum und statt einer Einzelheit der Repräsentant einer Gattung, „eine Uhr mit krystallenem Zifferblatt und Gehäuse ist, welche die Stunden richtig weist und zugleich das innere Getriebe wahrnehmen läßt, wodurch cs bewirkt wird". Wic- wol daher Shakspeare's Theaterstücke nach der üblichen Eintheilung Komödien, Historien und Tragödien heißen, so ist doch eigentlich kcins das Eine oder das Andere, und kann es nicht sein, weil jedes geformt und gemodelt ist nach den wirklichen Zuständen des Lebens und der Welt, wo Gutes und Böses, Freude und Leid sich in endlosen Abstufungen mischen. Demgemäß sind alle seine Stücke zwischen ernsten und heitern Charakteren gethcilt und je wie die Jntrigue sich abrollt, Ernst und Kummer, Frohsinn und Gelächter das Product. Wie Shakspeare's Zeitgenossen, so blieb auch seinen Nachfolgern die Höhe, zu welcher er sich erhoben, unerreichbar. George Chapman, 1557 — 1634 , schrieb 17 Dramen, darunter nur eins, welches die andern überdauert hat, das Lustspiel „Die Thränen der Witwe". Quantitativ günstiger steht das Verhältniß für Thom. Heywood, der unter Elisabeth geboren, unter Karl I. starb. Von 220 seiner Stücke gibt eS noch 24 . Aber die Qualität ist Mittelmäßigkeit, und der leichte Versbau ein geringer Ersatz für die schwache Erfindung. Schon daß Ben Johnson, 1574 — 1637 , von Shakspeare geschätzt war und daß sein erstes Lustspiel, „kvei-)' man in dis linmonr", und sein erstes Trauerspiel „8tzjan»s" (deutsch von An- dreä, Erf. 1797 ) durch Shakspeare auf die Bühne gebracht wurden, ist ein herrliches Zcug- niß für ihn. Auch verdient außerdem sein „<7atilina" Erwähnung. Dennoch war er kein Dichter aus des Herzens reicher Fülle. Was seine Gelehrsamkeit ihm an die Hand gab, verarbeitete der berechnende Verstand, mit glücklicher», Erfolg im Lust- als im Trauerspiele; nur verwechselte er oft Satire mit Witz, ließ von seinem Wissen sich zur Breite verführen and beging in der Anlage Rcchnungsfehler, die der Verstand ohne die Phantasie nicht zu berichtigen vermag. Reicher an dramatischem Talente und wirksamer im Effect waren Francis Beaumont (s.d.), 1586 — 1615 , und John Fletcher, 1576 — 1625 . Jenererfand, Dieser führte aus und wählte sich nach Jenes Tode Shirley zum Genossen. Die aus solcherVcr- bindung hervorgegangenen 50 Dramen, Lust-, Trauer- und Schauspiele, erwarben sich bei der Masse des Volks eine Gunst, zu welcher Shakspeare's Dichtungen lange nicht hinanreichten ; denn sie waren flacher und darum leichter zu fassen, und sinnlicher und deshalb mehr im Volksgeschmacke; doch ist der ihnen häufig gemachte Vorwurf frecher Schamlosigkeit wol zu hart. Daß sie wirklichen Werth haben, läßt sich schon deshalb nicht leugnen, weil mehre derselben, unwesentlich verändert, in der neuesten Zeit aufs neue Gunst gefunden haben. Bisher hat sich dies aber auf Lustspiele beschränkt, die allerdings, in einzelnen Partien voll Humor und Witz, gegen die Tragödien den Vorrang verdienen. Nicht so bei Phil. Mas- sing er (s. d.), der meist allein, doch auch in Verbindung mit Dekker, Rowley, Middleton zwar alle drei Arten Dramen schuf und mit Beifall auf die Bühne brachte, sich aber besonders im Trauerspiel auszeichnete. Sein „Duke okMsn" hat schöne kräftige Stellen und vereint, was den vor ihm Genannten nur theilweise bald mehr bald weniger eigen ist, raschen, natürlichen Dialog mit einem im Ganzen gebildeten Stil, treffenden Bildern und ebenso zierlicher als treuherziger Ausdrucksweise. So beneidenswerth reich war die engl. Bühne, als Stürme, stärker als menschliche Kraft und mächtiger als Menschenwitz, an Englands Horizonte heraufzogen und, sich entladend, auch die bretcrnen Gerüste der dramatischen Kunst zertrümmerten. Der im Frühling 1636 ausgebrochenen Pest folgten durch Karl's Unklug- hcit die Greuel des Bürgerkriegs. Unterm 2 . Scpt. 1642 gebot das Parlament, daß für die Dauer dieser trübsalvollcn Zeit alles Bühncnspicl im ganze» Königreiche aufhörcn solle, und schwerlich wird man im Hinblick auf die Geschichte jener trübsalvollen Zeit und die puri- 764 Englisches Theater tanischen Bestandtheile des Parlaments der Meinung Derer sein, welche Cromwelfls und der Puritaner Zorneifer gegen die Theater hauptsächlich den schamlosen Vorstellungen beimessen. Wenn auch einigermaßen in Verbindung mit dem finstern Geiste religiösen Misfallens an theatralischen Schaustücken überhaupt, so ging dieser Beschluß, obschon in verschwiegener Wahrheit, doch eigentlich aus der schlauen, staatsklugen Absicht hervor, Schauspielern und Schauspieldichtern die Gelegenheit zu benehmen, ihrer Gewalt über das Gcmülh des Volks zur Einflößung von Begriffen und Bestrebungen sich zu bedienen, welche den Begriffen und Bestrebungen eines puritanischen Parlaments entgegenstanden und seine Autorität bedroh, tcn. Gerade Das aber ist das vollgültigste Zcugniß für die Bedeutendheit der damaligen Bühne und ihren Einfluß auf das Volk. Auch mußte das Verbot unterm 22. Oct. 16-17 dahin ge. schärft werden, „alle Dawidcrhandelnde als Bösewichte in das gemeine Hundeloch zu wer- fen", ehe die vollständige Schließung der Theater erlangt wurde. Hierauf schlummerte die dramatische Kunst bis zur Wiederherstellung des König- thums durch Karl II., am 29. Mai 1660. Eine seiner ersten Regierungshandlungen waren zwei Patente zu Bildung zweier Schauspielcrgesellschaften, das eine für Sir Will. Dave- nant (s.d.), 1605—68, das andere für Henry Killigrew und deren Erben und Nachbesitzcr. Weil Killigrew sich im königlichen Theater Drurylane ansiedeltc, hießen seine Schauspieler leillK's servnnts", und weil Davenant das Herzogstheater in Lincolns-Jnn-Ficlds be- zog, seine Gesellschaft „vulce's compnnz-". Drurylane hat seinen Namen, seinen Freibrief und den Nus einer Nalionalbühne bis auf die Gegenwart behauptet, Lincolns-Jnn-FicldS sein Patent und seinen Ruf an Cvvcntgarden abgegeben. Eine weitere wichtige Neuerung unter Karl II. war, die weiblichen Rollen, die bis dahin von Männern und Knaben reprä- sentirt waren, an Schauspielerinnen zu geben. Aber nicht genug, daß der gleichzeitig in die Kunst übergegangcne sittenlose Hofton die höhere dramatische Poesie beeinträchtigte, Davenant, durch Killigrew's bessere Leistungen in seiner Einnahme gekürzt, warf einen Mehlthau auf die schöne Blüte und vergiftete den Sinn für klassische Reinheit, indem er Spcctakelstücke und in Musik gesetzte Dichtungen, überhaupt Das auf die Bühne brachte, was seitdem unter dem Namen dramatische Opern geht, die er mit den kostbarsten Scene- rien und den glänzendsten Anzügen, mit den sangfcrtigsten Sängern und den gliederge- wandtesten Tänzern ausstattete. Vgl. Hogarth, „lVlsmoirs ok tl>e innsicsl dramu" (Lond. 1838). Das hat fortgewuchert bis zur Stunde,., und von jener Zeit an beginnt der Verfall der engl. Bühne. Die Charakteristik des dem Übel sich damals zuwendcnden Geschmacks liefert John Dryden (s. d.), 1631 —1701, in seinen an die 30 zählenden Opern, Lust, und Trauerspielen. Vergebens warf Thom. O tw ay (s. d.), 1651 — 85, in seinem „?re- serveä Venice", „Tke ni-pkun" u. s. w-, vergebens Nathanael Lee, 1657 — 95, in seinen Tragödien „Nero", „17>e priucess nk Oleve", „Tbeodosius" und „^lexnncker tbe 6rest" sich dem Strome entgegen. Zwar bahnte später das Trauerspiel in edler Haltung und moralischer Tendenz sich wieder Eingang; aber es declamirte und bewegte sich in den steiflcin- wandenen Formen der franz. Schule. So Addison's (s. d.) „Oslo" (1717), ein Stück, das seine ungemein beifällige Aufnahme zumeist der Whigpartei schuldete, in deren Sinne der Dichter-Staatssecretair es geschrieben. So Thomson's eisigkalte „Sopkooisbe"; so die Schöpfungen eines Doung, Glovcr und Masson, unglücklicher Nachahmer der unbegriffcnen antiken Tragödie. Nik. Nowe (s. d.), gest. >718, wollte zurück auf die frühere Bahn. Was er in diesem Willen schrieb, trug das Gepräge tiefen, innigen Gefühls; aber weil er nicht durchdrang, er der Einzelne gegen Viele, ließ auch er vom Bessern ab. Einen glücklichem Weg schlug George Lillo, 1693—1739, ein mit seinen häuslichen und bürgerlichen Trauer- spielen „Oeorge Lsrmvell", „.^11 kor love", „^rckou okL'eversbam", „8ilvn", Nsrius" und „LImeriL"; nur hat er den Weg zum Versinken und Ersticken tief mit Blumen bestreut. Bevor die Lustspieldichter denselben Weg des Bürgerthums und der Häuslichkeit wählten, verdienen sie für die Zierlichkeit und Sittlichkeit ihrer Producte nicht eben Lob. Von König Karl bis auf Königin Anna schritt die Jmmoralität des Lustspiels weiter und weiter, bis sie am Schluffe des 17. Jahrh. ziemlich am Endpunkte angekommen war. Wurde in dieser Zeit ein neues Stück angekündigt, so forschte jede sittsame Frau, ehe sie zur Vorstellung ging, ob sie es ohne Erröthen wagen dürfe, und gerieth zufällig die Neugier mir der Sittsamkeit in 76S Englisches Theater Widerspruch, so band sie jedenfalls letzterer eine Maske vor. Das nahm so überhand, daß zuletzt nur notorisch Unehrsame ohne Larven erschienen. Und das konnte füglich nicht anders sein, wo Stücke zu sehen waren wie „Die londoner Hahnreie" („I^onckon cuclcol«!»"), allerdings eins der anstößigsten. Es genügt, aus dieser Periode und zum Theil in die folgende übergreifend auf die Werke, von Aphara Behn, gest. 1689 („Hs keigueck courtessns", 1679), Susanne Centlivre (s. d.), 1667 — 17 23, Colly Cibber (s. d.), 1671—1757, Will. Congreve (s. d.), 1670—1729, George Farquhar (s. d.), 1678—1707, John Gay (s. d.), 1688—1732 und vor Allen ,,'1'üe bexFsr's opera" hingewiesen, die fortwährend mit Recht, unter gewissen Auslassungen, bei dem engl. Publicum beliebt sind. Nach der Königin Anna Tode hatte der Übergang der brit. Krone an das Haus Hannover in der Person Georg's I. mehre, die äußern Theaterverhältnisse wesentlich berührende Veränderungen zur Folge, welche durch ihre Beeinträchtigung des Direktors von Lincolns- Jnn-Fields diesen auf ein Mittel sinnen ließen, sich für den Verlust zu entschädigen. Er fand cs in einer kindischen, die engl. Bühne von Weihnachten an Wochen lang entadelnden Neuerung. Früher hatten Musik, Gesang und Tanz die Kunst des Mimen von den Bietern ge- drängt. Musik und Gesang waren inzwischen das alleinige Eigenthum der mit Anfang des Jahrhunderts eingewanderten ital. Oper geworden. Also blieb nur der Tanz. Diesem mehr Sinn und Bedeutung zu geben, nahm man ihm einen Theil der von der Musik geregelten Grazie, verlieh ihm dafür die Geberde, fügte das Ganze in die zusammenhängende Versinnlichung irgend einer Fabel und nannte es Pantomime oder pantomimische Darstellung. Dies die Christmas-Pantomime, deren Ursprung man fälschlich auf die in ältester Zeit gebräuchlichen Weihnachtspossen zurückgeführt und deren Charakter, besonders seit dem Tode der als Tölpel (clown) »«ersetzt gebliebenen beiden Grimaldi, Vater und Sohn, sich zwar ansehnlich verändert hat, die aber doch fortdauernd sich auf den londoner Theatern behauptet. Dem Drama brachte der Wechsel der Herrscherfamilie keinen Segen. Weder die George noch Wilhelm IV.Haben es unterstützt, und auch von der Königin Victoria hat es in Vergleich zur ital. Oper zur Zeit nur Vernachlässigung erfahren. Dessenungeachtet hat es ihm an Dichtern nicht gefehlt. Henry Fielding (s. d.), 1707—Sä, vermehrte das Repertoire mit28Stü- ckcn, von welchen außer dem burlesken Trauerspiele ,,1'Iwm l'kumb" und den zwei Possen „nie mock tloctor" und „Dke intriguing cksmdermsick" ein viertes jetzt kaum gekannt ist. Dav. Earrick (s. d.), der berühmte Schauspieler, 1716—79, erwarb sich nicht allein um Shakspeare das Verdienst, aus seinen Dramen Vieles auszumerzen, wodurch einfältiger Dünkel sie verballhornt hatte, sondern schrieb auch 27 Stücke, darunter das beliebteste „bligk lile beloev slairs". Sam. F o o t e (s. d.), 1719 — 77, nahm es mit Anlage und Ausarbeitung seiner Lustspiele nicht eben genau, verstand aber die Charaktere mit origineller Laune auszustattcn. Rieh. Cumberland (s.d.), 1732—1811, schrieb heitere Stücke in der zierlichen Sprache, aber auch mit der Herzlosigkeit des Weltmanns. George Colman (s. d.), 1733—94, zeichnete die Personen seiner 26 Theaterstücke meist treu nach dem Leben, was ihre beste Eigenschaft ist. Sheridan (s. d.) war Spötter, Menschenkenner und Hosmann, Redner, Witzling und flüchtiger Poet in seinen Lustspielen, an deren Spitze „Ibe rckooi 5or sesnäul" steht. Schwächer war während dieser Zeit das ernste Trauerspiel vertreten; nen- nenswerth sind eigentlich nur „Dke xuml-Ier" von Moore, ausgezeichnet durch Charakteristik und Situation, und „VirAmiu" von Francisca Brooke, gest. 1789, voll Glut und Pathos, Einzelnes von Aaron Hill, 1685—1749, ist ohneLeidenschaft aber correct. Nur die nach allen Seiten hin gestiegenen, immer sich unbefriedigt fühlenden Ansprüche des 19. Jahrh., der schnelle Überdruß am Neuen und das stete Verlangen danach erklären die Behauptung, daß auch in England die dramatische Kunst unaufgehalten tiefer und tiefer sinke. Es ist dies aber eine Täuschung der Zeit und muß eine sein, nicht blos weil Shakspeare, reich und herrlich wie je und von talentvollen Mimen unterstützt, kein Haus mehr füllt, Macready's wiederholte Versuche, dem legitimen Drama die verlorene Bühnenherrschaft zurückzugeben, schmählich gescheitert sind, sondern weil Englands schönste Dichterkräfte sich dem Drama zugewendet, Erlesenes geleistet, wenig Dank und keine Aufmunterung empfangen und lediglich deshalb, wo es geschehen, die betretene Bahn verlassen haben. Unstreitig vor- nich' rückgeschritten ist die dramatische Poesie, und da sie das gethan »«begünstigt, 766 Englisches Theater bedarf eS nur einer zum Bessern wiederkehrenden Richtung dcS Geschmack-, um die ver- welkten Lorberkränze frisch ergrünen zu sehen. Die erste Anerkennung verdient die Schottin, Johanna Baillie, die 1892 eine Folge Trauerspiele lieferte, deren jedes eine bestimmte Leidenschaft schildert (deutsch „Die Leidenschaften, eine Reihe dramatischer Gemälde", von Cramer, 3 Bde., Amst. 1806—7), und dann in ähnlicher Art Lustspiele, von denen ebenfalls einigt in obiger Übersetzung mit ausgenommen sind. Die von solchem Plane unzertrennlichen Beengungen werden kaum sichtbar, so leicht und anmuthig weiß sie die Fesseln zu tragen. Wen» es aber ein Misgriff war, daß sie die Tragödien im Stile der altengl. Dichter schrieb, so Wales einer, der ihr großes Verdienst nur um ein Geringes schmälert. Mehr im Geiste als in der Ausdrucksweise der alten Classiker, zwar hinter ihnen zurückbleibend, doch ehrlich nach Erreichung ringend, freilich dem Vorwürfe der Nachahmung verfallend, schrieben für die Bühne Sam. Coleridge (s. d.), 1773—1834, Maturin, am bekanntesten durch „8er> trsm snct blanusi", Barry Cornwall (s. Proctor) und Milman (s. d.). Frei von Nachahmung, wie die freie Seele ihm gebot, schrieb Byron (s. d.). Es ist wahr, er schrieb nicht unmittelbar für die Bühne, weil das Bühnenpublicum ihn verletzt; auch fehlt es seinen Dramen im Allgemeinen an Effect und richtiger Charakterzeichnung; dennoch ging 1836 „Nsntreck" mit stürmischem Beifall über die Breter vonDrurylane, und daß Byron nicht für die Bühne und bühnengemäß geschrieben, daran ist nur zum kleinern Theil seine Reizbarkeit, zum größer« das Publicum Schuld. Auch von Walter Scott (s. d.) erhielt die Bühne eine Gabe „Halickon-liili". Nicht die Gabe, aber Das bedeutet viel, daß Walter Scott sie einer Gabe werth achtete. Andere Gaben empfing sie von der geistreichen Maria Ruffel Mitford („kienri", 1832) und von der gewandten Anna Butler, geb. Kemble, „b'rauei» tim tirst", „Um Star c>k 8eviIIe" (1838), dann die Tragödie „lüe provost oi Lruges", das historische Schauspiel „Um siege ok ^ntuerp", von Kennedy, und die historischen Trauerspiele „Um ckestü okUlarlove", von Horne, und „Vreemeo snck slaves", von Ball, „äon" und „'I'ke atlmnikm captive" bewährten Talfourd'S (s. d.) Talent für die Tragödie. Bulwer(s. d.) ist nicht zum wirksamen Dramatiker geboren, und seine Eitelkeit hindert ihn, einer zu werden. Dennoch hat Schlechteres längern Beifall gefunden als seine „Ouclmss tle la Valiöre", „l'lm Isck) ot' I^ons", „I>1nne>" u. s.w. Vorzüglicher, ungemein fruchtbar und als Lustspieldichter eine um so erfreulichere Erscheinung ist Knowles (s. d.). Außerdem sind die Bestrebungen Derjenigen keineswegs zu übersehen, die im Solde der kleinen Theater Schlag auf Schlag sie mit Neuigkeiten jeder Art versorgen, verhältnißmäßig freilich weniger aus eigener als aus franz. Erfindung. Zu den im Vorstehenden dieäußere Geschichte des engl. Theaters berührenden Andeutungen fügen wir nur noch Folgendes. Die ursprünglichen hölzernen Gerüste wurden in den Höfen großer Wirthshäuser erbaut. Der Hof diente als Parterre, die den Hof umgebenden Gänge bildeten die Logen und Galerien. Aufgehangenc Teppiche und Tapeten vertraten die Couliffen, und Jnigo Jones, geb. 1572, war der erste Dekorationsmaler. Bis dahin belehrte die Aufschrift eines Brets, was die Bühne vorstelle, oder der Acteur sagte es den Zuschauern. In einem der ältesten, 1594 gedruckten, historischen Stücke, „Sslimus, emperor ok tlm Turks", trägt der Held den Leichnam seines Vaters nach Mahommed's Tempel und hat dabei der Versammlung zu bemerken: „Suppose tim tem;>Ie ok ülokam- umcl." Das niedrigste Entree betrug bis 1596 nach jetzigem Gelde I, das höchste 15 Ncugroschen. Die Vorstellungen begannen um 3 Uhr Nachmittags und dauerten nicht über zwei Stunden. Dabei wurde nach Belieben Karte gespielt, gegessen, getrunken und geraucht. Die später in London an der Grenze der City errichteten drei Theater hatten sich bis unter Jakob 1. auf 17 vermehrte Gegenwärtig zählt London deren 22. In keiner Provinzialstadt dürfte es vor SO Jahren ein eigenes Theatergebäude gegeben haben, und fürs Jahr engagirte Gesellschaften gibt es dort so wenig wie in London. Mit der Saison treten sie zusammen und auseinander. In den Universitätsstädten Oxford und Cambridge ist alles Schauspiel »erboten. Unter den Frauen, welche zuerst aufderBühne erschienen, gehören einige zu Englands besten Künstlerinnen, so die Betterton, Barry, Leigh, Butler, Montfort und Brace- girdle. Bis 1708, wo Owen Swiney von den Dichtern Congreve und Vanbrugh die Direktion des Drurylane- und Haymarket-Theaters übernahm, hatten weder Akteurs noch Englische Maaren Enk von der Burg 767 Actricen fixe Gehalte. Der Ertrag der Vorstellungen wurde, nach Abzug der Kosten, in 2V Portionen getheilt, von welchen dem Direktor I», die andern lv der Gesellschaft zugingen. Das Zuverlässigste über die Entwickelung der engl. Bühne findet sich in den Originalwerken von Shelone, Steevens, Need, Chalmers und Collier; auch inHawkins' ,,'l'I>e or^in ns Ilie englisli clrsma" (3 Bde., Oxs. 1773). Englische Maaren nennt man vorzugsweise die in Manchester verfertigten Baum- wollenwaaren und die sogenannten kurzen Maaren, welche aus Birmingham und Sheffield in den deutschen Handel kommen. Was die engl. Maaren im Allgemeinen anlangt, die in großer Menge ausgcführt werden (s. Deutscher Handel) und sich durch Güte und Wohlfeilheit auszeichnen, so haben Ursachen vereint ihnen den Vorzug vor denen des Festlandes, namentlich in früherer Zeit auch Deutschlands verschafft, und eine falsche Annahme ist es, wenn man glaubt, daß ein bloßes Verbot derselben die deutschen Fabrikate alsbald zu einer gleichen Güte und Wohlfeilheit führen werde. Die Bedingungen der Vortrefflichkeit der engl. Fabrikate liegen in der engl. Staatsverfassung, die jedes Individuum in seinen Rechten schützt und sichert, und ihm die volle und freie Entwickelung aller seiner Anlagen und Talente erlaubt; in der nationalen Gesetzgebung durch das Parlament; in der durch diese Verfassung bedingten, nothwendig auch auf Kenntniß des Praktischen gerichteten Ausbildung der Staatsbeamten; in dem Gemeingeist des engl. Volks, der alle große Ideen, die die Nationalwohlfahrt befördern können, großherzig unterstützt; in der glücklichen Lage des Landes, der unermeßlichen Schiffahrt, und der dadurch mannichfaltig erregten und beförderten großen Thä- tigkeit und sich wechselsweise unterstützenden Industrie. Endlich haben auch die unerschöpflichen Steinkohlenlager und die dadurch leichter als anderwärts mögliche Benutzung der Dampfmaschinen, welche in allen Fabriken, Manufakturen und Gewerben mit dem größten Nutzen angewcndet werden, den bedeutendsten Einfluß sowol auf die Wohlfeilheit als auf die Tüchtigkeit der engl. Maaren. Engltssren heißt das in England aufgekommene Verfahren, nach welchem den Pferden, namentlich den Kutsch - und Reitpferden, der Schweif gekürzt wird, was in der Regel durch einen Thierarzt geschieht. Die Nothwendigkeit des Englisirens hat man darin suchen wollen, daß dadurch die weniger gut gestalteten Schweife verschwinden, daß Wagen und Reiter weniger beschmuzt werden und auch der Schweif sich reinlicher erhält; doch sind dies keine Gründe, die diese barbarische Operation entschuldigen können, denn nicht nur, daß durch das Englisiren das Pferd seiner schönsten Zierde verlustig geht, so macht man sich auch einer doppelten Thierquälerei schuldig, indem einmal die Operation mit Schmerzen verbunden ist, dann aber auch das Pferd jeder Waffe entbehrt, um in der heißen Jahreszeit sich seiner Peiniger, der Fliegen, Bremsen u. s. w., entwehren zu können. Engymeter, s.Diastimerer. Enharmönisch hieß in der altgriech. Musik dasjenige der drei Klanggeschlechtcr, bei welchem das Tetrachord in zwei Vierteltöne und einem Ditonus (großen Terzie) getheilt wurde. (S. Chromatisch und Diatonisch.) In der heutigen Musik nennt man dagegen enh armenisch die Aufeinanderfolge zweier Töne oder Akkorde, die nur in Namen und Schrift, nicht im Klange verschieden sind, z. B. cis und lles. Der enh arm onisch e Wechsel wird da angewendet, wo durch Ausweichung in entfernte Tonarten zu viele Versetzungszeichen die Übersicht erschweren würden. Enk von der Burg (Mich. Leop.), ein scharfsinniger Denker und feiner Kritiker, wurde am 28. Jan. 1788 zu Wien geboren, wo er die Gymnasialstudien am Josephinum, die philosophischen an der Universität zurücklegte. Mehr durch äußere Nöthigung als aus innrrm Beruf trat er 1810 in den geistlichen Stand und wurde hierauf Professor an dem Gymnasium zu Melk. Der Glaube, auch als Lehrer verkannt zu werden, führte bei seiner ohnehin verbitterten, lebensmüden Gemüthsstimmung am 11. Juni 1843 sein plötzliches und beklagenswcrthes Lebensende herbei. Unter günstigem Verhältnissen wäre E. wahrscheinlich ein ausgezeichneter Dichter geworden; der Kampf mit denselben verleidete ihm das Selbstschaffen, und durch die Skepsis und Polemik wurde er Psycholog und Kritiker. In der ersten Richtung hat er mitunter Vortreffliches geleistet, so hat er in seinen philosophischen Romanen und psychologischen Untersuchungen: „Eudopia, oder die Quellen der Seelenruhe', 768 Enkaustik Ennemoser ^ (Wien 132 4), „Das Bild der Nemesis" (Wien 182 5), „Über den Umgang mit unS selbst" (Wien 1829), „Don Tiburzio" (Wien 1831), „Dorat's 2^od" (Wien 1833), „Vonder Beurtheilung Anderer" (Wien 1835), „Kermes und Sophrosyne" (Wien 1838), „Über die Freundschaft" (Wien 1840) und „Über Bildung und Selbstbildung" (Wien 1842) . einen scharfen Beobachtungsgeist beurkundet. Noch bedeutender war er als Kunstkritiker, , besonders im dramatischen Fache; wir erwähnen seine „Melpomene oder über das tragische i Interesse" (Wien 1827), „Briefe über Eoethe's Faust" (Wien 1834), „Über deutsche > Zeitmessung".(Wien 1836), „Studien über Lope de Vega Carpio" (Wien 1839) und das § polemisch-satirische Merkchen „Die Epistel des O.. Horatius FlaccuS, über die Dichtkunst, für Dichter und Dichterlinge gedolmetscht" (Wien 1841). Er selbst ist als Dichter in gebun- ! dener Nede nur einmal aufgetreten in seinem frühesten Druckwerk „Die Blumen, ein Lehrgedicht" (Wien 1822). Enkaustik (griech.), eigentlich Einbrennungskunst, nannten die Alten sowol die Kunst, die Schreibtafeln (s. Diptychon) mittels eines Spatels und des Feuers mit Wachs zu überziehen, als auch diejenige Art der Malerei, deren Bindemittel durch Wärme schmelzbar ist, umso die Farbenaufträge in die Unterlagen eindringen und mit diesen sich innig und dauernd verschmelzen zu lassen. (S. Wachsmalerei.) Enkratiten, s. Gnosis. ! Ennemoser (Jos.), bekannt als medicinisch-philosophischer Schriftsteller, wie durch seinen Lebensgang und seine magnetischen Euren, wurde zu Hinterste im tiroler Landgericht Passeyer am 15. Nov. 1787 geboren. Ein Bauerssohn und unter sieben Brüdern der Liebling des Großvaters, der ihn in früher Jugend zu sich nach Schönau nahm, hatte er von seinem achten Jahre an die Ziegen desselben und dann die Kleinrinder dreier Gemeinden auf den Alpen zu hüten. Nachdem er nebenbei in der Dorfschule überraschende Fortschritte gemacht hatte, erhielt er nach vielfacher Einwendung die Erlaubniß zu studiren, wozu er durch § den damaligen Curator zu Hinterste, im Kloster Trasp in Graubündten und auf den Gym- > nasien zu Meran und zu Trient die Vorbereitung erhielt. Seine akademischen Studien machte er seit 1806 zu Innsbruck, bis sie der Krieg im I. 1809 unterbrach. Als Student war E. mit Andreas Hofer, dem Wirth auf dem Sande, bekannt und auch von ihm unterstützt worden. Beim Ausbruch des Kriegs folgte er demselben als dessen Gcheimschreibcr und zeichnete sich an dessen Seite, wie als Anführer seiner Landsleute auf mehrfache Weist , rühmlichst aus. Nach Beendigung des Kriegs ging er, um seine Studien zu vollenden, erst nach Erlangen, dann nach Wien. Die Hindernisse, die er hierbei fand, und der Mangel an Subsistenzmitteln hatten ihn zu dem Entschlüsse gebracht, einen andern Lebenspfad zu suchen, als er einen Kaufmann aus Altona kennen lernte, der ihn mit auf Reisen nahm. Ein Landsmann, den er in Berlin fand, setzte ihn in den Stand, seine medicinisch-philosophischen Stu- dien wieder aufzunehmen. Als 1812 der Krieg gegen Rußland ausbrach, wurde er nebst ein paar andern Tirolern nach England gesendet, um hier Unterstützung für Tirol zum Aufstande gegen Napoleon zu suchen. Auf die Nachricht von dem Ausgange des russ. Feldzugs eilte er über Schweden nach Preußen zurück, hatte aber unterwegs auf der Ostsee das Un- glück, im Sturme Schiffbruch zu erleiden, und wurde nach vierzehntägiger Irrfahrt auf fast wunderbare Weise zu Kalmar von Lootsen gerettet. In Folge des Aufrufs Friedrich Wil- helm's III. trat er als Offizier mit seinen Landsleuten und Freunden in das Lützow'sche Freikorps, für welches er mit ganz besonderer Thätigkeit nebst seinem Freunde Jak. Riedel eine Compagnie Tirolerjäger sammelte, die er mit diesem während des Kriegs in denJ. >813 und 1814 anführtc. Auch erhielt er vor der Schlacht bei Leipzig wiederholte Sendungen in das Hauptquartier des Königs von Preußen und hatte längere Zeit die Kriegspolicci unter dem Befehle des russ. Obersten von Heidecker zu besorgen. Später zeichnete ersichimLützow'- schen Corps namentlich an der Stecknitz, bei Lauenburg, bei Mölln und Ratzeburg gegen das Davoust'sche Corps aus. In der Belagerung Jülichs hielt er bei einem Ausfälle der Franzosen im März 1814 mit seiner Compagnie ein ganzes Bataillon über zwei Stunden auf, bis das entfernte Corps berbcikam und den Feind zurückschlug, und empfing zur Belohnung das Eiserne Kreuz. Nach dem pariser Frieden und der Rückkehr aus Frankreich nahm er seinen Abschied und ging wieder nach Berlin, wo er seine Studien beendete und 18 > 6 als Ennins Ensemble 76!) Doctor der Medici» promovirt wurde. Er sing nun an zu prakticircn und bereiste dann England, Holland und verschiedene deutsche Bäder. Unter der Leitung des Professors Wolfart legte er einen ticfern Grund zu der neuen Lehre des Magnetismus. Im I. 1819 wurde er in Äncrkcnntniß „der vorzüglichen und ausgezeichneten Dienste und der vielen Opfer, die er für die gute Sache des Vaterlands unermüdlich gebracht" zum Professor der Mcdicin an der neuen Universität zu Bonn ernannt, wo er nun als Lehrer der Anthropologie, psychischen Heilkunde und Pathologie sich allgemeine Achtung erwarb. Um nach dem Vaterlande zurück- zukchren, nahm er 1837 seine Entlassung und ließ sich in Innsbruck als praktischer Arzt nieder. Doch der Mangel an fast allen literarischen Hülfsmittcln bestimmte ihn, >81 l sich nach München übcrzusicdeln, wo er, seitdem als praktischer magnetischer Arzt sehr thätig, durch viele glückliche Euren einen großen Nus erlangt hat. Unter seinen Schriften erwähnen wir als Hauptwerk „Der Magnetismus in einer geschichtlichen Entwickelung dargestcllt" (Lpz. >819), das gegenwärtig unter dem Titel „Geschichte des Magnetismus" in einer zweiten ganz umgearbcitctcn und vermehrten Auflage erscheint, deren erster Theil (Lpz. >811) die Geschichte der Magic umfaßt; ferner die „Historisch-psychologischen Unterste chungen über den Ursprung und das Wesen der menschlichen Seele" (Bonn 1 821 ), „Anthropologische Ansichten zur bessern Kenntniß des Menschen" (Bonn 1828) und „Der Magnetismus im Verhältnisse zur Natur und Religion" (Stüttg. und Tüb. 1812). Emmis (Quintus), einer der ältesten röm. Dichter, der eigentliche Schöpfer des röm. Epos, war zu Nudiä in Calabrien um 2 in v. Ehr. geboren. Er that später Kriegsdienste, wurde in Sardinien mit dem ältern Cato bekannt und kam mit diesem nach Rom, wo er bald die Freundschaft der angesehensten Männer, unter Andern des Scipio Africanus des Ältern, gewann und das röm. Bürgerrecht erlangte. Hier unterrichtete er junge Leute aus angesehenen Familien in der griech. Sprache und Literatur, deren genaue Kenntniß zugleich den Einfluß erklärlich macht, den er auf die Bildung der lat. Sprache hatte. Fast in allen Gattungen der Poesie hat sich E. versucht, und obgleich Sprache und Vers bei ihm noch ranh und hart sind, was man der Zeit, in welcher er lebte, anrcchncn muß, so werden doch diese Mängel durch die Kraft seines Ausdrucks und das Feuer seiner Sprache völlig ausgeglichen. Daher wurden auch seine Gedichte von Cicero, Hora; und Virgil hoch geschätzt, und Erstcrer besonders führt in seinen Schriften sehr häufig Verse aus denselben an. Von seinen vielen Gedichten, namentlich den einem bedeutenden Epos in 18 Büchern, sowie von seinen Tragödien und Komödien sind noch zahlreiche Bruchstücke vorhanden, welche Columna (Ncap. I 790, -1.), besser aber Hessel (Amst. 17117, 4.), I. A. Giles (Lond. 1837) und A. de Gournay in den „lVIemoires " (18-10) gesammelt haben. Die Fragmente der „Vnunles" wurden besonders bearbeitet von Mcrula (Lcyd. 1797, 1.) und E. Spangcnbcrg (Lpz. 182.7). Vgl. Hoch, „Ile blimiuiiorum aininliuin fr->z;iuei>611), und seinen in einer ziemlich schwülstigen und manicrirtcn Sprache verfaßten Pancgyricus ans Thcodorich, der zuleßr-sn Manso's „Geschichte des ostgoth. Reichs" (Brest. > 821 ) abgcdruckt worden ist. Seine sakmntlichen Werke erschienen zu Paris >696 und zu Venedig 1729 (Fol.). Ens, ein Fluß in Ostreich, der Tirol und das Erzhcrzogthum Ostreich durchströmt und hier bei der ^tadt Ens im Traunkrcisc in die Donau mündet. Durch ihn wird das Erzhcrzogthum in zwei Theilc gethcilt, die das Land unter dcr Ens und das Land ob dcrEns heißen; jenes umfaßt Unter - oder Nicdcröstrcich, dieses Oberöstrcich, zu welchem auch der 1816 von Baiern an Ostreich abgetretene Theil Salzburgs gerechnet wird. Das elftere umfaßt 311 UM. mit 1,311000 E-, das letztere 333 UM. mit 817000 E. Ensemble nennt man das Ganze als solches und ohne Rücksicht auf seine einzelnen Theilc. Wenn man bei Beurtheilung eines Gegenstandes der schönen Künste auf die Wir- Eonv.-Lex. Neunte Ausl. IV. 4s> 770 Entbindmigskunst Entern kung Hinsicht, die alle Theilc zugleich auf uns machen, ohne auf das Einzelne Rücksicht zu nehmen, so sagt man, das Ensemble sei dabei so oder so beobachtet. So redet man B. bei einem Gemälde, einer dramatischen, einer musikalischen Aufführung vom Ensemble, wenn man nicht auf einzelne abgesonderte Theile sondern auf die Totalwirkung sicht, welche das Ganze als solches macht. In der Musik heißen Ensembles vorzugsweise solche mehrstim- mige Tonstücke, in welchen die Hauptstimmen selbständig sind,;. B. in den Opern und Oratorien die Quintette und Finales. Entbmdungskunst, s. Geburtshülfe. Entdeckungen, s. Erfindungen. Enterbung heißt die gänzliche Ausschließung eines nothwendigen Erben von der Erbschaft; nothwendige Erben sind die Descendentcn (Kinder, Enkel u. s. w.) und Ascendenten (Altern, Großältern u. s. w.). Als Regel gilt im röm. Rechte, welches in dieser Beziehung noch die Grundlage vieler deutschen Landesrechte ist, daß den genannten Personen wenigstens ein gewisser, näher in den Gesetzen bestimmter Theil der Erbschaft (s. Pflichtteil) als wirklichen Erben hinterlassen werden muß, wenn das Testament bestehen soll. Als Ausnahme von dieser Regel gelten die Fälle, in Folge deren eine gänzliche Ausschließung svwvl der Kinder als der Altern gestattet ist (Enterbungsgründe). Dahin gehören im Allgemeinen Mißhandlung der Altern, Vernachlässigung derselben in Geisteskrankheiten und Gefangenschaft, Anklage wegen schwerer Verbrechen, Nachstellung nach dem Leben, Verhinderung an der Errichtung eines Testaments, Abfall von der christlichen Religion und schlechte Lebensweise der Kinder. Neuere Gesetzgebungen, z. B. das östr. bürgerliche Gesetzbuch, bestimmen diese Gründe noch etwas genauer; namentlich kennt dieses Gesetzbuch den angeführten dritten Entcrbungsgrund nicht, nimmt aber Verurteilung zu 20jährigem Kerker als solchen an. Noch gibt cs eine sogenannte Enterbung in guter Absicht, worunter man das Ausschließen eines sehr verschuldeten oder verschwenderischen Nothcrben, um seinen Anthcil seinen Kindern zuzuwenden, versteht. Die Enterbung bleibt immer eine Abweichung von dem natürlichen Gange des Erbrechts; das ältere deutsche und franz. Recht kennen sie nicht in solchem Umfange, wie das röm. Recht. Namentlich kann nach franz. Recht Jeder zum Nachtheil der Kinder und Altern nur über einen gewissen Theil seines Vermögens verfügen; über die Hälfte, wenn ein Kind oder Ascendenten auf beiden Seiten vorhanden sind, über ein Drittel, wenn zwei, über ein Viertel, wenn drei oder mehr Kinder da sind, über drei Viertel, wenn nur Ascendenten auf einer Seite vorhanden sind. Eilte, ein landwirthschaftliches Hausthicr, das mehr seines Fleisches als seiner Eier und seiner Federn halber gehalten wird. Da die Enten ihrer Freiheit überlassen, nicht so schädlich werden wie die Gänse, sich ihr Futter zum größten Theil selbst in Bächen, Gräben u.s.w. suchen, so ist auch in der Nähe von Gewässern die Entenzucht der einträglichste Zweig der Geflügelzucht. Cuviertheilt die Enten nach dem Schnabel in sechs Abtheilungen: Tauch-, Schell-, Eider-, Moor-, Löffel- und Brandenten, deren jede wieder verschiedene Arten zählt. Bemerkenswerth sind die türkische und die gemeine wilde Ente. Letztere lebt in Seen, Teichen und fließenden Gewässern, gehört zur nieder»Jagd und wird ihres schmackhaften Fleisches und des Schadens halber, den sie in Teichen und auf Äckern anrichtet, sehr verfolgt. Entern heißt, ein Schiff auf offener See mit Gewalt anhalten, um sich desselben zu bemächtigen. Dieses geschieht, indem sich das angreifende Schiff mit ^Enterhaken oder Enterdrcggen an das feindliche anhängt, sodaß die Mannschaft nun dasselbe ersteigen und die Besatzung Mann gegen Mann angreifen kann. Das Entern ist Sache der Kaper und Corsaren. Geentert werden gewöhnlich nur Kauffahrteischiffe, die meist wenig Mannschaft und Geschütz haben. Als eine gefährliche Waffe dient dabei das Enterb eil, an der einen Seite ein gewöhnlicher scharfes Beil, an der andern mit einem sechs Zoll langen Haken versehen. Dadurch, daß man in neuerer Zeit den obern Theil der Seitenwände an den Schissen in Wegfall gebracht hat, ist das Entern sehr schwer gemacht. ber im oievten 23anbc enthaltenen 2Crti fei. ©. ©eite D. , Da capo. — ©acb (Simon).— ©adjau. — ©ddjer, bie. 2 ©adjd . 4 ©acien . — ©aciet (Jfnbre).— ©acier (2Cnna). 5 ©acier (33on 3of.). — ©dbatud—©dbata. 6 ©aenbeld (£ernt. SBilb.).. — ©agbeftan. 7 ©agobert I.— ©aguerreotppic. — ©’ÄgueffcauCfienrigran?.) IO ©a^t (3oI). ßt)riftian).... 11 ©abtgren (Äari 3ob-).... — ©abtmann (gr. (Sbriftopb) — ©atjomcb. 12 ©aiti. 13 ©attptiogtppbif, f. ©teilt; fcfjneibeEunft.— ©attpliotbeE. — ©aftplotogie. — ©aütptud. 14 ©alagoa. — ©atai=£ama, f. 2ama .... — ©alarne, f. ©alefartien ... — ©atatjrac (SiCiCotaö). — ©alberg (2fnt. »on—®reta »on —3ob- »on—SSolf; gang »on —2tbolf, grei; bert »on—SBolfg. £eri= bert »on — 3ob- gtiebr. 4?»go, greifen »on)... — ©atberg (Äart SE^eob. 2Cnt. Ptaria, Steicbdfreib. »on) 15 ©alberg (Smmeridj 3of-, ^»erjog »on).10 ©alcfatlien. 17 ©aletf. — ©ateminjien. — ©alin (Stof »on). — ©alrnatica. 18 ©atmatien. — Dal segno. 19 ©alton (3obn). — ©eite ©amafeenuä (3o^.)j ]. 3o= banned G>b»pforrboa$ .. 20 ©amad (SljarleS, ®raf »on — Stöger, ®raf »on) ... — ©amad (TCnge £t)acintfyc Ptarcnce, SSaron »on) .. 21 ®amad=G>rur(@tienne6?bar; teS, efberäog »on — ICte; ranbre, ®taf ». - granq. ©tienne) . — ©amadeiten. 22 ©amaddrt. — Samadt..20 ©ainaft. 24 ©ambtai) (Q>barl.— ©ma= nuet, ®raf). — ©amenfriebe, f. Sambtat). 25 ©amenifation, f. ©otmifa; tion. — ©aminni (petrud—©amia= rtue). — ©amieneS (Stob, granq.) .. — ©amiette ober ©amiat ... 26 ©amiron (Sean Pbilibert) — ©amrn. — ©amm. 27 ©ammarbarj. — ©dmmetung. — ©ammjieber. 28 ©amoEled. — ©amon unb Pbintiad. — ©dmonen. — ©ampf. 29 ©anipfbab. 30 ®ampfbteicf)c. 111 ©ampfer. 32 ©ampfgefdjof!. — ©ampfbeisung. 33 ©ampftodjen. 34 ©ampffuget. 35 ®ampfmafd)incn. — ©ampfmeffer. ‘19 ©ampffebiff. — ©ampfroagen. 42 ©ampfwäfdje. 44 ©ampicr (Sßi'ctiam). — ©atnpiera (ICugujlt ^>cnri Ptarie 'Picot, Ptarquid be ©eitt — ©hart. Ptarquid Picot bc—Ptarquid be). 45 ©amremont (<§b ar I- Plarie, @raf©enpdbe). 40 ©aniwilb, f. ^>irfdj. — ©anae. — ©anaud. — ©ancaroitte (pierre gran?. #ugued). 47 ©ancourt (glorent ßarton) — ©anbolo (ffinrico—®io»an; ni— grancedco—Xnbrea — SSinccnt).— ©anbp. 48 ©anebrogorben. — ©dnemarf. — ©anemora. 00 ©angeau (Philippe bc (Sour* ciiton, Ptarquid be — Souid be©ourcillon be). — ©aniet, ber Prophet. — ©aniel (©abriel). 61 ©aniet (Samuet). — ©aniele (©an=). — ©anifebmenb. — ©dnifdje ©pracbe, Citiera» tur unb Äunft. — ©ant. 08 ©annecEer (Sob-^einr. »on) — ©annenbetg.09 ©ano» (CSrnft 3af.). — ©antan (3ean pierre — ICntoinc Saurcnt). — ©ante tttigbieri. 70 ©antifeud (3cb-). 72 ©nnton (®eorged). — ©’2tn»ilte, f. 2tn»il[e. 74 ©an* (3cb- SEraug. gebet. — 2tug. #einr. ©mit) .. — ©anjig. 75 ©apbnda. "7 ©apbnc. — ©apbnid. — ©apifer, f- Srudjfeji. — ©’ttreet (Sean pierre 3of. — getir) .. - ©atbanartud. — ©atbanellcn.— 4U* 772 Sctjctdptttf bet ittt tfierten SJattbe enthaltenen 3trtifel+ ©arbaniid. ©ared.•.. ©arfur. £>arien, f. Panama (8anb=> enge »on). ©ariud.. ©arlefyn . ©arlington... ©arm .. ©armfaiten. ©armfiabt. Sarre — ©atrfjaud_ ©arrjudjt .. ©arftellung. ©atu (Pierre TCntoine 35ru> no, ©raf). ©anoin (Sradmud). ©afdjfcto (Äatljarina 5Ro> manomna, güjrfliti) ... Staffel (bte ©rafen »on).. ©eite .. 78 !’ 79 ©ccanbolte (Jfuguftm Pp-- »amc—2Clpt|onfe).... — ©ecaup (Souid Sötctor 80 81 82 83 84 85 ©ecetnber. ©eccmuiri ©edpiffriren.. ©eeimalbrudj. ©eite ©eite 101 ©rijnbarfeit. 117 ©ei. 118 . — ©eiet). — 102 ©eibamia. 119 Dei gratia. — , - ©eiman (3an ©icberict) — 103 3an 91ub.). — 105 ©cintjarbftcin (8ubw. gr.) 120 . - ©e'ton. 121 , - ©etoneud. — , 106 ©etpbobe. — , - ©eippobud. — . - ©e'pbontcd. — , 107 ©etpbple. — ©ecimalfpftem, f. 3at)(en= fpjtem. ©ectme. ©ecimiren. ©ecifton — ©eciftörefcript - ©ecifioftimme. ©etpplud. ®cipnon. ©ciftbdmonta. ©e'tdmud — Seiften. •.. ©ejanira. Sejean (gierte granp. 122 ©ata.. ©eciud, publ. ©. 5Kud .. — 2fime 3tug., @raf) .... — ©ataria. ©ecf ober SSerbeef. 108 ©ejotarud. 123 ©att (Garlo—©oro- -8eo» ©eefenmaterei, f. plafonb ©efabif. — narbo—©iuliano- -2tgo* ©eefer (Äarl »on). — ©efagon. — ftino — Sticcolo) . ©edfarben. 109 ©efagonaljaplen. — ©attcln, f. Palmen . .... 86 ©eclamation. — ©efameron. — ©aturn. . . . . - ©eclaration. 110 ©etan (®af j^ina). — ©aub (Äatl). .... 87 ©eclination. — ©eban. 124 ©aubenton (3ean 8ouid ©eeoct. — ©cf ad. — 5ötarie) . .... 88 ©ecompofttion. — ©efaftiefjon. — ©aulatabab. ©ecoration. III ©efen (ilgatba). — ©äumlinq. Decrescendo. — ©effer (Seremiad be).... 125 ©aun (8eop. 3of. 50taria, ©ecret. — ©elaborbe (£cnri granf., Kciebdqraf »on).. ©ecretalen. — @ raf). — ©aunou (Pierre Glaube ©ecubitud. 112 ©elaborbe (Scan 3of-) ( f- granp.). .... 89 ©ecumatifcfje 2Cefer. — gaborbe. 126 ©aumtd. .... 90 ©ecurio. — ©elambre (3ean 3of.) ■ ■ • — ©aupbin. ©ebication. 113 ®e£arod|e (pau!). — ©aupbine. Säurten. ©auttj (3otj- Ptarim.)... ©a»enant (@tr SBilliam) ®a»ib (Äbnig). ®a»ib (Gbriftian @eorg Statban) . Sa»ib (3acq. £ouid).... ®a»tb (Pierre 3ean).... ©aoibd (Xfber gumlep).. ©a»ibfon (Sucretia SDtaria — SDtargaret 50tUlet) . ©aotla (Gnrico Gaterino) ©a»iS (3ot)n) ... *. ©a»ouft (8ouis> SlticoXaä), ^erjog »on 2£uerftdbt- ®a»p (@ir ^ump|rp)... ®at»pbot» (©enid SBaftG jemitfeb). ©eaf (granj). Debatten . ®ebona(c, f. ffionalb .... ©eborat) . ®eboud)c. Sebrecjin . Seen. 92 93 91 95 90 97 98 99 100 101 ®ebuction ©efenberd. — ©efenfton, f.Skrttjeibigung 114 ©efenfioner. — Defensor fidei. — ©eferiren. — Seficit. — ©efite. — ®efilenient. — ©eftliten. — Sefiniren. — Seftepion bed fiidjtä, f. 3«= ■ fterion bed Cid)tS. 115 ®efoe (®anicl). — ©eformttdten. — Sefraubation. HO ©efferbar. — ©egatniten. — ©egenfclb (Gbriftopb 59tar» tin »on—SJiarta ©ufan; na 8opfa,9taugräfin ».) — ©egeranbo (3of- SJtarie, SSaron »on) ©eggenborf.. ©ego. ©egrabation . 117 ©elatored. 127 ©ela»igne (Scan granp. Gaftmir — ©ermain .. 128 ©elamare. — ©elbrücf (3ot). griebr. ©otttieb — 3ot). griebr. gerb. — ©otttieb).... — Delcredere. 129 ©etegation . 130 ©eleffcrt (ffienj., S3aron). — ©etfico (50tetd£)iorre) .... — ©ctft. 131 ®elt)i. 132 ©elille (3acq.) . 133 ©etisiurn—Delirium tremens . — ©elifebed Problem. 134 ©etidle ober ®e l’Sdle (Glaube—©uillaume— 3of. Sticolad — Simon Glaube — Souid). — ©ctmentjorft. 135 ©elolme (Sean Sottid) ... 136 ©etorme (SOtarion). — ©elormc (ppilibert—pier= re Glaube granp.) .... 137 Serjetdmtjsi bei: im feierten SBattbe enthaltenen Strfifel, 773 ©eite Selo«. 137 ©clped) (Sacq. 9Rntf)ieu) — ©etplji. 138 ©elpijin. 139 ©etta. — ©etuc (Scan Änbre) .... — ©emagog. — ©emantetiren, f. ©djteifcn — ®emarcatiow3(inie . — ©emarara. 131 ©embinffi (lienrpf) .... — ©cmeter. 142 ©emetcr (Sgnaj Änton). — ©emetrius |>oliorfeteb .. 143 ©emetrius! ifefjalereub ... — ©emetrius 1. — V. — ®er fatfc^e ®. 144 ©emiboip (Stifitn—'Jtftmft —SSaftlt—(Paul ®rego= riewitfd)—Stitolaji, ©raf von — Änatoli). 145 ©cmitunc. — ©cmiurg. — ®enmie (£crm. ßljriftopt) ®ottfr.). 140 ®emmin. — ©emobofuS. — ©emofratie. — ®cmoftit. 148 ®emolcon.. 149 ©emolitionbfpftem. — ©emonjlration. 150 ©einontiren. ©emopfyon. ©emo$. Scmopeiieö. ©emoujtier (ßfyati. 3ftt>. — ifeierre Änt.). 152 ©enar. — ©enbera. 153 ©enbermonbe ober Sers monbe. 154 ®cnbriten. — ©enbrolitiien. — ®enbrometer. — ©enljnm (©ir 3ol)n).... — ©cnljnm (©ipon). 155 ©cnitia (®iacommaria ßarlo). .. — ®enib (3ot). 3Rid>. Äob= muS) • i... 150 ©enüart . 157 ©cnfen. — ©enffreifyeit ... s .. 15S ®cnfmale ...'.. t — Senlmunje. 100 ©entübungcn. 101 ®enncr (SBatttiafar) .... — Senner (Sol). Sfyrijlian). — ®enne*pi§.. — ®enomination. 163 ®enon (©ominiquc SSx= pant, SSaron). — ©eite ©entatug (SR. ßtttiuS), f. ßuriuä ©entatuS. 103 ©cnfsel (®eorg griebr.,* SSaron) . — ©enunciation. 164 ©enget (SSernfy. ©otttieb) — ©eobant. 165 ©epartcmcnt. — ©epefdjen. — ©eptopement. — ©cponcnä. — ©eportation. ■— ©epofitenbanf, f. S3anf .. 160 ©epofition. — ©epot... — ©epping (®eorg SSerntf.) — ©epreffionüfcfyuf;. 167 ©eputation. '— ©eputatmirt^fdjaft. — ©eputirtenfammer, f. Äam= - mcvn. — ©crbenb . — ©erbt). 168 ©ercfer (Änt. S^abbdub) — ©crfflinger (©eorg, 9tcid)ijfreil)etr oon) •.. 109 ©eriBationired;nung.... — ©erioatum . 170 ©erfeto. — ©ertpifd). — ©erjatoin (®abr. Stomas nomicj). ©efair be SSopgour (8oui3 6t)art. 2Cnt.). 171 ©ebarmiren. 172 ©efätir. — ©efault (Pierre Sof.) • • • — ©edborbeä = SSalmoce (SOtarcetinc). 173 ©edcarteb (Stcne). — ©efcenbentcn. 174 ©efcente. — ©eferre (gereute, ®raf). 175 ©efertion . — ©eferPifen. 176 ©efeje (Stapmonb, ®raf) — ©cdfontaineS (Pierre gtant;. ®m)ot — ©e$= fontaineb Sapatlee)... — ®eSfonfaineß(9lene8ouid)e) — ©ebljouliereS (Äntoinette) 177 ©efignation. — ©eöinfeetion. — ©eSmologie. 178 ©eSmoulinS (S3fnoit 6a= mitte). — ©eSnoperb (Äug. ©aSp. Souib S3oud)er, SSaron) 179 ©cbpofie. — ©effatines (3ol). 3af.) • • ■ — ©effau. 180 ©effert . 181 ©effotted (Sean Sof. (Baut Äug., SRatquiS) ..... — ©eite ©eftiltation .... ©ebtoudjeä ('Ptjit. Steri» 182 cault). ©eftutt be Stracp (Änt. 184 8ouib ßlaube, @raf) .. Sefultorifc^. — ©etadjement. — ©etait. Setermination. 185 ©cterminidmug. — ©etmotb. 180 ©etoniren . — ©etteTbad^. — ©eufalion. Deus ex machina. 187 Deus Fidius.*. -. ©eut. — ©euteronomion. — ©eutfd; unb Seutfc^ .... — ©eutfdjbrot. 188 ©eutfd)ianb. — ®eutfd)e Älterfipimbtunbe 205 Seuffd)er SSunb. 207 ©eutfi^e ®cfd)id)tbt‘unbe. 212 ®cutfd;er ^)anbel. 210 ©eutfdje Äirdje. 220 Seutfdje Äunft. ©eutfdje literarifdje 3eit' 225 fünften, f. ©cutfdje poetifdje SCritit...... 230 ©eutfdje Siteratur tmb SBififcnfcfyaft. — ©eutfcqe Siteratur im Äub* (anbe. 250 ©eutfdje SÖZanufactur unb gabrifinbuftrie. 256 ©eutfdje SRebicin unb @I)i= tuvgie. 258 ©eutfäeb SDZeer, f. Storbfee 262 ©eutfdje fPfyitofopfiie.... 267 Seutfcfye fPoefie.270 ©eutjdje poetifdje Äritif. 284 ©eutjcfye gjolttiE.290 ®eutfd)e iprofa. 292 ©eutfdjcb Stecht. 297' ©cutfc^es SReid), f.®eutfdjs lanb. 298 ©eutfdjc Steifer. — ®eutfi|e Stifter. — ©eutfdjeS ©cblof, f. Stab= fdjlof. 300. ®eutfcf)e ©pradje. — ©eutfi^eg Sweater unb beut= fd^e bramatifdjc (Pocfie. 305 ®eu$. 310 ©epatoafion. 317 ©eoaur (©. G>.). — ©epeteq (SfaaE (ämanucl 8outb). 318 Sepeloppabel. — Sepenter. — ©fpife ... — 774 Serieidjni# &et im »iecfeit SBaube entyalttiteit ärtifel. Beoolution. 319 ®eoonfl)ite (©raffdjaft) . — Beoonjfyitt (SSittiam, @raf non — SBiUiam, $erjog oon—(Seorgina, .£>erjo= gin oon — ©tifabetti, £er$ogin Bon). — Bcootion .. 321 Beorient (2ubm. — Äarl Ttug.—©buatb— ®ufl. ©mit). — Betoa ober Beoatd.322 Be SBette (SBilfc. SRatt. Seber.). — Bejeippud (5>. #erenniud) 324 Bertrin, f. 23ranntn>ein= brennerei. 325 Bepting (©atomon). — Btyatoalagiri. — Biabem. — Biagnofe. — Biagometer. — Biagonate. 326 Biagorad. — Biagrnmm. — Biagtap^. —' BiaEauftifdje 2inie. — BiaEonen. — BiateEt .. 327 BialeEtiE. — Bialepftd, f. Bidrefid .... 328 ®ialtcle, f- aSeroeie. — Biatog. — Biatptifdje gernröljre, f. gernröljre. 329 Biamant. — Biametcr, f. Burdjmeffcr 330 "Diana. — Bianenbaum. 331 Biapafon. — Biapljanometer. — Biapijonorama. — BiapÜonie. — Sinpljora. — Biapfyragma, f. Stenbung unb 3n>erd)fetl. — BiarbeEt. — BidtefES. 332 BiafEeuafEen. — Biaftafe. — Biaftimeter. — Biaftote. — BiajprmuS. — Bidt ... ; .^. — Bidten ..". 333 Bidteten. — Biatonifd). — Biatribe. — Biaj (SSactfjolomeo).... — Bia$ (SÄidf^el). 334 Bibbin (om.). — Bibbin (33)om. grognalt) — Bicgar^ud ........... 335 ©eite Bkafterium.335 Bidjotcmic, f. ©intijeitung — Bidjrcmatifdj. — Bitten. 336 BidjtigEeit. — BidjtE unft unb BicE)tungd= arten, f. gjoefte. — Bicfe, f. Bimenficn. — BicEend (ßfyart.) ... — BicEpfennige. 537 Bictator. — Bictatur— Loco dictatu- rae. 33S Biction. — BibaEtiE. — BibaEtifdje 5)oefie, f. 2efyr= gebicfjt. — BibadEaticn. — Biberot (Benid).— Bibo. 340 Bibot (granp. — granp. TCmbroife—fpier. granp. — Pierre ber JCttere — Suted—4?enri—©aint= Se'ger—©bouarb — bet Süngere — Tfmbroife girniin—eppacintt) gir= min—gte’bc’tic gitmin) — Bibpmdud..341 Bibpmud. 342 Bie — ©t.=Bie. — Biebitfcfj. ©abalEandEi (£and .Kart gricbr. Xnt. Bon). — Biebdinfeln, f. 2nbroncn . 343 Biebdlid)tcr. — ®ieb|tat)l. — Biect (Äarl gricbr.) .... 344 Bieffenbadj (3ot). griebr.) — Biel (2Cug. gricbr. Ttbrian) 345 Biemen (Ttnt. Ban). — Bienftag. 316 Bienjlbarfeif, f. groijncn unb ©croitut. — Biepfyotä . — Bieppe. — Dies. — Dies irae. — Bieffenfyofen. 347 Biefi. — Bieftcrrccg (gricbr. TCbotf äßilli.). — Bieftertneg (SSilfy. TCbotf). 348 Bietenberger (Sol).) .... — Bieteridjd C3oad), griebr. Sfyrifr.). — Bietmar ober Bitfymar .. 349 Bietrid) (@Ijr.2Öitt).@rnfl) — Bietrid; ber SBebrdngte.. 350 Bictridjftein (Stupredjt boii —£ einr. Bon—$anfta& oon — granj oon — ©igm. Bon — ©igm. ©eorg oon — Äarl oon ©eite —grans oon—ÜKarirn. oon—gerb.Bon—granj 3of. oon — ESJtorij oon) 351 Bietfd)(3oI).3frael—3o^. S^riflop^ — SSarbara SRegina — SRarg. S3ar= bara—©ufamtaSXaria) 352 Bic§. — Biejcugmcnon. — Bicjmann. 353 Biffamation. — Bifferentiatredpiung • • • • — Biffcrcnä. 354 Biffeffion. — Biffraction, f. Snflerion bcS Cidjtä. — Bigeriren. — Bigefien, f. ^banbeEten... — Bignitare. — Bignitdt, f. $>otenj. 355 Bigreffion. — Bijon. — BiEe, f. Ttflrda unb £crcn 356 BiEotplebcnen. — BiEtpd oon Ärcta. — Bilation, f. griff.357 Bitatorifdje ©inrcbe, f. ©inrebe. — Bilemma. — Bitettant. — Bitten (3oIj. 3aE.). — Bittenburg. — Billingen. — BilHd . 358 Bilogie, f. TtntanaEtafid .. — Bituoium unb Bituoianifc^, f. Unrett. — Bimenfion. — Binan. — Binant. 359 Binardjud. — Binborf (SSitt).). — Bing. 360 BinEcl ober ©petj. — BinEetbbüt)l. 261 Bintcr (©ujtao gricbr.). — Bio. 362 Bio ©affiud. — Bioced. — Bioctetianud (6. Tturctiud SSatcrius). 363 Bioborud ..... —- Biogencd oon Tfpottonia.. 364 Biogened and ©inope ... — Biogencd oon Cacrte .... 365 Biomcbe.*.. — Biomebed. — Bien. — Bionda. 366 Bione. — Bionpfton ..... — Btonpfiud ber Ttttere.... —■ Bicmpftud ber 3««gere .. 367 Bionpfiud bcr .£>ati£arnajj — SSetieicImtf ber im tJtcfteit Saitbc enthaltenen Sfottfel. 775 ©eite Seite ©ionpfutb Jfreopagita ... 367 ©ionpftub ©riguub. 368 ©ionpftttb 9)criegcteb.... — ©ionpfob, f. ffiaccfjub.... — ©iopfyantub. — ©icpterliiteai. 369 ©ioptrif. — ©iorarna. — Stoffortbeer. 370 ©iobfuren. —j ©ipf)tf)ong. — ©iptafiabmub. 371 ©iplafion. — ©iplom. — ©iptomatie. — ©iplomatif, f. Urfunben= lefire. 373 ©ipobie. — ©ippet (3ol). Äonr.) .... — ©ipteren, f. Snfeften .... 374 ©iptpdjon. — ©irce. — ©irect — ©irecteb geuer. — ©irectorium. — ©ircctrtr. 377 ©irett, f. ©umeniben .... — ®ib. — ©ibcant, f. Sopran. — SibcantfdjIitlTei, f.Sc^lüffel — ©iöcipltn. 378 Disciplina arcani, f. Arcani disciplina. — ©ibctpltnargewatt. — ©ibcontinuirlid). — ©ibconto. — ©ibcorbia, f. ©rib. — ©ibcretionbtage, f. 5Re* fpecttage. — Sibcutft», f. ©rfenntnijj. — ©ibcuffton. — ©ifentib ober ©iffentib .. 379 ©ibjunction unb ®ibjmtc= ti», f. Urteil u. Sdjtuji — ©ibfub. — ©ibmembration. — ©ibpadje. — ©ibparate SSegriffe. 380 ©ibpenfation. — ©ibpcnfatcrium. — ©ibponent. 3Ö1 ©ibpofttion. — ©ibputation. — ©ifFcn (Subotf). — ©iffcnterb. — ©tffibenten. 382 ©iffortanj.. — ©ifieit (SOtartin) . . — ©ifticfjon. v .. 383 ©ittymar »on 591erfebutg, f. ©ietmar. — ©itfymarfdjen. — ©itljprambub. 384 ©itterb Pott ©itterbborf (Äarl). — ©tu ober ©tnipa. 384 ®i»an ober ®it»an. — ®i»ergirenbunb®i»ergent 385 ©toertiffement. — Divide et impera. — ©trtbenbe. — ©isination, f. Tönung... — ®i»ifton.. — ©inortium, f. ©fyefdjeibung 3S6 ©trmupben. — ©jej&ar ober ©fcfyesser .. — ©lugobj (San). — ©nttttife» (Srean 3wano= tntci). 387 ©modjotnffi (grancifjef) — ©ntepr. — ©nieftr . 388 ©obberan. — ©bberetner (3oIj. SBolfg. — granj). 389 ©obre. — ©obrowfft) (Sofepf)) .... — ©obrubfdja. 39t) ®obfd)it| (SBilf|.8eop.»on) 391 ©ocfb. — ©octor. 392 ©octrinaireb. 393 ©obb (Stob.). 394 ©obb (SBittiam). 395 ©obefabtf. — ©obefaeber—©obefaebraU jaulen. 396 ©obefagon—©obefagonaD jaulen. — ©bberlein (3of).©f)rijlopi)) — ©obona. — ®obt»ell(.£>etnr.—©buarb) 397 ©oeb (3af. »an ber— Si= mon »an ber). — ©oge. — ©ogma. 399 ©ogmatif. — ©ogmatibmub. 400 ©ogmengefdjidjte. 401 ©ol)nt (Sfjrijlian Äonr. äBitfj. oon). — ®oi)na (3efd)fe »on — S?i= toi. »on—Sf)rijlopl) »on — Staniblaub »on — Tlbrafyant II. »on—Äarl .£>annibal »on—gabian »on — Ttler. »on ©.= Scfylobitten—©fyriftopl) »on ®.=Scf)obien — gr. gerb. TCler., ®raf »on) 403 ©oljnen. 404 ©ofeten. — ©ofimaftifon. 405 ©offum. — »olabella ($). Sorneltub). — ©otd;. — ©olci(Sarlo).406 ©olbengewä^fe. — ©ölt. — Seite ©oleb (3ol). gtiebr.—3olj. griebr.). 407 ©otgorufi (®regor—59ta= rie - Secrg — 59tid;ael —3afob—3t»an—S3a= fiti—äBlabimir— 9tif o= lai — Ttlepei — ©tic — fPeter). — ®6U (griebr. 2üilf>.—3o!p. SSeit). — ©ollar. 408 ©ollart. — ©öllinger (3gna$—@eorg gerb.— 3oIj.3of.3gn.) — feotlonb (Soijn— fpeter). 409 ©olomieu (©eobat @up Sit= »ainSancrebc ©ratet be) — ©ol 5 (3ob. Sfjriftian) ... 410 ©om. 411 ®om ober ©omfirdje.... — ©omainen. — ©ombable (3of. ICler- 59tat= tljieube). 413 ®ombton)ffi(3an^>cnrpf) — ©omcapitel. 414 ©omenidjino, f. gampicri — ©omenico, f. S8urd)ieUo. , — ©onticil. — ©ominante. — ©omingo (San). — ©omtntca — ©onttntcum. 415 ©ominica ober ©ominique — ©ominicaner. — ©ominiren. 416 ©ominib (591.2fntoniub).. — ©omino. — ©omitianub (£. gla»iub) — ©omitiub.. 417 ©omremp la tpucelle .... — ©omf^ulen. — ©on. — ©on (Strom). — ©onatello. 418 ©onatiften. — ©onatioe... 419 ©onatub (Ütiuö—jJiberiub ©laubiub). — ©onau (bie). — ©onauef^ingen. 421 ©onaumoob. — ©onauftauf. 422 ©onaumbrt^. — ©onegal. — ' ©ongola. 423 Don gratuit. — ©bnfyoff (Kug.^einr.lterm., ©raf »on). — ©onifdie Äofaden , f. Äo= facten. — Sonijetti (©actano) .... — ©onjon. 424 ©on 3uan. — ©onSuan b’JCuftria, f 3o= l)ann »on Öflrei^ .... 425 776 SBetjeidfjitifi bcr im pietfett äkitbe cn^aifeiten 2lritfelt ©eite ©eite ©eite ®onfer»Surtiug »an Sien= ®ofen . 441 ®reifinnige. 460 l)o»en (SBitlem SSoube* ©ofitfyeug (ÜJiagifter) ... — ©rcifsigacfcr . — ropn). 425 ®offat (TCrnaub). — ®rei|jigjdf)rigcr .Krieg... — ®onnor. — ®offi — ©io». SSapt. ®.. 442 ©reijtimmig. 466 ®onner (@eorg Siafact). — ®oft SRoIjammeb, f. 7(f= ©reisaif. — ©onnerbücfife. 426 g^aniflan. — ©rentfje. — ©onnerfeile. - / ®otation. — ©refd) (@eorg Seon^arbt ®onnerlegion. — ®ouai. 443 SSetnl). »on).. — ®onnermafd)ine. ’ - ®ouane, f. Soll. — ®refd)en. 467 ©onnergberg'... — ©oubg. — ©rcfd)er. 468 ©onnerötag. — ©ouglag. 444 ©regben. 47! ®onop (® eorg Karl SBilf)., 427 ©ouglag (Sorb SBilliam — ©regben (©djlad)t). greiljerr »on). Sorb Satneg — SfBittiam ®reur. 478 ®onofoSorteg(©on3uan) — ®on Ouirote, f. Seroanteg @aa»ebra (SOtiguel be) — ®oolin »on sfltainj. — ®oppelabter. — ®oppelfiafen. 428 ©oppetmapr (Sol), ©abr.) — ®oppetpunft. — ®oppetfc£)lag. — ®oppetjterne. — ©orat (Staube Sof.) .... 432 ®ord)ejier. — ©otbogne. — ®orbred)t. — ©orer ober ©orier. 433 ©brfer. — ®oria (TCntonio— Ttnbrea —Sticota—fperce»al — Oberto—Sorrabo—3ta= fael—Sbuarbo—gilip= po—3>agantnt—Sudan —Tfmbroft'o— ^5eter — Slario — Se»a—©ia= nettino — Seronimo — ©io». 2(nbrea). 434 ©oria (Änbrea). 435 ©orignt) (3Xic(|. — Souis — Sftic.). 436 Samed—?Crd)imbatb — ©eorge — TCrdnmbalb, ■fbersog »on — 3ol)n— SameS — SBiUiam — Stöbert) . ®oufa (Sanug—©eorg — granj — ©ietridj) ... ©ousiUe (Sean SSapt.) .. ®o»er. ©om, ®ou ober ®om» (@e= rarb) . ©opotogie. ©open (©abr. grany.) .. ©rabitiug (9tif.). ©racbe. ©radjme. ©racontiug. ©ragoman. ©ragonaben. ©ragoner. ®raf)t. ©raig »on ©auerbronn (Äarl SBilfc. griebr. Subv»., greifyerr »on).. ©raifine. ©rate (grancig). ©rafenbord) (Tfrnolb)... ®rafon. 4)6 445 446 445 448 449 ©reper (Sol). SDlattp.)... ®riburg.. ©rillen .. ©rolpmg.: — ®röme '•. — ®romebar, f. Äamecl.... — ®rbmting. — ©rontlieim.o.. 480 ©rofd)fe. — ©rofometcr. — ®rofl. •— ®rofie*.f>ülgl)off (ffilem. 3fug. »on). — ®tofte ju SSifd)cring (Slc- mengTCug., greife« »on —Äagp. äitarim. »on- granj Otto »on) 481 451 453 Srouaici (Sean ©ermain) 482 ®rouet (Scan SSapt.) .. ■ 4S3 ©rouet b’Srton (Scan SSapt., ©taf). — ®ro»etti (Sernarbin) ... 481 ©roj (Pierre Sacquct — •£>enri Souis Sacquet — Scan ^ierre). ©ros (granp. Sa». Sof.) ■ ©tuet. Sructer. 485 ®6rfng (griebr. SBill).) ■. — ®rama . — ®ruch»erS. ®6ring (©eorg @f)r. Sßilf). ®ramaturgie . 454 ®rubenfuft. 486 Tlgmug). — ®raperie. — ®ruiben — ®tuben. — ©orig. 437 ©rafefe (Sof). #einr. ®rufe. 487 ©orig. — SSernl).). — ®rufen. — ®6rnberg (greifet» »on). — ©raftifd). 455 ®rüfen. 489 ®ornburg. — ®rau ober ®ra»e. — ®rufud (SK. Si»iud—Siero ©orotfyea, |>etjogin »on ®rebbet (Sornel.— Stif.). — GiiaubiuS). 490 Äurlanb, f. Äurlanb .. 438 ®red)fetn. 456 ®rpaben. ©orot» (SBilf).). — ©rcc>er (Sof.). — ®rpben (3ol)n). 491 ®orpat . 439 ©reefd). 457 ®tpope. ©orfcp, f. ©cfjellfifd) .... — ®rel)baife . — ®f(|agarnat. — ®orfet. — ©rcfyfranfljeit.. — ®fd)ämt (SSRaflldnd) .... — ©orfet (5El)om. ©acfoille ®reicapitel(ireit. _ ®f(|ilo!o. 492 — ©buarb ©actoilte, — ©reibecfer. — ®fd)ingi4*®l)an. — Sljatl. @ae enthaltenen Stvtifel* 777 ©eite Bublin.,. -495 Bttboig (©uillaume) .... — Buboig (9?aut granp.)... 4U6 Bu 33oig (gelir #einr.).. 497 Bubog (Sean Sapt.).... — Bttcange (Gfyatl.), f. ©u= fregne. 498 Bucaten, f. Butaten .... — Bucaton. — Budjatel ( Gtjart. Starie Sfannegui, ©raf — Gf)atl. Sacq. Micolag, ©raf)... — Budjegne Qtnbre). — Budjegne (3ean). 499 Bucfjegnoig (Gatl)etinc3o= feplfine). — Bucfyoborjen. — Bucig (Sean granp.).... 590 Buclog (Gfyarl. $)ineau). — Bucog (Moger, ©raf — • Scan gram;.—Sfyeobore 501 Bu=Beffanb (Starie be S?t= d)p Gljamronb, SOlar= quife). — Bubeeant (Xurote, Star» quife).. 502 Bubleq (Mob.), f. Seicefter (©raf). — Buctl, f. 3i»eifantpf. — Buero. — Buett. — Bufat) (©uilielmug) .... 503 Bufregne(Gt)art.)@eigncur bu Gange. — Bufregnp (Gtfart. Miniere) — Buguat)»:$rouin (Mene).. — Butjegme (©uillaume tpfyi» libert, ©raf).. 505 Builiug (Gajug). —_ Btiigbutg. 506 Bujarbin (Äarel). — BuEaten. — BuEer (Äarl tlnbr.). — Bulaure (Sacq. tlntoine). — Butter (Sbuatb). 507 Bulon (8ubt».). 508 Bumatfaig (Gefar G!)eg= neau). — Burnag (ttter.). — Burnag (Sean Sapt.) ... 509 Burnag (Statlpeu, ©raf — tlter. Ba»p). —■ Bumeril (Xnbre Starte Gonftant).. 510 Bumfrieg.-\... 511 Bumonceau (Sean SBtfpt.) — Bumont (gierte Gtiennv 8ouig)..\>12 Bumont b’Urnitle (Suleg ©ebaftien Gefar). — Bumortier (Gl)arl. 35qr= tlfolome). 513 Bumourie^ (Glfarl.gtanp.) 514 ©eite Büna. 515 Bttnamitnbe. — Bunciabe... — Bunbonalb (8orb), f. Go» cfjrane (2Ctetc. St^om.).. — Birnen. — Bünqung. — Bunin (Start, »on).517 Bunin »SorEowfEi (@ta» niglaug, ©raf). — BitnEird)en. 518 Bünnntalb (Sol). ^>einr. ( ©raf »on). 519 Bunoig unb 8ongue»ille (Sean, Saftarb»onDr» teang, ©raf »on—gtan» poig II., "£>erjog »on — ■fbenri II. £erjog »onSon» gueoille — tfnna ©eno» »efa »on Sourbon=Gonbc —Gljart. SariS, Berjog »on). — Bung (Soft.) ©cotug.... 521 Bunff. — Bunftan, ber Zeitige.... — BunjlEreig, f. tltmofplfäre 522 Buobecimalntafs. — Buobecime. — Buobrama. — Bupatp (Gtfart. Stargue» rite Sean S3apt. Stercier — 8ouig Starie Gt)arl. ■fbenri Stercier — 8omg Gmanuel gelicite Gt)art. Stercier). — Buperre’(25ictor®up, Sa» ton). 523 Bupetit=33)ouarg (Xriftibe tfubert). 524 Bupin (ttnbre Starie 3ean (Sacq.). — Bupin (Gtfart., SBaron).. 525 Bupin (fPtptippe).526 Buplefftg (3of. ©ifrebe). — Buplicität--- — Buplif. — Bupont (3acq. Gtjart.) be l’Gure. — Bupont (fpierre, ©raf) be t’Gtang. 527 Bupont (Sietre <©am.) be Memourg. 528 Bupuig (Glfarl. granp.) . — Bupuptren (©uitlaume, Saron). 529 Buquegne(3tbrabam, Star» quig). 530 Bur. — Buranbug (©uiticlmug) . — Burango. — Burantc (gtaneegeo).... 531 Burantig (SBiltfetmug) .. — Burag (Gtaire, .fterjogin »on). — ©eite Bura;jo. 53! Bttrdjbredfcn. 532 BurdfbringlidfEeit. — Bttrdjforfhmg... ■ Burd)fulfrt)anbct. Butdfgang—Bttrcfegängc 533 Burdflautgt. 534 Butdfmcffcr. — Burdffcfjnitt, f. tptofil.. • 535 Burdfjtdftigfeit. — Büren. — Bürer (Xlbrecfjt). i _— Burlfam. 537 Burbarn (So^n ©eorge Sambton, ©raf »cn). • — Bürftjcim. 538 Burlad), f. Sabcn. — Buroc (Stidjel), ^tergog »on griaul. __— Bürrenbetg. 539 Burfl. — Burutte(3of.granp.,@raf) 540 Bufart (Gorneliug). — Bufd) (3of). 3<*E.). - Buffe! (Soft- 8ubn>.) .... — Büffelborf. 541 Buteng (8ouig). — Butttinger (3oI). ©eorg). 542 Buumöiri. 543 Bu»at (Xler.). 544 Buoal (tfmaurp). — Buoal (Salentin). — Bur. 545 Btrernicti (3of.). 546 Btoina. — Bpabif ober Bpabift^eg ©pflem. 547 Bper (Sol).). — Bpf (ttnton »an). — Bpnameter. 549 Bpnamit. — Bpnamometer. 550 Bpnaft. — BpgErafie. — Bpoefe. — E, f. Son unb Sonarten. 551 Gart. — Kau de Cologne. — ®bbe unb glut. 552 Gbel (Sol), ©ottfr.).554 Gbeling (G^riflop^ Ban.) 555 Gben unb Srunn (griebr., Saron »on). — Gbcnbilb ©otteg. 556 Gbenbürtigfeit. — Gbcne. — Gbenfyolfc... 557 Gbenmaf, f. ©pmmetrie. — 778 Sktjetdmifi bet* int oiettctt 23anbe enthaltenen StftiCel* Seite ©berbarb im SSart—@ber= batb bet ©reiner.557 ©berbarb (2Cug. ©ottlob) 558 ©berbarb (3ob-2fug.) ... 558 ©bermaier (3ob- ©tbwin ©briftopb). 56,1 ©betSborf. — ©berftein (ffiertijolb—&a= fimir Bon — Söotfram Bon—Otto Bon—£er= mann oon). — ©bert (griebr. TCbolf) ... 561 ©bert (3oi). Jtrnotb) .... 562 ©bett (Hart ©gon). — ©bioniten, f. Stasarener • • 563 ©boli (TCnna be SXenboju, gtirjtin Bon). — ©bto . — Kcce liomo. 564 ©djafaubagen. — ©djelteS. — Echelons. — ©d)cmon.565 ©djemoS . — ©djepbron. — ©djepoloS . — ßilariu$) ■ • 567 ©cfbef (Äonr.) . — ©cEmübl.568 ©cEjiein (gerb., SaronBon) 56!) ©cuabor.570 ©bam . — ©bba. — ©bbet . 571 GbelinE (©erarb—3oi). — 9tiEot.). — ©betfteine . — ©ben, f. sparabieS . 573 ©beffa. — ©bgciBOttb(SRaria) .... 574 ©bict... — ßbictallabung.575 ©bict Bon StanteS, f. genotten . — ßbinburg . — ©bitlja. 576 ©bmunb. — ©btifi (®l) . — ©buatb I. — ©buatb II.577 ©buatb III. — ©buatb IV.578 ©buatb, ^tins Bon SBaleS 579 ©buatb (Äarl) 'Pratenbent 5S0 ©brearbS (3tid). — ®eotge — S3rpan) .581 ©ect^out (©erbt. Ban ben) — ©fenbi. ©eite .. 582 Egalite. ©gbert. ©gebe (ef>anS — ^)aut- ©. a.). ©ger. .. 583 ©geria. ©gefta, f. Segefte. •• • ©gge. ©ginbatb, f. @ini)arb... — ©gmonb (3obann II. non —TCrnoIb ».—SBSil^.lV. Bon — Sofyann III. »on — 3o^.IV., ©raf Bon —Äarl©raf Bon — Wtipp, ©raf Bon — Samotat II., ©raf Bon —Äarlll., ©tafBon — )Procop granj, ©raf Bon —griebrid) Bon— 5Dla= yimitian Bon). — ©gmonb (Samorat, ©raf Bon). 585 ©aoiSmuS.586 ©|e. — Gbebrud).588 ©betoftgEeit, f. Gotibat- • 589 ©bepacten. — ©befdjeibung. — ©ijeBertbbniffe, f.Sponfa* lien. 590 Gf)re. — ©tjrenämter.591 ©brenberg (Gfjr. ©ottfr.) — ©brenberg (griebr.) .... 592 ©btenberger Ätaufe.593 ©brenbreitftein. — ©brenerftdrung, f.Ttbbitte — ©brcnfels (3of. SKid). Bon) — ©brengericfjte.594 ©brentegion.595 ©brenmitgtieber.596 ©brenreebte. — ©brenfdiitb . — ©brenjtrafen. — ©btenjlt&m.597 ©brenftücfe. — ©brenfBärb (3©b- 3aE. — 2Cug. ©raf— Äarl 2tug. ©raf Bon).59S ©brentnaffen.599 ©i. ^ ©idje. 600 ©ibbenborfKSof-, greib-B.) — ©iebborn (3ob. TClbr. gr.) 601 ©iebborn (3ob- ©ottfr.) • 602 ©iebborn (Äarl griebr. — Ttmbrofius Hubert) ■ • • 603 ©id)6fetb. — ©idjftäbt. 604 ©icbftdbt (eg>einr. Äarl Ttbrab.). 605 ©ib ober ©ibfdjreur. — ©ibe'cbfen. 606 ©eite ©iberbunen ..606 6ibgenoffcnfcbafi,f.@cbreeij607 ©ifel . ; — ©igentbum .‘ — ©itenburg .608 ©itfen . — ©imbecE. — ©imer, f. SUtajje unb ®e= reichte . — ©inbilbungSEraft. — ©infaebbeit unb ©infatt.. 609 ©infattreinfet.610 ©in= unb XuSfubr. — ©ingetegt . — ©ingerecibe . — ©ingereeibereürmer, f.@n= — tojoen . 611 ©inbarb ober ©gitibarb • • — ©inbeit . — ©inborn . 612 ©inEommen. — ©inEommenfteuer .613 ©inforn. 614 ©intagern. — ©inquartierung .615 ©inreben.616 ©inreibung. — ©inreiten, f. ©intagern • • — ©infebnitt, f. ©dfut • • • • — ©infiebet (Äonrab Bon — ^)einr.^)itbebr.T. Bon — 4>einr.|)itbebr.II.Bon — ©corg -fbaubolb oon — .£anS@eorg Bon—.£>anS ©eorg,©raf b. — ©eorg ©raf Bon — dturt.£>cinr. ©rnft, ©raf Bon — ®et= les Äart, ©raf Bon — Äart, ©raf Bon'— ®et= kB, ©raf Bon — griebr. •fntbebr. Bon). — ©infiebeln. 618 Sinfieblcr, f. Tfnacborcten — ©infpringenberSßinfel — ©infpribung. — ©intbeitung.619 ©intracbtStbater. — ©iS. — ©iSbergc. 620 ©ifclen (3ob- gr- ©ottfr.) 621 ©ifen.'•.... — Gifenad) . 623 Gifcnbabnen. 624 ©ifenberg-.631 ©ifengug. — ©ifenwann (©ottfr.) • • • • 632 @ifenfcbmib(8eonb.3)tart.) 633 ©tfenjlucE (©btifIian®ott= lob) . — ©ifenreaffer.634 ©ifern .635 ©iferne&tone.— ©ifernes Äreuj. — ©iferne SOtasfe.636 ©Wgang. ©Sieben. ©ismeer. ©iSpunEt. ©itelEeit. ©iter. ©Ebatana. ©Eel. ©EleEtiEer. ©EtiptiE. ©Eloge. ©cfftafe. ©am ober öleln. ©lafticitdt. ©atea.*. ©latoei . ©Iba. ©Ibe. ©Ibetfclb. ©Ibeuf . ©Ibing. ©Ui (Ungelo V) . ©Idingen. ©ibena. ©ibon (3obn Scott, ©raf »on) •. ©Iborabo. 648 ßleatifdje Schule. — ©lefantv^... — ©legans. 649 ©legte. — ©leltta. 650 ©leEtricitdt. — ©leftrifdjet Selegrapb, . äelegrapb. 655 ©leEtrifirmafdjine. — ©leftrodjemie. — ©leEtromagnetiSmuS.... 656 ©leEtrometeore. 658 ©ItEtremeter. — ©teftropbor. — ©leftrpon. 659 ©lementargeijfer. — ©lementarunterriebt .... — ©lemtnte. — Stenn ober ©tendier.... 661 ©tepbante. — ©lepbantiafis. — ©lepbantine. 662 ©tepbenor. — ©leuß5>v. — ©tenation.. 663 ©Ifen. — ©Ifenbein .*. — ©Iftibe. 664 ©Igin unb »on Äincatbine (Stomas Sruce, ©raf »on). — ©tia 8c»i, f. 8eüita. 665 ©liaS. — ©liasfeuer. — ©liciuS. — ©timination. — ©lis. 666 Seite ©lifabetb, bt'c ^eilige.... 666 ©lifabetb (.Königin »on ©nglanb). 667 ©lifabetb (.Ratfettn »on Stufilanb). 669 ©lifabetb (©btifHne).... 671 ©lifabetb (fPbtlippüte TOa* rie Helene »on granE- reich, SSabame).672 ©lifabetb ©barlotte. — ©Ufdjc ©d)U(e. 673 ©lifton. — ©litt. — ©tirir. 674 ©Ile, f. 33tajseunb@et»ienri »on Sourbon, 4>ersogoon). — ©nglanb. 715 ©ngliftbe 2CcEerbaugefcU= fcfjaften. 738 ßnglifcbe Setzungen in Gfttnbien, f. ßflinbien. — 25etiett$ttif? ber im vierten SSaitbe cittfmltcneit Sirttfel, 779 Seite 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 780 2Set$etcf)nij? bst tut Bitten SSanbe eut&ftlteueit 2CrtifcI* Seite gngtifcfyer ©ruf). 738 ©ngüfdje Äirdje, f. 4i>0( Eirdjc. — ©nglifcfyc ÄranEIjeit. — ©nglifciic Äunjt. 739 ©nglifdje fianbi»irtl)fdt)aft 744 ©nglifdje 'Pferbc. 747 ©nglifdjet ©djroeifj.748 ©nglifdje ©ptadje unb 6i= teratur. — ©eite ©nglifcfjeS Sweater. 760 ©nglifdje SBaaten. 767 ©nglifircn. — ©ngtjmcter, f. ®iaftimeter — ©nijarmonifclj. — @nf »on ber Surg (5Btid). Seop.).,. — ©nfauffif. 768 SnEratiten, f. ©noftS.... — ©nnemofer (3of.). — ©nniuS (GuintuS)...... 769 @ei ßnnobiu« (gKugnu^^elip) ©n$.V ßnfemblc. ©ntbinbungSEunft, f. ®e= burtöt»ütfe.770 ©ntbectung en, f. ©rfinbun* gen. — ©nterbung. — ©ntc. — ©ntern. — ^ * FRiEO. KRUPP 7’r^r foasv 1 -■ft**-' 'Zi"'*-: 2» O Q- DD jfy a. ls « *% «ft* Wl'* ■*-<*'* l'Sv'V v r-VkV i; ■/ .♦/•< S 4» '»